
        
                           Maria Katarina Stockflet
                    Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie /
    Das ist: Historischer Kunst- und Tugend-Wandel / In hochteutscher Sprach
 beschrieben / Und In einer anmutigen Liebes-Geschicht vorgestellt; Dann Mit
    neuen Liedern / Melodeien / und andern Lehr-Sprüchen / auch Historischen
                          Kupffer-Stücken ausgezieret
                                   Erster Teil
                                    benahmet
                                        
                             Der verkehrte Schäfer
                            Erklärung des Titul-Bildes
Hie steht das schöne drei der netten Charitinnen /
Die Mütter solcher Lust / als Kunst und Tugend bringt.
Hie steht ein Hirten-Bild / ein Bild der Kunst-Hirtinnen /
Die Kinder solcher Lust / wornach Kunst-Tugend ringt.
Sie halten dieses Buch / den Kunst- und Tugend-Wandel /
Weil hier ein Hirte Kunst und Tugend lehren will.
Weil auch nicht anderst soll / als in Kunst- und Tugend-Handel
Anjetzo sein gesetzt der Künste-Hirten Ziel.
Das allerschönste drei zeigt das auf Kronen-Bande
Damit sie binden sich / und wieder lösen nie.
Es muss die Torheit nun und Laster gehn zu schanden /
Man ehrt und mehrt und lehrt GOtt / Kunst und Poesie /
Das ist der Ordens-Zweck der Kunst-gekrönten Hirten /
Die an der Pegnitz nun zur Bluhmen-Weide gehn.
GOtt / Kunst und Poesie wird wieder sie bewirten /
Dass sie auf blossem Feld / doch unter Schirmen / stehn /
Und was uns Dorus hier von allen gibt zu lesen /
Wird man / nach seiner Bitt / so von ihm nehmen an;
Dass / wie er jederzeit ganz eigen ist gewesen /
So bleib er GOtt und Sprach und Künsten zugetan.
 
                              Aus dem Lateinischen
              Unter beigefügtem Bildnuss des Edel-würdigsten Dorus.
Bleich wie der Leib von aus: so sieht das Hertz von innen /
Die äussere Gestalt gibt Zeugnuss von den Sinnen.
Ein schönes Angesicht zeigt einen schönen Geist /
So lang die Stirn das Tor des innern Hertzens heist.
Nur schöne Bluhmen sinds / die mit Geruch ergötzen;
Wer will das Sonnen-Gold / ohn durch die Stralen / schätzen?
Nicht anderst wird ein Hertz / das schön von Schönheit strahlt /
Als durch ein schönes Aug / mit Farben abgemahlt.
Auch selbst die schöne Kunst / muss durch gelehrtes lehren!
Der Tugend-Ruhm sich nur / durch Tugend-Wercke / mehren.
Das ist das schöne Kleid / darin sie prachten kann /
So oft man sie / als schön / durch schöne Werck sieht an.
Was tapffer heissen will / muss mit den Waffen spielen.
Ein hoher Edel-Mut nach hohen Dingen zielen:
Und wer dann allzuviel nach eitler Ehre trachtt /
Kan je sich rühmen nicht / dass er der Demut acht.
Wer Kunst und Tugend wählt / die schöne zwei / zu lieben /
Muss in Kunst-Tugend auch erwählen sich zu üben.
Sie zeigt sich durch ein Werck gelehrter Schrifften an:
Da sieht man / wer sie ist / und was sie endlich kann.
Ihr / Dorus / zeigt uns das / durch euer Schönheits-Stralen /
Muss uns ein Pinsel hier ein kluges Hertze mahlen.
Die Schrifften aber sind die Zeugen Euer Kunst /
Die Euch den Ruhm erwirbt / und grosser Herren Gunst.
                                                                      C.D.L.V.N.
 
           Nach Stands-Gebühr schuldig-geehrter und geliebter Leser!
Diese neue Lehr- und Schreib-Art / deren ich / in gegenwärtigem Werk / gefolget
/ ist kein Zweiffel / dass sie vielen verwunderlich / ja! wohl gar verwerfflich
vorkommen wird. Ich ermahne aber / ja bitte / dass der jenige / welcher ihm /
über diss Werck / das Richter-Ampt nehmen will / auch zugleich die nötige
Anmerckungen / eines gerechten Richters / anzunehmen /sich nicht wägere. Diese
sind: nicht richten / ohne Verstand; nicht urteilen / ohne erkündigter Warheit;
nicht Recht oder Unrecht sprechen / wieder sein besser Wissen. Alles dreies wird
den Einwurff widerlegen / der die neue Lehr-Art bestreitet. Ist alles / was neu
/ und vor dem unerhört ist / zu verwerffen / so werden diese unsre Zeiten sich
keiner Erfindung rühmen können; da ich doch schwerlich den Ausspruch machen
werde / ob sollte die Vor- oder Nach-Welt /sonderlich / was die
neu-hochgestiegene und recht-verneurte teutsche Dicht-Kunst anbelanget / des
Erfindungs-Ruhms würdiger sein. Es bleibt doch die Warheit: je länger die Welt
bestehet / je spitzfindiger werden die Einwohner. Solte aber ein anderer das
Widerspiel beglauben wollen / von der Bosheit der Menschen / die sich mehr / als
die Weissheit / vermehre /will ich zwar demselben eben wenig widersprechen /ja!
viel sicherer beklagen helffen / dass selbige / in Erfindung Laster-haften
Sitten und gleichsam verjüngter Bosheit / mehr neues erdencken / als die fromme
Alten ihnen gewünscht: Gleichwohl wird daher meine verneuerte Ersinnung nicht
straffbar / sondern desto eher gelitten werden / weil sie neuer Bosheit und
Verführung / mit neuer Behutsamkeit / vorzugehen suchet.
    Wie der heutige Welt-Wandel mehr in der Laster-als Tugend-Bahn einher gehe /
ist an der hellen Sonnen: Das aber ist am verderblichsten / dass die meisten /
unter der Tugend-Decke / die Laster verbergen /und doch vor Tugend-gezierte
wollen geehret sein. Ein hoffärtiger Spanier (sagt der hoch-geschätzte Opitz /)
will sich erbar grüssen lassen. Ein unverschämter Welscher / freundlich. Ein
leichtsinniger Frantzos / behertzt. Ein springerischer Engeländer /hurtig / und
ein versoffener Teutscher / lustig und vertreulich. Von Kunst und Weissheit / muss
ich gleiches gestehen / und sitzet gemeiniglich mehr Gelehrtigkeit auf der
Zungen / als im Hertzen / mehr in der Einbildung / als dem Haupt-Sitz derselben.
Der wenigste Teil wird die wahre Kunst umfangen. Die Ursach beider Fehler ist
so bekannt / als bewährt. Viel wollten gerne Weise werden / wann nur der Helicon
nicht so hoch zu ersteigen. Andere möchten sich in Tugenden üben / wann nur die
Bahn derselben / mit so vieler Verhindernus / nicht verlegt. Dem dritten fehlet
Wagen und Anspann / ja wohl gar der Führer / der ihn hinzubringe.
    In dessen Ersinnung nun / hab ich mir / meines Erachtens / nicht übel
gefallen lassen / weil ich sonderlich / mich selber / in diesem Krancken-Bett
/ oft erkennet / teils denen Kunst- und Tugend-begierigen zu dienen / teils
meine hochgeliebte Mutter-Sprach zu beehren / dann mir selber zu helffen /
gegenwärtiges Werck / der Tugend- und Laster-übenden Welt vorzulegen / ob möchte
/ durch dessen Führung / sich einer / aus allen (dann alle / vor einen / ist
wohl zu wünschen / aber nicht zu erwarten) in der Irre zu recht / und in dem
wahren Tugend-Wandel / zur Vollkommenheit bringen.
    Es hat mir aber / zu solchem meinen Vornehmen /nicht wenig gedienet / diese
gegenwärtige Geschichts-Beschreibung / die ich auf mein Vorhaben geschickt
befunden / auch um desto lieber angenommen / weil mir wissend / wie die Gemüter
dieser Zeit bewandt /dass sie gerne was neues lesen oder hören / sonderlich von
solchen Sachen / die / mit selbster Erfahrung / bekräfftiget sind. Lebe demnach
der gevesteten Hoffnung / es werde diese lesswürdige Geschicht / nicht bloss eine
Historische Wissenschaft / sondern die Kunst- und Sitten-Lehr / dem fleissigen
Leser entdecken. Dann dahin zielet alles / was in diesem Werck begriffen / so /
dass ich keinen Scheu trage / dasselbe den Kunst- und Tugend-Wandel zu benahmen.
    Dass du aber / Gunst-gewogener Leser! mein Vorhaben deutlicher verstehest /
und dieser wolgemeinten Arbeit nützlicher geniessest / will ich dir / kürtzlich
/den Inhalt des ganzen Wercks / nach dessen beschehener Einteilung / so wohl in
der Historischen Beschreibung / als der Sitten-Lehre / entwerffen / damit du
desto fertiger / bei einem jeden Absatz / deine Lehr behalten könnest.
    Die kürtzeste Verfassung ist / in der Abteilung der 4. Bücher zu finden /
welche den Allgemeinen Entalt des ganzen Wercks fürtragen / als
                                 Das erste Buch
Erkläret den Eingang Polyphili zu Macarien / das ist /eines Kunst-liebenden zu
Kunst und Tugend; erweisend / durch wie viel ungebahnte Wege derselbe wandern
müsse / so / dass er von manchem Unglücks-Dorn geritzet werde / ehe er die wahre
Glücks-Rosen brechen könne.
                                Das andere Buch
Erkläret den Fortgang auf dieser Tugend-Bahn / der die Überwindung mancher
Widerwertigkeit zum Begleiter erwählen / und sich keine befremdliche Ungedult
muss verleiten lassen: sondern in seinem rühmlichen Vorsatz unverruckt verharren
/ biss er überwunden.
                                Das dritte Buch
Erkläret den Nachgang / das ist / die Bekrönung / so auf diese Tugend-Eroberung
erfolget: Nemlich unverfälschtes Glück / und der Schatz einer wahren Ehre: Deren
keines / wie mächtig auch die Unglücks-Wellen wüten / kann ersäuffet noch
vertilget werden.
                                Das vierdte Buch
Erkläret den Ausgang / welcher ist die süsse Freude /und verzuckerte
Lieblichkeit der Tugend-Früchte / die wir in der Zufriedenheit und vergnügten
Seelen-Ruh empfinden / auch durch keine Bestürmung zerstören lassen / sondern in
aller widerstrebenden Unruh / den Sieg des Friedens / das ist / die Vergnügung
unsers Verlangens / behalten.
 Eine genäuere Unterrichtung wird uns eines jeden Buchs unterschiedener Absatz
                           geben / auf folgende Art:
                         Des ersten Buchs erster Absatz
Beschreibet die Ankunft Polyphili in die Gegend der Insul Soletten: Lehret /
wie der Mensch oft / ein Glück zu erlangen / dem Unglück unterworffen werde.
                                 Anderer Absatz
Beschreibet die Zusammenkunft Polyphili und Philomati: Lehret / wie uns oft /
wider unser Verhoffen /der gütige Himmel zu guten Freunden verhelffe /deren
Beförderung wir uns bedienen können: Durch welche auch Gott / als die Ihm
gefällige Mittels-Personen / mit uns handele.
                                 Dritter Absatz
Beschreibet die Zeit-kürtzung und das Gespräch der beiden / welches ist von der
Ruhe der Einsamkeit: Lehret neben der / wie wir / aus vortrefflicher Leute Reden
/ unsere Weissheit schöpffen müssen.
                                Vierdter Absatz
Beschreibet den Abschied Philomati / mit Versprechung der Wiederkehr / welcher
/ durch den Vorwitz Polyphili / vergebens war / der ihn / Polyphilum / mit
Lebens-Not / weit von dannen geführt: Lehret / wie wir unser Glück oft selber
mutwillig verschertzen.
                                Fünfter Absatz
Beschreibet das Unglück Philomati / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten
Polyphili / wie gemeiniglich / bei grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; zu
Seiten Philomati / wie heimliche Misshandlung / von dem Himmel / öffentlich
gestraffet werde.
                                Sechster Absatz
Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwildeten Einsamkeit / und wie er
den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / dass wir Tugend /
mit Müh / gewinnen müssen.
                                Siebender Absatz
Beschreibet die Wiederkunft Polyphili auf Soletten /durch Hülff Talypsidami /
der ihm den Tod Philomati verkündet: Lehret / dass dennoch Kunst- und
Tugend-liebenden das Glück beförderlich sein / und sie / nach vieler
Widerwertigkeit / endlich begnaden müsse.
                                 Achter Absatz
Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mit Talypsidamo / bei Macarien / und deren
geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu
lieben.
                                Neundter Absatz
Beschreibet die Ersäuffung Polyphili / und die daher entstandene betrübte Klagen
/ der erschreckten Macarien / und was sie vor Nacht-Gesicht betrübet: Lehret an
Polyphilo / die / der Kunst und Tugend ewig widerstrebende / Unglücks-Bestürmung
/ von deren bissweilen alle Hoffnung niedergeschlagen wird; an Macarien aber /
die selbst notleidende Tugend.
                                Zehender Absatz
Beschreibet die Errettung Polyphili / durch Melopharmis geschehen / die ihn zu
den versenckten Schloss geführt / und was sich allda ferner mit ihm begeben:
Lehret / wie dennoch der gnädige Himmel / ein wachendes Auge habe / auf die
Tugend-verliebte / und seine Hülff wohl verberge / aber nicht entziehe.
                         Des andern Buchs erster Absatz
Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Tugend-Tempel / und dessen Zierat:
Lehret den Unterscheid /der warhaften und verderbten Kunst; desgleichen wie man
zu jener gelangen / diese aber meiden solle; gibt Unterricht von der
Tugend-Werbung / und wie dieselbe kröne.
                                 Anderer Absatz
Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe
gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst /
mit dem Glück; bewähret die Ursachen / der Ungleichheit / unter den Menschen;
berichtet von dem Glück / dass es nicht ein blinder Zufall; nicht auch ein
Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sei.
                                 Dritter Absatz
Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Liebes-Tempel / und wie derselbe
gestaltet: Lehret die nötige Verbündnus / der Tugend-Kunst / des Glücks / und
der Liebe; Unterscheidet die falsche / von der warhaften / und zeigt beider
Ursprung.
                                Vierdter Absatz
Beschreibet / was sich ferner / in dem Liebes-Tempel / mit der Königin und
Polyphilo / begeben: Beantwortet etzliche Liebes-Fragen / die ihre Lehr-Puncten
selber zeigen.
                                Fünfter Absatz
Beschreibet die endliche Erfüllung / des Verlangens Polyphili / durch den
Anblick derer Tafeln geschehen / auf welchen der Name der schönen Macarien
geschrieben / und was sich weiter begeben: Lehret / dass endlich das
Tugend-Verlangen nicht unvergnügt bleibe / solt es gleich heimlich / und etwas
scheinbar geschehen.
                                Sechster Absatz
Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend
versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiss und Schweiss / erwachsen
/hernach desto frölicher blühe / und ewige Freiheit gewinne.
                                Siebender Absatz
Beschreibet das Gespräch Melopharmis mit Polyphilo / die ihm den Berg zeigt /
hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu
sich ziehet / dass er sein selber vergisst: Lehret / wie auch die Tugend-geübte
offtmals die Bezahlung so begierig fordern / dass sie mehr darüber verlieren /
als erhalten.
                                 Achter Absatz
Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel
gehalten / und was sie von der Verbannung dieses Schlosses vor Gespräch
erkieset: Lehret / dass Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der
boshaften Menschen Schuld /erdrucket liege.
                                Neundter Absatz
Beschreibet den Ausspruch der beiden Weisen / Clyrarchae und Cosmaritis / von
der Macht und Ohnmacht der Zauberer; welches Gespräch die Lehr-Puncten selber
zeigt.
                        Des dritten Buchs erster Absatz
Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer ganzen
Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung unausbleiblich
folget: Welches hier die Lehre selber ist.
                                 Anderer Absatz
Beschreibet die Zeit-Verbringung / der biss daher bekümmerten Macarien / und wie
Polyphilus bei derselben ärgerlich verleumdet worden: Lehret den ersten Anstoss /
welcher die Tugend-verliebte zu bestreiten pflegt / nämlich / Verleumdung.
                                 Dritter Absatz
Beschreibet die Beratung und Anschläg Polyphili /wie er sicher zu Macarien
gelange / dazu ihm ein fremder Ritter / Namens Agapistus / bedienlich: Lehret /
wie alles / durch klugen Rat und ernstliche Bemühung / könne gewonnen werden.
                                Vierdter Absatz
Beschreibet den Abzug Agapisti auf Soletten / und den Nach-Wunsch Polyphili /
auch sein Gespräch /mit der Königin / von dem Frauen-Lob: Welches hie an Statt
der Lehre stehen kann.
                                Fünfter Absatz
Beschreibet die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er geraten / als er
Talypsidamum / von der Mörder Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern
Anstoss / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nämlich / die
Verhindernus.
                                Sechster Absatz
Beschreibet den Schrecken Polyphili / den er / über das
unberitten-wiederkehrende Pferd Agapisti / eingenommen / und wie er zum
Talypsidamo kommen: Ist eine Lehre von der blinden Glücks-Neigung / welche auch
die Tugend-suchende nicht selten begleitet.
                                Siebender Absatz
Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie er
Macarien gerühmet: Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.
                                 Achter Absatz
Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo beraten / zur Macarien zu
kommen / und was jener /nach seiner Heimkunft / mit derselben geredt / auch wie
ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt: Lehret /ob die Tugend anfänglich schwer
zu gewinnen / sei doch die endliche Ergebung freiwillig / daher wir /mit
Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.
                                Neundter Absatz
Beschreibet die Ankunft Phormenae gen Sophoxenien / und die Schlitten-Fuhr
Polyphili / welche so unglückselig / als verhinderlich war: Lehret den dritten
und gemeinsten Anstoss der Tugend-verliebten / die Unglückseligkeit.
                                Zehender Absatz
Beschreibet das elende Leben Agapisti / in der Wildnus / und wie wunderbar er
gen Sophoxenien / zum Polyphilo / wiederkommen: Ist eine Lehr / von der Treu und
Beständigkeit / auch deren reichen Belohnung.
                        Des vierdten Buchs erster Absatz
Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der
lang-verlangten Macarien bringt /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret
die endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-verlangenden.
                                 Anderer Absatz
Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben /
und wie betrübt er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in
etwas / genossen: Lehret den Tugend-Geniess / als die lieblichste Frucht /
versauerter Arbeit.
                                 Dritter Absatz
Beschreibet / wie Agapistus / dem ruckwendenden Polyphilo / entgegen gefahren /
ihn zu empfangen /und wie Atychintida / durch die Liebs-Erzehlung der Phormenen
/ erzürnet / dem Agapisto Befehl erteilet / Polyphilum von Macarien abzuwenden
/ auch wie sich Agapistus / in diesem / verhalten: Lehret den vierdten Anstoss
der Tugend-liebenden / nämlich Missgunst.
                                Vierdter Absatz
Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren
Bereimung / die ihre Lehr-Puncten selber erklären.
                                Fünfter Absatz
Beschreibet den ereiferten Grimm Polyphili / welchen die Erzehlung Agapisti /
von dem / was er mit der Königin geredt / verursachet / und wie er darum von
Melopharmis gestrafft / denselben / vor der Königin /verborgen hält: Lehret den
fünften Anstoss der Tugend-verliebten / die Widerwertigkeit: Gibt auch andere
Zorn-Straffen.
                                Sechster Absatz
Beschreibet den Gruss Polyphili / an Macarien / durch ein Brieflein geschehen /
und die verwaigerte Antwort / die Agapistum / mit einem andern Gruss-Brief /an
Macarien / begleitet / auf Soletten ziehet / dessen vergebliche Wiederkunft
Polyphilum erzürnet / der aber / wieder begütiget / den dritten Brief an
Macarien abgehen heisset: Lehret / dass hohe Sachen / mit grosser Müh / zu
gewinnen / und die Tugend / einen unermüdeten Fleiss / ja auch ein
unerschrockenes Hertz / fordere.
                                Siebender Absatz
Beschreibet die Beantwortung der Macarien / auf die Briefe Polyphili / und
dessen Verwirrung / über die versteckte Wort / auch wie listig er dieselbe
wieder beantwortet: Lehret / dass Tugend-Erwerbung / auch bissweilen / eine
verführende List zulassen / wann die offne Warheit schädlich oder gefährlich
scheinet.
                                 Achter Absatz
Beschreibet die Verleitung Polyphili / zu der Liebe einer andern /
Apatilevcheris genannt / und wie schändlich er sich von derselben betören
lassen: Lehret / wie die Tugend-gezierte am erschröcklichsten irren / wann sie
Laster / unter dem Tugend-Schein /nehren / und sich unvorsichtig betriegen.
                                Neundter Absatz
Beschreibet die unversehene Zusammenkunft Polyphili mit Macarien / die Bereuung
seines begangenen Fehlers / und dessen Verbesserung / zusambt der Unterredung
dieser beiden / und wie er / ihr seine Gedicht zu übersenden / versprochen:
Lehret / wie die Tugend-gezierte / ob sie gleich von einem Fehl übereilet werden
/ doch nicht in der Laster-Versenckung bleiben / sondern dieselbe zu einer
grössern Krafft /Tugend zu gewinnen / gebrauchen / daher solche Verführungen /
die jenige auch nicht so bald des Tugend-Ruhms beraubet / ob sie ein- oder
mehrmal dawider handeln. Dann ein Fehl ist kein Fehl.
                                Zehender Absatz
Beschreibet den Widerwillen / der erzürnten Macarien / welchen sie / nach
erkundigter fremder Lieb /bei Polyphilo / so mächtig / in ihr / herrschen liess
/dass sie alle Liebe aus ihrem Hertzen verbannete: wiewol sie / durch Zwang und
Flehen / wieder versöhnet ward: Lehret die Straffen / so dem Verbrechen folgen /
damit ein unbestrafftes Ubel nicht Gelegenheit zu fernerer Misshandlung gebe.
                                Eilffter Absatz
Beschreibet die Zeit-gleiche Begrüssung / so zwischen Polyphilo und Macarien
schrifftlich geschehen: Lehret die Tugend-Art / welche / in zweien Gemütern /
einerlei Würckung übet; und anders mehr /das in den Briefen / und deren
Erklärung selber / erörtert wird.
                                Zwölffter Absatz
Beschreibet die selbste Besuchung / der Macarien /von Polyphilo geschehen / und
was sich darinnen begeben / auch wie sie / nach dem / einander zugeschrieben:
Ist ein Beweis / der unvergnüglichen Begierde /menschlichen Verlangens / welches
von Tugend-Liebe entzündet ist.
                              Dreizehender Absatz
Beschreibet / wie ein anderer / Namens Evsephilistus / um Macarien Gunst sich
bemühet / und dieselbe / Polyphilo zu entziehen / gesuchet / auch mit was
Bedienungen: Lehret den sechsten Anstoss der Tugend-verliebten / die Verfolgung.
                              Vierzehen der Absatz
Beschreibet fast einen verliebten Streit / in der Dicht-Kunst / zwischen
Polyphilo und der gelehrten Macarien / auch wie sie ihm die Werbung Evsephilisti
heimlich zu vernehmen gibt / und wie er dieselbe beantwortet: Lehret / dass je
herrlicher die Tugend in uns blühet / je mächtiger erzeige sich die
Widerwertigkeit / die / mit einer gefassten Gedult / zu überwinden.
                              Fünffzehender Absatz
Beschreibet die fernere Bestreitung des Lieb-werbenden Evsephilisti / und wie
die getreue Macarie solches Polyphilo offenbaret / oder zu offenbaren zu sich
bittet / auch was sie sich beraten: Ist eine Probe wahrer Tugend / die mit
glücket / mit unglücket. An Polyphilo aber finden wir den siebenden Anstoss der
Tugend-verliebten / die Versuchung.
                              Sechzehender Absatz
Beschreibet den Blut-Rat Polyphili / so er über Evsephilistum beschlossen / und
wie er selbigen der Macarien entdecket / auch wie bestürtzt diese antwortet;
Dann endlich / wie sich Polyphilus betrogen: Lehret die anfeindende Laster / in
hohen Trübsalen / die mehrenteils / mit der vergifften Süsse / der Verzweiflung
/ zu locken pflegen.
                             Siebenzehender Absatz
Beschreibet den Gegen-Rat Agapisti / und wie Polyphilus streit-rüstig auf
Soletten ziehet / aber von Macarien / mit der Wider-Rede / seiner nichtigen
Einbildung / begütiget und erfreuet wird / in dem sie ihn vor allen / und ewig /
erwählet: Lehret die endliche Vergnügung der Tugend / die so widerwertig auch
das Glück spiele / dennoch ewig beglücket bleibet / und ohne Ende.
Aus diesem nun / wird dir / Gunst-gewogener Leser! allerkündig sein / wohin
meine Erfindungen / in dieser Tugend-Bahn / gerichtet. Dass aber der Weg
bissweilen verworffen / und die Staffel versetzet sind / in dem zu Zeiten zu
letzt berühret wird / was zu allererst hätte sollen betretten werden / wirst du
nicht einen Erfindungs-Fehl / sondern den Geschichts-Fall benennen / welchen ich
unverruckt behalten wollen / der Meinung / es könne die Lehr / so anfangs / so
zu letzt / behalten werden.
    Betreffend die Namen / die ich in der Geschichts-Erzehlung angezogen / sind
dieselbe mehrenteils von den Griechen entliehen / und aus ihren Wörtern
zusammen gesetzt / dass sie zugleich die Lehre bewähren / die ich in der
Historischen Erzehlung suche. Es sind aber diese:
Macarie / die Geist-besehligte.
Polyphilus / der Viel-Liebende.
Philomatus / der Lieb-Lehrende /
Pistimorus / der Tod-getreue.
Amichanus / der Verwirrte /
Atychintida / die Unglückselige.
Talypsidamus / der Behülffliche.
Melopharmis / die Viel Vermögende.
Cacogretis / die Missgünstige.
Parrisiastes / der Offenhertzige.
Cossmarites / der Kunst-Lehrende.
Clyrarcha / der Glück-Mehrende.
Erotemitis / die Lieb-Nehrende.
Pseudologus / der Verleumdende.
Agapistus / der Treu-Liebende.
Psychitrechis / die Tod-gefährliche.
Aphetus / der Hülff-willige.
Gennadas / der Dienstfertige.
Phormena / die Liebhägende.
Servetus / der Verbundene.
Heroarcha / der Grossmütige.
Apatilevcheris / die Verführende.
Evsephilistus / der Einfältige.
Eines jeden Bei-Name wird / geneigter Leser! das Amt benennen / so er führet /
und wofür du ihn in dieser Tugend-Bahn bekennen sollest. Die Macarie ist
selber die Kunst und Tugend / und also das gleichsam aufgesteckte Ziel /
welches zu errennen / wir Menschen allesamt / durch den viel-liebenden
Polyphilum gedeutet / uns angelegen sein lassen / da wir dann viel Philomatos /
die uns unterrichten / auch Pistimoros und Talypsidamos / die uns in der
ersterbenden Kunst Hülff-Hände leisten / gebrauchen / die einen verwirrten
Amichanum / oder / wie Polyphilus / eine unglückselige Atychinidam erlösen.
Dafern wir aber durch eine viel-vermögende Melopharmis /verstehe die Beforderer
und andere Kunst-Helffer /auf den Weissheit-Sitz / durch Sophoxenien gedeutet
/gebracht würden / sind wir oft und oft wiederum eines offenhertzigen
Parrisiastes / unter denen Kunst-Lehrern / benötiget / der die Warheit nicht
geheim halte. Auch finden sich der verleumdenden Pseudologen / und missgünstigen
Cacogreten / so viel / dass /wofern nicht ein treuliebender Agapistus sich
bissweilen findet / die tod-gefährliche Psychitrechis / in ihrem Kunst-Verlust
ersterben müste. Gleichwol erwecket noch immerdar / der wach-haltende Himmel
/einen hülff-willigen Aphetum / oder Dienst-fertigen Gennadam / oder auch
lieb-hägende Phormenam / ja bissweilen einen verbundenen Servetum / das ist
/einen guten treu-meinenden Freund; ja wohl gar einen grossmütigen Heroarcham /
das ist einen mächtigen Beförderer / der unserm Tugend- und Kunst-Verderben zu
helffen / der verführenden Apatilevcheris widerstehen / den einfältigen /
Evsephilistum aber / mit klugem Rat / abweisen kann. Und das ist kürtzlich der
Inhalt dieses Wercks.
    Ob nun dem allen so / soltu doch / lieb-geehrter Leser! dich keinen Zweifel
verleiten lassen / als wäre die Geschicht erdichtet / und ohne Warheits-Grund.
Ja um deswegen / dieselbe desto verwunderlicher achten / dass sie zwei Kunst- und
Tugend-verständige Hertzen / in solcher Vollkommenheit / vorstellet /die / zu
diesen Welt-Zeiten / leichter zu suchen / dann zu finden sind. Doch must du
einen verständigen Sinn mitbringen / wann du die Historische Warheit erforschen
wilt. Die gefährliche Schiffarten / deute durch Unglücks-Wellen; Die offtmalige
Lebens-Gefahr /durch grosse Not; die Versenckuug des Schlosses /durch
Unterdruckung der Kunst und Tugend / und was mehr / mit Unmüglichkeits-Farben /
angestrichen ist / must du / dem Zeugnus / unsers vorgepriesenen Opitzens / nach
/ dahin deuten / dass die Poeterei so wenig ohne Farben sein könne; als der
Frühling ohne Blumen. Davor geb ich dir auch dieses / dann in dem ich lehren
will / bin ich ein Sitten-Beschreiber /indem mir aber der Fleiss des Nutzens
oblieget bin ich ein Geschichts-Erzehler; und wann ich zu belustigen suche /
bekenne ich mich einen Poeten. Diese drei wohnen gemeiniglich / in dem
schwesterlichen Band der Vereinigung beisammen / oder zum wenigsten in der
Verfassung dieser meiner Lust-Besinnung.
    So weissest du nun / gunst-geehrter Leser! wohin diese Beschreibung zielet /
und was sie vor Warheits-Glauben verdienet; ist derowegen nichts übrig / als dass
du wissest / die Reden / so dem Werck / als eine Zierde / beigefüget sind; wie
auch etzliche Lieder /sein mehr zu nutzen und zu belustigen / als der Warheit
nachzugehen / eingeführet worden: Sonderlich /wo sichs am füglichsten tun
lassen; Wo man von der Einsamkeit geredt / da habe ich / von derselben / mit
reden wollen; wo man das Glück gesucht / hab ich mit suchen müssen; wo man von
Zaubereien geredt /hab ich nicht schweigen dörffen; wo man Liebe gesucht / hab
ich von Liebe zeugen müssen; und wo man das Weiber-Lob gefordert / hab ich
billiche Antwort nicht versagen können. Die Arien sind von einem guten Freunde
und der Music wohl-erfahrnen dem Werck hinzu getan worden / deswegen ich den
Ruhm solcher Erfindungen nicht verdiene / sondern selbigen dem Erfinder / an
statt des Dancks überlasse / der Hoffnung mich verlassend / Er werde auch in dem
andern / bald künftigen / und nun schon /nicht zwar von mir / sondern (welches
ihn verwunderlich machen wird) einer gekrönten Hirtinnen aus unser
Genossenschaft / verfertigten Teil / der bekehrte Schäfer genannt / (welchen
ich um seiner viel-herrlichern Erfindung wegen / billich den Schlüssel dieses
ersten nenne / als in welchem der begierige Leser / den meinen allererst recht
verstehen wird) seine Hülff-Hand ferner nicht entziehen / sondern auch denen
darin befindlichen Gedichten eine liebliche Kling-Art gönnen; welches mit aller
Dienstlichkeit um ihn hinwieder zu verschulden; auch besagten andern Teil /
diesem ersten / durch offenen Druck /ehistens folgen zu lassen / ich mich
unsäumig erweisen werde.
    Nun solt ich auch den Gebrauch der Heidnischen Wörter / die zu Zeiten mit
eingeschlichen sind / entschuldigen / zu beglauben / dass ich ein Christ sei /der
nicht mehr / dann eine einige Gotteit verehre /und auch jederzeit dessen Ehre /
als das förderste Ziel / unserer Hirten-Gespielschaft / in allen meinen
Ersinnungen führe: Aber weil ich das bei dem verständigen Leser vor unnötig /
bei dem Unverstängen ungültig halte / will ich dissmals mit den schönen Worten
des Herrn Ferrante Pallavicino schliessen /dass der Gebrauch Heidnischer Wörter
meinen Glauben nicht verdammen solle; sintemal ich auf ihre Art schreibe / und
nach meiner Schuldigkeit glaube. Hiemit GOtt befohlen.
 
                           Glück- und Ehren-Zeilen /
                                      Dem
                            Edlen und Preis-würdigen
                                     DORUS
                      Von dessen Weid-Genossen eingesendet
                                       1.
Wehrter Dorus! eurem Kiel
Ist Macarie verpfändet.
Fama Mund / ist euer Spiel /
Ihr Lob durch die Länder sendet.
Sie wird zu Soletten nicht /
Nicht mehr einsam / können bleiben.
Weil sich schwingt ihr Lobgerücht
In die Welt / durch euer Schreiben:
Wird sie suchen jeder Geist /
Der versteht / was trefflich heist.
Fortin man den Peneus wird
Einen Flüsse-Printzen nennen:
Weil ihn diese Zierde ziert /
Die diss Buch uns machet kennen.
Dass die Gegend Tempe heist /
Prangt mit schöner Tausend-Wonne:
ursacht dieser edler Geist /
Diese schöne Erden-Sonne;
Ihr Blick / ist der warme Stral /
Der Lust-schwängert dieses Tal.
Der so schön von Schönheit schreibt:
Was soll ihm zu Lohne werden:
Er soll werden schön beWeibt.
Dass er himmlisch leb auf Erden:
Werd ein Engel seine Braut.
Die Macarien sich gleiche /
Soll mit ihme sein getraut.
Dass der Wunsch sein Ziel erreiche /
Will hierzu ich setzen diss:
Gebt dem Dorus Dorilis!
                                                      Zu dienstfreundl. Andenken
                                                                  zugeruffen von
                                                                       Floridan.
 
                                       II
                             Preisswürdigster Dorus!
                                       1.
Was will sich der Kunst vergleichen?
Was kann ihren Pracht erreichen?
Was gibt einen solchen Schein?
Wo uns Kunst und Tugend führet /
Alles eitle sich verlieret /
Nichts kann da verdunckelt sein.
                                       2.
Ihr / mit unsern Blumen-Orden
Seit der Kunst verschwestert worden /
Strom-weiss sie bei euch erquillt:
Da sie tröpfelt bei den andern /
Die zwar mit den Sinnen wandern /
Noch so hoch / als ihr bezielt.
                                       3.
Solche haben zwar den Willen:
Aber diesen zu erfüllen /
Und die Tat zu stellen dar /
Hindert / dass sie nicht erwägen
Ihr so grosses Unvermögen /
Das doch zu erwägen war.
                                       4.
Wann auf Wünschen folgt erlangen /
Auf Begehren das Empfangen /
Wann auf Seufftzen folget Ja:
Wär auch deren Wunsch gestillet /
Ihr Begehren wär erfüllet /
Und die Frucht des Seufftzens da.
                                       5.
Selbst auch ich / (könt ich erreichen
Euren Sinn /) wolt mich vergleichen
Euch und eurem edlen Geist;
Den eur Buch mit Loben führet /
Welches euch mit Ewig zieret /
Und vor alles herrlich preist.
                                       6.
Aber weil das Werden spielet
Nicht so / wie das Wünschen zielet:
Bleibt der Wunsch gleich einem Wind /
Welcher ohne Frucht versteubet /
Und sich in die Lufft verleibet /
Da er endlich gar verschwindt.
                                       7.
Dennoch will ich mich befleissen /
Weil ich Sylvia soll heissen /
In der Künste-Hirten Schaar:
Dass ich mich der Lust vermähle /
Die ich durch Kunst-Tugend wehle.
Und du Himmel mach es wahr.
                                                           So wünschet und ehret
                                                                         Sylvia.
 
                                      III
                    Ruhm-Gedicht über den Bekehrten Schäfer
Mein Dorus! die Vernunft / die Wissenschaft und Gaben /
Die von Macarien so schön geschrieben haben /
Erweisen / dass man Kunst auch bei der Jugend sind /
Und dass die Weissheit sich nicht an das Alter bind.
Die Tugend / welche du in diesem Buch gelehret /
Hat dich / an ihrer Brust / von Wiegen an / ernehret:
Dich / hat die Klugheit selbst / gesetzt in ihren Schoss /
Wer wundert dann? wann du wirst vor den Jahren gross?
Nie keiner / ist so schnell auf dieser Bahn gegangen.
Ein ander höret auf / wie du hast angefangen.
So fahre freudig fort / ereile bald das Ziel /
Das dich / vor deinen Fleiss / mit Ruhm bekrönen will.
Es setzet Fama dich bereits auf ihren Wagen /
Der dich / den Sternen gleich / wird von der Erden tragen:
Auch rühmet deine Müh / und trefflichen Verstand /
Durch diese wenig Wort / mein ungeübte Hand.
Die nimm gewogen auf / und ob sie schlecht geschrieben /
So weiss ich doch / du läft mein wollen dir belieben /
Das dennoch lobens wehrt. Bleib Dorilis geneigt /
Mein Dorus! ob sie schon Macarie nicht gleicht.
          Dieses wenige / setzet ihren Ehrengeneigten Herrn Gesellschafter / zu
                                               schuldigen Ehren / die Schäfferin
                                                                        Dorilis.
 
                                       IV
Ist Dorus nicht ein Pegnitz-Hirte:
Wie dass er dann von Peneus singt?
Er tät ja besser / wenn er führte
Im Mund / was unsern Fluss beklingt.
Doch muss man ihn nicht unentschuldigt lassen.
Die Kundschaft er vom Peneus brachte mit /
Da er geholt / als Dichter vom Parnassen /
Den Lorbeer-Krantz / im Phocischen Gebiet.
Es ist / wie Hellas gibt zu lesen /
Die Dafne / die dem Phöbus floh /
Des Peneus Tochter ja gewesen /
Die ward zum Lorbeer-Baum also.
So ging er dann / das Laub selbst abzubrechen /
Zum Peneus-Strand: von dem er jetzund schreibt.
Die Pegnitz lernt / durch ihn / vom Peneus sprechen.
Daher viel Lobs ihm billig eigen bleibt.
                                     Seinem vielgeehrten Herrn Gesellschafter /
                                                       zu dienstlichsten Ehren /
                                                schriebe dieses der Pegnitz-Hirt
                                                                        Alcidor.
 
                                       V
                                     M. G.
Dafne fleht dich / Peneus! an /
Sei willfährig deinem Kinde:
Wann es sich so nennen kann /
Unter dieser Runtzel-Rinde;
Die des Föbus Buhler-Kuss
Unverschuldet büssen muss.
Er / der mich noch immer liebt /
Brach jüngst eins von meinen Zweigen.
Bleibe (sprach er /) unbetrübt /
Dann ich gebe diss zu eigen /
(Wirst du schon von mir versehrt /)
Dem / der deinen Vatter ehrt.
So ein Wunde / sagte ich /
Daraus nur der Danck-Safft rinnet /
Nicht verletzt / ergötzet mich.
Mein Verlust sehr viel gewinnet.
Dieser Mangel macht mich reich /
Zahlet Schuld und Huld zugleich.
Sei nun / Vatter! was du bist /
Zahle / was ich nicht kanzahlen /
Lass den Griess / darauf du fliest /
Gleich den Tagus-Kieseln mahlen;
Küsse damit diese Hand /
Die dich macht so weit bekandt.
Lass von deines Ehrers Ehr
Die beredte Wellen lallen /
Lass sie mit dir in das Meer /
Bei der Sonnen-Wiege / fallen;
Dass auch in der andern Welt /
Dorus Ruhm werd angemeldt.
                                          Mit diesen schuldigen Ehren-Zeilen hat
                                                        die Dafne redend gemacht
                                                                      Myrtillus.
 
                                       VI
          Uber den neulichst erneurt- und neu erweiterten Christlichen
                             Pegnitz-Schäfer-Orden.
Du steigst noch überhoch / du Teutsch-gesinnter Bund!
Von dir / dein Pegnitz-Fluss ein Pegas-Guss will werden:
Dein Neroberg ist schon ein Pindus Teutscher Erden /
statt Kunst-Göttinnen sich neun Hirten machen kundt /
Die ihr Apollo führt. (Dass ich mit stillem Mund
Die Nymfen übergeh / als Charites der Herden.)
Es bricht dein Nam hervor mit Zügel-losen Pferden /
Und steht es jetzt um dich / als kaum es besser stund.
Die Donau Damon hört / der Mayn den Dorus fingen /
Und Floridan will fast die ganze Welt bezwingen.
Was wuchert täglich nicht Myrtillens teures Pfund?
Ich weiss nicht / wie ich selbst mit Hoffnung schwanger gehe.
Stinckt schon das Eigen-Lob / doch / warlich! ich gestehe:
Du steigst noch überhoch / du Teutsch-gesinter Bund.
                                            Seinem werten Herrn Gesellschafter
                                             wollte es zu längst-schuldigen Ehren
                                                      von der Pegnitz übersenden
                                                                       Ferrando.
 
                                      VII
Was ist die Lieb: man kann sie nicht beschreiben:
Die Liebesglut steckt Kiel und Schreiber an:
Wie dass doch er / mein Werter! schreiben kann /
Und gleichwohl so bei seinen Kräfften bleiben:
Man muss ihm nur Macarien verweiben /
Die kühle das / was einen Brand getan /
Wo anderst mich nicht trügt ein starcker Wahn /
Die Glut werd ihn noch wohl zu höhern treiben.
Soll / gleich und gleich gebunden / lieblich stehn /
So müst es dann nach Hertzens-Wunsch euch gehn.
Ich wünsche Glück! Bin ich gleich ein Poet /
Der öffters dicht: So wird man doch noch sagen:
Macarie hab er davon getragen.
So bin ich dann Poet und auch Prophet.
                                                                        Rosidan.
 
                    Der Kunst- und Tugend-gezierten MACARIEN
                                        
                                  Erstes Buch
                                 Erster Absatz
 Beschreibet die Ankunft Polyphili / in die Gegend der Insul Soletten: Lehret /
 wie der Mensch oft / ein Glück zu erlangen / dem Unglück unterworffen werde.
Eben hatte die liebliche Frühlings-Luft / durch das Gold-strahlende Welt-Auge /
die Mutter der Sterblichen wiederum erfreuet / und mit ihrer zerschmeltzenden
Hitze / die Eis-feste Mauren / derer in den Gründen fliessenden Wasser /
erweichet; dass der lang-verhaltene Schiff-Raub aller Seiten wieder ersetzet: als
der edle Schäffer Polyphilus / nach viel-erlidtener Unglücks-Bestürmung / durch
die unbeständige Menschen-Freund- und Feindin / das Glück / mit wenigem Anlachen
/ in eine ergötzende Gegend versetzet / und dem wild-gefährlichen Meer entnommen
/ dem sicher-und ruhigem Erden-Schoss anvertrauet wurde. Die Freude der
Sicherheit / welche gemeiniglich des überstandenen Unglücks Vergesserin zu sein
pfleget / liess nicht zu / dass er andere Gedancken fassen konnte / als die Schöne
und Lieblichkeit gedachten Orts; und wie glücklich er ans Ufer angelendet / zu
behertzigen. Es war die Gegend an ihr selbst ergötzlich / als welche auf einmal
einen Schutz und Erlustigung gewähren kunte / wegen des / an einer Seiten /
durch die Wunder-würckende Natur künstlich erhobenen anmutigen Berges / welchen
der silber-gläntzende Strom / der /durch sein rauschendes Brausen / eine nicht
unangenehme Lust erregte / von dem / auf der andern Seiten entlegenen /
weit-ebenen Felde entscheidete / in welches / nicht ohne sonderbare Befriedigung
/ gedachter Polyphilus seine Straalen gehen liess / und die milde Begnädigung des
reichen Himmels stillschweigend bei sich verwunderte. Selbst Flora / gedachte er
/ muss ihre besondere Meisterstück an diese Matten / deren Reichtum und
Lieblichkeit täglich zu vermehren /gewandt haben. Es müssen / sagte er /
selber die Najaden / in diesen Lieb-rauschenden Strömen / nicht ohne sondere
Begierde / ihre stündlich-gewohnte Bade-Lust verüben. Ja / fieng er an / wann
ich meinen Augen etwas gewieses trauen darff / halt ich davor /dass der
Lieb-durstige Pan / an keinem Ort weniger /als in diesen Lust-tragenden Feldern
/ seiner Hirten-Freude vergessen: Auch die Busch-liebende Diana wird ihre
Wild-treibende Jagt-Begierde / in diesen Baumreichen Wäldern / ohne einige
Verlust ihrer Arbeit / und mit völliger Begnügung endigen. Zu dem kam die in der
Lufft hell-zwitzrende kleine Vogel-Meng / die auch dem Gehör keine geringe
Freudigkeit verursachete: und so viel das Verlangen der übrigen Sinnen und
Begierde sein mochte / konten die mancherlei Arten der bund-gefärbten Blumen /
und andere Früchte der Erden / diesen Polyphilum in so gehäuffter Meng vergnügen
/ dass er mit allen Zufriedenheiten / müde zwar von der gefährlichen Reise / sich
in das grüne Tal niederlegte / umb ein wenig seine matte Glieder / mit einer
anmutigen unverhinderten Ruh / welche ihm dieser Ort sattsam gewähren konnte /zu
erfrischen.
    Kaum hatte er sich / wie gedacht / solcher Morpheischen Beherrschung ergeben
/ dass nicht alsobald der sonst Lügen-liebende Mahler der Nacht / durch seine
Lust-schattigte Abbildung anderer gleichfalls erwünschter und annehmlicher Dinge
/ sein Gemüt /nunmehr von Betrachtung der Gegend befreit / anderwerts / und
auf solche Erwartung richtete / die viel schwerer in Gedancken zu ertragen / als
im Werck zu erlangen war. Er führete ihn an den Ufer des Wassers gleiches Weges
hinauf / zeigete dessen Bewandschaft / und wunderbaren Fall / der / weil er
mehr zu steigen scheinte / allen und jeden / sonderlich aber vor dissmal diesem
Fremden-Schäfer / sich über die Kunst der Natur / und göttlichen Allmacht
höchlich zu verwundern / Ursach und Gelegenheit genug zur Hand gab. Wie dann
auch Polyphilus dem allem / wiewol schlaffend / mit grosser Ergötzlichkeit lang
zusah /und die Herrlichkeit der Geschöpff und Ordnung des Himmels / mit
tieffstem Nachsinnen bei sich überlegte. Da er aber voll solcher angenehmen
Gedancken /das Liecht seiner weit-strahlenden Augen etwas schärffer / (so
traumete ihm) entzündete: Ward er /wieder alles verhoffen / etzlicher
hocherhabenen Gebäu / gegen dem Strom stehend / gewahr; kondte doch / weil / wie
ihm dauchte / die schimrende Strahlen der Sonnen / durch den Gegenschein des
herunter-steigenden hell-gläntzenden Wassers / seine Augen in etwas blendeten /
nicht allerdings vernehmen / was ihm zu Gesichte kommen wäre. Deswegen er dann
verursachet / seinem Verlangen die Pflicht-Schulden zu leisten / sich immer
näher und näher / durch das Ufer dem Ort zu machte / biss er endlich völlig
verstehen konnte / was ihm zuvor die Schwäche seines Gesichts versaget. Es war
eine zwar kleine / doch sehr anmutige und wohlgelegene Insul / dermassen
gebauet / dass / wann Polyphilus die Bau-Kunst nicht wohl verstanden / er fürwahr
vor Verwunderung und Nachsinnen erwachen müssen. Das alles aber / und ein jedes
dessen / was ihn / wegen dieses köstlichen und künstlichen Gebäues / in die
Verwunderung setzete / war Ursach / dass ihn sein Verlangen / diss edle
Meisterstuck und Haupt-Werck aller Kunst / eigentlicher zu besehen / aufs
näheste zu der Insul hinführete. Und in dem erwachte Er.
    Wie es nun mehrenteils geschicht / dass die nichtige Traum-Freude / ihr
Bildnis / auf einen zerbrechlichen Grund setze: Also hatte auch Polyphilus den
gäntzlichen Betrug für seinem Gesicht / da er selbige mit wachenden Augen
besehen wollte / deswegen er dann voller Betrübnüs / über den Verlust / seines
gehabten Gesichts / nicht gnug klagen könnte: Seine genossene Traum-Freude aber /
auch in der höchsten Betrübnüs / nicht gnug verwundern. Darumb sagte er
unverhindert / er müsse bekennen / dass / ob schon das grosse Liecht der Sonnen /
den / in der Lufft hangenden / künstlichen Erden-Bau / schon über die 23. mal
mit ihren Gold-gläntzenden Stralen bemahlet / seind er / durch seine Eltern / in
das Register der Natur eingenahmet worden / ihn doch niemaln solche sattsame
Zeit-Kürtzung oder Lust-Vollbringung / als dazumal /wie er auch nur von einen
schattichten und nichts-würckenden Traum geführet wurde / erhoben. Sonderlich /
weil er in der festen Einbildung verharrete / es beherrsche das Bild der stillen
Ruh / die eingeschlaffenen Sinne nicht allemal mit blosser Phantasei: sondern es
werde offtermals dem Menschen / teils die Warheit; teils / seiner gefasten
Einbildung und Verlangen nach / in einem / so zu reden / schartichtem Mahlwerck
/ ein solches Bild / durch das Kind der Nacht abgedrucket und verbracht / als er
ihm zu sehen oder auch zu haben gewünschet Diese und dergleichen viel-freudige
Gedancken vermochten bei dem Schäfer Polyphilo so viel / dass er / ungeacht
seiner grossen Müdigkeit / noch beförchtenden vergeblichen Beginnens / sich also
bald entschloss / seinem Traum-Bilde vor diesesmal völligem Warheits-Glauben
beizumessen / und demselben mit wachsamer Behendigkeit nachzustellen / was er
durch die schlumrende Müdigkeit nicht erlangen können: Weil ihm sonderlich /
weiss nicht / soll ich sagen / die unruhige Einbildung / so offtermals viel zu
versprechen pflegt; Oder das so-wollende blinde Glück / so doch eben auch wenig
beständig zu halten / gewohnet; eine grosse Hoffnung gemacht / herrliche und
wunder-würckende Ding zu erfahren. Darum ihn / weder die Lieblichkeit des Orts /
noch die Müdigkeit der Glieder von seinem Vornehmen zu ruck halten kondte / als
welche billich folgen mussten / wohin sie die Lehr-begierige
Vernunft-Herrschaft führete.
    Wie es nun nicht selten zu geschehen pflegt / dass /dem alten Sprichwort nach
/ der wagende Gewinn /zuvor / wann die blindgeneigte Gunst des unverhofften
Glücks unser Vornehmen etwas reicher beseeliget: So traff es auch in diesem
Stück allermassen dem Schäfer Polyphilo ein / dass / was ihm der Traum-Schatten
angedeutet / er nicht ohne völlige Vergnügung wachend erhalten und gewonnen.
 
                                 Anderer Absatz
Beschreibet die Zusammenkunft Polyphili und Philomati: Lehret / wie uns oft /
 wieder unser Verhoffen / der gütige Himmel zu guten Freunden verhelffe / deren
   Beförderung wir uns bedienen können: Durch welche auch Gott / als die Ihm
                 gefällige Mittels-Personen / mit uns handele.
Wer war froher / als eben Polyphilus? Ich meine /sein vergnügtes Hertz hätte
nicht unrecht ein Himmelreich voll Wonne können benahmet werden / so gar hatte
die unerschöpffte Lust dasselbe eingenommen /alsbald er der erhabenen
Kunstrühmlichen Insul ansichtig worden. Wie aber die Begierde Menschlichen
Hertzens nimmer satt wird / sondern immer fort /mehr und mehr verlanget / also
konnte auch Polyphilus in dieser Zufriedenheit nicht ruhen / sondern nahm ihm vor
/ selber in die Insul zu kommen / umb desto besser sich darinnen zu besehen /
und vielleicht etwas neues zu erlernen. Was ge schicht? Es musste auch das wahr
werden / was die alten Heiden geglaubet / dass denen / die den Himmel zu
ersteigen gesinnet / selbst Jupiter die Leiter bauen und ansetzen müsse: So gar
musste sich alles schicken / was dem Polyphilo in seinem Vornehmen behülfflich
sein kondte. Denn / als er kaum ein wenig am Strand hinauf gangen / so / dass er
Gelegenheit suchte / wie er über das Wasser gelangete / siehe! da begegnet ihm
ohngefähr einer von den Inwohnern derselben Insul /welcher auch diesen Ort
besuchet / seinen ermüdeten und betrübten Gedancken / durch die Lieb-kosende
Wald- und Felder-Freude / einige Artznei und Ergötzung beizubringen.
    Polyphilus / der sich alsbald der Hoffnung freuete /er werde von diesem / in
allem völligen Bericht erhalten / und nunmehr vernehmen / welcher Teil der
Erden ihn aufgenommen / und welches Land seine Sicherheit beschantzet / legte so
balden allen Scham auf die Seiten / fassete ein Hertz / und näherte mit
höfflicher Freundlichkeit auf ihn zu / umb allergünstige Verzeihung bittende /
dass er aus Unwissenheit dieser Ort-Bewandtschaft gezwungen / sich unterwinden
dörffe / dessen Namens-Erkandtnüs / und was sonsten denckwürdiges allhier zu
behalten / durch ein kurtzes Gespräch zu erforschen.
    Philomatus (so bekandte der Antworter seinen Nahmen) nachdem er mit
gleich-gebührender Reverentz sein Anbringen aufgenommen / war gar leicht zu
erbitten / und hätte ihm nichts bequemers eben anjetzo zu handen kommen können /
alldieweiln er ohne das / seine sorgfältige Betrübnüs in etwas zu erfrischen /
sich dem Felde / und dessen immerblühenden Ergötzlichkeit ergeben / da sichs
dann nicht übel schickete / von dergleichen beliebenden Sachen / nach
Gelegenheit der Zeit / zu reden. Wurden also diese beide / durch beiderseits
gefasste Hoffnung / man würde von neuen Dingen hören / bald einig / sich in das
grüne Blumen-Tal / welches gerad gegen der Insul über / durch den
oft-erwöhnten leiss-rauschenden Fluss / geteilet ward / nieder zu setzen / und
ihre Ergötzung / auf begehrte Art zu suchen.
    Polyphilus / durch sein unruhiges Verlangen gezwungen / vermochte sich nicht
länger zu gedulten /sondern fieng ohne Verzug zum Philomato an / seine biss daher
gefährlich-geführte Reiss allen Umbständen nach zu erzählen / und wie er / wider
Wunsch und Hoffen / vor wenig Stunden allhier angelander / auch durch die
beschönte Gegend überwunden / an diesem Ufer ausgestiegen: Verlange also nicht
mehr / als nur den Nahmen dieses Landes / Wassers / und der vor ihm liegenden
Insul zu erlernen / damit er / nach dem / verstehen könne / an welchem Ort der
Welt er lebe / und wie fern er von den Seinen entschieden.
    Philomatus / ein bescheidener und höfflicher Mann / kont ihm nicht verüblen
/ dass er seiner begierigen Jugend den Zaum zu weit nachgelassen / und sich ihm
vorzureden keinen Scheu getragen / bevor da diese Begierde / so viel er
vernommen / einen löblichen und Tugend-erbaulichen Zweck vor sich hatte /welchen
zu erreichen / Philomatus / Krafft seiner Geschicklichkeit / und guten
Vermögens / Ihm / Polyphilo / wohl behülfflich sein köndte: Derowegen fieng er
folgender Gestalt an zu ihm zu reden:
    Tugend-begieriger Polyphile! Aus euren bisher geführten Worten hab ich
sattsam vernommen / was massen ihr euren Schäfer-stock verlassen / und / umb
Kunst und Tugend zu erwerben / euch denen gefährlichen Schiffarten anvertrauet /
die euch / eurer gefassten Hoffnung nach / in fremde Land bringen / und
unerfahrne Ding lehren köndten. So hab ich auch mit nicht geringem Schrecken die
Ungestümm des Meers /so euer Leben bei einem bald-reissendem Härlein furchtsam
genug herum gezogen / aus eurer Erzehlung verstanden / habe deswegen ein
schmertzgebührliches Mitleiden: Doch soll das euer Trost sein / dass eines teils
durch solche ausgestandene Lebens-Gefahr /eben ein grosser Teil eures
Vornehmens vollbracht worden / wie ihr dann wohl wisset / dass Kunst und Tugend
nicht im Schlaf erworben / noch weniger der Himmel durch Geigen- und
Seiten-Spiel gestürmet werde.
    Nun bekenne ich ohne verhelen / dass / wie ich selber / in meiner damals
noch blühenden Jugend /mir dergleichen Ziel gestecket / und / so viel
Menschliches Vermögen zu läst / alles mein Sinnen und Beginnen dahin gerichtet;
Auch durch des allwaltenden Himmels-Hülff endlich dahin kommen bin / dass ich
/durch Müh und Fleiss / den beperleten Helicon erstiegen / und daselber von der
ganzen Pindus-Schaar /mit der Tausendfaltigkeit ihrer himmlischen Wissenschaft
/ bin umzieret worden: Also auch allen denen /die mit gleichmächtiger Begierde
entzündet / ihren Namen dem Diamantischen Register einverleiben wollen / zu
allen Müglichkeiten / mit Rat und Tat /verpflichtet bin / auf dass sie / wie
sie wünschen und begehren / sonder Abschlag / die felsichte Spitzen /der
unergründlichen Weissheit / zu ersteigen / Macht und Gelegenheit haben.
    Polyphilus / der diese verguldete Reden / mit sonderbahrer
Hertzens-Erfreuung anhörete / belustigte sich allbereit nicht wenig mit dem /
was ihm auch die Hoffnung nur versprach / die er / ohne Misstrauen /aus dem
ungeforderten selbst-willigem Bekäntnüs Philomati / und dessen ohne Verdienst
anerbottenen Beförderung / gar leicht schliessen kondte. Derowegen er nicht
säumete / sein Vatterland / Eltern / Verwandten / auch sich selber / und was
er suche / dem Philomato / als einem seinen mächtigsten Lehrer und Beförderer /
zu eröffnen / mit angehengter Bitte /ihme die Beschaffenheit dieses Orts / und
dessen Benennung zu erteilen.
    Dieses alles gefiel dem Philomato so wohl / dass er nicht nur seiner Bitte
ein völliges Genügen tat /sondern auch mit Mund und Händen ihme treu-meinend
versprach / alle Heimlichkeiten derselben Insul /(welches traun gegen einem
Frembden ein Grosses Versprechen war) eigentlich und deutlich vorzulegen /so gar
/ dass / wann es seine Gelegenheit gestatten würde / sich eine weile in diesen
Feldern aufzuhalten /sein Leben nicht ohne vergnügliche Freude / auch sein
Verlangen voller beliebiger Erfüllung sein und werden sollte. Darum fieng er
folgender Gestalt an:
    Erkandter Polyphile! Euer Vatterland Brunfile /dass ihr mir allbereit
genennet / ist vor dem eine Ernehrerin meiner Kunst-dürfftigen Musen / und
meines jungen / etwas frei-begierigen Lebens / eine Nutzbringende Lehrerin
gewesen: Deme diese gegenwärtige Insul / mit allen deren beseeligten Innwohnern
so viel zu dancken hat / als sie täglich von mir Gutes und Gedeiliches
überkommen. Finde mich dahero / ohne einige Widerrede / über mein Vermögen
verpflichtet /und solches um desto mehr / weil mir gleichsam /durch ein stilles
Getöne / das hochgelobte und mir hertzlich-ja schuldig-gelobte Brunsile / durch
die Ohren / ihre mir tausend-fältig-erwiesene Dienste zuschreiet / und dieselben
an euch / als der in diesen Jahren auf gleicher Glücks-Kugel bestehet / zu
ersetzen anmahnet. Wisset demnach / treugeliebter Polyphile! dass ihr / meines
Erachtens / zu eurem grossen Glück / das viel-grosse Unglück ertragen müssen
/sintemal ihr / durch des Meers Ungestümm / in ein solch Land geführet worden /
dass ihr selbst erkennen werdet / die Gütigkeit des unsterblichen Himmels habe
euch also heissen führen. Dieser Fluss / dem ihr sonderlich für seine Fahrt zu
dancken habt / ist der in aller Welt bekandte Peneus-Strand / an sich zwar
gering / doch wegen des Einflusses vier schöner Bächlein / grosser Schiffarten
fähig genug / wegen dieses beschönten Lust-tales aber / dass er teilt und
doppelt / viel grösser / als dass sein belobter Ruhm sollte können von sterblichen
Zungen ausgesprochen / oder nach Würden beschrieben werden. Der Ort / welcher
euch die Sicherheit gönnet / ist das von männiglich viel-gerühmte Tal Tempe;
Diese Berge aber / Ossa und Olympus / an der Höhe / allen anderen / so viel
Tessalien Berge in sich hält / weit vorzuziehen.
    So bin ich / fragte der Schäfer / in Tessalien / und in dem beschreieten
Tal Tempe? So ists / versetzte Philomatus / und da es euch nicht miss-fällig /
mir zu folgen / will ich euch diese Lust-bare Gegend / so lang uns die Sonne ihr
Liecht gönnen wird / durchführen / und was darinnen sonderlich zu bemercken /
erklären. Polyphilus entdeckte sein Verlangen / durch den Danck / und folgte den
Schritten Philomati / biss sie dem Ort nahe kamen / allwo der Bach Eurotas / in
besagten Fluss Peneus sich ergiesset / dabei Philomatus erinnerte / wie diss
sonder-wunderlich zu bemercken / / dass / ob dieser Eurotas völlig in den
Peneus-Fluss falle / er dennoch sein Wasser / mit jenem nicht vermenge / so / dass
man beide / an dem Unterscheid der Farben / voneinander kenne. Und / fuhr er
weiter fort / ist noch mehr zu verwundern / dass der Fluss Peneus / nach dem er /
ohne der Wasser Vermischung /mit dem Bach Eurotas / eine Zeitlang geronnen
/gleich als ob es ihm verdrösse, denselben seitwarts stosst / und sich / im
Ausfluss / wieder von ihm unvermischt teilt / etc.
    Unter währender Rede ging Philomatus mit dem Schäfer / langst dem Fluss
hinab / da dann zu beiden Seiten / an dem Ufer / kleine Myrten-Gehäge und
Lorbeer-Häyne zu sehen waren / so denen beiden /wie anderen vorbeigehenden /
mannigfaltigen kühlen Schatten erteilten. Sonderlich aber / beschönte diesen
vor-annehmlichen Ort / dass unter selbigen unterschiedlichen Schatten /
unterschiedliche kleine Bächlein ronnen / derer Wässer nicht allein anmutig zu
trincken / sondern auch förderlichst der Gesundheit dienlich zu sein / von
Philomato bekandt / dem Schäfer Polyphilo aber versucht wurden. Von hinnen
verführte sie die Lust zu etzlichen so scheinenden grünen Zelten / und erinnerte
Philomatus vor anderen / die vielerlei Eyländlein wohl zu beobachten / die
beides dem Fluss / und dem Tempe-Tal eine herrliche Verschönerung beibrachten.
Die Bäume / so man da sah / waren von der Wurtzel an / biss an die Gipffel mit
Epheu umzogen / so / dass man nichts dann lauter Grün sah. Auch stund daselbst
ein herrlich-schönes Grass / dass gleichfals sich an den Bäumen hinauf zog /
übergebogen wieder zu rück fiel / und den ganzen Boden bedeckte: Diss berichtete
Philomatus / dass es von den Innwohnern Smilar genennet würde. Je ferner aber
Philomatus seinen Fuss setzte /und je weiter der Schäfer Polyphilus folgte / je
angenehmer dunckte ihm die Lufft werden / als welche einen lieblichen Geruch /
gleichsam eingenebelt / behielt. Der Schäfer daher veranlasst / fragte
Philomatum / woher diese Lieblichkeit rühre? Welcher auf ein Wäldlein / dahin
sie Schritt vor Schritt gangen /deutend / zur Antwort setzte / dass die
umliegende Völcker glauben / dieses Wäldlein sei den Göttern sonder-lieb / und
dannenher solches / darinnen zu opffern / vor andern erkiesen / in dem
betrüglichen Wahn verharrend / ihre Gelübde werden daselbst gnädiger /als
anderwarts / erhöret. Daher / sprach er ferner / die Durchräisende diese Lufft
stets wolriechend antreffen werden / weil dieselbe nicht bald ohn einem guten
Opffer-Rauchwerck wird zu spüren sein. Es helffen aber auch dazu die
mannigfaltige wolriechende Blumen / deren Purpur diesen wunder-lieblichen Ort /
wie ihr selber sehet / so reichlich bekleidet / dass ich zweiffele / soll ich
dem Opffer / oder ihnen / vor den schönen Geruch Danck bringen.
    Das lassen wir die verfechten / sprach Polyphilus /die den Unterscheid des
Geruchs lieben / von meinem wenigen Urteil / soll das Opffer / mit den Blumen
/gleichen Preis erwarten. Wol dem; antwortet Philomatus / so will auch ich
keinem einen Vorzug gunnen: Diss Wäldlein aber wird die Unsterblichkeit seines
Namens / ja / die Vortrefflichkeit seiner Bewohnung / mehr den Opffern / als
Blumen / beizulegen haben. Dann / wie die Tessalier berichten / ist der
Delphische Apollo / nach dem er den Drachen Pyton erschossen / in diss Tal
kommen / sich / auf des grossen Jupiters Befehl / allda zu reinigen: Ist auch
von den Lorbeern / welche allhier in grosser Menge stehen / gekrönet worden. Und
dafern ihr gäntzlicher Bericht glaubens würdig / hat er / so bald er bekräntzet
worden / von eben selbigem Lorbeer-Baume einen Ast genommen / ist mit demselben
gen Delphis gezogen / allwo er sich in Besitzung der allentalben so berühmten
Götter-Antwort gesetzet. Zum Beweis dessen / wird in nechster Insul / denen
Ausländern /ein Weihtisch vorgezeiget / darauf sie bestätigen /dass Apollo sei
gekrönet worden / und von dannen den besagten Ast genommen. Ob aber dessen
Warheit zweifelhaft / erwirbet dennoch die alljährige Ankunft / der jungen
Mannschaft von Delphis / in diesen Peneus-Grund / nicht geringen Glauben / in
dem sie zu gewisser Zeit / durch einen Hauptmann geführet / hieher gleichsam
Wallfahrten / und zu des Apollo Gedächtnus / in diesem Lust-Wald / ein Opffer
bringen / auch mit Lorbeer bekrönet / heimkehren / da sie unter Weges viel
schöne anmutige / und dem Apollo zu Ehren verfertigte Lieder singen und
erklingen lassen: Daher komts auch / dass alle die / so dieses Tal durchwandern
/ mit sonderbarer Ehrerbietung / als durch einen dem Apollo gewidmeten Ort /
einher gehen / auch keiner einigen Widerstand oder Unglücks-Betreffung darinnen
ersiehet.
    Diese / des Philomati Erzehlung verleitete den begierigen Schäfer / dass er
das ganze Wäldlein durchsah / dessen Ende ihm die Insul Soletten völliger zu
Gesicht brachte / daher er / des vergangenen vergessend / seine Gedancken / in
derselben Beschauung /arbeiten liess. Alsbald Philomatus diss merckte / fieng er
mit folgenden Worten an: Diese zugegen liegende Insul betreffend / welche nicht
unbillich / wegen ihrer erscheinenden Lieblichkeit und künstlichen Erbauung dem
Tetis-Schloss zu vergleichen / ist die / durch eben diesen Fluss berühmte Solette
/ und sind deren Innwohner / unter welche Zahl auch ich mich rechne
/mehrenteils der Einsamkeit ergeben / so gar / dass sie auch ihre ganze
Lebens-Länge / nicht mit Gesellschaft / sondern in einzeler Ruhe zu kürtzen
gedencken. Und dörfft ihr euch / geliebter Polyphile! dessen keines weges
wundern / weilen auch selber die Art dieses Landes / und die aufsteigende
Feuchtigkeiten /solche Lufft würcken / die den Menschen / ob er von Natur etwas
frisch und Gesellschaft-liebend wäre /dennoch mit solcher Veränderung regieren
können /dass er wider sich selber zu leben / mit nicht geringer Belustigung /
erwehlet.
    Polyphilus / voller Wunder / kondte dem sinnlichen Gespräch Philomati nicht
länger mit stillschweigen zuhören / vielweniger umhin / dass er nicht fragen
sollte / was Art Volcks dann allhier wohnete? Darauf Philomatus antwortete:
Wundert euch nicht / Polyphile! Dann eben dem haben wir zu dancken / dass die
vornehmste und durch alle Welt berühmte Künstler dieses Orts ernehret und
vermehret werden. So werden auch / fragte Polyphilus / an diesem Ort viel
vortreffliche Pindus-Ritter anzutreffen sein / die täglich denen zwar
Schweiss-verachteten / doch dabei Himmel-würdigen Musen / ihre gebührende Schuld
ablegen? Nein / sagte Philomatus / diese Insul hat nicht mehr / dessen sich die
betrübte Pierinnen freuen köndten / als einig das über die Natur steigende
Tugend-völlige Muster / aller Weiblichen / und mehr als weiblichen /
Vollkommenheiten / die ich zweiffele /ob sie von den Unsterblichen denen
Sterblichen zur Beherrscherin / und selbst vom Himmel der Erden zur Tugend-Sonne
erkohren / oder sonst mit mehr Menschlichen Gaben am Verstand / Tugend und
Schöne sei versehen worden. Zwar / sagte Philomatus ferner / hat diese unsere
Insul keinen Mangel an deren Pindischen Gesellschaft / weilen / meines
Erachtens / selbst die Princessin des Helicons / mit samt ihren Dienerinnen bei
uns wohnet / deren vortrefflicher Name / durch ihre Himmel-würdige Wissenschaft
/ in kurtzer Zeit / von uns selbst / in den Diamant der Unsterblichkeit wird
gepräget werden
    Polyphilus / dem dieses von einer Weibs-Person zu hören / unglaublich vorkam
/ fragte nicht ohne Ursach / was es dann für eine Beschaffenheit mit derselben
hätte / und ob sie / an statt einer Göttin / von ihnen geehret werde? Philomatus
antwortete: Wir sind allemahl / und von Natur zu wider dem Höllverdammlichen
Laster der Abgötterei / doch / so fern sich in einem sterblichen Leib Göttliche
Gaben befinden / wegen deren billich alles aus der Menschen-Zahl / in die
Himmel-Zinnen erhöhet wird: Werden auch wir keinen Abscheu tragen / die jenige
eine Göttin zu grüssen / die wir erkennen / dass mehr himmlisch als irrdisches an
ihr hervor leuchte.
    Kaum waren diese wenig Wort gesprochen / dass nicht allbereit / die Begierde
diese Göttin zu sehen /durch ein brünstiges Verlangen / in dem Hertzen Polyphili
/ entzündet war / darum sprach er / und fragte ferner: Ob man sich nicht
unterstehen dörffte / derselben die Glückseeligkeit abzubitten / dass er mit
ihren Strahlen beschönet / und erleuchtender Gegenwart beglücket würde? Das
braucht grosse Mühe / antwortete Philomatus / und sonderlich-geneigte
Zeit-Gelegenheit / die ihr vor dissmal weniger überkommen / als wohl hoffen möget.
Dann / fuhr er fort / das meiste /dem sich diese unsre Erden-Göttin ergeben /
ist / wie vorgemeldt / die beliebte Einsamkeit / deren angenehme Ketten / sie /
mit uns / dermassen gebunden hat /dass / ehe sie ihr selber vergessen / als
selbige ändern wird. Darum dissfalls alle Hoffnung mit vergeblicher Erwartung
wird bezahlet werden.
    Hat einmal die Freud-verzehrende Betrübnüs / das Hertz Polyphili getroffen /
so ists / in Warheit / durch diese Wort geschehen. Kan ich dann nicht / sprach
er / in dieser frohen Blüt meines Gunst-geneigten Glücks auch diese Blumen
brechen / so muss ich freilich erfahren / dass kein Glückes-Stand bei denen
Sterblichen zu finden / der nicht aufs wenigste mit einem betrübenden Unfall
beflecket sei. Doch drehet sich die Kugel des Glücks nicht anders / weiln / wann
selbige ihre Gnaden-Stralen gar zu hoch werffen /oder zu bell wollte scheinen
lassen / möchte das Glas /ehe wirs verhoffen / und wieder unser Versehen /
zerbrechen.
    Darum will auch ich selbiges mir nicht besser wünschen / oder gnädiger
begehren / als es Menschlichem Geschlecht / von dem mild-gütigem Himmel gegönnet
ist / damit ich nicht dafür angesehen werde / als wolt ich mehr / dann
Menschliche Vermögenheit / fordern.
 
                                 Dritter Absatz
Beschreibet die Zeit-Kürtzung und das Gespräch der beiden / welches ist von der
  Ruhe der Einsamkeit: Lehret / neben der / wie wir / aus vortrefflicher Leute
                    Reden / unser Weissheit schöpffen müssen.
Mit diesen Worten musste sich der betrübte Polyphilus vor dieses mal trösten.
Gleichwol aber / damit er solche gefasste Traurigkeit in etwas wenden möchte
/fieng er zum Philomato ferner an / von der Einsamkeit zu reden / und ihn zu
überweisen / wie er ihm selber so unrecht getan / in dem er auch sich diesen
Ketten gebunden ergeben / die / wie sie männiglich schädlich / also sonderlich
ihm nicht zuträglich sein würden. So sprach aber Polyphilus: Es wundert mich
fast sehr / dass das Geschlecht der Menschen einige Einsamkeit zulässet / wie der
Schöpffer selbst / dem Geschöpff / alsbald im Anfang / solche nicht gut oder
nutzlich zu sein bekräfftiget. So sehe ich aus den Ursachen / welche sonsten
sonderlich diss Gefängnus verlangen / einen solchen Beweis / der vielmehr wider
sich selber streiten wird. Der Stiffter solcher Einsamkeit / ist in Warheit
nichts anders / als die Betrübnüs. Diese hat freilich die Art / dass sie gern
allein ist / damit sie ihren kümmerlichen Gedancken / freien Pass lassen könne:
Aber was folget endlich? Eine Melancholische Verzweifflung / welche das
erschrockene Hertz / mit solchen Wellen ersäuffet / dass es nimmer kann errettet
werden. Auch hat der verführende Höll-Gott keine listigere Tück / als dass er
geängstigten Hertzen die Gesellschaft verhasset / die Einsamkeit aber beliebt
mache / damit er ihnen mit seinen feurigen Versuchungs-Pfeiln desto besser könne
beikommen: Wann der Schmertz das Hertz drenge / dass es ihm selber nicht helffen
könne / auch sonst niemand vorhanden / der es mit Trost erquicke / oder der
Angst befreie. Bleibt also das der erste Schluss / dass die Einsamkeit sei ein
Fecht-Platz der höllischen Geister / da wir genug wider ihre Macht und List zu
kämpffen haben.
    Deme setz ich hinzu / dass sie gerad wider die Ordnung der Unsterblichen
lauffe / welche die Gesellschaft der Menschen gestifftet / damit einer dem
andern dienen und behülfflich sein könne. Ja: sie laufft schnur-gerad wider die
Natur selber / welche mehr nach Gesellschaft und Lust: als Leid und Einsamkeit
strebet. Daher die Weltweisen den Menschen ein solches Tier nennen / das sich
gern zu dem andern geselle. Und das diss alles übertrifft / habt ihr euch einer
solchen Tugend ergeben / die wider alle Tugend streitet / und die schuldige Lieb
des Nächsten ausleschet. Wie könnt ihr lieben / dem ihr nicht dienet? Wie könnt
ihr dienen / von dem ihr ferne seit? Sehet an die Wittwen und Wäisen / so lang
sie einsam sind /wer ist / der ihnen aufhilfft? Und bleibt ihr in der Einsamkeit
/ wer besuchet Wittwen und Wäisen? Welches doch der nötigste und schuldigste
Dienst ist. Wolt ihr mehr hören? saget mir die Ursach: Warum euch der Himmel /
vor andern Tieren eine redende Zung gegeben? Saget mir / warum euch die Natur
/gleich andern Menschen / Affecten und Bewegnussen gegeben? Sollt dann GOtt und
die Natur etwas vergebens tun: Ist nicht glaublich. Sehet an die Tiere in den
Wäldern / die sich lieben: Sehet an die Vögel unter dem Himmel / da sie in
grosser Meng fliegen: Sehet an die Fisch in den Wassern / da sie bei paaren
gehen: Hat die Natur diesen unvernünftigen Tierlein eine solche Begierde
eingepflautzet / dass sie die Einsamkeit fliehen: Warum nicht viel mehr den
Menschen / welcher das edelste unter allen Geschöpffen ist: Erkennet auch noch
zum Uberfluss / was euch die leb-lose Kreaturen erinnern: Es rinnen die Wasser
zusammen in einen Fluss Die Gewächse der Erden stehen unter einander: Die dicke
Wälder rauschen wegen der Gesellschaft der Bäume: Die Lufft hänget dick
aneinander: Und an dem Firmament selber wincket ein Stern dem andern. Alles /
was einen Bestand haben soll / das bemühet sich um einen Gesellen: Hingegen kann
nicht bestehen / wer allein stehet. Nehmet ein Exempel an einem Baum / der im
Felde vom Wind ausgerissen wird / weil er keinen Schutz hat. Kan auch ein
grosses Haus / das aller Drten frei stehet / vor dem Gewalt der Anstösse sicher
sein? Was gibt der Mond vor ein Liecht / wann er ohne der Sonnen ist? Mangel und
Noht ist überall. Artig hats David treffen / wann ich aus dem Buch der
Offenbahrung etwas anführen darff / welcher sich / da er aus seinem Vatterland
in der Einsamkeit herum ziehen musste dem Rohrdommel in der Wüsten verglichen
/und einem Käutzlein in den verstohrten Städten. Was ist ein einsamer Mensch
anders / als ein Rohr / dass der Unglücks-Wind hin und her wehet: Oder / so er
noch etwas mehr ist / ein Anstoss aller deren / die ihn beleidigen / und ihr
Spiel mit ihm treiben wollen. Woher mag er sich einiges Schutzes versichern? Er
ist allein: Woher mag er einigen Trost nehmen? Er ist allein: Woher mag er auf
eine Errettung hoffen? Er ist allein:
Wer Einsamkeit erwählet /
Mit keinem sich vermählet /
Wird überall gequälet.
Gar zu kräfftig wollte Polyphilus seine Sache behaupten / deswegen ihm zwar
Philomatus eine Zeitlang /aber mit grossem Widerwillen zuhörete: Und weil er
fürchtete / Polyphilus möchte seiner Gedult missbrauchen / konnte er ihm nicht
mehr Freiheit / die Einsamkeit zu verringern / gestatten / sondern fiel ihm /
mit diesen Worten / in die Rede:
    Verzeihet mir / Polyphile! dass ich eure Red abreissen / und eurer
freigelassenen Zungen einen Zaum anlegen muss. Wie dörfft ihr die
Frucht-bringende Einsamkeit in meiner Gegenwart so vergeblich / und wider ihre
Verdienst schänden? Was für nichtige und untüchtige Gründe führet ihr an /
welche in Ewigkeit das nicht erweisen werden / was ihr zu behaupten gedencket.
Werde ich euch nicht in allem sattsam widerleget / und alle euren Beweis
kräfftig umgestossen haben / wann ich allem dem / was ihr nach der Länge
erzählt / einig die Laster-führende Bosheit / der jetzt verderbten Welt
entgegen setzen werde? Saget mir /trägt die Welt etwas anders bei ihren Rosen /
dann Disteln: Ist was mehr an ihren Bäumen / als Rinden: Was beschleust sie
sonst in ihren Fässern / als Hefen: Was samlet sie in ihre Scheuren mehr / dann
Stroh: Was behält sie in ihren Schätzen / denn Schaum: Gleichwol / sagte
Polyphilus / findet man auch Rosen unter den Dornen: Safft und Kraffe innerhalb
der Rinden: klares Getränck in den Gefäsen: Korn und Wäitzen auf der Tenne: Gold
und Silber in den Schätzen; Und wäre gar unleidentlich geschlossen / weil in
dieser Welt viel Anläss und Gelegenheit sind zu denen Lastern / so sei ein
jeglicher verderbt. Folget dann das: Wann ein anderer lüget / darff ich auch
lügen: Wann ein anderer spielet / darff ich auch spielen: Wann ein anderer ein
Unflat ist / soll ich auch ein Unfläter sein? Nein / Philomate! man findet noch
einen Kern in den Nüssen: Das Marck in Beinen: Die Glut unter der Aschen: eine
Traube unter den Schleen: Eine Perlen unter den Kieselsteinen: Ja / unter dem
Schaum das Gold. Und halt ich vor gewiss / dass die Unsterbliche noch aller Orten
ihr Heiligtum erhalten. Uberall sind Fromme unter den Bösen / Böse unter den
Frommen.
    Ist wohl etwas geredt / versetzte Philomatus / aber wie erkennet man die
Frommen unter den Bösen / wie entscheidet man diese von jenen? Schlaget selber
in euch / Polyphile! und besinnet den Wandel der Welt; Wie viel sind / die unter
der Tugend-Decke unsere Augen mit schändlichen Lastern blenden? Wie viel finden
sich / die / mit dem Mantel der Ehren bedeckt /ihren Schalck bergen? Wie viel
preisen ihre Frömmigkeit nicht nur mit Worten / sondern auch so gar durch die
Werck / und halten die Bosheit heimlich in ihrem Hertzen? Wer vermag den Grund
zu erkennen /wann die Farben allbereit geführet sind? Wer kann wissen / wohin
sich eine Schlang verkrochen / wann sie im Grass verborgen ligt? Meines Erachtens
/ wird Menschliche Müglichkeit / in diesem Fall / ihre Schwachheit erkennen.
Sehet nun Polyphile / wie weit ihr fehlet / auch nur in diesem. Soltet ihr aber
eben das auf das Band der Gesellschaft ziehen / würdet ihr die Grösse eures
Fehlers weit besser erkennen. Eine unter den grössesten Glückseeligkeiten dieser
Welt /haltet ihr ja das zu sein / wann ihr gute vertraute Freunde habt / mit
denen ihr euch erlustiget / und keine Feinde / vor denen ihr euch fürchtet.
Freundschaft ist die Gebärerin der Gesellschaft: Freundschaft ist die
Zerstörerin der Einsamkeit. Soll ich nun meinen Vorsatz enden / und mich in
Gesellschaft geben / so zeigt mir einen getreuen Freund / darauf ich mich
verlassen / und so sicher / als in meiner erwehlten Einsamkeit leben könne. Aber
wo ist der? vielleicht nie geboren / oder überall verloren. Ich förchte gar
sehr / es dörffte mich jene Frag und Antwort betreffen:
Was suchst du Freunde / die es treulich mit dir meinen?
Such unter Tausenden / und zeige mir denn einen.
Viel sind deren zwar / die vorwerts lachen: Viel / die freundlich mit uns reden:
viel / die uns tieffe Reverentz erweisen: viel / die miteinander essen /
trincken / gehen / stehen / reiten / fahren / sitzen / liegen: Viel bieten
einander ihre willige Dienst an: Viel küssen einander Hände und Füsse: Viel
suchen einander heim / und klagen in der Not ihr Leiden; zeugen im Glück ihre
Freuden: Welches alles dann einen Schein der waaren Freundschaft führet: Wann
wir aber das Hertz besehen / und ihre Werck in der Noht versuchen / finden wir
oft und oft / dass viel ein anders die Wort reden / als das Hertz gedencket;
viel ein bessers die äusserliche Werck erweisen / als der Will beschlossen.
»Dann die vorwärts lächeln / finden wir /dass sie ruckwärts beissen: Die
freundlich reden / erfahren wir / dass sie feindlich gesinnet sein: Die einander
tieffe Reverentz erweisen / sehen wir / dass sie vielmehr die Ehre stehlen: Die
an einer Tafel essen /und am nächsten beisammen sitzen / erkennen wir /dass ihr
Hertz wie fern ist: Die einander ihre willige Dienst anerbieten / müssen wir
gestehen / dass sie offtmals lieber einander möchten fressen: Die einander Händ
und Füsse küssen / ist zu erweisen / dass sie selbige viel lieber abbeissen
möchten; ja! die einander besuchen / erkennen wir oft / dass sie lieber einander
begraben / einander verderben / einander ermorden möchten; sich lieber freuen
über seiner Noht / als klagen; lieber klagen über sein Glück / als freuen.«
Solte mich dieses alles nicht die Einsamkeit vielmehr beliebt: die Gesellschaft
aber verhasset machen? Und was soll ich von der Verführung sagen? Es ist wohl so
/ dass Böse unter Frommen; Fromme unter Bösen sein: Ich gebe zu / dass die
Unsterbliche ihr Heiligtum erhalten: Ich gestehe / das nicht folge / wann einer
ein Unflat sei / müsse der ander auch dieses Laster erwählen: Aber dennoch darff
ich mit Warheit sagen / dass ein Verderbter den ganzen Hauffen anstecke; das
Heiligtum durch böse Gesellschaft verwüstet; die Frommen von den Bösen
verleitet werden. Und solches desto eher / weil der verführenden Lüste so viel
sind / dass ihnen nicht leichtlich Widerstand kann gehalten werden / bevorab wann
unsere verderbte Natur / von sich selbst / darzu geneigt ist. Bald muss man / um
Ehre zu erhalten / in ein Laster willigen: Bald / um Freundschaft zu erwerben /
etwas sündliches begehen: Bald / um Schande zu meiden / etwas wieder Willen
billichen. Viel Sachen tut ein Gesellschaft-liebender / die er für sich selbst
nicht täte. Er muss panquetiren / will er nicht für einen Hypocriten gehalten
werden: Er muss spielen / will er nicht ein Kärgling sein: Er muss buhlen / will
er nicht für einen Einfalt gescholten werden: Er muss fressen und sauffen / will
er nicht für einen Schmal-Hanss angesehen sein: Er muss die Wollüste nehren und
mehren / will er nicht ein Heiligen-Fresser / und für einen solchen ausgeruffen
werden / der den Göttern die Füss abbeisse: Er muss mit lachen / will er nicht den
Namen eines Sauer-Topffs führen: Er muss auch mit weinen / will er nicht / dass
man ihm das Laster der Unbarmhertzigkeit beimesse: Und endlich muss er alles mit
halten /was die Gesellschaft beliebet / oder zu halten erwählet. Saget mir nun
/ Polyphile! ob nicht die von allen denen Lastern befreiete Ruh der Einsamen /
um mehr denn tausend Grad / der Tugend-stürmenden Unruh deren Gesellschafter
vorzusetzen / und weit höher zu schätzen sei?
    Euren Gründen nach / versetzte Polyphilus / ists freilich so: Aber wann ich
der Sach gründlicher nachdencke / finde ich dennoch / dass meine Meinung nicht
allerdings verwerfflich. Euer weitläufftiger Beweis bestehet auf zween Gründen /
nämlich / der Bosheit der Menschen / und der verführenden Gesellschaft: Wann
aber dieser Schluss richtig ist / wer sieht nicht / Philomate! dass wir / auf
solche Art / diss ganze Welt-Haus / in weniger / als hundert Jahren /wollen
geleeret und ausgestorben haben. Eurem Schluss nach / will ich ebenmässig
schliessen / dass auf diesem ganzen Erden-Kräiss / und unter dem gesammten
Menschlichen Geschlecht / keine Freundschaft zu halten / keine Gesellschaft zu
stifften. Ist aber das? Wo bleibet Liebe / Treue / Aufrichtigkeit /Frommkeit /
Guttat? Ja! wo bleiben alle Tugenden? Wo bleibet Freude / Ehre /
Glückseeligkeit? Wo bleibet endlich die Ordnung der Unsterblichen? Alles
verrauchet / wie ein Dampff / und wird verzehret / wie ein Nebel. Oder ich will
schliessen / dass alle Gesellschaften tadelich / lasterhaft / betrüglich /
untreu und voller Untugenden sein. Ja! dass keine Freundschaft mit dem Band
treu-gehertzter Liebe gebunden / noch mit den Fässeln der unverruckten
Aufrichtigkeit bestricket. Welches doch / in Warheit / in vieler Ohren zu hart
klingen / und manchen treuem Hertzen zu nahe würde geredt sein. Darum erkennet /
Philomate! wie weit ihr fehlet. Und gefällt es euch / will ich mit müglicher
Kürtze weisen / wie eure Gründe /die ihr wider mich geführet / euch selber
bestreiten und gefangen legen werden. Ihr schliesset dahin / dass man mit Bösen
keine Gesellschaft pflegen soll: Ich rate vielmehr das Wiederspiel. Fragt ihr
die Ursach /gebe ich euch zu erkennen / ja! zu beantworten: Ob der allein weise
Himmel / welcher eine solche Ordnung gestifftet / dass Gut und Böss beisammen sei
/deswegen das Gute zum Bösen gesellet / dass dieses von jenem verbessert / oder
jenes von diesem verführet und vernichtet werde? Wer das Letztere behaupten
wollte / würde aus der heiligen Zahl der Unsterblichen / eine verdammte Zahl der
Ungerechtigkeit machen: welches / wie es keinem Sterblichen möglich; also auch
höchst-schädlich sein würde. Das Erste aber zu bejahen / heisset uns die Güte
des Himmels /und die Gewogenheit der Unsterblichen gegen die Sterbliche selbst.
Dann auf dieser Meinung beharre ich fest / dass nicht gnug sei / Tugend lernen;
nicht genug / Tugend lieben; nicht genug / Tugend wissen; nicht genug / Tugend
besitzen: sondern das einige Tugend-üben besser sei / als alles Besitzen / alles
Wissen / alles Lieben / alles Lernen. Wo lässet sich nun die Tugend-Sonne heller
blicken / als in der Finsternüs der Laster? Wo mag die Ehren-Blume rühmlicher
blühen / als unter den Dornen der Unehr? Ein Tugend-geziertes Gemüt lässet sich
nicht verführen zum Bösen: sondern verführet die Bösen zum Guten. Ein
Ehren-bereichtes Hertz lässer sich nicht verleiten zur Un-Ehr: sondern leitet
die Schande zur Ehr. Ist also euer Schluss / geliebter Philomate! nicht so
kräfftig /als warhaftig das gesagt wird: Wer Tugend liebt /und Ehre verlanget
/ soll sich der Einsamkeit entziehen / und der Gesellschaft der Menschen
ergeben /damit er die Grossmütigkeit seines Hertzens erweise /den Lastern zu
widerstehen / und die schuldige Gebühr / so ihm sein Vermögen aufleget / in
Verbesserung frembder Sitten / ablege. Sehet ihr nun / Philomate! und verstehet
ihr / wohin ich ziele: so werdet ihr auch eben recht verstehen / dass nicht nur
die Tugend-begabte ihre Schuldigkeit beobachten / wann sie bemühet sind / sich
zu andern zu gesellen: sondern dieselbe auch weitlich übertretten / wann sie
sich der Einsamkeit zu ergeben gedencken.
    Philomatus wusste nicht wohl / wie er dieses beantworten sollte; Polyphilus
aber / der es ihm am Gesicht ansah / sagte ferner: Weil ihr dann sehet /
Philomate! dass dieser euer Schluss nichts würcket oder gewinnet / so behertziget
ferner meine Gründe / die ich zu erst gesetzet / vielleicht möchtet ihr die
Einsamkeit gesegnen / und auf einen andern Sinn geraten.
    Ehe wird die Insul Solette / gab Philomatus zur Antwort / mich nicht mehr
ihren Bewohner grüssen; Ehe wird die Tugend-verliebte Göttin das Gefängnüs ihrer
Traurigkeit auflösen / als ich den Bund und das Gelübd / welches ich in meinem
Hertzen getan / brechen und entfässeln will. Ihr seit auch / fuhr er weiter
fort / ganz unrecht daran / geliebter Polyphile! in dem ihr / was ich von mir
geschlossen / wollet auf die ungezehlte Meng der Sterblichen ziehen. Ist dann
ein anderer auch / wie ich / gesinnet? Ich meine / so mancher Mensch / so
mancher Sinn. Mir und euch dienet die Einsamkeit / ja allen Bewohnern dieser
Insul /weil sie mit mir und euch / ihr Sinnen in den Schrancken / der Erlernung
guter Sitten und Künste / lauffen lassen. Wann darum nichts wäre in allem / das
mir ein einsames Leben beliebig machen könnte / wäre das genug / weil ich / in
solchem Stand / besser und mit unverhindertem Fleiss sinnen / dichten / dencken /
und solchen Sachen nachgründen kann / die wegen anderer Unruh und Verhindernus /
offtermals menschlichen Gedancken verborgen / und unsern Sinnen zu erreichen
unmöglich sind. Wisset ihr nicht / Polyphile! dass die Einsamkeit von den
Gelehrtesten und Weisesten jederzeit sei vor eine Lehrerin der Weissheit / vor
eine Nehrerin der guten Sitten / ja! endlich gar vor eine Mehrerin aller
zugelassenen Erlustigung geschätzt und verehret werden. Was hat Epicurum /
Salustium / Lucanum und andere darzu bewogen / dass sie ihnen sonderlich das
Garten-Leben gefallen lassen? einig die Einsamkeit / welche ihre Sinnen mit den
Gaben der Weissheit zierete. So bin ich leicht zu überreden / dass / wofern der
hochgeschätzte Virgilius / die Neapolitanische Felder / Cato sein Sabinum /
Cicero sein Tusculanum / Plinius Nepos sein Laurentium / Petrarcha sein
verschlossenes Tal / Ficinus sein Berg-Vorwerck / Mirandulanus und Politianus
ihr Fesulanam / und Sannazar sein Mergillina nicht gehabt / oder öffters
besuchet / wären sie nicht an das Gestirn erhoben / sondern wohl in die
Vergessenheit vergraben worden.
    Als Philomatus so redte / fahe ihn Polyphilus /mit lachenden Geberden / an
/ und schüttelte den Kopff / anzudeuten / dass diss nicht geantwortet wäre auf
seinen Einwurff: Dann / in die Rede zu fallen /verbot ihm seine geziemende
Höfligkeit. Weil aber Philomatus noch unter dem Reden solches merckte /fieng er
zum Polyphilo an: Was schüttelt ihr den Kopff / Polyphile! Als wann ich unrecht
geredt? Die tägliche Erfahrung wird mich bei der Warheit schützen. Je freier der
Muht ist / je fröliger ist er auch in allem / das er sinnet und dichtet. Wo kann
aber eine grössere Freiheit gefunden werden / als bei einem einsamen Leben; Ein
einsames Leben aber erfordert auch einsame Örter:
Ein schön begrüntes Tal; die Wald- und Felder-Freude:
Die gleichfals freie Lufft; der wilden Örter Ruh;
Und hochgespjetzte Berg / die helffen gleich darzu /
Dass unser Sinn sich hebt: und eine bunte Heide /
Auch der behaarte Pusch / die steuren allem Lende
Und fördern frohe Lust: der Brunnen leiss Getön
Läst die Gedancken-Post / ohn Zoll und Zinse / gehn /
Wohin sie gehen will: führt sie auf frische Weide:
Gibt Weissheit und Verstand: schafft einen freien Mut /
Der mehr in einer Stund / als sonst in zehen tut.
Auch wo das schöne Feld trägt Speise / wohl zu leben /
Wo Schatten wirft der Baum / wo weht ein leiser West /
Da dichtet unser Sinn; und wann die Sorge läst
Das Hertze hinter sich / dann kann es sich erheben.
Sehet selbst / Polyphile! auch diesen Ort / und euren eigenen Wandel an / wie
gefället euch die Einsamkeit so wohl / die ihr doch so hart scheltet. Ich meine /
ihr folget den jenigen / die / wann sie ja in Kriegs-Läufften aufgefordert
werden / dem Feinde getrost unter Augen ziehen / und sich ihres Manns nach
Vermögen wehren: Nichts desto weniger aber auf den Frieden /als ein Kleinod
dessen / und ein Vorbild des künftigen Lebens / mit sehnlichem Verlangen
hoffen. Doch kann und darff ich mich nicht unterstehen / von euren Gedancken und
Vorsatz etwas gewisses zu benennen /wofern ich nicht den Namen führen will / dass
ich /wie jener von dem Tun des Himmels fragte: also die Hertzens-Erwählung / so
menschlichen Augen verborgen ist / kündigen wollte. Was aber meine Person
anlanget / gesteh ich gern / dass ich nicht gleich sei jenem Wunder-Fisch /
welcher sonst Abides genennet wird. Dieser lebet und nehret sich eine geraume
Zeit im Wasser / nach Art der andern gemeinen Fisch: Wann er aber alt wird /
steiget er aus dem Wasser /auf das trockne / und machet sich so ferne vom Ufer
/dass er solches die Zeit seines Lebens nimmer sieht /nimmer suchet: wohnet auf
der Erden / nehret sich von der Erden / und wird einem Erden-Tiere ganz
gleich: Daher er dann nicht mehr Abides / sondern Astoitz genannt wird. Gleich
so hab ich mich / aus dem trüben Wasser der weltlichen Lust und Unruh /in den
sichern Port der Einsamkeit begeben / nach dem ich meine Jahr so hoch geführet:
will auch nunmehr bei dieser angenehmen Verharrung bleiben / so lang die
Lebens-Göttin meinen Faden nicht reissen wird. Und werdet ihr euch vergebens
bemühen / meinen Vorsatz mit euren Widerrat zu bestreiten / massen ich die Zeit
meiner Tage mich nie vergnügter oder beseeligter befunden / als weil ich meine
Sinnen von der Welt abgerichtet / und allein zu leben erwehlet.
    So seit ihr gewiss / sprach Polyphilus schertzweiss /befreundet mit dem / von
welchem ich unlängsten bei Dion im Hadriano gelesen / dass / nach dem er von den
Regiments-Ehren entsetzet / in die wilde Felder vertrieben / und allda 7. Jahr
lang verharret / nach seinem Tod / ihm dieses Innhalts eine Grab-Schrifft
verfertigen lassen:
Hier ligt der Wunder-Mann an diesem Ort begraben /
Der vor so lange Zeit / nur sieben Jahr wolt haben /
Die er mit Glück gelebt: An Jahren war er alt /
Und lebte doch nicht lang: sturb der nicht gar zu bald?
Aber / fuhr Polyphilus weiter fort / wem nutzet ihr in diesem euren Leben;
werden auch andere zu euch heraus kommen / und Weissheit holen? Oder seid ihr
allein zu eurem Nutzen geboren? Was frommet ihr euer Ehre und Nachruhm? Wird
selbigen auch die Einöde erheben / oder werden ihn die unbezungte Felder
besingen? Vielleicht folget ihr denen einsamen Schwanen / mit welchen (wann die
Freiheit der Poeten / nicht etwa ein Gedicht / vor Warheit verkauffet) einsmals
die Gesellschaft-liebende Schwalben ein Gefechte angefangen / und ihnen
aufgeruckt / dass sie vor den Menschen jederzeit furchtsame Flucht nehmen / und
ihrem Schutz sich nicht vertraueten / auch ihre lieb-singende Stimme denen
menschlichen Ohren nicht vergönneten: sondern / als die Einsame / fort und fort
nur in den Wiesen / Flüssen / Wäldern und Feldern allein lebten / auch gar wenig
/ und nur vor sich selbst sängen / gleich als schämeten sie sich ihrer
röchlenden Stimme: Da hingegen sie in den Städten /Stuben und Kammern / bei den
Menschen frei und sicher girren und kirren dörfften / und alles ihr Tun und
Verrichtung erzählen. Welchem Geschwätz die Ruh-begierige Schwanen mit diesen
Worten geantwortet: Unsre belobte und beliebte Gesänge zu hören / kommen wohl gar
die begierige Menschen in unsre Einöde / und verlassen die Stadt: Ihr aber seid
den Leuten auch in ihrem Zelt und Gebäu beschwerlich / und könnet euer unnötiges
Schwatzen nit lassen / ob euch noch einmal die Zung beschnitten wäre. Gebet ihr
mir auch die Antwort / mein Philomate! und seid ihr so gesinnet / will ich euch
/ mit meinen widrigen Reden / nicht länger verdriesslich sein.
    Dieser Schertz / wiewol er den Philomatum zum Lachen bewegte / mochte doch
nicht so höflich vorgebracht sein / dass er nicht deswegen Polyphilum straffte /
und zu vernehmen gab / wann man von ernstlichen Dingen rede / solle man anderer
vergeblichen Unnötigkeiten vergessen: Wäre also sein Begehren / so er ferner
einen Einwurff tun wolle / die Einsamkeit zu bestraffen / soll er die noch
übrige kurtze Zeit nicht mit andern unnützem Geschwätz verderben.
    Polyphilus merckte wohl / dass dieser Eyfer nirgend anders herrühre / als aus
der Scham / die daher erwachsen / dass er ihm auf seine Gründ nicht antworten
können / und hätte solches gern erinnert: aber die gebührende Schamhaftigkeit
hielt ihn im Zaum / darum er in folgende Wort heraus brach: Der Einwurff / so
noch übrig / ist dieser / dass ich alles / was ihr auf eure Person ziehet / gern
zugebe / und gestehe / dass einem Kunst-sinnendem nichts bequemers / als die
einsame Örter; auch liebe ich in diesem Lieben selbst dieselbe: Aber wie werdet
ihr / auf solche Art / die Tugend-Göttin dieser Insul / und ihren Vorsatz / der
Anklag befreien? So viel hab ich doch mit meinen Gründen erwiesen / dass sie
unbillich und wider die Tugend handele / in dem sie die Einsamkeit erwählet. Und
wolt ihr / Philomate! sie schützen / müsst ihr mir auf das antworten / was ich
euch zu allererst entgegen gesetzet.
    Gar wohl / sagte Philomatus / dann das ihr / Polyphile! gesagt / von der
Vorsehung des Schöpffers / ist solches nicht überall gleichgültig / sondern nach
Gelegenheit der Zeit und Ort zu ändern. Mit nichten /versetzte Polyphilus
dawider / Gottes Schluss bleibet /wie er ist / dass er aber / durch den
Widerwillen der Menschen / oft nicht vollbracht / sondern verhindert wird / das
ist eben menschlicher Widerwille / der mehr zu schelten / als zu loben. Und dass
wir dessen nicht mehr gedencken / was saget ihr von der Hertzens-Betrübnüs /
welche eine Ursacherin ist der Einsamkeit / und endlich in eine Verzweifflung
stürtzet? Philomatus antwortete: das sei ferne von unserer Göttin! Ja! sagte
Polyphilus / so sei auch ferne von ihr die verführende und betrübte Einsamkeit.
Und /fuhr er weiter fort / was sagt ihr zu dem / dass ich diss Gefängnüs einen
Fecht-Platz der höllischen Geister genennet? Dieses brauchet einen grossen
Beweis /gab Philomatus zur Antwort: und Polyphilus: Nicht so gross / als ihr
vermeint. Möchtet ihr ein wenig in die alten Historien gehen / und euch eines
und andern besinnen / würdet ihr die Warheit mit Händen greiffen. Soll ich euch
nochmal in das Buch der Offenbahrung führen / so gedencket an die Mutter aller
Sterblichen: Wäre Eva nicht allein gewesen / wäre sie nicht von dem Höll Geist
verführet worden. Was soll ich von Lot sagen? da er allein war / beschlief er
seine Töchter. Was vom Aaron? da er allein war / richtete er das güldene Kalb
auf. Was von David? da er allein war / gewann er die Batseba lieb. Was vom
Saul? da er allein war / plagte ihn der Geist; und noch andere mehr / die nur zu
erwähnen / euer selber Wissen und Besinnen Verbot gibt. meint ihr aber / dass
eure Göttin / welche gleichwol auch menschlichen Schwachheiten unterworffen /
von dem befreit? Ich zweiffle sehr. Was wird mir zur Antwort werden /wegen der
gebührenden Hülff / so ein Mensch dem andern schuldig? Wer allein ist / wie wird
er andern helffen? wie wird ihm von andern geholffen werden? Ein Wandersmann /
wann er allein ist / irret leicht /und fället den Mördern in die Händ / dieweil
ihm keiner den Weg zeigt.
    Das ist wunderlich geschlossen / fieng Philomatus an / und schicket sich
nichts weniger auf unsre Göttin. Ihre Einsamkeit müsst ihr nicht so deuten /
als wann sie von allen verlassen / sich zu keinem Menschen geselle: Nein / das
Gelübd geht bloss auf den Vorsatz /der unverehlichten Glückseeligkeit / welche
sie geredt / und zu halten gesinnet. Ist eben recht / sagte Polyphilus / wird
dem nicht geholffen / der allein ist /von einem fremden oder sonst unvertrauten
Freund: So wird auch dem nicht geholffen / der allein ist /ohne dem Vertrauten /
von seinem vertrauten Freunde. Was ist das geredt? fragte Philomatus: dem
Polyphilus antwortete: Die Meinung ist diss / je lieber und näher mir einer ist /
je fleissiger und getreuer ist er. Ein Getreuer aber hilfft mit seiner Treu: Der
mir aber nicht verbunden / verlässt mich gar. Fällt nun der so keinen Vertrauten
hat / wer wird ihm helffen? Der sich aber seines Erwählten getrösten kann / weiss
wieder aufzustehen. Weisslich hat daher geredt der Weiseste unter der Sonnen /
wann er gesprochen: Es ist je besser zwei denn eines / denn sie geniessen doch
ihrer Arbeit wohl. Fället ihrer einer / so hilfft ihm sein Gesell auf. Wehe dem!
der allein ist; wann er fällt / so ist kein ander da / der ihm aufhelffe. Auch /
wenn zwei beieinander liegen / wärmen sie sich; wie kann ein einzeler warm
werden? Einer mag überwältiget werden / aber zween mögen widerstehen; denn eine
dreifache Schnur reisst nicht leicht entzwei. So hat der weise Salomon
geschrieben: Was saget ihr darzu?
 
                                 Vierter Absatz
Beschreibet den Abschied Philomati / mit Versprechung der Wiederkehr / welcher
  / durch den Vorwitz Polyphili / vergebens wart / der ihn / Polyphilum / mit
Lebens-Not / weit von dannen geführt: Lehret / wie wir unser Glück oft selber
                            mutwillig verschertzen.
Philomatus hätte gern geantwortet / aber es begunten sich allgemählig die
Strahlen der Sonnen hinter die Berge zu verstecken / und warff die einfallende
Nacht ihren Schatten zusehens herein: Derentwegen Philomatus stillschweigen /
die grünen Matten verlassen /wieder zu Hause kehren / und von dem Polyphilo
Urlaub nehmen musste: doch mit dem Vorbehalten / dass /so bald der morgende Tag
diesen Nacht-Teppich wiederum aufdecken würde / wolle er / um ihr angenehmes
Gespräch zu vollführen / sich wiederum an diesem Ort antreffen lassen / und ihm
/ dem Polyphilo /nicht nur gnügliche Antwort / auf seine getane Einwürff;
sondern auch von dieser Insul / und deren Innwohnern / sonderlich aber von der
Tugend-Göttin /mehrern Bericht erteilen.
    Polyphilus bedanckte sich garschön / nicht nur wegen der schon-erwiesenen
Dienstfertigkeit: sondern auch des beschehenen Versprechens / mit Erbietung /dass
er solchen erwünschten und verlangten Gefallen zum Pfand Gunst-geneigter
Gewogenheit annehmen /auch mit aller seiner / zwar geringen / doch so willig-als
schuldigen Dienst-Vermögenheit wieder ersetzen wolle. Und damit hiessen sie
beide einander wohl ruhen. Philomatus suchte seine Insul: Polyphilus aber voller
Verlangen / und begierig dasselbe / wovon er zu seiner Betrübnüs gehöret / zu
erlangen / kondte nicht den geringsten Schlaff annehmen: Darum er sich / Zeit
und Weil zu kürtzen / auch die eingeschlichene Melancholei zu vertreiben /
wiederum zu Schiff setzte / in willens / diesen Peneus-Strand völliger zu
besehen / und aller Orten seine Beschaffenheit zu erkundigen / auch wo müglich /
in die Insul selber zu gelangen: Welch sein Vornehmen dann nicht wenig stärckete
/ dass die funcklende Nacht-Fackeln / mit samt Cyntia / ihr Silber-Liecht
aufgestecket / und die umschattete Finsternüs aller Orten erhellet / dass es sich
mehrenteils einem liechten Tag gleichete: Aber alles zu seinem grossen Unglück!
Dann / so bald der arme Polyphilus in die höhe gefahren / verlohr er alles
Liecht / spürete rauhe Winde / dicke Finsternüs / aufgelauffene Wellen / und das
alles in einem Augenblick / so gar / dass er nicht anders klagen kondte / als das
ganze Gestirn hätte sich / mit denen Elementen /ihn zu verderben / verschworen.
Und ob er wohl mit halb-nächtiger Arbeit / und mühsamen Beginnen /sein / von dem
Wellenwerffenden Strom / schon halb-ertödtes Leben / endlich errettete: wurde er
dennoch /durch der Winde grausames Brausen / mit seiner tieffsten Bestürtzung /
nicht nur von dem beliebigen Peneus-Strand / in einen andern gleich unbekandten
/ ja auch viel unangenehmern Strom verleitet; sondern auch so ferne geführet /
dass alle Arbeit und Kräffte vergebens angewendet scheineten / wann er seine
vorige Freuden-Geniessung wieder suchen / und / an dem bestimmten Ort / von
Philomato fernern Bericht haben wollte.
    Doch dennoch / ob die blosse Unmüglichkeit an der hellen Sonnen war / wollte
gleichwol Polyphilus /durch seine erhitzte Begierde und Grossmütigkeit des
Hertzens / anheut erweisen / dass nichts so schwer und gewaltig sei / welches
nicht von unnachlässigem Fleiss / und List-erfundenen Räncken überwältiget werden
köndte. Darum er mit Fuss und Händen / auch über sein Vermögen / wider die Winde
zu segeln / die auflauffende Wellen zu bestürmen / und an seine verlorne
Lust-Insul wieder anzuländen arbeitete: hätte auch bei nahe die Zeit getroffen /
wann nicht selbst sein Trotz-begieriger Vorsatz / den Zorn der tollen Wellen /
und Grimm der wilden Fluten immer mehr ereifert und erhitzet hätte.
    Philomatum hatte sein höfliches Versprechen zu ernandter Zeit wieder zu
ruck bracht: aber Polyphilum hielt / teils seine Vermessenheit / teils der
unnötige Vorwitz / gefangen. Und wie es gemeiniglich zu geschehen pflegt / wo
gestern das wankende Glück / mit lachenden Geberden / gespielet / da ziehet es
heut /mit voller Grimmigkeit den Gewinn heim: Also musste Polyphilus zum
Spiel-Raub werden / und dem verbosten Neid / des widerwertigen Glücks / ein
erbärmliches Schau-Spiel anstellen / mit seiner unglückhaften Schiffart. Dann
bald liess es ihm / als aus mitleidender Erbarmung / die verlangende Peneusische
Wasserwogen / von dem erhöheten Fluss / in der ferne / sehen: hielt ihn aber
dabei / dass er nichts dann die Augen /und diss zwar nur mit Betrübnüs / weiden
kondte. Bald gebot es einem wolfügigem Westen / dass er ihn und seine Segel gar
auf den ernanten Fluss führete / so gar / dass er / aber mit grossem Hertzenleid /
der heftig-begehrten Insul ansichtig wurde: hielt ihn doch dabei / dass er nicht
erlangen kondte / was ihm seine Augen zu erlangen müglich / vorbildeten. Endlich
kam er durch des falsch-gewogenen Glücks Regierung so weit / dass er den
erwünschten Philomatum / wiewol mit Forcht und Schrecken / ersiehet / und nun
gedencket / sein Verlangen zu ergäntzen: Aber es ergriff ihn ein gestrenger
Sturm / durch dessen Widerwertigkeit / er in dem feindlichen Gewitter /
dermassen verworffen wurde / dass er nicht nur die Insul und Philomatum; sondern
so gar auch sein Schiff verlohr /weil es unter ihm zerschmettert / Polyphilo /
der mit Wellen bedeckt wurde / den Tod ansagte.
    Was tut aber die gütige Vorsehung des Himmels? Ob Polyphilus nicht wusste /
wie ihm geschehen / und wo er hinkommen; bleibt er dennoch fest auf einem
Schiff-Balcken / darauf er sein so scheinendes noch kurtzes Leben erhielt / auch
aller andern Gedancken vergessend / einig sich dahin bearbeitete / wie er /
selbiges folgend zu erhalten / ans Land gelangen möchte. Alle arbeit aber war
umsonst / und mochte nichts helffen / dass er nicht / den ganzen folgenden Tag
durch / (da ich leicht glaube / dass selber das Unglück die Sonne aufgestecket
/ und die Widerwertigkeit das Liecht leuchten lassen /) in Wasser- und
Wellen-Gefahr schweben / und gleichsam ertödtet leben musste: biss er endlich
durch die mitleidige Hand der Unsterblichen errettet / wieder zu Land kommen /
und an einen zwar sichern Port anlendete / aber der bei weitem der Insul
Soletten / und deren vermehrten Wald- Feld- und Berg-Freuden nicht zu
vergleichen.
    Wie schmertzhaft damals seinen Sinnen muss gewesen sein / kann ein jeder
leicht gedencken. Nun /dachte er / ist alles verloren: nun sehe ich Philomatum
nicht wieder: wie dann auch geschehen. Er hebte an / sein Unglück zu beklagen /
seine Betrübnüs zu beweinen / seine Schmertzen zu beseufftzen; auch vor grossem
Unmut diese rasende Winde und ergrimmte Wellen / die ihm alles Glück und
Nutz-bringende Freude erträncket / durch des Himmels Verderben zu verfluchen.
Doch halff es alles nicht / er musste sich in seinem Elend zu frieden geben / und
dancken / dass er sein Leben errettet / und wieder auf ein trucknes Land kommen.
Da wir Polyphilum eine weil ruhen lassen /und sehen / was Philomatus getan.
 
                                Fünfter Absatz
 Beschreibet das Unglück Philomati / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten
Polyphili / wie gemeiniglich / bei grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; Zu
  Seiten Philomati / wie heimliche Misshandlung / von dem Himmel / öffentlich
                               gestraffet werde.
Dieser ist / wie wir oben gehört / seinem Versprechen gehorsam / zu bestellter
Zeit / und am besagten Ort erschienen / wohl versehen und bereit / mit Polyphilo
von allerhand denck- und redwürdigen Dingen sich zu besprechen / wann nicht das
feindseelige Glück ihre Kugel gedrehet / und eine Hertz-drückende Traurigkeit /
zu dessen Verhinderung / gesetzt hätte. Er erwartete des Polyphili inständig /
und solches um desto mehr / weil ihm die Ursach seiner Abwesenheit nicht bekandt
war. So mochte er auch nicht erfinden / was ihn von dannen weggeführet / oder
wohin er sich gewendet. Bald hebte er seine scharff-stralende Augen gen Auf-
bald gen Niedergang dieses Flusses / kondte aber sein Warten nicht erwarten.
Dieses zwar kunte er leicht schliessen / dass / wie er vernommen / Polyphilus sei
ein Jüngling / der viel zu sehen und zu erfahren verlange / als werd er sich dem
Wasser vertrauet /und / um ein und anders zu erforschen / weiters geschiffet
sein: Doch / gedacht er im Gegenteil / weiss ich auch / dass er so verständig /
ja! so höflich und bescheiden / dass er mich / der ich / wie er weiss / sein
bestes müglichsten Fleisses suche / nicht ohne gnugsame Ursach / wird verlassen
/ oder vergeblich heraus beschieden haben / wann er nicht gewiss wäre
entschlossen gewest / gestriges beiden Teilen wolgefälliges Gespräch / anheut /
mit gutem Willen und bessern Nutzen / fort zu setzen. Deswegen er dann noch
immer in dem festen Vertrauen ruhete / er werde sich bald einstellen. In dem
sich aber Philomatus mit vergeblicher Hoffnung tröstet / auch solche fester zu
gründen / sich an den Ort / der sie den vorigen Tag beide in den Schoss gehalten
/ mit langweiligen Gedancken nidersetzet / überfällt ihn der süsse Zwang der
Ruhe / welche er auch / als einen mächtigen Sorgen-Zwinger / und lebhafte Cur /
für traurhafte Sinnen / mit fröligem Empfahen / aufnimmt. Aber / O Unglück!
nicht so bald hatte der geschwinde Schlaf /seine Augen-Lieder mit verstolener
Hand zugeschlossen: das nicht allbereit der viel-deutende Morpheus das liechte
Sternen-Tor / dem von Sorgen wachenden Hertzen eröffnete / und ihm viel hundert
Traum-und Schatten-Bilder vorstellete. Anderer zugeschweigen / deren keines doch
/ so viel wir Menschen von ungewissen Sachen urteilen können / einen Lust-
führete / war dieses das allerschröcklichste / dass er Polyphilum ihm zu wider:
sich aber selber dem Polyphilo alles böses würckend / erkennte / und das auf
solche Art / als wann er / Philomatus / dem Polyphilo / seinem hertzlich
geliebten Freund / mit einem Schermesser das Leben zu nehmen; Polyphilus aber
/sich davon zu erretten / mit einem scharff-schneidigen Dolchen auf ihn los /
und in den Wanst zu schneiden eilete: Welcher Schnitt dann so gefährlich / dass
er das Hertz getroffen / und ihn / Philomatum / Seelen-los zu seinen Füssen /
auf den Boden nidergelegt. Durch welches Schatten-Werck Philomatus / so voller
Schrecken / erwachet / als wanns in der Warheit geschehen wäre; auch ihm so fest
eingebildet / dass er nicht gesäumet / nach der Wunden zu greiffen / (welches
fast lächerrlich zu sagen und zu glauben) und ob ihm der Lügen-Mahler / auch
Warheit vorgebildet hätte / zu forschen.
    Leichtlich war nun dieses zwar widerleget / weil die Erfahrung selbst ein
Widriges zeugete; doch dennoch vermochte diss trügliche Bild so viel / dass
Philomatus von stund an heim / und von dannen eilete /aus Furcht / es möchte
ihm sein Traum / ehe er sichs versehe / erfüllet werden. Wie aber das Glück
gemeiniglich zu spielen pflegt / dass / wer seine Tropffen fliehet / müsse gar in
seiner Tieffe ersauffen / so ists auch dem guten Philomato ergangen. Dann so
bald er sich in seinen Nachen setzet / und der Insul Soletten zueilet / wird er
von so viel tausend widerwertigen Gedancken / die teils durch Furcht / teils
durch Misstrauen / ernehret und gemehret wurden / dergestalt umringet / dass zehen
Gift-verderbende Dolchen /durch Polyphili Faust geführet / ihn nicht so hart
und hertzlich hätten verwunden können / oder sein Leben ermorden / als ers ihm
selber / durch Kummer und beängstigte Verzweifflung abnagete. Die Ursach dessen
werden wir jetzt vernehmen.
    Damals / als Polyphilus von dem ungestümmen Meer so heftig bedränget wurde
/ reisete ein fremder Ritter / Namens Pistimorus / an dem Ufer desselben vorbei
/ und hörete sein jämmerlich Klagen / auch /ohne Errettung / Hülff-schreiendes
ächtzen / mit nicht geringer Betrübnis an: wurde auch unter andern sonderlich
dieser Wort verständiget: Philomate / Philomate! was tust du? kann ichs dann /
wegen meiner widerwilligen Abwesenheit nicht vergelten / so gebe dir der Himmel
deinen Lohn. Solette / du schönste der Jusuln / verrichte an meiner statt / was
ich nicht verrichten kann. Dieser / als Frembdling / wusste nicht /was das
bedeuten solt / doch in Ansehung der vor Augen schwebenden Todes-Noht / kont er
ihm kein andere Gedancken machen / als Philomatus habe diesem Nohtleidendem
solch Bedrangnus zugerichtet /und fordere selbiger / mit diesen Worten / die
Rach. Erinnert sich derowegen alsobald seiner Pflicht / die er dem ritterlichen
Orden zu halten schuldig / (dann er Polyphilum auch vor einen Ritter hielt /)
beschleust bei sich / auf Soletten zu zugehen / und den Tod / des nunmehr / von
den Wellen / aus seinen Augen / weggerafften Ritters zu rächen / weil er ihn ja
nicht von dem Untergang / ohne gleiche Lebens-Gefahr / erretten können. Was
geschicht? Mord und Todschlag war die tägliche Speise seines Hertzens / und so
lange /biss er gen Soletten gelangete / da er dann alsobald dem Philomato
nachfragte / und die Rach zu üben Gelegenheit suchte.
    Nun erkenne ein jeder / was vor Gift / das bosshaftige Glück / denen
einschencke / die ihm widerstreben / und den Tugenden nachgehen. Zu nächst an
dem Hause / darinnen Philomatus / mit kümmerlicher Forcht / sein noch geringes
Leben kürtzete / nam dieser Ritter seinen Einzug / nicht wissend / dass er so
nahe sei bei dem / dessen unschuldiges Blut / seine verdamte Pflicht vergiessen
/ und seine Hände besudeln würden. Das erste / nach dem er fragte / war
Philomatus / darauf er auch alsobald richtige Antwort /aber auch zugleich
Gelegenheit zu grossem Unglück /erhielt. Dann / weil er so fleissig nach
Philomato fragte: wie er bisher gelebt? was man von ihm hielt? ob ihm neulichst
nichts neues widerfahren? und so fort: gab der einfältige Hausswirt / Namens
Amichanus / / der ihm nichts Böses einbildete / alsobald / und von allem /
völligen Bericht; so gar / dass er ihm auch erzehlte / wie vor wenig Tagen / der
gute ehrliche (so waren des Hausswirts Wort) Philomatus / ausser der Insul / an
dem Ufer / einen frembden Jüngling / Namens Polyphilum / angetroffen / selbigen
dermassen viel vertrauet / dass ihm anjetzo gereue / und er sich deswegen fast zu
todt kräncke: wiewol andere sagen wollten / Er / Philomatus / hätte Not
erlitten / und habe Polyphilus gewaltige Hand an ihn geleget / dass sich
Philomatus kaum mit dem kleinen Nachen salviret / ihm entrissen / und also mit
solchem Schrecken herein gefahren / der ihn noch / biss auf diese Stund /kräncke
/ auch wohl gar ins Grab legen werde. Doch /fuhr er weiter fort / sind in diesem
die Sagen der Gemeine auch nicht allerdings eins: weil andere wollen /entweder
Polyphilus / habe dem Philomato Geld entführet / oder dieser habe jenen / aus
erheblicher schändlicher Ursach / verjaget / auch wohl gar getödtet; weil er /
Polyphilus / ohne einiges Wissen oder Nachrichtung von hinnen geschieden; und
wenn man deswegen den Philomatum bespreche / sei / sein nicht Wissen / die
Antwort: Doch schliesse der meiste Teil aus seinem / biss daher geführten /
sorglichen Leben / es müsse nicht allerdings / nach dem Recht der Liebe und
Tugend ergangen sein.
    Dem Ritter fielen diese Wort / wie lauter Donner- / ins Hertz; bevorab /
wann er das klägliche Geschrei Polyphili / neben der Rach-Begier / die er der
Insul heimgestellet / bei sich behertzigte. Und obwoln Polyphili Wort so gestalt
waren / dass sie viel ehe vor Klag-Wort angesehen; als zur Rach kondten
ausgeleget werden: (wie sie dann auch in Warheit nichts anders waren / als
hertzliche Senftzer / die er seinem vertrauten Philomato zuschickte / und
dessen unverhoffte Abwesenheit betraurte) mochte doch der blut-durstige Argwohn
und mord-gierige Eyfer / welcher das Hertz dieses frembden Ritters schon
längsten besessen / ihm nicht benommen / sondern durch solche Erzehlung immer
mehr und mehr gestärcket werden: biss endlich das mord-geneigte Unglück Zeit und
Gelegenheit genug an die Hand gab / solche Blut-triefende Gedancken / im Werck
zu vollbringen. Wie dann die folgende Nacht / als oft ernannter Ritter sich zur
Ruh begeben wollte / und in eine Kammer geführet wurde / welche von deren /
darinnen Philomatus seinen Schlaf genommen / durch eine löcherichte baufällige
Wand unterschieden war / allerdings geschehen. Dann / da es fast zu Mitternacht
war / und Philomatus mit Pistimoro / zu ihrer beider grossen Unglück / erwachte
/ fieng Philomatus / seiner Gewonheit nach /mit folgenden Worten / und
tief-geholten Senftzern sich heftig an zu beklagen / sagende: Ich elender /
ich kummerhafter / ich verderbter Philomatus / was bin ich zu Verlängerung
meines Elends noch übrig! warum hat mich nicht mit Polyphilo / meinem Vertrauten
/ der Mord-Geist weggerissen / an dessen Tod / so er todt ist / ich einig
schuldig; so er aber noch übrig / und im Elend / oder der Irre geht / ich
nimmermehr ein ruhig Gewissen / oder einigen freudigen Geist behalten kann! Auf
welche Grimm-erweckende Wort Pistimorus / welcher dieselbe alle deutlich
vernehmen konnte / so entrüstet war / dass er /gleich einer tollen Furien / die
Wand einstiess / mit seinem scharff-gespitzten Dolchen auf ihn zurennete /und /
ach! das unschuldige Blut / wider Verdienst und Hoffen / durch seine Händ
verschüttete / und den Traum Philomati / an Polyphili statt / erfüllete.
    Wie aber auf böse Tat die Reu / und nach dieser der Plag-Teufel / des sich
selbst verdammenden Gewissens / nicht ausbleibet; dieses aber / aus Forcht der
verdienten Straf / aller Orten flüchtig geht / und Menschen-Gesellschaft
meidet: Also flohe auch Pistimorus / mit dem noch Blut-rauchenden Dolchen /so
eilig er mochte / hinweg / und mit solchem Glück /dass / wann er die Strick des
bösen Gewissens / mit gleichfertiger Behendigkeit / fliehen könnte; als er den
Menschen-Händen entgangen / er sich freilich für nicht unglücklich zu schätzen
hätte: alldieweil keiner / derer Innwohner / den Täter anders erfahren /als dass
sie ihn verloren / und nach dem nicht wiederum gesehen.
    Was vor Schrecken und Entsetzen / denen Innwohnern dieser Insul / über
solchen unverhofften Todes-Fall / ankommen; weil es hieher nicht viel dienet
/auch die Geschichts-Beschreibung / nur mit überflüssiger Unnötigkeit /
vermehret; wollen wirs einem jeden zu bedencken heimstellen / und nur dieses
hinzu setzen: dass der entleibte Cörper Philomati / mit gebührender Beiklag /
sei der Erden wiedergeben worden / die ihn vor ohngefehr 40. Jahren gegeben
hatte. Das war die gröste Klag / dass keiner gewiss wissen konnte / aus was
Ursachen dieser Mord geschehen; weil sie ihnen nicht einbilden kondten / dass ein
Fremder und Unbekandter solche Taten / ohne sonderbare Erheblichkeit /
vollbringen sollte: sonderlich machte das ein grosses Nachdencken bei männiglich
/ dass der Ritter / so streng und genau / nach ihm gefraget.
 
                                Sechster Absatz
Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwilderten Einsamkeit / und wie er
 den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / dass wir Tugend /
                           mit Müh / gewinnen müssen.
So schlaffe nun Philomatus in seiner seeligen Ruh. Wir kommen wieder zum
Polyphilo / welcher / nach dem er / wie oben gedacht / an dem damahls erlangten
sichern Port ausgestiegen / die Zeit mit allerhand betrübten Gedancken
zugebracht / sonderlich da ihm sein Hertz in einer steten Creutz-Presse
gedrucket worden; meines Erachtens / weil der Tod Philomati ihn unwissend
gepeiniget.
    Sein härtestes Anligen war / dass er nicht nach dem Namen der vortrefflichen
weiblichen Vollkommenheit geforschet / davon ihm Philomatus so viel
wunder-herrliche Ding erzählt / und / dass sie vor eine Göttin / von denen
Solettischen Inwohnern / gehalten werde / bekräfftiget. Tag und Nacht war dieses
sein Sinen und Gedencken / wie er der Glückseeligkeit teilhaftig würde / die
Insul Soletten / und darinnen seinen allerliebsten Philomatum wieder zu sehen.
So viel er aber der darzu behülfflichen Anschläg machte /gleich so viel / ja
noch vielmal mehr verdrüssliche Verhindernüssen legte das widerige Glück in den
Weg / die dem Polyphilo den Pass verhaueten. Unter andern war diese nicht die
geringste / dass / weil er durch das blinde Glück / an diesen Ort geführet worden
/ und so viel todt-vergifftete Gefahren ausstehen müssen / er nicht nur der
Vorsehung des geneigten Himmels / sondern auch sich selber zuwider handeln
würde / wann er die Gelegenheit dieses Orts nicht auch besehen sollte; Deswegen
er dann seinem Glück zu folgen entschlossen / auch dieses Land durcheilete / und
dessen Beschaffenheit erkündigte.
    Es war ein ungleicher Boden / an hoch-erhabenen Bergen / jähen Klippen /
dicken Wäldern / hochgespjetzten Eich-Bäumen / springenden Brunnen /
Felsen-rinnenden Wassern / getiefften Berg-Hölen / und sumpffigten Morasten / so
bereichert / dass Polyphilus leicht verstehen kundte / es sei allhier mehr eine
unbewohnte Wildnüs / als ein Wohn-Haus menschlicher Gesellschaft zu finden.
Doch weil ihm dieser Anblick nicht übel gefiel / bevor weil er ein Liebhabber
der begünten Wald-Freude war / setzte er sich an eine sonderlich-erhöhte
Steinklippe / von dannen er über Wald und Feld schauen / und die Wunder Gottes
wohl behertzigen kondte.
    Die Gelegenheit dieses Orts / und dann die jetzige Beschaffenheit seiner
eigenen Person / vermochte ihn leicht an sein / vor dem / mit ruhiger
Zufriedenheit /geführtes Schäfer-Leben / dann auch die Rede erinneren / die
Philomatus von der Einsamkeit der Solettischen Göttin getan / und wie jener
solch ihr Fürnehmen vertediget / er hingegen bestritten. Und weil er sich /
durch eigene Erfahrung / überwunden befand /fieng er an / sein Vornehmen zu
bereuen / und seinen Schäfer-stock wiederum zu verlangen. Ach! sagte er /wie hab
ich mich die Macht der Begierde so sehr blenden lassen / dass ich die vergnügte
Ruh meines Hirten-Lebens / mit der widerwertigen Unruh / in Gesellschaft
frembder Völcker / abgewechselt. War ich nicht sicher / in meiner Hütten?
vergnügt mit meiner Heerde; seelig in meinen Lust-Gründen frölich bei
Gesellschaft der Hirten; frei in den einsamen Feldern; ruhig bei fetter Weide /
und ohne Verfolgung des widerspenstigen Glücks mutig? Was hab ich nun? Verlust
an Sicherheit / Mangel an Vergnügung /Betrübnüs an statt der Freude / ein
Gefängnüs der Freiheit / Zerstöhrung der Ruhe / und Schaden an allem / was mir /
in meinem Hirten-Orden / tausendfältigen Nutzen schaffte. O edles Schäfer-Leben!
was hat mich dir entnommen? Die Hoheit / welche sich auf die Begierde zu Kunst
und Tugend gründet / ist zwar lobens wert: aber nicht zu lieben. Die Hoheit
giebet mir diesen Fels in einer einsamen Wildnüs; Die Tugend-betrübte Gedancken
in dem Gefängnüs der Traurigkeit; Die Kunst schencket dem Verlangen einen
kläglichen Verlust: dass ich zu frieden wäre /wann mich der Himmel meiner Heerde
/ mir aber meinen Schäfer stab wieder zugeben würdigte. Folget ihr / die ihr
Kunst suchet / eurem Verlangen! mir ist die Bahn zu dornicht. Suchet ihr / die
ihr der Tugend folget / eure Zufriedenheit! ich nehme meinen Schäfer-Stecken /
und folge meiner Heerde. Ach! aber was sag ich? wie folge ich? die Kunst hat
mich verleitet /dass ich nicht mehr folge; die Tugend abgewendet /dass ich nicht
mehr folgen kann. Das ist die Strafe der Verlassung / ich habe verachtet / was
ich nun nicht haben kann. Warum hielt ich meinen Hirten-Stand so gering / solt
ich nicht auch in demselben Künste lernen und Tugenden üben können? Woher sind
dann die gelehrte Schäfer? von wannen die Tugend-geehrte Hirten? hat sich der
grosse Heerden-Hüter Pan selber / und andere derer von den Heiden geehrten
Götter mehr / diesen Namen zu führen / geschämet? Was hat Käiser / Könige und
andere hohe Personen gezwungen / sich unter die Zahl der Schäfer zu wählen? ja!
was beweget die Kunst-gelehrte und Tugend-geübte ihren Namen dem
Schäfer-Register einzuverleiben /so oft sie etwas sinnliches und vortreffliches
reden oder schreiben wollen? ich halte / ein gelehrter Schäfer sei höher zu
achten / als der Kunst und Tugend in Gesellschaft der Fremden suchet / etc. In
diesen Gedancken entielt sich der verkehrte Schäfer wie lang /gleich als zu
seiner Bekehrung: Wann er aber im Gegenteil den Ruhm der Solettischen
Kunst-Göttin bei sich überlegte / war ihm alles das / was von Schäfferei ihm
beifiel / Gallen-bitter / so / dass er dennoch seinen Vorsatz rühmen / und
demselben zu folgen sich überreden musste. Da fieng er an / die Kunst zu
verachten / die in einem geringen Stande leuchte. Die Tugend dorfft er selber
verringern / die einen Schäfer zum Wohnhauss erwehlet. Am meisten aber verführete
ihn die gegenwertige betrübte Einsamkeit / die ihm auch die sonst angenehme
Schäfer-Ruhe dermasfen verhasset machte / dass er dennoch seinen Schluss zu
behaupten / und dem Philomato zu widerstreben /seinen Griffel zur Hand nahm /
und nachgesetzte Verse / auf die bei sich führende Tafel / übersetzte /aber auch
zugleich seinem Schäfer-Leben gute Nacht sagte.
Das war der angenehme Streit
an jenem Peneus-Strande;
der damals Freud: jetzt aber Leid
erwecket; Schad und Schande:
weil ich verloren den Gewinn /
den ich zu holen kommen bin.
Die Einsamkeit war mir verhasst;
die ich doch jetzt muss lieben:
bei Tag ohn Ruh / bei Nacht ohn Rast /
mit schmertzlichem Betrüben.
Er / der mein Freund / gab den Bescheid /
dass er erwähl die Einsamkeit.
Nicht Er allein; die Göttin mit
Gesellschaft war verachtet;
ihr Dencken / Tun und alle Tritt /
ihr Reden dahin trachtet:
dass die betrübte Einsamkeit
erfreuen möge ihre Zeit.
Was aber solt vor Freude sein /
wo selbst das Leid sich nehret?
verdunckelt wird der Glückes Schein /
wann Freude wird verzehret:
Es fället alles / was erfreut /
durch die betrübte Einsamkeit.
Ich selber spür es jetzt an mir /
wollt ich es sonst nicht glauben:
weil ich von Hertzen gerne dir /
Philomate! liess rauben /
als dein Begehr / und meinen Scheu /
die Einsamkeit / wie schön sie sei.
Ich finde doch nicht / das gefällt /
noch das mich könnt ergötzen:
drum ich Gesellschaft dieser Welt /
mit Recht / kann höher schätzen /
als alles Leid / in Einsamkeit /
als Einsamkeit / in allem Leid.
Kein Rat ist hier / hier ist kein Werck /
kein Trost und kein Erretter /
Verzweifflung übet ihre Stärck /
durch Unglücks-Sturm und Wetter:
Wer einsam steht / kann nicht bestehn /
wann solche trübe Winde wehn.
Drum weg mit aller Einsamkeit /
Philomatus / den Lieben /
tilgt alles Leid / erwecket Freud /
beglücket das Betrüben:
Ach! wär ich / Liebster! nur bei dir /
nichts wäre dann vedriesslich mir.
Nun aber muss ich meine Zeit /
mit Kümmernüs / zubringen /
und in verhasster Einsamkeit /
mit Leid und Trauren / singen:
dass / des ich wollte leben frei /
mir wider Willen kommen sei.
Doch will ich sein zu frieden so /
und die Erlösung hoffen /
die mich wird wieder machen froh /
wann meinen Wunsch getroffen
das Glück / dass ich dich wieder seh /
Gott gebe / dass es bald gescheh!
Diese und dergleichen Gedichte mehr / die er / von der Einsamkeit / in der
Einsamkeit / verfertigte /machten ihm diesen wilden Ort so beliebt / dass er bei
sich selber gedachte / möcht ich nur einige beliebte Gesellschaft antreffen /
wolt ich diese Gegend so bald nicht gesegnen. Aber / was tut die Vorsehung des
günstigen Himmels? Da Polyphilus noch weiter dichten will / und allererst / auf
diesem Stein-felsichten Gipffel / seiner ruhigen Tag völliger geniessen /hebt er
ohngefehr seine Augen / über den Wald / gen Mitternacht / und erblickt / zu
seiner hertzlich-verlangten Erfreuung / sein vorgesetztes Ziel / die Insul
Soletten / an dem klaren Peneus Strand. Befindet auch / wie er unverhindert /
und zu Land / mit trucknem Fuss / an deren Gräntzen gelangen könne / und nunmehr
das Götter-Bild der Vollkommenheiten /davon er ihm biss daher wohl tausenderlei
Gedancken gemacht / selber persönlich sehen. Wer damals die Tausendfältigkeit
seines erfreuten Hertzens / und das Lust-Spiel seiner Gedancken hätte
aussprechen wollen / müste / in Warheit / mit mehr dann hundert Zungen von der
Natur sein bereichert gewesen / so gar war kein Sinn an ihm / der nicht lauter
Süssigkeit würckete / lauter Zufriedenheit dichtete. Die stral-werffende Augen
ergötzten sich allbereit in Hoffnung / das Tugend-beschönte Bild zu beschauen:
die bisher verknüpffte Ohren hoffeten allbereit / durch die klugverständige
Reden dieser Erd-Göttinnen / eröffnet / und von ihren Schloss erlediget zu
werden. Die Hände freueten sich der Zeit / die sie so hoch erheben würde / dass
sie in den Beschluss der Silber-weissen Arme / dieser Tugend-Docken / aufgenommen
würden. Es erlustigte sich schon der Geruch / mit dem künftigen Rosen-Lufft /
welcher mit solcher Lieblichkeit / durch die brennende Rubinen / ihrer Honig
versüssten Lippen wehen würde / dass / wann Libanus auch alle seine Krafft
ausliesse / er dergleichen nicht vermöchte. Und was endlich die süss schmeckende
Zunge betrifft / welche allbereit das unvergleichliche Himmel-Brod / mit dem
Milch- und Honig-süssem Trauben-Safft / den ihre lieb-trieffende Tugend-Reben
häuffig ergiessen / gekostet / war dieselbe um desto mehr befriediget / weil
diese Lieblichkeit viel süsser als der Tranck / den sonst die Hebe schencket;
weit-lieblicher / dann alle Süssigkeit / die Indien an ihrer Brust gesäuget. Mit
einem Wort; weil Polyphilus Soletten sieht / sieht er genug / und verlanget
nichts mehr / als völlig dieselbe zu besitzen.
    Die Brünstigkeit seines Verlangens und entzündete Begierde / mochte ihm
leicht an statt eines schnell-erhitzen Pferdes sein / das den Wind überholend /
seinen Reuter fort riess / und an das Ziel brachte: Doch gleichwol / weil die
Reuterei zu Fuss geschehen musste / und der Weg sehr ungebahnt / voller
Dornsträuch und Klippen / auch die Himmel-reichende Berge zu ersteigen / den
Schweiss ausjagten; dass die Glieder freiwillig gestehen mussten / sie könten den
Begierden des Gemüts nicht gleich lauffen; musste Polyphilus auch wider seinen
Willen die gezwungene Ruhe annehmen / und in einer Baum-Höle zu schlaffen
niederligen.
    Ohngefehr mochte er noch eine Tag-Reise biss zur Insul haben / so nahe hatte
er sein Verlangen erfüllet /wann nicht Sylvanus / mit seinen mutwilligen
Satyren / auch ihre Feindseeligkeit an ihm verübet / und den tief-schlaffenden /
durch einen Raubbegierigen Löwen / in die Ferne wegtragen / und in eine Höle
verbergen lassen. Der gnädige Himmels-Schutz muss den Grimm-fressenden Rachen
zugesperret haben /dass nicht der Sinnlose Polyphilus / wider sein selber Wissen
/ verschlungen worden. Und obschon / wie sehr vermutlich / dieser Löwen-Raub
dem Polyphilo nicht wenig Anstossen wird verursachet haben / war doch die
Müdigkeit der Glieder und des Hertzens so gross / dass er auch durch die
allerschröcklichste Gefahr nicht kondte erwecket werden. Wiewol ich dem nicht
geringen Glauben gebe / es sei durch die allwaltende Versehung / des dem
Polyphilo gunst-gewogenen Himmels / geschehen; weiln / wie die Natur-Lehrer
bezeugen / die Löwen-Art dieses sonderlich nut begreiffet / dass ihr Grimm / so
ungezahmter auch sei / dennoch keinen / der unter der Morpheischen Herrschung
gefangen liege / angreiffe / als gedächten sie / (wann ein wildes Tier anders
gedencken kann) es wäre dieses entseelte und ohnkräfftige Fleisch ihrer
Zerteilung nicht wert.
    Dem allen aber sei wie ihm wolle / so hatte vor dieses mal Polyphilus / vor
die Gnaden-Errettung /seines Tod-gefährlichen Lebens / der geneigten
Himmels-Gunst Ursach genug zu dancken: genug auch über das überstandene Unglück
sich zu betrüben / als welcher nun abermal / an seinem Fürnehmen / verhindert /
in der irrigen Wildnüs verführet / etwa noch den jungen Löwen / so bald er
erwacht / zur Speise / oder sonst den wilden Tieren zum Opfer; dieser Wüsten
aber / mehr als gewiss / zum ewigen Tod-Gefangenen werden müsse. Was wird er doch
gedencken / wann er erwacht / wohin wird er sich wenden / wie wird er sich daher
geführet erkennen: tausendfache Betrübnüs wird sein ermüdetes Hertz in die
völlige Verzweifflung stürtzen / dass er den Tag / daran er diss Welt-Liecht
gesehen / verfluchet. Zu dem allen komt noch über das / der erschröckliche Traum
/ welcher seine Sinnen besieget hatte. Dann da er / von dem Löwen geraubet / in
die abscheulich-verfinsterte Gruben geschleppet wurde / erschreckete ihn auch
inwendig der Geist Philomati / mit seinem / durch den blutigen Dolch Polyphili
/ zerspaltenen Hertzen: und in dem er / voller Freuden / auf ihn zueilen wollte /
und den Dolch heraus ziehen / musste er mit Betrübnüs erfahren / / dass er vom
Philomato gautz feindseelig zu ruck gestossen / und ihm alle Schuld seines
unverdienten Todes zugerechnet wurde. Mehr aber schmertzten ihn die Wort /
welche der Geist Philomati / durch einen feurigen Rachen / blitzen liess: hör
/verdammter Polyphile! wie du / durch einen frembden Ubeltäter / meine dir
erwiesene Treu / mit meinem Blut bezahlet / so müssen dir diese gifft-gefüllte
Schlangen hinwieder dein Leben fressen: und damit warff er aus seinem Busen /
bei grosser Meng / in den Schoss Polyphili / die Gift-aufgelauffene Schlangen
/die ihm auf das Hertz / und in das zarte Gesicht / mit so grimmigen Wüten /
sprungen / dass Polyphilus von dem grossen Schrecken erwachte. Was wirst du nun
/unglückseliger Polyphile! gedencken? Forcht und Zittern / Schrecken und
Betrübnüs sollte ja freilich dein Hertz in mehr als tausend Stück zersplittern.
Must du denn so viel leiden um die Insul Soletten / die du doch noch nicht
kennest / ob sie dessen allen würdig ist. Vielleicht will es der Himmel nicht
gestatten / dass du dieselbe völlig sehest / und hält dich / durch so
mannigfaltige Verhinderung und Widerwärtigkeit /davon zu ruck. Meinest du / dass
dieses alles ohngefehr geschehe? Nein / ich glaube vor gewiss / dass /weil du des
Himmels Verbot so halssstarrig bestreitest / er dir die Straf zuschicke / damit
dir zu erweisen / wie der Sterblichen Macht so gar nicht gegen der Himmel
Kräffte bestehen könne. Darum lass ab von deinem Vornehmen / erwähle einen andern
Weg / der dir zuträglicher / und von dem Himmel beglückter sei.
    Diss waren gerad Polyphili Gedancken / so bald er erwachte / der
schmertz-brechende Angst-Schweiss ergoss sich durch die zarte Glieder / ja / den
ganzen Leib dergestalt / dass / wann er nit in der verschlossenen Gruben gelegen
/ er selber sein Haar vor betauet / und seine Kleider / vom Platz-Regen
gewässert oder durchnetzet geglaubet hätte: so gar erfüllte der kalte
Perlen-Tau die Stirn / und was um und an ihm war. Ist auch dieses nicht zu
verwundern! Dann / welcher die Todes-Angst besinnen wird / die ihm der Schlaf
vorgemahlet; welcher sein ängstig Wimmern /und Schmertz-beschwerte Not / nach
dem Schlaf /behertzigen wird / wird eben leicht verstehen / dass der von allen
verlassne und überall geplagte Polyphilus /durch seine Blut-zwingende
Hertzens-Angst / wohl gar in seinem eigenen Schweiss-Bad ersauffen mögen. Doch /
weiln gleichwol das Leben / als der unwitderbringliche Schatz / sehr lieb / also
gar / dass wir aller Not vergessen / werden wir nur dem Tod entrissen: Also
machte sich auch Polyphilus behend auf / und suchte nichts mehr / als sein Leben
/ aus der augenblicklich-beförchtenden Todes-Gefahr zu erledigen /deswegen er /
ohne vorgesetzten Weg und Zweck /aus dem Wald eilete / biss er durch die
allmögende Forcht / auf einen lustig-erhobenen geraumen Feld-Platz geführet
wurde / und der Wald-Furcht entnommen.
    Aber wie? es musste doch waar sein / dass das wanckende Glück / nicht nur im
Wohl-stand / sondern auch in Widerwertigkeit sich leicht ändere / und den es
zuvor mit herben Wermut gekräncket / bald hernach wiederum mit verzuckerten
Freuden-Brod erquicke. Dann / als Polyphilus sich ein wenig in dieser Gegend
umsah / befand er / der näheste bei der Insul Soletten zu sein / und dem Berge
/ darunter er mit Philomato geruhet / gleich entgegen.
    Keine Betrübnüs kundte nunmehr sein Hertz /wegen der wallenden Freud / mehr
bestreiten / bevorab wann er die wunder-reiche Führung des mehr als gnädigen
Himmels bei sich überlegte. Hat auch /sprach er bei sich selber / mich ein
Wind daher geführet / oder ist die Erde / unter mir Schlaffenden /weggeschlichen
/ oder hat mich ein wildes Tier /durch des Himmels Befehl / daher bracht:
(welches ihm etwas glaublich vorkam / in dem er seinen Arm beschädiget befunden
/ durch einen Biss / der sich einem Löwen-Zahn nicht ungleichete) oder durch
wessen Hülff und Geschwindigkeit / hab ich diss mein verlangtes Ziel erlanget?
doch sei dem / wie ihm ist /ich dancke dem gütigen Himmel / dass er mich mit
einiger Glück-Stralen wieder bescheinen / und meinem Wunsch ein endliches
Erfüllen verleihen wollen.
 
                                Siebender Absatz
Beschreibet die Wiederkunft Polyphili auf Soletten /durch Talypsidami / der ihm
den Tod Philomati verkündet: Lehret / dass dennoch Kunst- und Tugend-lieben den
 das Glück beförderlich sein / und sie / nach vieler Widerwertigkeit / endlich
                                begnaden müsse.
Ob nun wohl die damalige Lust des Polyphili sehr gross / und unbeschreiblich / so
vermochte doch die Furcht / wegen des erlittenen Angst-Traums so viel /dass /
wann er an Philomatum gedachte / sein Hertz allmählig zu sincken anfieng / und
seine Freudigkeit zu verlassen. Darzu ihm der zugegen erhobne Berg nicht weniger
Ursach gab / in dessen begrünten Tal /er die Stätte kennen kondte / allwo sie
das herrliche Gespräch gehalten / und von dannen er / durch die ungestümme
Wellen; am meisten aber / durch seinen selbst-eigenen Vorwitz / sei weggeworffen
worden. Doch dorffte hie die vergebliche Hoffnung sich gleichwol unterstehen /
den Klagen Polyphili einigen nichtigen Trost beizulegen / als ob er ehistens
desselben / was er damals versäumet / ohne Verhindernus /weiter geniessen würde.
Dieses nun / sonderlich aber das Gesicht Philomati / veranlassete ihn darzu /
dass er mit voller Begierd / und heftigem Riss / auf die Insul Soletten zueilete
/ in willens / seinen Freund Philomatum anzutreffen / der ihm Gelegenheit
würcken würde / die Solettische Göttin / die er stetig / in seinen Sinnen / vor
ein Wunder der Welt ehrete / mit Augen zu sehen / und mit ehrenfreundlicher
Höfligkeit zu begrüssen.
    Sein Vornehmen zu befördern / erbot sich die Insul selber / in dem sie eben
damals ein Schiff wiederkommen hiess / welches sie in den beschifften Meer-Strom
segeln lassen / um allerhand nötige und nutzbare Wahren einzuholen / weiln sich
eben derselben Insul Gross-Fest herbei nahete / da man ein und anders
gebrauchete. Dieses Schiff / so bald ers am Wasser herauf steigen sah / und
sich der Insul zu nähern / gab er von dem Ufer / mit einem flattrenden weissen
Tuch /das Zeichen seines Begehrens. Der Schiff-Patron / ein freundlicher /
bescheidener Mann / gab alsobald denen / die das Schiff bedienten / Befehl / auf
einem kleinen Kahn ans Land zu stossen / und den Hülff-begehrenden herbei zu
bringen: wie auch geschahe.
    Polyphilus / so bald er des Schiff-Patrons ansichtig worden / legte seine
gebührende Reverentz / mit schuldigem Danck ab / erzehlete auch / auf Begehren /
was ihm bisher widerfahren / und wie er nun zum andernmal daher komme / und ein
besser Glück hoffe. Der Schiff Patron / welcher von Natur ein schertzhafter /
lustiger Mann war / als er sah / dass Polyphilus in vielen seines gleichen wäre
/ fieng erstlich an / ihn um Bekandtschaft anzusprechen / und richtete / nach
beiderseits erkundigten Namen / Vatterland und Vorhaben / einen Eyd-befestigten
Freundschafts-Bund mit ihm auf / versprechend / dass er ihn nicht nur zum
Philomato wieder führen / sondern auch zu der Glückseeligkeit verhelffen wolle
/ die er zu erlangen / so viel Lebens-Gefahr ausgestanden; nämlich den
Tugend-Preis dieser Insul / und aller weiblichen Gaben Vollkommenheit zu sehen /
auch wohl gar mit ihr zu sprechen: wann nur das Glück gnädiger denn vorhin /
seine böse Tück nicht auch an sie legte. Wo aber das / sagte er / so will ich
doch meinen Schiff-Leuten befehlen / dass sie nirgend schiffen sollen / als wo
mirs / und dem Polyphilo gefällt. Das sagte er aber Schertz-weise / dann sie
waren schon am Ufer / und wollten jetzo aussteigen: also war der unmüglichen
Gefahr wohl zu spotten.
    Da sie nun beide ausgestiegen / und Talypsidamus / (so war der Name des
Schiff-Patrons) seinen Befehl gebührender massen ergehen lassen / und alles aufs
sicherste verordnet / nötigte er Polyphilum / mit ihm nacher Hause zu gehen /
allda um ein und anders weiter zu beraten. Polyphilus entschuldigte sich zwar
zu erst / mit Vorwendung der grossen Unhöfflichkeit / die er in diesem Fall
begehen würde: aber es mochte seine Entschuldigung vor dieses mal nicht statt
finden / besondern er musste / auf instehende Bitt / folgen / weil er wohl wusste /
dass grosser Herren Bitt / mehrenteils einem Befehl ähnlich sein. Auch tat ers
um desto lieber / weil er nunmehr sein unvergnügtes Verlangen zu stillen
gedachte. Beide wurden sie von denen Haus-Bewohnern aufs höflichste empfangen.
Talypsidamus von seiner Liebsten / nach der Lieben Gebrauch: Polyphilus aber
nach Landes-Art.
    Das erste und beste / so Polyphilus verrichten kundte / war / dass er / so
viel ihm zu Gesichte kam /die übertreffliche Schönheit der hochgeführten Gebäu;
die Wunder der künstlichen Natur; die geraume Plätz und kostbare Tempel; die
fest aufgeworffene Tämme / und was dergleichen mehr / aufs fleissigste und
genäueste betrachtete: alles / was er mit Augen sah /verursachte seinem Hertzen
viel Nachdenckens und Wunder / so gar / dass er nicht anders schliessen kundte /
als dass hie der alleredelste Ort des Lebens / und ein ergötzliches Wohl der
tugend-begierigen Jugend /ja / eine reich-besetzte Tafel der mitteln Jahre müsse
vorhanden sein / auch sehr vermutlich / dass / wenn an einem Ort der mühseligen
Welt / eine Göttin zu leben erwählet / freilich dieser / vor allen zu erkiesen /
würdig gewesen. Der einige Wunsch / welchen noch die Hoffnung küssete / war /
dass er durch Hülff des Schiff-Patrons erstlich zum Philomato kommen /hernach
die Erden-Göttin grüssen / und nach gebührender Ehr bedienen möchte. Daher ihme
alle unnötige Complementen / welche Talypsidamus mit ihm vornahm / alles Essen
und Trincken / alle Lust-Bedienungen / ja! auch alle Reden zuwider waren / die
nicht von seinem Verlangen zeugeten. Und weil Talypsidamus die Seiten etwas zu
lang stimmete / und seine eilig versprochene Hülf / desto längsamer zu befördern
scheinete / erkühnte sich Polyphilus / sein Hertzens-Gedancken ihm völlig zu
eröffnen / wie er nicht ruhen könne / er habe sich dann / durch Erfüllung seines
so lang geführren Verlangens / in eine angenehmere Ruh versetzet.
    Das gefiel Talypsidamo nicht übel / derentwegen er ihn auf einen erhöhten
Saal in das Ober-Haus führete / allda mit ihm sicherer zu reden / wie er sein
Vornehmen vollbringen könne: wolle auch / weil Philomatus ein verschlagener
Kopff wäre / denselben hieher holen lassen / damit er sein Gutachten vernehmen /
und zu seinem Besten anwenden könne.
    Polyphilus geht in den Saal: Talypsidamus befihlet / man soll Philomatum
holen: wird aber von seiner Liebsten deswegen höflich verlachet / welche sagte:
Ist mir dann müglich / einen Todten aus dem Grab zu ruffen?
    Dessen erschrack der Schiff-Patron über die massen / und nach dem er die Art
seines Todes verstanden / / beförchtet er nicht mehr / als die Ungedult
Polyphili / welcher sich über seinen so guten Freund hertzlich betrüben würde.
Beschloss derowegen alsobald /ihm solches zu verhelen / verbot auch den Seinigen
/nichts davon zu gedencken / biss es mit guter Gelegenheit geschehen köndte.
    Indessen Talypsidamus dieses alles verrichtet / und etwas lang verweilet /
nimmt Polyphilus erwünschte Gelegenheit / der beschönten Augen-Lust der
künstlichen Gemähle / damit dieser Saal gezieret war / sich zu gebrauchen. Und
weil er / sonderlich unter den Ovidianischen Lieb-Gedichten / viel befunde / die
sattsam erweisen kondten / dass der Pinsel in allem der Feder nachfolge:
Hinwiederum die / bei manchem Conterfei / künstlich gesetzte Verse nicht minder
erwiesen / wie auch die Feder dem Pinsel alles nachmache: gedacht er bei sich
selber; wie hätt ich eigentlicher verstehen können / was die Kunstberühmte
Malerei; ja auch / was die Himmelwürdige Poesis sei? und wie viel diese von
jener entschieden / als eben bei diesem Mahl-Werck / da ich ohne Trug sehen kann
/ dass das edle Mahlen sei die schweigende Poesis; und diese hinwieder sei ein
redendes Gemähl und Bild / das da lebe.
    Unter so vielen denckwürdigen Stücken aber /deren keines nicht sonderbahrer
höchst-fleissiger Betrachtung wert war / leuchtete doch / vor allen / das
holdselige und wunder-würdige Bildnüs / deren /davon wir bisher so oft gedacht
/ und / um welche zu erlangen / der gute Polyphilus so viel erlitten. Die
lieb-lächlende Gestalt derselben / die hocherhabene Stirn / die scham-rote
Wangen / der Purpur ihres Mundes / der Marmor des schlancken Halses / und die
bräunlichte Augen; ja / welches das allermeiste / die sittsame Geberden / die
aufgezogene Lefftzen / die leiss-geschlossene Augenlieder / die ziemende Falten
des Mundes / und die keusch-lächlende Wangen; welche doch in dem Bild nicht
anders / als nur in dem Bild / zu erkennen waren / verführeten das Hertz
Polyphili der gestalt / dass er der Solettischen Göttin allerdings vergass / und
es vor ein blosse Unmüglichkeit hielt / dass auch aus der Himmel Schoss / eine
vollkommenere / schönere und mehr bereicherte Tugend entspringen köndte / weil
er ihm so nicht anders einbildete / es sei dieses ein Himmels-Kind. Und war das
das aller elendeste / dass bei dieser Himmel-Dame nicht bezeichnet war / wer sie
wäre: Vielleicht deswegen / weil ihre gleichsam redende Gestalt gnugsam erwiese
/ dass sie etwas sonderliches auf dieser Welt sein müste. Noch mochte Polyphilus
/ so klug er auch sonst war / nicht verstehen / dass eben diss die Abbildung der
Solettischen Würde und Tugend-Göttin wäre; biss endlich Talypsidamus zu ihm kam /
und folgender Gestalt zu reden anfieng:
    Treu-verbundener Polyphile! die Pflicht / welche /teils mein abgelegter Eyd
/ teils meine Schuldigkeit / bei euch / und allen Kunst-werbenden Hertzen
/erfordert / soll euch versichern / dass alle meine Vermögenheit / euch einig zu
dienen / sich nicht wägern soll; und wollte ich von Hertzen wünschen / dass ich
einige Gelegenheit schöpffen köndte / darinnen ich mein williges und
dienstfertiges Hertz gegen Freunde und Ausländische köndte sehen lassen: so
würde ich mich bemühen / wofern die Schwere der Sachen nicht mein Vermögen
erdrückte / dass der Will der Müglichkeit gemäss / alles zu ihren und euren Nutzen
richtete. Ja! solt ich noch heute die güldene Zeit erleben /dass ich eurem
Begehren ein Genügen tun / und euch befriedigen köndte / wolt ich diese Stund
seelig / und diesen Tag herrlich preisen. Ihr wisset aber selber /kluger
Polyphile! und habts allbereit oft erfahren /dass dem Menschen nicht allemal sei
zugelassen /nach seinem Willen zu leben / oder nach seinem Wunsch zu handeln.
Sintemal gar oft / wann wir meinen am festesten zu stehen / der Fall sich
findet /und wann wir die Glücks-Rosen brechen wollen / die Stachel und Dornen
des Unfalls dafür fühlen müssen. Was wollen wir uns dann / geliebter Polyphile!
diesem allgemeinen Gesetz entziehen? Vielmehr wird uns dissfalls gebühren / die
Unbeständigkeit des Kugel-runden Glücks / auch durch unsern Schaden zu erkennen
/ und auf Tugend / die da allein fest bestehet / bauen zu lernen. Sehet an /
sprach Talypsidamus weiter / diese vor euren Augen hangende Gemähl / so viel ihr
deren sehet / werdet ihr aller Orten den Wechsel menschlicher Dinge sehen / die
bald eine Sonne erfreuet / bald wieder ein Ungewitter betrübet.
    Polyphilus / dem diese Rede frembd vorkam / als die sich auf ihr Vorhaben
gar nicht schicken wollte /konnte sich länger nit entalten; sondern fieng zum
Talypsidamo solcher Gestalt an: Geehrter Herr! Die Ursach / welche mich durch so
unzehlich viel Gefährlichkeit hat hieher geführet / ist eben das / dass ich auf
Tugend bauen / und keinem leichtfallendem Glük mehr trauen will. Weiln ich diss
alles mit voller Genüge an mir selber / und leider! durch mehr als zu grossen
Schaden / erfahren / was ihr mir an diesen Kunst-Gemählen erwiesen / und sonst
überreden wollet. Darum verzeihet mir / geehrter Herr! dass ich von mir selber
bekennen muss / ich sei in dem gelehrt genug / und begehr jetzt nicht mehr / als
einige Mittel / mich mit der Tugend zu bewahren / von euch zu lernen / darum ich
nochmalen / durch Himmels Vergeltung bitte / mir völligen Bericht / entweder von
diesem hie zugegen leuchtenden Damen-Bild; (die ich glaube / dass sie selbst von
der Tugend sei gebildet worden) oder von der Solettischen Göltin zu erteilen /
alsdann ich euch mein ferners Vornehmen / nach Begehren / öffnen will.
    Dieses verlegte Talypsidamus mit folgender Rede: Kunst-verlangender
Polyphile! ich sehe / dass ihr /wohin meine Rede zielet / nicht allerdings
verstanden / wolt auch wünschen / dass ihrs nimmermehr verstehen solltet / weil
das Verstehen bei euch ein hertzlich Betrüben verursachen wird. Nun / dass ich
eurem Begehren ein sattsames Genügen tue / und euch endlich deren Sorg und
Kümmernus / die euer Hertz so lang gefangen gehalten / entbinde / so wisset /
Glück-bereichter Polyphile! dass dieses Bild / welches ihr billich von der Tugend
selbst gebildet glaubt / sei eben diese unsere Tugend-Dame / die ihr die
Solettische Göttin / wir aber Macarien nennen. Und dass ihr wisset / wie meine
Gunst-Gewogenheit / euch in allen beförderlich zu sein / sich sehr bemühe / so
ist zwar nicht ohne / dass ich euch / sonder höchst-gefährliche Mühe / nicht zu
ihr führen kann / weil sie ihr ganzes Tun der beliebten Einsamkeit ergeben /
und nichts /was ihr etwa eine Zerstörerin ihres Vornehmens werden könnte / für
Augen kommen läst: Doch / so fern ihr nur dero Tugend-Ruhm zu verwundern / und
ihren Verstand zu erforschen / sie sprechen wollet / will ich mich eussersten
bemühen / ob die nahe Verwandschaft / welche uns mit Freundes-Blut verbunden /
so viel richten könne / dass sie euch in ihrem Zimmer / aber nicht anders / als
einen Tugend-Werber / / leiden und aufnehmen möchte.
    Polyphilus / vor Freuden halb todt / neigte sich in tieffster Demut vor
Talypsidamo / ergriff dessen Hände / küssete dieselbe hertzlich? weil er damals
sein denckgeneigtes Gemüt nicht anders bezeugen konnte; und preisete sich den /
durch viel Unglück /Glückseligsten / und unzehlich Betrübnüs / Erfreutesten /
auf dieser ganzen Welt; den Glückseligsten /als dem die unfehlbare Hoffnung
sein endliches Verlangen erfüllen / und der / ach! der tausend-verlangten
Macarien Glück-gesegneten Anblick verleihen werde: Den Erfreutesten aber / als
welchen das Glück schon so hoch erhoben / dass er gewürdiget sei / mit dem in
Verbündnüs sich einzulassen / der selber der Tugend Verwandter / und der
Kunst-Göttin Bluts-Freund sich bekennete. Darum fiel er dem Schiff-Patron um den
Hals / bat ihn flehentlich / sein Beförderer in dieser Tugend-Bahn zu sein;
legte auch die rechte Hand / als das Unterpfand des Glaubens / in seine lincke
Seiten / unter das Hertz / und schwur ihm bei Treu und Glauben: hätte er einmal
Philomatum geliebt / so sollte er ihm vor viel tausend Philomaten stehen; Er
allein sollte seine Dienste beherrschen; Er allein sollte sein Hertz in seiner
Botmässigkeit halten. So viel war Polyphilo an Kunst und Tugend gelegen.
    Talypsidamus / als er hörte / dass er ihn vor Philomatum erwählen wollte /
dachte / jetzt die rechte Zeit zu sein / desselben schmähligen Tod ihm anzusagen
/deswegen er ihm / auf vorhergehende Wort / diese Antwort gab: Jetzt will ich
euch durch eure eigene Wort / entweder fällen / oder vor getreu erkennen. Ihr
zeuget / dass ihr mich an statt Philomati / und vor ihn / lieben wollet: Nun /
so erweiset eure Wort im Werck / und vergesset feiner / wokt ihr mein Freund
sein. Dencket aber nicht / dass ich dieses aus feindseligem Hertzen / oder
einigem Hass / sage / damit ich ihn etwa verfolge; ach nein! mein
freund-gebührliches Mitleiden / teils seines Unglücks / teils eurer Betrübnüs
halber machet mich so reden. Drum erschrecket nicht / betrübter Polyphile! dass
ich euch verkünden muss: Philomatus / euer Hertzens-Freund / ist todt. Betrübet
euch nicht zu sehr / dass ich sagen muss: Er ist durch die Spitze eines Mörders
gefallen. Aengstiget eure Seele auch mit dem nicht zu hart / dass ich euch den
Argwohn des gemeinen Pöbels hinterbringen muss: Philomatus ist um der Ubeltat
willen / die er an Polyphilo erwiesen / elendiglich ermordet worden. Bedencket
vielmehr das zum Trost / dass der wachhaltende Himmel und dessen Vorsorg / euch /
an Philomati statt / mich / einen gleich-vertrauten Freund gegeben / ja / der
auch mehr euer Wolfahrt fördern mag / als eben Philomatus / durch alle seine
Kräffte / verrichten können.
    Polyphilus / dem zwar der Tod Philomati sehr zu Hertzen ging / und
sonderlich deswegen / dass er auf so grausame Weise / und solcher Ursachen halber
/fallen sollen / die er mit nichten vor Warheit erkennen / oder / wo dieselben
herrühren möchten / mit seinen Sinnen ergründen köndte: gab sich doch leicht zu
friden / weil er durch den Tod Philomati nichts verloren / sondern mehr
gefunden; ja / weil er Philomatum / nicht seinet wegen / sondern die Macarien
zu erhalten / geliebt / hatte er nicht sonderliche Ursachen / sich gar zu
ängstiglich zu bekümmern. Doch würckete die Erinnerung des gehabten Traums / den
er nunmehr erfüllet wusste / solche Traurigkeit / dass er sein hertzliches
Betrüben mit mannigfaltiger Veränderung / und tiefgeholten Seuffzen zu erkennen
gab; aber auf solche Art / dass man leicht vernehmen kunte / wo neue
Freundschaft in einem Hertzen gestifftet / da vergesse man der alten. Welches
er doch mit solcher Höfligkeit verblümen kunte / dass Talypsidamus glauben musste
/ es schmertzte ihn nichts / dann seine treue Dienste / die er ihm nun nicht
wieder vergelten könnte: sein Versprechen aber / das er Talypsidamo getan /
zwinge ihn fast so / dass er die Todten todt sein lassen / der Lebenden aber
stets-fertigster Diener sein und bleiben müsse. Welche und dergleichen viel
andere Reden mehr / das Hertz Talypsidami dermassen befeuerten / dass / wie
Polyphilus in allem recht geredt / und sich gebührlich gehalten / er ihn je
länger je mehr von Hertzen lieb gewann / und / seiner Befreundin Macarien
zuzuführen / vor wohl-würdig erkandte: auch alsobald um Urlaub bei derselben
bitten liess / dass er mit einem Tugend-begierigen guten Freund / ihre ruhige
Einsamkeit zu verstören / sich unterfangen dörffte.
    Das Wonhauss Macarie war etwas ferne / darum sich Polyphilus nidersetzte /
und seine letzte Treu zu bezeugen / auch sein schmertzliches Mitleiden zu klagen
/ folgende Leich-Ode auf den Tod Philomati verfertigte / biss die Gesandtin
wieder kam / und ihnen die Erlaubnus / bei Macarien zuzusprechen / ankündete.
Liebster / nach dem Liebsten / du /
O du meiner Freunde Seele!
wie kann ich / in meiner Ruh /
bleiben / weil die Toden-Höle /
mir unwissend / dich vergraben /
wie kann ich nun Freude haben?
Alles stirbet gleich mit dir /
was sonst hat mit mir gelebet;
Hertz und Sinn / und was in mir
meine Wonne sonst erhebet /
ist nun alles mit verdorben /
weil du bist / mein Freund! gestorben.
Ach gestorben? trauter Freund!
und um deines Freundes willen;
Den der Freund-verliebte Feind /
wollen rächen / und erfüllen /
was ich anders ihm vertrauet /
da er meinen Tod geschauet.
Aber wie? er weiss es nicht:
dennoch ist er drum zu loben /
hätt er nur das Rach-Gericht
nicht / mit Unrecht / aufgehoben:
müst ich rühmen seine Klingen /
die mir Hülffe wollte bringen.
Nun ist aber das versehn /
ohne Schuld bist du gestorben:
wie wird / Liebster! mir geschehn?
wird nicht / was ich hab erworben /
alles / wie ein Wind / verwehen /
weil dir das / durch mich / geschehen?
So verdien ichs! meine Schuld
kann die Strafe nicht verhelen:
aber deine Gnad und Huld
wird mich los und ledig zehlen;
weil du doch nicht kanst verderben /
ob du schon hast müssen sterben.
Dann was ist das Leben doch /
in dem nichts / als Sterben / lebet?
Nichts: und wär es etwas noch;
selbst der Tod / so vor uns schwebet /
wann wir unsre Augen-Lieder
öffnen / oder schlagen nieder.
Aber nun / nun bist du frei /
in dem Leben / ohne Sterben!
sag / wer dir zu gleichen sei /
der / wie du / nicht könn verderben:
dessen Leib nicht könne krancken /
dessen Freude nicht mehr wancken?
Alles ist hier Eitelkeit:
dort allein ist volle Gnüge /
dort die Freude / hie das Leid /
biss die letzte Todes-Züge /
mit dem Ende / deinem Leben
jenes Lebens Anfang geben.
Drum kanst du zu frieden sein /
Liebster-bester meiner Freunde!
und das Klagen stellen ein
über mich und deine Feinde /
die / an dich / mich wollen rächen /
meine Not / durch deine / brechen.
Ich auch selbst will trösten mich /
und abtrücknen meine Zähren /
weil / was ich gesucht an dich /
GOtt / durch andre / wird gewähren /
die an deine Helffers-Stelle /
ich mir selber zugeselle.
Dieses noch nur tut mir weh /
dieses machet mich noch klagen:
dass ich fortin dich nicht seh /
noch dir schuldig Danck kann sagen;
dass ich den erwiessnen Willen
nicht hinwieder kann erfüllen.
Aber glaube / meine Schuld
soll mit dir nicht sein gestorben;
auch nicht deine Freundschafts-Huld
soll bei mir sein ganz verdorben:
ich will meinen Danck erweisen /
ewig deinen Ruhm zu preisen.
Nun / so ruhe / Seele! dort /
schlaff / entschlaffner Leib im Grabe /
dencke nicht an diesen Mord /
den ich dir verschuldet habe:
lass Polyphilum im Frieden
sein von dir / mein Freund! entschieden.
 
                                 Achter Absatz
Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mit Talypsidamo / bei Macarien / und deren
   geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu
                                    lieben.
Eben war das Gedicht verfertiget / als Polyphilus den Gegen-Gruss von Macarien
hörte / und / dass sie ihrer Gegenwart Verlangen trüge / vernahm. Tausend
Freuden-Fackeln wurden seinem Hertzen / in dem Augenblick / durch diese Wort
angezündet / und lass ich mich leicht überreden / wann gleich die ganze
Götter-Schaar (ohne deren gedeilichen Segen / keine Kunst noch Tugend / unter
den Menschen-Kindern ihren Wachstum führen kann) ihn selber auf einen güldenen
Wagen gen Himmel geholet hätte / und allda den unergründlichen Schatz der
himmlischen Tugend-Vermehrungen eröffnet / oder auch gar die Grundfeste der
Weissheit zu erfassen vergönstiget / er doch nicht höher hätte können beseeliget
werden / als da ihm diese Freuden-Wort gleichsam mit güldnen Buchstaben in sein
Hertz geschrieben worden: Macarien wirst du sehen.
    Die Erlaubnus war da / an der Begierde fehlete auch nichts / beide waren sie
leicht zu erbitten / ihren Vorsatz völlig ins Werck zu richten. Sie giengen hin
/und kamen an den Ort / da die Tugend ihr Zelt aufgeschlagen / und der Verstand
seine Wohnung hatte. Der Schiff-Patron ging vor: Polyphilus folgte nach: aber
zu seinem Unglück.
    Warest du denn / Tugend-suchender Polyphile! daher kommen / deine Freiheit /
das edleste Kleinod menschlicher Glückseeligkeit / um Schöne / zu verkauffen?
Ist das dein Ziel gewesen / dass du / an statt der verlangten Tugend-Stralen /
durch die Stralen der lieb-winckenden Augen sollest in die Netz / der
unauflösslichen Dienstbarkeit / geführet werden? Suchest du das / dadurch du den
köstlichen Schatz aller deiner Wolfahrt verlierest? So hätte man damals billich
zu dem / durch den ersten Anblick der Macarien / liebgebundenem Polyphilo / und
mit Recht sagen können: Der Eingang zu Macarien / war der Eingang ins Gefängnüs
der Lieb; Der Fortgang war Entzündung des verliebten Hertzens in einer
unsäglichen ja auch unerträglichen Brunst; Der Gruss war nichts anders / als das
Wehklagen über seine empfangene Wunden; Der Anblick war eine Beschuldigung der
Tugend selber /deren er einig und allein alle Schuld beizumessen /als welche an
ihre statt Bitterkeit der verzehrenden Lieb geschencket habe. So gar war
Polyphilus entzündet / dass es nicht viel fehlete / er hätte sein selber
vergessen. Wie aber / unglückseliger Polyphile! Kan das dein Tugendgeübtes Hertz
/ ohne grossem Nachteil seiner verzuckerten Ruhe / zugeben? Oder ists müglich /
dass der Ruhm der Kunst-Begierde / welche vor allen dein Hertz und deine Sinne
besieget / sich von fremder und ganz widriger Lust-Liebe aus dem Zelt verjagen
lasse? Soll dann die Tugend der Liebe weichen; Kunst und Verstand / dem
verblendeten Joch menschlicher Torheit nachgehen? Polyphile! das ist wider dich
selbst getan. Doch / was hilffts / nunmehr ists geschehen / weil Polyphilus
auch selber nicht mehr sein ist. Und müssen wir daher mit starcken Gründen
überwiesen werden / wie die allgewaltige Herschaft der Liebe / auch die Tugend
selbst / und deren Mit-Herrscherin / unter ihrem Befehl halte / und doch waar
sei / dass ihre Botmässigkeit sich über alles erstrecke: Wie dann Polyphilus
selber aus eigner Erfahrung lehret / in nachgesetzten Versen / die er eben
damals stillschweigend verfertigte.
Alles übermannt die Liebe: wie sollt ich dasi widerstreben?
Alles steht ihr zu Gebot: drum will ich mich auch ergeben /
Dass ichs nicht alleine sei / der von ihren Banden los
Leben wolle / fühlen müss manchen harten Wider-stoss.
Du nur / Liebe! weil dir muss alles zu Gehorsam stehen /
Lass auch sie / die mich bestrickt / unbestriket nicht ausgehen /
Lass sies nicht alleine sein / die sich deinem Joch entzieh /
und noch stärcker sei / denn du; Liebe / Liebe zwinge sie!
Lass sie nit / wie sie gedenkt / mit der Freiheit Pracht / stolziren;
Lass sie länger nicht also / ohne Fessel / triumphiren /
Hemm auch ihren stoltzen Sinn / beuge das verhärte Hertz /
Dass wir beid gebunden gleich / fühlen gleiche Liebes-Schmertz.
Dan will ich / sie muss mit mir / dir zu Ehren / dieses fingen:
Dass die Liebe alles könn / mit wie leichter Müh / bezwingen;
Alles überwinden gleich; dass ihr keine Helden-Stärck
Irgend könne widerstehn: darum lieb ich ihre Werck.
Macarie nichts wissend von der so zeitig und unvermutig erwachsenen Liebe /
dachte auf nichts anders /als Kunst-Gespräch und Tugend-lehrende Sitten: Wie
dann ihr deren keines / der gnädige Himmel / oder die mildreiche Natur versaget:
Polyphilus im Gegenteil dichtete nichts anders / als was sein Hertz immer mehr
und mehr quälete. Doch wusste er alle seine Reden so meisterlich zu führen / dass
sie zwar innwendig eine heimliche Passion der Macarien leicht eröffnen könten /
von aussen aber keinen Schein / ohn der auf Tugend und Verstand gehe / funckeln
liessen.
    Macarie / welche nicht allein reich an Tugend /sondern auch mächtig am
Verstand war / merckte alsobald / wohin die Augen Polyphili spielten / wornach
dem Hertzen verlangte / und wohin die Wort zielten: liess sich doch gegen
Polyphilo nichts mercken / entweder ihren Vorsatz der Einsamkeit zu behaupten /
oder dem vor genug-geplagten Polyphilo seine Schmertzen zu vermehren. Daher
fieng sie an (wie sie dann aller List voll war) bald von der Blindheit der
Liebe; bald von der Zufriedenheit der Einsamen; bald von dem Unglück der
Verliebten; bald von dem Streit der Tugend / mit der Liebe; bald von der
verführenden Schönheit; und wieder bald von der Unbeständigkeit verliebter
Hertzen / so herrlich / als verständig zu reden: Welches alles aber / und so
viel Wort aus ihrem redsamen Munde fielen / so manchen / ach! ja wohl mehr als
tausend vergifftete Schmertzen-Stich bekam das / unter dem Liebes- / nunmehr
ächtzende und lächzende Hertz Polyphili / biss es endlich / im höchsten Grad
seiner unleidentlichen Pein / von der mehr als über-natürlichen Schönheit dieser
irrdischen Göttin; dann auch denen lieb- und gunst-würdigen Tugenden /
höflichgezierten Sitten / klug-verständigen Reden / und was mehr / den armen
Polyphilum zu kräncken gleichsam sich der schönen Macarien verbunden hatte;
überwunden und gezwungen wurde / einen tief-geholten Seufstzer / der winckenden
Augen-Post zu vertrauen / und gegen ihren Tugend-Stral zu schicken.
    Macarie / die diese Entdeckung seiner gefassten Liebe alsobald verstund /
hätte gern dem Polyphilo seinen Irrtum auch damals erwiesen / und zugegen
gestraffet / wann sie nicht den anwesenden Talypsidamum geförchtet / dass er die
Sache mercken möchte; derowegen / damit dem Polyphilo sein Blick nicht
unbeantwortet bliebe / bevorab / weil er selber Gelegenheit an die Hand gab / in
dem er / von der Einigkeit der Liebe mit der Tugend / redete / und solche
behaupten wollte / fieng die Macarie folgender Gestalt an zu ihm zu reden:
    Tugend-liebender Polyphile! wann ich eure Gründe / damit ihr bisher erwiesen
/ wie die Liebe sich mit der Tugend so wohl stelle / nach euren Worten / und
nicht aus dem Grund erkennen wollte / muss ich gestehen / dass ihr mich leicht
überreden könntet. Dann die Farben könt ihr artig führen / ob aber der Grund
auch so gut sei / ist / das ich zweifle. Und damit ich euch euren Irrtum desto
deutlicher erweise / und eure Gründe / mit grösserer Krafft und leichteter Müh
/umstosse / will ich euch in euch selbst führen / und euer Hertz kündigen
lassen. Saget mir / der ihr wolt vor Kunst- und Tugend-begierig angesehen werden
/hat jemals / so lang ihr Tugend geliebt / und Kunst erwählet / die Liebe ihr
Zelt bei euch aufschlagen dörffen? Oder / so mir ein falsches Beispiel zu führen
vergönnet / glaubt ihr wohl / wann euer Hertz / etwa mit einer vergeblichen /
doch heiss-entzündeten und Hertz-quälenden Liebe eingenommen wäre / oder noch
künftig bestürmet würde / dass ihr einige Tugend-Gedancken / ohne Verhindernus /
erfassen köntet? Ich meines teils / glaube in diesem Stück keinem Ja-Wort Es
müste dann sein / dass ihr der Liebe feind / ihrer Macht euch widersetzen / und
sie nicht woltet herrschen lassen. Sonst haben wir / in dieser Sach / viel
warhafte Exempel / sonderlich an denen /die ihre Begierden noch nicht
allerdings zäumen / besondern zu weilen etwas freier lauffen lassen. Wie dann
insonderheit die leicht-verliebte Jugend in dem Fall hoch zu schelten / die / so
bald sie etwas stehet /das ihren trüglichen Augen schön scheinet / ihr Hertz
daran hängt / und aller Tugend / und Kunst-Begehrung vergisst: Da sie doch viel
eher und mehr diese vor jenes erwählen / und die Schande ihrer Unbeständigkeit
nicht so bald öffnen sollte. Wie nun dieses das grösseste Laster ist / das
erdacht werden kann: als bekenne ich / dass ich / so viel mich betrifft / mein
Abscheuen zu bezeugen / mich freiwillig der Laster-befreieten Einsamkeit ergeben
/ damit ich durch solche Liebes-Blendung nicht Laster vor Tugend nehmen; sondern
diese vor jenen erfassen und behalten möchte. Bekenne dannenhero / dass / da mich
einige Augen sollten verliebter Weise anschauen / oder auch einig Hertz
meinetwegen sich in solche Brunst setzen / selbiges in Warheit eine Torheit
begehen / vergebliche Nichtigkeiten hoffen / und ihm einbilden würde.
    Polyphilus hatte vor dieses mal seinen Bescheid /mit welchem er vor Lieb
nehmen mochte. Talypsidamus aber / der auch nicht ungeschickt war / dachte den
Reden etwas nach / und wäre bald auf den Grund kommen / wann nicht Macarie / die
klügeste der Frauen / alsbald zu ihm angefangen: verstehet ihr / geehrter Herr
Vetter! wohin die Wort zielen? Ohnlängsten hat sich eine meiner liebsten
Freundinnen / eben an diesem Ort / mich der vorgesetzten Einsamkeit halber / zu
straffen unterfangen / und als eines grossen Versehens beschuldiget / dass ich in
dieser frühen Jugend / manchen Jüngling in solche Netz führen würde / die er
aufzulösen / ohne mein Behülf / nicht vermöchte. Nun hab ich mich zwar
alsobalden in dem entschuldigen können / dass ich an mir nicht finde /was einig
Netz bereiten / oder einen solchen Fall würcken könnte / weil nicht die Jugend;
sondern die Schöne / solches allein vermag / die sich an mir so gar nicht finde.
Weil sie aber diesem noch fernere Wider-Rede hielt / und mich auch mit dem Lob
der Schönheit krönen wollte / ja! so gar ihre Wort mit Werck erweisen / und mir
einen edlen Jüngling nennen / der schon offtermals / ohne mein Vermercken /
durch Seufftzen und andere Lieb-bietende / Lieb-bittende Augen und
Zungen-Gewerbe / meine Gunst verlanget; hab ich noch von dannenher / das
Beispiel anziehen /und euch / geehrter Herr Vetter! zur Nachricht; diesem edlen
und Tugend-werbenden Jüngling aber / zur Lehr und Unterricht / erzählen wollen.
    Beide / Talypsidamus und Polyphilus / fiengen zugleich an / die Rede zu
beantworten; Jener zwar aus Gebühr: Dieser aber aus Angst / die ihm sein Hertz
brechen wollte. Er verstund gar bald / was das geredt sei / und wie er je länger
je mehr mit Bescheidenheit abgewiesen / unter eines andern Namen den Abschlag
annehmen müste. Doch dennoch / ob der Schmertz gedoppelt so gross gewesen / und
das Verlangen / dieses alles zu beantworten / nicht mit Fesseln hätte können
aufgehalten werden; musste er gleichwol in den Schrancken seiner Jugend
gebührenden Schamhaftigkeit / dem ältern dissmal die Antwort überlassen.
Vielleicht zu seinem Besten / weil sehr vermutlich / dass der Mund / in solcher
Hertzens-Bedrängnüs / mehr geredt / als der Sinn erwägen können; ja / in beisein
Talypsidami / mehr verderbet / als genutzet. Fuhr demnach der Schiff-Patron
folgender Gestalt fort: Tugend-völlige Macarie! in allem dem / was ihr geredt
/kann ich nicht anders zeugen / als dass die entdeckte Warheit / euern Worten
Glauben erwerbe. Und ist freilich dem Zweifel sehr unterworffen / ob die Liebe
mit der Tugend einigen Bund halte / weil jene auf einer leicht-wanckenden Kugel
bestehet. So habt ihr an euch selber nicht das geringste Unrecht erwiesen /
indem ihr / aller Lieb entfernet / keinem / durch dergleichen betrügliche
Torheit / trauen wollet: worinnen ihr / nicht nur mein / sondern auch
jedermänniglichen Lob und Zuspruch verdienen werdet. Gleichwol aber hättet ihr /
Kunst-verständige Macarie! auch dieses in euer Rede mit befassen sollen / was
ihr vor eine Liebe deutet? So viel ich allen Umständen nach vernehmen kann / ist
die Rede von der leicht-stehenden / Leicht-fallenden Liebe / die nit auf Tugend
gegründet / sondern mit der verführenden Schönheit vergehet. Was wollen wir aber
sagen von der Liebe /so durch Tugend erworben / und dem Verstand ernehret wird?
könt ihr euch der auch entziehen? weiss auch diese eine Einsamkeit zu lieben? So
könt ich bald schliessen / wird / die Tugend-begabte Macarie / nicht
Tugend-begabt sein / weil sie sich der Einsamkeit ergeben. Sagt mir / Macarie!
was hat euch einsam zu leben verursachet? Ihr werdet bekennen: die Tugend. Sagt
mir / was würcket die Tugend in eurem Hertzen? die Antwort wird kommen: Liebe.
Darff ich weiter fragen: Was nutzet die Liebe / wann sie nicht tätig ist?
meines Erachtens / nichts. Nun sehet dann / wie ich euren Tugend-Wandel
bestraffen / und eure Einsamkeit schimpfen wollte. Untätige Liebe ist nichts;
Was ist dann eure Tugend? auch nichts. Ist die Tugend nichts; was wird sie vor
eine Einsamkeit stifften? Nichts kann doch nichts schaffen. Ist also eure
Einsamkeit entweder auch nichts / oder ist sie etwas /ist sie doch nicht von der
Tugend. Verzeihet mir /Macarie! dass ich die Warheit so frei bekenne. Erinnert
euch / was selber die Tugend befiehlet / wann sie ihre reiche Gaben / mit so
milder Hand austeilet. Hier dieser Tugend-begüterte Polyphilus / hat / ihrem
Befehl zu folgen / aus seinem fernen Vatterlande / und durch so viel
Widerwertigkeiten / die er doch alle kräfftig besiegete / sich hieher zu uns /
in die Frembde / begeben; und (darff ichs sagen?) bloss darum /dass er euch /
Macarien / als das vollkommenste und wunder-belobte Tugend-Bild / sehen und
begrüssen möchte. Eurentwegen hat er sich biss in den Tod bemühet / zu Wasser und
Land / wie und wo er konnte /seine Tugend-begierige Sinnen mit der jenigen zu
vergnügen // die er in seinem Hertzen / vor eine Göttin der Sterblichen / und
unbegreifflichen Schatz aller Tugenden und himmlischen Sitten / stets verehret
/und das sein letztes Ziel sein lassen / wann er eure Begnädigung durch seinen
Gehorsam erhalten / und eure Lust-bringende Gespräch stillschweigend verwundern
dörffte. Solte dann / Tugend-liebende Macarie! dieser Polyphilus / will nicht
sagen / seiner auch herrlichen Tugenden und lieb-würdigen Sitten wegen; sondern
vielmehr um alles das / was er schon um euch erlitten / nicht wert sein / dass
eure Tugendrührende Liebe seine Hoffnung küsse / und das erhitzte Verlangen mit
einiger Gunst-Bezeugung / kühle und erfülle? Das wäre ja wider die Tugend
selbst. Ich zwar will nicht hoffen / wann Polyphilus / um Tugend zu werben / und
Kunst zu erlangen / euch mehrmals zu sprechen begehrt / dass ihr ihm solchen
schuldigen Dienst versagen werdet: Dann ehe müstet ihr euer selber vergessen;
auch sag ichs nicht aus Antrieb dessen / als wann ich wüste / was Polyphilus
gedencket: sondern weil ich die Ursach / die ihn zu uns bracht hat / und seine
lob-fähige Begierde gründlich vernommen. Dieses hat mich bewogen / dass ich ihm
in allem beförderlich zu sein / versprochen; ja / ich bekenne frei öffentlich /
dass ich diesem Polyphilo / nicht nur mit einem Eyd verbunden bin: sondern durch
seine Kunst-und Tugend-Ubungen / die er mir sattsam erwiesen /dermassen
verpflichtet / dass ich ihn / als mein eigen Hertz / liebe / und mir von Macarien
/ kein angenehmer Glück kann bescheret werden / als wann sie /durch ihre
Höflichkeit / meinem vertrautem Polyphilo ihre Ehren-vergönte Gesellschaft
erteilen / und ihn /an meine statt / beglücken wird.
    Wer die Gedancken der schönen Macarien erreichet / der wird auch die
Unergründlichkeit der tausend-vermehrten Freuden Polyphili entdecken / in
welchen er um so viel mehr vertieffet wurde / dass dieses alles ohngefähr und
wieder sein Hoffen und Wissen geschehen. Deswegen er Talypsidamum / wär es
müglich gewesen / gern in den Himmel gehoben hätte / und diesen Dienst / mit
einem ewigen Danck /verschuldet. Was tut aber Polyphilus? was antwortet
Macarie: Jener / so bald er die erwünschte Gelegenheit ersiehet / bemühet sich
dahin / wie er die Wort Talypsidami / in der Tat / bekräfftigen möge. Das beste
/ so er tun konnte / war / weil Talypsidamus redete / dass er die Wort / so mit
hertzlich-geholten Seufftzern / so mit lieblich-winckenden Blicken / so mit
demütig-gebücktem Haupt / und andern Leibs-Bewegungen mehr / nach Art und
Beschaffenheit der Sachen / begleitete: dadurch er dann völlig die Warheit
zeugen / und den Reden Glauben verdienen kunte: auch wusste er das alles so
meisterlich zu spielen / dass ihn oft Macarie mit Furcht ansah / sich über ihn
verwunderte / und seiner Vollkommenheit halber freuete.
    Wäre die weibliche gebührende Schamhaftigkeit nit so mächtig gewesen /
hätte / in Warheit / Macarie fast gleiche Entzündung klagen müssen. Doch kunte
Polyphilus aus ihrer offtmaligen Veränderung schon etwas schliessen / wie
künstlich sie auch ihre Passion bergen wollte; daher er dann Ursach bekam / diese
leiss-klimmende Funcken / durch seine liebkosende Augen-Stralen / je mehr und
mehr zu entzünden / biss sie endlich in eine grosse Flammen-Brunst ausschlugen:
die sich aber der Brunst Polyphili noch bei weiten nicht gleichete. Dann diese
war durch die Schönheit gefangen / und hatte die Tugend vergessen: was in
Macarien brannte / war alles und einig von Tugend erhitzet.
    Weil sich aber gleichwol die flammende Brunst nicht bergen liess / sondern
mit grossem Gewalt zu den zarten Wangen der Macarien aussschlug / und dieselben
mit Purpur bemahlte / so gar / dass sie selber beförchtete / es möchte es nicht
allein Polyphilus /sondern auch der Schiff-Patron mercken / gedachte sie
alsobald dem Argwohn vorzukommen / und die Liebes-Bewegung mit den Farben der
Schamhaftigkeit anzustreichen / als wann diese / nicht jene / ihrer
Scham-beröteten Wangen Ursacherin wäre. Beantwortete demnach die Red des
Schiff-Patrons folgender Gestalt:
    Geehrter Herr Vetter! die Röte meiner Wangen wird / ausser meinem Bekantnus
/ zeugen / wie mich eure Wort beschämet. Absonderlich / da ihr kein Bedencken
getragen / in Anwesenheit dieses edlen Jünglings / mich auf solche Art zu
straffen / dass ich ungewiss bin / soll ich meinen Irrtum bessern / oder
verteidigen. Jenes sollte mir freilich obliegen / von wegen eurer / dem ich zu
folgen verpflichtet; nicht weniger auch dieses Polyphili / dessen um mich
vielfältig-ausgestandene Unglücks-Fälle meine Gunst-Gewogenheit / wie ich
vernehme / Befehls-weiss fordern dörfften: Folg ich aber meinem aufgestecktem
Ziel /und bleibe in den Schrancken-der ruhmwürdigen Tugend / solt ich billich
dieses / vor jenem / erwählen; bevorab / wann ich den unauflösslichen Bund meines
getanen Gelübds besinne / der mich / die Zeit meines Lebens / die erwählte
Einsamkeit zu lieben / ohn Unterlass / und auch anjetzo / mit Schrecken ermahnet.
Deswegen mich weder ihr / geehrter Herr Vetter! noch dieser Tugend-begierige
Polyphilus / oder jemand anders / einiges Verbrechens schuldig erkennen wird.
Zwar / habt ihr mir nicht ohne Grund erwiesen /dass ein Unterscheid sei / unter
der Liebe / so durch Tugend blühet / und der / so mit der Schönheit verdorret;
Auch habt ihr über das gnugsam bekräfftiget /wie ich / ohne Verletzung meines
Gelübds / selbst in der Einsamkeit / die Tugendentspringende Liebe nicht fliehen
könne: wolle ich anders nicht zugeben / dass meine Tugend / oder die daher
rührende Einsamkeit /vor nichts / oder / zum wenigsten / vor eine
Laster-nehrende Einsamkeit gehalten werde; Dem ich in allen gerne beipflichte:
indem ihr aber den Beweis /oder vielmehr das Beispiel / von diesem Lob- und
Lieb-verdienenden Jüngling / und auf solche Art /nehmen wollen / dass ihr mir
zugleich seine Hertzens-Gedancken öffnen / seine brünstige Begierden erzählen /
und mich / das einige Ziel seines Verlangens /mit so beschönten Worten /
benennen dörffen / weiss ich traun nicht / ob es Fallstricke sind / meine
Freiheit zu fangen / oder ob es eine heimliche Zerstörung meiner ewig-geliebten
Einsamkeit sein solle. Euch zwar / edler Polyphile! hab ich schuldigen Danck zu
ersetzen / vor die unverdiente Ehr / so ihr mir in euren Gedancken / aber ohne
Grund / beigelegt. Dann gedencket selber / wie ihr mir / und euch / so gross
Unrechttut. Durch was Vortrefflichkeit schätzt ihr mich eine Göttin der
Sterblichen? Wisset ihr / was eine Göttin vermag / (wie ihrs zweiffels ohne
wissen werdet) wird euch die Sach selbst bald widerlegen. Oder mit was Recht /
nennet ihr mich den unbegreifflichen Schatz / aller Tugenden und himmlichen
Sitten? Wisset ihr nicht / dass die verderbte Menschen-Art darzu nicht gelangen
kann / wann sie gleich noch so hoch beseliget wäre. Drum sehet / wie weit ihr
euch selber verführet. Dieses zwar muss ich bekennen / dass ich stets / und mit
allem Fleiss dahin getrachtet / wie ich der Tugend nachsetzen / und meinen
wenigen Verstand vermehren könnte: aber daher folget noch lang nicht / was ihr
geschlossen. Ja / besinnet euch / geliebter Polyphile! würdet ihr an euch
selber nicht das grösseste Unrecht tun / wann ihr mir das zueignet / was euch
doch vor allen gebühret. Wollt ihr selber / das ohnmächtige Geschlecht voller
Mängel (das weibliche mein ich) der männlichen Vollkommenheit vorziehen? Ihr
werdet nicht allein an euch selber /sondern an aller Mannschaft untreu
werden. Auch wird mich niemand jemalen / so ehrbegierig befinden / dass ich etwas
annehmen sollte / des ich mich nit würdig erkenne. Dann das wäre Schand / vor
Ehre; Spott / vor Ruhm; und vor Tugend / Laster erkaufft. Darum besinnet euch
eines bessern / edlester Polyphile! und verführet durch solche falsch-gefasste
Einbildung eure leicht-fallende Jugend nit so sehr / wolt ihr anders / nach
diesen den unersetzlichen Schaden /nicht mit grosser Reu wieder verlangen.
    Hat einmal Polyphilus fleissige Acht auf die Reden geben / so ists / in
Warheit / dissmal geschehen. Furcht und Hoffnung / die ihn in die Mitte gefasset
/waren die zweifelhafte Dolmetscher eines jeden Worts / das aus Macarien Mund
fiel. Er aber / Polyphilus selber / halb-froh / halb-betrübt / machte seinem
Hertzen solche Verwirrung / dass nicht viel fehlete / es hätten die gehäuffte
Schrecken seinen Geist zu ruck gehalten / und ihn in die Ohnmacht versencket:
wann nicht die Gegenwart des Schiff-Patrons / seiner Jugend-geziemenden
Höflichkeit ein Widriges geboten hätte. Gleichwol war die Angst so mächtig / dass
er mit tief-geholtem Seufftzen / auf folgende Art anfieng zu reden:
    Tugend-beschönte Macarie! was soll mir der Danck wegen unverdienter Ehr /
welcher nicht mir /sondern ihrer Göttlichen Vollkommenheit gebühret. Wird sie
mich nun wieder straffen? Nein / alleredelste Macarie! Unverdiente Ehr läst sich
noch annehmen: aber unverdiente Straf zu dulten / schmertzet sehr. Hab ich
unrecht geredt / indem ich sie eine Göttin der Sterblichen genennet / so bitte
ich / erweise sie / welcher dann dieser Ruhm vor ihr gebühre? Hab ich übel
getan / dass ich sie den unbegreifflichen Schatz aller Tugenden bekennet / so
gestehe sie mir ein Laster /das ihren Wandel beflecke. Hab ich gefehlet / da ich
ihr himmlische Sitten erwiesen / so widerspreche sie mir die Himmel-bescherte
Gaben / und behaupte / dass Kunst und Tugend; Höf- und Freundlichkeit / auf der
Erden wachse. Wer / meint  sie / Macarie! wird den Sieg erhalten? Ich zwar /
bekenne mich dessen unwürdig / und bin vergnügt / wann Macarie meinen / ihr
erteilten / Ruhm erkennen wird / dass er fest gegründet / und nicht auf
erdichteter Unwarheit bestehe. Ich bin zu frieden / wann ich ihr einfältig
erwiesen / wie mein Irrtum nichts minder / als mit Reu / einigen Schaden
verlangen werde. Darff ich / allerschönste Macarie! ohne ihren Verdruss weiter
reden / will ich ihr mein Verlangen besser erklären. Dieses hat seine Segel
einig nach Kunst und Tugend ausge pannet /welche / wann es wird errennet haben /
hab ich volle Genüge. Nun befind ich / dass / wann dir Glückseligkeit mich einmal
wieder auf Rosen weiden wollte / ich durch ihre Ehren-vergönnte Gesellschaft /
die Stachel aller Glücks-Verhinderung mit leichter Müh fliehen köndte. Ihre
verständige Reden / ihre Tugend-gezierte Sitten / vermögen gar wohl die
Richtschnur meiner Gedancken / ja! meines Lebens Verbesserung zu sein. Meine
Kunst kann sich nehren / aus ihrem Sinn-reichen Gespräch; meine Tugend mehren /
aus ihren Lob-würdigen Taten. Ich sehe / edle Macarie! dass sie dieses
widersprechen will / und vor einen höflichen Schertz erkennen: aber sie messe
die Warheit mit meinem Verlangen. Kan sie dann eine andere Ursach erfinden / die
mich daher geführet? Zum wenigsten glaube sie nur dieses / dass / so bald ich von
ihrer Vollkommenheit einigen gewissen Bericht erhalten / diss meine erste
Gedancken gewesen: Möchtest du von dem Himmel so hoch begünstiget werden / diese
Tugend- Frauen zu sehen / und ihre belobte Reden zu hören / würden sich deine
Sinne viel höher erheben / ja dein Beginnen die Glückseligkeit aller
Zufriedenheiten auf dem Fuss nach sich ziehen: und in diesen Gedancken beharre
ich noch immer fort. Ist derowegen / verlangte Macarie! mein sehnliches Bitten
/dem / was dieser / mein vertrauter bester Freund / vorhin an meine Statt und
wider mein Verhoffen gebeten / ihrer Tugend-Gebühr nach / gnädiges und
Gunst-versprechendes Gehör zu geben / wofern sie mich einiges Glückes wert /
und der geringsten Ehren nicht unwert erkennet: und mit diesem Beschluss /
nähert er zu ihren Füssen / und küssete mit gebührender Demut den Saum an ihren
Rock / zum Zeichen seiner ernstlichen Bitt und unverfälschten Begehrens. Nach
dem aber wandte er sich zum Talypsidamo / sagte selbigem auch hertzlichen Danck
/ dass er ohngebetten seine Glückseligkeit befördern / und um das werben wollen /
welches er / die Zeit seines Lebens / zu begehren / sich nicht hätt erkühnen
dörffen: verpflichtete sich auch hinwieder zu aller Dienst-fertigkeit / wie /wo
und wann er befehlen würde: Diese Tat solle nicht nur in einem ewigen
Gedächtnus immer grünen /sondern auch hundertfältige Frucht tragen; alles sein
Vermögen würde er zu allen Zeiten und in allen Begebenheiten / so willig / als
schuldig befinden: und was derselben Complementen mehr waren.
    Macarie / die sich indessen eines bessern besonnen / gab / wegen kürtze der
Zeit / auch eine kurtze Antwort / weil sie ohne das mit Polyphilo aufgestanden
waren / und wieder zu Haus kehren wollten. Darum sprach sie: Was die Bitte meines
Herrn Vettern belanget / ist mir selbe an statt eines Befehls /dem ich
schuldigen Gehorsam leisten muss: doch so fern / dass eure Freundschaft / unter
der Tugend-Decke nicht ein Laster verberge / oder ausser derselben etwas mehr
begehre: da ich dieser Furcht entlediget /kann ich leicht gestatten / dass ihr /
um ein gutes Gespräch zu halten / mich öffters besuchet. Polyphilus /dessen hoch
erfrenet / bedanckte sich aufs schönste /nahm die Erlaubnus / mit dem
Versprechen / sich selbiger ehistens wieder zu bedienen / an / und ratschlagte
allbereit / wann er wiederkommen dörffte; nahm Abschied / und ging mit seinem
Führer nach Hause: wiewol Macarie sein Hertz bei ihr behielt.
 
                                 Neunter Absatz
Beschreibet die Ersäuffung Polyphili / und die daher entstandene betrübte Klagen
/ der erschreckten Macarien / und was sie vor Nacht-Gesicht betrübet: Lehret an
Polyphilo / die der Kunst und Tugend ewig widerstrebende Unglücks-Bestürtzung /
von deren bissweilen alle Hoffnung niedergeschlagen wird; an Macarien aber / die
                          selbst notleidende Tugend.
Aber / O des unglückseeligen Polyphili! wie unbeständig ist doch die Freude der
Menschen / welche verdorret ehe sie erwachsen / und umgerissen wird /ehe sie
gegründet. Der Lustoffende Polyphilus ging in steten Gedancken / wie er wieder
zu Macarien kommen / und etwa sein betrübt Verlangen / durch ihre
Freud-erweckende Gegenwart / stillen könnte / da ihm das Unglück eben eine neue
Gruben bereitete /und die Netz der Verhindernus ausspannete / seine Freuden zu
fangen / und seine Hoffnung zu vernichten. Dann / so bald er mit Talypsidamo ins
Haus trat /befand er sich / mit einer grossen Meng gewapneter Soldaten umringet
/ die ihn gefangen nehmen / und in die Verschliessung führen wollten. Ein Schwerd
vermochte nicht wider so viel zu streiten / und anderer Hülff hatte sich der
verlassene Polyphilus / in der Fremde / nicht zu getrösten: Darum musste er sich
ihrem Willen / in gezwungener Gedult ergeben. Talypsidamus / wiewol ihm die
Sache unbillich vorkam / dorffte doch / vermög seiner Pflicht / nichts wider die
Gemeine vornehmen; so war er auch nicht mächtig genug / dem Aufruhr allein zu
widerstehen: Doch nahm er sich des Polyphili so viel an / als er vermochte / und
forschete die Ursach / mit dem Verbrechen / welches Polyphilum in die Gefängnus
werffen sollte. Da er nun vernahm / dass die Innwohner der Insul / diesen
Polyphilum / vor den fremden Ritter ansahen / welcher den Philomatum /
unschuldiger weise / ermordet: sprach er selber Polyphilo zu / dass er sich zu
frieden geben / ihrem Befehl nach kommen / und sich auf seine gerechte Sache
verlassen solle: versprach ihm auch seine Hülff in allem / und tröstete ihn mit
der Versicherung / dass er morgen wieder los sein solle. Polyphilus / mit
tausenderlei Widerwertigkeit geschlagen / dachte alsobalden an den Traum /
welchen er vom Philomato gehabt; an dessen Wort / und an die vergifftete
Schlangen / die ihn ins Hertz gestochen / und das Gesicht zerrissen: schloss
alsbald dahin / dass dieses die Erfüllung dessen sein müste. Da er aber der
Schlangen gedachte / überfiel ihn eine Forcht / die der Todes-Angst nicht
unähnlich war / dadurch er gleichsam sich zum Tode verdammet beförchtete. Forcht
und Eyfer ratschlagten miteinander / wie dieser Not abzukommen. Ins Gefängnus
zu gehen / war seiner Grossmütigkeit viel zu wider; auch gedachte er / was wird
Macarie sagen /wann Polyphilus gefangen ligt? Unter der Rott böser Buben
geführet zu werden / verdirbet meine Ehr bei männiglich. In Forcht des Todes zu
leben / ist ärger /als stündlich zu sterben: darum war das der letzte Schluss:
lieber ehrlich gestorben / als schändlich gelebt. Was geschicht? In sein Schwerd
zu fallen / wollte die Gelegenheit nicht leiden / dann die Hüter waren da. Durch
ihren Grimm zu sterben / war wieder kein Ruhm. Dann er den Namen nicht führen
mochte / als hätte er seine Ehr beschützen wollen gegen denen /die keine Ehre
hatten / oder selbige seiner Spitzen gewürdiget: so wär es wieder schändlich
gewesen /wann er durch ihre Schärffe hätte fallen sollen. Möchte Talypsidamus
sein Unglück mit seinem Leben enden / wäre diss der grösseste Dienst gewesen /
den jemals ihre Freundschaft erfordert: doch wollte auch dieses nicht angehen.
Darum nahm er ihm vor / weil er sonderlich der Macarien schuldig war / sein
Leben entweder mit Ehre zu retten / oder auch ohne Schand zu enden / er wolle
sich in das Wasser stürtzen / sei es ihm gnädig / wolle er dem Himmel dancken /
ersäuffe es ihn dann / sei er schon zu frieden / wann nur Macarie wisse / dass er
ihrentwegen auch seines Lebens nicht geschonet. Der Schluss ist gemacht:
Polyphili Arglistigkeit vermochte auch leicht alles nach Begehren zu vollbringen
/ sonderlich aber diente hierzu das Haus des Schiff-Patrons / von welchem die /
so aus und eingehen mussten / eine Bruck über das schnell-rauschende Wasser
führete / da sich keiner ohne Verlust des Lebens hinein wagen dörffte. Wie
machts aber Polyphilus / dass er vor das Haus heraus komt / ehe er von der
grimmigen Rott angegriffen wird? Er wincket dem Schiff-Patron / und bittet
/durch die Pflicht ihres Verbündnüs / dass / so er ihm einmal getreu sei gewesen
/ er dissmal bei den Soldaten auswürcken möge / sie sollen ihm / auf sein Wort /
nur biss auf die Brucken erlauben / allda er in geheim etwas von Macarien mit ihm
reden wolle / das er befürchte / es möchte allhier nicht verborgen bleiben.
Versprach darneben bei Treu und Glauben / dass er mit keinem Fuss die Flucht
nehmen / oder nur selbige gedencken wolle; weil ihm ohne das auch unmüglich wäre
/ ohne Schiff von dieser Insul hinweg zu kommen.
    Talypsidamus / sich nichts böses beförchtend /trauete allem dem / und
gedachte / Polyphilus würde sich bei Macarien / seiner Gefängnus halber
entschuldigen lassen / beredete derowegen die Soldaten / dass sie / auf seinen
Glauben / Polyphilum / so weit er begehrte / mit ihm hinaus liessen. Als nun
Polyphilus einen gelegenen Ort ersehen / steht er still / und fängt folgender
Gestalt an: Treu-geliebter und hertzvertrauter Freund! die Menge der Guttaten /
so ihr mir unverdient erwiesen / kräncket mich freilich jetzo / dass ichs nicht
aller Seiten wieder ersetzen kann. Ich weiss doch wohl / dass ich sterben muss / und
ist ungewiss / ob ich euch / viel weniger Macarien / wieder sehe. Darum / so
bitte ich euch / durch aller Götter Erhörung / ja! ich befehle euch / Krafft
unsrer Eydverbundenen Pflicht / dass ihr / nach meinem unschuldigen Tod / den die
Götter / durch ihre gerechte Rach erweisen werden / bei meiner / ach meiner! ja
meiner hertzgeliebten Macarien / ein treuer Zeuge seid meines Hertzens / welches
sie / durch ihre Schönheit / Tugend und Verstand / so fest gebunden hält / dass /
so bald diese Seele von meinem Leib scheidet / sie dorten / auf ihrem Schoss /
den Ort der Ruhe nehmen wird / und nach meinem Tod geniessen / das ich in diesem
Leben / so viel ich mich auch bemühet / nicht erhalten können. Zeuget auch /
Vertrauter meines Hertzens! dass mein Geist / nach diesen Tagen / sie zwar
offtmals schröcken wird: so bald sie aber ihres Polyphili sich erinnert / und
seine ihrentwegen erlittene Noht / ja gar erwählten grimmigen Tod behertziget /
sie ihn wieder zu seiner Hölen weisen / und sanft wird schlaffen machen / so
gar begehr ich nichts mehr von ihr / als dass sie meiner gedencke. Ihr aber lebet
wohl / mit ihr / und rächet meinen Tod /wollt ihr anders sicher leben. Saget ihr
auch an / dass ich ihr in diesen meinen letzten Zügen / mehr dann tausend
Seufftzer zuschicke / und mehrmals küsse /als ich lebendig hätte hoffen dörffen.
Grüsset sie /lebet wohl! Mit welchen Worten er sich im Wasser ersäuffte.
    Talypsidamus voller Schrecken / wusste nicht / was er machen / wie er helffen
/ wo er raten könnte. Die erzürnte Soldaten drungen mit grosser Macht auf ihn zu
/ und forderten ihren Gefangenen: Der aber hub an sich zu verschweren und
verfluchen / dass er unschuldig wäre an diesem Tod / und dass er nichts davon
gewust. Verschafte derowegen alsbald / dass ihrer etzliche zu Schiff sitzen /
ihm nachsetzen / und den todten Cörper aus den Wellen hervor ziehen sollten. Es
mochte auch der Innwohner Grimm und Zorn nicht so gross sein / dass sie nicht
alsobald zum Mitleiden bewegt / ihre Tat bereueten: aber Talypsidamus beweinte
seinen Polyphilum / und kunte sich nicht trösten.
    Die geschwinde Flut der durchdringenden Wellen bedeckten den Polyphilum /
dass man ihn nicht mehr sah / und ob ihn der Schiff-Patron 3. ganzer Tag lang
suchen liess / konnte er ihn doch nicht erlangen. Deswegen er hoch bestürtzt /
sich wohl wunderte über die Künheit Polyphili / und wie er / seine Ehre zu retten
/ den Tod nicht gefürchtet: aber auch wegen der frechen Tat / und dass er so
einen guten Freund verloren / sich hertzlich bekümmerte.
    Der Abschied / den er von ihm genommen / nötigte den Schiff-Patron / dass er
zur Macarien gehen / und seine Pflicht beobachten musste. Diese / so bald sie
erfuhr / was da geschehen / und wie sie Ursach wäre an dem allein; ja! dass er
sie hertzlich geliebt / und dessen noch nichts genossen / fieng sie bitterlich
an zu weinen. Es häufften die Zähren die Erinnerung seiner erlittenen Noht / es
mehrete den Schmertzen die Erkantnus seiner Gedult / alles / was er geredt und
gehandelt / vergrösserte die Angst Macarie / und ihres Hertzens Betrübnus.
Deswegen sie dann auch die Gesellschaft dieses Schiff-Patrons nicht länger
begehrte / sondern ihn mit höflichen Worten / welche einige nötige
Geschäffts-Verrichtung vorwandten / wieder heim eilen hiess. Es waren aber ihre
Verrichtung nichts anders / dann betränte Klagen / und klagbaffte Tränen /
damit sie den unschuldigen Tod Polyphili /in ihrer Einsamkeit unverhindert /
begleiten könnte. Der Schiff-Patron merckte bald / wohin das Hertz der Macarien
zielte / derohalben er auch ihr nicht länger verhinderlich / sondern vielmehr
beförderlich zu sein sich befleissete / indem er derselben die letzte Wort
Polyphili / mit dem darinnen begriffenen letzten Willen anzeigete / auf Bitt und
Befehl Polyphili selbst.
    Macarie / der ein jedes Wort / wie scharff-schneidige Schwerter / durchs
Hertz drunge / konnte sich dennoch gegen Talypsidamo so unbeweglich stellen / dass
er nicht einige Veränderung an ihr mercken konnte /bevorab / weil sie / durch
solche Wort / aus dem vorigen Traur-Netz heraus gerissen / und in ergrimte
Zornstrick / so lang sie ihres Herrn Vettern Gegenwart scheuen musste / geworffen
würde. Was / sagte sie / und mit was recht / nennet er mich seine / ja seine
Macarien: Durch was Dünckel will er mich seinen Geist schröcken lassen? Aus was
Verdienst erwählet er meinen Schoss / zu seiner Seelen Ruhe? In allem hat er
warlich weit gefehlet und wird er dessen /auch nicht des Geringsten / keinmal
gewürdiget werden. Ich bin und bleibe mein eigen / und keines andern. Sein
Schröck-Geist kann auch in seiner Grufft verbleiben: so ist ihm die Erde ein
würdiger Schoss /da sein Leib; der Himmel aber / wie ich wünsche und hoffe / da
seine Seele ruhe. Sehet indessen / geehrter Herr Vetter! was dieser unter der
Tugend-Decke gesuchet? verstehet ihr nun / wie er seine Laster-Tück mit der
Tugend verblümen / und mit der Kunst-Begierde decken können? haltet mich nicht
für so unklug / dass ich nicht wisse / wie trüglich die Jugend sei / und wie sie
nach solchen Tugenden gemeiniglich zu streben pflege / die einem Laster am
allergleichsten sein.
    Der Schiff-Patron / der dieses alles mit Verdruss anhörte; dieweil er
gedachte: es wäre das Hertz Macarie diesen Worten gleich: hielt vergebliche
Wider-Rede /und bemühete sich sehr / diese übelgefasste Einbildung der Macarien
zu benehmen / mit Vorwendung /dass alles / was Polyphilus getan / sei aus Liebe
gegen Kunst und Tugend geschehen. Und das erwies er nach solcher Länge / dass
Macarie einen viel grössern Verdruss über das bekam / das sie gerne hörete /als
vorher Talypsidamus über ihren widrigen Reden erlitten. Dochgefiel ihr diss wohl /
dass sie aus seiner unnötigen Bemühung gewiss sein konnte / er habe nicht
verstanden / dass sie / in diesem allen / seiner Freundschaft mehr / denn der
Warheit beigepflichtet: wiewol auch dem Schiff-Patron in diesem Fall nicht wenig
Unrecht geschahe / als welcher so gesinnet war / dass sie ihre Gegen-Gunst ihm
nicht bergen dörffen. Aber Macarie war furchtsamer und vorsichtiger /als nötig
war.
    Endlich geht Talypsidamus wieder fort / Macarie /die immer heimliche Sorge
vor Polyphili ertödeten Cörper trug / fragte: ob der Cörper Polyphili gefunden /
oder noch gesuchet werde? Und da sie von dem Letzten das Ja-Wort erhielt /
sprach sie ferner: Nun denn / geliebter Herr Vetter! so tut euren Pflichten
gemäss / weil ihr ihn so hertzlich geliebt / und seine Kunst und Tugend noch
immerdar sehr verteidigt /versehet ihn / wann er gefunden wird / mit einem
ehrlichen Begräbnus. Mit diesem Versprechen scheidete er hinweg / und liess
Macarien allein.
    Diese / nach dem sie die Tür verriegelt / und alle Eingäng verschlossen
hatte / so gar / dass sie sich nun / allein zu sein / versichern konnte / fieng /
mit höchstschmertzlichen Senftzern / und heiss-quällenden Tränen / ihre
Kümmernus / und die Widerwertigkeit des falschen Glücks / durch den unversehenen
und schmäligen Tod Polyphili / hertzlich und schmertzlich an zu beklagen und zu
beweinen / weil sie sich in der grössesten Anfechtung befandte / so jemals der
erzürnte Himmel denen Sterblichen zur Straf / und die ergrimmten Götter denen
Ubeltätern /zur gerechten Rach / zu schicken können. Wer ihre Gestalt gesehen /
konnte in Warheit nicht sagen / dass diss Macarie sei. Die erhellende Augen-Sonne /
welche vor dem das Hertz Polyphili / mit ihrer Stral-werffenden Hitze / so hoch
entzündet / sah man jetzo durch den rauhen Dunst der Hertz-quälenden Seufftzer
verfinstert / und durch den feuchten Augen-Schweiss / gleich einem dickfallenden
Regen / verdunckelt / dass sie fast nicht mehr scheinen konnte. Das Purpur-Feld
ihrer Wangen / das vor dem / durch die Mannigfaltigkeit ihrer Wunder-belibten
Blumen / das Hertz Polyphili in die höchste Verwunderung geführt / war nunmehr
durch die rauhe Winde der bleichen Kümmernus ganz verdorret / dass es kaum
wieder konnte ersrischet werden. Die Blut-gefärbte Corallen ihres gelehrten
Mundes / mit denen beröhteten Lefftzen / die vor dem / durch ihre erhabene
Pracht /den Polyphilum zur freiwilligen Dienstbarkeit bereden konten / waren
jetzo / durch die Gedult zwingende Ohnmächtigkeiten dermassen verstummet / dass
/wofern der kummerhafte Schmertz nicht / mit voller Gewalt / das Hertz durch den
Mund heraus geworffen / und also das Schloss zerbrochen / sie folgende Rede / an
Polyphilum / nicht hätte vollbringen können.
    So beklagte sie aber den Tod Polyphili: Ach! dass mich die Gunst des Himmels
so hoch geliebt hätte /dass ich entweder gleiche Straffen mit ausgestanden /oder
ja keine Gelegenheit irgend überkommen / Strafe zu verdienen! Bist du denn /
ertödteter Polyphile! zu deinem und meinem Tod hieher kommen? Woltestu Tugend
suchen / und dein Leben verlieren? Ach das ist der unendliche Schmertzen / der
mich in die Gruben legen wird / wie er dich in den Strom geworffen. Ach! warum
hab ich dir / deine wohl-gemeinte Gunst nicht besser belohnet? Warum hab ich dem
treuen Hertzen Polyphili nicht bessern Glauben geben? Polyphile! dein Blick /
dadurch du mich von deiner Pein verständigtest / wird mir jetzo ein lauterer
Gift / der meine Seele tödtet / und meine Krafft verzehret. Wird mich nicht
hinführo dein Geist schröcken? Ja / komm her Polyphile! unschuldiger Polyphile /
komm her! Siehe! da ist die Stätte / da ist der Schoss / den du zu deiner Ruhe
begehret. Würdige mich / Polyphile! deine Treu im Tod dir zu vergelten / die ich
in deinem Leben dir versaget. Komm / Polyphile! Siehe! da ist mein Mund / den du
/ in deinen letzten Zügen / zu küssen begehrtest. Siehe! da ist mein Hertz / dem
du so viel tausend Seufftzer zuschicktest. Siehe! da sind meine Hände: ach! dass
sie dich aus den Wellen könten hervor ziehen / wie sie dich hinein gestürtzet
haben! Was wilt du mehr? Polyphile! mich selber? Siehe! da bin ich / bitte die
Götter / dass sie gerechte Rach an mir verüben / und mich neben dir in den
Sternen-Saal setzen / will ich aller Welt gern entnommen sein. Dann nunmehr
ängstiget mich doch dein Tod. Ich arm-selige Macarie / soll ich noch Macarie
heissen? Wie ist dann das Gefängnus meiner Besehligungen so hart verriegelt? Ich
trostlose Macarie / soll ich noch Macarie heissen! wie ist dann der Wandel
meines Lebens dem Namen so hart zuwider? Polyphile / Polyphile! du machest mich
sterben / wie ich an deinem Tod Ursacherin gewesen. Nun so fahr ich dir nach /
reiche mir deine Hand / Polyphile! dass ich dir nachfahre. Aber du wilt nicht /
Polyphile! warum? dass ich dich ertödtet? Ertödte mich wieder / so will ich den
Göttern das Versühn-Opffer an meinem Leibe bezahlen.
    Als Macarie sich so schmertzlich ängstigte / überfiel sie eine krafftlose
Ohnmacht / darinnen sie so lang verharrte / biss sie in einen angenehmen Schlaf
geriet / und im Traum den Polyphilum vor sich stehend befand / sie mit
freundlichen Worten bittend /sie wolle ihm das Kleinod ihrer Tugend-geziemenden
Gegen Gunst nicht länger verhalten: Darauf sie aber nicht ein Wort antwortete /
sondern mit Stillschweigen / sein Begehren widersprach / und obwol Polyphilus
noch ferner anhielt / mochte er doch nichts erhalten / biss er endlich / mit
betrübten Hertzen und weinenden Augen / von ihr scheiden musste.
    Bald darauf erschien ihr ein ander Bild / das auf sie zunahete / und eine
Tafel überreichete / darauf der Name Polyphili in Wachs gedrucket war / welche
Macarie annahm / und an die Sonnen setzte / biss das Wachs zerschmoltzen: worüber
der / so die Tafel überreichet / mit einem Schwerdt erstochen.
    Bald nach dem befand sie sich in einer Hölen /unter den wilden Tieren /
deren jedes einen Teil vom Polyphilo im Rachen hielt / und daran nagte /konnte
doch selbiges nicht verschlingen: Derowegen sie / wider ihren Willen / den Raub
fallen liessen /und mit grossem Ungestümm auf Macarien zudrungen / sie anfielen
/ und bald hin / bald her schleppeten / vermochten ihr doch nichts zu schaden.
    Diesen Schrecken vermehrete ein ander Gesicht /weil sie in einem engen
Schrancken zwei junge Ritter auf den Todt kämpffen sah / deren keiner den
andern erlegen konnte; und weil sie von denen Umstehenden vernahm / dass diese an
statt der Tugend und der Liebe fechteten / wollte sie der Tugend zu Hülff kommen
/ wurde aber durch die Geschwindigkeit der Liebe / zu samt der Tugend / auf den
Boden nieder gelegt.
    Nach dem sah sie ein Gesicht / das erschröcklich anzusehen war / voller
Eyfer / mit aufgesperrtem Rachen / und Feur-wetzenden Zähnen / das sie doch
nicht recht vernehmen konnte / ob es einem Menschen /oder sonst einem Tier
gleich sah. Und als dieses verschwunden / wurde sie zweier schwartz-bekleideten
Jungfrauen gewahr / die stätig ihre Augen / so mit Tränen flossen / trückneten
/ bald auch / als aus Verzweifflung / die Hände ineinander schlugen / und sich
kläglich geberdeten. Denen folgte ein kleiner Knab unbekleidet / welcher sich
sonder-frölich stellete / und bald diesen / bald jenen anlachete: alle aber /
die angelachet wurden / fiengen kläglich an zu weinen. Nach selbigen folgete
eine ganze Schaar Lust-tantzender Göttinnen / die mit erhobener Stimm ihre
Hertzens-froh besungen / und nichts unter liessen /was zur Vermehrung ihrer
angefangenen Lust dienen mochte. Diese Schaar zog einen Gefangenen nach /mit
Fesseln und Ketten so wohl verwahret / dass er /ohne gross Geklapper und Geräusch /
nicht vorbei gehen mochte. Sieben waren der Wächter und Kriegs-Knechte um ihn
her. Und dieser war die Ursach ihres Freuden-Spiels. Sie setzten ihn auf einen
erhabnen Tron / und verwahreten die Ketten aller Orten mit festen Schlössern /
und kam ein jede der Göttinnen /und übete ihre Rache. Endlich trat auf der
kleine Knabe / und zog aus seiner Brust / wunderbahrer Weiss / ein Siegel /
darinnen das Bildnus Macarie stunde; Darauf ihm eine der Göttinnen etliche
verguldete Pfeil darreichte / die er mit solcher Geschwindigkeit / auf den
Gefangenen zuwarff / dass man nicht erkennen kunte / wohin er getroffen. Der
Gefangene aber fiel todt darnider.
    Macarie erwachte über den Schrecken / konnte sich doch / wegen der starcken
Ohnmacht / nicht erheben /bleibet demnach noch länger in der Ruhe. Indessen
kommt die berühmte Zauberin Melopharmis / welche der Macarien sonderlich gewogen
war / und dannenhero auch dem Polyphilo / als welche / durch ihre
viel-vermögende Kunst / ihrer beider Hertzens-Wunsch schon wusste. Diese gedachte
der Macarien eine Freud wieder zu machen / und von der beschmertzten Angst zu
erlösen / darum sie folgende Wort mit verständlichen Buchstaben auf den Tisch
mahlete / dabei sie schlieff / auf dass / wann sie erwachte / dieselben alsbald
ins Gesicht fassen könnte. Die Wort aber waren diese: Betrübte Macarie! die
Götter haben deine Seufftzer erhöret: dein Polyphilus ist nicht tod: deine
Tugend hat ihn nicht gestürtzet; sondern erhalten. Du aber lass ihn geniessen
dessen /das er um dich erlitten. Und ob du seiner noch so bald nicht ansichtig
wirst / lass dich nichts bekümmern. Ehre seine Kunst in deinem Hertzen: liebe
seine Liebe auch abwesend: vergiss nicht seiner letzten Wort: ich habe ihn an
fremde Ort geführet / da er sich deiner wird würdig machen: und du wirst selber
noch dir zu wider leben. So bald die Wort geschrieben waren /machet sich
Melopharmis durch ihre Zauber-Kunst wieder hinweg / aber mit solchem Geräusch /
dass Macarie völlig davon erwachet / und dem Getön nachsiehet / aber nichts
ersehen kann.
    So bald mochte der Schlaf die Augen nicht erlassen haben / dass sie von
dieser Schrifft nicht wieder gefüllet wurden. Die Erinnerung ihrer
viel-deutenden Träume / der Schrecken über diese unerwartete Schrifft /und der
Schmertzen / so sie noch immerdar gefangen hielt / verwirreten sie dermassen /
dass sie selber nicht bei ihr gedencken konnte / was sie deneken sollte. So bald
sie aber die erste Wort gelesen / und / wie die Götter ihre Senftzer erhöret /
vernommen / sagte sie alsobald: gewiss ist die Schaar der Unsterblichen hie
zugegen gewesen: gewiss ist diss durch ihre eigene Hand geschrieben. Grosse Freude
erquickte das Hertz / und die Begierde / was gewisses zu erfahren /verkürtzete
die Schrifft dermassen / dass sie in unglaublicher Eil durchgelesen war. Es
belustigte sie dieselbe auch so sehr / dass sie wiederum von vorne anfieng: aber
die Schrifft verschwand für ihren Augen / welches sie noch mehr stärckete in
ihrer Einbildung / dass dieses ein sonder-gnädiges Himmel-Geschicke sein müsse.
Nichts fiel ihr ungelegener / als dass sie nicht mit grösserm Nachsinnen die Wort
gelesen / doch blieb ihr dieses in frischem Gedächtnüs /dass sie vernommen /
Polyphilus lebe und liebe / dem sie auch allerdings mit einer Gegen Liebe
begegnen solle. Welche Erinnerung sie in diese Wort heraus zu brechen bewogen.
    Wie kann ich dir / günstiger Himmel! in dieser meiner sterblichen Schwachheit
nach Verdienst und Gebühr dancksagen / dass du mich durch deine milde Beschützung
/ in meiner höchsten Bedrangnus / so wunderbarlich erquickest. Darff ich dir
Glauben beimessen / in allem dem / was ich mit deinem Finger bezeichnet funden;
wie ich dann dir allermassen den Glauben schuldig bin; so verspreche ich dir
noch einmal ein ewig Gelubd / dass dieser Tag / vor ein Denck- und Danck-Fest /
die Zeit meines Lebens /von mir soll geheiliget bleiben. Ein Denckmal will ich
setzen an diese Stätte / da ich von so grossen Schmertzen erlöset / und all mein
Kummer sich geendiget. Ein Danck-mal soll jene Stätte tragen / da der lebende
Polyphilus meiner zum erstenmal ansichtig worden / und mich / so uns der Himmel
begnädiget /noch mehr sehen / und erfreuen wird. Du nur Polyphile! wo du gehest
/ wo du stehest / da begleite dich die Hut und Wach der Unsterblichen / und
führe dich / durch einen sichern Weg / biss du wieder ohne Anstoss zu mir kommest
/ um Kunst und Tugend zu vermehren: ich will deiner warten.
    Dieses alles / was wir bisher von Macarien erzählt und vernommen / war aus
keinem andern Grund / als aus Mitleiden / gegen dem Polyphilo / geredt und
getan / als welcher / durch die falsch-gefasste Hoffnung / Tugend und Kunst bei
Macarien zu erwerben /sein Leben einbüssen müssen: Wiewol die Gedancken
Polyphili weiter giengen / der ihm wohl gar einbilden dorffte / (wie er denn
einen hohen Sinn führete / der ihm oft mehr durch das blinde Glück / als nach
seinen Würden / oder Vermögen / sein Begehren gewährete /) mit Macarien in
solche Verträulichkett zu kommen / dass ihrer beider Hertz ein Wollen und ein
Beginnen dichte / ja! dass man gar sagen müsse: Polyphilus und Macarie sind eins:
welches doch noch weit im Felde war / und eher zu wünschen / als zu hoffen.
 
                                Zehender Absatz
 Beschreibet die Errettung Polyphili / durch Melopharmis geschehen / die ihn zu
  dem versenckten Schloss geführt / und was sich allda ferner mit ihm begeben:
    Lehret / wie dennoch der gnädige Himmel ein wachendes Auge habe auf die
     Tugend-verliebte /und seine Hülff wohl verberge / aber nicht entziehe.
Nun müssen wir wieder zum Polyphilo kommen / und besehen / wie es selbigem
ergangen. Alle und jede hielten ihn vor todt / und konnte die Tieffe des Wassers
/ und die brausende Wellen nichts anders zeugen / als dass sie Polyphilum
verschlungen: welches über das bekräfftiget wurde / weil der ertränckte
Polyphilus / oder dessen entseelter Cörper / nicht konnte gefunden werden; daher
sie alle schliessen wollten / er wäre von einem Meer-Tier verschlungen / oder an
einem Anstoss im Wasser hangen bliebe. Aber wie weit ein anders und bessers hatte
die Vorsehung des gütigen Himmels beschlossen. Es musste dannoch waar sein / dass
die ergrimmete Bosheit der Menschen / mit aller ihrer List und Gewalt / nicht
erdrucken könne / was die Erhaltung der allgewaltigen Götter / durch ihre
Begnädigung / erauicken will. Denn /da sich Polyphilus / sein Leben zu verderben
/ und sich aller Welt Schande zu entbinden / mit völliger Verzweifflung ins
Wasser stürtzete / kam er auf den Weg / selbiges / mit desto grösserer
Glückseeligkeit und berühmter Ehre / zu erhalten.
    Melopharmis / davon wir allbereit oben gehöret /und deren Kunst-kündige
Zauberei / war dem Polyphilo so geneigt / dass sie ihn unversehrt / und mit
unglaublicher Behendigkeit / durch den Strom / bei etzlichen Feld-Weges weit /
wegführete / biss er in die Tieffe versencket / an ein herrlich-schönes Schloss
anstiess / in welchem die Innwohner / auch unter dem Wasser / ohne Furcht der
Ersäuffung / leben / ja! ohne Verhinderung der Fluten / aus- und eingehen
konten.
    Polyphilus / der nicht wusste / wie ihm bisher geschehen / wegen des
erschröcklichen Sausens und Brausens der Wellen / wurde von Hertzen froh / dass
er einen solchen Ort erlanget / da er ohne Todes-Forcht Atem holen / und
frische Lufft schöpffen dorffte. Ausser dem / dass er nicht wusste / wie er /
unversehrt seines Leibs und Lebens / daher geraten war / wunderte er sich noch
so sehr / wie ein so herrlich Schloss in ein Wasser gebauet / und die Menschen /
ohne Verletzung / daselbst leben könten.
    Es war aber dieses Schloss vor dem / durch eben der Melopharmis Zauberei /
von dem Meer verschlungen / und unter die Tieffe versencket worden / aus Ursach
/ weil dieser Melopharmis einiger noch unerwachsener Sohn / von diesem Schloss /
durch Untreu eines alten Weibs / Cacogretis genannt / in das Meer gestürtzet
worden. Diese blutschuldige Tat nun zu rächen / hatte sie nicht allein das alte
Weib mit Gift ertödtet / sondern auch diss köstlicherbaute Schloss /durch ihre
Zauber-Kunst / versincken heissen / so lang / biss ein edler Jüngling / diese
Unschuld bezahlte / und sie wieder einen Sohn bekommen hätte.
    Polyphilus / dem der Ort nicht übel gefiel / beschloss bei sich / vollends
hinein zu gehen / und die Burg zu besehen. So bald er aber an das innere Tor
gelangete / ward er etzlicher geharnischter Männer gewar / die ihm den Fortgang
verwehreten / und ob er wohl demühtig und inständig anhielt / mit Bezeugung /dass
er kein Gemüt einigen zu beschädigen / oder auch anzufeinden hätte; ja mit dem /
dass er ganz Wehrloss / auch keine Mannschaft nach sich führete / seine Wort
gnüglich bekräfftigte: war doch alles vergebens / und hätte Polyphilus / glaub
ich wohl / ehe den Grimm aller erzürnten Götter begütigen / als den groben
Unverstand dieser Soldaten zwingen können. Derowegen dann endlich Melopharmis
gezwungen wurde / mit Behülff ihrer Zauber-Kunst / dem Polyphilo offene Tür zu
machen / und ihn unvermerckt /durch die verblendete Wach / ohne Verhindernus /
in das Schloss hinein zu führen.
    Sieben Tor musste er durchbrechen / biss er in den Vorhof gelangete. Die
aufgeworffene Tämme / und hoch-geführte Wälle / mit den fest-verwahrten Mauern
/ Türnen / und was sonst dem Feind zum Schrecken aufgeführet war / gab alles
gnügliche Ursach /sich teils über die Kunst-reiche Erfindung / teils über die
mehr als Menschliche Verrichtung / am meisten aber über die Güte des Himmels zu
verwundern /welche den menschlichen Verstand so hoch begabet /dass er nicht mehr
menschliches / sondern Göttliches gedencke und erfinde: Wie dann in Warheit
diese Burg mit allem Recht eine Himmel-Veste hätte können benahmet werden. So
war auch an der Zierde und Schöne kein Fehl / dass sie nicht einem jrrdischen
Paradeiss hätte sollen gleich geachtet sein; so gar war alles auf das herrlichste
und köstlichste zugerichtet: sonderlich rauscheten im Vorhof die
Blätter-gezierte Bäume / die Lust-springende Brunnen / mit denen lebendigen
Wassern / aufs lieblichste. Allerhand Arten der Vögel flatterten durch die
Laub-dicke Büsche /und erwecketen mit ihrer erhellenden Stimm eine solche
Anmutigkeit / dass ihm Polyphilus gefallen liess /unter ein erbautes Linden-Zelt
seinen Sitz zu nehmen / und dieser Lufft- und Wald-Music ein wenig zuzuhören.
    Ohren und Augen hatten genug / dass sie sehen und hören konten / so viel
artige Lust-Spiel erregte das himmlische Geflügel. Bald nahm eine ihren Flug mit
geschwinder Behendigkeit durch das gestemmte Wasser / und fiel als ertruncken
wieder hernieder / so bald es aber auf den Boden fiel / ward es alsbald wieder
lebendig. Bald wanderten sie alle / so viel ihrer da zugegen waren / durch die
ausgespante Lufft / hielten an einem Ort beisammen / und erhebten dermassen ihre
verliebte Stimm / dass der widerhallende Echo / aller Orten / seine verschwatzte
Zunge / in diesem Vorhof hören liess. Bald setzte sich ein jede wieder auf die
erhöhete Aeste / und sonderlich nahm die muntre Nachtigal ihren Ort auf der
Linden ein / darunter Polyphilus ruhete: gerad aber gegen ihm / versteckte sich
eine seufftzende Turtel-Taube in eine verdorrete Hecken /aus welcher sie doch
bald wieder herfür kam / und sich auf einen andern dürren Zweig setzte / auch
mit heiserer Stimm anfieng zu girren / weil sie ihre Buhlschaft verloren.
    Dieses verursachte Polyphilum / dass er / aber / ach mit Schmertzen! an seine
Macarien gedachte / wünschete nicht mehr / als dass sie wissen möchte / dass er
lebe: wiewol er keine Hoffnung hatte / dieselbe wieder zu sehen / bevorab / weil
er gewiss glaubete / er werde seine noch übrige Lebens-Zeit / mit grossem Kummer
/ in dieser Vestung enden. Tausendmal schauete er das girrende und betrübte
Täublein an /und so oft er sie anschauete / so oft zog Macarie seine Gedancken
zu ihr. Die Nachtigal aber / so voller Freundlichkeit über ihn auf das
lieblichste kitterte /hielt gleichsam der klagenden Turtel-Tauben das Widerspiel
/ dermassen / dass Polyphilus diesen erfreulichen lieb-vollen Streit / zu einem
Zeichen deutete /dadurch sein / und seiner Macarien / so betrübter / so
erfreuter Zustand vorgebildet würde. Deren Ursachen halber / und weil der Ort
und die Zeit nicht wenige Gelegenheit schencketen / nahm Polyphilus seine Tafel
/ und verfertigte folgendes Gedicht:
Wer sich einander hertzlich gibt /
Der liebt den / der ihn wieder liebt /
Und kann sich sonst an nichts erlaben:
Das Turtel-Täublein fleucht und girrt /
Wann sie nicht bald sieht ihren Wirt /
Und in gewollter Zeit kann haben.
Die Nachtigal zwittert und kittert in Lüfften /
erfreuet / verneuet / was altet mit Leid /
verstecket / bedecket die Wintrende Zeit /
gibt fröligen Lentzen in grünenden Klüfften:
Doch läst sie bald und bald auch Klage-Lieder klingen /
die keusche Nachtigal kann mannigfaltig singen.
Wie sitzest du von aller Freud /
in der betrübten Einsamkeit /
und auf verdorrte Bäum und Hecken?
Dass du must unbepaaret sein /
Du frommes Turtel Täubelein /
macht dir den Leid-erfüllten Schrecken.
Was / klingende Nachtigal! klinget dein Wallen /
dein Honig-versüssetes Kehlen-Getön?
Lass / Fröliche! seelige Seelig bestehn /
Lass füllen den Willen das liebe Gefallen /
Lass deine frohe Stimm nicht Leid und Trauren kittern:
Lass den beschönten Klang nicht als erfreulich zwittern.
Die Turtel-Taub den klaren Fluss /
so oft sie dürstend trincken muss /
betrübt zuvor / mit ihren Füssen:
nichts soll erhellen ihre Not /
die ihrer Buhlschaft bittrer Tod /
doch kann / durch keine Lust / versüssen.
Die muntere Nachtigal suchet hingegen
die quellende Wellen / die wellende Quell:
verlanget die Felsen-abrinnende Fäll /
wo keine bepfützete Wasser sich regen:
Doch kann sie meisterlich die hellen Augen trüben /
wann sie benetzet sind / durch das betrübte Lieben.
In diesen Gedancken sass Polyphilus wie lange / und sah nach dem Unterscheid der
Gedicht / bald die Turtel-Taube / bald die Nachtigal an / deren jene den
Schmertzen mehrete / diese aber linderte: biss er endlich von Leid und Freud
bestritten / folgendes Sonnet / auf die Gleichheit seines betrübten Zustandes
/und der Turtel-Tauben klagen / verfertigte / dieses Inhalts:
So sag / Frau Nachtigal! was dir von mir gebühre?
Sag / Turtel-Täubelein! was schröcket deinen Sinn?
der auch mich schröcket jetzt? dieweil ich gleich so bin
verlassen und allein; dieweil ich eben führe
den Dienst der Einsamkeit / und nichts als Trauren spüre /
weil ich sie nicht mehr seh; ja / ja / ich bin / wie du /
betrübt und voller Noht; ich habe keine Ruh /
weil ich in Unruh bin. Dann was ich jetzt berühre /
ist doch die Liebste nicht. Drum wehl ich deine Zeit /
drum lieb ich deine Werck / in dieser Einsamkeit.
Du aber / Nachtigal! du tröstest das Betrüben /
er freuest meine Noht / versprichst mir ihre Gunst /
die mich hiess sterben heut; vermöchte deine Kunst
mich wiedergeben ihr: wollt ich dich ewig lieben.
Nun / sprach er bei sich selber / als er das Gedicht verfertiget / wollte ich /
dass meine allerliebste Macarie diese Wort lesen sollte / damit sie gewiss wissen
könnte / wo und wie ich lebte. Indessen er aber noch andere geheime Gespräch mehr
erkiesete / sieht er ohngefehr einen jungen Knaben / durch den Hof / zum Wasser
eilen / allwo er / seiner Gewonheit nach / mit sprützen / rinnen / und
dergleichen Kinder-Beliebungen mehr / seine Zeit verderbte.
    Polyphilus / der daher schliessen konnte / dass noch mehr lebende Menschen
vorhanden sein würden /floh das Gesicht des Knabens / aus Forcht / er möchte
durch ihn verraten / von den Inwohnern wieder hinaus gestossen / und endlich
ersäuffet werden: Zuvor /weil er wider Wissen und Willen der bestellten Wächter
herein gangen. Aber es ging dem Polyphilo / wie denen / die die Tropffen
fliehen wollen / und in den Platz-Regen geraten / dann da er von dieser Linden
hinweg / unter etliche Feigen-Bäume sich verkriechen will / fällt er einer
erbarn alten Matron in die Hände /welche eben damals Frucht von diesen Bäumen
suchete.
    Wie sehr Polyphilus erschrocken / kann männiglich leicht ermessen / doch weil
er keinen bessern Rat damals erfinden konnte / als seine Unschuld zu bezeugen /
und / wie er daher geraten / zu eröffnen / nähert er mit schuldiger
Ehrerbietung auf die Matron zu /und weil er sah / dass sie an Jahren und
Verstand mit gutem Recht seine Mutter sein und heissen könne /auch durch diesen
Ehren-Titul viel zu erwerben sei /wohl wusste / fieng er mit folgenden Worten an
sie zu grüssen: Edle Matron / und meiner noch frühen Jugend / wolwürdige /
vielgeehrte Mutter! die unvermutete Ankunft eines fremden Gastes erschröcke
sie nicht so gar; auch missfalle ihr die so wollende Versehung der allweisen
Göttlichen Regierung nicht so sehr / dass sie mir einige Ungnad erweisen / oder
von ihren Augen verstossen wolle: sondern sie begnädige mich vielmehr / meine
kurtze Rede anzuhören / wird sie bald vernehmen / wie das feindselige Glück mich
/an statt eines Ballen / gebrauche / und wider mein Wissen und Willen / bald hie
bald dort hin werffe. Auch wundere sie sich darüber / dass ich Frembder und
Unbekandter / an diesen Ort / der unter den Wassern verborgen / mit solchen
Mauren beschantzet /und so starcker und scharffer Wacht versehen / ohne
Lebens-Noht und unverhindert gelangen können. Ich /meines Teils / wie ich
selber nicht weiss / durch wen / oder auf was Art ich daher geführet worden
/glaube vor gewiss / es sei durch die allwaltende Vorsehung des gnädigen Himmels
/ und zwar / entweder mir selber / oder doch einem dieses Orts / wo nicht
beiden / zum Besten geschehen. Doch ist diss alles ungewiss: sollte aber meine
geringe Jugend / durch ihren schwachen Arm / diesem Lust-gebährenden Ort /
einigen angenehmen Dienst erweisen können /würde ich solchen mit dem Namen eines
erwünschten und verlangten Glücks bezeugen. Unterdessen bitte ich / so es
müglich / mich unter ihrem Schutz zu behalten / und / ist mir der Himmel gewogen
/ ihrer Freund schafft teilhaftig zu machen.
    Mit diesen Worten bückte er sich auf die Erden /erwies ihr seine schuldige
Demut / und nahm daher Ursach ihre Hände zu küssen: welches alles dann /dem
Polyphilo guten Willen erwecken / und die Gunst dieser verständigen Matron
dergestalt erwerben konnte / dass sie auf folgende Art antwortete:
    Geehrter Freund! freilich wundert mich nicht wenig / wie ihr an diesen
verborgenen und gefährlichen Ort lebendig gelangen können. Haben dann die Wasser
ihre sonst gewöhnliche Natur ausgezogen? Sind unsre Mauren und fest-geführte
Wälle eingefallen? haben die Wach-haltende geschlaffen / oder sind sie unsehend
worden? Jenes ist nicht glaublich; dieses sehen wir anders vor Augen / und das
Letzte darff ich nicht hoffen. Wie seid ihr dann zu uns herein kommen? Eurem
Vorgeben nach / wisset ihr selber nicht wie / welches mir doch so grossen
Zweifel macht /dass ichs vor unmüglich halte. Soltet ihr von der wollenden
Vorsehung des allwaltenden Himmels daher geführet sein / möchte freilich solches
nicht umsonst geschehen: und hätten wir uns sämtliche dessen hertzlich zu
erfreuen / wann unsre bedrangte Gefängnus /durch etwa euern Arm sollte aufgelöset
werden. Ich muss bekennen / dass dieses etwas neues und ungewohntes ist / ja! über
die Vermögenheit menschlichen Beginnens. Auch ist / die die Zeit unsrer
Verbannung / kein Lebendiger / ausser euch / zu uns kommen. Dörfft ihr derowegen
nicht bitten / euch in unsre Freundschaft aufzunehmen / so fern ihr mir alle
Umstände erzählen und bekennen werdet / durch was Geleit ihr zu uns kommen.
Versichert euch / dass ihr /von diesem ganzen Hause / allen Willen und Ehre zu
erwarten habt.
    Polyphilus / dem dieses willige Anerbieten nicht wenig Freude verursachete /
bekandte allerdings frei heraus / wie er aus seinem Vatterland Brunsile / durch
die Widerwertigkeit des Glücks / zu der Insul Soletten geraten / allda mit
einem / Namens Philomatus /Freundschaft aufgerichtet; welche ihm aber das
neidische Glück missgönnet / deswegen ihn durch der Wellen Macht an einen
unbekanten wilden Ort geführet /und nicht ehe wieder hinbracht / biss er /
Philomatus / durch ein Schwert eines unbekandten Ritters gestorben. An dessen
statt ihm aber die Gunst des gewogenen Himmels einen andern Freund bescheret
/welcher ihm dermassen hülffreiche Hand geleistet /dass / wann er nicht durch
einen betrübten Fall von ihm getrennet worden / er sein Verlangen / das einig
nach Kunst und Tugend stehe / mit leichter Müh erfüllen können. Darauf fragte
die Matron: was das vor ein betrübter Fall gewesen? Ach! sprach Polyphilus /es
ehret und nehret die Insul Solette eine Göttin der Tugend / die sie Macarien
nennen / bei dieser wurde mir gestattet ein- und auszugehen / und meine
Tugend-Ubungen zu stärcken: wie aber das missgönstige Glück durch ihre Blindheit
immer wider dieselbe streitet / also hat selbiges auch seine Waffen wider mich
gerichtet / und / da ich das erstemal bei gedachter Tugend-beliebten Macarien
gewesen / und nun wieder zu vorgedachtem meinem Eyd-vertraute Freunde
heimkehrete / mich dermassen vertrieben / dass keine Hoffnung mehr ist / sie zu
sehen / viel weniger zu sprechen. Dann / weil ich ein Fremdling / wurde ich von
den Innwohnern der Insul / vor den Mörder Philomati angesehen / deswegen sie
mich fangen /und in Verhaft legen wollten. Die Schmach / so ich beförchtete /
vermochte mich dahin / dass ich lieber mein Leben / als meine Ehre zu verlieren
suchete. Deswegen ich / ehe gewaltige Hand angeleget wurde /mich ins Wasser
stürtzete / meinen Ruhm der Macarien durch meinen Tod zu erweisen. So bald ich
aber im Wasser versencket / von denen hoch-steigenden Wellen überfallen wurde /
ward ich gleichsam bei einem Seil durch die Flut gezogen / welche als gewölbet
mich umschlossen / dass das Wasser nicht auf mich zudringen konnte / biss ich an
diesem Schloss angestossen / mein Leben zu erretten / herein kommen bin /
unwissend und wider Willen deren bestellten Wächter.
    Die Matron vor Freuden ganz entzücket / vermochte kaum die Zeit zu erwarten
/ dass Polyphilus ausgeredt / so voll ward sie des Verlangens ihrer Entbindung /
da sie den Namen Macarien nennen hörte. Sie fiel Polyphilo um den Hals hertzete
und küssete ihn / mit diesen Worten: so seid ihr gewiss Polyphilus / unser
Erretter! und indem machte sie ein solch Freuden-Geschrei / dass so viel deren
verborgen lagen / alle / aus dem Schloss hervor / in diesen Hof kamen / um zu
vernehmen / warum diese Matron so freudig sich behägte.
    Polyphilus / ganz erstaunend / konnte mit all seinen Sinnen nicht erreichen
/ wie es doch ewig komme /dass diese unbekandte seinen Namen wusste / ehe er
selben offenbaret. Und wiewol ihm allerhand Gedancken beifielen / wollte doch die
Gelegenheit der Zeit nicht gestatten / dass er eiferiger und sinnlicher der
Sachen nachdencken könnte / weil er genug zu schaffen hatte / dass er einem jeden
mit gleicher Reverentz und schuldigem Gruss begegnete. Das Knäblein / so noch
immerfort bei dem Brunnen gespielet / war der erste /der auf die Matron zulief /
und die Ursach ihrer freudigen Geberden forschete. Dieser war der Sohn
Melopharmis / so vom Schloss ins Wasser gestürtzet / und dasselbe nach sich
gezogen. Es wussten aber die Innwohner nicht / dass sie von der Zauberin in solch
Elend gestürtzet: sondern waren in der ungegründeten Meinung / es wäre diss die
Rach der Götter: deswegen sie dann das Kind hochhielten / wie aus der Antwort
dieser Matron zu sehen / in dem sie auf sein Begehren / mit folgenden Worten /
ihm die Ursach ihres Jubels eröffnete: Lieber Sohn / ich erfreue mich /wegen
dieses fremden Gastes / der kommen ist / dich deiner betrübten Mutter / mich
aber / mit alle den Meinigen / dem Liecht der Sonnen wieder zu geben. Und nach
diesem fieng sie mit erhobner Stimm / doch ein wenig von Polyphilo abgewand / zu
den übrigen allen an: Liebe Getreue! der Gehorsam / den ihr mir /ohne Widerrede
/ auch in diesem meinem Fluch erwiesen / wird heut der gnädige Himmel / an euch
allen vergelten. Ihr ehret mich / und habt mich bisher / als eure Königin /
geehret / wiewol mein Reich /mit samt der Cron / im Wasser versencket gewesen
/und ich billiger euch dienen / als durch welche ihr in diss Elend geraten /
dann beherschen sollen. Nun wisset / dass der barmhertzige Himmel mein Flehen
erhöret / und mich mit den Stralen seiner Gnaden hinwieder bescheinen werde. In
kurtzen werden wir / aus dem finstern Wasser / wieder an das Liecht der Welt
gebracht werden. Da versprech ich euch / dass ihr aller deren Dienste / so ihr
mir biss daher / in so gehäuffter Meng / erwiesen / aufs reichste geniessen
sollet: wofern ihr mir noch diesen letzten Gehorsam leisten /und meinem Befehl
nachkommen werdet / dass ihr allermassen / wie ich euch gebiete und führe /
stillschweigend folget / und was ich mit diesem unsern Erretter / dem ihr jetzt
alle mit Königlicher Ehre begegnen sollet / rede oder verrichte / wohl zu Ohren
und zu Hertzen nehmet / der Zungen aber ein Strick anleget / und sie nicht aus
unbedacht fahren lasset / wolt ihr anders mich / mit euch / nicht in das ewige
Verderben stürtzen. Sehet! da steht unser Polyphilus /von dem die zwo Tafeln in
unserm Tempel reden / er hat sich kunt getan / in dem er Macarien / so auch auf
den Tafeln benennet wird / genannt: und die allmächtige Hand des Himmels hat ihn
wunderlich und unversehrt durch das Wasser zu uns herbracht; zu uns: ja! unserer
Erlösung.
    Es waren aber diese Tafeln von der Zauberin Melopharmis aus Ertz gemacht /
und zugleich mit Versenckung des Schlosses / durch ihre viel-vermögende Kunst /
in den Tempel versetzet / mit folgender Schrifft: Wann das Gelübd der Einsamkeit
wird durch Polyphilum aufgehoben sein / wird das Wasser wieder geben was es
verschlungen; und wann die Mutter ihren Sohn überkommt / wird Macarie unter
einem fremden Joch gefangen liegen.
    So bald Polyphilus von einer Tafel höret / darauf der Name Macarien mit
Polyphilo stunde / eilete er mit grossem Verlangen selbige zu sehen. Dann mehr
wusste er noch nicht davon. Es erinnerte ihn aber die Matron / dass seinem
Verlangen kein Genugen geschehen könne / er habe sich denn zuvor mit dem Himmel
versöhnet / dass er würdig werde in diese Tempel zu gehen. Dann / sagte sie / der
Tempel / darinnen diese beide Tafeln verwahret sind / ist der dritte / und
können wir zu dem nicht gelangen / wir gehen denn zuvor durch den ersten und
andern / deren jeder von uns heilig gehalten wird.
    Die Begierde / so Polyphilum nach dem Tempel zog / vermochte dissfals so viel
/ dass wenig fehlete / er hätte sein selbst vergessen / und sich aus der Zahl der
sündlichen Menschen geschlossen; weil er mit kurtzen Worten antwortete: Er wäre
ihm nichts böses bewust /also hätte er auch keine Ursach sich mit dem Himmel zu
versöhnen. Darauf fieng die Matron an: so seid ihr gewiss allein unter den
Sterblichen / der seinen Wandel ohne Verbrechen führe. Sehet / wie ihr euch
selbst betört. In dem Augenblick habt ihr die gerechte Götter erzürnet / indem
ihr / als ihr Geschöpff / euch eurem Schöpffer gleich achten / und euch allen
menschlichen Gebrechen entziehen wollet. Soll ich euch weiter führen? Sagt mir /
was hat euch in den Fluss gesturtzet? So viel ich aus eurer Erzehlung schliessen
kann / ists in Warheit nicht einig die Rettung der Ehr / nicht auch allein die
grossmütige Tugend / viel weniger die vorsichtige Kunst: sondern allen Umständen
nach / die verführende Liebe / deren grösseste Kunst / und endlicher Lohn ist /
dass sie ihre Getreue in die Verzweifflung versencke.
    Das alles aber / obs schon wohl getroffen war / sagte die Matron doch nicht /
als wann sies gewiss gewust /sondern / weil sie den Innhalt der Wort / so auf der
Tafel bezeichnet stunden / durch die Erzehlung Polyphili erkläret / nunmehr
leicht fassen konnte; sich auch beförchten musste / wann Polyphilus von
nicht-ziemender Liebe eingenommen / und sich / durch diese Tempel zu gehen /
unterfienge / alle ihre Hoffnung zu stäuben würde; weiln kein solcher in den
Tempel der Tugend gehen dörffte. Auch war das keine unnötige Furcht / weil
gleichwol Polyphilus / durch die wundertätige Hand der Gnad-reichenden Götter /
in denen wilden und gefährlichen Fluten / so mächtig erhalten / und sicher
geführet worden: ob er auch deren Güte davor gedancket: darum sprach sie ferner:
bedencket auch begieriger Polyphile! die Barmhertzigkeit / die ihr heute durch
des Himmels Gunst billich zu rühmen habt. Dencket an die Hülff und gnädige
Errettung / dadurch eure Seele aus den Strömen gerissen / / und an einen sichern
Ort geführet. Dencket auch an die Herrlichkeit / die euch sonderlich vor allen
Sterblichen gegönnet / dass ihr unser Erretter /und unser König werden sollet:
habt ihr einmal der Güte des HErrn davor gedanckt? warum werdet ihr so bekümmert
/ und was zeigen die Wasser-rinnende Augen? Was will die geschwinde Traurigkeit?
hab ich etwan euer Hertz mit Warheit getroffen? Oder / quälet euer Gewissen die
Schärffe meiner getreuen Erinnerung? Freuet euch vielmehr / dass ich / auf diese
Art /eure gierige Jugend im Zaum gehalten / und uns /mehr aber euch selber /
vom Verderben errettet. Bedencket auch dabei / wie ein gross Versöhn-Opfser ihr
denen Himmel herrschenden Göttern zu bezahlen schuldig seid.
    So es müglich wäre / dass alle Menschen jetzund Polyphilum hätten ansehen
können / würden sie ein eigentliches Bild wahrer Reu / und ein Beispiel eines
erschrockenen Hertzens gesehen haben. So gar hatte der Wort-Donner dieser
straffenden Matron / die Begierde Polyphili zerschmettert / dass er nur auf die
Versöhnung / aber keiner Tafeln mehr gedachte. Dann so bald / als er von dem
schuldigen Danck / vor die Wunder-gütige Errettung / hörete / so bald fiel ihm
auch sein Versprechen bei / dass er dem Himmel getan / da er den Schluss gemacht
/ sich / durch das Wasser / von der bevorstehenden Schand / zu erretten: Wann
ihm nämlich dasselbe gnädig sei / wolle er dem Himmel dancken. Diese Erinnerung
machte ihm sein Hertz so zerknirscht / dass er sich anfangs scheuete / seine
Seele gen Himmel zu erheben / sonderlich /weil es nicht vor sich selbst /
sondern aus Antrieb /und gleichsam den Befehl eines andern tate. Doch dennoch /
weil er vor Augen sah / dass die Vorsehung der Unsterblichen etwas sonderliches
über ihn beschlossen / auch die Begierde / vorgedachte Tafeln zu sehen / und was
sie von ihm und Macarien zeugeten /zu erkennen / allmählich wiederum zu glimmen
anfieng / erhub er seine Stimme / und antwortete der Matron folgender Gestalt:
    Die Scham / so ihr mir durch eure Erinnerung eingejaget; der Schrecken /
welcher mich die Ungnade und den ergrimmten Zorn des vorgetreuen Himmels
fürchten heifset; und welches das allermeiste ist / ja! das allerschröcklichste
/ meine übermachte unverantwortliche Bosheit / hat mich so zerschlagen / dass ich
nicht weiss / was ich reden / wie ich mich verantworten soll. Mein verdienter
Lohn wäre / dass mich der erzürnte Himmel mit einem Feuer-Stral auf dieser Stell
verzehren liess: und an euch / ihr anwesende Freunde und Freundinnen / hätte ich
verdienet / durch euer Schwerdt hingerichtet zu werden / indent der jenige /von
welchem ihr eure Errettung hoffet / euch in viel grössere Not gesetzet hätte.
Was soll ich tun? Soll ich an der Güte des Himmels verzweiffeln? so geniesst
ihr nicht der Dienste / die euch der gnädige Himmel / durch meinen Arm / zu
geniessen vergünstiget /ja! versprochen. Soll ich mich eurer Macht ergeben /und
nach Verdienst züchtigen lassen; wie könnet ihr mir denn eure Errettung trauen?
Soll ich in meinem Befehl fortgehen / und / worzu ich hieher geführet bin /
vollenden / so schröcket mich die Furcht / dass ich mich unwürdig darzu gemacht /
indem ich mein Werck nicht durch des Himmels Mit-Würckung angefangen / sondern
durch eigene Krafft vollbringen wollen. Was hab ich doch getan / dass ich nun
verzweiffelt fragen muss / was soll ich tun? Bist du denn / erzürnter Himmel!
nicht mehr zu begnädigen? Seid ihr denn / ihr meine Freunde! nicht wieder zu
begütigen? Die Stralen eurer Freundlichkeit zeugen so / dass ihr mir alles
vergeben: Ey / so wird mir auch die Güte des geneigten Himmels mein Verbrechen
nicht zurechnen. Rehmet an / ihr Allgewaltige! die Bezahlung des / in meiner
Todes-Noht / euch getanen Gelübds. Ich erkenne / dass ich durch euren Schutz bin
vor den Wasser-Strömen sicher; durch euren Arm / vor der Gefahr behütet; durch
eure Gnad / bei meinem nunmehr erhaltenen Leben erhalten worden. Ich erkenne es
/ und erkenne es mit Danck; ja so lange meine Zunge die Hertzens-Gedancken / so
hier / so dort / erklären wird / so lang soll sie mit einem ewigen Danck mein
Gelübde bezahlen. Darum / so seid mir gnädig / ihr Barmhertzige! schencket mir
die Versöhnung / durch das Geheimnus eures verborgenen Rats / den ihr durch
mich wollet erfüllet haben. Machet mich tüchtig / in eurem Willen zu wandeln /
und führet meine Werck / wenn ich in euren Diensten stehe. Gedencket auch nicht
/ wann ich / durch meiner Jugend-Begierde / euch um Macarien; das Wunder-schöne
Götter-Kind; den Ausbund aller himmlischen Vollkommenheiten; den unermässlichen
Schatz aller beliebten und belobten Tugend-Verrichtungen; ja / um Macarien
erzürnet habe; gedencket nicht daran / sondern verleihet / dass / worauf diese
Gefangene so sehnlich warten / sie bald erwarten mögen.
    Diese Red Polyphili erweckte allen denen / so da zugegen waren / sonderlich
aber Atychintidoe / so hiess die Matron / ein solches Nachdencken / dass sie noch
einmal zu Polyphilo anfieng: Wir wollen nicht zweiffeln / bestürtzter Polyphile!
dass die mild-gütige Götter eure Bekantnus angenommen / und euren Fehler gnädigst
vergeben: so habt ihr auch an uns nicht zu zweiflen / weil auch wir Menschen
sind / und stündlich / wegen unserer vielfältigen Misshandlung /straffens würdig:
doch gleichwol / weil ich aus dem Beschluss eurer Rede vernommen / wie ihr die
Macarien mit so beschönten Worten verehret / dass dergleichen keinem Menschen /
sondern allein denen / die in dem Himmel herschen / zukommt / kann ich nicht
anders schliessen / als dass ihr solches aus dem Affect der Liebe / die ohne
Tugend regieret / geredt. Zwar will ich nicht widersprechen / dass sie etwas
sonderliches sei unter den Menschen / auch will ich gern gestehen / dass sie ein
köstlicher Schatz voller herrlichen Tugenden / ja! ich will zugeben / dass sie
ein Ausbund aller weiblichen Vollkommenheiten sei: und das zwar nach Gebühr /
dieweil es das Ansehen hat / als sollte auch ihre Hand nicht ferne von unser
Errettung stehen; aber doch folget da lange nicht her / dass sie ein Götter-Kind
/ dass sie ein Ausbund himmlischer Vollkommenheiten / mit Recht und Verstand /
könne genennet werden: sondern das folget / meinem Erachten nach / dass
Polyphilus vor dissmal ohne Verstand und Tugend geredt / und die begütigte Götter
wieder aufs neu erzürnen können. Wisset ihr / Polylus! warum ich euch so scharff
erinnere? höret mir ein wenig zu /werdet ihr die Ursach bald vernehmen.
    So viel ich durch die Erzehlung meiner Vor-Eltern bin verständiget worden /
haben einsmals die Sterbliche wider den grossen Götter-Rat Klage geführt: wie
sie ihre Gaben / so gar ungleich / ausgeteilet / und diesen zum Herrn / jenen
aber zum Knecht gemacht; diesen zu hohen Ehren / jenen aber in tiefste
Verachtung gesetzet; diesen mit reichen Gütern / jenen aber mit Hunger-quälender
Armut beschencket: da doch oft der geringe wohl mehr verdiene / als der
Mächtige; oft der Knecht würdiger / denn der Herr; der Arme verständiger / als
der Reiche / oder / da ja zum wenigsten / einer so gut / als der ander. Dieser
Klag nun zu begegnen / hat die Weissheit der Götter es also verordnet / dass
männiglich seine Beschwernus andeuten /und ein Gewisses benennen solle / was er
zu klagen hätte. Da hat sichs funden / dass der ganze Welt-Hauf sich in drei
Teil entschieden / deren jeder wider den andern Klage geführet. Der erste war
der jenige / welcher die Kunst und Tugend zum Führer hatte: Dieser wurde
verklagt von dem andern / welcher dem Glücks-Führer folgete: Und dieses andere
wiederum vom dritten / welcher der Liebe gehorsamen musste. Die Klagen waren
diese: Die Glücks-Diener beschwehrten sich ihrer Unbeständigkeit / wie alles bei
ihnen so eitel wäre: Da hingegen die Tugend-Werber alles beständigen Segens zu
geniessen / der nicht vergehe. Die der Liebe dieneten / klagten über die
Beständigkeit ihres Kummers und hertzlichen Betrübens: Da hingegen die Glücks
Freunde oft und oft erfreuet und getröstet: Sie aber im unvergänglichen Jammer
braten müsten: und diese alle beide wurden endlich von dem Tugend-Orden
beschuldiget / wie sie ihr eigen Glück mit Füssen stosseten / und sich
freiwillig in ihren Jammer setzeten. Die Antwort wurde den dreien: dass ein
jedweder seines Glücks oder Unglücks eigene Ursach sei. Mit welchem Schluss und
Bescheid sie zu frieden sein mussten. Damit aber nach dem denen Sterblichen keine
Gelegenheit bleibe / einige Klag mehr über die ungleiche Austeilung der Güter /
wider die Gerechtigkeit des Himmels zu führen / haben sie einmühtig beschlossen
/ denen dreien Sonnen klar zu zeigen / wie sie sich verhalten / und ihren Wandel
so anstellen möchten / dass sie allerseits zu frieden / keiner über des andern
Vorzug klagen könnte. Dieses sollte geschehen durch Erbauung dreier Tempel / deren
jeder seinem Teil zeige und lehre /wie er auch des Segens könne geniessen / mit
welchem der andere vor ihm beglücket. Die Verrichtung wurde von dem ganzen
Götter-Schluss dreien Göttinnen gegeben / denen sich nämlich diese 3.
unterschiedene Parteien selber zugeeignet hatten / der Pallas /der Fortuna und
der Venus. Diese drei nun sind Urheberin dieser Tempel / die ihr / edler
Polyphilus! vor euren Augen sehet / und hat ein jede ihren müglichsten Fleiss /
so wohl an dem Grund-Bau / als der Auszierung gelegt / ja / alles so vollkommen
und herrlich darinnen geordnet / dass / wer Kunst- Tugend- Glück-und
Lieb-begierig ist / sich darinnen dergestalt ersehen kann / dass / so fern er dem
nachkommet / hinfort kein Unfall mehr seinen Wandel trüben kann. Sie haben auch /
wie ihr im Eingang sehen werdet / einem jeglichen Tempel seinen besondern Namen
gegeben: den ersten genennet den Tempel der Tugend; welchen aber wir Menschen
der Pallas widmen; den andern /den Tempel des Glücks / welchen wir auch der
Fortun heiligen; den dritten / den Tempel der Liebe / in welchem wir der Venus
opfern. Noch über das ist diss Verbot hinzu gesetzet / dass keiner in den
Liebes-Tempel gehe / er sei dann zuvor in dem Glücks-Tempel gewesen; keiner auch
in diesen gelassen werde / er habe dann den Tugend-Tempel durchsehen: zu allen
dreien aber männiglich der Zutritt verschlossen sei /der sich nicht zuvor mit
den Göttern versöhnet / oder sonst ein Leben ohne Tadel führe. In dem ich nun
dieses ersinne / und eure Wort ingleichen behertzige /finde ich / dass ihr von
der Macarien in solche Strick geführet seid / welche die Tugend binden / und
alle Laster lösen. Ist dem also / werdet ihr diese heilige Stätte nicht
betretten / und wird an eure Statt uns Hülffschreienden ein anderer Erlöser
gegeben werden. Lasset ihr aber solche Gedancken fahren / und liebt nur den
Verstand und die Tugend Macarien /werdet ihr eures Verlangens / nach allem
Wunsch /teilhaftig werden. Aber / das sag ich / teuschet uns nicht / und geht
nicht in euer Verderben / habt ihr nicht gnädige Götter / so folget mir nicht in
den Tempel / dann es ist besser den alten Zorn ertragen / als aufs neue
vermehren.
    Polyphilus / der sich über diese Erzehlung höchlich verwunderte / sah doch
bald / dass es ein Gedicht der Heiden / und keine Warheit sei. Dann es gar nicht
glaublich / dass die Götter Tempel bauen / oder den Menschen in solchem Fall
Gehör geben würden: Weil er aber ohne das wusste / dass hohe Sachen glücklich zu
führen / die gnädige Hülff des all-vermögenden gewaltigen Himmels höchst-nötig
sei: auch in heilige Tempel zu gehen / mit allem Recht eine Vorbereitung und
Versöhnung erfordere; ja! weil er über das sah /wann er diesem nicht allerdings
Glauben beimesse /und ihren Willen sich gehorsam erzeigte / er bei denen
fest-glaubigen Besitzern dieses Orts nichts ausrichten könnte / und also die
beide / von ihm und seiner Macarien / zeugende Tafel nicht zu sehen bekäme /
fieng er folgender Gestalt an: Edle / verständige Matron! diese beschehene
Erzehlung / wegen Erbauung dieses Schlosses / hab ich mit grosser Verwunderung /
und nicht wenigerm Belieben angehöret / und glaube gar leicht / dass dem allem so
sei / sonderlich /da ich / so weit es meine noch junge Jahre gestattet /zum
Teil selber erfahren / dass das Geschlecht der Menschen / mehrenteils von
diesen dreien Regenten ist geführet worden / und noch immerdar geführet wird. Ja
/ wann ich bekennen muss / bin ich selber mit unter dem Glücks-Fahnen / biss auf
diese Stund / und klage nicht mehr / als dass ich die Standhaftigkeit nicht /
wie die Tugendbegabte / haben und halten soll. Ja / es ist diss das letzte Ziel
meiner so mannigfaltig erlittenen Gefahr / dass ich Tugend erwerben / und nach
Kunst mich bearbeiten will. Dass ich aber ihrem Zeugnus nach / alleredleste
Matron! auch unter die Liebes-Werber mich soll schreiben lassen / geschicht mir
so fern Unrecht / als die Liebe von der Tugend entschieden Wie könnte ich doch
zugleich Tugend und Laster nehren / würde ich nicht das eine mit dem andern
verderben? Zwar / was sie von Macarien / der Schönsten und Edelsten auf dieser
Welt / gedacht /ists freilich nicht ohne / dass ich sie von Hertzen liebe / ja so
gar / dass ehe diese Seele aus meinem nichtigen Leibe scheiden wird / ehe ich
ihrer vergesse: aber diese Liebe bindet nicht die Tugend: sondern die Laster;
und löset nicht die Laster / sondern die Tugend. Denn was ich in ihr liebe / das
ist Tugend; was ich an ihr rühme / das ist Verstand; und was ich an ihr
verwundere / das ist Schönheit. Aber unkeusche Liebe wird nicht ehe bei mir
angehen / biss ich meiner selber vergesse / ja! biss Macarie sich aller Tugend
eussert. Sehe ich derohalben nicht / was mich hindern sollte /dass ich nicht in
den Tempel gehen dörffte / bevor da ich mich nunmehr mit dem Himmel / wie ich
hoffe und glaube / versöhnet.
    Diese Rede vermochte so viel bei der Matron und allen Umstehenden / dass sie
ihn mit grossen Pomp und Herrlichkeit / wie es bei ihnen gebräuchlich war /zu
den ersten Tempel hinein führeten / und was darinnen zu sehen war / eigentlich
und deutlich erkläreten Weil man aber nicht ohne Opffer eingehen dorffte /wurde
solches alsobald bereitet. Indessen / und weil andere Sachen mehr / den Eingang
zu zieren / bestellet wurden / auch Polyphilus / dem fast sehr hungerte / ein
wenig Speise zu sich nahm / geriet ein alter Mann / Namens Parrisiastes / zu
ihm / der ihm von allen Sachen / und des Schlosses Beschaffenheit gute Nachricht
gab; und weil Polyphilus aus der Rede der Atychintidoe vernommen / dass diss
herrliche Gebäu versencket worden / auch etwa / dem Zeugnus der Tafel nach /
durch seinen Arm solt wieder errettet werden: forschete er von diesem Alten die
Ursach /und wie es zugangen. Dieser gab zur Antwort: Dieses Schloss ist die Welt
berühmte Vestung Sophoxenie; darinnen diese Matron / mit welcher ihr Gespräch
gehalten / ihren Herrn verloren / und ein ewig Gelübd der Einsamkeit
geschworen: Diese ist eine Königin vieler Länder / welche sie auch alle
glücklich und wohl regieret / ohne dass / vor wenig Jahren / eine nichts-werte
Frau unter ihren Schutz / ja so gar auch unter ihr Dach kommen / und ihrer
Bewahrung sich vertrauet / deren sie biss an ihr End alles Gutes / erwiesen. Wie
es aber zu geschehen pflegt / wann uns das Glück so hoch heht / dass wir stoltz
worden: Stoltz aber und Hoffart / Missgunst und Verachtung / ja alle Laster nach
sich ziehet: Gleich so ist diese zu der höchsten Gnad / aber zu ihrem Unglück /
erhoben worden / dass sie täglich bei der Königin aus- und eingehen / auch alle
Heimlichkeiten mit wissen musste. Nun geschahe / dass eine berühmte Zauberin /
Namens Melopharmis / die auch nach der Königlichen Gunst trachtete / ihren
einigen noch unerwachsenen Sohn /dieser Königin zu eigen verehrete / in Hoffnung
/ es werde / durch diss Mittel / auch sie in Gnaden erhalten werden. Dieses
mercket die Alte / und dencket / deme allen vorzukommen / nimmt das Kind / und
wirffts durchs Fenster in diesen Fluss: Und dieser ists / welcher vor der Königin
stund / und stets in ihrem Schoss ruhet. So bald das Kind herunter gestossen /
übete der gerechte Himmel verdiente Rache / ertödete die Mörderin / (dann sie
gedachte das Kind umzubringen) und versenckete diese Vestung / mit allem dem /
was drinnen war / entweder dem Kind zum Besten / dass es beim Leben erhalten
würde / oder uns allen zur Straffe / die wir solch Unglück nicht verhütet:
wiewol wir an dem allen unschuldig. Was uns in dem Augenblick vor Schrecken und
Todesfurcht überfallen / kann meine erstaunende Zunge nicht aussprechen: kein
Trost war übrig / als dass wir dennoch lebten / auch den Knaben beim Leben
erhalten / und daher die Hoffnung schöpfseten / es werde sich der Grimm des
ereiferten Himmels legen / und weil der lebe / um dessen Willen wir verderbet /
werden auch wir wieder mit ihm leben. Diese Hoffnung stärckete nicht wenig / dass
wir lang hernach / da wir den Gottesdienst verrichteten / in dem dritten Tempel
/ (welches nur alljährlich weimal geschicht) zwo Tafeln funden / darauf die Zeit
unserer Erlösung in Ertz gegraben: wie ihr dann von der Königin zuvor selber
verstanden. Nun leben wir noch immer in Gedult / und erwarten der Zeit mit
Verlangen.
    Als Polyphilus dieses nach der Länge angehöret /gedachte er / von der Tafel
/ ein mehrers und gewissers zu vernehmen / deswegen er fragte / was denn auf den
Tafeln geschrieben stünde? Und da ihm Parrisiastes antworten wollte / kam eben
die Schaar deren /die ihn in den Tempel begleiten wollten / deswegen sie beide
daran verhindert / aufstehen und forteilen mussten.
 
                    Der Kunst- und Tugend-gezierten MACARIEN
                                        
                                  Andern Buchs
                                 Erster Absatz
Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Tugend-Tempel / und dessen Zierrat:
 Lehret den Unterscheid / der warhaften und verderbten Kunst; desgleichen wie
   man zu jener gelangen / diese aber meiden solle; gibt Unterricht von der
                    Tugend-Werbung / und wie dieselbe kröne.
Prächtig war alles / und aufs köstlichste angeordnet; Atychintida trug ihren
Königlichen Schmuck / und wurde von vieren / mit schwartzen Sammet bekleideten /
auf ihrem Tron daher getragen. Vor ihr giengen / die die Fackeln trugen / und
zu vörderst führete ein ansehliger Mann / den ganzen Hof-Staat. Hinter dem
Tron waren zween / mit rotem Sammet beleget / unter einem eben so herrlichen
Himmel / welche sich zu dem Polyphilo näherten / und ihn in die Mitte fasseten /
auch allein würdig preiseten / in des Königes Stätte zu sitzen; deine folgeten
auf den Fuss zween andere mit blauem Sammet gezierte Männer / welche grosse
güldene Ketten trugen / und daher giengen / als wenn sie schwere Sachen
ersinneten Nach diesen ward der Knabe / das Kind Melopharmis / von 4. jungen
Edelleuten / auf einem Sessel getragen / deme eine weh-klagende Weibs-Person
nach folgete /schwartz bekleidet / und als die Leid tragen / sich geberdend:
Diese ging an statt seiner Mutter. Nach dem folgte der übrige Comitat von
Manns- und Weibs-Personen / so prächtig / als köstlich / bekleidet.
    Was Polyphilus muss gedacht haben / möcht ich wohl wissen: ohne Zweifel hat
ihn nichts mehr gekümmert / als dass er dieser Königin / die er vor geringer
angesehen / nicht Königliche Ehr erwiesen: Deswegen er sich dann gegen seinen
beiden Führern / aufs höflichste entschuldigte / und sein Versehen / mit der
Unwissenheit / beschönte. Das Verlangen aber / was aus diesem noch endlich
werden würde / war so gross /dass es sich kaum zäumen liess. Auch wusste er sich
darein nicht zu schicken / warum keiner deren / die ihn führeten / und vorher
mit ihm geredt / als sie ihn in die Mitte fasseten / nun auf ein einig Wort
nicht antworten wollten / sondern alles mit Wincken der Augen / und geneigtem
Haupt bejaheten. Doch ward er dessen bald hernach verständiget. Dann da sie vor
die Tür des ersten Tempels kamen / stieg der / so den Prozess führete / auf
einen / neben dem Tempel /aufgeworffenen Tamm / und gebot / aus Königlichem
Befehl / dass keiner seine Zunge lösen / oder einig Wort herfür bringen solle;
ausser Polyphilum /und den / dem es die Königin befehle. Darauf stieg
Atychintida von ihrem Tron / nahm Polyphilum bei der Hand / und führet ihn in
den Tempel / Polyphilus aber entschuldigte sich / wegen seines begangenen
Irrtums / und dass er nicht gewust / mit welcher er sich zu reden unterfangen.
Fieng derowegen an / sie nach Königlicher Würde zu benahmen / das sie aber
durchaus nicht gestatten wollte / und / bei Verlust ihrer Königlichen Gnade /
verbote.
    Als sie nun in den Tempel kamen / zeigete ihm die Königin allerhand schöne
und künstliche Gemähl /die man mit grösserm Recht ein Wunder der Natur hätte
nennen können / als eines Menschen Hände-Werck. Was die Augen sahen / das
preisete das Hertz herrlich: Das Schöneste / so im Eingang zu sehen war / waren
die / auf beiden Seiten völliger Grosse /aufgerichtete zwölff / aus Marmorstein
künstlich-gearbeitete Bilder / deren jedes eine Tugend bedeutete /und auf einem
Felsen gegründet / mit dem rechten Fuss das Laster zu Boden trat / welches in
geringerer Grösse aus Erden gebrannt war. Polyphilus fragte die Königin / was
diss bedeute; welche berichtete: Es zeigen diese Bildnus / dass / welcher Mensch /
in diesem Tempel / um etwas wichtiges zu erhalten / gehen wolle / der müsse alle
Schand-begierige Laster zu Boden geleget / und einig der Tugend sich ergeben
haben: sonsten werde er / von dem Drachen / welcher zu nächst an der Tür stund
/ greulich und erschröcklich anzusehen / verschlungen.
    Polyphilus erschrack / wegen dieser Wort / über die Massen sehr / weil er /
wegen seiner Liebe gegen Macarien / nicht allerdings ein gut Gewissen hatte:
Doch ging er behertzt fort / und gedachte / was wird dir ein lebloses Bild tun
/ das mit Menschen-Händen gemachet ist. Weiler aber eben diss / wiewol mit
besserer Bescheidenheit / auch der Königin trauete / und damit zu vernehmen gab
/ dass er nicht verstünde / was das alles bedeute / sonderlich / da die Augen
mehr zu sehen hatten / als das Hertz betrachten konnte / winckete die Königin
denen zweien blau-bekleideten / die ihm in der Procession nachgiengen / und gab
Befehl /dass sie dieses alles / aus dem Grund / erklären / und dem Polyphilo die
Tugend-Geheimnus eröffnen sollten. Deren einer / Namens Cossmarites / nach
abgelegter schuldiger Reverentz / den Polyphilum zur Seiten führete / und mit
solchen Worten anredete.
    Kunst- und Tugend-verlangender Polyphile! Was ich von euch gehöret / ist mir
alles Ursach zu wundern. Euer Zustand / euer Leben / euer Wandel / eure
Gedancken / euer Wünschen und Wollen; mehr aber eure Tugend ist wundern wert.
Das Glück aber / das euch / auch mitten in eurem Unglück / beseliget hat /kann
nicht gnug gerühmet werden / darum ihrs besser mit Stillschweigen verehret / und
dem gütigen Himmel / in eurem Hertzen / davor dancket. So viel mir meine Kunst
vertrauet / sehe ich aus euren Augen /was ihr für Noht ausgestanden / und auch /
was ihr vor Freud genossen; ja wohl gar / was ihr vor Freud verlanget.
    Die Kunst- und Tugend-Begierde hat euch freilich / aus eurem Vatterland / in
die Fremde geführet: Das Unglück hat euch auch lange daran gehindert: doch hat
endlich das günstige Glück euer Verlangen vergnüget / dass ihr zu der
Vollkommenheit aller Tugenden / der edlen Macarien / kommen: aber wie habt ihr
dieses Glücks missbrauchet? Ich schweige jetzt /damit ich euch nicht beschäme;
Euer Hertz aber wird reden / da ich schweige. Doch wisset / dass ihr durch eure
Unbeständigkeit / die Götter erzürnet / dass sie euch von ihr gerissen / und /
auf wunder bahre Weiss /hieher zu uns bracht; eines teils wohl darum / dass ihr
den Fluch / der diss unser Hause getroffen / wegnehmen sollet: am allermeisten
aber / dass ihr in diesem Tugend-Tempel lernet / wie ihr euch in eurem so grossen
Glück verhalten; und in dem Glücks-Tempel sehet / wie ihr recht-beständig
lieben; im Tempel der Liebe aber erfahret / wie ihr künftig bei Macarien /die
ausser Tugend nichts würcket / eure Pflicht besser in acht nehmen / und euer
Hertz nicht so leicht sollet /von der vergänglichen Schöne / bezwingen lassen.
So höret mir nun zu / ich will euch weisen / das ihr hie zu lernen nie gehoffet:
Sehet an diese 12. Tugenden /welche als triumphirende / denen anfeindenden
Lastern / auf den Hals tretten / und ihre Macht dämpffen: Folget diesen / wolt
ihr anders nicht / an statt des Sieges / den Verlust klagen. Dieser Drach aber /
und der gegen über stehende erhabne Tron / sind die Belohnung / teils deren /
die überwinden / teils deren /die überwunden werden. Dieser Drach deutet die
Unglückseligkeit / so auf alle Laster folget: Der Tron aber ist das reiche
Himmel-Glück / dadurch die Triumphirende Scepter und Cron erhalten / das ist /
aller Freud und Lust geniessen können.
    Polyphilus sah dieses alles / mit tieffen Nachsinnen / an / und setzte sich
alsobald zum Exempel / wie er so übel gehandelt / indem er sich durch die
Schönheit Macarie verführen lassen; sprach auch zum Cossmarite: Verständiger und
geliebter Freund! Dieses /und was ihr vor / von meinen Sinnen und Beginnen
/gesagt / machet / dass ich in mich schlagen / meinen Fehl bereuen / und mich in
dieser Stund bessern muss. Dancke Gott und euch / dass ich auf den rechten Weg
wieder kommen / davon ich so lange bin irregangen. Weg mit Macarien! soll
Macarie meine Tugend verzehren? soll ich mich durch sie in die Laster stürtzen?
Nein / mit nichten. Ich folge der Tugend-Bahn / und lasse mich davon nicht
treiben / biss ich das Ziel der höchsten Glückseligkeit erlanget.
    Diese Red gefiel Cossmarites sehr wohl / merckte doch alsobald wiederum die
Unbeständigkeit Polyphili / und gedachte heimlich bei sich / wiewol der Macarien
gross Unrecht geschehe / wolle er ihm doch nicht / in diesem Fall / Wider-Rede
halten / ob er vielleicht / noch ferner und mehr / in seinem guten Vornehmen
könnte gestärcket / und von der verzehrenden Liebes-Brunst abgehalten werden.
Deswegen führete er ihn weiter mit sich / in die Mitte des Tempels /allwo
Polyphilus einer grossen Meng Manns- und Weibs-Personen wahr nahm / die / gleich
wann sie lebten / unter sich von geheimen Dingen ratschlagten. Es waren zwei
Jüngling / die um einen Crantz lauffen wollten / deren jeder den Preis begehrete.
Beide hatten sie ein Ziel; beide auch einen Weg /ohne dass einer auf der Rechten
/ der ander auf der lincken Seiten seinen Lauf vollendete. Jener trat auf die
Bahn / wurde aber alsobald im Eingang von einer höllischen Furien angefallen /
welche zwei Feuer-speiende Hund an einer Ketten führete / und selbige auf ihn
los liess. Dieser / welcher auch den Lauf angefangen / wurde von dreien grimmigen
Tieren / die Polyphilus nicht erkennen konnte / was vor Art sie waren / wegen
ihrer erschröcklichen Grausamkeit /verhindert. Beide rissen sich aber endlich
los / und da sie ihren Fuss weiter setzten / wurdë sie von einer freundlichen /
freudigen Jungfrauen empfangen / die einen grossen Comitat mit sich führete /
dessen halber Teil hertzlich erfreuet / die übrigen aber schmertzlich betrübet
waren. Diesen / der die lincke Seiten erwählet / übergab die Jungfrau / als
einen angenehmen Gast / dreien andern Weibs-Personen / welche ihn auf das
herrlichste tractirten / und grosse Ehr erwiesen /endlich aber in eine finstere
Höle stürtzeten / allwo drei Schröck-Geister ihr Haupt erhebten / deren erster
sich sehen liess mit einer langen Peitschen / der andere neigte das Haupt zur
Erden / und der dritte rauffte die Haar aus: Und da Polyphilus seine Augen höher
erhebte / wurde er noch anderer zweier Höll-Geister gewahr / denen dieser
armselige Jüngling / als ein Gefangener / übergeben wurde / welche ihn auch /
mit Ketten und Fesseln wohl verwahret / in ein ewiges Gefängnus führeten. Der
andere / welchen die rechte Seite verehrete / wurde etzlichen Dienern bergeben
/die / an der Tracht und Kleidung / denen Henckers-Knechten nicht ungleich
waren. Diese trieben ihren Mutwillen mit ihm / und führeten ihn bald hie / bald
dort hin / nach ihres Hertzens-Dünckel. Und da er sich endlich / mit grosser Müh
/ diesen entzog / geriet er unter einen viel grössern Hauffen ansehliger und
betagter Männer / die doch / in ihren Sinnen und Beginnen / eine merckliche
Kindheit spüren liessen. Diese nahmen den Jüngling / einer nach dem andern /und
wolt ein jeder Meister an ihm werden. Einer zehlte ihm die Sylben / so viel er
redte / auf den Fingern vor. Der ander riss ihm seinen Mund auf / und wollte
grosse Wort holen. Wieder einer wollte ihm sein Gehirn auskehren / und die
Weissheit verbergen. Ein anderer zwang ihn / dass er über die Natur schreien
musste. Und diesem folgte einer mit einer steinern Tafel / die er ihm vorhielt:
das doch Polyphilus nicht verstehen konnte was er wolle. Zu letzt kamen noch 3.
andere / deren erster ihn gen Himmel sehen / und die Sterne zehlen hiess; Der
andere zeigete ihm die Erd-Kugel / solche abzumessen; und der dritte brachte ein
Glas / das er ihm vor die Augen hielt / die er doch zuschliessen musste. Als
diese ihr Spiel biss zum Ende mit ihm verführet / stellet er seinen Fuss / weiter
zu lauffen / aber es verhindert den Lauf eine schön-gezierte und
lieblich-winckende erbare Matron / die ihn umfieng / und mit welcher er sich /
als liebte er sie /besprach / auch nicht wenig ergötzte. Und da er am
frölichsten mit ihr schertzen wollte / kam eine andere /gleich einer Höll-Göttin
/ die ihm diese Lieb sehr verbitterte / deswegen er sich eilig fortmachte /
seinen Crantz zu errennen. Er erlitte aber mitten im Lauf grossen Anstoss / und
das zwar zu dreien malen / so gar /dass er auf die Erden darnieder fiel / und
sich nicht wieder erheben konnte.
    Polyphilus sah dieses alles mit grosser Verwunderung an / und verlangte
nichts mehr / als die Deutung dessen zu erkundigen / deswegen er dem Cossmarite
mit sehnlicher Bitte und freundlichen Worten anlag /solche zu erteilen. Welcher
/ wegen der Königin Befehl / seiner Bitte gar geschwind Folge leistete / und mit
diesen Worten anfieng: Edler Polyphile! Das ihr hie sehet / und von mir begehret
/ ist ein köstlich Ding: aber auch überaus gefährlich / so gar / dass jenes mich
wohl reitzet / euch alles / nach der Länge /zu erklären; dieses aber mich
abschröcket / weil mir euer Hepl und Glück vor alles geht.
    Das nahm Polyphilum so sehr Wunder / dass er gezwungen wurde / die Ursach zu
fragen; welche ihm auch Cosmarites mit solchen Worten beilegte: das mich
anmahnet und abschröcket / ist dieses / dass /wann ich euch dieses lehren / und
ihrs begreiffen werdet / werdet ihr mit grossem Verstand und herrlichem Glück
begütert werden: wo aber das nicht / werdet ihr der Unglückseligste und
Allerverachteste auf dieser Welt mit Recht genennet werden / der allen Plagen
und Straffen / die Zeit seines Lebens / unterworffen. Glaubet mir / Polyphile!
die Erklärung dieses Geheimnüsses / ist gleich dem vildeutigem Rätzel des
Blut-würgenden Sphingis; welcher selbiges verstunde / der ging frei aus / und
wurde der Klügeste genennet / welcher es aber nicht treffen konnte / wurde von
dem grimmigen Tier erwürget. Diss Treffen und Verstehen aber geht / nicht so
wohl den Verstand an /als die Nachfolge; denn es lehret diss Geheimnüs ingleichen
/ was in diesem Leben gut oder böse ist; ja auch / was nicht gut / oder nit böse
ist. Wollt ihr nun /Polyphile! mit diesem Versprechen / zuhören / will ich euch
völlig weisen / das ihr nach dem wissen sollet; wie ihr / mit leichter Müh / zu
der höchsten Glücks-Zinnen gelangen / und über alle Sterblichkeit steigen möget.
    Polyphilus ganz erfreuet / versprach mit Mund und Händen / dass er fleissig
aufmercken / und / so viel ihm müglich / folgen wollte / sonderlich / weil ihn
die Furcht / eines so grossen Verlusts / zwinge die Hoffnung aber / eines noch
viel grössern Nutzens / stärckete. Darauf fieng Cossmarites diss Geheimnus / auf
folgende Art / an zu erklären.
    Diese zwei Jüngling deuten das ganze menschliche Geschlecht / darinnen
keiner anzutreffen / der nicht gern hoch steigen / und über andere scheinen
wollte. Es haben aber die allweise Götter die Ordnung gemacht / dass nicht anders
/ als durch Kunst und Tugend / Ehr erworben / und die beständige Glückseligkeit
erlanget werde. Diese nun ist der Krantz / um welchen die beide lauffen; der Weg
ist das menschliche Leben. Beide lauffen sie auf einem Weg / in einem Leben;
beide haben sie auch ein Ziel / die vergnügliche Glückseligkeit; aber nicht
haben sie einerlei Art zu rennen. Dann dieser / zur Rechten / verlanget die
Kunst / dieser aber / zur Lincken / die Tugend. Und damit wird angedeutet / dass
kein anderer Weg /ausser diesem / zu der höchsten Glückseligkeit führe. Dass aber
der Kunst-verlangende / im ersten Lauff /von der höllischen Furien verhindert
wird / bedeutet den Betrug / den wir / auch in unsern frühen Jahren /leider!
erfahren müssen / da wir durch viel Um- und Irr-Wege / teils durch der Lehrer
Unwissenheit /teils durch ihren Mutwillen und Geld-Geitz / lang genug
aufgehalten / und verhindert werden. Dieser Betrug lässet den Irrtum und die
Unwissenheit / welche durch die beide Hunde zu verstehen / auf uns los / so alle
Menschen anfallen / jedoch nicht alle gleich sehr verwunden. Und das kommt daher
/ weil die milde Natur einem viel / dem andern hingegen weniger Gaben geben /
dass er nicht so bald verstehen kann / was ihm fehlet. Gleich so gehets auch dem /
der die Tugend errennen will / welchen die grimmige Tier aufhalten / diese sind
die ungezähmte Begierde /die nichtige Einbildung / und dann die verderbende
Wollust. Diese halten alle Jugend gefangen / und lassen sie / durch ihre falsche
Versüssung / nicht zu der Warheit gelangen / biss sie endlich ihren verfälschten
Schein / durch ihre Grimmigkeit / erkennen / und sich aus ihrer Gewalt reissen:
wiewol solches nicht allen /ja dem wenigsten Teil gelinget / weil die Meisten
in diesen Lastern ersauffen / und zu dem Erkäntnus der wahren Seligkeit nicht
gelangen. Die aber ihre Sinnen höher schwingen / und ihre Jugend erretten /
fallen nach dem dieser leicht-flüchtigen Jungfrauen in die Händ / durch welche
das Glück zu verstehen / und werden von solcher in so viel Widerwertigkeit
versencket / dass sie gleich denen / die um sie stehen /bald lachen / mehr aber /
weinen müssen. Diese beherschet sie wie lange. Dann / weil sie keinen Grund der
wahren Freude haben / wird ihre Freudigkeit /nach dem Wechsel des Glücks / bald
hin / bald her /geworffen / so gar / dass sie endlich in allen Jammer fallen. Wie
wir denn allhie sehen / dass der Tugend-werbende Jüngling / erstens zwar / als
ein angenehmer Gast / denen dreien Weibs-Personen anvertrauet wird / und aufs
beste von ihnen bedienet / endlich aber / mit grossem Schrecken / in eine
finstere Höle gestürtzet. Durch diese 3. Jungfrauen sind zu verstehen / die
Hoffart / Schwelgerei / und Unkeuschheit /welche zwar süss blühen / aber bittere
Frucht tragen /und endlich in das Verderben stürtzen; da die drei
Schröck-Geister / verstehe / die Straffe / so durch die Peitsche gedeutet; die
Betrübnus / so das Haupt hängen lässet; und der Jammer / soldie Haar ausrauffet;
das Hertz quälen / und ihn seine vorige Zeiten wieder zu verlangen / Ursach
geben. Noch ist dieses nicht gnug / sondern / weil er auch über das den beiden
Höll-Geistern / welche sind die erbärmliche Klage /und die Verzweifflung / als
gefangen übergeben wird / wird er mit Angst und Kummer gebunden / in das
Gefängnus der ewigen Unglückseligkeit geworffen. Polyphile! merckt dieses / und
lasst euch nicht verführen / sonst werdet auch ihr mit leiden und dulten müssen.
    Lasset uns nun auch den Kunst-gierigen besehen /wer / meint  ihr sein diese
Henckers-Knechte / welche die Jugend plagen? Ich verstehe dadurch alle die /so
sich / das Lehr-Amt zuführen / unterstehen / und doch selber nicht wissen / was
sie andere lehren sollen. Dahero es dann kommet / dass wir Menschen mehr lernen /
als dass wir geniessen können / damit wir etwas zu vergessen haben. Ihr werdet
selber wissen / Polyphile! wie viel ihr unnötiges Dings lernen müssen. Sind
solche Lehrer nicht billich denen Henckers-Buben zu vergleichen / indem sie die
liebe Jugend an die Stricke des Verderbens knüpffen / und mit dem Seil der
Unwissenheit erwürgen. Wol dern /der mit diesem Jüngling bei Zeiten ihren Banden
sich entreisset / und sich Verständigere lehren lässet. Sehet ihr / Polyphilus!
den Hauffen dieser betagten Männer? Glaubet ihr / dass sie viel von sich halten /
und aller Wissenschaft sich kündig bekennen? So scheints von aussen: aber sehet
ihr nicht / was diese mit dem Jüngling verführen? so viel deren zu gegen / so
mannigfaltia ist auch ihre Kunst / und will ein jeder Meister an ihm werden. Der
eine ist ein Wort-Erzwinger / der will ihm lehren / die Sylben messen / und in
Reime schliessen Der andere ist ein Redner / und befiylt /dass er seine Rede mit
Pomp und Pracht führen soll. Der dritte will einen Disputirer aus ihm machen.
Der vierte einen Sänger. Der fünfte einen Rechenmeister. Und diese letzten
fordern gar Unmüglichkeiten; Dann diesem soll er den Himmels-Lauf verstehen / da
er doch nie im Himmel gestiegen; jenem soll er den Erd-Cräiss abmessen / da er
selbigen doch nie gesehen; und dem dritten soll er gar mit seiner blinden und
schwachen Vernunft himmlische Ding ergreiffen /das keinem Sterblichen
vergönstiget. Sagt mir nun /Polyphile! ist das nicht eine Marter und Pestilentz
der Jugend? Wann ich hundert Jahr zu lernen hätte / und in einem jedweden Stück
einen besondern Lehrer /glaub ich dennoch nicht / dass ich alles diss mit Rutzen
vollbringen würde: oder wann ich einen stählern Kopf / und unvergessliches
Gedachtnüs hätt / zweiffele ich gleichwol / ob ich alles behalten könnte. Ich
sage nicht ohne Ursach / alles: dann viel / viel ist darunter /ja alles / was
ich anjetzo benennet / ist teils nützlich / teils lieblich; kein einiges aber
nötig. Darum mercket das / Kunst-begieriger Polyphile! dass nicht einen
gelehrten Mann mache / Dichten und Verse schreiben können; nicht einen
verständigen Mann mache / eine prächtige Rede führen können; nicht einen klugen
Mann mache / von der Eitelkeit der Welt disputiren können: und so fort an:
sondern / dass dieses alles / oder auch wohl eines / einem gelehrten /
verständigen und klugen Mann wohl anstehe / und ihn beliebter: nicht aber
berühmter oder geschickter mache. So sollen wir auch einen Unterscheid in dem
allen machen / und solche Sachen erwählen / die zu unserm Beruf dienen.
    Das will ich gestehen / dass wir bissweilen / ohne diese Mittel / unser Ampt
schwerlicher versehen können. Aber das ist am härtesten zu straffen / dass
dergleichen Leute ihnen gewiss einbilden / sie haben die Wissenschaft allein /
oder sie besitzen die rechte Weissheit / und belustigen sich mit solchem falschen
Wahn aus dermassen sehr. Wie ihr dann sehet / Polyphile! dass dieser Jüngling /
nun er meint  / den Himmel zu erstiegen haben / mit dieser lieb-winckenden
Matron / dadurch die verfälschte Weissheit angedeutet wird / auf das schönste
schertzet / biss die Höll-Göttin / verstehe die Torheit / durch Entdeckung ihres
Fehlers / die Süssigkeit mit ernster Reu verbittert. Wann sie dann zu solchem
Erkäntnus gelangen / wollen sie den Tempel der Weissheit mit ganzer Gewalt
bestürmen / fehlen aber allentalben: gerad wie dieser Jüngling
unterschiedlichmal angestossen / biss er endlich gar danieder gefallen. Es sind
aber die Stein des Anstossens sonderlich Ehr- Geld- und Gunst-Begierde / welche
die drei grössesten Verhindernussen / mit gutem Recht / können genennet werden.
Denn da sind ihrer viel / die nicht um Wissenschaft / sondern um Geld; nicht um
Tugend / sondern um Ehre; nicht um Kunst / sondern um Gunst studieren; und auch
also nach ihrem Verdienst keine Kunst / keine Tugend /keine Wissenschaft
erwerben / und ewig verderben müssen. Merckt auch diss / Polyphile! dass ihr nicht
mit ihnen verderbet.
    Was hätte den Wunsch Polyphili besser befriedigen können / als dieser
Unterricht? Darum er / so freudig /als vergnügt / dem Cossmariti Danck sagte /
und / dieses alles in gute Obacht zu nehmen / versprach. Weil aber nicht weit
von diesem / noch etwas mehr zu sehen war / bat er Cossmaritem / dass er ihn auch
dortin führen / und dasselbe erklären wolle. Und weil er bisher bloss von der
Untugend und verfälschten Weissheit gehöret / fragte er: ob nicht auch die rechte
Weissheit und wahre Tugend in diesem Tempel gelehret werde? Darauf ihn Cossmarites
in den Tempel besser hinauf führte / und ein anders Bilder-Werck sehen liess.
    Es hielt ihren Stral alsobald ein erhabner felsichter und unbewohnter Bühel
auf / zu dessen Eingang eine enge Tür / und ungebahnter / jäh-gefährlicher /
rauher Weg führete / welcher mehr eine Verhindernus zu nennen war; dass man
entweder gar nicht / oder doch je schwerlich / und mit grosser Müh dahin
gelangen konnte. Hinter diesem scheinete ein Hügel herfür / welcher / an der Höhe
/ diesen Bühl weit übertraff / und noch gefährlicher anzusehen war; massen die
enge Bahn / so da hinan führete / alle die / so sie betretten würden / herab zu
stürtzen bedrohete. Menschlichen Augen scheinete das eine blosse Unmüglichkeit
zu sein / dass ein Fuss ohne Wancken / und ein Hertz ohne Zittern / so wohl auf dem
abwarts-gehenden Hügel / als eben diesem eng-geschlossenen Pfad stehen oder
gehen könne. Auf demselben war noch überdas ein Lufft-erhöhtes /
Wolcken-steigendes Felsen-Werck zu sehen / so hoch und erschröcklich / dass
Polyphilus nicht wusste / sollte ers vor ein Wunder der Natur rechnen / oder ein
Meisterstück menschlicher Weissheit heissen / so gar war Sinn und Augen
verblendet / dass / wenn er nicht / im zuruck-sehen / sich im Tempel befunden /
er in Warheit davor gehalten /als stiegen die Sterbliche allhier gen Himmel. Wie
ihn dann auch die Gefährligkeit des Weges / und so scheinende Unmüglichkeit /
durch diesen Felsen / die Himmel-Örter zu besteigen / fast in nicht geringe
Betrübnus setzete / dass er zum Cossmarite anfieng: Was doch die Unsterbliche
beweget / denen Sterblichen /an ihrer verlangten Glückseligkeit / selber
verhinderlich zu sein; dem aber Cossmarites nichts wieder versetzte / ohne dass er
noch ferner zusehen / und alles wohl beobachten solle: wolle er ihm nach dem
alles erklären.
    Kaum hatte Cossmarites seine wenig Wort vollbracht / als Polyphilus / mitten
auf dem rauhen Felsen / zweier ansehligen und holdseligen Frauen gewahr wurde /
von starcken Leibern / erwachsener Grösse / völliger Schöne / und anzusehen /
als wären sie sonderlich in allem / von der Gunst des Glücks /bereichert / und
mit ewigen Wohl-sein versehen. Auch zeugete ihre Einigkeit und Gleichheit nicht
wenig / dass sie mit dem Schwesterlichen Bund der Blut-Freundschaft einander
verpflichtet. Und da Polyphilus auf ihre Geberden schauete / befand er / dass sie
mit geschwinder Behendigkeit / und als die etwas sonderliches verlangeten / oder
auch einem wincketen / die Hände ausschlugen / und ihre Freudigkeit bezeugeten.
In diesem Zusehen setzeten sie ihren Fuss etwas förder / und ersahn hinter dem
Felsen / ein kleines / doch / mit allerhand Lieblichkeiten / geziertes Wäldlein.
Die Bäume / derer noch zarte Gipffel fort und fort einer den andern übersteigen
wollte / und jener vor diesem sich höher düncken liess / waren so wohl mit
Augen-erfreulicher Grüne bezogen / als auch von Schatten-reicher Dicke umgeben /
dass ein jeder gar leicht einem Lust-bringenden Zelt konnte verglichen / / ja vor
ein Wohn-Hause aller Ergötzung geschätzet werden.
    Polyphilus kam alsobald auf die Gedancken / als wohneten hie die Göttinnen /
und wäre diss die Hütte /darinnen sie sich verbergeten / wann sie das Aug der
Sterblichen fliehen wollten. Vor dem Wäldlein war ein ebener Plan / der wegen
seiner begrünten Schöne /und Mannigfaltigkeit der Bundgefärbten Blumen /einem
gegründeten Wiesen-Tal nicht unähnlich schiene / bevorab / weil die
durchschimrende Liechter des Himmels / als ob das Tempel-Dach aufgehoben /ihre
Stralen in die durchbrochene Fenster herein warff / dass alles erhellet / und
keine Liechts-Verhindernus konnte geklaget werden. Da sie aber / dieser
Ergötzlichkeit völliger zu geniessen / etwas näher hinzu tratten / wurden sie in
der Mitte dieser begrünten Wiesen / eines künstlich-erhobenen Grotten-Wercks
ansichtig / auf die Art und Ründe der alten Heidnischen Tempel gebauet; von
welchen doch Polyphilus nichts gewisses schliessen konnte / wovor es eigentlich
zu halten. Sie höreten eine liebliche Music von Lauten und andern
Instrumentalischen Saiten-spielen / die sie dermassen belustigte / dass
Polyphilus in seinem Sinn nicht anders dencken konnte / als dass die Göttinnen
dieses Orts ihre Lust-Vollbringungen angestellt. Und da er gleichsam erschrocken
/ dem allem stillstehend zuhörete / vernahm er bald darauf eine hoch-singende
Stimm / die mit folgendem Gedicht / die Ehre und Vergnüglichkeit der bereichten
Tugend-Kunst besunge:
Wer sich der Kunst vertrauet /
und nur die Tugend liebt:
Wer bloss auf Weissheit bauet /
und keine Laster übt:
Der kann beglücket leben /
kann bleiben wohl vergnügt:
Weil / was ihm wird gegeben /
Er volle Gnüge kriegt.
2. Kein Leid kann ihn betrüben /
nicht schröcken eine Not:
Und was er mag verüben /
hilfft ihm der grosse Gott.
Es kann in seinen Taten
auch nicht ein Irrtum sein;
Dann alles muss geraten /
und treffen eben ein.
3. Will er nach Ehre streben /
die Kunst ist Ehren wert /
die Tugend wird erheben /
wer eifrig sie begehrt.
Dann / ohne Tugend / Ehre
ist nur ein blosser Dunst /
und das den Ruhm verkehre /
ist Weissheit / ohne Kunst.
4. Will er sich dann bereichen /
die Tugend selbst ist Gold:
Dem sich nicht darff vergleichen
das / dem die Welt ist hold:
Es ist / wie nichts / zu achten
für dem / was Tugend bringt /
wer dieser nach wird trachten /
nach wahrem Reichtum ringt.
5. Will man sich sonst beglücken /
die Tugend selig macht /
dann allen falschen Tücken
hält selber sie die Wacht:
Dass sie nicht können schröcken
ein so geziertes Hertz /
noch seine Lust verstöcken /
in Unglücks-vollen Schmertz.
6. Und was ihm auch beliebet /
und was ihm auch gefällt;
Das alles Tugend giebet /
das alles Kunst bestellt:
Er hat / was er verlanget /
wer Kunst und Tugend hat /
nur diese rühmlich pranget /
und hilfft mit Raht und Tat.
7. Sie will und muss uns lieben /
wann unsre Sonne scheint:
Und ob wir uns betrüben /
ist sie doch immer Freund
Sie tröstet / in dem Leiden /
verbindet unsere Noht:
Und wann wir sollen scheiden /
versüsset sie den Tod.
8. Sie pflegt nicht / wie man pfleget /
zu trauen Menschen-Gunst:
Die ihre Hoffnung leget
nur einig auf die Kunst:
So lange die bestehet /
so lange steht sie mit:
Weil diese nicht vergehet /
weicht auch sie keinen Schritt.
9. Drum darff sie nichts nicht achten
die falsch-verblümte Gunst:
Ihr Dichten und ihr Trachten /
ist treue Liebes-Brunst:
Es kann ihr nichtes schaden
Macht / List und aller Neid /
Gott hält sie selbst in Gnaden /
biss zu der Ewigkeit.
10. Und ob das Glücke wütet /
und sich ihr widerstellt:
Wird dennoch sie behütet /
und alles Leid gefällt:
Der Tugend-Ruhm besieget /
die Kunst behält das Feld /
so oft das Unglück krieget /
und seine Pfeile stellt.
11. Drum / wer will Glücke bauen /
der baue diesen Grund /
der nicht wird umgehauen /
biss in die letzte Stund:
So kann er sicher leben /
so lang er lebt allhier /
und dort wird ihm Gott geben
den Segen für und für.
Nach vollbrachtem Gesang / verlangte Polyphilus nichts mehr / als dass er diss
Lust Haus näher sehen könnte. Deswegen er / mit voller Hertzens Begierde /und
freudigem Gang / dem Fuss Cossmaritis folgete /welcher je länger je näher zu der
Grotten fortgieng. Da sie nun fast die Tür erreichet / und den Eingang suchen
wollten / finden sie aussen vor derselben eine schöne und dabei erbare Matron /
mittler Jahre / welche doch mehr zum Alter / als der Jugend geneiget. Das
Scheinbarste / so sie zierete / und unter andern lobwürdigen Geberden hervor
leuchtete / war die Beständigkeit ihres Gesichts / das sich durch keinen Anblick
verändern liess / und wurde selbige um so viel vermehret / weil sie in einer
erbarn ungefärbten Kleidung / ohne bund-gewürckte und wild-verzierte
Vergänglichkeiten / zu sehen.
    Sie setzte ihren Fuss auf einen viereckichten Stein /der unbeweglich war /
und wurden ihre beide Seiten geschlossen / von zweien andern Jungfrauen / die
wegen ihrer jungen Jahre / nicht unbillich ihre Töchter hätten können genennet
werden.
    Als nun Polyphilus über diesem unverhofften Anblick nicht wenig bestürtzet /
und voller Wunder war /vermehret seine Gedancken ein Jüngling / der / mit
erhitztem Lauff / durch die Wiesen / auf diese Matron zueilet / und sich ihr
vertrauet; von welcher er auch in das Grotten-Zelt gelassen / und / so viel
Polyphilus von ferne verstehen konnte / von denen / die darinnen künstlich
spielten / mit grossem Jauchtzen / empfangen wurde. Darob Polyphilus fast
erstaunet / gleichwol vermochte die erhitzte Begierde bei ihm so viel /dass er
sich nicht scheuete / diesem Jüngling nachzufolgen / / obschon der Eingang so
eng / dass er ihn vor der Tür stehen / und den Zutritt nicht weiter fördern
hiess. Deswegen er seinen Augen desto grössere Freiheit zuliess / weil die Füss /
mit den Stricken der Verhindernus / gebunden waren.
    So bald er aber durch die Tür schauete / ward er eines grossen Hauffens
gezierter und höflicher Weibs-Personen gewahr / die den eingelassenen Jüngling
umfangen hielten / und aufs schönste und lieblichste beehreten. Eine jede wollte
ihm einen besondern Schmück anlegen. Bald kam eine / die ihn mit Geschencken
verehren; bald wieder eine / die ihn mit allerhand Ergötzlichkeit belustigen;
bald eine / die ihn mit Ehren krönen; und endlich / wieder andere / die ihn bald
mit diesen / bald jenen Freud und Lieblichkeiten beglücken wollten: und da er von
allen endlich einen Teil angenommen / huben sie ihn sämtliche auf ihre
Schultern / und trugen ihn mit jauchtzender Freudigkeit / zu einer andern erbarn
und etwas wohl-betagten Matron / die im letztern Teil dieses Lust-Zelts auf
einem erhabenen Tron sass / mit einer kostbaren Cron gezieret / welche von Gold
und herrlichen Edelgesteinen dermassen gläntzete / dass sie Polyphilo leichtlich
das Gesicht geblendet / wann er nicht mehr auf die erbare Kleidung derselden /
und die freudige Geberden / als eben diesen wunder-künstlichen Zierat acht
geben. Der Jüngling buckete sich in aller Demut gegen dem Tron / desgleichen
taten auch die Jungfrauen / und nach dem ein jede dieser Matron die Hände
geküsset / übergaben sie ihr den Jüngling /welchen sie mit einem Lorbeer krönte
/ und auf ihren Tron erhebete.
    Als diss Polyphilus nach der Länge angesehen /konnte er sich nicht länger
erhalten: sondern fragte Cossmaritem / mit angehängter Bitt / dass er ihm die
Bedeutung dessen allen nicht verhelen wolle / dass ihm sein Hertz etwas neues und
nutzliches zu erfahren verspreche. Cossmarites versetzte hingegen / dass eben diss
die wahre Kunst und Tugend deute. Setzeten derowegen ihren Fuss etwas wieder
zuruck / und fieng Cossmarites folgender Gestalt an: Kunst- und Tugend-begieriger
Polyphile! Dieser Bergichte Felsen ist der Ort / da Kunst und Tugend wohnet /
welche mit gleich-beschwerter Müh und Gefährlschkeit erlanget /als diese
felsichte Höhe bestiegen wird. Dass er aber so unbewohnt / und mehr einer grauen
Wildnus sich gleichet / als einer so herrlichen Wohnung / ist die enge Strasse /
so da hinan führet / Ursacherin / die nicht viel betretten noch durchwandern
können / oder vielmehr wollen. Viel werden verhindert durch die Himmel-reichende
Höhe; verstehe / die eingebildete Unmüglichkeit; Viel durch die gefährliche
Klippen /da sich nicht wenig an den Stein der Verzweiflung stossen; der
grösseste Teil aber bleibet dahinden /wegen des rauhen und ungebahnten Weges /
weil ohne Schweiss kein Preis erlanget werden kann / auch keiner ohne Kriegen
sieget. Dass aber unter den dreien Berg-Felsen je einer höher / und dem Himmel
näher ist / zeigt den Unterschied der Wanderer / deren etzliche wohl einen guten
Eingang machen / aber bald müd werden / und sich mit dem Vorschmack der wahren
Tugend und Kunst lieber verwahren / als diese saure Arbeit / sie völlig zu
erlangen / ausstehen wollen: Daher bleiben sie auf diesem nidrigen Hügel /und
vermögen nicht von der Erden gen Himmel zu gelangen. Die aber / welche auch den
andern Berg überkommen / sind die / welche zwar die Lieblichkeit der Weissheit
etwas völliger kosten / auch selbige ferner zu erlangen bemühet sind: weiln aber
der letzte Felsen so hoch / dass er nicht nur den Willen / sondern auch eine
besondere Krafft und Macht / seinen Lauff zu vollbringen / erfordert: werden sie
/ wie die erste /durch Ungedult und Trägheit; also / an diesem Ort /durch
Ohnmacht und versagte eusserliche Hülf und Mittel / auch mitten in dem Lauff /
zu ruck gehalten. Welche aber teils der Vorsatz ihres Verlangens / die Begierde
der Liebe / der unablässige Fleiss / die viel-vermögende Arbeit / die
Grossmütigkeit des Hertzens / und unüberwindlicher Zwang ihres gesetzten Ziels;
teils auch die gütige Natur / das günstige Glück / und der gnädige Himmel / so
weit geführet hat / dass sie / ohne Verhindernus / den dritten Felsen erstiegen /
und Tugend und Weissheit erlanget / die können wir freilich denen unsterblichen
Göttern nicht ungleich schätzen.
    Das alles gefiel Polyphtlo über die massen wohl /und konnte er diese artige
Vorbildung nicht gnug verwundern / hätte auch / so es ihm zugelassen worden
/selber seine Kräffte versuchet / ob er diese Berge zu besteigen mächtig wäre:
aber Cossmarites / der solche seine Gedancken bald verstehen konnte / antwortete
ihm: begieriger Polyphile! es würde euch gar eine schlechte Mühe sein / diese
durch Menschen-Hände verfertigte Berg Felsen zu gewinnen / auch würde auf eine
so schlechte Tat / eben schlechtes Lob folgen: aber dahin bemühet euch / dass
ihr die wahre Kunst-und Tugend-Bahn durchwandern / und die hohe Pindus-Spitzen /
welche bloss allhier in einem Bild gezeiget werden / ersteigen und gewinnen
möget. Dann daher wird ein Ruhm erfolgen / welcher biss gen Himmel steigen / und
mit der Ewigkeit in die Wette leben wird. Ihr sehet / Polyphile! in der Mitte
jenes erhöheten Felsen zwo Weibs-Personen / die euch gleichsam wincken / und
bitten / zu ihnen zu kommen: aber diese begehren euch die Begierde / Kunst und
Tugend zu verlangen / entweder einzupflantzen / oder zu vermehren. Verlanget ihr
zu wissen / wie sie benamet sind? Die eine wird begrüsset / die Mässigkeit / die
andere nennet man / die Gedult. Und diese wollen euch und allen Kunst-begierigen
lehren / dass ohne ihre Hülffe und Vorgang / keiner zu der wahren Weissheit
gelangen könne. Ein mässiges Hertz dencket auf etwas Gutes: und Gedult
überwindet alles. Darum erkennen wir aus ihren sorgfältigen Geberden / dass sie
gleichsam die hinaneilende trösten und stärcken / dass sie ihren Fleiss durch
keinen Schweiss sollen verrucken lassen: es werde geschehen / dass sie in kurtzer
Zeit auf einen lustigern und ruhigern Weg gelangen / da sie die süssen Früchte
ihrer sauren Arbeit schon geniessen werden.
    In dem Cossmarites dieses redte / hub Polyphilus seine Augen gegen dem Fels /
und da er in acht nahm / dass zu dem dritten und höchsten kein solcher Weg
führete / als zu dem ersten und andern: fragte er /wie man dann dahin gelange /
weil er keine Bahn ersehen könne / so dahin führe? Das ists eben / antwortete
Cossmarites / dass ich zuvor gesagt / es könne keiner unter denen Sterblichen ohne
Vorgang und Hülff der Mässigkeit und Gedult zu der rechten Weissheit und wahren
Tugend gelangen: so bald sich aber eins dieselbe führen lässet / und ihnen Folge
leisten will /steigen sie selber dem Hülff-bittenden entgegen / fassen ihn in
die Mitte / und heben ihn zu sich auf den Felsen: allwo der Lustbare / gebahnte
/ ebene und sichere Weg ist / welchen wir insgemein die Tugend- nennen. Diesen
zeigen sie ihm / und dessen Hertz und Sinnen-erfreuende Lieblichkeit: Heissen
ihn auch etwas ruhen / verstärcken seine schwache Krafft / und versprechen ihm /
dass er nunmehr mit einem frölichen Gruss die Weissheit küssen / und der
unerschöpflichen Freude eines friedlichen Lebens geniessen solle. Die Zusage
wird auch im Werck erfüllet / dann das will der Lust-Weg / welcher / durch die
Wiesen / zu dem Grotten-Werck führet / darinnen die Tugenden und die wahre
Glückseligkeit wohnet. Hie ist das Wohn-Haus aller Freuden.
    Was zeigt aber / fragte Polyphilus / diese Matron /die ihren Fuss auf den
geeckten Stein setzet / und / wie es scheinet / der Tür hütet? Sind nicht diese
/ so sie begleiten / ihre Töchter? so ists / gab Cossmarites zur Antwort. Die
Matron ist die so langverlangte / wahre und unverfälschte Wissenschaft / und
diese ihre beide Töchter / sind Warheit und Verstand. Dass sie aber auf einem
vier-geeckten Stein ruhet / Bedeutet /dass der Weg sicher / und der Ort ohne
Veränderung /ja auch die Gaben / so sie verehret / keinen wanckelbaren
Glücks-Fällen unterworffen sein.
    Was für Gaben? fragte Polyphilus: dem Cossmarites antwortete: Friede des
Gewissens / Ruhe des Gemüts / und Sattsamkeit des Verlangens. Dann so bald wir
/ fuhr er weiter fort / durch die Wissenschaft / zur Erkäntnüs der Warheit
kommen / wird unser Verstand dermassen erleuchtet / dass wir gewiss wissen / es
könne uns die Zeit unsers Lebens kein Unfall treffen / keine Unruh betrüben.
Sicherheit / Vergnüglichkeit / Zufriedenheit ist an allen Orten. Und dass sie
aussen vor der Tür stehet / hat nicht die Bedeutung / als wann sie den Eingang
verwahre: Dann dieser stehet männiglich offen / weil keiner hieher gelanget /
als der da hineinzugehen sich würdig gemacht; sondern dass sie die Ankommende /
ehe sie völlig hinein gelassen werden / heilige / weihe / und von allem Irrtum
/ den sie vorher in sich gesoffen /reinige / und also / gleichsam geschmückt /
zum Zelt einlasse: allwo er von den frölichen Jungfrauen empfangen / und
verehret wird: wie ihr dann / an diesem Jüngling / das Beispiel / mit sehenden
Augen / erfahren.
    Wer sind aber diese? fieng Polyphilus an: darauf Cossmarites antwortete:
Diese sind eben die völlige Weissheit / mit ihren Schwestern / denen übrigen
Tugenden / welche ihn verehren / und zu der Crönung führen. Die Matron aber /
welche / im letztern Teil dieses Lust Zelts / den Jüngling krönet / ist die
Glückseligkeit / die gibt ihm das köstliche Kleinod /der ewig ruhigen Freude /
und preiset seinen Sieg /den er durch so viel Tugend-Ubungen erhalten /
vergönnet ihm auch seines so lang gesuchten Ziels / nun endlich / erfreulich zu
geniessen / und weiset ihm /aus was Gefahr er errettet / und in welche
Sicherheit und beständige Ruh er versetzet worden. Und auf solche Art wird Kunst
und Tugend erworben / welchem /wann auch ihr nachkommen werdet / wie ihr / so
viel ich hoffe / Willens seid / wird dieser Jüngling / selber den Polyphilum
deuten: weil ihr diesem gleich mit Ehre / Freude und Glückseligkeit / nach
erhaltenem Sieg / werdet bekrönet werden. Und so viel / beschloss Cossmarites /
ist / euch zu erklären / auch zu zeigen / Königlicher Befehl / dem ich nach
Vermögen Folge geleistet / und mich gehorsam erwiesen: beobachtet auch ihr eure
Pflicht / so werde ich mich freuen / dass ich nicht vergeblich und ohne Furcht
gelehret habe: und mit diesem verliess er Polyphilum / und verfügte sich wieder
zu der Königin / berichtende / dass ihr Befehl sorglich und aufs fleissigste
verrichtet.
    Diese / welche indessen mit ihrem ganzen Comitat / der Göttin Pallas
geopffert / trat zum Polyphilo /und ermahnete ihn / dass er der Göttin / welcher
dieser Tempel heilig / wäre Danck schuldig / vor die Eröffnung solcher
verborgenen Nutzbarkeiten; diesen nun sollte er auf dem nächsten Altar / ehe er
weiter geführet werde / bezahlen: deswegen ihm dann / der Melopharmis kleiner
Sohn ein Fass voll Rauchwerck darreichete / durch welches er seinen Danck
aufopfferte: wiewol die unersättliche Begierde Polyphili mehr auf die Tafeln /
so in dem andern Temrel zu sehen / als an das Opffer dachte. Gleichwol aber /
dass die Anwesende ihn nicht mit dem Laster des Undancks beschuldigen möchten /
fieng er folgender Gestalt an: Soll sich mein Danck / denen Herrlichkeiten / so
dieser Tempel in sich verborgen hält / allerdings gleichen / so will ich die
Schwachheit meines Vermögens alsobald der Unmüglichkeit halber beschulden. Denn
wie können himmlische Gaben mit menschlichem Danck verglichen werden: Doch
nehmet an / ihr gnädige Götter! und sonderlich / du Kunst-herrschende Pallas!
den schuldigen Danck / wie ihn eines Sterblichen Zunge in dieser Unvermögenheit
aussprechen kann; nimm an zur Vergeltung die Folge / so ich dir mit Hertz und
Mund / in allem dem / was du meinen Augen eröffnet / verspreche. Du nur / weil
meine schwache Hand / ohne dein Walten / nichts würcken und vollbringen kann /
stärcke mich in meinem Fürnehmen /dass ich mein Gelübd halten und bezahlen könne:
so soll dir diese Stätte / von meinem Danck und Vergeltung ein ewiges Denckmal
sein und bleiben: auch diese Anwesende werden ein Danckmal aufrichten /und wird
Kunst und Tugend selber dich / zu ihrer Beherrscherin / erwählen / und alle
Sterbliche deiner Macht gehorchen.
    Nach verrichtetem Opffer / berieff die Königin Cossmaritem wieder / beneben
obgedachtem seinem Geferten / welcher Clyrarcha genennet wurde / und redete mit
ihnen heimlich: der Innhalt aber ihrer Rede war dieser: Es gab die Königin
Befehl / dass / wie Cossmarites Polyphilum den Tempel der Kunst und Tugend
durchgeführt / und was darinnen zu sehen /erklärt: so sollte Clyrarcha ihm auch
den Tempel des Glücks eröffnen / und nichts verhelen / was zur Verbesserung
seines künftigen Lebens diene: sondern ihm allerdings weisen / wie er die
vielfache verderbliche Glücks-Stösse / mit den Waffen der Gedult / bestreiten /
und / durch bessern Verstand / gewinnen könne.
    Nach erteiltem Befehl / fassete die Königin Polyphilum wieder bei der Hand
/ und wollte ihn in den andern Tempel führen: Da sie aber ihren Fuss von dem
felsichten Gebürg gegen Nidergang lencketen / und Polyphilus seine Augen noch
einst ruckwerts warff /ward er etzlicher zierlicher Gemähl und Sinnbilder /an
denen Marmor-Seulen / darauf das Tempel-Dach ruhete / und an den Wänden
aufgeführet waren / ansichtig / und da er / nach erbetener Erlaubnus / näher
hinzu trat / fand er auf der rechten Seiten / gegen dem Mittag das
Kunst-verdeckte Bildnus des Delphischen Apollo / welcher in Jünglings-Gestalt /
auf einem Dreifuss / mit einer / von 12. Edelgesteinen / gläntzenden Cron / ganz
nackend / mit 4. Ohren / und gleich so viel Händen zusehen / welche eine Leier
gefasset hielten / die mit 4. Säiten bezogen / deren jede von einer Hand
besonders gerühret wurde. Sein Haar gläntzete / wie die aufgeworffene
Sonnen-Stralen /und sein Antlitz war entbrant vor Zorn / der Mund lief / als
schäumete er vor Eyfer. Und da sich Polyphilus fast sehr über diese Figur
verwunderte / also / dass er selbige mit tieffem Nachsinnen ansah / trat die
Königin zu ihm / mit diesen Worten: Ich glaube / Polyphile! ihr wollet heute von
einem schwachen Werckzeug unterwiesen werden. Verstehet ihr nicht /was dieses
Wunder-gebährende Gemähl in sich halte? Es ist der Künste-Gott Apollo / und
deutet in dieser Figur die gesunde Vernunft / den besten und vortrefflichsten
Teil des Menschen. Dieselbe geht das Vermögen der vernünftigen Seelen durch /
als die 5. äusserliche / mit samt den 4. innerlichen Sinnen. Setzet sich zu
einem Liecht dem Leibe / zum Raht der Tat /zur Führerin der Folge: also / dass
sie mit Recht / die Verleiterin zum Guten / die Zuruckhalterin vom Bösen / die
Verzehrerin der Laster / die Stiffterin der Tugend / die Vertreiberin der
Unwissenheit benahmet wird. Und dieses zeigen die Edelgesteine / so an der Cron
hervor leuchten. Weiln aber diese Wercke grosse Müh und nicht geringe Arbeit
gebrauchen / ist er mit mehr dann einem Ohr und nicht wenigern Händen versehen /
alldieweil junge Leut / ehe sie die Weissheit begreiffen / viel hören / viel
schreiben / viel tun und verrichten müssen / ja in den 4. Zeiten menschlichen
Lebens / Kindheit / Jugend / Mannheit und Alter /sich nicht satt hören / oder
auch genug lernen können. Der Dreifuss aber zeigt / dass nichts so verborgen sei
/ welches von der scharff-sinnigen Vernunft nit endlich entdecket werde. Was
zeigt aber das zornige Gesicht? fragte Polyphilus; welches die Königin
erklärete / dass dadurch der Eyfer zu verstehen / welchen alle die / so / auf der
Weissheit-Bahn zu wandeln /verlangten / müsten bei sich spüren lassen. Das /sagte
die Königin / lernet von einem unerfahrnen Weib.
    Polyphilus / dem die Wangen durch diese Wort gleichsam befeuert wurden /
verfälschte den Hochmut dieser Königin mit einer Schertz-Rede: doch mochte er
seinen Grimm nicht so starck bergen / vielweniger diese Schmach so gedultig
ertragen / dass er nicht / da ihm die Königin auch die übrige Bildnussen erklären
wollte / sein widriges Begehren / durch Vorwendung / nutzlichere Sachen zu
erkunden / mercklich anzeigte; in welchem ihm auch die Königin nicht widersprach
/ sondern seinem Willen vor dissmal die begehrte Freiheit zuliess.
    Gleichwol aber / damit die Ungedult Polyphili /den köstlichen Zierat des
Tempels nicht verdeckte /war nechst bei gedachtem Bildnüs / die ganze Seite
durch gezieret mit denen dem Apollo zugeeigneten neun Musen / deren jede in
einem besondern Habit und auf andere Art gebildet / so gar / dass sich keine der
andern gleichen / sondern eine jedwede von der andern wohl unterschieden werden
konnte. Alles hie völlig auszudrucken / erfordert mehr Zeit / als uns
vergönstiget: doch können wir das sagen; köstlich und künstlich war alles /
dergestalt / dass wir zweiffeln / sollen wir in diesem Zierat ein Wunderwerck
der Götter suchen / oder eine Kunst der Sterblichen preisen. Auf der lincken
Seiten gegen Mitternacht /waren die sämptliche Tugenden / durch allerhand
nachdenckliche Sinnbilder gemahlet / die grossmächtige Tapfferkeit / durch den
Schild des Laster-siegenden Herculis / darauf er selber auch gebildet. Die
beliebte Mässigkeit / durch einen wilden Feigenbaum /welcher auch die unbändige
Tier zäumen kann. Die begüterte Freigebigkeit / durch das Frucht-Horn. Die
unverruckte Gedult / durch einen Amboss / darauf gehämmert wurde. Die getreue
Liebe / durch den Salamander / welcher im Feuer lebet. Die belobte Beständigkeit
/ durch einen Falcken / welcher einen Demant-Ring umfasset. Die entdeckte
Warheit / durch ein unbekleidetes Jungfräulein / welche in der lincken Hand die
Sonnen / in der rechten ein eröffnetes Buch / und einen Palm-Zweig führet / und
mit dem rechten Fuss die Welt-Kugel betretten. Die Aufrichtigkeit / durch den
Pfirsing-Baum / dessen Blätter der Lungen / und die Frucht sich dem Hertzen
gleichet. Die Hoffnung /so nach Nutz und Ehren strebet / durch ein Feuer-farbes
Kleid der Purpurnen Morgenröte / in der rechten eine blühende Granaten-Stauden
/ und in der Lincken den Ancker haltend; ohne Zweifel durch dieses den Nutzen in
Gefahr / durch jenen die Frucht der Tugend bedeutend. Und nach vielen andern /
die / wegen ihrer Vielheit / zu beschreiben / die Unmüglichkeit verbietet /
beschloss endlich das Bildnus der Gerechtigkeit diese Wunder-Gemähl / und war
selbige gebildet durch einen dreifachen Hügel. Auf dem Rechten war ein Schwert
zu sehen / samt der Waag-Schalen / auf dem Lincken ein grünender Oel-Zweig / und
auf dem Mittlern ein Königliche Jungfrau / mit einer Cron auf dem Haupt / in ein
ganz gulden Stück gekleidet / und am Halse eine guldene Ketten tragend / welche
an statt des Kleinods ein Aug führete / das verbunden war. Von der rechten Hand
ging eine Flamm / und die lincke beschwerete ein blutiges Hertz; dadurch
anzudeuten / dass sie kein Feuer und Stahl / kein Blut und Tod achte: sondern /
wie die Flamme / gen Himmel steige / und ihr Hertz / durch die Unsterbliche /von
allem anfeindenden Ubel reinigen lasse. Gegen Morgen waren die lebhafte
Bildnussen der sieben Weisen aus Griechenland zu sehen / deren jeder seinen
gewohnten Red- und Lebens-Spruch bei sich hielte / und dem Tempel eine nicht
geringe Beschönung gab. Gegen Nidergang zeigeten sich die sieben Künste / in
ihrer gewöhnlichen Bildung / die von denen beiden Welt berühmten Platone und
Socrate in die Mitte gefasset waren: auch war der über alle Weissheit erhabne
Kunst-verständige Aristoteles / in Lebens-Grösse / und aufs eigentlichste
abgebildet /doch also / als musterte er die sieben / welche sich seinem Gebot
stelleten.
 
                                 Anderer Absatz
  Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe
gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst /
   mit dem Glück; bewähret die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen;
   berichtet von dem Glück / dass es nicht ein blinder Zufall; nicht auch ein
       Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sei.
Wir kommen aber wieder zu unserm Polyphilo. Dieser wurde / seinem sehnlichen
Verlangen nach / von dannen in den Glücks-Tempel geführet. So bald er die
Schwelle betretten / verführete die Mannichfaltigkeit der Dinge / so ihm von
ferne ins Gesicht fielen / die Augen dermassen / dass das wundrende Gemüt seinen
Füssen den Vortritt verwehrete. Er nahm ihm vor / alles viel eigentlicher / und
mit guter Weil zu besehen: darum er stracks im Eingang stille stund /und das
Gerüst besah / so über der Tür inwendig aufgemacht war. Dieses zeigete den
sonst bekanten Eunomium / zugenahmet Locrinus / mit seiner Zittern / darauf eine
Saite gesprungen / an dessen Stelle sich eine Zitschrende Heuschreck gesetzet /
die das Maul aufsperrete. Lachen und Dencken überfiel Polyphilum auf einmal /
weil er nicht verstehen kunte /was das in sich hätte. Darum die Königin / welche
sein Verlangen bald merckete / Clyrarcham ihm zugesellete / mit dem Befehl / die
Geheimnus / so in diesem Tempel verschlossen / Polyphilo zu eröffnen. Dieser
fieng nach abgelegtem Gruss / seine Red mit solchen Worten an:
    Viel beglückter Polyphile! der Reichtum eures Glücks ist so gross / dass er
nicht leicht wird ergründet werden: Ihr aber missbrauchet der Gütigkeit des
gewogenen Himmels. Verzeihet mir / Polyphile! dass ich euch so anrede. Meine
Pflicht leidets nicht anders. Ihr wisset / wie ein zerbrechliches Ding sei das
Glück /und wie bald es erdrucke / den es gehoben. Darum ändert euren Wandel /
wollt ihr nicht / dass sich euer Glück ändern soll. Wann ich Zweiffel trüge / ihr
verstündet nicht / wohin ich ziele / wollt ich mich bemühen / mit grösserer
Höflichkeit meine Rede zu entschuldigen: aber der Scham / welchen das
beschuldigte Gewissen zeigt / lehret sattsam / dass ihr verstehet / wohin meine
Rede gehe. So nehmet nun meine Lehre an zu eurem Nutzen / und lernet hin für o
/nicht durch den falschen Wahn der Liebe das Glück zu verringern: sondern durch
die beständige Treu dasselbe zu stärcken / auf dass es euch immer anlachen möge.
Das nötigste aber / so ihr zu behalten habt /ist die Liebe gegen Kunst und
Tugend: die ihr in dem ersten Tempel erkannt / und zu gewinnen gelobet. Ohne
diese kann kein Glück bestehen / und kein Zufall wohl geraten. So kann auch im
Gegenteil ohne Glück die Tugend nicht herrlich scheinen / vielweniger die Kunst
sich erheben / dann jenes ist die Nehrerin dieser / diese die Mehrerin jenes.
Daher kompts auch /dass die Weissheit der Götter diesen Tempel alsobald an den
Tugend-Tempel gebauet / ja / das will dieses Sinnbild / welche die alte Histori
zeigt / da dieser Eunomius / weil er sehr lieblich spielen kunte / einsmals /
zu Delphis / mit dem Regino in die Wette gespielet. Als ihm aber mitten in dem
Gesang die Säite gesprungen / und nicht weiter fortspielen können / hat sich die
Heuschrecke auf den Haiss seiner Zittern gesetzet / und dermassen fortgesungen /
dass Eunomius das Feld erhalten / und den Preis gewonnen hat. Dieses ist zum
Gleichnus gesetzet / das Verbündnus der Tugend mit dem Glück anzudeuten / dass
offtermals wir Sterbliche unsern Fuss zuruck ziehen müssten /und das vorgesetzte
Ziel nicht erlangen könten / wann nicht / wo alle Hülff versieget / das Glück
den Ton führete / und durch unverhoffte Fälle oft mehr richtete / als wir
begehren.
    Kaum hatte Clyrarcha diese Rede vollendet / dass nicht also bald Polyphilus
sich erinnerte / wie er eben diss noch vor kurtzer Zeit / an seinem eigenen Leib
erfahren / deswegen er dann des Clyrarcha Wort / mit einem einstimmenden Ja-Wort
bekräfftigte. Als aber Clyrarcha auch daher anfieng zu erweisen / da offtermals
durch einen Unglücks-Riss ein grosses Glück erhalten werde / fiel Polyphilus in
die höchste Betrübnus. Denn da ward ihm sein ganzes Hertz voll der Gedancken
von Macarien / und was er um sie erlitten; so gar / dass nicht viel fehlete / er
hätte gewünschet /dass ihm der Himmel diss Glück / Kunst und Tugend zu lernen /
missgönnet / und dagegen vor dem Unglück behütet / dass ihn von seiner
allerliebsten Macarien geschieden.
    Clyrarcha merckete gar bald die Bewegnus Polyphili / und / wie er
mitleidiges Hertzens war / bedaurete er seine Schmertzen / gedachte ihm auch
wieder einen freudigen Mut zu machen / derohalben er ihn von der Verlängerung
des Unglücks / und daher entspringenden Nutzen viel vorsagte / zu behaupten /dass
je mehr die Unglücks-Zeiten verlängert / und die wiederkommende Glücks-Stunden
verzögert würden /je mehr werde auch die Ankunft des Verlangens erfreuet und
begütert.
    Unter dieser Rede aber giengen sie allgemach zum Tempel ein / da dann
Polyphilus einer grossen Menge künstlich-aufgeführter Gerüst / Altär / Trön /
Sessel und Sitz gewahr wurde / die alle mit Herrlichkeit bekleidet / von
gewissen Personen eingenommen und gefüllet waren. Und weil der Tempel / ungleich
dem ersten / in zwei Teil unterschieden war / deren jener mit eisernen
Schrancken verschlossen: Dieser aber ganz offen stunde / sah er / auf dem
befreieten Plan / allerhand Arten der Menschen / grosse / kleine / gelehrte /
ungelehrte / Gewaltige und Bettler /Alte und Junge / die er doch von fernen
nicht anders /als aus dem Unterschied der Kleidung erkennen konnte. Da er aber
dem Ort näher kam / befand er etzliche unterschiedene Häuflein der Menschen /
die teils weineten / teils lacheten. Ein jedweder Hauffen wurde von einem /
der sich denen Unsterblichen nicht übel gleichete / bedecket. Und als Polyphilus
dieses alles nach der Länge angesehen / fragte er endlich Clyrarcham / wer diese
wären? welcher dagegen versetzte / dass hierdurch die Handtierungen und Gewerbe
/ mit denen mancherlei Sorten und Arten der Menschen / vorgebildet würden /
deren jede ihren eigenen Glücks-Gott verehrete / der sie schützen und erhalten
solle. Daher ist dieser Tron / sprach Clyrarcha / welcher dem Jupiter
geheiliget wird / der ein Gott aller Götter ist. Ja / daher ist dieses Fass /
welches zu der Seiten aufgerichtet ward / und allerhand reiche Güter in sich
hielte / Ehre / Reichtum / Gewalt / Macht /Kunst / Gunst / und dergleichen; aus
diesem reichet er dem einen viel / dem andern wenig. Weil er aber allein alles
nicht verwalten kann / oder will / hat er ihm mehr Götter zugesellet / und einem
jeden seine sonderbare Verrichtungen gegeben: Daher diese / so den andern Tron
begleiten / dem Gott Marti dienen / und um Glück zu denen Kriegen anflehen. Jene
aber / die den Vulcanum verehren / wollen auch / dass ihre Hantierung glücklich
fortgehe. Dessgleichen die Anbeter des Neptuni. Nach diesem führete er ihn zur
lincken Seiten / allwo auch etzliche deren mitelffenden Göttinnen zu sehen /
unter denen die erste war Juno / die Verwalterin der Eheschaften und
Gebährenden; Auch Venus / die die Bitterkeit der Liebe versüsset; mit der Dianen
und andern / die allhier sammetlich zu erzählen / die grosse Meng verwehret. Das
ist Meldens wert / dass der Sterblichen so ein mercksamer Unterscheid war /
nicht nur in der Kleidung /sondern auch in ihren Geberden / indem der eine Teil
lachte / der ander weinete. Diese / sagte Clyrarcha /und deutet auf die
Weinenden / sind die / so im Unglück vergraben / über die Unbarmhertzigkeit der
Götter klagen: Jene aber / zeigend die Lachende / sind die / welche sich in
ihrem Glücks-Stande freuen / und der Gunst des Himmels dancken.
    Aber woher ist der Unterschied / fragte Polyphilus /was beweget die Götter /
dass sie diesen mit Glück /jenen aber mit Unglück belegen / da wir doch alle
Menschen sind? Sind wir Menschen / so sind wir ja gleich / woher komts dann /
dass etzliche arm / etzliche weiss / etzliche gelehrt; andere alber / andere
wieder verständig sind? Was ist die Ursach / dass es nicht einem Menschen geht /
wie dem andern / warum soll jener in Freuden / dieser aber in Trauren leben:
warum einer in Sammet / der ander im groben Kittel einher gehen: warum einer mit
niedlichen Speisen ernchret / ein anderer mit Wasser und Brod gesättiget werden?
Oder / warum wird mancher zu den höchsten Ehren erhoben / mancher hingegen
verachtet und vor nichts gehalten? Oder / warum hat mancher an allem einen
Uberfluss / mancher aber allentalben Mangel? Woher komts / dass ihrer viel / was
sie wünschen / erhalten / was sie dencken / verrichten / was sie beschliessen /
vollenden: da hingegen andern vielen all ihr Raten und Taten zu ruck / und
nicht für sich geht? Meines Erachtens kann man nicht anders schliessen / als dass
dieses der Götter Schuld / und die Klag der Sterblichen nicht unrecht sei. Deme
Clyrarcha unverhindert antwortete / dass dem nicht so sei /wie er rede / und die
Götter ausser aller Schuld wären / auch bloss die Menschen / ihr eigen Glück und
Unglück / Reichtum und Armut / Ehr und Schand /Ansehen und Verachtung / Kunst
und Unwissenheit /Tugend und Laster erwähleten / und sich selber verführeten.
Welches aber Polyphilo nicht eingehen wollte / dieweil er behauptete / dass
mancher / an Reichtum / Ehre / Macht und Gunst / einem vorgezogen würde / der
doch / aller Zeugnus nach / viel fürsichtiger gehe in allem was er handele; viel
mutiger und behertzter verrichte / was ihm zu verrichten obliege; viel
freundlicher sich stelle gegen denen / damit er umgehe; viel gedultiger sei in
seinem Leiden; viel mässiger in seinem Glück; viel ansehnlicher von Person; viel
geschwinder im Rat; viel verständiger in Anschlägen; und so fort an: habe
dennoch das Glück nicht / dass er sein Werck so wohl verrichte / als jener; fehle
doch viel / dass er so beliebt sei / als der ander; und komme nie darzu / worzu
ihn seine Geschicklichkeit billich erheben sollte. Wir sehens / fuhr Polyphilus
weiter fort / bei mancher Regierung / so lang dieser / zum Exempel / die
Herrschaft führet / lebet alles in erwünschter Ruhe / der Fried wächst
gleichsam auf der Erden / und die Gerechtigkeit blühet immer: Wann ein anderer
kommt / ist aller Orten Krieg und Kriegs-Geschrei / alle Aempter sind voller
Unruhe /Aufruhr und Empörung findet man allentalben: da doch dieser viel
weisslicher regieret / als jener / dem /so zu sagen / das Glück selber
Stadtalter gewesen. Oder / wollt ihr / Clyrarcha! die Handlungen und Gewerb
ansehen / so werdet ihr finden / dass bei manchem alles gesegnet / und reichlich
zunehme; bei einem andern hingegen / ob er schon täglich / ja fast stundlich
rennet und lauffet / dennoch nichts erspriessen will: es ist kein Glück und
Segen bei ihm: die Anschläg werden zu Wasser: die Arheit hat keinen Fortgang: es
ist kein Verschluss der Wahren mehr: es gerät nicht / wie zuvor / und / mit
einem Wort /scheinet alles vergebens zu sein / was man vor Müh und Arbeit
angewendet. Solte diss dann die Schuld der Menschen sein? ist nicht zu glauben.
    Wäre Clyrarcha nicht noch klüger gewesen / als Polyphilus / hätte er in
Warheit stillschweigen müssen: gleichwol vermochte die Rede so viel / dass
Clyrarcha den rechten Grund entdecken / und mit unverfälschter Warheit völlig
heraus gehen musste / da er sprach: Geliebter Polyphile! Wann ich mich nicht vor
einen Glücks-Verständigen grüssen liess / möchte es gar leicht geschehen / dass
ich eure Rede unbeantwortet fassen / und euch gewonnen geben müsste. Nun aber
erfordert mein Amt ein anders / und mein besser Wissen gibt mir Befehl / euch
aus diesem Irrtum zu führen. Mercket demnach / dass ihr sehr weit fehlet /indem
ihr / aus der ungleichen Teilung der Güter denen gerechten Göttern einige
Unbillichkeit beizumessen / euch unterstehet. Zwar ists nicht ohne / dass /so
fern wir die Austeilung an sich selber besehen /selbige denen Göttern billich
zugeschrieben wird: aber daher einige Ungerechtigkeit zu schliessen / ist
unrecht. Wisset / Poyphile! dass der Weissheit Rat im Himmel nichts ohne
erhebliche Ursachen / ja nicht das geringste / vergeblich tue. Solten ihr die
Ursach dieser Teilung der Güter wissen / würdet ihr euch nicht das geringste
wundern lassen. Einmal ists gewiss / dass wir ein Geschöpff der Unsterblichen
sind. Hat dann nicht der Schöpffer Macht mit uns zu tun /was ihm gefällt? Eben
das ist endlich eine Ursach /warum Er diesen auf einen Käiserlichen Stul: jenen
in einen Vieh-Stall setze; warum Er den an eine Königliche Tafel: einen andern
hinter den Pflug hebe; warum Er manchen in ein reiches Hausshalten / in ein
grosses Gewerb / und dergleichen: manchen hingegen in eine arme und nidrige
Bauern-Hütte / unter ein Stroh-Dach verstecke / dass Er erweise / Er sei der
Schöpffer / und wir sein Geschöpff.
    Dass ihr aber den Einwurff getan / warum es deme nach Wunsch / dem andern
aber wider Willen gehe; warum der viel glücklicher in seiner Verrichtung / als
jener / welcher doch nicht so verständig; warum mancher darzu gelange / wohin er
nie gedacht; ein anderer hingegen darnach gerennet und geloffen / und doch
nichts erlanget: hat wider seine sonderbare Ursach. Ists nicht so / wann ihr
euer Werck allemal nach Wunsch und Begehren vollführetet / und eben durch die
Mittel euer Ziel erlangetet / durch welche ihr dasselbe bestritten / würdet ihr
nicht den Gewinn euch zuschreiben / und euren Anschlägen / eurer Klugheit /eurer
Tapfferkeit den Preis geben? Durch eure Macht wäre / zum Exempel / der Feind
geschlagen; durch eure Spitzfindigkeit der Reichtum erworben; durch eure Kunst
die Gunst erlanget; durch euer Ansehen die Ehre erhalten; durch eure
Vorsichtigkeit das Gut erworben / und so fort an. Dass aber diss nicht geschehe /
weiset eben die Weissheit der Götter durch ein gerades Widerspiel. Denn da machen
sie andere mehr eben so künstlich, so starck / so mächtig / so ansehlig / so
beredt / lassen sie eben den Weg gehen / eben die Mittel gebrauchen: und doch
nichts wenigers / als eben das Ziel erreichen: an statt des Siegs einen Verlust;
an statt des Reichtums / Armut; an statt des Gutes / Schaden; an statt der
Gunst / Ungunst; an statt der Ehre / Schande / und dergleichen. Aus welchem
allen ihr sattsam schliessen möget / dass der Raht der allweisen Götter / auf
keiner Ungerechtigkeit bestehe / noch die Tat / einiger Unbilligkeit wegen
könne beklaget werden. Was anlanget die Ungleichheit der Menschen / dass mancher
hoch / mancher nidrig; einer schön / und wieder einer ungestalt; ein anderer
reich / der dritte arm; viel aber angesehen / viel wieder verächtlich gehalten
werden: Darauf kann ich nicht besser und gründlicher antworten / als dass dieses
der Will sei und die Ordnung derer allein Weisen Götter. Diesen aber erkennen
wir an unsern eigenen Leibern / daran etzliche Glieder stärcker / etzliche
schwächer; wiederum etzliche ehrlicher / die wir nicht verdecken dörffen;
etzliche unehrlicher / so uns die Scham verbergen heisset. Auch sind etliche /
die uns wohl / etliche / die uns übel anstehen. Wiederum finden sich / die
nutzlich; andere aber / die nicht gar zu nötig zu sein scheinen: Wäre es nun
nicht eine törichte Frag / wann man zu wissen begehrte / warum Gott ein Glied
zum Kopff gemacht hätte / eines zum Arm / eines zur Brust / eines zum Fuss / und
wieder eins / weiss nicht zu was; wer einen wenigen Verstand hat / würde da
antworten / die Nohtdurfft und Gestalt des Menschen erfordere es also. Dann / wo
würde die Gestalt bleiben / wann ein Mensch aus lauter Köpffen / lauter Armen /
lauter Brüsten / und lauter Füssen zusammen gesetzet wäre? womit würde er gehen
und stehen / wann er eine lautere Brust wäre? worinnen würde er sein Eingeweid
tragen / wann er lauter Arm wäre? womit würde er fassen und zulangen / wann er
lauter Köpff wäre? womit würde er dencken und raten / wann er lauter Füss wäre?
nicht nur die Gestalt zergienge / sondern es würde auch die Nohtdurfft grosse
Noht leiden und ausstehen. Wir könnens gar leicht / so wir andere Gleichnüs
wollen daher ziehen /an den übrigen Kreaturen sehen. Wie schön stehet es /wann
ein hoher Berg neben einem tieffen Tal stehet; wie artig übersteiget ein Haus
das ander; wie stattlich schimmern die Türne vor den nidrigen Gebäuen hervor:
die Blumen in den Wiesen zeigen das mit ihrer Ungleichheit; die Bäume in den
Wäldern rühmen die Mannigfaltigkeit; auch die Blätter selbst weichen einander.
Im Feld wächset die Frucht in ungemessener Höhe / es überschreitet je eine Aher
die andere. Sehen wir auf die Hände des Kunstlers / immer ist eines herrlicher
und schoner gearbeitet / als das ander. Das liebliche Geton der Orgel / ist von
dem Unterscheid der Pfeiffen. Die beste Kunst in einem Gemähl ist /wann der
Schatten wohl geworffen wird / wann dunckel und hell neben einander stehet
schwartz und weiss füglich vermenget ist. Grad so ists auch mit dem menschlichen
Geschlecht / und denen Ständen: wann Käiser / König / Fürst / Burger / Bauer und
Knecht beisammen sein / hat ein jedes seinen Schutz und Hülf. Wie würde das
Geschlecht erhalten / ernehret und regieret werden / wann eitel Käiser / eitel
Könige / eitel Fürsten / eitel Herren wären? müssen nicht andere sein / die säen
und erndten: andere / die hacken und graben: andere / die dreschen und arbeiten:
andere / die handeln und wandeln: andere / die herschen und dienen? Ja es würde
viel ehe gar kein Käiser / gar kein König / gar kein Fürst / gar kein Herr sein
/ ehe sie alle Herren wären. Denn wo wäre der Knecht / der Bauer / der
Untertan? kann auch ein Herr sein / der keinen Knecht hat; oder mag ein Edelmann
sein / der keinen Bauern hat; ein Fürst / ein König /ein Käiser / ohne
Untertanen? wo kein Untertan /kein Bauer / kein Knecht ist / da kann auch kein
Käiser / kein König / kein Fürst / kein Edelmann / kein Herr / erdacht oder
gemacht werden. Sehet ihr demnach / mein Polyphile! wie weisslich die Ordnung der
Götter solches alles gerichtet / dass / zur Nohtdurfft des Herrn / der Knecht:
zur Nohtdurfft des Knechts /der Herr seinen Beruf halte. Untertanen / Bürger
/Bauern / Knechte / ernehren / verpflegen / arbeiten und frönen ihren Oberherren
/ Käiser / Königen / Fürsten und Herren / die mit mehrerer Weissheit begabet /und
höhere Gewalt haben / führen / regieren / versorgen / beschützen / verteidigen
und verwahren ihre Untertanen. Und auf solche Art wird das menschliche
Geschlecht erhalten.
    Diese Rede gefiel Polyphilo so wohl / dass er die Freudigkeit seines Hertzens
/ durch die gleichsam hupffende Geberden seiner Hände und Rede / genugsam zu
vernehmen gab / indem er die Weissheit und Verstand Clyrarchæ / mit so gezierten
Worten / erbebte / dass nicht viel fehle / würde er ihm auch die andern Sachen so
mächtig erklären / wolle er seinen Dienst mit einem ewigen Danck versetzen.
Gleichwol aber / fuhr Polyphilus weiter fort / habt ihr mir noch nicht allen
Zweiffel benommen. Die Ungleichheit der Menschen habt ihr zwar erwiesen / dass
ohne grossen Schaden und Mangel an allem / nicht anders sein könne / und muss ich
in diesem Fall billich die Weissheit der Götter preisen: aber werdet ihr mich
auch dessen verständigen / und die Gerechtigkeit des Himmels in dem verteidigen
/ dass eben dieser oder jener ein Bauer / dieser oder jener ein Herr sein soll /
will ich euch nach dem nicht mehr bemühen. Keiner klaget darüber / dass ein Herr
und Knecht / ein Fürst und Untertan sei: sondern das ist die gemeinste Frag;
warum eben der zu solchen Ehren erhöhet / und dieser hingegen in den Stanb
geleget? warum eben die Person ein Käiser / der Mensch ein König / der Mann ein
Fürst erwählet worden: und der Bauer hingegen zum Bauern / der Knecht zum Knecht
/ der Untertan zum Untertan? Ich selber meines teils dörfft wohl fragen: Warum
bin eben ich in diesen Stand gesetzet / da ich eben so leicht hätte einen Käiser
/ einen König einen Fürsten geben können? Oder / warum bin auch ich nicht so
reich / so ansehlich / so herelich / als ein anderer? Oder / warum muss eben ich
so viel Unglück und Widerwertigkeit ertragen? könnte es nicht ein anderer an
meiner Statt sein? Wann wir alle so schliessen wollten / versetzte Clyrarcha /
würden wir entweder alle Käiser / alle Könige / alle Fürsten sein / und die
Ungleichheit mit der Ordnung aufheben / oder würden selber nicht wissen / was
wir sein möchten. Dencket ihr nicht / Polyphile! dass ein anderer auch so
gedenckt / wie ihr gedencket. Glaubet ihr nicht / dass ein jedweder gern ein
Käiser / ein jedweder gern ein König / ein jedweder gern ein Herr sein möchte.
Würde wohl einer sein / der begehrte einen Bauern zu geben? Nein / die Arbeit ist
zu schwer. Solten sich unter hundert wohl zween finden / die lieber dienen /als
herschen wollten? Nein / die Freiheit ist zu lieb. Solte aus dem ganzen
menschlichen Geschecht wohl einer sein / der lieber betteln / und kümmerlich /
als in Vollem / leben wollte? Nein / die Schande ist gross /und der Kummer
schmertzlich. Darum so haben wir lauter Herren / wer ist aber unser Knecht?
Lauter Edelleut; welcher ist aber unser Bauer? Lauter Käiser; wer ist aber der
Untertan? Den ersten Grad verlangt ein jeder / den andern nicht einer. So sehet
ihr nun selber bald / was die Antwort sein wird: nämlich /denen Unsterblichen
hat es so gefallen / dass du / mit deinem Bauern und Knecht-Stand / mit deiner
Armut und Wenigkeit / die Ordnung / welche sie unter den Menschen gestifftet /
zieren solt: gerad wie ein anderer mit seiner Cron / seinem Serpter / seiner Ehr
/ seiner Macht / seiner Herrlichkeit / und in seinem Stande. So hat es dem
Himmel beliebet / dass du / an dem grossen Gemähl dieser Welt / der Schatten; auf
dem weiten Erdboden / ein Tal; unter der Menschen-Orgel / die kleinste Pfeiffe
seist. Einen Beweis dessen können wir nehmen an denen leblosen Kreaturen.
    Sehen wir die Tausendfältigkeit der Sternen / so übertrifft je einer den
andern; besehen wir die Planeten in ihrem Lauff / liess sichs gleichfalls fragen;
warum der Mond nicht gleich der Sonnen stehe? warum sein Silber-Blincken sich
denen Gold-Stralen nicht gleiche? Es liess sich eben auch fragen; warum eben die
Venus so hell und klar: Saturnus hingegen bleifarbig und dunckel? Warum eben
Mars röhtlicht und flammend: Jupiter aber so hell und scheinbar gläntzete? Oder
/ so wir die blossen Sternen besehen /warum hat eben der / und kein anderer /
bei der Sonnen sollen der nächste sein? warum eben der / und kein anderer / den
Mond begleiten? Oder / warum ist nicht der Abend Stern der Morgen-Stern; warum
dieser hinwieder nicht so klar / schön und subtil / als andere; warum / dem
Liecht und der Würckung nach /nicht gleich der Sonnen / oder selbst die Sonne?
was wollen wir antworten? anders nichts / als dass es die freie Götter geordnet /
wie sie gewolt. Kommen wir der Erden näher / und besehen die Vogel-Schaar in den
Lüfften / finden wir eben das wiederum. Aus was Verhindernus ist die scheussliche
Fledermaus nicht ein Adler die hessliche Nacht-Eule ein Papagei; der ungestallte
Widhopff ein bundgefärbter Pfau worden? warum sollen jene den Menschen zum
Schaden / diese zum Nutzen dienen? warum hat eben der Vogel müssen eine kleine
Lerch / dieser ein wenig grösser / als die Trostel / und ein anderer wieder
grösser / als ein Krammets-Vogel sein? warum ist nicht der Zaun könig eine wilde
Taube; der Sperling ein Schwan; die Schwalbe ein Geier worden? Warum hat eben
der Rab müssen ein Rab sein / die Krahe ein Krahe / der Specht ein Specht? keine
andere Ursach ist / als es ihrem Schöpffer also gefallen. Auf der Erden gehets
gerad so zu / das Tier ist ein Esel / ein anders ein Ochs / und wieder eins ein
Cameel. Kein grösserer Unterscheid ist / als unter einer Maus und einem
Elephanten / unter einem Schaf und Wolf / unter einem Hasen und einer Sau: Darum
eins freilich wohl fragen sollte / warum eben der Esel ein Esel; die Sau ein Sau;
der Ochs ein Ochs; der Wolff ein Wolff; der Elephant ein Elephant; das Lamm ein
Lamm; das Cameel ein Cameel sei? warum dieses nicht in so hohem Wert gehalten /
als das andere? der Esel nicht gleich dem Pferd; der Ochs nicht gleich dem
Hirsch; eine Kröt nicht gleich einem Reh; eine Schlang nicht gleich einem
Elephanten; eine Mucke nicht gleich einem Cameel? Oder / warum eben dieses zum
Sack tragen verworffen / und jenes einen edlen Ritter führe? warum dieses für
die Raben geworffen / und jenes auf Königliche / Fürstliche Tafeln gesetzet
werde? Es heisst endlich wiederum / dass das der Unsterblichen Satz und Willkühr
sei / die auch Esel und Ochsen / Mucken und Kröten / unter diesen Geschöpffen
haben wollen.
    Solten wir unsere Gedancken auch in die Wasser führen / würde die erste Frag
sein / warum ist diss ein Leviaten / warum ein grosser Wallsisch / und nicht ein
Meer-Spinne / oder ein Krebs? warum haben eben diese / als Hecht / Karpffen /
Grundel / und dergleichen / so hoch müssen gewürdiget sein / dass sie / als
lieblich und anmutig anzuschauen / auf vornehmer Herren Tafel verordnet sind:
andere hingegen einen Eckel und Abschen gebähren / so gar / dass man sie nicht
berühren / will geschweigen kosten / oder zur Nahrung gebrauchen möge? Was
schliessen wir nun? Eben das / was wir schon so oft geschlossen. Alles kommt
von ihrem Schöpffer / der eins deswegen so mächtig / so gross / so starck / so
schön / so wert zu achten geordnet / damit die Ordnung hiedurch gezieret: und
das andere / so schwach / so klein / so ohnmächtig / so widrig und ungestalt /
damit auch diss die Ordnung helffe erfüllen / oder / zum wenigsten / das andere
zieren.
    Nach vollendeter Rede zog Clyrarcha einen Zettel hervor / darauf folgende
Verse geschrieben / die er Polyphilo zu lesen gab.
Ist nicht die gemeinste Klage /
Glück! von deiner Grausamkeit?
die du allen doch bereit
bist / mit Segen / ohne Plage /
stets zu dienen: wann nur sie
selber dich verjagten nie.
Bald kommt dieser nass betränet /
klaget / was du hast getan /
wollest ihn nicht sehen an:
bald ein andrer mehr erwehnet /
wie du ihm zu wider stehst /
nicht auf seinen Nutzen sehst.
Kommt der dritte / hör ich sagen:
wie dein ganz verbosster Neid /
seine Lebens-lange Zeit /
nur mit Schmertzen wollen plagen /
und ein immerwährend Leid /
setzen zu der seltnen Freud.
Gar der Vierte kommt / mit pochen /
düncket ihm / zu sein nicht recht /
dass er eben worden Knecht /
weil er / gleich so gern / gerochen /
wo die Herren-Kuch aufgeht /
und die Füll an allen steht.
Dieser / spricht der fünfte wieder /
hat mehr Reichtum / Ehr und Pracht;
ich hingegen bin veracht /
werde nur gedrücket nieder:
keiner / keiner bringt Danck /
was sie bringen / ist nur Zanck.
Was ist nun davon zu schliessen?
wilt du tragen / Glück! die Schuld?
oder klagen die Gedult
derer / die zwar viel geniessen:
aber nicht zu frieden sein /
mit dem / was du schenckest ein.
Also scheints / der Menschen Hertze
lässet sich vergnügen nicht
ob man ihm gleich viel verspricht /
das die Glück- und Ehren-Kertze /
wenn er friedlich leb allhier /
solle funckeln für und für.
Dann / wer bist du? sag mir / Glücke!
bist du nur / was man dich nennt;
bist du / wie man dich erkennt /
plump; ein Fall / der bald zu rücke /
wiederum bald vor sich fällt /
ohngefehr / und unbestellt?
Nein / es ist der gut / mit guten /
böse  / mit bösen / gleichen kann /
dieser schaffet alles an:
Das Verbrechen / mit der Ruten /
mit der Cron / die fromme Tat /
wechseln / geben Werck und Rat.
Aber wer? das Sternen-Blincken /
dass die Welt / mit uns / regiert;
und in seinem Lauff umführt;
fromment schadet dieses Wincken /
unsern Worten / Wercken nun /
dass wir so und solches tun?
Nein / es ist ein höhers Wesen /
das auch selbst die Sternen führt /
und den Himmels-Lauf regiert:
Dadurch alle wir genesen;
dadurch wir / so gross und klein /
mit und beieinander sein.
Gott ist / der das heisst geschehen /
was uns fället öffters zu /
der schafft / dass in einem Nu /
wir bald Glück / bald Unglück / sehen:
keiner sonst / nur der allein /
soll und muss das Glücke sein.
Polyphilus / der wegen erlernter Weissheit sehr erfreuet ward / danckete dem
Clyrarcha höflich / dass er ihn aus einem so grossen und sündlichen Fehler
errettet / und die rechte Warheit eröffnet; versprach auch ingleichen / dass er
hinfuro allen Neid und Missgunst aus seinem Hertzen tilgen wollte / weil er sehe /
dass eine unverantwortliche Sünde sei / wenn wir Menschen diesem ein Glück
missgönnen / welchem es von den Göttern gegönnet und gegeben werde; ja eben so
viel sei / als wollten wir die Gerichte des Himmels meistern / den Schluss der
Unsterblichen verwerffen /und die Güte der gnädigen. Götter bestraffen. Da aber
Clyrarcha merckete / dass seine Lehr wohl angewendet würde / und er grössern Danck
zu erwarten / führete er Polyphilum bei der Hand / biss zu den verschlossenen
Schrancken / allwo er sein Haupt entblössen / die Schuh auflösen und ablegen /
auch einen besondern Habit anziehen / und sich bereiten musste / als der / in das
Heiligtum / und zu den reinen Göttern / zu gehen / gesinnet. Und da er
allerdings bereit / durch eine eröffnete Tür / mit Clyrarcha eingieng / musste
er auf den Knien anbeten / und / aus Clyrarchæ Befehl / seinen Zutritt
entschuldigen: Diss alles aber deutete / dass dieser Ort heilig sei / und über
menschliche Würdigkeit. Nach vollendetem Gebete / richtete Clyrarcha sich und
Polyphilum auf: und weil Polyphilo auferleget war / seine Augen nicht empor zu
heben /biss ihn Clyrarcha erlauben würde / musste er / mit halb-verdecktem Gesicht
/ seinem Führer / durch den Chor / folgen / da er dann zu allerletzt / als seine
Augen entdeckt wurden / eines nackenden Weibs / in der rechten Hand habend ein
Segel / in der lincken das Frucht-Horn; sitzend auf einer geflügelten Kugel /die
in der Lufft schwebete; mit verbundenen Augen /und ohne Füsse / ansichtig wurde;
und da er sie etwas genauer betrachtete / wurde er gewahr / dass zur rechten /
über ihrem Haupt / welches hinter der Stirn ganz kahl und unbehaaret war / eine
Flamme ausgieng; zur Lincken aber ein Wasser brausete: das sich beides für sich
warff / auf den gegen über gesetzten viereckigten Stein / welcher auch einen
Jüngling / mit Flügeln am Hut und Füssen / trug / der sich oft und oft vor dem
Weibe neigete.
    Clyrarcha winckete dem Polyphilo / dass er wo! acht geben solle: welcher dann
so fleissig aufmerckete / dass keiner Erinnerung von nöten gewesen. Endlich
führete er ihn / mit verdecktem Angesicht / wieder zu ruck / und da sie ein
wenig / zu der rechten Seiten / abgetretten / und Clyrarcha / dem Polyphilo /
das Gesicht wieder aufdeckte / fielen ihm viel hell gläntzende Feuer-funcklende
Stern in die Augen / dass er gleichsam verblendet nicht wissen konnte / ob er in
einem jrrdischen Tempel / oder unter der Gesellschaft der Götter im Himmel
wäre. Da er aber durch gemählige Abwendung des Gesichts / seine Augen mit einem
duncklern Anblick wiederum gestärcket / fasset er das vorige Bild wieder zu
Gesicht / und befindet /dass es eine Adlers-Gestalt fürtrage / welcher in freier
Lufft schwebete / mit ausgespannten Flügeln; wiewol nicht ohne entliehene Hülff.
Dann er von einem ziehenden Magnet so wunder-künstlich gehalten wurde /dass er /
vielleicht nicht ohne sonderbahre Bedeutung /sich gegen Mitternacht wandte / und
durch die suncklende Sterne den offnen Ort bestrahlte / allwo die Götter denen
Sterblichen ihre Gaben austeileten. Nichts mehr verlangete Polyphilus / als dass
er mit Clyrarcha sich befragen dörffte / wie diese Sternen zu nennen und zu
erkennen wären: welches aber vor dissmal mehr zu wünschen / als zu hoffen war.
Gleichwol erkannte er aus dem Stand derselben / und deren Lauff / welcher sich
dem sonst ordentlichen Himmels-Lauf nicht übel gleichete / dass der Pol-Stern /
oder Angel-Punct der Welt / sammt seinen rings um ihn her glimmenden Asterismen
/ als da sind / der kleine und grosse Beer / der Cepheus / und sein Gemahl
Cassiopeja / der Drache / der Hüter / die Cron / der Hercules / der Geier / der
Schwan / die gebundene Andromeda / mit ihrem geehlichten Perseus / der
Erichtonius / die Coma Berenices / der Serpentarius /der Adler / Ganymedes / der
Delphin / Pegasus / der Drei-Angel / und was wir sonst mehr im Norderbusen
zerstreuet / durch die darzu gewidmete bekannte Instrument des Himmel-Circkels
augenscheinlich zu erkennen haben / den Kopff eingenommen. Nach dieser
Betrachtung liess Polyphilus seine Augen in den Schweiff des Adlers herunter
fallen / allwo er vieler anderer Sternlein gewahr wurde / die er doch / wegen
ihres tumbaren Glantzes / und weil sie / eusserlichem Ansehen nach / sehr tieff
versteckt waren / nicht völlig erkennen konnte / wer sie wären. Allem Düncken
nach aber / schloss er dahin / es müsten diese sein / welche / weil sie zu nächst
bei dem Gegen-Angel-Punct stehen / uns / die wir solchen mit dem Gesicht nicht
erlangen können / verborgen bleiben; indem wir auf diesem Punct der Erd-Kugel
uns befinden / allwo /wann wir unsre Augen gegen dem mitternächtischen uns in
etwas erhöheten Angel-Punct erheben / der sichtbare Sternen-Lauf sich in die
quär richtet / und daher etzliche Asterismen uns verbirget / nahmentlich / den
Krannich / den Indianer / den Pfau / den Paradis-Vogel / den mittagischen
Drei-Angel / das Bienlein / den Chameleon / den fliegenden Fisch /sonsten
Meer-Schwalbe genannt / den Dorado / sonsten Chrysophrys / die Wasser-Schlange /
und Americanische Gans / mit dem Phoenix. Und als Polyphilus auch diese nach der
Länge beschauet / warff er seine Augen / auf den rechten Flügel / gen Aufgang
und durch die Brust / auf den lincken / gegen den Abend; in beiden fand er samt
der Brust / die übrige ihm in etwas bekandtere Himmel-Liechter / Sonn / Mond
/und alle Planeten / mit denen himmlischen Zeichen /und andern Fix-Sternen / so
viel selbiger / ausser denen oberzehlten / den gewölbten Himmel / als ihre sonst
gewohnte Lauf-Bahn / zieren und gläntzend machen.
    Und da auch diss Gesicht seine Gnüge hatte / führete Clyrarcha den Polyphilum
wieder / mit verdecktem Gesicht / auf eine erhöhete Bühn / allwo er nicht
irrdische / sondern himmlische; nicht menschliche / sondern göttliche Geheimnus
sah / in solcher Herrlichkeit / dass sie menschlichen Sinnen zu erreichen / auch
unser schwachen Zungen auszusprechen / eine blosse Unmüglichkeit sein. Er war an
dem Ort / da die Freude und Lieblichkeit selber ihr Zelt aufgeschlagen /und
die Herrlichkeit ihren Sitz genommen hatte; seine Augen wurden gleichsam
verblendet durch den verguldeten Anblick; sein Gehör ward / so zu reden /
betaubet / durch die klingende Lieblichkeit: auch vermochte der lust-trieffende
Balsam dieser himmlischen Freudigkeit dem Geruch eine solche Ergötzung zu
erwecken / dass Polyphilus / mit voller Zufriedenheit /sich die Zeit seines
Lebens an allem niemals so vergnügt befunden. Mit einem Wort: wer die Schöne und
Lieblichkeit der über menschliche Vernunft steigenden tausend-beglückten
Himmel-Freude beschreiben wird / der wird auch die Vollkommenheit dieses Orts /
welcher billich der ander Himmel zu benamsen war / erklären konnen. Doch dennvch
/ ob uns die Unmüglichkeit von dem / dessen wir uns jetzt unterfangen / freilich
zuruck halten sollte / und verwehren /dass wir uns nicht vergeblich bemüheten /
indem wir solches zu beschreiben gesinnet / dass denen menschlichen Schwachheiten
/ von den Unsterblichen selber /wegen ihrer Unwürdigkeit verboten / oder
vielmehr versaget: wollen wir gleichwol / nicht wie wir sollen /sondern / als
wir können / und nur das melden / was eigentlich Polyphilus mit Augen gesehen /
und mit seiner Vernunft begreiffen können.
    Es waren etzliche verguldete Bogen / deren je einer kleiner als der ander /
künstlich und artlich aneinander gefüget / so / dass Polyphilus das Meisterstuck
nicht ablernen konnte. Der geraumeste stund vorn an /und folgte je ein Kleinerer
dem Grösseren nach / biss sie endlich einen entfernten Ort beschlossen. Um die
Bogen war ein Purpur geführet / inwendig aber so voller Sternlein / dass ihr
helles Liecht / wann es auf das Gold und den Purpur fiel / einen solchen Glantz
von sich gab / der mehr zu verwundern / als zu beschreiben. Näher / als auf
sieben Schritt / dorffte Polyphilus diesem Heiligtum nicht kommen / deswegen er
dann von Clyrarcha so gestellet wurde / dass er seine Augen von ferne / und durch
den ersten weitgespannten Bogen / gerad auf den hindersten und letzten Teil
werffen konnte / wiewol das Blincken der Sternen nicht geringe Verhinderung
würckete / alles genau und eigentlich zu besehen: Gleichwol wurde ihn sein
Gesicht / durch die beharrliche Beschauung je länger / je mehr gestärcket / dass
er endlich einer Hand wahr nahm / von welcher die Himmels-Kugel /an deren ein
Aug gläntzete / in einer Kette herab hieng / und sich auf einen Balcken lehnete:
über welchen ein Scepter / mit einem Schwert und Creutz zusammen geschlossen /
schwebete / darauf der Finger deutete. Dieses alles sah Polyphilus mit tieffen
Nachsinnen an / mehr aber verwunderte er sich über den unbeschreiblich-schönen
Gold- und Purpur-Glantz / desgleichen er selbst bei sich gestehen musste / dass
ihm die Zeit seines Lebens nicht zu Gesichte kommen: und wiewol er sich gerne
länger in diesem Gesicht erlustiget hätte / wollte doch die vollbrachte Zeit der
Erlaubnus keinen fernern Verzug gestatten; deswegen er / durch den winckenden
Befehl Clyrarchoe / diese Herrlichkeit verlassen / und ihn mit wiederbelegtem
Antlitz den Weg folgen musste / den sie zuvor eingegangen waren.
    Der Abtrit Polyphili verursachete den klingenden Säiten das Stillschweigen:
gleich ob sie deswegen sich betrübt niderlegten. Clyrarcha über diesem
unverhofften Verlust erschrocken / wandte sich mit Polyphilo behende gegen den
Bogen / und entdeckte das Gesicht Polyphili; dessen die Säiten gleichsam wieder
erfreuet / mit einer erhobenen Stimm folgende Wort erklingen liessen:
Wie seelig ist der Mann /
der mit seinem Glück zu frieden /
nicht achtet /
ob er von der Freud geschieden /
betrachtet /
dass wiederkehren kann /
nach Plagen
und Klagen /
ein ewiges Wohl:
nach Regen /
der Segen
erfreuen uns soll.
2. Drum halte festen Mut /
Ob das Unglück dich verletzet;
betrübet:
wird es doch / mit Glück / versetzet /
und giebet /
das unverletzte Gut;
die Sonne /
die Wonne /
verbindet den Schmertz:
Was drücket /
erquicket
hinwieder das Hertz.
3. Gott selber hält die Wach /
setzt dem Kummer Ziel und Masse /
dein Bestes
suchend in der Mittel-Strasse;
Er läst es
geraten / in der Sach;
nach Willen /
erfüllen /
was unser Wunsch will:
drum sollen
und wollen
wir halten Ihm still.
4. Und ob die Unglücks-Macht
länger wollte uns bestreiten
und schrecken /
wird uns Gottes Stab doch leiten
und Stecken
uns nehmen wohl in acht:
uns führen /
regieren /
in sicheren Schutz /
und wissen /
wir müssen
ihm bieten den Trutz.
5. Drum sei zu frieden der /
welcher / wann das Glück ihm blühet /
sich hütet:
der auch / der sein Unglück sieht /
nicht wütet;
dann Gott / der grosse HErr /
wird geben
das Leben
in glücklicher Ruh /
wird scheiden
das Leiden /
Glück bringen herzu.
6. Das haltet alle vest /
wer sich will dem Glück vertrauen /
gedencke /
dass er muss auf Tugend bauen /
und lencke /
was sich lencken lässt;
Das Sinnen
Beginnen
auf Tugend und Kunst:
Wir werden
auf Erden
vertilgen den Dunst.
7. Es werden keine Tück
bei dem Glück hinfort mehr stehen:
der Segen /
wird nach deinem Wunsch ausgehen /
dein Pflegen:
Polyphile! das Glück /
wird krönen
beschönen /
dein seeliges Haar /
dich ehren /
vermehren:
es werde so wahr!
Diesem Gesang höreten die beide / Clyrarcha und Polyphilus / teils erfreuet /
wegen der Lieblichkeit /teils / wegen des Innhalts / verwunderend zu / biss die
Saiten ohne die singende Stimm / auf vorige Art wieder angestimmet wurden:
welche dem Clyrarcha eine Anzeigung waren / dass nunmehr nichts weiter zu
erwarten / deswegen er Polyphilum wieder verdecket heraus führete. Und als sie
nächst zu der Tür kamen / an den Ort / da sie sich / vor dem / geheiliget /
musste Polyphilus / und mit ihm Clyrarcha /gleich wie vor / auf den Knien anbeten
/ und vor die Gaben dancken. Nach vollendetem Gebet / führete ihn Clyrarcha /
ruckwerts zu den Schrancken hinaus / entdeckte sein Gesicht / fieng wieder an zu
reden / nahm den Habit von ihm / und gebot / dass er seine Schuh wieder anlegen /
und sein Haupt bedecken solle: In wärendem Werck / hielt noch immerdar / die
Herrlichkeit der dreien Gesichter / und das Verlangen / solche zu verstehen /
das Hertz Polyphili gefangen / der sich nicht drein schicken konnte / warum er
von einem zum andern / mit verdeckten Augen / gehen müssen: warum Clyrarcha /
und er selber auch / nicht / wie vor / ein Wort reden dörffen: warum ihm dieses
alles zu sehen / aber nicht zu verstehen vergönstiget? Es war Polyphilo gerad zu
Sinn / als wann er von einem Traum erwachete. Er sah bald hinter sich: konnte
aber nicht mehr sehen / was er gesehen. Bald warff er seine Augen auf Clyrarcham
/ als wollte er fragen / wie ihm dann geschehen wäre; bald auch auf die Königin /
und dessen Anhang / als wollte er ihnen von neuen Dingen sagen. Jetzt sah er /
mit einem tief-geholten Seufftzer / über sich / gen Himmel; jetz / mit dem
gebuckten Kopff / unter sich / auf die Erden: so gar / dass Clyrarcha / und alle
Anwesende leichtlich mutmassen könten / er stehe in tiefsten Gedancken / und
höchster Verwunderung. Aus welchen Ursachen dann Clyrarcha ihn bei der Hand nahm
/ und also anredete:
    Ich schliesse aus euren Geberden / mein Polyphile! dass ihr / voller Wunder /
denen Geheimnüssen / die euch / von der Gunst der gnädigen Götter / zu besehen /
verwilliget worden / mit Fleiss nachdencket: und gefällt mir wohl / lobe auch eure
Begierde / wiewol sie / unmligliche Dinge zu gewinnen / vergebens arbeiten.
Wisset aber / dass / was ihr gesehen und erfahren / nicht ein nichtiger
Menschen-Tand; besondern Göttliche Geheimnussen sein / welche wann ihr verstehen
werdet / werdet ihr eben leicht und gewiss wissen / was das Glück / das so viel
Namen führet / und /von denen Sterblichen / bald einem umlauffenden Rad / bald
denen aufgeloffenen Wellen / bald einem gewaltigen Ungestümm / bald einem
saussenden und brausenden Wirbel-Wind / bald einer verkürtzten Flamme / bald
einem Gebrechlichen Glas / und wieder bald einem rückgängigen Krebs; ingleichen
einem runden Ballen / einer gedreheten Kugel / einem ab-und zulauffenden Bach /
und dergleichen verglichen wird / an und vor sich selbst eigentlich sei / und
was dadurch endlich zu verstehen.
    Da Polyphilus das hörte / wurde sein Verlangen dermassen angeflammet / dass
er den Clyrarcham / um der Götter willen / ersuchete / ihm solche Offenbahrung
und herrliche Wissenschaft nicht zu verhelen: darauf er dann von Clyrarcha bei
der Hand hinter den Schrancken hinauf geführet wurde / biss sie zu einer Tafel
gelangeten / darauf alles das / was Polyphilus in den Schrancken gesehen /
menschlichen Augen nach /künstlich und prächtig abgemahlet war. Als aber
Polyphilus sein Gesicht dieser Tafel gleichen wollte /fehltete nicht viel / er
hätte bitterlich weinen mögen /über die Unvermögenheit der Menschen; so überaus
gross war der Unterschied / zwischen einem Gemähl /und der Sach selber. Nun /
sprach er / sehe ich allererst / was wir Menschen sind, Vor dem hätte ich dieses
Gemähl vor ein Meisterstuck und Kunst-Werck der arbeitsamen Natur gehalten / und
mich mercklich darüber verwundert: jetzt aber sehe ich die Nichtigkeit der
Menschen / welche / wann sie denen unsterblichen Göttern nachahmen wollen / sie
eine lautere Torheit begehen / und nichts als blosse Phantasei würcken.
    Diss redete Polyphilus bei sich heimlich / weil er beförchtete / er möchte
Clyrarcham / mit Eröffnung der Warheit / erzürnen: welches auch zugleich
verursachete / dass er solch Gespräch nicht weiter führen / besondern bald
abkürtzen musste / weil Clyrarcha anfieng die Tafel zu erklären / indem er
sprach: Verstehet nun / Polyphile! was ihr bisher nicht verstehen können / und
so brünstig zu verstehen verlanget. Ihr werdet noch wissen was ich euch in dem
offenen Plan / bei der Austeilung der Göttlichen Guter /unter das menschliche
Geschlecht / vom Jupiter / vom Marte / vom Vulcano und Neptuno: desgleichen von
den Göttinnen gesagt: dieses alles zeigt diese Tafel. Die drei unterschiedene
Gesichter aber / so ihr in den Schrancken gesehen / und allhier wieder findet /
zeigen die Gewalt des Glücks / das alle Welt regieret /und sich von keinem
binden oder überwinden lässet.
    Wie schreiben dann die Historien / fieng Polyphilus an / dass der dapffere
Held von Pella / das Glück in seiner Macht und Gewalt gehabt? Darauf Clyrarcha
antwortete / dass eben dessen Unwarheit / durch diss dritte Gesicht / entdecket
werde. Dann / fuhr er fort /es haben die alte Heiden / welche aus Mangel der
Göttlichen Offenbahrung / unsrer Wissenschaft sich nicht freuen können / das /
was einem Menschen in dieser Welt Gutes oder Böses zufällt / das Glück genennet
/ und selbiges vor eine Göttin verehret / gerad auf solche Art / wie ihr sie in
den Schrancken gebildet gefunden. Dieser haben sie die Herrschaft und Ober
Herrlichkeit / über den ganzen Erd-Kräiss / beigemessen / auch in allen Ständen
und Gewerben ihr allein die Botmässigkeit vertrauet / und fest geglaubet /sie
leite das Hertz zu gutem Rat / den Willen zum glücklichen Wercke / und erteile
alle Mittel / das vorgesetzte Ziel zu erreichen. Sie führe die Winde auf dem
Meer / denen Schiffarten zum Besten: Sie schärffe die Schwerter / und stärcke
den Arm im fechten /den Sieg zu erhalten. Sie ordne die Gesetz / und segne den
Frieden in der Stadt / das gemeine Wesen in gute Ruh zu setzen. Sie verknüpffe
die Hertzen in der Liebe / und löse die Bande der Betrübnus / die Hertzen der
Menschen zu erfreuen. Sie mehre das Gewerb / und erweitere die Handlung / dass
keiner umsonst arbeiten dörffe. Sie versüsse die bittere Schmertzen / und tilge
Hass und Feindschaft; ja / sie begleite allen Handel und Wandel / alles Sinnen
und Beginnen / alles Wollen und Wünschen / alles Raten und Taten der Menschen;
und das zwar / wem sie geneiget: sonsten spanne sie die Verhindernus aller Orten
aus / dass / ohne ihr Anlachen / nichts / unter den Menschen / könne vollbracht
werden. Daher glaubten sie einmal / sie wäre nackend / damit sie /ohne
Verhindernus / bald hie / bald dort / hinfliehen könne / zu dessen Behülff / sie
sich auch der geflügelten Kugel gebrauche; durch welche sie aber zugleich die
Unbeständigkeit derselben bedeuten wollen; als welche ihre Gunst / mit einem
leicht gewandtem Blat / wende; ihre Gnade / wie ein zerbrechliches Glas /
breche; ihre Gewogenheit Kugelrund umdrehe / und bald Nutzen / bald Schaden
bringe; bald Ehre / bald Schande; bald Gewinn / bald Verlust; bald Freude / bald
Leid. Wie dann überdas das Segel in der rechten Hand zeigt / dass sie alles /
nach dem Winde und ihrem Dünckel / drehen könne / auch das Frucht-Horn / welches
Geld / Ehren-Titul / Cron und Scepter auswirfft / und gleichsam in der Lufft
schwebend ausstreuet / nicht / nach Verdienst / lohne oder begabe / sondern oft
dem aller-unwertesten und ungeschicksten mehr gebe / als dem allerweisesten /
der solches doch aus Gebühr fordern könnte. Dannenhero sie auch selbiges / nicht
ohne Ursach / mit verbundenen Augen gemahlet / als welche nicht sehe / wem sie
ihre Gaben mitteile / sondern plumper / unversehener Weise / wen sie antreffe /
darreiche / was sie ertappe. Dahin geht auch die Flamme / so sich zu ihrer
Rechten erhebet / und das Wasser / welches sich zu ihrer Lincken ergeust / die
Erhöhung / und den Fall der Ehren / samt den andern Gaben / anzudeuten. Wiewol
aus dem / dass sich beides gegen dem geeckichten Stein lencket / darauf das
geflügelte Bild stehet / welches den Mercurium vorstellet / kann geschlossen
werden / dass sie dadurch bedeuten wollen /es sei besser / auf Kunst und Tugend
sich zu verlassen / die fest und unbeweglich stehe / als auf das wanckende
Glück: Gleichwol heimlich dabei lehren /dass eins dem andern die Hand bieten
müsse. Dieses haben die Heiden geglaubet.
    Andere / wie weiland die Chaldeer / und noch heutiges Tags etliche
Sternseher / die / ob sie nicht gar die Warheit erreichet / dennoch derselben
näher kommen sind / haben des glücklichen und unglücklichen Fort- oder Ruckgangs
Ursach / denen Sternen zugeschrieben; wie denn / noch diesen Tag / ihrer nicht
wenig sind / die gewiss davor halten / so die Geburt des Menschen / in einem
guten Zeichen oder Planeten / geschehe / müsse der Mensch die Länge seines
Lebens / gleich mit der Länge seiner Glückseligkeit /abmessen: widriges Falls /
so einer / in einem nicht so guten Zeichen / diese Welt zum ersten gesehen
/müsse er die Länge seines Lebens / mit der Länge seiner Unglückseligkeit
abkürtzen. Ja diss nicht allein /sondern sie glauben auch / indem sie nicht
wissen /was sie glauben sollen / dass ein jedweder Mensch /auch in einer jedweden
Action / einen sonderlichen Stern zum Führer und Regierer habe; wie aus dem
/vielleicht euch / wie mir / bekannten Sprichwort zu schliessen / da sie / wenn
ein Werck wohl ist vollendet worden / oder auch einem andern sein Werck und
Vornehmen von statten geht / sagen: Der Mensch hat in dem und dem einen
sonderlichen Stern; gerad wie wir im widrigen Glück sprechen: ist das nicht ein
Unstern? Ich habe kein Glück und Stern mehr. Daher auch das folget / dass ein
jeder Mensch einen besondern / und in einer jedweden unglücklichen Verrichtung /
einen besondern Unstern mit sich führe. Aber woher nehmen sie den Beweis? Etwa
aus der unzählbaren Meng der Sternen? wäre wunderlich geschlossen: weil / auf
solche Art / auch der Sand am Meer /eine Ursach unserer Glück- oder
Unglückseligkeit sein müsste. Oder etwa / weil es eine Kreatur Gottes? wäre
wieder ungereimt geschlossen / weil / durch solchen Schluss / alle Grässlein auf
dem Feld eine Krafft und Gewalt / in unserm Glück oder Unglück / haben müsten.
Oder vielleicht / weil sie es so glauben; als welche die Sternen vor etwas
Göttliches und übermenschliches halten: zugleich aber auch mercken /dass die
Glücks-Waltung ausser der Menschen Macht erhöhet; und also entweder diese von
jener / oder jene von dieser herführen wollen. Das wäre vielleicht /ihrem Sinn
nach / richtiger geschlossen: aber nicht aus dem Grund der Warheit. Und das
deutet dieser Adler / mit seinem bestirnten Haupt und Flügeln.
    Gleichwol aber / fieng Polyphilus an / sind wir /aus etlicher nahmhafter
und glaubwürdiger Geschicht-Schreiber Zeugnus / gewiss / dass die Welt-berühmte
Sternseher / offtermals aus denen Geburts-Zeichen / / viel gewisse / so wohl
Glücks-als Unglücks-Fälle / zuvor gesehen und verkündet / die auf ernante Zeit /
und mit solchen Umständen / wie sie berichtet /erfolget. Zum Exempel könnte ich
Käiser Augustum anführen / von dem der wohl-beglaubte Svetonius meldet / dass /
der damalige berühmte Astrologus Teogenes / seine Geburts-Stund durchgesehen /
und alsobald darauf / mit grosser Geschwindigkeit / aufgesprungen / und für ihm
niedergefallen / als der / ob er schon / der Zeit / noch eine Privat-Person /
dennoch /in kurtzen / zu den Käyserlichen Würden werde erhoben werden: Wie dann
Augustus / nach dem der Ausgang seine Wahrsagung bekräfftiget / dieses für so
bekannt annahm / dass er / sich auf sein Glück verlassend / seinen
Geburts-Bericht männiglich sehen / und eine silberne Müntz / mit dem Zeichen des
Steinbocks / darinnen er geboren / schlagen lassen. Wie ihr / mein Clyrarcha!
diese Histori selber wissen werdet.
    Freilich wohl / antwortete Clyrarcha / weiss ichs /und habs gelesen: aber /
fuhr er weiter fort / meint  ihr / Polyphile! dass diss etwas gewisses / und an
allen Orten / verursache: oder dass daher folge / man solle den Sternen-Blick /
oder die himmlische Geburts-Zeichen / zu einer allregierenden Beherrscherin /
oder wohl gar Göttin / setzen. Meines Erachtens heisset das närrisch / oder / dass
ich gelinder rede / kindisch geschlossen. Machet das Zeichen des Steinbocks aus
einem jedweden / der darin geboren wird / einen Käiser in der Welt? Oder
folget das / wann einer im Zeichen des Widers geboren / entweder reich / oder
klug und verständig wird / so werden gewiss alle die /welche / in diesem Zeichen
/ an des Tages-Liecht kommen / reich / gelehrt und geschickt. So ist / ohne
Zweifel / Mopsus im Ochsen geboren. Saget mir /Polyphile! so es euch nicht
missfället / was für einem Zeichen seid ihr eure Geburt schuldig? Schertzweiss
antwortete Polyphilus / dem Stier: dagegen Clyrarcha versetzte; so werdet ihr
gewiss gerne stossen? Nein /sagte Polyphilus / ich bin in der Jungfrau geboren:
darauf Clyrarcha die Antwort gab: deswegen liebt ihr eure Macarien so sehr? und
seid den Jungfrauen so feind / weil ihr deren überdrüssig worden: welcher
nichtige Schertz / in Warheit / den Polyphilum so beschämete / dass die Röte zu
den Wangen ausschlug; die er doch entschuldigen konnte / als entstehe sie nicht
aus Schuld / sondern wegen der geziemenden Zucht und Höfligkeit. Indessen
führete Clyrarcha seinen Diseurs weiter fort / sprechende: was schliessen wir
denn endlich hieraus? Mit wenig Worten viel zu fassen / nehme ich dem
Sternen-Blick nicht alles; gebe ihm auch nicht alles. Ich gestehe / dass solche
Kräffte in dem Gestirn bissweilen gefunden werden: wie denn diese letzte Figur /
welche das eigentliche Wesen des Glücks erkläret / mit vielen Sternlein gezieret
ist; doch nur so fern / als es von den Unsterblichen regieret und geführet wird.
Dann eben das / was es ist /und was es vermag / das hat es denen zu dancken
/ohne deren Krafft nichts im Himmel und auf Erden ist.
    Sehet ihr demnach / geliebter Polyphile! was das Glücke sei / und wie es zu
tituliren? Nemlich / die Hand der allgewaltigen Götter / welche ihr in diesem
Heiligtum / die Himmel-Kugel / mit dem hell-gläntzendem Auge / an der Ketten
halten sehet: dadurch ihr verstehen solt / dass allein sie / und kein anderer
/durch ihre-Vorsorg und Allwissenheit / Himmel und Erden / ja alles / was
darinnen ist / schützen und erhalten; wie der Balcken lehret: auch das Gute
belohnen / und alle Bosheit straffen; das ihr bei dem Scepter und Schwert zu
behalten: endlich auch alles Glück und Unglück schicken; wie das Creutz lehret /
und der deutende Finger erweiset. Lernet und behaltet demnach / geliebter
Polyphile! dieses zu letzt / dass / wann man einen Menschen / in irdischen Dingen
/ und auf dieser Welt / Glück- oder unglückselig heisset / es nicht den Verstand
habe / als wäre ihm / zum Exempel / die Ehre / der Reichtum die Hülff und
Errettung / ohngefehr und ohn einiges höhers oder nidrigers Wesens Ordnung /
Wissen und Willen / plumper / allerdings zufälliger Weiss zu handen kommen; oder
auch wohl vor einem andern / der es doch besser würdig / mehr benötiget / und
eben so / ja auch wohl nützlicher angewendet: vielweniger ist das die Meinung;
dass / zum Exempel / der Käiser ein Käiser / der König ein König / der Fürst ein
Fürst / der Edelmann ein Edelmann / der Burger ein Burger / der Bauer ein Bauer
/ der Knecht ein Knecht sei; oder / dass dieser reich / jener arm; dieser erhöhet
/ jener erdrücket; dieser ansehnlich / jener verachtet; dieser selig / jener
unselig; oder auch einer witzig / der ander alber; einer verständig / der ander
töricht; einer klug / der ander ein Narr; einer gelehrt / der ander ungelehrt;
einer geschickt / der ander ungeschickt sei; rühre von der Würckung der Sternen
/ oder / dass einer in dem und dem Zeichen geboren; vielminder / dass er einen so
wollenden / so führenden / so schickenden Glücks-oder Unglücks-Stern mit sich
führe / oder auch in allem seinem Gewerb / Rat und Vornehmen sich führen lasse:
sondern / das ist der rechte Verstand: »das freie ungebundene Wesen der
Unsterblichen /welches über alles lediglich herschet / und HErr ist /habe / nach
seinem allein weisen Rat und Willen /auch so beschlossnen Wohlgefallen / es
entweder also geschehen lassen / wie ihm der Mensch / in diesem oder jenem zu
handeln und zu wandeln / vorgenommen / worauf er gezielet / wornach er
getrachtet / und wohin er seine Gedancken gerichtet: habe ihm auch entweder
solche Hertzens-Neigung / solche Gemüts-Begierde / und Leibs-Beschaffenheit von
Mutterleib /oder sonst / durch sonderliche Auferziehung / durch allerhand
zufällige Ubungen / ja auch wohl durch sonst zugelassene Gesellschaft /
mitgeteilet / die ihn in seinem Vornehmen gestärcket / und nicht geringen Anlass
/ diss oder jenes zu verlangen / und wieder ein anders zu meiden oder zu fliehen
/ an die Hand / und ins Hertz geben: oder es haben die allgewaltige Götter /
Krafft ihres freien Wesens und Willens / auch bloss darum / weil es ihnen / nach
ihrem Rat und Schluss / so gefallen / (wie sie dann in allem / sonderlich / was
menschliche Sinnen und Beginnen anlanget / welches von deren Macht regieret /
von deren Weissheit geführet / und / durch ihre Gnad / erhalten wird / freie Hand
haben / zu schaffen / zuraten und zu tun / was sie wollen) mancher Menschen
Hertzen / so / und solche Gedancken eingegeben; Zu der oder jener Zeit / dieses
oder das anzufangen; auf so und solche Art fort zu führen; an dem und dem Ort;
bei diesen oder jenen Helffern und Zusehern; mit den und den Mitteln zu
vollenden; auch anderst nichts beschlossen / als lediglich bei denen Gedancken
zu sein / und das Werck von den Hindernussen zu erleichtern; auch das Vornehmen
in der und der Sache /an dem und dem Ort / bei den und den Leuten / durch die
und die Mittel / immerfort zu stärcken: hingegen bei keinem andern solch
Gedancken würcken / oder obschon das; doch nicht selbige der Verhindernus
befreien / oder sonst befördern und gedeien zu lassen /biss diss oder jenes
jrrdisches Gut / jenem unwissend; dieser oder jener Verlust diesem / wider sein
Verhoffen / worden: ja auch so und solche Ehr / Reichtum /Gewalt / Herrlichkeit
dem gegeben / der entweder gar nicht darnach gestrebet; und dem nit gegeben /
der sichs so sauer darum werden lassen: oder auch wohl dem geschencket / ja wohl
mehr / als geschencket /dem nur etwa davon geträumet / und ein wenig sich
darnach bemühet; diesem aber ganz entzogen / der Tag und Nacht / stündlich und
Augenblicklich / darnach gerennet und geloffen / Hitz und Frost / Hunger und
Durst / darum ausgestanden / so gar / dass er Blut schwitzen mögen: und das alles
würcken die Götter /aus einem blossen Willen und Wolgefallen.«
    Clyrarcha wollte weiter fort reden / aber die Sonne /welche ihren Schein zu
ruck holete / und die einfallende Nacht drohete / hiess ihn schliessen / und von
dem Polyphilo den gebührlichen Danck annehmen: welcher sich auch nicht säumete /
solchen in aller Demut abzulegen / mit angehengtem Versprechen / dass er seine
Lehr in seinem Leben / üben / und / ihm zum Nutz und Frommen / anwenden wolle:
nach welchem Versprechen / ihn Clyrarcha verliess / und zur Königin wiederkehrte
/ mit Vermelden / dass er ihren Befehl /nach Müglichkeit / verrichtet.
    Polyphilus / da er sich frei und allein befande: und diesen Tempel / gleich
wie den ersten / mit künstlichen und nachdencklichen Bildnussen / umzieret
ersah / gedachte er / dem Unheil / das ihm in dem Tugend-Tempel begegnet / in
dem Tempel des Glücks /auch mit besserm Glück / vorzukommen / damit er nicht
widerum / von der Königin beschämet werde /wann er auch diese Bildnus / als den
Zierrat des Tempels / besichtigen oder verwundern würde. Deswegen riss er sich
von ihnen weg / zu dem nächsten Ort / der ihm ein Bild zu Gesichte brachte / und
da er nahe hinzu kam / befand er / dass allerhand liebliche und nützliche
Historien / mit Muscheln und kleinen Steinlein / und zwar so künstlich / an der
Wand / eingeleget waren / dass ers mehr vor einen Beweis menschlicher
Unmügligkeit / als Kunst und Weissheit bekennen musste.
    Unter andern stund die Geschichte des Triumphirenden Sesostris / welcher
sich / wie bekannt / auf einem Wagen / von 4. Königen / so er durch seine Macht
und Glück überwunden / ziehen liess / deren einer / ruckwerts auf das umlauffende
Rad gesehen /und sich dabei der Ründe des Glücks getröstet / welches sie so hoch
wieder erheben könne / als es sie gestürtzet / und diesen so tief stürtzen / als
hoch es ihn erhoben. Die Erklärung wurde mit diesen Worten drunter bezeichnet:
Das Glück ist Kugel-rund / und wie das Rad am Wagen /
Wer sich dem trauen will / der darff hernach nicht fragen /
wordurch er sei gestürtzt: drum / Mensch! besinne dich /
und traue nicht dem Glück: es dreht sich wunderlich.
Auch ist diese Geschicht nicht zu vergessen / welche die wunder-beglückte
Errettung / dem Jupiter / durch seine Mutter Opis oder Rhea / geschehen /
vorstellet. Dann / weil sein Vatter Saturnus / als er vom Oraculo vernommen /
dass ihn einer seiner Söhne vom Reich verstossen werde / alle Kinder / so ihm
gedachte Opis geboren / bald nach der Geburt frass; hat die List seines Weibs
ihm einen Stein in Windeln gewickelt / an statt des Kindes zu fressen geben:
ihren Sohn aber in die Insul Cretam denen Corybantern zu erziehen zugeschickt /
der auch hernach Saturnum verstossen. Der Lehr-Punct war in folgenden Versen
hinzu gesetzt:
Bissweilen lachet wohl ein unversehnes Glück;
Doch / dass es bald hernach viel härter könne weinen;
Das Glük ist nit getreu: drum solt / du Mensch! nit meinen /
Dass / wenn es dich anlach / nicht berge lose Tück.
Besser hinauf war die Geschicht zu sehen / wie die Nimfen Erato / Pemfredo / und
Dino / dem Perseus Flügel und Tasche geliehen / durch derer Hülff / er der
Medusen das Haupt abgeschlagen / und endlich die Andromeden / der stoltzen
Cassiopeen Tochter /von dem grausamen Meer-Wunder erlöset: und diese Geschicht
war mit solchen Worten unterschrieben:
Das ist gelungen dir / mein Perseus! wer wills wagen?
Wer will dir folgen nach? man müst eh weiter fragen;
Ob auch das Glücke mir / wie dir / gewogen wär?
Ich zweiffle: weil die Welt anjetz nicht trauet mehr.
An der andern Seite war zu sehen / wie die Syrinx /als sie für dem Pan geflohen
/ der sie so mächtig liebte / in die Pfeiffen / so Mercurius nachmals
gebrauchet; andere Fluss-Nimfen aber / von dem erzürnten Achelous in die
Chinadischen Inseln verwandelt worden: mit dieser Unterschrifft:
So gehts / wann man sich will dem Glücke widersetzen /
Das bald erfreuen kann / und wieder bald verletzen:
Halt / was dir nutzen kann; fleuch / was dir schädlich ist;
Alsdann auf dieser Welt / du voller Glücke bist.
Nächst diesem war die allen-bekannte Histori des reichen Königs Midoe / welcher /
als er vom Bacho erhalten / dass / was er wünsche / erfüllet würde / alles zu
Gold werde / begehret / was er anrühre: Da er aber seinen Unverstand erkennet /
dass er bald durch Hunger sterben werde / und deswegen vom Bacho / seines
Wunsches wiederum entnommen zu sein / begehrte; auch den Befehl erhalten / er
solle sich in dem Fluss bei Smyrna / Pactolus genannt / abwaschen / und / als er
diesem gefolget / gedachten Fluss auch vergüldet; ja noch über das / den
Hirten-Gott Pan / dem Göttlichen Apollini vorgesetzet / und also seine Torheit
in vielen erwiesen; habe ihm Apollo / aus ergrimten Zorn /Esel-Ohren an die
Stirn gesetzet / dadurch seinen groben Unverstand zu zeichnen: Die Wort
beschlossen das Bilder-Werck:
Viel Menschen gleichen sich hie diesem Unverstand /
Und wollen grösser Glück / im grossen Glück / erschnappen /
Bekommen aber auch des Midoe Cron und Kappen /
ein Horn: versteh die Straf / das Unglück und die Schand.
Als Polyphilus diese / und andere mehr / die wegen der Menge nicht zu erzählen
sind / fast über die Zeit ansah; Die andere Anwesende aber nicht wussten /dass
ihm die Königin solches gerne zuliess / als die lieber wollte / dass man in den
Liebes-Tempel / bei der Nacht / und mit Kertzen gehe: vielleicht weil sie meinte
/ das Werck der Liebe sei am besten im Finstern zu üben; trat der Vorgänger dem
Polyphilo entgegen / mit winckenden Augen / er solle sich dem Willen der Königin
nicht zu lang entziehen / sondern sich ihr wieder stellen: deme Polyphilus
alsobald /wiewol mit Unwillen / Folge leistete. Da er aber der Königin näher kam
/ ihren Befehl zu erwarten / fieng sie an: habt ihr / Polyphile! alles gesehen?
darauf er kaum zu antworten wusste / weil er beförchtete / dass /so er wider die
Warheit rede / sie ihn unrecht befinden; so er aber dieselbe bekenne / er den
Führer / welchen er zuvor schon / durch diese Wort / erschröcket sah / in
einige Ungnade bei derselben setzen möchte. Dann Polyphilus leicht erkannte / dass
es diesem Führer gangen / wie sonst andern Dienern mehr / die oft wider der
Herren Willen viel befehlen / und durch ihren zu zeitigen Vorwitz das verrichten
/ so ihnen nicht befohlen: sollte es auch ihrem Herrn zu noch so grossem
Nachteil gereichen: darum er / auf beiden Seiten sich nicht zu verreden / die
Frage der Königin /mit keinem Ja / auch mit keinem Nein beantwortete; sondern /
so viel ihm zu Gesicht kommen wäre / bekannte gesehen zu haben. Darauf die
Königin weiter anfieng / und mit der Hand auf eine Tafel deutete / so zur
rechten Seiten / an der Seulen hieng / fragende: ob er auch diese gesehen? Und
als sie das Widerspiel vernahm / führete sie ihn bei der Hand dahin / ihm
dieselbe zu erklären.
    Es war der reiche Lydier König Croesus / sitzend auf einem Holtzhauffen /
als sollte er verbrannt werden / weil er / auf allen Seiten / von denen darzu
bestellten / angezündet würde. Gegen über stunden etliche Manns-Personen / unter
denen einer eine Cron auf seinem Haupt trug; Uber ihn aber waren die Wort
geschrieben: O Solon / Solon! Unter dem Gemähl stunden diese Verse:
Ich war in meinem Sinn / der Gröste in der Welt /
Der Seligste darzu: doch hört ich von dem Weisen /
Dass keiner selig sich in dieser Welt soll preisen /
Er sehe dann den Tod: der Schluss hat mich gefällt.
Atychintida / so bald sie Polyphilo dieses Bild gezeiget / fieng sie zu ihm an /
ob ihm diese Geschicht kündig wäre; wo nicht / wolle sie ihm selbe
hinterbringen. Polyphilus / der lieber / weiss nicht was / getan hätte / musste
dennoch dem Dünckel dieser Frauen etwas zu sehen / und / wiewol er alle
Wissenschaft dessen hatte / sich dennoch unwissend bekennen: wiewol er lang im
Zweiffel hieng / wie er antworten sollte; doch / weil er wusste / dass man denen
schwachen Weibs-Volck offtmals mehr / als sich gebühre / nachgeben müsse / und
kein Gewinn oder Ehre sei / wann man an ihnen Ritter würde / verhelete er
endlich die Warheit / mit dem Vorgeben / dass er nicht wisse / was das sei.
    Wann ich die Ursach besinne / warum Polyphilus das getan / finde ich gerad
keine. Ists aus Höflichkeit geschehen / hätte er die Warheit je mit besserer
Höflichkeit bekennen können. Hat er sich wollen einfältig dardurch stellen / was
darff er dann mit seinem eigenen Wolgefallen zancken? Oder hat ers getan / ihre
Kunst-rühmende Einbildung zu stärcken / so ist wieder geschehen / was ihm selber
gefallen. Doch sei dem wie ihm wolle / dissmal musste er sich von einem Weib
lehren lassen. Dann so fieng Atychintida an: Weil ihr nicht wisset / Polyphile!
was diss vor eine Geschicht / noch weniger / was dessen Innhalt ist / so höret
mir fleissig zu / will ich euch beides völlig weisen. Dieser / so auf dem Holtz
sitzet / ist Croesus /ein König der Lydier / welcher so reich und mächtig
gewesen / dass ihm nicht nur keiner gleich / sondern auch zum Sprichwort worden /
wann man einen reichen Mann nennen / oder sonst einen mächtigen Schatz
beschreiben will / dass man sage: reicher / als Croesus. Von diesem melden die
Historien / dass er einsmals einen von den sieben Weisen in Griechenland /
nämlich den Solon / einen verständigen / gelehrten Mann / zu sich beruffen
lassen / und gefraget: ob er wohl irgend einen Mann erkannt / der glückseliger
wäre / dann er? darauf ihm die Antwort worden: dass man keinen vor dem Tod
glückselig nennen könne. Darüber der König damals zwar etwas erzürnet: nicht
lang aber hernach / als er von dem Perser König Cyro / mit welchem er viel
gekrieget / überwunden / zum Feuer verdammet wurde / mit heller Stimme / in
beisein des Königs Cyri / und anderer /auf dem Holtzhauffen / wiederholet / und
selber bekräfftiget / mit diesen / über ihn bezeichneten Worten. Als aber Cyrus
auf solch Geschrei fragen liess / was er damit wolle / und wer der Solon sei /
nach dem er so ängstig seufftze / und dabei vernahm / was ich jetzt erzehlt /
auch wie er sich nun allerdings darzu bekenne: hat er auch in sich geschlagen /
beförchtend / es möchte ihm ein andermal nicht besser gehen / und Croesum nicht
nur vom Feur-Verdamnus los gesprochen / sondern auch die Zeit seines Lebens / in
Herrlichkeit und grossen Ehren gehalten / auch an seinem Hof ernehret. Dass also
der weise Solon mit einer Rede zween Könige unterrichtet / den einen zu seinem
Leben / den andern zu seinem Besten. Das ist die Geschicht.
    
    Was Polyphilus dissmals gedachte / wird der leicht schliessen können / der
mit Polyphilo / diese Geschicht wissend / selbige auch hie wiederholen muss: sein
müglichster Fleiss war dahin gerichtet / dass er die Deutung nicht hören dörffte;
darum er / nach vollendeter Erzehlung / als fiel es ihm jetzt erst bei / dass er
vor dem die Geschicht gelesen / erwähnte. Atychintida merckte fast / was
Polyphili Verdruss nicht bergen konnte; schloss doch dahin / als verlange ihn so
heftig nach den Tafeln / im letzten Tempel / welche ihm den Namen Macarie zu
erkennen geben würden: daher sie dann bewogen / weil / ohne das / das Liecht der
Sonnen verdunckelt war / die Kertzen in dem Liebes-Tempel anzuzünden / damit sie
/ durch die finstere Nacht / an ihrem Werck / nicht verhindert würden. Der
Befehl wurde aufs schleunigste verrichtet / indessen führete Atychintida mit
Polyphilo andere / und zwar angenehmere Discursen / von seiner Macarien /zu
deren er nun bald / mit solcher Geschicklichkeit /wieder gelangen werde / deren
weder Apollo / noch der Himmel / etwas versage. Fragte auch / was es doch vor
eine Beschaffenheit hätte mit Macarien / und wie sie von denen Sterblichen
geehret werde; weil sie nicht anders schliessen könne / es müsse dieselbe etwas
sonderliches unter den Menschen / oder wohl gar Göttliches sein / indem / um
ihrent willen / der erzürnte Himmel / diesem Schloss wieder geneigt worden:
welches alles Polyphilus so beantwortete / dass er nicht zu viel / auch nicht zu
wenig geredt vermeinte; biss der durchdringende Glantz deren hell-schimrenden
Kertzen / welche die Teppiche / damit der Tempel der Liebe bedecket war /
gleichsam feurig machten /völlig berichtete / dass alles nach Befehl verrichtet
und bereitet wäre.
 
                                 Dritter Absatz
  Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Liebes-Tempel / und wie derselbe
gestaltet: Lehret die nötige Verbündnus / der Tugend-Kunst / des Glücks und der
   Liebe; unterscheidet die Falsche / von der Warhaften / und zeigt beider
                                   Ursprung.
Polyphilus / dem sein Hertz in tausend Sprüngen ging / wäre lieber unbegleitet
/ als mit einem Gesellen eingegangen / damit er nur geschwind die Tafeln
gesehen: dann er ihm leicht einbilden kunte / man würde dieses zu letzt sparen /
und ihm vorher von andern Dingen reden: aber er musste sich dissmal befehlen
lassen / und im Gehorsam bleiben. Die Königin /welche wohl wusste / dass die
Liebes-Geheimnüs von niemand besser / als denen Weibs-Personen könten erkläret
werden; auch über das / aus der Rede Polyphili von Macarien / schliessen wollte /
als wäre er sonderlich denen Jungfräulichen Unterredungen gewogen: winckete
einer herrlich bekleideten Damen /welche fast den letzten Ort in diesem Comitat
ausfüllete / doch vor andern klug und verständig zu sein schiene / und gesellete
solche dem Polyphilo zu / dass sie ihn durch den Liebes-Tempel führe.
    Polyphilus / und zugleich mit ihm die Dame / entschuldigten sich beiderseits
gar höflich: jener zwar /dass er nie kein Glück zu einiger Jungfer gehabt / auch
mit denselben nicht wisse umzugehen / deswegen er sich einiger Schand-Erwerbung
/ auch dieses Orts /beförchte: diese hingegen / wie gern sie auch mit Polyphilo
fortgangen wäre / bemäntelte doch ihre Schamhaftigkeit / mit der gebührenden
Jungfräulichen Zucht / die ihr widerriete / einen jungen Gesellen mit ihr
allein zu führen. Doch / wie es öffters zu geschehen pflegt / ob die Ursachen
mächtig und wichtig genug wären / etwas abzulehnen / mögen sie gleichwol / wann
der Will fertig / und das Hertz gefangen ist / mit den geringsten / auch wohl gar
falschen Widerreden umgestossen und übermannet werden: wie dann bei dieser Dame
/ der schuldige Gehorsam /königlichem Befehl nachzuleben / gar bald alle
Jungfräuliche Zucht und Gebühr erdruckete: Polyphilus aber blieb beständig in
seinem / wider die Jungfern /gefassten Hass und Widerwillen.
    Der Schluss war gemacht / keine Ausred wollte helffen / sie mussten miteinander
daran. Das erste / darum die Jungfer Polyphilum fragte / war von seiner Liebsten
/ bei der sie sich höchlich zu entschuldigen hätte / damit sie keinen Hass
verdiene / dorfft ihm auch wohl gar ansinnen / ihr den Namen seiner Liebsten zu
eröffnen / und ob er sie hertzlich liebe? Welches aber Polyphilus so artig zu
beantworten wusste /dass sie ihn zu frieden liess / und leicht merckete / dass er
einen Verdruss an dergleichen Reden hätte. Dann Polyphilus fieng an von der
Beschaffenheit dieses dritten Tempels zu fragen: und als sie ihm einen grossen
Umschweiff machte / und in viel Vergeblichkeiten aufhielt / kamen sie endlich /
mit langsamen Fuss /zu dem Tempel.
    Alles das aber / was die Königin / und zugleich die Jungfer auf ihr Befehl /
in Verlängerung der sonst unnützlichen Reden vornahmen / geschahe bloss darum
/auf dass Polyphilus nicht zu früh in den Tempel gelangete / sondern die finstere
Nacht mit hinein brächte; dann zu letzt erinnerte sich allererst die Königin /
dass die Entbindung ihres Fluchs bei der Nacht künftig und zu gewarten sei.
    Jetzt gehen sie zum Tempel ein / welcher Circkelrund / und in zimlicher Höhe
aufgeführet war. Rings umher stunden gefrorne Crystallen-Seulen / welche von der
grün-bekleideten Erden / biss an die Decke reicheten / und mit ihren
durchsichtigen Glantze /welcher sich denen angezündeten Liechtern gleichsam
entgegen setzte / einen nicht geringen / sondern Wunderherrlichen Schein gaben /
der das ganze Zimmer erleuchtete. Es war auch gleich denen vorigen Tempeln /
über dem Eingang / die Herrschaft der Liebe gebildet / deren zwei andere
Weibs-Personen zur Seiten gestellet / von derer ersten sie bedienet / von der
andern bekrönet wurde.
    Diese drei / fieng Polyphilus an / werden gewiss Tugend / Glück und Liebe
bedeuten? Ja / anwortete Erotemitis / so war der Jungfer Name / aber ihr
vergesset der Kunst / welches doch das vornehmste Stück ist in der Liebe:
dagegen Polyphilus versetzte /dass nur ihrer drei wären: Ja / sagte Erotemitis /
aber das Tugend-Bild bedeutet zugleich die Kunst / daher ihr sehet / dass sie in
der Rechten ein verguldtes Buch / in der Lincken einen Mass-Stab hält. Ists euch
/fuhr Erotbemitis weiter fort / nicht vedriesslich / Polyphile! will ich euch
weiter berichten / was wir sonsten davon zu halten pflegen / da ihr dann eure
Gedancken mir wieder eröffnen könt / und mich / so ich in einem oder andern
unrecht verfahren sollte / eines bessern unterweisen.
    Diss höfliche Anbringen vermochte bei Polyphilo so viel / dass er nicht nur
allen vorigen Widersinn fallen liess / besondern fast gar die Freundlichkeit
dieser Damen / und ihre demütige Sittsamkeit lieb gewann /doch nicht anders /
als es das Gefängnus / mit welchem ihm seine gehertzte Macarie bestricket /
zuliess: darum sprach er: Edle und Tugend-völlige Dame! auf welch Wort sie ihm
alsobald Einrede hielt / sagend: nicht heiss ich Dame / sondern Erotemitis:
Polyphilus aber fuhr fort: solt ich das Glück von ihrer erkannten Gunst zu hoffen
/ oder auch zu erwarten haben /würde ich mich schon vor den bekennen dörffen /
welcher in dem Glücks-Tempel nicht allein die Glück-Fälle erlernet / sondern
auch selber sei damit gesegnet worden: bitte derowegen / so ich anderst bitten
darff / sie wolle mich / ihrer angebornen Freundlichkeit nach / ihres Berichts
würdigen. Auf welche Wort Erotemitis folgendes versetzte: das tue ich / so
willig als schuldig. Ihr seid / edler Polyphile! den Tugend- und Glücks-Tempel
durchgangen / wisset auch / was diese beide Jungfrauen geben und nehmen / was
ihre Verrichtungen sein / und wie weit sich ihr Dienst erstrecke. Die Kunst
nehret die Tugend /die Tugend nehret das Glück / das Glück führet die Liebe:
jenes habt ihr gelernet: aber das Letzte ist noch übrig / dass ihrs wisset / und
ohne diesem / ist jenes /als gestorben. Lernet demnach an dem / dass Kunst und
Tugend der Liebe dienet / wie ihr all euer Wissen / Sinnen und Beginnen / dahin
richten sollet / dass ihr vernünftig liebt: und an dem / dass das Glück die
Liebe krönet / wie ihr glücklich lieben sollet. Die Zeit leidet es nicht / dass
ich alles nach der Länge / aus den beiden ersten Tempeln wieder herfür suchen /
und euch zeigen sollte / wie ihr aller Orten / das alles / was ihr gesehen / auf
die Liebe wenden köntet / damit sie vernünftig und glücklich zu nennen. Darum
behaltet das wenige / vor viel:
Wer nicht klug ist und verständig /
Der macht keine Liebe bändig.
                                 Und wiederum:
Wer im lieben nicht beglücket
Der wird bald bald unterdrücket.
Nach diesem giengen sie weiter fort / und ersahn /bald im Eingang / eine
nackete und unbekleidete Weibs-Person / die in der einen Hand einen Angel / in
der andern einen Strick hielt / und auf dem Haupt mit einer Cron / von Lilien /
gezieret war. Gegen dieser stund ein andere / mit rötlichen Wangen / lieblichen
Augen / und Gold-gleichem Haar / bekleidet mit Scharlach / und allerhand
köstlichen Steinen gezieret /ihren Krantz in der Hand führend / und mit der
Lincken auf eine verschlossene Tulipan zeigend.
    Ungefragt fieng Erotemitis an: Diese beide / edler Polyphile! bedeuten die
Schönheit; diese zwar / zeigend die nackende / die eusserliche: Diese aber /
zeigend die bekleidete / die innerliche. Beide / fieng sie weiter an / sind der
Liebe Urheber / und kann ohne sie / kein Liebe entweder entstehen / oder auch
dauern. Deswegen sie von der Weissheit des Himmels / in den Eingang versetzet
worden. Doch ist das Behaltens wert / dass / wie unter beiden ein grosser
Unterschied / / also auch unter der Liebe / so von dieser herrühret / und unter
jener / so von der andern ihre Geburt hat. Eine ist beständig: die andere
wancket gar leicht; eine ist hertzlich / die andere hat ihre Wohnung im Gesicht;
eine ist getreu; die andere ligt unter einem falschen Schein verdeckt / und
gleisset schön von aussen. Ihr werdet / mein Polyphile! selber wohl verstehen /
wohin ich ziele. Sehet an die Unbekleidete /mercket auf ihren Angel und Strick:
Diese ist die nichtige Schönheit / so uns eusserlich verführet / und offtermals
in die Stricke des Unglücks / ja gar der Verzweifflung gefangen nimmt: Dann
welcher die Schönheit in dem Leibe / in denen umschweiffenden Augen /
gebleichten Haaren / gemahlten Wangen suchen will / der findet eusserlich eine
schnöde Vergänglichkeit / ein zerbrechliches Gut / einen stündlichen Raub /
einen Blitz / der zugleich leuchtet und vergehet: innwendig aber Wanckelmut und
Betrug. Ja / ich glaube nicht / dass eine Zunge so beredt / ein Verstand so klug
/ einige menschliche Gedancken so beleuchtet sind / dass sie sollten alles Unheil
erzählen /verstehen und durchdencken können / welches die eitele Schönheit mit
sich zu bringen / und nach sich zu ziehen pflegt. Wann man mich fragte / was die
äusserliche Schönheit wäre / wolt ich sagen / dass sie sei eine gewaltsame
Tyrannei / dadurch man sich / mit der Freiheit Verlust / willig und wissentlich
der Knechtschaft unterwürffig machet. Oder ich wolt sagen / sie wäre eine
selbstschadende Zauber-Kunst /welche durch die Augen-Stralen das Hertz anflamme
/den Verstand verrucke / und den Menschen sein selbst Vergessen mache. Wiewol
ich sie einem spitzigen Berg nicht übel vergleichen könnte / welcher auf allen
Seiten mit Dornen verwildet / mit Hecken verwahret /mit Steinen verleget / zu
oberst mit Wermut bewachsen / und mit Weiden (dadurch ich die Reu deuten wollte)
gleichsam umsetzet. Oder ich vergliche sie mit einer Wiesen / die zwar mit
vielen bunten Blumen gezieret; aber den gifftigen Schlangen und Ungezieffer eine
Entaltung gebe. So hör ich wohl / sprach Polyphilus / soll man dieser Schönheit
nicht trauen? Nicht nur nicht trauen / antwortete Erotemitis / sondern sich von
ihr auch nicht verführen lassen / dann sie nicht nur ganz vergängliche /
sondern auch nichtige und boshafte Gaben führet / die äusserlich zwar herrlich
scheinen / aber inwendig hesslich gestalt sein. Dann es ist mit selbiger bewand /
wie vor Zeiten mit denen Egyptischen Tempeln / die an sich selber kostbar und
prächtig erbauet waren / dass das Aug gnug daran zu sehen / und das Hertz zu
verwundern hatte; würde man aber einen Gott darinnen gesuchet haben /würde man /
an statt seiner / viel eher und mehr einen stinckenden Bock / eine schändliche
Katz / oder einen wilden Affen gefunden haben: gerad so ists mit der
angeschmückten Schönheit / die herrlich gleisset /hesslich aber gestalt ist. Und
dass ich endlich die lautere Warheit nicht verhele / möcht ich wohl fragen / was
dann die Schönheit wäre? dörfft ich mir selber antworten / sagte ich in Warheit:
dass sie lauter nichts sei: besondern in der blossen Einbildung der Menschen
bestehe / welche ihnen diss oder jenes für schön einbilden. Beliebt euch /
Polyphile! so leset diese Verse / darinnen ihr / was von äusserlicher Schönheit
zu halten / völlig vernehmen werdet. Und damit übergab sie ihm einen Zettel /
darauf folgendes Gedicht geschrieben stund:
Was ist die Schönheit doch / die unser Hertz so binden /
und ganz bestricken kann? wie und wo soll ichs finden?
Sie ist wohl in der Welt: doch sag mir eins / wo gehts?
Sie ist zu treffen an: doch frag ich auch / wo stehts?
Nichts überall will mir alsdann zur Antwort werden;
Der eine sagt mir leicht: sie muss doch auf der Erden
und bei den allen sein / die von ihr sind bestrickt /
der ander preiset sie / und die damit beglückt.
Bald findet sich der Dritt / und rühmet ihre Würde:
Der Vierdte folget dem / und klaget ihre Bürde:
Den allen aber ich entgegen / spreche frei:
Dass sie doch lauter nichts / und minder als nichts sei.
Ja! wär sie etwas noch / wie wilt du sie dann nennen?
Ein angenehmes Gift? das muss ich zwar bekennen:
Sie hat der Titul viel / die zum Verderben geht /
und allen insgesammt / zu einem Fall-strick / steht.
Sie ist die Sonnen-Kertz / die doch ganz finster leuchtet;
Ein bittrer Wermut-Tau / der unser Hertz befeuchtet;
Ein ziehender Magnet; ein Spiegel voller List;
Ein scharffer Stral / der / uns zu fällen / ist gerüst;
Ein Zunder böser Lüst; ein Fall und Gang zur Höllen /
der Hoffart Kummer-Rat / der Uppigkeit Gesellen;
ein Zwang der Hurerei / und Ursach aller Noht /
der Jugend eine Pein / dem Alter gar der Tod.
Ein Auszug aller Scham / der Tugenden Verderber /
der Laster Schutz und schirm / ein lauter Schand-Erwerber:
und dass ich endlich doch der Warheit pflichte bei /
so glaub ich dennoch nicht / dass diss die Schönheit sei.
Es ist der Menschen Schuld / die lassen sich betören /
durch solchen falschen Schein: weil eilig / wann sie hören /
von einem Damen-Bild; weil eilig / wann sie sehn /
was ihnen wolgefällt; sie schon in Fesseln gehn.
Dann kann der Buhler nit die Schönheit gnug beschreiben /
die seinen Sinn besiegt; muss Tag und Nacht vertreiben
mit ihrer Gaben Lob: Er fängt von oben an
biss unten wieder zu: Er rühmt / so viel er kann /
der schönen Glieder Pracht: Wie alles sei gestaltet /
das alles er beschreibt. Und was er denckt und waltet /
ist nur auf sie gericht. Sie einig ist sein Ziel /
davon er redt und schreibt / so viel er immer will.
Das jrrdische Gestirn / die leichten Augenblicke /
sein ihre starcke Kunst / damit sie ihm entzücke
der matten Sinnen Rest. der glatten Stirnen Zier /
ist Amors sein Magnet / der ihn stets rückt zu ihr.
Das Haar / das schöne Haar / sind ihre starcke Binden /
damit sie Hertz und Sinn kann meisterlich umwinden.
Die Wangen sind Berill / die Lippen ein Rubin /
die ihn zu ihrer Gunst / auch wider Willen / ziehn.
Das Kin ist Perlen-Art / der Hals / von Alabaster /
die Kehle Chrisolit / der Brust erhobnes Pflaster
ist gleich dem Marmor-Stein / die Finger Carniol /
von Helffenbein die Arm; obgleich ein schwartzer Kol
sich denen gleichen könt: so werden sie verführet
von ihrem eignen Wahn / alsbald sie sind berühret /
durch hören oder sehn / die Liebe Schönheit weist /
so bald sie nimmt und gibt der Seelen ihren Geist.
Sie sind nicht / wer sie sind / dann wer sie gerne wären /
das können sie nicht sein: sie wechseln mit den Ehren
die Schand / verlassen sich / und ziehen jene für
vergiss mein nicht / vergist auch seiner selbst für ihr.
Noch ist es nicht genug / von aussen sein gepriesen /
und durch der Glieder-Pracht: es muss auch sein erwiesen /
dass / was von Geist und Blut / durch Mund und Nase dringt
auch sein verführtes Hertz / zur heissen Liebe zwingt.
Da rencht der Atem süss / wie starcke Biesen-Blumen /
an ihr ist / was uns schickt Panchea und Idumen /
was sag ich? müssen doch / die Blumen selbst gestehn /
sie sei noch tausendmal so schön / als tausend schön.
Bald muss der Lippen-Tau dem Honigseim sich gleichen /
der oft wohl Speichel ist: Kein Nectar kann erreichen /
die süsse Süssigkeit. Der durchgedrungne Schweiss
muss sein ein Perlen-Tau / und ohne weiss sein weiss.
Der heisse Seufftzer-Rauch muss gar gen Himmel steigen /
und ohne grosse Macht / die Macht der Sternen neigen /
betränt sie dann / mit Leid / der Wangen Purpur-Feld /
so hat sich deren Glantz Chrystallen zugesellt.
Und was tut endlich nicht der Liebe blindes Wesen /
die / was nur ihr gefällt / vor Schönheit will erlesen /
oft aber übel zahlt: drum hüte sich / wer kann /
vor falsch-geführtem Schein: sonst kommt er übel an.
So bald Polyphilus diss Gedicht gelesen / welches ihn sehr vergnügte / fieng
Erotemitis auch von der wahrhaften und lobwürdigen Schönheit an / mit diesen
Worten: Ihr wisset nun / Polyphile! dass dieser abwelckenden vergänglichen Schöne
nicht zu trauen; so hoffe ich auch / ihr werdet selbe hinfüro vor keine
Hertzen-Zwingerin erkennen: sondern / so ihr euer Hertz durch einige Liebe
wollet entzünden lassen /der wahren und beständigen Schöne viel lieber
gehorsamen / als dieser Verführerin. Wisset demnach auch das / dass diese
Bekleidete sei die Zierde / so auf die Tugend gegründet / und den Verstand zum
Erhalter hat. Diese sollet ihr erkennen / ehe dann ihr euch ihr zu folgen
verwilliget. Nach dem Erkantnus dörfft ihr trauen. Zwar ist nicht weniger auch
das zu behalten /wo diese Tugend-Zierde verborgen ligt / dass daselbst auch die
Tugend-Wercke äusserlich zieren / und das Verborgene / teils an den Geberden /
teils auch an der schönen Gestalt / zu erkennen. Und ist so fern die Schönheit
des Leibs ein Fürfechter der Tugend-Blüt / und eine Herberg einer grössern
Schönheit: Dann Höflichkeit / Freundlichkeit / die wir durch die Zucht-lächlende
Wangen / geziemte Falten des Mundes / liebliches Blincken der Augen / und andere
Kenn-Zeichen mehr / messen / sind Früchte der Tugend: Diese aber machen eine
schöne Gestalt: wie wir hie zugegen an dem Bilde sehen. Auch gibts die Tulipan /
darauf sie deutet / welche / ob sie gleich verschlossen / dennoch ihr
bundgefärbte Zierde aussenher gläntzen läst.
    Wollt ihr demnach / edler Polyphile! wissen und verstehen / was schön ist /
so müst ihr die Augen der Vernunft zu Raht nehmen / und ihr die unbändige
Begierde der Liebe / wie das Pferd dem Zaum / den Bogen dem Schützen / das
Schiff dem Steur-Ruder /den Werckzeug endlich dem Meister unterwürffig machen.
Dann wie die Vernunft ohne Lieb unvollkommen ist: also ist die Liebe / ohne der
Vernunft-Beherrschung / / nichts / dann ein unbesonnenes verderbtes Beginnen.
Wo sich aber die Vernunft mit der Liebe durch diesen Gehorsam vermählet / da
werden sie gleichsam miteinander erhitzet / in einem Streich auf die Schönheit
zu zueilen / die ihnen auch in beständiger Vergnüglichkeit / tausend
Befriedigung schencket / und mit einem ewigen Wohl-sein beglücket.
    Kaum hatte Erotemitis diss Wort geredt / als Polyphilum seine Gedancken
schon nach Macarien gezogen. Wie kann doch / dachte er heimlich bei sich selber /
etwas besser auf mich und mein Macarien gesagt werden? Freilich / allerschönste
Macarie! bist du innen und aussen schön. Dein Verstand würcket freudige Geberden
/ deine Tugend gebieret die Freundlichkeit / daher deine lieb-winckende Augen /
deine scham-beröhtete Wangen / und dein lächlender Mund / in solcher
Herrlichkeit / pranget. Was kann auch mich artiger treffen? der ich / so bald ich
von deiner Tugend gehöret / freilich nur durch Tugend bin entzündet worden / und
hernach durch deine erleuchtende Schöne gestärcket / in dem / dass ich die blinde
Begierde meiner straff-würdigen Liebe / unter dem Gehorsam meiner Vernunft
hälte. Ach / dass du doch / allerliebstes Kind! hie zugegen wärest / dass diese
Erotemitis an dir die Werck zeigen könnte / wie sie mir jetzo die Kunst
gewiesen: Aber das daren Polyphili Gedancken: die Reden lauteten viel anderst;
dann / weil er wusste / dass / bei dem Jungfern-Volck /viel zu erhalten sei / wann
man ihnen / ohne Aufhören / die Posaune des Lobs blase / nahm er diese
Gelegenheit auch damals in acht / und rühmete ihren Verstand und Weissheit
dermassen / dass er nie geglaubet / in einer Weibs-Person / die von männiglich
vor gering-verständig gehalten würden / dergleichen zu finden.
    Indessen führete sie ihn weiter / da zunächst etliche Weibs-Personen
nacheinander stunden / deren erste gestaltet / als eine Jungfrau / in der ersten
Blüt ihrer mannbaren Jahre / mit aufgeheiterter Stirn / und rötlichten Wangen
/ bunt gekleidet / in der Hand habend ein Zettel / mit dieser Inschrifft: die
Jugend. Dieser folgte eine andere Weibs-Person mit lebhaftem Angesicht /
starcken Gliedmassen / umhüllet mit einem zarten Schleier / und an der Gütel
tragend / den Namen der Gesundheit. Nach dieser war zu sehen ein stoltzes Weib
in Königlichen Kleidern / güldenen Ketten / allerhand kostbaren Edelgesteinen /
Perlen /Kronen / und d. g. nächst einem vollen Geld-Kasten /die ihren Namen /
mit den güldenen Buchstaben / in der Hand fassete: der Reichtum. Nach allem dem
erschien ein Jüngling / mit einem Fucker in der Hand /auch mit Würffeln / Karten
/ Bretspiel / Lauten / Geigen und andern Musicalischen Instrumenten / die vor
ihm auf dem Tisch lagen / wohl versehen / und dieser war der Müssiggang. Zu letzt
zeigete sich das Liebes-Kind / mit einem Bogen / Köcher und Pfeilen / und
schertzte mit der Abbildung der Schönheit. Von diesen begehrte Polyphilus auch
Bericht: welchen ihm Erotemitis / mit folgenden Worten / erteilte.
    Edler Polyphile! die Liebe / dadurch das menschliche Hertz brennet / wird
teils durch andere / teils durch uns selbst entzündet. Die jetzt erklärte
Bildnussen der Schönheit / können mit allem Recht die Waffen genennet werden /
so uns von aussen bestreiten: aber / was wir hie sehen / das würcket unser eigen
Schuld. Die Jugend / Gesundheit / Reichtum und der Müssiggang können / nicht
unrecht / das Stamm-Register derselben genennet werden / weil sie durch diese
bescheret / ernehret und vermehret wird. Je frischer die Jugend / je stärcker
die Lieb. Was solt auf einem dürren Baum wohlschmäckende Frucht wachsen; oder
mag auch eine dürre Wiese Grass tragen? Liebe erfordert frische Hertzen / und
einen freudigen Muht: der ist in einem Alten nicht zu finden. Liebe ist
brünstig: wo mag man aber eine Brunst finden in einem kalten Hertzen: Aber die
Jugend brennet in einem steten Feuer. Und das will diss erste Bild / dass die
Liebe der Jugend / nicht aber dem Alter / wohl anstehe. Und trag ich keinen
Zweifel zusagen / dass ein Alter gar nicht lieben könne / oder ja gefährlich. Ja
ich zeuge selber wider einen Alten / der über die Liebe klagen wollte / dass er
falsche Zeugnus wider sich selber führe. Dann ein Alter hasset mehr / als er
liebt; ist nicht verbuhlet / sondern vernarret; nicht ein Frauen-Diener /
sondern ein Todtengräber / und vielmehr unlustig / als wollustig zu nennen.
Einig die Jugend stehet in frischem Flor. Ein Alter soll mehr folgen der Glocken
/ die zum Haus ausleutet / als der winckenden Jungfrauen zum eingehen. Was Lusts
erreget der Alte / kann er auch die Lauten rühren? die Hände sind zu steiff; kann
er auf Violen streichen? die Finger sind zu matt; kann er auch bewegliche Gesänge
dichten? das Gedächtnus ist verloren. Kan er auch die Gassen auf und nieder
rennen? die Füsse wancken: Aber die Jugend dichtet / singet / spielet / und
stifftet alle Lust. Was hat der Alte / das ihn beliebt mache? wo sind die
hochgespjetzte Schuh? Er müste darauf den Hals brechen: wo die Gold-gezierte
gelbliche Haarlocken / die die Glatzen bedecken? sie sind verloren. Wo das
Hütlein mit den Galantery Bändlein? Es ist vergessen. Wo der köstliche gespjetzte
Kragen? er ist zerrissen. Wo die performirte Handschuh? sie sind zu teuer. Wo
die allamode Kleidung / welche der Liebsten Farben fürtragen? sie ist ihm
verdächtig. Wo ein Politischer Rock? er stehet ihm nicht an. Wo ein verguldeter
Degen? er ist verrostet; und in Summa / was der Liebsten soll einen Lust
erwecken / das ist nicht da. Wie solt denn ein solcher lieben? oder wie solt er
von andern können geliebt werden? meines teils muss ich selber bekennen / dass
ich lieber vor einem solchen weit lauffen / als nur ein wenig stehen wollte. Zwar
ists nicht ohne / dass bissweilen einem Alten der Bart gestutzet / und das Maul
gewässert wird / durch etwa einen freundlichen Blick: aber wer da aufbauet / der
leeret seinen Beutel / und fällt endlich in den Koht. Und sollte ja dem Alten
sein Lieben ein wenig von statten gehen / so hats doch keinen rechtschaffenen
Ausgang. Dann entweder wird er verspottet / von seiner Liebsten / oder sie wird
betrogen. So fern sie in sein Begehren williget / ists in Warheit übel
angeleget: wofern sie aber bei ihm tut / was man einem Alten billich tun soll
/ wird er sich betrogen befinden / und sie wird ihm die Federn rupffen: wo ist
aber alsdann eine warme Liebe?
    Das ist / gedachte Polyphilus / ein artlicher Discurs / von einer Jungfer /
und wünschte / dergleichen mehr zu hören; aus welchen Ursachen er dann ihre Rede
mit diesen beantwortete: Verständige Jungfrau! so viel ich vernehme / seid ihr
denen Alten gewiss nicht gewogen? Nein / sprach sie / ein Polyphilus ist mir
lieber / als tausend solcher. Darauf er mit lachendem Mund antwortete: wie aber
/ wann Polyphili Haut schon verkaufft wäre? Aber verzeihet mir /sprach er ferner
/ dass ich einige Frag tun darff: warum verwerffet ihr die Alten / aus solchen
Ursachen / die doch in Warheit auch manche Jungfer und Jung-Gesellen / deren
Jahr noch blühen / würden verwerfflich machen? Wie mancher tapfferer
Liebs-Werber wird von dem Hochmut einer stoltzen Damen verworffen? Wie viel
abgeführte Damen / die nirgend schöner / als in ihrem eigenen Spiegel; nirgend
beliebter / als in ihrem falschen Dünckel sind / werden hinwieder mit gleicher
Müntz bezahlet? Vieler Kundschaft wird von vielen begehret / nicht Liebe zu
suchen / welche bei dergleichen auch übel angeleget würde / sondern sich mit
ihrer Verachtung nur zu erlustigen. Und solche / wie klug sie auch sind /
mercken doch nicht / dass ihr solche Höflichkeit / mehr der Ergötzung / als Liebe
wegen / erzeiget werde: Das bleibet gewiss / wie sie durch ihr tägliches
Aufnehmen / und tägliches Verstossen andere schertzen / also werden sie wiederum
geschertzet. Geschicht das nun an der grünenden Jugend / was wollen wir dem
verdorrten Alter vor Ubel haben.
    Das lass ich / sprach Erotemitis / eine jedwede vor sich verantworten / mir
ists zu widerlegen zu schwer. Wir wollen in unserm Werck weiter gehen / damit
uns die Zeit nicht zu wenig werde. Diss ander Bild / welches / wie die Schrifft
weiset / die Gesundheit ist; dann auch das dritte / der Reichtum / mit dem
Vierdten / dem Müssiggang / stifften die Liebe: nicht zwar /als eigentliche
Werckmeister / sondern als die vornehmste Urheber. Dann kein Krancker wird sich
leichtlich verlieben / viel weniger der da bettelt / auch der nicht / welcher zu
schaffen hat. Wiewol man auch / im krancken Leibe gesunde Liebe findet; aber
erhalten / nicht erworben: auch unter den Armen liebt einer den andern / aber
nicht brünstig / sondern verruckt. Und die Arbeitsame pflegen ihrer Lust; aber
mit offtmaliger Verhindernus. Mit dem schertzet diss Liebes-Kind am allerliebsten
und besten / der / durch keine Mattigkeit der Glieder / an der Gegen-Liebe
verhindert; durch keinen Mangel an Geld / von der Lust-Vollbringung abgehalten:
durch keine wichtige Geschäffts-Verhindernussen / von der offtmaligen Besuchung
verrucket wird. Und das ist der Stamm und Ursprung der Liebe: die aber / so die
Liebes-Lust üben wollen / sollen sich erinnern / bei der Jugend /ihrer Künheit /
dass sie nicht durch einen Abschlag sich schrecken lassen; bei der Gesundheit /
ihrer Verharrung / dass sie beständig lieben; bei dem Müssiggang / ihrer
schuldigen Pflicht; und bei dem Reichtumb / dass er an Geschencken nichts
erspare.
    Polyphilus nahm alles wohl in acht / und da sie ferner giengen / dass sie
gegen dem Liebes-Knaben stunden / sagte Erotemitis / dass / wer so weit gelange
/schon bestricket liege / und von dem Knaben / der Hoffnung zugeschicket würde:
welche gerad gegenüber auf einer Marmor-Seulen zu sehen / in Gestalt einer
holdseligen Jungfrauen / welche mit einem Blumen-Crantz gekrönet / grün
bekleidet / und den Liebes-Knaben in den Armen haltend / von ihrer Brust
säugete: ohne Zweiffel deutet diese / sprach Polyphilus / dass die Hoffnung die
Lieb nehre / und / vor ihre Betrübnüsse / den Trost zurichte. Ja / sagte
Erotemitis / wann diese nicht manche Begierde stillete / manche Furcht
dämpffete / und in mancher Widerwertigkeit tröstete / müsten ihrer viel / unter
dem Liebes-Joch / vergehen. So lang aber diese die Mühe mindert / die Gefahr
besieget / die Arbeit überwindet / die Schwachheit verstärcket / die Krafft
verneuert / im Trauer-Stand ergötzet: so lang kann auch unser Hertz sich
beglücket schätzen. Wie aber / sagte Polyphilus /wann diss alles versieget? So
sehet ihr / antwortete Erotemitis / dort die Gedult. Diese war / durch ein
weinendes Weib / gebildet / sitzend in den Dornen /schlecht bekleidet / und ein
Joch auf dem Halse tragend / um welches sie die Arm geschlungen. Dieser
/erinnerte Erotemitis weiter / gleichen sich alle die /so ohne Hoffnung leben /
welches Leben ist der Tod.
    Polyphilus / dem ein jedwedes dieser Wort / gleich einem Donnerschlag / das
Hertz rührete / indem ihm eben damit seine Hoffnung / die er auf Macarien
gesetzt / und zugleich die Gedult / so er in dieser Verleitung tragen musste /
erkläret wurde / nahm seine Tafel / stellet sich / als wolt er diss aufzeichnen /
setzete aber folgende Beschreibung seiner Hoffnung und Gedult / zu seinem Trost.
Alles ist an Gottes Segen
Und an seiner Gnad gelegen:
Die ist über Geld und Gut:
Wer auf Gott die Hoffnung setzet /
kann behalten unverletzet
einen freien Helden-Muht.
2. Meinem Gott will ich vertrauen /
und allein auf Tugend bauen /
die da bleibet und besteht;
Ich will treu-beständig lieben /
und mich über nichts betrüben /
es mag gehen / wie es geht.
3. Gott / der mich bisher ernehret /
und so manches Glück bescheret /
ist und bleibet ewig mein:
Der so wunderlich regieret /
der mich liebt / der mich führet /
wird hinfort mein Helffer sein.
4. Viel bemühen sich um Sachen /
die nur Sorg und Unruh machen /
auch gar unbeständig sein:
Ich begehr nach dem zu ringen /
das Vergnügen könne bringen /
ohne falsch-verblümten Schein.
5. Hoffnung muss das Hertz erquicken /
was ich wünsche / wird sich schicken /
wann es anders Gott gefällt:
Meine Liebe / Leib und Leben /
und mich / hab ich Gott ergeben /
Ihm ist alles heimgestellt.
6. Er weiss schon / nach seinem Willen /
mein Verlangen zu erfüllen /
es hat alles seine Zeit:
Ich hab ihm nichts vorzuschreiben /
freien / oder frei zu bleiben /
wann Er will / bin ich bereit.
7. Soll ich länger einsam leben /
will ich Gott nicht widerstreben /
ich verlasse mich auf Ihn:
Ihm ich folge / der mich führet /
weil ich nie kein Creutz gespüret /
wann ich Ihm gefolget bin.
Unter währender Verfertigung / oder vielmehr Nachahmung / / dieses sonst
bekandten Gedichts / giengen sie etzliche Schritt fort / und da sie sich zur
rechten Seiten / gegen den Morgen stelleten / ersahn sie ein Kind / das
entblöset / geflügelt / an Augen und Ohren verbunden / und mit Bogen und Pfeilen
gewapnet /einen Feuer-Köcher in der Hand führete. Hinter selbigem vernahmen sie
noch zwei andere Gesichter / zu beiden Seiten / wiewol sie diese / wegen der
Weite /nicht erkennen konten. Da sie aber näher hinzu tratten / befanden sie /
auf der Rechten / eine weiss-bekleidete Weibs-Person / welche in der Rechten
hatte ein Siegel / und mit der Lincken auf einen Hund deutete / der zu ihren
Füssen lag: Auf der andern Seiten ersahn sie einen Jüngling / mit entblöster
Stirn /daran die Wort zu lesen:
                                Ich bin bereit:
und eröffnetem Hertzen / darinnen er / mit dem Finger / diese Wort zeigete:
                               In Freud und Leid:
Dann endlich mit einem groben Kittel bekleidet / an dessen eusserstem Brem /
diese Wort verworffen:
                                 Zu jeder Zeit,
Polyphilus mochte wohl etwas erachten / wohin diese Figur zielte / aber der
völlige Verstand war ihm verschlossen. Deswegen er der Jungfer winckete /
denselben zu erteilen / welche folgender Gestalt fortfuhr: Diss Kind bedeutet
die Liebe / und ist die Erklärung desselben mancherlei. Dann wie ein Unterschied
ist unter der keuschen und unkeuschen Liebe: also müssen wir solche in diesem
Bild beobachten. Was die nicht-ziemende Liebe betrifft / können wir / durch die
Kindheit dieses Knabens / den wenigen Verstand der Verliebten erkennen / welcher
denen kindischen Entschliessungen am allergleichesten ist. Die Blösse /weiset
den Verlust zeitlicher Güter / welche / mit dem Wachstum der Liebe / immer mehr
und mehr verringert werden und verwelcken. Die Flügel zeigen die Unbeständigkeit
der Verliebten / die ihren Sinn bald hin bald her / bald aus und ein fliehen
lassen / dass allerdings wahr sei / was jener Poet gesungen:
Wies einem Tanben-Haus sonst öffters pflegt zu gehen /
So lassen diese Sinn das Aus und Ein geschehen.
Die verbundene Augen und Ohren zeigen teils die Verstockung der Sinnen; dass es
wiederum bei manchem / mit jenem Poeten heisset:
Kein Sinn der ist an mir / der unverrücket blieb /
Ich sei / ich hör / ich riech / ich schmäck / ich fühle Lieb:
Teils / dass die Liebe ein blinder Führer sei / und gar leicht in die Gruben
stürtze / so ihr folgen / auch keine Hülff-Bitte erhöre noch errette: sondern
sie den Schmertzen quälen lasse / welchen die brennende Kertzen / in ihnen
angezündet. Und diss ist das verzehrende Gift / die Verblendung der Sinne / die
Verwirrung des Verstandes / die Zerrüttung des Gemüts / die Schul der Sünden /
die Vergessenheit des Guten / die Wurtzel des Bösen. Die Mörderin der Tugend /
und Ernehrerin der Laster. Die Befehdung der Ehre / und Erwerberin der Schande.
Das Ende der Hoffnung / und Anfang der Verzweifflung. Die Seuche des Alters /
und Anstoss der Jugend: die wir sonst / in gemein / die Liebe nennen. Welche
völlig zu beschreiben / vor der Menge ihrer Laster-Namen /die Unmüglichkeit
nicht gestattet. Jener Poet zwar hat keinen Fleiss gesparet / wann er sie in
folgendem Gedichte / auf die Frag:
                         Sag doch / was ist die Liebe:
mit dieser Antwort vorstellet:
Ein Band vereinter Hertzen.
Ein übersüsses Gift.
Ein angenehmer Schmertzen.
Ein Pfeil / der leichtlich trifft.
Ein Werck / so Menschen mehret.
Ein frischer freier Muht.
Ein Spiel / das sich verkehret.
Ein angefeurtes Blut.
Ein Last / die leicht zu tragen.
Ein angenehmes Kind.
Ein Trauren nach behagen.
Ein Strick / der Freier bind.
Ein blind-verfinstert Wesen.
Ein helle Freuden-Nacht.
Ein Buch / mit Lust zu lesen.
Ein schön und schneller Pracht.
Ein Marck / die Reu zu kauffen.
Ein kluger Unverstand.
Ein Weg / der schnell zu lauffen.
Ein spaterloschner Brand.
Fast auf gleichem Schlag / versetzte Polyphilus / hab auch ich mir einsten
gefallen lassen / ihre Würde zu beschreiben / da ich / die Zeit zu kürtzen /
mich fragte / mir antwortete:
Was ist die Liebe? Nichts: wie kann sie uns denn quälen?
sie muss ja etwas sein: was denn? ei / ohn verhelen /
sag ich: sie alles ist: wer ist vergnügt mit ihr?
sie ist es / und doch nicht: das ist unmüglich schier /
Ich weiss es / was sie ist: was dann? es ist das Prangen
der hochgezierten Zierd. Es ist ein bloss Verlangen /
nach dem / das man nicht siht. Bekommt mans zu Gesicht /
so ist es eine Furcht / die will / und darff doch nicht.
Ein stets unruher Geist / ein hoffen und ein harren /
ein Ertz-Betriegerin / der Klugen mehr / als Narren.
Ein bitter-süsses Kraut / ein wunder Hertzens-Dieb /
das ist das süsse Tun / das sonsten heist die Lieb.
Und wo sind Wörter gnug / sie völlig zu beschreiben?
wo diese Dichter-Kunst / die dennoch reich / wolt bleiben?
da mich die grosse Meng / ganz arm / an Worten macht /
indem sie selber mich / mit ihrem Lob / verlacht.
Weint sie / so wein ich mit. Wo soll ich Seufftzer nehmen /
die dieses Hertzens-Weh / und unerhörte Grämen /
zur Gnüge sprechen aus? Es ist ein Seelen-Tod /
vergraben in der Grufft / der falschen Hoffnung-Spott.
Sie ist ein Schaden-froh; ein Band betrübter Hertzen /
die Mutter des Betrugs; ein angenehmer Schmertzen /
Zerrüttung des Gemüts; ein Pfeil / der immer trifft /
ein Spiel / das sich verkehrt / ein Zucker-süsses Gift.
Die Quell des Unverstands; die Wurtzel alles Bösen.
ein bindender Gewalt / der leicht nicht ist zu lösen.
ein Herold falscher Lust; ein Dienst in Tyrannei;
Ein Myrrhen-bittres Froh; ein Kugel-rundes Frei.
Ein voller Laster-Wind; ein Trauren nach Behagen /
nach Lachen ein Geheul; vor jauchtzen / nach verzagen.
Ein bald-gewandtes Blat / ein Gallen-süsser Safft /
ein Jubel ohne Lust / ein Ratschluss ohne Krafft.
Ein helle Finsternuss / ein dunckel-helles Wesen /
ein Schlaff / doch ohne Schlaff; ein Buch / das oft zu lesen /
am meisten bei der Nacht / und unsrer Sinnen Liecht /
wann die Gedancken-Post die süsse Ruhe bricht.
Was mehr? sie ist ein Marck / die bittre Reu zu kauffen.
Ein ungebahnter Weg / ohn Ende durch zu lauffen:
ein Stachel überall / und eine Dornen-Bahn.
ein Stein-besätes Land / da man stöst immer an.
Ein stets-erneutes Leid / ein Sorgen-Werck der Schwachen /
dem Narren eine Lust / dem Klugen Schmertzen-Sachen /
Ein Blässlein voller Winds / so hinfleucht / wie ein Rauch
und wann man es ergreifft / zergeht es / wie ein Hauch.
Ein Kummer-voller Trost ist sie / und eine Bürde /
bald leicht / bald wid schwer; bald schand / bald eine Würde /
ein Lust-gestohlner Traum / und eine Schmertzen-Wach /
ja! dass ichs kurtz beschliess / ein lauters Weh und Ach.
Erotemitis hörete diesem eine Weile zu / und liess ihr die Erzehlung nicht übel
gefallen: doch merckete sie leicht / dass Polyphili Mund und Hertz nicht zusammen
stimme / sondern in der höchsten Brunst der Liebe / dieselbe zu schelten suche /
damit er nicht /durch deren Lob / oder Verteidigung / vor verliebt angesehen
werde. Deswegen sie ihm auch diese Freiheit gerne zuliess / und seine Rede in
allem billichte /ja so gar verstärckete / dass sie bejahete / es können die
Laster einer verderbten Liebe nicht gnugsam gescholten werden / ob schon alle
die Nahmen / damit wir sonsten das Böse zu benennen pflegen / auf einmal
zusammen gehäuffet / und dieser geschändeten Lust aufgeleget würden. Darum /
sprach sie ferner /ist das alles / obs etwas geredt / noch lang nicht gnug / was
ihr auch geredt. Ich meines Teils könnte hinzusetzen / dass sie sei eine
Eitelkeit / die belustige; eine Belustigung / die entfliehe; eine Flucht / die
betrübe; eine Betrübnuss / die erfreue; eine Freude / die verführe; eine
Verführung / die verderbe; ein Verderben / das erquicke; eine Erquickung / die
ertöde; ein Tod / der da lebe / und ein Leben / das immer sterbe. Andere / die
noch weiter sinnen / haben sie schon vor dem eine Bemüssigung der Müssigen /
einen Irrtum der Irrenden / einen Traum der Traumenden / und eine Wach der
Wachenden genennet / vielleicht die Unendlichkeit ihres Nahmens dadurch an
zudeuten. Je länger ich sinne / je mehr mir beifällt: Ich nennete sie vielmehr
eine Wache der Träumenden / und einen Traum der Wachenden. Ja ich setzte hinzu /
dass sie vor eine Hoffnung / die Betrüge; vor einen Wahn / der im Zweiffel stehe;
vor eine Ruh / die ermüdet; vor einen Verdruss / der uns beliebet; vor eine
Bezauberung / die verstellet; vor einen Irrgarten / der verwirret; vor einen
Frieden / daraus Krieg entstehen; und vor eine Treu / die wie leicht in Untreu
verstellet werden kann / zu halten. Sehen wir die mancherlei Sorten der Menschen
an / so kann sie einem unsichtbaren Soldaten nicht übel verglichen werden / der
die Männer mit dem Pfeil / die Weiber mit dem Brand / die Tier mit dem Bogen
bestreitet. Sie kann nicht unrecht einem freigebigen Geitzhalse verglichen werden
/ als die reichlich giebet / mit Wucher wieder einzunehmen. Einem sehend-blinden
/ der durch die leiblichen Augen / die Augen des Verstands verlieret Einem
betrüglichen Hoffmann / der alle / die sich anmelden /mit falscher Hoffnung zur
Gedult weiset: Einem einfältigen Klügling / der sich einer Blödigkeit anmasset /
seine Meuchel-List auszuwürcken: Einem verrähterischen Fuchsschwäntzer / der mit
guten Worten böse Werck auswürcket: Und endlich / einem gefährlichen Artzt /
welcher die Narren klug / die Klugen zu Narren machet.
    Polyphilus hörete dieser sinnlichen Rede eine gute Weil zu / und verwunderte
sich über den Verstand Erotemitis / welche diese Benahmungen dergestalt nach
einander hervor brachte / dass tausend geschworen hätten / sie hätte darauf
studieret: wie dann auch wohl glaublich war. Da sie aber noch weiter reden wollte
/ fiel ihr Polyphilus in die Wort / mit Vermelden / dass er zur Gnüge verstanden
/ was diese schandhafte Liebe vor Gift bei sich führe: verlange also auch zu
erfahren / was dann die lobwürdige Liebe vor Ehren-Titul führe / und wie diss
Bild auf jene zu ziehen.
    Diese betreffend / versetzte Erotemitis / ist sie so hoch zu rühmen / als
jene zu schänden: so hoch zu erheben / als jene zu stürtzen: so mächtig zu
lieben / als jene zu hassen: ja / so eiferig und brünstig zu verlangen / als
jene zu fliehen. Es wird aber auch selbige durch die Kindheit gedeutet / weil
sie nicht nur die Jugend erfrischet / sondern so gar auch das Alter verjünget /
und gleich denen holdselig-beliebten Kindern /bei männiglich angenehm machet.
Die Blösse zeigt die natürliche Schönheit / welche keiner Bedeckung benötiget
/ weil sie keinen Mangel zu verbergen: oder auch / dass unter den Verliebten /
nichts heimlich soll gehalten werden / sondern einer dem andern /auch die
allerinnerste Hertzens-Gedancken eröffnen. Die Flügel bemercken die hohen
Gedancken / die sich oft über alle Himmel / ja / wohl gar über tausenderlei
Unmüglichkeiten schwingen: Die Blindheit / einen solchen Sinn / der von allen
andern abgewendet / der Geliebten sich allein traue / und durch keine fremde
Schönheit / sich blenden lasse: Der Brand oder Feuer-Köcher entzündet die
liebliche und löbliche Gedancken / welche auf nichts anderst gerichtet / als
Verstand und Tugend. Der Waffen aber gebrauchet sich die Liebe wider ihre
Verächter / als die / wegen ihres Hochmuts und Widerwillens billich zu straffen
/indem sie sich der gebührlichen und fast nötigen Lust entziehen / bloss darum /
dass sie bei männiglich ein lieb-befreites Leben rühmen können: Oder auch wider
ihre Beschuldiger / die sie bald einer Tyrannei /bald wider / als unbeständig /
auch wohl gar eines Betrugs anklagen: welche sie in Warheit nicht so gar
ungestraffet ausgehen lässt. Diese ist einig die belobte und ruhmwürdige Lieb /
welche von der Vernunft regieret / ihren Fuss auf den Grund der innerlichen
Schönheit gesetzet / die nicht mit den Zähnen wurmstichig / mit den Haaren greiss
/ mit der Stirn geruntzet / mit den Wangen bleich / mit den Augen trieffend /
mit den Kräfften schwach / und mit dem Alter kraftlos wird: sondern je frischer
/ je länger sie dauret; je gesünder / je matter das Hertz; je schöner / je
verruntzelter der Leib. Sie ist lieblich / von Anfang /biss zu End: ohne End
herrlich / nützlich und mächtig zu allen Zeiten. Sie achtet nicht den Reichtum:
sie fürchtet nicht die Armut: sie ehret keinen König; verachtet nicht den
Geringern / befördert das Gute /hintertreibet das Böse; verdienet keine Straff /
und förchtet doch keinen Tod. Sie ist beständig / und lässet sich nicht
vertreiben / sie scheuet kein Feuer / und förchtet nicht die Wasser. Sie achtet
keinen Degen /und fliehet nicht die wilden Tier. Ihren Vorsatz kann weder die
Hoffnung bessers Glücks / noch einiger Verlust der Wolfahrt zerstören. Was
andere meiden /das verachtet sie; und was andern schwer düncket /das ist ihr
Kinderspiel. Sie schwimmet durch die Tieffe des Meers / segelt im Ungewitter /
achtet nicht der Lebens-Gefahr / und bestreitet die Fluten. Sie gewinnet die
Felsen / durchsuchet die Wildnussen / und klettert über alle Berge; und diss
alles aus einem Mut der Tugend und Verlangen der Künste. Sie ist eine
Dienstbarkeit / aber so frei und angenehm / dass ihr alle Freiheit aufzuopffern /
weil allein in ihr ein freies Leben zu finden. Sie herschet über alle Furcht und
Noht; erhält ihre Freiheit unbeleidiget. Daher sie auch nur von edlen Gemütern
/ und nicht mit Aufwarten / Flehen / Weinen und Fussfallen will bedienet werden.
Dann sie beherrschet nicht Knechtische Hertzen. Sie wird geführet von der
Vernunft / welche denen äusserlichen Sinnen / sonderlich den Augen /als denen
unachtsamen und verführten Türhütern /welche zum öfftern allerhand falsche
Meinungen zu dem Gemüte einlassen / einen Zaum anleget / den Mut bricht / und
durch ihren Verstand von der äusserlichen Schöne / auf die innerliche / welche
allein der Ursprung ist derselben / leitet. Sie hält die Begierde gefangen / und
gestattet der Liebe freien Pass: weil diese auf die Schönheit / jene aber auf die
Wollust gegründet. Sie hat allentalben Ober-Hand / allen zu gebieten / niemand
zu dienen. Was sie bestricken will /kann sie mit der Schärffe einen freien
Entschliessung von sich stossen / und was ihr entgehen will / kann sie mit dem
Zaum der Vernunft anhalten. Sie hält dem Glücke die Waag / und gebietet dem
Ungestümm der Zeiten. Sie bereichert den Segen / und verwehret den Schaden. Sie
pflantzet den Frieden / und rottet aus die Uneinigkeit. Sie vergnüget die Sinne
/ und leeret die Begierde. Sie machet verständig / und verbindet die Torheit.
Sie ist nutzlich / und bringt kein Verderben. Sie tröstet im Leiden / und
vermehret die Freud. Sie lachet der Sorgen / und widerstehet dem Unglück. Sie
bindet die Hertzen / und stürtzet den Widerwillen. Sie machet reich / und
vertreibet die Armut. Ja / was soll ich mehr sagen? Sie ist eine Gebährerin des
Guten / eine Zerstörerin des Bösen. Dem Leidenden ein Trost; dem Freudigen eine
Liebe: dem Schwachen eine Starcke / und dem Starcken eine Freude. Dem Hungerigen
eine Ersättigung / und dem Ersättigten eine Lust. Eine Ergötzung der Betrübten /
den frölichen Gewissen eine Ruh. Und mit einem Wort / eine solche Liebe / da
zwei Hertzen / durch Vernunft und Tugend / verbunden sind / ist ein Himmelreich
voll Freuden und Vergnügung. Da ist kein Leid / weil kein Schaden vorhanden.
Kein Mangel / weil sie gnug haben / wann sie sich haben. Kein Verlangen / weil
sie mit ihnen selber vergnüget. Keine Forcht / weil sie sicher lieben. Keine
Unruh / weil sie sich nicht verstören lassen. Kein Misstrauen / weil sie einerlei
Hertz / in zweien Leibern / tragen. Kein Wandel /weil sie auf dem unbeweglichen
Tugend-Felsen bestehen. Keine Feindschaft / weil ihr Hertz einig / und mit dem
Band der Liebe verknüpffet ist. Auch kein Misstrauen / weil all ihr Sinnen ein
Sinnen / ihr Wollen ein Wollen / ihr Wünschen ein Wünschen / ihr Reden ein Reden
/ ihr Taten ein Taten ist. Kürtzer zu fassen / diese Liebe / so aus der
Zufriedenheit und Einigkeit gewürcket / ist das Band und Pfand einer
glückseligen Ehe. Diese kann nicht anderst bestehen /als wann die Zuneigung / so
wohl an einem / als anderm Teil / sich aus der Tugend / nach der Tugend sehnet.
Ziehet man aber ein Band / mit gleichen Kräfften / an beiden Enden / wie mag es
härter gebunden und verknüpffet werden? das ists geredt / Verstand und Tugend
ist die innerliche Schönheit / welche einen derselben Liebhaber / mit solcher
Vergnüglichkeit / in die Liebe führet / dass er getreu und beständig / nicht nur
erfreuter Weise lieben kann / sondern auch in Ewigkeit nicht wancken / sollten
gleich alle Unglück und Widerwertigkeit auf ihn zustürmen. Nicht durch Mangel an
Geld und Gut: dann ihre Liebe ist nicht darauf gebauet. Nicht durch Verlust der
Ehren / dann ihre Liebe hat solche nie verlanget /viel weniger gehoffet. Nicht
durch die hinfallende Schönheit: dann diese achtet sie nicht. Auch nicht durch
Mangel anderer Gegen-Liebe / die auch auf solche äusserliche Eitelkeiten
gebauet: dann dadurch wird sie viel mehr gestärcket / weil ihre Werbung bloss
eine solche Gegen-Gunst verlanget / die ausser Gold und Ehr / auch vergänglicher
Schönheit / einig durch Tugend und Verstand erworben / und erhalten wird. Und
das darum / weil sie weiss / dass ein solche Neigung / so das Laster des Geitzes
oder der Ehrsucht zu sich ziehet / nachgehender Zeit mercklich pflege zu
erkalten; desgleichen auch die Brunst / welche durch die geschmückte Schönheit
entzündet: diese aber /welche sich auf die Schönheit des Verstands / und den
Reichtum der Tugend beziehe / werde mit zuwachsenden Jahren / auch vielmehr
zu-als abnehmen. Wo aber die Liebe nicht aus dieser Wurtzel entsprossen /da ist
der Ehstand mehr eine Viehische Wollust / und ein beharrlicher Verdruss / als ein
alltägliches Wohlleben der Verliebten zu nennen. Hingegen / wann selbige auf
diesen Grund erbauet ist / da ist / biss in die Grube / Fried und Glück / auch
unter denen / die ungleiches Alters / ja ungleicher Stände sind. Es kann das
erbleichte Alter die Tugend nicht schänden / viel minder die graue Haar den
Verstand zernichten. Und ist die blosse Unmüglichkeit / dass die Person nicht
angenehm und lieblich sei / welche mit solchen Gaben gezieret / die dem einig
gefallen / der sie lieben soll. Ja /es ist unmüglich / dass die Person nicht auch
im höchsten Alter schön sei / und lieb-würdig / welche die Tugend zieret / und
der Verstand krönet / oder zum wenigsten so schön / dass man sie nicht hesslich
nennen könne. Und muss auf solche Art auch die aller älteste der Jüngste lieben /
wann er anderst Tugend liebt. Dann gleichwie ein Mensch / der einen Verstand hat
/ nicht das Gemähl / sondern die Kunst; nicht die Pflantze / sondern die Frucht;
nicht die Blume / sondern den Geruch; nicht die Nuss / sondern den Kern / und den
Spiegel wegen des Gegen-Bildes liebt und hoch hält: also auch der Verstand- und
Tugend-liebende / will er anderst diesen herrlichen Namen nicht verlieren /
rühmet und liebt / so wohl in einer äusserlich schönen / als nicht so schönen;
nicht die Gestalt / nicht das Gemähl / nicht den Spiegel: sondern die verborgene
Schönheit des Gemüts / und in dem Gemüt die Schönheit dessen / von dem sie
hergerühret / nämlich / die Frucht der Tugend / und den Kern des Verstands. Und
so beschaffene Liebe /ist die rechte treue und beständige Liebe; die eifert
nicht / suchet nicht eigenen Nutzen / treibet nicht Mutwillen / ist nicht
verführisch / dultet alles / ist freundlich / erträglich / woltätig /
sanftmütig / nicht murrisch / nicht frech / nicht unersättlich / und mit einem
Wort / eine beständige Gefälligkeit: wie im Gegen-Satz die Liebe anderer
zufälligen und hinfälligen Sachen / eine beständige Missfälligkeit mit gutem
Recht kann genennet werden.
    Was hätte Polyphilum mehr befriedigen können /als dieser Unterricht? mit
Verwunderung sah er die Erotemitis an / weil er solche Weissheit nicht in ihr
gesuchet: hätte auch gern länger zugehöret / wann sie nicht der Zeit vor dissmal
gehorsamen müssen / welche wider ihr Verhoffen dahin floss. Deswegen dann
Erotemitis selbst abbrechen / und folgend / aber mit kurtzen Worten / die zwei
andere Bildnussen zu erklären folgender Art fortfahren musste: Wann wir nun
/edler Polyphile! diss Kind / durch die rechtschaffene tugend-werbende Liebe /
deuten / und durch unsre Begierde verlangen / wird solcher unser Gewinn / von
der Treu und Beständigkeit aller Orten begleitet: welches diese Bildnussen
anzeigen / durch welche zu der Rechten die Treu / zu der Lincken aber die
Beständigkeit vorgezeiget wird. Dann die weisse Kleidung /deutet ein
aufrichtiges Hertz; das Siegel / ist das Zeichen der Geheimnus und
Verschwiegenheit; der Hund / welcher nach dem Zeugnus der Natur-kündiger / das
getreueste Tier ist / die unverruckte Beharrlichkeit und treue Aufsicht. Der
Jüngling aber zur Lincken bewähret die grünende Tugend / die er mit entblöster
Stirn bekennet / und in einem eröffneten Hertzen zeigt / auch endlich durch den
groben Kittel / in der Tat erweiset / wie die Inschrifften selber lehren / und
ich nicht völliger anjetzo erklären kann /mit welchem Wort sie Abschied nahm /
und nach empfangenem Gegen-Danck / sich wieder zu der Königin verfügte.
                                 Vierter Absatz
   Beschreibet / was sich ferner / in dem Liebes-Tempel / mit der Königin und
 Polyphilo /begeben: beantwortet etzliche Liebes-Fragen / die ihre Lehr-Puncten
                                selber zeigen.
Polyphilus / der nicht wusste / was er dabei gedenken solle / dass sie ihn schon
verlasse / da er doch / vor seinen Augen / noch viel zu sehen hätte / vergass
bald alles dessen / und gedachte seinen Vorteil zu ersehen / der Tafeln / die
von Macarien etwas neues melden würden / ansichtig zu werden: aber vergebens.
Dann da er kaum auf den Weg getretten / der ihn dortin geführet hätte / wurde
er von der Königin zu ruck geruffen / und erinnert / dass er diesen Weg noch
nicht gehen dörffe / er habe dann ein mehrers gesehen. Deswegen sie ihn selber /
was noch übrig / kürtzer zu zeigen / mit sich / in den untern Teil des Tempels
führete.
    Im Durchgehen / ward er an den Teppichen / damit dieser Tempel umhänget /
etzlicher schöner Historien gewahr / die mit Gold und Perlen so künstlich
gebildet waren / dass Polyphilus leicht ermessen konnte / es müsten die
liebhabende Göttinnen ihr Meisterstück daran verbracht haben. Unter andern
vielen waren mercklich zu vernehmen die Liebes-Geschicht des schönen Jünglings
Narcissi / welcher von fast allen Nimfen / wegen seiner Schöne; sonderlich aber
der Echo geliebt / die / weil sie seiner nicht geniessen können / von grossen
Schmertzen / in einen nichtigen Widerhall verwandelt: Er aber / durch seine
eigene Liebe / die ihm die Schöne seines Antlitzes / in einem Brunnen / auf der
Jagt / erwecket / zur Straff gleichsam versieget / biss sich endlich die andern
Nimfen über ihn erbarmet / und ihn in eine Blume verwandelt. Diesem folgte die
Liebs-Geschicht Adonis / des Königs in Cypern Sohn / dessen schöne Gestalt von
der verliebten Venus so brünstig verlanget worden / dass /nachdem er noch in der
Blüte seiner Jahre / auf der Jagt / von einem wilden Schwein zerrissen wurde /
sie ihn nicht nur hertzlich und schmertzlich beweinet; sondern auch / ihr
beklagtes Mitleiden zu bezeugen /in eine Purpur-Blum verwandelt / und ihm zu
Ehren /jährliche Trauer-Fest halten lassen. Uber das war die Histori der schönen
Helena zu sehen / allermassen wie sie Homerus beschrieben; dann die
Verwandlungen und Liebes-Geschichte / wie sie / nach der Länge / vom Ovidio
erzählt werden: die allhier zu wiederholen mehr vedriesslich / als annehmlich
ist.
    Endlich kamen sie / hinter einer Deck / in eine Höle / da anfangs nichts /
denn ein lauters Wasser zu sehen war / welches sich gegen ihnen / wie ein Berg
auflehnete / dass sie trucken hindurch giengen. Von dannen befunden sie sich in
einer fast kühlen Grotte /allwo drei Bildnussen aufgehänget waren / die so schön
/ dass Polyphilus dergleichen nicht bald gesehen. Diese zeigte ihm die Königin /
mit Vermelden /dass er von selbigen die Liebes-Kunst lernen werde. Dass / sprach
sie / diese drei sind die / in aller Welt berühmteste / Liebhaberinnen gewesen /
und haben männiglich / mit ihrer Kunst / verführet: dazu ihre schöne und
wolgebildete Gestalt des ganzen Leibes /nicht wenig geholffen / indem sie / wie
ihr sehet /nicht nur von schönem Angesicht sind / sondern auch einer herrlichen
Statur / breiter Stirn / hoher Brust /kleiner weichen und länglichten Hände /
damit sie über das künstlich und lieblich kunten auf Saiten spielen / und
anmuhtig singen: waren zierlich gekleidet / verschmitzt in Lieben / und lustig
in Geberden. Von diesen dreien berichten die Historien / dass sie nie keiner
gesehen / der sie nicht geliebt / auch nie keiner geliebt / der sie verlassen.
Wer sich einmal in sie verliebt / musste aus dem freien Willen einen Zwang der
Nohtwendigkeit machen. Daher rühret /dass ihnen / nach ihrem Tode / viel Seulen
sind gesetzet / und herrliche Gedächtnussen aufgerichtet worden. Diese erste
(sprach Atychintida / und deutete mit dem Finger auf das fördere Bild) welche
Lamia geheissen / hat gelebt zur Zeit des Königs Antigoni / dessen Sohn
Demetrius sie hertzlich und brünstig geliebt; ja sich dermassen in ihrer Lieb
vertieffet / dass er mehr einem Narren als einem Buhlen gleich war. Diese andere
/ Namens Layda / war bürtig aus der Insul Bitrita / so an Griechen-Land stöst /
eines Hohenpriesters / in der Kirchen Apollinis / zu Delphis / Tochter. Diese
lebte zu den Zeiten des berühmten Königs Pyrrhi / der sie auch übernatürlich
geliebt / und in allen Feldschlachten mit herum geführet. Von dieser schreiben
die Historien / was man sonst niemaln von einigem Weibsbilde gelesen / nämlich /
dass sie keinem Mann / der ihr gedienet / habe jemaln Lieb erzeiget: hernach auch
/ dass sie niemals von einigem Mann /der sie erkennet / und seine eintzele Lust
mit ihr vollbracht / sei gehasset worden. Die dritte / Flora genannt / war aus
der Stadt Nola / in Campania / bürtig / von des Fabii Metelli Geschlecht / so
die erste Burgermeister zu Rom / und gewaltige Herren gewest. Sie hat gelebt zur
Zeit des ersten Kriegs in Africa / als der Burgermeister Mamillus / vor der
Stadt Cartago lag. Derselbe verzehrte mehr Geld mit Flora / dann gegen seinen
Feinden in Africa.
    Als Atychintida dieses erwähnte / streckte sie ihre Hand aus / nach der
ersten Tafel / und zog hinter derselben ein aufgerolltes Papier herhor / darauf
folgende Wort verfasset / die sie Polyphilo zu lesen gab:
    Demetrius gab seiner Liebsten / Lamia / folgende Fragen zu beantworten:
I. Durch was Mittel man am allerleichtesten ein Weib gewinnen könne:
II. Aus was Ursachen sich die Liebe / unter zweien Personen / am ersten
    zerschlage:
III. Was das Hertz eines Verliebten am meisten kümmere:
                       Lamia beantwortet dieselben also:
I. Nicht ehe wird ein Weibes-Bild gewonnen / als wann man sie treulich meint;
    viel um sie leidet; und bescheiden ist in seinem Reden.
II. Die Liebe erkaltet nicht eher / als wann der Liebhaber zu brünstig ist im
    Lieben; und die Liebhaberin zu unverschämt im Begehren.
III. Nichts mehr kümmert das Hertz eines Verliebten / als wann er nicht kann
    erlangen / was er begehret; und dass er förchtet / er verliere das jenige /
    was er geneust.
Indessen Polyphilus diss durchsah / zog die Königin /unter dem andern Bild / noch
einen Zettel hervor /welchen Polyphilus dieses Innhalts befand:
                        Layda wurde gefragt von Pyrrho:
I. Wie man eine rechte Lieb erkenne:
II. Ob man zwei auf einmal lieben könne:
III. Wie man eine Geliebte gewinne / die sich nicht wolle erbitten lassen:
                          Darauf antwortete dieselbe:
I. Eine rechte Liebe wird erkennet / durch ein / bei dem Liebhaber / unruhiges
    Hertz; unvergnügtes Verlangen; immerfürchtende Hoffnung; Verachtung aller
    Gefahr und Hindernus; Leiden; Gedult; Verschwiegenheit; und endlich das
    betrübte Scheiden.
Da Polyphilus diss lase / fehlte nicht viel / seine Tränen hätten die Schrifft
genetzet / weil er eben an Macarien gedachte / und deswegen mit tieffen
Seufftzern anfieng: Ach wohl freilich! dann zu der Zeit verstummet / der Mund /
und mussten die Augen reden / durch der gehäufften Zähren Flut: das Hertz aber
leiden / in der Pein der erhitzen Seufftzer. Inzwischen lass Polyphilus ferner:
II. Zwei auf einmal zu lieben / ist nichts unmügliches / eine in Augen; die
    ander im Hertzen.
Dessen hätte Polyphilus gerne eine deutlichere Erklärung gehabt: allein die
    Königin entschuldigte sich / dass es ein gefährlich Werck sei / welches sie
    nicht gern auf sich nehme. Doch so viel sie ihr zu behaupten getraue /
    glaube sie / dass man eine / wegen der äusserlichen Schönheit lieben könne;
    welches hie die Augen-Liebe genennet: eine andere aber / wegen der
    innerlichen / welche mit der Hertzens- Liebe geliebt werde.
III. Die dritte Frag: wie man eine Widersinnige gewinne?
                               Wurde beantwortet:
Dass sie mit Gedult zu erwarten; und nicht zu verlassen; viel weniger halssstarrig
zu bestreiten: weil dergleichen Gemüter zart im Lieben; grimmig aber im Hassen
sein.
Als auch dieses verlesen / reichete die Königin den dritten dar / dieses
Innhalts: Flora sollte erraten:
I. Womit die Bitterkeit der Liebe zu versüssen:
Sie riet: Mit Hoffnung und Gedult.
II. Was das beste Mittel sei / wider den Anfall der Lieb:
Sie riet: Die Gelegenheit meiden.
III. Wodurch die Liebe am sichersten ernehret / am reichlichsten vermehret / und
    am erträglichsten geehret werde:
Sie riet: Wann man die gar zu grosse Gemeinschaft fliehet. Dann / je weniger
    das Auge geniesst / je mehr dem Hertzen verlanget; und doch ohne
    verzehrende Qual.
IV. Welches die stärckeste Liebe sei:
Sie riet: Die auf der Gleichheit bestehet.
Darüber fieng Polyphilus an: alles glaub ich / und alles will ich billichen /
aber diss letzte zu glauben /wird mich niemals ein Mensch überreden / viel
weniger zu billichen. Ich sage vielmehr aus dem Grund /den mir Erotemitis
gewiesen / dass die stärckeste Liebe auf der Ungleichheit bestehe. Dann die
Jugend ist in ihrer Jugend unbedacht / und gebens die gemeinste Exempel / dass
sie nicht so wohl durch die innerliche Tugend-als äusserliche Gestalts-Schönheit
zur Liebe bewogen werde: welches bei der Ungleich heit nicht zu beförchten. Dann
ein Wittwer / zum Exempel / der eine Jungfrau liebt / wird / in Warheit /nicht
so wohl auf blosse Schönheit / als Tugend und Verstand sehen / dass er ihm eine
erwerbe / die seinem Hause wohl fürstehe. Eine Wittwe / welche entweder durch
gehabte gute Ehe / in eine Forcht; oder böse / in eine Vorsichtigkeit wird
gebracht sein / dencket hinwieder entweder ihren Freuden-Stand fortzusetzen
/oder auch ihren Unglücks-Stand zu verbessern; und daher lässet sie sich keine
äusserliche Lust und Schöne verführen / sondern erwählet die Tugend und den
Verstand. Ist nun ein Teil wohl gegründet / und mit solchen Gaben versehen /
wird auch der andere durch diesen verbessert / und zu der rechtschaffenen
Tugend-Liebe geführet werden: diese aber ist die beständigste.
    Polyphilus hätte gern sein und seiner Macarien eigen Exempel angeführet /
welches den grössesten Beweis geben können / aber es wollte sich nicht schicken.
Atychintida aber / die Königin / als sie Polyphilum so reden hörte / und merckte
/ dass er denen Witwen / vor den Jungfern / gewogen wäre / fieng sie an: So
wollet ihr / Polyphile! gewiss behaupten / dass die Ehe und Liebe viel sicherer
und bequemer mit denen Witwen / als Jungfräulichen Geschlecht / anzufangen und
einzugehen / welches doch / wider aller Gelehrten und Weisen Spruch und Aussag /
geredt wäre.
    Und wann es / fieng Polyphilus an / wider der ganzen Welt Schluss lieffe /
wäre mir doch leichter demselben zu widersprechen / und umzustossen / als die
Warheit zu läugnen. Besehet selber / fuhr er fort /Holdseligste Königin! was
Flecken der Liebe / so die Jugend führet / anhangen: und was vor Seulen die
Neigung unterstützen / welche in der Ungleichheit der Liebenden / entweder der
ältere zu dem Jüngern / oder dieser zu jenem trägt. Wann nichts wäre / als einig
der vorgesetzte Beweis / wollte ich durch den gnug behaupten. Ich setze aber
hinzu / dass eine solche Liebe / so auf der Ungleichheit bestehet / viel
brünstiger und mehr befestet ist / als welche die Gleichheit trifft. Dann das
ist je wahr / eine Liebe ohne Furcht /ist keine Liebe. Wann das Hertz brennet /
und darff sich nach seinem Gefallen löschen / wird es bald erkaltet: wo aber
immer ein Füncklein hangen bleibet /da glimmet die Liebe von neuem. Gar zu
grosse Gemeinschaft gebieret Verachtung: Gleichheit aber ist die Ernehrerin der
Gemeinschaft: daher komts eben /dass die in der Gleichheit lieben / oft in
grosse Verachtung / und dannenhero auch in feindseligen Hass geraten: wo aber
die Sinne etwas solches lieben / das sie höher achten / als sich selbst / das
lieben sie nicht nur allein / sondern ehren auch dasselbe; und indem sie es
ehren / müssen sie sich auch vor dem fürchten. Und die Furcht ist gar eine
angenehme liebreiche Furcht. Nun schliess ich so: was ich fürchten muss /dass muss
ich notwendig lieben; solls anders eine angenehme Furcht genennet werden: was
ich ehren muss / muss ich wieder notwendig lieben: weil diss müssen nicht
gezwungen / sondern freiwillig erwählet ist Was ich aber mit Ehr und Furcht
liebe / das darff ich mir nicht zu gemein machen / sondern solt gleich die Liebe
auf den höchsten Grad tretten wollen / wird sie alsbald von der Furcht zu ruck
gehalten. Mache ich mich nicht zu gemein / hab ich keine Verachtung /weder auf
dieser / noch auf jener Seite zu förchten: und ohne Verachtung ist kein Hass.
Endlich folget /dass / weil die Liebe / in der Furcht / nie gesättiget wird / kann
sie auch nie erleschen / sondern blühet und brennet immer fort / und kann doch
nicht verblühen. Das aber ist die brünstige / beständige Liebe.
    Nun müssen wir das auf eine Witwe / zum Exempel / ziehen / werden wir alles
mit hellen Augen sehen. Diese / so fern sie von einem / der sich ihr nicht
gleichet / das ist / von einem jüngern geliebt wird / hat sie ihren Liebhaber /
nicht nur in die Liebe / sondern auch in die Furcht geführet. Denn ihr höhers
Alter ist von dem jüngern billich zu ehren: ihre vollkommenere
Tugend-Verrichtungen sind von der unvollkommenen Jugend gebührlich zu
verwundern: ihr geübter Verstand / und besser erfahrne Haus-Bestellung / auch /
in vielen Glücks- und Unglücks-Ständen / schon probirte Klugheit und Frömmigkeit
/ist schuldiger massen / von der noch unerfahrnen Jugend / hochzuhalten: ich
rede aber von einer verständigen erbarn Matron / die nicht lebendig tod ist. Wie
nun diss alles der Geliebten bei ihrem Liebenden ein Ansehen / teils dem
Liebenden gegen der Geliebten eine Forcht gebieret; also wird die Liebe /
oberzehlter massen / immer fort und fort gestärcket bei dem Liebenden: Die
Geliebte aber / indem sie mercket / dass ihr die gebührende Ehr nicht geraubet /
sondern durch ihre Tugend bedienet / durch ihren Verstand hoch und wert
gehalten werde / muss / mit einer gleich-gültigen Gegen-Liebe / diese Liebe
stärcken: mit Ehre / die sie dem Liebenden / als ihrem Haupt / schuldig ist: mit
Furcht / dass die Bescheidenheit nicht in Widerwillen und Verdruss verwandelt
werde: mit Liebe / als welchem sie ihr Hertz vertrauet. Und das ist dann eine
rechtbrünstige Liebe. Uber das kommet noch hinzu das Vertrauen / welches keine
geringe Entzündung würcket. Dann wann beiderseits / die Tugend geehret und der
Verstand geliebt wird / können sie sich auch beiderseits auf solche Tugend und
Verstand verlassen. Welches Vertrauen dann nichts anders ist / als die
Zufriedenheit / so die immerglimmende Liebe würcket.
    Atychintida hörte diesem Gespräch / nicht ohne sondere Belustigung zu / weil
sie aber ganz Widersinnes war / gedachte sie / ihn zu fragen / und sprach: So
folget / Polyphile! dass der Liebende der Geliebten Diener sein müsse: da doch
die Götter selber / eine widrige Ordnung gemacht. Der Dienst / fieng
Polyphilus an / ist gar angenehm / und so beschaffen / dass er mehr einer
Herrschaft gleiche. Zwar / fuhr er weiter fort / billige ich nicht / dass manche
/ durch die nichtige Liebe / sich so weit führen lassen / dass sie dienen / da
sie herrschen sollten: gleichwol aber kann ich das auch nicht vor Unrecht
erkennen / dass der /welcher mit höherm Verstand und herrlichern Tugenden
bereichert ist / herrsche über den / der dessen Mangel trägt. Doch ist dieser
Dienst nicht hinderlich der Oberherrlichkeit so ein Mann in seinem Hause haben
soll / sondern viel mehr beförderlich. Er ist auch kein Dienst zu nennen:
sondern eine Folge; und wird die Geliebte / Krafft ihrer Tugend / den Befehl und
die Herrschaft so führen / dass sie mehr eine freundliche Erinnerung / als ein
Befehl / zu nennen. Daher ich erst neulichst / nicht ohne freiwilliges
Guteissen / folgendes Sonnet gelesen / so ein Tugend-verliebter / an
dergleichen Geliebten / abgehen lassen / die ihn einen Herrn genennet:
Wie schickt sich aber das? Soll ich noch Herre heissen /
da ich nur Knecht will sein? nicht so / der treue Dienst
verbleibet eigen mir: und wie du herrlich schienst /
als ich mich dir ergab; so kann auch keiner reissen
Die Herrlichkeit von dir: du must nun ewig gleissen /
auf deinem Herrschafts-Tron: ich dir zu Füssen stehn /
und leben deiner Gnad: in allen Dingen sehn /
auf das / was du befiehlst: doch wilt du dich befleissen
zuletzt der treuen Dienst / mit einem Herren-Lohn
mir zu erwiedern selbst: wilt du die Ehren-Cron
mir willig setzen auf: so / dass ich soll befehlen /
und du willt folgen mir: so liebe wieder mich /
wie ich dich brünstig lieb; doch nein / ich bitte dich /
du wollest / Herrscherin! mich deinen Knecht erwählen.
Auf diss fieng die Königin an: das ist wohl etwas geredt: aber gleichwol meine ich
/ dass / so fern ein Liebhabender Jüngling selbst auch mit Verstand und Tugend
begabet ist / es besser sei / eine in allen noch unerfahrne Jungfrau zu lieben /
die er gleich einem Wachs / nach seinem Sinn und Willen / richten und ziehen
kann: als eine Wittwe / deren gefasste Gewonheit / ihr entweder gar nicht
abzubringen / oder ja mit gedoppelter Mühe. Gedoppelter / sage ich: indem sie
nämlich einmal die ihm missfällige Sitten / so sie bei ihrem vorigen Liebsten
gewohnet / lassen: hernach aber sich gleichsam verneuen / und diese hingegen
annehmen muss. Dann sehr schwerlich ists zu glauben und zu hoffen / dass der Sinn
/ des Gegenwärtigen /sich gleiche mit dem / was der erste gewolt. Muss also
dieser entweder seine Sinnen ändern / und sich in der Liebsten Sinn schicken;
welches mehr als ein Knechtisches Joch wäre: oder muss sich mit ihrer Veränderung
plagen; welches allerhand Widerwertigkeit würcket: oder muss im steten Wider-Sinn
leben / da lauter Unruh / aber kein Fried zu hoffen.
    Polyphilus stellte sich / als wüste er nicht viel zu antworten / fieng aber
bald darauf an; Verständige Königin! was anlanget einen verständigen Jüngling
/ist solches eher zu wünschen / als zu hoffen. Wie kann ein Verstand sein / da
keine Erfahrenheit ist? Zwar will ich solchen nicht gar läugnen: aber doch
bleibet das geschlossen / dass eine verständige Witwe / die selber alles schon
erfahren / vor verständiger zu halten sei / als ein unerfahrner Jüngling. Doch
sei es / es werden dergleichen gefunden / sollte ein solcher nicht besser tun /
dass er seinen Verstand mit der Tugend der Liebsten stärcke und mehre / als
denselben an einem Unverstand verderbe. Wie viel sind dessen Exempel / dass auf
solche Art / auch ein verständiger Mann verdorben? Und sollte ja seine Zucht wohl
anschlagen / ists doch sicherer / wo keiner solchen Zucht von nöten. So bleibet
das in alle Ewigkeit wahr / wo Tugend zu Tugend / Verstand zu Verstand kommen;
oder wo beides verdoppelt wird / da wird der Hauffen desto grösser. Man möchte
einwerffen /dass man auch verständige und Tugendsame Jungfern finde: das ich
nicht läugne / aber eine Wittwe ist / in diesem Fall / vorzuziehen / und nicht
so gefährlich zu erwarten. Was sie aber / Holdselige Königin! zu letzt
angehänget / dass eine Wittwe ihre Gewonheit nicht leicht ablege / und was sie
bei ihrem Liebsten erlernet / / nicht bald vergesse; darauf darff ich nicht
antworten / wann ich diesen Grund vor-gebauet habe /dass sie verständig und
Tugendhaft sei: von keiner andern gilt der Schuss. Dann hat sie einen
Tugend-verständigen vor dem geliebt / wird sie auch keinen andern Wandel
führen: fehlet es dann / dass sie von einem Unwürdigen ist beherrschet worden /
weiss ich dennoch / dass die Tugend eine solche Art hat / die sich von keiner
Macht zum Bösen zwingen / oder auch / durch Befehl / verleiten lässet. Mit einem
Wort / ist und bleibet das geschlossen / eine Tugend-gezierte und verständige
Wittwe ist weit höher und besser zu schätzen / dann ein ganz Jungfräuliches
Geschlecht / das nur zur Uppigkeit und vergänglichen Lust geneigt / nicht auf
Tugend und Verstand ihren Sinn richtet / sondern das liebt / was sie nach
diesem härter betrüben kann.
    Atychintida hielte dem allen starcke Widerrede /führete die beförchtende
schädliche Zufälle an / und versetzte / dass / wann gleich alles / was Polyphilus
von der Tugend erwiesen / in güldener Warheit bleibe / dennoch viel Ungemach bei
einer Wittwe zu erwarten; dann einmal / so fern dieselbe gutes Vermögens /
entweder von sich selbst / oder ihrem vorigen Liebsten / wäre so viel Hochmut
zu fürchten / als Pfenning in dem Kasten: wäre sie dann widriges Falls in das
Register der Dürfftigen gezeichnet / dörffte man sich auch geringer Freude
versichern. Zu deme noch das allergrösseste käme / die Menge der unerzogenen
Kinder / so etwa vorhanden wären / diese verursachten Zanck / wegen der Zucht /
Hass wegen der Einteilung der Güter / Widerwillen wegen der abgeneigten Liebe /
und so fort an. Daher endlich folgete /dass / so fern eine solche Widerwertigkeit
entstünde /beider Hertzen abgewendet / und an fremde Ort gelencket werde; teils
sie / die ohne Zweiffel von ihrer erstgeführten glücklichen Ehe viel rühmen
würde /und jenen diesem vorziehen; welches dann die Wurtzel ist der Uneinigkeit;
teils auch er selber / wann er mercket / dass ihr Hertz noch mehr an dem
Verstorbenen / als ihm hänge / werde er auch gleichsam mit verführet / dass er
seine Sinnen anderwerts lencke /und aus den Schrancken der gebührenden Zucht
trette.
    Polyphilus / fast erhitzet / führete kurtze / aber strenge Wort / sprechend:
wann ich so schliessen wollte / will ich bald erweisen / dass nicht nur keine
Witwe / sondern gar kein Weibsbild / sie sei Jungfrau / oder was sie wolle / zu
heiraten. Dann ist sie reich / so will sie herrschen / ist sie arm / so wächst
der Mangel; ist sie schön / wird sie verführet; ist sie hesslich / ist alle
Freude todt. Aber das heisset nicht von einem verständigen Tugend-Paar
geschlossen. Anlangend auch die Kinder / wird hoffentlich die Frucht nach dem
Stamm geraten / dass sie mehr erfreuen / / als betrüben. So achtet auch ein
Tugend-liebendes Hertz keinen Vorteil oder Reichtum: sondern ist zu frieden /
wann er seine Geliebten / die ihm mit gebührender Ehr begegnen / und vor ihren
Schutz annehmen und halten / mit seiner Hand nehre / und mit seinem Arm bewahre.
Hat sie demnach / Holdselige Königin! in diesem Fall / gar unrecht geschlossen;
dann Reichtum achtet ein Tugend-begieriger so viel /als nichts.
    Atychintida erkennete den Fehler / fieng gleichwol wieder an / einen andern
/ und / ihrer Meinung nach /viel kräfftigern Beweis anzuführen / aus dem / dass
solche Personen / welche beiderseits / einer dem andern / die Ehre und Zierde
der Jungfräulichen Keuschheit zubringen / auch einander fester und vergnüglicher
lieben / als da solches eines teils fehle. Hingegen / versetzte Polyphilus /
weiss ich bei der Wittwe /was ich habe / und dass ich nicht betrogen werde. Daher
ich vielmehr / auf meiner Seiten / so schliessen wollte. Dann wofern ein
zweifelhafter Gedancke dem Liebenden entstehen sollte / der ihn / wegen seiner
Geliebten / biss dahin verwahreten Keuschheit / in Misstrauen setzen würde / wo
wird die Liebe bleiben? welcher aber eine Wittwe liebt / ist dieser Forcht
gäntzlich befreit. Auch wäre allhie nötig / die Gemüter der Menschen zu
unterscheiden / deren etzliche zu der Jungfräulichen Ehre geneigt / etzliche
aber mehr selbiger zuwider erkannt werden. Meinen Teil betreffend / halt ichs
mit dem letzten / und widerspreche dem Schluss / dass die Liebe mit der
Jungfrauschaft am glückseligsten blühe. Dennoch aber / führete Atychintida
weiter an / müstet ihr / geliebter Polyphile! in steter Forcht schweben / sie
liebe euch nicht von ganzem Hertzen / weil zu besorgen / dass die Erinnerung und
das Gedächtnus ihres vorigen Liebsten / noch immer eine Glut / in ihrem Hertzen
/ entzünde / dadurch sie mehr gegen ihm / als euch selber brennete. Diss
beantwortete Polyphilus / dass sie gegen einem Verstorbenen möge brennen lassen /
was sie wolle /weil ihme der keinen Schaden könne tun: auch / fuhr er weiter
fort / wäre sie darum zu loben / als deren Hertz nicht alsobald vergesse / was
die Augen verlassen: ja desto eiferiger zu lieben / weil man sich / auf solche
Art / einer getreuen Liebe bei ihr versichern könne. Und / fieng er endlich an /
wann sie gleich /Holdseligste Königin! tausend widrige Ursachen anführete / wolt
ich auf tausend antworten / und tausend wieder entgegen setzen / die / was sie
zu verwerffen gedächte / bekräfftigen könten. Dieser Grund bleibet unverruckt:
besser und sicherer ist eine Wittwe / als Jungfer zu lieben / von der man / so
wohl im Leben und Wandel / als in der Liebe / damit sie schon zuvor geliebt /
gewissen Beweis und unverfälschte Zeugnus haben kann. Darauf Atychintida
antwortete: Nun /so bleibet in eurem Vorsatz / und so fern ihr diss Gespräch /
nicht bloss in den Wind gerichtet / sondern es etwa in dem Werck zu erweisen
gedencket / so verleihen die Götter / dass euer Beweis / dem ich nunmehr selbst
beipflichten muss / auch allerdings erfüllet werde / damit ihr nach diesem nicht
bereuen dörffet /dass ihr anjetzo / bei einer Wittwe / der Wittwen Lob so hoch
erhebet / und euch selber so tieff darein verliebet.
    Dieser Schertz Atychintidoe / weil er / in dem Hertzen Polyphili / einen
lautern Ernst traff / vermochte ihm leicht die Röte auszutreiben / ob er gleich
/ mit höflichem Gegen-Schertz / sein Gespräch / allein der Königin zu Ehren und
Gefallen geführet / gar artlich bekräfftigen konnte / als hätte ers vor das
grösseste Unrecht bekennen müssen / wann er / in Beisein ihrer / der Wittwen
Vorzug hätte sollen erdrücken lassen. Wie aber ein Schertz den andern reitzet /
als fieng die Königin an: so seh ich wohl / haben wir alle beide ein anders
geredt / ein anders gedacht / weil ein jeder wider sich selbst geredt / dem
andern zu Gefallen. Welches Polyphilus so musste geschehen lassen und zugeben /
damit er nicht schuldig würde / an der Liebe einer Wittwen / die doch heimlich
sollte gehalten werden.
    Weil derowegen Polyphilus / nur mit Wincken /nicht mit Worten / ihren Schluss
billichte / und also keine Ursach gab weiter zu reden / fieng sie an: Nun habt
ihr / Polyphile! so viel gesehen / als menschlichen Augen allhier zu besichtigen
/ erlaubet / werdet auch mit meiner und der Meinigen bisher erzeigten Gunst
vergnüget sein: weil wir aber euch Polyphilum nennen / das ist / vor den halten
/ durch welchen die erzürnte Götter sich wieder mit uns vereinigen / und diss
Gefängnus wenden werden / so neiget eure Gunst nicht von uns / sondern verdienet
den Danck / welchen der geneigte Himmel euch / vor andern / zu verdienen /
vergünstiget. Jetzt ist die Stunde vorhanden /da entweder wir wieder erlöset /
oder aufs neue und ewig werden verdammt bleiben / und ihr mit uns. Darum so
folget mir / Polyphile! unser Trost! wir wollen denen Unsterblichen Opffer
bringen / und ihren Dienst verrichten.
    Mit welchen Worten sie Polyphilum wieder ausführete / da sie eingangen waren
/ biss mitten in den Glücks-Tempel / allwo zwei grosse Seulen aufgerichtet / in
deren Mitte ein Kasten / an zweien eisernen Ketten / herab hieng / welcher das
Schloss des Gefängnüsses behielt. Und als Polyphilus / gerad gegen über / eines
Altars gewahr wurde / darauf sie opffern könten / sprach er zur Königin dass diss
ein bequemer Ort wäre / zu dem Opffer / allda sie es vollbringen wollten: welchem
dann die Königin einstimmete / und ihr Vorhaben mit grosser Andacht vollbrachte.
 
                                Fünfter Absatz
   Beschreibet die endliche Erfüllung / des Verlangens Polyphili / durch den
   Anblick derer Tafeln geschehen / auf welchen der Name der schönen Macarien
      geschrieben / und was sich weiter begeben: Lehret / dass endlich das
  Tugend-Verlangen nicht unvergnügt bleibe / solt es gleich heimlich und etwas
                              scheinbar geschehen.
Nach verrichtetem Opffer / führete die Königin Polyphilum zur lincken Seiten
hinter ein Gerüst / und zeigete ihm die so langverlangte Tafeln / darauf der
tausend schöne Name Macarie in Ertz gegraben war: so bald Polyphilus denselben
erblickete / schlug ihn /weiss nicht / soll ich sagen / die unerschöpffte Freude
/oder das schmertzliche Verlangen / gleich einem Donner-Keil / ins Hertz / dass
er / sein selber vergessend /auf die Erden niderfiel und / als wolt er anbeten /
sich geberdete. Er empfieng den Namen Macarie / mit so oft wiederholtem Kuss /
dass endlich die Königin verursachet wurde / ihn zu erinnern / dass er die Ehre /
so allein denen Unsterblichen gebühre / nicht einem Menschen beilege / und die
Götter erzürne: aber es mochte alles nicht helffen / ob der Mund und die Augen
gefangen gehalten würden / hatte doch das Hertz seinen freien Pass / welches in
der erhitzen Seufftzer-Glut dermassen brannte / dass der aufgehende Rauch alle
Sinnen dämpffete / so gar war nichts empfindliches mehr an Polyphilo.
    Da ihm aber die ausgesandte Boten seiner Gedancken / von Macarien wieder zu
ruck kamen / und sein Hertz mit guter Hoffnung trösteten / ermunterte er sich
wieder / und weil er allererst erkennete / was er getan / überfiel ihm eine so
furchtsame Schamhaftigkeit / dass er die Königin nicht ansehen dorffte: welche /
da sie solches merckete / ihn selber anredete / und seines Verbrechens halber
straffete. Nach dem / befahl sie ihm die Schrifft zu lesen / die wir oben schon
gesetzt / und da er vernahm / dass das Gelübd der Einsamkeit / durch Polyphilum /
solt aufgehoben werden / und Macarie / unter einem fremden Joch / gefangen
liegen / fehlete nicht viel / er wäre vor Furcht und Freuden fast gar gestorben:
die Freude gebahr die Zerstörung der Einsamkeit; aber diss Gefängnus Macarie
konnte er nicht alsobald erraten / das ihm dann keinen geringen Schrecken
erweckete / sonderlich / weil es ein fremdes Joch genennet wurde. Doch tröstete
ihn die Königin / dass / nicht ohne erhebliche Ursachen / eben die beide Namen
zusammen gesetzet wären. Mehr aber stärckete die Freud Polyphili / dass nunmehr
die Zeit der Erlösung vorhanden: also auch er die Einsamkeit zerstören werde.
Hätte Polyphilus gewust / dass sie in dem Hertzen Macarie schon zerstöret gewesen
/ würde er noch fröher worden sein. Er stund vor den Tafeln / sah sie bald
hinten und bald fornen an / gedachte hin und her / und kunte doch nichts
gewisses finden. Kein grösser Glück hätte man ihm wünschen können / als dass er
Zeit genug gehabt /deme allen sinnlicher nachzuforschen / darum sprach er bei
sich selbst:
    Ach! du beglückter / und doch dabei auch unglückseliger Polyphile! solt du
denn von den Göttern nimmermehr / mit einer unbefleckten Freud / verehret
werden? muss dann das Glück mich / mit weinenden Augen / anlachen? wie habt ihr
mich / ihr unsterbliche Götter! auf einmal so hoch erhebet / und aber auch so
tieff gestürtzet / dass ich nicht wissen kann / soll ich dancken oder klagen? Ach!
du allerherrlichster Name Macarie! Macarie meine Lust / und meine Ergötzungen!
wärest du nicht tieffer in mein Hertz gegraben /als dich dieses Ertz / O das
beglückte Ertz! in sich hält / du wärest schon längsten / durch die
innerlich-weinende Sinnen / und denen Tränen-Tropfen weggeflösset und
ausgetilget worden. Nun aber bist du in den innersten Grund meiner Seelen / ach
meiner Seele! und unglücklich verliebten Hertzens versencket / da dich keine
Flut erfassen / noch ein Feuer verzehren kann. Lass dich doch / allersüssester
Name! noch tausendmal hertzen / ehe du unter ein fremdes Joch gefangen werdest.
Aber was sag ich? ein fremdes Joch? nicht das Joch Polyphili? Ey / so müsse
meine Seele sterben / und mein Hertz ehe zerstücket werden / als dass du mir
entnommen werdest. O ihr erzürnte Götter! womit hab ichs verschuldet / dass ihr
mich verderben wollet? Gefället es euch / so lasset dennoch diesen meinen
letzten Wunsch nicht erfüllet bleiben / dass ich eher sterbe / als Macarien /
Ach! meine Macarien! die allerschönste Macarien! unter einem fremden Joch müsse
sehen gefangen liegen. Wie? soltet ihr / ihr meine Augen! dem Jammer zu sehen
können? Wie soltest du / du meine Zunge! gefangen bleiben / dass du nicht über
billich-verdiente Rach schriest? Wie soltet ihr / ihr meine Hände! feiern können
/ denselben aus ihrem Schoss zu reissen /der ihn unwürdig inn haben würde? Du /
mein gekräncktes Hertz! müssetest ja vor Eyfer zerspringen /und vor Schmach
verschmachten. Nein / ihr barmhertzige Götter! die ihr mich so oft beglücket /
werdet mich in dieser Unglücks-Flut nicht ersäuffen lassen! Nein / ihr gerechte
Götter! die ihr eure Gaben mit Billichkeit austeilet / werdet meinen sauren
Schweiss /und gefährliche Bemühungen / nicht so gar unbelohnet lassen; sondern wo
nicht mehr gönnen / doch dieses herrlichen Namens mich würdigen / dass ich ein
Liebhaber der hundert-beschönten Macarien / ach! Macarien! gewesen sei / und dass
ich mich nicht gewaigert // ihrentwegen dem Tod mich zu ergeben. Aber / was klag
ich? Habt ihr doch / ihr gnädige Götter! mir schon mehr gegeben / als ich
gebeten / als ich gehoffet / als ich verdienet habe. Habt ihr doch durch mich
beschlossen / das Gelübd der Einsamkeit aufzuheben: ihr deutet aber ja die
Einsamkeit der einsamen Macarien? Habt ihr doch durch meinen Arm / das Gefängnus
dieser Verbanneten aufzulösen / beschlossen: so habt ihr auch ja die Schönste
unter den Weibern /meine ewig-geliebte Macarien / in mein Joch gefangen gelegt?
solt ich das wissen / wolt ich euch / durch die Auflösung dieses Gelübds / ein
ewig Gelübd von neuem geloben: doch sei es / ich traue eurer Güte /die wird mich
nicht verlassen.
    Das waren dissmals die Gedancken Polyphili / die er aber / wegen der
anwesenden Königin / nicht gar deutlich / sondern mehrenteils halb-gebrochen /
hervor bringen musste. Was geschicht? Eben da er die letzten Wort ausgesprochen /
und weiter reden will /erklinget hinter ihm eine Stimme / wie ihm deuchte
/vieler hochsingenden Göttinnen / die ihn mit solcher Verwunderung erschröcketen
/ dass er / mit grosser Behendigkeit / sich gegen dem Klang wendete / und aller
Reden und Gedancken vergass / sonderlich / da er den Namen Macarien klingen
hörete. Es wurde aber folgendes Lied gesungen:
Macarie! du teurer Nam /
wie bist du doch so mächtig!
Du machest die Begierde zahm /
und selbst die Kunst verdächtig:
es kann dir niemand widerstehn /
es muss nach deinem Willen gehn /
und wär es noch so prächtig.
2. Macarie! du Tugend Cron!
von jedermann gepriesen:
nimm / wertes Kind! nimm deinen Sohn /
der jüngstin Dir erwiesen /
was er gelitten hat um Dich /
und wie er liebe brünstiglich /
Dich will er nur erkiesen.
3. Macarie! trau wieder ihm /
wie er sich Dir vertrauet:
Sein Mut / sein Hertz / und ganzer Sinn
auf Dich alleine schauet:
auf Dich und Deine Wunder Kunst
hat er sein Hertz / und seine Gunst
von Anfang her gebauet.
4. So lass ihm nun den reichen Lohn /
die Gegen-Gunst erlangen:
dass er die edle Tugend-Cron /
Macarien umfangen /
und sich mit Ihr ergötzen könn /
dass Sie ihm ihre Liebe gönn /
und stille sein Verlangen.
5. Polyphile! sei gutes Muts /
der Himmel wird dir gönnen:
Macarie! dir schencken Guts /
dass du wirst bald / bald können /
dich / Ihre Freud / sie deine Lust /
und was mehr werden wird bewust /
mit allen Freuden nennen.
6. Darzu nun wünschen alle wir /
was selber dir geliebt:
Polyphilum und seine Zier /
die ihm der Himmel giebet:
Macarien / das liebe Kind /
dem Götter / Menschen gnädig sind /
hinfort nichts mehr betrübet.
Mit was Tausendfältigkeit der Freuden / Polyphilus /durch diesen Gesang / sei
überschwemmet worden /ist ehe zu gedencken / als auszusprechen. Darum wir uns
nichts unmügliches unterfangen wollen. Die Königin aber / und andere Anwesende
wurden so hoch bestürtzet / dass sie nicht wussten / was sie glauben sollten /
bevorab / da sie dergleichen / in diesem Tempel / nie befunden / und also nicht
wussten / was es wäre / oder woher es rührete: aller Schluss ging einmütig dahin
/ dass die Unsterbliche den Himmel verlassen / und zu ihrer Erlösung / an diesen
Ort / sich versamlet: welcher Wahn sie doch heftig betrog /dann diss alles / die
viel-vermögende Kunst / der Zauberin Melopharmis / zu Wege richtete. Polyphilus
indessen verlangte nichts mehr / als die Erlösung des Gefängnusses / die auch
ihn wieder an die Sonnen /und vielleicht zu seiner Macarien bringen würde.
 
                                Sechster Absatz
  Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend
   versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiss und Schweiss / erwachsen
          /hernach desto fröliger blühe / und ewige Freiheit gewinne.
Aber wie es geht / dass uns oft das betrügliche Glück eine Freude erblicken
lässt / aber nicht alsobald erlangen / eben so spielete es auch dissmal mit dem
unglückseligen Polyphilo. Die Zeit der Erlösung war da / was Atychintida in dem
Tempel zu zeigen wusste / war alles erfüllet; ja / die Götter selber hatten /
ihrer Meinung nach / das Werck befördert: aber die Unwissenheit / durch was
Mittel diese Befreiung geschehen sollte / wollte sie an ihrem Glück hindern.
Polyphilus fragte die Königin: diese fragte wieder Polyphilum. Auch wussten die
beide Weisen / Cossmarites und Clyrarcha / keinen andern Rat zu geben / als dass
man opffern sollte: andere schlossen dahin / Polyphilus sollte dencken / und was
ihm beifallen würde /das sollte gelten. Aber die Sach war gefährlich: einer sah
den andern an / und konnte keiner helffen.
    Wer zuvor das freud-hupffende Hertz Polyphili hätte völlig mercken können /
der würde jetzt auch die wehklagende Sinnen ausdrucken. Die Augen waren
geschlossen / als welche sich schämeten / dass das Hertz nicht einen Rat
beschliessen könne. Die Ohren waren gleichsam verstopfft / als die nicht hören
möchten / was andere vor unnütze Mittel vorschlugen. Der Mund war verstummet /
als der nicht reden konnte / weil das Hertz nichts vermochte zu ersinnen: das
Haupt war geneigt / und hätte nicht viel gefehlt /Polyphilus wäre gar versuncken
/ so hart drucketen ihn die bald frölige / bald betrübende Zufälle / welche ihn
/ durch ihre widerwertige Bewegnussen / gar leicht hätten in Verzweifflung
stürtzen sollen.
    Was geschicht? da aller Rat und Hülff erloschen /kommt Melopharmis / aber
unsichtbar / und führet Polyphilum in den Tempel hinauf / eben an den Ort /wo
die Jungfrau ihn verlassen / und er von der Königin zu ruck geruffen worden.
Polyphilus / fast sehr erschrocken / fühlete / dass er fortgezogen wurde /
folgete doch gern / weil er gedachte / vielleicht haben die Götter deine
Seufftzer erhöret / dass du innen werden wirst / wie du die Erlösung beförderst.
Und da er an den Ort kam / sah er hinter ihm / an einer Seulen /eine schwartze
Tafel / darauf etzliche Wort mehr verworffen / als geschrieben. Die Königin
erschrack über dem Ansehen / weil sie niemals dieser Tafeln gewahr worden: daher
zu schliessen / dass Melopharmis dieselbe entweder verborgen gehalten / oder
allererst an den Ort aufgehänget: doch machte es ihnen allen eine solche
Hoffnung / dass die Königin / ihrer Autorität vergessend / mit viel
geschwinderem Gang / dahin eilete / als sie sonst gewohnt war / und dem
Polyphilo zuvor kam; aber nichts lesen oder verstehen konnte: auch waren die
beide Weisen nicht weniger begierig solche zu sehen / konten aber eben so wenig
verstehen / als die Königin. Deswegen sie dem Polyphilo zu wincken verursachet /
dem solche allein zu lesen und zu begreiffen / vergönstiget / daher er dieser
Wort verständiget wurde: Polyphile: suche das Schloss zur Lincken / und die
Schrifft zur Rechten / dann wirst du wissen / was dir verborgen: aber schweig.
Darauf sah er zur Rechten / und wurde einer Ertzinnen Pforten gewahr: und zur
Lincken / da war in einer Mauern ein Kästlein zu sehen / welches er / nach dem
er denen Anwesenden / durch das Wincken der Augen und Hände / ein Stillschweigen
geboten / eröffnete / und einen Schlüssel fand: mit dem ging er zur Rechten
/durch die Pforten / und kam in einen köstlichem Saal /von grosser Läng und
Breite / auch hohen und hellen Fenstern / unter denen in der Mitte eins eröffnet
/ die andern aber verschlossen waren. Der Boden war an sich selbst Crystalline /
und mit allerhand Arten / berühmter Steine / dermassen eingefüget / dass er im
ersten Anschauen sich fast scheuete / und nicht auftretten wollte. Umher war die
Zierde / mit allerhand kunstreichen Gemählen / vermehret / die Polyphilus /nicht
ohne sonderbare Ergötzung / ansah / biss er endlich zu dem eröffneten Fenster
gelangete; unter diesem wurde er eines Kästleins / künstlich verfertiget /
gewahr / zu dem er diesen Schlüssel / welchen er in der Hand trug / sich nicht
übel zu schicken / erriet / und daher denselben zu versuchen / veranlasst
wurd. Er befunde / wie ers ersonnen / und da er das Kästlein eröffnete / ersah
er einen Zettel / den er alsobald vor die Schrifft hielt / so ihm auf der Tafel
benennet war; in welchem Sinn er sich auch nicht verführet befand. Dann so bald
er denselben eröffnet /wurde er folgender Wort verständiget: Gib mir / mein Kind
/ Polyphile! durch das Opffer / so du mir schuldig bist / und heilige diese
Stätte / da die Ubeltat verrichtet ist / die du zu versöhnen bist / von mir
/durch die Fluten geführet worden.
    Polyphilus voller Schrecken / wusste nicht / was er anfangen sollte / weil er
beförchtete / dass / so er das Kind erwürgen werde / um dessen Leben zu erhalten
/gleichwol diss Schloss versencket worden / wie er vernommen hatte; auch sein
Leben das Ende nehmen möchte: doch gedachte er hinwieder / ich will dem Befehl
folgen / und sehen / was geschiehet. Gieng darauf zur Tür wieder hinaus /
fragte nach dem Kind / und führete es bei der Hand in den Saal: welches / so
bald es die Stätte / da es hinaus geworffen worden / ersah / mit kläglichen
Worten anfieng nach seiner Mutter zu seufftzen / weil es dieselbe noch kennete.
Ist dann / sprach es / meine Mutter nicht hier /dass sie das Fenster zuschiebe /
damit ich nicht wieder hinaus geworffen werde: Darauf fieng Polyphilus an /zu
dem Kind: Lieber Sohn! deine Mutter wirst du jetzo sehen und erfreuen / du wirst
mit mir leben / und diss ganze Haus wird mit uns erfreuet werden: Darum so komm
/ und lass uns den Göttern opffern / an dieser Stätte / dass wir sie heiligen / so
werden wir erlöset werden. Und als Polyphilus solches sagte / nahm er den Knaben
auf beide Arm / hielt ihn gegen dem Fenster / und schrie mit heller Stimme:
Melopharmis /Melopharmis! ich gebe dir wieder das Kind / das du von meiner Hand
gefordert: gib auch uns wieder / was wir verloren / da du uns verfluchet. Auf
welche Wort / ein so strenger Donner-knall / in den Saal /über dem Haupt
Polyphili weg schlug / dass er vor Schrecken das Kind aus den Armen fallen liess /
und zu ruck wiche. Durch den Knall aber hörete er die Wort: Opffere auf dem
grossen Altar / und eile! Deswegen er ungesäumet wieder in den Liebes-Tempel
/mit dem Kinde / ging / und nach dem grossen Altar fragte / welcher ihm
gezeiget wurde.
    Er musste durch ein Tor / in eine finstere Höle gehen / die / wegen eines
aufsteigenden Schweflichten Dampffs / fast erhitzet / zu beiden Seiten / ein
Knallen und Brausen / gleichsam eines aufkochenden Wassers / vortrug / dass ihm
kein geringe Furcht verursachete / bevor / weil er nicht wusste / was diss Getöne
wäre; da er aber ein wenig fortgieng / fiel ein Liecht von oben in die Höle /
das auf den Altar leuchtete / und da er näher hinzu kam / und vor den Altar trat
/ befand er / dass alles zum Opffer zugerichtet und bereitet war / deswegen er
den ganzen Hauffen um sich herum stellete / den Knaben aber auf den Altar
setzete / und folgender Gestalt anfieng: Seid mir gnädig / ihr erzürnte Götter!
weil ich Unwürdiger diese Stunde mit euch zu reden / mich unterwinden darff;
seid mir barmhertzig / wie ihr mir immer barmhertzig seid / und lasset euren
Grimm fahren / den ihr über diss Haus ergehen lassen! Diese Stunde sei die
Versöhn-Stunde / und diese Zeit / so wir heiligen / heilige auch mit jene Zeit /
die eine Bosheit der Menschen sündig gemacht hat! Erhöret mich / ihr
hülffwalltende Götter! und übet eure Stärcke / durch meinen schwachen Arm! Ihr
aber / ihr Anwesende! begütiget den Himmel mit Andacht und Heiligkeit! Und
darauf wandt er sich um / gegen das Kind / fassete das Messer in die eine Hand /
mit der andern den Schopff des Knabens / sprechend: und du / liebes Kind! dein
Leben zu erhalten / ist diss Gefängnus verhänget; aber dasselbe zu erlösen / solt
du dein Leben lassen. Nun so seid vergnüget / ihr so wollende Götter! durch
diesen Schnitt / den ich mit Zittern vollbringe / und begnadet uns mit dem
Liecht der Sonnen! Ehe Polyphilus ausredete / und indem er zuschneiden wollte
/brach / als aus einer finstern Wolcken / mit einem erschröcklichen Donner und
Feuerstralendem Blitz / die Mutter des Knabens herfür / risse ihr Kind aus der
Hand Polyphili / zündete den Ort an mit Feuer / welches aus der finstern Höle /
mit grosser Gewalt herfür brach / und machete denen Anwesenden / durch ihre
Zauber-Kunst / solche Verblendungen / dass sie alle nichts anders / als das End
ihres Lebens erwarteten /biss sie / durch Würckung der Zauberin / in eine süsse
Ruh fielen / und als Todte sich zur Erden neigten. Indessen brachte Melopharmis
ihre Mitelfferin in die Höle / die alle / mit sonderlichen Ceremonien / um und
durch das Schloss giengen / und gleichsam mit harten Bedrohungen / den Wassern
den Fall ankündeten / welche dann auf einmal / mit grosser Macht und Ungestümm /
darnieder fielen / und das Schloss entdecketen.
    Polyphilus / der / neben seinen Beischläffern / von dem erschröcklichen
Knallen erwecket / und / durch die zugefallene Forcht / nicht wenig erschrecket
ward / stund behende auf / suchte den Ausgang von der Höle / durch den Weg / der
ihm den Eingang gezeiget. Und als er in dem schwermütigen Schrecken /gleichsam
geflügelt / durchgieng / kam er durch den Liebes-Tempel / wiederum in den Saal /
allwo er /von den Donner-Worten / unterrichtet / durch das Versöhn-Opffer / die
Entbindung des Gefängnüsses erlernet-Alle / die mit ihm waren / folgeten ihm;
und wurde ein jedes deren / am ersten aber Polyphilus /von Melopharmis / so da /
mit ihrem Sohn / zugegen war / Glückwünschend empfangen: Polyphilus aber /durch
die Hand Melopharmis / bekrönet / die ihm /zum Siegs-Preis / seine verlangte
Macarien versprach Die andern grüssete die Entbindung des Gefängnus /durch den
Mund Melopharmis / welche / mit Eröffnung des Fensters / an dem Saal / einem
jeden / das helle Sonnen-Liecht wieder zuerblicken / unverhinderte Gewalt gab.
    Alles war da mit höchster Freud entzündet / so gar / dass die innerliche
Bewegung / mit vollen Strömen / den Danck zu dem Mund ausgoss / und den Ruhm
Melopharmis / wegen der Erledigung / in ihren Schoss niderlegte. Je hertzlicher
aber die Freude war der Freiheit / je schmertzlicher war das Verlangen bei
Polyphilo nach Macarien / welches verursachete /dass er Melopharmis auf folgende
Art anredete:
    Wüste ich doch / alleredelste Matron! wie ich sie nach Würden preisen / und
nach Gebühr verehren sollte / wolt ich alle Müglichkeit / dero allergütigste
Hülff mit gebührendem Danck zu krönen / versuchen: allein ich erkenne / dass
himmlische Gaben / nicht mit menschlicher Vergeltung zu empfahen. Derentwegen
/so lasset euch günstig gefallen / die Bereitschaft des geneigten Willens / vor
dem zerbrechlichen Werck /anzunehmen. Erkennet auch daher / dass unsere Zunge
stumm / und unsere Hand lass wird / euren Ruhm zu preisen / und eure Ehr zu
bedienen / weil diese Werck nicht irrdisch / sondern durch der gnädigen Götter
allwalltende Wunder so sein geführet worden: daher wir freiwillig bekennen / dass
sie würdiger mit dem Hertzen / als welches mehr göttlich ist / verwundert / dann
mit einiger eusserlicher Dancks-Bezeugung verringert werden. Gleichwol aber /
weil wir Menschen / unter den Menschen / menschlich handeln müssen / und allein
dem Himmel himmlische Ehr gebühret: so seid vergnüget / alleredleste
Melopharmis! mit dem / was ihr sehet / und wisset / das wir euch zur Erwiederung
/des grossen Guts tun / und tun können. Euch nämlich wollen wir ehren / als
unsre Helfferin; Euch wollen wir dienen / als unsrer Beherrscherin / und das
versprechen wir sämtliche / mit einem einhelligen Ja.
    Wer nie gesehen / dass Polyphilus / mehr aus Brunst der Liebe gegen Macarien
/ und vom Eyfer des quälenden Verlangens gereitzet / geredt / der muss es in
Warheit aus diesen schmeichlenden Worten erkennen / die den Verstand Polyphili
verwehen / und seinem besser Wissen eine verfälschte Unwissenheit andichten.
Solte Polyphilus eine Zauberin denen Göttern vergleichen? Solte er den
augenscheinlichen Betrug denen allwalltenden göttlichen Wundern gleich schätzen?
Polyphile! das ist wider dich selber: aber so viel vermochte die erhitzte
Liebe / dass Polyphilus alles getan / könnte er nur seine Macarien / die schönste
der Frauen / wieder zu sehen bekommen. Dann die veste Hoffnung verführete seine
Gedancken / es werde ihm Melopharmis / durch dero gewaltigen Befehl gleichwol
dieses alles so wunder-glücklich verrichtet worden / ihrer Zusag nach / auch zu
seinem Verlangen / und eben mit dem Glück / verhelffen: daher er sie wohl gar /
wär es müglich gewesen / an das gestirnte Dach erhoben / damit sie vor ihm
herleuchten /und den Weg zeigen könnte / der ihn zu der verlohrnen Macarien
führe.
    Wie nun Melopharmis / durch ihre vielvermögende Kunst / auch nicht unklug
war: also sah sie bald /wohin die Wort Polyphili zielten / und was das Hertz
verlangte / darum sie ohne weitläufftige Beantwortung / sein Begehren zu
erfüllen / sich der Ehren zwar bedanckte / dieselbe aber alle zu ruck / und auf
Polyphilum lehnete / als der allein würdig gewesen / diese Verbannung zu
entbinden / deswegen sie die Anwesende erinnerte / ihme / Polyphilo / gebührende
Reverentz zu erweisen / und nach Verdienst zu bedienen.
 
                                Siebender Absatz
 Beschreibet das Gespräch Melopharmis mit Polyphilo / die ihm den Berg zeigt /
hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu
sich ziehet / dass er sein selber vergisst: Lehret / wie auch die Tugendgeübte /
 offtmals die Bezahlung so begierig fordern / dass sie mehr darüber verlieren /
                                 als erhalten.
Als das geschehen / wurde er von dem Saal / bei der Hand Melopharmis / in den
obern Teil des Schlosses geführet / von dannen ihm die Gelegenheit des Orts
/und ein herrlicher Anblick der Berge / Felder und Wälder / samt etzlichen
aufsteigenden Kunst-Wassern / gezeiget wurde.
    Atychintida indessen bestellete den Schmuck / und andere Geschenck / so
Polyphilo sollten verehret werden; gab auch Befehl / dass die Tafel bereitet würde
/Speise zu nehmen: deswegen sie alle / und ein jeder zu seiner Verrichtung ging
/ Polyphilum aber mit Melopharmis allein liessen. Da sich nun diese beide allein
befunden / fieng Melopharmis an / alles / nach der Länge / dem erfreuten
Polyphilo zu erzählen / wie diss alles durch ihre Kunst verwaltet / und er /
durch die sondere Neigung des Himmels / auf diese Art / sei erhalten worden. Nun
aber sei es an dem / dass er seinen Wunsch erfüllen / und sein Verlangen erhalten
solle / wann er nur selber / durch etwa freiwilligem Vorwitz / seinen Weg nicht
verfehlen / oder den Gewinn verlieren würde. Dann / sprach sie ferner / hebet
eure Augen gegen Morgen / und mercket jenen hoch gespitzten Berg / welcher die
Insul bedecket / da eure Freude lebet / dass wir sie nicht sehen können. Habt
aber das zur Warnung / dass ihr nicht ehe dahin eilet /biss ihr beruffen werdet /
sonst werdet ihr Freude suchen / und Betrübnus finden. Indessen trauet meinem
Versprechen / und lebet versichert / dass ich mehr / als mütterlich / vor euch
sorge / und ohne euer suchen /einer gelegenen Zeit befehlen werde / die euch
ziehen heisse. Wisset auch / dass ich eurer liebsten Macarien Sinn und Gedancken
vollkommen verstehe / so gar /dass ihr an ihrer Gunst nicht zweiffeln dörffet.
Und darff ich künftige Ding zuvor melden / versichere ich euch alles dessen /
was ihr bisher an Macarien verlanget / und in dem Tempel von ihr verstanden
habt.
    Mit was hertzlichem Froh / Polyphilus diesem Gespräch muss zugehöret haben /
kann der leicht ermessen / welcher mit ihm unter gleichem Joch gearbeitet /oder
noch arbeiten wird. Tausend Freuden spielten in seinem Hertzen / und himmlische
Zufriedenheit küssete das Verlangen. Auch fehlete nicht viel / er wäre über der
ungehofften Freud erstummet / weil er kein Wort hervor bringen kunte / besondern
/ mit unverruckten Augen / die Berg-Spitze / und die darüber schwebende
bläulichte Wolcken / bestrahlete / als wollte er dieselbe durchsehen. Und da er
eine immerhelle entflammete Schöne / über dem Ort vernahm /allwo / nach
Melopharmis Aussag / die Insul Solette der schönen Macarien den Sitz gönnete /
dachte er bei sich in seinem Hertzen: Du bist ja freilich / allerschönste
Macarie! selbst die Sonne / selbst die Sternen / selber der Glantz / der deine
Nähe / auch deine Ferne / erleuchte: Warum doch hat dich deine Würde nicht / vor
der Zeit / in das Wolcken-Zelt versetzet / dass du / meine Sonne! mir von jener
Höhe scheinen / und die Finsternus meines seufftzenden Hertzens erhellen
köntest. Ach! du gütiger Himmel! und ach! ihr feurige Zinnen! zeuget von mir;
flüchtige Wolcken eilet / ja! eilet / und saget ihr an / dass ich noch übrig sei
/ ihre Tugend zu verwundern / und ihren Verstand zu ehren. Gehet doch / ihr
geflügelte Wellen! und verrichtet den treuen Dienst. Und ihr Melopharmis (fieng
er mit heller Simm an /) alleredleste Melopharmis! nehmet mich an / meine
Mutter! euren Sohn / und helffet mir / so fern ihr Kunst und Tugend liebt / die
ihr liebt / zu Kunst und Tugend.
    Diss beantwortete die Zauberin mit verneinen / und versetzte / dass er eine
blosse Unmüglichkeit suche /darum er dissmal das Stück der Weissheit beobachten
/und sich in die Zeit schicken müsse. Das weiss ich wohl / sagte Polyphilus / dass
sich in die Zeit schicken /sei ein Teil der grösten Weissheit / aber ich will in
diesem Fall lieber die Torheit wählen / mit Liebe und Vergnügung meiner
Begierde / als in der Schwermütigkeit des ängstigen Verlangens / mit Weissheit
leben.
    Das ist wohl recht / versetzte Melopharmis / ein offenbahrer Beweis / dass die
Gewalt der Liebe auch die Klügesten zu Narren / und die Tugendherrschende zu
Laster-Dienern mache. Was redet ihr / Polyphile! wisset ihr auch / was ihr redt?
wann ich nicht zuvor wüste / dass eure verdammliche Liebe / mehr auf die Wollust
/ als Tugend gegründet wäre / könnte ich daher leicht schliessen / was eure Sinne
vor ein Ziel aufgesteckt. Wolt ihr Weissheit verlassen / und Liebe nehmen? wolt
ihr Torheit erwählen / und die Tugend gesegnen? So bleibet ihr töricht in der
Liebe / und Lasterhaft in eurem Begehren. Törichte Liebe aber ist ein
Verderben / und ein Lasterhaftes Begehren würcket viel Unglück. Drum besinnet
euch eines bessern / und leget euren Begierden das Gebiss der Mässigkeit / auf
dass ihr / durch gleiches / gleiches Gewinnen / das ist / Tugend / durch Tugend /
erwerben könnet. Versichert euch / Polyphile! sollte die Tugend-liebende Macarie
/ eines solchen Wortes / auch nur von ferne / verständiget werden / es würde
alle eure Bemuhung in die Lufft gebauet / und euer Verlangen in den Wind
vergraben sein.
    Polyphilus / dem diese Straff-Rede sehr zu Hertzen ging / als welche er
unverdient dulten musste / fieng mit hochgeführten Reden und beteurten Worten
/sein besseres Hertz und Sinnen an zu entschuldigen /mit Vermelden / dass keine
Liebe in ihm herrsche / die nicht auf Tugend gegründet; und keine Begierde bei
ihm zu finden / die nicht jederzeit dem Verstand sich unterwerffe. Dass ich aber
/ fieng er ferner an / die Torheit zu wählen / erkieset / mit Liebe / vor der
Weissheit / ohne Liebe: hat keinen solchen Verstand /wie ihr deutet. Ich halte
gäntzlich davor / dass selber die Weissheit / ohne Liebe / eine Torheit sei /
und die Torheit / mit Liebe / eine vollkommene Weissheit. Ich verstehe aber eine
solche Liebe / damit ich Macarien / die Schönste der Schönen / Liebe. Welche ihr
/ traun! mit dem grössesten Unrecht / verdammlich / und auf Wollust gegründet /
schätzet / weil sie einig und allein / die Tugend / als ihre Urheberin /und den
Verstand / der verstandigen Macarien / als ihre Ernehrerin / umfähet. Ist
demnach die verdammliche Wollust so ferne von meiner Liebe: als weit der Himmel
von der Erden / die Laster von der Tugend /und von der Torheit die Weissheit
entschieden. Die Brunst aber meines Verlangens / welche mich / diese Wort zu
führen / verleitet / ist gleicher Gestalt / auf die lob-würdige Tugend-Bahn
getretten / da sie mit schmertzlichen Suchen / die Vollkommenheit der Liebe /
durch die Beständigkeit der Tugend / zu errennen / sich bemühet. Und wird das
alles um so viel mehr gestärcket / durch die gefasste Hoffnung / es werde /
durch ihren Anblick / meine Tugend vermehret / und meine geringe Kunst durch
ihre Begleitung /mercklich vergrössert werden. Das ist die Entzündung meiner
Begierde.
    Das alles zwar war künstlich genug verdrehet /doch mochte es nicht so viel
ausrichten / dass Polyphilus / auf Beantwortung Melopharmis / nicht gestehen
musste / er hätte sich dissmal die erhitzte Begierden zu weit verführen lassen:
welches er dann / gebührender Bescheidenheit halber / nicht lang wägerte /
sonderlich / weil er gedachte / Melopharmis würde ihm von allem weitern Bericht
erteilen / deswegen er dissmal die Warheit / mit einer schmeichlenden
Höflichkeit /überziehen / und / ihm zu grössern Nutzen / einen kleinen Schaden
leiden musste. Auch Melopharmis /weil sie besser wusste / wohin sein Hertz ziele /
und wie seine Begierden leicht ausser den Tugend-Schrancken schreiten würden /
hielt ihm solchen Fehler gern zu gut / mit angehengter Warnung / dass er sich /
nach dem / besser vorsehen / und dem Mund nicht gestatten sollte zu reden / wann
das Hertz nicht gleiche Ersinnungen führe.
    Indessen fielen die Augen Polyphili / welche biss daher die Furcht der
Schamhaftigkeit etwas verschlossen gehalten / wieder auf die Berges-Spitz / die
ihn von seiner Macarien scheidete / und seinen Stral aufhielt / dass er die
verborgene Insul nicht ersehen konnte. Da er aber eben diss / mit einem
hertzlichen Seufftzer heimlich beklagte / fieng Melopharmis / die seine Unruh
alsobald merckete / an ihn zu trösten /mit Vermelden / wie die schöne Macarie /
durch ihre Eröffnung schon wisse / dass Polyphilus noch lebe /und anjetzo / in
vester Hoffnung / und täglicher Erwartung / sich seiner bald-künftigen
Gegenwart tröste; auch ihn / Polyphilum / so von Hertzen liebe /dass / wofern sie
nicht / durch besondere glaubwürdige Eröffnung / von seinem Leben und Wohl-sein
/ wäre verständiget worden / sie schon längsten ihre betrübte Seele dem Leibe
entzogen / und ihn zu suchen ausgehen lassen.
    Als Polyphilus das hörete / fieng er mit heller Stimm an: Ach! warum soll
ich denn das Hertz / die liebe Seele / nicht alsobald sehen / dass ich sie völlig
erfreue / und durch ihre Freude / auch die Wunden meiner Betrübnus verbinde? das
hat seine sonderliche Ursachen / versetzte Melopharmis / die ihr vor dissmal
nicht wissen dörffet. Seid aber zu frieden mit dem gütigen Himmel / der euch
über Verdienst begnädiget /und lebet in dem Vertrauen / dass ihr sie wieder sehen
werdet.
    Was sollte der gute Polyphilus tun / er musste diese Erinnerung / als einen
ernstlichen Befehl / verehren /und sich mit süsser Hoffnung künftiger
Befriedigung vergnügen: gleichwol aber / wie der Liebenden Gemüter von steter
Unruh beherrschet / und von allen zufallenden Sinnen / gleich einer
ewig-lauffenden Kugel / umgedrehet werden: Also war alles das / was die Augen
Polyphili füllete / eine Erinnerung seiner geliebten Macarien / welche sich
jederzeit so sehr verstärckete / dass ihm unmüglich war / seinen Mund zu
verschliessen / und der Zungen das Stillschweigen zu gebieten. Alles / was er
hörte / was er sah / da preisete der Mund seine Macarien / so gar / dass er auch
die anwesende Königin / und andere die Polyphilo zu dienen / wieder herauf
kommen waren / nicht scheuete / und Melopharmis gezwungen wurde / ihn zur Seite
zu führen / und seines Fehlers halber zu unterrichten. Aber Polyphilus hätte ehe
sein selber vergessen können / als ihrer nicht gedencken. Darum gab ihm
Melopharmis den Rat / weil ihm ja unmüglich sei von ihr zu schweigen / und aber
diese Sach vor allen heimlich müsse gehalten werden: als solle er sie / im
fremden Namen / nennen / und sonderlich /wann Atychintida / die Königin / ihn
ihrentwegen besprechen würde / damit er / auf solche Art / ihre geschöpffte
Mutmassungen derselben benehmen / und die vermeinte Gewissheit / so ihr die
Tafeln in dem Liebes-Tempel / auch sein zum öfftern unbedachte Bekäntnüs /
gestärcket / zweifelhaft machen könne.
    Das gefiel Polyphilo nicht übel / und gedachte er alsobald / welcher Nam
würdig sein möchte / der Würdigsten auf der Erden zuzueignen. Es wollte aber /in
dem zweifelhaften Beginnen / ihm keiner so bald beifallen / sonderlich weil
die Furcht / es möchte ein ausgeziertes Wort den Verstand entdecken / und
Macarien bekennen / der Würde widerstrebte / und diss Tugend-Bild geringer zu
benahmen anmahnete: die Würden hingegen von der Furcht sich nicht wollten
erdrucken lassen. Dann Polyphilus lieber leiden / als seiner nie gnug
gepriesenen Macarien Himmel-würdigen Ruhm verkleinern wollte.
    Voll solcher Gedancken / nähert er sich wieder zu der Königin / welche eben
einen Zettel / in der Hand /den Augen vorzeigte / darinnen folgendes Gedicht
verfasset / welches ein unglückseliger Liebhaber /einer ihrer hochmütigen
Hof-Dienerin / die sich nicht wollte erbitten lassen / seine Betrübnus zu
beklagen /aufgesetzt.
Soll ich / wie andre tun / dir einen Namen geben?
Du hertz-geliebtes Kind! soll ich mit Mühe streben /
nach dem / wie ich dich nenn? weiss unter tausend ich
nicht einen / der mit recht / mein Schätzgen! treffe dich.
Versagen kann ichs nicht: sonst wär ich kein Poete /
wann ich / was andre tun / nicht gleicher Massen täte /
es fordert unsre Schuld / wir wollen / oder nicht /
es heischet unser Nam ein schönes Nam-Gedicht.
Das sieht man überall: wer Flemmings liebe Sachen /
und Opitzs Göttlich Werck ihm nur bekant wird machen /
wird finden diesen Dienst. Ich glaub / so manches Bild /
als jener angesehn / hat er die Schuld erfüllt.
Dann / daher kommt uns das / dass wir so hänffig lesen /
in seiner Verse-Spiel / das liebe Jungfern-Wesen /
die bald Amene heisst / und bald Ambrosie /
bald Anemone auch / und bald Adelfie.
Bald Albie / mit samt Aretnien / der Schönen /
und bald Antropine / die Asteris verhöhnen
dort in den Sternen will: und Atanasie
auch mit der Basilen / selbst die Basilnie /
bald liebt er Baltien: vergisst nicht der Chrysillen /
die ihm die Liebste war / nach seiner Chrysosillen /
nach Chrysoglossen auch: die Desiderie
verlangt er mehr und mehr: wie die Dorinnie.
Die ihn mit Liebe kränckt / nennt er die Dulkamare /
und Dolorosen die / so ihm zuwider ware /
und wie er jene liebt / die er Dulzissen nennt
hat er Dulziaden durch gleiche Gunst erkennt.
Wie nett beschreibt er doch die wilden Eromisen /
mit samt Echtrotymen / die er pflag zu erkiesen
für allen: eh er liebt die lieb Estonien /
und eh er kennte die beredt Eulalien.
Jetzt Eurokrate kommt / der folgt die Eromante /
nach welcher er nicht lang Erofolen erkannte /
die zwar nicht viel gefiel. Drum er Euchastrien
an ihre statt erwählt / und die Euphrasien.
Nach der gefiel ihm wohl Filene / Flotate /
nach der er Fidelien um ihre Treue bate /
so oft verwechselt er die liebe Namen-Lust /
als oft er einen Schatz von neuem suchen must.
Er blieb bei einem nicht: wo seine Lieb auf Rosen
und nicht in Dornen stund / die hiess er Gratiosen /
und Julianen die / so er vor andern liebt /
wiewol Kalopsiche auch nichts vergeblich übt.
Die weisse Kandie / die redliche Kandore
erwarten ihn sehr oft / vor ihrem Garten-Tore /
und Konstantine steht auf einem Felsen-Stein /
die keusche Kastulan will nicht mehr Jungfer sein.
Leukardie folgt jetzt / die er gutertzig preisste /
und Litokardie / die unbarmhertzig weiste
der Livien die Tür: Miranda wundert sich /
wie Metrofebe gläntzt / und wie du / Flemming! dich /
verführen lässest so / von deiner Misosillen /
läst Maritaten stehn / umfängest die Melillen /
weil sie ist Honigsüss; wie zur Neapalen
du könnest gehen fort / und lassen traurig stehn
die Neanisken hier: folgst deinem Dünckel-wahne /
und denckest nicht daran / wie oft dich Osculane
mit Hertzens-Lust gehertzt: nimmst die Polypfien
die doch so untren ist / an statt Portenien.
Was meinst du / sagt hierzu / die rote Purpurelle /
was denckt Panomfe doch? was dichtet ihr Geselle /
die kluge Pasarist? solt noch wohl günstig sein /
Palinerote dir / nun du bist so gemein?
Gedenckst du nicht daran / was dorten die Sperate /
die du nun untreu heisst / dir / werter Flemming! tate /
das keine Freundin tut? doch nahmst du Salvien /
die helffen konnte dir / mit sammt der Svavien.
Das sind ja Namen gnug: noch hat er kein Genügen;
gen Himmel ist er gar mit seiner Kunst gestiegen /
und hat auf Erden bracht das Kind Siderien /
und die noch höher ist / auch Teodosien.
Sie stiegen wieder auf: Tarmantie / die Schöne /
kommt nach an ihre Statt: und dass ihn bald bekröne
Volinie blau-braun / lässt er Timokriten /
die doch so freundlich war: nimmt an Valerien.
Heisst diese wieder gehn / ergibt sich Valerosen /
die mit Velozien muss um die Liebe losen /
noch war sies nicht allein / weil seine Zimbrit
sie jagte aus dem Feld! und die Zinezie /
die einem andern war / der frommen Zelodienen
nicht schaden konnte mehr: doch dorfft er sich erkühnen /
wohl tausend mehr so viel / wie sich es schicken wolt /
zu nennen / denen nur sein Sinn und Hertz war hold.
Hat Flemming das getan / die Cron der teutschen Zeiten /
der fremden Länder Ehr / dem ich / ach! noch bei weiten
nicht zu vergleichen bin: was wird denn meine Pflicht /
erfordern dir zu tun / zu der mein Hertze spricht:
Dass du seist mit ihm eins? wie kann ich dich doch nennen /
dass ich nicht fehl und irr? wie muss ich dich bekennen /
Freund- oder Feindin mein? ich zweifle sehr daran /
ob ich / wie dir gebührt / dich so benennen kann.
Zwar sind der Namen viel / wann aber / was sie deuten /
wir eigentlich besehn / muss ich doch überschreiten
der Warheit gleiches Ziel: es geht je nicht an /
bei dir / was Flemming hat den Seinigen getan.
Dann solt ich / Liebste! dich heut heissen Anemonen /
du würdest Morgen schon mein wieder nicht verschonen;
Amene wär dein Nam / wann du nur liebtest mich /
du hiesst Ambrosie / wann ich nur kennte dich.
Dein Silber-weisser Glantz könt Albien dich tauffen /
mit Asteris köntst du wohl in die Wette lauffen /
verkriechen müste sich die schöne Basilen /
wann einmal möchtest du in Gnaden mich ansehn.
Wie mich nach dir verlangt / so köntst du wohlwohl heissen
die Desiderie / und wie du mich tust speisen
mit bitter-süssem Kraut: könt ich benahmen dich
die Dulkamara mein: und wann du einmal mich
erfreuen woltest nur / so wärst du die Dulzisse /
von der mich keine Noht / kein Unfall wieder risse /
doch / weil dus nimmer tust / so solt und must du sein
die Dolorosa selbst / die mir macht grosse Pein.
Sonst / weil du bist beredt / so köntest du wohl führen
den Namen mit der Tat; du köntest alsbald spüren /
dass die Eulalie dir / Schatz! gewichen sei /
und dass Fidelie mir geben deine Treu /
Wenn du so heissen wolltst. Du wärest die Filene
und Filotate mit: die Liebliche / die Schöne:
Wann nur das teure Wort / Kandora / dir gefiel /
ich meine / deine Treu: nun weist du / was ich will.
So wolt ich tauffen dich / wann du nur selber woltest;
so solt ich tauffen dich / und du mit Recht auch soltest
dich wägern keinmal nicht / doch wie du untreu bist /
so auch dir nicht gar viel um diese Namen ist.
Ach wenn ich denck an dich / O seelge Rosimunde!
wie du mir deine Treu / aus deines Hertzens Grunde /
von Anfang offenbahrt: heissts freilich weh und ach!
gar selten / selten kommt uns etwas bessers nach.
Drum weiss ich anderst dich / auch besser nicht zu nennen /
wann ich die Warheit soll / mit trucknem Mund / bekennen /
als meine Delite / die mich verderben will /
und tilgen aus durch sich: mein Tod der ist ihr Ziel.
Die lächlenden Geberden der Königin / deren sie sich / unter dem Lesen /
vernehmen liess / verursachete Polyphilum zu forschen / warum sie doch so
heimlich lache / es müsse gewiss was besonders darinnen sein? worauf ihm die
Königin das Papier darreichte / mit der Antwort / dass sie die Torheit der
Verliebten verlache.
    Polyphylus / so bald er den ersten Vers erblickte /gedacht alsobald / es
geschehe diss / aus besonderer Fügung / des so wollenden Himmels / bekandte sich
dannenher schuldig / dieses Namens sich zu bedienen / als welcher von dem Himmel
selber / mit Macarien zu wechseln / verordnet sei. Deswegen er die Königin über
die Torheit der Verliebten immer lachen liess / er aber verlachte / im
Gegenteil / die Torheit ihres Gelächters.
    Die Deutung aber / des Namens Delitee / wollte dem furchtsamen Polyphilo fast
ein Schrecken einjagen / dass er ihm die Gedancken machte / es werde / in diesem
letzten Versen / der Untergang seiner Liebe /mit seinem höchsten Verderben /
angekündet / und sei sie von dem vorsehenden Himmel Delitee genennet worden /
dass / wie ihre Liebe allbereit erloschen; also auch seine flammende Brunst /
durch die Kälte ihrer Widerwertigkeit / aber zugleich mit seinem Leben /
erleschen würde. Wiewol die Erinnerung dessen / was Melopharmis versprochen /
viel ein anders zeugete / und dieses ausleschen oder vertilgen auf die
Schmertzen und Furcht seines Hertzens / in der brennenden Liebes-Pein deutete.
Dessen er noch mehr versichert wurde / weil Atychintida Schertz-weiss anfieng:
Diesem geht es vielleicht nicht besser / als es euch ergangen / edler
Polyphile! mit Macarien: dem Melopharmis antwortete: mit nichten / Polyphilus
wird nicht vertilget werden / sondern seine Liebe wird feuriger brennen / wann
Macarie die Glut der schmertzhaften Bekümmernus ausleschen wird. Darauf
Polyphilus / als entrüstet / anfieng / weil ihm diese Wort erwünschte
Gelegenheit zur Hand gaben: von was vor einer Macarien saget ihr / die mir meine
Schmertzen leschen werde? Kan man auch Schmertzen tilgen / wo keine Schmertzen
sind? Ich weiss nicht / was ich sagen soll. Zwar muss ich gestehen /dass ich / in
dem Tempel der Liebe / viel von Macarien gehöret / und noch mehr gesehen. Ich
muss bekennen / dass / da ich von Macarien gehöret / mir der Name so wohl gefallen
/ dass ich ihn vor andern gepriesen / ich muss auch das sagen / dass / da ich sie
gesehen / mein Hertz erschrocken / meine Augen geblendet / und mein Mund
erstummet ist: aber daher folget nicht / dass entweder sie meinem Hertzen Leid
erreget / oder ich ihre Erlösung hoffe. Was mich dort gefangen hält / ist
Tugend; und was ich an ihr rühme /ist Kunst; was ich verwundere / ist Verstand:
Sie aber mit einer solchen Lieb zu suchen / die mir Schmertzen verursache / ist
so ferne / als meine Unwürdigkeit von ihrer Würde / und ihre Gedancken / von
meinem Beginnen. Durch jenes darff ich mich dessen auch nicht einmal
unterstehen; durch dieses warnet mich ihr Vorsatz der Einsamkeit vor
vergeblicher Arbeit. Aber ohne Liebe / rühm ich sie; ohne Liebe verlang ich sie:
weil sie wert ist zu rühmen / und würdig zu verlangen: so fern auch die Tugend
Liebe verdienet / kann ich ihr auch diese nicht versagen / aber mit dem Beding
/dass meine Liebste Delitee / nicht etwa über Verkehrung der Sinnen / und
betrügliche Untreu klagen dörffe.
    Kaum war das Wort ausgeredt / als Atychintida anfieng: Habt ihr denn auch /
edler Polyphile! eine Deliteen: Ja / sprach er / eine Deliten; sie fragte
weiter: die ihr hertzlich liebt? die ich hertzlich liebe: antwortete Polyphilus;
und Atychintida: die ihr einig liebt? Ja! sprach wider Polyphilus / die ich
einig liebe / und die ich biss daher / unter dem Namen der Tugend-gezierten
Macarien / geehret. Wie wird dann / fragte die Königin ferner / die Weissagung /
auf den Tafeln verfasset / erfüllet werden? die ist / versetzte Polyphilus
/nunmehr schon erfüllet / weil ich die Erlösung erworben; was aber das wolle /
dass nunmehr das Gelübd der Einsamkeit / durch mich solle aufgehoben werden / kann
ich nicht anderst / denn durch das fremde Joch deuten / darunter Macarie wird
gefangen liegen /weil / mir solches zuzuschreiben / eine Vermessenheit / und
wider den offenen Verstand der Wort gehandelt wäre. Darum erkenne ich mich vor
die Ursach dieser Befreiung / mit welcher vielleicht die Gelübds-Bedingung / in
gleicher Zeit und Länge bestehen sollen: aber den Zerstörer ihrer Einsamkeit
wird man Polyphilum nicht ehe nennen / biss Macarie selber Delite heisset /
oder in dieselbe verwandelt wird. Dann diese / und sonst keine / beherschet
meine Freiheit.
 
                                 Achter Absatz
 Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel
    gehalten / und was sie von der Verbauung dieses Schlosses / vor Gespräch
erkieset: Lehret / dass Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der
                  boshaften Menschen Schuld erdrucket liege.
Atychintida wollte weiter reden / allein die Tafel war bereit / deswegen sie
abbrechen / und wieder hinab steigen mussten. Polyphilus liess seine Augen nochmal
über den Berg gehen / und schickete der schönen Macarien einen hertzlichen
Seufftzer. Indem er aber den Berg bei sich betrachtete / und dessen unermässliche
Höhe bewegte / die alle andere bei weitem überstieg /und also befand / dass
dieses etwas sonderliches / und denckwürdiges war / fragte er Melopharmis; ob er
nicht vor andern einen besondern Namen führete / die ihm im Fortgehen antwortete
/ dass er in gemein der Mohren-Berg genennet würde / aber selber nicht wisse /
aus was Ursachen. Darauf Polyphilus / mit lachendem Schertz / anfieng;
vielleicht / weil / hie zu Lande / so viel der weissen Mohren gefunden werden /
die sich der Sonnen-Hitze etwas näher hinzu machen müssen / damit ihr zarter
Leib / und dessen gläntzende Schöne / die Augen der Sterblichen nicht
verdunckele. Aber das war ein nichliger Schertz.
    Atychintida hörete das alles / aber mit tauben Ohren an / weil ihr Hertz
voll Verwunderung war /und sich nicht besinnen kunte / wo hin die Reden
Polyphili zu deuten. Polyphilus hergegen freuete sich heimlich / dass er die
Königin so artlich betrogen /und war bedacht / wie er ferner klüglich handele
/weil er sah / dass die Heimlichkeit hoch vonnöten wäre / sollte anderst das
geschwätzige Gerücht / seine Macarien nicht bekandt machen.
    Beide giengen sie in tieffen Gedancken / biss zur Tafel / da alles aufs
herrlichste bereitet / und reichlich zugerichtet war. Polyphilus sollte den obern
Sitz nehmen / und den Königlichen Tron bekleiden; aber seine Bescheidenheit
beugete vor dissmal das Recht /und musste / nach lang-verübter Höflichkeit /
Atychintida ihren Sitz / unter einem Purpur-Himmel; Melopharmis aber nächst zu
ihr / auf einem Sessel / mit rotem Scharlach bekleidet / nehmen: auf der andern
Seiten dienete Polyphilus der Königin auf einem mit grünen Sammet verdecktem
Stul; und schloss seine lincke Seiten Cossmarites; deme sich gegen über setzte
Clyrarcha / mit den andern Anwesenden die die Tafel fülleten.
    So bald aber mochte die Königin nicht Gelegenheit haben / dass sie ferner von
Deliten fragte / als Polyphilus / / von ihm selber / heimlich zu lachen anfieng
/und / auf der Königin Begehren / versetzte: wie er sich nicht ohne Ursach
verwundern müsse / dass ihm der Verfasser dieses Gedichts / seiner Liebsten Namen
beraubet / das er in Warheit / solt er nur die Person wissen / nicht wohl leiden
würde / sondern einen Kampff anfangen. Und diss wusste er mit solcher Höflichkeit
anzubringen / dass jedermänniglich seinen Schertz wohl verstehen konnte.
    Die Königin aber war damit nicht zu frieden / sondern dorffte das völlige
Werck zu forschen sich unterwinden / darauf doch Polyphilus nichts anders
antwortete / als dass Liebes-Sachen geheime Sachen seien / die die Zahl von
dreien / so wohl in dem Wissen / als in den Wercken hasse. Und weil Melopharmis
sah / dass gleichwol die Königin nicht ruhen wollte / und zu beförchten /
Polyphilus könnte sich nicht so leicht auf etwas bedencken / fieng sie ein ander
Gespräch an / und gab Gelegenheit / von der Erledigung ihres Gefängnusses zu
reden / mit Erinnern / dass rühmlicher wäre / anjetzo davon zu reden /und den
Himmel dadurch zu preisen / als andere Unnötigkeiten zu forschen. Dessen
Polyphilus nicht wenig erfreuet wurde.
    Die Rede aber der Zauberin Melopharmis war diese: Welt-seeligste Königin! Es
wissen E.M. wohl /in was harter Bedrangnus sie die Zeit gestecket / welche mir
mein Kind / durch die Bosheit der neidischen Cacogretis geraubet. Und zeuget die
Freude / so uns allesammt erfüllet / dass sie gleichsam aus der Finsternus an das
Liecht / und aus der Todes-Furcht in das sichere Leben versetzet: welches / wie
es allein durch der Götter Macht geschehen / also ist dieselbe billich zu
preisen / mit Verwunderung zu verehren / und mit müglichstem Danck zu erkennen.
Lasset uns demnach gefallen / und gebe E. M. gnädigen Befehl / dass die
Hochweisse den Göttlichen Wundern nachdencken /und ihre Begnädigung mit erklären
vorlegen. Dessen weiss ich / wird auch Polyphilus / sich mehr freuen /als aller
andern Lust / und wird ein jeder / nicht ohne besondere Hertzens-Erquickung /
zuhören.
    Wiewohl nun Polyphilus bald merckte / dass Melopharmis dieses / zu ihrer
geheimen Lust / und der Weisen zu spotten begehret; weil er nicht unwissend /dass
diss alles durch kein Wunder des Himmels / viel weniger einige Begnädigung der
Unsterblichen: sondern durch die trügliche Kunst der Zauberei geschehen; wägerte
sich doch nicht / gab alsobald seinen Beifall / weil er eben auch merckte / dass
Melopharmis diss alles / zu seinem Besten geredt. Der Wille Polyphili war bei der
Königin ein Befehl / dem zu schuldiger Danckbarkeit männiglich gehorsamen musste.
Atychintida fieng selber alsobald an zu erzählen / wie sie sich so gar nicht
besinnen könne / durch was Mittel / und auf welche Art sie sei erlöset worden /
so gar hätte der donnernde Blitz ihr Hertz erschrecket in der Höle / dass sie
nicht bei ihr selbst geblieben. Polyphilus erinnerte / wie ihm ein Donnerschlag
das Kind aus dem Arm gerissen / und wie alles mit erschrecklichem Krachen
hergangen. Unter den beiden Weisen aber entstund ein Streit / wie die langwürige
Verbannung müsse zugangen sein; deren jener / Clyrarcha / die Allmacht der
allein Vermögenden unsterblichen Götter: Dieser / Cossmarites / auch die List und
Bosheit eines Menschen / die durch die Natur viel erlernet / daher setzen
wollten. Und als sie eine geraume Zeit / nicht ohne Beliebung der Zuhörenden /
gestritten / fieng endlich Melopharmis an /die Sach zu schlichten / mit diesen
Worten:
    Wann ich meine unverständige Meinung darff hören lassen / pflichte ich
allermassen dem Clyrarcha bei / dann keines Menschen Hand diese Werck vollführen
/ und selber die Natur dem allen nicht beistimmen kann. Solte wohl / fuhr sie
ferner fort / eines Menschen Hand eine solche Burg versetzen / und in die tieffe
Wasser versetzen / und unversehrt versetzen / und in einem Augenblick versetzen
/ als wir wissen / dass dieses Haus versencket worden? sollte wohl eines Menschen
Hand / den Grund abreissen / die Erde unter dem Wasser ausgraben / und ein so
grosses Gebäu in der Lufft halten können? sollte wohl eines Menschen Hand / die
Wasser stemmen / ohne einen aufgeworffenen Tamm / über ein Haus führen / ohne
fallende Tropffen / und wieder ableiten /dass nichts schade? wer einen wenigen
Verstand hat /wird auch das erkennen. Drum lasset uns die Wunder der gewaltigen
Götter in diesem preisen / und nicht aufs neue Zorn verdienen / wann wir
menschliche Ohnmacht / denen Göttlichen Kräfften vergleichen /und / der Natur
mülich zu sein / bejahen wollen / was gerad wider dieselbe streitet.
    Cossmarites widersetzte sich diesem mit grossem Eyfer / vielleicht weil er es
nicht rühmlich hielt / von einem Weib besieget zu werden. Er führete aus allen
Historien Zeugnus an / die sattsam erwiesen / dass mehrmals Menschen-Witz viel
erfunden / und wunderbare Ding verführet. Sonderlich erinnerte er / was er beim
Philostrato gelesen / welcher vom Apollonio zeuget / dass selbiger / bei den
Indianern / zwei Fässer / wunderbarer Art / gefunden / deren eins den Regen /
das andere die Wind beschloss. Wann sichs nun zugetragen / dass das Land zu dürre
worden /habe das Regen-Fass ganz Indien / mit Tau / benetzen können / wann es
eröffnet worden: sei es aber geschehen / dass der Regen sich über nötig
vermehret /haben sie mit dem Fass / auch den Regen gleichsam verschliessen
können. Das andere hat / nach dem Willen der Menschen / die Winde ausgelassen /
dass die Lufft gesäubert und gereiniget worden / auch / zu beliebiger Zeit /
wiederum zu ruck gezogen / und sich verschlossen. Diss Zeugnus bekräfftigte er /
noch zum Uberfluss / mit folgendem / dass er beim Olao gelesen / sich erinnerte /
wie vor dem die Finländer /denen Schiff-Bedienten / wann sie widrigen Wind
erlitten / die Winde zu kauffen geben / in dreien Knotten / mit der
Unterrichtung / dass / wann sie den ersten lösen würden / sollten sie gelinde
Lufft hoffen; der andere würde etwas heftiger: aber der dritte stürmend und
wütend brausen. Welches auch die jenige / mit nicht geringen Schaden / erfahren
/ so diese Müglichkeit verlachet / und die Knotten zur Versuchung geöffnet. So
erzählt / fuhr Cossmarites fort / gedachter Zeuge / von einer Hünen-Tochter /
Namens Hagberta / dass sie / durch ihre Kunst / sich selbst verändern /und nach
ihrem Gefallen / in tausend Arten verwandeln können. Wunderbahre Ding werden von
derselben gelesen / namentlich / dass sie an dem gewölckigten Himmel weit und
breit sei daher gefahren; bald wieder / als ein ohnmächtiger Mensch / herab
gefallen / aber zugleich den Himmel mit ihr niedergerissen; bald habe sie die
Erden aufgehänget / und über den Himmel geworffen / bald unter den Wassern
ersäufft; bald habe sie die Brunnen verhärtet / die Berge zerschmeltzet / die
Schiff in die Lufft erhöhet / und auf dem Winde gesegelt / selber die Götter
bestürmet /das Gestirn zerstöret / und die verfinsterte Tieffen erleuchtet. Wie
deren noch vielmehr gedachter Verfasser in seinem Buch bezeichnet. Ist nun
dieses erfahren / oder vielmehr erwiesen worden / was sollen wir auch bei uns
zweiffeln? Ich schliesse nicht unbillich dahin / dass noch heut zu Tage solche
Künste unter den Menschen gefunden werden.
    Melopharmis / als welche / auf solche Art / bald sollen verraten werden /
fieng / mit einem lautern Nein / die Rede an zu beantworten / und weil die
zeitige Furcht ihr Hertz und böse  Gewissen schröckete /winckete sie dem Polyphilo
/ er sollte ihr beistehen /und sie schützen. Dieser / da er sah / dass der
Discurs männiglich wohl gefiel / fieng er folgender Gestalt an: Ich habe / mit
nicht geringer Belustigung / eurem Gegen-Streit eine Weile zugehöret / und wollte
wünschen / dass mein Verstand sich so hoch erhebte / die Sache beizulegen / aber
die noch frühe Jugend entschuldiget ihre Unwissenheit. Dass ich aber / meiner
Gewonheit nach / rede / damit ich lerne / und lehre /auf dass ich unterrichtet
werde / will ich meine Meinung vor dissmal euch / Melopharmis! nicht weniger auch
denen andern Anwesenden zu richten und zu verbessern geben. Ist demnach kein
Zweiffel / sie habe in allem recht geredt / alleredelste Melopharmis! weil man
gestehen muss / dass solche über- und widernatürliche Werck / nicht durch
natürliche Mittel / sondern entweder / durch die himmlische / oder auch
höllische Herrscher der Natur / verrichtet werden: wollen wir nicht gestehen /
dass die Natur wider sich selbst streite. Ihr aber auch / verständiger
Cossmarites! könnet euch / meines Erachtens / auf gleiches Recht verlassen / weil
ihr in allem dem / was ihr geredt / nichts unmügliches behauptet: aber in dem
Fall ists beiderseits gefehlet / dass keiner das dritte / dadurch solche Werck
verrichtet werden / getroffen.
    Anlangend die Erzehlung der Geschicht / halt ich davor / dass sie freilich
wunderns wert sind / wann sie warhaftig sind: das aber stehet noch in grossem
Zweifel. Sintemal keine grössere Unwarheit verkauffet wird / als von den
Verwandlungen und Wunder-Wercken der Welt. Sehet an den Liebes-Poeten /was
Wunder-Dinge erzählt er in seinem Verwandlungs-Buch / und mit solchen Umständen
/ dass mancher ein Eyd auf die Warheit schweren sollte? Wie weitläufftig
beschreibet er den Riesen-Krieg / die die Berge zusammen getragen / den Himmel
zu stürmen? wie scheinbar redet er von der Circe und Medea: Auch des Diomedis
Gesellen / welche in Vögel verwandelt / lange Zeit hernach / um den Tempel
Diomedis / geflogen: desgleichen von der Gesellschaft Ulyssis / durch die Circe
in wilde Tiere verwandelt; auch dem Gottlosen Lycaon / in einen Wolff; der
Daphne / in einen Lorbeer-Baum; der Syringa / in ein Rohr; denen Heliaden / in
Bäume; der Calisto / in einen Beeren; und nach dem / mit ihrem Sohn Arcas /in
Gestirn; der Coronida / in eine Krähe; der Ocyrhoe / in ein Pferd; dem Blatto /
in einen Stein / wie auch Aglauros; ja! dem Jupiter selbst / in einen Ochsen
verwandelt / und andern mehr? darff ich weiter gehen / wer sollte nicht glauben /
dass gewisslich Phaeton von seinem Vatter Apollo begehret / die Sonne an dem
Himmel-Dach einen Tag herum zuführen / das ihm der Vatter vergönnet / aber mit
der Warnung /dass er herunter fallen würde / wie hernach geschehen? Wer sollte
nicht glauben / dass gewisslich Cadmus seine Diener / Wasser zu dem Heiligtum zu
holen /abgefertiget welche von einer Schlangen / bei einem Brunnen / im Walde /
allesamt umbracht; deswegen Cadmus entrüstet / und die Schlange / in deren
Gestalt der Drachen-König verborgen war / mit Macht erleget / auch / nachdem /
dessen Reich eingenommen: Und als er / Cadmus / die Zäne des Drachen /nach dem
Rat der Pallas / ausgesäet / ein hauffen rüstige Männer aus der Erden gewachsen
/ die sich untereinander erwürget? Wer sollte nicht glauben / dass gewiss Acteon
die Dianam badend gefunden / welche ihn in einen Hirschen verwandelt / dass er
hernach von seinen eigenen Hunden zerrissen worden; Oder was er vom Narcisso
erzehlt / der sich selber / wegen seiner Schöne / die ihm der Brunnen entdeckt /
lieb gewonnen; oder auch vom Bacho / und seinem Freuden-Spiel / wie er / mit
Epheu gezieret / von Mann- und Weibs-Personen / mit Trummeln und Pfeiffen / sei
umher geführet worden? Wer sollte nicht glauben /dass die unglückselige Flucht der
Leid gebährenden Tisbe / vor der blutigen Löwin / gewiss geschehen /da sie ihr
Gewand verlassen / welches von der Löwin zerrissen und beschmieret / dem
getreuen Pyramo den Tod verursachete / Pyramus aber der gleich-getreuen Tisben;
Und was dergleichen Gedicht unzehlig viel mehr sind? Das alles aber verursachet
der geschwinde Aberglaube / und die heftige Begierde / in uns Menschen / etwas
neues zu hören / etwas hohes zu verwundern. Denn so ist unser Natur beschaffen /
dass wir alle gerne Wunder hören / und neue unerhörte Dinge forschen. Daher es
kommt / dass nicht nur die Gemeine und Ungelehrte / sondern auch die
Hoch-verständige / ihre grösseste Beliebung an dergleichen Wunder-Gedichten
gehabt / und ihnen solche Unmüglichkeiten / als müglich / vorgebildet / damit
sie ja was neues hätten. Könnet ihr derowegen aus dem nichts gewisses schliessen
/ mein Cossmarites!
    Gleichwol aber / weil annoch die tägliche Erfahrung vieler Wunder-Dinge
gleiches bezeuget / können wirs auch nicht gäntzlich verneinen / bevorab da wir
das Beispiel vor unsern Augen haben. Melopharmis schreitet alsobald zu der
gewaltigen Macht des Himmels; welches / wenn ich sagen darff / was ich dencke /
auch gefehlet ist; und tritt in diesem Stuck Cossmarites näher zur Warheit /
indem er der Bosheit der Menschen einen Teil dieser Verrichtungen zuschreibet.
Dann dass die Unsterblichen wider sich selbst streiten sollten / ist nicht
glaublich; auch wird sich der Himmel nicht selber stürmen; vielweniger die Erde
über sich erhöhen / und was dergleichen mehr. Folget demnach von sich selbst /
dass diss ein Werck der bösen Geister / welche mehrenteils durch ihre Werckzeug /
als dero Diener und Dienerinnen arbeiten / und uns teils warhaftige
Verstellungen erwecken / teils auch mit nichtiger Blendung betrügen. Welches
letztere mit allem Recht von Hagberta / der Hünen Tochter / davon ihr uns
erzählt / kann gesprochen werden / und vielleicht auch von der Verbannung dieses
Schlosses. Zwar läugne ich nicht / was ihr vor behauptet / dass solcher Dinge
viel / natürlicher Weise / zugehen / bevorab / da ich glaube / es sei eine
heimlich-verdeckte Kunst / in der Natur /welche / so wir erkundigen sollten / wie
dann die Weissheit der Menschen immer weiter geht / freilich viel wunderbare und
seltzame Ding würden gesehen und gehöret werden / die / unter tausenden / nicht
einer / vor menschlich oder natürlich halten wird. Daher ists / dass Aristoteles
/ der hochgepreiste Naturkündiger / ein ganzes Buch / von den verborgenen
Wundern der Natur geschrieben: wann anderst Teophrastus nicht billiger
desselben Verfasser von vielen benennet wird. Was soll ich sagen von Plinio /
der in allen seinen Schrifften / sonderlich im andern Buch seiner
Natur-Geschicht / viel herrliche Wunder bezeichnet. Was vom Proclo / Augustino /
Alberto magno / Fracastorio und Ficino / die alle einhellig dahin schliessen?
Ich sehe / dass ihnen meine Wort nicht übel gefallen / so lasst uns nur ein
einiges aus dem Plinio vernehmen / der selber von der Natur /sie zu erkundigen
/ geschaffen zu sein scheinet. Er berichtet aber / im andern Buch / seiner
Natur-Geschichte / von einem harten Felsen / welcher in ungeheurer Grösse / bei
Harpasa / einem Städtlein in Asia / stehen soll / dieser Art / dass / so man ihn
mit einem Finger berühre / er sich bewegen lasse / als ein kleiner Stein: da man
aber / mit ganzem Leib und grosser Gewalt / ihn waltzen will / widersetze er
sich gleichsam / und werde unbeweglich. Dessgleichen schreibet er von zweien
Bergen / bei dem Indischen Fluss / deren einer die Natur hat / dass er alles Eisen
an sich ziehe; der andere / dass er kein Eisen leide: daher die so ihre Schuh mit
Nägeln verwahret / von jenem nicht herunter / zu diesem nicht hinauf kommen
können. So lesen wir auch von einem Brunnen / zu Dodona / einer Stadt in Chaonia
/ welcher dem Jupiter geheiliget / dass er ganz kalt / und die angezündete
Fackeln // so man darein tunckt / auslesche: aber / welches ja wunderbahr / die
ausgeleschte / so sie hinzu gehalten werden / wieder anzünde. Gleiches ist
bekandt /von einem andern auch ganz kalten Brunnen / in Illyrien / so man ein
Kleid / auch in der Höhe / über ihn hält / dasselbe zur Stund anzündet. Und wer
weiss nicht / was der hochteutsche Held / Herr Opitz / im 4ten Buch seiner
Poetischen Wälder / von Wunder-Wassern merckliches erzählt / da sein geliebter
Buchner angefangen / dass sonderlich / die Macht des Höchsten / die gütige Natur
/ sich an der See / den Flüssen und Quellen ausgelassen / und ihr bestes
Meisterstück erwiesen. Da er bald drunter setzt: in Boetien sollen zwei Fluss
sein / deren einer alle Schaaff / so daraus trincken / schwartz / der andere
weiss mache. In der Stadt Garamant soll der Brunnen Dubris / des Tages / zehenmal
Eisskalt / und des Nachts / zehenmal siedend heiss sein. In der Larinensischen
Gegend / sind zwei Brunnen / nahe beisammen / von denen der eine alles in sich
schluckt / der ander alles auswirfft. Welcher aus dem Clitorischen Brunnen
trinckt / soll auch den Wein nur nicht riechen können. In Teno ist ein Quell /
dessen Wasser sich unter keinen Wein mischen läst.
    Darauf fieng Atychintida an: Ach! dass alle Wasser dieser Art wären! ich
möchts wohl leiden / sagte Polyphilus / und fuhr weiter fort: selbst auch unser
belobtes Teutschland hält einen solchen Brunnen in sich /dass / wann jemand eine
Henne hinein stecket / die er mit Recht überkommen / sollen ihr die Federn
stracks gebrühet werden und abgehen: Hat er sie aber mit Unrecht / bleibt sie /
wie sie zuvor gewesen. Von den Reise-Leuten / aus Italien / bin ich öffters
berichtet worden / dass allda zwei Brunnen vorhanden / in deren einem ein Hund
stracks sterben / in dem andern bald widerumb lebendig werden soll. In
Schottland soll sich gar ein Wasser in Stein verwandeln: welches der
hochgeschätzte Opitz / an etlichen in Zips / mit eigenen Augen gesehen zu haben
/ zeuget. Dessgleichen auch von einer Pfütze bei Torda / in Siebenbürgen /welche
/ ob sie zwar von unglaublicher Tieffe / dennoch keinen Menschen untersincken
lässt / er könne schwimmen oder nicht. Und dass wir von dem Wasser / auf andere
Wunder der Natur kommen / ist bekandt / dass zur Schelnitz / etzliche Meilen von
Caschau / das Eisen / durch eine Quelle / innerhalb wenig Stunden Inschlit / und
dieser hinwieder in Kupffer verwandelt werde. Was soll ich sagen von dem Demant
/ welchen die Griechen a;a;d;a;m;a;s genennet / weil er sich weder vom Eisen /
noch mit Feuer / bewegen lasse: und doch ists erwiesen / dass er durch ein warmes
Bocks-Blut erweichet werde. Solten wir diesem den Magnet entgegen halten /
würden wir wiederum / in beiden / eine unglaubliche Wunder- befinden. Denn so
der Demant bei einem Eisen ligt / wird er ihm solches nicht nehmen lassen / und
da es von dem Magnet ergriffen / wirds hinwiderum der Demant erfassen und
wegreissen. Dass wir aber nicht nur von den entseelten Kreaturen hören / wollen
wir mit wenigen an den Wunder-Fisch gedencken /welchen die Griechen
e;x;e;n;h;i;s, die Lateiner Remora nennen / und von welchem der viel-belobte
Aristoteles / in seinem andern Buch der Tier-Geschichte /desgleichen Plinius /
solche Dinge schreiben / die nicht nur von den Alten erzählt und aufgeschrieben
/sondern auch von ihnen selber / und andern / zu der Zeit / lebenden Menschen
mehr / augenscheinlich wahrgenommen werden. Es soll nämlich dieser Echeneis /
ein kleines Fischlein / etwa einen halben Schuh lang / einer grosser Schnecken
nicht ungleich sein. Doch dennoch / so er sich auch an die grösseste Schiff /
die / mit gewaltigem Lauf / durch das Meer eilen / und sonsten von keiner
Verhindernus könten aufgehalten werden / anhänge / bleibe selbiges in dem
Augenblick ruhen / und könne weder durch die zwingende Winde / noch die
treibende Wellen / vielweniger die ausgespannte Segel fortgeführet werden. Und
ist das das allerwunderwürdigste / dass ein solche ungeheure Last / ein so
mächtiger Flug / eine so geflügelte Geschwindigkeit / nicht durch Zuruckhalten
/nicht auch durch Widerstreben: sondern einig und allein durch das Anhängen /
eines so geringen Fischleins / kann aufgehalten werden. Wann die Exempel
unglaublichen Dingen sonst Warheit erwerben / kann ich auch dieses mit dem
Schaden Antonii bekräfftigen. Dann als dieser wider Augustum / bei der Stadt
Actis / zu Wasser kriegete / und selber / auf dem Admiral-Schiff / um sein
Heer herum eilete / und sie zum Streit anmahnete / hat dieser Fisch solch sein
Schiff gehalten / dass ers nicht von der Stell bringen können / auch gezwungen
worden / in ein anders zu tretten. Welche Versäumnus dann verursachet / dass
Antonius / in verwirrter Ordnung / von der Käiserlichen Armada / eilfertig
überfallen / und biss auf das Haupt geschlagen worden. Aber dass wir uns nicht
länger aufhalten / wollen wir auch die vernünftige Kreaturen besehen / und wie
viel diese Wunder-würdige Sachen verrichtet / anhören. Jener H. Vatter schreibet
/ dass er viel gekennet / die ganz anderst /als andere Menschen / geartet
gewesen / auch so gar wunderbar / und von ihnen allen vor etwas sonderliches
gehalten / alldieweil sie seltzam / und in kleiner Meng angetroffen werden. Sie
haben / spricht er / an ihren eigenen Leibern solche Dinge vollbracht / die kein
anderer nachtun / auch schwerlich glauben wird / wann mans ihm erzehlt. Dann
etliche haben die Ohren am Kopff bewegen können / wie ein Pferd oder Camel: auch
so gar bissweilen eins allein / bissweilen beide zusammen. Andere haben ihr Haar /
ohne Bewegung des Haupts / so weit es bewachsen / auf die Stirn hervor bracht /
und / nach ihrer Beliebung / wieder zu ruck gezogen. Andere haben / was sie
zerkeuet und verschlucket / in unglaublicher Menge / ohne grosse Bemühung /
wieder ganz und unzerkeuet hervor bracht / und / welches das grösseste / ein
jedes Stuck /in seiner Art / absonderlich. Andere (welches mir zwar die
gebührende Schamhaftigkeit zu erzählen verwehren sollte; aber die Warheit zu
bekennen erheischet /) haben nach Lust und Liebe / mit ihren Winden spielen
können / in solcher Meng und Ungleichheit / dass sie so gar auch ein Liedlein
blasen können. Auch finden sich / die schwitzen können / wann sie wollen; weinen
und Zähren vergiessen / wann ihnen beliebet: auch wohl gar ohne Empfindung sein.
Wie dann gedachter Vatter / von einem Priester / mit Nahmen Restitutus, meldet /
welcher / womit er nur wollte / sich sinnloss machen konnte / und gleich als
ertödtet danieder legen / so gar / dass er nicht gefühlet / ob man ihn stosse
oder pfropffe / auch einesmals / da man ihn mit Feuer versucht / ohne Empfindung
sich weidlich brennen lassen: Auch hat man keinen Atem an ihm gespüret. Was
wollen wir von der Himmels-Kugel Archimedis und Possidonii sagen / davon der
Römische Redner / im ersten Buch seiner Tusculanischen Fragen / und andern / von
der Götter-Natur berichtet // dass sie alle Bewegungen der himmlischen Circul /
aufs eigentlichste und deutlichste vorgeleget? Wer sollte wohl gedencken / dass
dieses ein Werck menschlicher Müglichkeit gewesen? wie es doch in Warheit
gewesen. So schreibet Albertus von zweien Knaben in Teutschland / vor deren
einem alle verschlossene und verriegelte Tor und Türen / zur lincken Seiten /
freiwillig aufgangen / so oft er über die Gassen / vor den Häussern
hergeloffen: vor dem andern aber / zur rechten. Unter welches Wunder / eben der
Erzehler / mit ausdrücklichen Worten setzet / dass diss nicht anderst / als der
verborgenen Krafft und den verdeckten Wunder-Würckungen der Natur / die ihnen
beiden / in ihrer Geburt mitgeteilet sei /könne beigemessen werden. Wiewol ich
/ in dem Fall / selber noch in grossem Zweiffel stehe / und mir nichts Gewisses
zu bejahen oder zu verneinen unterfangen darff. Das aber zeuge ich frei / und
habe mich deswegen / in Erzehlung solcher Wunder-Dinge /gern etwas aufgehalten /
dass ich erweisen möchte /wieviel in der Natur verborgen / das wir Sterbliche
noch nicht ergründet / und wann es ergründet wird /wir alsobald auf ein Göttlich
Wander oder teuflische Blendung raten / da doch offtmals die reiche Natur /und
hoch-steigende Menschen-Weissheit / so durch Fleiss / so ohngefehr / solches zu
erkennen oder zu richten gestattet.
    Nun kann ich mit dem Grund der Warheit schliessen: haben jene Menschen /
durch natürliche Mittel /das und das verrichten können: warum nicht noch zu
unsrer Zeit? haben die und die Tier solche Art und Krafft gehabt: warum nicht
auch andere / die wir nicht erkennet? haben diese oder jene Geschöpffe / oder
entseelte Cörper / so oder solche Würckungen in sich gehabt / warum nicht noch
anjetzo? Ist aber das / wie es denn warhaftig ist / was wollen wir das neue
Erkantnus desselben / ein Wunder oder Unmüglichkeit schätzen. Was meint  ihr wohl
/ Melopharmis! wann uns die Krafft des Magnets nicht so bekandt wäre /sondern
allererst heut erfunden / und von dem Erfinder zu etwas neues / uns unwissend /
gebrauchet würde / was würden wir anderst / als ein unerhörtes Wunder / und
verblendete Unmüglichkeit schliessen. Gleicher Gestalt steckt noch manche
verborgene Krafft in den Kräutern und andern Gewächsen der Erden / damit die /
so sie erkennen / viel wunderbare Ding verführen. Was höret man von der
Spring-Wurtzel / die auch die vesteste Schlösser eröffnet? was von der
Waffen-Salbe / die an dem gegenwärtigen unempfindlichem Gewehr / den
Beschädigten abwesend heilet? Was von andern / die hie nach der Läng zu erzählen
/ so vedriesslich / als unnötig ist.
    So haltet ihr / Polyphile! fieng Melopharmis an /ganz und gar darvor / dass
alles natürlich geschehe /und selbst auch die Versenckung dieses Schlosses
/durch menchliche Müglichkeit / sei gewürcket worden? Deme Polyphilus
widersetzte: Ich glaube wohl /dass der Eyfer / der erzürnten Götter / ihre Rach
verübet / wie ich selber auch / in meinen hochgeliebten Vatterland / dessen
ein Exempel weiss / an einem herrlichen Schloss / das / durch das gerechte Gericht
/ des unsterblichen Gottes / wegen seiner verruchten und übermachten Bosheit /
biss in diese Stunde / versencket ist und bleibet: an dessen statt aber ein
unergründlicher Brunnen gesehen wird / der von den Benachbarten / ins gemein /
der Dilsgraben benahmet / welchen ich selber mit meinen Augen gesehen; so hab
ich mir auch von einem Daucher / nicht ohne Glauben / erzählen lassen / dass an
einem andern Ort dergleichen noch zu finden / indem er / selbiges zu besehen /
unter das Wasser gefahren / aber an die Turn-Spitze angestossen / und seinen
Leib gefährlich durchbohret: welches Mahl ich auch gesehen. Uber das weiss ich
von dem Heinrichs-Berg / und habs selbst erfahren / dass eine Jungfrau / zu
gewissen Jahrs-Zeiten / aus einer Hölen / sich hervor tut / und über die
Verbannung / dadurch sie / mit ihrem Haus und Leuten / auch einem
unerschöpfflichem Schatz versencket / klaget / auch die Errettung hoffet / biss
auf heutigen Tag. Aber daher läst sich nicht schliessen / dass / weil es Gottes
Straffe / also könne es nicht natürlich / nicht auch durch andere Mittel /
geschehen. Ich gebe euch / edle Melopharmis! und verständiger Cossmarites! in
allem Recht: allein ihr müsst auch mich meines Rechts geniessen lassen. Wolt
ihr dann nicht / so antwortet mir auf das / was ich euch / wider die Natur / und
Gottes Ordnung geschehen zu sein /erweisen will. Was glaubt ihr von den
höllischen Geistern / denen Tausend-Künstlern / und ihrem verdammten Anhang /
dadurch sie ihre Macht üben?
    Melopharmis erschrack über diesen Worten / als schlüge sie ein Donner ins
Hertz / darum sie auch verstummete: gleichwol sich so stellen konnte / als wäre
ihr die Frag zu schwer; Cossmarites aber hielt starcke Wider-Rede / und erwies /
dass auch die böse Geister nicht anderst / als durch natürliche Mittel schaden
und helffen könten. Dann / sagte er / gleich wie die Hoch-Verständige und
Wunder-Gelehrte ihre natürliche Wunder-Würckungen / nicht anderst / als durch
ordentliche besondere Mittel / verrichten können: also die unverständige / so
sie dergleichen Werck verrichten / werden sie / von den Kunst-verständigen
Geisten / in dem allen / unterwiesen / wie sie durch das Kraut / zum Exempel /
die Kranckheit; durch den Stein / die Blendung; durch das Tier / die
Verführung; und wieder ein anders / durch ein anders / verrichten können.
Archimedes kann mir solches / mit seiner Kunst / erweisen / welcher auch die
schwerste Last / mit den geringsten Kräfften / bewegen konnte. Als nun geschahe /
dass der König Hieron solches nicht glauben wollte / und er seine Wissenschaft zu
Werck richtete / hat er ein ungeheures Schiff / voller Last und Schwere / mit
ruhiger Hand fort getrieben /aber durch Hülff eines vielseitigen Instruments
/gleich als ging es auf dem stillen Meer: gleich so verständiget / der
Kunst-vermögende Geist / seine Werckzeug / aller deren Mittel / dadurch sie
Wunder tun / und uns betrügen können.
    Das / versetzte Polyphilus / will ich nicht läugnen /dass nicht auch diese
sich solcher Mittel gebrauchen /und habe es nie geläugnet / so fern ich glaube /
dass auch die Zauberer warhafte Werck vorstellen / und die Augen nicht allemal
mit angefärbter Nichtigkeit verblenden: aber das habe ich zeigen wollen / ob
nicht auch die Verbannung dieses Schlosses / von der wir nun erlöset / eine
blosse Blendung gewesen. Sehen wir die Mannigfaltigkeit der Geschichte an / muss
ich von mir selbst bekennen / dass mein Sinn / in zweiffelhafter Antwort / das
Stillschweigen erwählet / und nichts gewisses schliessen mag. Viel ist durch
Zauber-Kunst verrichtet worden / an deren Gewissheit man nicht zweiffeln können:
Viel aber auch / ja das meiste / hat Augen und Ohren hesslich betrogen. Dortin
können gerechnet werden / die mancherlei Bildnussen / aus Holtz / Eisen und
anderer Materi verfertiget / / die ohne äusserliche Hülff und Bewegung sich zu
bewegen / fort zu gehen / ja auch zu reden / und /auf gegebene Frag / zu
antworten unterstanden. Nicht weniger auch die Offenbahrungen heimlicher
verdeckter Sachen / als da sind / die Erkundigung eines geheimen Diebstals / die
Erfindung eines verborgenen Schatzes / und die Wissenschaft dessen / was über
so viel Meilen geschehen ist. Hieher gehören auch die Weissagungen von
künftigen Dingen / der gewisse Schluss in zweifelhaften Sachen / und die
Beherschung des Glücks in Gefährlichkeit. Das alles aber /wie es durch keine
natürliche Mittel / in Ungewissheit kann vollbracht werden: also auch / in
Gewissheit nicht bestehen / durch falsch-geführte Würckungen. Sondern die
vielmächtige Geister wissen und können /Krafft ihrer beiwohnenden
Geschwindigkeit / und erlernten Wissenschaft aller natürlichen Geheimnussen /
dann auch aus geübter Erfahrung in allen Dingen / alle / auch die uns
unbekanteste und wundervolle Arten / aller Gewächs und Geschöpff / so gar auch
/deren Gleich- und Ungleichheit / und wie die aller widrigste vereiniget / die
Vereinigte können getrennet werden / daher sie nachmals seltzame und
Wunder-bereichte / uns unmüglich-scheinende Werck verüben / so durch sich selbst
/ so durch andere. Und dass die Unmüglichkeit vor unsern Augen desto scheinbarer
sei / geben sie vor / als müsten sie auf gewisse Art bekleidet sein / ziehen
viel Linien / bilden viel Figuren / machen nicht weniger Mercker / erdencken
besondere Wort und Red-Sprüch / deren Gewalt sie alles zuschreiben / was sie aus
einer fremden Krafft verrichten; da doch alles offenbahr ist / dass in dem Kleid
/ in der Linien / in dem Bilde / in dem Merckmal / in denen Worten / und so fort
an / nicht ein Füncklein einiger Natürlichkeit stecken könne. Und doch sehen wir
die warhafte Werck vor Augen / ohne den geringsten Betrug. Wer hats nicht
erfahren / dass denen / der Zauber-Kunst Ergebenen / alles offen stehe / und kein
Schloss vor ihnen vest genug verwahret bleibe? Wer hat nicht gelesen / dass sie
ihre Gegenwart im Augenblick uns entziehen / und ehe wirs verhoffen / davon
schwinden können / als wären sie nie gewest? wie ich das mit dem Exempel
Apollonii Tyanei bekräfftigen könnte / der gleiches / in Gegenwart des Käisers
Domitiani / getan. Ob aber das alles in seinem Wert beruhet / machen doch / im
Gegenteil / andere betrügliche Verblendungen / mich sehr zweiffeln / und
solches um desto mehr / weil deren Gewissheit durch den endlichen Betrug zum
öfftern erwiesen worden. Ein einiges Exempel anzuführen /lesen wir bei dem
Philostrato / dass eine Zauberin /von grosser Schönheit / sich gestellet / als
liebe sie Menippum / einen Jüngling von gleicher Schöne / und verlange dessen
Ehe. Als nun der Hochzeit-Tag heran nahete / habe die Zauberin ein herrliches
Mahl / mit den köstlichsten Tranck und Speisen / in Gold und Silber / bereitet /
und auftragen lassen. Nun wurde auch Apollonius auf das Mahl gebeten: weil aber
dessen Augen nicht mochten verblendet werden / als welcher selber der Kunst
erfahren / hat er alsobald die schändliche Betrügerei / denen Anwesenden /
entdecket / sagende: ihr sehet des Tantali Garten / welche /nach dem Zeugnus
Homeri / etwas zu sein scheineten / da sie doch in der Warheit nichts waren:
dann was ihr sehet / ist nicht hier. Ohne Zweiffel ist diese Zauberin aus der
Zahl deren gewesen / die sonsten den Polter-Geistern verglichen werden / und
beschrieben / dass sie nicht nur der bösen Lust sehr nachhängen / sondern auch
grosse Begierde tragen / Menschen-Fleisch zu fressen / zu dessen Erlangung / sie
die Erwehlte / mit versüsseter Lust / reitzen / und hernach verschlingen. Als
nun Apollonius seine Wort geendet / ist aller Vorrat auf einmal verschwunden
/und der gäntzliche Betrug vor ihren Augen gewesen. Sie aber / die Zauberin /
hat bekannt / dass sie Menippum / wann sie ihn vorher mit Wollust gemästet /
hernach fressen wollen / weil ihre gewohnte Speise sei die junge Mannschaft /
wann sie zu ihrem vollkommenen Blut gelanget. Was soll ich von andern
Verblendungen sagen / deren Menge so gross / dass sie noch täglich beobachtet
wird? Wie vielmals hab ich mich selber verführen lassen / indem ich gewiss
geglaubet / es sei allem dem so / wie und was ich sehe; Habe aber befunden / dass
ich eine Maus vor einen Elephanten / ein bekandtes Burger-Haus / vor ein Schloss
/ einen meiner besten Freund / vor weiss nicht was angesehen? Selbsten hab ich
gesehen / dass /durch solche Verblendung / eine Weibs-Person geglaubet / sie gehe
im Wasser / die doch auf den trockenem Pflaster stund. Selbst hab ichs gehöret /
dass bei hellem Sonnen-Schein die Silber-klare Wolcken gedonnert / und der
geläuterte Himmel geblitzet. Selbst hab ich auch geschauet / dass ihrer etzliche
um das Leben zu schencken gebeten / denen der Galgen in die Lufft gebauet war /
aber nur vor ihren Augen; und mit einem Wort / es ist nichts so wunderbahr /dass
die Geschwindigkeit nicht verzaubern könne /was ists? dass sie auch Todten
erwecken / darauf eines schwören sollte / sie wären gestorben und erstanden. Wie
dessen einen Beweis Philostratus erteilet. Dann als Apollonius einer Toden Bahr
/ darauf eine verstorbene Jungfrau heraus getragen wurde / begegnete / hat er
sich gestellet / als sage er ihr etwas leis in die Ohren / darauf der Todte
erwachet / und zu voriger Gesundheit gelanget. Gleiches lesen wir von Hercule
und Asclepiade / einem berühmten Artzt / zur Zeit des Käyser Pompeii Magni:
Deren jener Alcestem; dieser einen andern Menschen vom Tod erwecket / und aus
dem Grab hervor gezogen: dass aber diss nicht warhaftig geschehen könne durch
Zauberei / erweiset die Beschaffenheit der Seelen. Ist sie sterblich? kann sie
/so sie einmal gestorben / nicht in eben der Beschaffenheit wieder leben. Ist
sie unsterblich? wie sie ist /so ist sie auch über alles menschliche und
natürliche Vermögen / und keiner Kreatur unterworffen; denn sie ist geistlich /
himmlisch / und erwartet der Götter Befehl / daher folgen muss / dass solche
Verrichtungen nicht besser / als Nichtigkeit und ein verführtes Wesen zu
benennen. Nun könt ich gleicher Gestalt schliessen / dass auch unsre Augen / die
Zeit der Verbauung / gehalten worden / dass sie nicht sehen können / was sie
sehen sollen.
    Als Polyphilus so verständlich geredt / und alle Anwesende mit sonderlichem
Eyfer aufmercketen /schlug Melopharmiz die Furchtans Hertz / die sich aber bald
in einen Hass verkehrete / dass sie wunschete / sie hätte Polyphilum / vor die
Errettung / ersäuffet: Deswegen sie ihn auch mit schlechter Lieblichkeit
anschauete / dass Polyphilus leicht verstehen möchte /es sei Zeit zu schweigen;
darum er seine Rede endigte / mit den Worten / dass diss sein Bedencken sei
/wiewol er sich gerne eines bessern unterrichten lasse. Darauf Melopharmis
anfieng: und mit Recht / weil die Sach selber ein bessers zeuget / und die Rache
der erzürneten Götter / wegen meines Sohnes / augenscheinlich erweiset / dass
diese Versenckung keine Blendung / sondern ein Straff-Werck des ergrimmten
Himmels gewesen. Deme Polyphilus nichts mehr entgegen setzen möchte / weil er
gedachte / es mag gewesen sein was es wolle / ich dancke dem / der mich beim
Leben errettet / dass ich wieder zu Macarien kommen kann. Auch Atychintida / die
nach der Weiber Art aus allem gar zu bald eine Sünde drehen konnte /fieng an zu
erweisen / dass die Götter gar leicht könten aufs neue erzürnet werden / wann man
ihre Wunder denen verdammten Zaubereien gleich schätzen / und ihre Gnad / nicht
mit besserm Danck / versetzen wolle. Darum ihr beliebiger sei / von andern
Dingen Gespräch zu halten. In zwischen Atychintida diese Wort endigte /
bestellte Melopharmis nachgesetztes Lied / zur Bewährung ihrer Warheit / mit
Hülff der Musicalischen Instrumenten / abzusingen / welche sie ohnlängsten / von
Polyphilo selber verfertiget /überkommen / und in solche Gesang Weise
versetzen lassen:
Wie will doch das Menschen-Hertze
forschen / was dem Himmel gleicht?
Kan dann unsre Sinnen-Kertze
funckeln / wann das Liecht erbleicht?
Nein / wir können nicht verstehen /
was der Himmel heist geschehen.
2. Er ist dort: wir hie auf Erden /
zwischen uns das Wolcken-Zelt /
das nicht kann entdecket werden /
ohne / wann es Gott gefällt:
aber Gott kann leicht entdecken /
was auf Erden wir verstecken.
3. Wunderbahr sind deine Wercke /
wunderbahr Rat / Krafft und Geist:
Die die schwache Menschen Stärcke
unverwundert bleiben heisst /
weil wir wissend das nicht wissen /
was die wundre Himmel schliessen.
4. Nur von ferne; nur im Spiegel
sehen wir / was dort geschicht:
biss das neue Gnaden-Siegel
öffnet Gottes Angesicht /
das wir dorten werden schauen /
hie dem Wort der Zusag trauen.
5. Was will dann der Menschen Raten
raten jener Ewigkeit?
wer? wer will der Götter Taten
wissen in der Sterblichkeit?
Alle wir bekennen müssen /
dass wir das nicht können wissen.
6. Drum / O Mensch! bleib bei der Erden /
dass du nicht stosst oben an;
Sonsten wirst du fallend werden /
dass dir niemand helffen kann.
Wer sich will zu hohe schwingen /
pfleget sich zu Fall zu bringen.
7. Götter-Rat ist wie die Flammen /
die von ferne wärmen fein:
kommen sie zu nah dem Stammen /
wird er bald verzehret sein:
Gleich so muss es dem ergehen /
der des Himmels Schluss will sehen.
8. Weit von Göttern / weit vom Blitzen /
weit vom Donner / weit vom Schlag:
Lass die Himmel / Himmel sitzen /
dencke nicht den Wundern nach /
die du doch nicht wirst erdencken /
dich nur tieffer drein versencken.
9. Jener Vatter hats erfahren / (Augustinus)
der das grosse Wellen-Meer
solt erschöpffen und bewahren
in der Gruben; das war schwer:
Eben schwer kont er ersinnen
Tun der Götter und Göttinnen.
10. Auch hat der bekennen müssen / (Jearus)
eben was vor ihm bekannt /
der die Sonnen wollte grüssen /
dahin er den Flug gewandt:
sich gestürtzet in die Tieffen /
da die wilden Fluten lieffen.
11. Fiel nicht auch der Turn ingleichen /
dessen Spitzen aufgeführt / (zu Babylon)
dass sie kont das Dach erreichen /
da man an den Himmel rührt?
Aber wie? Er musste sincken /
durch der Donner mächtig wincken.
12. Allen wird es so ergehen /
die sich schwingen Himmel an:
Die Geheimnus zu verstehen /
die man nicht verstehen kann:
Alles muss zur Tieffe neigen /
was den Himmel will ersteigen.
13. Drum / so lege Zaum und Zügel /
Mensche! deinem Sinn und Witz:
Drucke das verschlossne Siegel
der Vernunft erhöhtem Sitz:
Lass in duncklen Himmel-Dingen /
deine Kräffte nicht verringen.
14. Glaube / was du nicht verstehest /
hoffe / was du siehest nicht:
Wo du stehest / wo du gehest /
dencke / was man sonsten spricht:
Gott / der uns bisher geführet /
diss und alles das regieret.
15. Ich will bleiben in den Schrancken /
tretten auf die Einfalt-Bahn /
und mein Hertz mit den Gedancken
weiter nicht mehr lassen an:
Dann das / was es weiss geschehen /
nur im Glauben solle sehen.
16. So wird Gott in seinem Wesen;
Himmel / Himmel bleiben fort /
und der Mensche sein genesen /
wann er kommet an den Ort /
da er alles wird verstehen /
was der Himmel heisst geschehen.
17. Unser Wissen ist verstücket /
unser Leben Unverstand /
jenes mit der Kunst beglücket /
die den Himmel selbst erkannt:
Hie wir suchen / dort wir finden /
was wir können nicht ergründen.
 
                                 Neunter Absatz
Beschreibet den Ausspruch der beiden Weisen / Clyrarchä und Cossmarites / von der
   Macht und Ohn-Macht der Zauberer; welches Gespräch die Lehr-Puncten selber
                                    zeigt.
Nach vollbrachtem Gesang erinnerte sich die Königin hinwieder an Polyphili Reden
/ und weil dieselbe von der Vermögenheit der Zauberer einen Zweiffel verursachet
/ gab sie dem Clyrarcha Befehl / als der biss daher still geschwiegen / sein
Bedencken zu eröffnen /wie hoch er meine / dass sich solche Krafft erstrecke.
    Clyrarcha erschrack zu erst gar sehr / dass er in so grosser Gefährlichkeit
reden solle / weil er um das Tun Melopharmis wusste / und in ihrem Gesicht den
Grimm der erzürnten Bosheit wahrgenommen: Doch weil er der Tugend gemäss erfunde
/ die Warheit durch keine Furcht unterdrucken zu lassen / und Polyphilum zu
seinem sichern Schutz setzte / fieng er folgender Gestalt an: Durchleuchtigste
Königin! Ihrem Befehl zu gehorsamen zwinget mich mein Beruff / und die Warheit
zu schützen / ermahnet mich mein bessers Wissen / darum ich / mit kurtzen Worten
/ den Ausspruch des verständigen Polyphili gut heissen und bekräfftigen muss.
Nicht zwar nehm ich mir das zu behaupten / / was er von der Versenckung dieses
Schlosses / und dem Fluch / der uns troffen hat / zweifelhaft gesprochen /
denn darin können wir nichts gewisses schliessen / und ist uns genug / dass wir
davon erlöset / ob wir gleich nicht wissen / wie wir erlöset /oder wovon wir
erlöset: weil wir gleichwol das wissen / dass wir von einem grossen Fluch und
elendem Gefängnus erlöset worden: davor wir mehr dem Erlöser dancken / als
eiferig nachgründen sollen: sondern das will ich gehorsamlich / und so viel mir
wissend /erweisen / dass die Zauber-Kunst eine mächtige Kunst / und wundertätig
ist. Weiln aber Polyphilus allbereit die Exempel angeführet / dass es vedriesslich
scheinet / dieselbe mit mehrem zu häuffen / will ich bloss die Dinge / so ihre
Krafft vermag / anzeigen /neben denen dabei gesetzten Gründen / auf welche ihre
Kunst gebauet. Zweierlei aber haben wir sonderlich in acht zu nehmen / eines ist
/ dass der Geist / von sich selbst / aus einem Ort in den andern / und solches /
mit unglaublicher Behendigkeit / sich verfügen kann / so gar / dass er in einer
Stund die ganze Welt durchwandelt. Das andere ist / dass er gleicher Gestalt /
und mit nicht viel geringer Geschwindigkeit /auch andere Cörper von Stell zu
Stell tragen kann: den Beweis können wir von denen heiligen Geistern und Engeln
im Himmel nehmen. Dann wie jene durch natürliche Krafft die Himmels-Kugel drehen
können: also können auch diese / durch eben die Krafft / andere Cörper bewegen.
Diese Bewegungen aber / welches wieder wohl zu behalten / geschehen entweder ohne
Mittel / von dem Höll-Geist selber: oder durch Mittel / von andern / and aus
fremder Würckung. Jenes betrifft die Bewegung der Cörper; dieses / was auf
solche Bewegung letzlich erfolget. Kan derowegen /in dem ersten Grad / der
mächtige Höll-Gott viel tun / das wir nicht glauben / das wir nicht begreiffen
können / und also notwendig vor ein Wunder halten müssen. Da vermag er / zum
Exempel / Feuer vom Himmel zu werffen / das alles verzehre / was es betrifft. Da
vermag er grausame / brausende Winde zu erregen / die alles ausreissen / und zu
boden stossen. Da vermag er die allererschröcklichste Wetter / mit Donner /
Hagel und Blitz / so auf der Erden / so in dem Meer / anzurichten / dass die
Schiff mit Wellen bedecket / und in die Tieffe versencket werden. Da vermag er
ein grosses Erdbeben / durch ein saussendes Brausen / in den getiefften Hölen /
zu befördern /und die Berge zu zerreissen / auch alles / was auf und unter der
Erden ist / zu erschröcken: dessen ihr / edler Polyphile! vor ein Exempel geben
/ mit den beiden Wind- und Regen-Vässern. Und diss ist dem Menschen zum
Schrecken. Zum Betrug kann er mit gleicher Macht / Menschen / Vieh / und alle
andere Sachen /gar gesch wind an fremde weit entlegene Örter führen. Welches
bekräfftiget wird mit dem / dass wir zum öfftern feurige Schlangen / Drachen /
auch wohl Menschen / in der Lufft schweben sehen. Und dass / dem Zeugnus Alberti
nach / einsmals Ochsen und Kälber geregnet / welches traun nicht anderst / als
durch des Geistes List und Betrug geschehen. Dieses Betrugs machet sich auch
teilhaftig / dass er gegenwärtige Dinge mit grosser Behendigkeit / und ehe man
sichs versiehet / wegnehmen / und anderswo hinführen kann / dass wir nicht anderst
sagen können / als es sei verschwunden. Wie ich von eben dem Apollonio gelesen /
davon ihr vor erzählt / dass er vor dem Käiser Domitiano verschwunden. Und
welches fast mit dem eintrifft / kann er auch gegenwärtige Ding unsichtbar machen
/ wie vom Gyge / Plato und Cicero erzählt: wanns anderst wahr ist / was sie
erzählen. Uber das ists kund / dass er auch die unbeseelten Bilder und Götzen
gehend und redend machen kann / in dem er nämlich selber in ihnen redet /
selber sie fortführet. Dergleichen ich wiederum von Apollonio gelesen / dass /
da er beim Jarcha und dem Brachmann gespeiset / haben sich steinerne dreifüssige
Tisch /Bänck / Leuchter und andere Geschirr von sich selbst beweget / und
ertzene Mundschencken / die Becher /im Cräiss herumgeführet / auch mit gewisser
Mass /das Wasser / unter den Wein gemischt / und einem jedweden zu trincken
dargereichet. Von den Bäumen /Pflantzen und Tieren können wir eben das sagen
/dass sie auf menschliche Art / reden und Gespräch halten: auch was die
unvernünftige Tier belanget / bewegen sie sich selber auf wunderbahre Weiss /
und verrichten solche Sachen / die ohne reiffen Verstand und bereichte Vernunft
nicht können vollbracht werden. Sehen wir andere Wunder an / müssen wir bekennen
/ dass die Macht des Geistes / aus einer Kugel / eine Flamme / und ein gross Feuer
hervor bringen kann / das weit und breit gläntze. Wie wir beim Plinio / von
Servio Tullio lesen / dass ihm / da er geschlaffen / eine helle Flamme / aus
seinem Haupt / schiene; und von L. Martio / in Spannten / da er die Rache /
wider die Mörder der Scipionen / dem Volck einriet / dass er ganz gebrennet.
Auch ist dieses nicht genug / weil er auch die Wasser teilen /stemmen / und zu
ruck treiben kann / so gar / dass man nicht anderst meint  / als der Fluss fliesse
wider sich selbst. Wie auch dieses Plinius / zu seiner Zeit geschehen /
verkündiget. So ist ihm nicht verwehrt / allerhand Gestalten an sich zu nehmen /
und dieselbe dermassen zu verändern / dass er bald einem Menschen / bald einem
Löwen / bald einem Engel / bald einer ganz sinnlosen Kreatur sich gleiche. Und
dieses kann er nicht nur an sich selber / sondern auch an allen andern Sachen /
Gold / Edelgestein / Speise /Feld / Wälder / Tier und Menschen / dass er ihnen /
auf wunderbare Weiss / allerhand Gestalten andichte /und jenes in diss / dieses
wieder in jenes verwandele. Weiln er aber / fast in allen / freie Macht hat /
kann er aus der Erden auch vielfältige Dünst und Dämpffe hervor bringen / ja!
wohl gar die Feuchtigkeiten / in dem Menschen / entweder mehren / oder
verringern; die Gliedmassen trennen / und wieder zusammen fügen / was nicht
zusammen gehöret; die natürliche Hitz rauben / und also grosse Kranckheiten
verursachen / wie in denen offenbahr zu sehen / die von dem bösen Geist
besessen. So kann er auch die innwendige Sinnlichkeiten also bewegen / dass sie
ihnen die vergangene Dinge vormahlen / so doch nicht gewesen; die Gegenwärtige
einbilden / so doch nicht sein; die Zukünftige hoffen / so aber auch nicht sein
werden. Er kann die äusserliche Sinnen betören / so wohl in den Wachenden / als
Schlaffenden. Den Wachenden zwar / das sie gedencken / sie hören / das sie doch
nicht hören / und sehen / das sie doch nicht sehen /und tun / das sie doch
nicht tun / und leiden / das sie doch nicht leiden. Den Schlaffenden / indem er
ihnen zukünftige Ding / als Gegenwärtige vorstellet /sonderlich in denen
Begebenheiten / die er / als künftige mutmasset. Daher kommts / dass wir so
oft durch die Träum verführet / denen wir doch so grossen Glauben geben. Und
scheue ich nicht zu sagen /dass die Träum-Deutungen / mit andern dergleichen
Weissagungen / als dem Vogel-Geschrei / der Erweckung der Todten / dem
Entgegen-Lauf der Tier / und dergleichen / ihren Ursprung aus diesen
künstlichen Verstellungen und Blendung zu erst genommen. Wie wir davon viel
herrliche Exempel beim Valerio maximo; von Cicerone aber / in seinem Buch / von
den Weissagungen / völligern Bericht haben. Es stärcket diese meine Gedancken /
dass der Höll-Geist auch die äusserlichen Sinne ganz verstellen und verführen
kann / indem er entweder von aussenher allerhand sichtbare Wunder und
Wunderwürdige Ding vorstellet / deren sich doch nichts in der Tat befindet:
oder auch von innen die Empfindlichkeit dermassen beweget / dass sie die
äusserliche Sinne zugleich mit verwirren / damit sie von dem / was sie sehen /
hören oder tun / keine richtige Verständnüs haben sollen. Und auf solche Art /
können diese böse Geister / auch endlich allerhand Bewegungen zur Liebe / oder
Hass; Furcht oder Vertrauen; Trost oder Verzweifflung / in dem Menschen erregen.
Wie deren Exempel alle Geschicht-Bücher voll sind. Das kann der Geist ohne
Mittel. Durch Mittel kann er eben das / und vielleicht ein mehrers / oder ja zum
wenigsten / unsern Augen viel verdecktere und unmüglichere Werck vollbringen.
Denn da sind in vielen Steinen / Wassern / Kräutern /Säfften / Holtz / Tieren /
auch in der Erd / und dem menschlichen Leib / viel unbekandte / verborgene /aber
doch natürliche Kräffte / durch deren Hülf und Gebrauch / solche Sachen geführet
werden / die wir eine Unmüglichkeit und über-natürliches Wunder achten / weil es
etwas neues und ungewohntes ist /auch die Art / wie es / und wodurch es
geschehen /uns ganz unbekandt und verborgen. Zu dere Behuf haben die Zauberer /
durch welche der Meister nicht selten würcket / ihre gewisse Kräuter / damit sie
das oder das zu Werck richten. Deren etzliche Plinius benennet und schreibet /
dass sie glauben / mit dem Kraut Aetiopide / könne man die Fluss und Wasser
trocknen; oder / da sie verschlossen / mit einem Uberwurff eröffnen: mit einem
andern könne man ein ganz Heer erschröcken und in die Flucht jagen / wann mans
unter sie werffe. So findet man beim Democrito eine Artznei / durch dessen Hülff
nicht nur schöne; sondern auch fromme und glückselige Leute geboren werden.
Auch ist zu verwundern / was sie in gemein von dem Kraut / welches bei ihnen
Verbenaca heisset / vorgeben; dass / wer selbiges recht gebrauche /alles
glücklich verrichte / alle Kranckheiten vertreibe /getreue Freund erwerbe / und
allem Ubel wehren könne. So ist das über alle Wunder / was beim Aulo Gellio und
Plinio zu lesen / wie hoch die Zauberer den Camaleon halten / welchen sie vom
Democrito empfangen / dem Obersten der Zauberer. Welches alles hie zu
wiederholen unvonnöten / darum ich schliessen / und mit dem Ende meiner Rede /
auch der Macht des bösen Geistes / ein Ende setzen will.
    Polyphilus merckte auf alle Wort mit scharffem Nachdencken / und befand viel
/ das er gern widersprochen hätte / allein die Bosheit Melopharmis hiess ihn
still sein. Als aber Atychintida ihn fragte / wie ihm das alles gefalle? musste
er / aus Zwang der Höfligkeit / dem Clyrarcha / mit gleicher Einstimmung
/begegnen / und seine Rede billigen / wie er zuvor Polyphili Reden gut
geheissen: gleichwol führete er mit an / möchte ich nun auch hören / was dann
der Zauber-Geist nicht vermöchte? welches Cossmarites am besten bewähren wird /
als welcher mehr der Natur /dann der Zauberei geneigt ist. Die Rede erfreuete
Cossmaritem / und zugleich auch die Königin / so gar / dass diese geschwinden
Befehl gab / jener ohne Verzug gehorsamte / in diese Wort heraus zubrechen:
    Durchleuchtigste Königin! und auch ihr / edler Polyphile! viel haben wir
bisher vernommen / von der verzaubrenden Macht / und ist nicht ohne / dass sich
dieselbe weit erstrecke: werden wir aber auch die Ohnmacht hören / wird sich
jene mercklich verlieren; weil ich was auch andere sagen / dennoch gewiss bin
/dass diese Kunst nichts / ohne entweder natürliche Mittel / oder nichtige
Verblendungen / ausrichten kann. Dass ich aber auch die Ordnung Clyrarchæ halte /
und erst erweise / was ihm ohne Mittel / hernach durch Mittel unmüglich: setz
ich zu förderst / dass er keines Wegs / er sausse und brausse auch / wie er wolle
/ die Welt zerstören und einbrechen könne; dann er selber ist ein Teil dieser
Welt; ein Teil aber hat nicht Macht über das alles / wessen Teil es ist. Nach
dem kann er oben so wen ig die Ordnung Gottes in dieser Welt ändern; dann selbige
ist das Gute selber / das ihm nicht zu Gebot stehet: Eben so wenig die
Haupt-Teil der Welt versetzen / dass er aus Morgen /Abend; und aus diesem wieder
jenes; aus Mittag /Mitternacht; und hinwider aus Mitternacht / Mittag mache.
Eben so wenig kann er den Himmel aufhalten /und seinen gewohnten Lauf verhindern
/ oder auch still stehen heissen. Eben so wenig kann er ein Element von einem Ort
an den andern tragen: ja! viel weniger kann er machen / dass an einem Ort nichts
sei / weil damit die Zusammenfügung / dadurch alle Teil des Himmels / mit der
Erden aneinander hängen / getrennet / und also auch ihre Führung und Regierung
aufgehoben würde. Und weil diese Geister eine abgemessene Bewegungs-Krafft an
sich haben / dadurch sie in den Schrancken vieler Unmüglichkeiten bleiben müssen
/ können sie eben so wenig / einen jedweden Leib / oder ein jedwedes Ding / an
einen jedweden Ort tragen / und mit gleicher Behendigkeit / als sie wollen /
will geschweigen in dem Augenblick. Dann die Geschwindigkeit der Geister unter
sich selbst ist ungleich / und hat dieser mehr / jener weniger Hurtigkeit
überkommen. Auch können sie eben so wenig machen / dass zwei Cörper zugleich an
einem Ort /oder ein Leib zugleich an zweien Orten sei / oder dass ein Leib den
andern unversehrt durchdringe: Eben so wenig dasselbe bewegen / von dem Ort /
wann er nicht zu nächst dabei ist / dann der Beweger und das Bewegte müssen
notwendig beisammen sein. Endlich auch kann er / eben so wenig / einen Leib von
hinnen / an einen andern Ort führen / dass er ihn nicht durch die Mittel-Bahn
führe; und mit einem Wort /nichts warhaftig tun / von dem allen / was der
allein mächtige. Himmel seiner Krafft vorbehalten. Dannenhero folget / dass er
auch durch Mittel / in deren Gebrauch er sonst mächtig ist / dennoch nicht alles
tun und verrichten kann. Dann er kann kein selbst-ständiges / oder auch
zufälliges Wesen hervor bringen /weil er ein Geist ist / der keine leibliche
materi / unmittelbar / verwechseln kann / daraus ein cörperliches Wesen entstehe.
Er kann nichts aus nichts erschaffen /dann etwas aus nichts zu erwecken / ist
denen unsterblichen und unendlich-mächtigen Himmels-Göttern allein eigen. Zu dem
kann die Würckung / durch natürliche Mittel / mit nichts nicht umgehen / auch in
nichts sich nicht gründen. Was soll ich von Verwandelung anderer Dinge sagen? Er
kann nicht alles aus allem machen / sondern bindet / was sich binden lässet //
und scheidet / was sich scheiden lässet: obs uns verborgen / und daher
Wunderhaft scheinet. Er kann nicht durch eine jede Ursach / auch eine jede
Würckung üben: nicht / durch ihm gefälliges Werckzeug /alle Ding gewinnen. Und
ob er die gehörige Mittel brauchet zu dem wollenden Werck / kann er doch nicht /
ohne vorgehende gebührende Verwandlung und Verneurung / von neuem / ein
selbstständiges Wesen / das dem vorigen ungleich sei / auswürcken: viel minder
in kurtzer Zeit / oder einem Augenblick. Er kann nicht / ob schon durch
natürliche Mittel / alle natürliche Dinge / in alle andere / nach seinem
Gefallen / verwechseln; Ursach / weil ihm die Mittel fehlen. Er kann nicht
vollkommene / warhafte Tier / ohne Saamen / gebären: sondern / da er / aus
Steinen oder Holtz / Pferd und Löwen wachsen / oder aus den Wolcken Ochsen und
Kälber regnen lassen / sind entweder solche von andern Orten hergeführet / oder
ein nichtiger Betrug gewesen. Gleich so kann er auch /durch den Saamen / kein
Tier / alsobald in vollkommener Höhe und Dicke: noch weniger über die
gebührende natürliche Grösse; oder auch darunter bilden: sondern er muss der
Natur ihren Lauf lassen / die er nimmermehr zwingen wird / wider sich selbst zu
handeln. Muss er also / in allem / die Ordnung mit halten /wie es die Natur
erfordert; darum er nicht das Letztere einführen kann / ohne das Erste / kein
Hinter und Vörder machen / ohne das Mittel / kein Nidriges / ohne die Höhe / und
diese hinwieder nicht / ohne die Tieffe. Die Todten aber lebendig zu machen /
ist ihm so unmüglich / dass nichts unmüglichers sein könne / und ist alles das /
was er in diesem erwiesen / oder noch erweiset / eine blosse Nichtigkeit / und
nichtige Verblendung. Darum / dass ich viel mit wenigen fasse / er kann nicht
verwehren / dass nicht ein jeder tue / was ihm zu tun / die sonst ordentliche
Mittel zulassen /und was ihm zu tun gefället / wann ihm sonst nichts mangelt /
das Verhindernus verursache. Er / der Geist / selber / und alle / die ihm
anhangen / vermögen mit all ihrer Kunst / wie hoch sie selbige auch rühmen und
ihnen einbilden / nichts mehr / als was natürliche Müglichkeiten zulassen / oder
verzaubrende Verblendungen dichten können: welches alles aber / weil es im
höchsten Grad der Vollkommenheit stehet / und sie tausend verborgene
Heimlichkeiten wissen / davon wir nie gehöret / als halten wir solches / aus
unsrer Unwissenheit / vor Wunder / und wohl gar Unmüglichkeiten / darinnen wir
dann weit fehlen. Und diss ist meine Meinung.
    Alle billichten diese Rede / ausser Melopharmis /die heimlich bei ihr
gedachte / im Werck zu erweisen / was sie mit Worten nicht widersprechen
dorffte: und weil ein jeder aufzustehen verlangte / erhebte sich Atychintida von
ihrem Tron / und mit ihr alle / die zur Tafel sassen. Nach vollbrachter
Dancksagung wurde Polyphilus in das Königliche Zimmer / durch die Königin und
Melopharmis begleitet / gegen welche er sich mit solcher Freundlichkeit geberden
konnte / dass Atychintidæ Gnade immer mehr und mehr gestärcket / Melopharmis Gunst
aber leicht wieder erworben wurde; wiewol nicht ohne starcken Verweis und harter
Bedrohung.
 
                    Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIEN
                                        
                                 Dritten Buchs
                                 Erster Absatz
 Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer ganzen
  Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung /unaussbleiblich
                   folget: welches hier die Lehre selber ist.
Da sie in das Zimmer gelangeten / wurde Polyphilus auf einen künstlich-erhabenen
Tron gesetzet / von dessen Rechten / etzliche köstlich-bekleidete Sessel /einen
Craiss schlossen / biss zur Lincken / darauf sich die andere Anwesende
niederliessen. Atychintida aber beschloss die Rechten Polyphili; Melopharmis die
Lincken. Und da Polyphilus mit Verlangen erwartete /was geschehen werde; wurde
mit etzlichen Violinen folgender Ton erhoben / und die nachgesetzte Strophen /
mit einer erhellenden Stimm abgesungen / die dem Polyphilo verkündigten / was
künftig wäre.
Stimmet die Säiten mit lieblichen klingen /
stimmet / was immer jetzt stimmen sich läst:
Dass wir die Freude der Freiheit besingen /
stimmet und klinget und singet das Best.
Lasset Polyphilo klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
2. Dencket / bedencket das Peinliche Leiden /
dencket / bedencket die schröckende Not /
Da wir das liebliche Sonnen-Liecht meiden
mussten / erwählen den lebenden Tod:
Lasset derhalben jetzt klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
3. Alles war allen und aller verdorben /
Tugend / Kunst / Weissheit und Liebe mit Glück:
Dieses hat alles hinwieder erworben
unsers Polyphili Götter-Geschick:
Lasset derhalben jetzt klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
4. Dieser / sonst keiner / war darzu erwählet /
dass er dem Himmel bezahle die Schuld:
Die er / mit seiner Ersäuffung / vermählet /
jener erbarmenden Göttlichen Huld:
Lasset derhalben erklingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
5. Komm her / Polyphile! sitze / besitze
diesen bescepterten Königes Tron:
Komm her / Polyphile! schütze / beschütze
diese / der Weissheit und Tugend-Kunst Cron:
Lasset auch ferner uns klingen und singen /
Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
6. Bringt Geschencke / damit ihr verehret
diesen / der Ehrens verehrens ist wert:
mehret die Gaben dem / der euch vermehret /
gebet / was er ihm zu geben begehrt /
Lasset zu Ehren erklingen und singen /
Säiten und Lieder last singen und klingen.
Nach geendigtem Säitenspiel / fieng Atychintida folgender Gestalt an:
Alleredlester Polyphile! der schuldige Danck / damit wir allesamt euch
verpflichtet leben / sollte mich nicht nur von meinem Tron / sondern / so es
müglich wäre / meiner Königlichen Würden zu vergessen / gar vor eure Füsse
legen. Dann dass ich eine Königin bin / habt ihr wieder erworben /und dass ich
wieder ein Mensch bin / hab ich eurer Würde zu dancken. Womit soll ich aber
unvergleichliche Woltaten vergelten? Was kann ich geben / das ihr nicht / als
eurer Hoheit unwürdig / verwerffet? Ruhm gebieret eure Tugend; Liebe erheischet
die Kunst / deren der gnädige Himmel alles gegeben. Mit irrdischen Gaben
himmlische Verdienst zu verehren /heisset / Koht vor Gold bezahlet. Menschlichen
Danck an Göttliche Hülf zu setzen / heisset / die Erde dem Himmel gleichen / und
die Ehre mit Schande mehren. Ach dass doch die Unsterbliche / denen wir vor so
mannigfaltige Gaben Preis geben / auch dieses verliehen hätten / dass wir euren
Ruhm nach Würden erheben / eure Kunst nach Gebühr rühmen / und euren Verdienst
mit würdigem Danck versetzen könten! Aber der Danck wird anjetzo die
Unmüglichkeit mehr entschuldigen / als sich selbst erheben müssen. Nun dann so
seid zu frieden / Tugend-bereichter Polyphile! mit dem / was wir können / weil
wir doch nicht können / was wir wollen; und schätzet die Werck /aus dem Willen /
so werdet ihr / durch den Willen /die Schwachheit der Wercke bekennen. Diese
Seele /die durch euren Arm lebet / soll euch / weil ich lebe /ehren; und dieser
Leib / der durch eure Errettung übrig ist / soll euch / so lang er ührig ist /
dienen: was diese Augen sehen / da soll das Hertz Polyphilum / ja den edlen
Polyphilum / preisen: was diese Ohren hören / da soll mein ganzer Sinn
Polyphilum / ach! den edlen Polyphilum / erheben. Was diese Zunge redet / da
soll mein Mund Polyphili Lob vermehren /oder so es nicht zu vermehren ist /
stärcken: und so es nicht zu stärcken / bewähren. Alles das / was ich bin /und
was um und bei mir ist / soll sich willig / ja schuldig erkennen / euch / unsern
Erlöser / zu preisen // unsern Freund zu lieben / und unsern Herrscher zu
bedienen. So nehmet hin / ruhmwürdiger Polyphile! meine Hand / die euch ewige
Dienste verspricht; nehmet mit der Hand das Hertz / das mich / in solcher Demut
/ vor euch niderlegt; und / wie ihr sehet / dass alle diese / mit tieffster
Ehrerbietung / nur euch zu dienen begehren: also nehmet auch deren
Willfährigkeit an / und befehlet / worinnen sie gehorsamen sollen. Dass ich aber
nicht blosse Wort führe: sondern den Schluss meines Hertzens / im Werck erfülle /
so nehmet an das Zeichen unsers Gehorsams /und erkennet die Demut / durch diss
Geschenck /damit ich euer Haupt umwinde / als den Sieger / und euren Leib ziere
/ als den Tugend-Beherrscher / den Danck aber preise dieser Kuss; mit welchen
Worten /sie ihm einen Hut auf das Haupt setzete / und einen Ring an den Finger /
dem Mund aber einen Kuss gab /Ehre / Freude und Danck dadurch zu deuten.
    Nach dem wurde eine grosse Meng köstlicher Kleinodien und Edelgesteine herzu
bracht / auch allerhand Arten der Ringe / güldene Ketten / und was sonsten zum
Geschenck tüchtig erkandt wird / welches die Königin / mit diesen Worten / dem
Polyphilo darreichte: und diese Wenigkeiten nehmet an zur Bezeugung verdienter
Ehr / die wir nicht anderst / als mit dergleichen Gaben krönen können / und
erweiset uns /so wir bitten dörffen / die grosse Gunst / bei uns zu bleiben /
biss euch das Glück / wohin ihr verlanget /mit vollen Freuden führe. Hat uns aber
der Himmel so hoch begnädiget / dass wir unsre Zeiten / durch eure Beiwohnung /
ewig beglücken können / bitten wir aufs schönste / unsere Freud / durch die
Abreisen /nicht zu verstören / dann wollen wir mit immerwährender Bedienung
erweisen / wie willig wir sein zu vergelten / was uns menschliche Unvermögenheit
zu erwiedern versaget.
    Nach diesem wandt sie sich gegen Melopharmis /mit diesen Worten: Ihr aber /
Melopharmis! um derent willen wir dieses alles leiden müssen / werdet vergnüget
sein mit dem / was Polyphili Hand wiedergeben / und werdet die erzürnte Götter
vor uns bitten helffen / dass sie / durch eure Befriedigung / auch ihren Zorn
ablegen / und uns hinführo in Gnaden ansehen mögen: so sollt ihr vergewissert
leben / dass ihr nicht allein unter unserm Schutz sicher ruhen / sondern in
höchster Gnad / neben mir und meinem Tron sitzen werdet / und mehr geniessen /
als die verdammte Cacogretis hoffen dörffen. Zum Zeugnus dessen /nehmet auch ihr
diss Geschenck von meiner Hand /und verwahret es zum Zeichen meiner Gnad und
eurer Ehr: Bittet auch von mir / so ichs habe / soll es euch werden. Und euer
Sohn / den ich / mit eurem Willen /auch meinen Sohn nennen kann / soll durch euch
/seine Lebens-Mutter / meine Brust saugen / und meine Vorsorg schmäcken / so
will ich eurer beiden pflegen.
    Ehre genug vor einen Schäfer / und überflüssig vor eine Zauberin. Diese
hatte / was sie gesuchet: Polyphilus aber beantwortete die Red der Königin
folgender Gestalt: Hochseligste Königin! die Freude / so E.M. also reden heisset
/ entschuldiget / vor dissmal /den grossen Fehler / den sie durch die ungeziemte
Demut begehet. Ich soll dienen / sie herrschen. Dass sie aber mir diese Ehre
zuschreibet / halt ich vor eine hohe Gnad / welche / nicht mit Gegen-Gnade /
sondern mit Demut zu erkennen. Mein ist / die Gnade zu nehmen / E.M. aber zu
geben. So wolle sich / bitte ich / E.M. bedencken / dass sie dero Freudigkeit zu
viel nachgeben / indem sie ihr Leben / in meine Errettung / und ihre Seele / in
meine Hände setzet: welches Lob ich nicht verdiene / noch annehme: will sie aber
meiner Schwachheit auch etwas zuschreiben / so gebe sie ihr den Ruhm / dass mich
/ vor andern / die Gütigkeit der Unsterblichen / solche Erlösung zu vollbringen
/ erwählet. Das aber verdienet nicht mir / sondern fordert vielmehr von mir
Danck / welchen E.M. mit so vollen Strömen / auf mich ausgegossen. Auch ist die
Ehre / so mich zieret / nicht mein / sondern dessen / der mich durch sich
geehret: welchem nach ich den Hut mit dem Ring aufnehme. Den Kuss halt ich vor
ein angenehmes Zeichen / E.M. hohen Gnad / befinde mich auch dadurch / gegen
derselben / in tiefster Untertänigkeit / zu allem Gehorsam verpflichtet. Und
weil mir viel mehr obliegen will / die sondere Ehr / mit einem ewigen Danck zu
ersetzen / als geb ich lieber diese Seele / diesen Leib / und was ich vermag /
dann dass ich jenes nehmen / oder begehren sollte. Anlangend diese hochgeschätzte
Gaben / nehm ich zwar nach Schuldigkeit / zum Zeichen unverdienter Gnade an /
allein mit dem Beding / dass ich selbige / mit untertänigsten Danck / hinwider
E.M. zu meinem / und nicht so wohl meinem / als der / durch meine Schwachheit /
erworbenen Freuden-Gedächtnüs / darreichen / und dem gütigen Himmel zum ewigen
Danck-Mal allhier nidersetzen darff. Dann diesem allein gebühret der Lohn / was
hie erworben. Ich bin zu frieden mit dem / wann ich mich E.M. Gnade versichern /
und das erhalten kann / dass sie mich / mit einem seligen Wunsch / von hinnen
lassen.
    Atychintida antwortete / dass sie nicht gestatten wurde / weder die Abreise
so zeitig zu fördern / noch die Geschenck hinter sich zu lassen; allein
Polyphilus liess sich nicht überreden / weil sein Hertz den Leib nach sich zog:
biss Melopharmis / nach abgelegtem Danck / gegen der Königin / anfieng:
Polyphilus wird schon bleiben müssen / wann wir ihn nicht lassen. Das Geschenck
aber hat er billich zu Gottes Ehr geordnet / dahin es auch muss gewendet werden:
Doch solt ihr / edler Polyphile! diesen Stein mit euch führen / dessen ihr
möchtet benötiget sein / wann ihr zu Deliteen kommet / um etwas von eurem
Siegs-Preis mit zubringen. Das sagte sie zwar mit lachendem Munde: aber
Polyphilus konnte den lautern Ernst bald greiffen.
    Nach dem nun dieses verrichtet / und die Königin ihren Schatz wieder in
Verwahrung nahm / damit Melopharmis Rat / und Polyphili Wille erfüllet würde:
wurden dem Polyphilo zu sondern Ehren / nachfolgende Gesetz mit Einstimmung vier
hell-klingenden Lauten / und einer hochsingenden Menschen-Stimme /abgespielet /
weil er noch auf dem Tron sass:
Solten nicht unsere Sinnen sich freuen /
sollte nicht alles / was freuen sich kann /
Heute mit Wonne die Hertzen verneuen /
heute / da Freude die Ehre stellt an:
Solten nicht unsere Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren eins singen.
2. Das will die sonsten gebührende Pflichte /
das fordert selber der schuldige Danck:
dem zu gehorchen / die rechte Gerichte
wählen / erwählen den willigen Zwang /
Dass jetzund unsere Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren eins singen.
3. Drum so / Polyphile! bleibe beschönet /
wie du dich selber beschönet heut hast:
Und wie die Krone des Sieges dich krönet /
weil du erdrücket die drückende Last:
Also auch sollen die Lauten jetzt klingen /
und wir Polyphili Ehre besingen.
4. Nicht wir alleine: wer Tugend verstehet
und wer die Schätze der Weissheit erkannt /
der muss dich loben: weil keines vergehet /
beides bewähret die mächtige Hand:
Deren zu Ehren wir dieses jetzt singen /
deren zum Ruhme die Lauten erklingen.
5. Auch zeugen deine lobwürdige Sitten
deiner Bescheidenheit höfliche Werck /
dass deine Tugend die Würde beschritten /
die deine Ehre mit Lobe verstärck.
Drum auch so sollen die Lauten jetzt klingen /
und dir zu Ehren die Ehre besingen.
6. Unser Gefängnus / das du hast entbunden /
gibt dir ingleichen den würdigen Preis /
weil es hat feinen Erretter gefunden /
nun es den Helffer / Polyphilum / weiss:
Drum auch so sollen die Lauten erklingen /
und dem Erretter zu Ehren diss singen.
7. Selbsten die Freude / so in uns sich hebet /
fället hinwieder / zu dienen dir / hin;
weil durch Polyphili Leben / was lebet /
lebet und stirbet / im gleichen Gewinn;
Drum auch so sollen die Lauten erklingen /
und dir / Polyphile! dieses jetzt singen.
8. Ja / ja! so wirst du von allen beehret /
Liebster der Lieben! von allen gerühmt:
ich / wir und alle / die alle vermehret /
deinen Ruhm mehren mit Ehre verblühmt:
Lassen die klingende Lauten erklingen /
weil wir dir dieses zu Ehren jetzt singen.
9. Nun dann so lebe im glücklichen Leben /
ehre die Ehre / so heute dich ehrt.
Gott wird gedoppelt dir wieder das geben /
was du durch deine Erlösung beschert.
Unsere Saiten das wünschen und klingen /
weil sie Polyphili Ehre besingen.
Nach vollendetem Gesang / giengen sie wieder heraus in den Saal / und verderbten
die Zeit mit allerhand kurtzweiligen Gespräch: sonderlich musste die verborgene
Macarie / unter dem Namen der Deliteen viel leiden. Von der wir nun auch etwas
melden müssen / ehe wir mit Polyphilo weiter gehen.
 
                                 Anderer Absatz
Beschreibet die Zeit-Verbringung / der biss daher bekümmerten Macarien / und wie
Polyphilus bei derselben ärgerlich verleumdet worden: Lehret den ersten Anstoss /
   welcher die Tugend-Verliebte zu bestreiten pflegt / nämlich / Verleumdung.
Diese schwebete zwischen Furcht und Hoffnung / und kämpffete immer fort mit der
bestreitenden Liebe /weil sie das angenehme Joch der Einsamkeit / so sie gar vor
ein Kleinod der Freiheit halten dorffte / mit der Liebes-Tyrannei nicht
verwechseln wollte. Bald gedachte sie an die spielende Augen Polyphili / bald an
das seufftzende Hertz / und wieder bald an die zwingende Freundlichkeit / so sie
in die Bestrickung geführet. Wann sie seine höfliche Bezeugungen bei sich
überlegte / gedachte sie alsobald / er ist würdig /dass er geliebt werde.
Erinnerte sich denn das schöne Hertz seiner heimlichen Pein / und wie viel er um
sie erlitten / wurde sie in ihr selbst überzeuget / dass er ihre Liebe aus
Schuldigkeit fordere: doch hielt mehrmaln das Gelübd der Einsamkeit ihren Willen
starck zuruck / und die Forcht / so alle Liebe mit sich ziehet / verursachte
ingleichen keine geringe Entaltung. Jetzt betrachtete sie die Eigenschaft der
Liebe / was sie aber darinnen fand / das verstärckete die Einsamkeit. Jetzt die
Unbeständigkeit derselben / die auf einem zerbrechlichen Grund bestehe / und
falle / wenn man sie am beständigsten achtet. Jetzt die Grausamkeit derselben /
die zwar anfänglich süss locke / aber nachmals mit Bitterkeit speise. Und wann
sie sah /dass eitel Betrug / Pein / Widerwertigkeit / Elend /Verachtung / in der
Liebe sei / hätten tausend Seufftzer Polyphili nicht so viel vermocht / dass sie
die Einsamkeit gesegnet. Bald fielen ihr die Gedancken bei /dass die Liebe /
wegen der Wollust / lasterhaft; wegen des Neids / verhässig; wegen der Forcht /
schmertzhaft; wegen der Lust / verführisch / und wegen der anklebenden
Widerwertigkeit schädlich sei / welches Dencken auch sie widerwärtig machte.
Bald hielt sie das freie Leben in der Einsamkeit entgegen der Dienstbarkeit / in
der Liebe / und erwählte ihr den köstlichen Schatz der Freiheit. Ach! sprach sie
bei sich selbst / in was Vergnüglichkeit leb ich doch: solt ich nun dem
Verlangen dienen? mit nichten. In was Zufriedenheit bin ich versetzt: solt ich
nun Unruh suchen? mit nichten. Wie wohl ist meinem Hertzen / in ungebundener
Freiheit: soll ich mich mutwillig unter ein Joch begeben? In Ewigkeit nicht.
Weiss ich doch /dass die Liebe sei eine Dienstbarkeit; weiss ich doch /dass die
Liebe sei eine Unruh / und nichts als Schmertzen nach sich ziehe: Warum soll ich
mich selber verderben: Wer liebt / muss Leid vor Freude / Pein vor Erquickung
/ Hoffnung vor Trost / erwählen. Eine Freud wird dem Liebenden mit tausend
Schmertzen versaltzen / eine Erquickung mit noch so viel Schrecken verbittert /
ein Trost mit hundertfältiger Verzweifflung vernichtet. Warum solt ich mich dann
so versehen? Noch mehr wurden diese Gedancken vermehret / wann sie die Person
Polyphili gegen die ihre rechnete. Seine flüchtige Jugend erweckete in ihr
Zweiffel an allem. Seine Reden wollten blosse Höflichkeit heissen / seine
Geberden dorffte sie eine angeborne Freundlichkeit nennen / seine Seufftzer
einen nichtigen Schertz grüssen / und all sein Tun ohne Nachdruck urteilen.
Gleichwol / wann sie hinwieder an die Träume / an die Schrifft / an die
wunderbare / und / so zu reden / selbst von Gott versehene Zusammenkunft sich
erinnerte / mochte sie sich der Liebes-Gedancken nicht gar entschlagen. Da
mahleten ihr die zarten Sinne das Bild Polyphili vor die Augen; da stelleten ihr
die verwirrete Gedancken die Wort Polyphili vor das Gedächtnus; da rieff das
gefangene Hertz die lieb-winckende Augen Polyphili wieder zu sich / dass sie bei
sich gedachte: ich muss dich doch lieben / allerschönster Polyphile! Ach! warum
hab ich dich gesehen? bist du dann / mich durch deine Freundlichkeit zu fangen /
daher kommen? Was werdet ihr / ihr unsterbliche Götter! über mich beschliessen /
/ wann ich euch mein Gelübd nicht bezahle? was werden meine Bekandte sagen /
wann sie vernehmen /dass Macarie verliebt ist? wie ists müglich / dass ich in
einem Augenblick so verkehrt worden? Ach! edler Polyphile! sind eure Strick so
starck / dass sie mich auch in Abwesenheit halten / so muss ich freilich erfahren
/dass die Liebe an keinen Ort gebunden / und die Hertzen der Verliebten / mit dem
Leib / nicht gleiche Wege gehen. In diesen und dergleichen Gedancken verbrachte
die mehr bekümmerte / als verliebte Macarie / die Zeit ihrer Einsamkeit / und
begleitete mit solcher Liebes-Klage den gleich lieb-verwundeten Polyphilum /
entweder ihre Schmertzen zu verbinden /oder durch die verliebte Gedancken-Post
dem schmertzgebährenden Hertzen Polyphili einen vermeinten Trost in seiner
einsamen Betrübnus / durch solche Erinnerungs-Seufftzer / zu übersenden.
    Wann sie nun in solchen Gedancken / als in der leid-brennenden
Liebes-Flammen / so gar entzündet war / dass das Hertz nicht Wort gnug bilden
konnte /damit sie ihre widerwillige / und aber auch unvermeidliche Liebes-Neigung
beklage oder bewähre /nahm sie die Kunst-klingende Lauten / als eine gewaltige
Trösterin verliebter Sinnen / in ihre gelehrte Hände / und spielte darauf / so
lieblich / als künstlich. Und wann sie mit solcher unhezüngten Sängerin / in der
einsamen Ruhe / gleichsam Gespräch hielt / und der Freude ihres Trostes / nicht
ohne Erwählung des Gegensatzes / zuhörte / wiederholte sie zum öfftern /die
lieb-zeigende Antwort / mit nachgesetzten Sing-Reimen / die sie mit erhellender
Stimm / auf solche Art / abzusingen pflegte:
Soll ich dennoch meinen Sinn
lencken hin
in die bitter-süsse Freud:
Können so geschwinde wancken
die Gedancken /
von der frommen Einsamkeit?
2. Ach! das strenge Liebes-Joch
stellet noch
stetig meinen Augen für /
Was ich vor Gefahr und Plagen /
hab ertragen /
als ich vor gedienet ihr.
3. Besser ist es einsam sein /
als dem Schein
die Vergnügung setzen nach:
Und sich unter solche zehlen /
die erwählen
kleine Lust und grosse Klag.
4. Aber wenn gleich mein Gemüt
dieses sieht /
sind ich dennoch keine Macht /
der Gewalt zu wiederstreben /
und zu geben
aller Liebe gute Nacht.
5. Ob ich mich schon tausendmal
aus der Zahl
der Verliebten schliessen will:
nimmt doch / Liebster! dein Verlangen /
mich gefangen
und verrucket solches Ziel.
6. Deine Fessel stärcker sind?
liebes Kind!
als Verstand und guter Rat:
ich muss das bestraffte Lieben
dennoch üben /
alles Wehren ist zu spat.
Wann sie nun mit dergleichen Klag-Worten / in der heftigsten Brunst sich befand
/ vermochte doch ein eimger Gedancke / der die Widerwertigkeit der Liebe
erzehlte / oder / von der beförchtenden Unbeständigkeit Polyphili / einen
Einwurff tat / so viel Zweiffel zu erwecken / dass sie von neuem alle
Liebs-Bewegung / / als eine Bezauberung der Sinne / aus ihrem Hertzen
verbannete. Sie dorffte wohl sagen / dass sie lieber sterben wolle / als eine
solche Kranckheit erwählen / welche den gesunden Verstand raube. Sie dorffte wohl
fragen / wer sie zwingen werde / aus der Sicherheit sich mutwillig in Gefahr zu
stürtzen / und ihr Vertrauen auf die blinde Liebes-Neigung zu setzen? Und wann
sie an Polyphilum und seine Schmertzen gedachte / fiel ihr dabei ein / dass eben
solche Beunruhigung gemeiniglich bei der blinden Jugend sich finde / die aber
mit der Zeit / und reiffem Nach dencken leichtlich gestillet / und beherrschet
werden könne / wann man sonderlich sich mit andern nutzlichern Sachen
beschäfftige / und seinen freien Willen der richtigen Vernunft zu gehorsam
stelle. Dann /sprach sie in ihrem Hertzen / was ists / das Polyphilus liebt?
und durch was befindet er sich so hoch betrübet? Was ists / das auch ich liebe?
und woher rühren die durchdringende Schmertzen meiner Seelen? Antworte ich aus
Polyphili Mund / so ifts die Tugend /die er in mir zu lieben zeuget: aber sollte
diese Schmertzen erregen? Ist nicht glaublich. Tugend kann auch geliebt werden
ohne mich. Soll ich durch mein eigen Zeugnus reden? Liebe ich an Polyphilo eben
das: aber was schmertzet mich dann? O ich törichte! wie hab ich mich so grob
versehen? viel Jahr hab ich nach Tugend gesirebet; aber in einem Augenblick
allen Gewinn verloren. Lange Zeit hab ich Verstand gesuchet: aber in einer
Stunde bin ich dessen allen beraubet: und auch du / Polyphile! findest das Böse
/ in dem du Gutes suchest / erwählest Laster vor Tugend /Torheit vor Weissheit /
und bekennest dich selbst nicht dein mächtig. O Liebe! wer wird dich nach
Beschaffenheit beschreiben? Polyphilus liebt Tugend /und erwählet die Laster:
Macarie liebt Verstand /und erwählet Torheit. Was sag ich? Ach! was soll ich
sagen? nicht Tugend / nicht Verstand: sondern beide lieben sie einen reinen
Staub / und eine saubere Asche / in ein zartes Häutlein gewickelt / welches doch
inwendig / nicht ohne Abschen / zu sehen / wie herrlich es auch aussenher
scheine. Schönheit lieben sie / das ist / eine eingebildete Betrüglichkeit / und
eine betrügliche Vergänglichkeit / und eine vergängliche Nichtigkeit. Nun erst
erkenne ich deine Gewalt /O Liebe! O Liebe! nun erst erkenne ich deine Gewalt.
    In diesen Gedancken konnte sich die schmertzhafte Macarie wie lange
aufhalten / so gar / dass sie oft eine innerliche Süssigkeit bei ihr empfand /
dadurch sie gleichsam Polyphilus / als gegenwärtig / umfassete /und aufs
lieblichste hertzete: so war auch Polyphilo oft zu Sinne / wann er sonderlich
an seine Macarien gedachte. Es ward aber gemeiniglich diese Süssigkeit / nach
der Empfindung / zum Wermut / in dem sie / mit tieffern Nachsinnen / ihr
Beginnen bereuete; sonderlich / wann sie an die verfälschte Welt-Art gedachte /
und wie es so gefährlich sei / einen Freund mit Liebe zu erwählen / da man
offtermals mehr Feindschaft erwerbe / und Anlass zu vielen Lastern überkomme;
welches sie dann offtermals in solche kümmerliche Gedancken setzete / dass sie
Zeit und Weil zu kürtzen / auch ihr von der Liebe befreietes Leben zu bezeugen /
vielleicht auch ihr Hertz / aus solche Art / in dem Vorsatz der Einsamkeit zu
verwahren / etzliche schöne Gedicht verfertigte / von denen wir eins hieher
setzen wollen / folgendes Innhalts:
Wiewol ich oft und viel mich pflege zu bedencken /
was doch das beste sei? Ob ich mich solle lencken /
als wie die meisten tun / zu dieser Erden-Freud?
so geht doch allemal der Schluss zur Einsamkeit.
Dann was gedencken wir doch in der Welt zu finden /
die voller Müh und Angst / die voller Schand und Sünden /
und ganz verderbet ist? was suchen wir da Ruh /
wo nichts als Unruh ist? wir lauffen diesen zu /
Die voller Lust und Freud auf breitem Wege rennen /
zur Höllen-Pforten hin / und nimmermehr er kennen
die schmale Tugend-Bahn; viel besser ists / allein
auf djesem engen Weg in Himmel gehen ein /
als in Gesellschaft stehn der Laster-vollen Hertzen /
die zum verdienten Lohn habn den verdammten Schmertzen;
Bedencke doch mit mir / wer Kunst und Tugend liebt /
was diese schnöde Welt vor kalte Freude gibt;
und was man doch in ihr soll für Gesellschaft suchen?
Die meinsten höret man / an statt des Betens / fluchen /
da muss die Heuchelei an statt der Tugend sein /
und ist die Gottesfurcht oft nur ein falscher Schein.
Da muss man Hass und Neid / an statt der Liebe / schauen /
und wie sich niemand Gott will / ohne Geld / vertrauen /
so lang das Glücke lacht / hat jederman viel Freund /
im Fall es aber wanckt: so sind sie lauter Feind.
Und da man einen vor pflegt tief-gebuckt zu grüssen /
will man hernach von ihm nichts hören oder wissen.
Geht man mit Alten um / so wünschen sie allein /
dass sie um etzlich Jahr noch möchten jünger sein /
nicht etwa Guts zu tun: nein / sondern reich zu werden.
Garwenig sehnen sich mit Seufftzen nach der Erden /
und fragen nach dem Tod: der doch ist nimmer weit.
Fährt man den Jungen zu / so find man Eitelkeit.
Der suchet seinen Ruhm in prächtigen Bekleiden /
und jener wirbt um Ehr durch Streit und anders Leiden /
es hoffet dieser / gross zu werden durch die Kunst /
ein andrer setzt das Glück auf seiner Liebsten Gunst.
Viel macht das spiel en reich / ein Teil ergötzt das Trinkt /
und keiner glaubt / dass bald der Tod ihm könne wincken
vor Gottes Richter-Stul. Will man bei Hohen sein /
so höret man sie nur von ihrem Adel-Schein;
von ihrer Ahnen Zahl / und dem Geschlechte sagen;
deswegen sie nach Gott und Himmel wenig fragen.
Geringe klagen auch / sie werden nichts geacht;
und dennoch sind sie nicht auf Tugend Kunst bedacht /
die alles übertrifft. Gesellt man sich zu Reichen /
so meinen sie so bald / ein jeder müsse weichen
vor ihrem schnöden Geld: es ist der teure Koht
bei ihnen mehr geacht / als aller Dinge Gott.
Die Armen höret man stets über Mangel schreien /
doch pflegen wenig sich auf Tugend-Glück zu freuen /
wo lauter Uberfluss. Der Krancke sucht allein
Gesundbeit seinem Leib / und wieder starck zu sein.
Vom Tod und Grabe will nicht gern ein jeder hören;
Gesunde lassen sich von Wollust ganz betören.
Wer sollte / frag ich dann erwählen solche Freud /
die in Gesellschaft ist? Und nicht der Einsamkeit
ergeben Hertz und Sinn? Ich lass ein jeden wählen /
was ihm belieben mag; doch hoff ich nicht zu fehlen /
wann ich Gefallen trag an Einsamkeit und Ruh:
Darum ich sicher bin / und andern sehe zu /
die Tag und Nacht bemüht sind in den schnöden Sachen;
ich lern / an dessen statt / die Eitelkeit verlachen /
und gleich gesinnt zu sein / in Glück- und Unglücks-stand /
zu bleiben in Gedult / wann uns der Götter Hand
schickt Leid und Kummer zu; ich lerne stets vernichten /
Geld / Ehr und Lust der Welt / und meinen Sinn zu richten
hinauf und über uns / wo wohnet unser Gott;
ich halte stetig mich bereitet / wann der Tod
wird bei mir klopffen an / ihn freudig zu empfangen /
und gern zu folgen nach; dann da werd ich gelangen /
zur hochbeglückten Schaar / wo tausend Lust und Freud
in Ewigkeit wird sein: Hier bleibt die Eitelkeit.
Wie es nun gemeiniglich zu geschehen pflegt / dass wir dessen am wenigsten
geniessen / was wir sehr verlangen: Gleich so ging es der schönen Macarien /dass
sie je länger je mehr in die Liebe versencket wurde: biss bald hernach das
Unglück / Polyphili Freud zu verstören / wiederum zu wüten anfieng. Denn da das
vielzüngige Gerücht / die Ersäuffung Polyphili / in die benachbarte Ort getragen
/ und unterschiedliche Bedencken von den Ursachen erwecket /haben deren nicht
wenig / weiss nicht durch was Verständnus / den Tod Polyphili seiner
allerliebsten Macarien zugeschrieben. Dessen dann nicht lang hernach das ganze
Land voll worden / und das offenbahre Geschrei aller Orten erschollen / Macarie
sei Ursach an dem Tod Polyphili. Das war die erste Abwendung. Diesem folgte ein
anders / das noch viel mächtiger war. Dann weil Polyphilus denen Einwohnern der
Insul / durch die vermeinte Schuld an dem Tod Philomatbi verhasset war / und
sonderlich denen / die des ertödeten Vertrauteste waren / namen sie aller Orten
Gelegenheit / die Ehre Polyphili zuschänden / und seine Unschuld zu beschulden.
    Nun begab sichs / dass einer aus denselben / Namens Pseudologus / in
unvermuteter Begebenheit /mit Macarien Gesprach hielt / und unter andern von
Polyphilo / dem Mörder Philomati / solche Wort führete / die dem aufrichtigen
Hertzen / der getreuen Macarien / nicht wenig Schrecken verursacheten. Denn die
beste Tugend / so an Polyphilo zu rühmen /wäre Falschheit: sagte der falsche
Pseudologus; und das köstlichste Werck / so ihn berühmt mache / sei Betrug. Und
solches wusste er durch die verzweiffelte Ersäuffung so meisterlich zu erweisen /
dass Macarie /auch wider ihren Willen / seinen Worten Glauben geben musste.
    Was nun Macarie muss gedacht haben / kann ein jeder leicht schliessen. Weg mit
Polyphilo; das war der erste Wunsch: Alle Liebe wurde aus ihrem Hertzen
vertrieben / und der Hass wider Polyphilum wurtzelte so tieff / dass sie seiner
ganz vergass / und nichts mehr wünschete / als dass sie ihn nimmer sehe. So viel
brachte der verlogene Pseudologus zu wegen. Wann sie aber die Manigfaltigkeit
des umschweiffenden Geschwätzes betrachtete / hätte sie gar wünschen mögen / dass
sie Polyphilum nie gesehen. Weil sie nicht wenig bekümmerte / dass sie ohne
Ursach und Verdienst / solche Wort hören / und von ihr sollte reden lassen. Alles
halff darzu / dass die Liebe in Macarien vertrocknete. Wiewol sie hernach
bekennen müssen / dass die Zeit / da sie Polyphili vergessen wollen / an statt
der Liebe / eine solche Furcht ihr Hertz beherrschet / die sie selbst nicht
erdencken können / wem sie zu gleichen. Da wir aber das Urteil fällen sollten /
würde der Schluss / auf eine verborgene Liebe hinaus gehen.
    Die übrige Zeit verbrachte Macarie / in ihrer erwählten Einsamkeit / mit
Seufftzen und Beten. Forschete auch / nach Gelegenheit der Zeit / in den Wundern
der Unsterblichen / und wie diese Welt / von dem allwaltenden Himmel / so
weisslich regiert werde: überlegte dagegen die Bosheit der Menschen / bei sich /
darzu dann Polyphili Beruff nicht wenig Beförderung gab: preisete sich auch
seelig / dass sie von der grossen Gefahr / darein sie sich bald gestürtzet / so
zeitig erlöset worden / und nahm ihr für / nunmehr sich / durch keine Verführung
/ von ihrem Vorsatz /abwenden zu lassen / sondern alle Lust nach Müglichkeit zu
meiden / weil sie ohne das erkenne / dass alles ein falsches Wesen und
vergängliches Werck sei / und die Betrübnus auf dem Fuss nach sich ziehe. Auch
verstärckete diesen Vorsatz nicht wenig die Betrachtung der Eitelkeit / beneben
welcher / aus folgendem schönen Gedicht / (das sie / gleich dem Vorgehenden /
selber verfertiget /) wird zu erkennen sein / wie weit sie ihre Gedancken von
aller Liebes-Lust entwehnet / und auf Tugend ihre Begierde gegründet. So aber
hat sie geschrieben:
Wir Sterbliche lassen uns leichtlich betrügen
des schmeichlenden Gückes holdselige Blicke:
Und sehen nicht dessen betrügliche Tücke /
biss dass wir mit Schmertzen darunter erliegen /
und endlich erkennen / dass alle die Freude /
auf die wir gehoffet / nur Kummer und Leide /
verdrüssliche Reu
und Hertzenleid sei.
Zwar pfleget sich alles vergänglich zu zeigen:
bald zieren die Blumen die grünende Matten /
es geben die Bäume beliebigen Schatten:
Doch alles der traurige Winter kann neigen /
der machet die Berge / die Bäume begrauen /
beraubet und blöset die Hügel und Auen.
und giebet vor Klee /
nur Kälte und Schnee.
Bissweilen beginnet der Himmel zu lachen /
und frölich die güldene Sonne zu zeigen /
doch eilig muss selbige wieder sich neigen /
man höret die Wolcken vom Donner erkrachen /
die leuchtende Blitze / die rollende Winde /
der glatschende Regen verjaget geschwinde /
die Hirten im Feld /
und schröcken die Welt.
Das Meer ist zu Zeiten ganz ruhig und eben;
die schuppichte Fische sich spielend erweisen;
die fichtenen Häuser ganz sicher bald reissen:
bald pflegen sich brausend die Wellen zu heben /
es stürmen die Winde noch selbige Stunde /
und stürtzen die wanckende Segel zu Grunde;
So lohnet mit Weh
die grimmige See.
Dieweil wir dann nirgend Beständigkeit finden;
so wähl ich die Tugend die nimmer erlieget /
und lache des Glückes; dann der sich betrüget /
der meint  demselben die Flügel zu binden;
Es führet gleich einem umlauffenden Rade /
bald unten im Schrecken / bald oben in Gnade:
hier alles vergeht /
die Tugend besteht.
 
                                 Dritter Absatz
  Beschreibet die Beratung und Anschläg Polyphili /wie er sicher zu Macarien
gelange / dazu ihm ein frembder Ritter / Namens Agapistus / bedienlich: Lehret /
      wie alles / durch klugen Rat / und Bemühung könne gewonnen werden.
Nun müssen wir wieder zum Polyphilo kommen /dem wir eine traurige Post bringen
würden / so wir den Befehl hätten / was wir wissen / zu eröffnen. Dieser lebte /
wegen der Zusag Melopharmis / in höchst-freudigem Verlangen; und wünschete nicht
mehr / als die Zeit seiner Erfreuung zu sehen. Deswegen waren ihm alle
Lust-Spiel mehr vedriesslich / als angenehm /biss die erwünschte Stund kam / da
ihm Melopharmis Erlaubnus gab / seinen Abzug zu nehmen. Hie sollten wir melden /
was Polyphilus die Weil bei Hof getan / und womit er die Zeit verbracht: aber
seine eilige Fahrt auf Soletten heisset uns mit eilen / und dieses mit
Stillschweigen vorbei gehen. Doch wollen wir das anhängen / dass er die meiste
Zeit mit Dichten und Beschreibung seiner unglückseligen Liebe verderbet
/darinnen er eine Linderung der Schmertzen suchte /aber eine schmertzhafte
Vermehrung fand. Wie aus diesen nachgesetzten Versen zu sehen / die er kurtz vor
der Verkündigung Melopharmis / im höchsten Kummer und betrübten Verlangen
aufgesetzt / dieses Lauts:
Ich lieb und liebe nicht: ich hasse / was ich lieben /
und liebe wieder das / was ich solt hassen mehr:
ich rühme meine Schand / und schände meine Ehr:
betrübe meine Freud: erfreue mein Betrüben:
ich übe / was ich kann / und kann doch nichts verüben:
mein Hertze geb ich hin / und halt es doch bei mir:
ich leb und lebe nicht / so lang ich bleibe hier /
da ich doch jetzt nicht bin: es haben mich vertrieben
die mich gehalten hier: ich bleibe gleichwol nicht /
so lang ich bleibe noch: ich spreche / wenn man spricht /
dass ich nicht sprechen soll: und klage / ohne Klagen /
da nichts zu klagen ist: mein Hertz in mir ist todt /
und doch gestorben nie: ich bin in grosser Noht /
doch ohne Noht dabei: dahin ich bin geschlagen /
fühlt keiner keinen Schlag / auch keiner keine Plagen /
da sie am grösten sind: ich fühl nicht / was ich fühl /
und tu nicht / was ich tu: ich hör und sehe viel /
und weiss doch niemals nichts: was soll ich noch viel sagen?
es ist ein elend Ding / wann man da ist verliebt /
wo bald das Leid erfreut / die Freude bald betrübt.
Nun ists an dem / dass Polyphilus / seinen Schmertzen zu verbinden / den Anblick
der schönen Macarien suchet / und sich allbereit mit tausendfältiger Ergötzung /
die ihm seine hoffende Sinnen vormahleten /erfrischet. Alles Dencken war einig
dahin gerichtet /wie er sicher auf Soletten komme. Deswegen er Melopharmis / von
allem Bericht einzuholen / ersuchte /diese wiederbrachte ihm / dass er näher bei
der Insul sei / dann er vermeine / so gar / dass ihn ein schnelles Pferd / in
wenig Stunden / dahin führen könne / und er noch heuterlangen / was er so lang
zu erlangen verlanget.
    Wer war erfreuter / als Polyphilus: Die Fülle seines Hertzens ergoss sich /
auf wunder-viele Weiss / durch den jauchzenden Mund / mit den frohen Gedancken:
jetzt wirst du bei Macarien sein! Es war auch die verneuerte Lust so vollkommen
/ dass er aller Furcht und Betrübnus auf einmal vergass / und sein ganzes Hertz
in frölicher Empfindung weidete. Aber Melopharmis /welche in diesem Fall
vorsichtiger wandelte / hielt ihn von seiner Begierde / durch die Erinnerung
dessen /was er bei den Inwohnern der Solettischen Insul zu beförchten / zu ruck
/ dass Polyphilus sich eines bessern besinnen / und sich nach der Erlösung nicht
wiederum in freiwillige Gefängnus stürtzen wolle / weiln allerdings zu
beförchten / so er sich deren gewaltigen Hand wieder untergeben würde / es
möchte auch noch anjetzo / die Rach-Begierde / ein blutiges Schwerdt zu sehen
erwählen. Auch / fuhr sie ferner fort / ists vonnöten / dass ihr vorher wisset /
wie Macarie gesinnet? ob ihr nicht / durch eure Gegenwart / mehr Zorn als Gunst
/ erwerbet / und besser sei / sie nicht wieder sehen / als durch ihren Anblick
eure Schmertzen mehren / und etwan / durch ihre Widerwertigkeit /mit Spott zu
ruck getrieben werden?
    Das sagte Melopharmis bloss / Polyphilum zu schröcken / damit er der
Freudigkeit seines Gemüts nicht zu viel traue / und einen Fehl begehe / da die
Vorsichtigkeit höchstnötig. Aber Polyphilus / den die höchste Not gar leicht
einen geschwinden Rat erteilen kunte / war fertig / dem Ubel vorzukommen / und
sich seiner Freiheit / durch einen Gruss-Brief an Talypsidamum / zu versichern /
als der ihm von allem gewisse Nachricht übersenden / und seine Reise mit einem
sichern Geleit schützen würde. Der Anschlag gefiel der Melopharmis nicht übel /
die ihn ermahnte / solchen eilfertig ins Werck zu richten /und sich an seinem
Glück nicht ferner zu hindern: sonderlich / weil er auf solche Art beides
Talypsidamum / zusamt der leid-förchtenden Macarien höchlich uns hertzlich
erfreuen würde. Aber es brauchte bei Polyphilo keiner Ermahnung / so eilig nahm
er die Feder zur Hand / und verfertigte folgenden Gruss an Talypsidamum:
                         Treu-verbundener Talypsidame!
Ich bin gewiss / dass euch / durch diese Zeilen / der Name Polyphili / in viel
widrige Gedancken setzen wird / so gar / dass Furcht / Zweifel und Hoffnung /mit
der zufälligen Freud / in eurem Hertzen / einander kräfftig bestreiten werden.
Die Furcht wird erwecken die Einbildung einer mördlichen Rach / so ich / an
denen Solettischen Inwohnern zu verüben / durch die Unschuld meiner erlittenen
Noht / und ihre unbilliche Gewalt / Fug und Recht hätte; auch über das von dem
geneigten Glück in so hoch beseeliget bin / dass ich /an statt des Verderbens /
die Erhaltung grosser Ehr und Macht / beneben einem herrlichen Sieg / in
Königlicher Hoheit / erworben / dessen ich mich nicht weniger / gegen der
Solettischen an mir verübten Bosheit zu gebrauchen / Gelegenheit zur Hand nehmen
könnte. Doch wird diese Furcht / von dem Zweifel / so ihr an mein Leben setzet /
gewaltig erdrücket werden / weil die blosse Unmüglichkeit / beneben denen
ersäuffenden Wellen / euren Augen viel ehr die Gewissheit meines Todes / als
einige Hoffnung des Lebens vorstellen wird; bevorab / da das Herz viel lieber
und sicherern Glauben gibt dem / was die Augen gesehen / als dem jenigen / was
es / durch anderer Erzehlung / vernommen. Da ihr aber / Liebster und bester
meiner Freunde! den teuren Schatz unserer Gewogenheit / und das geliebte Hertz
eures Polyphili besinnen werdet / wie die mächtige Würckung eures Verlangens /
eine bevestete Hoffnung; die Hoffnung aber eine selige Freud erwecken dadurch
ihr / mit der verlangten Macarien / deren Tugend und Vollkommenheit / ich noch
immer fort / ja je länger je mehr in meinem Hertzen ehre / meiner Zaghaftigkeit
/ durch ein sicheres Geleit / ein Hertz machen / und meinen Füssen / die ihren
Lauf / mit brünstiger Begierde / auf euch zu richten / die freie Bahn eröffnen /
dass ich ohne Verhinderung hin und wieder ziehen dörffe. Meine Macarie aber /
ach! die edle und unschätzbare Macarie! die ich billich die meine nenne / weil
ich ihre Tugend zu er wählen / und ihrem Verstand nachzuahmen / keine
Gefährlichkeit entschuldige / keine Betrübnus ausschlage / dafern ich nur / um
Tugend zu werben / und Kunst zu erlernen /die Herrlichkeit ihrer vollkommenen
Würde / hinwider zu sehen / und gegenwärtig zu grüssen / beseeliget werde; Diese
meine Macarie wird mir / Krafft ihrer angebohrnen Gütigkeit / den Zutritt und
die Bedienung ihrer Hoheit / in der Tieffe meiner Demut nicht versagen / sondern
mildiglich gestatten / dass der Tugendverliebte Polyphilus anjetzo geniesse /
dessen ihn das feindselige Glück / vor dem / nicht teilhaftig machen wollen.
Sie wird an das Versprechen ihrer Gewogenheit gedencken / und durch die damalige
Erlaubnus / dass Polyphilus / als ein Tugend-Werber /sie ferner zu besuchen /
bemächtiget wäre / meinem Zutritt den Weg nicht verschliessen / sonderlich / da
sie versichert leben wird / dass ich ihre Tugend ewig ehren / und ihren Verstand
mit einem immergrünenden Lob bekrönen will: in welcher angenehmen Bemühung ich
dieselbe auch jetzo mit einem schönen und lieben Gruss / durch euren Mund verehre
/ und mein Verlangen / sie mit nechsten zu sehen / ankünden lasse. Werde ich nun
diese Freiheit erhalten /wird nicht allein alle Rach / so zwar mein Hertz
beschlossen hatte / durch die Sicherheit meiner Befreiung erleschen / sondern
ihr könnet auch ohne Furcht /die Hoffnung mich zu sehen / und meine
wundertätige Errettung / von mir selber mündlich / zuerfahren /durch die
unerschöpffte Freude / in eurem Hertzen verstärcken / dass euer Polyphilus lebe /
und euren Bericht mit nechsten erwarte / auch diss mit eigener Hand an euch
geschrieben / damit zu erweisen / dass er / biss er sterbe / bleiben werde
                                                        Euer Eyd-Verbundener und
                                                                        getreuer
                                                                     Polyphilus.
Die Schrifft war verfertiget: wo aber ist der Uberträger? Die Heimlichkeit ist
nicht jederman zu vertrauen / und wünschete sonderlich Polyphilus / dass weder
Talypsidamus / noch Macarie / von dem allen ein mehrers verständiget würde / biss
er selber gegenwärtig / den ganzen Handel vollkommen erklären könnte. Der
Ursachen er mit Melopharmis Rat pflegte / wem diese Schrifft zu überbringen
unschädlich vertrauet würde.
    Es begab sich aber / dass eben damals ein fremder Ritter / Namens Agapistus /
dieselbe Strassen reisete /und auf Soletten seinen Fortzug nahm. Dieser hatte
vorlängst viel wunderbahre Erzehlung / von dem Schloss / das Polyphilus erlöset /
vernommen / deswegen er verursachet / dasselbe durch gewissere Nachricht zu
erforschen / und seine Einkehr in solches zu nehmen; weil ohne dem / das Liecht
der Sonnen / welches seine Stralen allgemach / den Himmel / mit einer Purpurnen
Abendröte / bemahlen liess / ihn erinnerte / dass er die Insul Soletten nicht
mehr sehen werde /wofern er sich der gefährlichen Verführung / in nächtlicher
Finsternus / nicht getrauen wollte. Er folgte der Warnung / und kam vor das Tor
/ willens / die Racht allda zu verharren: wie auch allerdings geschahe. Denn /
nachdem er bei Atychintida angemeldet / und sich des Ritterlichen Ordens
bekennet / wurde er alsobald / in Begleitung etzlicher Soldaten / durch die Tor
zum Schloss ein / und für die Königin gebracht: wie solches der Ritter-Gebrauch
mit sich bringt. Agapistus nahm alsobald Gelegenheit in gehorsamer Demut / die
Hand zu küssen: Atychintida versicherte ihn hingegen ihrer Gnade / legte auch
ingleichen den Danck ab / dass er / unter ihrem Schutz / das Nacht-Lager suchen
wollen: dagegen Agapistus versetzte /dass er die grosse Künheit / deren er sich
dissfalls gebrauchet / allergehorsamst zu entschuldigen hätte /auch um gnädige
Vergebung seiner begangenen Grobheit zu bitten: und was dergleichen
Höflichkeiten mehr waren.
    Als nun / nach abgelegtem schuldigen Gruss und Danck / die Königin den
fremden Ritter / mit einem Sitz verehrete / und ferner zu fragen anfieng / woher
er käme / und wohin er gedächte / auch dagegen vernahm / wie er gen Soletten
eilete / ward sie hoch erfreuet wegen Polyphili / der zum wenigsten Gelegenheit
überkommen würde / die Macarien mit einem Gruss zu erfreuen / und den Danck zu
übersenden / vor die mitelffende Hand / welche / samt Polyphilo / die Erlösung
erworben. Deswegen sie / vergessend ihrer Königlichen Würden / vor grosser Freud
/ eilig aufstund / Agapistum denen Anwesenden / nach gebührender Ehre zu
bedienen / Befehl gab / und mit flüchtigem Lauf zum Polyphilo kam.
    Dieser ratschlagte noch immer fort mit Melopharmis / / konnte aber nichts
erraten. Und da sie die Königin / mit solcher Geschwindigkeit / auf sie zu
eilen vernahmen / wurden sie dermassen erschräcket / dass Melopharmis derselben
entgegen und zu Fussen fiel /mit der furchtsamen Stimme: Glück sei mit euch und
uns / allerdurchleuchtigste Königin! und treffe kein Unfall unsre Freude!
desgleichen Polyphilus / der durch die ungewohnte Eilfertigkeit nicht weniger
böses beförchtete / beugete sich / in aller Demut /gegen der Königin / bittende
um die Eröffnung ihres Schreckens. Darauf die Königin anfieng: keines Schreckens
/ sondern einer grossen Freude / die euch /Polyphile! mit uns betrifft. Es ist
ein fremder Ritter bei uns ankommen / der morgen auf Soletten gedencket / durch
welchen wir bei Macarien / eurer Mitelfferin / den schuldigen Dank ablegen
können.
    Wie freudiglich Polyphilus erschrocken / kann jederman leicht schliessen; die
Begierde mit dem Ritter zu reden / zog ihn der wiederkehrenden Königin / auf dem
Fusse nach / desgleichen auch Melopharmis /und da sie in das Zimmer kamen /
bewegte der erste Anblick dieser beider edlen Jüngling / deren jeder sich
selber / in des andern Augen sehen konnte / die Hertzen dermassen / dass /
gleich wie Agapistus / also auch Polyphilus / mit hohem Vertrauen / und
hertzbrünstiger Liebe entzündet ward / und ein jeder nichts mehr verlangte / als
mit dem andern in genauere Verbindnus zu tretten. Dieses verstärcketen nicht
wenig die höfliche Reden / so sie gegeneinander mit so gezierten Worten führeten
/ dass beiderseits ein kluger Verstand / und eine gelehrte Zung gar leicht zu
verstehen war. Sonderlich drehete Polyphilus seine Wort dergestalt / dass sich
Agapistus höchlich verwunderte /wie er sein Begehren mit so verdeckter
Entbergung ihm wissend machen könne. Und da Polyphilus / nach lang-gepflogener
Unterredung allein bei Agapisto zu sein / wünschete / auch so bald Gelegenheit
suchete /mit Vorwenden / dass er ihm die ergötzende Gegend /wie sie ihm von
Melopharmis sei gezeiget worden /gleichermassen vorlegen wolle führete er den
Ritter /mit sich / auf die Zinne des Schlosses / von dannen Polyphilus seine
Augen auf den Mohren Berg konnte spielen lassen / und zeigte ihm / neben diesem /
alles was das Gesicht erfüllen / und das Hertz erfreuen konnte.
    Als sie aber durch vielfältiges Gespräch fast bekandt wurden / und
Polyphilus das ganze Hertz Agapisti zu kennen meinte / fieng er mit diesen
Worten an / ihn zu besprechen: Edler Ritter! die Aufrichtigkeit eures Gemüts /
so ich aus euren vertrauten Reden / und sittsamer Bescheidenheit ohnschwer
schliessen kann / beweget mich dermassen / dass ich nichts mehr / dann eure
Freundschaft verlange /nichts heftiger / als eure Gewogenheit / wünsche. Zwar
darff ich mich nicht zehlen unter den Ritterlichen Orden / weil ich ein Schäfer
/ und meine Begierde nicht so wohl die Waffen / als Tugend liebt: doch dennoch
/ weil mich mein freies Gemüt gleich so fertig in einen Sattel / als hinter das
Pult hebet / allwo die Kunst durch Tugend / und Tugend durch Kunst erworben
wird: hoffe ich / ihr werdet euch meiner Bitte nicht widersetzen / angesehen /
die Pindus-Ritter selber denen Waffen-trägern zum öfftern nit nur gleich
geschätzt / sondern wohl gar so ferne vorgezogen werden / als weit die Kunst der
Gewalt / und die Tugend der Grausamkeit vorgehet. Wolt ihr demnach / edler
Ritter! auch unter die gerechnet sein /welche den Ritters-Adel zugleich durch
Kunst und Waffen erwerben / oder durch Tugend erhalten: werdet ihr auch mich zu
eurem Freund aufnehmen / wann ihr mich erkennet / dass ich meinen Willen in allen
zu üben / und mein Glück / da es von nöten / so wohl auf gewaltige Art / eines
Blut-erzwingenden Gewehrs / als gelinde List der Tugend / zu schützen bereit
sei: desgleichen ich auch von euch mir verspreche.
    Diese Red entzündete das Hertz Agapisti mit einer solchen Freudigkeit dass er
mit höchster Ehrerbietung / sich gegen Polyphilo neigte / und sich selig
schätzte / dass ihn die Glück-gönnende Versehung der Unsterblichen / zu seinem
bessern Nutzen / daher geführet. Dann / sprach er / edler Polyphile! euer
Begehren / soll nicht minder von mir durch den willigen Gehorsam beehret werden
/ als rühmlich es ist. Und muss die Ungleichheit unsers Standes / das Band der
Freundschaft / so ihr durch euren ersten Gruss / in meinem Hertzen / gebunden /
so wenig lösen / als gewiss ich mit euch in gleichem Glück und Willen stehe. Seid
ihr ein Schäfer? ich auch. Liebet ihr Tugend? ich auch Suchet ihr Kunst und
Geschicklichkeit? ich auch. Was eure Begierde erwählet / das verlanget mein
Wunsch: und was euer Wunsch verlanget / das trifft die Wahl meines Begehrens.
Ihr ehret mich vor einen Ritter / und ich selber lasse mich gern davor ehren /
allein diese Ehre ist eine Beförderung meiner sichern Reise / die ich um Kunst
und Tugend zu erlangen einig angetretten; darum ich mich / mit euch / unter die
Pindus-Ritter schreibe / und meinen Kampff nicht so wohl durch Waffen / als die
belobte Tugend-Ubungen zu führen suche. Dass ich aber eben dieses / unter einem
fremden Namen / zu suchen mich erkühne / zwinget mich die Feindseligkeit der
Kunst-hassenden Menschen / bei welchen die Liebe der Tugend so gar erloschen /
dass sie nicht nur selber ihre Gedancken lieber zu der weltlichen Eitelkeit
lencken /sondern auch andern / deren Sinn sich ihnen nicht gleichet / an ihren
Vorhaben verhinderlich zu sein /sich eussersten bemühen. Dieses eurer
Verschwiegenheit zu vertrauen / veranlasst mich das Begehren meiner
Freundschaft / die ich hiemit übberreiche /und euch als den Liebsten meiner
Lieben / in mein Hertz aufaufnehme / mich schuldig erkennend / euch zu
gehorsamen / und eurem Willen zu folgen. Mit diesen Worten / überreichte er dem
Polyphilo die Hand: Dieser hingegen empfieng ihn mit einem Kuss / welcher beider
Hertzen dergestalt meinander fügete / dass ihr eines Wünschen / eines Wollen /
eins Begehren /mit dem teuren Eyd der Treu und Beständigkeit / den
Freundschafts-Bund / zusamt der Verpflichtung aller Dienst und Müglichkeiten /
aufrichtete / und vest verwahrete.
    Die Gedancken Polyphili waren sehr bemühet /dem klugen-Beginnen Agapisti
nachzuforschen / und was sie erfunden / das stärckete immer mehr und mehr das
Vertrauen: bevorab / da er Agapistum gleiches Standes mit ihm erkannte. Alsbald
gedachte er / ihm zu eröffnen / was bisher geschehen / und wie er in den Tempeln
sei unterwiesen worden / welches auch seinen Wunsch befriedigen könne: allem die
finstere Nacht / und bereitete Tafel / endigte das Gespräch /und forderte sie
beide / das Abendmal zu nehmen. Deswegen sie / in Begleitung etzlicher
Hof-Diener /herunter steigen / und wiederum zur Königin eingehen mussten.
    Der ganze anwesende Hof-Comitat empfieng den fremden Ritter / nach
Landes-Gebrauch / und da die gebührende Höflichkeiten vollbracht / wurden sie in
der Ordnung / wie oben gedacht / zur Tafel gesetzt /ohne dass Agapistus den Sitz
Melopharmis einnahm /und also gerad gegen Polyphilo über / der die lincke Seiten
der Königin beschloss. Unter währendem Mahl fieng die Königin an / dem fremden
Ritter / alles nach der Länge zu erzählen / was Polyphilus verrichtet /und aus
wie grosser Bedranguns er sie erlöset: welches sie mit so beschönten Worten
ausdrücken konnte /dass Agapistus leicht verstehen mochte / es geschehe diss / den
Ruhm Polyphili zu mehren / und ihre schuldige Danckbarkeit zu erweisen.
Polyphilus hingegen /dem diese Gelegenheit nicht erwünschter kommen können /
fieng / mit höflicher Widerrede / sich vielmehr verpflichtet zu sein / an zu
bekennen / in dem er durch solche Hülff / ihm selber den grösten Nutzen
erworben / da er durch die Tempel / von denen hoch-verständigen Kunst- und
Sitten-Lehrern sei geführet worden: welches er gleichfals mit solchen Worten
heraus streichen konnte / dass Agapistus leicht verstehen mochte / es sei diss der
Sitz und eine Wohnung seines Verlangens / und könne er an keinem Ort besser /
denn allhier / vergnüget werden. Daher trieb ihn auch die Begierde / als er
vernahm / mitten unter den Weisen zu sein / und die Hoffnung / er werde gleicher
Ehr und Unterricht mit Polyphilo teilhaftig werden /dass er sein Vornehmen
völlig eröffnete / wie ers dem Polyphilo in Geheim vertrauet hatte. Fieng auch
an /seine Wort zu bekräfftigen mit dem / dass er jetzo Willens gewesen / die
Solettische Tugend-Göttin zu grüssen / davon er viel Wunder und herrliche Ding
vernommen / die ihm zu glauben / ohne die selbst-bewährte Erfahrung / unmüglich
wären.
    Drei Hertzen wurden auf einmal / und durch diss eine Wort / gleich als von
einem Donner erschröcket. Die Königin wegen des fremden Ritters / den sie
beförchtete / dem Polyphilo verhässig zu werden; Melopharmis wegen Polyphili /
in dem sie das Feuer des Eyfers scheuete: Polyphilus aber / wegen der Königin /
deren Verdacht er nicht entgehen würde / als wäre das geheime Gespräch / so er
mit dem Ritter gehalten / bloss auf Macarien / und ihre Würden gerichtet gewesen.
Deswegen die Königin / deren Furcht die grösseste war / weil sie gleichwol eine
heimliche Wissenschaft um die Liebe Polyphili hatte / folgender Gestalt
anfieng: Edler Ritter! Es wundert mich / dass auch ihr / wie andere mehr / euch
von dem nichtigen Geschwätz unverständiger Richter so betören lasset /dass ihr
die jenige eine Göttin heisset / an deren ihr doch das nicht finden werdet / was
ihr suchet. Wisset ihr / was menschliche Schwachheit vermag / so werdet ihr
ingleichen / eurem gesunden Verstand nach /schliessen / was diese / davon ihr
redet / in ihrem Wandel verübe / weil auch sie unter die Zahl der Sterblichen
gehöret. Meines Erachtens / ists eine blosse Einbildung der Menschen / die ihrer
Freiheit / in den Ruhm dessen / was sie lieben / mehr gestatten /als sie wissen
/ dass die Würde erfordere. Darum ich /in Warheit / unnötig achte / so ihr /
keiner andern Geschäffte halber Soletten zu sehen / verlanget / dass ihr euer
Reise ferner fortsetzet. Wolt ihr Kunst und Tugend sehen oder lernen / könnt ihr
dieselbe / mit besserm Ruhm und mehrerm Nutzen / bei den Göttern / als Menschen
finden. In dem ich für allen diesen Polyphilum rühmen muss / der nicht auf
Soletten /sondern sich zu unsern Tempeln genähert / die von den Unsterblichen
selber erbauet / menschliche Unwissenheit zu unterweisen: wie er dann die
Erfahrung allbereit mit eigenen Worten bezeuget. Verlanget ihr nun / edler
Ritter! gleiches Glücks zu geniessen / wird euch nichts abgeschlagen sein / und
stehet euch frei bei uns aufzuhalten / so lang euch beliebet: aber mit dem
Beding / dass ihr eure nichtige Hoffnung / nicht mehr auf die Solettische Göttin
setzet / und derselben Unvollkommenheit unserer Himmels-Würde vorziehet.
    Jetzt sollte eins das erzürnte Hertz Polyphili abbilden / er müste gewiss eine
Glut voll Eyfers / und einen Feuer-Ofen voll erzürnter Hitze mahlen / so gar
mochten die feurige Wangen / die blau-gefärbte Lefftzen / / der eifrende Mund /
die brünstige Augen / und das erbitterte Hertz / nicht ruhen / dass es die Ehre
seiner tausend-schönen Macarien / in seinem Beisein sollte schänden lassen. Nein
/ sprach er / Königin / sie tut unrecht / in dem sie Agapistum von dem Weg
seiner Wolfahrt abhalten will. Ich selber habe das Glück erlangt / den Preis
der Insul Soletten zu sehen /und die Vollkommenheit dieser Wunder-bereichten
Tugend-Göttin zu erkennen / und wundere mich noch jetzo über deren
Vortrefflichkeit / die unter den Menschen himmlisch / und in dieser Welt
Göttlich zu nennen. Deswegen ich euch / mein Freund! Krafft unserer Treue dahin
zu eilen / ermahne / und spreche / dass ihr / ohne hohe Verwunderung / nicht
wiederkehren werdet.
    Was hätte Atychintida darum geben / dass sie stillgeschwiegen? Nichts
schmertzete sie mehr / als dass sie Zorn verdienet / da sie Gunst erwerben wollen
/deswegen sie auch / voller Betrübnus / nach dem ihrem Mund das Stillschweigen
gebot. Melopharmis aber / die nicht wenig über den Gegen-Satz Polyphili
erschrack / und eben auch wenig wusste / was sie dencken sollte / fieng doch
ungesäumt an / dem Polyphilo seinen Fehler zu zeigen / und die Königin zu
schützen / in dem / dass sie alles das / die Solettische Göttin nit zu verachten
/ geredt / sondern aus tragender Furcht / es möchte / wie ihrer viel / Agapistus
Tugend suchen / und Laster finden / weil sonderlich auch der Ruhm dieselbe ziere
/ dass ihre unvergleichliche Schönheit / alle die / so sie erblicken / in die
Gefängnus der Liebe werffe / und ihrer Freiheit beraube. Ja freilich / fieng
Atychintida an / habe ich in dem Verstand geredt / weil ich wohl weiss / dass sie
der Ausbund und der Kern aller Tugend: aber auch zugleich ein reicher Schatz
vollkommener Schöne ist / der so bald gefället / als er die Augen gewinnet:
Darum habe ich Agapistum / allda Tugend zu suchen / ermahnen wollen / wo er
dieselbe / ohne der beförchtenden Gefahr der Liebe / finden könne.
    Polyphilus / dem sein gefasster Zorn dennoch nicht weichen wollte / fieng
dagegen an: ob sich viel verlieben / hat doch diese Tugend-gezierte Göttin das
Hertz / dass sie nicht wieder liebe. Doch dem sei / wie ihm wolle / ihr /
Agapiste! habt freien Willen zu tun / was ihr wollet. Mit welchen Worten
Polyphilus aufstund / und mit gezwungener Freundlichkeit Urlaub nahm / in
heimlichem Grimm aber auf sein Zimmer zueilete.
    Melopharmis folgete ihm auf dem Fuss nach / und da sie allein waren /
straffete sie den Zorn Polyphili mit solchen Worten / dass die Forcht alle
Bosheit leicht verjagte / und er zufrieden sein musste / dass ihm nur Melopharmis
die Gelegenheit / seiner Macarien zu geniessen / nicht wiederwillig verderbte.
Es trieb auch der schmertzhafte Kummer die furchtsame Königin hernach / welche
Polyphilo / mit höchster Beteurung ihrer Unschuld / den Zorn zu entnehmen /sich
bemühete; wie dann geschahe / so bald sie die rechte Ursach / warum sie das
geredt / entdeckete: ohne / dass Polyphilus versetzte / warum er auf Agapistum
einen Eyser setzen solle / wegen dieser Göttin /die er doch nicht weiter liebe /
als was er ihrer Tugend schuldig sei / daher eben der Zorn entstanden. Ja! fuhr
er fort / wann er von meiner Deliteen etwas solches erwähnet / hätte michs zu
einem Misstrauen verführen sollen: allein dieser wegen lasset ihn ziehen /wohin
ihm beliebet.
    Das aber alles sagte Polyphilus / ihren Argwohn wegen Macarien zu verhüten /
und sein Begehren / in Begrüssung Talypsidami / zu befördern: welches auch
Melopharmis so bald merckete / dass sie von Stund an Gelegenheit suchte / mit der
Königin allein zu reden /und dem fremden Ritter / die Erlaubnus der Abreise zu
erbitten.
    Es schickte sich aber eben / dass Agapistus auch herzu kam / um zu vernehmen
/ was die Ursach wäre /dass Polyphilus so zeitig aufgestanden; dessen Gegenwart /
die Königin / samt Melopharmis / den Abtritt zu nehmen verursachete.
    Agapistus / dem die plötzliche Röte im Gesicht Polyphili einen Argwohn
einiges Widerwillens erwecket / / fieng mit freundlichen Geberden den Polyphilum
an zu fragen / was ihm widriges vorkommen? welcher antwortete / dass er sich eben
ereifern müssen / über die Unbillichkeit der Königin / welche das / was sie nie
gesehen oder erkennet / verachten dörffen. Glaubet mir / fieng er weiter an /
treu-verbundener Agapiste! werdet ihr die Solettische Göttin sehen / so werdet
ihr himmlische Würden / Göttliche Gaben / und die Vollkommenheit der Tugenden
selber sehen /darum lasset euch den Weg nicht dauern: Kommet aber wieder zu uns
/ und bekräfftiget die Warheit meiner Wort / mit eurem Zeugnus / dessen ich
gewiss bin / dass es nicht fehlen wird. Eins aber ist euch not / dass ihr
Gelegenheit überkommet / sie zu sehen / welches schwerlich geschehen wird / wo
ihr nicht einen vertrauten Freund gewinnet / der euch den Zutritt eröffne. Nun
dass ihr sehet / was die erste Frucht unsers Verbündnusses sein soll / will ich
euch an Talypsidamum / meinen Eyd-verdundenen Freund schicken / und für euch
bitten / dass er euch / wie mir /die Gelegenheit erwerbe / die Göttin zu sehen.
Ihr müsst aber meinen Dienst mit keiner Untren versetzen / sondern allerdings
reden / wie ich euch vertraue / und schweigen / was mir schaden kann.
Talypsidamus / zusamt der Göttin / leben der gewissen Meinung / ich sei todt /
und haben mich die Wellen ersäufft: darum dörfft ihr wohl sagen / ich lebe; ihr
dörfft gestehen / dass ihr mit mir geredt; ihr dörfft eröffnen /dass ich so nahe
sei / dass mich noch der Abend zu ihr führen könne: aber / wo ich sei / wie ich
lebe / und auf was Weise ich errettet worden / verschweiget biss zur andrer Zeit
/ und bejahet nichts von allen dem /was die Konigin von meinen Verrichtungen /
und ich von den Tempeln erzählt. Mit dem Beding will ich euch diesen Brief an
Talypsidamum überreichen und bitten / dass ihr unverwaigerte Antwort an diesen
Ort bringt; auch Talypsidamo nichts anders antwortet /als dass die Pflicht /
damit ihr mir verbunden / euch Verbot gebe / den Ort zu eröffnen / biss ich
selber zugegen.
    Das alles gefiel Agapisto so wohl / dass er allem dem zu gehorsamen / mit
Mund und Händen versprach / auch die Widerkehr auf folgenden Tag zusagte:
bedanckte sich ingleichen / dass er ihn zu seinen treuen Botschafter erwählet /
und durch diss Mittel /des grossen Glücks teilhaftig mache / die von allen
gepriesene Tugend-Göttin gegenwärtig zu grüssen /ihn versichrende / dass er alles
nach seinem Begehren beobachten / und mit solcher Sorgfalt verrichten wolle /
wie ers selber tun würde / wann er im Gegenteil sein / Agapisti / Vertrauen
bedienen würde.
    Klüglich war / in Warheit / alles diss angefangen /und hätte sichs nicht
füglicher anstellen lassen / als dass dieser Seiten Verschwiegenheit / die
Unwissenheit jenes teils nicht verständigen dorffte: jenes Erforschung aber /
dieses Unwissenheit / gleich behütet / nicht erkündigen kunte. Nur das war noch
verhinderlich / dass Agapistus wieder der Königin Zulass nicht abziehen dörffte /
wolt er anderst den Namen eines undanckbaren Gastes verwehren. Selbst auch
Polyphilus bauete vor / dass / ob Agapistus / Polyphilo zu Gefallen / der Königin
zuwider handeln wollte /er doch ihren Beifall erwartete; deswegen sie beide
ratschlagten / wie sie ihr Vornehmen zu Werck richten möchten. Dann / gedachte
Polyphilus / widerstrebet Agapisius der Königin Befehl / darff er nicht künlich
widerkehren / und erhalt ich keine Antwort Auch hätte Polyphilus gerne gesehen /
dass Agapistus / nach dem / völlig an dem Hof der Königin bliebe / damit er
teils Weissheit erlernen / teils auch um und bei ihm sein könnte / so lang ihn
sein Glück oder Unglück allda zu halten gesinnet.
    Da sie nun beide in diesen Gedancken bemühet waren / und aber keinen
tüchtigen Rat erfinden konten / kam Melopharmis / und verkündigte Polyphilo
heimlich / dass sie mit der Königin / wegen der Abreise Agapisti geredt / und sie
dahin bewogen / dass sie /um Polyphilum zu befriedigen / Agapistum nicht nur
gerne ziehen lassen / sondern gar ziehen heissen werde / und / mit einem
ansehligen Geleit / biss auf Soletten führen / damit er desto gewisser
widerkehre: wollte nun Polyphilus ihm den Brief trauen / könnte die Abreise morgen
/ mit dem frühesten / geschehen; er soll aber alles wohl bestellen / dass nicht
jrgend eine Schalckheit / unter der Treu / verhorgen liege.
    Polyphilus dessen hoch erfreuet / antwortete / dass der Brief schon vertrauet
/ und die Abrede allerdings klüglich und vorsichtig geschlossen sei; bedanckte
sich auch der gehabten Mühe / und bat ferner / seinem Begehren behülfflich zu
sein / und setzte hinzu / wie ers vor eine grosse Gunst erkenne / dass
Atychintida so willfährig sei / hoffe doch / sie werde nicht wissen / was er
suche: selbiges auch ferner zu verhüten /bitte er / das Geleit / vor dissmal /
innen zu behalten /weil es mehr hinderlich / als förderlich sein würde. Nach
eurem Willen / antwortete Melopharmis / ich wills wieder berichten: und damit
nahm sie Urlaub von ihnen / wünschte dem Agapisto eine glückselige Reise / und
hiess sie beide wohl ruhen. Indessen quälete noch immer fort die Furcht der
Bosheit Polyphili /der Königin Hertze so gar / dass sie auf alle Mittel und Weg
bedacht war / wie sie seinen Grimm wenden könne. Es fiel ihr aber bei / dass
Polyphilus ein sonderer Liebhaber der Nacht-Musie sei / darum sie folgendes
Gedicht verfertigte / und an die ergötzliche Faden der Lauten knüpffen liess /
auch von denen Saiten-Zwingern / vor seinem Zimmer / im folgenden Ton /in die
Lufft opffern.
Wie wunderlich ist doch des Himmels Schluss?
der nicht pflegt / wie der Mensch / zu schliessen:
was uns gefällt / ist offtmals ihm Verdruss /
gesegnet / das wir möchten grüssen;
was heftig wir begehren /
das will er nicht gewähren /
wie wunderlich ist doch darum des Himmels-Schluss?
der / für verlangtes Wohl / nichts schicket als Verdruss.
2. Wie viele wünschen oft zu haben das /
was sie annoch nicht haben können?
wie viele wollen wieder / weiss nicht was /
das doch der Himmel nicht will gönnen?
viel wollen gerne lieben /
und keiner sich betrüben /
da doch die Lieb in Leid / selbst nach des Himmels-Schluss /
der anderst schliesst / als wir / erhalten werden muss.
3. Wie viele rühmen auch der Freiheit Schatz /
und wählen doch im Joch zu leben?
verschertzen ihre Macht auf einen Satz /
die sich der Liebes-Macht ergeben /
und ihre Freiheit hassen /
vor Liebe / Leid anfassen /
weil in dem Liebes-Joch der wundre Himmels-Schluss /
gleich Leid und Freud beschliesst / Ergötzung und Verdruss.
4. Drum mercket alle diss / wer hertzlich liebt /
wird schmertzlich sich auch stets betrüben:
denn diesen Schluss der Himmel selber gibt /
dass nicht der Wunsch soll stets verüben /
mit gutem Glück / sein Dichten /
noch in dem Werck verrichten.
Drum ist sehr wunderlich der wunder Himmels-Schluss /
der / für verlangtes Wohl / oft schicket nur Verdruss.
 
                                 Vierter Absatz
 Beschreibet den Abzug Agapisti auf Soletten / und den Nach-Wunsch Polyphili /
auch sein Gespräch mit der Königin von dem Frauen-Lob: Welches hie an statt der
                               Lehre stehen kann.
Der Gesang gefiel Polyphilo so wohl / dass er eben darüber entschlieff. Es war
fast Mitternacht / da sich Polyphilus mit dem Ritter niederlegte / welcher / von
der Reise ermüdet / alsbald einschlieff / Polyphilum aber die Sorge bewachen
liess. Der ihm schon tausend Gedancken machte / was Talypsidamus antworten /und
was Macarie sagen werde / wann sie wieder vom Polyphilo höre.
    So bald kont es nicht tagen / dass Polyphilus den schlaffenden Ritter mit
einem gezwungenen heftigen Nieser nicht aufweckete / und ihn an die Abreise
erinnerte: wiewohl er hernach / als Agapistus darüber erwachte / sich höchlich
zu entschuldigen anfieng / vorgebend / als wäre ihm / solchen aufzuhalten /
wegen der plötzlichen Ubereilung / auch sonderlich im halben Schlaf / nicht
müglich gewesen. Das tat er aber alles / damit Agapistus wieder Antwort geben /
und den Schlaff vollend brechen musste: darum er ihm einen fröligen Morgen
wünschete / und gleich als ohngefähr aufsah / und / des Tages wahrnehmend
/ferner fortfuhr: ists doch schon helle / wie hat mich heute die muntere
Morgenröte in der Ruhe erschlichen: welche Wort Agapisto gnugsam verständigten
/dass er auf und fort sollte. Stunden sie also beide zugleich auf / und bereitete
Agapistus die Reise / Polyphilus aber erinnerte ihn nochmal an die Reden / so er
öffnen und bergen sollte.
    Es war noch sehr frühe / da sich Agapistus aufmachte / dass er von der
Königin / und andern / die ihm zugesprochen / nicht Urlaub nehmen konnte /
deswegen er Polyphilo die Verrichtung auftrug / welcher ihn auch / mit der
Zusage / wegreisen liess / und eine glückliche Hin- und Wiederkunft
nachwünschete.
    Nun reitet Agapistus auf Soletten zu: Polyphilus eilete auf die Höhe / und
sah ihm sehnlich nach / wiewol er lieber mit ihm geritten wäre. Ach! dachte er
/du glückhafter Agapistus! wiewol wirst du empfangen werden / wegen des Namens
Polyphili? wie seelig bist du doch / der du das ohne grosse Müh erhalten kanst /
das ich mit so unzehliger Gefahr noch nie erlangen können? Ach! wär ich doch
jetzo nicht Polyphilus / so könnte das verbosste Glück seine Tyrannei an mir nicht
verüben. O unglückseliger Polyphile! das deine Augen erfreuen sollte / dessen
freuen sich die fremde. Wie ist doch meinem Hertzen so weh? Allerschönste
Macarie! wie lebt sie? dencket sie auch ihres Polyphili noch? sie liebt mich
ja? weil ich sie liebe. Sie hoffet meine Gegenwart / weil sie weiss / dass ich
nicht todt bin. So heisset mich zwar Melopharmis glauben: aber / allerliebstes
Hertz! warum bin ich so ferne geführet? warum so weit entschieden? dass deine
Abwesenheit mehre die Schmertzen meines Verlangens / und die so scheinende
Unmüglichkeit / dich wieder zu sehen / mich folgend ins Verderben stürtze. Aber
was klage ich / da ich glaube / dass ihr mich gleicher-Weise liebt? So muss ich
auch glauben / dass ihr eben die Mühe und Arbeit für mich ausstehet / die ich
jetzt eurentalben gedulte. Ach! Allerliebste! vielleicht will die Liebe / dass
ich den Schmertzen erstatte / den ihr jetzt leidet / dieweil ihr so weit von mir
entschieden / durch die Bekümmernus / welche von gleicher Entzündung eures
Abwesens in mir wütet. Ach! wollte Gott! dass ich könnte mein Hertz in meinen
Händen haben / wie es in dem Schoss der Liebsten ruhet / so weiss ich / würde
meine Krafft sich verstärcken / und mein Verlangen ruhig werden. Ach! wollte
Gott! dass ich meine Macarien so wohl mit leiblichen Augen sehen könnte / als
lebhaftig sie Tag und Nacht für den Augen meiner Gedancken stehet. Ja! wollte
Gott! dass ich ihr Bildnus so eigentlich meinen Sinnen vorstellen / und in meine
Seele drucken könnte / als sie / ach! der seelige Agapistus / mit seinen Augen
sehen wird / so wolt ich mich / biss ich ihrer wieder geniessen könnte / an dem
Nahmen Macarien begnügen lassen.
    Unter dieser Klag-Rede verlohr Polyphilus Agapistum / welchen der Weg hinter
einem Busch auf den Wald zuführete / dass er ihn nicht mehr sehen konnte /und
deswegen anfieng: Nun / so begleite dich tausendfaches Glück / dass dich keine
Irrwege verführen /und komm mit erwünschter Verrichtung wieder! Der Himmel sei
dir gnädig / und unter dem Schutz der begleitenden Geisterlein müssest du sicher
reisen! Ihr auch / ihr unsterbliche Götter! deren Gnad mir meinen Wunsch
erfüllen wird / und das Verhängnus meiner Unseeligkeit / aus mitleidender
Erbarmung / enden /gebet sicher Geleit dem jenigen / der meine Freud zu wählen /
und meine Schmertzen zu lindern ausgereiset ist! Lasset ihn mit fröligem Mut
mein Antlitz wieder sehen!
    Indem Polyphilus dergleichen Seufftzer mehr hervor brachte / kam Melopharmis
/ und hörte sein kläglich Beginnen / gedachte derowegen ihn zu trösten /darum
sie / durch ihre tausend-listige Kunst / folgendes Lied / in der Lufft / nahe
bei Polyphilo / lieblich und verständlich singen liess:
Wol dem! der sich allezeit
kann zu Frieden geben /
Und so wohl in Freud als Leid /
gleich gesinnet leben;
Der vest an der Demut hält /
wann das Glück ihm blühet;
dem nicht bald der Muht entfällt /
wann er Unglück sieht.
2. Der das liebt / was ihn auch liebt /
nicht fürcht / was ihn hasset:
und wann ihn der Neid betrübt /
die Gedult anfasset;
Auch denckt / dass sich selbst der Neid
eher wird verzehren /
als dem Glück der Herrlichkeit /
im geringsten wehren.
3. Der da seine Freunde / Freund;
Feinde / Feind lässt bleiben;
und doch sich an keinem meint
feindlichen zu reiben:
tröstet sich der rechten Sach /
und läst Gott stets walten /
welcher allem Ungemach
wird die Wage halten.
4. Der den ehrt / der Ehren wert /
keinen nicht verachtet:
sich an andrer Glück nicht kehrt /
und nach dem nicht trachtet /
was ihm auch nicht werden soll;
sich zu Frieden giebet /
ob er wird des Schadens voll /
der ihn sehr betrübet.
5. Der an allem / da man kann
zweiffeln / Zweiffel träget;
und ist Hoffnung noch woran /
sie nicht bald ableget:
Der sein Tun fein klüglich richt /
sich in allem hütet:
Und verliert das Hertze nicht /
wann das Unglück wütet.
6. Der gesinnt in keiner Noht
noch Gefahr zu scheiden /
und will rühmlich selbst den Tod
lieber / als Spott / leiden:
Weil er weiss / dass / wer da will
schöne Rosen brechen /
muss er drum nicht achten viel /
dass die Dornen stechen.
7. Dessen Mund nicht Honig fasst /
Gallen trägt im Hertzen;
Mündlich liebt / und hertzlich hasst /
kann betrüglich schertzen:
Sondern Willens / seinen Geist
lieber aufzugeben:
als bei dem sein / der ihn heisst
ohne Warheit leben.
8. Und ob schon der Neider Mund
seinen Namen schmähet;
wird es doch bald werden kunt /
eh ein Jahr vergehet /
wie / man ihm / ohn alle Schuld /
viel hat zugeschrieben /
wann er ewig in Gedult
ist beständig blieben.
9. Der mit Gott die Tugend fasst
und ihm zugesellet;
alles das hinwider hasst /
was der Welt gefället:
Machet / dass man allezeit
an ihm sieht und spüret /
dass er nichts als Redlichkeit
in dem Schilde führet.
10. Den wird endlich auch ins Grab
dieser Ruhm begleiten /
dass er stets gelebet hab
ehrlich bei den Leuten /
und das ist der schöne Danck /
der nach diesem Leben /
seines guten Namens klang
stets von sich wird geben.
11. Was will man dann trauren viel /
wann es nicht so geht;
Wie in unserm Sinn das Ziel
aufgerichtet stehet:
Wann der Regen geht vorbei /
muss die Sonne scheinen:
gleich so Freude mancherlei
folget nach dem Weinen.
Polyphilus erschrack über die unverhoffte Begebenheit / merckte doch mit grossem
Fleiss auf / was die Wort berichten würden / weil er ihm alsobald den Glauben
machte / als würde ihm durch des Himmels Schickung etwas neues bedeutet werden.
Sein einiger Wunsch war / dass er die Tafel mit dem Griffel bei Handen gehabt
hätte / ob er nur etzlicher Wort können mächtig werden zu bebalten: welchen
Wunsch ihm aber Melopharmis erfüllete / und / nach geendigtem Lied / einen
Zettel vor ihm mederfallen liess / darauf es völlig versetzet war. Dessen er
höchlich erfreuet / denselben behende aufhebte / und ihn zum öfftern durchlase:
wurde auch dermassen damit getröstet / dass er ihm gefallen liess / den
Nach-Wunsch mit dem Gegen-Satz / auf seine Person zu ziehen / und sich / in
seiner betrübten Verweilung folgender Art zu trösten:
                                  Nach-Wunsch.
Das ich könnte jederzeit
mich zu frieden geben /
Und so wohl in Freud / als Leid /
gleich gesinnet leben:
Hielt ich nur die Demut fest /
wann das Glück mir blühet /
wie mich gleich das Hertz verläst /
wann es Unglück sieht.
2. Könt ich lieben / was mich liebt /
was mich hasset / hassen:
Könt ich / wann ich bin betrübt /
die Gedult anfassen:
Weiss ich / würde selbst der Neid /
eher sich verzehren /
als der frohen Herrlichkeit /
meines Glückes wehren.
3. Könt ich meine Freunde / Freund:
Feinde / Feind sein lassen:
meinen / wer mich wieder meint /
wer mir feind / nicht hassen:
Weiss ich / meine rechte Sach
würde GOtt so walten /
dass ich allem Ungemach /
könt die Wage halten
4. Könt ich gleich zu frieden sein /
was das Glücke schencket /
Trost im Leiden / oder Pein /
und was sonst mich kräncket:
wollt ich mich an andrer Glück
nicht so mercklich kehren:
sondern dencken / dieser Blick
wird auch mich verehren.
5. Könt ich zweifflen / wo man kann
sonsten Zweiffel tragen:
Wann mich Unglück greiffet an /
hoffen / nicht verzagen:
Wolt ich meine Wort und Werck
alle dahin richten /
dass nicht meine Hertzens-Stärck
Unglück könn vernichten.
6. Könt es sein / dass / wer da will
schöne Rosen brechen /
fühle nicht der Dornen viel /
die wie mächtig stechen:
Wolt ich auch in keiner Noht
keinem Unglück scheiden:
Wolte selber selbst den Tod
lieber / als Spott / leiden.
7. Könt ich Honig in dem Mund
bergen / Gall im Hertzen:
Gleich auf einmal sein gesund
wieder kranck zum schertzen:
Wolt ich warhaft meinen Geist /
lieber nicht aufgeben /
als bei der sein / die mich heist
so vergnüget leben.
8. Könt ich / wann der Neider Mund
meinen Namen schmähet /
aller Orten machen kunt /
wie die Warheit stehet:
Weiss ich / würd ich ohne Schuld
öffters sein beschuldet:
Doch so / dass ich mit Gedult /
alles auch erduldet.
9. Könt ich hassen alles das /
was der Welt gefället /
und der Tugend rechte Mass
fassen / die sich stellet /
wie sie ist / so weiss ich wohl /
sollt man an mir spüren
Redlichkeit / und was ich soll
in dem Schilde führen.
                                  Gegen-Satz.1
Weil ich halt die Demut vest /
wenn das Glück mir blühet:
Weil mich auch der Muht nicht läst /
wann er Unglück sieht;
So kann ich zu jeder Zeit /
mich zu frieden geben:
Und so wohl in Freud / als Leid /
gleich vergnüget leben.
2. Ja! weil selbst der blasse Neid
sich noch wird verzehren:
Und mir meine Herrlichkeit /
können nicht verwehren:
Will ich lieben / was mich liebt /
was mich hasset / hassen:
Und bloss / wann ich bin betrübt /
die Gedult anfassen.
3. Auch weil meine rechte Sach
selber Gott wird walten:
Und in allem Ungemach /
gleiche Wage halten:
Kan ich meine Freunde / Freund /
Feinde / Feind sein lassen /
und so lang die Sonne scheint /
keinen Nebel hassen.
4. Weil ich mich an andrer Glück
nicht gar mercklich kehre:
Sondern meinen Sternen-Blick
mehr / als ihren / ehre:
Kan ich auch zu frieden sein
mit dem / was ich habe:
Sei gleich Freude / oder Pein /
ists doch Gottes Gabe.
5. Weil ich meine Wort und Werck
alle dahin richte /
dass kein Unglück meine Stärck /
noch mein Hertz vernichte:
Darff ich zweiffeln / wo man kann
sonsten Zweiffel tragen /
kann ich / wann mich greiffet an
Unglück / nicht verzagen.
6. Weil ich weiss / dass / wer da will
schöne Rosen brechen /
müsse das nicht achten viel /
wann die Dornen stechen:
Will auch ich in keiner Not
keinem Unglück scheiden /
lieber leiden selbst den Tod /
als die Liebste meiden.
7. Weil ich Willens / meinen Geist /
lieber aufzugeben:
als von der sein / die mich heist
ohne sie jetzt leben:
Wird man Gall in meinem Mund
finden / und im Hertzen /
gegen dem / der sich gesund
macht / durch meinen Schmertzen.
8. Weil ich auch bin ohne Schuld /
offtermals beschuldet:
Weil ich alles mit Gedult
biss daher erdultet:
Werd ich / wann der Neider Mund
meinen Namen schmähet /
selbst die Warheit machen kunt /
eh ein Jahr vergehet.
9. Ja auch / weil ich bin gewiss /
dass ich nicht betrüge:
Und mein Hertz durch keinen Riss
reisse / noch sich biege:
Kan ich sagen / dass ich hass /
was der Welt gefället /
und nur einig liebe das /
was die Tugend stellet.
10. Ey so wird mich auch ins Grab
dieser Ruhm begleiten /
dass ich stets gelebet hab
ehrlich mit den Leuten:
Das wird sein der schöne Danck /
der nach diesem Leben
einen guten Namens-Klang
stets von sich wird geben.
11. Ists so? was dann traur ich viel /
dass es nicht so geht /
wie in meinem Sinn das Ziel
aufgerichtet stehet:
Wer weiss / wie es nachmals geht /
Lachen folgt dem Weinen:
Wann der Regen wird verweht /
muss die Sonne scheinen.
Wol zehenmal sang Polyphilus diesen Nach Wunsch /zehenmal wiederholte er den
Gegen-Satz / und ergötzte sich mit der selbst-gemachten Freud wie sehr / biss
Melopharmis ihm ansagte / dass Atychintida / in ihrem Zimmer / auf ihn warte /
und mit ihm Gespräch zu halten / begehre.
    Das erste / so er in seinem Eingang / nach abgelegtem Gruss / erwähnte / war
der Befehl Agapisti / welchen er / wegen der gebührenden Empfehlung / in den
Schutz Gottes / nicht weniger auch schuldiger Dancksagung / vor erwiesene hohe
Gnad / vor seiner Abreise / ihm / an seine statt / zu vollbringen / anvertrauet
/beneben dem Entschluss der Entschuldigung / dass er /ohne derselben demütiges
Besprechen / so früh weg eilen dörffen / es haben seine notwendige Geschäfft
den Verzug nicht gestattet: doch werde er / so ihn keine Widerwertigkeit zu ruck
halte / morgendes Tages wieder da sein / und seinen Gehorsam sorglicher
beobachten. Und dann / antwortete Atychintida /mit lachendem Munde / werden wir
auch ein Zeugnus von der Tugend-Damen hören / durch deren Bestraffung ich euch
so hoch erzürnet. Freilich ein Zeugnus /wiederbrachte Polyphilus / weiln die
Vollkommenheit ihrer Würde / ohne Lob / nicht kann beschauet / viel weniger /
ohne Preis / betrachtet werden. Diese Rede verursachete die Königin Polyphilum
weiter zu versuchen / / und eigentlicher nach Macarien zu fragen /darum sie ihn
folgender Gestalt anredete:
    Tugend-verständiger Polyphile! ich kann euch nicht bergen / dass mir gestriges
Gespräch / zusamt dem Lobe / das ihr der Tugend-Göttin beigelegt / einen grossen
Zweifel / und nicht geringes Nach dencken verursachet / sintemal ihr durch euer
Zeugnus einem Weibs-Bild mehr zugeeignet / als die Weibliche Schwachheiten
ertragen / und / eurer Rede nach / die weibliche Vollkommenheit / männliche
Würden / weit übersteigen wird. Wann ich nun den Unterschied zwischen beiden
Geschlechten behertzige / kann ich nicht finden / dass müglich sei / eine solche
Tugend bei dem Geschlecht voller Mängel anzutreffen / die der völligen
Mannschaft vorzuziehen sei: dass ihr demnach nicht anderst / als ohne Grund
geredt. Verzeihet mir / Polyphile! dass ich euch dessen erinnen darff /und
glaubt nicht / als sei es aus Widersinn oder Verachtung der viel-beschönten
Macarien geredt / sondern euren Unterricht in diesem Zweiffel einzuholen.
Würdiget mich demnach desselben / so will ich hinfüro auch immerdar der Macarien
die Posaune des Lobs blasen.
    Diss Begehren gefiel Polyphilo nicht übel / weil er dadurch Gelegenheit
überkam / an seine Macarien zu gedencken / und deren Ruhm zu vermehren. Deswegen
er den Einwurff Atychintidoe mit solchen Worten widerlegte: Holdselige Königin!
Ich lasse mich leicht überreden / dass mein gestriges Gespräch ihr einige
Gedancken erwecket / und einen zweifelhaften Schluss verursachet / weil ich mich
nicht gescheuet /den edlen Ritter Agapistum zu ermahnen / seinen Weg
fortzusetzen / und die Tugend-Göttin / um Tugend zu erwerben / selber
gegenwärtig / auch vielleicht nicht ohne hohe Verwunderung / zu grüssen und zu
sehen. Es scheinet freilich / als wolle ich das Geschlecht voller Mangel der
mannbaren Vollkommenheit vorsetzen: allein / wann wir Macarien ohne Mangel
erkennen / wird sich der Schein verlieren. Zwar ists so / dass sie die Natur / in
das Register der weiblichen Beschaffenheiten eingenahmet / aber so wir den
Verstand erwegen / welcher über die Natur sich erhebet / werden wir
augenscheinlich erkennen /dass weder weibliches noch männliches Vermögen; sondern
allein die Himmel-bescherte Weissheit / in dem weiblichen Leibe / herrsche /
deren sich keine /in dieser Sterblichkeit / zu gleichen erkühnen wird. So kann
ich auch von andern ruhmwürdigen Damen / nicht ohne sondern Nachteil der Ehre /
so allein dem männlichen Blut gehöret / mit Warheit sagen / dass /ob sie sich
schon der Macarien nicht in allen gleichen / dennoch in vielen auch nicht
nachgeben / oder ja zum wenigsten eben den Ruhm verdienen / welchen mancher
dapfferer Held / durch sein Streiten / mancher Hoch-verständiger / durch seine
Kunst / mancher Tugend geübter / durch seine lobwürdige Verrichtungen / nicht
erlangen können. Ja! ich scheue mich nicht / von dem ganzen weiblichen
Geschlecht / so fern es von dem gütigen Himmel mit Tugend begnadet ist / zu
bejahen / dass sie entweder mehr Lob verdienen / als wir / oder ja zum wenigsten
gleicher Ehre würdig sind. Ein guter Baum wird erkannt an seinen Früchten: Wer
wird nicht gestehen / dass wir uns denen faulen Bäumen gleichen / die keine
Früchte bringen? die Weiber aber sind der Welt erspriesslich. Ich geschweige /
dass viel löbliche Königinnen / und mehr als männliche Heldinnen / vor Zeiten
gewesen /und noch jetzo sein / deren Ruhm mit aller Ewigkeit /in die Wette
lebet. So bleibet das ewig wahr / dass der Stamm höher zu schätzen / als die
Frucht: Woher sind aber die grossmütige Helden und verständige Männer geboren
und erzogen? der Mütterliche Stamm hat solche Knotten gewonnen / die Weibliche
Wurtzel sprosset mit solcher Frucht / und ihre Brüste tropffen von der Milch /
die ihre Sinnen behertzt; die Hand führet die Zucht / darinnen sie die Sorgfalt
der Mutter verstärcket machet. Was rühmet sich nun der Fluss wider die Quelle?
Was erheben sich die Blumen wider das Feld / oder die Aehren wider den Acker /
in welchem sie erwachsen? Ich lasse mich leicht überreden / dass eben dieser
Ursach halber auch die Länder in Weibs-Gestalt abgebildet werden / weil sie /
gleich jenen / aller Völcker Ernehrerinnen und Vermehrerinnen sind. Dann wer ist
unter allen Männern / der solche weibliche Ankunft / oder der ersten Mutter
Nahrung abredig sein kann? meines Erachtens kein einiger.
    Die Königin lachete dess / und versetzte dagegen /dass nicht folge / wann die
Frucht schön sei / müsse sich der Stamm selbiger gleichen; weil auch / von einem
faulen Baum / bissweilen ein Apffel falle / und ein verdorrter Ast / nicht selten
schöne Frucht zeige. Wer wird sagen / sprach sie / dass sich die Dornen den Rosen
gleichen / ob sie dieselbe schon tragen? Wer wird das Stroh den Körnern / der
Blum den Stengel vorziehen?
    Gleichwol widerlegte Polyphilus / kann die Blum nicht ohne dem Stengel / noch
die Körner ohne das Stroh aufwachsen / und haben die Rosen ihre Schöne und
Lieblichkeit den Dornen zu dancken. Auch / fuhr er weiter fort / müssen wir den
Ruhm und Vorzug der Weiber / nicht einig in diesem / suchen / wir wollen auf
ihre Verwaltungen sehen / daher ich leicht schliessen kann / dass durch der Weiber
Hände die ganze Welt regieret werde. Worinnen bestehen die weltliche
Regimenter? Meines Wissens ist derselben Grund /die Kunst des Hausshaltens / dass
alles im erbaulichem Wesen gehalten werde. Das aber ist der Weiber Verrichtung.
Ein ganzes Land behält in sich viel Städte /die Städte beschliessen viel
Dörffer / die Dörffer bestehen aus vielen Hausshalten: Diese aber bestehen /nicht
in der Männer / sondern der Weiber Händen. Ein wohlbestelltes Haus gleichet sich
nicht übel einer gäntzen Herrschaft / darinnen die Regentin das Scepter / die
Kinder die Leibeigenschaft / und Knecht und Mägd gleichsam die Burgerliche
Schuld und Rechte führen. Aus deren Beschluss entstehet nochmals ein Regiment:
ohne deren Menge wird ehe eine Einöde zu finden / als eine Herrschaft
anzutreffen sein. Wie hoch ist demnach abermal das weibliche Geschlecht zu
rühmen?
    Die Königin wollte sich auch diesem widersetzen /mit Vorwenden / dass im
Gegenteil mehr schädliche und unnütze Haus-Regentinnen / als nützliche und
löbliche anzutreffen: aber Polyphilus widerlegte sie gar leicht / in dem er zu
verstehen gab / dass unter dem Männer-Weitzen auch viel unnützes / und mit ihrem
Gewächs / öffter mehr Unkraut aufgehe / als gute Frucht: Zu dem rede er von
solchen / die sich der ruhm-würdigen Macarien zu gleichen bemüheten. Und fieng
er ferner an: Was wollen wir endlich von dem Verstand der Weiber sagen / welcher
in Warheit nicht minder aller Unterrichtung und Belernung fähig / als bei den
Männern? Ja! es scheinet / dass man ihnen das studieren nicht zulassen wolle /
damit sie die Männer nicht übertreffen sollen / weil solches den Verstand
erhöhet / dessen sie bereit gnugsam haben / wie dann hierdurch stillschweigend
gestanden wird.
    Nein / fieng Atychintida an / sondern weil sie von Natur nicht darzu
geschickt und tüchtig sind. Mit nichten / versetzte Polyphilus / denn es gebens
die Exempla / dass ihrer viel von der Natur gleichsam zum studieren gewidmet
sind: wie dieses Madam des Roches / de Gournai / Juliana Moret / Jacobina
d'Avignon / Giustina Freddi / Vittoria Colonna / Lucretia Boccalini / Angela
Zacco / Michaele Toerabotta / und andere / mit ihrem Exempel / bezeugen:
sonderlich dass von Jacobina d' Avignon wunderhaftes gesagt wird / dass sie 14.
Sprachen erlernet / und zu Lyon /im 14. Jahr ihres Alters / zum öfftern / aus
der Welt-Weissheit disputiret. Ebenmässig lesen wir in dem Buch der Offenbahrung
/ von der Königin Saba / aus Reich Arabien / dass sie / mit hohem Verstand
begabet / sei kommen die Weissheit Salomonis zu forschen. Auch melden die
Historien / von einer / Namens Aspasia / welche des unvergleichlichen Redners
und mächtigen Käisers Periclis / Lehrerin gewesen. Von Aganica schreibet
Plutarchus / dass sie in der Stern-Kunst wundermächtig sei erfahren gewesen. Und
wie herrliche Wissenschaft erzählt Atenoeus von Callistrata Lessbia: Cicero
aber von Cornelia / der Grachen Mutter / dass sie ihre Kinder in der Red-
unterwiesen / und hoch gebracht. Nicht weniger von Cornelia / Käisers Pompeji
Gemahl / Plutarchus; und Diodorus Siculus von Daphne / der Tiresioe Tochter /
die solche Verss geschrieben / dass auch Homerus sich nicht gescheuet / in seinen
Gedichten / viel von ihr zu entlehnen? Was soll ich melden / von der
Beredsamkeit der Tochter Hortensii / deren Appianus und Quintilianus mit grossem
Ruhm gedencken? Was von Loelia / C. Gracchi Tochter / davon Cicero: was von
Olympia / davon Gyraldus: was von Hippias / der Wirtin Lycurgi / davon
Plutarchus meldet? Ja! was von Diotima / davon Socrates selber gestehet / dass
sie ihm / in vielen / eine Lehrerin gewesen: wiewol er der obgedachten Aspasten
auch nicht wenig zu dancken habe. Die Zeit würde mir zu kurtz werden / wann ich
alle nach der Läng erzählen wollte / die in zierlichen Reden / klugen Anschlägen
/ scharffsinnigem disputiren / nützlichen Ratschlägen und anderer
wohlgegründeter Weissheit / denen Manns-Personen oft und oft den Ruhm genommen:
sonderlich / da ich auf die Dicht- und Verse-Kunst / nicht nur unsrer Teutschen:
sondern auch anderer ausländischer Sprachen gehen wollte. Es würde mir
Hildegardis de Pingua / ihre commentarios über die Natur-kündigung vorlegen /die
ich billich mit hohem Lob krönen müste. Es würde mir eine andere dieses Namens /
so zu Zeiten Bernhardi gelebt / ihre geübte Wissenschaft in Göttlichen Dingen
entdecken / die ich nicht weniger rühmen / ja wohl gar verwundern müste. Es würde
mir Martia Proba / die in allen Wissenschaften hoch gestiegene Königin in
Britannien / ihre Gesetz vorlegen / die sie selber aufs klügeste geordnet / so
gar /dass sie auch den Namen von ihr überkommen / und Martianoe Leges sind
genennet worden. Es würde mir Teano Metapontina / des Pytagoroe Ehegemahl
/ihren Ruhm zu erklären geben / dass sie die erste gewesen / so unter den Weibern
der Welt-Weissheit nachgedacht / und dieselbe gelehret. Ja! es würde mir von
Arete / der Mutter Aristippi des jüngern / ihr Sohn gezeiget werden / mit dem
Befehl / dass ich erklären solle / warum er m;h;t;r;o;d;i;d;a;k sei zugenahmet
worden; nämlich / weil ihn seine Mutter in Künsten und Sprachen selbst
unterwiesen. Endlich würde auch Eudochia / die Tochter Teodosii / mir ihr Lob
verbreiten / das / wegen ihrer hohen Wissenschaft / bei fast allen Scribenten
zu lesen. Und dass ich viel mit wenigen fasse / wissen wir / durch die
Historische Erklärungen / dass die verständige Alten /allen Fleiss dahin /
gerichtet / wie ihre Töchter und Weiber in allerhand Künsten und Sprachen
unterrichtet würden: zu dessen Beförderung sie absonderliche Lehrer / zu Haus
bestellten / die ihrer Mannschaft beraubet waren: auch wohl gar in öffentliche
Schulen geschickt / oder sonst von ihren Vättern und Ehemännern unterwiesen
wurden: wie dessen Claudianus /Plinius / Halicarnassoeus / desgleichen
Plutarchus /und andere / hin und wieder warhafte Zeugnus setzen. Diss Beginnen
ist auch mit so glücklichem Fortgang beseeliget worden / dass / wie angeführte
Autores melden / nicht wenig deren Weiber / öffentliche Reden / vor dem Volck
gehalten; öffentlich von den schweresten und wichtigsten Sachen geschwinde
Schlüss gemacht; öffentlich allerhand Wissenschaften und Sprachen gelehret; die
Sprüche der Weisen erkläret / und die Gründe der Weissheit selber andern
eröffnet.
    Atychintida wunderte sich dessen: weil ihr aber das Frauen-Lob nicht übel
gefiel / gedachte sie Polyphilo fernere Anlass zu geben / sprechend: Wie sagen
dann die Medici / dass das weibliche Geschlecht / weil es kalter und feuchter
Natur ist / welche traun keine grosse Spitzfindigkeit erwirbt / sondern vielmehr
stümpffet; selbiges auch nicht zu hohem Verstand oder hurtiger Wissenschaft
gelangen könne: dem ich so fern beipflichte / als ich selbst erfahren / dass auch
diese /so vor andern etwas sonderliches sein wollen / zwar wohl ein wenig von
gemeinen Dingen / mit solchen Schlüssen geredt / die sie täglich hören: allein /
da es zum Treffen kommen / hat sich die Unvermögenheit /in höhern Dingen /
selbst willig bekennet / dass sie selber gestehen müssen / sie können nicht
mehr begreiffen / / als was die Kräffte des Gedächtnus erleiden / weil sie der
Kräffte des Verstandes sich / in solchen Sachen / nicht zu rühmen hätten.
    Eben das / erinnerte Polyphilus hinwider / können wir von allen sagen / die
in einer Sache nicht recht unterrichtet sein / oder auch / wegen Mangel des
Verstandes / nicht völlig können unterrichtet werden. Es ist ein Unterscheid
unter den Gemühtern / deren eins /so wohl bei männlichen als weiblichen
Geschlecht /immer fähiger ist / als das andere / und so beschaffen / dass wir
nicht mit den Medicis aus Feuchtigkeit und Kälte / sondern der Ordnung Gottes
schliessen sollen / der diesem mehr / jenem weniger; diesem hohen / jenem
nidrigen Verstand gegeben.
    Aber doch / versetzte die Königin hinwieder / ists sehr gefährlich mit der
Weiber-Kunst / weil sie gemeiniglich mehr schadet / als nutzet / und gewiss ist
/dass gelährteste Weiber / auch die klügeste Verderberinnen ihrer Zucht und
Keuschheit sein: Wann anderst in solchen Wercken / die Klugheit sich nicht mehr
einer verderbten Torheit gleichet. Das ist etwas / sagte Polyphilus / und hat
das Laster schon vorlängst die Gemüter der jenigen beherrschet / die ihre
erlernte Kunst / ohne Kunst gebrauchet / und den erworbenen Verstand
unverständig geschändet /indem sie ihren Sinn mehr auf nichtige Schand-als
erbare Nutzbarkeiten gerichtet. Daher erzählt Epictetus / / dass / zu seinen
Zeiten / die Römischen Frauen /ihre meiste Zeit / mit des Platonis Schrifften /
von der Gemeinschaft / zugebracht / weil in selben der gemeine Gebrauch; wie
aller andern Sachen / also auch der Weiber / gelehret wird. Allein wann dieser
Schluss gelten soll / kann ich gleiches / mit leichter Müh / auch von dem
männlichen Geschlecht erweisen / und wird der leicht-verliebte Oyidus / das Heer
führen. Ich rühme den berühmten Gebrauch der Wissenschaft /und mein Lob zieret
die Tugend; schändet hingegen allen verderblichen Missbrauch / dessen sich nicht
weniger alle Dinge / als die Frauen / so mit Kunst und Tugend begabet /
teilhaftig machen.
    Darauf fieng Atychintida an: Was antwortet ihr aber darauf? dass zu beföchten
/ wann die weibliche Schwachheit durch Kunst verstärcket wird / werde auch
ingleichen ihre List / damit sie das Männer-Volck betrügen / nichtweniger
vergrössert / so gar /dass sie nach dem nicht beherrschet / nicht gezwungen /
nicht begütiget / werden / und die klägliche Verwandelung angehet / dass Mann und
Weib mit Rock und Hosen tauschen.
    Polyphilus musste eben lachen / so wohl gefiel ihm der Einwurff: aber dennoch
hielt er dem entgegen /dass dieses / gleich dem vorigen / nur ein Missbrauch /und
der bösen Weiber Art sei; auch dieser Schluss vielmehr behaubte / dass dieselbe in
guten und nützlichen Dingen sollen unterwiesen werden / damit sie ihre
ungezähmte Erfindungen nicht eher nach dem Bösen / als Guten lencken / oder auch
in ihrer gefassten Torheit verharren: zumalen aller Orten wahr ist und bleibet
/ dass die Kunst unsern Verstand läutert /und die Tugend das Hertz reiniget von
aller bösen Lust und Begierde / dass / wo Verstand ist / alle weibliche Bosheit
weichet / und wo Tugend wohnet / alle Untugenden vertrieben / und die weibliche
Schwachheit selber männliche Kräffte gebiehret. Ja! wann ich sagen darff / was
ich dencke / und was die Warheit zu bekennen erfordert / glaub ich vor gewiss /
dass eben der Unverstand / und die verwehrte Kunst eine Ursacherin sei / an dem
verderbten Lob des weiblichen Geschlechts / welches / traun! dafern es / gleich
dem männlichen / mit Fleiss unterrichtet / und in der Weissheit / durch Kunst und
Tugend / fortgeführet würde /nicht selten dieses so weit übersteigen sollte / als
es sich jetzund / durch jenes / muss unterdrücken lassen. Dann allein die Kunst
gibt Weissheit / und Tugend erwecket belobte Sitren / sie übe sich bei männlichem
oder weiblichem Geschlecht.
    In dem Polyphilus so redete / fiel ihm die Weltberühmte unvergleichliche
Schurmännin bei / die er /als ein Wunder der Natur / in seinen Sinnen ehrete
/darum er auch diesen seinen Ausspruch / mit selbiger / zu behaubten / in
folgende Wort heraus brach: Was zeugen diese unsere Zeiten von der Belgischen
Minerven / Jungfrau Anna Maria Schurmännin? die wir billich den gelährtesten und
verständigsten Männern / wo nicht vorziehen / doch so gleich schätzen /dass wir
zweiffeln müssen / ob sollte die Gleichheit nicht mehr den Vorzug verdienen.
Selbsten der Name erweiset / dass in ihr die weibliche Unvermögenheit mit
männlichen Kräfften sei verwechselt worden /drum nennet sie sich recht
Schur-männin: allen denen / die das gebährende Frauen-Lob nicht nach Würden
krönen wollen / mit sich selber zu erweisen / wie sie ihren männlichen
Verstand / in Unterdrückung des weiblichen Ruhms / selber / nicht ohne grossen
Nachteil ihrer Ehre / verderben: Klüglich hat sie / in Warheit / das Frauen-Lob
behaubtet /in dem sie sich denen / die solches angefeindet / mit dem bekannten
Sprichwort widersetzet / und gleichsam schamrot gemacht: yolloi matai
kreitoyes didaskalon: auch jenes alten Poeten / welcher spricht:
         Vos etenim juvenes animos geniris muliebres: illa virago viri.
Welches sie angeführet / dass diese / deren Ursachen halber / entweder eine
boshafte Missgunst / oder vielmehr eine schändliche Furcht beschwere / in dem
sie hören / und hören müssen / es übersteige die Wissenschaft der Weiber / die
Männer-Kunst / und übertreffe der Jünger an Kunst und Geschicklichkeit den
Meister.
    Atychintida musste vor dissmal dem Polyphilo Beifall geben / dann sie dem
nicht widersprechen dorffte /was an der hellen Sonnen war. Da nun Polyphilus
merckte / dass er gewonnen hätte / machte ihn die Begierde des Siegs / sein fast
selbst vergessen / in dem er noch höher Lob zu verdienen / die Ehre / so ihn
billicher allen Weibern vorsetzen sollte / mit folgenden Worten / freiwillig
nachsetzte: Wann nicht selber das ganze menschliche Geschlecht / ja! vielmehr
die Ordnung der unsterblichen Götter / einmütig bekennte / dass das Weibliche dem
Männlichen / an den Gütern des Verstandes / nicht nur gleich geschätzt / sondern
auch weit überlegen sei / würden die Gesetze nicht beglauben / dass jenes / in
dem Zwölfften; dieses aber allererst in dem vierzehenden Jahre das Vogtbare
Alter treffe. Sei demnach das der letzte Schluss / dass die Weiber denen Männern /
an allem / bei weiten vorzuziehen / weil sie züchtiger / schamhafter /
mitleidiger / getreuer / liebreicher / gottseliger / demütiger und gedultiger
sind; ja auch / was die Güter des Leibes anbetrifft / schöner / zärtlicher /
sittlicher und freundlicher / die mit allem Recht jrrdische Göttinnen / und
eingefleischte Engel zu nennen: wie wir das selber stillschweigend gestehen /
in dem wir ihnen mit so sorgfältiger Bemühung aufwarten / tieffer Demut
gehorsamen / wachsamer Behendigkeit nachgehen / und brünstigem Verlangen um ihre
Huld und Gnade werben / welches alles ein Zeichen ihrer hohen Würde / und ein
offenbarer Beweis unsrer Unwürdigkeit ist / die von jener bereichert / erhalten
und vermehret werden muss.
    Wann dem allen so / sprach Atychintida / warum ehret man dann unsern Ruhm
nicht auch in Schrifften? Das ist des Neides Schuld / versetzte Polyphilus / der
sie zu der Knechtischen Haus-Arbeit verstofsen darinnen sie gleichsam mit ihren
Sinnen gefangen bleiben müssen / dass sie sich nicht höher schwingen / noch die
himmlische Wissenschaften ersteigen können. Auch bauen sie ihnen das Gefängnus
selber / wann sie sich so verstossen lassen: welchem sie zu wider / mit allem
Recht sagen könten / was dorten der Löw / dem ein Löwen-Mörder vorgezeiget wurde
/ (so anderst ein Gedicht den Warheits-Glauben verdienet) soll geantwortet
haben: Wann wir Löwen mahlen könten / sollten mehr Männer von den Löwen getödtet
/ auf den Tafeln zu sehen sein. Mit diesem hatte ihr Gespräch ein Ende; damm
Polyphilus Urlaub nahm / und sich in sein Zimmer verfügte /allda er nidergesetzt
/ folgendes Gedicht / den weiblichen Würden zu Ehren verfertigte:
Es wundert mich fast sehr / warumb man nicht will achten /
der Weiber schönes Tun / gleich ob / was sie auch machten /
verdiene keinen Ruhm: da doch die Weiber-List
oft einen Mann betört / der noch so witzig ist.
Sind sie nicht / wie wir sind / mit allem gleich bereichet?
wer ist dann / der auch sie / in allem / uns nicht gleichet?
Sind nit der Sinnen fünff: Verstand und Witz / und Will?
der Mann und Weib erhebt / und beide heisset still /
still und zufrieden sein / mit dem / was Gott bescheret /
der einig ihren Witz / Verstand und Sinn ernehret /
ernehret und vermehrt? was will man wieder Recht /
zum Herren setzen den / der selber besser Knecht /
auch oft wohl minder ist? weil man bei diesen findet /
was ihn erdrucket nur / und was ihn überwindet /
an Kunst- und Tugend-Ruhm / das herrschet in dem Sinn
der weiblichen Vernunft / die träget den Gewinn.
Drum ob Papyrius auch tausend der Gesetze
setzt wider dieses Volck / und ob Huartus schätze
sie noch so ungeschickt: so weiss ich doch gewiss /
dass recht geschlossen sei / was ich / mit Warheit / schliess.
Ihr seit es / schönes Volck! dass einig nur zu loben;
Ihr seit es / liebes Volck! das einig steht erhoben /
an jenem Himmel-Dach / da einig und allein
eur hochgeführter Glantz verdeckt der Sternen-Schein.
 
                                Fünfter Absatz
Beschreibet / die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er geraten / als er
 Talypsidamum / von der Mörder-Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern
   Anstoss / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nämlich / die
                                 Verhindernus.
Nun müssen wir wieder zu Agapisto kommen / und sehen / wie es dem auf seiner
Reiss ergangen. Diesen führete eiliger die Begierde / und das Verlangen Macarien
zu sehen / als s ein flüchtiges Pferd fort. Und da er den Wald / mit schnellem
Lauf / ruckwarts gelegt / und sich im freien Felde befand / doch so / dass er
zwischen dem Gebüsch / nit ferne vor sich sehen konnte: erschröckt ihn ohngefehr
ein erbärmlich Geschrei / das kläglich anzuhören / und mehr durch Seufftzen und
Heulen / als verständlicher Stimm / zu vernehmen war. Agapistus daher bewogen /
gab seinem Pferd die Sporen / und eilete / mit nachgelassenem Zügel / dem
Geschrei behende nach / und da er näher herzu kam / traff er hinter der Hecken
ein Weib an / die sich jämmerlich behegte / und so bald sie den Ritter ersah /
gleich als erfreuet auffuhr / und mit kläglichen Geberden / für des Pferdes
Füsse waltzete /bittend um Hülff.
    Die Wasser-rinnende Augen / die zerstreuete Haar /so sie nicht allein im
höchsten Bedrangnus verwirret /sondern auch so gar ausgerauffet / dass sie einen
grossen Zopff in ihren Händen trug; ja auch / die in einander geschlagene Hände
selber / mit dem hertzlichen und schmertzlichen ächtzen / vermochte das
mitleidige Hertz Agapisti dermassen zu erweichen / dass er /seines Verlangens
vergessend / dem Pferd den Zaum anhielt / um zu vernehmen / was ihr gebreche.
Diese fieng mit beweinten Worten an: Wer du auch bist /edler Ritter! so leiste
die Pflicht deinem Schild und Waffen / und lass deine Lantzen die Erlösung
bringen dem / der unschuldig unter den Mördern gefangen /durch jenen Wald
geführet wird.
    Agapistus sich seiner Schuld / die ihm diese Rüstung auflegte / erinnerend /
wäre leicht zu erbitten gewest / wann nicht der Befehl Polyphili ihn mehr auf
Soletten zu eilen vermahnet hätte. Darum er in zweiffelhafter Entschliessung
nach dem Namen dessen /den er zu erretten / gebeten wurde / fragte: Dagegen ihm
die Hülff-bittende versetzte: Ach! dass ich den belobten Na men mit solcher
Betrübnus nicht nennen sollte! Edler Ritter! so du Tugend liebst / wirst du zu
Hülff kommen dem / darunter die Tugend gedrucket wird. Die Noht leidet keinen
Verzug / weiter zu bitten; drum eile / ehe der Mörder Hand den
Unschuldig-Gefangenen gar entführet. Es sei dir genug / dass dich Gott zu seiner
Entbindung / und deiner Bekrönung daher geführet. Eine lautere Furcht besiegete
das Hertz Agapasti / nicht weniger der Eyfer / damit er sich selbst / und das
Glück beklagte / das ihn in solche Gefährlichkeit / und Verlust entweder seiner
Ehre / oder Glücks gesetzet. Denn er gedachte / lass ich mich erbitten / werde
ich an Polyphilo untreu: soll ich dann das Leben nicht retten / dessen / der den
Tod nicht verschuldet / leidet meine Ehre und Tugend-Liebe noht. Doch mochte das
Versprechen / so er Polyphilo getan / sich so mächtig erzeigen / dass er den
Dienst des Bekandten / der Hülff eines Fremden vorsetzte; deswegen er sich gegen
der Hülff-begehrenden höchlich entschuldigte / mit Vorwenden / dass er anjetzo
nicht sein eigen / sondern in fremden Verrichtungen bemühet / ihrer Bitte nicht
gehorsamen könnte.
    Die Wort des Ritters legten die Leid-klagende / mit Versinckung der Krafft /
auf die Erden: aber das wachsame Hertz / und der erzwingende Schrecken /stiess im
Niederfall / mit einem bekümmerten Seufftzer / den Namen Talypsidami / durch den
Mund heraus / dass sie ihrer vergessend / gleich als mit sich selber redend / diss
ihr letztes Wort / und zwar halb gebrochen / ausgoss: Ach Talypsidame! so must du
sterben! Ach! so übet ihr gerechten Götter gebührende Rach / um Macarien willen
/ die durch den Verlust Talypsidami auch sterben muss: und mit diesen Worten
endigte die Halb-Todte ihr Leben.
    Nun dencke eins / in was Schrecken und Forcht Agapistus gewesen / nicht viel
fehlete / dass er gleiches erlitten / und die Schuld dieses unschuldigen Tods /
durch sein eigen Schwerdt / an seinem Leben gerächet: Die Hertzens-Bekümmernus
stürtzete ihn vom Pferd / und warff ihn auf die Verstorbene / die er hin und
wider schüttelte; aber die Ohnmacht war so starck / dass er nichts / denn den Tod
mercken konnte. Gleichwol gab ihm die verharrende Wärm noch eine Hoffnung / darum
er sie mit Balsam bestriche / konnte aber nichts richten. Nun / gedachte er /
bist du Mörder an dieser Seele / und an der Seele Talypsidami ingleichen. Ach
Talypsidame! bist du ja Talypsidamus /dem ich den Brief überreichen soll? Wie
werden die Ertödtete Brief annehmen? O Unglück! muss ich durch die Treu / so ich
dir erweisen wollen / mein Polyphile! nun selbst an dir treuloss werden? Ach!
warum habt ihr mir / ihr unsterbliche Götter! diese unglückhafte Reise / zu
meinem Verderben / aufgelegt? Was tu ich nun? Ach! ich Verzweiffelter! was tu
ich nun? soll ich Talypsidamo nachsetzen? und diesen Tod /durch die Errettung
seines Lebens / vergleichen? Ja /das soll ich tun. Ach! so verhindert den
Fortzug der Rauber / ihr gewaltige Götter! dass ich antreffe / den ich suche /
und verleihet / dass ich entweder / mit meinem Sieg / den Tod dieser Matron / an
jener Mörder Leben / räche / oder durch den Verlust meines todt-schuldigen
Lebens / das Leben erhalte / dem ichs zu erhalten schuldig bin.
    Mit diesen Worten erstieg Agapistus widerum sein Pferd / und erhub sich /
mit schnellem Lauf / von der Matron / dem Walde zu / den gefangenen Talypsidamum
zu erjagen. Aber das Unglück ward immer grösser / die Mannigfaltigkeit der
Irrwege / verführeten das Gemüt Agapisti dermassen / dass er unwissend /wohin er
sich wenden sollte / aufs neue zu klagen anfieng. Die hochdringende Not erlitte
keinen Verzug /und doch verursachete die zweiffelhafte Furcht eitel
Verhindernus biss er endlich / weiss nicht / soll ich sagen / aus gefasstem Eyfer
/ oder so wollender Fügung des Himmels / sich zur lincken Hand / in den Wald
schlug / und mit erhitztem Sporen-Streich denselben durchjagte.
    Das Ende des Waldes beschloss der vorbei fliessende Peneus-Fluss / an dessen
Ufer er die Mörder mit Talypsidamo antraff! die sich zu Schiff setzeten / und
Talypsidamum allbereit in die Ketten gelegt hatten. Wie es aber gemeiniglich zu
geschehen pflegt / dass die Wercke der Bosheit eine gewaltige Furcht nach sich
ziehen; als traff auch diss die Mörder dermassen /dass die / so allbereit zu
Schiff waren / die Grausamkeit des erhitzen und verfolgenden Agapisti
beförchtend / vom Land stiessen / und zweien von der verdamten Rott zu ruck /
dem Agapisto zur Rach / überliessen / die er auch mit solchem Grimm verbrachte
/dass er einen mit seiner Lantzen / vom Ufer / ins Wasser stürtzete / und
ersäuffte / dem andern mit dem Schwerdt / durch das Haupt / biss auf die Brust /
einen solchen Streich gab / dass er / halber zerspaltet / tod darmeder fiel.
    Talypsidamus / dem seine harte Bedrangnus / nicht so sehr schmertzete / als
dass er Agapisto die grosse Treu nicht danckbarlich vergelten sollte / fieng in
den Banden / die Untreu der Mörder / gegen ihre Mitgesellen / an zu schelten /
mit Vermahnen / dass sie solche Unbillichkeit nicht unvergolten liessen / sondern
wieder anlendeten / und billiche Rach verübeten. Das alles aber / sagte er zu
seinem und Agapisti Besten; denn er gedachte / so sie aussteigen würden / wolle
er das Schiff entführen / Agapistus aber würde sein Schwert schon zu gebrauchen
wissen / wann sie dann erlägt wären / wolle er den schuldigen Danck / gegen dem
fremden Ritter / ablegen.
    Aber wie viel ein anders hatte die Widerwertigkeit des Glücks beschlossen!
Untreu verlangte keine Rach / und spotteten sie vielmehr Talypsidami / als der
nicht wüste / dass der erste Beding ihrer Gesellschaft wäre / wer sich erretten
könne / der möge sein Bestes suchen / wie er wolle. Ja! fieng der andere an
/(den ich glaube / dass selbst die Bosheit geboren /und die Laster gesäuget
haben /) wann ich mein Leben / durch seinen Tod / hätte erretten können /wolt
ich ihn selber erwürget haben.
    Da nun Talypsidamus sah / dass er nichts richte /gab er mit den Händen und
dem Haupt das Danck-Zeichen dem getreuen Agapisto: Agapistus hingegen schrie mit
lauter Stimm: Polyphilus! Polyphilus! und zeigete den Brief / winckete ihm auch
/ wie er nach Soletten gewolt habe / und diesen Brief ihm zu bringen. Da sollte
eins die Tausendfältigkeit der Gedancken Talypsidami gesehen haben / die der
Name Polyphili verursachete. Bald gedachte er / gewiss hat dieser Ritter dich an
den Tod Polyphili erinnern wollen / um desswillen du diese Naht / und ohne
Zweifel auch den Tod erleiden must: doch tröstete ihn sein gutes Gewissen / dass
er unschuldig sei an jenem Tod. Bald gedachte er / wann er sonderlich den Brief
erwägte /Polyphilus lebe noch / und habe diss an ihn geschrieben: in welchem Sinn
ihn nicht wenig die Erinnerung stärckte / so offtermals Macarie getan / dass sie
nicht glaube / dass Polyphilus todt sei. Bald gedachte er hinwieder / vielleicht
ist dieses selber Polyphilus /dessen Arm mich zu erretten / verlanget / doch
widerlegte ihn / in diesem Fall / die Ungleichheit der Grösse / denn Agapistus
kleinerer statur war. Mit einem Wort: was einen Zweifel erwecken konnte / das
verderbte die Hoffnung / und womit die Hoffnung tröstete / / das verbitterte der
Zweifel / biss er Agapistum aus den Augen verloren / nunmehr seine Gedancken zum
sterben bereitete / weil er den Schluss selber anhörete / dass er die Treue / so
er an ihnen / gegen ihren Mitgesellen / begehret / mit seinem Tod erweisen
solle.
    Was macht nun Agapistus? Auf Soletten zu reisen /ist vergeblich:
Talypsidamum zu erlösen / unmüglich / wieder zu ruck zu gehen / verdächtig:
unverrichteter Sachen zum Polyphilo wieder zu kommen /schändlich / bevor ab da
er die einige Ursach ist / dass Talypsidamus nicht errettet worden / weil er der
Bitte des Weibes nicht alsobald gehorchet: so bekümmert ihn nicht wenig die
Furcht / des unschuldigen Todes /dieser Verstorbenen / mehr aber / dass er nicht
wissen konnte / wer sie wäre? Vielleicht / dachte er / ist sie gar Talypsidami
Vertraute / dass ich Mann und Weib auf einmal erwürget: welche Furcht ihn desto
heftiger schröckete / je mehr sie sich der Warheit gleichete. Darum er endlich
bei sich selber den Schluss machte / sich ins Wasser zu stürtzen / und das
viele unschuldige Blut / durch seine Ersäuffung / zu büssen.
    Aber nun erkenne ein jeder die Vorsehung des gütigen Himmels. Agapistus
voller Verzweiflung / wendet sein Pferd / und führet dasselbe etzliche Schritt
vom Ufer / dem Walde zu / befiehlet sich der gnädigen Hand der Götter / und
rennet im vollen Streich /aber mit verbundenen Augen / (ohne Zweifel / dass er
den Augenblick seines Todes nicht warnehme /) auf den Strom zu / Willens / sich
mit dem Pferd zu ersäuffen: als eben die vertraute Talypsidami / so er nimmer /
lebendig zu sehen / gehoffet / aus ihrer tödlichen Ohnmacht / wieder zu sich
selbst kommen /und mit vollem Eyfer / dem Ritt Agapasti nachgefolget; die / so
bald sie sein Vornehmen erkennete / mit erhobener Stimm anfieng zu schreien /
dass Agapistus bewogen wurde / das Pferd / mitten im Lauf / aufzuhalten / und zu
sehen / wer sein begehre. Drei Schritt mochte er noch zum Wasser gehabt haben /
da er sein Gesicht entdeckete. Die Furcht aber des bösen Gewissens / stessete
ihn alsbald ans Hertz / dass er bereuete / was er / in verzweiffelter Gefahr / zu
vollbringen /beschlossen hatte. Auch tröstete ihn / in seinem Leiden / der
Anblick deren / die er vor ertödtet gehalten; wiewol ihn die Scham so sehr
schröckete / dass er sich scheuete / sie kühnlich anzusehen / bloss darum / dass er
nicht alsobald Hülff-reiche Hand geleistet / deswegen er sich geschwind vom
Pferd / zu ihren Füssen legte / und um aller-günstigste Verzeihung bat / seines
vorigen Fehlers; denn er bekennen müsse / dass er dem unschuldigen Talypsidamo /
den unverdienten Tod verursache: wann anderst das eine billiche Ursach zu
grüssen / die nicht verwehret / was sie verwehren kann und soll.
    Psychitrechis / so war des Weibes Name / achtete nicht der Bitte oder
Entschuldigung: sondern fragte alsobald nach ihrem Talypsidamo / und da sie
vernahm / wie er auf jenem Schiff fortgeführet würde /welches zur rechten Seiten
/ ein wenig vom Ufer / in die Höhe segelte / erdachte sie den eiligen Rat /
Agapistus soll am Ufer hinauf reiten / zu sehen / was es vor ein Ende nehmen
würde.
    Der Anschlag gefiel nicht übel / sonderlich / da sie wider den Strom
schiffeten / dass Agapisti flüchtiges Pferd sich immer fort der Schiffart gleich
halten konnte / auch war der beiliegende Wald sehr bequem /seine Begleitung /
wider Wissen der Mörder / ganz heimlich und unvermerckt zu vollbringen. Was
geschicht? Es muss doch wahr bleiben / dass die gnädige Götter ein wachendes Auge
auf die Sterblichen haben / und denen / so sich ihrer Macht vertrauen /nach
erlittenem Unglück / dennoch hinwider mächtige Hülff und starcken Trost
bescheren. Dann als Agapistus in höchster Betrübnus an dem Ufer hinan reitet
/seine Augen aber immerfort auf den Fluss / neben Talypsidamo / schiffen lässet /
geschichts / dass sein Pferd an einem Stock stosset / und strauchelt / so gar
/dass es sich / mit einem gefährlichen Fall / zur Erden neiget / und Agapistum
ins Gras niederleget: aber zu sein / und Talypsidami / grossem Glück. Dann
ungeacht er frisch und ohne Verletzung wiederum aufgestanden / / ersiehet er an
dem Ufer / eben da er sich wieder zu Pferd setzen will / einen kleinen Nachen
angebunden / mit allem dem / wessen die Fahrt benötiget / wohl versehen.
    Agapistus / dem der unverhoffte Fund / gar leicht /ein Zeichen göttlicher
Vorsehung sein möchte / hänget sein Pferd an den Baum / und löset das Schiff
/mit sich selber / vom Lande / eilet auch / so viel müglich / auf Talypsidamum
zu / nichts mehr verlangend / als entweder das Leben Talypsidami zu erhalten /
oder sein eigenes zu verderben.
    Die Mörder / da sie Agapistum / mit Schwert und Waffen zu Schiff sahen / und
auf sie zu eilen / wurden so voller Furcht / dass sie die Segel / mit grosser
Behendigkeit / wandten / und gleich einem Pfeil / in unglaublicher
Geschwindigkeit / widerkehreten / woher sie kommen / und mit dem Fluss / der
Tiefe zufuhren. Agapistus setzete / mit gleichfertiger Ubereilung /nach / mochte
sie aber nicht erlangen / weil er der Schiffarten ungewohnt / nicht wusste / wo
der Vorteil zu treffen. Gleichwol vermochte seine Verfolgung so viel / dass er
dem Talypsidamo das Leben rettete. Dann der Augenblick / da sie des Agapisti
wahrgenommen / sollte Talypsidamum / dem sie nunmehr alles genommen / was er mit
sich führete / über Bord werffen: an welchem sie damals verhindert wurden /weil
die Errettung ihres gefährlichen Lebens nicht zuliess / / ein unschuldiges Leben
zu ertödten. Wie nun Talypsidamus muss erfreuet worden sein / kann der leicht
schliessen / der sein Leben liebt; und wurde die Freude um desto mächtiger /
dass er Agapistum immer heftiger arbeiten / und ihnen nach setzen sah.
    Psychitrechis stund am Ufer / und sah dein traurigen Spiel mit Entsetzen zu
/ welches desto erschröcklicher zu sehen war / weil es doch endlich Leib und
Leben kosten würde. Doch blieb sie an dem Ort in betrüglicher Hoffnung / sie
werde die wieder sehen /welche gleich dem Blitz vor sie weg / und endlich gar
aus ihren Augen fort fuhren. Da sie aber eine zimliche Weil vergeblich harrete /
fiel ihr endlich / unter tausend klagenden Gedancken / das Pferd Agapisti bei
/wo doch solches hin kommen. Sie ging an dem Ufer hinauf / und fand den Zügel
an einem Baum gebunden / das Pferd aber sah sie von ferne in den Wald sprengen
/ daher sie schliessen konnte / dass es sich abgerissen / und vielleicht wieder zu
Haus kehre. Das hatten aber die Wellen verursachet / die mit solchem Saussen und
Brausen / in dem sich das grosse Schiff auf dem wanckenden Wasser gewandt / aus
Ufer geschlagen / dass daher das Pferd erschröckt / und ohne vorgesetzten Weg /
die Flucht genommen.
    Psychitrechis / wiewol sie in neue Furcht dadurch gesetzt wurde / weil sie
ihr leicht einbilden mochte /dass / wann das Pferd seinen Reuter nicht wieder mit
sich bringe / die Bekannte dieses Ritters in grossen Schrecken geraten wurden:
ward doch die vorige Betrübnus so gehäufft / dass fast unmüglich war / ihrem
Hertzen den Kummer zu vermehren: darum sie mit weinenden Augen / und
seufftzenden Hertzen / den Zügel ablösete / und als eine betrübte Beute / mit
sich nahm / auch widerkehrte an den Ort / da sie / mit Heulen und Klagen / ihres
allerliebsten Talypsidami wartete. Den sie aber lange nicht erwarten konnte.
    Dann da die Mörder / in der Flucht / furchtsam fort eileten; Agapistus aber
/ in der Verfolgung / erbittert nachsetzte / und sie doch nicht erreichen konnte
/schütteten die erzürnten Götter / ihren gerechten Eyfer / über den Fluss / mit
erschröcklichem Wetter /und wütenden Winden / aus / entweder ihre wunderbare
Hülf denen Nohtleidenden zu erweisen / oder dem Agapisto den verdienten Lohn /
seiner Saumseligkeit halber / auf diese Art / zu versetzen. Die stürmende Winde
erhebten die Wasser-Wogen / mit solcher Grausamkeit / dass die wanckende Segel /
augenblickliche Todes-Not droheten. Die Furcht aber / so aller Hertzen
schröckete / erhäuffte sich dermassen /dass ich nicht weiss / ob mehr die Schiffe
/ von dem brausenden Wüten der Wellen / als ihre bestürmete Sinnen / die
zitternde Glieder / in dieser Lebens-Gefahr / versencket. So oft der donnernde
Himmel seine blitzende Stralen auf sie zuwarff / so oft schlug ihnen die
Erinnerung ihrer verübten Bosheit / gleich einem Knall / ins Hertz; Agapistum
aber traff die Härtigkeit seines Mitleidens / und der Verzug seiner Hülff:
beiderseits ward die Noht so gross / dass jene nicht mehr einige Flucht / dieser
eben so wenige Verfolgung suchete; besondern ein jeder bemühet war / sein Leben
zu erretten.
    Wie aber eine Widerwertigkeit die andere gebiehret; also war es nicht genug
/ dass Agapistus tödliche Furcht erlitten / sondern er musste dem Glük / auch nach
diesem / ein Lust-Spiel werden / welches ihn so nahe zum Talypsidamo brachte /
dass er ihm von Polyphilo den Gruss zuschreiete / aber in einem Augenblick / durch
den Sturm und Wellen / dermassen wegführete / dass er weder die Mörder / noch den
Gefangenen sehen konnte. Es erfasste ihn ein widriger Wind / und führete sein
Schifflein in einen andern Strom / auch so ferne / dass er nicht die geringste
Hoffnung / Talypsidamum wieder zu sehen / schöpffen konnte. So bald Agapistus
entführet / legten sich die Winde / und ward der Fluss stille. Talypsidamus /der
sich seines Erretters nicht mehr trösten konnte /und aber sein Leben nunmehr um
desto lieber erhalten hätte / weil er von Polyphilo gehört / dass er noch lebe /
gedachte die Mörder / mit bittender Demut / zu gewinnen / dass sie ihm sein Leben
schencketen. Wiewol ihm solches schwer dünckete / und der Grossmütigkeit seines
Hertzens fast zuwider: doch vermochte die Liebe Polyphili so viel / dass er vor
dissmal die Not der Tugend vorsetzte / und folgender Gestalt anfieng:
    Sehet ihr dann nicht die drohende Straf der erzürnten Götter / die keinen
unverdienten Tod an mich will verüben lassen. Kan euch meine klagende Stimme
nicht erweichen / so errette mein armseliges Leben die donnernde Hand der
Unsterblichen. meint ihr / dafern euch nach meinem Tod verlanget / und
denselben wider Recht / und ohne mein Verbrechen / befördert /dass die gerechte
Vergeltung des beleidigten Himmels / mein Leben / nicht / an eurem Tod / wieder
suchen wird? Diese Wellen werden euch verschlingen /ehe ihr wieder zu Land
kommet: Diese Wasser müssen euch ersäuffen / wie ihr meine Seele in meinem Blut
ersäuffen werdet. Die Erfahrung / und der Schrecken / welchen euch das jetzt
verstrichene Gewitter / vielleicht meiner Unschuld wegen / erreget /zeuget frei
/ dass ihr diese Ubeltat / nicht ohne Rach der gewaltigen Götter / vollbringen
werdet. Sehet mich auch vor den an / der sich eben nicht zu sterben; sondern
durch eure Hand zu sterben scheuet / die ihr vielleicht gerechte Rach / wegen
der ermordeten Gesellschafter / an mir zu üben / vermeint / und meinem Ruhm /
nach diesem Leben / eine Schande beileget.
    In dem Talypsidamus so redete / und ferner reden will / auch bei nahe das
felsichte Hertz der blutgierigen Mörder erweichet / sieht er mit gleichsam
geflügelten Winden / das schönste seiner Schiffe daher fahren / welches er
nachzufolgen / bei seiner Abreise /verordnet. Die Mörder wurden dessen nicht so
schleunig gewahr / auch nicht ehe innen / biss sie sich gefangen befunden / weil
sie das Gesicht auf Talypsidamum gewandt / und sich ruckwerts bemächtigen
liessen. Auch halff der Fortgang ihres Schiffs / welches sonderlich / vor andern
/ die Wasser / mit solcher Schärffe / durchschnitte / dass es kein geringes
Brausen verursachete / dem unvermerckten Zutritt des andern / obwohl grössern /
nicht wenig. So bald sie nun hinzu kamen / wurden sie des gefangenen Talypsidami
/ in den Ketten / gewahr / darüber sie in solche Bestürtzung fielen / dass sie
nicht wussten / was sie dencken sollten; bevorab / da sie der vesten Einbildung
lebten / sie würden ihren Herrn bei dem grossen Meer / (dahin gedachte
Talypsidamus) antreffen. Es wurde aber diese Bestürtzung bald / in einen
heftigen Grimm / verwandelt / dass sie / mit Ungestümm / auf das Schiff fielen /
die Räuber gefangen nahmen / und ihren Herrn entfesselten. Welcher Befehl gab /
in die Höhe zu segeln / der gäntzlichen Hoffnung / er werde seine Psychitrechin
an dem Ufer antreffen / da er vor dem so schnell vorbei gefahren: wie auch
allerdings geschahe.
    Diese / nach dem sie den Wechsel vernahm / vergass sie bald ihres Leids / und
gedachte auf die Rach /so mit gültigem Recht an denen Strassen-Räubern und
Mord-Kindern müsse vollbracht werden: allein das mitleidige Hertz Talypsidami
vergass aller Rach /wegen der Freud der Erlösung.
    Gleichwol / dass solche böse Tat nicht unbestraffet bliebe / legte er sie
sämtlich in die Ketten / und befahl den Schiff-Bedienten / dass sie wohl
verwahret / und dem Agapisto zur Rach aufgehoben würden. Nach dem bedanckte sich
Talypsidamus gegen die Seine /wegen des treuen Diensis / versprach denselben mit
einem herrlichen Entgelt zu versetzen / und ihre Treue im ewigen Gedächtnus zu
behalten. Erinnerte auch dabei / dass sie nichts davon aussagen sollten / weil die
Mannigfaltigkeit der Reden / so daher entstehen würden / eben so leicht zu
seiner Schand / als Ehre gereichen möchte. Die Bediente nahmen das alles in
völligem Gehorsam auf / und entschuldigten sich wegen des unverdienten Dancks /
massen solches ihre Pflicht gewesen / deme sie / ohne Vergeltung / schuldige
Folge leisten müsten.
    Ob nun Talypsidamus / wegen der ausgestandenen Gefahr / nicht wenig ermüdet
worden / setzte er dennoch seine Reise fort / damit sein erlittenes Unglück
/durch die Wiederkehr / nicht kündig würde. Weil er sich aber nicht mehr allein
zu Land trauete / und Psychitrechis / seine Geliebte / zu Schiff nicht fahren
konnte; schickete er selbe wieder zu ruck / in Begleitung zweier gerüsteten
Diener / weil sie / ohne dem /nur das grosse Meer zu besehen / die gefährliche
Reiss auf sich genommen: er aber setzte sich zu Schiff / mit dem Versprechen /
dass er sie mit ehistem wieder sehen werde.
    Vor dem Abzug / erinnerte er sie an Agapistum / so derselbe kommen werde /
dass sie ihn nach Würden bedienen lasse / und biss zu seiner Widerkunft aufhalte:
da er aber nicht erscheinen sollte / solle sie forschen / so viel müglich / von
wannen er gewesen /und wohin er kommen / und da sie seine Bekandte erkundige
denselben alsobalden Bericht tun / dass er hoffentlich noch lebe / damit sie /
das leere Pferd /nicht in längerer Furcht betrübe. Allein das war alles
vergebens bestellt / dann sie so wenig Agapistum / als seine Bekandte erfahren /
auch ehe ihren geliebten Talypsidamum / dann deren einen wieder gesehen.
    Nun wollen wir Talypsidamum schiffen: Psychitrechin aber wieder zu ruck
gehen lassen / deren jedes mit gutem Friede dahin gelanget / wohin sie begehrt /
wann nicht die Leidtragende Furcht / beiden Hertzen / den Tod Agapisti / und
dann den Schrecken seiner Bekandten / mit gar zu betrübter Einbildung
/aufgebürdet / welche sie ohne Unterlass / gleich einer heimlichen Gefahr / des
Tages in Gedancken / des Nachts im Schlaf verstörete / und mit höchst-betrübter
Traurigkeit belegte: vielleicht nicht ohne Ursach. Dann der viel-geplagte
Agapistus / durch die Widerwertigkeit der gewaltigen Winde dermassen verführet
wurde / dass er selber nicht wusste / wohin er kommen. Doch beglückte ihn
endlich der begütigte Himmel / mit einer wenigen Sicherheit / dass er ans Land
stiess / und sein Leben von der Gefahr des ersäuffenden Wassers befreiete. Aber /
was sag ich / befreiete? die kümmerliche Nahrung / die ihm die bittere Wurtzeln
/ und das ungekochte Fleisch der wilden Tier darreichte / war dem Tod viel
gleicher / dann dem Leben. Auch der nächtliche Schrecken / die Furcht vor den
reissenden Tieren / die ewige Plag der peinlichen Geister / verursacheten ihm
mehr den Tod zu wünschen / als das Leben ferner zu erhalten. Ja! es überfiel die
Tausendfaltigkeit seiner Bedrangnus / das entertzte Hertz dieses unseeligen
Agapisti / offtermals so sehr / dass er das Meer der Untreu beschuldigte / und
alle Wellen vor verdammlich anklagte /nicht / weil sie ihn daher geführet /
sondern dass sie ihn / sein elendes Leben zu verlängern / nicht ersäuffet hätten.
Aber es halff das alles nicht: Agapistus sollte lernen / was Unbarmhertzigkeit /
deren er sich gegen die Hülff-schreiende zu viel gebrauchet / vor Lohn verdiene
/ und wie er hinführo mitleidiger sein sollte. So lassen wir ihn nun in seiner
Marter-Schule /und sehen / was indessen Polyphilus getan.
 
                                Sechster Absatz
 Beschreibet den Schrecken Polyphili / den er über das unberitten-widerkehrende
Pferd Agapisti eingenommen / und wie er zum Talypsidamo kommen: Ist eine Lehre /
 von der blinden Glücks-Neigung / welche auch die Tugend-suchende nicht selten
                                   begleitet.
Dieser verlangte seinen Agapistum zu sehen / deswegen er folgendes Tages / da er
seine Widerkunft hoffete / fast alle Stunde / auf die Zinne des Schlosses sich
erhebte / doch aber sein Verlangen nicht erwarten kunte / daher er in
tausend-fache widrige Gedancken geriet / und bald an Agapisti Treue / bald an
Talypsidami Gunst / bald wieder an Macarien Gnade zweiffelte. Und mit dieser
Furcht kümmerte er sein Hertz /biss in den dritten Tag / da er / in seinem Zimmer
/ die Unglückseligkeit seiner Liebe wehmütig beklagte /auch die Götter um
mitleidige Erbarmung anflehete /als einer der Hof-Diener / mit erhitztem Gang /
ihm die Ankunft Agapisti / den er an dem Pferd erkenne /ansagte: deswegen
Polyphilus fast erfreuet / doch heimlich erschröckt / ihm geschwind entgegen
eilete /um zu vernehmen / was die Antwort sein würde.
    Ach! aber unglückseliger Polyphile! welche Angst wird dein Hertz klemmen /
wann du nicht Agapistum / sondern einen fremden das Pferd wirst herzu bringen
sehen. Polyphilus hoffete Freude / aber so bald er den Reuter vernahm /
ersäuffete die zufallende Furcht sein Gemüt / mit tausend Betrübnus / welche um
desto häuffiger vermehret wurden / als er erfuhr /dass dieser Reuter nichts von
dem Ritter wisse. Die erhitzte Begierde Polyphili konnte nicht warten / biss er
völlig zu ihm kam / da er schon gefragt hatte / was Agapistus mache? dann es
betörete ihn die Hoffnung / als hätte Agapistus ihm gefallen lassen / bei
Talypsidamo zu bleiben / und deswegen diesen Botschafter zu ruck gesendet / dass
er ihm die Nachfolge verkündigen sollte. Aber die erhitzte Frag / überkam eine
kalte Antwort / weil der vermeinte Botschafter /keinen Agapistum gesehen zu
haben / sich bekandte.
    Wer bist du denn / sprach Polyphilus / und wie kommst du zu dem Pferd? Ich
bin / versetzte der Antworter / ein Bauer / aus dem nächsten Dorfs / und habe in
dem Wald / da ich Holtz gehauet / diss Pferd /ohne Reuter und Zügel angetroffen /
kann nicht wissen / woher es kommen / oder wohin es gehöret / doch hab ich wohl
gesehen / dass es müsse von nichts schlechtes herkommen / deswegen ich selbiges
daher bringen wollen / zu vernehmen / ob es nicht daher gehöre?
    Ach! du erschlagenes Hertz Polyphili / und / O ihr Leid-erweckende Wort! die
ihr den armseligen Polyphilum / gleich einem Donner / danider schlaget! dass
müglich wäre / die betränte Wort Polyphili alle zu bezeichnen / und die
rauchende Senftzer zu zehlen /damit er den Tod Agapisti beklagte / so würde ein
jeder / die Schmertzen / seiner inwendigen Angst /leicht ermessen können. Er
konnte nichts gewissers /als den Tod Agapisti schliessen. Darum fiel er dem Pferd
um den Hals / und druckete dasselbe hertzlich /stellete sich auch / aus Zwang
der grossen Schmertzen / als wolt er mit demselben reden / und fragen; wo es
seinen Herrn gelassen: aber keiner mochte ihm antworten. Er druckete seinen Mund
auf den Sattel / den Sitz zu küssen / welchen der getreue Agapistus innen
gehabt. Ach! sprach er / von hinnen hat dich ja das mörderische Schwerdt / oder
ein ander verdammt Gewehr / weggerissen. Ach! dass mich doch in meinem höchsten
Unglück diss Glück beseeligen sollte / dass meiner Hand die Rach zu üben
unverwehret bliebe! Ach! dass ich den Blut-Hund sehen und bekommen sollte / der
dich / du treues Hertz! du liebes Hertz! du verlangtes Hertz! mir / mit solchem
Grimm / entnommen / gewisslich sollte meine Faust / diss Blut / an deinem Leibe /
bezahlen.
    Diss klägliche Beginnen Polyphili verursachete den anwesenden Diener / dass er
der Melopharmis / die er wusste / dass sie ihm lieb war / diss eilig eröffnete /
und ihn zu trösten / herunter zu kommen / ersuchete / welche ihn auch / mitten
unter der Klag / antraff / und wiewohl sie sich hart hielt / dennoch durch die
klägliche Geberden / des gar zu bitterlich weinenden Polyphili / dermassen
bewogen worden / dass sie gleiche Klage führete / biss sie endlich Polyphilum /
solcher Gestalt / anredete: hoch-betrübter Polyphile! wer die treue
Freundschaft und das Hertz-Verbündnus ansiebet / das euch / und eure Seufftzer
dem Agapisto nachziehet / der muss freilich bekennen / dass euer Zähren nicht ohne
Billichkeit fliessen / und eure Klagen / mit allem Recht / geführet werden. Was
hilffts aber / mein Polyphile! dass ihr die tief-geschlagene Wunden eures
Hertzens / immer mehr erweitert? könnet ihr ihn / mit eurer Klag-Stimme / wieder
zuruck ruffen? Es ist doch alles vergebens. Drum trücknet eure Zähren / und
vergesset des Jammers / der vielleicht euch ohne Not drucket. Wisset ihr dann
gewiss / dass er tod ist? kann ihm nicht sonst ein Unfall begegnet sein / der ihn
vom Pferd gesetzet / aber doch dabei nicht alsobald ertödet? Kan ihm nicht das
Pferd entrissen sein / da ers etwa an einen Strauch gebunden / welches mir /
wegen des verlohrnen Zügels / gar glaubhaft vorkommet. Wer weiss / ob ihr ihn
nicht heut sehet. Und sollte ja der grimmige Tod ihn geraffet habn / ist ihm das
wiederfahren / was wir insgesamt täglich zu er warten. Darum gebet euch zu
frieden /geliebter Polyphile! und hütet euch / dass ihr durch euer all zu vieles
Grämen / die bald beleidigte Götter nicht zu hoch erzürnet / und durch
Bestraffung ihrer Ungnade / um diesen wenigen Verlust / eurer Macarien / nicht
beraubet werdet. Hat auch / auf diese Art /der Zutritt / eurem verlangen / nicht
können entschlossen werden / so glaubt mir / dass ich noch tausend Mittel habe /
euch vielleicht auch morgen den schönen Händen / der hochverlangten Macarien /
zu vertrauen.
    Polyphilus konnte leicht schliessen / dass diss ein Trost / und nichts mehr sei
deswegen er auch denselben keines Glaubens / noch einiger gewissen Hoffnung
würdigte. Gleichwol aber wurde sein Hertz in etwas erleichtert / wie er den
Namen der schönen Macarien nennen hörte / der jederzeit alle verdunckelte Sinnen
/ mit einem erfreulichen Liecht / erhellen / und die mächtigste Betrübnussen /
mit seiner Anmutigkeit / lindern und versüssen konnte. Deswegen gab er Befehl /
dass das Pferd wohl in acht genommen / und fleissig versehen werde: dem
Uberbringer aber /wurde / neben einer ansehligen Verehrung / gebührender Danck
gesaget; und Polyphilus kehrete mit Melopharmis wieder in sein Zimmer.
    Alsbald Polyphilus hinein kam / steurete er sich auf das Ruhe-Bett / vor
grosser Müdigkeit / und schloss die Augen / dass er den Schlaf sehe: aber die
Angst liess ihn nicht ruhen / deswegen er Melopharmis anflehete / dass sie bei ihm
bleibe / und mit ihm von Agapisto rede; dann in seinem Andencken gedachte er
eine heimliche Erquickung zu finden. Selbst auch Polyphilus gab alsobald
Gelegenheit an die Hand / wie ihr doch düncke / wohin der Brief an Talypsidamum
müsse kommen sein? Was man gedencken werde /dafern ein fremdes Auge denselben
lesen / und ein unwissendes Hertz dessen allen werde verständiget sein? darauf
Melopharmis antwortete; dass sie so gewiss sei / dass Agapistus denselben in keine
andere Gewalt kommen lassen / als gewiss ihm die Treue und Aufrichtigkeit
desselben bekannt sei. Wann ich nur /sprach Polyphilus / gewiss wissen sollte / wo
ihn das Pferd abgesetzt / oder wo er das Pferd verlassen /könnte man ihn suchen /
ob er vielleicht unter die Mörder geraten / die ihn so hart verwundet / dass er
Krafftloss sich nicht wieder erheben können. Diss bekräfftigte Melopharmis / dass
mans ohne dem tun könne / weil er / dem Zeugnus des Bauern nach / nicht weit
von hinnen sein müsse; und könne geschehen sein / dass er auf der Ruck-Reise
begriffen / den Brief schon an gehörigen Ort gebracht. Deswegen sie beide behend
aufstunden / und die Königin / welche über dieser betrübten Post / mit ihrem
ganzen Hof-Staat /nicht wenig bekümmert wurde / um Curirer ansprachen / die den
Entleibten suchen möchten.
    Ein jeder erbot sich willig und schuldig / und wollte einer vor dem andern
den Ruhm verdienen / dass er mit dem Fund Agapisti dem Polyphilo Freud erwecke.
Daher setzten sich alle die junge Edelleut / so zu Hof waren / auf ihre Ross /
und ritten je zwei / den Wald durch und durch / so ferne / dass sie biss auf die
Gräntze / der Insul Soletten / gelangeten / aber nichts funden.
    Da die nun etzliche Tage vergeblich gesuchet / traff endlich das Glück
zweien / deren einer Aphetus / der andere Gennadas benamet / dass sie an den Ort
gerieten / allwo Agapistus / den einen Mörder ins Wasser gestossen / den andern
aber / mit dem Schwerdt / erwürget: dessen Leichnam Talypsidamus / in seinem
Blut / liegen lassen / und nicht verscharret / vielleicht / verdienten Lohn nach
/ denen Raben zur Speise. Aphetus war der erste / der ihn sah / und so bald er
dessen gewahr wurde / gedachte er / es wäre Agapistus / deswegen er hochbetrübt
an#eng: Ach! ich Unseeliger! soll ich mit dem grossen Unglück beglücket werden /
Agapisti Tod Polyphilo zu verkünden? soll ich dich / edler Ritter! hie in deinem
Blut antreffen? mit diesen Worten ritten sie etwas geschwinder und näher hinzu.
Die Kleidung gleichete sich nicht der Rüstung Agapisti / daher sie zum ersten
zweiffelten: doch zeugete der ertödete Cörper / und die Blut-besprengte Erde /
dass daselber ein Würgen geschehen sei: daher Gennadas / welcher behertzter war
/ vom Pferd herunter stieg / und den todten Cörper auf den Rucken umwandte /
weil er auf das Gesicht gelegt war / um etwa aus demselben zu erkennen / wer er
wäre. Allein der scharff-geführte Streich / so das ganze Haupt zerspalten /
liess keine Erkantnus zu / ohne dass sie / aus dem erwachsenen Bart / leicht
ermessen konten / es müste dieses ein anderer / und nicht Agapistus sein.
    Aphetus schloss aus dem Ansehen der Kleidung die rechte Warheit / und
mutmassete / dass dieser / welchen er für einen Mörder hielt / vom Agapisto /
durch die Nohtwehr / sei erleget worden / nicht wissend /wie es ihm hernach
ergangen. Vielleicht / stimmete Gennadas darzu / sind ihrer mehr gewesen / die
hernach den edlen Ritter umbracht: dem Aphetus widerlegte / wann das geschehen /
würden sie das Pferd nicht aus Handen gelassen haben / welches ihre grösseste
Beute würde gewesen sein.
    Indem sie aber in solcher Ungewissheit kämpffeten /und ein jeder seine
Meinung vor gültiger wolt gehalten haben: siehe! da kommt Talypsidamus / mit
seinem Schiff / von der Höhe / wieder zu ruck gefahren /weil ihn das Verlangen /
zu wissen / wie es um Agapistum stehe / nicht längern Verzug gestattete. Aphetus
und Gennadas sehen der Schiffart zu / und tretten /um solche eigentlicher zu
betrachten / näher zum Ufer / so gar / dass Talypsidamus sie von ferne ersah /
und sich alsbald erinnerte des Orts / wo er den fremden Ritter zum ersten / als
seinen Erretter gesehen. Machte ihm derowegen die gewisse Einbildung /er werde
unter denen sein / die ihm so sehnlich nachsehen. Darum er Befehl gab / die
Segel zu wenden /und auf sie zu fahren. Da er nun näher hinzu kam /und erkannte
/ dass Agapistus nicht darunter sei / wolt er vorbei fahren: allein Gennadas
ruffete mit freundlichem Bucken / und höflicher Reverentz dem Schiff-Patron / um
ein einiges zu fragen. Talypsidamus dorffte / Krafft seiner Bescheidenheit / dem
Bittenden solches nicht versagen; viewohl er doch nicht recht trauete / weil ihm
sonderlich der Ort verdächtig vorkam / dass er beförchtete / es möchten auch
diese nichts gutes würcken: darum er nicht gar ans Land stossen / sondern das
Schiff so ferne stehen liess / als die Hin- und Wider-Rede leiden mochte.
    Gennadas bat zu erst um günstige Verzeihung / dass er den Lauf des eilenden
Schiffs / durch sein unhöfliches Begehren / hätte hindern dörffen: erwähnte
dabei die Ursach / was ihn darzu verleitet / nämlich / sprach er / dieser
ertödtete Cörper / den wir allhier angetroffen / unwissend / wer er ist / oder
wie er zu Fall kommen. Zwar / fieng er ferner an / sind wir ausgeschickt von
Polyphilo / unserem Erretter / Agapistum / seinen geliebten Freund / zu suchen /
den er an Talypsidamum / / einen Einwohner der Solettischen Insul / mit einer
Schrifft / abgefertiget: an dessen Statt ein blosses Pferd / ohne Zügel / zu
ruck kommen; aber Agapistum / den edlen Ritter dahinden gelassen / dass wir nicht
wissen / wo er hinkommen / und wiees ihm gehe. Nun sind wir zu erst erschrocken
/ da wir diesen Cörper / in der Ferne gesehen / vermeinende / es wäre der Leib
Agapisti; aber so zeugen die Kleider / und seine Gestalt viel ein widerigers.
Und ob wir schliessen könten / weil wir uns Agapistum nicht anderst /als
gestorben einbilden / es sei dieser / welcher /allem Ansehen nach / sich einem
Mörder gleichet /durch das Schwert Agapisti gefallen / indem er etwa seinen Tod
gesuchet / so heisset uns doch die Ungewissheit / in zweifelhaften Dingen /
nichts gewisses schliessen: Daher wir veranlasst worden / euch /Hochgeehrter
Herr! in eurer Fahrt zu hindern / ob wir etwa einige Gewissheit / durch euren
Bericht / erhalten könten / weil wir nicht zweiffeln / ihr werdet eure Schiff /
täglich / durch diese Wasser / segeln lassen.
    Kaum konnte Talypsidamus vor hertzlicher Freude erwarten / dass sich das
Schiff anlendete / und wäre er / wann es müglich gewesen / alsobald auf das
erste Wort / über das Wasser geflogen / so verlangte ihm mit den Fremden / die
er auch vor Ritter ehrete / ferner Gespräch zu halten. Doch antwortete er kein
Wort / sondern gab Befehl / das Schiff alsobald ans Ufer zu führen. Da er nun
ausgetretten war / buckete er sich / in tieffer Demut / gegen die beide / mit
wiederholter Frag / ob er ihren Worten gewissen Glauben geben dörffe? Und da er
das Ja-Wort / mit einer Beteurung / erhielt / fiel er ihnen beiden um den Hals
/hertzete und küssete sie / als die Freunde / seines Freundes Polyphili. Diese
erschracken über die Freundlichkeit / und die Tränen / so aus den Augen
Talypsidami drungen / führeten sie in die höchste Verwunderung / dass sie nichts
zu antworten wussten. Talypsidamus aber / der einen nach dem andern umhalsete /
widerholte zum öfftern die verlangte Frag: lebet Polyphilus? und empfieng
allemal die erfreuliche Antwort: ja / Polyphilus lebet. Er fuhr weiter fort: hat
er diesen Ritter / den ihr Agapistum nennet / zum Talypsidamo geschickt? das ihm
mit gleicher Einstimmung bekräfftiget wurde. Hat er / der Liebste aller Lieben /
fieng er weiter an / hat der Getreue / der lebende; O herrliches Wort! der
lebende Polyphilus /an Talypsidamum geschrieben? Und da er auch auf diss das
Ja-Wort erhielt / fieng er an: Ach! so flehe ich euch / durch aller Götter Gnad
/ und durch das Leben Polyphili selber / dass ihr mich hin zu ihm führet / dass er
von mir erfahre / was ihr zu forschen ausgesendet worden / nämlich / dass
Agapistus / der Freund Polyphili lebe. Eilet und saget ihm an / dass ich komme
/und vom Agapisto völligen Bericht erteilen werde.
    Wer war fröher / als Aphetus und Gennadas; sie hätten gewünschet / dass sie
zur Stund bei Polyphilo hätten sein können / und die Herrlichkeit der erworbenen
Freude eröffnen. Aller Verzug war ihnen zuwider / darum Talypsidamus sein Schiff
heimfahren hiess / Aphetus aber sein Pferd / dem Talypsidamo darreichete / und
sich hinter Gennadas aufsetzete: welches wiewohl Talypsidamus nicht annehmen
wollte / dennoch endlich / um die Verhindernus zu hindern / das Verlangen nach
Polyphilo / der sonst-geziemenden Höfflichkeit vorsetzete. Unter Wegens schlug
sich sonderlich Gennadas / mit allerhand Gedancken /und kam nicht unbillich auf
den Sinn / als wäre diss Talypsidamus; welches er daher schliessen wollte /dass er
so fleissig nach demselben gefraget: dorffte sich aber nicht erkühnen / die
Warheit von ihm zu erforschen. Er hingegen Talypsidamus fragte / wo dann
Polyphilus lebte / wie er lebte / und wie lang er bei ihnen sei: auf welches
alles er völligen Bericht erhielt / so gar / dass er die Zeit seiner Ersäuffung /
dieser nicht unrecht gleichete / die die Ankunft / durch ihrer Zeugnus /
bewährete.
    Unter währendem Gespräch / kamen sie biss zum Schloss. Gennadas schrie alsbald
der Wacht zu: Agapistus lebet / die darob sehr erfreuet wurde: Talypsidamum aber
führete Aphetus / biss vor das Zimmer /darinnen Polyphilus / mit schmertzlichen
Worten /seine betrübte Zeit zubrachte: Und da Aphetus sehr eilete / die Freude
zu verkünden / dass es das Ansehen hatte / als wollte er dem Gennadas vorkommen /
traf diesen der Eyfer / dass er ihn mit erhobener Stimm /den Stillstand gebot /
wollte er sein Freund sein. Ein jeder wollte den Danck verdienen / und die Freude
dem Polyphilo verkünden: Darum sie nach gebührender Anmeldung / beide zugleich
anfiengen: Freude dem Polyphilo / und unserm ganzen Hause! Agapistus lebet /
und ist nicht todt.
    Alles Leid Polyphili fiel auf einmal hin / und alle Klagen hatten ein Ende /
so gar / dass Polyphilus vor grosser Begierde anfieng / ob dann Agapistus komme?
dagegen Gennadas versetzte: Nein / edler Polyphile! er wird aber mit ehistem
kommen. Polyphilus fuhr weiter fort: Habt ihr ihn gesehen? Oder woher seid ihr
seines Lebens kündig worden? Darauf Aphetus antwortete: Wir haben ihn zwar nicht
gesehen; aber die Gewissheit haben wir von einem Schiffmann / der uns am Ufer
begegnet / und nach erkundigtem unserm Werben / die gewisse Verstzrechung
dermassen bevestiget / dass er selber mündlich mit Polyphilo / den er seinen
getreuen Freund genennet /zu sprechen begehrt: deswegen ich ihn auf mein Pferd
gehoben / und daher bracht habe. Gefällt es nun euch / edler Polyphile! ihn
eurer Rede zu würdigen /wartet er dessen vor der Tür / bereit von allen / was
Agapisto zu Handen gestossen / ausführlichen Bericht zu geben / welchen er uns
bisher verhalten.
    Polyphilum trieb die Begierde / den fremden Gast zu sehen / den er alsbald
vor einen des Talypsidami Schiff-Bedienten hielt / zum Zimmer hinaus; und da er
die Tür öffnete / fiel ihm die Gegenwart / des so verlangten Hertz-Vertrauten
Talypsidami zugleich in die Augen und das Hertz / so gar / dass er sein selber
vergessend / mit vollem Lauf auf ihn zueilete /und mit hertzlichem Froh
empfieng. Die Unaussprechlichkeit der Freude schloss den Mund / und öffnete das
Hertz / welches sich / durch die heisse Tränen-Bäche / so häuffig ergoss / dass
die benetzte Wangen Polyphili / auch das Antlitz Talypsidami bewässerten / durch
beiderseits Freud-erweckendes Hertzen und Umfangen. Sie lagen einander an der
Brust / und die Arm umschrancketen die Leiber / welche sie so hart zusammen
drucketen / dass es scheinte / als wollten sie aus zweien eins machen. Beide waren
sie erstummet / und konnte keins dem andern ein Wort zureden / so gar hatte sie
die hertzliche und unvermutete Freude entzucket. Der Kuss musste dissmal das Beste
tun / und die tief-geholte Seufftzer mussten die Gedancken des Hertzens
erklären. Bald verliessen sie einander / als wollten sie reden: aber so bald die
Augen Polyphili Talypsidamum bestralten / und Talypsidamus hinwieder Polyphilum
ansah / fielen sie einander aufs neue an / biss sie / im höchsten Grad /der
tausend-verzuckerten Süssigkeit / gleich als erstarret / gegeneinander stunden /
und die Hertzen /durch das seuffzende ächtzen / reden liessen / da der Mund
nicht Wort gnug finden konnte.
    Wäre es doch müglich / die Tausendfaltigkeit / der Wunder-gebährenden Freud
/ dieser beider vertrauten Freunde / ja mehr dann Freunde / auszusprechen /
gewisslich würde diss ganze Buch die Beschreibung nicht fassen können / und meine
Feder drüber stumpff werden. Wer sie in seinem Hertzen heimlich bei sich
forschen will / der kann / etzlicher Massen / die Unergründlichkeit erkennen /
wann er zu ruck geht / und beider Verlangen ansiehet / welches das Hertz
Polyphili / mit der Begierde / Talypsidamum zu sehen; und wiederum diesen /
gegen jenen entzündet. Denn so wird er leicht erkennen / dass diese Freud / sei
die Erfüllung des schmertzlichen Begehrens / und zugleich eine Unterdrückung
alles Kummers / aller Furcht / so gar / dass Polyphilus / samt Talypsidamo /nun
die Freude selber ist.
    Die Anwesende beide von Adel konten sich über den unverhofften Fall / und
allzugrosse Liebe / nicht gnug verwundern / daher sie auch bald diesen / bald
jenen; ja sich selber untereinander ansahen. Sie wünscheten nicht mehr / als
dass sie nur ein Wort hören möchten / wer der Fremde wäre: allein die Zunge lag
in den Ketten der Vergnügung gefangen /und der Mund wusste nicht Wort gnug zu
bilden / die die Unaussprechlichkeit dieser herrlichen Befriedigung erzehle. Da
sie nun eine zimliche Weile einander umfangen hielten / und das Hertz allmählich
zu ruhen anfieng: selbst auch die aufgedruckte Lefftzen ermüdet; die angesetzte
Wangen beröhtet; die geschlossene Händ ohnkräfftig und lass wurden: ja! alle
inwendige Krafft / durch die heftige Entzündung /ihrer Liebe sich verlieren
wollte: fieng endlich der ganz-erfreute Polyphilus / mehr aber / wegen des
beigefügten Seufftzers / mit dem Hertzen / als dem Mund / diese gebrochene Wort
an zu reden: Ach! Ach Talypsidame! Ach du treues Hertz! Ach du schönes Hertz!
Ach! allerliebster Talypsidame! desgleichen tat Talypsidamus auch gegen
Polyphilo.
    Aphetus war der erste / der den Namen Talypsidami nennen hörete / daher er
verursachet wurde / weil nun gewiss war / dass diss Talypsidamus sein müsse /die
Melopharmis daher zu führen / damit auch die /der unerschöpfften Freud mit
geniesse. Gennadas aber wollte diesen Dienst / mit der Königin Danck / ihm
vergelten lassen; deswegen jener zu Melopharmis; dieser aber zu Atychintida
eilete / und die Gegenwart Talypsidami / mit allem dem / was sie gesehen und
erfahren / verkündigten.
    Da nun Polyphilus mit Talypsidamo allein war /fieng dieser an: Ach
Polyphile! mein Freund! wie hat uns das Wunder-würckende Glück / durch so viel
Unglück / erfreuen wollen? Meine Seele ist genesen /nun sie Polyphilum sieht /
und mein Hertz ist voll alles Guten / nun ich dich / du mein ander Hertz! lebend
weiss. Sag mir nun / mein Freund! was hat dein Leben erhalten? hast du dich
ersäuffet / dass du lebest? O ihr wundertätige Götter! wie habt ihr mich / durch
eine vergebliche Furcht / in solchen Schrecken gesetzt? dass ich Polyphilum / den
Liebsten meiner Lieben; Polyphilum / den Getreuesten meiner Getreuen /vor todt
gehalten / der da lebet. Leber? ja! so sehe ich. Ey so freue dich / du
erschrockenes Hertz Talypsidami! und verjage die Traurigkeit der furchtsamen
Einbildung / mit der freuderweckenden Gewissheit / aus deinem betrübten Hertzen:
löse auf das Gefängnus /der kümmerlichen Gedancken / und lass deine Sinne /in der
Sicherheit / der ergötzenden Freude / wandeln. Dann weil Polyphilus lebt / so
ist aller Kummer todt; so lebet alle Freud. Und in diesen Worten umfieng er noch
einmal / mit küssendem Munde / die Wangen Polyphili: Polyphilus hingegen
beklagte / dass er die unermessene Freud nicht aussprechen könne / die ihm seine
Gegenwart erwecket. Ach! sagte er / dass ich doch die Herrlichkeit / meines
erlangten Trosts / so völlig durch den Mund ausschütten könnte / als mächtig sie
in meinem Hertzen ihren Glantz ausbreitet. Talypsidame! mein Freund! mein Trost!
Ach Talypsidame! werde ich nicht den verschlossenen Schatz meiner Vollkommenheit
/ ja die Vollkommenheit meines Trostes nennen / wann ich das teure Hertz
Talypsidami nenne? Der Verlust eurer Gegenwart war das Verderben meines Trosts /
und der Untergang meines Glücks: nun ich aber euch sehe / aller-verlangtester
Talypsidame! nun stehet Trost und Glück in froher Blüht. Ey so sei dir Danck /
du günstiges Glück! und ihr gnädige Götter! seid von Hertzen gepriesen. Jetzt
erst muss ich erkennen / dass das viel-grosse Unglück /so ich Zeit her erlitten /
durch seine Widerwertigkeit /mir die Bahn / zu grösserm Glück / bereitet. Wie
hättet ihr mich einmal so hoch erfreuen können / wann ich nicht zu erst gleich
so viel betrübet worden. Aber nun / nun dancke ich eurer Güte / und eure Gnade
will ich rühmen / so lang mein Hertz mit dem Hertzen Talypsidami verbunden
bleibet / das ist / ewiglich.
    Unter dieser Rede / trat Melopharmis herzu / deren Gegenwart / die
geschlossene Hände Poliphili und Talypsidami trennete / und da sie / mit grosser
Höflichkeit / den fremden Gast empfangen / und die Bezeugung ihrer Freude / mit
vielen Worten / bekräfftiget / fieng Polyphilus mit erhabner Stimm an: Diss ist
Talypsidamus / nach dem ich mich so heftig gesehnet. Weil aber Melopharmis die
ankommende Königin beförchtete / dass sie ihr Gespräch verhindern werde / und sie
/ nach dem / nicht so gute Gelegenheit / von Macarien zu reden / hoffen dörffte
/ fieng sie an: Liebste Freunde! verderbet die Zeit nicht / so euch der Himmel
zu geheimen Sachen vergönnet / mit unnötigen Worten / die ihr auch / in anderer
Beisein /wechseln könnet. Es wird unsre Gesellschaft durch die Gegenwart
Atychintidoe bald zerstöret / und das Gespräch / darauf alle Freude Polyphili
gegründet ist /verhindert werden. Darum lasset das die erste Frag sein: Was
machet die schöne Macarie? wie lebt sie? dencket sie ihres getreuen Polyphili?
noch wie helffen wir dem Polyphilo wieder zu ihr? Und durch was Mittel kann seine
Reise befördert werden? kann er auch /vor dem Grimm der Solettischen Inwohner /
sicher hin und her kommen? dann diss ist Not zu beraten.
    Polyphilus stimmete der Rede / durch die gleichwinckende Augen / gar
leichtlich bei: dass Talypsidamus auch seines Hertzens Begierde nicht übel
vernehmen konnte: deswegen er / beiden zu Willen / folgenden Bericht erteilte:
Die schöne Macarie lebt; und lebt in dem Verlangen nach Polyphilo; welches sie
stets Dencken machet an Polyphilum: darum beiden wird geholfsen sein / wann
Polyphilus mit mir auf Soletten zureiset / von deren Innwohner Grimm er sich
nicht zu beförchten.
    Die Ankunft der Königin machte Talypsidamum so kurtz antworten / weil er
die bedrangte Not Polyphili erkennete / dass ihr nicht ehe abzuhelffen: wie dann
auch Polyphilus / durch diese wenige Reden /mehr getröstet wurde / als wann ihm
Melopharmis ein ganz Buch voll / von Hoffnung und Zufriedenheit /vorgeschrieben
hätte. Sie stelleten sich nunmehr / die Königin zu empfangen / und nahm
Talypsidamus Gelegenheit / nach Landes Art / derselben Hände zu küssen. Da er
aber / mit vielen Worten / seine Ankunft entschuldigen / und die Ursach / mit
einer höflichen Demut versetzen wollte / so / dass die Königin ihr Verlangen nicht
länger bergen konnte / fiel sie ihm / mit diesen Worten / in die Rede: Edler
Herr! eure Gegenwart / die uns billich an und vor sich selbst hoch erfreuet /
ist uns gleichwol wegen des Verlangens Polyphili / nicht minder auch der
Erkundigung / wie es dem edlen Ritter Agapisto ergangen / um desto mehr
erfreuter / dass wir euch nicht als einen Unbekandten und Fremden; besondern
gleich einem werten und angenehmen Freund aufnehmen / auch wünschen / mit der
Vermögenheit begütert zu sein / dass wir euch / so viel wir schuldig / dienen und
ehren können. Habt ihr demnach keine Ursach / weder einige Unhöflichkeit zu
beschönen / noch um gnädige Vergebung / eurer Künheit / zu werben. Da ihr aber
eurer ruhmwürdigen Höflichkeit / in diesem Fall / etwas zugeben wollet /und die
sonst-gewohnte Bedingung eures vermeinten Verbrechens mit einiger Entschuldigung
abgleichen /so nehmet / bitte ich / die Ursach deren / von der Erzehlung / wie
ihr wisset / das Agapisto geschehen /und vergewissert uns / ob er lebe: so
werdet ihr uns allen / mit Erweckung höchster Freud / einen angenehmen Dienst
tun / welchen ich mit gnädigem Willen / Polyphilus / mit fertiger Gunst / und
diese andere / mit schuldiger Aufwartung / nach Müglichkeit /erwidern werden.
    Talypsidamus war so fertig / als willig: Polyphilus aber / der leicht sah /
dass sichs nicht schicken werde / wann die Königin so lang im Vorgemach stehen
solle / hiess ihn noch eine Weile ruhen / und nötigte die Königin / mit
gebührender Demut / sein Zimmer zu würdigen / und allda einen Sitz zu nehmen /um
desto füglicher mit Talypsidamo zu sprechen /weil auch / ohne das / Talypsidamus
/ von der Reise /würde ermüdet sein. Aber Atychintida antwortete: Mein
Polyphile! ihr wisset wohl / dass ich euer Zimmer gern besuche / allein vor
dissmal werde ich eurem Begehren nicht willfahren können / dass die Zeit / so uns
zur Tafel fordert / allbereit vorhanden: so halt ich für gut / fieng Melopharmis
an / dass wirs gar versparen / biss dahin / weil wir uns / die weil / mit dem Wort
trösten können / dass wir gewiss sind / er lebe.
 
                                Siebender Absatz
 Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie er
       Macarien gerühmet: Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.
Was hätte dem Polyphilo erwünschter kommen können / dann alsobald die Königin
drein willigte / nahm er Gelegenheit / Talypsidamum zur Seite zu führen /mit
Vorwenden / als wolle er ihm sein Zimmer sehen lassen / allda seiner Gelegenheit
zu pflegen. So bald sie hinein kamen / fragte er wieder von Macarien: was sie
auf die letzten Wort / so er ihr durch seinen Mund / nach dem damals vermeinten
Tod / verstandigen lassen / geantwortet / und wie sie ihr solche gefallen
lassen: ob sie auch annoch in der Meinung verharre / als sollte Polyphilus tod
sein. Deme allen Talypsidamus / mehr aus der Liebe der Freundschaft /als der
Warheit antwortete / so gar / dass ihm Polyphilus nichts gewissers / als die
Gewogenheit der schönen Macarien einbildete / welche er sonderlich daher
behaupten wollte / dass sie ihr seinen Tod nicht gewiss machen könnte / daher eine
Hoffnung zu schliessen /die die Gegenwart Polyphili / in dem Hertzen der
Macarien / verlange.
    Aber es ging Polyphilo in diesem Schluss / wie es gemeiniglich den
Verliebten zu gehen pfleget / die aus einem nichtigen Wort mehr erzwingen / als
das Recht und die Warheit zulässet. Es vermochte aber diese Einbildung so viel
bei ihm / dass er dem Talypsidamo mit heftigem Flehen anlag / ihn Gelegenheit zu
erwerben / dass er / ohne längere Verhindernuss / sein Verlangen erfüllen und die
Liebe deren / die ihm sein Hertz ganz bestricket / durch seine Gegenwart /
endlich gewinnen könne. So öffentlich dorffte Polyphilus reden / weil sich nun
nichts mehr verbergen liess.
    Talypsidamus wurde über die Wort erfreuet / und solches um desto mehr / weil
er ihm nie nichts solches eingebildet / sondern das Verlangen Polyphili allemal
/ mit der Tugend / der vollkommenen Macarien /abgemessen: das er aber jetzt
erfuhr / wie es sich weiter / und biss auf das Hertz erstrecke. Da verstund
Talypsidamus allererst / was ihn für ein Schmertz quäle / und in was Angst /
sein verliebtes Hertz brenne. Darum er / ihn zu trösten / von der Stund an / auf
Mittel und Wege bedacht zu sein / ihm / durch die Treue ihrer Freundschaft /
versprach / wie er / ohne längern Verzug / seinen Wunsch erfüllen möchte. In dem
kam Melopharmis und nötigte sie zur Tafel: deren sie folgeten / biss in den Saal
/ da sie von den Anwesenden / abermal höflich und aufs schönste empfangen
wurden.
    Die Königin nahm mit Polyphilo ihren gewohnten Sitz: Talypsidamus aber
bekleidete die Stell Agapisti / nach welchen / die übrige / in ihrer richtigen
Ordnung / die Tafel beschlossen. Die erste Rede war /dem Begehren Atychintidoe
nach / von Agapisto / die Talypsidamus mit solchen Worten anfieng und redete:
Durchleuchtigste Königin! mein schuldiger Gehorsam erinnert mich billich / an
den gnädigen Befehl / dem sie mir / vor der Tafel / erteilet / dass ich / so
viel mir wissend / vom Agapisto gründlichen Bericht geben solle: Wann demnach
solches schuldiger massen zu vollbringen / dero Gnaden nicht unbeliebig / oder
zu wider lauffen wird / will ich meinen Gehorsam durch die völlige Eröffnung /
zu deren Gebot stellen.
    Atychintida winckete / noch unter der Rede / und ein jeder hörete / mit
aufmerckendem Fleiss / zu /darum er ohne Absatz / mit diesen Worten fortfuhr: Es
war eben Zeit / dass / ehe die völlige Kälte die Flüsse verschloss / und den
Schiffarten den Stillstand gebot / ich auch meine Segel / noch einst aufwarff
/um etwas Vorrat auf den dürfftigen Winter einzuholen. Nun verlangte mein Weib
/ die viel-beschriene Gräntze / des grossen Meers / zu besehen / deswegen sie
mir öffters anlag / solches zu erlauben / und sie mit zu führen / so lang / dass
ichs nicht mehr verwaigern konnte. Weil aber ihre Natur / mit dem Wasser ewige
Feindschaft hält / indem sie / ohne Verletzung ihrer Gesundheit / auf demselben
nicht fahren oder bleiben kann: als habe ich den Weg zu Land befördert / meine
Schiffe aber zu Wasser gehen lassen. Nun geschichts / da wir etwa eine halbe
Tag-Reise vollbracht / dass wir im Wald unter einen Hauffen mordgieriger Rauber
fallen / die uns nicht nur alles mitgeführten Geldes / sondern auch unser selber
beraubten / in dem sie mich gefangen mitführeten / mein Weib aber / mit vielen
Streichen / halb-tod liegen liessen. Ich zwar / widersetzte mich / so viel mir
müglich / aber einem / wider so viel zu streiten / war wenig müglich. Wie nun
die Hülff der allsehenden /gnädigen Götter / denen unschuldig bedrangten /
niemals aussen bleibet / also muss auch ich dieselbe /noch jetzo / an dem edlen
Ritter Agapisto rühmen /und erkennen. Dann eben / als ich fortgeführet wurde /
und meine Liebste / in höchster Bekümmernus / an der Hecken liegen bleibet /
allda mit Weinen und Klagen / ihr schmertzhaftes Leben vollend zu enden / kommt
ein Ritter mit eiligem Flug und erhitztem Lauf auf sie zu / dann der Weg führete
ihn an der Hecken vorbei. So bald sie ihn ersiehet / fällt sie / mit Heulen und
Schreien / vor ihm nider / um die Errettung ihres Herrn bittend. Der Ritter aber
entschuldiget sich / dass er nicht sein mächtig / sondern dissmal in fremden
Diensten sei / deren Beförderung / die keinen Verzug leide / ihn zwinge / die
Bitte zu versagen. Darüber das Weib in die Ohnmacht / aber mit diesen Worten /
fällt: Ach Talypsidame! so must du sterben! und was sie etwan ferner für ein
kläglich Geschrei geführet. Der Ritter / teils wegen der tödlichen Ohnmacht /
teils wegen des Namens Talypsidami erschrocken / suchet alsobald / wie er der
Notleidenden wieder aufhelffe / aber vergebens. Deswegen er sich wieder zu
Pferd setzet / und mich zu suchen auf dem Wald zueilet. Es hatten mich die
Mörder schon in das Schiff bracht / und waren auch sie / ausser zweien /
darinnen / welche der Ritter noch zu Land antraff. Die andere aber / so zu
Schiff waren / stiessen vom Land / und verliessen diese beide der Hand Agapisti
/ welcher den einen / mit seiner Lantzen / ins Wasser stürtzete / den andern /
auf einem Streich / mit dem Schwerdt / danider legte. Und dieser ists / den
meine Begleiter gesehen. In meiner grössesten Noht /erfreuete ich mich gleichwol
der Gnade des Himmels /der mir einen solchen treuen Erretter zugeschickt. Und
weil ich ihm mündlich nicht dancken konnte / bezeugte ich meine Gebühr / mit
Wincken der Hände und oft-geneigtem Haupt. Das wunderte mich am meisten /wie
ein Fremder und Unbekandter sich meint  wegen / in solche Gefahr geben wollen:
Doch ging mein Schluss auf die gebührende ritterliche Pflicht. Dahero ich
gleiches teils nichts mehr bereuete / als dass ich nicht wissen sollte / wer er /
und von wannen er wäre. Da ich ihm aber / ohne Unterlass / einen Danck-schuldigen
Gruss zuschickete / und er mir sehnlich nachsah / ziehet er ohngefehr einen
Brief hervor / und zeigt mir denselben / wincket auch auf die Gegend Soletten /
und schreiet mit lauter Stimm /und gedoppelte Wiederholung / den Namen
Polyphili. In was Vielfaltigkeit / der zweifelhaften Gedancken /ich dadurch
gesetzt worden / kann ich nicht aussprechen. Dann sich dieselben mit der
augenscheinlichen Todes-Furcht / je länger je mehr mehreten. Wir waren einen
zimlichen Weg / gegen den Strom / aufgefahren / als ich sah / dass Agapistus
sein Pferd / zu ruck / dem Wald zu wandte / daraus ich nicht anderst schliessen
konnte / als dass er wieder ruckwerts reisen werde / deswegen ich ihm tausend
Glück nachbetete. Allein / da ich gedachte / jetzt wirst du ihn zum letzten mal
sehen / weil er zum Wald hinein reiten wird /erfuhr ich / ach! aber mit was
Schrecken! dass er ein Tuch um die Augen gebunden / und seinem Pferd die Sporen
angesetzt / mit vollem Lauf auf den Fluss / und in das Wasser zu sprengen; dass
also nicht der Wald /sondern die wilde Fluten / mir seine Gegenwart geraubet:
wann nicht durch sonderliche Vorsehung des günstigen Himmels / eben damals mein
Weib / aus der tödlichen Ohnmacht erwachet / ihn gefolget / und in dem Zu-Ritt
geschryen hätte. Meinem Beduncken nach / sollte eben das Pferd den letzten Satz
ins Wasser tun / als er dem Geschrei eines Weibs gehorchen musste. Ohne Zweifel
wird ihn damaln / sein eigen Gewissen / der vorgesetzten Bosheit halber / bei
sich selbst verklaget; oder auch mein Weib gebührend bestraffet und erinnert
haben / dass er auf vernünftigere Mittel bedacht sei / die mit seinem Leben /
auch das meine erhalten / und nicht so schändlich verderben. Es geschach aber /
dass wir gegen den Strom / nicht ferne vom Ufer schiffeten / welches Agapistum
veranlassete / dass er am Ufer hinauf ritte / mich zu begleiten / und zu
vernehmen / wie es endlich mir gehen werde. Er hielt sich im Walde / dass unser
keins seiner gewahr nahm: biss er ohngefehr / an dem Ufer ein leeres Schifflein
angebunden ersiehet / das ihm / seiner Einbildung nach / das Glück selber / zu
meiner Errettung bereitet. Alsbald löset er solches vom Ufer /setzet sich drein
/ und eilet / mit müglicher Geschwindigkeit / auf uns zu.
    Die Mörder wurden / durch die unverhoffte Ankunft / sehr erschröcket / ich
aber mächtig erfreuet. Die schröckende Furcht schlug sie alsobald in die Flucht
/ dass sie sich wandten / und mit dem Fluss / in unglaublicher Geschwindigkeit /
abwerts fuhren. Ich musste mitfahren / ihr Leben zu erretten / und meines zu
verderben: der Ritter folgete gleich-erhitzt nach /konnte sie doch nicht
errennen: wiewol er mir so nahe kam / dass er mir den Gruss von Polyphilo
zuschreien konnte. Aber / O Unglück! es entstund ein grausames Gewitter / welches
einen Wind schickete / der das Schiff Agapisti anfassete / und mit
erschröcklichem Wüten / auf den wanckenden Wellen fort führete / dass weder ich /
noch die Mörder / ihn mehr sehen konten. Da nun die Winde sich legten / und ich
mir nichts anders / als den gewissen Tod einbildete: siehe! da kommt mein Schiff
/ dass ich mir hatte folgen heissen /dessen Ankunft mich errettet; meine Feinde
aber gefangen gelegt: die ich auch noch dem Agapisto aufhebe / dass er seine
gerechte Rach an ihnen verübe. Die Freude meiner Sicherheit verlangte / mein
Weib / aus ihrer kümmerlichen Not zu erretten / deswegen ich /so viel müglich /
dem Ort zueilete / wo ich sie mit Agapisto vernommen / auch wieder weinend und
heulend antraff / die sich aber / durch meine befreiete Gegenwart / bald
tröstete; Alsbald fragte sie um Agapistum / und zeigte mir den Zügel von seines
Pferdes Zaum / mit Vermelden / dass sie selbigen an einem Baum gefunden / von dem
sich das Pferd gerissen /und mit vollem Wüten / den Wald eingelauffen. Unsre
grösseste Sorg war / wo Agapistus sein möchte /darum wir endlich Rat wurden /
mein Weib widerum zu ruck zu senden / mit dem Befehl / dass sie Agapistum mit
etzlichen Schiffen suchen lasse; ich aber meine Reise fort zusetzen / von deren
ich eben jetzo wieder zu ruck komme. Nun weiss ich zwar nicht gewiss / lebe doch
der gäntzlichen Hoffnung / ich werde ihn / so ich zu Haus komme / antreffen.
Dann ich vergewissert bin / dass er lebet / weil sich der Wind alsobald geleget /
nachdem er von uns gerissen worden. Und so viel ist mir bewust.
    Die Verwunderung / zusammt der anklebenden Furcht / erhebte sich damals
dergestalt / in aller anwesenden Hertzen / dass die Freude nicht anderst / als
unter dem Wachstum der Dornen aufgehen / und auf dem Acker der Sorgen-vollen
Besaamung wachsen konnte. Aller Seiten verursachete der Trost Talypsidami Freude;
die Erzehlung / Schrecken; die Ungewissheit / Forcht. Polyphilus aber / der seine
Gedancken /mit der Versprechung / Macarien zu grüssen / nehrete / mochte leicht
überredt sein / dass er glaubete /was er gern glauben wollte / darum er alle
Sorgen niederlegte / und sein Glück der Zeit vertraute / die ihn /durch den
Anblick seiner hertzlichverlangten Macarien / erfreuen werde.
    Atychintida / wie sie gewohnt war / männiglich die Woltat zu erklären /
welche die Danckbarkeit / so ihre Erlösung dem Polyphilo schuldig / gebührend
rühmen musste / fieng hinwider zum Talypsidamo an: Edler Herr! eure Erzehlung /
die uns nicht weniger Mitleiden in der Not / als Erfreuung nach derselben
erwecket / zwinget mich / dass ich gleiches an unserm hochgelobten Polyphilo
bekennen muss / welchen /wie ihr selber gesehen / die Fluten ersäuffet haben
/und die Wellen bedecket / aber meines Erachtens darum / dass die leblosen
Kreaturen dessen Ehre retten / und Leben verlängerten / welchen die beseelte
Menschen / ohne Schuld / in Schande setzen / und den Tod / unbillicher Weise
auflegen wollten. Denn / so sind die gerechte Gericht der gerechten Götter.
Wunderns ist das alles wert / und um desto mehr / weil /durch solche seine
Errettung / auch unsere sich genahet / die wir / was wir sind / diesem Polyphilo
/ unserm Eretter / alles zu dancken haben / und auch ewig dancken wollen.
Deswegen will ich auch noch jetzo eben das / und allen / die zu uns kommen
werden /solches erzählen und rühmen / dafern ich weiss / dass es euch nicht
missfället anzuhören: und nach dem fieng sie an / alles / was wir bisher gehöret
/ und in solcher Ordnung / wie sichs mit Polyphilo begeben /zu erzählen / und
zwar mit so belobten Worten / dass die Schamhaftigkeit offtmals dem Polyphilo
die Röte austrieb. Zu letzt aber hieng sie an / was doch Talypsidamus / der nun
beiderseits die Begebenheit /so wohl Polyphili / als Agapisti verstanden / dass
alles / was sie erlitten / um Macarien zu sehen / erlitten sei; was er doch
schliesse / ob Macarie würdig sei / dass solche edle Jüngling / ihrentwegen den
Tod nicht scheueten / und alles Unglück nicht verachteten.
    Was hätte Polyphilo angenehmer können gefraget werden / als welcher wusste /
dass Talypsidamus / ein verständiger und beredter Mann / die Ehre der noch nie
gnug gepriesenen Macarien / dergestalt ausbreiten werde / dass er sich heimlich
darüber freuen würde: deswegen auch eben das Begehren / durch Polyphili
Beistimmung / an Talypsidamo wiederholet wurde. Dieser / wiewol er nichts
liebers und angenehmers ihm zu verrichten / wünschen können / scheuete sich
dennoch / aus beitragender Forcht / es möchten seine / ob schon sonst wohl-geübte
/ Reden / an dem Himmel-würdigen Ruhm / der mehr Göttlichen / als Menschlichen
Macarien / und deren hoch-geschätzten Zierde / versiegen / und ihre Krafft
verlieren / weil er wohl wusste / dass / dafern er sie menschlich gelobt /kaum der
Anfang ihrer Würde werde berühret sein: himmlische Gaben aber / mit menschlichen
Worten gleichen / eben so unmüglich / als göttliche Herrlichkeit / mit
jrrdischer Nichtigkeit abmessen. Gleichwol musste er dem Gebot Atychintidoe
folgen / welches er auch dissfalls seine gefasste Forcht gar gerne beherrschen
liess / und folgender Gestalt anfieng:
    Durchleuchtigste Königin! dafern ich nicht versichert wäre / dass E. M. Gnade
sich würde befriedigen lassen mit dem / was meine Müglichkeit vermag / und mehr
die Himmel-steigende Würde der unschätzbaren / ja! unvergleichlichen Macarien /
aus dem vernehmen / dass ich meine Schwachheit / in der Unmüglichkeit / ihr Lob
auszusprechen / oder / wie sie ist /völlig zu beschreiben / freiwillig bekenne:
würde mich / in Warheit! die Gefährlichkeit meines Beginnens / von dem zu ruck
halten / das mir mein Gehorsam / gegen E. M. durch den gnädigen Befehl / ohne
Abschlag / zu vollbringen / aufleget. Zwar sollte mich auch das nicht wenig
abhalten / dasslich / in Erhebung dieser unaussprechlichen Hoheit / mich keiner
gründlicher und besserer Wort gebrauchen kann / als dass ich sie / unter allen /
in der Welt lebenden Damen / die schönste / die höflichste / die verständigste
nenne; damit ich / ohne Zweifel / bei vielen mehr Hass / als Gunst / verdienen
werde: doch stärcket mich die Warheit in dem allen / die mir den Grund / mit dem
Lob-und Lieb-würdigen Namen / der allerschönsten / alleredlesten Macarien /
zeigt / darauf ich meine Wort setzen / und meine Entschuldigung gründen könne.
Wo soll ich aber Wort genug finden / ihre Tugend zu beschreiben / ihre Schönheit
vorzustellen / ihren Verstand zu bilden? Werde ich nicht die güldene Sonne /mit
schwartzen Kohlen / und den silber-hellen Mond /mit bleicher Dinten mahlen /
wann meine unwürdige Reden / ihre vollkommene Würde nach befindlicher
Beschaffenheit preisen / und nach Würde erheben wollen / die viel sicherer mit
Verwunderung und Stillschweigen zu verehren ist. Werde ich auch den geringesten
Schatten derselben erweisen können? Ach nein! ich bekenne / dass meine Vernunft
/ vor Verwunderung // stumpff / und meine Zung / ohne derselben Regierung / zu
schwach wird. Ich möchte mir wohl wünschen / dass ich könnte / was ich wollte; und
darff ich die Warheit bekennen / möcht ich Polyphilum /als welcher den
Augenschein / mit der Erfahrenheit /eingenommen / zum helffenden Zeugen haben;
ich weiss / er würde bekennen / dass / wer die Glückseligkeit erlanget / die
Schönheit der allerschönsten Macarien gegenwärtig zu verwundern / ihre
verständige Reden anzuhören / und ihre holdselige Tugenden zu erkundigen /
nichts mehr verlange / ja so gar / aus dem Zwang der mächtigen Versüfsung /
verlangen müsse / als mit den gütigen Strahlen ihrer Gewogenheit beleuchtet; mit
dem Glantz ihrer Schönheit beehret / und mit dem Ruhm ihrer Tugend beseeliget zu
werden / so mächtig erhebet der Pracht ihrer Trefflichkeit die verwunderende
Hertzen / dass sie sich gleich gefangen bekennen müssen. Daher ich die Frag E. M.
mit diesem Gegen-Satz beantworten muss: Macarie ist würdig / dass sie alle Welt
ehre / alle Welt liebe / alle Welt lobe; und hat Polyphilus / samt Agapisto
/wegen der / ihrentwegen / überstandenen Todes-Gefahr / sich mehr seelig / als
unseelig zu schätzen / die gewürdiget sind / durch diese Tugend-Beherrscherin
/unter die gezehlet zu werden / welche / ihr Leben um Tugend zu verlieren /
rühmlicher erachtet / als ohne Tugend tödlich zu erhalten.
    Die Königin / wegen des gar zu grossen Lobs fast unwillig / versetzte; ist
sie denn kein Mensch / dass sie auch Gebrechen habe? Darauf Talypsidamus
antwortete: Dem Leibe nach / ist sie freilich unter die Sterbliche zu zehlen /
aber die Beschaffenheit desselben ist etwas sonderliches vor andern / und die
Seele ist ganz himmlisch / weil sie nichts als himmlische Tugend wählet / und
Göttlichen Verstand gewinnet. Ja! es zeigen sich eben diese etzlicher massen
durch die Schönheit des ausgezierten Leibes / welcher an Macarien / dem
sonst-gewohnten Sprichwort nach / aber ohne Sprichwort / und mit Warheit / ein
Für-Fechter der Blühte der Tugend / und eine Herberg einer viel-grössern
Schönheit / kann genennet werden. Dann diese ist nicht / wie bei andern / eine
Bezauberung der Gemüter / Verführung der Jugend / und Beraubung der Freiheit.
Nein / sondern was die Hertzen bindet / durch den äusserlichen Schein / das
würcket die innerliche Tugend; und was die Gemüter verführet / durch heimliche
Macht / das gebiehret die offenbahre Kunst; die Freiheit aber verlieret sich in
den angenehmen Banden ihrer Verständigkeit / davon wir billich rühmen können /
dass ihr Gott und der Himmel nichts versaget. Je mehr ich ihr nachsinne / je mehr
finde ich / dass ich verwundere / so gar hat die bereichte Natur / oder viel mehr
der wundertätige Himmel / selbst auch die äusserliche Glieder / an ihrem zarten
Leib / der innerlichen Schönheit ganz gleich gebildet. Die hoch-erhabne Stirn /
zeuget die Aufrichtigkeit des Gemüts. Die bräunlichte Farbe / behauptet die
Beständigkeit ihrer Sinne. Die lieb-winckende Augen / zeugen von der Demut ihres
Hertzens. Die eingezogene Lefftzen / erweisen den Schatz ihrer Treue. Die
rötlichte Wangen / bewähren den Ruhm der Schamhaftigkeit. Und die sondere
Gestalt des ganzen lieb-würdigen Gesichts / mahlet die Keuschheit / mit
lebendigen Farben / auf die zarte Haut / so das durchseelte Fleisch bedecket.
Solt ich meine Betrachtung ferner auf die andere lob-fähige Leibes-Glieder
richten / würde der schlancke Hals / eine behertzte Geschwindigkeit / nicht
weniger auch die Grossmütigkeit ihrer Tugend-werbenden Gedancken fürtragen; ihre
gewölbete Brüste / die mit eingezogener Zucht / nach Gelegenheit der
vorfallenden Reden /bald steigen / bald fallen / in dem sie durch Höflichkeit
erfreuet / durch Laster-Reden aber betrübet werden / deuten die Liebe der
innerlichen Begierde / so sich allen Lastern widersetzet. Und endlich können die
gar zu schöne Hände / die sich keinem trauen werden / der ihrer nicht würdig /
keinem hingegen versaget / der ihrer bedürfftig ist / die fleissige Verwaltung
der Gerechtigkeit / zusamt dem gütigen Willen / erweisen; und mit einem Wort /
wer sie seldsten sieht /die verständige Reden ihres Mundes anhöret / die
Zucht-strahlende Augen ihrer Freundlichkeit beschauet / das Kleid ihres Hertzens
/ und die Decke der Seelen / verstehe die zarte Haut / betrachtet / auch die
Wollen-weiche Hände zu küssen / und zu drucken beglücket wird / der wird
allererst gestehen / dass die drei Zierde / Tugend / Verstand / und Schönheit /
die hoch-gezierte Macarien / so innen / so aussen / gleich als mit einer
dreifachen Cron gezieret / mit dreifachen Farben gemahlet / und mit dreierlei
Gaben verehret haben / dass sie nun und immer fort / in dreisacher Vollkommenheit
/ bei Göttern und Menschen die Kunst- und Tugend-beschönte Macarie soll und muss
genennet werden: die würdig ist / dass ihrentwegen nicht nur Polyphilus den Tod
nicht fliehe; nicht nur Agapistus alles Unglück ausstehe: sondern die ganze
Welt sich seelig / und von den Göttern für sonderlich beglückt zu schätzen hat /
wann sie / um ihrent Willen zu leiden / gewürdiget wird.
    Talypsidamus wollte weiter fort fahren / allein die gute Königin plagte der
Missgunst ein wenig / die viel lieber sich selber hätte loben hören / als / in
ihrer Gegenwart / fremdes Lob so hoch erheben lassen: doch wusste sie die Reden
Talypsidami / mit solcher List /abzukürtzen / dass das Laster ihres Eyfers wohl
verborgen bliebe / in dem sie mit lachendem Mund anfieng: Ihr / edler Herr!
soltet bald machen / dass ich selber diese Tugend-Docke zu sehen / verlangete.
Und damit erhuben sie sich von der Tafel: wiewohl Atychintida noch anhängte /
wann er wieder abreisen würde / und zu der belobten Macarien gelange / soll er
den gebührenden Danck / vor ihre Mit-Hülfe /deren sie / in der Erlösung /
genossen / neben einem schönen Gruss / in ihrem und der ganzen Hof-Gesellschaft
Namen ablegen: Mit diesem Versprechen nahm Talypsidamus Abschied / und versetzte
/ dass er künftigen Morgen / mit frühem Tage / ziehen müsse /wegen etzlicher
notwendiger Geschäffte / die ihm zu verrichten obliegen. Bedanckte sich auch
der hohen Gnad / und versprach dieselbe / mit fleissiger Nachforschung / wo
Agapistus sein möge / zu erwiedern /auch mit ehistem zu berichten / so bald er
einige gewisse Nachricht erhalten.
    Polyphilus / dem sein Hertz vor Freuden im Leibe hupffete / wegen des
herrlichen Lobs / das Talypsidamus seiner allerwürdigsten Macarien gegeben: weil
er zuvor merckte / dass die Königin eine kleine Eyfersucht getroffen: führete
denselben mit sich in sein Zimmer / dass er die nächtliche Ruhe bei ihm nehme
/wiewol er ihn mehr der Unterredung halber / als des Schlafs wegen begehrte.
Dessgleichen giengen auch die übrige ein jeder zu seiner Ruhe / ohne dass
Melopharmis Polyphilum / und seinen Geferten begleitete.
 
                                 Achter Absatz
  Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo beraten / zur Macarien zu
kommen / und was jener /nach seiner Heimkunft / mit derselben geredt / auch wie
   ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt: Lehret / ob die Tugend anfänglich
schwer zu gewinnen / sei doch die endliche Ergebung freiwillig / daher wir / mit
           Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.
Da sie nun alle drei allein versamlet / und unverhinderte Freiheit zu reden
hatten / war die erste Frag Polyphili / ob Talypsidamus noch kein Mittel erdacht
/wie er zu Macarien komme? legte auch zugleich einen schönen Danck ab / an statt
Macarie / wegen des erteilten Lobs / ihn versicherend / dass zu seiner Zeit /von
ihm / sein Ruhm wieder soll gepriesen / diss aber /was er getan / bei Macarien /
zu seiner grossen Beförderung / rühmlich erzählt werden. Talypsidamus erwähnte
/ wie ihm das Gespräch über der Tafel nicht zugelassen / dass er darauf bedacht
gewesen / wie gern er auch gewolt: allein / es werde nicht viel ratens
bedörffen / Polyphilus solle morgen mit ihm / alsdann er sie sehen / und seine
Schmertzen verbinden könne.
    Polyphilus war fertig / und glaube ich wohl / dass er noch den Abend lieber /
als den andern Morgen fortgezogen wäre: allein die vorsichtige Melopharmis
verwehrete ihm beides. Dann / sprach sie / so ihr nicht mit gewaltiger Hand /
oder sonst heimlicher List / oder ja zum wenigsten / mit einem sichern Geleit
kommet / ist zu beförchten / dass der letzte Hass greulicher und gefährlicher
werde / denn der erste. Darum folget meinem Rat / und lasset euch in diesem
Fall mehr die sichere Vorsichtigkeit / als gefährliche Ubereilung führen /
lasset Talypsidamum ziehen / und den Weg bereiten / ihr könnet des andern Tages
nachfolgen / und mit solcher Gelegenheit / dass ihr kein Ubel förchten / und
keine Gefahr scheuen dörffet / trauet meinem Rat / und versichert euch meiner
Hülff / ihr sollet Macarien sehen / ehe die Sonne zweimal ihr Liecht / hinter
den Bergen / erhebet.
    Talypsidamo gefiel der Rat nicht übel / zumaln weil er wusste / dass das
Hertz der einsamen Macarien ganz anderst war / als er Polyphilo vorgesagt /
deswegen er selber auch der Rede Melopharmis beistimmete / und es vor
ratsamer erkannte / dass seine Ankunft der Macarien vorher entdecket würde. Der
Inwohner Grimm aber belangend / fuhr Talypsidamus weiter fort / ist derselbe
nicht füglicher zu zäumen /als wann Polyphilus sich stellte / gleich wäre er in
der Königin Befehl ausgesandt / da er nicht vor Polyphilum / / sondern als ein
Königlicher Gesandter wird bedienet werden. Ja / sagte Melopharmis / das wird
sich noch besser schicken / wann er mit blinder Botschaft an euch selber /
als den Herrn der Insul / abgefertiget wird / da er aller Seiten sicher / und
ohne Anstoss wird aus- und eingehen können.
    Der Schluss ward gemacht / und beiderseits mit dem Wunsch / einer glücklichen
Ruhe bestättiget /auch sonst fröligem Wohl-sein bekräfftiget / biss die seelige
Zeit heran nahe / dass sie sich wieder sprechen und sehen werden. Mit welcher
Empfehlung Melopharmis ihre Ruhestatt suchete: Polyphilus aber dem Talypsidamo
allerhand Bewerbung auftrug / die er bei Macarien ablegen solle: sonderlich die
Erzehlung / welche er selber von der Königin vernommen / was er um Macarien
erlitten. Das ihm Talypsidamus versprach / mit erwähnen / wie er den folgenden
Tag nach seiner Abreise ihn gewiss erwarten wolle. Darüber entschlieffen sie
beide.
    Polyphilus war die ganze Nacht bei seiner Macarien / und wäre zu wünschen
gewesen / dass er mit wachendem Auge die Freude genossen / so ihm das betrügliche
Nacht-Bild vorgemahlet. So bald sich nun die Morgenröte zeigete / war
Talypsidamus früh auf / und eilete mit grossem Verlangen auf Soletten zu / nach
dem er vom Polyphilo / neben dem gebührenden Abschied / nochmalige Unterrichtung
erhalten / / wie er bei Macarien reden solle. Es war aber der ganze Inhalt
dessen / bloss auf dem Verlangen der Kunst und Tugend gegründet / dann von Liebe
dorffte Polyphilus so viel sagen / als wenig er wusste / dass sie verlange.
    Talypsidamus reitet indessen auf Soletten zu / dann ihm die Königin eins von
den besten Pferden gegeben / das ihn unverzüglich fort trage. Polyphilus erstieg
/ nach seiner Gewonheit / die Zinne des Schlosses / und sah ihm sehnlich nach /
begleitete auch seinen Ritt mit dem hertzlichen Wunsch / dass ihm der gnädige
Himmel geneigter sein wolle / als dem unglückhaften Agapisto / damit er endlich
/ nach so lang-erdulteter Unglücks-Bestürmung / seinen Wunsch erfüllet / und
sein Verlangen gesättiget wisse. Vor dissmal hatte auch Polyphilus gnädige Götter
/ die ihm seiner Bitt gewähreten.
    So bald Talypsidamus zu Haus kam / war sein erstes Begehren / der Macarien
zu verkünden / was diss daher wunderbahres sich begeben: deswegen er /durch einen
seiner Diener / um den Zuspruch / bei ihr anhalten liess / welchen er auch mit
leichter Müh erhielt. Als er nun dieselbe mündlich grüssete / und seinen
unhöflichen Zutritt höflich entschuldigte / fieng er nach der Länge an alles /
was biss daher mit Polyphilo geschehen / und auf solche Art an zu erzählen / dass
sie leicht mercken konnte / Polyphili Hertz und Augen zielen einig und allein auf
ihre Gewogenheit / sonderlich / wann sie der Erzehlung Talypsidami / so er aus
der Königin Mund / den beiden Tafeln in dem Liebes-Tempel wiederholete / die
Schrifft entgegen hielt /welche / ihrer Meinung nach / die Wunder-würckende Hand
/ der allmächtigen Götter / ihre damalige Betrübnus zu lindern / auf den Tisch
gemahlet.
    Die erlittene Noht Polyphili / die ohne fremden Beweis / sein getreues Hertz
entdeckete; dann die bewegliche Erzehlung der traurigen Begebenheiten / so um
ihrentwillen auch der ganz fremde Agapistus ausgestanden / vermochte das Hertz
der vor widersinnigen Macarien dermassen zu ändern / dass sie nicht nur leicht
gestattete / sondern auch schmertzlich verlangte / den treuen Liebhaber
hinwieder zu sehen. Es war die Begierde so gross / dass sie sich nicht bergen liess
/besondern ehe Talypsidamus von der Ankunft Polyphili etwas meldete / mit
diesen Worten ausbrach: So ist Polyphilus noch vorhanden? wird er nicht zu uns
kommen? Er wird kommen / sagte Talypsidamus /und so uns der Himmel gnädig ist,
wird er morgen bei uns sein. Auf welche Wort Macarie mit fast fröligern Geberden
spielte / als vorhin / so gar / dass Talypsidamus nicht wenig mit erfreuet wurde
/ da er ihr Verlangen und geneigtes Hertz / gegen dem Polyphilo / erkennete.
    Nun aber sehe ein jeder / was lieb-wanckende Gemüter sich auch in denen
vermeinten weiblichen Vollkommenheiten / befinden. In Warheit! wer die Gedancken
der einsamen Macarien / mit denen jetzt-verliebten Begierden überlegen wird /
muss willig gestehen / dass sie / in diesem Fall / sich von der Zahl der
weiblichen Unbeständigkeit nicht ausschliessen könne / welche mit dem
beweglichen Schilff / das sich bald vor dem Ost- bald vor dem West- bald vor dem
Sud- bald hinwieder vor dem Nord-Wind beuget und neiget / getreue Gesellschaft
hält. Jetzt könnte man recht und mit Warheit sagen / es sei / durch eine mächtige
Zauberei / das Hertz / der sonst-beständigen Macarien / so weit verführet / dass
die Erblickung des Gegenwärtigen / ja auch nur die Hoffnung des Zukünftigen /
eine flüchtige Vergessenheit alles dessen / was sie vor dem / in ihrem Sinn /
hart und fest beschlossen / derselben wider Verhoffen geschencket. Wolte doch
Macarie einsam bleiben: wollte sie doch nicht mehr an Polyphilum gedencken: wollte
sie doch keinen mehr lieben: wie ist sie dann so leicht verkehrt? Oder / hat sie
ihrer selber vergessen? Jetzt sollte Atychintida zugegen sein / würde sie
gewisslich dem hochgeführten Lob dieser Tugend-Damen / das Laster der wanckenden
Unbeständigkeit / vielleicht mit kräfftigern Beweis / entgegensetzen / als
damals Talypsidamus die Warheit behaupten konnte. Dann ich lasse den Himmel
selbst bekennen / so gleich alle Tugenden in einer Damen blühen / und die
Beständigkeit entwurtzelt / ob nicht alle Tugend-Blumen ihres edlen Geruchs
entsetzet sind:
    Aber / weg mit der Beschuldigung! die immerblühende Tugend / der beständigen
Macarien / hat ihren Safft noch nicht verloren / viel weniger ist sie ihres
Geruchs entsetzet / so lang sie unentwurtzelt bleibt. Wird nicht auch ein
tief-gewurtzelter Baum von dem Gewalt der Winde beweget; fällt nicht ingleichen
auch oft eine safftige Blum / auf der Wiesen? Warum sollte dann die mächtige
Liebe Polyphili das Tugend-beständige Hertz der Macarien nicht bewegen; warum
sollte das seufftzende Verlangen / und die bittende Bemühung / nicht auch diese
Tugend-Blum fallend /oder ja sinckend machen? Doch / was sag ich? Macarie / die
Tugend-Herrschende / ist so ferne von der Unbeständigkeit / als diese von der
Tugend. Solte das den Namen eines unbeständigen Gemüts verschulden / wann ich
durch mächtigere / nützlichere / und mehr erhebliche Ursachen gezwungen / ein
anders /oder wohl gar ein wideriges / ausser dem erwähle / dass ich vor dem / ob
wohl auch mit reiffem Verstand / und gebührender Ersinnung / dennoch aber mit
nicht so gnüglichem / vollkommenem und begeistertem Nachdencken / mir
vorgenommen? Nein: es sind ja die letzte und folgende Gedancken vernünftiger /
dann die ersten: Wie oft gereuet uns morgen / was wir heut beschlossen? So muss
man dem folgenden Tage seinen gebührenden Kuhm geben / dass er den Verstand
erweitere: weil wir morgen klüger sind / und wann alle Verwechsslungen / mit dem
Laster der Unbeständigkeit / sollten beschuldet werden / wolt ich leicht
schliessen / dass die Götter selber oft wider ihren Schluss handelten / und dem
Himmel offtmals gereue /was er beschlossen. Wie viel mehr sind wir Menschen zu
beschönen / die nicht wissen / was künftig ist /und uns daher / oft in dem
Gegenwärtigen / verführen lassen / das uns gereue. Sehen wir nun den Zwang der
Liebe an / darinnen Macarie gefangen lieget / werden wir finden / dass Kunst und
Tugend / deren Würckung an sich selbst rühmlich / den ersten Grund derselben
geleget / daher alles das / in gleicher Beständigkeit /mit der Tugend stehet /
was Macarie / in ihrem Sinn /verbannet oder erwählet. Ja selber die
Beständigkeit heisset sie nach Polyphilo verlangen / weil sie weiss /dass durch
seine Liebe fest stehen werde das Verbündnus / welches die Gegenwart Polyphili
aufrichten wird.
 
                                 Neunter Absatz
   Beschreibet die Ankunft Phormenä gen Sophoxenien / und die Schlitten-fuhr
Polyphili /welche so unglückselig / als verhinderlich war: Lehret / den Dritten
      und gemeinsten Anstoss der Tugend-Verliebten / die Unglückseligkeit.
So lassen wir nun die schöne Macarie mit Talypsidamo in gleichem Verlangen ruhen
/ und vernehmen /was sich indessen mit Polyphilo begeben / und wie dieser seine
Reise befördert. Der Raht Melopharmis /war dazumal noch der beste / deswegen
auch die Königin / um sicher Geleit / begrüsset wurde.
    Es schickte sich aber eben / dass Phormena / eine Befreundte der Königin /
von der Freude ihrer Erlösung Bericht erhalten / und selbiger mit zu geniessen
/eben damals / als Talypsidamus abgereiset war /dahin kam / und die Königin
grüssete. Die Freude / so aus beider Gegenwart entstund / war sehr gross. Für
allen aber danckete Phormena dem Polyphilo wegen der Königin / und gewan ihn
fast lieb / teils seiner Schönheit halber / teils auch / wegen der grossen Ehr
/ die ihm seine glückliche Verrichtungen erworben. Polyphilus stellte sich
hinwieder nicht unfreundlich / doch so viel die Treue / mit welcher ihn seine
Liebe gegen Macarien verbunden / zuliess.
    Allerhand Lust-Spiel und anmutige Zeit Kürtzungen erdachte Melopharmis /
samt der Königin / damit sie ihre geliebte Phormenam bedienen möchten. Nun begab
sichs / dass dieselbe bei Atychintida / in ihrem Zimmer / allein war / daher die
Königin Ursach bekam / mit Phormena / von Macarien zu reden / und zu erzählen /
was sich ihrentwegen / die Zeit / begeben und zugetragen. Am allerfleissigsten
aber wiederholte sie das Lob / so ihr Talypsidamus beigelegt /und mit solchen
Worten / dass Phormena / vor grosser Begierde / dieselbe zu sehen / allen Scham
zuruck warff / und die Königin um Hülff und Beförderung ansprach / dass sie zu
der Inful gelange Darauf Atychintidoe alsobald die Bitte Polyphili beifiel /
deren durch diss Mittel konnte gedienet werden. Deswegen sie Phormenam zur Ruh
wiess / biss sie mit Polyphilo geredt / und erfahren / ob er noch gesinnet sei /
seine Reise auf Soletten fort zu setzen / mit deren auch ihre könne befördert
werden.
    Eben aber kam Polyphilus / seine Bitt zu wiederholen / da ihn die Königin /
mit diesen Worten / empfieng: Edler Polyphile! dafern ihr eure Reise auf
Soletten / um Talypsidamum zu besuchen / anstellen wollet / will ich euch
Phormenam / meine Befreundte /zur Begleiterin vertrauen / welche Verlangen trägt
/die Tugend-gezierte Macarien zu sehen. Dessen sich Polyphilus / als einer
begehrten Auftrag / schuldig bedanckte / mit Versprechen / dass er sie
unbeleidiget hin und wieder bringen wolle. Nunmehr war keines Rats mehr Noht /
wie er seine Reise sicher anstellen möchte / weil er Phormenam / an statt der
Königin selber / führe. Der Schluss stund noch zu erwarten /durch was Gelegenheit
sie Belieben trage / ihre Reise zu vollziehen. Es war aber eben die Erde mit
tieffem Schnee bedecket / (so lang war Polyphilus von seiner Macarien entfernet
/) dass die Schlitten-Fuhr am füglichsten und lustigsten zu sein scheinete /
zuvor / da die Insul nicht ferne von dem Schloss entlegen / so /dass es sich nicht
übel einer erwählten Spatzier-Fuhr gleichen konnte. Der Schluss ward gemacht / der
Schlitten / auf Befehl Polyphili / mit seinem Zugehörigen bereitet / und
Phormena zur Reise gerüstet. Polyphilus eilete auch auf sein Zimmer zu / dass er
/ wessen er möchte benötiget sein / allerdings zusammen ordnete; und wiewohl er
keine Zeit-Versaumnus zuliess /mochte doch die mächtige Freud / die in ihm der
hoffende Anblick seiner Macarien erweckete / das Hertz Polyphili dergestalt
bezwingen / dass er / alle Geschäffte verhinderend / der beglückten Zeit / die
ihm die Gegenwart der Macarien schencken werde / mit folgendem Gedicht / seinen
gebührenden Danck ablegte:
O tausend-liebe Zeit / und tausend noch darüber /
und widerum so viel! was könnte mir doch lieber
und angenehmer sein: als du / du schöne Zeit /
die einig mich ergötzt / die häuffig mich erfreut.
O lieb-beliebte Zeit! wie soll ich dirs vergelten /
was du mir jetzo bringst: wann jene gleich bestellten
Schiff in Arabien / mit Centner-schwerem Gold /
und Perlen angefüllt / dem alle Welt ist hold:
Wär dieses lieber doch: was lieber? auch wohl besser /
weil jenes bald vergeht; diss aber immer grösser
durch veste Treue wird; drum Zeit ich dancke dir /
und preise deine Gunst / die du erweisest mir.
Eben setzte er das Gedicht zu Papier / als ihm Melopharmis die Post brachte /
dass der Schlitten bereit /und Phormena / in dem untern Saal / auf ihren Führer
warte. Deswegen sie ihn eilen hiess / Abschied nahm /und mit folgenden Worten /
Glück zu seiner Reise wünschete: Freud-hoffender Polyphile! Euer Hertz /weiss ich
/ ist mehr bei Macarien / als euch selber. Nun so verleihe der gnädige Himmel
/ dass ihr sie /nach eurem Wunsch / antreffen und grüssen möget. Besinnet euch
aber in allem / und mercket auf eure Wort / dass ihr die Gunst des
leicht-erzürneten Hertzens nicht verderbet / in dem ihr dieselbe zu heftig
suchen wollet. Versichert euch / dass ihr angenehm / ja erwünscht kommen / und
mit eurer Gegenwart / die Betrübnus / so die schöne Macarie / durch euer Absein
erlitten / erfreulich verwechseln werdet. Mit diesem Schluss eilete Polyphilus
zum Schlitten.
    Die gebührende Hoflichkeit aber befahl ihm / nicht weniger / auch von der
Königin Urlaub zu nehmen /ja! den ganzen Hoff-Staat indessen der Gunst des
Himmels zu befehlen / mit dem Versprechen / dass er sie bald wieder sehen wolle.
Ein jedweder / sonderlich Atychintida / wünscheten ihm allen Segen / und
begleiteten ihrer etzliche Polyphilum / biss zum Schlitten: die übrige blieben in
dem Dienst der Königin /welche sich / mit Clyrarcha und Cosmarite / auch andern
deren vornehmsten Hofbedienten ins Fenster legten / und der Fahrt Polyphili
betrübt nachsahen: Vielleicht weil ihnen das Hertz ein Unglück vordeutete.
Melopharmis / die getteue Beförderin des Verlangens Polyphili / gab ihm auch das
Geleit / und halff ihm so gar auf den Schlitten / bittend noch zu letzt / um
einen schöner Gruss / an Macarien. Alle und jede / die ihm zusahn / scheineten /
seinen Wunsch / mit der selbst-willigen Zuruffung alles Glücks / zu befördern.
Er selber Polyphilus / ganz erfreuet / bildete ihm nichts anderst / als die
gewisse Erlangung seiner / ach! so schmertzlich verlangten Macarien ein /
deswegen er voller Erfreuung / gleich im Aufsitzen; wie er dann fertig war in
seinen Gedichten / folgende Wort / zu denen umstehenden / und mit lachendem
Munde /auch schertzhaften Geberden anstimmete:
Der Schlitten ist bereit / das Pferd ist angespannt:
ich soll / ich soll / wohin? zu meinem Liebe rennen;
ach! sollt ich / wie ich wollt / der Vogel Künste können /
ich hätte längsten schon den schnellen Flug gewandt
nach dem verlangten Ort; an jenem Penus-Strand /
da ich zum erstenmal sie habe lernen kennen /
da sie hinwieder auch mir einen Blick wird gönnen /
so bald ich sie erseh / das teure Liebes-Pfand /
dadurch sie mich zu erst möcht ihren Diener nennen /
dadurch ich anfieng auch in heisser Lieb zu brennen /
der Augen heisse Strahl wird wieder mir bekannt /
mit noch so süsser Lust / in dem beliebten Land /
da sein geschärfftes Stahl / durch die gespannte Sennen
der Wind-geschwinde Knab / dort von der Himmels Tennen /
auf seiner Mutter Rat / zu mir hat hergesandt /
ich hoffe auch zu ihr; was soll ich nicht bekennen?
frisch auf; ich fahre fort / die Liebste zu errennen.
Ach aber / unglückseliger Polyphile! wie übel fährest du fort. Freilich war in
deinem Hertzen die unverruckte Hoffnung / Macarien zu errennen: aber in dem
Hertzen Melopharmis war der Eyfer noch nicht gar erloschen / der sich ihr
verschworen hatte / ihren Schrecken / an dir / diese Stunde / zu rächen / den
deine unbedachtsame Zunge / wegen der Erledigung /dieses Schlosses / bei der
Tafel / ihr verursachet. Melopharmis zwar liebte Polyphilum hertzlich / und war
in allen seinen Begehren behülfflich / aber Polyphilus hatte eine wenige Straffe
verdienet / nicht so wohl zur Rache / als dass er hinführo / seiner
freigelassenen Zunge / besser den Zaum legen / und seinen nichts-fürchtenden
Geist fleissiger in der Zucht halten lerne. Kurtz davon zu reden: als Polyphilus
sich auf den Schlitten hebte / und die Seile zur Hand fassete auch /der
Gewonheit nach / mit denselben das Pferd anmahnete / ihn fort zu führen: Siehe!
da erschrickt dasselbe von dem Schall des Geleuts / damit es umhänget war
/dermassen / dass es / mit vollem Lauff und erhitztem Eyfer / durch das Tor /
einen zimlichen Weg / von dem Schloss / ohne Aufhalten / wegstreichet: und
wiewohl Polyphilus / mit aller Macht / anhielt / so gar /dass auch die Seile
zerrissen / trieb dennoch die gewaltige Bezauberung Melopharmis / den Grimm des
flüchligen Pferds so ergrimmet fort / dass Polyphilus vom Schlitten gestürtzet /
einen zimlichen Weg geschleiffet wurde: der Schlitten aber / durch offtmaliges
Anschlagen / zu Trümmern zerstückt / und das Pferd /gleich dem Wind / durch den
Schrecken / in die Flucht gejaget wurde / biss es an einem Pfal hangend /nicht
weiter reissen konnte. Ob nun dieser Fall gefährlich gnug war / verhütete doch
Melopharmis / Krafft der Liebe / die sie gegen Polyphilo trug / dass ihm kein
grosser Schade / an seinem Leib / geschehe: wiewohl er in dem herabstürtzen /
seinen Arm beschädigte / doch ohne Gefahr des Verderbens.
    Die ganze Hofhaltung / und zum Schein auch Melopharmis / wurden sehr
erschröckt / über das unverhoffte Unglück. Ein jeder lieff Polyphilo zu / ihn zu
trösten. Und als die Königin das Blut vernahm / fieng sie wehmütig an zu klagen
/ beförchtende / es möchte der Schaden gefährlich / und seiner Vollkommenheit
schädlich sein. Daher sie alsobald den Wund-Artzt holen / und befehlen liess /
müglichsten Fleiss anzuwenden / dass Polyphilus wieder zu voriger Gesundheit
gelange.
    Was soll ich aber von Polyphilo selber sagen? dieser hätte vor Eyfer bersten
mögen / nicht so wohl wegen seiner Beschädigung / als der Schand / die er ihm
noch so gross einbildete / dann des Verlusts halber / dass er seine Macarien nicht
sehe. Was solt er aber machen? die Gedult war der beste Trost / und die Hoffnung
bessers Glücks / beseeligte den Schrecken des Unglücks. Melopharmis / die sich
ganz unschuldig stellen kunte / war die nächste bei ihm / und als sie sah /
wie Polyphilus so hoch betrübet war / gereuete ihr die Tat so fern / dass sie
ihm diese Widerwertigkeit / morgendes Tags / zu ändern und zu verbessern
versprach. Am allermeisten beleidiget das erzürnte Hertz Polyphili die Klag der
Königin und deren Diener / die bald seinen schädlichen Fall / bald seine schöne
Kleidung / bald den grossen Verlust an allem / was er bei sich führete /
bedaureten: dessen er doch weniger denn nichts achtete / möcht er nur seiner
allerschönsten Macarien geniessen.
    Dieses Glück beseeligte sein Unglück annoch / dass er Phormenam / die er zu
führen gesinnet war / nicht zu sich genommen / welche gar gewiss ihr Leben
einbüssen müssen. Voller Eyfer und Bekümmernus /teils auch aus Scham / für
denen Anwesenden / eilete Polyphilus in sein Zimmer / beklagende das allzugrosse
Unglück / so seine gehoffte Freud / gleich einer Blumen / gefället / und den
Vorsatz seiner Ergötzlichkeit / mit den Stricken der Verhindernus / allzuviel
gebunden. Er ging in demselben auf und nieder / und zeigete bald zornige / bald
klägliche Geberden / das grösseste / so ihn druckte / war die Erianerung / der
so viel erlittenen Not / und wie ihm nie das Glück günstig gewesen / so oft er
seine Macarien zu sehen begehret. Daher er schliessen wollte / dass vielleicht die
widerstrebende Götter / durch eben diese vielfaltige Verhindernussen / ihm
zeigen wollen / wie er entweder bei Macarien unangenehm / oder ja / zu seinem
grössern Schaden / willkommen sein würde. Gleichwol vermochte die erhitzte Glut
der Liebe so viel /dass nichts fehlete / er hätte / wieder aller Götter Willen /
Macarien zu sehen erwählet: deswegen er mit brünstiger Begierde diese Schmertzen
Wort oft und oft hören liess:
Ach! so kann es dann nicht sein / dass ich dich noch heute sehe
und vor deinen Augen stehe?
Ey so nimm die Seufftzer an / küsse die geschwinde Boten
die dir kommen von dem Todten /
der in dir gestorben ist / in dir auch wird wieder leben /
wann du dich hinwieder gibst / wie er sich dir hat ergeben.
Atychintida / samt Melopharmis / war stätig bei ihm /und hatte gnug zu trösten:
Polyphilus hingegen konnte sich nicht gnug entschuldigen / wegen seines
Verbrechens gegen der Phormena / die er gen Soletten führen wollen / nun aber /
wider ihren Wunsch und Willen /ja / das noch viel mehr / erschrocken und
bekümmert /zu Haus lassen müsse; Doch beschönte er solchen seinen Fehler /
teils mit der Unschuld / teils mit der Zusage / dass er / morgendes Tages /
reichlich ersetzen wolle / was ihm anheut die Widerwertigkeit des verbossten
Glücks / wider Verdienst und Billichkeit / entzogen.
    Wo bleibet aber das Pferd mit dem Schlitten / wer holet selbiges wider nach
Haus? da sollten wir billich erkennen / dass offtermals wir Menschen ein Unglück
leiden / und ein Leid ertragen müssen / damit wir desto grösser erfreuet und
beglücket werden. Dann /als das reissige Ross / wie gemeldt / am Pfal behangen
blieben / kommet eben Agapistus (O der seeligen Ankunft!) aus seiner Wildnus /
nächst zu dem Schloss /nicht wissend / dass er so nahe sei / bei denen / die er so
lang und schmertzlich gesuchet. Die Vielfaltigkeit seiner erlittenen Gefahr
heisset uns hier etwas still stehen / und seinen Jammer erzählen / welchen er
die Zeit erlitten.
 
                                Zehender Absatz
 Beschreibet das elende Leben Agapisti / in der Wildnuss / und wie wunderbahr er
gen Sophoxenien /zum Polyphilo / wieder kommen: ist eine Lehr / von der Treu und
                 Beständigkeit / auch deren reichen Belohnung.
Er war / wie wir oben gehört / in der erschröckenden Wildnuss / von allen
verlassen / und wusste keinen Rat noch Trost. Seine ermüdete Seele speisete er
mit Angst und Betrübnus; und die matte Glieder erhielt das ungekochte Fleisch
der wilden Tiere / kümmerlich / dann er auch dessen keinen Uberfluss hatte. Weil
er aber diese so schwere Last nicht länger ertragen konnte / fasset er einsmals
den Sinn / die Bedrangnus seines bekümmerten Lebens / mit dem Tod / zu enden /
und dem Polyphilo / weil er ja seinen Leib nicht mehr stellen könne / doch den
Geist zuzuschicken / der berichten werde / wie treulich er sich in seiner
Botschaft verhalten. Als er nun / in diesen Gedancken / sehr bemühet / und den
selbst-erwählten Tod nicht so bald / ohne verschulden / zu Werck richten kann /
ersiehet er von ferne einen alten Greisen /übernatürlicher Länge / und
schröcklich anzusehen /aus dem dick-finstern Wald / gemählich auf ihn zu gehen.
Agapistus / über den unverhofften Anblick /nicht wenig erschrocken / stehet
behend auf / als wollte er die Flucht nehmen / die ihm aber / von dem Alten
verwehret wird / dass er keinen Fuss von der Stell setzen kann. Was geschicht?
Agapistus erwartet /was geschehen werde / der Alte erweiset / was geschehen
solle. Dann da er zu nächst beim Agapisto war /bietet er ihm die Hand / mit
freundlichen Anlachen /und folgenden liebreichen Worten: Mein Sohn! es schröcke
dich keine Forcht / wegen meiner Ankunft /wiewol dieselbe dieses Orts nicht zu
hoffen / viel weniger zu erwarten gewesen. Es haben sich die begütigte Götter
über dich erbarmet / und deine wehklagende Seufftzer gnädig erhöret. Dusolt
nicht sterben: aber Polyphilum must du verlassen / soll dich anderst nicht alles
Glück verlassen. Du weist selber / und hasts schmertzlich gnug erfahren / wie
bitter der Anfang eurer Freundschaft gewesen / so gar / dass sie /biss zum Ende /
nicht wird versüsset werden: darum solt du dein besser gedencken / und dich mehr
/ denn einen Fremden lieben. Wirst du nun diss versprechen /und halten / so folge
mir auf dem Wege / den ich dich führen will / dass du lebest.
    Agapistius hätte sich selber lieber als bald erwürget / ehe er auch nur
gesagt hätte / dass er Polyphilum verlassen wolle: will geschweigen / dass er
einen sochen Schluss in seinem Hertzen machen / oder zu Werck richten solle. Er
gedachte alsobald / sehe ich dich / verlangter Polyphile! durch des Glückes Neid
/nicht wieder / und muss dich verlassen / wird doch dieser Ruhm der Nach-Welt
kündig werden / dass ich mein Leben nicht verschonet / um einen getreuen Freund
aufzugeben / und für rühmlicher gehalten /durch die Trennung der Seele von dem
Leib / das Band der Liebe zu knüpffen / als durch dieses Eröffnung / jene Fessel
zu bewahren. Darum beantwortete er die Rede des Alten also: So der Name eines
Sohns vätterliche Gunst verdienet / und kindlichem Gehorsam fordert / darff ich
mich / durch eure Anrede / euch meinen Vatter zu nennen / wohl erkühnen / wie
ihr mich euren Sohn. Wolte auch wünschen / dass euer Vortrag so gestaltet wäre /
dass die kindlich-gebührende Pflicht / ihre Folge / im schuldigen Gehorsam
/darbieten könnte: aber Polyphilum / das teure Hertz zu verlassen / ist ein
solcher Befehl / der mir / mich selber verlassen / heisst / weil / wann ich
Polyphilum nenne / nenn ich den andern Agapistum / mein ander Hertz / meine
andere Seele / ja den andern Ich. Wird also dieses Begehren / es sei eine Bitte
/ oder ein Befehl / eben so wenig zu hören und zu bedienen müglich sein / als
unmüglich ist / dass Agapistus sein selber vergesse / sich selber verlasse. Wolt
ihr aber /mein Vatter! eurem Sohn einige freudige Hülffe erweisen / so befördert
/ bitte ich / nicht so wohl die Länge meines Lebens / als den sehnlichen Wunsch
/Polyphilum zu sehen / ohne dem mein Leben todt ist /und führet mich dahin / wo
das angenehme Liecht seiner Augen / die Finsternus meines betrübten Hertzens /
gegenwärtig erleuchten kann.
    Die Rede Agapisti / verursachete dem Alten / teils Wunder / teils Zorn.
Wunder zwar / weil er eine solche Beständigkeit bei keinem Menschen gehoffet:
Zorn aber / weil er eben die Tugend selber / in einem solchen Fall / des Lasters
beschuldigte / welches dem Hertzen Agapisti / eine endliche Verzweifflung zu
bringen / und ihn / ohne Verdienst / ins Verderben stürtzen würde. Daher er
bewogen / etwas schärffer an ihn zu setzen / und mit viel unfreundlichern Worten
die Verlassung Polyphili zu befehlen / wolle er anderst nicht den verbitterten
Grimm / aller himmlischen und höllischen Götter / noch diese Stunde / kosten.
Aber vergebens; wann gleich / die verfinsterte Höll selber / ihren Rachen gegen
ihn aufgesperret /und der blitzende Himmel / durch seinen Donner / ihn hinunter
zu stossen gedrohet / hätte er dennoch die Treue seiner Beständigkeit / nicht
mit versencken lassen: solche Liebe schloss das Hertz Agapisti an das Hertz
Polyphili. Was geschicht? Da der Alte alles vergeblich erkannte / und weder mit
guten noch bösen Worten etwas erhalten konnte / ward er sehr erzürnt /und berief
in einer unbekannten Sprach etliche höllische Furien / und andere Plage-Geister
/ die den armseligen Agapistum dermassen anfeindeten / dass der Schrecken und die
Schmertzen nicht auszusprechen sind.
    Wie aber die gnädige Götter / noch immerdar ein wachendes Aug haben / auf
die Gerechtigkeit: gleich so musste dieses / auch dem unschuldigen Agapisto /zum
Trost / ja zur Hülf kommen. Denn da er in der höchsten Bedrangnus / dem
gerechten Himmel / durch einen hertzlichen und ängstigen Seufftzer / seine Not
klagte / siehe! da kommet mit einem feurigen Strahl /eine Stimm aus der Wolcken
/ sprechend: Philomate! ruhe! Darauf der Alte mit allen andern Geistern als
bald verschwunden / und Agapistus allein gelassen worden.
    Wer der Alte gewesen / ist unschwer zu schliessen /nämlich der Geist
Philomati / der die Rache an Polyphilo / wegen der Hut Melopharmis / nicht
vollbringen können / darum er den Freund desselben angefasset. Das wusste aber
Agapistus nicht / weil ihm Polyphilus nie erzählt / was sich mit Philomato
zugetragen. Daher ihm allerhand Gedancken über diesem Namen entstunden / die ihm
doch nichts gewisses bedeuten kunten. Die Freude des Friedens forderte den Danck
/ vor die Erlösung / welchen gebührend abzulegen / Agapistus auf seine Knie
nieder fiel / und die Augen / gegen den Ort des Himmels wendete / daher die
Erlösungs-Wort erklungen / denen er folgende Danck-Rede entgegen setzte: O ihr
gnädige / ihr gütige / ihr barmhertzige Götter! O ihr allwissende / allsehende /
allmächtige Götter! Und du / du Wunder-bereichter Himmel! dass ich doch / wie ich
schuldig bin / euch gnug dancken könnte / für die gnädige Errettung / so ihr
diese Stund / meiner harten Bedrangnus /wundertätig erwiesen! dass ich gnug
rühmen könnte die Allmacht / so mit einem Wort / alle grausame Geister /
aufleinmal vertrieben: Ich wollte mein Hertz dichten / und meine Zunge rühmen
lassen ewiglich. Aber die Unmüglichkeit dessen / gibt mir Verbot /dass ich mich
keiner gefährlichen Vergeblichkeit unterwinde / oder das verlange / was
menschlicher Schwachheit zu erlangen / die Vollkommenheit des Himmels selber
versaget. Darum nehmet an / so viel ich vermag / und lasset euch gefallen / dass
ich gerne wollte / wann ich könnte; mässet den unendlichen Danck / aus dem Will /
welcher auch die übermenschliche Vermögenheit zu erfassen sich bemühet. Sehet da
/ ihr allsehende Götter! sehet mein Hertze / dass ich euch traue; sehet meinen
Leib / den ich zum Danck-Opffer bringe; sehet mich selber / der ich mich ganz
und gar / eurer Macht und eurem Willen / zu eigen gebe. Was sag ich? Bin ich
doch vor euer / und nicht mein: wie kann ich dann etwas geben / das nicht mein
ist? doch ist das Leben mein / und stehet in meiner Gewalt / mich euch / durch
ein gefälliges Opffer /selber zu opffern: Nun so seid vergnüget mit meinem
Willen / und nehmet die Seele zu euch / diesen Leib aber lasset nach meinem Tod
zum angenehmen Geruch werden / biss er verrauchet / sich selbst der Lufft
vertrane / die ihn hinauf zu euch führe. Polyphilum aber tröstet / und lasset
ihn das Glück / so mich verlassen / empfangen / wie ich sein Unglück auf mich
lade / und mit diesem Ende meines Lebens / und meines Glücks durch eure
Begnädigung / endige. Ihr aber / ihr betrübte Seufftzer! bleibet hie / und
kommet nicht zu Polyphilo / damit ihr sein Hertz nicht erschröcket: Wolt ihr
aber wider meinen Willen gehen /so sagt ihm / dass er wohl lebe / und sich darauf
verlasse / dass meine Seele / auch in dem Sternen-Saal vor ihn wachen / und die
Güte des Himmels bitten wird / dass sie ihn / in allem / beglücke. Ach ja!
gütiger Himmel! erhöre meine Bitt / und beglücke Polyphilum / mit einem seeligen
Leben / mich aber / mit einem endlichen Tod.
    Nach vollendeter Rede / sass Agapistus fast schwerlich auf den Knien / als
welche ihm / vor Müdigkeit /den Fall droheten. Gleichwol wolt er sich nicht
erheben / sondern sah den Himmel als erstummet an /liess das Hertz inwendig
reden / welches in voller Verzweifflung arbeitete. Da er aber kein Zeichen vom
Himmel erwarten konnte / welches sein Hertz verlangte / / gibt ihm / ach! der
verdammliche Mord-Geist / die verzweiffelte Gedancken in den Sinn / er solle den
Göttern das Opffer / an seinem Leibe bezahlen / wie er versprochen / dessen sie
in der Still erwarteten. Darum er behende aufstund / sein Schwerdt / dadurch er
den Mörder gefället / in die Erden setzet / dass die Spitze seine Brust traff /
und noch einmal: aber ach! wie kläglich? gen Himmel schauet / dass die Tränen
die Wangen netzten / und endlich mit diesen Worten: O ihr Götter! seid mir
gnädig! sich mächtig auf das Schwert druckete / dass dasselbe in zwei Stuck
zerbrach.
    Da sehe eins die Begnädigung des Gunst-gewogenen Himmels! auch die Schärffe
des Schwerts muss sich stumpffen / und die Klinge zerspringen / dass sie nicht
schneiden könne / ehe der Gerechte erliege. Agapistus fiel danieder / als
erstorben / und merckete nicht / dass das Schwert zerstücket war / sondern
bildete ihm fest ein / er wäre durchstochen / dass er sterbe: so wenig wussten
seine ertödete Sinne / von seinem Leben.
    Als er nun / eine geraume Zeit / in der Ohnmacht gelegen / kommt er endlich
weder zu Sinnen / fühlet nach der Wunden / befindet sich aber unversehrt. Und
weil er aus allem / die gnädige Vorsehung der allwaltenden Götter / gar leicht
erkennen konnte / schlug er in sich / mit Schrecken / bereuete sein Vornehmen
/fiel wieder auf seine Knie / und flehete die Götter an /dass sie ihm sein
Verbrechen nicht sträfflich zu rechnen wollten. Unter dem Gebet / fielen ihm die
verzuckerte Gedancken bei: vielleicht wollen die Götter dein Leben fristen / und
habens dissmal erhalten / dass du wieder zu Polyphilo kommest; daher er sich
freudiger geberdete / als vorhin (wie ihm dann allemal der Name Polyphili / eine
kräfftige Verstärckung war / in allem Leid) und gleichsam einen innwendigen
Trost und Zufriedenheit fühlete / die ihm diese Wort gen Himmel schicken hiess:
habt ihr mich erhalten / O ihr gnädige Götter! dass ihr mich wieder zu Polyphilo
führet: Ach! so führet mich / ihr barmhertzige! durch euren Arm / dass ich meine
Seele erfreue / durch seinen Anblick. Ihr wisset ja / ihr Allwissende! wo
Polyphilus ist: Ach! so führet mich dahin / dass ich auch wisse / wo meine Freude
lebet. Ihr sehet ja / ihr Allsehende! wie sich mein Hertz sehnet nach dem / das
sich gleich nach meinem neiget: Ach! so führet doch die beide Hertzen zusammen /
dass sie sich selber sehen mögen. Ihr könnet / ihr Allmächtige! mich diese Stunde
führen / das ich finde / was ich so heftig suche: Ach! wollet doch auch / ihr
Gnädige / ihr Gütige / ihr Barmhertzige! was ihr könnet / damit ich nicht
zweifeln müsse / an der Macht / der ich mich auf euren Willen gäntzlich verlasse
/ und hoffe / ich werde noch diese Stunde mit meinem Freund / Ach! dem gehertzen
Polyphilo / euch den Danck bringen /vor die gnädige Hülffe.
    Hat einmal das Gebet viel vermocht / so hats / in Warheit! diss vermocht.
Kaum waren die-Wort ausgesprochen / als Agapistus merckte / dass er aufgehoben
wurde / und mit unglaublicher Geschwindigkeit / über den Wald weggeführet:
wiewol nicht ohne Anstoss /sonderlich schnitten die rauhen Winde / und der
erkältete Frost ihn zimlich ins Gesicht.
    Von was er geführet worden / weiss ich nicht /konts auch Agapistus selber
nicht mercken: doch ist vermutlich / dass ihn die gewaltige Hand der Götter
geführet / die er angeruffen. Er wurde nahe bei dem Schloss / auf einen ebenen
Weg / im Walde / niedergesetzt / mit dem Befehl: gehe ferner! so bald er zur
Erden kam / fiel er nieder anzubeten / und danckete dem / der ihn geführet / biss
er durch das Geleut der Schellen erschrocken / sich eilig erhebte / zu sehen
/was daher komme. Es wurde aber / wieder Verhoffen /ganz still / doch liess
Agapistus nicht ab / sondern folgete dem vorigen Hall / sonderlich / weil ihn
der Weg dahin führete. Und da er etwas für sich kam /fand er das Pferd Polyphili
mit dem Schlitten / der zerbrochen war. Agapistus erkannte alsobald dasselbe /
und sah / dass diss Pferd war / darauf er gen Soletten reisen wollen. Was er muss
gedacht haben / ist leicht zu gedencken. Nicht viel fehlete / er hätte das Pferd
umhalset und geküsset / so erfreuete ihn dessen Aublick. Doch schlug die Forcht
zugleich in sein Hertz / weil er leicht erraten möchte / das Pferd komme vom
Hof Atychintidoe / es möchte Polyphilus zu Schaden kommen sein / welcher ohne
Zweifel eine Spatzier-Fuhr angestellet; wie er ihm dann sonderlich das Schlitten
fahren gefallen liess. Das alles veranlassete Agapistum / desto mehr auf das
Schloss zuzueilen / weil er nunmehr erkennete / dass diss der Weg sei / welcher auf
Soletten führe: das ihn noch mehr in seiner Furcht stärckete / in dem er
gedachte / vielleicht hat Polyphilus wollen zur Macarien fahren /und ist durch
des Pferdes Unbändigkeit / wie es dann von Natur wild war / abgesetzet worden.
Wiederum fiel ihm bei: Polyphilus sei allbereit bei Macarien: welcher Wahn daher
entstund / dass das Pferd auf das Schloss zugewandt / als wanns von Soletten
herkomme: doch / dacht er / kans am Pfahl / daran es behängt blieben / sich
umgekehret haben / wie dann der Pferde gemeiner Gebrauch ist / dass sie sich nach
der Krippen sehnen. In diesen zweifelhaften Gedancken entschliesst er sich
endlich / nicht auf Soletten / sondern Sophoxenien zuzugehen / und das Pferd mit
sich zu führen / in Hoffnung / dafern er nicht Polyphilum selbst antreffe /
werde er doch gewissen Bericht erhalten / wie es um ihn stehe?
    So kommt nun Agapistus zu dem Schloss: tausend Segen begrüsseten den ersten
Anblick / und mit vollen Freuden / eilete er auf das Tor zu. Eben wollten die
Gesandten ausgehen / das Pferd zu holen / da sie Agapistum mit dem Pferd kommen
sahen. Wer war der erste / welcher dem Polyphilo die Zukunft Agapisti
verkündigte? Alle lieffen sie zugleich / und mit mehr als zehen Zungen wurden
die Wort gesprochen: Polyphilc! Agapistus ist kommen / und hat das Pferd bracht.
    Freude und Verlangen / Agapistum zu sehen / erhebte Polyphilum von seinem
Sitz / dass er / aller Betrübnus vergessend / ihm / mit erhitztem Gang / entgegen
lief / und freudiglich empfieng. Da sollte eins die Hertzlichkeit / der tausend
versüssten Umhalsung /dieser beider edlen Jünglinge / und mehr als getreuesten
Freunde / beschauet haben. Agapistus betränete die Wangen Polyphili /
Polyphilus die Wangen Agapisti. Möchte doch nur Polyphilus alsbald wissen /wie
es Agapisto ergangen / dass er die Tausendfältigkeit seiner Freude / mit der
Bedaurung / des treuen Freundes Agapisti / in etwas verringern könnte. Was soll
ich viel sagen? Wenn ich gleich Hertzen und Küssen / Drücken und Umfangen daher
setze / kann ich doch dennoch nicht innerliche Hertzens Bewegungen ausdrucken /
die mit solcher Brunst in ihnen beiden feuerte / dass die äusserliche Bezeugungen
der innerlichen Glut mehr ein Vorspiel / als Abdruck zu nennen war. Ach
Polyphile! fieng Agapistus an / verlangter Polyphile! wie hat mich das Unglück
von dir ziehen heissen? Ach Agapiste! wie / versetzte Polyphilus / allerliebster
Agapiste / wie lang hat dich das Unglück von mir gerissen? Sag doch / Agapiste!
wie ist dirs gangen? die jämmerliche Gestalt zeigt nichts Gutes. Wie so /
sprach Agapistus / seh ich so elend? Es fehlet mir nichts / nun ich Polyphilum
habe: und ich habe alles / antwortete Polyphilus / nun ich Agapistum wieder
habe. Solche / und dergleichen Wort viel mehr / führeten sie gegeneinander / biss
sie in Polyphili Zimmer kamen / da Agapistus alles erzehlete /wie es ihm gangen
/ und hinwieder vernahm / was sich mit Talypsidamo und Polyphilo / die Zeit /
zugetragen.
    Melopharmis / samt der Königin / kamen alsobald Agapistum zu grüssen: und
war alles in höchsten Freuden. Das Hertz Polyphili aber bedaurete das Unglück
Agapisti / welches er um seinet Willen erlitten /verwunderte aber auch dabei /
die Treue desselben /der sich / durch keine Not / von ihm abwenden lassen:
daher Polyphilus ihn noch so sehr liebete.
    Wir wollen uns jetzt nicht aufhalten mit dem / was Agapistus mit Polyphilo /
dann auch mit der Königin / und sonsten über Tafel / geredt / weil das meiste
die Erzehlung war / seiner ausgestandenen Gefahr /die er so scheinbar vorlegen
konnte / dass sie alle zum Weinen und Mitleiden beweget wurden. Nach dem /und
sonderlich über der Tafel / fieng die Königin mit Polyphilo an zu schertzen /
wegen der Schlitten-Fuhr /deren Verhindernus / die Ankunft Agapisti
verursachet. Aber Polyphili Sinn war nicht zum Schertz gerichtet / als welcher
bloss darauf bedacht war / wie er morgen glückhafter fahre. Deswegen er noch den
Abend / ein ander Pferd wählete / und alles bestellete / dass er mit frühem Tage
fortfahren könne.
 
                    Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIEN
                                        
                                 Vierten Buchs
                                 Erster Absatz
     Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der
langverlangten Macarien bringt /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret die
         endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-Verlangenden.
Es hatte Polyphilus eine mühselige Nacht / nicht wegen seiner Betrübnus /
sondern der Schmertzen /die ihm der beschädigte Arm erregete. Und wurde der
Schaden so gefährlich / dass er den Arm nicht beugen konnte / daher er abermal
beförchtete / er möchte an der Reise verhindert werden. Aber es hiess beim
Polyphilo / der Liebsten wegen ein Glied gewaget. Der innerliche Schmertzen war
heftiger und mächtiger /dann der äusserliche: darum er jenen / vor diesen / zu
verbinden / sich früh aufsetzte / Phormenam zu sich nahm / und / mit gutem Glück
/ auf Soletten gelangete. So bald er des Peneus-Flusses ansichtig wurde /und in
das Schiff trat / welches Talypsidamus / schon den vorigen Tag / ihn einzuholen
/ am Ufer warten lassen / fragte der / von heisser Liebe / fast fein Vergessener
/ die Sprachlose Kreaturen / um Macarien /was sie mache? wie sie lebe? mit
folgendem Reim-Schluss:
Du Perlen-gleicher Fluss! ihr silber-weisse Wellen!
und du verlangtes Schiff; auch ihr / ihr offne Schwellen!
ich komm / ach lasst mich ein! was macht sie / Meine! doch?
Ach! sagt es / treue mir: was macht sie? Lebt sie noch?
Sie / die mein Leben ist; was frag ich? solt sie sterben?
Sie / meines Todes Tod / O weh! ich müst verderben /
und nicht sein / der ich bin: weil ich nicht selber mein /
besondern gäntzlich ihr / wie sie wird meine sein.
Talypsidamus wartete allbereit bei der Bruck / da Polyphilus aussteigen musste /
und empfieng sie beide /mit grosser Höflichkeit / führete sie auch in den Saal
/allda ihrer Gelegenheit zu pflegen. Im ersten Eintritt /sah Polyphilus das
Bild Macarien; mit was Erfreuung / kann männiglich gedencken. Hätte er die
anwesende Phormenam nit gescheuet / weiss ich gewiss /dass er das entseelte Bild /
mehr dann tausendmal gehertzet / / weil es Macarien Bild war. Er ging oft und
oft zum Fenster / und sah das Haus Macarien an /weil er nicht ruhen konnte /
biss er sie sehe. Doch musste er seine Begierde / durch die Erwartung / zäumen
/deswegen er sich mit allerhand Gedichten tröstete /und seine Zeit kürtzete. Es
ward aber Macarien angesagt / dass eine Gesandtin der Königin von Sophoxenien /
sie zu begrüssen / ankommen: darum sie dieselbe / mit demütiger Bedienung / zu
sich bat.
    Nun wird Polyphili Wunsch erfüllet / nun geht die Freude an / darauf er so
lang vergebens gehoffet. Phormena geht vor / damit es einen Schein Königlicher
Würde hatte; Polyphilus folget mit Talypsidamo hernach. Jetzt möcht ich wünschen
/ dass ich Wort gnug hätte / die Unaussprechlichkeit der Freude zu beschreiben /
die sich in dem Hertzen Polyphili / nicht weniger auch bei Macarien / erhebte.
Es mehrete sich dieselbe um desto mehr / so viel sich die Liebe mehrete / die
durch die Schönheit / der tausend-beschönten Macarien / verstärcket wurde.
Gleichwol trug Polyphilus eine wenige Furcht bei sich / wegen dess / dass Macarie
wusste / er komme nicht mehr Tugend / sondern Liebe zu werben. Und Macarie / wann
sie Polyphilum erblickte / berötete gemeiniglich ihre Wangen und schämete sich
/ dass sie ihre Freiheit verloren. Phormena aber / nach dem sie aufs höflichste
/von Macarien / empfangen / und / durch ihre verständige Reden / begrüsset
worden / verwunderte sich über himmlischen Verstand / in einem Weibe / und
englische Schönheit / in einem Menschen; so gar /dass sie allen Scham beiseits
legte / und zum Polyphilo anfieng: Edler Polyphile! nun wundere ich mich nicht
mehr / dass ihr Macarien so hertzlich liebt / weil ihr die Schönheit selber
liebt.
    Polyphilus erschrack über diese Wort / dass er kein Wort antworten konnte:
Macarie aber wurde beschämet / dass sie ihre Augen nicht aufhebte. Welches / als
Talypsidamus vernahm / fieng er an: Eure Geberden /Tugend-völlige Macarie! und
euer Schrecken / edler Polyphile! zeuget gnug / wie ihr gleiche Sinne führet
/darum ich für gut ansehe / dass Macarie alleine sei /damit sie ihre
Schamhaftigkeit wieder oblegen: Polyphilus aber bei ihr bleibe / damit er durch
ihren Zuspruch / in seinem Schrecken getröstet werde. Ich will Phormenam mit mir
führen / und ihr / was sonsten hie denckwürdiges zu sehen / zeigen.
    Artig kam der Schertz / auf den Wunsch Polyphili /der allbereit / durch die
lieb-winckende Augen der lächlenden Macarien / verstanden / dass / so er allein
bei ihr sein würde / werde sein Vorhaben glücklich von statten gehen. Macarie
aber / die diesen Schertz mit einem Gegen-Schertz versetzen musste / fieng an: so
wolt ihr gewiss / geehrter Herr Vetter! mit einer schönen Frauen / allein wandern
/ und vermeint / es sei Polyphilus / wie ihr / gesinnet? diss gefiel der
Phormena so wohl / dass sie gleich schertzhaft anfieng: Edler Talypsidame! ist
die Missgunst auch bei denen Tugend-begüterten so gross? Aus dem allen aber / obs
ein lauterer Schertz war / machte doch Talypsidamus einen Ernst / und dem
Polyphilo eine Freud. Denn als Phormena kaum das Wort ausgeredt /sprang
Talypsidamus / mit lachendem Mund / auf von seinem Stul / fassete Phormenam bei
der Hand / und eilete der Tür zu / sprechende: Was die Missgunst verwehren will
/ muss man desto eher befördern.
    Polyphilus und Macarie wollten / gebührender Höflichkeit nach / mit folgen /
allein Talypsidamus verwahrete die Tür / und hiess sie drinnen bleiben /
versprach auch / Phormenam bald wieder zu bringen /die er zu seiner Liebsten
Psychitrechin führete / welche allerhand lustige Gespräch ersinnete / damit sie
die Zeit kürtzeten. Das alles tat Talypsidamus dem Polyphilo zu Gefallen / dass
er Gelegenheit überkomme / mit Macarien allein zu reden. Da nun Polyphilus
dieselbe überkam / dachte er / jetzt ists Zeit / allen Scham abzulegen / und
deine Hertzens-Gedancken zu öffnen.
    So sehe nun ein jedweder Polyphilum an / wird er sehen und erkennen / was
treue Liebe ist / und wie mächtig dieselbe / auch die allerdapfferste Hertzen
/zwingen und gewinnen könne. Ohne Verzug / fiel Polyphilus seiner verlangten
Macarien zu Füssen / küssete den Rock / und lag wie lang an der Stelle / da er
ihre Schuh / mit seinem Mund / drucken konnte. Macarie / durch die allzugrosse
Demut bewogen / hebte Polyphilum selbst auf / welcher die Gelegenheit in acht
nahm / im aufheben / ihre / ach! wie zarte und schöne Hände zu küssen: darüber
Macarie sich fast etwas widerwillig stellete / und ihn zu straffen anfieng / dass
er wider die Tugend handele / und sie nicht sehen könne / dass sein Begehren ein
löbliches Ziel aufgestellt / massen solche Geberden / sich vielmehr einer
verliebten Torheit / als klugen Ersinnung / gleicheten. Darauf Polyphilus
folgender Gestalt anfieng: Ach! allerschönste / allerliebste / und
aller-verlangteste Macarie! ich muss freilich gestehen / dass diese Geberden
weiter / den auf Tugend-Liebe sehen / weil sie mehr / der übermächtigen
Schönheit Macarien zu Gehorsam / mich auf den Boden gelegt haben. Was soll ich
nicht bekennen? Schönste der Schönen / und der Lieben Liebste! Ihre Tugend hat
mich dieselbe verlangend / aber ihre Schönheit / gar liebend gemacht; Dann in
dem sich jene Wunder-würdig erwiesen /habe ich sie billich in meinem Hertzen
geehret. Nach dem sich aber diese mächtig erzeiget / hab ich sie /von der Stund
an / da ich sie erblickt / vor die Beherrscherin / meiner armen Verliebten /
und biss daher betrübten Seelen / angenommen und bekennet / nichts mehr
wünschende / als dass bei einer so unbeschreiblichen Schönheit / ein lieb-fähiges
Hertz möchte gefunden werden / dass sich denen angenehmen Banden der
Gunst-Gewogenheit nicht entziehe. Verzeihet mir / Tugend-begabte Macarie! dass
ich offenhertzig reden / und noch weiter reden darff. Ihr wisset / liebstes
Hertz! wie ich / durch den Ruhm eurer Tugend gezwungen / zu euch kommen bin /
bloss denselben /neben andern / zu rühmen und zu verwundern.
    Nach dem ich aber erfahren / dass ihre Hertz-zwingende Schönheit / mit der
belobten Tugend / im gleichen Grad bestehe / habe ich mich / wider Verhoffen
/vor den bekennen müssen / der sich seelig schätze /dafern er mit der Hoffnung /
auch der geringsten Gegen-Gunst / beglücket würde. Wie mir nun solche in etwas
erkläret wurde / durch die Erlaubnus / ihre Kunst- und Tugend-Schulsferner zu
besuchen: als habe ich / schon damals / mich vor hoch-beglückt gehalten / dass
ich von dem Himmel gewürdiget sei / in der angenehmen Brunst / gegen Macarien /
mich zu bemühen. Es verbitterte aber die erwachsene Freud /mein damaliges
Unglück / das mich durch die Fluten von Macarien scheidete: weil mir der
hochgepriesene Ruhm / dieser Göttin / ernsten Befehl gab / mein Leben / entweder
mit Ehren / zu erhalten / oder zu verderben. Was mich nun biss daher für ein
Schmertzen gedrucket / wird niemand glauben / er verstehe dann / die Brunst des
Verlangens / nach dem / das unser Hertz gefangen hält. Doch bin ich zum öfftern
getröstet / teils durch ihr Andencken / teils durch die Erinnerung / ihres so
wunder-süssen Namens /von dem ich durch die Tafeln / in dem Tempel der Liebe
(wie sie allbereit von Talypsidamo wird vernommen haben) bin verständiget worden
/ dass ich das Gelübd ihrer Einsamkeit / Ach! wolle der Himmel! durch mich /
aufheben solle. Wie ich nun alles das /vor ein Zeichen künftiges Glücks / und
der Versehung des gütigen Himmels halte / als zweifle ich nicht / allerschönste
/ allerholdseligste Macarie! sie werde sich über mich erbarmen / und mich / wo
nicht mehr / doch ihren Diener / sterben lassen / der ohne sie nicht leben wird
/ noch leben kann / so lang er lebet. Und mit diesen Worten / nahm er noch einmal
die Freiheit / ihre beschönte Hand zu küssen.
    Macarie / halb-gewonnen / hätte lieber gleichstimmige / als wider-sinnige
Wort geführet / doch musste sie ihrer weiblich-gebührenden Zucht und Höflichkeit
/ vor dissmal / Folge leisten / und anders reden /als sie gedachte. Daher sie die
Rede Polyphili auf solche Art beantwortete: Mein Polyphile! wann ich euer Hertz
/ diesen Worten und Geberden gleichen darff /hab ich mehr Ursach / über euch zu
klagen / dann zu lieben. Gedencket doch der Künheit / die ihr begehet /da ihr
das Gelübd / der ewigen Einsamkeit / bei mir geredt wisset / und gleichwol mich
mit solcher Rede besprechen dörffet. meint ihr / dass ich meiner vergessen habe
/ dass ich nicht wisse / wer Macarie sei? Ist das das Ziel eures Verlangens / so
habt ihr euch /in Warheit! sehr betört / wann ihr die geringste Gefahr / mich
zu erlangen / ausgestanden. Zwar bin ich Danck schuldig / so fern ich vernehme /
dass ihr meine wenige Tugend zu suchen / so viel erlitten / da aber die
End-Ursach auf die Liebe fallen sollte / würde sich der Danck / in eine Straff /
und die Bemühung / in Hass verkehren: weil Liebe zu erwählen / von mir so ferne
ist / als der Himmel von der Erden. Anlangend meine Schönheit / dadurch ihr euch
gefangen bekennet; ist mir unwissend / wo dieselbe muss Stricke überkommen haben
/ damit sie euch gebunden: massen ich ihr kein Geld / um eins einzukauffen /
traue. Isis also / meines Erachtens / eine blosse Einbildung. Und was die Tafeln
/ in dem Tempel der Liebe / von meinem Namen / und Auflösung des Gelübds /
sollen gezeuget haben / das erkenne ich vor einen nichtigen Betrug / der falsche
Furcht und Hoffnung / bei euch /und mir würcken will. Werdet ihr euch demnach
eines bessern besinnen / edler Polyphile! und meiner mit solchen Worten schonen
/ die nicht nur meinem Vorsatz der Einsamkeit / sondern auch eurem Tugend-Ruhm
höchst-nachteilig sein würden.
    Wie hoch Polyphilus / über diese Antwort betrübet worden / kann männiglich
daher leicht schliessen / dass Polyphilus das Hertz der Macarien / den Worten
gleich hielt / darum weiss ich nicht / ob die mächtige Kümmernus oder die noch
unerdämpffte Hoffnung /nachgesetzte Antwort / durch seinen Mund heraus gegossen
/ so bald Macarie das Wort erwähnte / er solle ihrer schonen. So sprach aber
Polyphilus:
Wie spricht sie? schone mein! ach! harte Schmertzen-Wort!
So soll ich / Liebste! nicht hinwider Liebster heissen?
So will sie / Schönste! gar das Hertze von mir reissen /
das vor nicht in mir ist? Soll der beliebte Ort /
da meine Seele liebt / nun werden mir zum Mord?
Ach! dass ich nie gelebt! so könt ich jetzt nicht sterben:
Ach! wär ich nie gewest! so könt ich nicht verderben:
Nun aber ists umsonst / ich muss / ach! ich muss fort /
warum? weil ich / ach schmertz! derselden soll verschonen
die mein doch schonet nit; die mich heisst selber wohnen
an einem andern Ort / und von ihr ferne sein.
O mit was Hertzen-Weh! das hemmet meine Freuden /
das bindet meine Lust / und löset auf mein Leiden.
Das mehret meinen Schmertz / das häuffet meine Pein:
doch aber / schönster Schatz! sie schone / bitt ich / mein /
und weise mich nicht ab / wann meine treue Sinne
sich trauen ihrer Gunst: damit ich wieder könne
ihr selber schonen auch; und nicht der falsche Schein
bei andern gelte mehr / als will die Warheit leiden /
so will ich frölich jetzt / hinwider von ihr scheiden.
Muste doch Macarie sich erbitten lassen / wollte sie anderst das Laster der
Unbarmhestzigkeit nicht üben. Darum sie die Wort Polyphili mit einem
freundlichen Blick beantwortete / und nichts mehr widersetzte / als dass
Polyphilus / mit der Zeit / sich schon besser bedencken werde.
    Da hatte Polyphilus einen Trost / deswegen er / so schön und höflich er
kunte / sich zu ihr nahete / und seine lincke Hand in ihre Rechte / den rechten
Arm aber / um ihren zarten Leib schlug / und die Vergnügung seines Verlangens /
mit einem beseufftzeten Andruck bezeugete. Macarie / wie sie aller
Freundlichkeit voll war / lächelte darüber heimlich / doch so /dass die Berötung
der Wangen / die inwendige Scham / alsbald entdeckte: welche dem Polyphilo Anlass
gab / zu fernerm liebreitzendem Schertz / so gar / dass er / aber mit grosser
Höflichkeit / den Purpur ihrer Wangen berührte / und als die Liebhabende pflegen
/ aufs freundlichste spielete.
    Nun sollte eins die Freud-gebährende Ersinnungen des hundert-beglückten
Polyphili erzählen / er müste ein Himmelreich voller Herrlichkeit / und ein
ewiges Wohl bewähren Ach! du seeliges Hertz! wie ruhest du sicher in den
Gunst-winckenden Augen / deiner allerschönsten Macarien: Ach! ihr vergnügte
Sinne / wie werdet ihr so truncken von der Lust / die die Freundlichkeit / der
allersüssesten Macarien einschencket? Und ach! du nunmehr ganz himmlische Seele
/ wie leuchtest du in der Klarheit des schönen Hertzens /deiner geliebten
Macarien: dass es doch müglich wäre / die Mannigfaltigkeit deiner seeligen
Vergnügung auszusprechen / und das Lust-herrschende Hertz / das nunmehr in dem
Schoss Macarien ruhet /mit gleich-lieblichen Farben abzumahlen / dass alle Welt in
dir ein Schau-Spiel sehe / ja ein Muster völliger Zufriedenheit: glaube mir /
Polyphile! ich wollte deinen Ruhm nicht ersterben lassen. Nun aber ist das
menschlicher Schwachheit versaget / darum ichs sicherer / mit meinem Hertzen
besinnen / als mit der ungelehrten Zung verringern will.
    Was tut aber Polyphilus ferner mit Macarien? So sollte der fragen / der
nicht weiss / was verliebte Hertzen zu tun pflegen. Besser wäre gefraget: was
hätte Polyphilus gerne getan? darauf wir antworten könten: er hätte gern recht
geliebt / und / die trockne Warheit zu bekennen / die Befriedigung seines
Wunsches / mit einem Kuss versiegelt. Allein die Schamhaftigkeit / der gar zu
züchtigen Macarien / verleitete das Hertz Polyphili zu einer Furcht / dass er
nicht wagen dorffte / was er so hertzlich verlangte. Es ging dem guten
Polyphilo / wie es allen Verliebten ins gemein zu gehen pflegt / die auch in der
höchsten Vergnügung dennoch unvergnügt bleiben. Der erste Schluss seiner Begierde
verlangte bloss Macarien zu sehen / und als er das erlanget / folgte der Wunsch
ihrer Gewogenheit / diesen empfieng die Freude ihrer Gunst: nun will er gar auch
die Früchte lesen / da er doch nie gepflantzet oder gesäet / und wer weiss /wann
er auch diss überkommen / ob er nicht noch mehr verlange.
    Aber / war Polyphilus hitzig im Begehren / war Macarie desto kälter im
gewähren / die / so bald sie merckete / dass die Brunst bei Polyphilo überhand
nehmen wollte / fieng sie mit grossem Verstand an /seinen Fehler zu straffen /
und ihn zu erinnern / dass er ihre Freundlichkeit / durch keine Liebe deuten
solle /die ihr Hertz besiege / und den Vorsatz der Einsamkeit zerstöre:
besondern / weil er Tugend liebe / und Kunst suche / ja vielmehr mit beiden
allbereit so bereichert sei / dass er deswegen zu lieben und zu ehren / wolle sie
bekennen / dass sie seine Liebe wieder lieben / und sein Gedächtnus ehren müsse /
wie er bezeuge / dass auch ihr Andencken / in seinem Hertzen / verwahret bleibe.
Aber / sprach sie ferner / so ihr euch einige Einbildung einer solchen
Gewogenheit machet / die euch vor meinen Liebsten erkenne / betrüget ihr euch
gar sehr: weil ich ausser dem / der meine Seele / mit sich / gen Himmel genommen
/ und an deren statt sein Gedächtnus / meiner Einsamkeit zum Trost / mir
hinterlassen / keinen mehr erwählen kann / noch will; sondern die Treue halten /
dem ich sie zu halten / durch mein Versprechen / schuldig bin.
    Das war ein Anstoss / welcher die Ruhe Polyphili verstörete / der keine
solche Wort mehr von Macarien gehoffet hätte: als der ihm / der Liebenden Art
nach /allbereit die eheliche Gunst und Treue / von Macarien / versprochen hatte.
Darum er sich müglichsten Fleisses dahin bemühete / dass er die betrübte
Einsamkeit derselben verhasset; die Freude aber / in Gesellschaft / beliebig
mache. Fieng demnach die Rede der Macarien auf solche Art an zu beantworten:
    Allerschönstes Hertz! derselben Schluss / die Zeit ihres Lebens / in dem
Gefängnus der betrübten Einsamkeit zu verschliessen / wird hoffentlich so steiff
nicht verfasset sein / dass er nicht zu reiffern Bedacht ausgestellet / und mit
besser Besinnen / könne geendet werden. Sagt mir / Tugend-verständige Macarie!
was veranlasst sie zu solchem Vorsatz? Ist es ein Missfallen ob dem Welt-Wesen /
so kann solches / in anderer Begebenheit / mit Wohlgefallen / erstattet werden.
Ist es / die Sünde zu vermeiden / so wird sie in der Einsamkeit mehr versuchet
werden / als sie in der Gesellschaft zu fürchten. Dann das glaube sie vor gewiss
/ dass sie nie weniger allein ist / als wenn sie allein ist. Oder / ist ihr
Vorsatz / denen Unsterblichen zu dienen / so kann sie solches / unter dem Hauffen
andächtiger Anbeter / mit viel heftigern Geist / verrichten. Massen auch
solches den Göttern angenehmer ist / als welche die Gesellschaft der Menschen /
zu ihrer Ehr-Beförderung gestifftet. Ich will glauben / ihr Vorsatz sei
wolgemeint / und sie sei entschlossen /sich denen Göttern aufzuopffern / und die
Zeit ihres Lebens / mit deren Lob und Dienst / zuzubringen: welcheslich selber
loben muss / als dass keiner misssprechen kann: sollte sie nicht aber gleiches auch
in der Welt / und unter der Gesellschaft der Menschen leisten können / ja so
gar auch mit grösserm Nutzen /und dem Himmel selbst wohlgefälligern Dienst / in
dem sie auch andere zu gleichen Tugenden / mit Worten und guten Exempeln /
ermahnen wird. Betreffend die Pflicht / damit sie sich denen Verstorbenen annoch
verbunden meint  / ist solche mehr eine selbst- Bedunckung / und grosser Schaden
/ als ein gebührender Zwang / den ich hoffe derselbe / so nunmehr in der
erfüllten Lust der Himmel vergnügten Freuden lebet / nicht begehren wird / dass
man seiner erwarte / weil das eine Unvollkommenheit / seiner himmlischen
Zufriedenheit / erdichtet wäre / die einig ruhet in der vollkommenen Freude /
und sich nicht sehnet nach dem / was er verlassen / sondern vielmehr sich freuet
/ wegen dess / was er gefunden. Und wann er gleich (das doch nicht glaublich) ein
sehnlich Verlangen trüge / das ihrem Hertzen den Zwang der Einsamkeit aufbürden
könnte / weiss ich doch / dass er sich hoch betrüben würde / dafern sie verlassen /
ihre Zuflucht nicht zu ihm gen Himmel nehmen könnte / in dieser Welt aber keinen
Trost finden. Dann den Himmel zu ersteigen / stehet nicht in unsrer Macht. Das
ist doch der sicherste Schluss / dass / die der himmlischen Freude geniessen /
nicht wollen / dass ihnen auf Erden / sei durch was es wolle / irrdische Freude
gebauet werde / sonderlich durch ein Gelübd der Einsamkeit / weil sie dorten
nicht mehr freien / noch sich freien lassen. Endlich ist auch das zu bedencken
/schönstes und liebstes Hertz! dass das Gelübd der Keuschheit / welches die
Einsamkeit erfordert / ein solches Joch sei / das vielen zu schwer / ja den
wenigsten zu ertragen vergünstiget ist. Denn ob wir Tugend lieben / müssen wir
doch bekennen / dass wir Menschen sind: ist nun Macarie auch unter die
Menschen-Zahl zu rechnen / wird sie auch deren Gebrechlichkeit mit unterworffen
sein. Verzeihet mir / Tugend-reiche Macarie! dass ich euch so bespreche / die ich
billiger eine Göttin / wegen der Tugend / und einen himmlischen Schatz aller
Keuschheit nenne /und nennen sollte / wann mir nicht wissend wäre / wie so oft
menschliche Schwachheit / denen anfeindenden Lastern / nicht widerstehen kann /
ob gleich Hertz und Sinn mit der beliebigen Tugend wohl verwahret. Darum sollen
wir unsere Schwachheit und wandelbahres Tun / benebens den Leibs-Kräfften /
wohl prüfen / bevor man sich einer solchen Dienstbarkeit ergiebet / in welcher
alle Reu zu spat eingewendet wird. Und dass ich viel mit wenigen fasse / es ist
keine Tugend / die nicht mächtiger / nützlicher und herrlicher / ausser dem
Zwang der Einsamkeit / freiwillig /als in demselbigen gezwungen kann beliebet und
geübet werden. Ja! ich kann erweisen / dass auch viel / der allernutzlichsten / in
derselben vergessen werden / als der Gehorsam gegen die Eltern / dem man sich in
der Einsamkeit entziehet / oder wo das nicht / doch zum wenigsten der Dienst /
den wir unserm Nechsten zu leisten schuldig / weil wir nicht allein uns /
sondern auch andern behülfflich zu sein / geboren. Darum wir uns nicht aus der
Welt winden / und eine gezwungene Widerwertigkeit mit der Gottseligkeit
bemänteln // oder den Ehrgeitz in der Demut suchen sollen.
    Aus diesem Gespräch konnte Macarie leicht schliessen / dafeen sie sich dem
entgegen setzen werde /werde der Eyfer Polyphili noch heftiger / und also ein
Anfang werden eines neuen Streits / aber kein Ende seines Verlangens; deswegen
sie / voller List / mit diesem Schertz / seine Rede beantwortete: Edler
Polyphile! ihr saget mir / was ihr wollet / werde ich doch meine Einsamkeit
nicht ändern / es sei dann / dass ich von grosser Schönheit verführet werde. Das
war ein Schertz / aber in den Sinnen Polyphili / erweckete er so ein ernstlich
Nachdencken / dass er nicht wusste /was er glauben / was er dencken / was er
antworten sollte. Wie verwirret er damals in seinem Gemüt gewesen / zeugen
gnugsam nach gesetzte Verse / die er eben damals / weil die schöne Macarie / um
etwas ihrer Dienerin zu befehlen / alsbald nach diesen Worten / aus dem Zimmer
ging / und ihn / mit dem Versprechen der nächsten Wiederkunft / allein liess
/wehmütig verfertigte:
Ist das der letzte Schluss? Ach! aber / ach! mich Armen!
sie will / und will doch nicht / sich über mich erbarmen /
so sehr ich flehe auch; halb ja / halb wieder nein /
soll / seh ich / ihre Gunst / und ihr Versprechen sein.
Das ist die Frauen-List / das sind die klugen Sinne
das rechte Meisterstuck / dadurch sie mich gewinne /
und führe zu dem Netz; sich dem ergeben bald /
der leichtlich ist verliebt / macht manche Liebe kalt.
Doch aber nicht bei mir: ich will dir / Schatz! versprechen /
dass mein getreues Hertz soll keine Liebe brechen /
die nicht beständig ist: ich bleibe / wie ich bin /
und gebe meine Pflicht / mit samt dem Hertzen hin
in deine Gegen-Gunst: lass aber auch mein Lieben
nicht gar vergeblich sein: erfreue mein Betrüben
mit einem frohen ja / lass fahren alles nein /
so will hinwieder ich dein Knecht und Diener sein /
wie du bist mein Befehl; dir will ich mich ergeben /
dir meiner Herrscherin / und dir zu Willen leben /
in allem / was du wilt / dein Sinn / Gebot und Rat /
dein Wünschen / Wort und Will / soll bleiben meine Tat.
Drum sag mir / liebes Kind! willt du noch mehr alleine /
und einsam bleiben fort / willt du / wie ich der deine /
hinwieder meine sein? Gib / Liebste! kurtz Bericht /
ob ich hinwieder sei dein Liebster / oder nicht?
Sie spricht: ich ändre nicht / was ich mir vorgenommen /
die Einsamkeit soll nicht aus meinem Sinne kommen /
es müste denn geschehn / dass eine schöne Pracht /
die eitle Einsamkeit mir hätte schwartz gemacht.
Ach wessen! wessen ach! Es ist ja nicht die meine /
die sonsten gar nichts ist: weil ich ganz hesslich scheine
von Sorgen blass und bleich: wie kann ich schöne sein /
da meine Krafft verzehrt die heisse Liebes-Pein?
Drum ist mir doppelt weh! entweder ich muss darben /
wo nicht ein andrer gar die eingebundne Garben /
von meinem Acker trägt: und was ich heut aussä /
muss ich beförchten gleich / dass es der Wind verweh:
Dann schöne bin ich nicht: und soll sie das verführen /
so wird man einen kaum wohl unter tausend spüren /
der ihrer Schönheit gleich / durch Schönheit das gewinn /
dass sie ihm ihre Treu zum Pfande gebe hin.
Es wäre / Schönste: dann / dass sie ihn wallte zieren /
mit ihrer hohen Pracht / und hin zum Spiegel führen /
darinnen sie nur sich / und keinen andern seh /
und das viel schöne Bild / an dessen Stätte steh /
den sie hat wollen sehn; es müsse den bestrahlen
ihr helles Angesicht / und seine Lippen mahlen /
ihr Rosen-roter Mund / der hie will schön bestehn /
und von dir Schönheit selbst mit seiner Schöne gehn /
Ists nun so / wie gesagt? dann kann auch ich schön heissen /
und durch entliehnen Pracht / die Strick und Bande reissen
der eitlen Einsamkeit: nun weiss ich / wer er ist /
der dich verführen wird / weil du so schöne bist.
So vergeblich konnte sich Polyphilus trösten / und mit einer nichtigen Hoffnung.
Indes kam Macarie wieder herein / die er mit sonderbahrer Freundlichkeit
empfieng / wie auch Macarie / ingleichen nicht unfreundlich / den Danck
versetzte. Als nun Polyphilus wieder anfangen wollte / seine Schmertzen zu
erklären / und um die Eröffnung dieser verdeckten Rede zu bitten /dass er wisse /
wessen Schönheit sie verführen werde /ihre Einsamkeit zu ändern / kamen eben
Talypsidamus und Phormena herwieder / deren Gegenwart ihn der Antwort beraubte:
    Zugleich Macarie und Polyphilus giengen ihnen entgegen / sie zu empfangen /
Macarie Phormenam /und Talypsidamum Polyphilus / welcher / mit höflichem Schertz
/ dem Polyphilo / wegen erlangter Beute / Glück wünschete / aber die Antwort
überkam / dass er / Polyphilus / wohl gekrieget / aber unglücklich gesieget / so
gar / dass er mehr verloren /als gewonnen. Er deutete aber den Schatz seiner
Freiheit / den nunmehr Macarie / aber ohne Gegen-Geschenck / ihm ganz geraubet.
Dagegen Talypsidamus mit lachendem Mund versetzte: seid zu frieden / Polyphile!
Ein gut Ding will Weile haben. Ihr wisset ja /dass die weibliche Hoheit will
gebeten sein: und was versäuret wird im Anfang / schmecket im End desto süsser.
So spieleten Talypsidamus und Polyphilus. Phormena aber redete mit Macarien bald
von diesem /bald von jenem / welches alles hier zu erzählen / eine Unnötigkeit
/ ja Unmüglichkeit ist. Darum wir nur das melden wollen / dass sich Macarie in
allem verständig und beredt erwiesen / dermassen / dass Phormena sich über
dieselbe wundern / Talypsidamus erfreuen: aber Polyphilus betrüben musste: Dann
so oft sie eine Rede vollendete / oder einen Schertz führete /so oft wurde das
Hertz Polyphili mit getroffen / und der schmertzhafte Kummer seiner
unvergnügten Liebe vermehret. Das wolt ich wünschen / dass ich die Augen
Polyphili und die verliebte Blicke / so er seiner Macarien zuschickete /
eigentlich abbilden könnte: ingleichen auch das Wincken der beschämten Macarien /
die durch Polyphili Schmertzen bewogen / öffters freundlich spielte / und ihren
lieb-winckenden Strahl / gegen Polyphili beseuffzte Blicke sendete: so würden
wir gewisslich bei Macarien ein Wunder der versüssten Lust / und ein Bild
schmertzhafter Verwirrung bei Polyphilo sehen. Weil aber das zu wünschen /
nicht zu erwarten steht / wollen wirs Polyphilo und seiner geliebten Macarien
allein wissen lassen /und ferner sehen / was über der Tafel sich begeben.
 
                                 Anderer Absatz
Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben /
 und wie betrübt / er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in
   etwas / genossen: Lehret den Tugend-Geniess / als die lieblichste Frucht /
                              versauerter Arbeit.
Es hatte Macarie Phormenam / Talypsidamum und Polyphilum zu sich gebeten / dass
sie Abend-Mahlzeit mit ihr halten möchten / welche nunmehr bereitet war. Sie
setzten sich zu Tisch / und wurde Phormena / als die Gesandte der Königin / der
obern Stell gewürdiget / nächst deren Polyphilus den Sitz nehmen sollte: allein
er wollte lieber / um seine Ehr / Liebe kauffen /deswegen er sich / mit
sonderlicher Höflichkeit / in den Sitz Talypsidami / diesen aber in seinen
erhebte /weil jener nächst bei Macarien war. Talypsidamus liess auch gerne
geschehen / was er wusste / dass Polyphilus / nicht ohne Ursach suche. Macarie war
bemühet einen jedweden mit Speiss und Tranek zu bedienen: dem aber Polyphilus
widerstrebte / als welcher schuldiger sei / dem Frauen-Zimmer aufzuwarten
/dafern er nur wisse / dass seine Bemühungen angenehm sein würden. Die
Höflichkeit der Macarien bestritte die Schuldigkeit Polyphili: Diese widersetzte
sich jener / daher ein angenehmer Streit entstund / der den Polyphilum
veranlasste / die schöne Hände der bemüheten Macarien / von den
Tisch-Bedienungen zu ruck zu halten / und in den seinen / mit gleichsam nötigem
Gefängnus / zu verwahren. Weil sich Macarie vor dissmal nicht anderst wollte
zäumen lassen. Aber wie? die geschlossene Hände derer beiden versagten /nicht
weniger dem Polyphilo / wie der Macarien / den Dienst der Aufwartung. Da hiess es
/ wie viel hilffts /wenn wir einen guten Freund haben: Talypsidamus verrichtete
/ was Polyphilus nunmehr nicht weiter verlangte / und gab also gute Gelegenheit
/ nicht allein der Ruhe / sondern auch / dass Polyphilus die zarte Hände / seiner
allerschönsten Macarien / so lang das Mahl währete / in den seinen beschlossen
hielt /ohne / wann sie selber Speise nehmen wollten / das selten geschahe.
Dessgleichen war Polyphilus gnug gesättiget / da er die Hände seiner Liebsten
hatte / und derer Schönheit geniessen konnte. Ach! wie hertzlich druckete er
dieselbe / und so oft ers druckete / spielte die keusche Macarie / mit ihren
verliebten Blicken /zur Seiten / auf Polyphilum / als wollte sie ihn freundlich
straffen: aber Polyphilus bestrahlte sie hinwieder / mit solcher Demut / dass sie
leicht verstehen mochte / er bitte um günstige Vergebung.
    Jetzt lerne ein jedweder Verliebter / an Polyphilo /wie er der Geliebten
Gunst erlangen könne. Seine Bitte vermochte nicht so viel / als die stumme Hände
/welche / weil sie nicht abliessen / besondern öffters den Fehl zu begehen sich
/ wider ihre Bestraffung /unterwunden / musste sich endlich / die so lang
verborgene Gegen-Liebe der gefangenen Macarien / durch das Gegen-Zeichen / den
Händen entdecken / in dem sie dem vorgehenden liebreichen Drücken Polyphili
gleichfertig / aber wie züchtig und höflich? antwortete.
    Da sollte eins die Freude Polyphili geschätzt haben. Aller Reichtum / der
ganzen Welt / wäre wie nichts / gegen diesen Gewinn gewesen / so gar wurden
alle seine Geberden freudiger / dass sich Phormena / wie sie hernach bekannt /
nicht gnug wundern können / über die unverhoffte Veränderung / als die nicht
wusste / auf welchen Grund dieselbe gebauet. Es blieb nicht allein bei dem /
sondern es folgten der Zeichen so viel hernach / dass Polyphilus / seiner
Gewonheit nach / wieder mehr begehrte / sonderlich / da er versichert war / dass
sie ihn liebe. Was begehrt er dann? Folgendes Gedicht wirds bekennen / dass er in
seinem Sinn der Macarien zur Antwort versetzte / da sie ihn zum Essen nötigte /
und öffters zutrincken wollte:
Sie nötiget / mein Schatz! mich höflich / das zu essen /
wornach mich hungert nit; sie schencket mir voll ein
dess ich hab keinen Durst: und den versüssten Wein /
mit dem beliebten Brod / will sie so gar vergessen /
den ich / auf ihrem Mund / zu kosten kommen bin:
Sie nehme / Liebste! nur diss alles wieder hinr
und gebe jenes mir: dann will ich freudig pressen
den angenehmen Safft / durch ihre Lefftzen-Röhr
biss auf das Hertz hinein; dann will ich mehr und mehr
das süsse Zucker-Brod / mit ihrem Honig nässen /
und beides / liebster Schatz! von Hertzen kosten gern /
wann sie mir einen Kuss / vor alles / wird gewährn.
So dorffte Polyphilus dencken: aber nicht reden / das dorfft er wünschen / aber
nicht begehren: sondern zu frieden sein mit dem / was er hatte. Talypsidamus
fieng auch allerhand schöne Diseursen an / deme Phormena antwortete / und weil
er wusste / dass er Polyphilum nicht höher erfreuen könnte / als wann er /von der
Lieb rede / fieng er an / obwohl die Menschen / nach diesem Leben einander auch
lieben würden / wie anjetzo: Und als Phormena das Ja-Wort gab / auch dabei
erinnerte / dass sie / in der himmlischen Lieb / viel mächtiger lieben würden /
fragte Talypsidamus Macarien: ob sie dieses auch glaube? welche versetzte: warum
solt ich das nicht glauben / da ichs schon jetzo bei mir befinde. Dann in der
Gewissheit / da ich glaube / dass mich die Seele liebt / welche mein Hertz annoch
gefangen hält / lieb ich dieselbe gleich so beständig hinwieder / dass auch die
Abw senheit mich nicht trennen kann / von s inem Andencken. So bin ich versichert
/ dafern auch meine Seele /jener folgen wird / wird diese Liebe / nicht nur
gleich-kräfftig / sondern viel mächtiger werden / und sich so tätig erweisen /
dass ich in diesem / meinem Erwählten / selber die Götter / und alle
Auserwehlte lieben werde.
    Wohin diese Wort zielten / konnte Polyphilus bald mercken / darum er sich /
mit folgender Antwort / bemühete / ihr diesen Irrtum zu benehmen / der sie / in
der Liebe / ihres vorigen Liebsten / zu weit verführet. Darum sprach er: So
meint  sie / Kunstverständige Macarie! sie werde / in jenem Leben / mehr lieben
/den / daran ihr Hertz / in dieser Welt / gebunden war /als andere / die sie in
dieser Sterblichkeit nicht geliebt? Nein / Macarie! sie irret weit / und
glaubt das Widerspiel. Dann da sie die Beschaffenheit / der Verklärten / in
jenem Leben / besinnen wird / wird sie erfahren / dass die Auserwählte sämtlich /
in dem höchsten Grad der Liebe / bestehen / deren nichts zugetan / nichts
abgebrochen wird: wollen wir anderst / / denen himmlischen Vollkommenheiten /
nicht eine Unvollkommenheit andichten. Gleichwol / fieng Macarie an / hat die
Seele solche Wirkungen / dass sie sich mehr neige gegen dem / welchem sie sich
vertrauet / und von dem sie erkannt ist / als dass sie sich dem Fremden ergeben
solle. Zu dem sind so vereinigte Seelen / nicht zwei / sondern eins / welchem
Grad der Lieb nichts zu vergleichen ist / und ruhet das Hertz mehr allda / wo es
liebt / als da es wohnet. Darum die Liebe / welche das Hertz mit sich nimmt
/und die Treue versiegelt / unzweiffelbar kräfftiger und gültiger sein muss / als
die / so bloss eine Liebe / und nichts mehr ist.
    Alle verwunderten sich / der Sinnlichkeit / dieser hoch-verständigen
Macarien; Polyphilus aber entsatzte sich darob / weil er sich fast überwunden
bekennen müssen / wann er nicht noch die Ausrede gefunden /dass wir / in
himmlischen Dingen / unsrer Vernunft ein Gebiss legen müssen / daher er ihren
Einwurff /auf solche Art / widerlegte: Hochverständige Macarie! menschlicher
Beschaffenheit nach zu reden / ists freilich so / wie sie zeuget: allein / das
würcket die jrdische / nicht himmlische Liebe. In dieser Liebe / damit wir
Menschen lieben / ist immer fort noch eine anklebende Unvollkommenheit / so
entweder die Furcht /oder das Misstrauen gebiehret / daher wir uns nicht so wohl
allen / als einem ergeben / und mit dem unser Hertz verbinden / dass wir eine
Seele sind / die die Sterbliche Mann und Weib nennen: aber weil im Himmel / die
Herrlichkeit der Liebe / so vollkommen / dass kein Hass / kein Neid / keine Furcht
/ noch einiger andrer Flecken dieselbe besudeln kann / werden wir untereinander
auch ein Hertz sein / und uns allen trauen / wie einem / weil wir von keinem
nichts böses zu fürchten / und von allen gleiche Liebe zu hoffen /ja zu
geniessen haben. Und diese Vollkommenheit der Liebe / bestehet eben auf dem
Grund / der völligen Erkäntnus / welche uns alle gleiche Vertraute gebähren
wird. Daher werden wir den Fremden lieben / wie den Vatter / weil uns jener mit
vätterlicher Liebe liebt / wie der Vatter. Den Unbefreundeten / wie den Sohn /
weil die söhnliche Liebe / die Liebe dessen /nicht wird übersteigen. Und die
Befreundin / wird sich gleichen der Mutter / diese hinwieder dem / dem wir mit
nichts verbunden sind: weil ein Band der Liebe die Hertzen insgesamt binden wird
/ und so vereinigen / dass sie in dem höchsten Grad der Freundschaft nicht haben
/ das sie mehr oder weniger lieben sollten. Wird demnach / die so treu-liebende
Macarie /mich als denn eben so hertzlieb umfahen / als sie in ihrem Sinn die
Seele des Verstorbenen heget: es wird ihr die Liebe Polyphili eben so angenehm
sein / als die Liebe dessen / darauf sie hoffet / ob sie gleich jetzo das nicht
verstehen will.
    Männiglich merckete gar bald / wohin dieser Schluss gerichtet war /
sonderlich Talypsidamus / der mit gleichem Schertz anfieng: So muss Macarie
Polyphilum auch jetzo lieben / damit sie nach dem erfahren könne / ob der Schluss
Polyphili richtig? Darüber sie sämtlich anfiengen zu lachen: Polyphilus aber
wünschete / dass der Schertz wahr würde. Und weil Macarie in solchen Sachen / die
den weiblichen Verstand übersteigen / sich gern überwinden liess / und dem
Polyphilo freiwillig den Sieg gönnete / mochte sie nichts antworten / wiewol sie
das alles mit guten Gründen hätte widerlegen können / darum sie / nach
geendigter Mahlzeit / aufstunden / und sonsten andere Ergötzlichkeiten suchten.
    Talypsidamus war ein Liebhaber der Musie / deswegen er zu dem Instrument
eilete / welches / auf einem andern Tisch / gegen der Tafel über / stund /und
allerhand anmutige Gesänger spielte. Und weil Polyphilus leicht schliessen
konnte / es werde die Kunst-erfahrne Macarie / sich dessen erfreulicher Ergötzung
/ in ihrer betrübten Einsamkeit / gebrauchen /verlangte er / deren zarte Finger
/ wie künstlich sie die klingende Saiten erzwingen würden / zu sehen / allein er
vermochte nichts erlangen. Da sie nun alle um den spielenden Talypsidamum herum
stunden / und Polyphilus neben dem Instrument / auf den Tisch sah /wird er
eines Buchs gewahr / das er zur Hand nahm /und eröffnete. Er befand die
Poetische Wälder / des teutschen Helden Opitii / mit denen Macarie ihre Zeit zu
kürtzen pflegte. Und weil er / eben im Auftun /das 24ste Gedicht im 4ten Buch
erblickte / darinnen die Poetin / Veronica Gambara / ihres Liebsten Augen
anredet / als sie ihn küsset / ward er dermassen betrübet / dass er / mit
seufftzenden Worten / die Glückseligkeit desselben / durch sein verbittertes
Unglück /beklagte. Ach! fieng er an / du glückseliger Adonis! (dann so hiess der
Poetin Liebster) wie bist du / durch deine Liebste / biss an die Sternen erhoben
/ ich aber in die unterste Hölle verstossen worden. Sind das nicht herrliche
Wort / damit dich deine Freundin gepriesen / und gleichsam um diesen Kuss
gebeten? wie gern wollte ich die Meine selber bitten / selber preisen / und nie
keinen Danck von ihr begehren. Ach! ihr wunderbare Götter! wie teilt ihr das
Glück so ungleich / womit hat Adonis mehr Beseeligung verdienet / dann ich? habe
ich nit so treu geliebt / als er? oder hab ich zu brünstig geliebt? Ey so
kühlet die Brunst meines Verlangens / mit der Erfüllung / will ich gern gleiche
Strafe leiden. Ach! soltest du /schönste Macarie! einmal soiche Wort / ja nur
ein solches mir gönnen / glaube mir / ich wollte an der Vermehrung deines Ruhms
ewig arbeiten / und dich nicht nur dem Firmament / nicht nur einem hellen Glantz
/und güldenen Strahlen gleichen; wie diese Liebhaberin ihren Adonem: sondern gar
der Sonnen / die alle Welt erleuchtet / und dem Glantz / der durch die Himmel
dringet / dann ein solcher ist deine Tugend.
    Als Polyphilus / wegen dieses Wunsches / sich etwas lang aufhielt / und in
dem Buch / ferner suchete / auch Macarie / an seinen Augen / die inwendige
Veränderung erkennete / trat sie hinzu / fragende /was Polyphilum so bestürtzt
mache / und nach dem sie sein Anliegen vernommen / zwang sie die Liebe /zu einer
Erbarmung / dass sie sich dem Willen Polyphill nicht entzogen hätte / möchte er
nur selber das Hertz fassen / und seinen Wunsch zu Werck richten. Dann so
verständig war Macarie wohl / dass sie wusste / ein Kuss könne viel erhalten / viel
versöhnen und stillen / aber nichts schaden / darum sie auch deren Bäurischen
Grobheit / mancher Weibs-Bilder /sich nicht teilhaftig machen wollte / denen
man mehr / mit Zanck und Widerwillen / einen Hauch anwehen / und an statt des
Mundes / oft die Nasen /oder Ohren / ja! wie jener / das Genick abstehlen muss /
als mit züchtiger Höflichkeit und höflicher Zucht / einen holdseligen Mund-Druck
verehren. Macarie wusste wohl / dass der Kuss gleichsam das aufgedruckte Siegel
eines lieb- und treu-beflissenen Willens / und ein Pfand künftiger Vereinigung
sei / dadurch sich die Seelen in sich selber verwirren / und im Geist zusammen
fliessen. Sie wusste / dass diss der beste Liebes-Zeuge und Bürge / ein Stiffter
und Auffentalt der Lust / und endlich der überbleibende Trost sei / der sich in
die Seelen wickle / und das Hertz mit freudiger Hoffnung versüsse. Sie wusste
/dass diss zwar die stumme / aber allervernehmlichste Sprache sei / des verliebten
Hertzens / und die allerschnelleste Frag und Antwort / deren / die durch solchen
süssen Lippen-Biss / gleichsam von einem Odem leben. Ja! sie wusste / dass dieses
Zucker-Brod die endliche Verbindung aller Schmertzen Polyphili / ihr aber
selber ein Zeichen seiner brünstigen Zuneigung und der getreuen Liebe sein
würde. Gleichwol dorffte sich Polyphilus nicht erkühnen / diese Blumen zu
brechen / oder das Zucker-Brod zu kosten. Er suchte allerhand Gelegenheit / wie
er mit Macarien allein reden möchte / darum er sich / mit derselben / etwas
ferne vom Talypsidamo / der mit Phormena ins Gespräch geraten / auf die Banck
niederliess / und voriges Gespräch wieder anfieng.
    Da er nun die Gelegenheit gewonnen / sein Vorhaben gäntzlich zu entdecken /
wie er nicht ruhen noch leben könne / wofern er nicht wisse / dass er mit
Macarien leben / und bei Macarien ruhen solle / auch so gar das Versprechen
ihrer Treu und Beständigkeit forderte / fieng Macarie etwas offenhertzig an:
Geliebter Polyphile! glaubt / dass ich euch liebe / und von Anfang / da ich euch
gesehen / gleichfertig geliebt; versichert euch auch / dass ich euch hinfort
lieben will: allein eine solche Liebe zu erwählen / die das Band der Ehe
verknüpffe / ist mir nicht nutz / und euch schädlich. Denn ich bleibe doch in
den Schrancken meiner erwählten Einsamkeit / und ihr müstet mich dauern / wann
ihr euch so verstecken soltet. Wollet ihr Dienstbarkeit erwählen / da ihr den
edlen Schatz der Freiheit halten könnet? wie werdet ihr euch selber betrügen.
Saget mir doch / was beweget euch zu solchem schädlichen Vornehmen? welche
Erwählung erwählet / bei euch / den Dienst / vor Freiheit? Ihre Tugend / fieng
Polyphilus an / Tugend-bereichte Macarie! ihre Kunst und Verstand /
Kunst-verständige Macarie! ihre Schönheit und höfliche Sitten / allerschönste
Macarie! von denen männiglich zeugen und bekennen muss / dass ihr keine / in
dieser Welt / zu gleichen.
    Das ist Einbildung / versetzte Macarie / und ein nichtiger Schertz. Nein /
sagte Polyphilus / was andere zeugen / kann bei mir keine Einbildung sein / und
was ich selber erfahren / kann bei andern kein nichtiger Schertz heissen. Darauf
Macarie hinwider antwortete: Das ist seine Höflichkeit / ich muss sehen / dass er
nur zum Schertzen ist hieher kommen. Aber Polyphilus widerlegte: Wie könnte mich
meine Höflichkeit in solche Schmertzen versencken? wie könnte der Schertz so
ernstliche Wort / durch das ächtzende Verlangen meines Hertzens / führen? wie
könnte ich / ohne not zwingende Ursach / in einem so heftigen Begehren
/arbeiten? Was begehret ihr dann? fragte Macarie. Darauf Polyphilus: Ach! dass
sie mich liebe / und mein Hertz mit dem ihren vermähle! Macarie antwortete:
Darff ich wieder etwas von euch begehren / so bitte ich / wann ich sterbe / dass
ihr meine Seele mit einer Leich-Oden begleitet / dadurch ihr euer Hertz
vermählen könnet. Dann das solt ihr wissen / dass meine Gedancken sich mehr nach
dem Grab / als dem Braut-Bett sehnen / und meine Ohren lieber ein Todten-Gedicht
/ als Hochzeit-Lieder hören wollen. Darum ihr ein anders Begehren tun wollet /
dann dieses ist nicht in meinem Vermögen / euch zu gewähren. Ach! sagte
Polyphilus / ists dann nicht müglich / dass ich ihre Gunst ehlich gewinne / so
liebe sie mich / bitte ich / dennoch in ihrem Hertzen / und vergönne mir den
freien Zutritt / ihrer Würde zu dienen /vielleicht möchte der gnädige Himmel
ihren Sinn ändern / und den Vorsatz der Einsamkeit verwechseln. Das will ich
tun / antwortete Macarie / doch so fern es, ohne Beleidigung eurer Liebsten /
geschehen kann. Meiner Liebsten / fragte Polyphilus? Ach! wie solt ich eine
Liebste / ausser Macarien / erwählen! wie könt ich meine Seele einer höhern
Würde vermählen? Das ist unmüglich / und wird man ehe Polyphilum nicht mehr
nennen / ehe man eine Liebste Polyphili / ohne der allerwürdigsten Macarien /
nennen wird. Darauf Macarie / mit lachendem Munde / anfieng / weiss ich doch /
dass ihr Atychintidam / die Königin / liebt. Dessen Polyphilus eben auch lachen
musste. Da er aber merckete / dass mit dem Schertz Macarien / auch ein Ernst
unterlauffe / fieng er an sich hoch zu verfluchen / dass er keine Liebe / noch
einige Bezeugung der Gewogenheit / sich / gegen derselben / vernehmen lassen /
sondern was er tun müssen / fordere den Danck / den er ihr / vor ihr Guttaten
/ mit Billigkeit bezahle. Dann / sprach er / was sollte mich verleiten /ein altes
Weib zu lieben? Die Schönheit? sie ist in Warheit verruntzelt. Die Tugend? sie
hat sich mächtig verblühet. Den Verstand? Er ist mercklich gewichen. Die
Lieblichkeit? Sie ist offtermals sehr versauert /und so gestaltet / dass sie mehr
Hass / als Liebe gebiehret. Nein / liebste Macarie! sie einig / und sonst keine /
soll das Hertz Polyphili besiegen / so gar / dass ob ich gleich / das Glück / von
dem widerwilligen Himmel / nicht erbitten könnte / ihrer völlig zu geniessen /
ich mich dennoch verpflichten will / so lang sie lebet / ein gleich-einsames
Leben zu wählen / und ihrer zu gedencken / auch meine Ehr-Bedienung offtmals
gegenwärtig zu bezeugen. Da sie aber sterben sollte / mich gleicher weise nicht
wägern / ihre Seele zu begleiten / und ihren Leib / ertödtet / meinem beizulegen
/ weil er / in seinem Leben / dessen nicht geniessen können.
    Macarie bedanckte sich seiner Gunst / wiewohl sie noch immer bemühet war /
auf allerhand Art und Weise seinen Vorsatz zu wenden / biss Talypsidamus und
Phormena mit dem Ende ihres Geschwätzes /auch das Gespräch Polypbili mit
Macarien endeten /und zu Hause gehen wollten: wie sie auch Abschied nahmen / und
morgendes Tages / vor der Abreise /wieder zuzusprechen verhiessen. Phormena war
die erste / deren folgte Talypsidamus / Polyphilus beschloss den Reihen / und
nachdem er / mit gar sehnlichen / ja betränten Worten / von Macarien
abscheidete / konnte sich das erbarmende Hertz der mitleidigen Macarien nicht
halten / sondern entdeckte abermal die Treue ihrer Gewogenheit / durch einen
harten Druck der Hand Polyphiii; und weil das Liecht / so vor ihnen hergetragen
wurde / mit Phormena / etwas ferne kommen / so / dass es Polyphilum / durch den
Anblick Macarien nicht mehr beschämen konnte / erkühnete er sich / aber mit
zittrendem Hertzen / auf den Klee ihrer Lippen zu eilen / und den Verliebten
Honig zu samlen. Bald hätt ers auch gewonnen / weil sich Macarie dess nicht
versehen: allein seine Langsamkeit verstärckete die Schamhaftigkeit der
Macarien / dass sie sich dissmal seinem Begehren noch entzog. Doch war das zu
loben / dass er sich nicht alsobald schröcken liess / sondern seiner Künheit / zum
andernmal / Raum gab / mit diesen vorgesetzten Worten: Ach! unbeweglicher Grund
meines Lebens! will sie mich also in dem Feuer der Liebe / ohne einige Labung
brennen lassen / und Abschied geben? Ein einiges bitte ich / damit mein Hertz
ihrer Gegen-Liebe in etwas vergewissert lebe / mir zu gewähren / nämlich den
verzuckerten Lippen-Tau / von ihrem durchsüssetem Munde / zu nehmen / und in
dem erfüllet er die Wort mit Werck / wiewohl nicht ohne schamhafte Berötung
der allerzüchtigsten Macarien.
    Wie Polyphilo muss zu Sinn gewesen sein / kann ein jeder leicht gedencken. Nun
bist du ja mein / allerschönste Macarie! das war der erste Schluss. Nun liebst du
mich ja von Hertzen / allerliebste Macarie! das war der Nachsatz. Und nun bin
ich versichert /dass du mir nichts mehr versagen wirst / allerwehrteste Macarie!
das war der endliche Trost. Wir wollen Polyphilum selber fragen / wie mächtig
die Freude seines Hertzens gewesen / weil ers am allerbesten bewähren kann. Die
Antwort gibt er uns im nachgesetzten Sonnet / welches er eben damals / in den
freudigen Gedancken / die ihn / von Macarien / ins Haus Talypsidami / führeten /
verfertigte:
O tausend-liebe Lust! du süsse Seelen-Speiss!
erfreuest Marck und Bein / jetzt bin ich ganz genesen /
weil ich den Zucker-Safft / von ihrem Mund / gelesen /
ich bin nun selbst die Freud! Ach! auf die wundre weiss
ist meiner Seelen wohl / die den verlangten Preis
vor ihre Treue nimmt. Es ist noch nie gewesen /
der sich mir gleichen könt / der das versüsste Wesen
so süss genossen hätt auf diesem Erden-Cräiss.
Und wird auch keiner sein / der dessen wird geniessen /
und seine Bitterkeit mit solchem Safft versüssen /
als du mir / liebes Kind! auf deinem Rosen-Mund
mit angenehmer Lust / zu stillen mein Verlangen /
zu holen meinen Raub in denen zarten Wangen /
und was ich sonst begehrt / anheute hast vergunt.
Nun gehen die beide / Macarie und Polyphilus / zur Ruhe / dieser zwar / in der
Behausung Talypsidami /Macarie aber / in ihrem gewohnlichen Gemach. Was will
Polyphilus? schlaffen. Was Macarie: ruhen. Wann sie könten. Freilich wohl! Solte
Polyphilum Macarie ruhen: Macarie Polyphilum schlaffen lassen? das wäre wider
die Eigenschaft und anklebende Seuch der Liebe. Nein Polyphilus musste erfahren
/dass denen Liebenden die Nacht zum Tag / und der Tag zur Nacht werde / so gar
kam kein Schlaf in seine Augen. Er sandte die Boten seiner Gedancken zu Macarien
/ / und weil dieselbe / den Befehl Polyphili / für der Tür Macarie / durch
offtmaliges Anklopffen und Erinnerung / sorglich verrichteten / konnte auch diese
/der nächtlichen Ruhe / nicht mächtig werden / indem sie gnug zu beantworten
hatte / wann sie sich des Begehrens Polyphili erinnerte. Beide vertrieben sie
die Nacht / mit Sorgen und Dencken / und wurden nicht wenig erfreuet / dass sie
das Tag-Liecht wieder erblickten / welches sie beide / aus dem Bett / erhebte
/und wieder zusammen brachte.
    Es war noch sehr früh / als Polyphilus wieder zu Macarien kam / die ihn /
nach abgelegtem Gruss / als balden fragte / wie er die Nacht geschlaffen? Darauf
er antwortete: in der Gesellschaft meiner geliebten Macarien. Deme Macarie
widersetzte: wie das sein könne / da doch sie so weit entschieden gewesen? Das
Polyphilus beantwortete: Wann sie gleich / verlangtes Hertz! nun noch so weit
von mir gerissen / bin ich doch bei ihr / weil ich mich / nach dem edlesten
Teil meiner Vollkommenheit / sehne / der bei ihr wohnet /und in ihrem Hertzen
ruhet. So wohl! sprach Macarie / so hab ich / die Warheit zu bekennen / diese
Nacht in eurer Gesellschaft gewachet: welche Wort /wie sie einen Kuss verdienet
hatten / also wurden sie auch damit bezahlet.
    Nicht unbillich sollte sich eins wundern / wo Polyphilus so bald ein Hertz
genommen / und wie bei Macarien so geschwinde die Liebe erwachsen? Nicht nur der
Kuss wurde Polyphilo vergönnt / sondern er dorffte seine Macarien auch wohl in
seinen Schoss setzen. So viel vermochte der einige Kuss / den er gestern gewaget /
dass er ihn billig vor den Stiffter ihrer Freundschaft zu achten. Viel liebliche
und schöne Gespräch verführeten sie untereinander / allein so künstlich und
freundlich Polyphilus seine Reden drehen mochte / kont er doch das Hertz der
beständigen Macarien nicht erweichen / dass sie ihm die Versprechung künftiger
Ehe getan hätte. Da sie nun lang und viel geredt / auch Polyphilus seine
Schmertzen so verbunden / dass ich meine / er könne zu frieden sein / kommt
Phormena mit Talypsidamo / Abschied zu nehmen von Macarien / dessgleich auch
Polyphilus tun sollte. Aber / wie wird er können? Ists müglich /dass er die Hände
verlasse / die er so freudiglich umschlossen hält? Ists müglich / dass er die
Augen verschliesse / die in der Klarheit seiner Macarien so hell gläntzen? Ists
müglich / dass er den Zucker-Mund seiner tausend-versüssten Macarien gesegne? Wie
wird die unerschöpffte Freud / in eine verzehrende / ja wohl gar ertödtende
Traurigkeit / verwechselt werden? Haben dich dann / unglückseliger Polyphile!
die zarten Hände erfreuet / dass sie dich betrüben wollten? haben dich / ach!
betrübter Polyphile! die helle Augen begläntzet / dass sie den Glückes-Schein in
deinem Hertzen verfinstern wollten? Hat dich / O elender Polyphile! der versüsste
Mund so hoch erhebet / dass er dich wieder stürtzen könne? Ach! wie weh wird
deiner Seelen werden in diesem peinlichen Leiden. Ich höre dich schon klagen /
wie du geklaget hast:
Ade / du hartes Wort! so soll ich / Liebste! scheiden!
so muss ich / Schatz! von dir? Ade / du hartes Wort!
kans denn nicht anderst sein? so soll ich / Schönste! fort /
so muss ich / Werte! dich / und deine Gegend meiden?
So kann ich länger nicht / Ach! meine Augen weiden
in deiner schönen Pracht? soll dann die Lieblichkeit /
Ach! zartes / süsses Kind! nicht nur / Ach! nur noch heut
vergösiet sein? Ach Schmertz! was werd ich müssen leiden
wann ich dich nicht mehr seh? Furcht / Sorge / Angst und Not /
Betrübnus / Kummer / Schmertz / wird sein mein täglich Brod.
Dein Safft wird mir zur Gall; die Hände Fessel werden /
zu hämmen meine Lust / zu binden meine Freud /
dein süsser Lippen-Tau gibt lauter Bitterkeit /
es wird mir jetzt zu eng der Craiss der ganzen Erden.
Doch was hilffts / und sollte ihn auch der Himmel gedrücket haben / musste doch
der Wille Phormenä geschehen / die wieder zur Königin eilete. Die Tränen /die
Seufftzer / die Klag-Wort / und das Hertzerzwingende ächtzen Polyphili / sollte
eins gezehlet haben /und das teure Versprechen / seiner Treu und Beständigkeit
aufgeschrieben / wir würden Gelegenheit gnug zu wundern überkommen / doch mochte
das alles nichts helffen / es musste geschieden sein. Macarie begleitete ihn /
mit ihren Augen / so fern sie konnte / aber ihre Seufftzer und Gedancken führeten
ihn gar nach Hause / blieben auch / als die treue Geferten / stets um und bei
ihm: Dessgleichen taten auch die Gedancken Polyphili. Wie Polyphilus muss
gefahren sein /kann man leicht gedencken. Je weiter der Schlitten seinen Leib
wegführete / je heftiger sein Hertz wieder zuruck eilete / so gar / dass er
nichts redete / nichts gedachte / als von seiner Macarien / die ihm Hertz und
Sinne eingenommen.
 
                                 Dritter Absatz
Beschreibet / wie Agapistus / dem ruckwendenden Polyphilo / entgegen gefahren /
ihn zu empfangen /und wie Atychintida / durch die Liebs-Erzehlung der Phormenä /
 erzürnet / dem Agapisto Befehl erteilet /Polyphilum von Macarien abzuwenden /
auch wie sich Agapistus / in diesem / verhalten? Lehret den vierdten Anstoss der
                      Tugend-liebenden / nämlich Missgunst.
So lassen wir nun Polyphilum in seinen bekümmerten Gedancken fahren / und eilen
/ vor ihm hin / zum Agapisto / zu sehen / was der machet. Er verbrachte seine
Zeit / in der Gesellschaft der Königin / und Erwartung Polyphili. Alle Stund
wurden ihm zu lang /weil er Polyphilum nicht sah / doch vergönnete er ihm gern
die Zeit seiner Verweilung / weil er wohl erraten konnte / es würde Polyphilo
wohl gehen. Er hatte auch von Atychintida / wiewol ungewiss / vernommen / dass
Polyphilus Macarien liebe / und stärckete ihn nicht wenig / in dieser Einbildung
/ seine belobte und beliebte Reden / die er / nie ohne sondern Eyfer / von
Macarien geführet. Diese Gedancken beredeten Agapistum / dass er ihm fürnahm /
Polyphilo entgegen / und auf Soletten zuzueilen / damit er aus der Gegenwart
Polyphili und Macarien erkenne / ob ihm Polyphilus seine Lieb verhälet. Setzete
sich derohalben auch zu Schlitten / und nahm den Sohn Melopharmis mit sich /
vorgebend / er wolle ein wenig spazieren fahren. Die Königin war leicht
überredt /weil sie ihr nicht einbildete / dass Agapistus auf Soletten zuzufahren
entschlossen: Erinnerte doch / dass sich Agapistus wohl in acht nehme / damit er
keinen Schaden leide / sonderlich / weil er das verfluchte Pferd (so waren der
Königin Wort) wieder angeschirrt /welches so wohl Polyphilum / als eben
Agapistum selber zu Fall gebracht. Aber Agapistus war etwas verwegen / und
wollte heut erweisen / dass er wohl ein Pferd bendigen könne / dielleicht
Polyphilum zu sch mpffen: Allein er musste gleiche Widerwertigkeit erfahren /
dann ob er morgens früh sich aufmachte / und Polyphilum gar wohl hätte bei
Macarien antreffen können / verhinderte ihn doch / das ungezähmte Ross /so sehr /
dass er den ganzen Tag / mit seiner Fuhr /vertragen musste / die er in zwo
Stunden hätte verrichten können. Denn er auch nicht den halben Weg auf Soletten
hinter sich gelegt / als ihm Polyphilus mit Phormena entgegen kam.
    Den Kuss / damit sie einander zu empfangen gewohnet / verwehrete die Furcht /
es möchten / wenn sie abstiegen / und sich hertzten / die Pferde durchgehen /
bevor da das Ross Agapisti erschröcklich schnaubete / und mächtig wütete. Darum
Agapistus /den Gruss / mit folgenden Worten erklingen liess: Glück zu Polyphilo /
und Freude seinen Gedancken! deme Polyphilus / die Antwort / mit einem
Gegen-Gruss / versetzte. Und Agapistus: was macht Macarie: wie lebt Talypsidamus?
Ist Psychitrechis noch gesund? Polyphilus: sie leben alle wohl / und lassen
Agapistum grüssen / tragen Verlangen / ihn mit nächsten zu sehen. Auch
Talypsidamus und Psychitrechis /überschicken Agapisto den schuldigen Danck / vor
seine beschehene Hülff und Errettung: wünschen / mit nächsten Gelegenheit zu
haben / selbigen gegenwärtig abzulegen / und mit angenehmer Bedienung / zu
erwidern. Sind auch sehr bekümmert / dass er / durch ihre Befreiung / in so
schwere Bedrangnus geraten /dafür sie sich ewig verpflichtet bekennen. Denn
(das wir jetzt erinnern müssen) es hatte Polyphilus / so bald er zu Talypsidamo
/ und seiner vertrauten Psychitrechis kommen / den ganzen Handel / was sich mit
Agapisto begeben / erzählt / deswegen sie teils erschrocken / teils erfreuet
/ Agapistum zu sehen wünscheten / auch Polyphilum ersuchten / einer gelegenen
Zeit zu befehlen / die ihn auf Soletten bringe; Das er mit einem Ja-Wort
versprochen.
    Agapistus / nachdem er alles das von Polyphilo vernommen / bedanckte sich
des guten Willens / und bekräfftigte den Wunsch / mit seinem Verlangen; das er
aber dissmal nicht erfüllen konnte / darum er wieder zu ruck / und mit Polyphilo /
gen Sophoxenien / fahren musste. So bald sie dahin kommen / und abgestiegen waren
/ führete Polyphilus Phormenam / die Gesandtin / zur Atychintida / mit
schuldigem Gehorsam /die sondere Gnad zu erwidern versprechende / die ihn zu den
Führer Phormenoe erwählet. Die Königin konnte der Zeit kaum erwarten / dass
Polyphilus ausgeredt / alsbald sie anfieng / Polyphilum und Phormenam um
Macarien zu fragen / deren Polyphilus antwortete / den Bericht wolle er der
Phormena überlassen / die in allem / die Warheit bekennen werde: und damit nahm
er Urlaub / und eilete zum Agapisto / der allbereit / in seinem Zimmer /
Polyphilum erwartete.
    Wir wollen aber erst melden / was Phormena mit der Königin geredt. Der
Anfang ihrer Rede / war das Lob Macarie / und das Ende war Wunder. Sie erzehlete
alles das / was sich begeben / und wie sie sich /über die Herrlichkeit Macarien
/ nicht gnug wundern könne. Sie berichtete die verständige Reden / die sie so
wohl in weltlichen / als himmlischen Dingen geführet. Sie preisete ihre
Höflichkeit und Zucht; auch die Wunder-schöne Sitten / die sie / aus der
Menschen Zahl / in den Himmel versetze / und der Welt zum Wunder-Bild vorstelle.
Mit einem Wort / die hochgezierte Macarie / sei die einige / deren vor allen
Kunst-und Tugend-liebenden Damen / so viel deren unter der Sonnen leben / mit
Recht / der Name einer Göttin und Beherscherin der Kunst und Tugend / gegeben
werde. Polyphilus aber / fieng Phormena ferner an /ist allein bei Macarien
gewesen / und so viel ich mercken kann / muss er sie hertzlich lieben / weil er
seine Pein / auch in meiner Gegenwart / nicht verbergen können: so hat sich / im
Gegenteil / Macarie nicht unfreundlich geberdet / so gar / dass sie ihm
vergönnet / die ganze Tisch-Zeit / ihrer beliebenden Hände zu geniessen / und
ist das liebwinckende Augenspiel /ein offener Zeuge / eines Gunst-brennenden
Hertzens /gewesen.
    Diese Rede machte die Königin voller Eyfer / voller Missgunst; dieses zwar
wegen des Ruhms Macarien / jenes aber wegen Polyphili / den sie vielleicht
selber gern geliebt hätte. Doch liess sie sich gegen Phormenam nichtsmercken /
beschloss aber / die Verhindernus dieser Liebe / dergestalt zu befördern / dass
Polyphilus Macarien nicht mehr sehen solle. Ach! elender Polyphile! soll deine
Freud so bald zerstöret /und deine Ruh so zeitig vernichtet werden? Soll
Polyphilus Macarien nicht mehr sehen / so muss er sterben: was will Atychintida
dann lieben? Solte sie nicht zu frieden sein / dass er bei ihr wohne / und sich
täglich mit ihm erlustigen könne? Aber das war der Neid /welcher solche Wurtzeln
/ in ihrem verbosstem Sinn /gewonnen / dass er nicht konnte ausgerottet werden:
wofern er sich nicht selber noch verzehren wird.
    So lassen wir sie nun in ihrer heimlichen Bosheit /und sehen / was
Polyphilus und Agapistus getan. Dieses Frag und jenes Antwort / war von
Macarien. Polyphilus erzehlte alles / wie es ergangen / und was er genossen /
auch / wie er nicht zweiffele / es werde /nach dieser Zeit / sein Wunsch also
erfüllet werden /dass er sich / in dem Schoss seiner hertzgeliebten Macarien /
wisse / wie er sie allbereit in dem Seinen ruhen lassen.
    Nun wusste Agapistus / was Polyphilum nach Soletten gezogen / deswegen er
sich mit ihm freuete / und nichts mehr wünschete / als dass seinen Wunsch die
Götter beseeligen / und durch keine Verhindernus / zu ruck halten wollen. Erbot
sich auch willig in allem zu dienen / und dem Polyphilo in seinem Vornehmen
/behülfflich zu sein. Dessen sich Polyphilus bedanckte / und nichts mehr
begehrte / als dass er stets mit ihm von Macarien reden wolle / dann er darinnen
eine Linderung seiner Pein / und eine Versüssung seiner verbitterten Schmertzen
suchete: allein er verstärckete vielmehr seine Not / und erregte / durch solche
betrügliche Freud / dem Hertzen / desto brünstiger Verlangen / das hernach nicht
anderst / als in eine heftige Passion konnte verwandelt werden. Gleichwol
erwählte er ihm die Erinnerung seiner Macarien / sollte auch sein Hertz / vor
Verlangen / bersten. Darum Agapistus allerhand Fragen ersinnete / allerhand
Liebs-Geschicht erzehlte / und auf Macarien deutete / bloss Polyphilum / den der
Schmertzen des grossen Verlusts /in die höchste Bekümmernus / versenckete / zu
trösten. Sie blieben auch in dieser angenehmen Unterredung / biss die Königin
Agapistum zu sich fordern liess / da er Polyphilum allein lassen musste / und
hören / was deren Befehl sein würde.
    Diese / nachdem sie den Gruss Agapisti / mit gnädigem Danck / angenommen /
fieng sie folgender Gestalt an: Edler Agapiste! die Aufrichtigkeit eures Gemüts
/ so ihr uns / in vielen / erwiesen / zwinget mich eurer Verschwiegenheit etwas
zu vertrauen / dass ich keinem andern trauen darff. Ich weiss / dass ihr Polyphilum
hertzlich liebt / und er ist wert / dass er geliebt werde / darum werdet ihr
auch für se ne Woltat sorgen. Ich vernehme / dass Polyphilus Macarien liebe /
und um ihre Gunst zu bitten / diese Reise verrichtet / die er auch unschwer
erhalten. Nun sehe ich /und erkenne / dass / wann Polyphilus in diesem Beginnen
fort fähret / wird er sich / in diesen noch jungen Jahren / alles Glücks und
künftigen Ehr entziehen. Deswegen bitte ich euch / durch die Liebe Polyphili
/ihr wollet / Krafft dessen / dass ihr viel bei ihm vermöget / sein Glück
befördern / und ihn warnen / vor dem künftigen Unglück: widriges Falls ich
gezwungen werde / weil ich schuldig bin / sein Bestes zu befördern / / dasselbe
mit Gewalt zu verwehren / was mein geneigtes Hertz / mit heimlichen Verbot /
widerraten wollen. Bemuhet euch / Agapiste! so viel ihr könnet / saget aber
nicht / dass ich solches gebeten /oder vielmehr befohlen / sondern versuchet eure
Kräffte / mit freundlicher Erinnerung / dafern solche auch etwas richten werden
/ sollet ihr an der reichen Vergeltung nicht zweiflen: besondern euch versichert
halten / dass ich diesen Dienst / mit Königlicher Gnade / versetzen werde.
    Agapistus konnte kaum ein Wort antworten / so erschröckte ihn die Rede der
Königin / denn er gedachte / folge ich diesem Befehl / so verdiene ich bei
Polyphilo Feindschaft / erhalt ich aber jenen Freund /werde ich bei der Königin
/ mit Polyphilo / in gleichem Hass bestehen. Doch ging ihm die Freundschaft
Polyphili für alles. Daher er die Rede der Konigin / mit diesen Worten /
beantwortete: Durchleuchtigste Königin! die Mannigfaltigkeit der Guts-Erzeigung
/ so mich zu deren Gehorsam verbinden / sollte mich billich zwingen / in allem /
dero Befehl unwidersprechlich zu folgen: allein in einer solchen Sach / die den
besten meiner Freunde einen unersätzlichen Schaden / und E. M. keinen Nutzen
bringt / wird mich das Verbindnus der Treue / so ich mit Polyphilo aufgerichtet
/ allerdings entschuldigen / wann ich nicht Folge leiste. Dann so viel ich von
Macarien gehöret /hat sich Polyphilus / den Seeligsten / unter dem Sonnen-Liecht
/ zu schätzen / dafern er ihrer Gewogenheit geniessen kann / dann er eine solche
Dame liebt / die männiglich / wegen ihrer Tugend und Verstand / lieben muss.
Darum ich E. M. vor Polyphilum bitte / dafern sie ihm einen Gnaden-Blick des
Glückes gönnen will / sie wolle seinen Vorsatz / mit ihrem Widerwillen / nicht
hindern / sondern / so viel möglich / befördern / weil wir allesamt durch
Polyphilum beglücket und erfreuet leben werden.
    Mit was ergrimmten Eyfer Atychintida diese Verteidigung Polyphili anhörete
/ geben folgende Wort gnug zu erkennen / da sie anfieng: So habt ihr euch auch
dem Polyphilo verschworen / sein Verderben zu befördern? Wie dörffet ihr euch
unterstehen / die Treu / damit ihr euch ihm verbunden bekennet / so hoch gegen
mir zu rühmen / die ich doch erfahre / dass sie mehr ein blosser Schein ist / und
eine falsche angestrichene Heuchelei / in dem ihr mehr zu seinem Verderben / als
Bestem / zu helffen geneigt seid. Fordert das die Pflicht eures Versprechens /
dass / dafern ihr Polyphilum / von einem Unglück / befreien könnet / ihr euch
dessen entziehet? Aber / ihr haltet das vor kein Unglück? Sehet an / den Stand
Polyphili /bedencket seine Jugend / behertziget sein Gemüt /und was künftig
aus ihm werden könne / das stellet euch vor die Augen. Um wieviel kann er seine
Kunst verstärcken / wann er bei uns bleibt / und unsre Tempel fleissig
durchsuchet? Um wieviel kann er seine Tugend vermehren / wann er noch andere
Länder und fremder Völcker Sitten und Gebräuche durchsiehet? Um wie viel kann er
seine Ehr / seinen Ruhm / seinen Namen erheben / und aller Orten kündig machen
/wann er seine Kunst / die sich kaum angefangen / verstärcket / und seine Tugend
/ die in der ersten Blüt ist / zu völligem Wachstum kommen lässet? Bleibt er
aber in der Liebe Macarien / so bleibt er in einer unvollkommenen Weissheit /
unvollkommenen Tugend / unvollkommenen Ehre. Welchen unwiederbringlichen Schaden
/ er nachmals / mit Tränen / beklagen wird. Zwar ist er ausser aller Schuld /
dann seine Jugend lässt ihm das nicht bedencken / aber die mitteln Jahre /
werden dem Alter / die spate Reu kläglich zu beweinen geben. Ihr wisset wohl /
Agapiste! dass Polyphilus einen hohen Sinn / und Ehr-begieriges Gemüt hat / das
nicht leiden kann / noch sich drucken lassen. Ihr wisset / dass er aller Orten
gerne geehret /und andern vorgezogen ist: welches er auch wohl erhalten könnte:
allein / wann er in der Solettischen Finsternus verborgen ligt / wer wird ihn
erheben / und wer wird ihn ehren / wann er die zuwachsende Jahre /nicht gleich
auch / mit dem Wachstum der Weissheit und Tugend / beehret. Darum seid nochmaln
gebetten / edler Agapiste! um der Ehr / und des Glücks Polyphili willen / ihn
von diesem Vorsatz abzulencken /und seinen Wolstand besser zu beobachten: Ich
verspreche euch / dass nicht nur Atychintida / sondern Polyphilus selbst / euren
Dienst / mit grossem Danck /erkennen werden.
    Was sollte Agapistus tun? Er sah / dass er nichts richten würde / und wurde
ihm die Versuchung zu schwer / darum er alsobald bei sich gedachte / er wolle es
dem Polyphilo offenbahren / wie es ihm die Königin vertrauet; sein die Gründe
warhaftig / werde Polyphilus sich schon besser besinnen / sei es aber /aus
falschem Hertzen / geredt / behalte er doch freien Willen / zu folgen / oder zu
widerstreben: deswegen versprach er der Königin / weil die Sache so gestaltet
wäre / wolle er freilich alles versuchen / was zu Verbesserung seines Vornehmens
taugen würde. Bat auch um gnädige Verzeihung / dass er sich vorher so widerwillig
erzeiget / weil solches die schuldige Pflicht / so ihn Polyphilo verbunden /
erheischet. Nach dem redeten sie ferner von andern Begebenheiten / die wir hie
nicht erzählen wollen / sondern sehen / was indessen Polyphilus in seinem Zimmer
getan.
 
                                 Vierter Absatz
 Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren
              Bereimung / die ihre Lehr-Puncten selber erklären.
Der fuhlete die Versuchungen der Einsamkeit. Dann so bald er allein war / trugen
ihm seine Sinnen das Bild der hertzlich-geliebten Macarien für / in deren
Beschauung er sich heimlich freuete. Er rief allen denen Gedancken / die er auf
Soletten geschickt / wieder zu rück die ihm die meiste Reden der verständigen
Macarien wieder zu Sinn brachten. Der traurige Kummer / welcher sein Hertz
schröckete / setzte ihn nieder / folgendes Gedicht / weiss nicht / soll ich sagen
/zu seinem Trost / oder Vermehrung seiner Betrübnus / zu verfertigen / dieses
Innhalts:
Sonst sagt man Sprichworts-Weiss: je mehr wir des geniessen /
was unser Hertz begehrt / je mehr will es verdriessen /
wenn mans entbehren soll: nicht haben / kräncket sehr /
das aber / was man hat / verlassen / noch viel mehr.
Mir trifft es eben ein; ich muss / ach Schmertz! verlassen /
das / was ich vor gehabt; ich kann nicht mehr umfassen /
die meine Liebe ist / drum bin ich so betrübt /
dass ich nicht üben kann / was ich zuvor geübt.
Es ist mir eben jetzt / als wie / wann einem träumet
von lieber guter Zeit / und alles doch versäumet /
was er wohl haben könt: so oft ich nur erwach /
ist mein beliebter Traum / ein eitles Weh und Ach.
Ich schlaff oft ohne Schlaff / dann mitten in dem Wachen
ist mir / als wenn ich schlieff; von allen denen Sachen /
die wir geredt / getan / ist übrig nur ein Schein /
der mir bald Freud erweckt / bald wieder schwere Pein.
Jetzt denck ich an die Wort / und höfliche Geberden /
jetzt an den zarten Mund / der von mir sollte werden
mit Hertzens-Luft gehertzt; jetzt an die schöne Hand /
die ich so oft gedruckt / wie / Liebste! dir bekannt.
Jetzt fällt mir wieder bei das süsse Augen-spielen /
O meiner Augen Weid! und wie wir / Liebste! fielen
einander in das Hertz: daher das Senftzen kam /
O oft ich deinen Strahl bei mir zu Hertzen nahm.
Jetzt denck ich an die Stund / da wir / ach! mit was Freuden
und tausend-froher Luft / bevor wir konten scheiden /
einander fassten an / und druckten Mund auf Mund /
da ich / gleichwie du mir / dir einen Kuss macht kund.
Nur einen? Noch wohl zwei / und wieder zwei darüber /
wie du / Hertzliebste! weisst; was konnte mir doch lieber /
und mehr erwünschter sein? nun aber hats ein End /
weil das verführte Glück / mich hat von dir getrennt.
Und daher leid ich Not / daher sind meine Schmertzen /
dass ich abwesend bin / und dich nicht mehr kann hertzen /
wie vor dem ist geschehn! doch tröstet mich dabei /
dass / Liebste! deine Tür mir nicht verschlossen sei.
Kaum war dieses geendet / als sich sein Hertz / der Antwort erinnerte / da sie
sprach: das ist seine Höfflichkeit / ich sehe / dass er / nur zum schertzen / ist
hieher kommen: darüber er folgende Wort führete:
Das ist seine Höflichkeit / spricht sie:weil er nur zu schertzen /
wie ich sehe / kommen ist. Dann wir wissen / dass nicht sei /
was er saget und bekennt / ob ers gleich ohn allen Scheu
an mir preiset und erhebt. Ich seh / dass es nicht von Hertzen /
nicht mit Warheit sei geredt Ob die falschen Ehren-Kertzen
öffters glimmen fort und fort / muss doch mancher grosse Schand /
leiden durch sein eigen Lob / wann er nicht zuvor erkannt /
was der leichte Glaube bring / und mit was begabten Schmertzen /
mancher glaubt / dem er doch leinen Glauben geben sollt /
wann er ihm auch tausend Erd / auf die Warheit schweren wollt
So spricht sie: was ich gedencke / will ich wieder nicht verhelen /
wann ich anderst reden darf: welcher unter uns hat Recht
richtestu nach deinem Sist? bin ich ein getreuer Knecht /
der nichts wünschet / der nichts will: als sich deiner Gunst befehlen /
der mit dem vergnüget ist / wann er dich nur darff erwählen /
dich zu seiner Herrscherin / und in deinen Diensten stehn /
wann er nur / und wo er kann: und auf deine Warte sehn /
in dem allen / was er tut: der dich unter die will zehlen /
da noch nichts gezehlet ist: die durch ihrer Schönheit Pracht /
seine Freiheit / seine Lust / haben in das Netz gebracht.
Richtest du nach deinem Sinn? nennest du das Höflichkeiten?
was mir ist ein ganzer Ernst / und die Warheit selber weist /
die nit anderst kann und will / als dass sie dich schöne heist?
hast du warlich weit gefehlt: soltest du mich nit verleiten /
wüst ich nit / wohin ich solt: wem ich meine Traurigkeiten
klagen dörffte; wen ich könt / mir zu helffen / ruffen an /
wann ich / Liebste! dich nicht hätt? Ach! es wär um mich getan.
Ach! es wär / Ach! aus mit mir! wer doch könnte mir bereiten
das / was du mir geben kanst? drum / mein Liebgen! glaube nicht /
dass es nur sei Höflichkeit / wann die Warheit: Schönste! spricht.
Der Schluss dieses vorigen machte dem folgenden den Anfang / weil ihm auch die
Wort beifielen / dass sie gesagt: Er müste mich dauern / wann er sich so
verstecken solt: welches er mit solchen Worten widerlegte:
Sie ist unrecht daran / in dem sie mich bedauret /
da ich mich mehr erfreu / wann sie nur selber nicht /
durch ihren Wider-Sinn in mir die Freude bricht.
So ist es je umsonst / dass sie mich jetzt betrauret.
Dann was ich haben will / das kann sie / Reiche! geben /
und gibt sies? fehlt mir nichts: ich habe alles dann /
wann ich sie selber nur / Hertzliebste! haben kann /
weil sie mir alles ist; was mich kann bald erheben /
und wieder fällen bald: bald freudiglich ergötzen /
bald wieder machen bang: bald reich / bald wieder arm:
bald frölig / bald betrübt: drum sie sich nur erbarm /
Hertzliebste! über mich / so bin ich reich zu schätzen.
Und will sie dann was mehr / und will sie was bedauern?
So bitt ich / sie bedaur nur meine heisse Pein /
und dass sie nicht / wie ich / will gleich-gesinnet sein;
Dann das ist dauerns wert: das helffe sie betrauren.
Sie spricht: es sei mein Schad: ich aber möchte wissen /
warum? Sie schweiget still: die Ursach ist bekannt /
weil sie nicht lieben mag; weil sie das teure Pfand /
mit gleich-verliebter Treu / zu halten nicht beflissen.
Kaum war auch dieses verfertiget / als er sich erinnerte / dass sie ihn um ein
Leich-Oden ersuchet / wenn sie sterben werde: welche Bitte er folgender Gestalt
verehrete:
Die Liebste sprach mich an / ein traurig Sterb-Gedichte /
durch meine schlechte Reim / ihr dann zu setzen auf /
wann sie der bittre Tod / aus diesem Lebens-Lauf /
versetzet in das Grab. Warum? die treue Pflichte /
so ich ihr schuldig bin / und was ich sonst verrichte /
soll ich vielleicht auch dann / mit gleich getreuer Hand
erweisen ihr zu letzt? wie ich sie oft genannt
die Allerliebste mein: also auch nicht vernichte
des Todes grimme Macht / was ich zur Antwort gab:
ihr Leben meine Lust / ihr Sterben sei mein Grab.
Nicht unrecht ist es zwar: doch aber / Schatz! gedencke /
wie seltzam das geredt? solt ich dann übrig sein /
mein Tod! nach deinem Tod? Ich sprach ein ewig Nein.
So dencke nun bei dir / wie sich mein Hertze kräncke /
wann du / mein einger Trost! dergleichen glatte Räncke /
zu meinem Tod / erdenckst? du zweiffelst ja an mir /
ob ich / biss in den Tod / getreu verbleibe dir?
Ob ich nicht umgewandt / mein Hertze wieder lencke
zu einer andern hin; und dein vergesse dann /
wann ich an deine Statt was bessers haben kann?
O ungerechte Klag! wie kanst du / Seele! leben /
wann deine Seele stirbt? wann sie ist weggerafft /
wie magst du bleiben hier? vertrocknet deine Krafft /
wann du betrübet bist? wie werd ich dann erheben
mein mattes Hertz und Haupt? wie werd ich können streben
auch einer bessern nach? da keine besser ist /
weil du / mein schönster Schatz! die allerbeste bist /
und bleibest noch darzu? Sag nur / wie könt ich geben /
das / was mir selber fehlt / dann einer andern hin /
wann ich / durch deinen Tod / mit dir gestorben bin?
Ich schwere dir ein Eyd (was ist vergeblich schweren
für Gott und auch für dir!) merck auf / ich rede frei /
biss hin in deinen Tod verbleib ich dir getreu /
wie du hinwieder mir: dein Weinen meine Zähren;
dein Lachen / meine Lust: dein Wünschen / mein Begehren;
dein Trauren / meine Pein: dein Krancken / meine Not /
dein Leben / meine Seel: dein Sterben ist mein Tod.
Und glaube mir / mein Kind! ich will dir auch gewähren /
nach deines Lebens Tod / die unverruckte Treu /
dabei du mercken solt / dass ich der Deine sei.
Doch gleichwol dass ich dir erfülle deinen Willen;
und dass du lebend noch die letzte Treue sehst;
soll einig dieser Verss / wann du zu Grabe gehst /
begleiten dich und mich: er soll die Schmertzen stillen /
und mich in deinen Tod / in meinen dich verhüllen /
dass unser keiner leb / es dencke denn daran /
was er dem Todten hier vor ein Gelübd getan;
zum Zeugnus soll diss Wort des Grabes-Stein erfüllen:
Mein Tod ertödtet den / der sonst mein Leben war:
drum er lebendig todt / weil ich gestorben gar.
Es verführete aber endlich sein Gemüt / von den Todes-Gedancken / der Vorsatz
ihrer Einsamkeit /welchen sie so offtmals wiederholet / dass Polyphilus auch die
Wort behalten / damit sie denselben bewähret / welche er ihm in folgende
Reim-Schlüsse zu versetzen gefallen liess / beneben dem / dabei folgenden
/Gegen-Satz. Und weil sich die Reim Art / zu einem Gesang / nicht übel gleichete
/ liess er / nachmals /vorgesetzte Sing-Weise / darzu verfertigen. So lautet aber
beides:
Einsam sprach sie / ist mein Leben /
einsam soll es bleiben auch /
weil ich keinen Mann nicht brauch /
der mir müsse Kurtzweil geben /
dann die fromme Einsamkeit /
bringt frohe Seeligkeit.
2. Einsam bleiben meine Sinne /
einsam meine Wort und Werck /
einsam / was ich denck und merck /
einsam / was ich sonst beginne:
dann der Frommen Einsamkeit
bringt frohe Seeligkeit.
3. Einsamkeit der Wittwen Freude;
einsam will ich immer sein:
einsam biss ans Ende mein;
Biss ich gar von hinnen scheide:
dann der Frommen Einsamkeit /
bringt frohe Seeligkeit.
4. So sprach sie: ich aber dachte /
leicht geredt / gehalten schwer;
wer weiss / ob nicht ohngefehr /
sie sich wende / und verachte
die betrübte Einsamkeit /
weil sie bauet Hertzenleid?
5. Einsam sein / ist wildes Leben /
das dem Menschen nicht gebührt /
der den Schatz der Rede führt.
Drum kann ich mich nicht ergeben
der betrübten Einsamkeit /
weil sie bauet Hertzenleid.
6. Einsam sein / ist täglich sterben:
einsam leben / ist der Tod /
einsam bleiben / grosse Not /
und ein stündliches Verderben:
der betrübten Einsamkeit
bauet lauter Hertzenleid.
7. Einsamkeit ist Ungelücke /
und der Weg zu mancher Sünd /
der den Menschen wie geschwind
führet in die Laster-Stricke:
der betrübten Einsamkeit
bauet lauter Hertzenleid.
8. Ey so wird sie sich bedencken /
meine Schöne! weiss ich noch /
und aus diesem Trauer-Joch
wieder sich zur Freude lencken:
weil in trüber Einsamkeit
sie nur bauet Hertzenleid.
 
                                Fünfter Absatz
Beschreibet den ereiferten Grimm Polyphili /welchen die Erzehlung Agapisti / von
    dem / was er mit der Königin geredt / verursachet / und wie er darum von
Melopharmis gestrafft / denselben / vor der Königin / verborgen hält: Lehret den
 fünften Anstoss der Tugend-Verliebten / die Widerwertigkeit: gibt auch andere
                                 Zorn-Straffen.
Nun kommet Agapistus zum Polyphilo / von der Königin. Was wird Polyphilus sagen
/ wann er die angenehme Botschaft vernimmt. Was will die Königin /fragte er
alsobald / dass sie Agapistum allein kommen heissen? Agapistus beförchtete sich
der Antwort / und glaube ich noch einmal / er wäre lieber in seine Wildnus
wieder geschiffet / als dass er den Grimm Polyphili sehen solle. Doch weil er
sah / dass er nicht ohne Nachteil Polyphili könnte verhälet werden / war er auf
Art und Weise bedacht / wie er seine Reden so herum führen möchte / dass
Polyphilus begütiget bleibe. Der Ursachen / er weitläufftig von denen Sachen
anfieng zu erzählen / die die Königin mit ihm zu letzt gesprochen. Und da er
eben den Grund anfassen will / eröffnet Melopharmis die Tür / an dem Gemach
Polyphili / weil sie sich / wegen einer nötigen Verrichtung /so ihr von der
Königin aufgetragen worden / nicht ehe einstellen können / um zu vernehmen / wie
es Polyphilo ergangen. Dieser so bald er seine Helfferin ersiehet / stehet
behend auf / küsset ihr die Hände / und leget den gebührenden Danck / mit so
beschönten Worten / gegen ihr ab / dass Melopharmis / in ihrem Hertzen / beschloss
/ nicht zu ruhen / biss Polyphilus völlig vergnüget würde. Agapistus wurde froh
/wegen der Ankunft Melopharmis / die ihn an seiner Erzehlung verhinderte: Aber
Polyphilus erzehlte der Melopharmis alle sein Glück und Vergnügung / und so oft
er ein Zeichen der Gegen-Gunst von Macarien empfangen rühmete / setzte er hinzu:
das hatte ich Melopharmis zu dancken. Daher er dann ihr ganzes Hertz leicht
gewinnen konnte / dass sie ihm fernere Beförderung / seines gäntzlichen Verlangens
/ versprach. Aber (fieng Melopharmis an zum Agapisto) was hat die Königin mit
euch geredt? worüber Agapistus gedoppelt erschrack / weil er gedachte /
Melopharmis wüste / was die Königin mit ihm geredt. In welcher Meinung er auch
nicht betrogen wurde. Es arbeitete das Hertz Agapisti in so zweiffelhafter
Entschliessung / dass er nicht wusie / was er zu erst antworten solle. Dann /
gedachte er / verhäl ichs / und Melopharmis verrät mich / werde ich bei
Polyphilo der Untreu schuldig: bekenne ichs / wird wieder Polyphilus ein
Misstrauen / auf meine Treue setzen / der ich diss wichtige Werck nicht / vor
allen andern / erzählt. Aber was hilfft die Furcht / es musste doch bekannt sein
/ Polyphilus dencke / was er wolle / darum Agapistus folgender Gestalt anfieng:
    Was die Königin mit mir geredt / habe ich Polyphilo so fern erzählt / als
ich weiss / dass es seine Freud nicht ertödten / und seinen Frieden nicht
zerstören wird. Was aber das jenige betrifft / so ich erkannte /seinem Wunsch
verhinderlich zu sein / habe ich / seiner zu schonen / nicht erzählen wollen.
Wolte auch Gott! Edler Polyphile; wollte Gott! dass ich die Ruhe eures Verlangens
damit nicht zerstören sollte / ich wollte es in der Verschwiegenheit / meines
Wissens /so verwahren / dass es mit der Vergessenheit versiegelt bliebe. Ich bin
gewiss / dass / so ich das Wort werde ergehen lassen / dass die Königin euch den
Zutritt zu Macarien verwehren will / ihr mit vollem Grimm auffahren / und eurer
vergessen werdet.
    Kaum war das Wort gesprochen / als es schon erfüllet war. Wer? fieng
Polyphilus an / die Königin? was will sie verwehren? den Zutritt zu Macarien? Und
mir will sies verwehren? Ey dass die Königin sehe /wie ich ihrer Gnad nicht
bedörffe / will ich noch heute wiederkehren / woher ich kommen bin. Ach!
allerliebste Macarie! sollte ich nicht zu dir gehen? wolt ich doch lieber König
und Königin verfluchen. Gehet hin / Agapiste! sagt der Alten / dass ich nichts
nach ihrer Gunst frage / morgen soll sie mich bei Macarien wissen. Hab ich nicht
so viel um sie verdienet / dass sie mir ein Pferd gebe / kann ich zu Fuss gehen /
und brauch ich nicht ihrer Hülffe. Ist das mein Danck / du undanckbares Weib!
ist das die Versprechung deiner Hülff in allem? Du falsches Weib! Und wer ist
schuldiger zu folgen / ich ihr / oder sie mir? dass sie lebt /ist sie mir
schuldig; dass sie eine Königin ist / hat sie mir zu dancken / und alles / was
sie um und bei sich hat / ist durch meine Hand erworben. O dass ichs alsobald
wieder versencken könnte / was ich erhaben / wieder verfluchen / was ich erbeten
/ wieder verbannen /was ich erlöset! Melopharmis / was dünckt euch um diesen
Betrug? werdet ihr auch einsten einen solchen Lohn empfahen? Und Agapiste! du
treues Hertz! wird dir dein erlittenes Unglück auch so bezahlet werden? Ey so
lasset uns die Rache üben / durch die Vereinigung unsrer Krafft / dass diese
Undanckbare erfahre /wie sie der Gesellschaft unsrer Tugend-begabten Hertzen
nicht wert gewesen.
    Melopharmis liess gerne Polyphilum etwas ereifert werden / damit die gar zu
grosse Brunst der Liebe /gegen Macarien / dadurch geleschet würde / und da er /
vor Zorn / nicht mehr reden konnte / fieng sie an: Erzürnter Polyphile! wie kann
sich die Glut eurer Liebe so bald in ein Feuer des Zorns verkehren / dadurch
ihr offenbahr beweiset / dass die Liebende geneigter zum Streit als Frieden sind.
Indem ich aber die Ursachen besinne / so die Königin bewogen / euren Begierden
ein rühmliches Ziel zu setzen / kann ich euch / wegen des verdienten Zorns /
nicht gar Ungestrafft ausgehen lassen. Erkennet selber / wie ihr euch eure
erhitzte Liebe verführen lasset / indem ihr die höchste Guttat dem Undanck
gleichen / und einer Falschheit beschuldigen wollet / welches so sträfflich /
als ungerecht wird erkannt werden. Atychintidoe Schluss geht auf die Vermehrung
eurer Ehre und Kunst / dadurch ihr noch künftig zum grossen Herrn werden
könnet: Darum ihr den wohlgemeinten Sinn /nicht so bald vor ein Zeichen des
Verderbens halten sollet. Uber das gedencket / in welchen Spott euch euer
verblendeter Trutz setzen würde / wann ihr unsre Gesellschaft / mit Widerwillen
/ verlassen soltet. meint ihr / dass Macarie sich nicht wenden werde /wann sie
etwas solches von euch erfähret? Und wie rühmlich würdet ihr eure Reuterei zu
Fuss anstellen? Würde sich nicht Macarie erfreuen / wann sie euch in solcher
Armut wüste? Dencket demnach / was ihr geredt / und bereuet euer törichtes
Vornehmen / ja /besinnet euch vielmehr / wie ihr mit heimlichen Räncken / die
Königin betrügen / und euer Verlangen / ihr unwissend / erfüllen möget. Müsset
ihr dann gestehen / dass ihr auf Soletten wollet? Konnet ihr nicht einen andern
Ort nennen / einen andern wählen? Und wer ist schuldig an allem dem / als
Polyphilus selber? der seinem Mund keinen Zügel anhalten kann / sondern zu frei
ist im Reden / und zu offenhertzig im Bekennen. Was hat Atychintida von der
Liebe Macarien wissen dörffen? hättet ihr sie nicht sicherer ohne ihren Verdacht
lieben können? Was wolt ihr nun machen? womit wolt ihr euch helffen? Ich weiss
wohl / dass der Schluss auf mich kommen wird: allein machet mir die Sache auch
nicht zu gefährlich / sonsten versichere ich euch / dafern Atychintida einige
Mutmassung von mir schöpffet / als wäre ich eurem Vorhaben beförderlich / meine
Hand / in eurer Hülff / versiegen wird. So folget meinem Rat / und lasset der
Königin durch Agapistum wissen / wie ihr dero wohlgemeinten Erinnerung
gehorsamlich annehmet / auch schuldig folget / benebens auch bedancket / dass sie
so mütterlich vor euch sorge / welches ihr jederzeit mit mehr / dann schuldigem
Gehorsam / erkennen wollet. Könnet euch auch entschuldigen lassen / dass ihr
nicht / wie sie meint  / oder berichtet worden / in einer solchen Liebe gegen
Macarien brennet / sondern dass ihr sie liebt / wie wir Kunst und Tugend zu
lieben pflegen. Da sie auch selber mit euch reden sollte / erweiset lauter
Demut und Freundlichkeit / so werdet ihr glückseliger in eurem Lieben / ohne ihr
Wissen / fortfahren / als mit demselben / wiederwillig erhalten werden. Da euch
aber sonsten Hülff gebrechen würde / habt ihr mich und Agapistum / die ihr
brauchen könnet / zu was ihr wollet. Doch behaltet das zu letzt / dass ihr die
offtmalige Besuchung / so ihr bei euch beschlossen / zu ruck haltet / nicht
allein den Argwohn der Königin zu verhüten / sondern auch eurer Liebe selber zum
bessern Nutzen / dann die gar zu viele Besuchung / machet die Liebende /
entweder zu träg und widersinnig / oder zu Narren. Ihr könnet /an dessen Statt /
eure Macarien mit einem zierlichen Gruss-Brieflein besuchen / das ihr viel
angenehmer sein wird / weil es nicht so grossen Verdacht nach sich ziehet / auch
geheimer kann gehalten werden /dann euer Zusprechen.
    Wie viel hat Polyphilus zu beantworten / wieviel zu verschmertzen? Was soll
er tun? Die Gunst Melopharmis / war ihm gleichwohl ein grosser Trost / in
seinem Leiden. Aber das zornige Hertz war noch nicht gar / gegen Atychintida /
gestillet / darum er Melopharmis bat / sie möge ihn bei derselben entschuldigen
/ dass er nicht zur Tafel komme / dann ihm unmüglich sei / sie alsobald
freundlich anzusehen. Agapistus könne indessen / die Antwort Melopharmis / der
Königin / im Namen Polyphili / hinterbringen: Er wolle sich auf das Bett steuren
/ als wäre er etwas müd von der Reise / und wegen der grossen Kält nicht gar wohl
auf.
    Das versprach Melopharmis / doch mit der Erinnerung / / dass er seinen Grimm
legen / und sich trösten soll / mit den Gedancken / als hätte es der vorsehende
Himmel / zu seiner bessern Befriedigung / also gefüget / mit dessen Schluss er
vergnügt sein solle.
    Nach diesem / geht Agapistus mit Melopharmis /zur Tafel / und als die
Königin Polyphilum nicht stehet / fürchtet sie alsobald desselben Zorn / der ihr
aber vom Agapisto / durch die Antwort Polyphili widerlegt / und von Melopharmis
/ mit der Ausrede /seiner üblen Befindung / benommen wurde. So bald Atychintida
vernahm / dass er sich / wegen der Reise /nicht wohl befinde / fieng sie an / das
ist die erste Frucht / die er von der Liebe Macarien brechen kann /es werden
deren etwa mehr erwachsen. Welche bönische Wort Agapistum dermassen erzürnten /
dass er ohne Ansehen ihrer Königlichen Würden / sie vor männiglich straffte / in
dem sie dem guten Polyphilo Unrecht tue / weil er besser wisse / wie er mit
Macarien stehe. Dessgleichen tut auch Melopharmis. Und Phormena / nach dem sie
merckete / dass die Königin sich auf ihre Wort gründe / fieng sie an / dieselbe
so zu verdrehen / dass Atychintida bald schweigen musste. Deswegen sie andere
Gespräch erwähleten / die angenehmer dann diese zu hören und zu beantworten.
    Wir kommen aber wieder zum Polyphilo / der sich mit tausend Gedancken
schlägt / in dem er bald nach Macarien seufftzet / bald auf die Königin fluchet.
Das heftigste / so ihn schmertzete / war das Verbot Melopharmis / dass er nicht
zu Macarien reisen solle / die er doch mit nächsten wieder zu besuchen /
entschlossen war. Und da er seine Gedancken bald hin bald her reisen liess /
brachte ihn / ohngefehr / das Gedächtnus Macarien / auf die Wort / damit sie ihn
der Liebe dieser Königin beschuldet / darum er so eiferig / als ungedultig /
seinen Griffel zur Hand nahm / und nachgesetzte Strophen / in eine schwartze
Tafel übersetzte /weil er sich der Dinten und Feder / im Bett / nicht bedienen
konnte. So entschuldigte er aber die Lieb einer Alten:
Soltest du / Hertzliebste! wissen /
wie ich dich so treulich mein /
wie ich liebe dich allein /
würdest du bekennen müssen:
dass ich meinen jungen Leib
hänget an kein altes Weib.
Ich weiss je nicht / was ich sagen /
was ich widersprechen soll:
weil mein Hertz ist Wunder-voll /
dass sie / Liebste! so will klagen /
als wann dieser junge Leib
häng an einem alten Weib.
Sehend müst ich ja verblinden /
hörend müst ich werden taub /
wenn ich keinen bessern Raub
solt für meine Liebe finden:
als dass meinen jungen Leib
sauget aus ein altes Weib.
Alte Weiber / Ungelücke:
alte Weiber / grosse Not:
alte Weiber / selbst der Tod:
alte Weiber / Laster-Stricke:
Drum ich meinen jungen Leib
hänge an kein altes Weib.
Alte Weiber / grosse Plage:
alte Weiber / böse Zeit:
alte Weiber / Hertzen-leid:
alte Weiber / alte Tage:
Drum ich meinen jungen Leib
gebe keinem alten Weib.
Alte Weiber brüllen brummen;
murren / kurren Nacht und Tag /
ohne Ur- und ohne Sach /
alte Weiber nie verstummen:
Drum ich meinen jungen Leib /
gebe keinem alten Weib.
Alte Weiber / allzeit Grämen /
alte Weiber / Angst und Pein /
wer wolt bei der Alten sein?
die man kann so gar nicht zähmen:
Drum ich meinen jungen Leib
gebe keinem alten Weib.
Alte Weiber / ewig Krancken /
ächtzen / lächtzen allezen:
O des grossen Hertzen leid!
Alte Weiber immer ancken:
Drum ich meinen jungen Leib
gebe keinem alten Weib.
Alte Weiber gar nichts taugen /
sie sind lauter Ungemach:
lauter Weh und lauter Ach /
die nur unsre Lust aussaugen:
Drum ich meinen jungen Leib
gebe keinem alten Weib.
Pfui dich / du Rumpel-Tasche!
pfui dich / hinaus mit dir /
dann du hast kein Recht allhier /
packe dich / du alte Wasche:
Dann ich meinen jungen Leib
gebe keinem alten Weib.
Nun dann kanst du leicht gedencken /
Liebste! mit was schlechtem Recht
Du mich / deinen Ehren-Knecht /
hast in diesem wollen kräncken /
dass ich meinen jungen Leib
hänget an ein altes Weib.
Glaube nur / hier diese Seele
soll viel ehe nicht Seele sein /
und ich selber nicht mehr mein /
wann ich / Liebste! diss erwähle:
dass an meinem jungen Leib
nehre sich ein altes Weib.
Aber dir / dir / meine Wonne!
geb ich mich zu eigen hin /
dir ich bleibe / der ich bin /
du hinwieder meine Sonne:
Dir geb ich den jungen Leib /
dass er ewig Dein verbleib.
In der höchsten Betrübnus / musste Polyphilus heimlich lachen / dann ihn nicht
wenig erfreuete / dass er die Königin so eigentlich beschrieben: wiewohl er / in
vielem / seinem Eyfer zu viel nachgegeben. Mehr als zehenmal / lase er das
Gedicht durch / und tröstete sich mit demselben / als der Rache wider die
Königin / wie sehr: biss Agapistus / von der Tafel wiederkehrend / ihn eben / mit
lachendem Munde / ersiehet /und als der das Gedicht vernimmt / gleich sehr
erfreuet / ein heftig Gelächter anhebet / dass Melopharmis / die vor der Tür
wartete / dadurch bewogen wurde / hinein zu tretten / um zu vernehmen / was die
Ursach sei ihrer Freude. Zu allem Gluck / hatte Polyphilus die Tafeln wieder
hinter das Bett gehängt / ehe Melopharmis herein trat: darum er sie dissmal mit
Unwarheit abweisete. Dann er befürchtete / es möchte Melopharmis eben auch
verdriessen / dass er die alten Mütter nicht besser ehre / weil sie auch mit aus
der Zunft war. Sie liess sich auch gerne betrügen / ob sie den Betrug gleich mit
Händen greiffen konnte / nur dass Polyphilus frölich bliebe. Darum sie / nach dem
/ allerhand kurtzweilige Ergötzungen besinneten / die das Gemüt Polyphili von
Hass und Liebe wenden könten / wiewohl Polyphilus das Gedächtnus seiner Macarien
/ mir stets-bemüheten Gedancken / fort und fort in seinem Hertzen ehrete. Gegen
der Königin aber behielt er einen freundlichen Mund und feindlichen Sinn / so
gar / dass er ihre Gegenwart / so viel die Bescheidenheit leiden wollte / mehr
flohe / denn suchte.
 
                                Sechster Absatz
 Beschreibet den Gruss Polyphili / an Macarien /durch ein Brieflein geschehen /
 und die verwaigerte Antwort / die Agapistum / mit einem andern Gruss-Brief / an
  Macarien / begleitet / auf Soletten ziehet / dessen vergebliche Wiederkunft
    Polyphilum erzürnet / der aber wieder begütiget / den dritten Brief / an
   Macarien abgehen heisset: Lehret / dass hohe Sachen / mit grosser Müh / zu
       gewinnen / und die Tugend / einen unermüdeten Fleiss / ja auch ein
                        unerschrockenes Hertz / fordere.
Da nun etzliche Tage vorbei gestrichen / und sich das Verlangen Polyphili / nach
Macarien / nicht länger halten liess / fragt er Melopharmis um Raht / ob sie ihn
nicht zu ihr helffen könne: welche berichtet / dass er sein Verderben fordere /
weil es noch zur Zeit unmuglich / ohne seinen Nachteil / zu geschehen. Doch
wolle sie ihm den Rat geben / sein Verlangen zu beruhigen / und seine
Schmertzen zu verbinden / dass er ein Brieflein an sie abfertige / darauf / so er
Antwort erhalten werde / wie sie dann nicht zweifsele / könne er dieselbe / zum
mächtigen Trost / in all seiner Widerwertigkeit behalten / als die er ihm / an
statt der schönen Augen / und lebendigen Wort / einbilden könne. Der Anschlag
gefiel Polyphilo nicht übel /deswegen er sich niedersetzte / und folgenden Gruss
an Macarien abgehen liess:
                             Schönste und Liebste!
Wann ich / im gegenwärtigen Beginnen / mein Vertrauen / nicht mehr auf dero
Höflichkeit / und meine /ihr allbereit entdeckte / Treu / als auf eigene Würde
/setzen wollte; hätte ich länger Bedencken getragen /mit diesen / wie wenigen /
also unwürdigen Worten /dero beliebten Einsamkeit zu verhindern / und von andern
angenehmern Verrichtungen abzuhalten. Ich will nicht sagen / dass ich / wie es
freilich / wegen meiner Unvermögenheit / leicht geschehen könnte / ihren Augen
verdriesslich und unangenehm sein werde; dann solches wäre wider die so grosse
Freundlichkeit / die ich allein / und vielmehr mit Stillschweigen und
Verwunderung / als vielem unnützen Wort-Gepräng verehren muss. Zwar möcht ich
wünschen / dass meine Kräffte zuliessen / dero herrlichen Schönheit /mit
gleich-beschönten Worten / zu beschreiben; oder die verständige Reden
nachdencklich zu erwägen; und die vollkommene Tugenden / mit denen holdseligen
Geberden / nach Würden und befindlicher Beschaffenheit / zu preisen: so weiss ich
/ sie würde / viel eher und besser / mein treu-gemeintes Vorhaben verstehen /
dann ich dasselbige / durch diese schwache Feder / ausdrucken kann; allein die
Unvermögenheit /so ich billich / bei der Unmüglichkeit / anklage / will mir
solches verwehren. Darum ich dieses / nur mit wenigem / erinnere / was ich
neulichst / in zugelassener Verträulichkeit gegenwärtig / mit mehrerm /
berichtet / dass ich bleibe in der getreuen Liebe / so von der Stunde an / da ich
ihre Fürtrefflichkeit / zum erstenmal / erkannt / dermassen meinem Hertzen
eingepflantzet worden / dass sie nicht nur nimmermehr aufhören wird: sondern
vielmehr / je länger je heftiger /zunehmen / und endlich / wo sie nicht mit
einer ziemenden gütigen Gegen-Gewogenheit sollte erfreuer werden / meine arme
verliebte Seele / entweder in die höchste Betrübnus / oder wohl gar in solche
Verwirrung stürtzen möchte / die ihre unerträgliche Schmertzen / mit dem Tod /
zu enden begehren. Wann meine Liebe auf den zerbrechlichen Grund der Schönheit
allein gebauet / möchte sie etwa einige zweiffelhafte Gedancken / als wäre mein
Versprechen höflicher Schertz / überkommen; und würde ich auch gezwungen / mich
um dero verlangten Gegen-Liebe / etwa durch Beteurung meiner Treu und
Aufrichtigkeit / zu bewerben: weil aber die Tugend an sich selber liebens wert
/ halt ich alles das ohne Not sein. Dann sie /Allerschönste! in Betrachtung
dero holdseligen vollkommenen Tugenden / auch andern / teils von der Natur /
teils von dem gnädigen Himmel / sonderlich erteilten Gaben / in diesem Schluss
nicht fehlen kann /dass meine Liebe warhaftig sei / und bestehe / so lang ihre
Tugend / das ist / ewig und ohne Aufhören /bestehen wird. Ist demnach nichts
übrig / als dass diese Tugend gegründete Liebe / mit gleicher Gewogenheit
belohnet werde / da anderst / dem Sprichwort nach / Liebe Gegen-Liebe wert ist.
Darum bitte ich nicht mehr / als meine schmertzhafte Kümmernuss /mit einem
Zeichen der Gegen-Liebe / schrifftlich zu stillen / weil die Widerwertigkeit des
Glücks unsere Gegenwart gewaltig verhindert. Alsdann werde ich gewiss sein können
/ dass nicht alles / was mein verliebtes Hertz leidet / vergeblich gelitten:
sondern wo nicht mehr / doch zum wenigsten die Belohnung erfolge / dass ich
entweder den erfreulichen / oder den betrübten Namen führen dörffe:
                                             Eines / durch ihre Gnad / Lebenden;
                                 durch ihre Ungnad aber / sterbenden Liebhabers.
Wie oft und lang künstelte der verwirrete Polyphilus an dieser Verfertigung /
ehe er sie verfertigte? Alle Wort waren ihm zu schlecht / und alle Bewegung zu
ungültig. Es ging ihm eben / wie es erhitzen Gemütern zu gehen pflegt / dass /
da sie am spitzfindigsten reden oder schreiben wollen / müssen sie / über ein
gestumpfft Gedächtnus / und verruckten Verstand / klagen: Da sie anderwerts /
wann ihre Sinnen freien Lauf behalten / noch so schön und herrlich schreiben
können / obwohl nichts daran gelegen. Ach! wünschete Polyphilus / dass ich all
meinen Verstand /so wenig oder viel dessen ist / jetzt könnte zusammen fassen /
und in diese Schrifft versetzen / damit ich sie bewegen tönte! Aber das war ein
Begehren der Unmüglichkeit. Er musste zu frieden sein / dass sich seine Sinne so
viel erheben können: weil sichs zu erst anliess / als wüsten sie gar keinen
Anfang zu finden. In allem ging es Polyphilo nach der Verliebten Art. Nicht nur
die Verfassung sollte beweglich sein; sondern auch die Verschliessung und
Versiglung des Briefs etwas sonderliches: Darum er ihn in die 4. Eck / gedoppelt
zusammen faltete / und mit verliebten Bändlein / die seine gewohnte Farben
fürtrugen / umwunden / in der Mitte gedoppelt versiegelt: wie gemeiniglich die
betörte Liebe / solcher nichtigen Phantasei / eine geheime Krafft zueignet /
die aber mehrenteils mit Betrug bezahlet: wie es allerdings auch Polyphilo
eingetroffen.
    Denn da er den verschlossenen Brief / durch Hülfse Melopharmis / der
Macarien zugesand / und selbige /aus dem äusserlichen Glantz / den Innhalt
dessen leicht ermessen konnte / scheuete sie sich denselben zu eröffnen /
vielmehr zu beantworten: Deswegen sie ihn verschlossen niederleget / willens /
so Polyphilus ihrer Gegenwart wieder geniessen werde / wieder zu geben / was ihr
zu entbrechen nicht gebühre.
    Hat einmal Macarie / ihren trefflichen Verstand im Werck erwiesen / so ists
/ in Warheit! hierinn geschehen: und wäre zu wünschen / dass alle Weibsbilder so
vorsichtig wandelten: allein es gibt deren nicht viel /die sich Macarien
gleichen. Das waren die Gedancken der verständigen Macarien ohne Zweifel wird
diese Schrifft voller Liebes-Begierde stecken, die dich entzünden könnte. Oder es
wird eine Erzehlung seiner tragenden Pein / und Eröffnung seines Verlangens;
desgleichen eine mächtige Bitte sein: dass ich dieselbe lindern solle. Auch weiss
ich gewiss / dass er eine Antwort von mir begehren wird: die mir abzuschlagen
/meine gebührende Höflichkeit / nicht gestatten würde. Solt ich dann mit seinem
Schmertzen kein Mitleiden tragen / würde ich vor unfreundlich gehalten werden:
solt ich die Eröffnung seines Verlangens / nicht / mit der Erfüllung /
verschliessen / würde ich / an dem Laster der Unbarmhertzigkeit / schuldig
werden. Zu dem kommen über das die beförchtende böse Reden / so unzweiffelbahr
folgen / wann man höret / Macarie wechsele mit Polyphilo Liebes-Briefe: darum
ich sicherer allem dem Ubel vorbaue / wann ich die Unwissenheit entschuldige /
dass dieser Brief meine Eröffnung fordere. Dann dieselbe wird mich bei Polyphilo
verteidigen / bei andern aber / alles Verdachts und böser Rachrede befreien.
    Die Entschliessung war aller gut: aber das sollte eins noch fragen: wo die
Liebe Macarien bleibe? Es sollte eins dencken / weil sie / vor dem / Polyphilo /
so offtmalige Zeichen einer erhitzen Brunst erwiesen /es hätten sie dieselbe
gezwungen / das Brieflein begierig zu erbrechen. Oder ists ein falscher Schein
gewesen / was sie in Gegenwart Polyphili getan? Oder hat sie sich nach dem
geändert. Diss letzte wird die Warheit treffen. Denn die ungleiche Reden / so die
letzte Besuchung Polyphili und Phormenoe verursachet / auch der kümmerenden
Macarien alsobald hinterbracht worden / bestritten ihr Hertz dermassen /dass sie
wünschete / Polyphilus hätte Soletten nicht wieder gesehen. Und weil ihr der
Ruhm ihrer Tugenden und unbefleckten Lebens vor alles ging / so gar /dass sie
denselben / auch dem Leben selber vorsetzte /und aber dessen Preis / durch
erkannte böse Verleumdungen / mercklich fallen würde / wollte sie / viel lieber /
alle Liebe / aus ihrem Hertzen / verbannen / als einige / ihrer Tugenden
verderbliche / Nachrede sich beschimpffen lassen: in dem allen auch Macarie so
ruhmlich / als verständig handelte. Gleichwol liebte sie Polyphilum heimlich /
in ihrem Hertzen / und hielt ihn für den Wertesten ihrer Freunde: aber die
eusserliche Zeichen / so auch andern kündig werden könten / mochte sie nicht
annehmen / bloss den schädlichen Verdacht zu verhüten.
    Was tut aber Polyphilus: Der erwartet / mit sehnlichem Verlangen / das
jenige / was er doch nicht erwarten konnte. So oft Melopharmis die Tür an
seinem Gemach eröffnete / gedachte er / jetzt kommt eine Antwort von Macarien:
aber vergebens. Auch tröstete ihn Agapistus immerfort / mit guter Hoffnung / die
doch vergeblich war. Drei ganzer Wochen strichen dahin / und hatte Polyphilus
gleichwol keine Antwort / darum er nicht anderst dencken konnte / als Macarie
müsse sich gewendet haben. Wiewohl ihm die Ersinnung der Ursachen offtermals den
Hochmut Macarien vorlegte / und den Verzug dieser Antwort /oder vielmehr die
Verwaigerung / zur Verachtung seiner Unwürdigkeit deuten wollte. Wiederum fiel
ihm bei der Vorsatz ihrer Einsamkeit / dem sie zu viel gehorsame. Doch war das
alles / und ein jedes / daran ihn seine betrübte Sinnen erinnerten / Ursach
genug /dass er glauben musste / Macarie hätte seiner vergessen / und wolle ihn gar
verlassen. Deswegen er / mit so beweglich en Worten / über die Verkehrung ihrer
Sinnen / klagte / dass offtermals Agapistus von ihm hinaus gehen musste / weil er
die Not Polyphili / ohne Tränen / nicht anschauen konnte. Melopharmis / im
Gegenteil / blieb stets bei ihm / und war eine mächtige Trösterin seines
Elends. Ja sie konnte ihn oft und oft so befriedigen / dass er / ohne grosse
Ungedult /sich dem Willen der Unsterblichen ergab / und alles der Vorsehung des
Himmels heimstellete / die ihn /nach diesem Leid / desto seeliger erfreuen
werde. In welcher Hoffnung er dermassen gestärcket ward / dass er / zum öfftern /
sich nicht scheuete / Macarien dadurch zu erinnern / ja zu bedrohen / dass sie
den selbsterwählten Schaden ihres Widerwillens / nach dem / schon bereuen würde.
Wie genugsam / aus folgendem Sonnet / welches aus so vielen / die er damals
verfertiget / allein überblieben / und aufgezeichnet ist / zu erkennen:
Ach! soltest du das tun? Ich hätt es nie geglaubet /
und nie gehoffet auch / dass du mich so gering
soltst halten / wie du tust: was ich dir / Liebste! bring /
wirffst du verächtlich weg: das / wär es nur erlaubet /
die / so gleich-edel sind / schon längsten dir geraubet /
schon längsten hätten gern / wann nicht mein treuer Sinn
an dir gehalten hätt: nun gibst du selber hin
den / der dein bleiben wolt. Du hast dich zwar verschraubet
hin in die Einsamkeit: doch hüte dich dabei /
dass nicht ein härters Joch dir diese Freiheit sei.
Jetzt ist mirs eine Pein: dir aber ein Belteben /
doch weil dein stoltzer Sinn allein die Ursach ist /
dass du mir jetzt / wie vor / nicht gleich mehr günstig bist /
wird / weiss ich / deine Freud dich künftig noch betrüben.
Was wird dann endlich draus / soll Polyphilus alle Hoffnung / so er auf die
Antwort Macarien gegründet / umwerffen / und alles Vertrauen ablegen? Das ist ja
unmüglich. Ist dann keine Hülff / kein Rat mehr übrig? Polyphilus kann vor
Hertzenleid nichts ersinnen: Melopharmis vor Furcht; wann sie gleich Polyphilum
zu dem andern Brief raten wolle / es möchte selbiger eben so wenig würcken.
Darum stund Agapistus nach langer Besinnung auf / und erbot sich selber gen
Soletten zu reisen / um mündlich bei Macarien zu vernehmen / was die Ursach sei
ihres Stillschweigens. Dessen wurde Polyphilus so erfreuet /dass er behend
aufstund / und / aus Liebe gegen Agapistum / seine Hände erfassete / mit diesen
Worten: so bist du dennoch der einige / du treu-liebendes Hertz! der meine
Schmertzen verbinden will? Ach ja! fahr hin / es begleite dich die schützende
Hand der gnädigen Götter / und bringe dich wieder mit Freuden.
    Melopharmis billichte ingleichen den Anschlag Agapisti / allein zweierlei
war Not zu erinnern: Erstlich / die Furcht / dass die Königin / wann sie
Agapistum auf Soletten gereiset wüste / würde alsbald der Argwohn ihr Hertz
verführen / Polyphilus habe ihn abgesandt / an Macarien. Hernach war auch das zu
bedencken / dass Macarie Agapistum nicht kenne von Angesicht / deswegen es
geschehen könne / dass sie ihn nicht vor Agapistum halte / auch nicht in allem
traue / ob sie gleich wisse / dass Agapistus des Polyphili / mehr / als
Brüderlicher Freund sei. Die Erinnerungen waren zwar nützlich und nötig; bevor
/ weil Agapistus seine Gesandschaft heimlich und eilig verrichten wollte /
deswegen er vor dissmal das Auge Talypsidami / welcher sonst von dieser Person
hätte zeugen können / zu fliehen gedachte / als der ihn nicht nur aufhalten /
besondern auch offenbahren möchte; allein sie waren leicht verhütet / und mit
gutem Rat versichert.
    Dann auf das erste versetzte Agapistus / dass er seinen Weg auf Agmenpo /
auch einer Insul an dem Peneus-Fluss / nehmen wolle / und von dannen auf Soletten
/ welches er gleichwol der Königin nicht bedeuten dörffe; Auf dieses versprach
Polyphilus / den Agapistum / mit einer nochmaligen Schrifft / an Macarien
/abzufertigen. Das alles gefiel Melopharmis sehr wohl /sonderlich wegen Agapisti
/ der keinen bequemern Fund erdencken können / weiln Agmenpo / gerad gegen
Soletten über / gleicher weite von dem Schloss lag; auch er / über das /
daselber Befreunde hatte /die zu besuchen / den Abzug Agapisti / bei der
Königin / leicht entschuldigen würden.
    Es blieb bei dem Schluss; Melopharmis musste bei der Königin Erlaubnus
einholen; Agapistus rüstete sich zur Reise / und Polyphilus verfertigte
folgendes Brieflein / mehr aus Betrübnus / als Bedacht:
                               Verlangte Macarie!
Wiewohl ich Zeitero / mit schmertzlichem Verlangen / einige Antwort / auf mein
jüngst überschicktes Brieflein / erwartet: hab ich doch / biss daher / solcher
hochbegehrten Glückseligkeit nicht geniessen können. Wann ich mir demnach leicht
einbilden kann / es werde sie / ihre gebührende Scham / von diesem abgehalten
haben / was das getreue Hertz / ehe zu vollbringen beschlossen: als bitte ich
nochmaln / mein betrübtes Verlangen / mit einem freudigen Gegen-Gruss zu stillen:
weiln sie doch die einige ist / und hinfüro / wie ich bittlich hoffe / bleiben
wird / so meinen Wunsch erfüllen / und meinem Begehren ein Genügen tun kann und
will. Dass ich aber gegenwärtigen / meinen allergetreuesten Freund / Agapistum /
dessen Aufrichtigkeit / ich nicht durch Wort / sondern diese Gesandtschaft /
bewähren will / mit diesem Brieflein /in solcher Eile / an sie abgefertiget /
zwinget mich die nötige Vorsorg / so ich billich trage / wegen der Furcht / die
mir / biss daher / die Ursach ihres Stillschweigens / mit dem Mangel des
Uberträgers / vorgelegt: deren zu wehren / ich selber Agapistum senden wollen
/ welchem alle Heimlichkeit so wohl zu eröffnen und zu trauen / als wann ich
selber zugegen wäre. Wird sie ihm demnach / verlangtes Hertz! nichts verhalten
/ sondern mit einem einigen Wort /da ich ja nicht mehr verdienen sollte / ihrer
Liebe und Gewogenheit mich / durch ihn / versichern / und in derselben so
beständig verharren / als ich mich freiwillig verschreibe /
                                                                      Deroselben
                                                         Einig und ewig-getreuen
                                                                     Polyphilum.
So bald der Brief verfertiget / setzte sich Agapistus zu Pferd / und eilete / so
viel er mochte / durch Agmenpo / auf Soletten zu. Als er nun dahin gelanget /
und sein Pferd angehänget / geht er / unangemeld / vor das Gemach / darinnen
die schöne Macarie ihrer Einsamkeit pflegte. Diese erschrack nicht wenig / wegen
der unverhofften Ankunft / eines fremden und unbekanten Ritters: desgleichen
tat auch Agapistus / weil er vernahm / dass Macarie etwas übel auf war / dann
sie eben an den Zähnen Schraertzen erlitte / die ihr das ganze Gesicht
aufschwelleten: welches doch die zärtliche Macarie / mit einem schwartzen
Pflaster /künstlich verdeckte. Uberdas hielt Agapistum die Verwunderung / der
nie-gehofften Schönheit / so gefangen / dass er schier der Red vergass / die ihm
Polyphilus / mit Macarien zu wechseln / gebeten. Endlich aber fieng er an /
seinen Zutritt zu entschuldigen / und ihre Freundlichkeit / um gütige Vernehmung
/ seines Gewerbes / zu bitten. Welches / nach dem es von Macarien versprochen /
Agapistus folgender Wort sich vernehmen liess: Es hat mich / Tugend-gezierte
Dame! mein Freund Polyphilus / mit einem schönen Gruss /an dieselbe abgefertiget
/ und diesen Brief / deren beschönten Händen zu überlieffern / vertrauet /
nichts mehr wünschende / als dass er / mit dem seeligen Trost / ihrer verlangten
Antwort / möchte beglücket werden: und mit diesem überreichte er ihr den Brief
Polyphili.
    Ach aber! wie wurde das Hertz der schönen Macarien erschröckt / die
Bescheidenheit gab ihr zwar Befehl / den Brief zu erbrechen / aber mit was
Widerwillen sie denselben gelesen / gibt folgende Antwort gnugsam zu erkennen.
Ich vernehme / sprach sie /Edler Agapiste! dass ihr Agapistus seid / der getreue
Freund Polyphili / dem er mir befiehlt alles zu vertrauen / was ich / in meinem
Hertzen / von ihm beschlossen. Zwar hätte ich mich eines so vornehmen Gastes
anheut nicht versehen / zu dem ich mich sehr unseelig preise / dass er mich zum
erstenmal / aber in zugefallener Ungesundheit / sprechen soll / die ich
verlangen dörffte / ausführlicher mit ihm zu reden /als die Schmertzen meines
Haupts zulassen / welche /durch die Schrifft Polyphili / um desto mehr vermehret
werden / je widriger und verdriesslicher mir dieselbe ist. Dann / Edler Agapiste!
wie darff sich Polyphilus erkühnen / gegen mir solche Wort zu führen / ja! mir
schrifftlich vorzulegen? Weiss er nicht / dass man wohl ein Wort hören könne / das
in den Wind geht; aber die Schrifft / so nicht verstänbet / schwerlicher
ertragen werde. Wie hat Polyphilus feines Verstands /ja! auch seiner Höflichkeit
vergessen? Oder / da mir solches seine unverruckte Weissheit und vollkommene
Tugend zu bejahen Verbot gibt / kann ich nicht glauben / dass diese Briefe / die
seiner Liebsten Hände fordern / mir zugehören / auch mir sollen überbracht
werden. Gewisslich hat Polyphilus / aus Blendung der Liebe / den Namen verfehlet
/ der seine Liebsten benennen wird / dann ich mich vor dieselbe nicht bekennen
kann. Daher ich billige Ursach nehmen werde / so wohl diesen / als den ersten
Brief / den ich noch nicht eröffnen wollen / aus Furcht / er möchte an einen
andern Ort gehören / entweder euch wieder mit zu ruck zu geben / oder wo dieses
meine Künheit nicht wagen dörffte / durch sonst andere Gelegenheit / wieder zu
übersenden / dann mir solche anzunehmen / durchaus nicht anstehen wird. Auch kann
ich mir keines wegs die Gedancken machen / was Polyphilum / mich zu lieben /
veranlassen sollte: meine Freundschaft hab ich ihm versprochen / aber so fern es
/ die mir erwählte Einsamkeit / zulässet / sollte er etwas darüber begehren /
würde er mich zwingen / wider meinen Willen / eine Unhöflichkeit zu erwählen /
die seinem Begehren einen Abschlag widersetze. Wiewohl ich sicherer glaube /
diese Brief fordern nicht mich / sondern eine andere Ehebrecherin / die ehe
anderer Orten / als zu Soletten wird zu suchen sein.
    Was Agapistus gedacht / wie er erschrocken / ja! wohl gar ergrimmet / kann
ich nicht sagen. Man wirds erkennen / wann man seine zweiffelhafte
Entschliessung ansiehet / und die wanckende Furcht / darinnen sein Hertz
geängstet wurde. Er wusste nicht / wem er glauben sollte: trauete er den
Erzehlungen Polyphili /so konnte er nicht anderst schliessen / als Macarie spotte
seiner: sollte er denn dem ernstaften Gespräch der Macarien Glauben geben /
müste er zugleich glauben / Polyphilus hätte ihn mit Unwarheit berichtet.
Gleichwol gedachte er hinwieder / Polyphilus würde verständiger sein / als dass
er solche Brief schreiben sollte / wann er nicht zuvor gewiss wäre / dass sie
angenehm sein würden: allein / er gedachte nicht dabei /dass Polyphilus aus
Verführung der Liebes-Schmertzen geschrieben. Er wusste nicht / wie er antworten
sollte / ohne dass er die Schmertzen Polyphili bewährete / / und wie diese Briefe
keine andere Hände / als der schönen Macarien forderten / in deren Liebe
Polyphilus beharren werde / biss ans Ende.
    Darauf Macarie: Polyphilus? in meiner Liebe? Das verhüte der mächtige
Himmel! Wolte Polyphilus sein Glück nicht besser beobachten / wollte er seine
Jugend mit Liebe verderben die geboren ist / grosses Glück und Ehre zu
erwerben. Müste ich doch selber über mich klagen / wann ich / durch die Bande
meiner und seiner Liebe / das Tugend begierige Gemüt / ja das Kunst-verlangende
Hertz Polyphili / mitten im Lauf zu ruck halten / und in der Unvollkommenheit
wollte ruhen heissen. Nein / Polyphilus kann grösser Glück und Ehr erlangen / wann
er Kunst und Tugend suchet / als die Liebe der mangelhaften Macarien. Gedencket
selber / edler Agapiste! wie hoch die Kunst Polyphili noch steigen kann / da
sie sich / in ihren jungen Jahren / nichts hindern lässet? wie mächtig der Ruhm
seiner Tugenden sich mehren wird / wann er /durch die Ubung derselben / seinen
Namen herrlicher machet? Darzu kommen die nötige Reisen / die gleichsam das
Leben sind der Wissenschaft / dann selber sehen und erfahren / halt ich
zuträglicher sein /als alles hören und lesen. Agapistus erwähnte / dass
Polyphilus reisen könne / ob er schon Macarien liebe; deme Macarie versetzte:
Zwei widerwertige Dinge lieben und reisen. Ich halte gäntzlich davor / dass / so
sich einer / in dem strengen Dienst der Liebe befinde /er nicht weit von der
Geliebten kommen werde / denn unser Hertz ist je so beschaffen / dass es sich
stündlich sehne nach dem / das es liebt / der Leib aber / wie er billich dem
Befehl der Seelen folget / als läst er sich auch nicht weit von derselben
entziehen. Ist etwas: erinnerte Agapistus; allein / wann ich das Tugend-liebende
Hertz Polyphili besinne / verhoffe ich / wird er eine solche Mässigkeit in der
Liebe zu treffen wissen /die ihn an seinem Fürhaben / Glück und Ehre zu erlangen
/ dennoch nicht verhindern wird. Dergleichen /gab Macarie zur Antwort / lässet
sich viel geschwinder reden / als zu Werck richten. Wer seinem Laster eine Mass
suchet / ist eben / als wolle er glauben /einer / der sich von einem jähen
Felsen stürtzete /könne sich / wann es ihm beliebte / im herab fallen besinnen
und wieder halten. Dann wie diss zu tun unmüglich: also kann ein verwirrtes und
erhitztes Gemüt sich weder zu ruck ziehen und innhalten / noch an dem Ort / wo
es nicht will / verbleiben. Es weiss auch der jenige / welcher allbereit liebt /
so wenig / mit was Mass er lieben soll / als wenig einer / dem man die Augen
ausgestochen hat / weiss / wohin er gehen soll.
    Agapistus wunderte sich über die verständige Antwort Macarien / und in
Warheit! wäre er nicht Polyphili so gehertzter Freund gewesen / dass er sich der
Untreu schämen müssen / hätte er selber Macarien /das allzuschöne Bild /
lieben müssen: wie er auch hernach selber / dem Polyphilo / frei willig
bekannte. Sie spielte mit ihren Augen so züchtig / dass er ihre Keuschheit / in
seinem Hertzen / preisen musste; sie berötete ihre Wangen / so oft sie das Wort
der Liebe nennete / mit gleichsam solcher heimlichen Entsetzung / dass er / aus
der furchtsamen Red / die innerliche Bewegung der Schamhaftigkeit / ganz
offenbahr zu vernehmen hatte. Die ganze Gestalt und Beschaffenheit ihres zarten
Gesichts / dann die höfliche Bewegung ihrer Glieder / zusamt den freundlichen
Geberden / konnte Agapistum / auf keine andere Gedancken führen / dann diese / du
bist ja freilich wohl /allerschönste Macarie! der vollkommene Schatz aller
Tugend und Geschicklichkeit.
    Nun wundert mich nicht mehr / warum dich Polyphilus so hertzlich liebe /
weil du geboren bist /durch deine Schönheit / und den Glantz deiner Tugenden /
aller Hertzen zu gewinnen. Es betrübet mich nur / dass eine so unerweichende
Härtigkeit deine Tugend begleitet / die sich mehr der widersetzlichen
Halssstarrigkeit / als der Beständigkeit / meines Erachtens / gleichet. Ach! was
soll ich dann Polyphilo für einen Trost mitbringen / soll ich eben die
unglückhafte Botschaft verrichten / die feine Seele tödten wird. Will sie dann
/ liebreiche Macarie! ihrer Barmhertzigkeit so gar vergessen / und Polyphilum
den besten / ihrer und meiner Freunde / so ganz hülffloss lassen? Das war der
Gegen-Satz Agapisti auf die Rede Macarien: deme sie aber wieder versetzte:
Dafern Polyphilus eine solche Bitte / oder vielmehr Begehrn / an mich ergehen
lässet / dass meinem Vorsatz der Einsamkeit nicht zuwider / auch mir müglich zu
tun ist / soll er an meiner Folge und Gewehrung nicht zweiffeln. Da ich auch
wüste / dass es nicht blosse Höflichkeit wäre / damit er in seinem Brieflein /nur
ein einig Wort begehret / ihn meiner Gewogenheit / durch euch / zu versichern /
wolt ich euch bitten / die Mühe anzunehmen / ihm einen schönen Gruss / von
Macarien / zu verkünden / auch dabei meiner Gewogenheit / so weit selbige eine
Ehrenvergönnte Freundschaft zulässet / versichern: aber eine Liebe von mir zu
begehren / wird er / Krafft seines bessern Verstands / sich nicht erkühnen /
wird auch mir / dieselbe zu versprechen / eine grosse Vermessenheit sein / als
die ich in einer solchen Bedingung lebe / welche nicht zulässet / dergleichen
Werbungen nur anzuhören / will geschweigen / zu bewilligen. Darum ich auch / wie
ihr sehet / und ich vor schon gemeldet / den ersten Polyphili noch nicht
erbrochen /oder auch künftig erbrechen werde / sondern dem Verfasser unversehrt
wieder zuschicken / weil ich euch damit zu beschwehren mich nicht erkühnen
darff.
    Wann der Briefe tausend wären / antwortete Agapistus / würde ich mirs vor
eine grosse Ehre bekennen /wann ich in dem Dienst Macarien mich bemühen dörffte;
allein dieses grossen Unglücks überhebe mich dissmal die Höflichkeit deren / der
ich / in andern Fällen / schuldig zu gehorsamen bin / dann ich mit diesem Brief
Polyphilum ertödten würde. Auch bitte ich /bei der Gnade Macarien / sie wolle
des Lebens Polyphili zu schonen / diese unselige Schrifft / wo nicht entbrechen
/ und beantworten / doch verschlossen bei ihr ruhen lassen / und dem / darüber
sterbenden Polyphilo / nicht zuruck schicken: will sie anderst nicht die
allzufrühe Zeitung / seines schmertzhaften Todes / mit Leid / erfahren. Ich
will sehen / dafern ja Polyphilus keine Gnad mehr erlangen kann / dass ich ihn /
von der Lieb Macarien abwende / oder sonsten befriedige. Das könt ihr tun /
versetzte Macarie /eurer Bitte will ich noch dissmal folgen; und damit schied er
von ihr.
    Was wird nun Polyphilus sagen / wann er vom Agapisto / die widerwillige
Antwort Macarien / vernimmt? Sein Hertz wird vor Trauren / in seinem ermüdetem
Leibe / verschmachten / und seine Seele /aller Freude / in Ewigkeit absterben.
Ja! so wäre es allerdings ergangen / wann nicht Agapistus ein so kluger Bote
gewesen / der seine Reden / mehr nach dem Sinn Polyphili / als der Antwort
Macarien / gerichtet. Der Gruss war sein erstes Wort / und die Verkündigung der
beharrlichen Gewogenheit Macarien /in einer ehr-gebührenden Freundschaft.
Nichts mehr? fragte Polyphilus. Das Agapistus beantwortete: Nichts sonderliches.
Warum antwortet sie dann nicht auf meine Briefe? Fragte Polyphilus ferner. Deme
Agapistus versetzte: weil sie mir die Antwort mündlich vertrauet / auch sich
entschuldiget / wie ihr so gar nicht anstehe / Liebes-Briefe zu wechseln.
Polyphilus merckte aus den erschrockenen Reden Agapisti / dass die Sache nicht
zum besten stehen müsse / weil er nicht / seiner sonst-gewohnten Art nach / frei
heraus redete / darum er ihm anlag / und / durch die Treue ihrer Freundschaft /
ersuchete / ihm nichts / von allem dem / was Macarie mit ihm geredt / sei guts
oder böses / zu verhälen / mit Versprechen / dass ers mit gedultigem Hertzen
aufnehmen / und sich nichts wollte betrüben lassen.
    Agapistus trauete dem Wort Polyphili / und fieng an / ihm alles zu erzählen
/ doch so / dass er sich erst bemühete / das Hertz Polyphili von Macarien
abzuwenden / deswegen er ihn erinnerte / er solle die Grossmütigkeit seines
Hertzens anheut / in Verachtung deren / die ihn mit gefärbter Gunst / mehr zu
schimpffen als zu beehren suche / zu seinem bessern Ruhm / erweisen / und seine
Freiheit / die er billich von der ersten Erkantnus an / biss daher / in seinem
Sinn / vor den herrlichsten Schatz seiner Glückseligkeit verehret / nicht um
solche nichtige Bezahlung verkauffen: sondern gedencken / dass rühmlicher /auch
der Tugend / die sich nicht unterdrucken lässet /ähnlicher sei / über die / so
uns mit verfälschten Schein betrügen will / in einem freien Leben / zu herrschen
/ als in einer Lasterhaften Diensibarkeit /mit dem Verlust unsrer Ehr und
Ansehen / gefangen liegen. Macarie! das hochmütige Weib! verachtet Polyphilum /
so gar / dass sie seine Brief nicht erbrechen mögen / ja! welches mehr ist / mit
unverantwortlichem Schimpff wieder zu ruck zu senden gesinnet. So viel darff ihr
Macarie / die Stoltze / einbilden / dass sie Polyphilum nicht vor ihren Liebsten:
als welcher dessen ganz unwürdig; sondern vor ihren Knecht /und das nicht
allemal / erwählen will. Gehet demnach in euch / viel-würdiger Polyphile! und
bedencket / ob ihr mehr Ursach habt / dieser unbarmhertzigen Herrscherin zu
dienen; oder mehr vermögen / sie selbst dienstbar zu machen. Gehet es meinem
Schluss nach /wird dieses jenen weit bevor gehen. Was wolt ihr dienen / da ihr
könnet Herr sein? Ist dann keine sonst in der Welt / die Polyphili wert sei?
wird Macarie allein leben? Zwar begehr ich euch Macarien / die lieb-würdige Dame
/ nicht verhasst zu machen: sondern ich will euch / Krafft der Freundschaft /
die mich /für euch zu sterben / verpflichtet / erinnern / dass ihr euern Sinn /
auf einen würdigern Ort setzet / dann sich / in Warheit! Macarie eurer
beständigen Liebe unwert gemacht / durch ihren Stoltz. Besinnet euch doch /
verständiger Polyphile! wie die widerspenstige Macarie euer Gemüt allbereit zum
Sclaven gemacht /dass ihr nicht sinnen dörffet / was ihr wollet / sondern was sie
befihlet. Erkennet / wie sie euern Leib / durch Entziehung aller freudigen
Krafft / ermüdet / dass er nicht mehr Polyphili schöner Leib / sondern viel
warhafter / dessen Schatten zu nennen. Was ist nun die Belohnung? Liebe? Nein /
Hass! Ehre? Nein / Schande / Spott und Beschimpffung! Ja! welches das
erschröcklichste / von eben der stoltzen und hönischen Macarien / um deren
willen / ihr alles erlitten. Wie habt ihr euch doch so hesslich verführen lassen
/ dass ihr auch wider die Tugend selber / die ihr doch immer so hoch geliebt / zu
handeln nicht Bedencken getragen? Gedencket / wie schimpfflich wird von euch
geredt werden: Polyphilus / der alle Tugenden beherrschen wollte / muss jetzo der
Liebe dienen. Ey so fasset einen andern Mut / lasset das tapffere Hertz nicht
so schändlich besieget werden / und richtet euren rühmlichen Sinn von Macarien
weg / damit ihr eure Ehr und Glück nicht auf einmal verderbet / und glaubt mir
/dass diss die letzte Wort waren / die sie mir / Polyphilo zu hinterbringen /
Befehl gab: Polyphilus wird meiner Liebe so wenig geniessen / als ich ihm solche
zu gewehren schuldig bin.
    Das alles aber / obs teils Agapistus / wider besser Wissen / teils wider
die Warheit / und den bessern Laut der Wort Macarie / redete / tat ers dennoch
/bloss Polyphilum von Macarien abzuwenden / weil er derselben Reden / alle vor
Warheit und Ernst angesehen / darinnen er aber weit fehlete. Was antwortete nun
Polyphilus? Ich weiss nicht / soll ich sagen / die vollkommene Kunst und gelehrte
Zunge / oder der Schrecken / oder der erzürnte Grimm seines eifrenden Hertzens /
stiess nachgesetzte Wort / in gebundener Rede / aber mit solcher Grausamkeit / zu
seinem Munde heraus / dass sich Agapistus darüber entsetzte /und auf gelindere
Wort gedachte / ihn wieder zu befriedigen. Ich gebe dissmal dem Zorn den Preis /
welcher erweiset / wie weit er die Kunst bezwingen könne / wann er das Hertz
gewinne / in dem Polyphilus / in seinem Gemach auf und nieder / ohne Vorbedacht
/ diese Reimen schloss:
Ey so bin ich auch frei mein! will sie nicht / so mag sies lassen /
Was macht sie dann aus ihr selbst? Sie mag lieben / sie mag hassen /
Gunst und Ungunst ist mir eins: weiss ich doch / dass ich wohl wert
ihrer bin / wie meiner sie / und was ich an ihr begehrt.
Muss sies denn alleine sein? soll ich mich zu tode kümmern?
Ist sonst keine in der Welt / dass ich so ein ängstig Wimmern
ihrentwegen treiben solt? Nein / sie ist es nicht allein /
andrer Orten wird fürwar auch noch ihres gleichen sein.
Ist die Welt nicht gross genug; ist die Zahl der schönen Frauen
nur allein auf sie gebaut? sind nit deren mehr zu schauen /
wo nicht hier / doch anderwerts; die so schön / so Tugendreich /
höflich / sittlich / züchtig sein / und in allem ihr ganz gleich?
Dencke nur / du Stoltze du! die du dich so hoch erhebest /
und mich so verächtlich hältst / dass du nicht alleine lebest /
dass die ganze Wett sei voll / und ich bald an deine statt
wählen eine andre könn / die mich etwa lieber hat.
Sage du / was fehlet mir / dass du mich nit wilt erwählen?
bin ich etwa dein nicht wert? O ich will dir andre zehlen /
die mich vor dir wert erkannt: denen du in vielen nit
bist zu gleichen; glaube nur / dass dir auch noch viel gebricht.
Bin ich gleich nicht / was du wilt: kann ichs etwa noch wohl werden /
und viel eh als du vermeinst. Dann was andre auf der Erden
dencken / denck ich eben auch: und was andren offen steht /
wird mir nicht verschlossen sein / wann das Recht sonst richtig geht.
Bin ich gleich nicht mächtig reich: bin ich doch auch nie verarmet /
meiner hat der Himmel sich immer gnädig noch erbarmet /
wer ist reicher nun als ich? meinen Schatz trag ich bei mir /
der mich nebret / mehret / ehrt / und versorget für und für.
Bin ich dir vielleicht zu grob? wisse / die gezierte Sitten
finden sich bei allen nicht: und wo hab ich überschritten /
sag mir? die Bescheidenheit. Was ich noch bei dir verübt
ist aus Grobheit nicht geschehn; sondern weil ich war verliebt.
Ob ich gleich auch bin nicht schön / lass ich mich doch nicht verachten /
weil ich auch nicht hesslich bin: solt ich deinen Glantz betrachten /
dörfft ich gleichen mich / mit dir: doch wilt du noch schöner sein /
sei es! sei du schön vor dich / bleib ich schön vor mich allein.
Oder fehlt mir gravität? bin ich darum nicht zu schelten /
auch nicht zu verwerffen schlecht: wann in allen Brunnen quellten
gute Wasser; wann / wer wolt / könnte nach Corintus gehn;
bliebe / warhaft! keiner nicht auf dem teutschen Boden stehn.
Und begehrst du das von mir? Ey! so solt du bald erfahren /
dass ich gleich so stoltz kann sein; dass ich meine Pfeffer-Wahren
gebe / wie dein Saffran-Gut: wilt du? seis: wo nicht? schon recht:
werd ich etwa noch wohl Herr / da ich vor gewesen Knecht.
Jetzt sehe eins das erzürnte Hertz Polyphili an / und frage / wo ist die Liebe
blieben? Haben wir kein Exempel / dass der Zorn / der nächste Geferte sei / bei
der Liebe / so haben wirs am Polyphilo. Aber wie ists müglich / dass die erhitzte
Glut / der feurigen Liene /in eine solche Zorn-Brunst ausschlage; die
liebreiche Freundschaft / in eine so verhässige Feindschaft? Ist dann die
Glut der Liebe und des Zorns eins? So scheints fast wahr zu sein. Und müssen
wir hie lernen / dass kein heftiger Grimm zu erdencken sei / als wann die beste
Freunde / uneins werden / denn da schlögt / immer fort / die glimmende
Erinnerung /aller deren Guttaten / und erzeigten Freundlichkeit /in eine helle
Lohe aus / die so starck und erhitzt drennet / dass sie nimmer zu leschen.
    Wie es aber bald-erzürnten Hertzen gemeiniglich zu ergehen pflegt / dass sie
eben bald hinwieder begütiget werden / so traffs auch dissmal das Hertz
Polyphili: sonderlich / da ihn Agapistus erinnerte / dass Macarie ihre Wort nicht
eben so scharff gesetzet /oder so schimpfflich geführet / sondern bloss / wie er
mutmasse / ihrer Höflichkeit und gebührenden Zucht / in diesem Fall / etwas
zugeben. Welche Erinnerung Agapisti / Polyphilum dahin verführete / dass er
gedachte / vielleicht hat Macarie sich vor Agapisto gescheuet / und dem dritten
nicht wollen kündig machen / / was bloss unter zweien wissend sein soll. Und weil
diese Gedancken / die / ihm bewährte / Vorsichtigkeit / seiner Macarien / nicht
wenig stärcketen / fiel der armselige Polyphilus in eine solche Angst / wegen
des Verbrechens / so er an Macarien begangen / dass er nicht wusste / wo er
bleiben sollte. Ach! Ach! fieng er an / was hab ich getan / edle Macarie! dass
ich dich so unschuldig beschuldiget / und so verächtlich gestraffet? wie bin ich
doch so blind / so taub / so unverständig worden? Ach! dass ich stumm gewesen
wäre / dass diese Läster-Wort nicht durch meinen Mund hätten dringen können. O du
lasterhafter Polyphile! scheuest du dich nicht / das unbefleckte Hertz /der
Himmel-würdigen Macarien / zu straffen / und /ach! die Göttliche Vollkommenheit
zu schimpffen? Ach! allein unsterbliche Göttin unter den Sterblichen! soll
Polyphilus / der unwürdigste / dass er zu deinen Füssen liegen sollte / begehren /
über dich zu herrschen? O du verdammtes Begehren! wer sind sie /sag / verlogener
Geist Polyphili! wer sind sie / die meiner allein-schönen / allein-tugendreichen
/ allein-höflichen / allein-sittlichen / allein-züchtigen /
allein-himmlisch-begabten Macarien / Ach! der unvergleichlichen Macarien / zu
gleichen? wie dein lasterhaftes Beginnen / auch die verdammte Bosheit / aller
höllischen Greuel überschreitet: So wird meine Himmel-beschönte Macarie / aller
weltlichen Schönheit und Zierde / den Preis wegnehmen. Solche und dergleichen
Wort viel mehr / führete Polyphilus wider sich selbst / den begangenem Fehl /
gegen Macarien / zu entschuldigen: ja es befriedigte auch das die Furcht nicht /
weil er ihm / (wie dann der betrübten Gemüter immer fehlen /) fest einbildete /
es hätten die /der Macarien gewogene Götter / seine Läster-Wort allbereit
derselben heimbracht / darum er / folgende Zeilen / zu Papier setzte / gleich
als sollten sie dieselbe auch überbringen: aber das war ein Beweis / der
Verliebten Torheit. Seine Entschuldigung war diese:
Was hab ich jetzt getan? Ach Schmertz! ich bin verführet:
ich irre / O der Angst! ich habe grob gefehlt:
O weh der grossen Not! das eben / was mich quält /
bau ich mir selber jetzt. Das mich vor dem curiret /
wird mir verzehrend Gift; und ehe michs berühret /
will ich vergehen schon: dann nunmehr hats ein End /
weil ich sie so besprech / wird sie die zarte Händ
mir trauen nimmer nicht: kein Zeichen wird gespüret
hinfort mehr werden auch: Nun ist es lauter Dunst
was meine Liebe hiess / und ihre Gegen-Gunst.
Was hab ich doch getan? Ach! wäre reuen / bessern /
und wäre läugnen nichts: ich spreche lauter nein /
ich hab es nicht getan. Ach! solt / ach! könt es sein /
dass ich blieb ohne Schuld! die Augen wolt ich wässern
mit heisser Tränen-Laug: den Lust- und Lebens-Fressern /
Angst / Kummer geb ich Raum: und was man senffzen nennt /
solt gehen bei mir an: biss / Liebste! sie erkennt /
dass meinen Fehler ich nicht nur nicht wolt vergrössern.
Ach! solt ich? Nein / ach Nein! besondern diese Stund /
ja diese / schlagen mich auf den verlognen Mund.
Doch weil das wünschen heisst / nicht aber vollenbringen;
und weil die Reu zu spät; auch läugnen hie nicht gilt;
was mach ich Armer dann / was rat ich / das mir stillt
die heisse Seelen-Qual? soll ich ein Traur-Lied singen?
Sie hört es nicht / mein Schatz! auch möcht es nit gelingen /
dass / wann sies hörte schon / ihr hoch-erzürntes Hertz
begütet werden könt / durch den verdienten Schmertz /
weil ich sie hart betrübt: drum will ich lassen klingen
die Reue mit der Bitt / sie wolle meinen Mund /
nicht mässen diesesmal aus meines Hertzen Grund.
So lass dich nun / mein Schatz! Schatz! lass dich doch erbiten /
geh nicht mit deinem Knecht / geh ja nicht ins Gericht /
sonst bin ich schon verderbt / ich kann bestehen nicht /
Wann du mich klagest an. Wo bleiben meine Sitten?
Wo meine Höflichkeit? Wie hab ich überschritten
die Schrancken aller Zucht? Wo denck ich ewig hin /
dass ich so blind / so taub / so unverständig bin?
Heisst das nicht grob gefehlt / und unverschämt geritten
den Esel / vor das Pferd: was hab ich doch getan /
dass ich mich so versehn / und nimmer helffen kann?
Was hab ich doch gedacht / dass ich so trotzig pochte?
Aus was vor tollem Sinn hielt ich ihr andre gleich?
Da keine / keine nicht / so über prächtig reich
an allem ist / als sie? Die einig nur vermöchte /
zu fangen mich / durch sich / als sie die Hertzen flochte /
durch ihre kluge Wort und trefflichen Verstand /
durch ihrer Augen Spiel / durch ihre weisse Hand /
die mich entzündte so / dass gleichsam in mir kochte
mein ganz-erhitztes Hertz / in Flammen-gleicher Brunst /
die mich erlöschen kunt / durch Hoffnung ihrer Gunst.
Drum hab ich weit gefehlt / du bist es ganz alleine /
und keine mit dir mehr: gleich wie diss Erden-Rund
nur eine Sonne hegt / und aller Welt ist kund
dass ihr sich gleiche nichts: also bist du die Meine /
und sonsten keine nicht / die mir so helle scheine /
an Schönheit / Tugend / Zucht / und was sonst mehr gefällt /
du bist die Liebste mir in dieser ganzen Welt /
die Schönste noch darzu: daher ist / dass ich weine /
und was mich schmertzet so: aus lauter Unbedacht
und leicht-gesasstem Zorn / hab ich dich so veracht.
Nun weil dus besser weist / und weil ein anders zeuget
die Sache von ihr selbst; ja! weil die bittre Reu
so zeitig wiederkommt / wirst du von meiner Treu /
Und was ich jetzt getan / das sie zu brechen beuget /
auch sonsten mich und dich zu trennen ist geneiger /
ein Urteil fällen so / dass nicht ein Zorn-Gericht;
besondern Gnad und Gunst / die alle Rechte bricht /
auch dein Recht bieg und brech: je höher selbge steiget /
je tieffer fällt es nach. Dein Recht sei deine Gnad /
und Gunst sei meine Straff / vor meine böse Tat.
Melopharmis sah den ganzen Handel stillschweigend an / weil sie aber der
schmertzhaften Bewegung Polyphili nicht länger zusehen konnte: suchte sie
Polyphilum zu trösten / mit dem Rat / (weil sie in gleichen Gedancken stund /
wegen der Vorsichtigkeit Macarien /) Polyphilus solle Gelegenheit suchen /
selber zu ihr zu kommen / alsdann er seiner Sachen könne gewiss werden. Diese
Wort trösteten Polyphilum mehr / als tausend andere / die auf Hoffnung und
Gedult möchten gestellet sein / so gar / dass er alles Leids vergessend / nur
darauf bedacht war / wie er /wider Wissen der Königin / auf Soletten gelange. Er
dachte hin und her / konnte aber nichts erdencken; biss etliche Wochen hernach /
weil sich sonst keine Gelegenheit ereignete / Agapistus das beste tat / der
einen Brieff / von seinen Befreunden / zu Agmenpo überkommen / dass er eilig
daselbst erscheinen sollte. Es war nunmehr wieder um die Zeit / dass sich Felder
und Wälder aufs neue begrünten / welches die lustigste Zeit des Jahrs ist /
daher Polyphilus Ursach nahm /dem Agapisto auf Agmenpo das Geleit zu geben / um
ein wenig die erstorbene Glieder / so gleichsam durch den Winter vergraben waren
/ mit einer angenehmen Lentzen-Lufft / wieder zu erwecken: welches dann die
Königin nicht wiedersprechen dorffte. Polyphili Schluss aber ging auf Soletten /
dahin ihn vielmehr Agapistus begleiten sollte / als Polyphilus diesen auf
Agmenpo.
    Es begleite / wer wolle / sie ritten miteinander / und da sie hinkamen / zu
den Befremden Agapisti / wurden sie beide / sonderlich Polyphilus / weil er
fremd war / aufs schönste empfangen / und Gast-frei bedienet / so gar / dass
ereinen wenigen Verzug annehmen musste / wie sehr ihn auch nach Macarien
verlangte. Doch verrichtete Agapistus seine Geschäffte / so schleunig er mochte
/ und eilete / nach abgelegter Dancksagung / mit Polyphilo / von seinen Freunden
/auf Macarien zu. So bald Polyphilus sein Pferd erstiegen / freuete sich schon
das Hertz / wegen der nun künftigen Beschauung / seiner so langverlangten
Macarien / deswegen auch / selber das Pferd / hurtiger und kühner springen
musste / dass er damals ritte. Es war eben das hinwieder / welches ihn / vor dem /
von dem Schlitten geworffen / und sollte eins wohl gedencken / Polyphilus hätte
bei demselben kein Glück haben sollen. Denn da er auf Soletten kam / war Macarie
nicht da / der erste Ritt war zum Talypsidamo /durch dessen Schiff er eingeholet
wurde / und nachdem er vernahm / wie vor einer kleinen Weile Macarie ans Ufer
gefahren / sich mit einen frölichen Spatzier-Gang zu ergötzen / liess er sich
auch gleich übersetzen / und nachdem er dem Schiffmann Gebot geben / allda zu
verharren / ritte er / mit vollem Sporen-Streich / den Weg hinan / welchen
Macarie solt gesuchet haben. Agapistus etzte ihm / mit gleicher Hitze / nach:
beide aber funten sie nichts / deswegen sie wieder zuruck / und ins Schiff
eileten / Macarien in der Insul zu erwarten. Polyphilus erinnerte / dass sie
nicht an dem Ort aussteigen dörfften / wo sie eingesetzen / weil sonsten das
Gerücht von ihm / in der ganzen Insul / erschallen würde; deswegen sie besser /
mit dem Fluss / abwerts schiffeten / und unter der Insul ausstiegen: aber zu
Polyphili Schaden. Dann Macarie ihre Wiederkehr / durch den öbern Port nahm /
als die gar nicht ausgestiegen / oder aufs Feld kommen / sondern ihr lediglich
gefallen lassen / um die Insul herumzufahren. Alsbald liess Polyphilus
Talypsidamum holen / und eröffnete ihm den Widerwillen Macarien. So bald aber
Talypsidamus Agapistum erkannte / da solt eins ein Umfahen / ein Dancken /ein
Freuen gesehen haben: welches jetzo zu erzählen die Not Polyphili nicht zuläst
/ die bloss von Macarien reden heisset. Talypsidamus hinterbrachte Polyphilo /
dass der Widerwille / von dem bösen Nachklang / herrühre / welchen seine neuliche
Besuchung verursachet: tröstete ihn doch dabei / dass / so er zu ihr kommen werde
/ sie dessen allen vergessen / und seine Liebe vor alles werde gehen lassen.
    Aber dissmal hatte ihm das Sonnen-Liecht / die Gegenwart Macarien / nicht
gegönnet / weil diese zu lang ausblieb / jene aber ihre Strahlen zuruck zog /und
die nächtliche Finsternus drohete. Daher Polyphilus gezwungen / dem Talypsidamo
einen Gruss an Macarien zu befehlen / welchen er auch gehorsamlich abzulegen
versprach. Und weil Polyphilus unverrichteter Sache wieder fortreiten musie /
kann eins leicht gedencken / mit was Betrübnus er geritten. Ich sage:
unverrichteter Sache; dann Macarien sabe er nicht: aber Macarie sah ihn / als
die wider Wissen Polyphili /aus einem ihrer Freunde Haus / zum Fenster absah
/da Polyphilus fürüber ritte. Die Forcht / so sie /wegen der Gegenwart Polyphili
/ schröckete / liess nicht zu / dass sie ihm / wie gern sie auch gewolt /weiter
nachgesehen. Ihre Gedancken aber begleiteten ihn / biss auf Sophoxenien. Was tut
nun Polyphilus /da er Macarien nicht gesehen? Er beklaget sein Unglück / und die
harte Bedrangnus seiner Liebes Pein /welche um desto mehr verwehret wurde / dass
er ihm die Antwort Agapisti wieder zu beeifern vornahm: deswegen er sich setzte
/ und mit folgendem Gedicht seine Zeit kürtzete:
Von der Stunde / da ich dich / hertzter Schatz! mit Schmertzen lassen
und verlassen musste gar; da ich dich nicht konnte fassen
und umfassen mehr nach Wunsch / bin ich / weiss nicht / wie so bald /
aller meiner Sinn beraubt / und vor Jahren worden alt.
Meine Augen schliessen sich / weil sie können nit mehr sehen /
was sie sahen jenesmal; mein Geruch will mir vergehen /
weil die schöne Rose fällt; und weil sie mir keine Wort
gönnet / will auch das Gehör von mir weichen / gehen fort.
Mein Geschmack ist ganz dahin / weil mir ist der Mund entzogen /
dessen Honig ich gekost / dessen Nectar hat gesogen
einmal mein beglückter Mund; und was sag ich von der Hand /
die nichts fühlet / weil sie jetzt hat die ihre weggewandt?
Alles ist nun ewig todt! alle die Empfindlichkeiten
sind geraubet überall / zu den hoch-betrübten Zeiten /
die mich rauben / Schatz! von dir; ja! das Leben selbst ist todt /
und mein Hertz lebt ohne Hertz; fühlet bittre Todes-not.
Meine Kräffte trocknen aus / meine Lust ist mir vergangen /
we der Wind geschwinde weht: ewig Grämen / immer bangen
schickest du mir immer zu: keinen Trost hat meine Seel /
weil du mir entnommen bist / daher ich mich ewig quäl:
Weist du nicht? O meine Pein! (wie kann ich dich anderst nennen
und was bist du besser auch?) must du selber nit bekennen /
dass ein einger solcher Tag / da ich dich nicht konnte sehn /
dauchte mir viel hundert Jahr? Ach was wird dann jetzt geschehn /
Ja! ach ja! was wird geschehn? Nun ich dich soll gar verlassen /
wie du ewig mich verläst: soll ich dich nit mehr umfassen?
Ey so bin ich lebend tod! Ja es ist nun aus mit mir /
weil ich / wie ich deine bin / also auch nur lebe dir.
Leb ich dir? so bin ich ja dir zugleich auch abgestorben /
weil du mir gestorben bist: sterb ich dir? bin ich verdorben /
wie du dich verderbet mir: Aber ach! der schlechten Treu /
die ich klage Gott und dir / dass sie so verfälschet sei.
Jetzo muss ich erst gestehn / was ich oft nit wollen glauben
noch mir konnte bilden ein: dass ich pflege zu berauben
seiner Freiheit / seiner Lust / jederman / so ist verliebt /
und in Sorgen / und in Leid / sitzen / liegen / sein betrübt.
Doch wer weiss / was Gott gedenckt / ob nicht das geschwinde Reuen
bei dir / Liebste! wiederkehr? Ob er mich nit woll erfreuen
wiederum durch deine Not / wie er mich durch deine Freud /
hat gesetzet / hat gebracht / in so schweres Hertzenleid.
Du wirst / weiss ich gar gewiss / selber noch bei dir gedenken.
dass er immer wieder käm! möcht er nur sein Hertze lencken
einmal wieder her zu mir! warum hab ich das getan?
warum hab ich ihn veracht / den ich nun nit haben kann?
Was halff aber Tichten und Sinnen / da das Werck nicht tröstete? Der Verlust
seiner Macarien / so ihm der Verzug drohete / führete ihn zum andernmahl auf
Soletten: aber mit gleichem Unglück / denn damals war Macarie / gar an einen
andern Ort / verreiset: da er aber zum drittenmal vergeblich ritte / (welche
Reisen weitläufftiger zu beschreiben / mehr einen Verdruss / als Nutzen schaffen
würde) fehlete nicht viel /dass die Betrubnus sein Hertz ersticket. Dann er
gedachte / entweder sind mir die Götter selber zuwider /oder Macarie lässet sich
verlaugnen: welches letztere ihm sehr scheinbar vorkam / weiln er keinen
gewissen Grund / ihrer Abwesenheit / vernehmen konnte.
    Talypsidamus war immerfort ein getreuer Besucher Polyphili / so oft er gen
Soletten gelangete / der ihn aber allezeit / mit vergeblichem Trost /
abspeisete. Da sie nun wieder zu Pferde waren / (dann Agapistus war dissmal
wieder bei ihm) fieng Talypsidamus an / wie er einen Klöpper habe / der dem
Polyphilo nicht übel anstehen würde / dafern es ihm beliebe solchen zu sehen /
stehe er zu seinen Diensten. Polyphilus bedanckte sich dessen vor dissmal /
versprach aber /daher Ursach zu nehmen / wann ihm die Zeit bessern Raum gestatte
/ nochmaln zuzusprechen / und damit machten sie sich wieder auf Sophoxenien zu.
So bald Polyphilus in sein Zimmer kam / setzte er sich / seine dreifache
vergebliche Reiss mit Reimen zu beklagen /und mit einem Trauer-Liedlein zu
besingen / folgendes Tons:
Ach! wie lange! ach! wie lange!
wirst du / Schatz! entrissen mir:
Das mir machet Angst und bange /
das mich schmertzet für und für:
Weil ich bin von dir geschieden /
und muss dennoch sein zu frieden.
2. Ja zu frieden! weil ich sehe /
dass es nicht kann anderst sein /
dann ob ich dir oft nachgehe /
wird mir niemals doch dein Schein
ach! gegönnet / ganz entzogen /
als wärst du davon geflogen.
3. Das ist / das mich so betrübet /
das mich quälet also sehr:
Weil mich nicht die Liebste liebt /
sondern hasset mehr und mehr:
Diss ist meine Klag / mein Weinen /
dass sie mir nicht will erscheinen.
4. Dencke selbst / wann du magst dencken /
wie mir doch zu Sinne sei?
Wann du nicht wilt wieder lencken.
dich zu mir / und bleiben frei /
ohne Liebes Banden leben /
dich der Einsamkeit ergeben.
5. Alle Stunde sind mir Jahre /
alle Zeiten / Ewigkeit:
Seiter ich von dir erfahre /
dass du dämpffest meine Freud /
weil du dich wilt nimmer lassen
von mir sehen und umfassen.
6. Ein- und zweimal hab ich können
wohl um dich vergebens gehn:
ja! das dritte mal dir gönnen /
ob ich dich gleich nicht gesehn:
Aber lass mich mehr nicht fehlen /
wilt du mich nicht ewig quälen.
7. Ob du schon / wie du wohl meinst /
deiner mich unwürdig hältst;
und deswegen feindlich scheinest /
auch so widerwillig stellst:
wirst du / weiss ich / doch bald sagen /
möcht er wieder nach mir fragen.
8. Ich zwar kann dich nicht verlassen /
wann nur du mich nicht verlässt.
Doch wann du wilt immer hassen
mich / den jetzt das Unglück presst:
werd ich / wann ich komm zu Ehren /
dich hinwieder nicht erhören.
Eben war das Gedicht verfertiget / als die Königin Polyphilum holen liess / um zu
vernehmen / wo er mit Agapisto hingeritten wäre: weil sie wider ihr Urlaub
abgeschieden. Deren Polyphilus antwortete / dass sie durch den Wald spatzieret /
auf das nächste Dorff /allda sie vernommen / dass ein schönes Ross zu verkauffen
sei / welches sie besehen wollen / hätten aber den Verkauffer verfehlet. Die
Königin glaubte das alsbalden / und vermeldet / wie sie gesinnet / eins zu
erkauffen / dafern sie was gutes antreffen könnte. Dessen Polyphilus erfreuet /
alsbald verspricht / seinen Diener / morgendes Tages / abzuschicken / und das
Pferd der Königin vorzureiten: welches sie bewilliget. Indessen Polyphilus noch
andere Gespräch mit der Königin wählet / kommt Agapistus uber vorgesetztes Lied
/ welches Polyphilus auf dem Tisch liegen lassen / und setzte ihm / zu einem
vergeblichen Trost /und nichtiger Freude / diesen Gegen-Satz:
Ach! nicht lange / ach! nicht lange /
werd ich sein entrissen dir /
lass darum dir sein nicht bange /
dass du bist so weit von mir /
dass du bist so weit entschieden
sei / mein Kind! sei nur zu frieden.
2. Ja zu frieden! du wirst sehen
dass es bald wird anderst sein /
wirst du einmal nur noch gehen
zu mir / wird der Liebes Schein
dich bestrahlen und beglücken /
dein zerschlagnes Hertz erquicken.
3. Drum wollst du dich nicht betrüben /
auch nicht quälen also sehr:
Ich / die Liebe will dich lieben /
hassen nun und nimmermehr:
Lass die Klag: hör auf zu weinen /
bald bald will ich dir erscheinen.
4. Dencke nicht / wie soll ich dencken:
weist du wie mein Hertze sei?
Ob ich / oder nicht will lencken
mich zu dir? Ich lebe frei:
aber doch nicht ohne Lieben /
wie kann dieses dich betrüben?
5. Stunde sind noch keine Jahre;
keine Zeit / ist Ewigkeit /
weist du / wie auch ich erfahre /
dass du schröckest mein Freud?
Doch will ich mich wieder lassen
von dir sehen und umfassen.
6. Hast du ein- und zweimal können
wohl um mich vergebens gehn /
auch das dritte mal mir gönnen /
ob du mich gleich nicht gesehn:
Solt du fortin nicht mehr fehlen /
dass du dich nicht mögest quälen.
7. Wirst du meinen / was ich meine /
wissen / was ich denck und dicht /
und warum ich feindlich scheine /
wirst du mich verdencken nicht:
Dörfft ich / was ich dencke / sagen /
wolt ich öffters nach dir fragen.
8. Kanst du / Liebster! mich nicht lassen:
Ich verlass dich wieder nicht:
Und ob du mich woltest hassen /
und vergessen deiner Pflicht:
wolt ich dich doch ohne Ehren
williglich hinwieder hören.
Der Schertz gefiel Polyphilo sehr wohl / so gar / dass ers zu einem guten Zeichen
deutete: mehr aber erfreuete ihn / dass er die Königin / zu seinem Nutzen /mit
Warheit betrogen hatte / dann er gedachte: jetzt kann ich meinem Diener / der mir
in allem getreu ist /einen Brief auf Soletten / an Macarien mitgeben / den ich
so stellen will / dass sie mir entweder antworten muss / oder / durch verwaigerte
Antwort / ihren Widerwillen öffentlich bekennen.
    Wie der Rat beschlossen / so ging das Werck von statten / Polyphilus
verfertigte nachgesetzten Brief / und schickete Servetum (so hiess der Diener)
unwissend der Königin / zusamt Melopharmis und Agapisto / damit auf Soletten zu
/ gab ihm auch von allem Bericht / dass er nicht fehlen konnte. Der Brief lautete
also:
                        Kunst- und Tugendreiche Macarie!
Mit was Betrübnus ich gestern / ohne ihr Besprechen / durchgeritten; und mit was
Schmertzen / ich jüngstin / von Agapisto / dem Getreuesten meiner Getreuen /
die schimpffliche Verachtung / meiner wohlgemeinten Schrifft vernommen: kann sie
selber leicht erachten / wofern sie einmal so unglück selig gewesen / als ich
mich jetzt bekennen muss. Zwar bin ich selber dessen Schuld / und hätte mich
billich / wie sonst allezeit / besser versehen sollen: Wann ich aber dero guten
Willen / und mir erzeigten Gunst / mich erinnert / habe ich nicht gehoffet / dass
sie meine /wiewol unbegehrte / doch nicht gar verwerffliche Treue / also sehr
verunehren würde. Gleichwohl aber /weil vielleicht ihre gebührende Zucht und
Sorgfältigkeit / Argwohn zu verhüten gedencket; und ich daher /wiewol sehr
ungewiss / schliesse / dass mein Brieflein um derentwegen nicht erbrochen worden:
als habe ich zwar eines teils einen betrüglichen Trost und verführende
Hoffnung: doch weil keines ohne Grund bestehen kann / bitte ich / durch eben die
Treu / so ich ihr ungefordert verspreche / sie wolle mich entweder den
Seeligsten / durch die geringste Gunst ihrer Freundlichkeit / auf dieser Welt /
leben lassen / und meine wenige Zeil einiger Eröffnung würdigen: oder den
Unglückseligsten / durch höchste Betrübnus / sterben heissen; welches dann
künftig ist / wofern ich nicht bald berichtet werde / dass meine Briefe / von
ihrer begnädigten Hand eröffnet / den erleuchtenden Augen durchlesen / und mit
dem verständigen Hertzen / nach Recht und Billigkei / erkläret werden. Kans dann
nicht / nach meinem Wunsch / ergehen / so ist dieses noch meine Bitt / dass sie
mich so viel würdigen wolle / und an das getreue Hertz gedencken / welches die
Zeit seiner Verstossung / mit nichts / denn traurig-betrübten Gedichten / in
sorgen-voller Einsamkeit /zubringet / entweder sich mit denselben betrüglich zu
trösten / oder wahrhaftig zu betrüben. Doch sei es /ihrentwegen erleide ich
alles / und durch ihre Liebe /nenne ich mich / so lang ich lebe / und sie
begehret /den
                                                                 Unglückseligen.
 
                                Siebender Absatz
   Beschreibet die Beantwortung der Macarien / auf die Briefe Polyphili / und
   dessen Verwirrung / über die versteckte Wort / auch wie listig er dieselbe
   wieder beantwortet: Lehret / dass Tugend-Erwerbung / auch bissweilen / eine
  verführende List zulassen / wann die offne Warheit schädlich oder gefährlich
                                   scheinet.
Drei Briefe auf einmal zu beantworten / ist fast schwer: schwerer aber die
Entschliessung / ob sie zu beantworten sein. Den Gegen-Rat bewähret die
Einsamkeit / zusamt der tragenden Furcht / es möchte sie ihre Hand binden: Die
Ja-Wahl erzwinget gleichsam /im Gegenteil / Servetus / der inständig /
vielleicht aus seines Herrn Befehl / um eine Antwort anhielt / in dem er vorgab
/ es werde / ausser derselben / Polyphilus nicht glauben / dass er den Brief
ihren Händen überreicht: selbst auch dieser forderte ein Gegen-Schreiben mit
Gewalt / das sie nicht abschlagen dorffte / wollte sie nicht den Namen führen /
als hätte sie sich dem Verderben Polyphili verschworen / oder der Verachtung
schuldig gemacht. Darum sie nach langem Bedencken / so schön / als verständig /
folgende Erinnerung an Polyphilum abgehen liess:
                                Edler Polyphile!
Ob ich wohl wenig Ursachen gehabt / eure überschickte Brieflein zu erbrechen /
in Betrachtung / dass derselben Uberschrifft / allein die Hände seiner Liebsten
gefordert / mir aber selbige beizulegen / die grösseste Vermessenheit wäre: so
hab ich mich doch /durch diesen letzten bewogen / endlich solche zu öffnen
unterwunden / und mit diesen wenigen Zeilen / zu beantworten erkühnet. Aus
derselben Inhalt nun /habe ich euer / ohne Not / verunruhigtes Gemüt /mit
gleichmässiger Verwirrung / verstanden / oder vielmehr gelesen / weil ich eure
Bewegung / und derselben Ursachen / mit meiner schwachen Vernunft / nicht
erreichen kann. Dann / edler Polyphile! mit welchem Recht / nennet ihr mich eure
Allerliebste / euren Schatz / eure Auserwählte / und dergleichen? welche Namen
ich weder verdiene / noch annehme. Was vor Treu und Beständigkeit könnet ihr von
mir fordern / da ich euch doch in keinerlei Wege verpflichtet zu sein vermeine?
Und durch welche Schönheit und Verstand werdet ihr mich zu lieben gezwungen /
weil ich dergleichen Gaben niemaln gehabt? Trettet auf / und erweiset / nach
eurem trefflichen Verstand / die Vollkommenheit / so ihr mir beizulegen scheinet
/ so will ich glauben / dass ihr mit Billigkeit liebt. Sehet! wie ihr euch eure
selbst-gemachte Liebe verleiten / und eure helle Vernunft also blenden lasset /
dass ihr schreiben dörffet / ich würde die jenige sein / die euren Wunsch
erfüllen / und eurem Verlangen ein Vergnügen tun könnte. Mit welchen Gründen
gedencket ihr dieses zu behaubten? Empfindet ihr so hoch die geringe
Freundschaft / in welche wir / bloss durch das blinde Glück / geraten /und
wollet mein unwürdiges Gespräch / darinnen bäurische Einfalt die grösseste Zierd
gewesen / euch zu solcher heftigen Passion verleiten lassen / so wundert mich /
wie ihr euer selber vergessen / als welcher geboren ist / viel grössere
Glückseligkeit zu erlangen. Gedencket doch / edler Polyphile! würdet ihr nicht
das grösseste Unrecht an euch selbst begehen / wann ihr euer Glück / mitten im
Lauf / zu ruck ziehen / und an einen solchen Pfahl binden woltet / welchen ihr
allbereit in tausenderlei Widerwertigkeiten umgeben sehet. Zwar Verachtung habt
ihr / Edler Polyphile! bei mir nicht zu fürchten / welche mir alleine gebühret /
sondern ich ehre euren Verstand und Verdienst /wie sie es würdig sind: aber
einen Liebsten zu erwählen / ausser dem jenigen / dessen Asche allbereit sanft
ruhet / sein Gedächtnus aber / so beständig / in meinem Hertzen / lebet / als
die Seele der himmlischen Freude geniesst / würde nicht allein allen meinen
Gedancken / welche jederzeit dem Grab näher / alsdem Braut-Bett gewesen /
sondern auch meinem Vorsatz /der steten Einsamkeit / allerdings entgegen lauffen
/und einem Laster am allergleichesten sein. Derowegen bitte ich euch sehr hoch
und freundlich / ihr wollet eure Gedancken auf einen vollkommenern und
glückseligern Ort richten / mir aber diese einsame Ruhe / neben eurer
Freundschaft / erlauben / auch meiner künftig / mit solchen Brieflein / die
seiner Liebsten höchstnachteilig / und zu allerhand müssigen und gefährlichen
Reden Ursach geben / verschonen: dann widriges Falls / wo ihr in eurem Vornehmen
verharren / und meinen Vorsatz halssstarrig bestreiten würdet / müst ich euch /
notwendig / vor meinen Feind erklären: da ich doch vielmehr eure Freundschaft
verlange / und nicht zweifle / ihr werdet eure Freiheit / als das edleste Stück
/ menschlicher Glückseligkeit / besser beobachten / und allerdings erkennen /
dass ich mich erwiesen / als eurer Wohlfahrt
                                                            beständige Freundin:
                                                                        Macarie.
Was wird Polyphilus in diesem Brief zu erst verwundern / was wird er rühmen /
die Zierlichkeit der Rede /oder die künstliche Verfassung? Wer / biss daher
/nicht glauben wollen / dass in Macarien mehr als weibliche Kunst und Klugheit /
ja! männlicher und übermännlicher Verstand sei / der nehme die Prob von dieser
Schrifft. Wir wollen aber sehen / was Polyphilus tut. Eben war er mit der
Königin im Vorhof /als Servetus das Pferd brachte / welches Polyphilus vorreiten
liess: weil es ihr aber nicht gefallen wollte /erteilte sie Befehl / dasselbe zu
füttern / und wiederum fort zu schicken. Indessen hatte Servetus dem Polyphilo
ein Zeichen gegeben / als hätte er heimlich mit ihm zu reden / deswegen er die
Königin in ihr Zimmer begleitete / und eilig widerkehrte / um zu vernehmen / was
Macarie gesagt habe. Servetus richtete den anbefohlenen Gruss aus / und
überreichte den Brief.
    Nun sollte eines die Freud-jauchzende Geberden /und das springende Hertz
Polyphili ansehen / würde er gnug zu verwundern haben. Mit wieviel Kussen
empfieng er die schöne Schrifft? Wie druckte er dieselbe an seine Brust? Er
sprach bei sich selber: Das ist ja die Hand Macarie / diese Buchstaben sind
durch ihre Feder gezogen: ihre zarte Finger haben diss Siegel gedrucket / das ich
jetzt lesen soll! Ey so
Sei willkommen tausendmal / Hertz-verlangte Freuden-Schrifft!
Sei willkommen teures Pfand! lass dich tausendmal auch küssen /
lass mich drucken dich an mich / lass mich einsten des geniessen /
wornach mich verlanget so: tilge das verzehrend Gift
meiner kümmerlichen Pein / da die Furcht die Hoffnung trifft /
und hinwieder diese sie: daher rühret mein Verlangen /
das mit Angst und Leid erfüllt: das mich machet stetig bangen /
stets unruhig / nie vergnügt: komm / du Werte! komm und stifft
neue Freundschaft / neue Freud: du weist die verdeckte Sinnen /
du / du kennst des Hertzens-Grund / den ich nicht erkennen können.
drum so komm / du liebe Schrifft! öffne den verschlossnen Schrein /
meiner Liebsten! was sie denckt: will sie traurn oder klagen
sag mirs bald / was sie dir traut / dass du mir jetzt sollest sagen /
ich erbrech dich: ist sie lieb / will ich wieder Liebster sein.
Nun lieset Polyphilus den Brief durch. Wunder /Schrecken / Freude / Betrübnus /
Hoffnung / Verlangen / Trost und Bestürtzung / überfällt Polyphilum /in solcher
Menge / dass er bald zur Erden sincket. Wunder verursachete die verständige
Schrifft; Schrecken / der Abschlag; Freude / die begehrte Freundschaft;
Hoffnung / die zweiffelhafte Erklärung; Verlangen / die Ungewissheit der Liebe;
Trost / die Versprechung beständiger Gewogenheit; Bestürtzung /der Beweis seines
Irrtumbs. Er lass hin und her / und konnte doch nicht finden / was er suchte: biss
Agapistus und Melopharmis / die da zugegen waren / ihm halffen erklären. Nun
sollte eins die widerwertige Deutungen anhören / die diese Dolmetscher herbei
brachten. Agapistus / als welcher wusste / was Macarie mit ihm geredt / erwies
ihren Widerwillen / aus dem / dass sie ihn vor ihren Feind erklären wolle:
welches gar ein hartes Wort war in den Ohren Polyphili. Den widerlegte
Melopharmis / mit den ausdrücklichen Worten /dass sie mehr seine Freund schafft
verlange. Ja / sagte Agapistus / was für eine Freundschaft? Viel ein anders
begehrt Polyphilus / als Macarie verspricht. Polyphilus aber selber quälete sich
mit den Worten / die ihm ihre Liebe so mächtig widerraten dorfften /daher er
den Widerwillen Macarien / mit Händen greiffen musste. So verwirret wurde endlich
Polyphilus / dass er / mit webklagender Stimme / anfieng:
O Unglücks-volle Stund! die mich anheut beglücket;
O hochbetrübte Zeit! die mich mit Freuden füllt;
und das verzehrend Gift dennoch nicht in mir stillt:
O voller Schmertzen Tag! der mich mit Ubel drücket;
Wie ist mir / ach! zu Sinn? Ich lebe ganz entzücket /
weil / was ich weiss / nicht weiss; und was ich jetzt gesehn
doch nicht verstehen kann: wie ist mir dann geschehn?
Ich bin nicht / der ich bin: mein Sinn ist mir verrücket;
mein Hertz ist ohne Hertz: es weichet mein Verstand /
und kann begreiffen nicht / was meiner Liebsten Hand
mir zu begreissen gibt. So viel ist sie gelehrter /
und klüger noch dabei: dass sie mit ja und nein /
auf einmal dancket ab: ich muss zu frieden sein /
und bin es hertzlich gern: werd sie nur nicht verkehrter.
Freilich musste er zu frieden sein / und wäre zu wünschen gewest / dass nicht noch
verkehrtere Betrübung /so wohl bei Macarien / als Polyphilo nachgefolger; davon
wir hernach melden wollen. Da sie nun nichts miteinander richten konten / und
nicht einig werden in ihrem Schluss / gedachte Polyphilus / die beste Erklärung
sei die / so er glaube / und hoffe / die ihm keiner besser vorlegen könnte / dann
er selber / deswegen er Agapistum und Melopharmis ersuchte / sie möchten ihm /
durch ihren Abtritt / eine wenige Einsamkeit gönnen. Als das geschehen / rieff
Polyphilus all seine Sinne zusammen / und fieng an / den Brief / mit solcher
Behertzigung durchzulesen / dass ich dächte / da etwas zu verstehen wäre / must
ers verstehen: aber es war vergebens. Er wiederholete ihn zum andern- zum
drittenmal / wusste doch so viel / als vor / ja und nein /Freund- und
Feindschaft wollte sich nicht zusammen schicken. Da er nun auch das viertemal
sich vergeblich bemühete / legte er den Brief vor sich auf den Tisch / sah ihn
sehnlich an / und stellete sich / als wollt er mit ihm reden / fieng auch
folgende Wort an:
Diss ist das vierte mal / dass ich dich durchgelesen /
du Kunst-versteckter Brief / und kann doch nicht verstehn /
was du mir deutest an / und wo die Wort hingehn /
die du behältst in dir? wie kann ich so genesen /
wann ich im Zweifel steh? das List verführte Wesen
macht / dass ich ächtze mehr. Bald zeigest du mir Gunst /
bald wieder grossen Zorn. Das ist die rechte Kunst /
die zum Verderben führt. Wär ich vor dem gewesen
beim weisen Salomon; könnt ich / was jener konnt /
des Sphingis Wort verstehn; und wäre mir vergonnt /
wie den Philistern dort / mit Simsons Kalb zu pflügen:
möcht ich wohl treffen ein. Doch will ich / wie ich kann /
ein jedes deiner Wort / mit Ernst-Fleiss sehen an /
biss dass ichs recht versteh: es wird mich ja nicht trügen.
Damit fassete er den Brieff wieder an / und lass ihn zum fünftenmal. Aber wie?
Alle Wort erwägte er sonderlich / so gar / dass / da man von einem Brief sagen
will / er sei / wie wir Schertz weiss zu sagen pflegen / zerleget / so sage mans
von dem Brieff / der schönen Macarien. Wir wollen uns aber in demselben nicht
länger mit Polyphilo aufhalten / damit wir die Geschichts-Beschreibung nicht
mehr verlängern / als kürtzen: sondern widerum zu Melopharmis kommen /und deren
Anschläge vernehmen. Das können wir noch melden / dass er / mit allen seinen
dencken / dennoch endlich nichts richtete / sondern sich je länger je tieffer in
die Unwissenheit versenckete / sonderlich wann die zufallende Betrübnus seinen
bekümmerten Verstand blendete / dass er sich nicht besinnen konnte. Daher er
gezwungen wurde / fremden Rat zu suchen. Den er bei Melopharmis fand / welche
ihn dergestalt anredete: Betrübter Polyphile! da ihr meinem Rat folgen woltet /
sollet ihr wieder an Macarien schreiben / / weil ihr jetzo Gelegenheit habt /
und die Antwort so stellen / dass ihr euch bedancket / vor die Erfüllung eures
Verlangens / und Befriedigung eurer Unruh; damit sie nicht anders glaube / als
ihr habet den Brieff voller Liebe angesehen. Die Erinnerung aber / so darin
geschehen / und den Widerspruch könnet ihr annehmen / und euch bedancken / doch
so /dass ihr die Erkantnuss / ihrer heimlichen Liebe / so unter denen Worten
verborgen / mercklich eröffnet /dann so wird sie gleichsam aus eigenen Worten
überzeuget werden: und könnet ihr / desto rühmlicher / sie entwederlieben oder
verlassen.
    Der Anschlag war gut / und gefiel Polyphilo / zusammt Agapisto sehr wohl:
wie er auch hinzu setzte: wann Polyphilus klagen wollte / dass sie ihn verlassen
/würde er sich selber verwerffen / dafern er aber sich bedancken / und ihre
angebotene Freundschaft zur Liebe deuten würde / würde er sich zum wenigsten
dem Hertzen der Macarien / näher und mächtiger verbinden. Polyphilus musste eben
lachen / über die spitzfündige Verführung Melopharmis / weil sie ihre Rede
beschloss; ist Macarie klug / wollen wir wieder klug sein: daran aber viel
fehlete; doch versuchte Polyphilus sein Heil / und verfertigte folgende Antwort
an Macarien.
 
                              Beständige Freundin!
Derselben höchst-verständige Erinnerung / hab ich /schuldiger Gebühr nach / und
zwar nicht ohne besondere Vergnügung alles meines Verlangens / angenommen: weiln
ich allerdings zufrieden / und frohes Hertzens sein kann / indem ich dessen
vergewissert lebe /dass mich dennoch die Tugend-bereichte Macarie /vor einen
verlangten Freund halten will! weiln ja die vorgesetzte stete Einsamkeit / ihre
Gedancken noch immer will zu Grabe schicken: daher ich billich ihre grosse Treu
und Beständigkeit / auch gegen die verstorbene / zu rühmen und zu verwundern
habe / die wert ist / dass sie von vielen / zu einer endlichen Belohnung
gleicher Treue / begehret werde. Ich / meines teils / muss bekennen / dass ich
gefehlet / indem ich mich nicht gescheuet / ihre beliebte Einsamkeit / mit
meiner Begrüssung / zu verstören: doch weil der Fehler nicht so wohl mir / als
ihrer Schöne / Tugend und Verstand / (welche gar leicht / mit starcken Gründen
/könten behaubtet werden /) zuzuschreiben ist / als die mich dahin verleitet:
hoffe ich von eben derselben gleichfertige Vergebung / und entschuldige mich /
mit dem Versprechen / dass ich hinfüro ihrer so verschonen will / damit sie keine
Ursach habe / mich vor ihren Feind zu erklären. Unterdessen aber / weil sie
meine Freundschaft verlanget / bitte ich / Krafft solcher / / und so viel ich
in deren Versprechung / bitten kann / dasern sie mich / ja nicht / vor den
Liebsten / erkennen will / wolle sie mich dennoch / vor etwas lieber halten /
als sonst die gemeine Liebe befiehlet / nur darum / weil ich sie höher und
vortrefflicher schätze /als dass sie / im untern Grad / solt geliebt werden. Sie
bleibe die beständige Freundin meiner Wohlfart / wie sie versprochen / so wird
sie hinwieder erkennen / dass ich / mit gleicher Bedingung / bleiben werde / auch
ihrer Wohlfart
                                                             beständiger Freund:
                                                                     Polyphilus.
Klug war das alles angefangen: aber Macarie war noch klüger. Denn so bald sie
den Brief vom Serveto erhalten / und durchlesen / merckte sie gar leicht /wohin
die Verführung zielete: deswegen sie dem Serveto nichts mehr antwortete / als
dass es schon gut sei. Damit er wieder zu seinen Herrn kam / der vergeblich auf
Gegen-Antwort wartete.
 
                                 Achter Absatz
       Beschreibet die Verleitung Polyphili / zu der Liebe einer andern /
   Apatilevcheris genannt / und wie schändlich er sich von derselben betören
 lassen: Lehret / wie die Tugend-gezierte am erschröcklichsten irren / wann sie
  Laster / unter dem Tugend-Schein / nehren / und sich unvorsichtig betrügen.
Nun wollen wir Macarien eine Weile ruhen lassen /und sehen / was sich sonsten
ferner mit Polyphilo begeben. Es schickte sich / dass Atychintida / nötiger
Geschäffte halber / an einen fremden Ort / Naömens Monteno verreisen musste /
deswegen sie Polyphilum zum Geferten ansprach / welches er auch nicht abschlagen
dorffte. Zu dem kam es nicht ungelegen /sonderlich jetzo / da es wegen Macarien
unruhige Gedancken erlitte / die er mit der Reise-Lust vertreiben könnte: wie
dann allerdings / aber anderst / als Polyphilus gedachte / geschahe.
    Dann anlangend die Beschaffenheit des Orts /mochte ihm selbige wenig
Ergötzung bringen / weil es ein bergicht und felsicht Land / mehr einer Wildnuss
gleich war / als einer Wohnung so lob und liebwürdiger Besitzer / wie er nach
dem antraff. Dann da sie noch ferne von dem Ort waren / wurden sie / durch die
Gesandte / so der Herr desselben Orts / ihnen entgegen geschicket / höflich
empfangen / und eingeholet. Und da sie auf die Burg kamen / empfieng Heroarcha /
(so hiess der Herr des Orts /) zu erst die Königin / nach deren Polyphilum / und
den Sohn Melopharmis / auch die übrige / so sie mit sich geführet: desgleichen
tat Apatileocheris / seine Ehr-Geliebte /die so freundlich / als schön war. Der
erste Anblick derselben gefiel Polyphilo so wohl / dass er sie fast lieb gewann:
da ihn nicht die Tugend selber Verbot geben hätte / sich seiner Macarien zu
entziehen / und jene ihrem Geliebten zustelen. Allein was tut das Gift der
blinden Liebs-Verführung nicht? Was bei Polyphilo zu förchten war / das hatte
bei Apatilevcheris allbereit das Hertz eingenommen / welches sich so bald
sehnete / mit Polyphilo Gespräch zu halten. Und wie die Laster ehe Gelegenheit
überkommen / als die Tugend / schickte sichs gar artig / dass alle Reden
/Polyphilo zu beantworten / von der Königin aufgetragen wurden. Polyphilus hielt
in allem / so viel ihm müglich / Höflichkeit und Zucht: allein das Hertz
Apatilevcheris / brandte in einer Glut / unverberglicher Liebe / darum sie
Polyphilum oft und oft / mit so beschönten Strahlen anwarff / dass er leicht
vernehmen konnte / was sie wolle. Wie nun das menschliche Hertz / sonderlich in
den Liebes-Blicken verführisch /und ein Laster das ander reitzet / als empfand
auch das Hertz Polyphili eine glimmende Liebes-Bewegung / gegen der
allzufreundlichen Apatilevcheris / zu dem nicht wenig helffen wollte die
Erinnerung des Widerwillens / so er bei Macarien / zeiter gespüret /auch die
Ungewissheit / ob ihm Macarie seine getreue Liebe belohnen werde: welches alles
die Liebe gegen Apatilevcheris gar leicht verstärcken konnte. Sonderlich
verführeten die Augen Polyphili / die allzuschöne Hände der gleich-schönen
Apatilevcheris / denen Polyphilus sehr gewogen wur. diese verleiteten hinwider
das Hertz / durch die verliebte Blicke / der schwartz-braunen Augen / der nun
gar geliebten Apatilevcheris / die Polyphilus nicht unverliebt ansehen konnte.
Und weil er aus allen merckte / dass diese gleiche Tugenden / gleichen Verstand /
(darinnen er aber hesslich betrogen wurde /) gleiche Sitten / mit Macarien
führete / liebete er Apatilevcheris über die Macarien / etwa weil ers dienlicher
befand / allda zu lieben / wo eine Belohnung gleicher Gegen-Gunst zu erwarten.
Selbst Atychintida / die diese heimliche Passionen alsbald merckte / halff /
wider ihren sonst-gewohnten Sinn /selber dieselbe zu versüssen / indem sie
Polyphilum erinnerte / dass er seine Schuldigkeit / in Bedienung dieser
Lieb-verdienenden Damen / beobachte: das sie aber zweiffelsfrei mehr aus
Höflichkeit und guten Willen zu erhalten / tun müssen / weil sie sah / dass
Apatilevcheris etwas solches verlange: als aus dem Ernst der Warheit: welcher
Befehl / er mochte herkommen wo er wolle / dem Polyphilo sehr angenehm war.
    Die Liebe bei Apatilevcheris war verstärcket /durch das Lob / so die Königin
Polyphilo beilegte /und die besondere Ehre / damit sie seine Würde noch grösser
machte: bei Polyphilo aber entzündeten die funcklende Augen der
wunder-freundlichen Apatilevcheris / das Hertz dergestalt / dass er seine Liebe
auch nicht mehr bergen konnte / sondern hinwieder / mit Lieb-winckenden Blicken /
den Strahl seiner Freundlichkeit / ihrem holdseligen Augen-Spiel entgegen
sandte: Ach! dachte er / ihr schwartzgefärbte Augen /und du Coralliner Mund /
dass ich euch alsbald dörffte empfangen! das war der Wunsch Polyphili: das Werck
verhinderte die Gegenwart Hetoatchoe / ihres Liebsten / so er noch so zu nennen
ist.
    Mitler Zeit / wurde die Tafel gedecket / und nachdem sie gesetzt wurden /
traff Polyphilum das Glück oder vielmehr Unglück / dass er neben Apatilevcheris
zu sitzen kam. Alsbald gedachte er an seine Macarien / so sie auch noch sein zu
nennen / und wie er so viel Mühe / diese Glückseligkeit bei ihr zu erhalten
/anwenden müssen / da ihm diese ungesucht zu handen kam. Er kont nicht anderst
schliessen / als dass die sonderbahre Fügung des so wollenden Himmels / das alles
wollte: aber der Schluss war unrichtig / dann so hatte es Apatilevcheris geordnet.
    Da sie nun zur Tafel sassen / bediente Polyphilus /die neue Liebste / aufs
höflichste und freundlichste: diese hinwieder Polyphilum. Aber du treuloser
Polyphile! wo bleibet das Gedächtnuss deiner Macarien /die dich zwar heimlich /
aber hertzlich liebt? Apatilevcheris hats in sich gesoffen / und an dessen
statt /ihren Nahmen / in dein Hertz gemahlet. Freilich so: dann die listige
Apatilevcheris / auch so gar ihr Bildnus / in der Kammer / da Polyphilus nach
geendigtem Liebes-Schertz / seine Ruhe nahm / gegen dem Bett aufgehänget / dass
er solches stets vor Augen hatte /auch um dess willen / (wie Polyphilus leicht
ermässen konnte /) die ganze Nacht / ein brennendes Liecht /nächst zu dem Bild
stellete / Polyphili Hertz an ihre Liebe zu erinnern.
    Es vermochte das leblose Bild nicht wenig / sonderlich / weil es die / dem
Polyphilo gefällige Tracht und Kleidung / vorzeigete / darinnen Apatilevcheris
noch so schön war. Gleichwol leschte er endlich das Liecht aus / weil er ohne
Finsternus / nicht schlaffen konnte / und suchte zu ruhen. So viel aber mochte
Polyphilus nicht ruhen / als mächtig der Streil sein würde / zwischen
Apatilevcheris und Macarien /wann sie beide wüsten / was Polyphilus weiss. Es
fieng allmählig / das treulose Hertz Polyphili an / zu zittern / und die
erschröckende Gedancken / nahmen sein Hertz / in solcher Furcht / gefangen / dass
nicht viel fehlete / er hätte Apatilevcheris / mit ihrer Liebe /verflucht.
Gleichwol kunte er ihrer nicht vergessen /so gern er auch wollte / und so
gewaltig ihn das Gedächtnus seiner Macarien druckte. Er lag in der Ruhe / und
weil er des nächtlichen Zuckers nicht geniessen konnte / dichtete er / folgender
Gestalt / ein Gespräch / an seine Macarien:
Kan es dann wohl anders sein / dass ich zwei auf einmal lieben /
ohne eins Betrüben / könn?
Kan es / Liebste! kann es sein / dass du werdest nit vertrieben /
wann ich meine Gunst vergönn
einer andern? kann es sein /
dass ich zwei / mit Treuen / mein?
Du beherrschest meine Sinn / dich kann ich nit mehr verlassen /
dir ich meine Liebe gönn:
doch bekenn ich offenbahr / dass ich diese gleich nicht hassen /
oder gar nicht lieben könn:
doch mit so verruckter Pein /
dass du kanst zu frieden sein.
Zwar wann ich den stoltzen Pracht / ihrer Hoheit recht bedencke /
solt sie mich verführen bald /
dass mein dir entzognes Hertz / Hertz! dein Hertze wieder kräncke /
wann ich / wie du / worden kalt /
dann des stoltzen Adels Schein
will hier vorgezogen sein.
Und was sonsten mehr gefällt / ihre Tugend / ihre Sitten /
gleichen sich / in allem / dir.
Ja! was sonsten sie um mich / mehr als du / schon hat erlitten /
weiset / dass sie billig mir
sei die Liebste / sei allein /
der ich eigen solle sein.
Ihre Gaben / ihre Gunst / ihre Zucht und Höflichkeiten /
wollen dich verdunckeln schier;
Ihre Reden / Schimpf und Schertz / ihre liebe Freundlichkeiten
sind / ich weiss es / Liebste! dir
gleich in allem; wie du bist /
glaube nur / so sie auch ist.
Ach! was Worte führt sie doch / und mit was beliebten Blicken /
bittet sie um meine Gunst?
Solt ich / spricht sie / dieses Glück / meine Seele zu erquicken /
und zu leschen meine Brunst /
von dir / Schönster! nehmen ein /
könt ich allerseelig sein.
Solt ich dann nicht sagen ja? solt ich nicht / mit Mund und Händen /
mich verpflichten ihren Knecht?
Solt ich nicht / so bald ich könt / mich zu ihrem Willen wenden /
der verschlagen / mich mit schlägt /
der betrübet / mich betrübt /
weil auch ich bin mit verliebt.
Und das mich am meisten zwingt / denck / bedencke nur die Ehre /
dass mich so ein Damen-Bild /
ihrer Lieb und ihrer Gunst / würdig achte / ja! gewähre /
der ich mich / vor diesem / hielt;
oder halten dorfft allein /
ein geringer Knecht zu sein.
Doch / wann ich dein treues Hertz / Schatz! und deine teure Worte /
wieder bei mir überleg;
wann ich dencke / wie du mich / dort an dem bewussten Orte /
da ich dich zu suchen pfleg /
hast empfangen / hast geküsst /
du mir doch die Liebste bist.
Denn was hilfft der Adels Pracht? Liebste! deine volle Schöne /
ist geadelt / deine Zucht /
ist die edle Tugend-Blum / und dass diese nicht verhöne /
was man hie vergeblich sucht /
kann bei dir das Freundlich-sehn /
an des Adels Stätte / stehn.
Du indessen dencke doch / wie ich dir so treu verbleibe;
wie ich dich von Hertzen mein?
Meine mich hinwieder so / siehe dass dich nicht vertreibe
ein verhasster Wider-Schein /
der mir könnte Leid und Reu
geben / vor die grosse Treu.
Du weist selber / wie sie ist / wann ich sie dir wollte nennen /
die mir bietet ihre Gunst /
ihre Schön und ihren Pracht / ihren Preis / wirst du bekennen /
dass / was wir sind / nur ein Dunst
sei zu rechnen / gegen dem:
dennoch ich das deine nehm.
Und wann bloss die volle Zierd / ihrer schwartz-gefärbten Augen /
und der rote Rosen-Mund /
sonsten nichts / zu sehen wär: würde doch / wie nichts nicht taugen /
was der Himmel uns vergunt /
alles / alles trocknet ein /
was wir halten schöne sein.
Aber wie? veracht ich dich / die ich über sie erheben /
die ich einig rühmen solt?
Nein / ach nein! mein liebes Kind! weil ich werde zeitlich leben /
bin ich dir / für allen / hold:
und ob andre schöner sind /
bist du doch das liebste Kind.
Artig kann sich Polyphilus entschuldigen / wanns nur Macarie glauben wollte:
allein / hat Polyphilus eine beredte Zunge / so hat Macarie ein verständiger
Hertz / das sich nicht so leicht bereden lassen. Wir werden aber davon hernach
hören / wann wir beschreiben / wie diss Macarie erfahren. Jetzt gehen wir mit
Polyphilo wieder zu Apatilevcheris / die allbereit / in dem Zimmer / da er sich
anlegen sollte / wartete / und nach Entbietung / eines frölichern Morgens /als
sie eine Nacht gehabt / ihn mit einem Kuss empfieng: Polyphilus tat dergleichen:
Die übrige Zeit verbrachten sie mit schertzhaften kurtzweiligen Reden /auch
andern Lustbarkeiten. Apatilevcheris erzehlte ihre unruhige Träume / und wie ihr
Polyphilus / auch in seinem Abwesen / die Gegenwart geschencket. Sie erzehlte /
wie höflich er mit ihr geschertzet / wie verliebt gespielet / wie fleissig
bedienet / und was mehr ein verbuhltes Gemüt / durch das wachende Andencken /
den Träumen abzubilden gibt. Das alles wusste sie mit solcher Schamhaftigkeit
vorzubringen / dass man dennoch ihre Tugend rühmen muss / und diesen Fehl
vergessen / welchen sie aus dem Zwang der gar zu grossen Liebe begangen.
Sonderlich war die Freundlichkeit / in dieser Erzehlung / mit solcher
Höflichkeit verwechselt / dass sie Polyphilus nicht ohne Verwunderung ansehen
konnte. Ach! dachte Polyphilus / in seinem Sinn / du bist ja wohl schön / und ein
Beschluss aller Freundlichkeit: so liebkosende Reden /führete der
Purpur-berötete Mund. Und die zärtliche Wangen / welche sich / auf eine sondere
Art / bewegten / so oft sie / der geschwätzigen Zung / ihren Dienst verrichten
liess / zeigeten / die rösslichte Schönheit / in solchem Pracht / dass Polyphilus
derselben Herrlichkeit nicht gnug verwundern konnte. Und wann ich die bräunlichte
Schwärtze ihrer spielenden Augen / und die stral-werffende Flammen / so / von
dannen / das Hertz Polyphili entzündeten / beschreiben sollte / könnte ich nicht
sicherer deroselben Ruhm und Zierde / als durch das brennende Hertz Polyphili
selber / abmahlen / dann in diesem / zeigt die mächtige Würckung /
gleichmächtige Schönheit / wie die Frucht den Stammen / und der Stamm die
Wurtzel.
    Dass wir aber wieder zur Macarien kommen / wollen wir / was sich mehr mit
Polyphilo und Apatilevcheris begeben / stillschweigend vorbei lassen / und nur
das anhängen / dass Polyphilus ein verliebt Hertz mit nacher Haus bracht /
welches ihm der Macarien Vergessenheit schenckete: wie wir allerdings aus der
Abschieds-Rede zu vernehmen haben / die Polyphilus / mit folgenden Worten /
anstimmete: Allerschönste und allerliebste Apatilevcheris! die Widerwertigkeit /
so sich auch bei der glückseligsten Liebe zeigt / scheinet / als wolle sie /
nicht minder / die Süssigkeit und Vergnügung unsrer Hertzen / durch das betrübte
Scheiden / verbittern / und die angenehme Werck unsers Verlangens verhindern.
Weil ich dann dissmal / dem so führenden Wandel meiner Schulden /in Begleitung
der Königin / gehorsamlich folgen muss / und sie / die ich doch so hertzlich und
übermächtig liebe / betrübt verlassen: als bitte ich / durch die Gewogenheit /
so sie gegen mich bekennet / sie wolle dieser Abwesenheit / die mich von ihr
entfernet wohnen heisset / nicht zulassen / dass sie die Vollkommenheit meiner
Freude / und das / bei ihrer holdseligen Freundlichkeit / erlangte Glück / durch
etwa eine Vergessenheit / oder weniges Andencken / zerstöre: sondern mein
Verlangen / mit der Hoffnung /sie bald wieder zu sehen / beruhige / welches mir
/ die Zeit meines Abwesens / den Trost ihrer Erinnerung /nach Wunsch und
Begehren / überlassen wird / und nächste Gelegenheit erwerben / mein Hertz / mit
dem Gruss deren / hinwieder zu verbinden / die mich /durch diesen Abschied /
schmertzlich verwundet: und damit eilete er nochmaln / auf das Lust-hegende
Wangen-Feld / die zärtliche Blumen der erquickenden Süssigkeit zu brechen / und
das Hertz Apatilevcheris /mit dem Hertzen Polyphili / durch das Band der
Erinnerung / zu wechseln / dass sie auch / in Abwesenheit /einen Trost übrig
hätten. Apatilevcheris tat dessgl ichen / und belegte die Rede Polyphili mit
folgender Antwort: Ach Polyphile! sollt ich nicht an euch gedencken / müst ich
ehe meiner selbst vergessen / alldieweil ich euch mehr liebe / dann mich selber.
Haltet aber euer Versprechen / und kommet bald wieder zu uns / ihr werdet nicht
allein meine Schmertzen verbinden / sondern auch dem Begehren / meines geliebten
Heroarchoe / eine gefällige Vergnügung tun: der euch nicht weniger Ehre / dann
ich Liebe erweisen wird. Nach welchen Worten sie nochmaln einander hertzlich
umfiengen / und darauf weg scheideten.
 
                                 Neunter Absatz
Beschreibet die unversehene Zusammenkunft Polyphili mit Macarien / die Bereuung
  seines begangenen Fehlers / und dessen Verbesserung /zusambt der Unterredung
   dieser beiden / und wie er /ihr seine Gedicht zu übersenden / versprochen:
Lehret / wie die Tugend-gezierte / ob sie gleich von einem Fehlübereilet werden
   / doch nicht in der Laster-Versenckung bleiben / sondern dieselbe zu einer
 grössern Krafft / Tugend zu gewinnen /gebrauchen / daher solche Verführungen /
   die jenige auch nicht so bald des Tugend-Ruhms beraubet / ob sie ein oder
             mehrmal dawider handeln. Dann ein Fehl ist kein Fehl.
Nun kommen wir wieder zur Macarien / diese / je öffter sie das letzte Brieflein
Polyphili durchsah / je mehr wurde sie / in ihrer Freundschaft / gegen
Polyphilo gestärcket / dergestalt / dass sie ihn stets / in ihren Sinnen und
Gedancken / behielt / auch nichts mehr verlangte / als ihn wieder zu sehen. Es
begab sich aber / dass sie um etzlicher nötiger Geschäffte halber / auf eines
ihrer Land-Güter verreisete / so auch an dem Peneus-Strande gelegen / und schön
erbauet / auch mit erfreuender Lieblichkeit / und grünender Garten-Lust wohl
umzieret war: daher sie verursachet wurde / ein geraume Zeit allda zu verweilen
/und in diesen beliebten Feldern / der Lust-blühenden Sommer-Frucht zu
geniessen. Was geschicht? Polyphilus / der nunmehr seiner Macarien fast
vergessen /und mehrenteils seine Bemühungen auf Apatilevcheris gerichtet /
kommt in Erfahrung / durch seinen Freund Agapistum / (der ihm / ingleichen /
mehr zu der Liebe Apatilevcheris / als Macarien / raten dorffte) dass jene / an
dem Ort sei / wo Macarie sich aufhielt. Es kam aber der Irrtum von einem Weibe
her /die / von dannen / gen Sophoxenien kommen war /und einen Gruss an Phormenam
brachte / von Macarien / deren Agapistus begegnet / und sie gefraget /aber
entweder / aus bösslichem Betrug / oder sonst einem Fehl / unrechten Bericht
erhalten.
    So bald nun Polyphilus / von der Gegenwart seiner hertzlich-geliebten
Apatilevcheris / höret / wie sie so nahe sei / setzet er sich zu Pferd / und
eilet behende dem Ort zu / trifft aber an statt deren / die er suchet /Macarien
an. Noch zur Zeit war sie ihm / auch er ihr /nicht zu Gesicht kommen / dann den
Bericht hatte er /von einer ihrer Dienerinnen erhalten / ehe er vollend in den
Hof gelanget. Männiglich kann leicht schliessen / was die Gedancken Polyphili
müssen gewesen sein. Es wird ihm der Nam Macarie / ein Donnerknall / in seinem
Hertzen / der die eisenveste Riegel /seiner Laster-haften Begierde /
zerschmetterte / und auflösete das Schloss / seiner verdammten Untreu. Er konnte
bald ermessen / dass ihn die wunderbahre Fügung des gerechten Himmels so ziehen
heissen / seine Verblendung zu erkennen / und die verübte Bosheit zu berenen.
Wie bald war die Liebe Apatilevcheris erloschen? Er wollte wieder zu ruck / aber
die Tugend-Liebe / so mit dem Namen der Macarien / allgemählig wieder zu glimmen
anfieng / liess ihn / ohne ihre Begrüssung / nicht von dannen.
    Wie aber? Treuloser und Pflicht-vergessener Polyphile! Darffst du dich wohl
unterstehen / deren Aufrichtigkeit zu beschauen / die du / mit dem Gift deiner
Falschheit / biss daher ertödtet? Meinest du wohl /dass du wert seist / unter
die Augen Macarien zu tretten / welche du / nicht ohne Zittern / ansehen /noch /
mit freiem Hertzen / wirst verehren können? Würdiger wärest du / und deiner
Ubeltat verdienter Lohn / dass sie dich / mit Füssen / von ihr hinaus stossen /
und ohne Gnad / ganz verstossen sein lasse. Wie wirst du / du falsches Hertz!
sie anreden / die Warheit darffst du nicht bekennen / vor Furcht: nicht
verbergen / vor dem / sich selbst verklagenden / bösen Gewissen: wie wirst du
denn deine Wort bilden? Zwar fehlet dir nichts an Betrug und betrüglichen Worten
/ damit du deine Laster beschönen / und deine unverantwortliche Bosheit
entschuldigen könnest: aber der Himmel wird dir / den verdienten Lohn /durch die
Hand Macarie / geben.
    Doch was wollen wir Polyphilum noch mehr beschwehren? Die Angst seines
Hertzens war so gross /und die Verdamnus des Gewissens / so erschröcklich / dass
wir billiger / ein gebührend Mitleiden / mit seinem Jammer / haben. Eben kam er
/ mit seinem Pferd / unter einen begrünten Eichbaum / als ihn die Angst
dermassen ans Hertz stiess / dass er vom Pferd herab sincken / und die Erde zum
Lager annehmen musste. Er fiel aus einer Ohnmacht / in die ander / und konnte sich
nicht trösten. Offt hub er an kläglich mit Macarien zu reden / aber die Tränen
verschlossen den Mund: oft hub er an zorniglich / und mit einem Eyfer / auf
Apatilevcheris zu schelten / aber die Angst druckete das Hertz / dass er sie
nicht mehr nennen mochte. Sein Pferd weidete / mit aufgelösetem Zügel /im Grass:
Er aber waltzete sich darinnen hin und wieder. Niemals hat Polyphilus grössere
Schmertzen empfunden / als anjetzo. Wo er sich hinwandte / hatte er keinen
Freund. Die Götter waren erzürnt / dass er wieder Tugend geliebt: denen Menschen
war er verhasset / wegen der schändlichen Untreu: alle Kreaturen entsetzten sich
gleichsam / über seiner Bosheit /und die Erde klagte / dass sie eine so
Sünden-schwere Last und unnützes Pfund tragen solle.
    Was machet nun der / von allen verlassene / Polyphilus? Was bedrangte
Hertzen zu machen pflegen. Seine Hoffnung stunde dennoch zu der Barmhertzigkeit
der gnädigen Götter und Macarien / derowegen er / nach wiederholter Krafft /
dieselbe zu flehen anfieng / auch so beklagte Wort führete / dass kein Zweifel /
wann Macarie zugegen gewesen / dass sie ihn nicht zu Gnaden angenommen / und all
seines Verbrechens gäntzlich vergessen hätte. Wir wollen uns aber / mit der
Abbitt und Bereuung seiner Missetat /nicht aufhalten / weil sie sonderlich mehr
im Hertzen gesprochen / und mit Seuffzen vollbracht wurde: sondern wollen sehen
/ wie sich Macarie befriedigen lasse.
    Eben da Polyphilus so schmertzlich sich behegte /kam die Dienerin der
Macarien eilends zu ruck / den Polyphilum einzuholen. Denn / nach dem sie
Macarien seine Gegenwart angesagt / aber dabei vermeldet / wie er alsobald
wieder zuruck geritten / da er vernommen / dass sie zugegen sei / fürchtete
Macarie seinen Hass / und gab geschwinden Befehl / ihm nachzusetzen und zu
ersuchen / dass er sie nicht unbesprochen verliesse. Polyphilus / als er der
Dienerin wahrnahm / stund behende auf / und ging ihr entgegen /empfieng auch
den Gruss Macarien / zusammt der Einladung / welche er gehorsamlich annahm / und
der Dienerin folgte.
    Die ersten Gedancken waren / was er Macarien vorbringen wolle / wie er daher
komme / und was er verlange? hernach / ob er die Untreu bekennen und abbitten /
oder verhälen müsse? welchem aber beiderseits / mit gutem Rat / abgeholffen
wurde. Dieses verhälete er / und jenes bekannte er nicht. Er grüssete Macarien /
nicht wie er sonst pflegte / sondern wie die Höflichkeit / einer gemeinen
Freundschaft / erfordert / so / dass dieselbe daher bewogen wurde / weiss nicht /
soll ich sagen / aus Liebe oder Furcht / ihr neulichstes Brieflein / aller
gefärbten Missfälligkeiten halber / zu entschuldigen: Polyphilus hingegen
entschuldigte sein unhöfliches Begehren. Und weil der Anblick Macarien / das
Hertz Polyphili / nach seinem Begehren / richten konnte / nahm sie selbiges
alsobald wieder gefangen / und reinigte es gleichsam von aller unsaubern Liebe /
so gar / dass es auch aller Furcht und Schrecken entnommen / gleichsam ein neues
Himmel-Leben in Polyphilo erweckte / dass er / alles andern vergessend / seine
tausendschöne Macarien /den Kern und Ausbund aller Tugenden / das Himmelreich
aller Kunst und Klugheit / den unermässlichen Schatz höflicher Sitten und
Bescheidenheit / einig und ewig zu lieben hinwieder erwählte / auch alle
verdammliche Lust-Liebe aus seinem Hertzen verbannete / und heimlich bei sich
gedachte: O für allen Lob-und Lieb-würdige Macarie! wie ein grosser Unterscheid
ist zwischen dir / und der leichtverliebten Apatilevcheris? wie gläntzen deine
Tugenden / in der Finsternuss ihrer Laster? Wie schimmert deine Zucht / in der
verdunckelten Verführung ihrer Begierde? O weg mit Apatilevcheris: Macarie
behält den Preis für allen. Ach! was hab ich doch getan / dass ich Laster /vor
Tugend / erwählet habe? Wie hab ich mich selber / so hesslich / betrogen? Doch
hoffe ich / die Tugend der allerschönsten Macarien wird das Verbrechen nicht
mir; sondern der Verführung jener lieb-bietenden Betrügerin / zurechnen / und
mir Gnade widerfahren lassen.
    In diesen Gedancken / sah er die allerkeuscheste Macarien zum öfftern an /
welche ihn hinwieder / so züchtig / als höflich / bestrahlete. Und weil er /
durch solche Freundlichkeit / in die vorige Tugend-Liebe /gegen Macarien /
gäntzlich wieder versencket wurde /dass ihm sein Hertz / in einer heftigen Glut
/ brannte / fieng er abermal / mit tief-geholten Senftzern /seine
Liebs-Beschwerde an zu eröffnen; dem / als Macarie / eine gute Weile / mit
gleichmächtiger Verwirrung / zuhörete / sich aber dennoch nicht erklären wollte /
fieng er / mit gar zu kläglicher Stimm an: Will sie dann / allerschönste
Macarie! sich meiner noch nicht erbarmen / so muss ich den Himmel flehen / dass er
ihr Hertz erweichen / und zu mir wenden wolle /weil es / durch keines Menschen
Stimm / zu erweichen ist. Ach! allerliebste Macarie! dass sie wissen sollte / in
was Unglück / mich ihre Widerwertigkeit gestürtzet / ich weiss / sie würde
bereuen / dass sie mein Verlangen / nicht eher erfüllet hätte.
    Darauf fragte Macarie: Was verlangt ihr dann? Polyphile! meine
Freundschaft? die hab ich euch gegeben. Meine Liebe? die hab ich euch / mit
vielen Zeichen / bewähret. Meine Gesellschaft? die hab ich euch nie versagt.
Und solt ich wissen / dass euer Hertz mehr begehrte / es sollte nicht gewäigert
sein / dafern es euch und mir / nicht mehr schädlich / dann zuträglich. Das war
ein Wort / das Polyphilus / schon lang /gern gehöret hätte / darum sprach er:
Ach! schönste Macarie! Was ich mehr begehre / ist die besondere Liebe / so
keinen / ausser den einiggeliebten / bei sich leidet: ehe mein Hertz nicht
dessen versichert ist /kann ich in keiner Zufriedenheit ruhen. Was sollte Macarie
machen / sie sah / dass sie nichts richte; sondern Polyphilus nur immer
heftiger anhielt / deswegen sie ihm auch endlich diss versprach / weil eine
solche Liebe / mehr ihren Vorsatz der Einsamkeit stärcken /als verhindern werde:
aber gefehlet. Dann da Polyphilus das Versprechen hatte / sprach er: Nun so
liebt sie keinen / ausser mich / und will sich keinem / dann mir / vertrauen /
so bleibt sie ja die Liebste Polyphili /die ausser dem Tod / keiner / von mir /
nehmen wird. Und / mit diesem Wort / bebte er sie / in seinen Schoss / und
küssete sie hertzlich / beschloss auch die zarte und schöne Hände / mit den
Seinen / in solcher Versüssung / dass sie sich / als die angenehmste Freundinnen
/ untereinander hertzeten. Macarie aber /die gleichwol ihrer Zucht und
Schamhaftigkeit nicht vergass / widerstrebte noch immer fort dem Schluss
Polyphili / und behaubtete / dass nicht folge / wann sie ihn gleich vor allen /
und ausser ihn keinen liebe / alsobald ihm verbunden sei / und ihre Liebe
schuldig. Auch sprach sie: Geliebter Polyphile! dafern ich nicht wüste / was vor
grosse Widerwertigkeit meine erste Liebe / die sich nun in der Vollkommenheit /
der himmlischen Versüssung verschlossen hält / bestritten / und daher fürchten
müste / dass unsre Freundschaft gleiches Ubel treffen möchte / hätte ich /Krafft
der Gewogenheit / die ich gegen euch trage /schon längsten Polyphilum zu meinen
Liebsten erwählet; aber nun gibt mir diese Furcht dessen Verbot / und ermahnet
mich / meine ruhige Einsamkeit nicht mutwillig zu verschertzen: auch eure Würde
/die geboren ist / viel grösser Glück zu erwerben / erinnert mich / dass ich
dieselbe / durch meine Unseeligkeit / nicht zu verderben suche / sondern andern
/ die weit glückseliger dann ich / zu befördern und zu erheben gönne.
    Was sollte Polyphilus antworten? Das teure Versprechen seiner
Bereitwilligkeit / in Glück und Unglück / Freud und Leid / Not und Tod / ein
getreuer Gefert / und beständiger Helffer / oder / da ihm das seine Kräffte
versagten / dennoch ein starcker Tröster zu sein / musste da die Antwort führen /
welches er auch / mit so beglaubten Worten / bewähren konnte /dass Macarie / durch
seine Treu und Beständigkeit bewogen / die Arm ausschlug / und ach! mit wie
verliebter Umfahung / um ihn schranckete / sprechend: So bleibet / mein Kind!
mir günstig / und liebt mich / in eurem Hertzen / mit solcher Beständigkeit
/wie ihr versprochen / was der Himmel wird geschehen heissen / werde ich
geschehen lassen.
    Da sollte eins eine heilige Brunst / der beiden Tugend-Verliebten / gesehen
haben / und derselben / die geschändete Liebe der Apatilevcheris / die auf
blosse Torheit gegründet war / entgegen setzen / würde er jenen Schatten / vor
dieser Sonne / jene Finsternuss /vor diesem Liecht / kaum haben sehen können. Die
Tugend verbandt sich / mit der Tugend / Weissheit mit Weissheit / und Kunst mit
Kunst / dass das Hertz Polyphili ganz himmlisch wurde / welches / vor dem /nicht
unrecht / höllisch hätte können benahmet werden. Viel liebkosende Gespräch
verführeten sie untereinander / welche zu bezeichnen / die Meng derselben Verbot
gibt. Das wollen wir noch erinnern / was Macarie erinnerte.
    Es fielen ihr / unter andern / die Wort Polyphili bei / so er / in dem
dritten Brief / an sie geschrieben /und berichtet / wie er die Zeit seiner
Verstossung / mit nichts / dann traurig-betrübten Gedichten / zubringe /die sie
leicht ermessen konnte / dass sie von ihr reden werden. Weil nun Macarie / nicht
allein eine Liebhaberin der teutschen Poesi: besondern / so gar / eine gelehrte
Poetin selber war / die ihren herrlichen Verstand / in dieser Kunst / mercklich
vermehrete / und ihre Sinnen rühmlich erlustigte / begehrte sie von Polyphilo
dieselbe / mit dem Versprechen / dass sie unversehrt wieder zuruck kommen sollten.
    Es hatte Polyphilus dieselbe zusammen / in ein Buch getragen / neben vielen
andern / die wir / wegen der Meng / hie nicht her setzen können: und weil das
Zorn-Gedicht / so wir am 542. Blat aufgezeichnet /gleich mit in dem Buch
verfasset: selber auch das jenige / welches er der Apatilevcheris zu Ehren
verfertiget: trug er anfangs Scheu / ihr Begehren einzuwillen / weil er diese
Gedichte / ohne Verletzung der andern / nicht heraus reissen konnte / und aber
besorgte /sie möchten Macarien zum Wider willen bewegen: deswegen er nicht ohne
Schrecken / ja sagte. Gleichwol / weil der Bitte der hertzgeliebten Macarien
/auch das Leben nicht zu versagen war / versprach er /allerdings ihrem Willen zu
gehorsamen / doch mit der Erinnerung / dass sie sich / durch ein Gedicht /
welches die Unbedachtsamkeit seiner Ungedult / sträflich heraus geworffen / da
ihm Agapistus die Verachtung seiner Liebe und Treue / angesagt / nicht erzürne
/auch viel weniger gedencke / dass solches der Warheit gleich stimme / weil er
sich selber schon / der Unwarheit beschuldet / und mit besserm Verstand /
widersprochen / was er / in erzürnter Torheit / fälschlich bejahet. Das
versprach ihm Macarie alles / mit billiger Zufriedenheit / anzunehmen / ihn
versicherende / dass nichts so kräfftig sein würde / welches ihr Hertz von seiner
Liebe abwenden / oder ihre Freundschaft trennen könne.
    Mit diesem Versprechen / stund Polyphilus auf /und wollte wieder zu seiner
Behausung. Weil sie aber / wegen besserer Freundschaft / auch vertrauter reden
dorfften / fassete Macarie Polyphilum bei der Hand / und fragte / wenn er sie
wieder besuchen werde? darauf er antwortete: Ach! dass ich morgen wiederkommen
dörffte / oder gar da bleiben. Das wird sich nicht schicken / sagte Macarie;
aber weil ich noch / eine wenige Zeit hie verweilen werde / da ihr /wieder ander
Wissen und Aufsehen / aus- und eingehen könnet / auch so nahe bei eurer Wohnung
/ dass ihr euren Zutritt / mit einem Spatzier-Gang / entschuldigen dörffet; so
nehmet / vor dissmal / die Gelegenheit / die uns der Himmel gibt / und besuchet
mich öffters / weil wir doch zweiffeln müssen / ob wir /nach dem / so
unverhinderte Gelegenheit / unsrer Zusammenkunft / haben werden. Was hätte
Polyphilus lieber versprochen / als das / er befand sich / durch feine eigene
Liebe / gezwungen / jederzeit / seiner Macarien zu dienen / willig und schuldig.
Darum war das die letzte Abrede: morgen wolle er seine Gedichte übersenden /
übermorgen aber sich selber wiederbringen: mit welchen Worten / sie
voneinander scheideten.
    Es begleitete Macarie ihren Polyphilum / biss durch den Garten / und weil sie
/ im durchgehen / die bund-gefärbte Blumen erblickte / die sie erinnerten / die
schöne Hände Polyphili zu verehren / brach sie deren etzliche / und gab sie
Polyphilo / als ein angenehmes Garten-Geschenck / welcher dieselbe / als
mächtige Trösterinnen / in seiner Einsamkeit / mit schuldigem Danck / annahm /
und ihrer dabei zu gedencken / versprach. Endlich kamen sie für die Garten-Tür
/ unter einen belaubten und Fruchttragenden Maulbeer-Baum / darunter sie sich
nochmaln / aufs schönste und liebste hertzten / die nächste Wiederkunft
versprachen / und also / aber mit was Schmertzen! scheideten.
    Es war diss nicht die Tür / da er eingangen war /besondern nächst dabei /
ein verborgener Gang / da ihn kein sterbliches Aug beschauen konnte / sondern
ganz frei und sicher aus- und eingehen liess / deswegen ihm Macarie / die
Wiederkunft hiedurch zu befördern / Befehl tat / die er auch fleissig
beobachtete. Er musste durch etliche Türen gehen / die ihn in einen langen Gang
führeten / der ihn / wie ferne von dem Haus der Macarien / verleitete / und da
er auf freie Weg kam / suchte er den Eichbaum wieder / darunter er sein Pferd
verlassen; welches er aber nicht fand /weil es indessen heimgeloffen / und den
Polyphilum zu Fuss folgen heissen / das er gerne tat.
    Wie ist aber Polyphilus gangen? In freudigen Springen / und sollte eins
freilich / die wunderbahre Schickung / des gnädigen Himmels / verwundern.
Polyphilus geht aus / Apatilevcheris zu suchen / und findet Macarien: die er
ihm in Ewigkeit nicht eingebildet hätte. Ja / er findet die Liebe Macarien / und
das noch wunderbahrer ist / mit seinem Widerwillen /die er / vor dem / mit so
viel bitten und flehen / nicht erhalten kunte. Er suchet die Gunst / die er
verfluchet / und findet die Freundschaft / an der er verzweiffelt. So kann eins
leicht dencken / wie er muss erfreuet worden sein. Das erste / so er verrichtete
/ war die Vermehrung der Gedichte / die sein Buch würdiger machen möchten /
denen schönen Händen der allerschönsten Macarien überreichet zu werden /
deswegen er denen obgesetzten Gedichten / auch andere /die wir nicht alle daher
setzen können / noch mehr beifügte / darinnen er die Glückseligkeit und
Verbesserung / seiner so lang erdulteten unseligen Liebe /auch sonsten andere
Begebenheiten beschrieben / wie der Inhalt derselben lehren wird. Wir wollen dem
Gunst-geneigtem Leser / dafern er die Dicht-Kunst liebt / zum bessern Gefallen
/ die vornehmste daher setzen / die er nach Belieben durchsehen / oder vorbei
gehen kann. Das erste hält in sich / die Beschreibung seiner nunmehr glücklichen
Liebe / nachdem er von seiner Geliebten wieder aufgenommen worden / welche er
mit diesen Worten ausdrucket:
Jetzt bist du meine Freud: vor warst du mein Betrüben;
Da schröckte mich dein Zorn: jetzt tröstet mich dein Lieben /
du tausend-liebes Kind! nun fällt der Zweifel hin /
die Hoffnung stehet fest: jetzt weiss ich / wer ich bin.
Ach! könt ich / Liebste! nun / dir einen Dienst erweisen /
der dir gefällig wär; ach! könt ich sattsam preisen /
dein Freundlich-sehn und Tun: ich fasste freudig an
die Feder / hebte dich / biss an den Stern-Altan.
Doch weil das nicht kann sein: will ich viel lieber schweigen /
als preisen irrdisch dich: dein Ruhm wird selber steigen /
hin an das Himmel-Dach. Dann / was nicht irdisch ist /
bleibt doch nicht auf der Erd: wie du / Hertzliebste! bist.
                                      ***
Ihren Garten redete er im folgenden zweien Sonnetten an:
Ist diss der liebe Ort / der oft-verlangte Platz /
der mir / nach meinem Wunsch / will stillen mein Verlangen /
will geben wiederum / mit Freuden / zu umfangen
das hochgeliebte Kind / den hertz-gehertzten Schatz?
will gönnen / dass ich auch verträulich mit ihr schwatz /
und was ich sonst begehr? Du Won-Haus meiner Freuden
du meins Lusts Pallast! Ach solt ich nimmer scheiden
von dir hinwieder weg! ich wollte meinen Satz
in dich versetzen ganz: und wollte lassen bringen /
was dir beliebte nur: die Säiten müssten klingen /
zu Ehren / Traute! Dir: selbst Flora warten auf /
die Freude gehn vor an: ich folgte mit der Schönen /
die meine Liebe bleibt: wirst du ein Wort erwähnen /
bin ich fürwar so keck / dass ich nicht ferne Lauf.
                                      ***
Du bist es / und dann sie / die du in deinem Schoss
offtmals verschlossen hältst; du bist es schönster Garten!
du wohlgelegner Plan / da sie will meiner warten /
und führen mich / in dich: du wirst mich machen los
der Schmertzen / Freuden-voll. Ist dieser Dienst so gross /
als meine Hoffnung bleibt / so will ich dir versprechen /
dass keiner sonst / zu dir / soll / durch die Pforten / brechen /
nicht ich / nicht wieder sie: auch keiner dieses Schloss
eröffnen / dass er nicht alsbald daran gedencke /
was du ihm hast gegönnt: und forderst du Geschencke /
so nimm die teure Wort / die ich ihr geben will /
und halt sie fest in dir: dass / wann wir müssen ziehen /
sie ja nicht in der Lufft / bald hie / bald dortin fliehen /
und öffnen / was wir da geredet in der Still.
                                      ***
An Amorn hiess er solche Wort ergehen / als er neben ihr sass.
Jetzt hab ich meine Lust / heut muss ich erst verstehen /
dass Amor redlich zahlt / wer ihm nur nach kann sehen /
und borgen eine Zeit. Er zahlet mit Gewinn /
verzinset noch wohl gar / was man geliehen hin.
Ich muss es nur gestehn: da ich fieng an zu lieben /
ward alsbald böse Schuld / die unbezahlt ist blieben /
biss heut / da kommt er selbst / und führet mich dahin /
da ich / nach meinem Wunsch / bezahlet worden bin.
Ich muss es rühmen noch: er gibt mir die Geliebten /
die mich vor dem so oft / und wieder oft betrübten /
Er gibt mirs / an dem Ort / der mir so viel gegönnt /
dass ich ein mehrers nicht / noch bessers wünschen könnt.
In seiner Floren Schoss / setzt er mich höflich nieder /
aufs nächste neben mich / setzt er die Liebste wieder /
spricht: sei zu frieden so / du haft es alles Macht /
darffst reden wie du wilt / weil heut dein Glücke lacht.
Wer ist nun mehr erfreut / als die vor-krancke Seele /
die neben dir / mein Kind! in dieser kühlen Höle /
alleine sitzen darff / und dir sich trauen nun:
sie ist zu frieden schon / wann sie nur das darff tun.
                                      ***
Dass er nur die eine liebe / beweiset er aus des Ovidii Lateinischen: Cui placeo,
protinus illa placet; im folgenden Sonnet:
Ich lieb den / der mich liebt / und dem ich tu gefallen /
der wieder mir gefällt; sei Er gleich oder Sie /
verachtt mich keiner nicht / veracht ich keinen nie /
gefall ich sonders dir? Gefällst du mir vor allen;
so fühl ich oft und oft mein Hertz / im Leibe / wallen /
vom Lieben hart gerührt; das macht die Freundlichkeit
bei manchem Damen-Bild / die mir zu jederzeit /
sie komme / wann sie woll / gleich einem runden Ballen
fällt immer recht und gut / dann ich bin so gesinnt /
dass ich mich allen geb: ich liebe gar geschwind!
So schreibt der Liebs Poet: ich sprach ihm ganz zuwider:
liebt mich die Bauern-Dirn / sie liebe immer hin /
nur eine / keine mehr / ligt mir in meinem Sinn /
die ich von Hertzen lieb: drum sind wir keine Brüder.
                                      ***
Als er aus dem Garten scheiden sollte / bat er selbigen / die Macarien öffters an
Polyphilum zu erinnern /auch mit diesem Sonnet:
Du schönes Lust-Haus / du! ihr Blätterreiche Bäume /
an keinerlei Frucht arm; du buntes Blumen-Feld!
das meiner Liebsten sich / zu ihren Diensten / stellt;
ihr Nelcken mancher Art / helfft / dass sies nicht versäume /
was sie versprschen mir: schafft / dass ihr stätig träume /
so oft sie bei euch schläfft / von dem / der ohne sie
nicht sein / nicht leben kann: dass sie vergesse nie /
dess / der ihr nicht vergisst: noch aus dem Hertzen räume /
der standhaft liebt sie; sagt / wann sie euch sieht an:
Vergiss nit / schönes Kind! was jüngstin der getan;
was er versprochen dir / der sich gab deinem Willen /
wolt heissen nur dein Knecht / versprach dir seine Treu:
gab dir sein Hertze hin: dass diss das Zeichen sei /
dass er / was er geredt / im Wercke / woll erfüllen.
                                      ***
Den Maulbeer-Baum / darunter er von ihr scheidete /redet wieder ein anders
Sonnet / auf solche Art / an:
So schickt sichs eben recht! wo konntst du besser stehen?
Du dicker Maulbeer-Baum / als hie vor dieser Tür /
da ich von meinem Schatz: und wieder sie von mir
muss Urlaub nehmen jetzt; muss / ach! muss von ihr gehen /
und weiss nicht / wann ich sie / die Schöne / wieder sehen /
auch wieder sprechen kann: so schickt sichs eben recht /
wann deine Frucht zu letzt / uns beiden Maulbeer brächt
Auch wann du decktest uns / dass keiner könnte sehen /
wann sie zu guter letzt mir gönnet einen Kuss /
ei ja! es soll so sein / dieweil ich scheiden muss.
Du aber habe Danck vor deinen kühlen Schatten /
und halte reinen Mund / so will ich wünschen dir /
dass nie dein Safft vergeh: ich will dir auch gestatten /
dass du dergleichen Frucht noch mehr verehrest ihr/mir.
                                      ***
Ihre Hände / als sie ihm die Blumen proesentirte / bekrönte er / mit folgendem
Danck-Sonnet:
Kluges Paar der Künstlerinnen /
am Verstand und Schöne reich /
über alles niemand gleich /
Meisterstuck der klugen Sinnen /
schöner Künste Meisterrinnen /
habet / Schöne! schönen Danck /
dass ihr willig / ohnen Zwang /
diese Blumen mir wolt gönnen!
ich behalte sie zum Pfand /
|ihr meine Treu |
dass
;155;
;139;erkannt / |ich eure Gunst |
die auch soll so lange bleiben /
als ich selber bleibe noch /
und das angenehme Joch /
soll kein Wider-Sinn vertreiben.
Uber seine Vergnüglichkeit / hatte er solche Gedancken.
Jetzt hab ich wohl getroffen /
mein Hoffen /
in allen:
Gott hat geschickt /
dass mich beglückt
mein Wallen.
Nun kanst du sein zu frieden /
entschieden
vom Leiden /
betrübtes Hertz!
auch allen Schmertz
jetzt meiden.
Drum will ich / Gott! Dir dancken;
nicht wancken:
Dich ehren.
So wirst du mehr /
als ich begehr /
mich mehren.
Nach diesen / und vielen andern mehr / setzte er / zu letzt einen solchen Befehl
und Erinnerung / an das Buch selber:
So wilt du / schlechtes Buch! dich dennoch unterstehen /
zu meiner Liebsten hin / weil sies begehrt / zu gehen?
bist du denn so viel wert / dass sie die schöne Hand
soll strecken aus nach dir? du wirst für Ehre / Schand;
für Gunst verdienen Zorn: doch weil du / was ich dencke /
fast besser weisst / als ich / und was mein Hertze kräncke /
ihr einig sagen kanst: so geh nur immer fort /
eröffne alles ihr / behalt in dir kein Wort.
Und wann du mit ihr redst / merck / ob sie dir wird trauen /
und sag mirs wieder an: solt aber sie nicht bauen
auf das / was du versprichst: so schwere nur ein Eyd /
bei Gott und auch bei ihr / auf meine Redlichkeit.
Auch dieses leg ihr vor / dass / was ich dir getrauet /
nicht darum sei geschehn / dass sie dasselbe schauet /
und also nur ein Dunst / nicht wahre Warheit sei /
was du ihr sagest an: Nein / nein bekenne frei /
dass du allein vor mich / und in geheim zu klagen /
von mir bereitet seist: Nun dass dus ihr solt sagen /
hat sie gefordert selbst: so wird sie ja verstehn /
dass sie / mein ganzes Hertz / in dir / jetzt könne sehn.
 
                                Zehender Absatz
    Beschreibet den Widerwillen der erzurnten Macarien / welchen sie / nach
erkundigter fremder Lieb / bei Polyphilo / so mächtig / in ihr / herschen liess /
 dass sie alle Liebe aus ihrem Hertzen verbannete: wiewohl sie / durch Zwang und
Flehen /wieder versöhnet ward: Lehret die Straffen / so dem Verbrechen folgen /
  damit ein unbestrafftes Ubel nicht Gelegenheit zu fernerer Misshandlung gebe.
So bald die Gedichte verfertiget / und dem Buch einverleibet waren / sandte es
Polyphilus / den schönen Händen Macarien zu. Die selbiges / mit grosser Begierde
/ eröffneten / und nicht ohne besondern Wolgefallen durchblätterten: aber auch
nicht gar ohne Missfallen / dann / so bald die scharffsichtige Augen / die nichts
vorbei liessen / auf das Gedicht / welches ihr die Liebe Polyphili gegen
Apatilevcheris entdeckte fielen / ward die freudige Liebe mit solcher
Traurigkeit ertödtet / dass die / bald darauf folgende / Zorn-und
Verachtungs-Wort / das Hertz der Macarien / mit gleichmässigem Eyser / ganz von
der Liebe Polyphili abwendeten; ja! weil sie die Beschimpffung der alten Weiber
gelesen / und sich dabei erinnert / dass die Jahre ihrer Zeit / die Jugend
Polyphili / nicht wenig überstiegen / erweckete die Furcht / es möchte das
leichtgewandte Hertz Polyphili / ihr / nach dem / auch so zahlen / einen solchen
Widersinn bei ihr / der mehr einer Feindschaft / als Liebe / gleich war. Daher
sie ihr gäntzlich vornahm / alle Liebe / gegen Polyphilo / zu dämpffen / und
seiner allerdings zu vergessen / auch ihre Freundschaft hinfüro abzuschlagen /
und seine Werbungen / so viel müglich / zu verhindern: wie sie dann alsbald /
ehe Polyphilus wieder zu ihr kam / folgende Wort / in so gebundener Rede / an
ihn abfertigte:
Ich hab / in dem schönen Buch / die Gedichte durchgelesen /
dir ihr werter Freund! gesetzt / weil ihr seid von mir gewesen /
gebe dem Poeten auch / wegen seiner Müh und Fleiss /
die er hat an mich gewandt / sonderbahren Danck und Preis /
Wann ich aber schreiben solt / alles hätte mir gefallen /
würd ich schreiben ohne Grund: Warheit geht mir doch vor allen:
Zwar was ihr gefürchtet habt / das mich sehr verdrüssen wird /
auch darum viel schöner Wort / euch zu schützen / habt geführt;
acht ich unerheblich sein / dass es mir solt Hass erregen /
was solt ich / so unbedacht / zornig sein / der Warheit wegen?
Glaubet mir / geehrter Freund! dass ich solche Verse setz /
an die allerhöchste Stell / und weit mehr / als andre / schätz
weil sie ohne Falschheit sind. Dass ich aber müssen lesen /
wie ihr / noch vor kurtzer Zeit / anderswo verliebt gewesen /
und auch wohl jetzunder seid: das sind Felsen-harte Wort /
wancket ihr so zeitlich schon / und erwählet solchen Ort /
den die Tugend fliehen heisst; weil er diesen nur steht offen /
der durch Pflicht darzu erwählt: was wird künftig sein zu hoffen?
Niemals hat kein Donnerschlag einen Baum so klein zerstückt /
als mein Hertz zersplittert ist / wie ich solche Wort erblikt.
Werdet ihr nicht überall solche schöne Frauen finden /
die / durch ihrer Augen-Liecht / euch vermögen zu entzünden?
und das ists / das ich gefürcht / diese Sorge hat gemacht /
dass ich lieber einsam leb / als im Ehstand bin veracht.
Wie ihr alte Weiber ehrt / hab ich satsam auch vernommen /
und wer weiss / ob ich auch jung werde noch zu Grabe kommen /
freilich ist die Zusag leicht / und die Tat hingegen schwer /
voller Lieb ist oft der Mund / und das Hertze dennoch leer.
Oder / da von Anfang gleich pflegt die Liebe heiss zu brennen /
ist doch oft das Mittel lau / und das Ende kalt zu nennen /
dieses Dencken machet mich so voll Kummer und Verdruss /
dass ich / ach verzeihet mir! diss gezwungen bitten muss:
Liebt Apatilevcher in / ihre schwartz-gefärbte Augen /
und den Purpur-roten Mund / meine Schwachheit kann nicht taugen /
neben solchem Adel-Stand / es beglücke eure Zeit /
tausend-fache Himmel-Gunst / gönnt mir nur die Einsamkeit /
welche Furcht und Hoffnung trutzt / und mich aller Sorg entbindet /
dass mein Liebster / ausser mir / sei von fremder Lieb entzündet /
die nur Hass und Schmach gebiehrt / besser sterben ohne Mann /
als so leben / mit Gefahr / dass die Liebe fehlen kann.
Polyphilus hatte indessen / dem Agapisto / sonderlich aber der Melopharmis alles
erzählt / was sich mit ihm / und Macarien begeben: die alle sehr erfreuet
waren. Da sie aber diese Zuschrifft gelesen / wollte alle Freude so gar
verschwinden / dass sie keinen Trost noch Rat übrig behielten. Solte Polyphilus
alsbald zur Macarien selber gehen / war zu beförchten /dass sie ihn gar nicht zu
ihr gelassen / oder ja / mit erzürntem Hertzen empfangen. Alles war nun aus
/selbst die Freundschaft war rund abgeschlagen. Melopharmis sagte wohl / ei so
lasst sie gehen: aber das Hertz Polyphili konnte seiner Macarien nicht mehr
vergessen. Deswegen er Melopharmis zur Seiten führete / und durch aller Götter
Vergeltung bat / dafern sie / mit ihrer viel-vermögenden Kunst / noch etmas
ausrichten könne / so solle sie dieselben anjetzo gebrauchen / und das Hertz der
Macarien wieder zu ihm wenden: Er wolle / was ihm gebühre / die Schrifft
beantworten / und nach Müglichkeit ihre Gunst hinwieder erwerben. Melopharmis /
weil sie sein kläglich Behägen zu Hertzen nahm / kont ihm diese Bitte nicht
versagen / darum sie eins wurden / Polyphilus solle sie hinführen biss zu dem Ort
/ da sie die Wohnung der Macarien sehen könne / aber die Antwort voran schicken
/ alsdann sie ihm / nach Vermögen / behülfflich sein wolle. Alles wurde alsobald
zu Werck gerichtet / die Antwort verfertiget / und Macarien zugeschicket /
Polyphilus mit Melopharmis folgeten nach: So lautete aber die Antwort Polyphili.
Nun erfahr ichs freilich schon / was sie jüngstin hat gesprochen /
dass der Liebe Glückes-stand öffters werde durchgebrochen
von der Widerwertigkeit / dem ich damals widersprach /
aber nun / ach! aber nun! selbst erfahre / selbst beklag.
Doch wann sie / Erwählte mein! wird die Sache recht bedencken /
wird sie / weiss ich / sich und mich nicht mit solchen Unrecht kräncken /
nit beschulden mich mit dem / das mir ganz zuwider ist /
nun ich / Liebste! dich erwählt / nun du mir die Liebste bist.
Du beklagest dich um mich / da ich mehr um dich solt klagen /
hab ich dir / so viel du mir täglich machest Angst und Plagen;
hab ich dir / bekenn es nur / einmal das zu Leid getan /
was ich klagen kann von dir / wann ich nichts erbitten kann.
Wie du sagst / so hab ich dich / Hertzgeliebtes Kind! verlasse!
Ach! wie kann ich? da ich dich noch nicht einmal können fassen
und gewinnen / liebes Kind! ist die Klage richtig recht /
so bekenne sie zuvor / dass ich der verbundne Knecht
ihres Willen-Wunsches sei; dass ich der Erwählte heisse /
und dass unser beider Hertz keine fremde Liebe reisse
mit gelassner Treu-Gebühr: dann will ich auch froh und frei
selbst bekennen / dass mein Dienst an ihr untreu worden sei.
Gleichwol / sprichst du / solt ich dir schuldig meine Lieb erhalten /
in dem Wissen / ohn Genuss; treuer meine Pflicht verwalten /
ob ich deine nicht erkannt: aber glaube / dass ich dich
gleich-soviel und mehr geliebt / als du heimlich liebest mich.
Und bedencke das annoch / dass ein Unterscheid der Liebe;
Ja! dass viel ein anders sei / was ich / Liebste! dort verübe /
da ich liebend liebe nicht; liebend aus erheischter Pflicht /
die mich so noch nie verpflicht / dz ich dein gedencke nicht.
Und besiehe die Person / du wirst / wie du klug bist / sehen /
dass aus blosser Höflichkeit / was ich dort getan / geschehen /
keine / die gebunden ist / meine Freiheit binden kann /
eine / die entfesselt steht / leget mir die Fessel an.
Ach du meine Kränckerin! ist es nicht so / wie ich zeuge /
so vergess der Himmel mein; keine Gnade zu mir neige
das erzürnte Gott-geschick! sieh! ich schwere dir ein Eyd /
dass ich dir getreu will sein / bei des Himmels Gütigkeit.
Ist denn dieses nicht genug? Was doch kanst du mehr begehren?
Sag / befihl nur / was du wilt / alles will ich dir gewähren /
wie ich alles schuldig bin. Ja! ich sage noch einmal /
sind nicht meine Wort / mein Hertz / stürtze mich ein grosser Fall!
Dencke / Schatz! denck ewig doch / wie mich deine Strafe drücke /
und wie mein zersplittert Hertz dein Wort-Donnerschlag zerstücke /
wann du jene mir benennst / die ich selbst verraten dir /
dass / ob sie auch schöner sei / seist du doch die Liebste mir.
Wie vil stellest du mir Strik? müst ich doch gefangen liegen.
wann nicht meine Liebes-Treu könnte deine Netz besiegen /
bald verführt mich fremde Gunst: bald ist nur mein Mund verliebt /
allerdings das Hertze leer / das sich doch so hoch betrübt.
Bald ist meiner Liebe Brunst ohne Feur-Hitz angezündet /
oder ob der Anfang heiss / und auf Hertzens-Glut gegründet /
sei doch dessen Mittel lau / und das End-Ziel aller kalt /
da ich diss vor jenem doch warhaft weit erhitzter halt.
Wie die alte Frauen-Ehr sei durch meine Wort geschändet /
ist zu deuten durch den Sinn / der mich von mir selbst gewen det /
da sie meiner Jugend-Blüh durch den Zweiffel brechen wolt /
als wär diese jung verführt auch den alten Runzeln hold.
Aber dass sie schliessen will / wann auch ihre schöne Jugend
solt veraltet hesslich sein / möcht ich Widersinns die Tugend /
Schönheit suchend / achten nicht: ist ein unbewährter Schluss /
der mich / eh ich solches denk / mein Vergessen heissen muss.
Lieb ich Tugend / Kunst / Verstand? kann dieselbe nicht veralten /
lieb ich Schönheit / Pracht und Geld? Wer wird alles das erhalten?
Pracht und Geld ist Eitelkeit / Schönheit ist ein blosser Tand /
rechte Liebe / wahre Freud / gründet sich auf Kunst-Verstand.
Und was streit ich ohne Not? Ist sie / Schönste! nicht die Schöne /
der sich keine gleichen kann? Ob sie schon das Jahr bekröne /
so das Frühlings-Alter ziert / ihre Herbst-halb schöne Zeit
nimmt vor aller Jugend Flor lieb- und lob-beschönte Bent.
Drum / mein auserwähltes Hertz! lass / verlass die Leid-Gedancken /
zweifle nicht an meiner Treu / die in den geschlossnen Schrancken
deines Willens bleiben soll; öffne meines Hertzens-Tür /
und besiehe dessen Schluss / wirst du mehr vertrauen mir.
Nach dem Gedicht setzte er / in ungebundener Rede /wie er nicht ruhen / noch
leben könne / biss er ihrer Gegenwart geniesse / und mündlich / die Versicherung
ihrer unverruckten Liebe / vernehme; bitte also /ihre Gewogenheit solle ihm /
wegen des nichtigen Verdrusses / den Zutritt / durch den verborgenen Gang /
nicht verschliessen / sondern / mit ihrem erwünschtem Anblick / wiederum
erfreuen / wie sie ihn / durch den Widerwillen / betrübet.
    Nun geht Polyphilus / mit Melopharmis / auf Macarien zu / und da sie zu den
Eichbaum gelangeten /und Melopharmis vernahm / dass er unter diesem /seine
schmertzliche Klage geführet / sprach sie: So sollet ihr auch / unter diesem /
eure hertzliche Freud annemen und überkommen. Ferner / fuhr sie fort /weichet
ein wenig von diesem Ort / und sehet von ferne / was da geschehen wird.
Polyphilus folgete dem Befehl / und legte sich unter die Sträuche nieder / zu
sehen / wie ihm Melopharmis helffen würde / die unter dem Eichbaum verharrete.
Da er sich nun kaum geleget hatte / buckte sich Melopharmis zur Erden /als wann
sie denen Geistern / aus der Höle / ruffen wollte: bald erhub sie ihr Gesicht
wieder gen Himmel /aber mit einem grimmigen Anblick: Nach dem stund sie still /
als in tieffen Ersinnungen / und bald darauf wandt sie sich gegen dem Ort / da
Macarie wohnte /und fieng / mit klingender Stimm / also an zu ruffen:
Ist dann kein Mittel nicht zu zwingen deinen Willen /
du Felsen hartes Hertz! wilt du noch nicht erfüllen /
was mein Befehl erheischt? Du solt erfahren bald /
wie ich den / der dich liebt / in Lieb und Gnaden halt.
Was zwingt dich / das ihn zwingt: du wilt vielleicht mich zwingen?
O Nein! ein scharffer Pfeil soll durch dein Hertze dringen /
besiegen deinen Trutz: du widerstehest mir /
nicht dem / den du nicht liebst / ob er sich trauet dir.
Drum her! sieh was ich kann / die ganze Macht der Höllen
muss deinen Wider-Sinn / und deinen Hochmut fällen /
und führen in das Joch: du weist nicht / wer ich bin /
solsts aber wissen bald: wann ich dein Hertz gewinn.
Ich bin / was mir gefällt: es muss mir alles dienen /
sei Fürst / Herr / Knecht und Baur: auf mein Wort ist erschienen /
wein ich geruffen noch: der schwartzen Geister Zahl /
was Höll und Welt beschleusst / das folgt mir überall.
So gross ist meine Macht: der Himmel muss mir schwitzen
im Mittag kalten Tau: die Sonne dunckel sitzen /
wann ich die Wolcken führ: der Monde stille stehn /
die Sternen gehen fort / wann ich sie heisse gehn.
Die Lufft bewegt mein Wort: die Winde müssen brausen /
Blitz / Donner / Hagel-schlag / durch Welt und Wasser sausen;
und wann ich wieder will ihn heissen stille sein /
muss er auf mein Befehl sein Sausen stellen ein.
Ich kann vor Hitze Frost / vor Kälte Wärme geben:
verwechseln selbst die Zeit / dass / die im Sommer leben /
gleichwol den Winter sehn: der Hundstag schneiet mir /
der Hornung ist verblumt / gleicht sich der Frülings Zier.
Ich kann die Element / Feur / Wasser / Lufft und Erden
verwandeln / wie ich will: aus dem / muss jenes werden /
die starcken Eichen gehn / auf mein Geheisse / fort /
die Wasser bleiben stehn: so viel vermag mein Wort.
Ich schmettre Felsen-Stein: so will ich auch was finden /
das dich erweichen könn; ich will dein Hertz entzünden /
mit brennender Begierd / dass du nicht ruhen könnst /
biss du dem / der dich liebt / hinwieder Liebe gönnst.
Kommt her / ihr Furien! komm / Pluto! hilff mir binden /
komm / Drei-Kopff! Hecate! hilff ineinander winden
diss ungewundne Haar: kommt / Geister! kommt heran /
weil keine Bitte hilfft / so helffe / was da kann.
Die funcklende Himmels-Kertze / die vorher ganz hell leuchtete / schiene für
Schrecken zu erbleichen: Die verfinsterte Wolcken lieffen / als fielen sie vom
Himmel. Finsternuss erfüllete die ganze Gegend. Der Vögel Gesang / so kurtz
zuvor aufs lieblichste zwitzerte / wurde ganz still. Man hörete nichts / als
das Flattern des Eichen-Laubs / und Polyphilus selber zweiffelte / welches
sicherer wäre / zu lauffen oder zu bleiben. Er sah ferner zu / da zog
Melopharmis den lincken Schuh aus / nahm ein Tuch über den Kopff /kehrete sich
zweimal gegen Morgen / und zweimal gegen Niedergang / grub mit einer Sichel /
ein Loch in die Erde / und machte darauf einen Circkel um sich her / murmelte
auch eine gute Weile / eins und anders / das Polyphilus nicht verstehen kunte.
Hiernach brachte sie / aus ihrem Korb / allerhand Kräuter / vermengte dieselbe
mit etzlichen Steinlein und Gebeinen von den Todten: hernach goss sie Kinder-Blut
/ welches ihr in der Lufft gereichet wurde / in eine Schalen / die sie auf
Wacholder-Holtz und Eisen-Kraut satzte / und mit ungebrauchtem Schwefel und
Weihrauch anzündete. Da aber die aufsteigende Lohe / in die Höhe schlug / hielt
sie auf der Sichel ein kleines Kinder-Hertz in das Feuer / und sprach solche
Wort:
So müsse gleichfalls auch dein kaltes Hertze brennen:
weil du die heisse Brunst des Liebsten nicht wilt kennen.
Ferner knüpffte sie 3. Haarlocken / so sie von dem Haupt der Macarien / durch
ihre Kunst / listiglich geraubet / um 3. bund aber ungleich-gefärbte
Vogel-Federn / mit diesen Worten:
Die Federn flohen frei: das Haar war unbewunden:
nun aber hat / die Lieb / sie / an das Hertz / gebunden.
Auf diss sprützete sie dreimal in ihren Schoss / nahm ein Bild / von
Jungfrauen-Wachs / in die Hand / beräucherte dasselbe / band ihm 3. wüllene
Faden / von dreierlei Farben / um den Hals / und sagte:
Mächtig ist die dritte Zahl: dreimal sei sie drum gebunden /
dreier Farben Baude sind / um das harte Hertz / gewunden.
Unter solcher Rede / stach sie mit einer gespitzten Nadel / dreimal in das Bild
/ und sprach:
So muss es gleicher Weiss auch ihrem Hertzen gehen /
das unverwundet wolt der Liebe widerstehen.
Warff es darüber in das Feuer / mit diesen Worten:
Wie dieses weiche Wachs / im Feuer / muss verräuchen /
so auch dein Felsen-Hertz / in Liebe / muss erweichen.
Nach dem nun dieses alles nidergebrennet war / griff sie auf die Erde / hebte
die Aschen auf / warff sie dreimal über den Kopff hinter sich / und hub / wie
vorher / an mit verbrochenen Worten zu murmeln: sie aber sah nicht zu ruck.
Alsbald erhub sich ein erschröcklich Gewitter / das aber bald aufhörete / und
die helle Sonne / wie vor / leuchten liess.
    Polyphilus kam / voller Schrecken / zu Melopharmis / / und kunte kein Wort
herfür bringen / weil er dermassen zitterte / dass er den Blättern der Aespen /so
nicht weit von dannen stunden / nichts bevor gab. Darum Melopharmis anhebte:
Jetzt geht hin zu Macarien / und versichert euch / dass sie liebt. Aber
Torheit! Hätte Polyphilus seine Antwort nicht so scharff gesetzet / und mit
beteurten Worten geführet / hätte sich das Tugend-liebende Hertz / der
allerzüchtigsten Macarien / lang zu keiner Liebe verzaubern lassen. Doch glaubte
Polyphilus den Worten Melopharmis / und ging hin. Eben aber / da er auf halben
Weg war / begegnete ihm die Dienerin Macarie / die sie / mit dem Befehl /
Polyphilum zu holen /ausgesandt hatte. Er fragte alsobald / weil er von ihr
verständiget wurde / dass sie um die Freundschaft ihrer Liebe Wissenschaft
trüge / wie sich doch Macarie so bald erzürnen können? welche antwortete: Die
Ursach ihres Eyfers ist mehr eure Verwegenheit / als die Liebe / damit ihr
Apatilevcheris liebt. Was habt ihrs dörffen ihren Augen vorlegen / welches sie
deutet / als liege eine heimliche Beschimpffung drunter verborgen. Viel mehr /
sagte Polyphilus / sollte sie die Aufrichtigkeit meines Hertzens daraus erkennen
/ dass ich ihr nichts verhäle. Darauf die Dienerin erinnerte: Nein / Polyphile!
viel eher eine Einfalt / als Aufrichtigkeit. Mit diesem Gespräch / giengen sie
fort / biss zu dem Hof.
    Polyphilus suchte den verborgenen Gang / welcher allbereit eröffnet stund /
und seiner Zukunft wartete. Er ging durch die Türen hinein / die er aber alle
hinter sich verschloss / biss er zu der letzten kam / die ihm seine allerliebste
Macarien zu sehen gab. Alsbald fieng er an / sich hoch zu entschuldigen / und
das leicht-erbitterte Hertz / bei ihrer Güte und Gedult / zu verklagen. Aber
Macarie fieng an zu lachen / und deutete das alles / was sie getan / zum
Schertz / wiewol es scheinbarer ist / sie habe die Beständigkeit Polyphili damit
versuchen wollen. Das freundliche Hertz /der gar zu schönen Macarien / liess
nicht zu / dass Polyphilus mehr klagte / weil sie immer fort mit ihm schertzete /
und sagte: Ihr liebt doch Apatilevcherin ein wenig! wem sollten die
schwartzgefärbten Augen nicht gefallen? Wer sollte nicht gern den Purpur-roten
Mund küssen? Der stoltze Adels-Schein will auch etwas vorgezogen werden: Und
dergleichen mehr. Aber Polyphilus widerlegte das / mehr im Werck / als mit
Worten / indem er ihm der Macarien bräunlichte Augen gefallen liess / und ihren
Purpur-Mund küssete.
    Viel angenehme und erfreuliche Gespräch verführeten sie miteinander /
sonderlich fieng Macarie an /warum er den Frauen / und nicht vielmehr den
lieb-verdienenden Jungfrauen / gewogen / da diese nicht so gefährlich / auch
nicht so sündlich zu lieben / als jene? Dagegen Polyphilus einwandte / dass er /
die Zeit seines Lebens / keine Jungfer geliebt / auch nicht lieben könne / weil
er gleichsam von Natur / ein feindliches Hertz / gegen denselben führe / nicht
wissend / aus was Ursachen. Er schliesse aber dahin / es müsse ein sonderbarer
Sinn / in ihm / herrschen / der sich mehr gegen dem Weiblichen / als
Jungfräulichen Stand / neige / und jene / vor diesen / lieben heisse. In dem er
auch nicht fehlte. Unter währenden Gespräch /klagte Polyphilus / die all zu
grosse Hitze / welche ich nicht weiss / ob sie die erhitzte Sonnen-Strahlen /
oder die feurige Glut seines verliebten Hertzens verursachete: Da hingegen
Macarie die Kälte besprach /so oft der Wind / durch das Zimmer wehete: dessen
sich Polyphilus sehr wunderte. Macarie aber / die ihn / in so grosser Hitze / am
besten kühlen konnte /reichete einen Zettel dar / darauf die Beschreibung der
Liebe / in folgenden Reim-Schlüssen / verfasset:
Du Honig-süsses Gift; du selbst-erwähltes Leiden:
Du Mutter später Reu / und Pest der besten Zeiten:
Du Demant-vestes Joch: du Felsen-schwere Last:
Du ungezäumtes Tier / und Undanck-voller Gast.
O Liebe! du Tyrann / du wütendes Beginnen:
der Freiheit Widerstand; Zerstörer kluger Sinnen:
Du Untergang des Glücks: Gebährerin des Neids:
Du Tod der Frölichkeit / und Quellbrunn alles Leids.
Die Macht ist ohne Macht / die Waffen fallen nieder /
wann du geschminckte Lust beherrschest die Gemüter;
die Torheit folget dir / der Eyfer ist dein Kind /
Verzweiflung / Furcht und Mord / man letzlich in dir find.
Du ungerechtes Recht: die Laster müssen siegen /
wann dein Vermessenheit die Tugend will bekriegen;
es gilt dir alles gleich / Welt / Cron und Hirtenstab /
du sagest jetzt der Höll / und jetzt dem Himmel ab.
Du lachest der Gefahr / und achtest kein Verderben;
das bittre wird dir süss / wann Wollust zu erwerben:
die doch ein blosser Traum / ein übersüsste Gall /
ein Schatten / der verschwind / und gleich dem Gegenschall;
so augenblicklich stirbt / als er recht wird geboren /
und ist in einem nu gefunden und verloren:
Diss ist der grosse Sieg / diss ist der reiche Lohn /
den man von deinem Dienst / O Liebe! trägt davon.
Du Acker voll Gefahr / Ernehrerin der Sorgen /
von gestern Angst biss heut; von heut biss wieder morgen:
du unergründlichs Meer / voll Klag und Ungedult /
an aller Müh und Not allein du trägest Schuld:
Du Hoffnung voll Betrug / die deine List erkennen /
und fliehen nicht vor dir / sind blind und taub zu nennen:
sie hören / hören nicht: und sehn nicht / was sie sehn:
dann sonsten könten sie auch deinen Grimm verstehn.
Polyphilus sollte die Glut / seiner Liebe / damit kühlen: aber sie wurde mehr
erhitzet / deswegen er / in ihrer Umfahung / die Zeit vollends zubrachte / und
der Zucht-gebührenden Tugend-Liebe freien Pass liess. Diese leschete die Glut
Polyphili / mit dem Zucker-Safft der dersüsseten Lippen Macarien / und kühlete
das befeurete Verlangen / an den erkalteten Wangen /mit solcher Freudigkeit /
dass ihn die Zufriedenheit selber / in den Schoss / seiner Allerschönsten und
Liebsten / niederlegte / und so vergnügt sein hiess. Diss war das letzte mal / dass
er / an diesem Ort / zu ihr kam / darum wir billich die treffliche Reden / so
sie / mit viel grösserer Liebe / unter sich vollführeten / dann vorhin geschehen
/ aufzeichnen / und weitläufftiger beschreiben sollten: allein die geliebte
Kürtze heisset uns abreissen und / mit dem Abschied Polyphili / auch das
Gespräch abbrechen. Sehr betrübt scheideten sie voneinander / weil sie nicht
gewiss sein könten / wann sie sich wieder sehen würden. Darum sprach Polyphilus:
Ach liebstes Kind! wann wird mich nun das Glück / mit ihrer Gegenwart / wiederum
beseligen? Kan ich sie dann nicht so bald wieder sehen / wird sie mir ja
vergönnen / dass ich / mit meinen ungezierten Briefen / sie bissweilen besuchen
/und an die Liebe Polyphili erinnern darff. Ja / sprach Macarie / aber dass es
verborgen gehalten werde / und ich nicht in bösen Beruf komme. Darüber sie sich
noch einmal hertzeten / und scheideten / Polyphilus auf Sophoxenien: Macarie auf
Soletten.
    Nun müssen wir sehen / was die beide / in ihrer betrübten Einsamkeit /
getan. Anlangend Polyphilum / kürtzete er die Zeit / mit dem Gedächtnus seiner
Macarien / welches er nehrete / mit allerhand lustigen Gedichten / deren wir
etzliche / dem beliebenden Leser zu Gefallen / hieher setzen wollen. Vor allen
andern beschrieb er / so bald er heim kam / die Reden Macarien / und was sich
unter ihnen beiden begeben. Auch ihre Beschreibung / der Liebe / versetzte er /
mit einem solchen Gegen-Satz:
Du Honig-süsse Kost / und Preis der Lieblichkeiten /
du Mutter früher Luft / und Schatz der besten Zeiten.
Du angenehmes Joch / du leicht geführte Last /
du ungezäumtes Wohl / und Hertz-verlangter Gast.
O Liebe! Königin! vernünftiges Beginnen /
der Freiheit Schutz und Trutz / Geburt der klugen Sinnen.
Du Herrscherin des Glücks / Zerstörerin des Neids /
Ernehrerin der Freud / Ertödtung alles Leids.
Du siegest überall / die Waffen fallen nieder /
wann du / mit deiner Macht / dich setzen magst zuwider
der falsch geschminckten Lust: du bist die wahre Freud /
vollkommen noch darzu. Kein Creutz / kein Hertzenleid /
kein Eyfer / kein Betrug / ist in dir leicht zu finden /
Verzweiflung / Furcht im Mord kanst du bald überwinden /
die Torheit muss vergehn / wo deine Weissheit steht:
die Falschheit kann nicht stehn / wo deine Treue geht.
Du selber bist das Recht: drum muss die Tugend siegen /
wann dein gerechter Grimm die Laster will bekriegen;
Du achtest keinen nicht / sei Cron / sei Hirtenstab /
sei endlich wer er will; du sagest allen ab:
und lachest der Gefahr / verachtest das Verderben /
wann dein getreuer Dienst kann Tugend-Lust erwerben /
die einig nur vergnügt / und alle Laster-Gall
durch Redlichkeit versüsst: und gleich dem Gegen-schall
läst sterben / wann er kaum / und eh er wird geboren:
so wird bei dir das Recht gefunden: und verloren /
was Unrecht heissen will: du giebest reichen Lohn /
die Tugend ist der Sieg / den träget man davon.
Zwar achtest du Gefahr: ernehrst doch nicht die Sorgen /
was heute feindlich scheint / muss freundlich sehen morgen /
drum sparst du keine Müh / und kommst bei zeiten vor /
wann die Gefährlichkeit eröffnet hat ihr Tor /
entgegen deiner Macht / mit Unglücks-Macht / zufallen:
Dann höret man bald hier / bald dort mit Schrecken knallen
die seufftzende Geschoss; der Tränen-volles Heer
kommt mit gestürmter Hand / und ächtzendem Gewehr
entgegen seinem Feind. Das Hertz / der kluge Führer /
sicht vornen an der Spitz / und schicket die Curirer
an tausend Orten aus: der Anschlag wird gemacht /
Sinn / Weissheit und Verstand / der kluge-Naht-Bedacht /
befrenet seine Lust / und schlägt die Waffen nieder /
ertödtet seinen Feind: die Liebe freut sich wieder /
brsieget alle Klag / beherrschet alle Not /
lebt nicht in Ungedult / ist sicher vor dem Tod.
Drum Liebe / teures Pfand! die deine Lust erkennen /
und folgen dir nicht bald / sind blind und taub zu nennen /
sie hören / hören nicht / und sehn nicht / was sie sehn /
dann sonsten könten sie auch deinen Schatz verstehn.
Nach diesem gedachte er an die Frage / so sie ihm zu beantworten geben / warum
er keine Jungfern lieben könne / die er mit folgenden Worten belegte:
Es wundert dich / mein Schatz! warum ich nicht könn lieben
das liebe Jungfern-Volck? Verlange mehr zu üben
des Amors süsse Lust / mit der / die du im Schertz
die Alte hast genennt? Dich mein ich / schönstes Hertz!
Was aber wunderst du? weil du mir hast gefallen /
und immer mehr gefällst: so hab ich dich vor allen
zu lieben auch erwählt; und weil du schöner bist /
als alle Jungfern sind: diss diss / die Ursach ist.
Da / sprichst du / brauchts Beweis! wie kann ich dirs beweisen /
wann du nicht glauben wilt / wann meine Zunge preisen
will / was das Hertze denckt? Glaubs zu Gefallen mir:
so will ichs mit der Tat noch wohl erweisen dir.
Diesem folgte die Erinnerung seiner Wärme und ihrer Kälte / die er / mit diesen
Worten / erklärte:
Wie kommt es / liebes Kind! dass in den heissen Tagen /
du dennoch klagest Frost / wann sich die Winde jagen
ein wenig durch dein Zelt? Ists nicht so / liebes Kind!
weil man ein kaltes Hertz vor allen in dir find?
Kalt / sag ich: freilich ja! Ach! würd es bald erhitzet /
durch eine solche Glut / dadurch mein Hertze schwitzet;
in heisser Liebes-Brunst! ich weiss / du sagtest dann:
nur Hitze / keine Kält ich jetzo klagen kann.
So folge meinem Rat! lass dich von mir entzünden
mit brennender Begierd; lass in und bei dir finden
ein lieb-erhitztes Hertz / denck oft an meine Wort:
so wird / eh du vermeinst / die Kälte gehen fort.
Den Garten redete er solcher Gestalt an / da er scheiden musste:
Es müssen stetig dich die treue Favorinnen /
du schönes Blumen-Feld! in ihrem sichern Schutz /
aufnehmen / hüten dein! es mehre sich dein Nutz
durch jenen Phaeton! Neptunus lasse rinnen
aus seinem fenchten Schoss! Auch meine Castallinnen /
die sollen krönen dich / und dein gebüschtes Haupt /
so lang kein wilder West dein blumicht Antlitz raubt.
Selbst Jupiter dich schütz! und meine Pierinnen /
mit zweien von Parnass; nächst dieser Princessinnen /
die dich und mich beherrscht; die sollen sämtlich gehn
um dein Geheg herum / und durch ein Lied erhöhn
heut deine Trefflichkeit. Die leisen Etesinnen
durchwehen lüfftig dich. Kein Satyr / kein Sylvan:
nur du / hertzliebes Kind! darffst kommen auf den Plan.
Das war Polyphili Arbeit: Macarie war bemühet / in seinem Buch / das sie noch
immer fort bei sich behalten / die Gedichte aufs fleissigste durchzugehen / auch
etzliche darinnen zu widersprechen / etzlichen nachzusingen / auch sonst vor
sich weiter zu dichten / die wir aber noch nicht hören wollen: sondern was sich
diesem vorzukommen bemühet / auch zu erst daher setzen.
 
                                 Eilfter Absatz
   Beschreibet die zeitliche Begrüssung / so zwischen Polyphilo und Macarien
 schrifftlich geschehen: Lehret die Tugend-Art / welche / in zweien Gemütern /
einerlei Würckung übet; und anders mehr / das in den Briefen und deren Erklärung
                            selber erörtert wird.
Es ist aber billich zu verwundern / dass Macarie und Polyphilus / zugleich auf
eine Zeit / einander zuschreiben entschlossen wurden / entweder dass keinem das
Lob des Verzugs / oder die Schuld der Vergessenheit / beizumessen wäre. Es kam
eben / dass Polyphilus verreisen wollte / wiewol die Reise gar kurtz / und mehr
ein Spatzier-Ritt zu nennen: doch aber so nötig war / dass sie ihn bald / an dem
Gruss-Brieflein / an Macarien / verhindert. Doch befand er einen solchen Zwang
bei sich / der ihm gleichsam / mit einem grossen Verlust / drohete / die Feder
zur Hand zu nehmen / und noch vor dem eilfertigen Abzug / ein Brieflein an
Macarien abzufertigen: so gut es auch die unbedachtsame Geschwindigkeit zuliess.
Eben aber / da sich Polyphilus setzt / dorfft ich leicht sagen wird Macarie /
durch gleichen Zwang / niedergesetzt / folgenden Gruss an Polyphilum
abzufertigen:
                                Edler Polyphile!
Das Gedächtnus meiner Zusage / welche ich / bei unserm Abschied / hinterlassen /
hat mich angetrieben /denselben / durch dieses kleine Briefflein zu besuchen /
und mich seines Wohlergehens zu versichern /nicht zweiflende / er werde solches
/ nach seiner gewöhnlichen Freundlichkeit / günstig aufnehmen / und ihme / wo
nicht angenehm / doch erträglich sein lassen. Insonderheit / weil mich hierzu
veranlasst / sein künstlich-poetisches Buch / dessen Ergötzlichkeit /ich / nun
eine geraume Zeit hero / erfreulich genossen: selbiges aber / bei dieser
Gelegenheit / neben schuldiger Dancksagung / vor so willige Uberlassung / wieder
unverletzt übersende / freundlich bittende / er wolle solches / nicht mit
zornigem Gesicht empfangen / oder / wegen des langen Aussenbleibens /scharff
bestraffen: sondern gewiss glauben / dass es seinem Befehl sorgfältig beobachtet /
und allein /durch mein Saumseligkeit / zu diesem Ungehorsam sei verleitet
worden. Wesswegenich mir dann billig die ganze Schuld beimesse / und nur um
gelinde Straff bitte; selbige auch von seiner Gütigkeit zu erhalten / keines
Weges zweifle. Nun solt ich / seinem Begehren zu Folge / etliche meiner
einfältigen Verse /seinen Gedichten beigefüget haben / fürchte aber /durch meine
ungelehrte Feder / die Würde dieses Buchs zu vergeringern / und desselben Glantz
zu verdunckeln / oder wohl gar / mit meinen unschuldigen Reimen / mehr Schimpff
/ als Gunst / zu erwerben. Massen ich nimmermehr glauben kann / dass seine
Gewogenheit / weil sie auf so grosser Ungleichheit beruhet / lange Zeit dauern
könne. Zwar weiss ich wohl /was die Gelehrte schreiben / dass die allerstärckeste
Liebe sich in der Ungleichheit befinde; weil die Venus / nimmermehr den Gott
Martem, so hoch / als den Schäfer Adonen geliebt: Diese Begebnus aber /ist mehr
in Ungleichheit des Standes / als des Alters /und auch mehr bei Göttern / als
Menschen zu finden. Es sei dann auch bei denen / welche sich / mit ihren
Tugenden / den Heidnischen Göttern gleich machen. Unter welche Zahl / so ich
euch / Tugend-berühmter Polyphile! auch setzen würde / tät ich nicht mehr /als
was seine Verdienste / und mein / in diesem Gerichte / unparteiisches Urteil
erforderte. Dannenhero ich desto weniger die jenige neide / welche geschickter /
als ich / ist / solches Kleinod zu gewinnen. Es sind auch meine Gedichte ganz
nicht der Meinung / seine Liebste zu beleidigen / oder ihme seine Freiheit zu
rauben / sondern sie stellen allein die Gedancken vor / welche mir / in meiner
Einsamkeit Gesellschaft leisten / und dafern ich versichert würde /dass sie / zu
Sophoxenien keine verdrüssliche Gäste sein möchten / müsten sie sich / mit
nächsten / dahin abzureisen / fertig halten. Diesesmal bitte ich / Edler
Polyphile! Ihr wollet die Künheit dieses Briefleins vergeben / in eurer vorigen
Freundschaft verharren /und durch eure annehmliche Gedicht / öffters erfreuen /
eure
                                                            beständige Freundin:
                                                                       Macarien.
Könten wir den Gruss Polyphili auch zugleich mit dem vorgesetzten Gruss der
Macarien / an einen Ort setzen / wie sie zu einer Zeit verfasset worden / hätten
wir selbigen nicht nachsetzen dörffen: nun aber lässet die schuldige Folge
Polyphili / seiner Macarien / den Vorzug gar willig über / und gibt uns / nach
jenem /auch sein Brieflein / mit solchen Worten / zu lesen:
                                   Mein Kind!
Ob mich wohl keine Notwendigkeit der Geschäffte /so wichtig und mächtig die
auch sind / abhalten oder verhindern sollte / so oft ich Gelegenheit überkomme /
meinen Fleiss und Dienst / in ihrem Befehl zu erweisen: hab ich doch / biss daher
/ und anjetzo / wieder meinen Willen / der Zeit ihren Lauf lassen / und sie /
ohne schrifftliche Besuchung / in meinem Hertzen / stillschweigend ehren müssen.
Dass aber mein Stillschweigen mich nicht etwa / der Vergessenheit halber / oder
sonst eines erkalteten Hertzens / bei ihr anklage: habe ich mit diesen / so
wahren / als wenigen Worten / verpflichtet befunden / ihr zu bezeugen /wie ich
sie / die meine einige Freude / ja mein Verlangen ist / auch abwesend / in
meinem Andencken behalte / und durch keine fremde Bewegung verliere / ja! dass
alles / was ich ersinne / einig ihre Gunst / mit ewiger Beständigkeit / verlange
/ und meine Treu /gleich-gebührender Massen verspreche. Wüste also nicht / was
mir beliebters widerfahren könnte / als wann auch ich / mit solchem Versprechen /
der Gewissheit mich zu trösten hätte: welche mir jedoch / wie ich bitt und hoffe
/ durch ihre liebwürdige Feder / mit nächsten / wird kündig werden / so bald sie
diese meine unwürdige Zeilen einiger Beantwortung würdigen wird. Indessen
verbleibe sie / mein Kind! wie sie mir / zu bleiben / versprochen / und
versichere sich /dass ehe meine Seele sterben wird / als sie / meines teils /
über falsches Versprechen klagen soll. Dafern uns auch das Glück gleich so zu
wider wäre / dass wir noch länger uns nicht sehen könten / oder die Gedancken des
Hertzens gegenwärtig erklären: lasse sie sich dennoch / mein Kind! nichts
betrüben / sondern befriedige sich / mit dem Trost / dass sie mein Hertz wisse
und kenne. Eben das will auch ich tun / es raten andere / was sie wollen. Und
weil zwar die entschiedene Örter / unsere Zusammenkunft / nicht aber unsre
Unterredungen verhindern können / als lasse sie / mein Kind! ihre Feder nicht
ruhen / mir zu eröffnen / was ihr Hertz sinne / und ob sie meiner gedencke.
Daran wie ich nicht zweiffle; als will ich anjetzo schliessen / und neben jenem
/ nicht mehr bitten / dann dass sie der Unzierde dieses Briefleins vergessen /
und der Kürtze vergeben wolle; welche /teils die wenige Zeit / teils die
Vielfältigkeit der Geschäffte / verursachet. Ich verpflichte mich / biss an mein
End
                                                                            Dero
                                                                treu-beständigen
                                                                     Polyphilum.
Was werden doch die beide Verliebte dencken / wann sie / durch so
wunder-würckende Schickung / zugleich erfreuet werden? So nämlich ist eine
gttreue Liebe beschaffen / dass kein Teil / dem andern / an Treu und
Aufrichtigkeit / weichen will. Wir wollen Polyphilum zu erst besehen / und
vernehmen / mit was Freude er den Gruss gelesen. Diese ist unerdencklich. Er
hertzte das gehertzte Brieflein mehrmals /dann Buchstaben darinnen zu lesen
waren. Er rühmete die Beständigkeit ihrer Treu / und verwunderte den Schatz
ihrer Weissheit / zusamt dem herrlichen Reichtum ihres gelehrten Mundes / der /
je mehr er die Gaben der zierlichen Reden / und verstandigen Schlüsse heraus gab
/ je weniger er irgend einen Mangel spürte. Das Ende der ersten Uberlesung /
forderte den Anfang der Wiederholung / und weil er / in seiner bekümmerten
Hoffnung / keinen bessern Trost erfinden mochte / erhub er sich von Sophexenien
/ in ein kleines begrüntes Lust-Wäldlein / nahm den Brief mit sich / setzte sich
unter eine Eichen / da er sonst den Göttlichen und Natur-Wundern nachzuforschen
pflegte / und wiederholte diss ausgezierte und gelehrte Brieflein so oft / dass
ers / nach dem / in seinem Gedächtnus / ohne der Augen Gebrauch durchgehen
konnte. Endlich fieng er von sich selber an / solcher Gestalt dasselbe anzureden:
    Du bist ja freilich wohl ein liebes und schönes Brieflein! lieb / wegen der
Lieben; schön / wegen der gezierten und verständigen Wort. Dein Anfang zeigt
alsbald Liebe / indem er rühmet / das Gedächtnus der Zusage / so meine
allerliebste Macarie / bei ihrem Abschiede / mir hinterlassen. Solt ich daher
nicht die Gewissheit ihrer Liebe schliessen? Falsche Liebe pflegt viel zu
versprechen / und wenig zu halten: aber die Liebe / meiner Geliebten und
wieder-liebenden Macarien / erweiset ihre Wort im Werck. Ach Macarie! du
vollkommener Schatz aller Tugenden / wie kann sich deine Würde / durch tätige
Krafft / so mächtig erweisen? Liebe ist die Königin aller Tugenden / dann wo
diese erleschet / da finden wir eitel widerstrebende Laster / und verhässige
Widerwertigkeiten: so must du / Tugend-Königin! deine Treue / am ersten / durch
diese bewähren. Ja! so must du / Tugend-herrschende Macarie! deine Gewalt / in
der Herrlichkeit der Liebe / erweisen / die alle andere Tugenden nach sich
ziehet. Ach! unschätzbare Macarie! wer wird sich dir gleichen / in einem solchen
Wandel / darinnen kein Sterblicher / ohne Anstoss / durchgehen kann? Du zehlest
mich zwar unter die Heidnische Götter / vielleicht weil ich sonsten deiner Liebe
unwert würde geachtet sein: aber du verwirffst mich wieder unter die Sterbliche
/ in dem du zweiffelst / ob ich dein Besprechen günstig aufnehmen werde. Was sag
ich? Nein / ich irr. So ferne ists / dass Macarie zweiffeln sollte / als gewiss sie
meiner Liebe versichert ist. Aber die Bitte / dass ich mir ihren Gruss soll
erträglich sein lassen / zeigt / dennoch die Furcht / dass er nicht angenehm
sein werde. Angenehm? ach! verlangte Macarie! dafern das jenige / was wir mit
sehnlichem Erwarten verlangen / nicht unangenehm heisset / da wirs mit Freuden
erlanget / wird / in Warheit! auch das geringste / so von der ewig-verlangten
Macarien / meinem sehnlichen Erwarten wird übersendet werden /gleich so angenehm
sein / als mir das Gedächtnus Macarien ergötzlich ist. Was soll ich ferner
sagen? Die gewöhnliche Höflichkeit Macarien / so meiner gebührenden
Freundlichkeit zu viel missbrauchet /heisset sie so reden. Dahin ich eben auch /
das unverdiente Lob / meines geringen Poetischen Buchs / deuten muss / in welchem
aufrichtige Einfalt / die beste Kunst gewesen / und Bäurische Grobheit / die
vornehmste Auszierung / die nicht würdig / dass sie von den Kunst-nehrenden
Sinnen / der allerverständigsten Macarien betrachtet / viel weniger / zu einer
erfreulichen Ergötzung / erwählet worden Aber das zwinget mich / ihre
Höflichkeit / zu glauben / und ihre Beredsamkeit anzunehmen. Jedoch muss ich der
Billigkeit /in diesem Fall / auch nicht zuwider handeln / dass ich mehr / dann
mir gebühret / nehmen sollte. Diss ist der Danck / den mir meine Macarie gibt /
beneben der Bitte / dass ich mein Buch / wegen des langen Aussenbleibens / nicht
zu hart bestraffen solle. Ach Macarie! jenes verdiene ich nicht: dieses gebühret
mir nicht. Kan man auch dancken / wo keine Guttat genossen? Was hab ich dann /
allerliebste Macarie! euch gegeben / dass ihr Danckschuldig erkennet? Wird nicht
mir vielmehr / die empfangene Ehr diese Gebühr auflegen / dass sie meine
übelgesetzte Reimen / ohne Verdruss lesen mögen / und wider Verdienst / mit ihrem
herrlichen Lob / krönen: Ja Macarie! soll ich Danck geben / sie annehmen: ich
muss bitten / und mich freuen / dass sie mein allzukühnes Buch / ohne grosse
Bestraffung / wieder zuruck geschickt / und nicht viel eher / als einen
unangenehmen Gast / mit zornigem Gesicht / verjaget. Wie hast du dich doch /
schlechtes Buch! unterstehen dörffen / bei den schonen Händen Macarien so lange
zu wohnen: Du hast mir gefolget /der ich auch den Abschied nicht finden können /
so oft ich zu ihr kommen. Sag mir aber / so du mir getreu gewesen / hast du
meinen Befehl sorgfältig beobachtet? So gibt dir Macarie selber das Zeugnus
/dem ich glauben muss / und um desto lieber glaube /weil ichs gern glaube. Ich
will nicht hoffen / dass du anderst wirst / mit Macarien / geredt haben / als aus
Liebe / sonst wolt ich dir deine Untreu bezahlen /auch wirst du / was ihr nicht
gefallen / verhelet haben / und sie gebeten / dass sies nicht glaube / oder mehr
daran gedencke; weil du nicht allemal gleich meinem Hertzen redest / das seinen
freien Lauf / ohne deine Schrancken / behalten / und dir / wegen deiner
verschwatzten Zungen / öffters etwas vertrauet / das es anderst bei sich
beschlossen / auf dass die Liebe Macarien / durch dich zwar bezeuget / aber nicht
/ohne Zweifel / beschrien werde: Wessen wann du mich versichern wirst / werde
ich allen andern Ungehorsam / darzu dich die Saümseligkeit / der sonst fertigen
Macarien / dissmal verleitet / als angenehm und begehrt erkennen / der wieder
dich / noch die unsträffliche Macarien / einiges Verbrechens beschulden /oder
einer Straf / sie sei auch / so gelinde sie wolle /wert erkennen wird. Aber /
schönste Macarie! warum bittet sie um eine gelinde Strafe? Womit hat sie wider
mich gesündiget? vielleicht / dass sie meiner vergessen / und mich nicht mehr /
wie vorhin / liebt? So sehe sie meine Gütigkeit / die / auf ihren Befehl /diese
Bitte / an statt der Straf setzet / dass sie meiner gedencken / und mich getreuer
lieben wolle. Oder ist sie straffwürdig / dass sie mein einfältiges Buch / mit
ihren gezierten Versen / nicht verehret / will ich ihr auch diss vergeben / weil
sie meine Einfalt / mit ihren Kunst-Gedichten / nicht beschimpffen mögen. Dann
ich doch nicht glauben kann / dass ihr gelehrte Feder anderst schreiben sollte /
als was Ruhm und Gunst verdienet. Was aber glaubt sie / unglaubige Macarie: Es
könne meine Gewogenheit / wegen der Ungleichheit unsrer Jahre / nicht dauern?
Wie versteht sie das /verständige Macarie: will sie dann schon sterben /oder ist
sie der Gruben so nahe? Ich meine je / die Zeit ihrer Jahre wird meine nicht um
3. Schritt überschreiten: sollte sie dann / liebstes Kind! die 3. Schritt vor mir
sterben / wollte ich desto geschwinder eilen /dass ich dieselbe / gleich in ihrem
Fall / vollbrächte /und alsdenn / mit ihr / in eine Gruben fiele: so müste
dennoch die Ungleichheit unsrer Jahre / auch wider ihren Willen / uns beisammen
lassen. Oder ist ein ander Ubel daher zu beförchten? So scheint sie zwar zu
schliessen / von der Venus / als wann meine Liebe sich deren nicht gleichen
werde: aber was gibt sie vor Ursach? In Warheit! ihre Entschuldigung ist nicht
aller Orten gültig / in dem ich mehrmaln das Widerspiel erweisen will. Mein Sinn
ist je beschaffen / dass ich lieber eine höhere am Alter / dann eine niedere am
Stand lieben will. Dann Liebe / ohne Ehre / ist keine Liebe. Die Bauern-Dirne
bleibet wohl vor mir: aber ein Damen-Bild / das schön / freundlich / holdselig
und Tugendhaft ist / liebe ich / sie sei alt oder jung. Ist nun die Liebe
einmal auf Tugend gegründet / bestehet sie / so lang der Grund stehet: diesen
aber zu erhalten / ruhet allein in ihrer Gewalt. Es liebe die Venus ihren
Schäfer / der jung ist: Ich lasse mir gefallen die mannbare Tugend / und den
bejahrten Verstand. Was bewegte die Göttin zu solcher Liebe? nicht der Schäfer /
nicht die Jugend: besondern die Schönheit. Meine Macarie ist schöner / als
tausend Adonen. Adonis Schönheit verwelckte: meiner allerschönsten Macarien
Zierde blühet mit der Tugend / die nicht vergehen kann. Was schadet uns nun die
Ungleichheit des Standes / oder der Jahre. Ist die Liebe starck / so auf jener
bestehet / so hat mich Macarie / mit Unrecht / in die Zahl der Götter gesetzet /
weil ich nicht begehre / dass durch meine Gleichheit / die Liebe Macarien
unkräfftig werde. Ich geruhe in ihrem Schluss /und bleibe / bei den Sterblichen /
der Adonis / wann ich ja nicht mehr Polyphilus heissen darff / damit ich nicht
geringere Jahr führe: bleibe auch sie / allerwürdigste Macarie! unter den
Göttinnen / die Venus / und liebe ihren Adonem / so will ich gern bekennen / dass
sie mehr durch ihre Verdienste / als mein geringes /doch gerechtes Urteil /
unter die Zahl der Unsterblichen gesetzet sei. Welche wird aber alsdann
geschickter sein / das Kleinod zu gewinnen? Ihr wird alles gebühren / dafern sie
nur meine Freiheit / als unwürdig / rauben mag. Ich bin selber ganz ihre /darum
sie freilich meine Liebste nicht beleidigen wird / es sei dann / dass sie mich
von ihr stosse / und mir den Namen nicht gönnen wolle / dass ich / in dieser
Sterblichkeit / von einer Göttin geliebt würde. Doch tröstet mich die Hoffnung
/ dass sie auch in ihrer vorigen Freundschaft verharren wird / wie sie mich
darinnen verharren heisset. Welches alles mir sichern Glauben erwecket / sie
werde die Gedichte / als die angenehmste Gäste / mir mit nächstem zuschicken
/und die Gedancken / so ihr / in ihrer Einsamkeit / Gesellschaft leisten /
erklären: welche ich / in meiner bekümmerten Hoffnung zum Trost / und der
Betrübnus zur Ergötzung / wählen werde: auch sie hinwiederum / nicht zwar / wie
ich billig sollte / mit annehmlichen Gedichten erfreuen: sondern / wie ich
müglich kann / mit einfältigen Reimen bemühen / daraus sie erkenne / dass ich der
beständigste Freund / meiner beständigen Macarien / leben und sterben werde.
    Das waren die Gedancken Polyphili / damit er ihm selber den Brief erklärt.
Die Ergötzlichkeit des Lustbringenden Lust-Wädleins / halff nicht wenig zu der
Vermehrung seiner Freude / die endlich in eine Begierde ausschlug / Macarien zu
sehen / dass er gedachte: ach! möcht ich doch / allerliebstes Kind! dich nur
schen / wolt ich mich gerne zu frieden geben: Ich begehrte nichts mehr / als /
durch deine Gegenwart / die Herrlichkeit deines Glantzes zu verwundern / wie ich
den Pracht deiner Tugend und Weissheit / in diesem Beief / ausgedrücket sehe.
Diese Begierde verursachte ihn / dass er / in dem er den Wald durchgieng / und
wieder nach Haus gedachte / folgendes Sonnet verfertigte:
Ich glaub es endlich wohl / dass unter allen Sinnen /
so viel auch deren sein; wann sie sind all verliebt /
doch keiner nicht so sehr und schmertzlich sei betrübt /
als eben das Gesicht: das niemals je gewinnen /
und wieder niemand nicht hat je vergnügen können /
wann er nicht / wie er wolt / konnt dessen mächtig sein /
wornach ihn so verlangt / und durch den Gegen-schein
gewechselt Aug um Aug: wie von der Himmels-Zinnen
die Sonne steigt herab: und wie die Wasser rinnen
gleich gegen ihrem Strahl: auch so der Augen Liecht
durchleuchtet / bleibet hell / und wird verdunckelt nicht /
wann gleich die Finsternüs im Mitten stecket drinnen:
mir ist jetzt eben so / wann ich dich sehen könnt /
wär ich zu frieden schon / ob mir sonst nichts vergönnt.
Eben ging er mit dem Ende des Sonnets zum Wald aus / da er Sophoxenien ersah /
und weil die Begierde / seine Geliebte zu sehen / immer heftiger wurde /eilete
er / mit geschwindern Tritt / nach Hause / gleich als wollte er sein Begehren
vollbringen: unter währendem Gang aber / redete er seine Begierde / mit solchen
Worten an:
Es solt ja Wunder sein / dass eben das Gesichte
die andern Sinne ganz mit ihrem Werck vernichte /
ist das Gesicht vergnügt / hat alles keine Not /
wanns jenem aber fehlt / ist alle Freude todt.
Drum wünsch ich anders nichts / als / Liebste! dich zusehen /
so oft es nur kann sein: Ach! könnt es doch geschehen /
dass keine Stunde nicht für über lauffen wolt /
die mir nicht meine Luft zu sehen gönnen solt!
Ich weiss nicht / wie es kommt? Ich habe volle Gnüge /
wann ich mich gegen ihr nur bloss in Demut biege /
so bald ich sie erseh / hat alles alles gnug /
mein Schmecken / hören / Sehn / mein Fühlen und Geruch.
 
                                Zwölffter Absatz
 Beschreibet die selbste Besuchung der Macarien /von Polyphilo geschehen / und
was sich darinnen begeben / auch wie sie / nach dem / einander zuschreiben: Ist
 ein Beweis / der unvergnüglichen Begierde / menschlichen Verlangens / welches
                        von Tugend-Liebe entzündet ist.
Diese Gedancken führeten ihn biss zum Tor / da er Servetum / seinen Diener / ihm
entgegen lauffen sah / zu verkündigen / dass Agapistus und die andere junge von
Adel / Urlaub überkommen / gen Soletten zu reiten / weil die Sonne einen so
schönen Tag zeigete / deswegen sie ihn zum Führer begehrten / wann er verlange
mitzureiten. Aber das hätte man nicht fragen dörffen; lass mir mein Pferd
satteln; das war die erste Antwort / und nahm er ihm kaum die Weile / dass er
sich ritterlich anlegte. Sie setzten sich zu Pferde / und kamen / in
unglaublicher Geschwindigkeit / wohin sie wollten / und weil sichs nicht
schickete / dass sie / in so grosser Meng / Talypsidamo zusprachen / auch die
Gesellschaft nicht gern teilten / kehreten sie bei einem fremden Wirt ein /
welcher gerad / gegen der Behausung Macarien über / wohnete / in solcher Nähe /
dass Polyphilus Macarien / durchs Fenster /sehen und erkennen konnte.
    Die Begierde / so Polyphilum mehr auf Soletten trug / als sein Pferd /
lässet nicht zu / dass wir sagen /was er / bei dieser unvermuteten Gelegenheit /
Macarien zu sehen / muss gedacht haben: sein Hertz war voller Freuden / die aber
/ nach dem / bald verbittert wurden. Dann ob gleich Polyphilus vorher dachte /
er hätte genug / wann er nur seine Augen / in ihrer Gegenwart / weiden könnte /
erfuhr er doch / dass die übrige Sinne nicht weniger begierig waren / zumaln / da
sie unvergnügt bleiben sollten / und den Augen allein ihre Befriedigung
überlassen. Er empfand die verliebte Torheit / in seinem Hertzen / dergestalt /
dass er gewünschet hätte / Macarien lieber gar nicht / als unbesprochen / zu
sehen. Aber es halff alles nichts / er musste / vor dissmal / leiden. Ach
betrübtes / ach schweres Leiden! kaum war Polyphilus mit seiner Gesellschaft
abgestiegen / da er sich mit Agapisto in das Fenster legte / welches gegen das
Haus der schönen Macarien / gerichtet war: aber Macarie liess sich nicht sehen.
Und weil Agapistus erinnerte / vielleicht scheue Macarie seine Gesellschaft /
deswegen er vor das ander Fenster trat / siehe! da ersiehet er Macarien / an der
andern Seiten / herauf wandeln / deswegen er Polyphilum behend zu sich rufft.
Was fehlet /dass Polyphilus / durch den ersten Anblick seiner Macarien nicht vor
Freuden entzucket wird? Warlich nicht viel. Die Verwunderung ihrer Trefflichkeit
erfüllete seine Sinnen / mit solcher Verwirrung / dass er nicht gnug sehen /
nicht gnug hören / nicht gnug dencken konnte. Die Zucht und Höflichkeit scheinete
selber auf der Gassen zu gehen: so bescheiden war der Gang / in ihren Schuhen /
so höflich die Bewegung des ganzen Leibs / so züchtig die untergeschlagene
Augen / dass sie sich auch nicht erkühneten / dahin zu schauen / wo sie doch ihre
Lust und Herberg wussten. Dennoch beobachtete Polyphilus samt Agapisto / ihre
gebührende Schuld / und verehreten den Fürgang /mit entblösstem Haupt / ob die
schöne Macarie solches gleich nicht gewahr nahm: Vielleicht / weil sie wussten /
dass / wann das Auge die Würde derselben ersehe / müsse der ganze Leib schon
bereit stehen /seine Bedienung abzulegen.
    So bald Macarie in ihr Zimmer kam / eröffnete sie ein Fenster desselben /
durch welches sie Polyphilum / Polyphilus sie hinwieder grüssete. Die verliebte
Blicke / so sie hin und wieder schickten / sollte eins gezehlet haben / hätte er
eben gnug zu tun gehabt: mehr aber der / welcher die Seufftzer Polyphili
aufzeichnen sollen. Er lag an dem Fenster / und verruckte seine Augen nicht /
von der Bestrahlung Macarien /liess sich auch nichts hindern / wiewohl ihm die
Gesellschaft allerhand Kurtzweil anbot: biss Agapistus /der das Gefängnus seiner
Sinnen sah / einen / ausser den andern / heimlich erinnerte / dass er Polyphilo
ein Glas / in Gesundheit seiner Liebsten / zubringen sollte. Und wie Agapistus
sehr schertzhaft war / liess er ein hohes und schönes Glas bringen / und brachte
alsobald / auf das erste / die Gesundheit Macarien /Polyphilo zu / doch den
andern unvermerckt. Auf andere Art war Polyphilus nicht zu gewinnen / und glaube
ich / er wäre / ohne einigen Trunck / wieder weg geritten / wann er nicht die
Gesundheit seiner Macarien / allem ihrem Zwang und Bedienung vorgezogen:
Deswegen er die beiden Gläser annahm / und nachgesetzte Wort / nicht ohne
wohlgefälligem Schertz /denen Anwesenden zu vernehmen gab:
Man zwingt mich / da ichs doch so hertzlich gerne tu /
zu Ehren meinem Sch atz ein Glässgen auszutrincken:
Ach! könnt ich / wie ich wolt / dir unvermercket wincken /
ich brächt es / glaube mir / dir selber jetzo zu:
Du tätest mir Bescheid: ich trincks in einem nu /
biss auf den Grund heraus / und liess es wieder füllen /
und geb es / Schätzgen! dir. Da könnt / da wolt ich stillen /
was mich bisher beschwert; du gebest mir die Ruh
hinwieder / dass ich könnt an deinen Wangen büssen
die lang-verlangte Lust / und ohne End geniessen /
wess ich jetzt leer muss gehn: die Hände trückten mich /
und der Corallne Mund mit lächlenden Geberden
könnt mir / nach meinen Wunsch / zum süssen Nectar werden /
den ich mit Freuden kost / nun aber änderts sich /
weil du nicht bei mir bist; ich trincke nun alleine
Gesundheit deiner / doch gedenck ich an die meine.
Alle fiengen sie an darüber zu lachen. Ein anderer aber nahm daher Gelegenheit /
Gesundheit der Seinen zu trincken / deme so viel folgten / dass sie sämtliche
wohl berauschet wurden / ohne Polyphilum / der seine Zeit mehr / in dem
Gedächtnus der Macarien / als mit Trincken zubrachte: biss die ankommende
Abend-röte / sie wieder scheiden hiess. Sie sassen alle zu Pferd / da Polyphilus
noch am Fenster lag / welcher /damit er von Macarien desto unvermerckter und
bequemer Abschied nehmen kunte / hiess er sein Pferd für die Tür führen / allda
aufzusitzen: Dessgleichen tat auch Agapistus. Die andern waren / im Hinter-Hof /
zu Pferd gestiegen.
    Polyphilus machte seine Sach gar zu verdeckt / dass auch Macarie den letzten
Blick nicht merckte: wiewol sein Ross / der Schönsten und Liebsten zu Ehren /
sich mit dreien Lufft-Sprüngen / gegen ihr Fenster erhebte / / damit den letzten
Gruss Polyphili zu bewähren: Das ich aber nicht weiss / hats Macarie gemerckt oder
nicht. So lang Polyphilus wusste / dass ihn Macarie sehen könne / so lang erhebte
er sich / vor andern /mit seinem Pferd / so begierig / dass ihn offtermals
Agapistus warnete / und seiner zu schonen bat: aber die Liebe gegen Macarien war
mächtiger; ja sie verdienre das / in dem sie Polyphilum mit ihren Augen
begleitete / so weit sie konnte.
    Warum ist aber Polyphilus nicht zu Macarien kommen / die ihn doch so gern
gesprochen / weil sie etwas sonderliches und hochwichtiges / mit ihm zu reden
gehabt? Das werden wir / aus dem jetztfolgenden Brief / von Polyphilo selber
vernehmen / den er / alsbald er auf Sophoxenien kommen / an Macarien abgehen
lassen / auch die betrübte Heimreise / die er vollbracht / selber darinnen
beschrieben / deswegen wir selbige / mit mehrern / nicht berühren mögen. So
lautet aber der Brief Polyphili an Macarien:
                             Treu-geliebtes Hertz!
Das Verbrechen / so mich bei ihrem Argwohn anklagen wird / zwinget mich / mit
gegenwärtigen Zeilen /meine Schuld zu entschuldigen / und meinen Fehl zu
beschönen. Zwar muss ich gestehen / dass ich nicht ein geringes begangen / in dem
ich mich / durch gute Gesellschaft / an den Ort führen lassen / allwo sich
meine Augen / durch den Anblick deren / welche sie so sehr verlangen / wohl
gesättiget: aber dem Hertzen / durch den verhinderten Zutritt / noch tieffere
Wunden eingeschlagen / bevorab / da ich / vielleicht nicht in unnötiger Furcht
lebe / es möchte / mein Kind! mich in solchen Verdacht fassen / als hätte ich
den Zuspruch aufgehalten / entweder ein widriges Hertz / oder ja zum wenigsten /
dessen entfesselte Freiheit zu erweisen / in dem es gestatten können /dass auch
das allersehnlichste Verlangen / in solcher Nähe / da Mund und Augen reden
können / nicht erfüllet worden. Wird sie aber / allerliebstes Hertz! den Anhang
meiner damaligen Gesellschafter / dann die gefürchtete unmüssige Reden und
Gedancken / so meine nähere Besuchung hätte verursachen können /behertzigen /
wird sie gleichfalls auch sehen / dass /wie beides sehr gefährlich / also auch
gültig gewesen / mich von meiner Begierde abzuhalten; und hoffe ich sonderlich /
es werden nunmehr die schwätzige Zungen einen Zaum bekommen haben. Aber /
allerschönstes Hertz! wie meint  sie / sei mir zu Mut gewesen / dass ich ohne
ihr Besprechen / betrübt müssen zuruck ziehen? Wann ich tausend Schmertzen
benennen würde / die meine Freud / ohne Aufhören / bestritten / wäre es doch
nicht genug / die ängstige Betrübnus auszusprechen. So gar war alle Freud todt
/dass / wann ich nicht letzlich / durch ihren erfreulichen Anblick / in etwas
wäre von fernen gestärcket worden / und meine Gedancken nicht / an statt der
Unterredung / gewesen / ich leicht glaube / dass mich ehe Furcht und Not / als
mein Pferd / heimgetragen. Unterdessen wird sie aber / liebstes Kind! meine
Seufftzer gemercket / und mein Augenspiel verstanden haben / das nehme sie auf /
an statt der Rede und des Grusses / und glaube für gewiss / dass ich ihre zarte
Hände / und den beliebten Mund / in meinen Gedancken / auch abwesend / mehr denn
tausend mal gedrücket und geküsset: wie ich dann stündlich tue /und mich / mit
dieser Zufriedenheit / so lang tröste /biss ich des völligen Glücks wiederum zu
geniessen /künftig / von dem gütigen Himmel / beseeliget werde. Biss dahin / und
noch ferner / bleibe sie / mein Kind! getreu und beständig / wie sie mich
hinwieder finden soll. Nun solt ich / meiner Schuldigkeit nach /ihr höfliches
(darff auch sagen) gelährtes und künstlich verfassetes / angenehmes Brieflein
beantworten: alle n / wann sie von mir gleich-gezierte Reden begehret / will ich
alsobald meine Unwissenheit / bei der Unmüglichkeit / bekennen / und die Netze
ihrer Versuchung / mit einem treu-beständigen Hertzen /zerreissen / weil die
Wort allhier nichts richten. Gleichwol aber / damit ich ihrem Befehl Folge
leiste /welcher verlanget / meiner übel-gesetzten Gedichte mehr zu sehen / will
ich mit nächsten / mein / unter Handen habendes Wercklein / benahmet / die
entdeckte Liebes-Kunst; oder zum wenigsten / einen Teil davon / gehorsamlich
überschicken / bloss zu dem Ende / dass es / durch ihren Anblick / eine Zierde
überkommen / oder wohl gar von ihrem Lob beschönet werde: Dieses wird auch die
Antwort / auf ihre verständige Brieffe / mit sich führen / weil solche nicht
sicherer / als ausser der verschlossenen Liebes-Kunst / beantworten werden. Aber
/ ausserwähltes Hertz! warum hat sie mein schlechtes Buch / mit ihrer beschönten
Hand und klugen Gedichten zu verehren /nicht würdigen mögen? Weiss sie dann nicht
/ dass diese / so fern ich meiner Bitte gewähret worden / in aller meiner Not /
würden gewaltige Tröster gewesen sein? Doch / was sag ich? Meine Hand ist
unwürdig /neben der ihren zu stehen / und sie durch ihre sinnreiche Schrifften
und Gedichte / meine nicht beschämen wollen. Ist etwas: aber dencket sie nicht /
liebstes Hertz! dass durch ihre Beehrung / die Einfalt meines geringen Buchs /
dermassen würde erhöhet worden sein / dass es den höchsten Grad der Ehren zu
besteigen / würdig erkannt wäre / dass es jetzo in tieffster Verachtung danieder
liegen muss. Zwar hat es anfangs / durch ihren erteilten Ruhm / sich höher
schätzen wollen: nach dem ich ihm aber bedeutet /wie in diesem Fall / ihre
Höflichkeit / mehr der vertrauten Freundschaft / als der Warheit beigelegt /
hat es bald erkennet / dass es solchen Ruhm nicht zu verdienen wisse. Meine
Wenigkeit aber betreffend / leide ich anjetzo Noht / in dem es mich / ohne Ablass
/ um die Vermehrung / anspricht / ist vielleicht gesonnen /alsdenn w eder
ruckwerts zu gehen / und seine / dissmals versäumte Beute / fleissiger
einzuholen: wiewol ichs / ohne Bestraffung der übermässigen Künheit /nicht werde
abztehen lassen. Weil sich aber meine Unwürdigkeit / in diesem Fall / so viel
erkühnet / die sie doch / wie ich bitte und hoffe / vor einen Antrieb
getreu-beständiger Liebe / aufnehmen wird: warum wägert sie sich dann so lang /
mich mit der angenehmen Post / ihrer Lob- und Lieb-würdigen Gedichte /dem
Versprechen nach / zu erfreuen? In Warheit! werden mich die angenehme Gäste
nicht bald zu Sophoxenien begrüssen / werde ich mich vor den Unglückseligsten /
in der Liebe / bekennen müssen. Die Hoffnung lass ich mich trösten / dass sie
nicht trügen werde / und verbleibe
                                                             der ewig-beständige
                                                                     Polyphilus.
 
                              Dreizehender Absatz
 Beschreibet / wie ein anderer / Nahmens Evsephilistus / um Macarien Gunst sich
    bemühet /und dieselbe / Polyphilo zu entziehen / gesuchet /auch mit was
Bedienungen: Lehret den sechsten Anstoss der Tugend-Verliebten / die Verfolgung.
Das war Polyphili Brief und Verrichtung. Was tut aber indessen Macarie: Diese /
nach dem sie den ersten Brief Polyphili erhalten / verwunderte sie dessen
Beständigkeit und getreue Liebe / ja! sie verehrete dieselbe / mit etzlichen
Gedichten / und preisete die Vollkommenheit Polyphili / mit so gezierten Worten
/dass sie selber eine heimliche Freude und Ergötzung darob empfieng. Aber ach!
der nichtigen Freud! die /ehe sie geboren / wieder verderben muss / und mitten
in ihrem Wachstum / verdorren. Kaum hatte Polyphilus das Hertz der schönen
Macarien gewonnen /und ihre Einsamkeit besieget / als ein anderer die Beute
davon tragen wollte. Kaum hatte auch Macarie ihre Betrübnus / mit der Liebe
Polyphili / befreit /da sie von einem Fremden / durch unbegehrte Fessel
/hinwieder solt gebunden werden. Was wird nun Polyphilus sagen? Er wird bekennen
müssen / dass er solches an Macarien verschuldet / mit der Liebe / da er
Apatilevcherin mit geliebt. Wie wird sich Macarie trösten? Sie wird ihr
Verbrechen anklagen / welches sie freiwillig / aus der befreiten Ruhe / in die
unruhige Dienstbarkeit versetzet. Beide fühlen sie den ersten Anstoss / der
Widerwertigkeit / welchen Macarie ihrer Liebe selber verkündet. Dann es war
ein Einwohner der Insul Soletten / welcher sich düncken liess / etwas vor andern
zu sein. Dieser kam in Erfahrung / dass Polyphilus (von dem er so viel gehöret)
die Einsamkeit ihrer Göttin zerstöret / und sie mit einer solchen Liebe
gegeneinander brenneten / die das Band der Ehe schliessen werde. Nun war er
schon / vor dem / in der Schönheit / der wunder-schönen Macarien / so ersoffen /
dass er / wiewol heimlich / doch öffters über seine Liebe klagen dorffte: Wie er
aber eine fromme Einfalt war / und ein feiges Hertz hatte /dass sich nicht
erkühnen dorffte / den Vorsatz Macarien / der auf die Einsamkeit zielte / zu
bestreiten /quälete er sich immerfort / mit heimlicher Brunst /und lag gefangen
in der Furcht / er möchte an statt der Liebe Hass / und vor Gunst Ungunst
verdienen. Endlich aber / weil sich das Feuer nicht länger bergen liess / suchet
er / unter dem Schein zugelassener Freundschaft / Gelegenheit / sie
heimzusuchen / und um fernere Bekantschaft zu werben: die ihm dann /teils die
Gebühr der Höflichkeit / so Macarie gegen männiglich zu gebrauchen wusste /
teils das besondere Verbündnus / so sie ihm / ihn hinwieder ihr / durch eine
ungemeine Freund- und Verwandschaft / etwas mehr / als andere Freunde /
verpflichtet / unschwer erwerben konnte.
    Noch zur Zeit gedachte Macarie an keine Liebe /die Evsephilistus / (so hiess
der neue Werber) gegen sie tragen werde. Dann ihm die leidtragende Furcht
/solche zu eröffnen auch dissmal noch nicht gestattet. Aber was geschicht? Wie
das Unglück allemahl mehr Beförderung hat / als das Glück: so wurde Macarie von
ihren Befreunden gebeten / mit ihnen eine Spatzier-Fuhr zu tun / weil gar ein
lieblicher Tag war: ohne Zweifel aus Anstifften Evsephilisti. Dann dieser war
ein Begleiter ihrer Fahrt. Da sie nun an begehrten Ort ausstiegen / und sich
eine Zeitlang frölich erweisen / nahm Evsephilistus Gelegenheit / so gut er
konnte / seine Liebe der Macarien zu öffnen / und mit entdeckten Worten / ihre
Ehe zu begehren. Aber wo nimmt er das Hertz der Künheit? Der Wein gabs ihm /
welcher die menschliche Sinnen gemeiniglich höher zu heben / und kühner zu
machen pfleget / als die Natur leidet. Was Macarie geantwortet / können wir
nicht besser vernehmen / als wann wir sein Anbringen / mit seinen geführten
Reden / hören / da wir sehen werden / wie artig der Verstand mit dem Unverstand
/ und die Höflichkeit / mit ihrem Gegenteil spielen können. So fragt aber / in
der ersten Werbung / / Evsephilistus: Macarie! hat sie mich lieb: Die
antwortete: freilich hab ich euch lieb. Und Evsephilistus wieder: ich meine / ob
sie mich recht lieb habe? Freilich hab ich euch recht lieb: antwortete Macarie.
Aber Evsephilistus war noch nicht vergnüget / sondern fuhr ferner fort: ich
meins nicht so / sondern möchte wissen / ob sie mich von Hertzen lieb hätte? So
meine ichs auch / sagte Macarie / ich hab euch von Hertzen lieb. Das
Evsephilistus wiederholte: Ich meine / ob sie mich allein / und sonderlich lieb
habe /dass ich sie wieder lieb haben müsse? O Unverstand! O Einfalt! was sollte
Macarie tun / sie musste ihn /mit einer vergeblichen Hoffnung / betrügen / und
seine Einfalt / mit Gedult / ertragen. Gleichwol dass sie ihn in keine unnötige
Versuchungen führe / widerlegte sie die letzte Frag / mit solcher Antwort: Ich
liebe euch so fern / als es eurer Liebsten nit schädlich ist. Auf welche Wort
ganze Brocken seiner innerlichen Entschliessung heraus fielen / die da
behaupteten / dass er keine andere Liebsten erwählet habe /oder noch wählen werde
/ als Macarien / die müsse /und solle seine sein / und sonst keine. Deme allen
konnte aber Macarie / mit grossem Verstand / begegnen / so gar / dass sie nichts
zu beförchten hätte /wegen dieses Ungestümms / welchen sie leicht ablehnen
konnte.
    Allein es ging der gar zu sichern Macarien / wie es in Fällen / da man sich
zu viel auf eigene Kräffte verlässt / zu gehen pflegt. Dann nach dem sie
Evsephilistum befriediget / kamen solcher Werbungen /von seinen Befreunden /
noch mehr / dass sie sah /wie diese Fuhr eben deswegen angestellet / mit Ernst
an sie zu setzen / darüber dann die verliebte Macarie /in solche Bestürtzung
geriet / dass sie sich kaum trösten konnte / bevor / wann sie an ihren Polyphilum
gedachte. Dann das sah Macarie schon vor Augen / dass sie / dafern sie nicht
freiwillig lieben wolle / zu der Liebe Evsephilisti werde gezwungen werden:
einmal durch den Befehl deren / die sie zu befehlen hatten: hernach deren
beförchtenden Hass / so gewiss erfolgen werde / auf der andern Seiten / dafern sie
sich halssstarrig widersetzte: doch tröstete sie ihre Tugend und Verstand /
welche mit der List Polyphili vereiniget /diesen Begierden schon widerstehen
würden / deswegen sie alles mit Höflichkeit und dem Gelübd der Einsamkeit
abwandte.
 
                              Vierzehender Absatz
    Beschreibet fast einen verliebten Streit / in der Dicht-Kunst / zwischen
Polyphilo und der gelehrten Macarien / auch wie sie ihm die Werbung Evsephilisti
 heimlich zu vernehmen gibt / und wie er dieselbe beantwortet: Lehret / dass je
      herrlicher die Tugend in uns blühet / je mächtiger erzeige sich die
      Widerwertigkeit / die / mit einer gefassten Gedult / zu überwinden.
Klüglich handelte Macarie in allem: noch klüglicher aber in dem / dass sie solche
Bewerbungen / Polyphilo nicht alsobald hinterbrachte / dessen erhitzter Grimm
sich nicht begütigen lassen / er hätte dann den Unverstand mit seiner Schärffe
erleget. Doch / weil sie auch nicht alles verhälen könnte / anhängte sie dieselbe
/aber in grosser Ungewissheit / der Antwort seiner beiden Brieflein / die sie /
so bald sie heimkehrete / mit solchen Worten / ihm zuschickte:
                                Edler Polyphile!
Dass derselbe nicht allein jüngsten / bei so vielfältigen Geschäfften / sondern
auch diesesmal / an meine Wenigkeit gedencken / und mich mit einem Brieflein
ehren wollen / hab ich vielmehr seiner Höflichkeit /als meinem Verdienst /
beizumessen / und erkenne mich deswegen hoch verpflichtet. Viel höher aber darum
/ dass er in seiner Liebe / gegen mich / so unverruckt verharret / und keine
fremde Bewegung / in seinen Gedancken / herrschen lässet / wünschende /dass es
dem Himmel gefallen wolle / mir zu erlauben /solche Beständigkeit / mit
schuldiger Gegen-Gewogenheit / danckbarlich zu erwiedern. Dass er aber diese
Liebe wieder aller anderer Einraten fort zu setzen gedencket / wie sein erstes
Brieflein bezeuget /düncket mich eine sehr bedenckliche Sache zu sein /in
welcher billig vorsichtig zu verfahren / dann er weiss / mein Herr! dass ein
Mensch / wie klug er auch ist / dennoch allezeit lernet / und dass die Verliebten
/gemeiniglich eine verwirrte Vernunft übrig behalten. Denn Klugheit und Liebe
vertragen sich selten. So ist die Härtigkeit nicht allezeit eine Freundin der
Weissheit / und pflegen sich die jenige / welche sich einem verständigen
Ratschlag halssstarrig widersetzen /selber sehr zu gefähren. Derowegen bitte
ich freundlich / er wolle sich gefallen lassen / mir das jenige / was ihm andere
raten / zu eröffnen; ich verspreche solches / ohne einige Passion zu betrachten
/und bloss auf der Wage der Tugend und Billigkeit abzugleichen: prüfe auch hierin
seine Verträulichkeit /und versehe mich ganzkeiner Entschuldigung / sondern
erwarte die freie Eröffnung / mit seinem nächsten Brieflein. Unterdessen habe
ich beiliegenden allzukühnen Gedichten / welche sich auf sein sicher
Geleits-Brieflein nicht länger wollten aufhalten lassen /erlaubet / den berühmten
Sitz der Musen zu besuchen / und vor anderer Wissenschaft / ihre Unvermögenheit
kennen zu lernen. Bitte demnach / selbige auf seiner Stuben eine Zeitlang zu
dulten / und wo sie geirret / freundlich zu erinnern / ich werde / wann ich
künftig die Ehre seiner Gegenwart erhalte / die Belohnung / vor so mühsame
Unterweisung / neben dem Stuben-Zinse / nach seiner eigenen Anforderung /richtig
machen. Zwar sollten deren mehr / und also keine leere Blätter ankommen sein:
aber der zweiffelhafte Zustand / in welchen ich / wider alles Vermuten /
geraten / hat die übrigen / mit Gewalt / zu ruck gehalten; und wofern sich
solche Verwirrung /mich ferner zu bestreiten / untersangen sollte / würde ich
gezwungen / ihn mit etlichen Zeilen / auf ein kurtzes Gespräch zu mir zu bitten
/ und durch seinen verständigen und wohlgemeinten Rat / in solcher gefährlichen
Bestürtzung / Hülffe zu suchen. So lang sie aber / wie ich wünsch und hoffe / in
ihren Schrancken bleibet / will ich die Erklärung / biss zu unsrer nächsten
Zusammenkunft / ausssetzen / und indessen glauben / dass ich Höflichkeit und
Schertz / vor Liebe / angesehen / auch meiner furchtsamen Einbildung / diesen
Irrtum / gern zu gut halten. Aber nun urteile mein Herr / ob ich Ursach habe /
das Verhängnus zu beklagen / welches mein Lieben / ohne Aufhören /verfolget /
und eine Widerwertigkeit / mit der andern /häuffet / so gar / dass immer die
letzte die erste übertrifft / und die Uberwindung schwerer und unmüglicher
machet. Aber ich lasse diese Klage anstehen /und betrachte sein zierliches
Brieflein / in welchem ich die Ursach / mit deren er seine fremde Bezeugung / in
jüngster Besuchung entschuldiget / ganz vor gültig erkenne. Dieses einige nur
wundert mich /dass er schreiben darff / er sei / durch mein Nachsehen / in seiner
Zuruck-Reise / mächtig gestärcket worden; da ich doch erfahren müssen / wie
wenig er dasselbe beobachtet / so gar / dass er mir nicht einen einigen Blick /
zur Letze / gegönnet / wie fleissig ihn auch / meine dunckele Augen begleitet /
und sich nach den seinen / als angenemen / gesehnet haben. Wie mir nun seine
Höflichkeit dis zu gläuben aufdringet: also bemühet sich hingegen die
Beredsamkeit / meine einfältige Feder zu überwinden / und durch derer
unverdienten Ruhm / ihren Sieg grösser zu machen. Weil aber diese niemaln so
vermessen gewesen / sich dieses gefährlichen Kampffes zu unterfangen; als
überreichet sie willig die Waffen / zusamt der Ehre des Siegs / in ihres Gegners
Hand / und bittet demütig /diese Befechtung / in Ansehung ihrer Schwachheit
/zuruck zu ziehen / und sie vielmehr / wie eine unwissende Freundin / in solcher
Ubung / zu unterrichten /als eine hochmütige Feindin / zu verfolgen. Aber ich
werde seiner Gedult / mit diesem untauglichen Brief /missbrauchen / darum ich /
wider meinen Willen / abbrechen / und bitten muss / dieses geschwätzige Brieflein
günstig aufzunehmen / von seiner
                                                            beständigen Freundin
                                                                       Macarien.
Das war eine Antwort: aber zugleich eine Aufforderung zu neuer Schuld; die wir
noch eine Weile unbezahlet lassen wollen / und die Gedichte anhören / die sie /
mit dem Brief / Polyphilo überschickte. Diese werden zeugen / was Macarie / in
ihrer Einsamkeit /vor Zeit-Verbringung gehabt / indem sie nämlich / mit
fleissigem Aufmercken; die Gedichte / in dem Buch Polyphili / durchgelesen / und
befunden / dass er in einem Liedlein ihre Einsamkeit zu hart bestraffet: welches
wir schon oben gehöret / und auf das 508. Blat versetzet: hat sie selbigem / mit
solcher Nachahmung / / widersprochen:
Einsam war bisher mein Leben /
einsam soll es bleiben auch /
nach der Frommen Leute Brauch /
die sich nicht auf Kurtzweil geben:
sondern in der Einsamkeit
bleiben ihre ganze Zeit.
2. Einsam bleiben meine Sinne;
einsam meine Wort und Werck;
einsam / was ich denck und merck:
Einsam / was ich sonst beginne:
denn der frommen Einsamkeit
schenck ich meine ganze Zeit.
3. Einsamkeit / der Wittwen Freude /
soll stets meine Freude sein /
dieser helle Tugend-Schein /
macht / dass ich die Wollust meide;
und der frommen Einsamkeit
schencke meine ganze Zeit.
4. Zwar / wenn ich die Welt betrachte /
wird es vielen düncken schwer /
dass ich dieses tun begehr;
Dass ich alle Freud verachte /
und der trüben Einsamkeit
will ergeben meine Zeit.
5. Doch ist es ein edles Leben /
das vor allen mir gebührt;
den die Eitelkeit verführt;
Und die sich der Lust ergeben
aus der frommen Einsamkeit /
bauen lauter Hertzenleid.
6. Einsamkeit lehrt täglich sterben /
macht Verlangen nach dem Tod /
überwindet alle Not:
Durch Gesellschaft viel verderben:
Drum will ich der Einsamkeit
schencken meine ganze Zeit.
7. Einsamkeit verlacht das Glücke /
lehrt / vergnüget / ohne Sünd /
leben / als ein Gottes-Kind;
Wollust / Ehr und Geitzes Stricke /
hasst die fromme Einsamkeit /
drum schenck ich ihr meine Zeit.
8. Dieses werdet ihr bedencken /
werter Freund! und künftig noch
diesem angenehmen Joch
eure Jahr und Tage schencken:
dass ihr / gleich mir / lauter Freud
findet in der Einsamkeit.
Die Ubersendung dieses Nachsatzes / bewegte sein Hertz / mit einer solchen
Empfindung / die ihn von der Bestürtzung / welche der Brief erwecket / ganz
abführete / und mit lachendem Munde / folgende Wort zu führen verursachete:
Wer gibt dir denn Gewalt / mein Schatz! dass du verkehrest
und änderst meine Wort? vielleicht weil ich dein Knecht:
Du mein Beherrscher bist: so nimmst du dir das Recht
aus eignem Willkühr hin: dass du den Schmertzen mehrest /
durch dein verkehrtes Tun: dieweil du dennoch ehrest
die trübe Einsamkeit: die / was du sagest auch /
nur Hertzenleid gebiehrt: und durch der Seufftzer Rauch /
den Freuden-Schein verdeckt. Wie? dass du nit verwehrest
auch meiner Hand die Schrifft: die nit / wie deine tut /
das / was zum bösen führt / will heissen recht und gut;
die nicht die Laster lobt? Ich weiss: soll ich bekennen?
Es ist doch nicht dein Ernst / du spielest so mit mir /
und widerstrebest dem / das ich vertrauet dir:
weiss gleichwol / dass du mich wirst deinen Liebsten nennen.
Ob er nun in dieser Hoffnung / nicht vergeblichen Trost suchete / weil er ein
anders Hertz bei Macarien / aus dem Brief / auch denen übrigen Gedichten /leicht
ermessen konnte: dachte er dennoch / es gebühre entweder / seiner Ehr / oder
Liebe / diesem Nach-Satz / einen Gegen-Satz zu widerstellen / der die Einsamkeit
zerstöre / und die Warheit bevestige. Deswegen er in der Melodeie / wie sie am
508. Blat bezeichnet ist / dergestalt zu singen anfieng:
Einsam war bisher mein Leben /
einsam solt es bleiben auch:
aber weil der Frommen Brauch
sich nicht in Gefahr soll geben:
will ich mich und meine Zeit
reissen weg der Einsamkeit.
2. Selbsten die betrübten Sinne /
die verstummte Wort und Werck /
was ich trost-los denck und merck;
Was ich furchtsam sonst beginne:
heischen / dass ich meine Zeit /
schencke nicht der Einsamkeit.
3. Was soll mir die Wittwen-Freude?
solt sie meine Freude sein?
könt ich mich nicht schicken drein:
Weil ich alles Trauren meide;
und nicht die geringste Zeit
schencke trüber Einsamkeit.
4. Dann wann ich die Welt betrachte /
die auf lauter Rosen geht /
und in vollen Freuden steht;
würde / wann ich sie verachte /
mit der trüben Einsamkeit /
traurig werden meine Zeit.
5. Dieses ist ein edles Leben /
da man bleibet unverführt /
keine Not und Mangel spührt /
diesem wer sich hat ergeben:
endet mit der Einsamkeit
sein verzehrend Hertzenleid.
6. Solt / ich vor der Zeit / hie sterben?
ich verlange nicht den Tod;
weg / hinweg mit aller Not!
die nur stürtzet ins Verderben:
dann ich meine Lebens-Zeit
schencke keiner Einsamkeit.
7. Ich verlache nicht das Glücke /
wann es mich anlachen will;
sei gleich wenig oder viel:
gönn es nur die Gnaden-Blicke /
so da hasst die Einsamkeit /
der ich schencke keine Zeit.
8. Wer diss wird mit mir bedencken;
und erfahren künftig noch:
wird / in Warheit! diesem Joch
auch nicht eine Stunde schencken:
weil man nichts als lauter Leid /
findet in der Einsamkeit.
Nach dem blätterte er weiter in den Gedichten / und fand ein Sonnet / welches
sie dem Maulbeer-Baum /darunter sie geliebt / und darüber schon Polyphilus
seine Gedancken gehabt / zu Ehren / und zum willigen Danck / aufgesetzt / dieses
Innhalts:
Du edler Maulbeer-Baum / der dunit pflegst zu grünen /
biss alle Kält vorbei: durch dessen Blätter Sasst /
lebt der bemühte Wurm / der Fürsten-Zierde schafft:
weil dein belaubtes Haupt mir will zum Schatten dienen:
so habe schönen Danck; doch darff ich mich erkühnen /
zu lieben unter dir / da deine bunte Frucht
mir stets vor Augen stellt die unglückhafte Flucht /
die Tispe hat getan: weil / bei dir / nicht erschienen
ihr treuer Piramus / von welcher beiden Tod /
und dem verliebten Blut / nun deine Frucht ist rot /
die vormals weiss erschien: du machst die Liebe scheuen:
doch weil die Frücht so süss / dass jeder sie begehrt;
weil Seiden kommt vom Laub: so wirst du doch geehrt;
und ob du langsam blühst / machst du doch endlich freuen.
Fast beschämte Polyphilum diese künstliche Verfassung / deren seine Arbeit / bei
weitem nicht zu gleichen war: Doch frenete er sich hinwieder / dass ihm die
gütige Vorsehung / der gnädigen Götter / eine solche Liebe erwählet und gegeben
/ die ihm / in allem /eine mächtige Helfferin sein könne. Den Verstand aber /
der aller-verständigsten Macarien / die er nunmehr jener Belgischen Minerven /
davon er / mit der Königin / Gespräch gehalten / nach Verdienst / gleichen konnte
/ verwunderte er / in seinem Hertzen. Beides aber / die Freude samt der
Verwunderung / mehrete die Gewissheit ihrer Liebe / die dem Polyphilo /durch
folgendes Garten-Gedicht / welches sie eben damals / mit verfertiget und
überschicket / mit seiner höchsten Befriedigung / entdecket wurde:
Du wenig-gezierter / doch lieblicher Garten /
indem ich dich sollte / mein Liebster! erwarten /
so oft ich bedencke den schattichten Ort /
das süsse Gespräche / die freundliche Wort /
mit welchen wir damals die Stunden vertrieben /
so muss ich dich rühmen / und höher noch lieben /
als Fürstliche Gärten / die kostbar erbaut /
woselbst man mehr Laster / als Tugenden schaut.
Den grünen / damit du natürlich gezieret /
den ästigen Bäumen / mein Dancken gebühret /
ich wünsche dir / für die genossene Freud /
bequemes Gewitter und fruchtbare Zeit.
Dich müssen der Sonnen Gold gläntzende Stralen
erwärmen / und jährlich von neuem bemahlen /
doch schaffe / dass niemals verdrüssliche Reu /
mir möge gebähren die Liebe und Treu.
Du hast mich zwar öffterss mit lieben ergötzet /
und nachmals in Kummer und Schmertzen gesetzet.
Drum / fruchtbarer Garten! erhalte die Ehr /
und hüte / dass keiner diss Lieben verstöhr.
Lass alle die Worte / von beiden vernommen /
begrünend / im Lentzen / wie Blumen / bekommen /
und tragen sie Früchte / die heissen getreu /
so schwer ich / ich will dich besingen aufs neu.
Es waren auch diesen Gedichten die jenige beigefüget / welche wir allbereit am
335. und 339sten Blat angeführet: Deren letztes Polyphilus / nicht ohne Ruhm der
gezierten Worte / und darein versteckten Weissheit: Das erste aber / weil es die
Einsamkeit zu hoch rühmen wollte / fast mit einem Widerwillen lass: wie dieses der
Gegen-Satz / in folgenden Reim-Zeilen verfasset / sattsam anzeiget:
Ist das dein rechter Sinn / was du hast jetzt geschrieben?
so hör mir wieder zu / was mich dazu getrieben /
mein Schatz! dass ich nicht auch / wie du / die Einsamkeit
erhebe: preise mehr die Erden-schöne Freud.
Was / Schatz! gedenckst du doch für Liebe Luft zu finden
auch in der Einsamkeit? Ob schon die Welt voll Sünden /
voll Schand und Laster ist: sind wir doch / wie wir sind /
weil auch in dieser Welt noch lebt ein Himmel-Kind.
Lass andre / voller Müh / in steter Unruh leben /
wir wollen in der Ruh / mit gutem Frieden / schweben;
Lass andre rennen fort / in voller Lust und Freud /
auf ihrem breiten Weg / und durch die Eitelkeit /
zur Höllen Pforten gehn: wir wollen anderst dencken /
und zu der schmalen Bahn der Tugenden uns lencken:
doch dennoch darum nicht / in trüber Einsamkeit /
ohn allen Lust und Schertz / verbringen unsre Zeit.
Ob die Gesellschaft dir der Laster-vollen Hertzen /
wie auch mir / nicht gefällt: so können wir doch schertzen /
die wir auf Tugend sehn / und zum verdienten Lohn /
erhalten werden bald die ehr-bereichte Cron:
nit den verdammten Schmertz: Kunst-Tugend / die du liebest /
erfreut sich über dich / wann du dich mir ergibest /
dann das ist sein Befehl / dem widerstrebe nicht /
dass er nicht wieder dich auch seinen Willen richt.
Drum ob die schnöde Welt gleich kalte Freude giebet;
und ob sie noch einmal / vor Beten / Fluchen liebt:
ob auch die Heuchelei an statt der Tugend steht /
und selbst die Gottesfurcht im falschen Schein hergeht:
so tut diss nur die Welt; lasst sie / wie sie will / handlen /
wir wollen Widersinns im engen Wege wandlen /
nicht folgen / wie sie führt: besondern widerstehn /
und solt sie noch einmal auf breitem Wege gehn.
Wir gehen nicht mit ihr: wir wollen Liebe schauen /
nicht Hass / nicht wieder Neid: und ohne Geld vertrauen
einander unsre Gunst; und bleiben immer Freund /
so lang das Glücke klar / so lang es dunckel scheint.
Auch wollen hertzlich wir; ich dich / und du mich grüssen /
ich will / ach! wie so gern / von dir viel hören / wissen;
auch reden noch dazu / nur Gott verleihe mir /
dass / was ich weiss / und hör / und rede / sei von dir;
Wer will dann / sag mir nun / die Einsamkeit erwählen?
Ich? nein / ich will mit dir / Schatz! lieber mich vermählen /
dann das gefällt mir wohl / das wünsch ich / und das ists:
was einig ich begehr: ja! du Hertzliebste bists:
So geht es andern auch / wie du must selbst bekennen:
dass sich um etzlich Jahr die Alte jünger nennen /
und frischer möchten gern: nicht einer wählt den Tod /
weil das heisst Sünde tun / und widerstreben Gott.
Die Jugend handelt recht / wann sie Gesellschaft liebt /
weil ihnen die Natur noch solche Kräffte giebet /
die nichts vergebens gibt: Gott selbst befihlets so:
dass mit den Frölichen auch wir sein sollen froh!
so viel die Ehre heischt. Drum kann ich nicht verstehen /
wie du / mein schönster Schatz! das wilt zur Unehr drehen /
wann sie nach Ehre strebt / durch Kunst und Tapfferkeit /
auch wann sie ihren Ruhm sucht durch ein schönes Kleid.
So gehts jetzt in der Welt: und ist fürwar zu loben /
wann man nach Ehren strebt: und wann wir sind erhoben
durch unser eigne Kunst / so sind wir rühmens wert /
weil der / der Ehr verlangt / ein köstlich Ding begehrt.
Ich selbst bin so gesinnt: was soll ichs nicht bekennen:
Viel lieber lass ich mich im grossen Namen nennen;
viel lieber trag ich auch ein schön-geziertes Kleid;
viel lieber biet ich selbst beleidigt an den Streit;
als dass ich sollte mich viel lassen unterdrucken;
als dass ich Leinenwand solt tragen auf dem Rucken:
als dass ich wär veracht: dann das ist unser Sinn /
was in der Welt geschicht / das zielet bloss dahin /
und zwar mit Billigkeit: ich sehe keinen Schaden /
der daher rühren könt / wann gleich ein klarer Faden
bedecket meinen Leib: und wann ich mein Gewehr
führ wider meinen Feind; und wann ich meine Ehr
vermehre durch die Kunst. Ja! was sie / Liebste! saget
auch von der Liebsten Gunst / darnach die Jugend fraget /
und ihr Glück baut darauf; da tut sie recht daran /
weil keine grössere Lust sie mehr ergötzen kann.
Ich selbst bekenn es frei / wann du mich / Schatz! beglückest /
und deinen Rosen-Mund auf meine Lefftzen drückest /
so hab ich Glücks genug / ich bin dann selbst die Freud /
und wär es noch einmal auch lauter Eitelkeit.
Was sagst du von dem Spiel / und von der Lust zu trincken?
das ist uns ja vergönnt / biss dass der Tod wird wincken;
Und kann uns schaden nicht: wo nicht das gar zu viel
vor Gottes Richterstul erweckt ein Trauer-Spiel.
Wir lassen billich auch von ihrem Adel sagen /
die von dem Adel sind: wie wir hinwieder fragen
von unsrer Ahnen Zahl: hält sie der Adels-Schein /
so hebt die Tugend uns wohl gar zum Himmel ein.
Wir / ob wir sind gering / sind dennoch unverachtet /
veracht uns / wer nur woll. Der nach der Weissheit trachtet
und suchet Tugend-Ruhm / den halt ich edel sein /
weil Adel ohne Kunst nur ist ein falscher Schein.
Es folget auch nicht das / dass Arme für den Reichen
und ihrem schnöden Geld so balde müssen weichen;
Nein / das ist unser Schuld; das Geld erdrukt uns nicht /
besondern unser Sinn / der dortin ist gericht /
wo gläntzt das klare Gold; das wir vor höher halten /
als andern teuren Koht: und ohne dem nichts walten /
nichts richten können auch: wir fehlen aber weit /
dann der allein ist reich / der in Zufriedenheit
mit seinem Reichtum steht: wer über Mangel schreict /
der nehme / was ihm fehlt: und wem sein Wunsch gedeiet /
der halte vest an sich: Gesellschaft liebe der /
der nicht viel darben will: und was er auch begebr /
begehr er das nur nicht / dass er woll einsam leben /
wer wird ihm in der Not Hülff und Errettung geben /
da keiner helffen kann. Dieweil er ist allein /
und keiner nicht bei ihm / er muss verlassen sein.
Wie kann der Krancke sich in seiner Last erheben /
wer wird ihm Safft und Krafft / wann er wird Krafftloss / geben?
Und wann / wer ist gesund / alleine leben will /
wo bleibet Lieb und Lust? Das aufgesteckte Ziel /
all unsre Wort und Werck: die Wollust ist zu fliehen /
doch so / dass wir nicht gar uns in das Traur-Joch ziehen;
die Wollust ist verdammt / die Tugend-Lust vergünnt /
nichts / als die Einsamkeit / ist ohne Lust erkennt.
Wer sollte / frag ich / dann diss trübe Wesen wählen /
wer nehmen Leid vor Freud? Ich sag es / ohn verhälen;
und aus des Hertzens-Grund: ich wähle solche Freud /
die in Gesellschaft ist: verwerff die Einsamkeit.
Dann diese liebt mir nicht / es sei dann / dass geschehe /
dass ich dich / schönster Schatz! bei mir alleine sehe /
und du mich wieder so / dann will ich einsam sein /
und in Gesellschaft mich mit dir nur lassen ein;
Du wieder auch mit mir: wilt aber du erwählen
auch ohne mich zu sein / so wirst du warlich fehlen
und streiten wider dich: ich geb es doch nicht zu /
dass du / zuwider mir / erwählest solche Ruh /
die mehr ein Unruh ist / und eine Müh zu nennen /
du wirst es selber leicht / und ohne mich erkennen /
wann du dein Glück besiehst / und in dem Unglücks-stand
wilt fassen die Gedult: die keinen noch erkannt /
der ohne Tröster ist. Auch kanst du nicht verlachen
der Menschen Eitelkeit / und ihre schnöde Sachen /
weil du nur weinen must in trüber Einsamkeit /
die nichtes nicht gebiehrt / als lauter Traurigkeit.
Viel minder wirst du Geld / und Ehr und Lust vernichten:
eh wirst du deinen Sinn benzeiten dahin richten /
wo / wann du bist allein / die Hülffe blicke dir /
die du verlangt ergreiffst / das / sag ich / traue mir.
Drum ändre deinen Sinn / erwähle lieber Freuden /
und nehre dich damit: du wirst dennoch wohl scheiden /
wann deine Stunde kommt. Es ist doch lauter Leid /
was einsam Leben ist. Drum flieh die Einsamkeit.
Polyphilus merckte wohl / dass er etwas zu heftig geredt / darum er seine
Künheit mit folgendem Sonnet entschuldigte:
Verzeih mir / liebes Kind! dass ich dir widersrreche;
und deine schöne Wort verändre / deinen Sinn
mir nicht gefallen lass; dass ich so kühne bin /
und dir halt Wider-Red. Schatz! dich an mir nicht räche /
und lass durchaus nicht zu / dass meine Künheit breche
das teure Liebes-Band / das uns beschlossen hält /
und halten ewig wird: wann dir es nicht gefällt /
dass ich mit Widerwill den Schluss des Hertzens schwäche /
der dich heisst einsam sein: so beuge selber ihn /
alsdann bekommen wir ein Hertz und einen Sinn.
wie kann es müglich sein: wann alles dir gefällct /
was mir beliedet nicht; wann ich erwähle das /
daran du Eckel haft: dass ohne Gegen-Hass
mit dir / in Einigkeit / mein Hertze werd gesellet.
Nun wollen wir wieder zum Brief kommen / und sehen / wie dieser Polyphilo
gefallen. Alles anderen aber zu geschweigen / werden wir genug / mit der
Erklärung / zu tun haben / die Polyphilum / in einen so zweifelhaften Zustand
/ führete / als einmal Macarie hätte klagen mögen. Woher rühret doch / dachte er
/der Zweiffel? Hat sie etwa meine Liebe vor Schertz und Freundschaft angesehen?
Was für eine Verleumdung hat dann abermal meine Treue verfälscht / und meine
Beständigkeit unrichtig beschuldet? Dann Polyphili wenigste Gedancken waren /
dass sich einer unterstehen werde / Macarien um Liebe zu bitten / weil er wusste /
dass sich keiner deren Tugenden und Vollkommenheit würdig schätze. Es solt eins
freilich sich wundern / wann er den verfinsterten Verstand / und die verblendete
Augen Polyphili / ansiehet und erkennet / dass er die deutliche Wort nicht
verstehen können / die ihm / den zweifelhaften Zustand der Macarien / als die
Verwehrerin dessen / dass die Liebes-Gedichte / gleich denen erfolgten / nicht
mit überschicket worden / vor Augen legten. Er sollte ja / aus dem Beschluss ihres
Brieffleins / der vor lauter Liebe lieblich / genug ermessen haben / dass sie an
ihn keinen Zweifel setze: ja auch und vielmehr aus dem Anfang /der seine
Beständigkeit / nicht allein mit einem Lob /verehret / sondern auch / mit
schuldiger Gegen-Gewogenheit / danckbarlich zu erwiedern / von dem Himmel /
wünschet beglücket zu sein. Allein Polyphilus war mehr verstockt / als
verblendt. Dessgleichen Agapistus / welcher in gleicher Verwirrung versencket /so
klug er auch sonst war / dennoch hier eine zimliche Prob seiner Einfalt sehen
liess. Was sollte nun Polyphilus anderst tun / als seine Unwissenheit bekennen
/und bei Macarien / um deutlichern Bericht ansuchen /wollte er anderst in der
zweiffelhassten Furcht / es möchte seine Liebe bei Macarien erleschen / nicht
länger bekümmert leben. Aber das Glück wollte auch dieses nicht gönnen / denn er
eiligen Befehl von der Königin bekam / in einer notwendigen Verrichtung /keine
Zeit-Versäumnus anzunehmen / biss er ein glücklich End sehe. Was Polyphilus für
ein bedrangt Hertz muss gehalten haben / ist aus dem leicht abzunehmen / dass er
die Befreiung des Diensts / nicht so lang erwählen dorffte / biss er nur zwei
Zeil an seine allerliebste Macarien ausfertigen könnte / darum er in allem desto
geschwinder arbeitete. Endlich aber zeigete sich eine wenige Ruhe / die
Polyphilus begierig ergriffe / und folgende wenig Wort / (dann mehr liess die
Kürtze der Zeit nicht zu) an Macarien absandte:
                                 Allerliebste!
Die Kürtze der Zeit / und Vielfältigkeit der Geschäffte / die mir sonderlich der
Königin Befehl / welcher keinen Verzug oder Aufschub leidet / anjetzo
verursachet / zwinget mich / wider mich selber zu leben /und das zu erwählen /
was ich mehr verlassen / oder verwerffen sollte / indem ich ihr beliebtes
Brieflein nicht eher beantwortet / oder noch / mit mehren Worten / / beantworten
kann. Sie wird aber / Allerliebste! die Schuld nicht mir beimessen / sondern die
Entschuldigung vor gültig erkennen: wofern sie mir nicht Gelegenheit zur Hand
geben will / mit entdeckter Warheit zu klagen / dass ich nicht wisse / wie ich
antworten solle / und deswegen auch nicht antworten können. Dann wie soll ich
den zweifelhaften Zustand erklären / in dem sie sich so verwirret schreibet /
dass er die übrigen Verse / welche doch / in Warheit! gleich-angenehm und
verlanget gewesen / mit Gewalt zu ruck gehalten? Wie soll ichs deuten / dass sie
Höflichkeit und Schertz vor Liebe angesehen? Was soll ich vor Ursachen urteilen
/ um deren Willen sie über ein Verhängnus zu klagen? Meines teils bekenne ich
so lang meine Unwissenheit / biss sie mir den erfreulichen Befehl erteilet / auf
ein angenehmes Gespräch sie zu besuchen / und Erklärung einzuholen. Welches dann
mein einiges und höchstes Bitten ist: weil ich gern gestehe / dass ich / biss
dahin / mit tausenderlei Widerwertigkeit mich umgeben befinde / und nicht ruhen
kann / ich habe dann zuvor / mit meinem wiewohl geringen / doch getreuen Rat;
oder / wie ich mehr argwohne / durch die Versicherung meiner Beständigkeit / die
gefährliche Bestürtzung deren / die mich mit ihr stürtzen würde / überwunden und
zu Boden gelegt. Erwarte also nochmaln den verlangten Befehl / dem ich zu
gehorsamen / mich ihrer Bedeutung nach / einstellen will. Biss dahin ich / wegen
jetzt-verkürtzter Zeit / alles übrige verschiebe / so ich auf ihr beliebtes
Schreiben schrifftlich sollte / aber alsdann mündlich antworten will. Inzwischen
empfehle ich sie dem Schutz des gnädigen Himmels: mich aber ihrer beständigen
Gunst-gewogenheit: wie sie mich hinwieder / biss in meinen Tod / erkennen wird /
                                                  Ihren beständigen und getreuen
                                                                     Polyphilum.
 
                              Funffzehender Absatz
Beschreibet die fernere Bestreitung / des Lieb-werbenden Evsephilisti / wie die
 getreue Macarie solches Polyphilo offenbaret / oder / zu offenbahren / zu sich
  bittet / auch was sie sich beraten: Ist eine Probe wahrer Tugend / die mit
 glücket / mit unglücket. An Polyphilo aber finden wir den siebenden Anstoss der
                      Tugend-Verliebten / die Versuchung.
Mit was Bestürtzung / die betrübte Macarie / diss Brieflein durchlesen / ist
daher unschwer zu ermessen / dass diese Verwirrung / wider ihren Wunsch und
Hoffen / je mehr und mehr ihre Schrancken überschritten / dass es das Ansehen
hatte / als wolle Evsephilistus / mit Gewalt rauben / was er / mit Willen /nicht
erlangen konnte.
    Da war Not zu raten / und Zeit zu helffen. Wie sich Evsephilistus in
seiner fernern Werbung verhalten / auch wie oft er zugesprochen / und was er in
solcher Besuchung mit Macarien geredt / oder wie er geschertzet / wollen wir
daher nicht setzen / weil es eine lautere Einfalt und frommer Unverstand war
/den er sattsam erwiese / in dem er ihre Unterredungen / gemeiniglich / mit dem
Grund / verwahrete: Wir wollen einander nichts vor Ubel haben / sondern fein
verträulich miteinander umgehen. Ja Bauer! so solt du mit den Dirnen / die
deines gleichen sind: nicht aber mit einer solchen Tugend / Damen / und Bild der
Höflichkeit schertzen / wie Macarie ist. Ach! freundlichste Macarie! wie war ihr
doch zu Sinn: wann sie sich /von einem solchen / gewonnen zu sein / beförchten
musste? Allerhöflichste Macarie! wie soll der schöne Schmuck ihrer bescheidenen
Zucht / an solche Bäurische Verträulichkeit gehänget werden. In Warheit! hat
euch Evsephilistus nichts vor übel / so hab ich euch /in diesem Fall / desto
mehr vor Ubel; dass ihr einem solchen möget Gehör geben. O unerschöpfflicher
Schatz aller Vollkommenheiten! wie will sie sich selber / mit der
Unvollkommenheit / aller Kunst und Tugenden / beflecken? Oder / wie wird sie /
einiger Zwang / wider sie selber rüsten können? Nein /schönste Macarie! sie
erhalte den Ruhm ihrer Tugenden / in solchem herrlichen Pracht / wie sie ihn /
bei Göttern und Menschen / erworben / und beherrsche das / was schuldiger zu
dienen ist. Man legt doch keinen Esel in ein Bett / keinen Mist in güldene
Schalen / keinen Staub ins Auge: Was soll dann Evsephilistus / in dem Schoss der
Macarien / ruhen? Das müste der Himmel selber bedauern / und die ganze Welt
beklagen: aber Polyphilus bitterlich beweinen. Allein wir wollen den Unflat
wegwerffen / aus unsrem Munde / und dafür den verzuckerten Namen Macarien wieder
anfassen / zu sehen / was diese / in der höchsten Noht / da alle Versäumnus
hochschädlich / angefangen. Ach! was solt sie / die liebe Macarie? Wie kont sie
anderst / das schöne Hertz / ja! das getreue Hertz / als dem jenigen ihre
Verwirrung klagen / den sie wusste / dass er dieselbe am mächtigsten auflösen
könne / und am willigsten auflösen werde. Der Schluss ging auf ihren ersten
Brief / und die Antwort Polyphili / der ihre Gegenwart begehrte / welche sie ihm
/mit dieser Gegen-Antwort / vergönstigte:
                                   Mein Herr!
Sein erwünschtes Brieflein / auf welches ich / mit so sehnlichen Verlangen /
gewartet / hab ich gestern wohl erhalten / und aus demselben verstanden / in was
unruhige Gedancken / ihn mein letztes Schreiben gesetzet: welches ich um so viel
leichter glaube / je mehr ich solche Verdriesslichkeit selber empfinde; hätte
ihn auch solches Kummers gern überheben wollen / wann nicht die unumgängliche
Noht / (welche alle Fehler zu entschuldigen pfleget) mich / dieses zu eröffnen /
gezwungen hätte. Bitte demnach nochmaln / er wolle sich diese kurtze Reise nicht
dauern lassen / und mich morgendes Tages besuchen: durch was vor Gelegenheit /
stell ich ihm frei; halte doch /dass es am sichersten und geheimsten allein / und
als im vorbei reiten / geschehe. Ich könt ihn zwar dieser Mühwaltung / durch
schrifftliche Erklärung / befreien: weiln ich aber kaum meinen Mund / viel
weniger der Feder traue / und gleichwol die Sache / keinen fernern Verzug /
leiden will: als erwarte ich eurer Gegenwart / mit so grosser Ungedult / dass ich
die Sonne der Faulheit / und alle Uhren der Unrichtigkeit beschuldige. Der
gütige Himmel / auf dessen blossen Willen / ich jederzeit alle meine Freude
gegründet /ersehe doch unsrer Freundschaft ein günstiges Ende /und lasse euch
voller Glückseligkeit leben: Ihr aber /mein Herr! lasset euch allezeit lieb und
angenehm sein das Gedächtnus /
                                                     Eurer beständigen Freundin:
                                                                       Macarien.
Was wird nun Polyphilus sagen / wann er diesen Brief überkommt? O der
unglückseligen Stunde / die ihm / von Macarien / eine solche Botschaft /
bringen soll. Wie? wünschet Macarie / ihrer Freundschaft /schon ein fröliges
Ende / die kaum einen Anfang gewonnen? Ach! Polyphile! wie wirst du dich so
elendiglich gehegen? Wie unsäglichen Schmertzen wird deine geängstigte Seele
ausstehen müssen? Ach! dass du an den Winden fahren / und in der Lufft fliehen
köntest / dass du / den Augenblick / bei deiner Macarien wärest / um zu vernehmen
/ was dich von ihr scheiden werde. Ist dann dein Unglück / zugleich mit deiner
Liebe / gepflantzet / dass es gleich mit ihr aufgehet? Oder wollen dir die
Unsterbliche nie einen Glück-reinen Blick gönnen? Wie bist du denn allein unter
den Sterblichen / der keine Freud ohne Leid /und mitten in seiner höchsten
Glückseligkeit / die allerunglückseligste Verbitterung / schmecken müsse? Wie
lang wird sich deine erschrockene Seele / in den ertödteten Gliedern / noch
regen? Wie lang wirst du /dich selber zu quälen / noch übrig bleiben? Ach ihr
Himmel! nehmet doch auf / zu euch / den jenigen /welcher in dieser Welt / keine
Ruhe zu hoffen. Erbarmet euch / ihr Barmhertzige! über den / der wegen der
Tugend leidet! Sehet an seine zerschlagene Glieder /seine krafftlose Sinne /
sein ermüdetes Hertz: ihr habt ja Polyphilum geschaffen / zu eurem Wohlgefallen
/wie soll er dann Himmel und Erden zu einem Trauer-Spiel werden? Ihr habt ja
Polyphilum geschaffen / dass er auf Erden wohne / wie soll er dann / durch die
erdruckende Last seiner Bekümmerung / in die Gruben verfincken / und unter der
Erden wohnen? Ihr habt ja Polyphilum erschaffen / dass er ein Mensch sei; wie
soll er dann unmenschliche Lasten ertragen / und höllbeschwerte Bürden erleiden
können? Drum ach! ihr Barmhertzige! seid barmhertzig eurem Polyphilo. Welchem
Polyphilo: der anjetzt den Brief erbricht /und mit Versinckung seiner Kräffte /
durchlieset.
    Es war schon finstere Nacht / und die Tor verschlossen / da er die
schmertzhafte Post überkam: Gleichwol fieng er an / ohne Zweifel / aus
hochbetrübtem Hertzen / das gemeiniglich / seinen Irrtum /denen Unerschrockenen
/ zu belachen gibt: Servete! sattle das Pferd / ich muss reiten. Servetus / auch
Agapistus und der Sohn Melopharmis / sahen ihn / fast mit einem Gelächter / an /
und erinnerten ihn der Nacht / auch der verschlossenen Tore. Doch / wie
Servetus willig war / auch aus der Veränderung seines Herrn vernahm / dass es was
wichtiges sein müsse /folgte dem Befehl. Inzwischen entzog die zufallende
Ohnmacht die Krässte Polyphili / dass er zur Seiten wiche / und auf die nechste
Banck sich lehnete / zugleich aber das Brieflein der Macarien / aus den Händen /
fallen liess / so / dass ers nicht merckte. Agapistus / der dessen am ersten
gewahr wurde / hebt dasselbe auf / lässet den Sohn Melopharmis bei Polyphilo
stehen / und verfüget sich in das Neben-Gemach /den Brief durchzugehen: und
nachdem er den Schrecken verstanden / welcher Polyphilum in diese Ohnmacht
gestürtzet / ging er heraus / griff Polyphilum an / und sprach: Mein Freund
Polyphile! gebet eurer Forcht nicht so weit Raum / dass ihr euer selber dabei
vergessen sollet. Die Sach ist nicht so gefährlich / als ihr meint . So viel ich
allen Umständen nach schliessen kann / will euch Macarie gern zugegen sehen / und
hat keine andere Ursach ersinnen können: oder sie will eure Beständigkeit prüfen
/ und erfahren / ob ihr auch ihrer Bitte gehorsamet? Glaubet mir dissmal /und
gebet euch zu frieden / ihr werdet frölicher wieder kommen / als ihr von hinnen
reiset.
    Etwas wurde wohl Polyphilus / durch diese Wort /getröstet: aber so nichtig
sie waren / so wenig konnte auch sein Hertz einige gewisse Freude darauf bauen.
Doch was solt er machen / er musste dissmal die Gedult annehmen / ob sie gleich
noch so bitter in ungewisser Hoffnung und zweiffelhafter Forcht zu ertragen
war. Die Mannigfaltigkeit der Gedancken / die sein Hertz und Glieder fast sehr
ermüdet hatten / zwungen ihn endlich zur Ruhe. Aber wie sollte der ruhen / der in
der höchsten Unruh gefangen ligt? Die Augen nahmen zwar den Schlaf an / aber das
Hertz erschreckte ein solch Bild / das den Augen nicht verdriesslicher hätte
vorkommen können. Dann er befand sich zu Pferd in einem Walde / allwo seine
Liebste Macarie neben ihm stund / auf einem Weg / voller Sträuch und Dornen
/daraus sie nicht steigen konnte / deswegen Polyphilus dieselbe auf sein Ross
heben / und heraus führen wollte: In dem kommt ein Greiff / mit aufgerissenem
Schnabel / dieser fasset Macarien an / und begehrt sie fort zu führen.
Polyphilus ergreifft sie / mit der lincken Hand / dann zu dieser Seite wollte sie
zu Pferd sitzen: mit der Rechten greiffet er zu seinem Schwert /das er aber
nicht blössen konnte. Und weil er / in so grossem Schrecken / sein vergessend /
die lincke Hand / von Macarien / an die Scheiden leget / damit es des Gewehrs
mächtig werde / führet der Vogel Macarien davon. Polyphilus / mit entblöstem
Degen / folget nach / fällt aber / durch die Gesträuch / in solche Verhindernus
/ dass er offtermals / mit dem Pferd /über sich stürtzte. Weil sich nun der
Greiff / mit seinem Raub / zu mächtig von Polyphilo wegriss; verliert er / in dem
geschwinden Flug / seine Krafft / und setzet sich / mit Macarien / nieder. Er
erwählte einen solchen Sitz / da er meinte / vor dem Verfolger / sicher zu sein
/ nämlich auf einen Felsen / da hinan der Fuss Polyphili nicht steigen kunte.
Aber was sollte wohl Polyphilum verhindern und aufhalten? Er ritte so lang um den
Felsen herum / biss er endlich / von hinten zu /mehr einen Fall / da er sich
herunter stürtzen / und sterben / als einen Weg / den Felsen zu ersteigen /und
Macarien hinwieder zu gewinnen / ersah. Ungeacht aber dessen / steiget er von
seinem Pferd herab /den Felsen hinan / und erlanget seine verlangte Macarien mit
grossem Glück / in dem er den Greiffen mit seinem Schwerdt erleget. Hierüber
erwachte er.
    Jetzt einen Traum-Deuter her / der uns das Gesicht erkläre. Der Greiff
bedeutet / in Warheit! nichts gutes / sonderlich weil / der gewohnten Art nach
/seine Verrichtung im Raub bestunde. Polyphilus konnte nicht ruhen / sondern liess
ihm alsobald sein Traum-Buch / ins Bett bringen / zu sehen / was ihm das Gesicht
vortrüge? Dieses berichtete: Der Greiff bedeutet den Raub und gewalttätige
Abnahm / nach seiner Eigenschaft. So nun einem träumet von diesem Vogel /
bedeutet es Verlust an dem / was man liebt.
    Aber mir nicht / sagte Polyphilus darauf / dann ehe wolt ich mich selber dem
Greiffen vorwerffen / und fressen lassen / ehe dann er meine Liebste verzehren
sollte. Es gedachte Polyphilus dem allen immer schärffer nach / hielt es doch vor
Phantasei / weil er sich nichts solches zu beförchten glaubte; biss die
Morgen-Röte anbrach / da er fort reisen wollte / und zuvor den Brief seiner
Macarien / nachmaln durchsah. Da stosste ihn / die Erinnerung des Nacht-Bildes
/ ans Hertz / dass er in den Schrecken geriet / es werbe ein anderer um
Macarien: welche Angst / weil sie mit der Warheit je mehr und mehr verstärcket
wurde / das Hertz Polyphili in solche Bestürtzung führete / dass er der Zeit kaum
erwarten konnte / die ihm seine Macarie zu sehen / und zu sprechen geben würde.
    Viel Verhinderungen kamen / so hier / so dort /darzu / die sein Verlangen
aufhielten / deren wir aber / damit wir nicht / gleiche Strafe / mit Polyphilo
/leiden / jetzo verschweigen wollen / und bloss melden / was die erste Wort
gewesen / damit Polyphilus sein Verlangen begrüsset. Die lauteten also: Was für
ein zweiffelhafter Zustand hat euch troffen / mein Kind! und welche Verwirrung
bestricket die Zufriedenheit unserer Liebe? Saget mir / mein Kind! welcher
Schmertzen drucket euch / und was für ein Ubel hält eure Freuden / mit
Verdriesslichkeit / gefangen? Was das auch ist / so versichert euch / da ich eure
Freuden / mit meinem Tod / lösen kann / will ich denselben nicht scheuen: Ich bin
bereit alles zu ertragen /dafern ich nur das nicht ertragen muss / dass ein
anderer meine Liebste vertrage. Wolt ihr dann / fieng die bekümmerte Macarie an
/ mir auch diss nicht zu Willen tun? so wollet ihr nicht alles tun? Ja /
versetzte Polyphilus / alles: nur das nicht. Wie aber / sagte Macarie / wann ich
gezwungen werde / euch zu verlassen / und mich einem andern zu trauen: So wird /
antwortete Polyphilus / meine Seele gezwungen / diesen Leib zu verlassen / und
denselben binwiederum der Erden zu geben: darauf Macarie so fort fuhr: Das ists
/ mein liebster Polyphile! dass mich in einen zweifelhaften Zustand gesetzt /
und mit solcher Verwirrung gefangen hält. Erschrecket nit / Polyphile! über die
traurige Post: sondern lasset euch euren bessern Verstand und Tugend hierinn
führen / und den Weg weisen / da ihr Gedult / nicht Verzweifflung /finden möget.
Ihr sollet euch versichern / dass ich euch die Zeit meines Lebens lieben werde /
ja! mehr lieben // dann diesen / dem ich mich trauen soll / welchen ich zu
lieben / in Warheit! vor unmüglich halte. Darum ihr euch eher zu frieden geben /
und meine Liebe in eurer Wolfahrt / lieben werdet. Das hoffe ich aber / ihr
werdet keinen Hass gegen mir fassen / wann ich / euch zu verlassen / gezwungen
bin; auch nicht gegen dem / der mich euch entnommen / dann sonsten wolt ich
lieber alle Liebe meiden. Polyphile! mein Kind! was seufftzet ihr / betrüben
euch meine Wort so hoch? Ach! das hab ich wohl gedacht / dass es geschehen werde!
Diese Furcht hat mein Hertz mehr / als alle andere / geschrecket. Warum hab ich
die unseelige Zeit erlebet / die mich so mit euch reden heisset. Ach! wär ich
doch nie an den Ort kommen / da ich euch wieder aufgenommen / und zu meinen
Liebsten erwählet! Polyphile! vergesset doch meiner / und gedencket / dass ihr an
einem bereichtern und vollkommenern Ort eure Tugend könnet belohnet haben.
Vergesset mein / Polyphile! ich bitte euch / vergesset mein. Und mit diesen
Worten / fiel sie ihm / um den Hals / und hertzte ihn. Darauf Polyphilus
erwähnte: Ach! was soll mir das? will sie meine Angst / durch ihre
Hertz-zwingende Lieblichkeit / noch mehr verstärcken? Ach! Ich Elender! Warum
bin ich geboren / dass ich verderbe! soll ich Macarien vergessen? vergessen?
ganz vergessen? Wie ists müglich? Will mich Macarie dennoch lieben / ob sie
sich einen andern vertrauet? wie ists müglich? soll ich mich trösten / und nicht
kümmern? Ach! Ach! wie ists müglich? O Elend! Ach ich Elender? was soll ich
antworten / da ich nicht antworten kann? Macarie / mein Kind! verlässt sie mich /
so bin ich ewig verlassen. Soll ich den Zucker-Mund / und die Honig-süsse
Lefftzen einem andern überlassen? Ey so lass dich erst so lang küssen / biss mein
Hertz / in voller Vergnügung / truncken wird. Soll ich die weisse Hände /eines
andern Beschluss / übergeben? Ey so kommet zuvor / und bestreichet meine Wangen /
dass sie sich nicht mehr nach euch sehnen. Soll ich den zarten Leib / die schöne
Brüste / die gläntzende Augen / den schlancken Hals / die erhabne Stirn / ja die
ganze /so schöne / als liebe Macarien / in einen fremden Schoss / geben? Ey so
besitze zuvor deine eigene Wohnung / und werde nicht so untren an dir selbst.
Komm / mein Kind! ach komm! lass dich doch erbitten: Liebste / und Schönste! lass
dich doch erbitten? Was hab ich getan / dass du mich verstossen wilt? Ach! ihr
Wellen / warum habt ihr mich wieder entdecket? Melopharmis / Melopharmis! warum
hast du mir mein Leben / zur Verlängerung meiner Pein / erhalten? Ach Kind! Ach
liebstes Kind! Ach schönstes Kind! sie wird sich ja mein erbarmen / und mich
nicht so unschuldig sterben heissen. Ich weiss doch wohl /wann ihre Treue / die
Beständigkeit / mit solcher Liebe / versiegelt / als meine Treue / die Liebe /
mit Beständigkeit / so wird uns nichts trennen. Die ganze Zahl der
Unsterblichen wird uns schützen.
    Diese Wort / wie sie verworffen sind / also wurden sie auch von Polyphilo
herfür gebracht / und mit unaufhörlichen Küssen und Drücken begleitet / die dann
das Hertz der Macarien so bewegten / dass sie bei sich beschloss / Polyphilum zu
lieben / und wann die ganze Welt ihr widerstrebte. Durch welche Wort / weil der
Mund / den Schluss des Hertzens / öffnete / Polyphilus fast verneuert wurde / und
eine andere Besinnung / in sich / herrschen liess / die bedacht war / wie sie
diesem Unheil listiglich vorkommen könnte. Er konnte aber nichts beraten / bevor
er nicht wusste / wer der Greif wäre / so ihm seine Macarien geraubet: Vielleicht
/ sprach er / soll ich ihn / wie diesen erwürgen. Darzu er so fertig / als
willig war.
    Das erste / das er fragte / war der Name / die Person / und der Stand dessen
/ davon wir / biss daher /vernommen: und da er / auf alles / guten Bericht
erhalten / merckte er leicht / dass die Sache nicht rühmlicher noch mächtiger
besieget werde / ohn allein /durch List und Gewalt. Evsephilistum / sprach er
/will ich leicht überkommen / und so begegnen / dass er muss zu frieden sein. Die
verständige Macarie gab auch ihr Bedencken / und schlug etzliche Arten vor /wie
er das Werck gewinnen könne. Allein dem Polyphilo wollten deren keine gefallen /
weil sie / mit seinem Vorhaben / nicht einstimmeten. Endlich war das der
geschlossne Rat / weil in dieser Bestürtzung /ihrer keins / seiner Vernunft
recht gebrauchen könnte /sie wollen ihre Anschläge schrifftlich einander erklären
/ hoffende / es werde sich ein solch Mittel antreffen lassen / dass ihrer
Freundschaft dienlich / des Evsephilisti Liebe aber verderblich sei. Deswegen
Polyphilus allen Fleiss versprach: ingleichen auch Macarie; und damit scheideten
sie von einander.
    Polyphilus / mit tausend Gedancken begleitet / reitet wieder auf Sophoxenien
zu: Macarie / mit noch so viel Kümmernus / erfüllet / bleibet in ihrer betrübten
Einsamkeit / und erwartet allda / ohne Erwarten / der allzufrühen Ankunft / des
verhassten Evsephilisti: welcher / so bald er vernommen / dass Polyphilus bei
Macarien gewesen / sich wohl von einem Eyfer dörffte erzürnen lassen / der
Macarien fragte / was er da getan / und mit ihr geredt? Ja wohl gar; ob sie mit
ihm in Verbündnus der ehelichen Lieb stehe? Ach! hätte Macarie diese Grobheit /
mit einem lautern Ja /beantwortet / was wollte der Unverstand entgegen gesetzet
haben? Aber die Vorsichtigkeit / der viel-klügern Macarien / riet ihr das
Widerspiel. Gleichwol war Evsephilistus noch in dem zu loben / dass er bekandte /
wann Macarie mit Polyphilo in genauer Freundschaft stünde / wolle er ihn nicht
austretten. Freilich ja! wie der Fuchs die Birn / so er nicht haben kann / vor
bitter schätzt / und nicht verlanget zu verschlingen. Der gute Evsephilistus
wusste wohl / dass ers nicht konnte / darum musste er sich stellen / als wolt er
nicht.
    Das ist / in Warheit! Wunders wert / und eine Prob noch so grosser Einfalt
/ dass er den Widerwillen Macarien nicht merckte. Etwa hat er ihm eine Lieb von
Macarien eingebildet / wie sich jener Frosch dem Elephanten gleichete. Oder es
hat ihn der Wahn verführet / Macarie müsse sich seelig preisen / dass sie so
einen vornehmen Liebhaber überkommen / da sie / so lang es währet / oder wolt
ich sagen: Die Zeit ihres Lebens (denn so muss man reden / wann man freien will)
im hohen Glücks- und Ehren-Stand leben / und an allem volle Gnüge / ja! noch 14.
Metzen drüber /haben könne. Dann so zeugen die Reden / die ihm auch nicht einmal
einen Zweifel machten / an ihrer Gewogenheit. Dannenhero redete er schon / mit
gar zu bunter Höflichkeit / von dem Braut-Bett / von der Hochzeit / und von weiss
nicht was: dass Macarie ihre Augen niederschlug / und sich schämete / dass sie
sonst in allen Zierlichkeiten / aber in der bunten Höflichkeit nicht erfahren
wäre: Dann sonst ist kein Zweifel / sie würde die Vorschläge beantwortet haben.
 
                              Sechzehender Absatz
Beschreibet den Blut-Rat Polyphili / so er über Evsephilistum beschlossen / und
  wie er selbigen der Macarien entdecket / auch wie bestürtzt diese antwortet;
dann endlich / wie sich Polyphilus betrogen: Lehret die anfeindende Laster / in
hohen Trübsalen / die mehrenteils / mit der vergifften Süsse / der Verzweiflung
                              / zu locken pflegen.
Wir wollen aber / unser Zeit / nicht mit ihm / verderben / sondern wieder zum
Polyphilo kommen / und sehen / was der vor Rat erfunden. Alsbald er zum
Agapisto kam / eröffnete er ihm / aber unter dem Pfand der Verschwiegenheit /
was ihm Macarie vertrauet: welcher / wegen der Rede / so Macarie mit ihm vom
Polyphilo gehalten / noch immerdar einen Zweiffel / an ihre Beständigkeit /
setzte / und sonderlich in dieser Begebenheit / da er vermeine / Macarie wolle
ihn / mit Höflichkeit / und als gezwungen / abweisen /weil aus allen Reden zu
schliessen / dass sie Evsephilistum mehr liebe / dann ihn / und was sie ihm mehr
erweise / sei eine verfälschte Befriedigung seines Begehrens. Diese Rede setzte
Polyphilum in solche Bestürtzung / dass er nicht wusste / was er dencken sollte.
Wurde gezwungen / Melopharmis / die seine endliche Zuflucht war / in aller Not
/ um Rat zu fragen /welche / nach erkundigter Sache / keine bessere Erlösung
ausdencken konnte / als dass Polyphilus Schwert und Tod drohen solle: die er auch
nicht achten würde / wann sie gleich / wider Verhoffen / sich gegen ihm wenden
sollte. Dann auf solche Art / sprach Melopharmis / werdet ihr Macarien von jenes
Liebe abschrecken / jenen aber von dieser. Das alles billigte Polyphilus um
desto lieber / als sehr er verlangte /entweder mit Macarien friedlich zu leben /
oder ohne sie / rühmlich zu sterben: Doch war das noch ein Anstoss / wie ers dem
Evsephilisto / ohne Schaden und Nachteil der bekümmerten Macarien /
hinterbringen könne. Dann / gedachte er / wird die Tat kündig /was wird man von
Macarien sagen? Was wird selber Evsephilistus für Spott-Reden ausstossen /
welcher zu beförchten / dass er den Kampff abschlage /und mich mit einer
scharffgespjetzten Zungen / mehr verwunde / als er mit Schwert und Lantzen hätte
tun können. Und / welches alles übertrifft / wie wird Macarie / Ach! das zarte
Kind! erschrecken / wann sie deren einen ertödet hören wird / der um ihrentwegen
gestorben: Dieser Vorbedacht hielt ihn wie lange auf: So bald ihm aber die
Erinnerung / der beförchtenden Untreu / seiner Vertrauten / dann der gewisse
Verlust Macarien / zusamt der gewaltsamen Werbung Evsephilisti / aus Hertz
stiess: fieng er an / ja! es kann nicht anderst sein / der Rat Melopharmis muss zu
Werck gerichtet werden.
    Was tut aber der Leid-tragende Agapistus? Er sinnet hin und wieder / kann
aber nichts fügliches ersinnen / biss er endlich den Rat Melopharmis / vor gut
erkannt / dafern er nur klüglich vollbracht werde. Drum sprach er: Mein weniges
Bedencken ist das /wie wir Macarien ausser Schrecken und Schande: Polyphilum
aber ausser Forcht setzen können. Beiden ist geholffen / wann Polyphilus diss
sein Vorhaben der Macarien schrifftlich entdeckt / dem Evsephilisto aber / durch
einen seiner Bekandte / heimlich / und als Polyphilo unwissend / hinterbringet.
Dieses kann hernacher mit der Entschuldigung / als wäre der Hinterbringer / durch
das nichtige Geschwätz / betrogen worden / beschönet bleiben: jenes kann Macarien
/ von der Liebe Evsephilisti abschrecken / dass sie selber Gelegenheit suchen
wird / seiner müssig zu gehen /und Polyphilum zu lieben / will sie nicht eine
Ursach grosses Unglücks und Blutvergiessens heissen. Wohl war das geraten:
Melopharmis nahm die Verwaltung auf sich / Evsephilisto den Schluss Polyphili
kund zu tun: Polyphilus verständigte dessen seine Macarien /mit folgender
Zuschrifft:
                              Allerliebstes Kind!
In was Schmertzen / mein geängstetes Hertz / sich befinde / zeugen genugsam
diese gebrochene Wort / die mit tausend Seuftzern / aus dem / von heisser Pein
brennenden / Grund heraus quillen. Und weil ich keine Stunde / ohne ihr
Andencken / vollbringen kann /auch keinen Schlaf / viel minder einige Freude und
Wohl-sein / bei mir / empfinde; es sei dann / dass ich entweder ihre Gegenwart
mir betrüglich vorstelle /oder sonst meinen Gedancken die willige Freiheit gönne
/ auf die Erlösung unsers / ach! wie grossen Unglücks / zu sinnen: wird sie mir
hoffentlich auch diss nicht verüblen / dass ich so zeitig sie wieder besprechen
darff. Was ich vor ein betrübtes Heimreiten verbracht / lass ich sie selber / als
verständiger / richten: und in wie grosser Betrübnus ich mich täglich ängstige /
zeugen allein meine Seuffzer / von denen ich nicht zweifle / dass sie / meinem
Befehl nach /auch bei ihrem Hertzen anklopffen werden / dann sie sonst die Lufft
/ in so gehäuffter Meng / trüben würden. Aber was tu ich? Ich solt trösten /
und nun klage ich: wie kann ich anderst? wollte der erzürnte Himmel / dass ich ihn
/ mit meinem Tod / befriedigen sollte / wäre ich bereit / Allerliebste!
ihrentwegen zu sterben / und hätte ich volle Genüge / wann nur sie /wieder in
die vorige Freud / versetzet würde. So könt auch mir nichts erwünschters
widerfahren; Dann ohne die leben / so meines Lebens Erhalterin ist / ist selbst
der Tod: sie aber / erwähltes Hertz! in eines andern /und zwar unwürdigen Gewalt
sehen / (O des unmüglich-erleidenden Worts!) ist der erste Grund meiner
Verzweifflung / und muss mein Hertz ehe alles Hertz verloren / auch meine Faust
kein Gewehr mehr führen können / ehe ich solche unverdiente Schmach und
Schmertzen / ungerochen ertragen würde. Solte Polyphilus ein Schwerdt tragen /
das sich nicht freuete /wann ihm der angenehme Befehl erteilet würde /seine
Liebste zu retten? Mord und Tod soll entweder mich in Evsephilisti; oder ihn /
in meine Stelle setzen: Dann das Leben ist uns nur schädlich. Ich weiss
/Hertz-vertraute! dass sie sich hierüber betrüben wird /und erschrecken: Doch
nein / liebt sie getreu / wird sie das ehe fördern / als hindern. Da sie aber
ihrem rühmlichen Namen / den sie allezeit vor alles geschätzt / dieses zu wider
zu sein glaubt / so bleibe sie beständig / und lasse sich / weder durch Macht
/noch List / verleiten / dann ich ihr verspreche / dass /wann sie will / und mir
lieb-gebührend beistehet /mein geringer Verstand allbereit einen solchen Rat
erdacht / der uns aufs nächste erlösen wird: der gütige Himmel gebe ein solches
Werck / als die Hoffnung verspricht. Solte derowegen der Unwürdige / sich ferner
// die jenige zu bestreiten / unterwinden / deren er schuldiger zu dienen wäre /
und glückselig genug /wann er von ihr / mit Höflichkeit / unterwiesen würde /
wie er sein unverschämtes Beginnen hindern solle; sollte der / sag ich / seine
grobe Künheit weiter zu üben / nicht unterlassen / habe ich auch dem ein Gebiss
einzulegen beschlossen / doch so / dass es beiderseits / ohn unsern Schaden /
geschehen kann. Nur das bitte ich / sie wolle mein Vorhaben / durch keinen Verzug
des Berichts / wie sie in dieser Sach zu handeln gesinnet / zu ruck halten. Die
Kürtze der Zeit heisset mich schliessen / und sie / mein Kind! in guter Hoffnung
/ ohne Sorge / zu ruhen anmahnen / auch zu bitten / dass sie mich liebe / dann so
wird der Himmel selber / seinen Zorn / an uns / nicht verüben können / sondern
mir vergünstigen / dass ich hinwieder sei und bleibe / der sie / mein Kind! nicht
kann / noch will verlassen / weil er sich nennet / den
                                                                        getreuen
                                                                     Polyphilum.
In was Verwirrung Macarie / durch diss Brieflein / geführet / können wir nicht
besser / als aus ihrer eigenen Antwort vernehmen / die wir daher setzen wollen.
Das müssen wir aber zuvor bemercken / dass Polyphilus / der getreuen Macarien /
nicht wenig Unrecht getan / in dem er ihr Hertz / in dem Argwohn einiger
Falschheit / oder Liebe gegen Evsephilistum / behielt: das vielmehr Tag und
Nacht darauf bedacht war / ein Mittel zu ersinnen / wie sie sich von jenem
befreien könne. Die Antwort aber war diese:
                                   Mein Herr!
Ihr könnet leicht schliessen / dass ich euer verlangtes Brieflein be gierig
erbrochen / und in der betrüglichen Hoffnung / ob würde ich / durch dasselbe /
Trost und Linderung / in meiner Betrübnus / erhalten / eilfertig durchlesen /
welches aber so weit gefehlet / dass dadurch vielmehr alle meine Sinne
untergeschlagen /und mein / ohne das / entgeistertes Gemüte vollend in
Verzweifflung gesetzt worden / in dem meine unglückselige Augen lesen müssen /
in was heftige Verwirrung euch eure Liebe gestürtzet / und durch was
gefährliche Entschliessung / ihr euch zu retten gedencket; so / dass ihr selber
gestehet / es können solche Wort / mir / nichts als Schrecken / verursachen. Ihr
vermahnet mich zwar ruhig zu sein / unterlasset aber indessen nicht / neue Unruh
zu erregen. Ihr heisset mich ohne Sorge sein / und gebet mir doch tausend Ursach
zu sorgen. Glaube also nicht / dass jemaln ein Schiff / verzweiffelter zwischen
Wind und Wellen geschwebet / als mein ängstiges Gemüt / von Furcht und Hoffnung
umgetrieben wird. Weil ich dann sehe /dass das verhässige Glück gesonnen / mein
arbeitseliges lieben / zum Ziel / seiner grausamen Pfeile zu stellen: als will
ich viel lieber selbst sterben; als andern den Tod verursachen / und weit
sicherer geloben / alle Lieb in Ewigkeit aus meinem Gemüte zu verbannen / und
das schwartze Grab zum Hochzeit-Hause zu wählen / als zugeben / dass einer
Mord-klingen das Richter-Amt aufgetragen / und meine Ehe-beredung mit Blut sollte
geschrieben werden. Derowegen / mein Herr! lasset euch / in diesem Beginnen
/vielmehr die gesunde Vernunft / als den erhitzen Grimm / die Schrancken
setzen / und betrachtet / dass es viel sicherer sei / sich beugen / als
zerbrechen. Fliehet die Ubereilung / welche allezeit eine Mutter ist vieler
Missgeburten / und ergebet den Ausschlag /nicht einem kalten Eisen / sondern der
allweisen Vorsehung des Höchsten / die so unermüdet für unsre Wolfahrt wachet /
und gegen welche weder Gewalt /noch List / noch Glück siegenkan. Haltet euch
versichert / dass ich kein vernünftiges Mittel unterlassen werde / dieses Werck
entweder gäntzlich zu ruck zu treiben / oder da dieses unmüglich wäre / doch so
lang aufzuziehen / biss ich von euch gewisse Antwort erhalten. Zweifle indessen
nicht / ihr werdet auch /eures Teils / die Hülffe befördern / doch durch ein
solches Mittel / das mehr einer klugen Entschliessung / als einer Verzweiflung
ähnlich sieht. Mehr vor dissmal nicht / ohne dass ich bitte / ihr wollet euch
nichts schrecken lassen / und / weil eure jüngste Besuchung / in dieser kleinen
geschwätzigen Insul / so viel ungleiche Reden und Gedancken verursachet /meiner
zu schonen / mich nicht mehr allhie besuchen /damit also den unmässigen Leuten /
die Ursach der Verleumdung möchte entzogen werde: Wir wollen unsre Freundschaft
auch wohl / durch Briefe / unterhalten / oder daja die Gegenwart von nöten wäre
/solche auf meinem Land-Gut suchen; Indessen lebet ihr mit so viel
Glückseligkeit / als ich euch immer wünschen kann / und glaubt gewiss / dass ich
Lebens-lang verbleibe
                                                        Eure beständige Freundin
                                                                        Macarie.
Jetzt wird ja Polyphilus zu frieden sein / weil er so teure Versprechungen
überkommen; nun weiss er ja /dass Macarie sein ist / und sein sein will / dafern
sie nur beide einen Rat erdencken können / der ihr Verlangen beseeliget: und
daran fehlets Polyphilo auch nicht. Aber / O du unglückseliger / in dem höchsten
Glück / und in der grösten Freude / Höchst-betrübter Polyphile! du köntest dich
freilich den seeligsten /durch die gunst-geneigte Gewogenheit / so wohl des
viel-gütigen Himmels / als deiner Treu-liebenden Macarien / grüssen / wann nicht
deine Glücks-Fahne / so oft sie sich aussbreitet / das Creutz der
Widerwertigkeit zeigete. Kaum hatte Polyphilus / mit den erfreulichen Worten /
seine Traurigkeit in etwas gemindert /als Melopharmis / mit so erhitztem Gang /
auf ihn zulief / dass ihr der Atem / so sich zuruck zog / die erschreckende Wort
/ nicht unverstümmelt hervor bringen liess: Polyphile! morgendes Tags wird der
Greiff (so sagte sie aus dem Traum Polyphili / weil sie Evsephilistum nicht wohl
nennen konnte / oder / vor Eyfer nennen mochte) mit Macarien öffentlich
versprochen werden / das mir selbst Talypsidamus hinterbracht.
    Solte wohl ein Donner / so mächtig er auch seinen Strahl führen könnte / das
/ was er anfasset / in so viel Stück zertrümmern / als die Freude Polyphili
zerschmettert / mit Schrecken / dahin fiel. O falsche Macarie! das war das erste
Wort; Untreue Macarie! Macarie! du Prob alles Betrugs! aller Verführung! Ach!
Agapiste! du bester meiner Freunde! Warum hab ich dir nicht gefolget? Warum hab
ich dir nicht geglaubet? O Lasterhafte Betrügerin und betrügliche Laster-Seele
/ die den Leib Macarien regieret! Ach Melopharmis! getreue Melopharmis! sehet
doch / leset doch / was die verlogene Hand an mich geschrieben. Wo ist ein
grösserer Betrug / als der Weibliche! Ach! du beständiges Hertz Polyphili / solt
du mit solcher Untreu belohnet / oder vielmehr verworffen werden? Rehmet doch
hin Melopharmis diesen Brief / und erschrecket über das Lasterhafte Beginnen
deren / die wir vor eine Tugend-Göttin geehret.
    Melopharmis durchsah die Schrifft / und da sie fast zum Ende kam / sprach
Polyphilus: Das ist der Betrug / dass ich Soletten meiden soll / damit ich nicht
erfahre / wie sie mit bösen Tücken umgehet. Aber wart Greiff / ich will dir biss
auf den Felsen folgen /du solt meine Klinge fühlen. Ja / sprach Melopharmis /
tut das Polyphile / aber handelt mit Bedacht. Ihr wisset / dass das viel-züngige
Gerüchtofftermals unsern Glauben betört / so hütet euch / dass ihr nicht
gleiches klagen dörffet. Setzet euch alsobald auf / und verfüget euch hin zu
Macarien / und erinnert sie an die Treue / so sie euch / nach ihrem Versprechen
schuldig. Nimmt sie euch an / so habt ihr / was ihr wünschet: wo nicht / so
suchet / was ihr wünschet / und entfesselt eure Bande / durch den Tod dessen /
der euch zu binden sich unterstanden. Ihr werdet bei Göttern und Menschen /
wegen billicher Rache /unsträfflich erkannt werden.
 
                             Siebenzehender Absatz
   Beschreibet den Gegen-Rat Agapisti / und wie Polyphilus streit-rüstig auf
   Soletten ziehet / aber von Macarien / mit der Wider-Rede seiner nichtigen
  Einbildung / begütiget und erfreuet wird / in dem sie ihn vor allen und ewig
erwählet: Lehret die endliche Vergnügung der Tugend / die / so widerwertig auch
       das Glück spiele / dennoch ewig beglücket bleibet /und ohne Ende.
Agapistus hörte diesen Rat / mit zittrendem Hertzen / an / und suchte
Polyphilum mehr zu begütigen /als der sich höher düncken solle / dann dass er
sein Schwert zucke gegen dem / der ihm nicht Widerstand tun könne / auch seinen
Tugend-Wandel nicht beflecken / durch die Er werbung eines Lasterhaften
Weibsbildes. Aber es war bei Polyphilo aller Schand und Tugend vergessen / so
gar hatte der Blut-erzwingende Rach-Eyfer sein Hertz eingenommen / dass er nicht
ruhen konnte / biss ihm Agapistus sein Begehren verwilligte.
    Da nun gedachter Agapistus merckte / dass alles vergebens war / dachte er auf
andere Art zu helffen /und fiel ihm eben zum grossen Glück bei / dass er anfieng:
Wann ihr dann / Polyphile! dieses aus Liebe gegen Macarien tut / so lasset euch
diese letzte Bitt noch / um derentwillen / begütigen / und höret meinen Rat /
der euch nicht missfallen wird. Ich glaube nicht / dass diss Geschrei wahrhaftig
ist / sondern eine Lufft-Rede. So folget der Erinnerung Melopharmis: und kommt
zuvor / mit Sanftmut / zu Macarien / um zu vernehmen / wie die Warheit stehe.
Besinnet euch aber dabei / dass ihr sie / mit eurer unverhofften Gegenwart /
nicht erschrecket / noch der eiferigen Bitte /in diesem Brieflein verfasset /
ungehorsamlich widerstrebet: sondern entschuldiget eure Ankunft zuvor /mit
einem Brieflein / welches ihr vor euch hinschicken könnet; hernach nehmet fremde
Kleidung an / dass ihr nicht erkannt werdet / und richtet euren Weg dahin / dass
ihr / mit spätem Abend / in die Insul kommet / damit ihr / ohne Wissen einiges
Menschen / sie sprechen möget: Auf solche Art / könnt ihr eurer Forcht / und
ihrem guten Gerücht helffen. Nach dem /als nun der Bescheid lauten wird / könnet
ihr euch versehen / den Greiffen zu fangn / oder zu erwürgen.
    Polyphilus tat allerdings / wie Agapistus sagte /und nahm Gennadam / einen
aus dem Adel / von Hof / der ein frisches Hertz hatte / zu sich; Dann Agapistum
dorffte er nicht mit / gen Soletten führen / weil er dort bekannt war / und
Polyphilus an ihm erkennet wäre. Doch beriet er sich mit ihm / dass er des
andern Tages früh / auf einem grünen Platz / im Wald / der nächst bei der Insul
war / und von Polyphilo wohl benennet wurde / warten / und sich mit Schwert und
Geschoss versehen sollte / dass / so Polyphilus Evsephilistum zum Kampff auffordern
/ und dahin bringen werde / er solchem lustigen Spiel zusehe / und sich des
Siegs freue: da aber der Verlust Polyphilum betreffen würde (wie dann
gemeiniglich das Unglück /bei einer gerechten Sach / am meisten zu wüten pflegt)
Agapistus seine Ehre rette / und die Unbillichkeit / durch das Blut Evsephilisti
/ aufzeichne / und aller Welt kündig machte.
    Nun erkenne ein jeder / was vor Torheit die Liebe begleite / und wie wir
Menschen / von einem Laster in das ander / geführet werden. Wer hätte / vor dem
/einen solchen Blut-Rat bei Polyphilo suchen sollen? Aber das hiess die
Verzweifflung / das gebot die Vergessenheit sein selber. Der Rat ist
geschlossen /und wurde der Anfang der Erfüllung / mit folgendem Brief an
Macarien / gemacht:
                                   Mein Kind!
Weil ich nicht gestatten kann / noch will / dass sie der Greiff raube; ich aber in
glaubwürdige Erfahrung bracht worden / ob sollte morgen die Werbung und
Versprechung / durch gebührende Mittel / geschehen; als bin ich entschlossen /
mit einem zwar unbekanten / aber doch getreuen Freund / noch heut / in später
Nacht / sie zu besuchen / entweder eine fröliche Hülff / oder verzweiffelte
Verlassung zu beraten. Stehet sie bei mir / wollen wir / so der Himmel will
/dem Greiffen auf die Feder klopffen / dass er die Fittich soll hängen lassen.
Ich lasse sie nicht / und kann sie nicht lassen / sollte mir die ganze Welt
widerstreben: Weiss ich doch / dass ich einen gnädigen Himmel habe. Aber / mein
Kind! bleibet getreu / und lasset euch nicht verführen / wolt ihr anderst nicht
/ dass meine tödliche Seufftzer ein ewiges Weh / über eure Untreu / schreien /
und euch die Ursach meines Verderbens / nach Verdienst / beilegen. Zugegen / so
es dem Himmel gefällig / ein mehrers / der wird uns einen Rat geben / welcher
entweder ein seeliges Lieben / oder einen frölichen Tod würcket / und wird sie
mir endlich noch die Gnade verleihen / dass ich den Ruhm hinter mir lasse / meine
Treu habe mich ihrentwegen sterben heissen: der ich noch / so lang sie begehrt /
/ leben will / und lebe / ihr
                                                              getreu-beständiger
                                                                     Polyphilus.
So bald der Brief verfertiget und verschlossen / wurde er Talypsidamo
zugeschickt / mit der Erinnerung /dass Polyphilus heute bei Macarien sein werde
in fremder Bekleidung / aus Ursach / die er in diesem Brief / durch Vertrauung
Macarien / verstehen werde /darum er solchen derselben unverzüglich einhändigen
/ und sie seiner heut gewiss zu erwarten / versichern solle. Nach dem bereitete
er sein Gesch oss / so viel er und Gennadas mit sich führen sollte; er probirte
sein Schwert / ob es daurhaft und scharff; nicht dass er daran zweiffelte /
sondern wegen des erhitzen Eyfers / der gewünschet hätte / dass er den Greiffen
allbereit damit zerhauet / und niedergelegt. Weil aber /nach dieser Verrichtung
/ gleichwol die Sonne am Himmel noch zu hoch spatzierte / so / dass er zu früh
auf Soletten gelange / wann er schon aufsitze / liess er sich nieder an seinen
Tisch / und setzte folgendes Gedicht zu Papier:
Soll uns denn / ach liebstes Kind! unser beider liebes Lieben
unsre Lust und unsre Freud /
werden ein betrübtes Weh / und ein weh-geklagt Betrüben;
ach! ein lauters Hertzenleid?
weil du nun must feindlich scheinen /
weil ich dich muss heimlich meinen.
Ist das eur verbosster Neid / ihr verfluchte Ungtücks-Wellen!
ist das eur betörter Grimm?
Dass ihr mich und meine Freud / samt der ihren wollet fällen /
dass ich meine Liebes-Stimm
soll in Hass und Mord verkehren /
weil ihr mir wolt Liebe wehren.
Hab ich das um euch verschuld? hab ich nicht getreu geliebt
und von Grund des Hertzens mein?
Hab ich nicht / was ich getan / aus getreuem Sinn verübet?
warum soll ich straffbar sein?
warum soll ich jetzo darben?
und ein andrer binden Garben?
Dencke selbst / du falsches Glück! wie du mich so schmertzlich quälest /
wie du mich so peinlich plagst?
Wann du jene Gegen-Gunst anderwerts / nicht mir vermählest /
sondern ganz und gar versagst /
weist du nicht / dass ich muss sterben /
und / eh das geschicht / verderben.
Ach! warum dann / falsches Glück! falsches Glück / warum dann sterben?
weil sie mir entnommen wird:
Ach! warum dann / falsches Glück! falsches Glück / warum verderben?
wann ein fremder sie entführt:
ja so muss ich ganz verderben:
ja so muss ich alsbald sterben.
Aber / Einfalt! hüte dich: warlich du must eh erfahren /
was ich in dem Schilde führ:
meinst du / dass ich Schwert und Gift / und was sonsten hilfft / will sparen /
eh ich sie verlasse dir /
Du must mich / ich dich vertreiben:
einer nur muss übrig bleiben.
Du nur / schönstes / liebstes Kind! lass dich nicht von mir abwenden /
dencke deines Liebsten noch /
der dich schützen wird mit Macht: führen dich bei seinen Händen
aus dem hart-bestrickten Joch:
der nicht ruhen kann / noch schlaffen /
biss er dir wird Hülffe schaffen.
Nunmehr war es eben Zeit / dass er fortreisete / so lasst uns erst seine Kleidung
besehen. Sein Antlitz verstellete ein schwartzes Haar / und den Leib bedeckte
ein langer Rock / mit geschürtzten Hosen. Die Seiten bewahrete das Schwert /
welches dem Evsephilisto den Tod drohete. Seine Arm waren umwunden mit Banden /
desgleichen der Leib / indem die Seele /mit Gift und Grimm gebunden lag. An dem
Hals ging ein gespjetzter Flor herunter / biss über die Brust / und die Füsse
waren / mit dem Leibe / in gleicher Verkleidung / alles solcher Art / dass mans
an Polyphilo nie gesehen / und also eben wenig erkennen konnte.
    So fähret er nun auf Soletten zu / Blut zu holen. Denn das waren seine
Reise-Gedancken / der erste Anblick Evsephilisti / soll der Pulver-Blitz; der
erste Gruss / der Kugel-Donner; und die Reverentz / die Spitze meiner Klingen
sein. Aber wie viel ein anders hatte der gütige Himmel beschlossen. Das richtete
Polyphilus aus / dass die unschuldige Macarie sehr erschrocken wurde. Denn da ihr
Talypsidamus den Brief reichete / und Polyphili Gegenwart verkündete /fehlete
nicht viel / sie wäre / vor Entsetzen / entgeistert worden. Ach! fieng sie an /
ich unseelige / wie muss meine Liebe so verbittert / und meine Hoffnung so
zerstöret werden. Liebster Polyphile! Wer hat euch doch so übel berichtet /
warum glaubt ihr so leicht /zu meinem Verderben? Haltet ihr meine Treu nicht im
bessern Glauben / verchret ihr meine Beständigkeit mit solchem Zweiffel? Ach!
was werd ich wieder leiden müssen / wann man sagt / Polyphilus ist abermal bei
Macarien gewesen?
    Talypsidamus erschrack über die heftige Bewegung / der halb-grimmigen /
Halb-betrübten Macarien / und tröstete sie / dass er von niemand würde erkannt
werden / auch in einem ganz fremden Gast-Hof einkehren / da man ihn nie
gesehen. Als Talypsidamus noch so redet / kommt Gennadas / die Ankunft
Polyphili zu verkünden. Was vermag die mächtige Liebe nicht? Da Macarie hörete /
Polyphilum so nahe zu sein / vergass sie alles Leids / und wünschte ihn nur zu
sehen.
    Wir wollen uns nicht aufhalten / in Beschreibung aller deren Umstände / die
sich so lächerrlich / als kurtzweilig begeben / in dem er den Wirt / da er
eingekehrt / um Macarien fragte / und die Antwort überkam / dass sie in Liebe
lebe / mit einem von Sophoxenien / Namens Polyphilum; dessen Person er / dem
Polyphilo selbst / von Haupt biss zu Fuss / beschreiben musste / auch seine
Tugenden und Missfälligkeiten erklären! deme dann Polyphilus / mit grosser
Ergötzung / zuhörete / auch mitten in seinem Leiden: sondern / wir wollen
Polyphilum zu Macarien führen /die ihn / mit solchen Worten empfieng: Was habt
ihr vor unnötige Sorge? Polyphile! Mein Kind! was quälet euer Hertz vor ein
nichtiger Wahn? wem solt ich mich anderst vertrauen / denn dem einig-erwählten
Polyphilo: mit wem soll ich morgen Versprechung eingehen? mit Polyphilo: Ja /
das will ich tun; aber keines Wegs mit einem Greiffen / dann das ist ein
Raub-Vogel. Seid ihr noch bekümmert / Polyphile: Sehet da / hie bin ich / eure
Macarie / nehmet mich mit euch / wollt ihr meiner Versprechung nicht glauben.
Euch will ich lieben / und sonst keinen. Wer hat euch so fälschlich berichtet?
    Polyphilus wusste nicht / was er dencken / was er glauben / was er antworten
sollte; so bestritte der Zweifel alle seine Sinne / dass er fast einfältig fragte:
So wird Macarie morgen Evsephilisto nicht versprochen / nicht vertrauet? Das
Macarie nicht mehr mit Worten bekräfftigen / sondern in dem Werck / zu erweisen
suchte. Deswegen sie ihn anfassete / und den endlichen Schluss / so wohl ihrer
Liebe / als dieser Beschreibung des ersten Teils / mit einem Kuss versiegelte /
und mit der Hand gelobte / dass / ausser Polyphilum / keiner ihrer Liebe
geniessen / viel weniger ihr Liebster heissen sollte. Darum ihr / Polyphile!
sprach Macarie / zu frieden sein / und die Zeit unserer fernern Ehe-Vergnügung
benefien / und alles nach eurem Gefallen anstellen möget / dann ich bin Eure
/und ihr seid Mein. Nun dörfft ihr öffentlich lieben.
    Polyphilus / im höchsten Grad der Freude / hertzte hinwieder seinen Schatz /
und danckte dem günstigen Himmel / der ihn zuvor in so tieffe Bekümmernus
gestürtzet / dass er ihn desto mächtiger erfreuen könne /deswegen er seine Güte /
mit solchen Worten / rühmete:
Nun habe / Himmel! Danck / vor deine reiche Güte /
nun stürme / wer da stürmt / und wer nur wütet / wüte;
mein Schatz! nun bist du mein: mein bist du / Schatz! nicht dem /
den ich befürchten must / dass er dich mir entnehm.
Nun freu dich / Freude selbst; selbst Freude jauchze / springe /
weil ich von nichts / als Lust / jetzt dichte / rede / singe.
Nun hab ich mein Begehr / nun hab ich meine Lust /
nun wird / mein Schatz! dein Sinn / bald näher sein bewust.
Nun wird mir / Schatz! dein Schoss zum sanften Lager werden /
nun bist du / Liebste! mir die Liebste auf der Erden
und in der ganzen Welt. Weg / weg mit allem dem /
was mich von dir verführt: dich nur / mein Schatz! ich nehm.
So nehme nun Polyphilus seine Macarien / und lebe mit derselben / in solchem
Segen / wie ihrer beider Tugend verdienen. Geniessen auch so grosses Glücks /
als viel sie Unglück erlitten / und werden /nach so langwürigem Regen / von den
gnädigen Göttern / nun mit einem immerwährenden Sonnenschein /das ist / Glück
und Ehre / bestrahlet. Sie leben in Friede / und geniessen ihrer Lust / in Ruhe.
Das wollen wir ihnen zwar hie wünschen / wird aber nach vieler
Unglücks-Bestürmung (davon der andere Teil ein mehrers berichten wird /)
erfüllet werden. Andere aber mercken / an dem Exempel Polyphili / Kunst und
Tugend zu erringen / und lassen sich / durch die rauhe Wege / nicht hindern /
noch von der begleitenden Widerwertigkeit / abschrecken / sonderen / siegen mit
Polyphilo / werden sie auch mit ihm gekrönet werden. Und welcher das erlittene
Unglück Polyphili bedauret: die Beständigkeit aber verwundert: der gönne ihm
/für beides / einen Wunsch fernerer Glückseligkeit /und helffe ihm / seine
vertraute Macarien / als die Kunst- und Tugend-Göttin / preisen; so wird er
gewisslich / mit Kunst- und Tugend-Lohn / begabet werden. Und wird ihm / ein
jeder / den Ruhm fingen / wie Agapistus / mit freudigem Hertzen / Polyphilo / in
folgenden Strophen / gesungen / da er von der Freude Polyphili / seines
ewig-geliebten Freundes / Bericht erhalten:
So hat seinen Wunsch erfüllet
meiner Liebsten liebster Freund:
sein Verlangen eingehüllet /
wo die Liebes-Kertze scheint:
die die Freude hat entzündet /
da man keine Schmertzen findet.
2. Nimm / Polyphile! die Seele
deiner Seelen / deine Freud /
dass dich fortin nichts mehr quäle /
nun du diese hohe Zeit
hast / mit deinem Glück / bekrönet /
sie / mit Ehren / dich beschönet.
3. Was will nun der Greiffen-Schnabel?
wetz er / wie er immer kann:
fahr er / auf der Ofen-Gabel /
oben aus / und nirgend an /
du hast seinen Raub genommen /
er ist viel zu späte kommen.
4. Das / das machet deine Tugend /
dein Verstand und deine Kunst:
die dir / in so früher Jugend /
hat erworben diese Gunst:
Dass du / mit den zarten Wangen
deiner Liebsten / könnest prangen.
5. Will die Einfalt dich bestreiten?
fordre sie / mit List / heraus:
will die Grobheit sie begleiten?
gib ihr eines auf den Strauss:
wie du / Liebster! schon gegeben /
dass du könnest sicher leben.
6. So muss der die Ehre führen /
der der Ehren wehrt erkannt:
Tugend muss sich selber zieren /
fordern keine fremde Hand:
Deine Freude wird dich können
selber / durch sich selber / nennen.
7. Was soll aber ich nun machen;
ich / der treue Agapist:
der / in diesen Liebes-Sachen /
der getreue Bote ist:
Ich? Ich soll ein Liedlein singen /
und euch beiden Glücke bringen.
8. Nun so / Glücke! sie beglücke /
die beglücket worden sind:
Unbeglücktes Glück zu rücke
weiche / schleiche Wind-geschwind /
Er und Sie muss frölich leben /
Glück und Ehr / um Freude geben.
9. Du Polyphile! nicht dencke
mehr an das bestürmte Meer:
Dich nicht mehr zu Wasser sencke /
fleuch / entsteuch dem Vogel-Heer
lass die Tempel ruhig stehen /
nun du sie hast durchgesehen.
10. Sieh / besiehe du die Zierde
deiner eignen Tugend-Ehr;
und bezähme die Begierde,
durch der Liebsten Gunst und Lehr.
Alles Unglück Gott abwende /
so hats ein erwünschtes
                                      ENDE
 
                                Der zweite Teil
                             Durchleuchtigste Fürstin
                          Gnädigste Fürstin und Frau!
So löblich / billig / und nützlich es ist / wann kluge /geschickte und erfahrne
Manns-Personen / ihre herrliche Gaben / in schönen Büchern ans Liecht stellen
/und durch zierliche Beschreibung der Wissenschaften und Tugenden ihre gelehrte
Frömmigkeit der offenen Welt zu lesen geben / so vermessen und sträfflich
scheinet es hingegen / wann Weibliche Hände / die (weiss nicht / soll ich sagen
von Natur / oder aus einer unbilligen Gewonheit) zu öffentlichen Schrifften in
gemein untauglich gehalten / und mehr der Erlernung / als Unterrichtung der
Weissheit / mehr der Ausübung als Beschreibung der Tugenden / fähig geachtet
werden / sich denen Männlichen an die seite setzen / und ihrem
gemeinlich-mangelhaften Kiel die Freiheit des Ausfliegens gestatten. Ich will
dissmal nicht streiten / wie fern dieses Verfahren zu billigen oder zu verwerffen
sei / sondern überlasse es E. Hoch-Fürstl. Durchl. hohem und gerechten Urteil.
Weil mich aber / der Gehorsam gegen unsrem Schäfer-gelübde / auch in so
scheinbares Verbrechen gewickelt / habe ich / solches zu entschuldigen / und von
einer schnellen Verdammung zu befreien / gegenwärtige / zwar kühne / doch
untertänigste Zuschrift erwehlet: nicht etwan einiger Ungerechtigkeit / unter
E. Hoch-Fürstl. Durchl. teurwürdigstem Namen /die Sicherheit zu suchen /
sondern unter Dero Gnad-Flügeln / wider die halsstarrige Unterdruckere und
hochmütige Verächtere des Weiblichen Geschlechtes zu streiten / und den Befehl
unsers Ordens / in Ausfärtigung einer Teutschen Kunst- und Tugend-Schrift / zu
verteidigen. Unter einem dapfern Heerführer / wird auch ein sonst-verzagter
Soldat beherzt zum fechten: also fürchte ich / unter einer stäts-siegenden
Durchleuchtigsten Heldin / keine Gefahr der Niederlage. Weil nun / ein kühnes
Beginnen / eines grossen Schutzes vonnöten hat / als hat sich auch meine
übel-aufgeputzte Macarie / nicht anderst / als unter E. Hoch-Fürstl. Durchl.
mächtiger Beschirmung / vor das angesicht der tadelsüchtigen Welt wagen wollen.
Nächst deme / Durchleuchtigste Prinzessin / habe ich hiermit meinen demütigsten
Dank vor die hohe Begnädigung / mit welcher E. Hoch-Fürstl. Durchl. mein
einfältiges Zuruf-Gedicht bei dero höchst-verlangten Ankunft und Hoch-Fürstl.
Heimführung /aufgenommen / zu dem Saum dero Rockes legen sollen. Was Dorilis
damals über Verdienst genossen /dessen suchet die dankbare Macarie / hiermit ein
untertänigstes Preis-Andenken zu stiften: der untertänigsten Hoffnung / es
werden E. Hoch-Fürstl. Durchl. wie den Glückwunsch / also auch die Danksagung //
ihrer gnädigen Augen würdigen. Ein Weg /der einmal sicher betretten worden /
machet auch das andere mal eine glückliche Reise hoffen. Und wo sollte die Kunst-
und Tugend-gezierte Macarie billiger Herberge suchen / als bei E. Hoch-Fürstl.
Durchl. die da / so zu sagen / ein Meer sind / darein alle Flüsse und Bäche der
Tugend und Weissheit zusammen geflossen. Macarien Hirtenstab / suchet hohen
Obschutz unter E. Hoch-Fürstl. Durchl. Zepter / und bei deroselben gnädigste
Vergebung für die allzukühne Dorilis / dass sie / der sonst furchtsamen Macarie /
den Weg zu Dero Trone gezeiget. Weil Macarie von der Tugend redet / als fürchte
ich / wegen deren Ubergebung / von einer höchst-Tugendhaften Fürstin keine
Straffe. Wie aber die Tugend die Glückseeligkeit zur Nachtretterin hat / als
gibe der Tugend-geflissenen Macarie an E. Hoch-Fürstl. Durchl. ich den
untertänigstertzinnigst getreuen Wunsch mit / dass dieselbe von Himmel mit dem
Uberfluss alles Hoch-Fürstlichen Glückwesens / nach Dero selbsteigenem hohen
Wunsche / mögen überschüttet werden: demütigst bittend /in hoher Gnade gewogen
zu verbleiben /
E. Hoch-Fürstl. Durchleuchtigkeit /
                    als meiner gnädigsten Fürstin und Frauen
Bayrsdorf den 25.
August-M. im 1673.
Christ Jahr.
                                                      Untertänigst-gehorsamsten
                                                                            Magd
                                                                        Dorilis.
 
                                   Vor-Anrede
Obwol die Edle und schöne Tugend / wegen ihrer Vollkommenheit und Würde / billig
/ von allen Menschen der Welt / sollte geehret / geliebt und bedienet werden /
so sihet man doch öfters / wie die törichte Sterbliche / dieses Göttliche Kind
verjagen / die Tür ihres Hertzens vor derselben zuschliessen / und an ihrer statt
/ den schänd- und schädlichen Lastern / als ihren ärgsten Todfeinden / herberge
geben: dass also die verlassene Tugend gezwungen wird / zuweiln ihre gewönliche
Ehrwürdige Kleidung auszuziehen / und in einem bunten und frölichen Rock zu
erscheinen /damit sie / in so fremdem Habit / von den verblendten Seelen
eingelassen werden / und dieselben / als ihre eigentliche Wohnung / von den
aufrührischen und verdammlichn Wollüsten reinigen möge. Einer solchen
Verstellung / bedienet sie sich auch in gegenwärtigem Büchlein / da sie / unter
das Honig einer anmutigen Liebes-Geschicht / ihre heilige Lehren verstecket / üm
solche den Lustliebenten Gemütern beizubringen und süsse zu machen. Und damit sie
desto leichter ihren vorgesetzten Zweck erreiche / hat sie ihr gefallen lassen /
diese Liebes-Beschreibung / einer Weibs-Person anzubefehlen: entweder / dem
Neuheit-begierigen Leser / durch so ungemeinen Kiel sich angenem zu machen; oder
/ weil von ihrer vielen das Weibliche Geschlecht / in Uberwindung der Hertzen
und Beredung zur Nachfolge / geschwinder und glückseeliger / als das Männliche
selber / geschätzet wird. Zwar / dass meine Wenigkeit sich erkühnet / in einer so
wichtigen Handlung zu arbeiten / scheinet deren glücklichen Ausgang nicht wenig
zu verhintern: angesehen meinem untauglichen Pinsel / zu Abbildung der
allertrefflichsten Tugend / Farbe und Kunst mangelt / und die alleredelste
Früchte / wann sie in grob-hölzernen Schalen vorgetragen werden / ihren hohen
Wehrt verächtlich machen. Aber mein höflicher Leser! ich bilde die Tugend: deren
blosse Linien alle Zuneigung und Ehrerbietung verdienen. Und ob meine Schale
unzierlich / so ist doch derselben Holz selten / und die Frucht / so sie
darreichet / köstlich. Zerreisset ihr den Abriss / so möchte die Tugend üm
solchen Schimpf eiffern. Wann ihr auch die schlechte Schalen zerbrechet / so
müssen die herrliche Früchte hinfallen und verderben. Derowegen liebt den
Schatten / wegen des Körpers / und das Gefäss / wegen des Schatzes. Entschuldiget
meine Unwissenheit / mit dem Mangel / auch der aller geringsten Unterweisung.
Vergebet meiner Künheit / in Betrachtung des guten Vorsatzes / und gönnet diesem
unwürdigen Büchlein /die unterste Stelle bei euren gelehrten Schriften / auch
die kürzeste von euren müssigen Stunden: damit ich Ursach habe / eure
Höflichkeit zu rühmen / eurer Gütigkeit zu danken / und unter dem Schatten eurer
Leutseligkeit und Gedult / ferner kentlich zu machen /
                                 Die Schäferin
                                                                        Dorilis.
 
                               Floridans Antwort
                     An die Edle Dorilis / Bei Ubersendung
               Des Lorbeerkränzchens und Blumgenosschaft-Bandes.
                                    A. 1668.
Wem sollte nicht die Poesy belieben /
jetzund da sie von Händen wird getrieben /
die zart und weiss wett-schönen mit dem Schnee?
Wann ich zurück in alte Zeiten geh:
Uns war genug / wann unser Reimen-wesen
von Hirtinnen / von Nymfen / ward gelesen;
der liebste Dank / vor alles / was man schrieb /
war / wann ein Vers war schönen Augen lieb.
Was wird man dann / die wir vorhin gern küssen /
der schönen Hand für Ehre antun müssen /
die selber schreibt / was uns entzücken kann?
kein Wunder ist / wir beten sie gar an.
Zehlt unsre Zeit nicht manche Prinzessinnen /
viel Nymfen auch und kluge Schäferinnen /
Solt der Parnass iezt nicht in Teutschland sein?
die Musen ja sich häufig finden ein.
Wir dörfen nicht erdichten Berg' und Brunnen:
vom Noris-Fels ein Claros komt gerunnen.
Nicht Pegasus / Pegnesus giest ihn aus:
sein Rand ist ja der Pierinnen Haus.
Ihr / Dorilis! seit dieser Schönen eine /
die Dorus nun bald nennen wird die Seine /
der wehrte Hirt. Ihr Preis von unsrer Zeit!
ich hab nicht Farb zu mahlen meine Freud /
ob eurer Zier. Ich denk zurück an Jahre /
(es ist sehr lang) als ich üm euch oft ware.
Ich / noch ein Knab / sah euch ein schönes Kind.
Im Denken wir auch noch die Nachbarn sind
am Tische dort: da euer süsses Lachen
uns alle Kost zu Zucker konnte machen.
Ihr glaubt recht: noch ehr' ich diese Stund /
den dazumal-gemachten Freundschaft-Bund.
Ich werd ihn auch / und Euch / ô Wertste! ehren
in reiner Treu / so lang der Geist wird währen /
der mich beseelt. Und wer euch ehret nicht /
den hat gewiss der Titan zugericht
aus schlechtem Schlamm. Ist dann nicht euer Herze /
der Tugend Haus? tragt ihr / der Weisheit Kerze /
nicht im Verstand? ist Schönheit nicht der Wirt /
der seinen Gast / die schöne Seele / ziert?
Fürtrefflichs Kind! Ihr schreibet solche Sachen /
die schwerlich euch wird eine Hand nach-machen /
die männlich ist. Euch redet lang nit gleich
manch stolzer Mops / der an Einbildung reich /
doch arm an Geist / sich bei sich selber nennet
den Föbus selbst: den man doch anderst kennet /
dass er sonst nichts / als Marsyas nur / sei;
ihm legt kein Lob / als nur ein Midas / bei.
Der muss mir je ohn Seel ein Körper heisen /
der ein Gedicht / das ohne Geist / darf preisen.
Nur / jedem Ding / die Seel das Leben gibt.
So ist dann todt / wer todte Sachen liebt.
Ihr / was ihr schreibt / ja! das hat Geist und Leben.
Nemt / Dorilis nemt hin! ich muss Euch geben
das Ehren-Laub / das vor uralter Zeit
hat die bekrönt / die im Olymper-Streit
den Sieg erlangt; das diesen krönen musste /
der künstlich schrieb / und obzusiegen wusste
im Dichter-Kampf. Auf euch fällt jezt die Wahl:
Komt / tretet mir in der Gekrönten Zahl /
seit unsre Kron. Mit euch die Pegnitz pranget /
an der ihr nun so lang so trefflich sanget.
Komt dann zu uns in ihrer Hirten Schaar:
die denken euch zu ehren immerdar /
worzu sie sich mit diesem Band verbinden.
Reicht her die Hand / die schönste / so zu finden:
lasst diesen Schnee dem euren wohnen bei /
und eine Seide bei der andern sei.
Diss weisse Band / der Treu-Genosschaft Zeichen /
soll euch ein Bild von einer Seele reichen /
die euch hält wehrt / und liebt den / der euch liebt.
Seht hier die Blum / die euch der Orden gibt.
Vergiss mein nicht! will er dadurch euch sagen.
Ihr werdet fort in dem Gedächtnis tragen
des Ordens Zweck: Gott / Sprach und Poesy /
zu heben hoch / durch eure schöne Müh.
Die bässre Welt wird Euer nicht vergessen /
wann euch schon wird das kalte Marmor pressen.
Der Himmel auch vergess nicht meiner Bitt:
mit schönem Glück euch / Schöne / überschütt!
 
                        Ehren-Zuruff der Blum-genossen.
Tulpe / Sonn des Erden-Himmels /
Fürstin in dem Garten-Flur /
schönes Sinnbild der Natur /
Herzogin des Blum-Gewimmels /
Ach! wie manches Wetter-Ubel
Nässe / Kälte / Windes-Sturm /
Bisse von dem Regen-Wurm /
fühlet deine teure Zwiebel:
eh sie in dem lauen Lenzen
breitet aus das Pfauen-Rad /
und mit bunt-gestriemtem Blat
zeigt ein gestirntes Glänzen.
So ein Tulpe ist die Liebe.
Da sie noch verborgen war /
bei Dir / Tugend-edles Paar /
must sie fühlen manches Trübe.
Ihre Wurzel ware bitter /
angenagt vom Neides Wurm /
hart bestürmt vom Unglück-Sturm
und dem Trenen-Ungewitter.
Jetzund hat die Himmel-Sonne
sie mit Freuden angelacht /
und zur Blüte reif gemacht:
dass sie weiset lauter Wonne.
Nunmehr steht sie ausgebreitet
mit dem Kunst-gezierten Blat.
Auf sie werde deine Gnad /
Himmel / ferner fortgeleitet!
                                                           Wie herzlich wünschet
                                                                       Magdalis.
 
Was reisst sich / vor die Sonn in offnen Truck zu tretten!
Komts von der Dorilis / der teuren / zarter Hand!
Die nicht allein / wie wir / den Musen lebt bekandt:
Verwandt-sein / nützet mehr / mit Diamanten-Ketten
der holden Gratien. Sie tun daran auch recht:
Die Venus liebt mehr / wie billig / ihr Geschlecht.
                                                                        Palämon.
 
Dorus heisst ja wohl-begabt /
weil Ihn lobet / liebt und labt
Dorilis mit ihren Gaben /
welche Geist und Feuer haben.
Nicht nur Er gibt Kunst-Getöne;
Sie singt auch / die Tausendschöne.
Also flammen recht zusammen
Beeder Leib- und Geistes-Flammen!
Lieb- und Sinnen-bruten heckt
Sie / von Musen angesteckt.
Als / nach langem Wunsch-Verlangen /
Föbus Dafnen hatt' umfangen /
fühlt' er eine kalte Rinde
über seinem stummen Kinde.
Besser seh ich hier erwarmen
Dorilis in Dorus Armen.
Sie feirt nicht umsonst-gekrönt;
in die wett mit Ihme tönt:
kann zugleich das Wech sel-küssen
mit dem Lieder-klang versüssen.
Dorus! sagt / ob wir nicht können
Recht Macarie sie nennen?
Weil sie Euch so frölich-ehlich
machet auf der Erd schon seelig.
                    Dieses schriebe die Ehr-schuldige Feder
                                                                         Damons.
 
Bringt güldne Aepfel her! es muss auch einen haben
Die Edle Dorilis / die güldne Worte schreibt.
Wann Dorus Paris wär / würd er damit begaben
die Schöne / die so klug / die ihm auch ist beweibt:
Drum Er beisammen findt in Ihr die drei Göttinnen.
Die Parcen müssen Ihr ein güldnes Leben spinnen.
                                                                     Polyantus.
 
Er urtelt falsch / wann der Vernünftling schwermet /
dass die Natur in eines Weibs Geburt
vom rechten Lauf der Ordnung abgespurt.
Das artet wohl / was also wohl geförmet?
Nicht nur der Leib; es schönet auch der Geist.
Die Trefflichkeit von Dorilis hier gleist.
                                                                        Amyntas.
 
Verkriechet euch / ihr Reimer / ihr Verschlaffne!
Ihr werdet nun zum zweitenmahl bekriegt.
Macarie hat einmal obgesiegt:
Jezt kommet Sie / dass Sie euch ganz entwaffne.
So krieget auch die Sieg-gewohnte Dafne /
um welche sich noch jezt Apollo schmiegt;
so Magdalis / die an die Sterne fliegt;
so Silvia / die schön von Gott geschaffne.
Bleibt ihnen dann der Kunst-Dank und Gewin:
so leg auch ich die kalte Feder hin.
Wo Claros tränkt / wer schöpft aus Aretusen?
Hat / Dorilis! der Himmel dich erwehlt:
was wunder ists? weil deine Brust beseelt /
was unsre Lust / vier Gratien / zehn Musen.
                 Der in Macarien abgebildeten Dorilis zu ehren
                                                                     schriebe es
                                                                      Poliander.
 
So tut hier Dorilis / was dort Mornille tut
an meinem Pregel-Strand: sie sind Kunst-Dichterinnen.
Das Laub ist hier zu schlecht: Man schmelze in der Glut
von Fein-Gold einen Kranz / für diese Parnassinnen.
                             Zu Dienst-Ehr-Andenken
                                 täte es hinzu
                                                                       Prutenio.
 
             Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIE. Andern Teils
                                        
                                  Erstes Buch.
                                 Erster Absatz
  Polyphilus kehret von Soletten wieder nach Sophoxenien / besinget die Treue
seiner Macarie. Talypsidamus lässt ihn zu einem Gastmal nach Soletten ersuchen:
Das ihm von Atychintida widerrahten wird. Sein Schreiben deswegen an Macarien /
                und seine Klage. Der Macarie Gedancken hierüber.
Es hatte das Gold-gläntzende Wolken-Liecht / mit seinen durchdringenden Stralen
/ nunmehr seine Pfeil-geschwinde Reise wieder zu rück genommen / und dem
Hitz-ermattenden Sommer das Ende / dem Frucht-bringenden Herbst aber den Anfang
gesesetzet. Des Ackermanns Hoffnung schiene mehrenteils erfüllet zu sein. Den
Feldern war ihr gelbes Haar abgeschnitten / und die belasteten Bäume reichten
ihre reiffe Früchte / allen vorbeigehenden / zu brechen dar: Als der verliebte
Polyphilus / aus der Insel Soletten / in welche ihn der Zorn gejaget / von der
Sanftmut bekleidet / wieder nach Sophoxenien kam. Er ward von Melopharmis /
auch von Agapisto / die auf seine fröliche Wiederkunft mit brünstigem Verlangen
gewartet / freundlichst empfangen: Welche ihn /(nachdem er die Nutzbarkeit
seiner Reise / zu deren ihn ein falsches Geschwätze verleitet / erzählt /
seiner Macarien Beständigkeit gerühmet / und dem Agapisto vor seinen
wohlgemeinten Raht gedanket /) in höchster Stille / in sein gewönliches Zimmer
begleiteten / und allda auszuruhen ermahneten.
    In einer Löwenhaut war er daselbst ausgezogen /und in einem Lammsfell kehrte
er wieder dahin. Feindseeligkeit hatte er gesuchet / aber Liebe gefunden.
Welcher angenehmer Wechsel ihm dann dermassen vergnügte / dass er sich selbst vor
den Seeligsten unter der Sonnen / und seinen Sieg für unvergleichlich schätzen
dürffte. Ach / beglückter Polyphilus! (sagte er wider sich selbst /) welche
Zunge wird die Hoheit deines Glücks ausreden / oder die Herrlichkeit deines
Siegs genüglich erzählen können? Alle Gefahr ist nunmehr überwunden /
Eusephilistus verjaget / Macarie gewonnen und deiner vielfältigen Kriege
erwünschte Beute worden. Es muss der prächtigste Uberwinder deinem Siege weichen
/ hätte er auch die vesteste Schlösser und gewaltigste Städte erobert /und könnte
tausend Gefangene im Triumfe führen: Weil doch seine Beute vergänglich / sein
Glück wandelbar / / und daher nimmermehr mit der unsterblichen Weissheit /
weniger der immergrünenden Tugend / auf gleicher Wage stehen kann.
    Aber / sieghafter Polyphilus! wie viel Bestreitungen hat deine Liebe
überwunden / biss sie den verlangten Preis erlanget? Wie manche tunkle Wolcken
hat dein Verlangen benebelt / ehe sich das fröliche Angesicht der Sonnen wieder
gezeiget? Und was vor stürmende Winde haben deine Begierden verfolget / ehe sie
den erwünschten Port erreichet? In Warheit / die Unbeständigkeit des wankenden
Glückes / pfleget sich am allerkräfftigsten in der Liebe zu zeigen / und die
Verliebten / wie einen Ballen / bald auf / bald nieder zu werffen. Welcher
Liebhaber kann sich rühmen /dass er allezeit ergötzet / und niemals betrübet
worden? Solte ich die Zufälle meiner Liebe erzählen /müste ich gewisslich
bekennen / dass sie mir mehr Wermut als Hönig zu kosten gegeben. Aber euere
Freundlichkeit / allerschönste Macarie! ist kräfftig gnug / auch die
vergallteste Bitterkeit zu versüssen /und das angenehme Küssen eures
holdseeligsten Mundes / ist würdig / deswegen die peinlichsten Schmertzen zu
dulten. Ach allergetreuste Macarie! eure Beständigkeit ist weit grösser / als
ich habe glauben oder hoffen können. Wie ungerecht habe ich doch eure Tugend in
Zweiffel gezogen! wie unbillich habe ich euch wegen Wanckelmut angeklaget!
welche Straffe wird meine Vermessenheit aussöhnen? Ach vergebet /
allersanftmütigste Macarie! nach eurer angebornen Güte / die Lästerung / welche
der ergrimte Eyfer / aus meinem unbedachtsamen Munde gestossen. Ich werde mich
künftig mit allen Kräfften bemühen / euere Tugenden zu rühmen / und euere
Beständigkeit zu erheben.
    Mit diesen Worten ergriffe er die Feder / und setzte / seiner Macarie zu
Ehren / folgendes Lied.
                                       1.
Nun ich deine Gunst erlanget /
Nun mich liebt d ein treuer Sinn /
Und ich ganz versichert bin /
Dass kein Fremder mit dir pranget:
Will ich deine Tugend preisen /
O Macarie / mein Liecht!
Und durch dieses Lob-Gedicht /
Ohne Heuchel-Gunst / erweisen /
Dass an unverfälschter Treu
Nirgend deines gleichen sei.
                                       2.
Neulich zwar hat mich betrogen
Ein erdichtes Land-Geschrei /
Das dir Falschheit legte bei:
Biss ich selbst zu dir gezogen /
Und im Gegenteil befunden /
Wie du ganz getreulich liebst /
Und dich mir zu eigen giebst;
Da du willig dich verbunden /
Dass kein ander / ausser mir /
Soll erlangen deine Zier /
                                       3.
Du belobte Zier der Frauen!
Welcher einmal dich erkennt /
Wird Kunst / Tugend und Verstand /
Als im Spiegel / in dir schauen.
Bleibe stets in den Gedanken /
Dass allein Beständigkeit
Sei der Tugend Ehren-Kleid.
Rechte Liebe kann nicht wanken.
Diss soll meine Hoffnung sein /
Dass du ewig bleibest mein.
Nachdem das Gedicht verfertigt / wollte er solches /neben einem Gruss-Brieffein /
an seine Macarie senden. Weil aber der Uberbringer noch mangelte / musste er es /
biss auf bequeme Gelegenheit / beiseits legen. Also nahme er ihm indessen vor /
den Anfang und Fortgang seiner Liebe / auch deren Glück- und Unglücks-Fälle /
einem besonderen Buch einzuverleiben / damit er also die. Zeit mit seiner
Macarien Gedächtnus zubringen / und ihre Abwesenheit desto gedultiger ertragen
möchte.
    Als er nun etliche Tage / in solcher verliebten Arbeit zugebracht / und noch
in dieser beliebten Bemühung begriffen war / kam des Talypsidamus Diener /und
berichtete ihn / neben einem schönen Gruss von Macarien / wie sein Herr gesonnen
sei / seiner jährlichen Gewonheit nach / künftigen Morgen ein Gast-Mahl
anzustellen / und die Vornehmsten der Insul Soletten darzu einzuladen: liesse
demnach den Polyphilus dienstlich bitten / seiner geringen Wohnung / (zuvorderst
aber dieser geehrten Gesellschaft) seine Gegenwart zu gönnen; er hoffe / durch
diese Gelegenheit / allem heimlichen Hass ein Ende zu machen / und ihn mit den
Solettischen Inwohnern völlig auszusöhnen. Ob nun Polyphilus / auf diese
Botschaft / in zweiffelhafte Gedancken gerahten / stehet leicht zu vermuten.
Aussenzubleiben war beschwerlich / wegen der Liebe zu Macarien / die er durch
seine Ankunft zu ergötzen verhoffte. Zu kommen aber war gefährlich / nicht nur
wegen Feindschaft der Inwohner /sondern auch wegen des Eusephilisti Gegenwart /
die ihn leicht in neue Ungelegenheit stürtzen könnte. Doch hätte das Verlangen
nach Macarien alle Furcht der Gefahr überwunden / wann nicht der Befehl der
Atychintida / solche Reise verhintert.
    Dann als Polyphilus den Diener zu speisen befohlen / verfügte er sich zu der
Königin / erzehlte derselben des Talypsidamus ansinnen / und bate höflich /ihme
zu erlauben / dass er dieser Frölichkeit beiwohnen möchte. Die Königin / welche
eine heimliche Liebe zu Polyphilo / und einen stillen Eiffer gegen Macarien
truge / wollte dieses Vornehmen mit List hintertreiben / und antwortete gar
freundlich: Mein Polyphilus! Ich zwar will diese Reise nicht verbieten /würde es
auch mit keinem recht tun können / sondern viel lieber euere Freude befördern.
Allein / ich bitte / erinnert euch doch / in was Gefahr ihr euch ohne noht
begebet. Der Solettischen Inwohner Grimm ist euch mehr als bekant; und wie wenig
eine rechtmässige Entschuldigung bei ihnen gelte / hättet ihr mit Verlust eures
Lebens empfunden / wo nicht die Güte des Himmels einen wunderbaren Weg zur
Errettung gefunden hätte. Talypsidamus zwar meint  es /wie ich hoffe /
aufrichtig / und ist in diesem Beginnen zu loben. Aber wie oft zerschlägt das
mächtige Glück auch die allerklügste Erfindungen? Wie leichtlich kann dieser
wolgemeinte Raht misslingen / und in eine grausame Blutstürtzung oder langwütige
Gefängnis ausschlagen. Benehmet mich demnach dieser Furcht / kluger Polyphilus!
Und last andere diese Mahlzeit geniessen. Habt ihr an meiner geringen Tafel /
nicht so herrliche Speisen / so habt ihr doch geneigte Gemüter / und freundliche
Augen / welches die besten Gerichte sind. Lasset mich dissmahl keine Fehl-Bitte
tun: ich will eure Einwilligung / mit anderer Kurtzweil / nach eurem Belieben
überflüssig belohnen. Was sollte hier Polyphilus machen? Einzuwilligen war ihm
fast unmüglich / wegen der hitzigen Begierde / seine Macarie zu sehen. Sich
halsstarrig zu widersetzen / war nicht ratsam: weil er in der Königin Schutz
und Gewalt war. Also erwehlte er das sicherste / und legte einen heuchlerischen
Danck bei der Königin ab / vor ihre gnädige Vorsorge / mit Versprechen / dass er
ihre Bitte vor einen Befehl ehren /und ihre Gnade viel höher / als alle
Ergötzlichkeit schätzen wollte. Damit begab er sich / voll innerliches Grams /
nach seinem Zimmer / und als er den Diener noch essend fand / schriebe er
folgenden Brief an die Macarie.
Allerliebstes Kind! Ich lebete zwar der festen Hoffnung / es werde die
Gewogenheit des Gunst-färtigen Glücks mir / durch bevorstehende Gasterei /
Gelegenheit erwerben / entweder mein lieb-brünstiges Verlangen / durch dero
gegenwertige Begrüssung zu befriedigen / oder sonsten die Bitterkeit der
vielleicht nicht so gar unnötigen Furcht / so bei mir eingeschlichen ist / durch
die selbste Erkundig ng zu versüssen: da vielleicht aus bewusster Person reden /
und gegenwärtiger Bezeigung / ihr Gemüte unschwer zu erkennen gewesen. Ich muss
aber leider! erfahren / dass die Widerwertigkeit der feindseeligen Bestreitungen
/ unter denen der Gift-gefüllte Neid die erste stelle besitzet /vor dissmahl die
tief-geschlagene wunden meiner Betrübnus / mehr mit Furcht erweitern / als mit
Trost verbinden wollen. Dann / allerliebstes Kind! die Bosheit deren / die mir
anjetzo noch zu gebieten hat / hält mich von meinem Vornehmen ab: sonderlich /
weil sie mehr mit ungefärbter Demut und freundlicher Bitte / als mit Befehl und
hochmütiger Widerstrebung / mich hintert: welcher mit Frevel zu widerstehen /
nicht so wohl den Ruhm meiner Freiheit / als das Laster des Ungehorsams verdienen
würde. Mit was schmertzen ich aber dieser falschen Bitte gehorche /kann sie
selbst leicht ermessen / mein Kind! weil allein sie zu befehlen / oder da ihre
Höflichkeit diss Wort verwirfft / zu bitten hat. So befehle sie demnach /liebstes
Hertz! auf dass ich wisse zu gehorchen. Will sie / dass ich kommen soll: achte ich
um ihrent willen /der ganzen Welt Feindschaft nicht. Will sie aber /dass ich /
durch mein Aussenbleiben / die Gunst derer / so ich noch eine kleine Zeit gern
erhalten wollte / nicht verderbe / will ich auch ihren Befehl / ob er schon wider
mich selbst geht / schuldig erfüllen. Ach aber! wie wird indessen / da ich
abwesend / und meine Liebste dem Eusephilisto gegenwärtig / und vielleicht in
dem Schoss und Armen / wissen muss /Furcht und Eyffer mein Hertz durchschneiden?
wird auch ein Augenblick vergehen / dass ich nicht dencken werde: Jetzt ist sie
verführet / und von jenem gewonnen. Ach Himmel! schrecke mich nicht mit einer
solchen Botschaft / wilt du anderst / dass meine arme Seele länger in ihrem
Hause wohnen soll. Lass mich lieber sterben vor dieser Noht / als in derselben;
lieber in der Liebe / als ohne Liebe: damit ich nicht über Untreu klagen / und
Rach begehren müsse. Doch /was sage ich? Weiss ich doch / liebes Kind! dass sie
den nicht achten wird / der mich verjagen will; noch lieben kann / der mich
hasset und verfolget. Beiliegendes Gedicht / zu samt dem Buch / darin ich meine
Liebe beschrieben / wird zeugen / wie hoch ich ihre Treue schätze / ihre
Gedächtnus ehre / und ihre Beständigkeit bewundere. Ach Schatz! sie lasse solche
auch in dieser Versuchung sehen / so wird mein Hertz ein Lustgarten erwünschter
Freuden mit recht können genennet werden. Ihre Tugend und Aufrichtigkeit heisset
mich indessen also glauben / und glaube ich auch gern / weil mir ihr Hertz
bekannt ist / dass / wie es keinen ausser mir erwehlet / also auch sie keinem
ihre schöne Reden / ohne was Bescheidenheit erheischet / noch die zarte Hände /
als auch den beliebten Mund / vergönnen wird / als ihrem
                        biss in den Tod treu-verbundenen
                                                                     Polyphilus.
Als dieser Brief versiegelt / übergab er solchen / samt dem obgedachten Gedicht
und seiner Liebes-Beschreibung / des Talypsidamus Diener / mit Bitte /selbige
Macarien zu überbringen / seinen Herrn aber zu berichten / dass er ihme / neben
dienstlicher Begrüssung / vor seine Einladung schuldig dancke / mit freundlicher
Bitte / sein Aussenbleiben / welches die Ankunft etlicher fremden Gäste bei der
Königin verursachte / nicht vor einen Ungehorsam zu deuten: er wolle mit
nächsten andere Gelegenheit suchen / seine Aufwartung abzulegen / und sich
mündlich weitläufftiger bei ihm zu entschuldigen. Der Diener nahme hiemit seinen
Abschied / und eilete nach Soletten.
    Polyphilus aber / ging verwirret in seinem Zimmer auf und ab / sein
Verhängnus beklagende / das ihme einen Weg zu Macarien gezeiget / und doch
selbigen nicht betretten liesse. Ist es auch recht / (sagte er) dass du der
Königin gehorchest / und deiner Liebe widerstrebest? Törichter Polyphilus! wem
bistu höher verbunden? soll Atychintiden Hochmut mehr gelten / als deiner
Macarie Freundlichkeit? Pfuy der Schande! Wie / wann sie durch dein
Aussenbleiben erzürnet /den Eusephilistus an deiner statt wehlete? Würde sie dir
auch unrecht tun? Und wie könt er gelegener als anjetzo ernden / was ich mit so
grosser Mühe gesäet /und der Gunst geniessen / welche mir das neidische Glück
versaget? O du verfluchtes Weib! muss dann dein unbesonnener Eiffer eine Ursach
meines Verderbens werden? Eben aber / als er noch so klagte /wurde er durch
Serveten zu der Königin beruffen; die seinen Widerwillen bald merkend / ihn mit
einer lustigen Gesellschaft hinwieder zu befriedigen / und den
Verhinterungs-Verdruss abzukürtzen suchte. Wir wollen ihn daselbst so lang lassen
/ biss wir sehen / was Macarie vor Antwort sendet.
    Diese kriegte / nach des Polyphilus Abschied / mit mancherlei Gedanken. Bald
gereuete ihr das geschwinde Versprechen / welches sie dem Polyphilo getan / und
bedachte / was vor Ungelegenheit daraus kommen könnte. Bald schreckte sie des
Eusephilistus Liebe / die sie je mehr und mehr wachsen sah. Sonderlich aber
erweckte ihr des Talypsidamus Gasterei neue Sorge / in dem sie befürchten musste
/ es möchte Polyphilus / von dem sie kein Aussenbleiben vermutete / mit
Eusephilisto / der sich ihrer Aufwartung ungescheut annehmen würde / zu streiten
kommen / und also den Gästen ein blutiges Schau-Essen auftragen. Wie sie dann
deswegen ihr vornahm / dieser Malzeit nicht beizuwohnen / und ihr Absein mit
einer angemasten Unpässlichkeit zu entschuldigen.
    Als sie noch in solchen Gedanken begriffen war /kame des Talypsidamus Diener
/ und brachte des Polyphilus Brief / mit dem Gedicht und geschriebenen Buch.
Macarie / so bald sie den Botten ersehen / fragte behend: wie gehts dem
Polyphilo: wird er zur Malzeit kommen oder nicht? Er ist es zwar (antwortete der
Diener) willens gewest / geehrte Macarie! allein /die Ankunft etlicher fremden
Gäste zu Sophoxenien /hat seinen Vorsatz unterbrochen / dass er sich also mit
ihrer Bedienung entschuldigen muss. Macarie / die bald merkte / dass dieses eine
fremde Ausrede / erschrack / und wusste nicht / was sie mutmassen sollte. Sie gabe
dem Diener eine Verehrung / und bate / seinen Herrn ihrentwegen aufs schönste zu
grüssen.
    Aber nach dessen Abschied erbrache sie den Brief /in Hoffnung / gewissere
Nachricht zu erhalten / wie auch geschahe. Dann / als sie sah / dass Atychintida
diese Reise verhintert / und leicht errahten kunte / dass Eifer und Liebe die
Ursach war / sagte sie mit lachendem Munde: So muss uns dann / liebster
Polyphilus! einerlei Unglück quälen / und unsere Liebe immer eine fremde Liebe
hintern? O törichtes Beginnen / von so einer klugen Königin! Weiss sie dann nicht
/ dass die Liebe eine Tochter des freien Willens ist? Gezwungene Liebe ist keine
Liebe / sondern äusserliche Falschheit / und innerliche Feindschaft. So ist
auch /die verliebten hintern / eine vergebliche Arbeit: und kann der listige
Cupido / mit seinen verbundenen Augen mehr Gelegenheit ersehen / als zehen
andere /mit offnem Gesicht verbieten können. Aber bleibet nur / Polyphilus! bei
eurer Königin / und überlasset mir den Eusephilistus / welcher gleichwol noch
liebwürdiger ist / als Atychintida. Und das ist vielleicht die Ursach / dass euer
Brieflein mit so vieler Bitte und Erinnerung angefüllet ist. Ach nein!
Polyphilus! Die Furcht ist bei euch viel grösser / als die Gefahr. Ich begehre
dieser Frölichkeit / ohne euch / nicht zu geniessen. Etwan hat der Himmel selbst
diese Verhinterung befördert / dadurch grosses Unglück zu verhüten. Ich will der
Königin eure Gegenwart gern gönnen / weil ich doch weiss / dass mit genötigten
Hunden übel jagen ist / und indessen meine Gedanken in eure Schrifften führen.
    Hiemit überlase sie das überschickte Gedicht / welches sie trefflich
vergnügte / weil er darin ihre Beständigkeit so hoch hebte: als die nie
geglaubet hatte /dass diese Tugend bei ihrem Ziebhaber so fürtrefflich geachtet
würde. Darum sie ihr auch vornahm / in derselben je länger je höher zu steigen /
damit sie dieses Ruhms nicht wieder verlustigt würde. Als sie aber in der
Liebes-Beschreibung anfienge zu lesen / und darin der klugen Erfindungen /
künstlichen Verfassungen / und sinnreichen Gespräche warnahm / sagte sie mit
Verwunderung: Ach gelehrter Polyphilus! Eure Klugheit ist würdig / von jederman
geliebt und gerühmet zu werden / und euer Verstand ist viel höher / als eure
Jahre. Warum rühmet ihr doch meine Wissenschaft / die gegen der euren ein
blosser Schatten ist / und sich glückseelig schätzen / muss / wann sie gewürdiget
wird / von eurer Weisheit unterrichtet zu werden? Wie grossen Dank bin ich doch
dem Himmel schuldig / dessen Vorsorge mir einen solchen Liebsten ersehen / um
den Geschicklichkeit und Höflichkeit streitet / welche unter ihnen ihm die
nächste sei. Und ob gleich / geschickter Polyphile! meine Feder nicht tüchtig /
eure Klugheit nach Würden zu erheben / so soll sie doch / nach ihrem geringen
Vermögen / nicht unterlassen / euch durch ein kleines Antworts-Brieflein bloss
den schuldigen Dank / vor mir-erteilten Ruhm / zu erweisen / hinwider aber euch
viel schuldiger zu rühmen. Und dieses Vorhabens setzte sie ihre Feder an. Als
sich nun eine unverhoffte Gelegenheit nach Sophoxenien zeigte / liesse sie ein
Brieflein an den Polyphilus abgehen.
 
                                 Zweiter Absatz
     Polyphilus führet seine Klage / im Wald / und unterredet sich mit dem
     Gegenschall / empfähet Macarien Antwort-Schreiben / und lässt darüber
Freud-Worte schiessen. Sein Streit-Gespräche mit der Atychintida / von Macarie /
           und Schutz-Rede ihres Lobes. Seine Abreis-Entschliessung.
Polyphilus hatte / seine Einsamkeit zu kürtzen / und der noch übrigen
Herbst-Lust zu geniessen / einen Spatzirgang erwchlet / und als er in demselben
sah /wie der neue Blumenstürmer den Feldern ihr grünes Kleid auszuziehen / und
den Bäumen nicht allein ihre Früchte / sondern auch ihre Blätter abzuschütteln
begunte: erinnerte er sich alsobald / wie er mit ihnen in gleichem Unglück lebte
/ weil er seiner Macarien /wie diese ihrer Zier / beraubet sein musste. Ach!
sagte er / schönste Macarie! wann wird mich das Glück so hoch würdigen / Eurer
liebsten Gegenwart hinwieder zu geniessen? Ist es auch müglich / dass ich euer
Absein länger mit gedultigem Hertzen ertrage? Diese entkleidete Felder / und
entblöste Bäume / haben doch Hoffnung / sich / so bald der graue Winter vorbei
/aufs neue auszuputzen: Aber wann habe ich Hoffnung / durch eure stäte
Beiwohnung gezieret zu werden? Ihr habt zwar / mich einig zu lieben /
verheissen: aber wer weiss / ob nicht meine Abwesenheit / als die ärgste Feindin
der Liebe / solches Gelübde ändert? Vielleicht hat Euch / die betrogne Hoffnung
meiner Besuchung / zur Ungedult verleitet / und Eure Liebe in Hass verwandelt?
Ach! hätte ich jetzt ein einiges Zeugnus euerer beständigen Liebe: so wollte ich
mich leichter zu frieden geben. Unter diesen Gedanken kam er an ein kleines
Wäldlein / in welchem er den Gegenschall / um seine Liebe / mit diesen Worten
fragte.
Du beschwazte Nymfe / sage /
Diss / was ich dich jetzund frage!
E. Frage!
Liebt / wie sie versprochen nenlich /
Mich Macarie so treulich?
E. Freilich /
Aber / ach! was wird sie sagen /
Dass ich ihre Bitt verschlagen?
E. Klagen.
Wird sie nur im Klagen bleiben /
Und mir keinen Trost zuschreiben?
E. schreiben.
Schreiben? Ach! das brächte Freude.
Wann erlang ich solche Beute?
E. heute.
Kaum hatte Polyphilus diss Wort geendiget / als er von fern einen Knaben auf sich
zu eilen sah / und bald erkennte / dass es Servetus war. Er ging ihme entgegen
/ und fragte um die Ursach seiner eilenden Ankunft. Dieser zeigete ihm den
Brief von Macarien. Polyphilus / der die Hand geschwind erkannte / als er den
Brief ersehen / ward sehr erfreuet / und als er Serveten beurlaubet / sagte er:
Du edle Nymfe / hast doch noch recht / dass ich heute von meiner Liebsten
Schreiben erhalte. Wird deine übrige Weissagung /von Macarien getreuer Liebe /
auch eintreffen / so bin ich dir doppelten Dank schuldig. Mit diesen Worten
hertzte er den Brief / erbrach ihn begierig / und lase dieses.
                      Macarien Antwort an den Polyphilus.
Mein Kind!
    Wie die Kräffte eures Verstands sich in allen Stücken herrlich erweisen /
also bemühen sie sich sonderlich / durch die überschickte Liebes-Beschreibung
sich verwunderlich zu machen. Dann je mehr ich eure kluge Erfindungen lese / je
mehr ich mich in sie verliebe: also / dass ich billich mein Unglück zu beklagen
hätte / wann ich / durch euren Verlust / auch dieser verhofften Ergötzung / die
ich allezeit vor das gröste Kleinod gehalten / beraubt sein sollte. Dann ob
gleich die einfältige und mangelhafte Macarie / bei weiten so hohen Ruhm nicht
verdienet / als ihr eure Höflichkeit beileget / so ist sie dennoch eine Probe
gewesen /daran sich euere subtile Vernunft dergleichen Stärcke gebrauchet / dass
ihr bei solchen Jahren keine zu vergleichen stehet. Derowegen ich ihr billich
den Sieg überlasse / und wie euere Seele die meine beherschet /also auch von
deroselben edelsten Teil / überwunden zu sein / vor meine gröste Ehre schätze.
Indessen nehmet freundlich auf den schuldigen Dank / welchen ich eurer schönen
Hand / und verliebten Feder / vor ihre vielfältige Bemühungen / überreiche / biss
ich von dem gütigen Himmel / Gelegenheit erbitte / mein dankbares Gemüt durch
das Werk selber sehen zu lassen. Belangend seine Entschuldigung / befinde ich
dieselbe ganz gültig / meine Besuchung zu verhintern. Er darff auch keine
Veränderung der Liebe bei mir fürchten / weil ich nicht zu dem angestellten Mahl
komme. Und da ich mich gleich zu diesem erbitten liess / würde mich doch die
Tugend lehren / was die Treu / welche mich stets nach ihm sehnend machet /
erfordere. Kan er also wohl ohne Sorg schlaffen / weil ich lebe und sterbe /
    Mein Kind!
                              Seine ganz ergebne
                                                                        Macarie.
Polypbilus! als er den Brief durchlesen / erstaunete fast vor Verwunderung und
Freude. Freude machte ihme die Beständigkeit seiner Macarien / und das herrliche
Lob / welches sie ihm erteilet: Verwunderung aber / die Klugheit dieses
Briesteins. Er satzte sich unter einen Baum / und lase ihn zum andern /zum
dritten mahl. Endlich sagte er: Du zierliches Brieflein! bist ja recht ein
aufrichtiger Zeuge / meiner Macarien unschätzbarer Würde / und aus deinen
wenigen Tropfen / ist der Brunnen ihrer Weissheit unschwer zu ermessen. Ach kluge
Macarie! niemals bin ich dem Glück höher verpflichtet worden / als an dem Tage /
da ich eure schöne Augen zum ersten mahl gesehen. Ihr erhebet euren eignen
Verstand / wann ihr meinen Verstand rühmet. Und ob gleich dieser eures Lobs
nicht würdig / so erkenne ich doch daraus eure unuerfälschte Liebe / deren Natur
ist / ihren Liebsten auch wider Verdienst zu rühmen. Ich zwar wollte desgleichen
tun / wann ich nicht fürchtete / viel eher meine Vermessenheit / als eure
Trefflichkeit darzustellen.
    Aber schönste Macarie! warum handelt ihr so ungerecht wider euch selber /
und nennet euch einfältig und mangelhaft? Warum mangelhaft / und nicht
vielmehr vollkommen und Ruhm-verdienend? Ist nicht eure Tugend ehrens / eure
Wissenschaft rühmens / euer Verstand verwunderens / und eure Schönheit liebens
würdig? Aber dieses würket die edle Demut / die Kron und Zier aller Tugenden.
Diese hat vorlängst deine schöne Seele so herrlich bekräntzet /ja so gar
ümwunden / dass sie sich auch in der höchsten Würde nicht los wickeln kann. Was
ists dann Wunder / dass deren Befehl deinem Munde die Höflichkeit auspresset /
welche allzudemütig meine Seele der deinen zur Beherscherin erwehlet. Ach du
einfältige Seele! soltest du herschen / wo du schuldig bist zu gehorchen? Nein /
nein Macarie! meine unwürdige Seele wird euerer Vollkommenheit willig das
Scepter küssen / und sich seelig schätzen / wann sie in eurer Beiwohnung nur
dienen darff. Was meint  sie aber /kluge Macarie! durch das Werck selber /
damit sie mir danken will? Vielleicht eine gleichmässige Liebes-Beschreibung?
Ach Himmel! dörfft ich das wünschen und hoffen! oder die Freundlichkeit bei
unserer künftigen Zusammenkunft? Ja / liebste Macarie! Um diese will ich mit
euch den Himmel ersuchen / und indessen glauben / dass die Tugend euch lehre /
was die Treue erfordere. Ich will auch / eurem Befehl nach /ohne Sorgen
schlaffen.
    Mit diesen Worten stunde er auf / und wollte wieder nach Haus gehen:
erinnerte sich doch seiner Schuld /und schnitte / dem Gegenschall zu Ehren / in
die Rinde des Baums / folgendes.
Felsen-Tochter! der das Lieben
Hat den Leib so aufgetrieben /
Dass ein blosser Schall verblieben!
Dieses wird zu deinen Ehren
Stehen / weil der Baum besteht.
Jeder / der vorüber geht /
Soll von deiner Treue hören:
Weil du mir in dieser Stund
Unverhofft gemachet kund /
Meiner Liebsten Hertzengrund.
Als diss verfertigt / eilete Polyphilus nach seiner Wohnung; und weil es eben
Zeit zu speisen war / verfügte er sich zur Tafel. Die Königin / deren der
Solettische Bot das Hertz drückte / finge unter anderm Gespräche sehr behutsam
an zu fragen: Was dessen Anbringen gewesen / und wie es zu Soletten stehe?
Polyphilus /der sich hier nicht bergen durffte / sagte: man hätte ihm Briefe von
Talypsidamus gebracht. Der wird vielleicht (begegnete ihm Atychintida) übel zu
sprechen sein / wegen eures neulichen Aussenbleibens? Mir ist leid / dass ich
durch meine etwan untüchtige Vorsorge / euch solcher angenehmen Gesellschaft
beraubet /in dem ihr zugleich von der Begrüssung eurer schönen und geliebten
Macarie abgehalten worden. Was ich / (versetzte Polyphilus) an Macarien liebe /
ist Tugend; und was ich an ihr rühme / ist Weissheit: haben also E.M. ihren
Befehl nicht zu entschuldigen / weil ich solche Gaben auch ohne ihre Gegenwart /
ehren und verwundern kann. Aber dennoch / (widerredete die Königin /) wird in
ihrer Abwesenheit das Verlangen /und in ihrer Gegenwart der Ruhm grösser:
sonderlich beim Polyphilo / dessen verliebtes Urteil sie bald gar aus der Zahl
der Sterblichen schliessen dürffte /wo nicht ihre menschliche Eigenschaften
solches Urteil der Parteilichkeit anklagten.
    Polyphilus hatte kaum das ende dieser Rede erwartet / als er voller Grimms
der Königin fast verweisslich unterfuhre: E. M. werden ihren Diener nicht der
Parteiligkeit beschuldigen können / wann ich Macarien über die gemeine Menschen
erhebe; weil ich darin nicht so wohl ein verliebtes / als gerechtes Urteil
sehen lasse / das einem jeden seine verdiente Ehre nicht abspricht. Der Macarie
Person habe ich niemahl der Sterblichkeit entzogen: ihre Wissenschaft aber ist
in Warheit ungemein / und ihre Tugend gautz himmlisch. Oder ist an ihrem
Verstande nichts besonders / warum finden wir ihn dann nicht bei allen? Und ist
ihre Tugend menschlich / wie dass wir sie dann nicht bei mehrern Menschen
antreffen? Was sind die Götter / welche die Menschen verehret haben / und teils
noch verehren / anders gewesen /als Menschen / die durch ihre Tugenden sich über
andere Menschen erhaben. In warheit / welcher bei Macarien Kunst und Tugend /
als Göttlich / in einem sterblichen Leibe verehret / kann weder der
Ungerechtigkeit / noch der Torheit beschuldiget werden. Die Königin / deren
auch der Name Macarie verdriesslich war / gab mit zimlich erhitzen Gebärden
diese kurtze Antwort: Ihr bemühet euch umsonst / Polyphile! mich glauben zu
machen / dass es recht sei / einem sterblichen Menschen Göttliche Ehre zu
erweisen. Und da Macarie so ein vollkommenes Tugend-Bild ist / wie ihr rühmet /
würde sie gewiss solche unbillige Ehre nicht annehmen.
    Als Polyphilus dieses wieder beantworten wollte /fiel ihm Cosmarites in die
Rede / mit dieser Entscheidung: Durchleuchtigste Königin! die Meinung Polyphili
geht / so viel ich vernehme / ganz nicht dahin /der schönen Macarie Göttliche
Ehre zu erweisen /vielweniger solches / als rechtmässig zu behaupten /sondern er
bemühet sich allein / selbige / als etwas sonderliches unter den Sterblichen /
vorzustellen. Welches Beginnen / sofern nicht zu tadeln / als lang es in den
schranken der Vorsichtigkeit bleibet / und nicht in eine sträffliche Beleidigung
der Gotteit ausschlägt / wie E. M. vernünftig erinnert. Dann dass Weissheit und
Tugend Göttlich / ist ganz gewiss; dass auch solche die Menschen der Göttlichen
Eigenschaften ähnlich machen / ist nicht zu zweiffeln. Daraus aber folget
keineswegs / dass wir die Menschen / um solcher Gaben willen / als Götter
verehren sollen: weil sie doch Menschen bleiben / und diese Güter /als ein
blosses Geschenk / von der Gotteit geniessen / und also vielmehr der Geber /
dann der Besitzer hierin zu verehren. Macarie auch / in welcher / aller Zeugnus
nach / so viel herrliche Tugenden leuchten /würde solche sündliche Verehrung
nimmermehr gut heissen / weil dadurch das Band aller Tugenden / die edle Demut
verletzet / und sie einer greulichen Ungerechtigkeit würde schuldig erkennet
werden. Dennoch / weil zwar alle Menschen sich der Weissheit und Tugend
befleissen / und also dem Göttlichen Ebenbild gleich werden / oder zum wenigsten
nachstreben sollten / selbige aber / leider! so selten anzutreffen: als ist es
billich / dass solche Gaben / wann sie gefunden /desto mehr verehret werden. Und
so lang Polyphilus die Macarie einen Menschen bleiben lässt / ihre Gaben aber /
doch ohne Anbetung / als Göttlich bewundert: sehe ich nicht / wie er der
Ungerechtigkeit zu beschuldigen sei.
    Ich bin (sagte die Königin / die sich indessen ein wenig erholet) niemals
willens gewesen / dieses zu bestreiten / sondern ich ergötzte mich in solchem
Gespräche allein an des Polyphili Eysser / den er in Beehrung seiner Macarien
sehen lässet / womit er zugleich die Hefftigkeit seiner Liebe / die er doch
sonsten so verborgen halten will / erweiset. Ob ich / (widersprache Polyphilus)
die Macarie schelte oder rühme / so bleibet sie doch die Kunst- und
Tugend-gezierte Macarie / und meine Verteidigung ist mehr billig / als
verliebt. So muss man auch / die Zeit zu kürtzen / bissweilen eine Streit-Frage
auf die bahn bringen. Indessen wolle E. M. holdseligste Königin! meiner kühnen
Widerredung gnädigst vergeben: Ich tue es nicht / dero Klugheit zu
widersprechen / sondern meiner Unwissenheit Unterricht zu suchen / den ich auch
von Cosmarites jetzt erhalten / deswegen ihm auch schuldigen Dank zu sagen habe.
Hiemit erhuben sie sich von der Tafel / und verfügten sich /nach beederseits
Anwünschung eines sanften Schlaffs / ein jedes nach seinem Gemach. Den
Polyphilus aber liess der Unmut / wegen der Königin boshafter Missgunst / die sie
gegen Macarie spüren lassen / wenig schlaffen.
    Weil Melopharmis solches mutmasste / kam sie mit frühem morgen / neben dem
Agapistus / in sein Zimmer / und fragte / nach abgelegtem Morgen-Gruss /wie er
diese Nacht über geruhet? Polyphilus antwortete: Wie die jenige zu ruhen pflegen
/ welche Unmut und Verdruss ohne Aufhören bestreitet. Diss kunte ich wohl denken /
(sagte hierauf Melopharmis) und habe ich deswegen den Agapistus / euren liebsten
Freund gebetten / euch mit mir zu besuchen / und in dieser Widerwärtigkeit zu
trösten. Nicht nur zu trösten /(versetzte Polyphilus) sondern auch mir zu
helffen. Ach kluge Melopharmis! und getreuster Agapistus! Ersinnet doch / bitte
ich / ein vernünftiges Mittel /mich aus diesem Gefängnus zu erlösen / und zu
meiner Macarie zu bringen. Ich lebe in solcher Verwirrung / dass ich mir selbst
nicht zu rahten weiss. Länger aber bei dieser ungerechten Königin zu verharren
/fället mir unerträglich / weil ich doch förchten muss /dass mich einst ungefehr
mein billiger Eiffer in ihre äusserste Ungnade stürtzen möchte.
    Ohne ist es nicht / (begegnete ihme Melopharmis /) die Gunst vornehmer Leute
/ vergleichet sich denen Kräutern / welche / wann man sie gelind anrühret
/lieblich riechen; wann man sie aber starck reibet /hässlich zu stinken pflegen.
Wie die Münzen ihres Herren Bildnus / also muss man in seinen Handlungen solcher
Leute Willen führen / will man anderst nicht /wie eine ungültige Münze
verschlagen werden. Und weil euch solches / wegen der Liebe zu Macarien /welche
die Königin nicht unbeeiffert lassen kann / unmüglich ist / wäre freilich das
sicherste / diesem Ungewitter beizeiten auszuweichen. Aber durch was vor einen
Vorwand kann solches geschehen? Ich meines teils unterwinde mich nicht / der
Königin euren Abzug zu verkünden: weil ich weiss / dass sie eine ungemeine
Gewogenheit gegen euch trägt / und dem jenigen keine gnädige Augen gönnen wird /
der euch ihren Augen entziehet. Was rahtet ihr / Agapistus? helffet doch / wo es
müglich / dissmal euren Freund erretten.
    Ob ich wohl weiss / (liesse sich hierauf Agapistus vernehmen) dass ihr /
geehrte Melopharmis / und liebster Polyphilus! viel zu klug seit / als dass ihr
von meiner Wenigkeit Hülffe erwarten soltet: so will ich doch / (weil der Kummer
gemeinlich die Augen so verblendet / dass man auch die beste Mittel nicht
ersihet) eurem Befehl gehorsamen / und meine einfältige Gedanken eröffnen. Die
Königin / so viel ich sehe /wird wegen ihrer verborgenen Liebe / des Polyphilus
gäntzlichen Abzug nimmermehr erlauben / vielweniger gestatten / dass Macarie /
als das Liecht / welches ihren Schein verdunkelt / nach Sophoxenien komme. Auch
die Solettischen Inwohner / als welche sämtlich dem Eusephilisto gewogen /
werden eure Vermählung mit Macarie / nach allen Kräfften hindern. Will also
vonnöten sein / eurem Verlangen und dieser Vereinigung einen verborgenen Weg zu
suchen. Meines teils hielte ich vor das beste / dass ihr eine Reise in euer
Vatterland Brunsile vornehmet / einen Sitz zu suchen / alda ihr mit Macarie /
die ihr alsdann der Solettischen Insul heimlich entführen könnet / in
Zufriedenheit zu leben hättet. Ich selbst will euch auf solcher Reise einen
Gefärten abgeben. Der Königin aber kann dieses als eine Spazier-Reise / ein und
andern lieben Freund zu besuchen / vorgetragen werden: welches sie vielleicht
auch desto gefälliger eingehen möchte / als sie ihr die Hoffnung machen kann /
ihr werdet in solchem Beginnen eurer Macarie vergessen.
    Melopharmis liess ihr bald diesen Anschlag belieben / und sagte: Ich will
auch Gelegenheit suchen /der Atychintida solchen zu eröffnen. Und damit sie
destoweniger an eurer Widerkunft zweifle / will ich meinen Sohn in eurer
Gesellschaft lassen / der gewissen Hoffnung / ihr werdet ihn auf dieser Reise
vor allem Unfall beschützen / und mit Notturfft / wie euch selber / versorgen.
Polyphilus / welcher über diesem Vorschlag aufs neue anfieng zu leben / danckte
ihnen beeden vor ihren getreuen Raht und Beistand / mit weinenden Augen / und
flehentlicher Bitte / dieses Vornehmen zu befördern: mit angehengtem Versprechen
/ dass er nicht allein auf dieser Reise den Sohn aller Gefahr befreien / sondern
auch ihre Freundschaft lebenslang rühmen / und nach allen Kräfften belohnen
wolle. Also nam Melopharmis Abschied /mit der Zusage / dass sie / so bald sie die
Königin zu diesem Anbringen bequem gefunden / Polyphilum zu ihr bitten lassen
wolle. Agapistus aber / erinnerte den Polyphilus / diesen Vorschlag seiner
Macarie durch ein Brieflein zu eröffnen / und ihre Einwilligung zu suchen.
Welchem er alsobald nachkam / und folgendes verfärtigte.
Mein Kind!
    Wie mein Hertz einig in ihrem Schoss ruhet / und alles mein Beginnen sich
ihrer Gunst vertrauet / also finde ich mich schuldig / ihr nicht allein meine
Betrübnis / sondern auch die erfreuliche Hoffnung zu entdecken / welche in mir
der getreue Raht Agapistens erwecket / dass ich nämlich in mein Vatterland
Brunsile einen Ort / der ihrer Gegenwart würdig / und unserer Wohnung nicht
ungelegen / suchen soll. Derowegen nehme sie / liebstes Hertz! die gute Hoffnung
zum Trost / biss die letzte Erfüllung / welche mein unruhiges Suchen nicht
verlängern / sondern nach Müglichkeit befördern wird / eine erwünschte Freude
gebähre / die das vorgesetzte erlangte Ziel mit freundlichem Anlachen küsse. Ich
bin entschlossen / nach wenig Tagen / mit einer vertrauten Gesellschaft /diese
Reise anzutretten. Solte ich wissen / dass mein Kind durch ihre Gedanken meine
Begleiterin sein /und meinem Vornehmen durch einen treuen Wunsch beistimmen
wollte / würde ich nicht nur alles viel freudiger verrichten / sondern ihr auch
meine Sinne /als die Verkürzer ihrer traurigen Einsamkeit / hinwieder zu
schicken: dass / weil ich augenblicklich an sie gedencke / sie keine Zeit vorbei
liessen / da sie nit den Namen Polyphilus meiner allerschönsten Macarie ins
Hertz mahleten. Sie erkenne aber anbei / mein Kind! wie ich nichts unterlasse /
was sie in stete Glückseligkeit / und mich in ihre Gewogenheit setzen könne.
Alles bin ich bereit zu tun und zu leiden / um der einigen Macarie willen. Und
stärket meine Hoffnung nicht wenig / dass wir / ob gleich durch viel
Widerwärtigkeit / dennoch sollen verbunden bleiben /weil gleichwol alles unser
Vornehmen befördert. Will sie mich vor meiner Abreise noch mit einem Brieflein
erfreuen / muss solches bei zeiten geschehen / weil ich bald aufsein werde. Ich
will auch mit der Wiederkunft eilen / so viel unser Vornehmen es leidet: Damit
meine zweiffelhafte Hoffnung desto eher in ein vestes Vertrauen verwandelt /
und ich ohne Hinternus lieben dörffe. Sie nehre indessen ihre Liebe mit der
Gewissheit meiner Beständigkeit / gleich wie ich mich ergötze mit der Hoffnung
ihrer Gewogenheit. Mich soll nichts reuen / wann ich nur das einige erhalte /
dass ich mich nennen darff / der Kunst- und Tugend-gezierten Macarie
                                 beständigsten
                                                                     Polyphilus.
Diesen Brief gab er dem Servetus / mit Befehl / solchen der Macarie
einzuhändigen / und / wo müglich /eine schrifftliche Antwort wieder zu bringen.
Dieser nahm den Befehl freudig an / eilete mit dem Brief nach Soletten / und
kame mit einbrechender Nacht zur Macarie: welche über seiner spaten Ankunft
erschrocken / geschwind fragte / ob es wohl stünde? So viel mir wissend / (gab
Servetus zur Antwort) ist keine Gefahr zu fürchten. Damit überreichte er des
Polyphilus Brief / welchen Macarie erbrache / ablase /und über den Innhalt ihr
kein geringes Nachdenken machte. Sie fragte den Diener / aus was Ursachen
Polyphilus diese Reise vornehme? weil der sich aber mit der Unwissenheit
entschuldigte / als musste sie mit des Polyphilus Bericht zu frieden sein / und
auf die Antwort / um welche Servetus inständig anhielte / sich bedenken. Es kam
ihr zwar diese Reise in ein fremdes Land / sehr nachdenklich vor. Weil sie aber
in der Insul Soletten sich mit dem Polyphilus zu vermählen /keine Hoffnung hatte
/ als dachte sie durch dieses Mittel aller Gefahr ein Ende zu erwarten / und
ergab sich seinem Willen / durch folgendes Brieflein.
Mein Polyphilus!
    Wie ich die Beständigkeit und Aufrichtigkeit eurer Liebe billich rühme /
also bin ich hingegen verpflichtet / euch vor so vielfältige Mühe und
Ungelegenheit /die ihr meiner Wenigkeit halben erdultet / schuldigen Dank zu
sagen. Weil ich auch aus euren Brieflein verstanden / wie ihr / auf Einrahten
und Beförderung vieler vornehmer Freunde / gesonnen seiet / eine Reise in euer
Vatterland anzutretten: als habe ich Ursach /hierzu einen Glücks-Wunsch zu
übersenden. Dafern ihr meiner Vorbitte einige Krafft beimesset / will ich
versuchen / was dieselbe zu würken vermöge. Ich wünsche demnach hierzu alles das
Gedeien / welches ihr von der Gütigkeit des Himmels hoffen und wünschen könnet:
dass / wie ihr diese Reise / nach eurer beiwohnenden Vernunft / unschädlich
anfahet / also werde die Allmacht des Himmels / / einen solchen Ausgang ersehen
/ der eurer Klugheit rühmlich / und unserer Zufriedenheit beförderlich sei.
Wofern euch auch meine Gewogenheit die Reise erleichtern kann /verspreche ich
selbige zu einen getreuen Gefährten: mit der Hoffnung / dass ihr sie / wegen
fremder Schönheit / nicht zurück jagen / sondern ihr eure Gesellschaft
beständig gönnen werdet. Zeit / Ort und Geschäffte / in derer verstrickung ich
dieses schreibe /erlauben mir dissmal nicht ein mehrers zu schreiben. Lebet
indessen versichert / dass ich eure Tugend rühme / euer Gedächtnus ehre / eure
Beständigkeit liebe und unverruckt verbleibe
                         Eure / biss in den Tod ergebne
                                                                        Macarie.
Mit diesen kehrte Servetus des andern Morgens wieder zum Polyphilus: der eben
von Melopharmis zu der Königin gefordert ward / um bei ihr die Zeit mit
kurtzweiligen Gesprächen zu verbringen. Melopharmis fragte endlich Polyphilum /
ob ihme sein Vatterland Brunsile / oder diese Landschaft annehmlicher sei zu
bewohnen? Polyphilus antwortete: Ob ich wohl / wegen der Liebe zu dem Vatterland
/ welche die Natur allen Menschen in den sinn gegraben / billich die Lufft ehre
/ welche ich am ersten geschöpffet; so erfordert doch die Schuld der Dankbarkeit
/ diese herrliche Wohnung / in welcher mir die Vorsehung des Himmels / zum
zweiten mahl das Leben erhalten / so lang ich selbiges besitze / über alles zu
erheben. Meinem Vatterland habe ich das zeitliche Leben / diesen Göttlichen
Tempeln aber die Wissenschaft / Tugend / und alles das / was zum rechten Leben
gehöret / zu danken. Demnach setze ich meine jetzige Art zu leben / jenem
Verlangen so weit vor /als weit der Kunst- und Tugend-Wandel / dem einfältigen
Schäfer-Orden vorzuziehen ist. Doch aber auch das Gesetz der natürlichen Liebe
zu erfüllen / und ihrem mächtigen Befehl nicht zu widerstreben / möchte ich noch
eine einige Reise in mein Vatterland wagen / von meinen Freunden völligen
Abschied zu nehmen / und hernach desto emsiger und beständiger den Kunst- und
Tugend-Ubungen bei diesen Künste-Tempeln obzuliegen.
    Da ihr solches willens seit / (sagte Melopharmis /) warum nehmet ihr dann
nicht die Reise bei gegenwärtigem bequemen Wetter vor / ehe der unfreundliche
Winter den Reisenden / mit der Sonne / zugleich alle Ergetzlichkeit raubet? Die
rechte Warheit zu bekennen / geehrte Melopharmis / (antwortete Polyphilus) die
angenehme Gesellschaft / welcher ich hier geniesse / hat meinem Verlangen so
süsse Fessel angeschlagen / dass ich mich losszuwürken mir nicht getraue. Die
Gesellschaft (versetzte Melopharmis) könnet ihr ja mitnehmen / teils im Gemüte
/ teils mit dem Leibe. Ich weiss / Agapistus schläget euch diesen Spazir-Ritt
nicht ab. Und ich selbst will euch meinen Sohn zum Gefärten geben: damit er
allmählich lerne /dass die Erde in allen Ländern / auch seines gleichen nähre.
Polyphilus sah hierauf die Königin an / und sagte: Wann E. M. Einwilligung /
Durchleuchtigste Königin / mit dem Raht der Melopharmis übereinstimmte / so
möchte ich leichtlich zu bereden sein. Atychintida bedachte sich hierüber ein
wenig / weil sie des Polyphilus Gegenwart nicht wohl entbären kunte. Aber
verhoffend / dass er auf solcher Reise der Macarie vergessen möchte / sagte sie
mit lachendem Munde: Wann ich schon diese Reise gern erlaubte /was würde eure
Macarie sagen? würde sie mirs nicht übel danken? Die Macarie (antwortet
Polyphilus) ist nicht mein / ob gleich ich und ein jeder / der Kunst und Tugend
liebt / ihre hohe Beschaffenheiten rühmen muss. Demnach kann mich kein Verbot /
ausser E. M. an diesem Vorhaben hintern. Nun wohl dann! (sagte die Königin) weil
Melopharmis selbst diese Reise befördert / und euch ihren einigen Sohn vertrauet
/ so will auch ich nicht darwider sein. Ihr / Melopharmis bestellet alles / was
hierzu vonnöten. Und ihr / Polyphilus / eilet / die Reise anzutretten / damit
wir eure Wiederkunft desto eher zu hoffen haben. Hierauf bedankte sich
Polyphilus neben Melopharmis / vor die gnädige Bewilligung / und giengen nach
des Agapistus Zimmer / selbigem ihre glückliche Verrichtung frölich zu
verkünden.
    Sie waren noch im Erzehlen begriffen / als Servetus von Soletten zu rücke
kam / und der Macarie Brief dem Polyphilus überreichte: welcher ihn so bald
erbrache / und / als er darin die Glückwünschung zu seiner Reise vernahme / von
Freuden so eingenommen ward / dass er gedachte / aller Gefahr trotz zu bieten
/und das Glück beständig zu seinen diensten zu haben. Er kleidete sich zur Reise
/ aber / nach seiner Jugend gewonheit / mehr prächtig als vorsichtig. Nachdem
Agapistus und Servetus / welchen sie zu ihrer Bedienung mitnahmen / wegfertig /
Melopharmis ingleichen alle Notdurfft verschaffet / und ihren Sohn zur Reise
ausgerüstet hatte / kamen sie des dritten Tags sämtlich / von der Königin
Abschied zu nehmen. Als nun Polyphilus ins Zimmer trate / dessen natürliche
Schönheit / ansehliche Leibs-Länge und höfliche Sitten / durch die graue mit
Silber belegte Kleidung nicht wenig vermehret / und also kräfftig genug war
/unvorsichtige Augen und vorhin entzündete Gemüter /vollends in Brand zu
stecken: entfärbte sich die Königin dermassen / dass man die besiegende Liebe auf
ihren Wangen lesen kunte.
    Er neigte sich mit tiefster Ehrerbietung / und sagte: Durchleuchtigste
Königin! nach dem E.M. mir vor etlichen Tagen / gnädigst erlaubet / eine
Spatzir-Reise vorzunemen / und mit dieser wehrten Gesellschaft /mein geliebtes
Vatterland zu besuchen / oder vielmehr zu gesegnen / als habe ich hiemit
schuldigen Abschied nehmen wollen / mit Untertänigen Dank / vor so vielfältige
Gnad-Woltaten / welche ich nun eine geraume Zeit / von dero Mildigkeit / wider
Verdienst genossen / demütig bittende / in solcher Gütigkeit zu verharren / und
nicht nur dero gehorsamstem Diener in seinem Abwesen / Gnad-gewogen zu
verbleiben /sondern auch ihn bei seiner ehesten Widerkunft / mit Gnaden
anzusehen. Mein Polyphilus! (antwortete Atychintida) was ihr bei uns genossen /
habt ihr mit unser Erlösung überflüssig verdienet / und daher nicht Ursach /
deswegen zu danken. Wir wünschen euch auf diese Reise beständiges Wolergehen.
Der gnädige Himmel wolle die Strassen beglücken / euer Vornehmen segnen / und
uns mit eurer erwünschten Wiederkunft / in kurtzen erfreuen. Mit diesen bote
sie ihm die Hand / mit einem so verliebten Anblick / dass Polyphilus / /
Höflichkeit halber / einen dagegen schicken musste.
    Hierauf wendete er sich zu Melopharmis / und dankte selbiger vor ihre Hülffe
/ mit dienstlicher Bitte / ihme ferner günstig zu verbleiben / und sein Glück
befördern zu helffen. Diese hingegen / wünschte ihm Glück / und befahl ihme
ihren Sohn / solchen als seine eigne Seele zu bewahren: welches er auch
versprache / und so fort allen übrigen die Hand bote. Dessgleichen als auch
Agapistus und der Sohn Melopharmis getan / dieser aber vor andern von seiner
Mutter mit vielen Trenen gesegnet wurde / satzten sie sich zu Pferd / und
wurden von den Augen der Königin und Melopharmis / so lang begleitet / biss ein
kleines Gebüsche sie ihrem Gesicht entnommen: Daher sie / mit wehmütiger
Betrübnus / zurücke kehren / und sie der gnädigen Vorsorge des Himmels befehlen
mussten.
 
                                 Dritter Absatz
 Des Polyphilus Reiss-Gespräche mit seiner Gesellschaft. Sie werden als Mörder
  angesprochen /in gefängliche Hafft geführet und verhöret: Da Polyphilus den
    Richter anschnarchend / von ihnen abgesondert und härter verhaftet wird.
   Agapistus vermahnet ihn / durch ein Schreiben / zur Gedult: Seine gewürige
              Antwort. Seine Klage / über seine Unglückseligkeit.
Also ritte nun Polyphilus mit seiner Gesellschaft frölich fort / und dünkte
sich ausser aller Gefahr sein. Sie vertrieben die zeit / mit allerhand
kurtzweiligen Gesprächen / und ergetzten sich sonderlich damit /dass sie die
Königin so artig betrogen. Agapistus fragte endlich: Was macht dann Macarie:
wird sie auf dieser Reise keine Gefärtin abgeben? Eine unnötige Frage!
(widerredte Polyphilus /) wie sollte die jenige nicht zugegen sein / um deren
Liebe willen wir diesen Weg reisen. Ihr wisset ja / Agapistus! dass ich vielmehr
mein selber / als ihrer Gunst / vergessen werde. Es sind aber zwei widerwertige
Dinge / (gegenredete Agapistus) lieben und reisen. Der Liebe Eigenschaft ist /
vielmehr sich der geliebten Person nähern / als von ihr entfernen / und kann die
Flamme der Liebe nicht eher ausgeleschet werden / als durch den Wind der
Abwesenheit. Bei unbeständigen Gemütern / (versetzte Polyphilus) mag dieses wohl
zu fürchten sein /aber nicht bei meiner Macarie / derer Freundlichkeit mir nicht
allein diese Reise erlaubet / sondern auch ihre Gewogenheit zu einer steten
Begleiterin versprochen. So weiss sie auch / dass meine Abwesenheit nicht lang
währet. Dann ich vergleiche mich in diesem Vornehmen den jenigen Tieren /
welche etwas zu rück weichen / damit sie hernach desto einen stärkern Lauf
verrichten können: Also entziehe ich mich meiner Macarie mit Willen ein wenig /
damit ich sie hernach desto schneller ereilen / und ihrer Gegenwart um so viel
beständiger geniessen könne.
    Aber ach! betrogner Polyphilus! wie viel dornichte Wege hat deine Liebe noch
zu lauffen / ehe sie dieses Ziel erreichet? Weist du nicht / dass das Glück mit
eben denen Flügeln / die es zu uns führen / auch wieder davon fleucht? Es führet
/ in deiner Liebe / rechte Schlangen-Manier / die nach einer Seiten den Kopff zu
richten / und nach der andern zu schiessen pflegen. Ach armer Polyphilus! wie
ein starkes Gewitter wird nach diesem heissen Sonnenschein aufsteigen / und
deine Zufriedenheit mit seinen Donner-Keilen zerschmettern! Dass ich dich doch
dürffte zurück ruffen /und vor deinem Unfall warnen! Aber leider! die Sicherheit
/ als eine Heroldin der Straffe / hat deine Sinne so verblendet / dass du meinen
Worten nicht glauben würdest. Derowegen so erfahre / was ich die nicht vorsagen
dörffen. Ich will dein herein-brechendes Unglück / doch nicht ohne Mitleiden /
ferner beschreiben.
    Als nun die Gesellschaft in ihrer Frölichkeit also etzliche Tage gereiset /
und einen zimlichen Weg zurück gelegt hatte / ritte Polyphilus in dem Andenken
seiner Macarie / und liess ihm ihr letztes Brieflein /welches er wohl 100 mahl
durchlesen / den liebsten Begleiter sein. Indem kame ihnen ein Hauffen
gerüsteter Männer entgegen / die einen Schäfer bei sich führten. Der Melopharmis
Sohn war der erste / der ihrer warnahm / und sagte mit erschrocknem Gemüte: Ach
Polyphilus! was wollen diese? Vielleicht ist ein Unglück vorhanden. Aber
Polyphilus antwortete: Mein Tycheno! (so hiess der Sohn Melopharmis) Kinder
pflegt man mit Larven zu schröcken: leget eure Furcht mit der Kindheit ab / und
wachset / wie an Jahren / also auch in Mannlichkeit und Tapfferkeit. Wer weiss /
was diese suchen? Man lasse sie ihre Strasse reisen. Agapistus / ob er sich wohl
nicht förchtete / hielt jedoch die Sache verdächtig / und sagte: Solten diss auch
Larven sein / Polyphilus: Ich sehe gleichwol / dass sie streng auf uns zueilen.
So lasst sie dann kommen / (fuhr Polyphilus heraus) wir werden vor ihnen nicht
fliehen / und sie werden uns ja ohne Ursach nicht beleidigen. Kaum war das Wort
geredt / da wurden sie schon von der Mänge feindlich umringet: die fielen ihren
Rossen in die Zäume / und rissen sie / ungeacht alles Widerstands / von
denselben herunter / bemüheten sich auch / durch Abnehmung ihrer Gewehr / sich
ihrer Personen zu bemächtigen.
    Die Reisende waren durch diesen unversehenen Uberfall dermassen erschrecket
/ das Tycheno mehr einem Todten als Lebendigen ähnlich sah / Agapistus
ingleichen ganz bestürtzt / und Polyphilus so ergrimt war / dass ihn der Zorn
kein Wort reden liesse. Er wurde durch den Vornehmsten von der Rotte gefraget /
wer sie wären / und wohin sie wollten? Also hätte man fragen sollen /
(gegen-redete Polyphilus) ehe man uns so mörderischer Weise angefallen. Ich
frage viel billiger: Wer seit ihr / dass ihr reisende Personen wider alle
Billigkeit / berauben dörffet? Diese kühne Antwort bewegte jenen / dass er den
bei sich habenden Schäfer heimlich wegen des Polyphili befragte. Als nun
selbiger bejahete / dieser wäre gewiss einer von den Mördern / und er erkenne ihn
an seiner Kleidung und Sprache / wandte er sich wieder zum Polyphilus / mit
solchen Worten: Pflegen die Mörder also hoffärzu antworten? Was / Mörder?
begegnete ihme Polyphilus. Ihr selbst mögt solche sein / biss ihr uns einer
Mordtat überführet. Das wird sich wohl schicken / / (antwortete jener) wann ihr
mit uns auf jenes Ort kommet / und daselbst werdet ihr euren Richter finden.
    Hierauf zwungen sie unsere Reisende mit Gewalt /ihnen nach selbigem
Herrnsitze zu folgen: und kunte weder des Tycheno Flehen / noch des Agapistus
Bitten / noch des Polyphilus Trotzen / ihrem Frefel widerstehen. Also wurden sie
dahin geführet / und in ein Zimmer zusammen verschlossen. Dergestalt fielen
diese Armseelige plötzlich aus der Freiheit / in die ärgste Dienstbarkeit / und
aus der Freud in die höchste Betrübnus. Wie ihnen dabei zu muht gewesen /stehet
unschwer zu erachten. Was sollten aber unsere arme Gefangne machen? Ihr bästes
Gewehr ware die Gedult: welche doch Polyphilus so gar nicht zu gebrauchen wusste
/ dass er viel lieber wehrloss sein wollte. Agapistus fragte den Hüter: ob er nicht
wüste /aus was Ursache man sie gefangen hielte? Dieser berichtete / dass vor
wenig Tagen / etliche Schäfer selbiger Gegend / von Mördern überfallen / und biss
auf einen einigen erschlagen worden / welcher entronnen /und es dem Schutzherrn
angezeigt: Der ihme dann so bald Leute zugegeben / die Mörder zu
verkundschaften. Weil nun selbiger Schäfer / Polyphilum für einen von den
Mördern bekennte / als wären sie sämtlich /die Warheit ihnen abzufragen / zur
Haft gebracht worden.
    Agapistus erschracke heftig über dieser Erzehlung / und berichtete solches
dem Polyphilus: Der sich wegen so ungerechten Anklage noch mehr erzürnte. Und ob
ihn wohl Agapistus bate / vorsichtig zu verfahren / und sein Unglück durch
Widerstrebung nicht weiter zu reitzen / kunte er doch wenig erhalten: weil er
viel lieber sterben / als solche Unbilligkeit ohne Verteidigung seiner Unschuld
und Ehren dulten wollte. Wie sie diese Nacht über geschläffen / oder vielmehr
gewachet / ist leichter zu gedenken / als zu beschreiben. Des andern Tages
wurden sie vor den Herrn selbiges Orts geführet / der sie wegen besagter
Mordtat scharff befragte. Ob sie nun wohl mit vielen Einwendungen beglaubten /
dass sie ganz unschuldig wären / und von diesem Mord nichts wüsten / reisende
Leute wären / die in nötigen Geschäfften nach der Landschaft Brunsile gedächten
/ und durch diese unbillige Anhaltung an ihrem Vorhaben gehintert würden:
Erhielten sie doch damit nichts mehrers / als dass sie der Richter nur desto
härter bedrohete / vorgebend / dafern sie ihre Ubeltat / deren sie durch den
Schäfer gnugsam überzeugt / nicht gutwillig bekennen würden / dass er strengere
Mittel ergreiffen / und die Bekantnus mit gewalt aus ihnen zwingen wollte.
    Diese ungerechte Verfahrung / reizte den Polyphilus / dass er den Richter
hönisch fragte: In welchem Recht er diese Gerichts-Ordnung gelernet / dass er
unschuldigen Leuten / ohne gnügliche Uberzeugung /peinliche Fragen anbiete. Der
Richter / welcher mehr hoffärtig als weise war / sagte hierauf: Er sollte mit
solchen Worten innhalten / oder er wollte ihm mit einer andern Antwort begegnen.
Das möget ihr wohl tun / (antwortete Polyphilus) weil wir in eurer Gewalt; Und
wie ihr uns gewalttätiger Weise auf offentlicher Strassen hinweg nehmen lassen /
also könnet ihr uns auch gar das Leben nehmen: dennoch aber müsst ihr hören /
dass ihr gegen Recht und Billigkeit mit uns verfahret / und dem gerechten Gericht
des Himmels nicht entlauffen werdet. Der Richter wurde über dieser allzufreien
Antwort halb rasend / und befahle / den Agapistus und Tycheno / in vorige
Verwahrung zu bringen / den Polyphilus aber in ein elendes Gefängnus ganz
allein zu verschliessen / daselbst er seine Zunge zäumen / und seinen Richter
gebührlich zu ehren lernen sollte. Polyphilus sagte ferner: Wie dass keine
Gefängnus / wie schröklich sie auch sei / ihn zwingen werde / die Unbilligkeit
vor Recht zu preisen; Weil man Serveten nicht zwingen konnte /den Polyphilus zu
verlassen / als wurde der / ohne des Richters Wissen / zu ihm verschlossen.
    Wer unterwindet sich nun / den erbärmlichen Zustand unserer gefangenen
Reiss-Gesellschaft / und sonderlich des unseeligen Polyphilus / zur gnüge zu
beschreiben? Der erhitzte Eyffer über diese Unbilligkeit verwirrte sein Gemüte
dermassen / dass er sich seiner Sinne kaum halb gebrauchen kunte. Er zweifelte /
welches am meinsten zu beklagen / die Absonderung von seiner Macarie / das Elend
seiner Gefängnus / oder die Strafe / die er noch zu gewarten hätte: Und wusste er
nicht / ob er dem misslungenen Raht Agapistens / der Ungerechtigkeit des Richters
/ oder seinem eignen unseligen Verhängnus / dieses Unglück beimessen sollte.
    Servetus zwar / unterstunde sich oft / seinen Herrn zu trosten: kont aber
kein Gehör erlangen. Agapistus indessen / war mit doppelter Angst umgeben. Er
vergass seines eignen Unglücks / und war nur bemühet /den Sohn Melopharmis / als
einen furchtsamen und zart-erzognen Knaben / der solcher Bewirtung ungewohnt war
/ zu stillen. Und dieweil er leicht gedenken kunte / Polyphilus würde durch
seine Ungehaltenheit die Strafe vermehren / war er vor allen dahin bedacht /wie
er denselben auf einen gelindern Weg leiten möchte. Dannenhero bate er den Hüter
/ ihm zu erlauben / dass er den Polyphilus besuchen dörffte: vorwendent / dass
selbiger sehr Melancholischer Natur / und zu förchten / dass die allzuharte
Bedrängnus ihn in grösser Unglück stürtze / darum er dann tröstens vonnöten
hätte. Aber der Hüter entschuldigte sich mit der Unmüglichkeit / und sagte / dass
ihme solche Zusammenlassung ganz verbotten wäre. Demnach forderte er Feder und
Papier / und schriebe an ihn folgendes Innhalts.
Freundlich geliebter Polyphilus.
    Ich kann leicht mutmassen / mit was Ungedult ihr diese ungerechte Gefängnus
empfinden werdet / und trage mit euch solches Mitleiden / wie einem
treu-verbundenen Freund gebühret. Und weil mir alle mündliche Unterredung ganz
verbotten gleichwol kein ander Mittel / uns aus dieser Gefahr zu reissen / übrig
/ als Gedult und Demut: Demnach habe ich / durch dieses Brieflein / euch /
solche zu ergreiffen / und die Hartsinnigkeit zu verlassen / erinnern und bitten
wollen. Bedenket doch / liebster Polyphilus! dass wir fremde /wehrlose und
gefangene Leute sind / die weder Schutz noch Hülffe zu gewarten haben. Was ist
nun vernünftiger als solchem Ubel weichen / dessen Gewalt uns augenblicklich
zerbrechen kann. Zwar ist es edlen. Gemütern angeboren / ihr Recht zu behaubten /
und bei Unschuld mehr zu schnarchen als zu bitten. Doch muss die Natur der
Vernunft weichen / und ist bei Härtigkeit weder Klugheit noch Verstand. Eussert
euch demnach / Polyphilus! der hohen Sinnen / und nehmet solche an / die die
Zeit und unser arbeitseeliger Zustand erfordert. Haltet es vor keine Schmach
/dass wir dem Glük folgen müssen / welchem auch die Seulen und Häupter der Welt
nicht widerstehen können. Kan euch nicht bewegen / die Gefahr / in welche ihr
euch durch die Halsstarrigkeit stürtzet / noch die Freundschaft / welche ihr
von der Königin und Melopharmis deswegen zu gewarten / so lasset euch doch
bewegen / die getreue Liebe eurer Macarie / die durch diese Zeitung in ängstigen
Kummer gerahten wird /und gewäret um ihrent willen die Bitte /
                     Eures biss ins Sterben getreuen Freunds
                                 und Dieners /
                                                                      Agapistus.
Diesen Brief liesse Agapistus / durch den Hüter / dem Polyphylus zustellen: der
dadurch in seinen unruhigen Gedanken / einen kleinen Trost empfinge. Und ob er
gleich erstlich nicht gewillet war / dem ungerechten Richter nachzugeben:
Dennoch aber / als Agapistus um seiner Macarie willen bate / ging ihme solche
Bitte dermassen tief zu Hertzen / dass er sich alsobald gewonnen gab. Und da
zuvor weder ein vernünftiger Raht / noch die Furcht der Gefahr / oder der
Verlust aller Freundschaft / seinen Vorsatz überwinden kunte / überreichte er
nun willig / die Waffen in die Hände der Liebe / und bekannte / dass alle Stärke
ihrer Gewalt ausweichen müsse. Ja / es setzte ihm die Furcht / dass seine Macarie
über dieser Gefängnus einigen Schrecken empfinden möchte / in solche Bekümmernus
/ dass er eilends / wiewohl nach langsam- Einwilligung des Hüters / die Feder
ergriffe / und ein Trost-Brieflein an sie verfertigte / und selbiges dem
Agapistus übersendete / mit dieser Antwort.
Treu-liebender Agapistus!
    Nicht nur die aufrichtige Freundschaft / mit welcher ihr meine Errettung so
sorgfältig zu befördern suchet / sondern auch die vernünftige Ursachen / welche
euer angenehmes Brieflein / mich besserer Gedult zu befleissen / anführet /
fordern von mir eine schuldige Folge. Und ob es wohl einem freien und
Tugend-liebenden Gemüt schwer wird / bei offenbarer Unschuld / einen ungerechten
Verfolger um Gnade zu bitten: so achte ich doch / um der Liebe willen meiner
Macarie / die schändlichste Tat vor die rühmlichste /und die schwerste vor die
leichteste. Weil ich auch /eurer Erinnerung nach / wegen dieser Verschliessung
/ihre Betrübnus fürchten muss: habe ich beikommendes Brieflein / sie zu trösten /
geschrieben / und bitte /selbiges auf Soletten zu bestellen / weil ihr doch
freiern Pass / als ich elender / habet. Im übrigen befördert / so viel müglich /
unsere ehiste Erledigung / und glaubt gewiss / dass ich mich auch wider meine
Natur / in Gedult und Demut erweisen werde.
                                Euren gehorsamen
                                                                     Polyphilus.
Als diese beide Schreiben dem Agapistus eingehändiget worden / erfreute er sich
über des Polyphili Begütigung nicht wenig / und bate den Hüter / der Macarie
Brief nach Soletten zuschicken / ihme aber Gelegenheit zu erwerben / mit dem
Landherrn zu sprechen /weil er hoffte / seine Unschuld also zu erweisen / dass
sie der Gefängnus befreit würden. Der Hüter versprache / den Brief zu bestellen
/ das übrige aber /weil es nicht in seiner Gewalt stunde / nach Gelegenheit zu
befördern. Agapistus verhiesse ihm dafür eine gute Verehrung / und tröstete den
Sohn Melopharmis / mit der Hoffnung / in kurtzen wieder frei zu werden / und
ihren vorgenommenen Weg frölich förtzusetzen.
    Polyphilus indessen / nachdem er den Zorn / als eine kurtze Unsinnigkeit /
überwunden / empfunde /gleich als aus dem Traum erwachet / von neuem die
Schmertzen der Liebe. Er beklagte diese Ungerechtigkeit / und wie seiner
gewohnten Freiheit so gar zuwider / verschlossen zu sein: wie er dann vormahls
viel lieber den zornigen Wellen sich vertrauen wollen /und / der Gefängnus zu
entfliehen / den augenscheinlichen Tod zu erwählen sich nicht gescheuet.
Servetus riehte ihm / er sollte dem Richter eine Verehrung tun / welche
gewisslich höflicher würde empfangen werden / als die nackete Unschuld. Es würde
doch der Schlüssel zu öffnung dieser Gefängnus von Gold müssen geschmeltzet
werden: weil man nur nach der alten Manier sein Recht erweisen / nach der neuen
aber dasselbe erkauffen müsse. Aber Polyphilus hatte hierzu keinen Lust / und
stellete ihm allein vor / seinen Glük- und Unglücks-Wechsel / und wie der Himmel
seine Freude in so grosse Betrübnus verwandelt.
    Ach! Ich Elender! (sagte er) wie schnell hat sich doch meine Zufriedenheit
verkehret! und wie unverhofft hat mich das Unglück überfallen! Wer in seinem
Wohlstand sicher ist / und den freundlichen Augen des Glükes trauet / der sehe
an mir ein Beispiel seiner Unbeständigkeit. Niemals hat es seine betrügliche
Tücke klärer zu erkennen gegeben / als in meinem arbeitseligen Lieben. Wie ein
gescheitertes Schiff / ein Spiel der Wellen ist: also hat auch das neidige Glük
/durch Aufnehmung und Verstossung mit mir gespielet. Dieses einige unterhält
mich / dass ich leide / um der allerwürdigsten Macarie willen / welche mich so
ungefälscht liebt. Und so lang auch solche Liebe vest bleibet / hoffe ich alle
Streiche des Unglücks auszuschlagen / und in der grösten Widerwärtigkeit zu
siegen.
 
                                 Vierter Absatz
Polyphylus wird / als ein Mörder / vermähret. Der Melopharmis Unruhe / wegen der
Gefahr ihres Sohns. Der Königin Beratschlagung hierüber. Der Melopharmis hartes
 Schreiben an den Polyphilus /und böser Raht wider seine Liebe. Macarie singet
/und tröstet sich mit ihres Polyphilus Andenken; empfähet ein Schreiben von ihm
/ und wird von der Königin / durch Phormena / vor seiner Freundschaft gewarnet.
    Ihre vernünftige Antwort / darauf folgende Klage / und Schreiben an den
            Polyphilus / darin sie ihm ihre Gemeinschaft aufkündet.
In dieser Zuversicht lebte Polyphilus / biss das Glük eine neue Bestürmung wider
seine Beständigkeit vornahm / und ihn gar nahe zur Aufgab nötigte. Dann es hatte
inzwischen / das vielzüngige Gerüchte / die Zeitung von des Polyphilus Gefängnüs
/ mit so verhassten Umständen nach Sophoxenien gebracht / dass die Königin
darüber nicht wenig bestürtzt / Melopharmis / aber fast aller Sinnen beraubt
wurde. Weil man dieser vorgebracht / dass Polyphilus / wegen einer
längst-begangnen Mordtat / samt dem Agapistus und ihrem Sohn / auf den Hals
gefangen läge / gab sie ihre mütterliche Liebe / mit jämmerlichen Gebärden zu
verstehen / und fiel mit einem solchen Zetter-Geschrei in ihre Haare / dass
Atychintida gnug mit ihrer Besänftigung zu tun hatte. Und gleich wie aus dem
süssesten Wein der scharfste Essig zu werden pfleget / also wurde auch die
grosse Gunst der Melopharmis gegen den Polyphilus in so grimmigen Hass verwandelt
/ dass sie ihn ganz verfluchte. Ach! mein Kind / (sagte sie /) mein
allerliebstes Kind! du einige Hoffnung meines betrübten Alters! solst du / um
dieses boshaftigen Mörders willen / deiner Freiheit beraubet werden / und so
elendiglich gefangen ligen? Kan dieser Undankbare / alle die Guttaten / welche
ich ihm erzeiget / anderst nicht / als mit deinem Untergang / vergelten? O du
unschuldiger Sohn! Warum hat dich deine unvorsichtige Mutter / diesem Verführer
zu gefallen / so mutwillig dem Elend in den Rachen gestekt.
    Atychintida wollte sie trösten / und sagte: Gebet euch zu frieden /
Melopharmis! durch klagen wird das Unglück nicht geringert. Lasset uns vielmehr
auf ein gutes Mittel denken / wie euer Sohn errettet werde. Ach! worauf soll ich
denken? fragte Melopharmis: Das beste Mittel wird sein / dass ich selber hin
reise / und diesen Mörder wegen meines Sohns anklage: damit also selbiger
errettet / er aber seine verdiente Strafe empfahe. Ich kann doch nicht hier
bleiben /und die Gefahr meines liebsten Kindes dulten.
    Der Königin wollte dieser Raht nicht gefallen / liesse demnach die beide
Weisen vor sich fordern / legte ihnen diese Zeitung / samt dem Anschlag
Melopharmis vor / und begehrte ihr Bedenken. Cosmarites liesse sich also
vernehmen: Durchleuchtigste Königin! die eingekommene Zeitung erfordert grosse
Vorsichtigkeit / weil das Leben einem Menschen leichtlich zu rauben / aber ganz
nicht zu ersetzen ist. Das Vorhaben Melopharmis / dünket mich viel zu hitzig
sein: und kann der Zorn nicht schädlichere Kinder zeugen /als wann er mit der
Ubereilung vermählet wird. Demnach scheinet das sicherste zu sein / dass man eine
geschwinde Botschaft sende: damit alle Umstände dieser Gefängnus erkundiget
werden / (weil die Warheit und der Wein mit grosser Gefahr eines Zusatzes über
Land reiset) und alsdann den Unschuldigen Errettung / den Schuldigen aber
Bestraffung / widerfahre. Freilich (sagte Chlierarcha) soll man aus der
äusserlichen Strafe / nicht allezeit einen Beweis der Laster nehmen: weil das
Unglück oft gegen die allerunschuldigsten am heftigsten zu wüten pfleget. Es
will mir ganz nicht zu Sinne / dass Polyphilus an dieser Mordtat schuldig / und
heisset mich sein aufrichtiges Gesicht / und sein Tugend-begieriges Gemüt / viel
ein besseres hoffen.
    Die Königin liesse ihr diesen Raht belieben / und fertigte so bald einen von
Adel ab / der vom Agapistus die rechte Ursach dieser Gefängnus erforschen /und
damit eilends zurücke kommen sollte. Melopharmis aber / kunte hierdurch ihren
Zorn nicht stillen. Und weil sie sich der Königin nit widersetzen dürffte / gab
sie / unwissend ihrer / dem Abgeordneten diesen Brief mit / an den Polyphilus
lautend.
                            Undankbarer Polyphilus.
So nenne ich euch billig / wann ich die Woltaten /welche ihr von mir genossen /
und hingegen die Bosheit / mit der ihr sie belohnet / bedenke. Kuntet ihr eure
Mordtat nicht allein büssen / dass ihr meinen unschuldigen Sohn eurer billigen
Gefängnus teilhaftig machet? Glaubet mir dass ich diese Ubeltat rächen / und /
wie zuvor euer Glük / also auch nun eure Strafe befördern werde. Bildet euch nur
von der Königin keine Hülfe ein: Dann sie nun euren Betrug merket / und wohl
erkennet / dass ihr nicht unschuldig seit / weil ihr euer Elend ihr nicht
entbieten dörffen. Die Uberzeugung der Laster macht verzagt / und die Rache /
welche langsam komt / straffet viel härter. Dieses wenige vernehmet / als eine
Verkündigung der Straffe / von
                                                                    Melopharmis.
Nun hatte sich ja Melopharmis / an dem armen Polyphilus gnug gerächet / und
sollte sich billich zu frieden geben. Aber was ist ärger / was ist unersättlicher
/ als die Rache eines erzürnten boshaftigen Weibes? Sie hatte nicht genug / dass
sie seine Ehre geschändet /und ihn bei der Königin verhasst gemacht: sondern sie
suchte ihn auch des jenigen zu berauben / welches ihme auf dieser Welt das
liebste war. Sie beredete Atychintida / dass sie die Phormena nach Soletten
schicken sollte / um / die Gefängnus Polyphili der Macarie zu verkünden / und sie
vor seiner fernern Freundschaft zu warnen. In dieses Begehren willigte die
Königin um so viel leichter / weil sie dadurch eine heimliche Rache an Macarie
zu üben / und ihre Liebe aufzuheben / gedachte. Wie sie dann der Phormena solche
Worte in den Mund legte / die Macarie schmertzlich gnug empfinden wird.
    Was hat aber indessen Macarie getan? Diese hatte sich / nach des Polyphilus
Abreise / in Gedult und Hoffnung nach seiner Widerkunft gesehnet / und indessen
ihre Zeit mit Lesung gelehrter Schrifften verkürtzet. Einsmahls fasste sie ihre
Lauten / und sang darein / nachgesetztes Lied.
                                       1.
Niemals soll die Liebe sein /
ohne Pein /
Niemals sollen wir geniessen
Ihrer Früchte Süssigkeit /
ohne Leid.
Darum soll mich nicht verdriessen /
Weil ich diese Ordnung weiss /
Liebster! deine kurtze Reiss.
                                       2.
Meine Sinne kränket zwar
die Gefahr /
Die sich öffters pflegt zu finden /
Ja / mir komt im Schlafe für /
Wie man mir
Böse Zeitung woll verkünden:
Biss mir wieder fället bei /
Dass Betrug in Träumen sei.
                                       3.
Meine Liebe tröstet mich
stätiglich /
Dass du werdest ruhig leben /
Und wie sie in kurtzer Zeit /
voller Freud /
Dich mir wolle wiedergeben.
Diese Hoffnung macht allein /
Dass ich kann zu frieden sein.
                                       4.
Folge du / auf dieser Reiss /
meinem Fleiss /
In dem stäten Angedenken:
Und lass keine fremde Lust
deine Brust
Mit verliebten Sinnen kränken.
Wiss auch / wo dirs geht wohl /
Das dich niemand halten soll.
                                       5.
Wie ich dir zu folgen pfleg /
auf den Weg /
Und begleite deine Reisen;
Wie dich mein Verlangen küst /
wo du bist:
Können meine Seufzer weisen /
Die ich dir entgegen schick /
Nach zuforschen deinem Glük.
Sie hätte weiter gesungen / wann sie nicht der Brief /welchen Polyphilus durch
Agapistum bestellen lassen / hätte abgefordert. So bald sie selbigen empfangen /
legte sie die Laute nieder / und hoffte durch ihn getröstet zu werden. Aber weit
gefehlt! Als sie ihn erbrochen / wurde sie dieser Worte verständigt.
                             Allerliebste Macarie!
Wie mich ihr Befehl in einem stäten Gehorsam bleiben heisset / also muss ich auch
dissmals demselben folgen / und mit gegenwärtigen Zeilen nach ihrer Gesundheit
fragen. Es zwinget mich aber mehr das brünstige Verlangen / welches zum öfftern
mit einer heimlichen Furcht an meinem Hertzen anklopffet / es möchte das
Geschrei von meinem Unglück / ihre Ruhe verstöret haben. Wesswegen ich sie / durch
dieses Brieflein / berichten wollen / dass wir zwar / wegen eines Irrtums /
etliche Tage angehalten worden / welcher aber so nichtig gewesen / dass ich ihn
keiner Beschreibung würdige. Nur dieses sollte mich schmertzen wann mein Kind
einigen Schrecken darüber ausgestanden hätte. Wie mich aber der gütige Himmel
alles gutes hoffen lässet / also giebet mir auch meine wieder-erlangte Befreiung
/ solchen Trost / gegen meiner ängstigen Sorge / dass ich mit völliger
Zufriedenheit keine weitere Betrübnus fürchte. Solte mich nun diese Hoffnung
nicht betrügen / würden sich meine Sinne gleich so mächtig aufrichten / als sie
zuvor nidergeschlagen waren. Mein liebes Kind! bewahre sich / weil sie mein
Tugend begieriges Gemüt erkundiget / mit dieser Nachricht / wider den Anfall des
schändlichen Gerüchts / und lebe frei von aller Sorge / versichere sich auch /
dass sie teils schon gefallen sind / teils noch fallen werden / die mich
stürtzen wollten / Ich aber ewig verbleibe
                              Ihr Allergetreuster
                                                                     Polyphilus.
Ob nun Macarie über diesem Brief erschrocken / stehet nicht zu zweiffeln. Sie
wusste nicht / was sie von dieser Gefängnus halten oder glauben sollte: weil der
ganze Brief auf Schrauben gestellet / und keine aufrichtige Eröffnung darin
anzutreffen war; ohne dass sie seine verhoffte Erledigung tröstete. Als sie aber
noch in solchem Zweifel schwebte / wurde ihr angesagt / wie Phormena von
Sophoxenien nach ihr fragte: welche Post sie noch mehr erschrekte / weil sie
wohl merkte / welcher Ursache wegen sie gekommen. Doch bedekte sie ihr ängstiges
Hertz mit dem Vorhang eines frölichen Angesichts / und gienge ihr entgegen
/empfinge sie auch mit höflicher Ehrerbietung / und führte sie mit sich in ihr
Zimmer.
    So bald sie den Sitz genommen / täte Phormena ihr Anbringen / mit diesen
Worten: Tugend-gezierte Macarie! Unsre gnädigste Königin lässet sie / neben
einem gnädigen Gruss / berichten / wie sie scheinbare Zeitung erhalten / dass ihr
liebster Polyphilus auf dieser Reise / nach seinem Vatterland / wegen eines
längst-begangenen Mords / mit seiner Gesellschaft in eine strenge Gefängnis
gerahten sei. Ob er nun an dieser Mordtat schuldig / lässet Atychintida durch
einen reitenden Boten erkundigen. Weil sie aber indessen grosses Mitleiden trägt
/ dass ihr / schönste Macarie / als eine so kluge Weibs-Person / den Ruhm eurer
Tugenden / durch dieses beschreiten Menschen Liebe vertunkelt / als hat sie mich
abgesandt / euch in diesem Unglück zu trösten / und vor seiner ferneren
Freundschaft zu warnen.
    Macarie hörte diesem hönischen Anbringen mit grosser Gedult zu. Und ob sie
wohl der gifftige Hass der Königin sehr kränkte / hielte sie doch / wie schwer es
auch daher ging / zimlich an sich / biss sie endlich in diese bedächtige Antwort
heraus brach: Edle Phormena! Dass die Durchl. Königin vor die Wolfart meiner
Wenigkeit so gnädig sorget / erkenne ich mit demütigem Dank. Mich wundert aber
nicht wenig / warum sie Polyphilum meinen Liebsten nennet / und wegen seiner
Gefängnus mit mir beileid träget. Die Freund schafft / welche ich eine zeitlang
mit ihme gepflogen / ist / seinem Vorgeben und meiner Meinung nach / bloss auf
Kunst und Tugend gegründet gewesen: von Liebe aber / ist mein Hertz ganz frei /
nicht allein gegen Polyphilus / sondern gegen allen andern. Irret demnach die
Königin in ihren Gedanken / wann sie meint  / dass meine Tugenden (wann ich mir
anderst eine beilegen darff) durch des Polyphilus Unglück beflekket worden. Dann
wann die wenige Erkäntnus / so ich von ihme gehabt / meinen Ruhm verletzen sollte
/ wie könnte dann der Atychintida hohes Ansehen / durch die Gnaden / welche
Polyphilus von ihr genossen / ungetadelt bleiben? Ist Polyphilus an diesem Mord
schuldig / so wird die Liebe der Gerechtigkeit / bei mir bald alle Freundschaft
auslöschen / und deswegen keine Warnung vonnöten sein. Ist er aber unschuldig /
so erfordert die Tugend ein billiges Mitleiden / und kann ich / um unverdiente
Schmach / meine Freundschaft nicht aufhehen.
    O eine Antwort / allen Verleumdungen entgegen zu setzen! Lernet hier von der
klugen Macarien / ihr Törichten! die ihr / falschem Geschwätze so leichten und
sichern Glauben zu geben / gewohnet seit. Spiegelt euch auch an der untreuen
Phormena / ihr leichtfertige Schwätzer / die ihr um den Lohn der Ungerechtigkeit
so oft und gerne dienet; und erkennet / dass es euch endlich / wie dieser /
ergehen werde. Dann auf solche Worte verstummte Phormena / und ward als zu Boden
geschlagen / musste sich auch mit dieser Antwort befriedigen lassen. Und ob sie
gleich / ihre Bosheit zu bemänteln / andere Gespräche auf die Bahn brachte /und
des Polyphilus Unschuld hinwieder vertädigen wollte / wusste doch Macarie solche
so klüglich abzuleinen / dass sie / sich höchst verwunderend / ihren Abschied
nehmen / und den Spott zu ihrer Belohnung heimtragen musste / und wurde sie von
Macarie einen zimlichen Weg begleitet.
    Sie gelangte noch selbigen Abend nach Sophoxenien / und erzehlete der Köaigm
und Melopharmis ihre unselige Verrichtung: die sich über der Macarie Klugheit
entsetzten / und hätte sonderlich Atychintida wünschen mögen / dass sie ihre
Erinnerung wieder zu rück nehmen können / weil sie damit wenig Ehre erjaget /
und den Schimpf / welchen sie Macarie aufzubürden gedachte / selbst tragen
musste. Doch musste sie es geschehen lassen / biss sie hörte / was der Ausgesandte
für Kundschaft von Polyphilus brächte. Macarie aber / als sie von der
Begleitung Phormenen wieder zurücke kam / ward mit tausenderlei Widerwärtigkeit
umgeben. Sie zoge ihr die Verletzung ihres guten Namen so empfindlich zu Gemüt /
dass sie aller Liebe gegen Polyphilus vergasse / und wünschte / ihn nie gesehen zu
haben.
    Ach! Macarie! (sagte sie) unbesonnene Maarie! wo ist nun das Gerücht deiner
Klugheit / und der Ruhm deiner Tugend? Sie sind verloschen / und an ihrer statt
brennet eine törichte Liebes-Flamme. Habe ich nicht in meiner Einsamkeit ruhig /
gegen den Himmel andächtig / mit den Menschen aber friedfertig / gelebet? habe
ich nicht die edle Tugend / und ihre schöne Früchte erkennet / und geübet? Was
hat mir gemangelt / als Beständigkeit? wie oft habe ich wider die Liebe geredet
und geschrieben? wie viele habe ich vor ihrem tyrannischen Joch gewarnet? und
ich lasse mich nun selber in ihre Fessellegen / und mit ihren Stricken binden
/ und welches das sträfflichste / von einem / der mich aus einer Widerwärtigkeit
in die andere stürtzet? Bald verliebet sich seine Jugend in eine fremde; bald
bringt mich sein hitziger Eifer in Sorge und Schrecken; bald beraubet mich die
Strafe seiner Laster / meiner Ehre. Und wer weiss / was das vor ein Land sein
wird / darein er mich zu führen gedenket /und wie ich daselbst leben werde? Dann
seinen Worten ist nicht allemal zu trauen / weil er sie nach meinen Ohren
richtet: Wie ich ein Beispiel an seinem letzten Brieflein habe. Heisst dann das
nicht / Torheit vor Klugheit / Schande vor Ehre / Schmertzen vor Ruhe / und
Laster vor Tugend erwählet?
    O der Unsinnigkeit! aber also pflegt es zu gehn /wann man seinen eignen
Kräfften zu viel trauet / die Gelegenheit zur Sünde liebt / und den Lastern
eine Mass zu suchen gedenket. Ach Polyphilus! Polyphilus! deine Schönheit und
Höflichkeit / und deine freundliche Bitte / hat meine Beständigkeit überwunden /
und mein Glük zu Boden gerissen. Warum habe ich deine Gegenwart nicht geflohen?
da ich doch wusste / dass ich sie nicht unverliebt geniessen kunte. Einem
mächtigen Feind ist ja viel sicherer ausweichen / als sich ihm vergeblich
widersetzen. Ach! ihr /meine lüstrende Augen / seid die unachtsame Türhüter /
welche die Liebe / als eine listige Feindin / bei mir einschleichen lassen. Ihr
seid die Fenster / durch welche sie mein Gemüt erstiegen / und sich nun viel
vester gesetzt / als dass sie wieder auszujagen. Welche Vestung wird nicht zur
Ubergab genötigt / wann ihre eigne Besatzung rebelliret / und mit dem Feind ein
heimlich Verbündnus macht? Welches Schiff kann sich länger gegen die stürmende
Wellen verteidigen / wann die See allbereit daran Lufft gefunden / und mit
Gewalt hinein dringet? Wie sollte dann meine Vernunft siegen / da alle Sinne sie
verlassen / und mit der Liebe geheuchelt haben?
    Doch was nutzet das Eisen wieder in die Wunden zu stossen / als dass man sie
damit verunreinige? Klagen ist bei einer Sache / die nicht zu ändern / nur ein
Zeuge der Schwachheit. Vielmehr will ich mich mit einer hertzhaften
Entschliessung waffnen / und sehen / ob ich durch diese letzte Tat meine vorige
Fehler austilgen könne; denn ich kann nicht leben / und wissen / dass man meiner
Unbesonnenheit gedenke. Ich will das Band mit gewalt zerreissen / dass sich sonst
nicht will füglich trennen lassen / und dem Polyphilus meine Gegenwart
allerdings verbieten / biss ich sehe / wie es mit seinem Glük ablauffen will:
damit also den schwätzigen Zungen der Lauf gehemmet / und die Ursach zu meiner
Verleumdung aufgehoben werde. Meine Zusage wird dadurch nicht gebrochen / weil
ich keinen andern erwähle. So wird auch meiner Beständigkeit nicht abgetan:
dann die Abwesenheit kann meine Liebe nicht ändern. Komt ihme diese Verfahrung
befremdlich vor / so gedenke er / dass mich die Beschimpfung meines Ruhms
ingleichen schmertzet / und bemühe sich / künftig bedachtsamer zu handeln.
Dieser Meinung schriebe sie an den Polyphilus / und überschikte ihme / durch
einen eilenden Boten / nachfolgenden Brief.
                              Geehrter Polyphilus!
Dass ihr so sorgfältig nach meiner Gesundheit fraget /habe ich billig zu rühmen:
wie ich nicht weniger gerne gehöret / dass eure unglückliche Gefängnus nicht so
gefährlich / als man vorgibt. Aber nichts destoweniger bat es solche Früchte
hinterlassen / dass man billig den Baum verflucht: in deme zu Sophoxenien das
Gerücht erschollen / wie ihr / wegen eines längst-begangenen Mords / auf den
Hals gefangen liget. Ob ich nun solche Zeitung mit Verdruss angehöret / könnet
ihr unschwer ermessen: sonderlich / weil ich deswegen / von der Königin / eine
hönische Warnung vor eurer Liebe anhören müssen. Ich werde demnach gezwungen /
die Widerwärtigkeiten / welche ich wegen unser Freundschaft albereit
überstanden / die auch je länger je grösser werden / (wie ich bei unsrer ersten
Zusammenkunft gar recht geweissaget) mit gewalt aufzuheben / und dem treuen
Himmel mein künftige Handlungen lediglich heimzustellen. In ein fremdes Land
mit euch zu ziehen / stehet mir / wegen allerhand weit aussehender Bedenken /
ganz nicht zu rahten. Bitte euch demnach / um aller eurer Liebe willen / die
ihr so oft und hoch gegen mir gerühmet / Ihr wollet ins künftige / meinen
guten Namen (gegen welchem das Leben selbst gering zu schätzen) zu verschonen /
meine Gegenwart meiden / und euren Begierden ein rühmlichers Ziel setzen / auch
diese Bitte nicht der Verachtung / welche mir nie zu Sinne kommet / sondern der
äussersten Not beimessen. Ich kann zwar leichtlich errahten / mit was Ungedult
ihr dieses unseelige Brieflein werdet annehmen und beantworten. Ihr werdet aber
/ unter euren Tugenden / der Gedult die Oberstelle geben / das himmlische
Geschick erkennen / und mich meiner Vergessenheit Vergebung erlangen lassen. Ich
bedanke mich / vor alle Ehre /Freundschaft und Liebe / die ihr meiner Wenigkeit
jemahls erwiesen: um dieses zugleich bittende / dass ihr aller derer Fehler / die
ich in unserer Freundschaft begangen / vergessen / und glauben wollet / das ich
die ganze übrige Zeit meines Lebens in dem Gedächtnus eurer Tugenden zubringen
/ euch allein meine Freiheit schenken / und biss an mein Ende verbleiben werde
                            Eure beständige Freundin
                                                                        Macarie.
 
                                Fünfter Absatz
   Polyphilus bekommt beide Briefe / erzürnet und betrübt sich darüber. Sein
 Antwort-Schreiben an Macarie / und seine Klage über sein Unglück. Vom Agapistus
besucht und getröstet / erinnert er sich /dass er diese Straffen mit hochmütiger
Hinlegung seines Schäferstands verschuldet. Agapistus trachtet /aber vergebens /
                               ihn los zu bitten.
Was wird nun unser hart-geplagter Polyphilus gedenken / wann er diesen Brief
liset? Wäre es auch wunder / wann wir seinen erbärmlichen Zustand betrachten /
dass er den grausamsten Tod seinem elenden Leben vorgezogen hätte? Biss daher
hatte er seine zweiffelhafte Hoffnung in einer gezwungnen Gedult unterhalten /
und seiner Erledigung augenblicklich /wiewohl vergeblich / erwartet. Er
verfluchte die Ungerechtigkeit / welche ihn an seinem Vorhaben hinterte. Er
hätte oft zu sterben erwehlet / wann ihn das Gedächtnus seiner Macarie nicht
erhalten hätte. Endlich kamen der Anstösse so viel / dass er fast verzweiflend /
eine tolle Künheit / sich zu verderben / vornehmen wollte.
    Agapistus schikte ihm den Brief der Melopharmis /welchen der Bot von
Sophoxenien mitgebracht / und vermeinte ihn damit zu erfreuen: wurde aber damit
sehr betrogen. Als Polyphilus solchen eröffnet / entsetzte er sich dermassen
über der Melopharmis verächtlichen Zuschrifft / und über ihren unbilligen Hass
/dass ihm der Schmertze den Mund verschlosse. Er warffe den Brief vor sich auf den
Tisch / legte den Kopf in die Hand / und schiene die Traurigkeit selbst
vorzubilden. Seine Zunge lag gehemmet / und die Seufzer liessen ihn kaum Atem
holen. Diss war aber noch nicht genug / sondern es musste auch der Bote mit dem
Briefe der Macarie ankommen. Wie betrübt er war / so nahme er doch selbigen
eilends zu sich. Er suchte Trost darin / fand aber neues Hertzenleid. Als er
lase / dass er Macarie verlassen / und ihre Gegenwart meiden sollte / begunten
seine abgemattete Geister ihn gänzlich zu verlassen / also dass er in eine
Onmacht sanke / und dem Tod gar nahe kam. Servetus / der hierüber heftig
erschrocken / bemühete sich ihn zu erquicken / und die fast-entwichene Seele
wieder zu rück zu ruffen. Nach dem er endlich sich wieder ermuntert / fieng er
an / mit so jämmerlichen Worten und überhäufften Trenen / sein Unglück zu
beklagen / dass er auch die wildesten Tiere / zum Mitleiden sollte bewegt haben.
Und wäre Macarie damals zugegen gewesen / ich weiss / sie hätte allen Zorn fallen
lassen / und sich ihres Polyphilus erbarmen müssen / wann sie seine
schmertzliche Klage angehöret.
    Ist denn (sagte er) der Himmel gar nimmermehr auszusöhnen? Müssen dann alle
Ungewitter auf einmakäuf mich zu stürmen? hören dann meine Wunden nicht auf zu
bluten / biss sich die geängstige Seele mit ausgiesset? Ach Polyphilus! du
armseliger Polyphilus! nun dich Macarie verlässet / so bist du recht verlassen.
Nun sie von dir weichet / wird dein betrübter Geist auch weichen müssen. Was
verzeuchst du / onmächtige Seele! diesen elenden Leib zu verlassen /nun dich die
Liebe verlassen soll? Wilt du nur bei mir bleiben / mich um so viel länger zu
quälen? Ach sind einmal Göttinnen gewesen / die den Lebens-Faden abreissen
können / so kommen sie jetzund. Bitterer Tod! erbarme dich / und lass mich deine
Süsse schmecken! Er wollte fortfahren zu klagen. Weil aber der Bote um eine
Antwort anfragen liesse / musste er sich bedenken / ob und was er antworten / ob
er ferner Hülffe suchen / oder alle Hoffnung aufgeben sollte? Doch musste er
dissmal noch der Liebe gehorchen / die ihm das letzte Mittel zu ergreiffen
antruge. Derowegen setzte er sich über / und schriebe diesen Brief / so gut der
Schmertz aus seinem geängstigten Hertzen solchen hervor brachte.
                               Erzürnte Macarie!
Ob ich wohl den Untergang meines Glüks / nicht so zeitlich gehofft hätt / so muss
ich doch / leider! mit Schmertzen erfahren / wie von allen seiten die
widerwärtige Wellen sich regen / also / dass freilich die Gedult bei mir anitzo
die Oberstelle behalten muss: bevor ab / da die jenige / auf derer Beständigkeit
alle mein Trost gegründet war / weichen / und ihrem Befehl so unverantwortlich
viel zuschreiben will / dass sie mich wieder alle Müglichkeit ihrer vergessen
heisset. Soll dann / ein einiger trüber Wind / den ganzen Bau meiner Vergnügung
umstossen? so wird die Tugend selber zur Untugend werden. Und was soll ich
mehr sagen? denke ich an ihre liebreiche Reden / so muss ich über die Verkehrung
der Sinnen klagen. Lege ich dann diesen unseeligen Brief / gegen jene / die mir
ihre Gunst mit so beteurlichen Worten versprochen: so muss ich entweder jene vor
betrüglich / oder diesen vor unbeständig halten. Besinne ich mich aber ihrer
Freundlichkeit und mir erzeigten Liebe: so muss ich /die angestrichne Falschheit
/ mit meinem Verderben beweinen. Ach Macarie! soll ich ihrer vergessen? soll ich
ihre Gegenwart meiden? dass ich unverdeckt rede /soll ich sie nicht mehr lieben?
von ihr keine Gegen-Liebe mehr hoffen? Ey! so belohne / du gerechter Himmel!
meine beständige Treu / durch meinen Tod: weil mir doch ohne ihre Liebe zu leben
unmüglich ist. Aber die Untreu / über die ich vor allen Marschen klagen muss /
wird der gerechte Richter euch zu erwiedern wissen Doch gelobe ich meine
Beständigkeit /als die vor beliebte Eigenschaft meiner Liebsten /unter den
Menschen zu erweisen / und die mir vordessen stets-verhasste Einsamkeit dermassen
zu lieben /dass ich mich ausser ihr keiner vertrauen werde: als der ich an ihrem
Beispiel lerne / dass auch verständige Frauen / falsche Worte führen / und
anderst reden /anderst denken / da ich bisher zwischen Verstand und
Arglistigkeit keinen Unterschied machen können. Sie verzeihe mir / liebes Herz!
(wann ich sie anderst noch so nennen darf) dass ich so offenhertzig rede / und
erkenne daraus / dass ich nie gegen ihr bin falsch gewesen. Sie ermesse aber auch
das lasterhafte Beginnen (ach! sie vergebe mir diss Wort) damit sie mich
gedenket zu tödten. Dann einmal / ich kann und will sie nicht lassen / es sei
dann / dass mich das Leben lasse. Ja / auch nach meinem Tod / wird die Seele des
Polyphilus in Macarien Schoss ruhen. Wie ich dann weiss /dass allbereit mein Geist
und die geschwinde Boten meiner Gedancken / bei ihrem untreuen Hertzen anklopfen
/ und es seiner Pflicht Vergessenheit erinnern. Sind dass die treuen Worte /
damit sie mir ewige Liebe zugesagt? Ey! so sei alle Welt Zeuge deiner Untreue /
und der Himmel meiner Verlassenheit! Soll ein einiger falscher Bericht / oder
eine verhasste Warnung /das Band unsrer Freundschaft zertrennen? so kann ich
leicht sehen / wie falsch und unkräfftig dasselbe gebunden gewesen. Ich bitte
nochmals / und eben auch um der Liebe willen / die sie mir so oft erwiesen
/daran nie kein Fehl gewesen / sie wolle sich eines andern besinnen; diesen
Worten aber vergeben / welche mein billiger Eifer der Feder zu dictiret; und
nicht danken vor die erwiesene Ehre und Liebe / sondern dieselbe mir ferner
anbefehlen. Ich erwarte mit nächsten ein gütigers Brieflein / dafern ich nicht
durch meine Schmertzen angetrieben / eine verzweifelte Tat vollbringen / und
ihr mit dem Werk erweisen soll / dass ich biss in den Tod geblieben /
                               Ihr ewig-getreuer
                                                                     Polyphilus.
Nachdem nun der Bote mit dieser Antwort an Macarie abgefärtigt war / und
Polyphilus Zeit bekommen /ihren Brief nochmals zu durchsehen / auch seiner
Verstossung nachzusinnen / geriete er darüber in solchen Kummer / dass er nichts
dann das Grab verlangte. Haben auch / jemals (sagte er) einen sterblichen
Menschen / mehr Unglücke zugleich / als mich / überfallen? Die Gnade der Königin
ist verloren / Melopharmis erzürnet / Agapistus getrennet / meine Freiheit
geranbet / und nichts mehr übrig / dann das blosse Leben: wann anderst das ein
Leben zu nennen ist /welches grössere Schmertzen als der Tod selber bringt.
Und dannoch lässet sich mein unerbittliches Verhängnus damit nicht vergnügen /
sondern auch Macarie / der einige Grund / darauf alle meine Hoffnung gebauet /
und der lezte Trost / der meine Betrübnus stillen könnte / muss ihre Gunst in
Feindschaft /und ihre Liebe in Hass verwandeln? Wie sollte ich dann / über der
menge solcher Plagen / nicht mein selbst vergessen? und unter dieser Last zu
Boden sinken? Ach! mit was vor einer Sünde / habe ich doch diese Strafe
verdienet? oder welches Laster hält mich hier gefangen? Leide ich nicht alles /
aus Begierde der Tugend / und aus Liebe zu Macarie? Ach! ungetreue Macarie!
(denn wie soll ich euch anderst nennen) traget ihr dann kein Bedenken / das Lob
aller eurer Tugenden / mit Wankelmut zu beflecken? Nun erkenne ich warhaftig /
dass keinem Weibsbild unter dem Himmel zu trauen sei / weil Macarie / das Wonhaus
aller weiblichen Tugenden / sich der Unbeständigkeit nicht entbrechen kann. Soll
dann / dieser schöne Apffel / einen so hesslichen Wurm beherbergen? Soll diese
liebliche Blume / mit so schädlichen Gift erfüllet sein?
    Ist das / Liebste! (last mich doch euch diesen Namen geben / ob ich schon
die Tat bei euch nicht finde) die Standhaftigkeit / die ihr mir so oft
versprochen? Ist dieses das Mitleiden / welches ihr mit unsrer Trennung gehabt?
Dörfet ihr das Unglück eures liebsten Polyphilus (wie ihr mich falsch genennet)
und dessen unbillige Gefängnus also betrauren /dass ihr euch zu seinen Feinden
schlaget / und seinen Untergang befördern helffet? Ach unbarmhertzige Macarie!
wie heftig wird euch diese meine Verstossung noch kränken / und wie sehr werdet
ihr beklagen / dass ihr dem jenigen das Leben geraubet /dessen einiger Wunsch ist
/ so lang er selbiges erhält /euch nach allen Kräfften zu dienen. Niemals habe
ich euer Gebot überschritten / und wollte auch diesen letzten Befehl / ob er noch
so grausam ist / gern vollziehen: möchte nur der erzürnte Himmel / den schwachen
Faden / daran meine verschmachtete Seele noch hanget / vollends entzwei reissen
/ und mit meinem Leben / zugleich euch meiner Liebe befreien? Aber /ich sehe /
dass der Tod vor den jenigen am meisten zu fliehen pfleget / bei welchen das
gröste Elend wohnet. Dieser verzweiffelte Schluss bleibet mir noch übrig / dass
ich alle Gesellschaft der Menschen verlassen / und eine ungeheure Wüsten zur
Wohnung erwählen will. Dann wann ich die wilden Tier nicht erzürne / so
beleidigen sie mich auch nicht: Die Menschen aber / ob ich ihnen gleich mit
aller Untertänigkeit diene / unterlassen doch nicht / mich ohne unterlass zu
verfolgen. Alsdann wird meine Macarie sehen /dass ich ihr gehorsamer Diener
sterbe / wann ich /ihrem tyrannischen Befehl zu folge / nicht allein ihre
/sondern auch aller lebendigen Gegenwart meide / und mich in die Gesellschaft
der unvernünftigen Bestien begebe. Und wie wäre es auch müglich / dass ich ein
Mensch sein / und doch ohne Macarie leben sollte? Oder wie könnte ich anderes
Frauenzimmer anschauen / und die jenige aus den Augen lassen / die so lang
darin verborgen gelegen.
    Indeme trat Agapistus hinein / deine der Hüter /wiewohl heimlich / diese
Freiheit um Geld verkauffet / und wollte / wegen der Botschaft von Sophoxenien /
mit ihme Unterredung halten. Polyphilus / so bald er ihn ersehen / fiel ihme mit
jämmerlichen Geberden um den Hals / und schrye mit kläglicher Stimme: Ach
Agapistus! getreuer Agapistus! bejammert doch / bitte ich / den Untergang eures
Polyphilus. Auch die Hoffnung / welche sonst die allerunglückseligsten zu
begleiten pfleget / hat mich verlassen / und mir bleibet nichts übrig / als eine
endliche Verzweiflung. Er wollte weiter reden / aber die überhäuffte Trenen
hielten seine Zunge gefangen / und liessen ihn nichts mehr hervor bringen.
Agapistus / über dieser Bezeugung ganz verstarret / fragte mit erschrocknen
Worten: hilff Gott / Polyphilus! was vor ein Zufall macht euch also reden? ist
vielleicht ein neues Unglück vorhanden / und denkt uns der Himmel weiter / als
mit dieser unseeligen Gefängnus / zu quälen?
    Hierauf überreichte ihm Polyphilus / der Macarie und Melopharmis Schreiben /
und sagte: Leset / mein Freund! den Grund meines Verderbens / / und urteilt
alsdann / ob ich nicht unrecht tue / wann ich meine Rede zu was anderst anwende
/ als dass ich mein Verhängnus beklage / und mein mühseeliges Leben mit dem Tod
zu verwechseln begehre? Nachdem Agapistus diese Briefe durchlesen / ward er von
Mitleiden gegen Polyphilus dermassen eingenommen / dass er sich des weinens kaum
entalten konnte. Er bereuete / dass er ihme den Brief Melopharmis zugeschickt /
und hätte er einen so traurigen Inhalt gemutmasset / er würde ihn nicht damit
betrübet haben. Aber es war geschehen / und musste er sich vor dissmal stark
machen / damit er den Polyphilus trösten kunte. Ich muss gestehen / Polyphilus!
(sagte er) dass euer Schmertze gross / und eure Klage billig sei. Allein /man muss
deswegen nicht Hertz und Muht sinken lassen / weil ja noch Artznei wider diese
Krankheit vorhanden ist. Ach wohl Artznei! begegnete ihm. Polyphilus. Meine
Wunden sind viel zu tödlich / als dass sie von einigem Pflaster sollten geheilet
werden.
    Nicht so / Polyphilus / nicht so! versetzte Agapistus. Man soll an keiner
Cur verzweiffeln / so lange sich der Kranke des Atems rühmet. Es ist unnötig
/euch zu erinnern / dass uns keine Widerwärtigkeit ungefehr begegne: weil ihr in
dem Tempel des Glückes gnugsam unterrichtet worden / wie alles das jenige /was
wir Glück oder Unglück nennen / von keinem blinden Zufall / sondern von der
unwandelbaren / allweisen und gerechten Verordnung des unsterblichen Schöpffers
herrühre; Dessen wunderbarer Regirung wir uns billig in Demut unterwerffen / in
Betrachtung / dass wir sie doch mit unsrem Widerwillen nicht zu ändern vermögen.
Wer seine Waffen gegen den Himmel führet / verletzet sich damit nur selber.
Ihr habt recht / (widerredte Polyphilus) und habe ich vordessen gemeinet /
hierinnen gar viel zu wissen: allein ich muss erfahren / dass die Ubung viel
schwerer sei /als die Erlernung. Dann das Unglück wütet so ungestümm wider mich
/ dass es mir auch alle Hoffnug der Hülffe versaget / und kein verständiges
Nachsinnen erlauben will.
    Das ist Einbildung / (antwortete Agapistus) die euch eure verwirrte
Vernunft vorhält. Worinn bestehet dann eigentlich euer Unglück / Polyphilus!
was habt ihr so grosses verloren? Ich weiss nicht / (sprach Polyphilus) ob ihr
mich mit dieser Frage schertzet /oder wie ich selbige deuten soll. Ihr fraget /
was ich verloren: Viel billiger soltet ihr fragen / was ich noch übrig behalten
/ weilich alles verloren. Bedenket doch nur / Agapistus! meine vorige
Glückseeligkeit / / da ich der Königin im Schoss gefessen / und als ihr Erretter
verehret wurde; da mich Melopharmis /wie ihr Kind / versorgte; da mich Macarie /
als ihre eigne Seele / geliebt. Erwäget hingegen / dass ich nunmehr / nicht
allein diese alle mir ungünstig / und teils zu Anklägern habe: sondern auch
über das / als ein vermeinter Mörder und Strassenräuber / elendiglich gefangen
lige / und täglich ein ungerechtes Urteil wider mich erwarten muss. Haltet ihr
dann dieses alles vor Einbildung? oder fraget ihr noch / was ich verloren?
Freilich frage ich noch: antwortete Agapistus. Dann alles / was ihr biss daher
erzählt / sind fremde und unbeständige Güter / welche uns das Glück nur darum
verliehen / damit es solche nach seinem Gefallen wieder zu rück nehmen kann.
Hieraus erscheinet / dass ihr das Glück mit unrecht anklaget /weil es euch nichts
entfremdet / sondern nur das Seine wieder zu sich genommen / was es euch eine
geraume Zeit geliehen / und ihr dafür billich hättet sollen dankbar sein. Dann
dass das Glück unbeständig / solches ist seine Natur / die es euch zu gefallen
nicht ändern wird. So lang ihr demnach ein freies / vernünftiges und
tugendhaftes Gemüt besitzet / (welches das einige ist / das wir unser nennen
können /) so lang mag euch / der Verlust solcher äusserlichen und hinfälligen
Dinge / so wenig schaden / dass dadurch vielmehr die Tugend / welche in guten
Tagen gleichsam begraben /oder zum wenigsten entschlaffen scheinet / wieder
aufgemuntert und vermehret wird. Dann ihr habt in dem Tempel der Tugend gelernet
/ wie derselben Ruhm nicht auf weichen Feder-Betten / sondern durch Dornen des
Unglücks / müsse erlanget werden. Wie ein Wasser ohne Bewegung faulet / und ein
Eisen ohne Gebrauch rostet: also wird auch die Tugend /ohne die Ubung /
unkräfftig / und nicht allein unkräfftig / sondern auch unsichtbar. Dann bry
frölichem Anblick des Glückes / kann sich niemand der Beständigkeit rühmen: So
lang einer gesund / kann er keine Gedult in Schmertzen erweisen. Und welchem
jederman wohl will / der hat keine Gelegenheit / seine Sanftmut gegen den
Feinden sehen zu lassen. Wie die hell-leuchtende Sterne in den tunkelsten
Nächten am aller-prächtigsten zu funkeln pflegen / also erscheinet auch die
Tugend / mitten in den Stürmen der Widerwärtigkeit / am allerherrlichsten. Ein
beständiges Gemüt /das ihme selber wohl bewust ist / schwinget sich weit über
die gemeine Hertz-Bewegungen / und betrachtet / als unter seinen Füssen ligend /
die eitele Mühe der Sterblichen / mit unverändertem Gesicht. Worüber sich andere
heftig zu kränken pflegen / das belachet er: Dann die Güter / welche er vor
eigen besitzet / sind keiner Veränderung unterworffen / und bleiben in Glück und
Unglück unbeweglich. Wie ein Edler Stein / ob er gleich in den Kot geworffen
wird / dennoch seinen Glantz und Kräffte behält: Also behält auch ein edles
Gemüt allezeit die Tugend / und bleibet in Dürfftigkeit vermögend / in
Verfolgungen sicher / in Gefängnüssen frei / und in allem Unglück glückseelig.
    Das lässet sich hören! gabe Polyphilus zur Antwort. Aber ihr wisset /
Agapistus! dass die Gesetze viel leichter vorgeschrieben als gehalten werden. Muss
doch ein Stein letzlich zerspringen / wann er die Gewalt des Hammers gar zu oft
fühlet: wie sollte dann mein Gemüt bei so vielen Schlägen unbeweglich sein. Ich
habe freilich vermeint / alles Unglück so wenig zu achten / als ein Fels in der
See die Gewalt der Wellen: Allein / nun Macarie wanket / die mein Hertz in ihrer
Brust träget / hat selbiges notwendig auch wanken müssen. Hier ist
Vorsichtigkeit vonnöten: sagte Agapistus. Ihr habt in dem Liebes Tempel gesehen
/ wie die Liebe / wann sie nicht auf dem unbeweglichen Grunde der Tugend ruhet /
nicht allein unbesonnen / sondern auch verderblich sei. So habt ihr auch die
Macarie / nach eurem Vorgeben / bloss wegen der Tugend geliebt. So lang nun
dieselbe diesen Ruhm behält / ist es löblich / dass ihr eurem Hertzen in ihrer
schönen Brust Herberge suchet. Dafern sie aber weichen und zu den Lastern
ausschreiten sollte / müsst ihr fürwar solches wieder zurück fordern / wo ihr
anderst den Namen eines Tugend-Werbers erhalten / und nicht unter die Zahl der
wollüstigen Liebhaber wollet gezehlet sein. Ich halte aber Macarie hierinn vor
unschuldig / und kann aus ihrem Brief keine Unbeständigkeit schliessen / sondern
allein eine Zurückhaltung / oder Verbergung der Liebe: Zu welcher Verbergung sie
/ durch allerhand verdriessliche Zeitungen gnugsam beursacht worden.
    Das ist wahr! (versetzte Polyphilus) und habe ich daher desto mehr Ursach /
wider diesen Ungerechten zu zürnen / der mich wider alles Recht gefangen hält
/und dadurch einen Anfang meines Unglücks gemacht hat. Wann ich das geringste
verwürket / so möchte ich mich eher zu frieden geben: aber nun machet meine
gäntzliche Unschuld / mich ja billich ungedultig. Die Unschuld (antwortete
Agapistus) soll euch vielmehr trösten / als ungedultig machen. Dann / was ist
schöner / als ein unverdientes Leiden / welches keine Strafe der Laster /
sondern eine Probe der Tugend ist: dadurch nicht allein die aufrichtigen Freunde
/ so ausser der Noht nicht zu erkennen / sondern auch unsre Sanftmut / Gedult
und Beständigkeit offenbaret werden. Zu dem sind wir auch nicht allerdings
unschuldig. Ob wir schon keine grobe Laster verübet / können wir uns doch der
gemeinen Fehler nicht entbrechen. Da wir auch gleich gegenwärtige Gefängnüs
nicht verdienet / so mögen wir es doch wohl auf andere Weise bei dem gerechten
Himmel verschuldet haben. Dann die Göttliche Gerichte sind dermassen gerecht /
dass sie auch die geringste Sünde nicht ungestrafft hingehen lassen; Und wann wir
in denselben sicher sind / gestatten sie bissweilen / dass wir bedränget werden /
biss wir durch anderer Bosheit / zur Erkantnis unser selbst und unsers
Verbrechens kommen / und in demütiger Reue um Gnade bitten.
    Diese Worte schlugen dem Polyphilus / gleich wie ein Donner ins Hertz. Denn
er erinnerte sich alsobald seiner Sünde / dass er / aus Hochmut / seinen
Schäferstand verlassen / und durch Kunst und Tugend gross zu werden / sich dieser
und anderer Gefahr freiwillig unterworffen hatte. Derowegen liese er einen
tieffen Senfzer / und sagte: Hiermit / Agapistus! habt ihr die Scheibe getroffen
/ und die Quelle gefunden / aus welcher alles mein Unglück fliesset. Freilich
bin ich nicht unschuldig / sondern muss gestehen / dass ich aus blosser Hoffart
und Ehrgeitz / meinen Schäfer-Stab von mir geworffen / und durch Kuast und
Tugend Ehr zu suchen / ausgezogen bin: da ich doch lauter Widerwärtigkeit
gefunden / und an statt der ruhigen Freiheit / welche ich in meinem vorigen
Stand genossen /diese elende Gefängnus dulten muss. Ja / ja! du gerechter Himmel!
ich bekenne / dass deine Strafe billich / und noch viel geringer sei / als ich
verdienet habe. Du verübest an mir das Recht der gleichen Vergeltung. Denn an
Schäfern habe ich mich verschuldet / / und um der Schäfere willen / muss ich
diese Strafe dulten. Nun will ich nicht mehr nach der Ursache meines Unglücks
fragen / sondern vielmehr dieselbe auszusöhnen und abzubitten bedacht sein. Aber
allergetreuester Agapistus! wie viel bin ich doch eurer aufrichtigen
Freundschaft schuldig / dass ihr nicht allein diese Gefängnus / welche ich
allein verdienet / so willig mit dultet / sondern auch durch eure vernünftige
Erinnerung / mein verwirrtes Gemüte zu recht gebracht / und von dem Irrweg /
darauf es gerahten war /wieder zur rechten Strasse geleitet habt. Ach! helffet
doch / wehrtester Agapistus! unsere Freiheit befördern / und glaubt / dass ihr
hierinnen keinem undankbaren dienen / sondern erfahren sollet / dass ich eure
treue Gewogenheit mit aller Gegentreue erwiedern werde.
    Agapistus über dieser Veränderung höchst erfreuet / sagte: Es ist unnötig /
Polyphilus! dass ihr um das jenige bittet / worzu mich die Pflicht meiner
Freundschaft schuldig verbindet. Eben deswegen habe ich von meinem Hüter die
Freiheit / euch zu besuchen / erkaufft / dass ich euch von der Königin /welche
die Ursach unsrer Gefängnus durch einen jungen von Adel erkundigen lässet /
erzählen / und wegen unsrer Erledigung ratschlagen möchte. Nun ich aber diese
Briefe gelesen / dünket mich am nötigsten sein / dass ihr an Macarie und
Melopharmis schreibet / / und sie eines bessern unterrichtet. An Macarie (gab
Polyphilus zur Antwort) habe ich allbereit geschrieben: An Melopharmis aber zu
schreiben / trage ich bedenken / weil der Brief / welchen sie mir geschikt / so
Ehrverletzlich ist / dass ich ihn keiner Antwort würdigen kann. Nach eurem
belieben! sagte Agapistus. Ich will indessen der Königin / unsern Zustand /
durch ihren Gesandten / zu wissen machen /und um Mittel zu unserer Erledigung
bitten / im übrigen aber bemühet sein / dass ich mit dem Landherrn zu reden komme
/ und / wo müglich / unsre Befreiung auswürke.
    Mit diesem Vorsatz / nahme er vom Polyphilus Abschied / und kehrte wieder
nach dem Zimmer / woselbst er den Boten verlassen: welchem er dann alle Umstände
ihres unverhofften Unglücks / und wie unschuldig sie in diese Gefängnus gerahten
/ richtig erzehlte / mit Bitte / er möchte doch daran sein / dass Atychintida /
durch ein offenbares Zeugnus ihres Wolverhaltens / bei dem Landherrn ihre
Erlösung suche. Der Melopharmis aber täte er verweisslich zu wissen / wie sie /
durch ihren verächtlichen Brief / bei Polyphilo / gar nahe einen verzweiffelten
Tod sollte verursachet haben. Weil dann selbiger / gleich ihnen /an dieser
Gefängnus ganz unschuldig / ihr Sohn auch / wie er vor Augen sehe / gesund und
ausser aller Gefahr sei: so sollte sie sich doch bemühen / den Polyphilus wieder
zu begütigen / und ihre Freiheit nach allen Kräfften zu befördern. Diese
Botschaft name der Gesandte auf sich / und reisete damit wieder nach
Sophoxenien.
    Agapistus aber erhielte bald nach diesem / durch Hülffe seines Hüters / eine
Verhör bei dem Landherrn / und bate denselben gar demütig / dass er doch ihren
Ankläger genauer vernehmen / auch weil ja nimmermehr einige Mordtat auf sie zu
beweisen wäre /ihre Gefängnus aufheben / und die vorgenommene Reise nicht länger
hintern wollte. Er bekame von ihm zur Antwort: Wie dass / wann sie schon an diesem
Mord nicht schuldig / er doch / wegen des Polyphilus Trotz und Frefel / gnugsame
Ursache hätte / sie gefangen zu halten. Weil auch selbiger vor den Mörder
erkennet wäre / als könnte er ihn noch nicht los geben: sie beide aber möchten
immer abreisen / wann es ihnen gefiele. Agapistus sagte hierauf: Wie dass es
seine Freundschaft nicht zuliesse / Polyphilum zu verlassen / sonderlich / da er
seiner Unschuld versichert sei. Hätte er etwas scharff geredet / so wäre es
seinem billigen Eifer über die ungerechte Beschuldigung zuzuschreiben / und
hätte er hierüber allbereit / in so harter Gefängnus / lang genug gebüsst. Er
erlangte aber keine andere Antwort / als diese: Wolten sie nicht ohne den
Polyphilus ledig sein / so möchten sie mit ihme gefangen bleiben.
    Dieser hönische Schluss gienge dem Agapistus so zu Hertzen / dass er ohne
einig weiters Bitten / sich wieder in sein Gemach verfügte / und der Hülffe von
Sophoxenien erwartete. Er war aber über den Landherrn so sehr ergrimmt / dass er
den Polyphilus in der Ungedult fast abzulösen begunte. Als dieser solches durch
den Servetus erfahren / konnte er nicht anders /als auf gleiche Wunden / gleiches
Pflaster legen. Darum er ihm / seine Ungedult ihm zu verweisen /folgende Zeilen
zuschickte.
Was ist die Ursach doch / mein treuer Agapist!
Dass du so hart und vest anietzt verschlossen bist?
Was gilts / ich treff es recht: weil du nit wilt verlassen
Den Freund Polyphilus / und seine Weise hassen.
Das ist die erste Frucht / die dein Verbündnus trägt /
Dass dich das scharffe Recht verschlossen niderlegt.
Du taurest mich! doch nein / du hast es wohl verdienet /
Weil du / durch deinen Raht / zu führen mich erkühnet.
Drum solt du dir / nicht mir / beimessen diese Schuld /
Dass du verschlossen wirst. Mein! trag es mit Gedult.
Und denke / dass auch dir dein Leiden wird versüssen /
Wann meine Macaris wird deinen Jammer wissen.
Und dass ihr Bote leid / Polyphilus sein Freund /
Mit dem es Agapist so hertz-getreulich meint /
Wie wider er mit ihm. Drum leid er gleiche Strafen:
Damit er auch mit ihm könn gleiche Freiheit schaffen.
 
                                Sechster Absatz
     Macarie wanket / zwischen Freiheit und Liebe /spaziret ins Feld / und
    entschliesset sich vor die letzere. Ihre Baum-Schrifft hiervon / und das
 Gespräche hierüber mit dem Eusephilistus / der darzu gekommen. Sie bekommt das
  Schreiben des Polyphilus / ängstet sich darüber / und tröstet ihn mit einem
 Antwort-Brieflein. Agapistus beruhigt inzwischen sein Gemüte / und entschleust
                     sich / der bekehrte Schäfer zu werden.
Nun wollen wir unserem Gefangnen noch eine kleine weile die Gedult befehlen /
biss wir sehen / was Macarie vorgenommen. Dieselbige empfande / nach dem sie an
den Polyphilus geschrieben / einen stetigen Streit in ihrem Gemüte / zwischen
Zorn und Gunst /zwischen Tugend und Liebe / und war ungewiss / welchem von diesen
beiden sie sich gefangen geben sollte. Dann ob gleich die Vernunft der Tugend
beistunde / und ihre Stärcke vermehrte: so unterstunde sich doch das Gedächtnus
/ der Liebe so heimlich die Pforten zu öffnen / und den Willen so subtil auf
ihre Seiten zu bringen / dass der Sieg immer zweifelhaft stunde / und sich auf
keine Seite völlig lenken wollte. Endlich behielt sie diesen Vorsatz übrig / dass
sie entweder den Polyphilus / oder gar keinen / zu ihren Liebsten erwählen /
solches aber ihme nicht offenbaren / sondern seiner Liebe so lang mit
Vorsichtigkeit begegnen / und auf seine Handlungen ein wachsames Aug behalten
wollte / biss sie sehe / wohin selbige ausschlagen würden / wornach sie dann ihre
Meinung richten / und entweder eine ehliche Verbündnus / oder ewige Einsamkeit
beschliessen könnte.
    In solchem Vorsatze verfügte sie sich / als einst der Himmel der Erde einen
viel angenehmern Tag geschenket / als bei damals-angehender Winter-Zeit zu
hoffen war / auf das Feld: der Lieblichkeit des Wetters / von welchem man keine
Beharrlichkeit fordern kunte / zu geniessen / und nach so lang verkerkerter
Einsamkeit / frische Lufft zu schöpffen. Sie gienge /nach ihrer Gewonheit / von
niemand als ihren Gedanken begleitet: betrachtende / bei den tod-färbigen falben
Feldern und kahlen Bäumen / die Unbeständigkeit der Natur / und aller derer
Dinge / welche ihr unterworffen sind. Diese Felder / (sagte sie bei ihr selbst)
die vor wenig Monaten gleichsam mit den schönsten Tapeten belegt waren /
scheinen nun erstorben; und die Bäume / die mit ihren grünen Haaren /den Hirten
Schatten / und dem Geflügel Wohnung gegeben / stehen entlaubet. Auch der Himmel
/ welcher heute fast wider die Ordnung der Zeit / sich so schön aufgekläret /
mag wohl morgen mit schwartzen Wolken verhangen / und voller Schneeflocken zu
sehen sein. Und dieses ist der Wechsel der Natur / den sie ohn unterlass in allen
Sachen treibet / und dadurch eines auf das ander untergehen / dieses wachsen und
jenes verderben / heisset. Wie töricht handeln dann wir Menschen / wann wir
vermeinen uns solcher Ordnung zu entziehen / von der Natur auszuschliessen /und
in stets-wärendem Wolstande zu leben! da doch alles / was wir an und unter dem
Himmel sehen / von dieser Veränderung getrieben und erhalten wird.
    Und warum kommet dann auch mir (fuhre sie fort) so entsetzlich vor / dass ich
/ wegen der Liebe zum Polyphilus / einige Widerwärtigkeit dulten muss? welche
Rose wird ohne Dornen / und welche Liebe wird ohne Schmertzen gefunden? Nicht
allein die Liebe / sondern auch alles andere / träget einen verborgnen Unlust
bei sich / und ist nichts so angenehm / dass nicht einen heimlichen Verdruss mit
sich führet. So gar auch die Einsamkeit selber / welche ich doch seitero /als
eine Besiegerin der Furcht und Hoffnung / verehret / kann dem Namen der Eitelkeit
und des Elendes nicht entfliehen: sondern muss bald an aufrichtiger Freundschaft
/ bald an notwendiger Beschützung /Mangel leiden. Es hat ja die edle Liebe /
welche vor der Zeit gewesen / und nach der Zeit sein wird / Natur und Welt
erschaffen / und alles / was gewesen / was ist / und was kommet / wird durch
ihre Krafft unterhalten. Diese / wann sie nicht eine unkeusche Brunst törichter
und lasterhafter Gemüter / sondern eine reine Entzündung der Hertzen ist /
welche sich auf die Vernunft gründet / und von der Tugend begleitet wird / mag
so dann billig eine heilige Bewegung und himmlische Eigenschaft genennet
werden. Und ob man gleich / bei solcher / gleich wie auch bei andern Tugenden /
viel Anstösse leidet: so soll man sich doch deswegen an so löblichem Beginnen
nicht hintern lassen. So lang nun auch Polyphilus der Tugend nachfolget / soll
mich keine Verdriesslichkeit von seiner Liebe trennen: Ob ich gleich dieses
verheele / damit er von Sicherheit abgehalten werde. Dieses waren damals der
Macarie Gedanken / welche sie dem Baum /darunter sie stund / anvertrauet / und
mit diesen Versen in seine Rinde schnitte.
                                       1.
Dieses grosse Rund der Erden / samt dem schönen Himmels Liecht /
Hat die Liebe zugericht.
Alles / was man sihet nur / ist aus Liebe hergeflossen /
Und von diesem Gut entsprossen /
Dessen Krafft die ganze Welt
Durch die Lieb verbunden hält.
                                       2.
Dass das grosse Heer der Sternen / von der übermühten Nacht /
Täglich wird hervor gebracht;
Dass der Silber Mond entweicht / wann der güldne Sonnen-Wagen
bringt den Tag hervor getragen;
Dass der Elementen Streit
Nicht zerstört die Einigkeit;
                                       3.
Dass sich füget nass und trocken / Kält und Wärme sich gesellt;
Dass der Lentz bestreut das Feld /
Mit der bunten Blumen Zier; dass des Sommers heisse Stralen /
Dörren das Getreid / zum mahlen;
Dass der Herbst uns bringt Speiss /
Und der Winter Kält und Eis:
                                       4.
Diese Ordnung hält die Liebe / als am Zügel / in der Hand
Vest verknüpfft mit ihrem Band.
Solte sie / nur einen Tag / die Verwaltung fahren lassen /
So würd alsbald Streit und hassen
Unter diese reissen ein /
Die so stark verbunden sein.
                                       5.
Darum seelig sind die Menschen / wann sie diese Liebe führt /
Die des Himmels Bau regirt.
Lass mich auch / O Herrscherinn! stäts geniessen deiner Gnaden /
Und lass mir kein Ubel schaden.
Halt / mit deiner starken Hand /
Vest ob meinem Liebes-Band.
Eben hatte sie diese Arbeit verfärtigt / und wollte weiter gehen / als sie von
fern jemand reden hörte. Nachdem sie sich umgesehen / befande sie / dass es
Eusephilistus / mit noch zwei andern von Soletten wäre: welche gleichfalls / dem
Wetter zu gefallen / einen Spazirgang erwehlet hatten. Macarie / wie sehr sie
über dieser Ankunft erschrocken / musste doch / weil sie seinen Augen nicht mehr
entweichen kunte / ihm entgegen gehen: solches täte sie um so viel geschwinder
/ weil sie dadurch verhoffte / den Eusephilistus von dem Baum und ihrem Gedichte
abzuleiten. Aber dieses war vergebens: weil Eusephilistus sie /nach Art der
Verliebten / viel eher / und also noch im Einschneiden / ersehen hatte. Eilete
er demnach stark auf sie zu / und als er sie freundlich empfangen / sagte er: So
glückseelig / schönste Macarie! als ich ietzt bin / zu werden / hätte ich mir
heute nicht zutrauen dörffen. So haben wir beide (versetzte Macarie) dem gütigen
Himmel vor einen anmutigen Tag zu danken. Ich danke demselben / (antwortete
Eusephilistus) nicht nur vor den erwünschten Tag / sondern auch vor Macarien
erfreuliche Gegenwart: dafern ich nur nicht /durch meine verdriessliche
Gesellschaft / ihre Gedanken verstöre!
    Allzuwahr! gedachte Macarie / sagte aber wieder ihm: Meine Gedanken können
wohl so lang zu rücke stehen / biss ich müsige Zeit habe / ihnen Gehör zu geben /
und sind so notwendig nicht / dass sie mich von eines Freundes Gespräch abhalten
sollten. Aber wohl so heimlich / (widerredte Eusephilistus) dass man sie nicht
offenbaren wird / es sei dann / dass jener Baum aus der Schul schwatze. Macarie /
als sie sah / dass sie verrahten war / gab zur Antwort: Wann sie heimlich wären
/ würde ich sie keinem Baum vertrauen / der sie jederman vorzeiget. Und weil ich
sie öffentlich geschrieben / als werde ich keinen das Lesen verbieten. So
bedanke ich mich dann / vor die günstige Erlaubnus! versetzte Eusephilistus /
und ging damit / wie ungern es auch Macarie sah / zu dem Baume / und sagte /
nachdem er die Verse gelesen: Das ist eine freie Bekäntnus / kluge Macarie! Aber
wer ist der Glückseelige / welcher sie in seinem Liebes-Band führet? Macarie
fieng an zu lachen / und sagte: das weiss ich selber nicht! Es ist diese Arbeit
nicht mein / sondern ein fremdes Gedicht / welches ich jüngst ungefehr gelesen /
und teils zu erfahren /ob ich es völlig behalten / teils auch die Zeit zu
vertreiben / allhier eingeschnitten habe.
    Wann gleich dieses wäre / (begegnete ihr Eusephilistus) wie ich ihr dann
alles gern zu gefallen glaube: so erscheinet doch / dass sie hieran Belieben
getragen /weil sie es so färtig behalten / und desselben Innhalt Beifall gibet.
Dem ganzen Inhalt / (antwortete Macarie) gebe ich Beifall / biss auf die letzten
Zeilen: welche ich dem Dichter nicht ändern oder nehmen dörffen / ob sie mich
gleich nichts angehen. Und warum hält sie dann (sagte Eusephilistus) ein solches
liebes Band vor sträfflich? Zwar nicht vor sträflich / (redte Macarie dagegen)
doch vor sehr bedenklich: sonderlich bei mir / die ich in dem Gelübde einer
stetigen Einsamkeit stehe. Findet sie dann / (fragte Eusephilistus ferner) in
der Einsamkeit solche Ergötzung? Freilich / (war die Antwort Macarie) halte ichs
vor ein edles Leben. Ey! (sagte Eusephilistus) so nehme sie mich dann auch in
ihre Einsamkeit / und mache mich solcher Vergnügung teilhaftig. Alsdann würde
sie keine Einsamkeit mehr sein / (versetzte Macarie) sondern eine Gesellschaft
werden / die seine Liebste zu eiffern bewegte.
    Ich erwähle / (antwortete Eusephilistus) keine Liebste / sie gleiche dann
der Macarie. Und weil ich eine solche nirgend finde / wird sich entweder Macarie
über mich erbarmen / oder ich werde ewig ohne Liebste bleiben. Beedes ist
unnötig! (sagte Macarie hinwieder) er ergreiffe das dritte / und erwähle eine
vollkommenere / als Macarie ist. Die begehre ich nicht / (begegnete ihr
Eusephilistus) und würde sie auch nicht antreffen. Demnach lebe ich der Hoffnung
/sie werde / mit diesem rauhen Winter / ihr hartes Gemüt ablegen / und
künftigen Früling / da sich alles zu paaren pfleget / auch meine Liebe
glückseelig machen. Ich stelle es dahin: (war Macarien letzte Rede) noch zur
Zeit aber habe ich es nicht im Willen. Mit diesen gelangten sie vor ihre
Behausung / dahin sie Eusephilistus begleitet hatte: Da sich dann Macarie vor
die Ehre der Begleitung bedankte / mit Bitte /ihrem schertzhaften Gespräche zu
vergeben; und Eusephilistus / als er sah / dass sie ihn nicht mit einzutretten
nötigte / bate seiner Wenigkeit günstig zu gedenken / und name damit seinen
Abschied.
    Hierauf verfügte sich Macarie auf ihr Zimmer / und fand daselbst den Boten
mit des Polyphilus Brief /auf sie warten. Nachdem sie den Brief erbrochen / und
über dessen Innhalt nicht wenig erschrocken war /fragte sie den Boten / um des
Polyphilus Zustand? Als nun derselbe alle Umstände erzehlte / und wie er / mit
jedermans Zeugnus / so gar unschuldig in diese Gefängnus gerahten / fragte sie
ferner: wie hat er sich dann / auf meinen Brief / angestellt? Er ist /
(antwortete der Bote) nachdem er selbigen durchlesen / in eine so starcke
Ohnmacht gefallen / dass man ihn lang vor tod gehalten; und nachdem er mit
grosser Mühe /wieder zu recht gebracht worden / hat er eine jämmerliche Klage
geführet. Macarie / die dieser Erzehlung mit erschrocknem Gemüte zugehöret /
hiesse den Boten sich folgenden Morgen bei ihr wieder anmelden / da sie ihm eine
Antwort mitgeben wollte. Der Bot bate / dass sie einen Brief schreiben wollte / der
ihn frölicher machte / als der erste: welches sie ihm versprache / und ihn damit
von sich liesse.
    Hierauf überlase sie noch etlichmal das Schreiben /und wurde teils von
Liebe / und Mitleiden / teils auch aus Zorn über seine heftige Anklage / so
verwirret / dass sie keine Speise zu ihr nehmen konnte /auch nicht wusste / was sie
antworten sollte. Ich sehe wohl / (sagte sie) dass mein heutiger Vorsatz / um des
Polyphilus Liebe willen etwas zu leiden / doppelte Früchte träget / sowohl wegen
der verneurten Liebe des Eusephilistus / als auch wegen der heftigen Anklage
des Polyphilus. Wo nimmet aber dieser die Künheit her / mich also härtiglich zu
besprechen? Was vor ein lasterhaftes Beginnen gedenket er mir aufzubürden? und
um welcher Untreu willen / ruffet er den gerechten Himmel um Rache an?
Unbilliger Polyphilus! Ist diss die Belohnung meiner Aufrichtigkeit / dass ihr
mich zu einem Fürbilde der Falschheit vorstellet? Ach! so habe ich meine Liebe
übel angelegt. Allein / Macarie! du must diesen Brief ansehen /als ein Bild der
Verzweiflung / und die Abbitte / die er seinem billigen Eifer zum Beschluss
anhänget /etwas gelten lassen. Tobet doch das Unglück so heftig wider seine
Liebe / dass du vielmehr Mitleiden mit ihme haben / als auf der Königin
Verhetzung / ihn mit einen so ungedultigen Brief weiter beleidigen sollen. Ach!
liebster Polyphilus! wie sehr wird diese ungerechte Gefängnus dein
ehr-begieriges Hertz betrüben? dass ich doch dieselbe aufheben / oder vor dich
ausstehen könnte? Aber was wünsche ich Unmüglichkeiten? Ich will vielmehr
versuchen / ob ich dich durch ein Trost-Brieflein aufrichten / gleichwol darbei
deine unbillige Anklage straffen / und meine Unschuld verteidigen könne.
Dergestalt schwebte Macarie zwischen Zorn und Liebe / und ward bald hieher /
bald dortin getrieben: und in solcher Verwirrung schriebe sie dem Polyphilus
diese Zeilen.
                            Ungedultiger Polyphilus!
Ob ich wohl billich Bedenken trage / euch mit meinen verhassten Briefen zu
beunruhigen / in Ansehung /dass dieselbe / nach eurer Auslegung / nichts dann
gleissnerische Larven / gefärbte Worte / und entlehnete Freundlichkeit in sich
halten: so hat mir doch /teils eure Bitte / welcher ich auch bei eurem Hass
nichts versagen kann / teils aber meine nötige Verantwortung / mir dieses
Brieflein abgedrungen. Saget mir demnach / mein Polyphilus! womit habe ich euch
beleidigt? worinnen habe ich meine Zusage gebrochen? welche Missetat soll der
Himmel an mir straffen? Leget mir mein Unrecht vor / und stellet mir mein
Verbrechen unter Augen: so soll der Höchste die Strafe / zu welcher ihr mich
verdammet / unverzüglich vollziehen; oder ich werde Gelegenheit haben / meinen
Fehler zu entschuldigen / oder wann er sich nicht entschuldigen lässet /
abzubitten. Haltet ihr mich aller der angestrichnen Falschheit / boshaften
Untreu / und sträfflichen Betrübung / wie ihr mich anklaget / schuldig: Warum
unterlasset ihr dann nicht / ein so lasterhaftes Weibsbild ferner zu lieben?
Und warum wollet ihr den Namen der Tugend mit ihr verlieren? Sprechet ihr mich
aber von solchen Ubeltaten frei / so verübet ihr ja Tyrannei / und gebrauchet
euch gegen mir einer unverdienten Grausamkeit. Welches ist dann nun meine Sünde?
Nehmet ihr meine nötige Vorsorge so empfindlich auf? dörfet ihr mein
unschuldiges Schreiben / darin ich mich nach der Belohnung eurer Tugenden / und
Aufhebung aller Widerwärtigkeit gesehnet / mit so zornigen und verhassten
Schelt-Worten abstraffen? wie soll ich dann hoffen / dass ihr diese Verantwortung
aufnehmen werdet? O du unglückseeliger Brief! mit was zornigem Gesicht wirst du
empfangen / und mit was vergalltem Hertzen wirst du gelesen werden? wie werden
die onst-schönen Hände /welche auch die allerbeständigsten Gemüter zu festeln
und zu binden vermögen / dich in tausend stücken reissen! Aber seit zu frieden /
Polyphilus! und lasset mich mein Verbrechen wissen: was ich euch zugesagt /
werde ich unverbrüchlich halten / und sollet ihr von mir / nimmermehr ein
Beispiel der Falschheit lernen. Habe ich jemals gesagt / dass ich euch liebe / so
sage ichs noch / und werde es allezeit sagen. Ich weiss auch / dass aus meinem
Brief das Gegenteil nicht zu erzwingen sein wird. Dass ich mich aber solche
Liebe / mit euch / in Schimpf und Schaden soll verleiten lassen: solches hat
eure Höflichkeit nie gefordert /und davon redet mein Brieflein. Aber ich
befürchte /mit meiner verdriesslichen Feder eure Gedult zu erzürnen / und euren
Hass gegen mich zu häuffen. Will derowegen schliessen / und euer Gedächtnus
(dafern ihr anderst demselben erlaubet / in einer vermeinten so lasterhaften
Seele zu wohnen) noch ferner zur Versüsserin meiner Einsamkeit wählen. Diese
wird offenbar erweisen / dass ich (wider euer ungerechtes Zeugnus) ewig
verbleiben werde /
                               Eure ganz ergebne
                                                                        Macarie.
Polyphilus hatte inzwischen / auf des Agapistus Erinnerung / und selbst
Erkäntnus seines Irrtums / eine ganz andere Art zu leben zu führen angefangen.
Dann da er vormahls den Zorn / die Ungedult / Rachgier und Verzweiflung / sich
regiren lassen / begunte er anjetzo der Sanftmut / Freundlichkeit und
Zufriedenheit Gehör zu geben / und wusste nicht / wie er dem Himmel gnugsam
danken sollte / dass er sein Gemüt von diesen aufrührischen Begierden befreit
/und in eine friedsame Sicherheit gesetzt hatte. Wie habe ich (sagte er) bisher
in einer gefärlichen Torheit geschwebet / und wie hat die Mutter aller Laster /
die höllische Hoffart / meine Sinne verblendet / dass ich das waare Gut eines
ruhigen und vergnügten Gemüts verlassen / und hingegen dem betrüglichen Schatten
der Ehre und Hoheit nachgetracheet! da doch die Staffeln / auf welchen man zu
den Wolken der Herrlichkeit steiget / so gebrechlich / dass ihrer wohl zehen den
Hals brechen / ehe einer die Spitze erreichet. Und da gleich das Glück einem so
geneigt wäre / und / an statt der zerbrochnen Sprössel / seine eigene Hände
unterstützte: so wird doch derselbe erst auf den höchsten Hügeln erfahren / dass
nicht allein stürmende Winde und allerhand schädliche Lüffte / sondern auch
Blitze und Donnerschläge seine hoffärtige Begierden verfolgen / und durch ihre
Gewalt zu zerstücken suchen. Das stärckste und beständigste paar Füsse unsers
Vorhabens / ist die edle Demut: Je höher sich die Gedanken davon entfernen / je
näher sie dem Fall und Unglücke kommen. Wohl dann dem Menschen / der seine
Hoffnung weiss einzuschränken / mit dem gegenwärtigen vergnügt lebet / und dem
jenigen nicht nachtrachtet / was schwer zu erlangen / und sorgfältig zu erhalten
ist! Ich / nachdem ich durch den Fall klüger worden / gelobe / dem gnädigen
Himmel / so bald er mich dieser Gefängnus befreien / und mit meiner Macarie
versöhnen wird / alles Verlangen nach Hoheit und Würde aufzuopffern / und nicht
allein meine Herde wieder zu führen / deren ich zwar mich durch die sträfliche
Verlassung unwürdig gemacht / sondern auch / der Macarie Liebe ferner zu
geniessen / in der Solettischen Gegend eine Krufft zu erwählen / und das jenige
/ was ich an Tugend und Kunst / mit so grosser Mühe bisher gelernet / in dem
ruhigen und glückseeligen Schäffer-Orden zu üben und zu vermehren. In diesen
Gedanken griffe er zur Feder / und schriebe nachfolgendes Gedicht.
                                       1.
Wer hat doch des Menschen Geist diesen Irrtum eingegraben?
Und von wannen ist es kommen /
Dass man / da im nidern Stand guten Fried man könnte haben /
Mitten in der Zahl der Frommen /
Dennoch / aus verkehrtem Sinne / die Gedanken höher schwingt /
Und / viel grosses zu erreichen / blind in sein Verderben dringt?
                                       2.
Hat dann nicht die erste Zeit / da man lebt in grünen Auen /
Und bei Kräutern an den Flüssen /
Da man weit von Uppigkeit war in schlechter Tracht zu schauen /
Ubertroffen unser wissen?
Alles / was wir zu erfahren reisen über See und Land /
Komt von jenen weisen Alten / und uns lehret ihr Verstand.
                                       3.
Bloss von Hoffart komt es her / dass man sich nicht läst vergnügen.
Diese Pest der eitlen Hertzen
Feüret die Begierden an / dass sie biss zu Sternen fliegen /
Und erwählen tausend Schmertzen.
Sie verblendet das Gemüte / mit dem Glautz der Herrlichkeit:
Biss es / durch den Fall bezwungen / seine Torheit spat bereut.
                                       4.
Besser ist der Hirtenstand und das freie Schäfer-Leben /
Wo die Ruh und Unschuld wohnet.
Hoheit / ist der Sorgen Platz: wer sich diesem Tand ergeben /
Wird mit Unglück abgelohnet.
Lass dem Ehrgeitz Städt und Schlösser! gnug / wann ich die Demut hab.
Kunst und Tugend wird gerühmet / hängt sie gleich am Hirten-stab.
                                       5.
Wird des Himmels Gnaden-Schluss endlich mir die Freiheit schenken /
Und vertilgen diese Straffen:
Will ich / wie ich schon gelobt / mich zur Heerde wieder lenken /
Und fort spielen bei den Schafen.
Deine Wol tat / grosser Herrscher! soll verehren mein Gedicht:
Lass mich leben diesen Orden / mit Macarie / verpflicht.
                                Siebender Absatz
 Polyphilus empfähet der Macarie Schreiben / und forschet / durch ein anders /
  nach ihrer Treue. Er wird vom Agapistus und Tycheno besuchet: Denen er sein
 Vorhaben entdecket / und das Schäfer-Leben so preislich vorstellet / dass sie /
              mit ihme in diesen Stand zu tretten / sich verloben.
Dergestalt kürtzte Polyphilus die Zeit / in seinem Gefängnüs / biss er von dem
Boten / der Macarie Brief /und mit demselben nicht eine geringe Erquickung /
erhielte: wiewohl der Zweifel / welchen er / wegen des vorigen Briefs / in ihre
Treu und Beständigkeit gesetzt / noch immer sein Gemüt plagte / und durch diese
Antwort nicht gedämpfet / sondern vielmehr ernehret wurde. Dann ob ihn gleich
die Freundlichkeit /mit der sie ihr erstes Schreiben auszusöhnen gesuchet /
tröstete / so erweckte doch / die Vergessenheit ihrer Zusage / einen neuen
Argwahn: dass er also nicht wusste / was er hoffen oder fürchten sollte. Er
überlegte den Brief die Länge und die Quäre / und kunte doch nicht finden / was
er suchte. Wie bin ich doch so übel daran! sagte er mit einem tieffen Seufftzer.
Wann ich einen Zweiffel abgeschnitten / so wachsen / wie bei jener erdichteten
Wasser-Schlange / unzehlige andere wieder hervor / und machen mir die
Uberwindung schwerer. Aus etlichen Worten kann ich anders nichts schliessen / als
Liebe und Beständigkeit. Hingegen machen mich andere so furchtsam / dass ich
nicht anderst gedenken kann / als dass sie / mit ihrem Versprechen / auch meiner
selbst vergessen / und mich mit einer listigen Freundlichkeit abzuweisen
gesonnen sei. Aber! was soll ich machen? ich muss zu frieden sein. Doch will ich
versuchen / ob ich durch dieses Brieflein eine freie Bekäntnus heraus locken /
und mich ihrer Treue versichern könne. Also verfertigte er also nachgesetzte
Antwort.
                            Tugend-gezierte Macarie!
Ob mich wohl das Unglück meiner Verschliessung billig abhalten sollte / mit
gegenwertiger Erinnerung /dero befreite Frölichkeit zu verhintern: so hat mich
doch / die tragende Sorge ihrer Vergessenheit / wider Willen gezwungen / die
ungebundene Freiheit meines Gemütes / durch diese Zeilen / ihr vorzulegen. Dann
so gar achte ich dessen allen nicht / dass ich unverschuldet die Gesellschaft
der Menschen meiden muss / dass ich vielmehr eine Verlängerung dieser ruhigen
Einsamkeit verlange: Zumal sie mir die verlangte Gelegenheit schenket / meiner
unglückseeligen Liebe unverhintert nachzusinnen. Betreffend ihr letztes
Schreiben / ist mir selbiges so angenehm gewesen /dass es mir vielmehr den
vorgehenden unseeligen Brief / als diesen / in tausend Stücke zu zerreissen
befohlen. Wiewohl ich auch jenes mir nicht gebieten kann: Angesehen derselbe /
gleich andern / durch die schöne Hände verfärtigt worden / welche mein Hertz ihr
verbunden / und meine Freiheit gefangen genommen. Ich nehme auch die
Entschuldigung an / die die Belohnung meiner Treue und Aufhebung aller
Widerwärtigkeit einwendet: dafern sie nur ihrer Höflichkeit nicht zu viel
nachgegeben. Die Vergessenheit aber ihres Versprechens / so mir der Befehl / ihr
solches wisslich zu machen / entdecket / heisset mich noch immer zweiffeln / dass
sie mich lieben / ausser mir sonst keinen lieben / ja mich biss in den Tod lieben
wolle. Ich will zwar keine Grausamkeit gegen ihr üben / noch sie vor ein
lasterhaftes Weibsbild / (welche ihre Worte ich mit Schrecken gelesen)
anklagen: sondern ich suche vielmehr / mit einem solchen Tugendbild vertrauet zu
werden / die / vor angestrichene Falschheit / ein aufrichtiges Hertz / vor
boshafte Betrügung / hertzliche Liebe / und vor sträfliche Untreu /treue
Beständigkeit / der gleich-beständigen Treue zur Belohnung gebe; Und ware
keineswegs vonnöten /entweder den Fehler des Versprechens zu einer Strafe zu
verdammen / oder fein Verbrechen zu entschuldigen / vielweniger abzubitten. Aber
/ liebstes Hertz! wie darff sie mich eines Hasses beschuldigen / da ich / was
ich getan / aus Zwang der erhitzen Liebe tun müssen? Zwar bekenne ich gar
gern / dass ich meine Schrifften nicht mit gleissnerischen Larven / gefärbten
Worten / und entlehnter Freundlichkeit anstreiche oder ausfülle / deswegen ich
solche auch nie bei ihr gesuchet / ob sie meine Auslegung gleich dahin drehen
will: sondern ich rede / wie ich denke /und verlange / dass man mit mir auch also
rede. Woher soll ich aber solches hoffen / oder schliessen? Sie spricht: Was sie
mir zugesagt / werde sie unverbrüchlich halten; habe sie jemals gesagt / dass sie
mich liebe / so sage sie es noch / und werde es allezeit sagen: Ja sie
verschreibt sich / dass sie jederzeit bleiben werde / meine ganz-ergebne
Freundin Aber sind dieses nicht Verführungen? Ists nicht eine List und
verbottene Klugheit / die durch ein betrügliches Versprechen grössere Hoffnung
würcket / als der Ausgang bewähren mag? Ein Einfältiger gläubt das wohl; und wie
ich einfältig bin / also hab ichs bisher gegläubet: Aber ihre Klugheit hat mir
die Augen meines Unverstands eröffnet / dass ich nunmehr den gäntzlichen Betrug
greiffen kann. Ist ihre Liebe so beschaffen / wie sie scheinet / warum verlöschet
sie so bald? Eine Freundschaft / so ehliche Bande knüpffen soll /leidet in
Warheit das Wort nicht: Ich will die Widerwärtigkeit mit Gewalt aufheben / und
zwar durch eure Verlassung; Ihr werdet künftig meine Gegenwart meiden / (O
unerträglicher Befehl!) und euren Begierden ein rühmlichers Ziel setzen; meine
Vergessenheit / wird bei euch Vergebung erhalten; ich bedanke mich vor alle
Liebe / Ehre / und Freundschaft / etc. Was dienet mir dann eine untätige
Liebe? Was / eine beständige Freundschaft / die nicht die Herzen aufs genäuste
verbindet? nichts dienet sie mir / und ich habe solche auch nie begehret. Aber
mich ihr / und sonst keiner / zu vertrauen / und zu eigen zu geben /das ist mein
Schluss. Sie verzeihe mir / Allerliebste! dass ich so heftig rede: es zwingen
mich hierzu die Worte / damit sie mein Zeugnus / als ungerecht verdammet / weil
aus ihrem Brief kein Widerspruch der Liebe zu erzwingen sei. Ach mein Hertz!
sollte ich erzwingen wollen / würde die Zayl derer / die sich freiwillig
darbieten / nur so viel grösser werden. Es sei aber / wie ihm sei / so will ich
dennoch nicht schliessen / dass sie eine lasterhafte Seele habe; und mein
Gedächtnus seelig schätzen / dafern es bei ihrer Tugend bestehen kann. Ich will
mich auch im Gegenteil bemühen / ob ich die Vortrefflichkeit ihrer Würde / in
meinem Hertzen also ehren und bewürden könne /dass sie sehe / wie weder mich /
noch sie / die gesuchte Liebe in Schimpf und Schaden verleiten mögen. Komme ich
nur aus diesem / dass ich freie Hand habe / zu tun / was mein Sinn verlanget: so
wird das Leid meiner unschu dig erlittenen Strafe / mit desto grösserer Freude
bekrönet werden / welches mir der gerechte Himmel / durch die Gewissheit meiner
Unschuld zusaget. Im übrigen / lasse sich meine Schönste durch keine falsche
Reden betrüben / sondern liebe mich / mit solcher Liebe / wie ich sie liebe: der
ich mich verpflichte / in Leid und Freud / Not und Tod / sie nicht zu verlassen
/ sondern ewig zu bleiben /
                                Ihr ganz eigner
                                                                     Polyphilus.
Eben wollte Polyphilus diesen Brief schliessen / als Agapistus und Tycheno ihn zu
besuchen kamen: da dann / nach abgelegter Begrüssung / Agapistus alsbald fragte
/ an wen er diesen Brief schreibe? An Macarie! antwortete Polyphilus:
überreichte ihm damit ihr Schreiben / neben seiner Antwort / solche zu lesen.
Agapistus / nachdem er den Innhalt verstanden / gab diese Briefe mit Lachen
wieder zu rück /und sagte: Es muss doch wahr sein / dass die Liebe nicht ohne
Streit sein kann. Aber ist Macarie listig / so ist Polyphilus vorsichtig; beede
verdienen den Ruhm der Klugheit. Mir kommet gleichwol euer Schreiben /mein
Polyphilus / zimlich behertzt und scharff vor. Die Noht (versetzte Polyphilus)
zwinget mich / behertzt zu sein; und wann ich auch Vorsichtigkeit hätte / würde
mir die / bei einer so klugen Widersacherin / / wohl zu statten kommen: Allein /
weil die Liebe nicht gern die Vorsichtigkeit zur Gefärtin hat /wird sie bei mir
schwerlich anzutreffen sein. Als er indessen den Brief verschlossen / übergab er
solchen dem Boten / mit Befehl / selbigen / so bald es müglich / an Macarie zu
überbringen.
    Nachdem dieser abgefärtigt / wendete er sich gegen Agapistus / und sagte:
Was machen wir dann / mein Freund! und wer erlöset uns endlich aus dieser
Gefängnus? das weiss ich fürwar nicht! (begegnete ihm Agapistus) es sei dann /
dass die Königin und Melopharmis Mittel zu unsrer / und ihres Sohns Freiheit
erfinden. Nun / das wollen wir erwarten / (antwortete Polyphilus /) und indessen
frölich sein in guter Hoffnung: damit wir die Freiheit unsrer Gemüter / auch
mitten in der Dienstbarkeit / sehen lassen. Ich bin entschlossen / so bald mich
der gnädige Himmel aus diesem Kerker erlösen wird / alle Begierde nach Ehre und
Hoheit fahren zu lassen / und die übrige Tage meines Lebens / in dem
glückseeligen Schäfer-Orden zu verschliessen. In dem Schäfer-Orden? fragte
Agapistus. Was rühmet ihr dann an solchem Stand / und worinn bestehet seine
Glückseligkeit? In Ruhe und Vergnügung / (gabe Polyphilus zur Antwort /) welche
zwar alle Menschen in dieser Sterblichkeit verlangen /der wenigste Teil aber
erlanget: weil sie solche nicht daselbst suchen / wo sie zu finden / sondern
diese köstliche Perle / bald auf den Bergen der Ehre und Herrlichkeit / bald in
den Dornen des Reichtums /bald in den Sümpffen der Wollust anzutreffen vermeinen
/ und nicht gläuben / dass sie in den verächtlichen Austern des Schäferstands
verborgen ligen. Da doch viel Häupter und Beherscher der Welt / weil sie in
ihrem kostbaren Purpur / und prächtigen Palästen /weder Ruhe noch Vergnügung
gefunden / solcher Glückseeligkeit in den schlechten Hirten-Hüttlein
nachgeforschet / und ihren mühsamen Zepter mit dem ruhigen Schäfer-Stab zu
verwechseln getrachtet.
    Was ist doch glückseeliger / als ein Schäfer? der ein stilles und
schön-beblümtes Feld / dem unmüsigen Getümmel der Städte / und einen
schattenreichen Wald / denen hohen Gebäuden und Dächern der Sorgen vorziehet?
der keiner Ehre nachtrachtet / als die aus der Tugend entspringet; keine
Ergetzlichkeit suchet / ausser / die die Freude des Feldlebens gebieret /und ein
vergnügtes Gemüt / vor der ganzen Welt Reichtum erwählet? Der nur dem gerechten
Himmel /und keinem Tyrannen / gedenket zu dienen; Der seine edle Freiheit
ungleich grösser schätzet / als die guldene Fusseisen der Hofleute. Dann / ob
gleich dieselben mit vielen Dienern umgeben / so müssen sie doch offtmals
dieselben fürchten / von welchen sie sollten beschützet werden. Ob sie gleich
ihre Speiss und Trank aus Gold und Silber geniessen / so sind sie doch deswegen
nicht vor dem tödtlichen Gift versichert. Ob ihr Lager mit eitel Pflaum-Federn
erfüllet /auch mit guldenen Decken und Vorhängen bezogen ist / so erlaubet ihnen
doch die Furcht und das Misstrauen / von ihrer Hoheit gestürtzet in werden /
wenig oder gar keine Ruhe.
    Hingegen führet der mundere Schäfer seine Herde /so bald die Pferde der
Sonnen ihre Reise angetretten /zu Felde / lässet sie auf der grüngedeckten Tafel
speisen / und singet ein fröliches Morgen-Lied mit der freien Lerche in die
wette. Daselbst suchet er seine Wissenschaft / nicht aus scharffsinnigen und
spitzfindigen Büchern / oder mit listigen Stats-griffen und verbottnen Künsten /
sondern aus dem grossen Buch der Natur / dem ordentlichen Lauf des Himmels / und
der wunderbaren Regirung des Erdbodens / zu verstärken: biss ihn der natürliche
Hunger / welchen die Wollüstige selten erwarten / zur Malzeit beruffet. Diesen
be friedigt er mit zwar geringen / doch gesunden Speisen / und löschet seinen
Durst in einem Crystallklaren Brunnen / weit sicherer / als bei einem grossen
und herrlichen Banket: da sich oft / an einer Gesundheit / ihrer viele krank
trinken / ihre menschliche Eigenschaft in die hitzige und gemischte Weine
vergraben / und gleich den Gefärten des Ulysses /durch den Becher der
zauberischen Circe / in wilde Tiere verwandelt werden.
    An statt / dass ein Ehr-begieriger oder Geldsüchtiger / der seinen Kopff mit
tausenderlei Anschlägen anfüllet / und / welcher / unter solchen / seinem
vorgesetzten Zweck am nächsten komme / in der Wahl verarmet / mit vielem
Nachsinnen umgeben ist / und sich nirgend sicher weiss: leget sich der vergnügte
Schäfer / bei irgend einem rauschenden Bächlein /unter der Decke des blauen
Himmels / gautz unbesorgt schlaffen / und lässet ihme / von der Unschuld aller
Orten bewachet / nichts als von Freiheit träumen. Es sei dann / dass die listige
Liebe / den Augen seines Gemüts / die jenige Schäferin vorstellet / welche /
wegen ihrer Schönheit und Tugend / würdig ist /einen Teil seiner Gedanken zu
beherrschen: deren er auch / so bald er von solcher süssen Verzuckung erwachet /
ein Gedicht zu Ehren anstimmet / auch sie zu suchen / und ihrer Freundlichkeit
zu geniessen / ausgehet. O ihr glückseelige Schäfer! wie leicht könnet ihr euer
Verlangen / in den zarten Armen eurer Geliebten / stillen / und eure
Liebes-Brunst / mit ihrem holdseeligen Munde löschen. Ihr dürffet nicht / gleich
mir armseligen / aus einem Unglück / in das andere fallen / und von Furcht und
Zweifel umgetrieben / je mehr und mehr irre gehen. Ihr könnet ungescheut von
eurer vergnügten Liebe singen: da ich / tief verkerkert / mich nach meiner
Macarie vergeblich sehnen muss. Sehet / Agapistus! in solchen und dergleichen
Ubungen / pfleget ein Schäfer seine Schafe zu weiden / biss sich das Auge der
Welt beginnet zu schliessen: da er seine wollichte Herde nach dem Stalle führet
/ und Ruhe suchet.
    Sonsten / beneidet er niemand / und wird von niemand geneidet. Er weiss von
keinem Krieg / als / welchen die grimmige Wölffe wider seine unschuldige Herde
führen. Er ist in der Kleidung erbar / in Essen und Trincken mässig / und wohl
zu frieden mit dem /was ihme der gütige Himmel in seinem eignen Hause bescheret.
Er ist frei von aller Begierde / so mehrerm Glück nachtrachtet / und fremdes Gut
an sich zu ziehen gedenket. Und ob er gleich das ungestümme Meer nicht
durchfahren / noch aus andern Ländern die Laster geholet; Ob er gleich kein Gold
aus Spanien /keine Seide noch Gewürtz aus Italien / und keine fremde Trachten
und falsche Höflichkeiten aus Frankreich heimgebracht: so ist er doch darum
weder vor unvernünftig noch vor ungeschickt zu halten / und weiss er wohl / die
Tugend von dem Lastern zu unterscheiden / und das Gute vor den Bösen zu
erwählen. Seelig ist der Mensch / welcher keine Hoheit hoffet /und keinen Abgang
der Tugenden hat! der andern unbekant ist / sich selbst aber wohl und recht
erkennet! Ausser welcher Ubung / alles unser Vorhaben unnütz und eitel / und
viel tauglicher ist / allerhand Laster einzuführen / als bei der Tugend zu
verharren.
    Was bedünkt euch nun / Agapistus? halte ich nicht billig den Schäferstand
vor glückseelig? oder tue ich unrecht / wann ich mir vornehme / darinnen zu
leben? Ich muss bekennen / (gab Agapistus zur Antwort /) dass der herrliche Ruhm /
welchen ihr diesem Stand beileget / kräfftig gnug sei / solches Leben angenehm
zu machen. Und wie sich das Band meiner Freundschaft jederzeit an euren Willen
verknüpffet / also trage ich auch kein Bedenken / euch in diesem Beginnen
nachzufolgen: um zu erfahren / ob das Werk mit euren Worten übereinstimme / und
ob ich die Ruhe und Vergnügung / welche ich bisher so vergeblich gesucht / nach
eurer Verheissung / in dem Hirten-Kleid finden kann. So werdet ihr mich ja (fing
Tycheno an) von eurer Gesellschaft nicht ausschliessen / sondern /weil ich
bisher euer Unglück mit getragen / mich auch eurer Schäfer-Lust teilhaftig
machen. Dafern es euch beiden beliebt / (sagte hierauf Polyphilus) diesen Orden
/ neben mir / anzutretten / so habe ich Ursach vor die Treue eurer Freundschaft
zu danken; hoffe auch / dieses Vornehmen also einzurichten / dass euch weder
meine Zusage betrügen / noch euer Vorsatz gereuen soll.
    Dergestalt verlobten sich diese Gefangene / zu dem Schäferstand / und
erwählten vor den Degen / die Hirten-Tasche: bezeugten also / die Verkehrung
menschlicher Sinne / und wie man in der Noht pflege die Demut zu wählen / den
Himmel zu suchen und also seine Gedult zu verstärken. Wer hätte bei ihrem Abzug
von Sophoxenien denken sollen / dass diese prächtige Ritter / wie sie damals
ausgereiset / als einfältige Schäfer / oder doch in dem Vorsatz solche zu werden
/ wieder zurück kommen sollten? allein das Unglück lehret die Menschen ganz
andere Gedanken führen / und ihre Glückseeligkeit an denen Orten suchen / welche
sie vorhin ihrer Gegenwart unwürdig geschätzet.
 
                                 Achter Absatz
   Der Gesandte kommt nach Sophoxenien wieder zurücke / und berichtet von der
 Gefangenen Unschuld. Atychintida denkt auf ihre Befreiung / und tut eine Rede
von der Unnotturfft und Schädlichkeit des Reisens in fremde Länder. Sie lässt an
 den Landherrn / bei dem sie verhaftet / einen Brief abgehen: und Melopharmis
erdichtet eine Weissagung / diese Erlösung zu befördern. Polyphilus / als er den
          Boten sihet / hoffet seine Freiheit / und danket dem Himmel.
Inzwischen also diese zukünftige Schäfer ihr Gelübde beschlossen / war der
Gesandte von Sophoxenien /wieder nach Hause gelanget. Melopharmis / welche sich
indessen mit Weinen und Wehklagen über ihres Sohns Gefängnis / so ausgemergelt /
dass sie Farbe und Gestalt / die sie vorhin wegen hohen Alters kaum noch halb
besasse / allerdings verloren / lief augenblicklich an das Fenster / von welchem
sie die Strasse / daher der ausgeschickte wieder kommen sollte / ausnehmen kunte.
Als sie ihn nun eines Tags erblickt / eilte sie / mit grosser Begierde /
herunter ihm entgegen / und fragte / wie es ihrem Sohn ergehe? Wohl! (versetzte
der Edelmann) er ist gesund und frölich / / und mangelt ihm nichts / als die
Freiheit / welche er euch zu befördern bitten lässet. Agapistus aber hat mir
befohlen / euch zu sagen / wie dass ihr / mit eurem gefährlichen Brief / beim
Polyphilus (der /gleich wie sie / an diesem Gefängnus unschuldig / und von
keiner Mordtat weiss) erstlich Schrecken und Verzweiflung / nachmals aber
solchen Zorn verursachet / dass er euch keiner Antwort würdigen / sondern euer
Verfahren / samt dem verächtlichen Brief / der Königin vorlegen / und sein Recht
gegen euch ausführen wolle. Derowegen möget ihr wohl euch höchst bemühen / ihn /
durch Abhelffung von dieser Gefängnis / wieder auf guten Weg zu bringen.
    Melopharmis / die über ihres Sohns Gesundheit erfreuet / mehr aber über des
Polyphili Zorn betrübet worden / bate den Gesandten / der Königin nichts von
ihrem Brief zu eröffnen / und versprache die Mittel zu seiner Erledigung
auszusinnen. Nachdem er ihr solches zugesagt / meldete sie ihn bei Atychintida
an /die hiesse ihn vor sich kommen / und vernahme auf ihr Begehren folgende
Nachricht. Durchleuchtigste Königin! ich habe / dero gnädigstem Befehl gemess
/von dem gefangenen Agapistus / die Ursache seiner und seiner Gefärten /
sonderlich des Polyphilus / Verschliessung erkundiget. Sie lassen E.M.
untertänig berichten / wie sie mitten auf dem Weg / von einer streiffenden
Rotte / welche etliche Schäfer-Mörder zu verkundschaften ausgesandt waren /
ohne alle gegebne Ursache plötzlich überfallen / und ungeacht alles Widerstands
/ Entschuldigens und Bittens / vor Mörder beschüldiget / auf selbiges Schloss
gefangen geleget / und des andern Morgens von dem Herrn des Landes verhöret
worden. Ob sie nun gleich demselben ihr Vorhaben erzählt / und ihre Unschuld
vor Augen gelegt / haben sie doch keinen Glauben erhalten können / also / dass
Polyphilus bewogen worden / ihm seine ungerechte Verfahrung / mit zimlich
heftigen Worten zu verweisen: Worüber sich jener erzürnet /und den Polyphilus
in eine viel härtere Gefängnus verschliessen / den Agapistus und Tycheno aber in
dem vorigen aufbehalten lassen. In welchem Zustande sie dann bisher ohn alle
Hoffnung der Erledigung leben / und E. M. demütigst bitten / sie wollen gnädigst
geruhen / durch ein offenbares Zeugnis ihrer Unschuld / ihre Freiheit
auszuwürken.
    Es ist gut / (antwortete hierauf Atychintida) dass wir uns in dieser Sache
nicht übereilet / sondern des Cosmarite Vorschlag gefolget haben. Und nun gebet
euch zu frieden / Melopharmis! Ich will dieser Sache wohl Raht schaffen / und
euch euren Sohn ehist wieder in die Arme liefern. Lasset nur ihr / Chlierarcha!
noch diesen Abend ein Schreiben an diesen Landherrn verfärtigen: so kann ich
morgen mit dem frühsten / einen Boten damit ablauffen lassen. Chlierarcha erbote
sich / solches gehorsamlich zu verrichten: und Melopharmis bedankte sich vor die
gute Vertröstung und versprochne Hülffe.
    Hierauf verfügten sie sich zur Tafel / bei welcher sich Atychintida / über
ihre Gewonheit / frölich erzeigte: vielleicht weil sie hoffete / ihres
Polyphilus Gegenwart bald wieder zu geniessen. Melopharmis hingegen / kunte ihr
unruhiges Gemüte und verwirrte Anschläge / wie gern sie auch wollte / nicht so
gäntzlich verbergen / dass es die Königin nicht wargenommen hätte. Warum so
betrübet / Melopharmis? fragte sie deswegen. Ich hätte vermeint / die fröliche
Zeitung von eures Sohns Gesundheit und Widerkunft sollte euch alles Kummers
befreit haben? Es ist wohl wahr / gnädigste Königin! versetzte Melopharmis.
Allein die bisshergewohnte Traurigkeit hat meine Sinne so stark eingenommen / dass
ich sie noch nicht allerdings verjagen kann. Es liget mir noch immer im
Gedächtnus / der arbeitseelige Zustand dieser Jünglinge /und wie ihnen auf
dieser kleinen Reise so ein grosses Unglück begegnet. Freilich / (versetzte
Atychintida) sind die Reisen viel gefärlicher / als sie ins gemein geschätzet
werden. Ich will viel lieber vernehmen und gläuben / was andere von fremden
Ländern reden oder schreiben / als mit so grosser Ungelegenheit hinreisen / und
ihrer Sage nachfragen.
    Wann wir aber (begegnete ihr Chlierarcha /) alle dieses Sinnes wären / in
was vor einen Zustand selten wir letzlich gerahten? Dann wann niemand in fremde
Länder reisen wollte / so könnte sie auch niemand ferner beschreiben: und das
jenige / was allbereit beschrieben ist / würde entweder vertunkelt und verloren
/ oder doch von den Nachkömlingen vor lauter Gedicht und Märlein gehalten
werden. Wir würden auch / ohne das Reisen / nicht allein viel nützliche
notwendige und annehmliche Dinge / welche die Natur andern Ländern mitgeteilet
/ sondern auch /viel Künste und Wissenschaften / die in fremden Sprachen
beschrieben / oder in selbigen Landen erlernet werden / entbehren müssen / und
als unsers Landes Gefangene / nicht glauben / dass die Sonne auch andere Menschen
bestralte. Vielweniger würden wir unsern Verstand / durch Erlernung anderer
Völker Sitten und Ordnungen / zu schärffen suchen / sondern in ein solches
wildes und barbarisches Unwesen gerahten / dass wir weder anderer Gesetze
verstehn /noch die unsern auslegen könten. So sind demnach die Reisen einer
Gemeine so nötig / als das Auge dem Leibe: weil wir / ohne dieselbe / ein
mangelhaftes Leben führen / und unser Land / weder in Friedens Zeiten regiren /
noch in Krieges Zeiten beschützen können.
    Mein Clierarcha! (antwortete Atychintida) wann dieses alles unverneinlich
wäre / so würde folgen /dass nicht allein unsre geehrte Alten / welche gemeinlich
in ihrem Lande geblieben / sondern auch viel heut zu Tag blühende Königreiche /
die gleichfals andern Ländern wenig nachfragen / armselige / unverständige / und
solche Leute / die ohne Gesetz und Ordnung / zu Krieg- und Friedens-Zeit
untauglich / gewesen / und noch wären. Allein / die gerechte Gesetze /heilsame
Ordnungen / löbliche Sitten / und sieghafte Kriege / durch welche die jenige
Länder / die / ohne ausländische Hülffe / von ihrem eignen Verstande regiret /
und von ihrer eignen Dapfferkeit beschützet werden / zeigen das Gegenteil. Wir
selbst müssen bekennen / dass wir die vornehmste Künste und Wissenschaften /
welcher wir uns berühmen / unsern klugen Vorfahren zu danken haben / die so
tugendhaft geschrieben / und so hertzhaft gestritten.
    Es hat ja auch die Natur / unsre menschliche Eigenschaften / nicht in
unterschiedliche Länder versteckt / dass wir aus diesem die Vernunft / aus jenem
das Gedächtnus / und wieder aus einem andern die Sprache holen müsten: sondern
der Mensch besitzet diese Güter vor eigen / in welchem Teil der Welt er auch
wohnet / und hat / seine Wissenschaft dadurch zu erweitern / aller Orten
Gelegenheit. So lässet sich auch die Tugend in keinen Winkel binden / sondern
hält die ganze Erden vor ihr Vatterland / und kann man sie so bald in einem
kleinen Dörfflein oder verachten Hüttlein / als an Fürstlichen Höfen und in
grossen Städten antreffen. Es ist unnötig / dass wir / gute Gesetze zu holen / in
fremde Länder ausziehen: weil uns das natürliche Gesetz gnugsam lehret / den
Tugenden nachfolgen / die Laster fliehen / das Gute belohnen / das Böse straffen
/ und das jenige andern erweisen / was wir wollen / dass uns andere erweisen
sollen.
    Die fremde Güter betreffend / muss ich zwar bekennen / dass wir viel
bequemliche Sachen von den Ausländern geniessen / welche teils nützlich /
teils lieblich / der wenigste Teil aber notwendig sind: Denn der gütige Himmel
ein jedes Land mit solchen Gaben beschenket / dass es seine Innwohner / ob gleich
nicht nach eines jeden lüstrender Willkühr / ernehren und bekleiden kann. Der
Uberfluss fordert ein grosses: aber die Notturfft ist mit geringen vergnügt. Man
darff weder Hunger noch Durst leiden / ob man gleich nicht die Speise mit
Gewürtze / und den Wein mit Zucker /angenehm machet. So kann man auch / ohne das
Blut der Purpur-Schnecken / und ohne den Glantz der schönen Perlen / sich wohl
bekleiden. Es werden die jenige Sachen / welche uns aus fremden Ländern zukommen
/ mehr zum Pracht und Wollust / als zu notwendiger Unterhaltung / eingeholet.
    Auch der Nutze / den die Regimenter von den Reisen haben / bestehet
mehrenteils in der Einbildung. Dann / betrachtet nur / Chlierarcha! die
gewönliche Reisen unserer heutigen Jünglinge / welche gemeinlich / mit grossen
Unkosten / und mit Verschwendung ihrer Eltern sauer-erworbener Güter / etliche
Städte und Länder mit Kalbs-Augen ansehen und durchziehen / nachmals mit fremden
Wörtern und Gebärden /in einem bossirlichen Kleide / wieder nach Hause kommen /
den Kopff empor tragen / als wollten sie durch die Wolken brechen / und nichts
als Eitelkeit zu erzählen wissen / so sie gesehen / gehöret / und erfahren: weil
sie die Zeit meist mit spielen / fluchen /sauffen und buhlen / sträfflich
verderbet / und mit den vielfältigen Wechselgeldern nichts / als einen
ungesunden Leibe / und eine lasterhafte Seele gekaufft.
    Es ist in warheit eine lautere Torheit / in andere Länder reisen / und
seines Vatterlands vergessen: Fremde Ordnungen suchen / und seine eigne
verlieren; Ausländische Gesetze halten / und die Einheimische brechen. Die
jenige Gemein ist glückseelig / wo keine hochtrabende / sondern friedfertige
Leute wohnen; wo nicht viel Handtirungen / sondern viel tugendhafte gefunden
werden; wo man fremder Gesetze nicht achtet / die Einheimische aber vest und
unverbrüchlich hält; wo man die Frommen schützet / die Bösen straffet; seine
Nachbarn liebt / und keinen Krieg ohne Noht vornimmt; im fall man aber je
diesen nicht verhüten kann / sich von der Hertzhaftigkeit waffnen /und von der
Gerechtigkeit führen lässet / und auf solche Weise seine Feinde überwinden /
sein Land im Friede erhalten / und im Krieg beschützen kann.
    Cosmarite name hierauf das Wort / und sagte: Gnädigste Königin! das jenige /
was E. M. von den unnützlichen Reisen eingewendet / ist nur all zu wahr /und
mehr zu beklagen als zu ändern: Aber doch kann der Missbrauch den rechten Gebrauch
nicht aufheben. Es ist nicht zu laugnen / dass durch das nötige Reisen / einem
Land viel Nutze geschafft werde. Dann /ob gleich die Regimenter / auch ohne die
Reisen /könten erhalten werden / so stehet keineswegs zu zweiffeln / dass einer /
der wohl gereist / und kein blosser Mauren-schauer gewesen / sondern die Sitten
/Manier / Rechte und Gewonheiten fremder Nationen erlernet / bei weit-entlegnen
Völkern / wie eine Biene / in fernen Feldern / unter den Blumen / Hönig gesamlet
/ und so wohl mit Toren als Weisen umgegangen / einer Gemein viel besser
anstehe / als der jenige / so allezeit hinter dem Ofen geblieben / und nie aus
seiner Mutter Schoss kommen ist. Zwar / wer keine Gelegenheit hat zu reisen / kann
wohl ohne dasselbe ein kluger Mann werden. Welchem aber das Glück so güntig ist /
dass er fremde Länder besehen kann / der soll es nicht ausschlagen.
    Weil Chlierarcha / das Schreiben zu verfärtigen /nach seiner Wonung eilete /
als wurde hiermit dieses Gespräche abgerissen / die Tafel aufgehoben / und die
Königin nach ihrem Zimmer begleitet. Inzwischen nun Chlierarcha den Brief
verfassete / hatte Melopharmis / welche nicht wusste / wie sie den Polyphilus
versöhnen sollte / vielerlei Anschläge / davon ihr doch keiner gefallen wollte.
Sie fragte den jungen von Adel / um die Gelegenheit des Landes / darin sie
gefangen waren? Und als dieser berichtete / dass selbiges mehrenteils von
Schäfern bewohnet wäre / die einen herrlichen Tempel darin hätten / und unter
dieses Herrn Schutz gehörten / welcher ihren Sohn und seine Gefärten gefangen
hielte: ersonne sie endlich eine solche List / dass die Schäfer gezwungen würden
/ vor diese Gefangne zu bitten. Sie verfärtigte einen langen Zettel / welcher /
nach Art der alten Weissagungen /mit ungewönlichen doch bekannten Buchstaben
geschrieben / und diese Verse zu lesen gabe:
Ihr Hirten! die der Schnee vertrieben /
Der durch die Kälte / Feld und Wald
Mit seinen Flocken weiss bemahlt:
Lasst diss zu lesen euch belieben /
Was selbst der Himmel aufgeschrieben;
Und glaubt / dass diese Wunderschrifft
Die Wolfart aller Schäfer trifft /
So hier den Gottesdienst verüben.
Damit sich nun / in eure Hütten /
Nicht schwere Straf und Plage find:
So eilt / die Fremden auszubitten /
Die ohne Schuld gefangen sind;
Und wisst / biss solche werden frei /
Das hier kein Glück zu hoffen sei.
Diese Schrifft übergab Melopharmis dem Boten /welchen die Königin zu Polyphilus
senden wollte / mit Befehl / selbige / so bald er in das Land käme / an die Tür
des Tempels zu hefften / und alsdann sein Gewerbe bei dem Herrn des Orts
anzubringen; den Polyphilus aber und seine Gefärten / neben ihrem freundlichen
Gruss zu berichten / dass sie gutes muhts sein /und ihre ehiste Befreiung hoffen
sollten: Weil sie allbereit solche Mittel erdacht hätte / die sie mit nächsten
erlosen würden. Der Bot gienge des andern Morgens / zur Atychintide / bei deren
er eben den Chlierarcha antraffe / der ihr den verfärtigten Brief / in diesen
Worten bestehend / vorlase.
                                  Edler Herr!
Nachdem wir / nicht ohne Missfallen / verstanden /wie eure Soldaten unsern
Erretter Polyphilum / neben andern unsern getreuen Bedienten / welche auf der
Reise nach Brunsile begriffen gewesen / ohne alle gegebne Ursach / mitten auf
dem Wege / als öffentliche Mörder und Strassenrauber / angefallen / und mit
Gewalt zu Gefängnis geführet / und seiter in Hafft gehalten: als haben wir vor
nötig erachtet / euch durch diesen Brief zu berichten / und zu versichern / dass
diese unschuldige Gefangene keine Mörder und Ubeltäter / sondern ehrliche
Personen sind / die in unsern Geschäfften gereiset / und niemand etwas zu leid
getan haben. Wir leben der gäntzlichen Zuversicht /dass ihr diesem unsern wahren
Zeugnis Glauben zustellen / die Unserige nicht ferner anhalten / noch ihre in
unsern Diensten vorgenommene Reise verhintern werdtt / sondern sie also fort
ledig geben / und wieder auf freien Fuss zu stellen werdet. Solche Willfärigkeit
/ wollen wir mit geneigtem Gemüt erkennen / und auf vorfallende Gelegenheit /
mit nachbarlicher Gewogenheit zu erwiedern / unvergessen bleiben. Geben in
Sophoxenien / im andern Jahr unserer Erlösung.
                                                                    Atychintide.
Wiewol dieser Brief der Königin anfangs etwas zu gelind vorkame / so liesse sie
doch / auf des Chlierarcha Zureden / dass man erstlich den gütlichen Weg gehen /
und mit Höflichkeit verfahren müsse / ihr denselben gefallen / und den Boten
alsobald damit ablauffen. So bald dieser im Land angekommen / häfftete er den
Zettel der Melopharmis heimlich an den Tempel / und gienge so fort nach dem
Gefängnus des Polyphilus: bei welchem eben Agapistus und Tycheno / / die ihn zu
besuchen angekommen waren / sich befanden. Die Zeit wollte nun diesen dreien
schier zu lang werden / und die Hoffnung der Hülfe begunte zu sinken. Doch
trösteten sie sich selbst / so gut sie vermochten: und wusste sonderlich / der
schertzhafte Agapistus / bissweilen ein Gelächter zu stifften. Wie er dann auch
dissmals / als er durch das Fenster die Erde mit Schnee bedecket sah / und wohl
wusste / dass Polyphilus das Schlittenfahren liebte / mit ernstaften Geberden
sagte: Was macht ihr / Polyphilus! bei so gutem Schlitten-Wetter / hinter den
Wänden? Geschwind / Servetus bespanne den Schlitten! Vielleicht wird auch
Macarie / mit uns dieser Lust geniessen. Polyphilus / wie sehr ihn dieser
Schertz seines Unglückes erinnerte / sagte doch hierauf mit einem Lächlen: Wer
den Schaden hat / darff vor das Gespötte nicht sorgen. Ich lasse mir diesen
Winter mehr die warme Stuben / dann die kalte Schlittenfahrt gefallen / und
vergnüge mich an der Gesellschaft des Agapistus. Es ist sicherer / hinter dem
Ofen bleiben / als mit dem Schlitten zu Macarie fahren / und den Arm verwunden.
Es ist aber lustiger / (antwortete Agapistus) mit dem Schlitten zu Macarie
kommen / von ihr höflich empfangen und freundlich tractirt werden.
    Diese Erinnerung / beantwortete Polyphilus mit einem tiefen Seufzer: als
eben der Sophoxenische Bot ankam / und diesen Gefangnen von der Königin und
Melopharmis / einen gnädigen und schönen Gruss brachte; mit angehengter Erzehlung
alles des jenigen /was er / aus dieser beiden Befehl / zu ihrer Erledigung /
allbereit verrichtet / und noch zu verrichten hätte. Uber dieser Zeitung /
empfunde diese Gesellschaft eine unbeschreibliche Freude / und den Boten
reichlich beschenkend / baten sie ihn / dass er sein Gewerbe beschleunigen wollte.
Diesem nachzukommen /suchte er alsobald Gelegenheit und Gehör bei dem Landherrn:
konnte aber solche selbigen Abend nicht erhalten / und musste des andern Tages
erwarten. Polyphilus war in seiner Hoffnung schon erlöset / und vergasse des
Schimpfs von Melopharmis / weil sie nun seine Freiheit beförderte. Er tröstete
sich auch allbereit mit der Einbildung / seine Macarie ehist wieder zu sehen /
und dankte dem versöhnten Himmel / vor die angefangene Hülfe / mit folgenden
Reim Zeilen.
Nunmehr wird das trübe Wetter / und die schwartze Schatten-Nacht /
Sich einmal geendet haben. Nunmehr wird der Purpur Pracht
Der erfreuten Morgenröt / zeigen / dass der Sonne Wagen
Allbereit bespannet sei / Mond und Sterne zu verjagen.
Es hat doch / wie alle Sachen / auch das Unglück Mass und Ziel /
Und kann weiter nicht verletzen / als der höchste Herscher will:
Der uns öffters durch die Straff / zu der edlen Demut führet;
Deren Ubung uns vielmehr / als Rubin und Perlen zieret.
Ich bekenne / grosser Himmel! dass die Weissheit deiner Hand
Durch Verfolgung hat gewürket / dass ich dich und mich erkant.
Ende völlig deinen Zorn / wie du schon hast angefangen /
Und lass nach so langer Qual / uns verlangte Hülff erlangen.
Brich die ungerechte Bosheit / durch die Stärke deiner Macht /
Und bring bald uns an die Sonne / aus des schwarzen Kerkers Nacht.
 
                                 Neunter Absatz
   Die Schäfer / des Landherrn Untertanen / der Melopharmis erdichteter und
    offentlich-angeschlagener Weissagung gläubend /bereden ihn / dass er die
  Gefangnen ledig gibet. Macarie klaget über ihr Verhängnis / redet von ihrem
   Lautenspiel / empfähet des Polyphilus Schreiben /und beantwortet dasselde.
 Dessen Freude / als er diese Antwort empfangen. Schluss-Gedichte dieses Ersten
                                     Buchs.
Dem Agapistus kam ihre Erlösung noch zweifelhaft vor / weil ihm die
Halsstarrigkeit des Landherrn wohl bewust war: Welche seine Meinung ihn auch
nicht betrogen. Dann / als der Bot / des andern Tages /seine Werbung abgeleget /
und der Königin Brief überlieffert / gab ihme der Landherr zur Antwort: Er müste
sich etwas gedulten / biss er diese Sache vornehmen / die warheit untersuchen /
und sodann der Königin eine Antwort erteilen könnte. Als der Bot mit diesem
Bericht wieder zum Polyphilus kame / fiele dieser in neue Betrübnus / fürchtend
/ dass dieses ein Hof-Bescheid sei / und die Sache / nach heutiger Manier / in
die lange Bank gespielet werden möchte. Es würkte aber indessen / der
Melopharmis Anschlag / / viel kräfftiger; in dem ein Schäfer selbiger Gegend /
diesen Zettel ersehen / und weil er die Schrifft nicht verstanden / solches dem
Marcellio / als ihrem damaligen Vorsteher / angezeigt. Dieser / als er den
Innhalt der Schrifft / mit Zuziehung eines gelehrten Priesters erlernet / und es
vor eine Göttliche Warnung hielte / liess die ganze Gemeine der Schäfer /über
die er die Aufsicht hatte / versamlen / und legte ihnen diese Wunder Begebnis
vor: mit Befehl / dass ein jeder / das jenige / was ihm von dieser Sache bekant /
offenbaren / und wie diesem Unheil vorzukommen / sein Bedenken geben sollte.
Lysias / einer von den vornemsten und verständigsten Schäfern / liesse sich
hierauf vernehmen: Es würde diese Schrifft ohne Zweifel / die vier Reisende
betreffen / welche / als vermeinte Mörder ihrer Weidgenossen / angehalten worden
/ und nun eine lange Zeit gefangen lägen; aber / allem Ansehen nach / an dieser
Mordtat so unschuldig wären / dass der Himmel selber davon zeuge / und ihre
fernere Verhaftung / mit seiner gerechten Strafe / an ihnen zu rächen drohe.
Diese Meinung / bekam von vielen Beifall / und wollte es Marcellio / mit dem
Priester / der dieses erkläret / dem Landherrn alsobald eröffnen / auch um die
Freiheit dieser Gefangnen anhalten.
    Lysias aber / welchem die Härtigkeit ihres Oberherrn bekant war / hielte vor
rahtsamer / dass die ganze Gesellschaft aller Schäfer und Schäferinnen / diese
Bitte zugleich anbringen sollte: damit er / durch die Menge / die er heimlich
fürchten müste / bewogen /desto eher einwilligen möchte. Als dieser Ratschlag
von allen beliebet ward / giengen sie sämtlich auf das Schloss / vor den Herrn
des Landes / und brachte Marcellio den Handel an / mit diesen Worten: Gnädiger
Herr! E. Gd. werden sich nicht wundern / dass wir in solcher Menge vor ihr
erscheinen / wann sie vernehmen das Göttliche Wunder / welches wir in einer
ungewönlichen Schrifft / deren Erklärung E. Gd. wir hiemit vorlegen / an der
Tür unsers Tempels gefunden. Uns befihlet diese himmlische Offenbarung / die
jenige Reisende / welche als vermeinte Mörder unserer Mit-Schäfer gefangen ligen
/ weil sie solcher Missetat unschuldig / los zu bitten / oder widrigs falls
/Göttliche Rache und unsern gäntzlichen Untergang zu erwarten. Diesemnach bitten
wir E. Gd. untertänig und demütig / diesen unschuldig Gefangnen ihre Freiheit
zu schenken / und dadurch uns arme Untertanen / und die ganze Gesellschaft von
der Göttlichen gerechten Straffe und ganzlichen Zerstörung zu befreien. Wir
versprechen / solche gnädige Willfahrung mit demütigem Dank zu verdienen / und
E. Gd. als unsern gnädigsten Gebieter jederzeit untertänigen Gehorsam zu
leisten.
    Mit was Ungedult und Zorn diese Bitte der Schäfer aufgenommen worden / ist
nicht zu beschreiben. Er brannte vom innerlichen Grimm / dass er seine Rache
gegen den Polyphilus verhintert sah. Und fürwar / es hätte / weder der
Atychintide Brief / noch der angedrohete Zorn des Himmels / noch das Verderben
seines Landes / seine Bosheit hintertrieben: wann nicht die Furcht der Aufruhr
seiner Untertanen / die in solcher Menge zugegen waren / ihn gezwungen hätte
/vor dissmal die Löwenhaut mit einem Fuchsbalg zu bedecken / und ihrer Bitte
etwas nachzugeben. Doch suchte er allerhand Ausflüchte / und zweifelte bald an
dem Berlauf dieser Geschicht / welchen sie doch einmütig bezeugten / bald an
deren warhafter Erklärung. Endlich / als er nicht weiter kunte / versuchte er
/diese Fürbittende / gleich dem Sophoxenischen Boten / mit List abzuweisen / und
sagte: Sie sollten sich zu frieden geben / er wollte sich der Sache erkundigen /
und alsdann ihrem Begehren ein Genügen tun.
    Wie aber die Schäfer mit dieser Antwort nicht vergnügt sein wollten / sondern
einwendeten / dass diese Schrifft eine eilende Erlösung der Gefangnen fordere
/und vor derselben kein Glück noch Wolfart zu hoffen sei: musste er endlich sich
darin ergeben / wiewol nicht ohne merklichen Widerwillen / wie aus dem Schluss zu
sehen / welchen er ihnen / mit diesen Worten gab: Wann ihr dann diese Gefangne
mit Gewalt ledig haben wollet / so erlasset sie selber; Wisset aber / dass / wann
künftig dieser Mord auf sie sollte erwiesen werden / ihr selbst an ihrer Stelle
sein / und als Todschläger sollet gestrafft werden. Die Schäfer /welche die
Schrifft der Melopharmis vielmehr / als den Grimm ihres Oberherrn fürchteten /
bedankten sich vor diese gnädige Einwilligung / und nachdem sie Abschied
genommen / ging Marcellio mit dem Priester ins Gefängnus / die Gefangnen wegen
ihres Zustands zu befragen / und hernach frei zu machen. Als nun Polyphilus und
Agapistus ihre Unschuld / mit so beteuerlichen Worten ihnen vorlegten / dass sie
weiter keine Ursach zu zweiffeln hatten / gaben sie ihnen Erlaubnus / heraus zu
gehen. Unsere Gefangene über dieser geschwinden Befreiung / welche ihnen als ein
Traum vorkam / zum höchsten erfreuet / dankten den Schäfern zu tausendmalen /
vor ihre getreue Hülffe / und wünschten ihnen alles das Wolergehen / das einen
Hirten glückseelig machen kann. Polyphilus zweifelte bei sich selber / ob die
Freude der Freiheit /oder das erlittene Unglück vor grösser zu halten sei. Nun
erkenne ich / (gedachte er bei sich selbst) was vor ein Wolgefallen der Himmel
an meinem Schäfer-Gelübde hat / weil er mir so gnädige Hülffe nach demselben
sendet. Ich habe mich an den Schäfern versündiget / wurde um der Schäfer willen
gestraffet /und werde nun durch die Schäfer befreit. Das ist die Weissheit des
gerechten Himmels / welchem ich / nach der Züchtigung / billich danke / und
künftig in dem erwählten Hirtenstand eiferig dienen werde. Unter solchen
Gedanken machte sich Polyphilus wegfärtig: desgleichen täte auch Agapistus und
Tycheno / mit dem Servetus und dem Boten von Sophoxenien. Als sie nun Speise zu
sich genommen / baten die Schäfere / sie möchten doch mit dem Abzug eilen / weil
sie vor demselben nicht ruhen könten / auch zu befürchten wäre / dass nicht etwan
der Landherr seinen Schluss ändern / und sie aufs neue anhalten dörffte. Die
Gefangne / ob sie wohl der Furcht der Schäfer heimlich lachten / weil ihnen der
Betrug Melopharmis bekant war / wollten ihnen doch nicht zuwider leben /sondern
giengen / nach einem freundlichen Abschied /ganz frölich aus dem Gefängnus.
    Es kam eben ein Bote von Soletten ihnen entgegen / welcher dem Polyphilus
einen Brief von Macarien einhändigte. Diese lebte / nachdem sie an den
Polyphilus den vorigen Brief geschrieben / voll Betrübnus / wegen seiner
Gefängnus / und verbrachte die meinste Malzeiten ohne Speise / und die meinsten
Nächte ohne Schlaffen. Aller Freude war bei ihr so gäntzlich vergessen / dass sie
trauriger zu sein schiene / als der Gefangne selber. Ach! (sagte sie) unseeliger
Polyphilus! warum habt ihr doch meiner ersten Warnung nicht gefolget / und die
arbeitselige Liebe gegen Macarie verlassen? so würdet ihr jetzo glückseeliger zu
nennen sein. Wollet ihr dann lieber mit mir in Widerwärtigkeit / als ohne mich /
im Wolstande / leben? Verändert doch noch eure Liebe / und verlasset mich / und
zugleich das Unglück / welches mit mir geboren ist. Ach Himmel! wilst du mich ja
verfolgen / so schone doch dieses Unschuldigen / dessen Betrübnus mich vielmehr
/ als meine eigne / kränket! Was soll ich nun machen? oder wo soll ich Hülffe
suchen / in dem Kummer / welchen ich auch nicht öffentlich beklagen / noch
andern eröffnen darff? Wo ich mich hinwende / finde ich zwar Erinnerung meines
Unglücks / aber nirgend keinen Trost. Verlasse ich meine Einsamkeit / so
schrecket mich die verliebte Bezeugung des Eusephilistus / und die Hülffe /
welche er von allen Inwohnern dieser Insul geniesst. Bleibe ich aber zu Hause /
so erlaubet mir / das Gedächtnus meiner verfolgten Liebe / so gar keine Ruhe /
dass auch die stille Nacht / welche doch sonst eine Linderung der Sorgen genennet
wird / diesen Namen an mir verlieret / und mich / wachend / mit vielem
Nachsinnen / schlaffend aber / durch ihre Schattenbilder / zu quälen pfleget.
    Meine Laute / die Verkürtzerin meiner Einsamkeit /scheinet / gleich mir /
erstorben zu sein / oder gibt nur einen kläglichen Ton von sich. Wäre sie so
mächtig / als jene viel-vermögende Leir des Orfeus /oder hätte ich so süsse
griffe gelernet / als selbiger Künstler / der dadurch sein Ehgemal aus der
schwartzen Höllen wieder geholet: so glaubt mir / Polyphilus! ich wollte sie
diese Stunde ergreiffen / und damit eure Gefängnus öffnen. Aber nun ist sie in
meinen Händen ein stummes Holtz / und liget / wegen meiner Traurigkeit / ganz
entseitet.
Und hätt ich / gleich zuvor / die Säiten können zwingen /
Und spielen einen Ton / mit Kunst-erfüllter Hand:
So würd ich doch jetzund das Leiden nur besingen /
Das meine Liebe drückt / mit diesem harten Stand.
Mir liget fort und fort Polyphilus im Hertzen /
Der so ein schweres Joch von meint  wegen trägt.
Nur seine Freiheit könt verbinden meine Schmertzen /
Und wenden die Gefahr / die mich zu Boden schlägt.
Mit diesen und dergleichen Gedanken vertriebe / oder vielmehr verderbte Macarie
ihre Zeit / biss sie die Antwort des Polyphilus / und damit eine kleine Linderung
erhielte. Und ob ihr wohl sein Brief / wegen seiner Schärffe anfänglich gar fremd
vorkame / also dass sie nicht willens war zu antworten: bezwang sie doch letzlich
die Liebe / ein Brieflein zu schreiben / und ihre endliche Meinung darin zu
eröffnen; welches sie auch / so gut es die Eile gestattete / mit diesen Worten
verrichtet.
                                  Mein Schatz!
Ich habe sein angenehmes Brieflein wohl erhalten /und daraus / eines teils
seine unbillige Verschliessung mitleidig verstanden / anders teils aber gelesen
/ wie er sich noch immer bemühet / sein Recht gegen mich zu behaupten / mir List
und Betrug aufzubürden / und also (weil die Tugend weder Betrug noch List
leidet) mich eines lasterhaften Gemüts zu überführen: welche Worte er zwar mit
Schrecken gelesen / aber ganz behertzt geschrieben. Ermesset aber auch / das
lasterhafte Beginnen / damit ihr meine Seele gedenket zu tödten. Vermeinet man
nun dieses mit der angemasten Vergessenheit meiner Zusage zu behaubten / so hat
es zwar einen Schein / aber keinen Grund. Dann ob ich gleich nach meiner
Verheissung gefraget / zu welcher Frage mich sein Brief / mit seiner Klage /
veranlasst: so folget doch daraus keines wegs / dass ich meiner Zusage vergessen
/ weil / nicht allein die Vergessenheit / sondern auch andere Umstände / zu
solcher Frage Ursach geben können. Es ist aber mein Versprechen / nach eurer
Aussage / dieses /dass ich euch lieben / ausser euch sonst keinen lieben /und
euch biss in den Tod lieben wolle. Gesezt nun /dass ich dieses verheissen / so
streitet doch mein Brief nicht dagegen. Dann wann ich sage / Ich will noch zur
Zeit keinen Liebsten erwählen; Ich bitte / meine Gegenwart / zu Verbütung böser
Nachreden / zu meiden / und meiner Vergessenheit / nicht eurer Liebe /sondern
meiner selbst / in so unvorsichtigem Verfahren / zu vergeben; Ich bedanke mich /
vor alle Liebe /Ehre und Freundschaft: so heisset das noch lang nicht / Ich
will euch nicht lieben / oder ich will einen andern lieben / und euch verlassen.
Dann / ich kann bei allen solchen Umständen / welche die Liebe zwar hintern /
aber nicht verletzer / dennoch euch lieben. Sehet ihr also / mein Freund! wie
euer Zeugnus ungerecht / und solches aus meinem Brief nicht zu erzwingen sei.
Aber worzu dient dieses Streiten / als das Papier unnützlich zu füllen: Wären
wir so leicht vergnüget / als vertragen / würden die Juristen von dieser
Kechtfärtigung wenig gewinnen. Es mangelt uns nicht an aufrichtiger / sondern
nur an glückseeliger Liebe. Dann / dass ich euch ohn alle Falschheit / Betrug und
Untreu / von ganzer Seele liebe / das weiss GOtt / der aller Menschen Hertzen
kennet. Es lassen euch auch die Bezeugungen / welche ich euch jederzeit mehr
verliebt / als vorsichtig erwiesen / keines wegs zweiffeln / und mir bezeugen es
gnugsam, so viel betrübte Stunden / unruhige Tage / und schlaflose Nächte
/welche ich von dem Tage an / da ich eure schöne Augen zum erstenmahl gesehen /
mehr empfunden /als gezehlet. Ob ich aber an solcher Liebe recht / vorsichtig /
und vernünftig handle / da saget die Welt nein darzu; und finden sich / von
eurer Seite / ja so viel Widersprecher / als von der meinen. Damit ihr aber
sehet / dass meine Liebe / nicht so wohl auf zierlichen / als festen Seulen
stehet / so fordert alles / was euch in Ehren vergnügen / und begehret / was ich
leisten kann: Ich bin bereit / euren Befehl / durch alles Unglück / biss an den
Tod zu erfüllen. Ich erbiete mich auch / allen den Frevel / dadurch ich euch zu
lieben / und eurer Gegen-Liebe zu geniessen / habe begehren dörffen / nach euren
Urteil und Straffe zu büssen: und will viel lieber den Namen einer
unglückseeligen / als untreuen Liebhaberin führen. Aber /mein Hertz! bedenket
doch eure und meine Wolfart: Ich weiss / ihr werdet mich dann so lieben / dass
weder ich über euch / noch ihr über mich zu klagen habet. Dann widriges falls /
würdet ihr meinen Tod / welchen ich ohne das / als das Ende meines Unglücks
/über alles andere wünsche / bald befördern. Unterdessen betrübet euch nicht!
Ihr würdet sonst meinen Kummer häuffen: sondern lebet glückseelig / und
geniesst aller der Freude / welche mir das neidische Glück versaget: erinnert
euch aber darin öffters /
                               Eurer beständigen
                                                                        Macarie.
Diesen Brief / welchen Macarie durch den Uberbringer zu rück sendete / ward dem
Polyphilus / wie allbereit erwehnet / eben eingehändigt / als er aus dem
Gefängnus gienge. Dahero seine Freude nicht wenig vermehret wurde / als er
selbigen gelesen / und seiner Macarie Aufrichtigkeit dadurch versichert worden.
Er überreichte ihn dem Agapistus / und sagte: Hier sehet / mein Freund! wie sich
das Glück / nach so langer Verfolgung / bei mir zuschmeichelt / und mich so
lieblich küsset / dass ich / aller Schläge vergessend /seine Freundlichkeit
dennoch rühmen muss / sonderlich / wann ich erwege / dass es / durch seinen
Widerwillen / nur meine Beständigkeit geprüfet / und seine Errettung angenehmer
gemacht. Es kann doch / eine unbillige Schmach den Namens-Ruhm nicht verletzen /
und ein unverdientes Leiden die Tugend nicht beflecken: sondern es ist vielmehr
eine Artznei des Gemüts / dadurch die Unreinigkeit der Laster ausgefeget / und
die verlorne Tugend wieder eingeführet wird. Die Grossmütigkeit lässet sich von
keinem Unglück überwinden / und bleibet in allen Zufällen sieghaft. Das lautet
viel anderst / (sagte Agapistus) als die Klage bei meiner ersten Besuchung / da
ihr noch verschlossen waret. Der Himmel erhalte uns allezeit in solchen
Gedanken. Ich freue mich vielmehr / Polyphilus! eurer und unsrer Befreiung / und
wünsche Glück zu Macarien verneurter Liebe. Wir wollen all unser Unglück / in
diesem Gefängnus / dem Landherrn / vor seine Bewirtung / zur Bezahlung
hinterlassen / und nun von neuen anfangen zu leben.
Alles / was uns / biss auf heut /
Mit Verfolgung hat gekränket /
Alle Not und Traurigkeit /
Bleib in diesem Schloss versenket:
Dessen Herrscher uns so lang
Ohne Schuld verschliessen lassen /
Dessen harter Fessel-Zwang
Hat verhintert unsre Strassen.
Wird die Tugend schon gedrückt /
Bleibt sie doch nicht unten liegen:
Wann sie scheinet ganz erstickt /
Wird sie neue Kräffte kriegen.
Lebten wir schon biss daher
In dem Finstern sonder Wonne:
So erfreut uns jetzt vielmehr
Das vergüldte Liecht der Sonne.
Alles Unglück wird zu lezt
Von der Tugend überwunden;
Und die Ruh / so uns ergezt /
wird nach langem Streit gefunden.
 
                          Schluss-Gedicht dieses Buchs.
Hier wird das Erste Buch in diesem Teil gelesen /
Und gibet uns Bericht:
Wie Kunst- und Tugend-Lieb verdunkelt sei gewesen /
Doch wieder kam ans Liecht.
Es lehrt Polyphilus / die Hoffart zu vermeiden /
Wann Glück und Wolfart lacht;
Hingegen mit Gedult das Unrecht auch zu leiden /
Das an uns wird vollbracht.
Es gibt uns solche Noht die Fehler zu erkennen
Mit Demut / Furcht und Reu:
Nach welcher wir / das Ziel der Ehren zu errennen /
Auch wieder werden frei.
Macarie! beweist / wie oft die Sonn der Liebe /
Die niemals untergeht /
Bald hell / bald tunckel sei / bald tröste / bald betrübe /
Und endlich doch besteht.
Dass aber niemand soll auf falsche Liebe trauen /
Die Königin uns lehrt.
Was Kinder-Liebe sei / lässt Melopharmis schauen /
Die Gunst in Hass verkehrt.
Der wahren Freundschaft Art / kann Agapistus zeigen:
Er fürchtet keine Noht;
Ja / das Gefängnus selbst muss seiner Treue weichen /
Sie bleibt biss in den Tod.
So lerne / Leser! hier den Künsten nachzustreben /
Und niedrig sein gesinnt /
Auch nicht so bald die Lieb vedriesslich aufzugeben /
Wann sich Verleumdung find.
Bei ungerechtem Rechtrass Unschuld dich ergetzen /
Wann alles bricht und kracht /
Lass die Verzweiflung nicht den Tugend-Ruhm verletzen:
Der Himmel vor dich wacht.
Bewahre deine Brust vor fremder Wollust-Liebe /
Die nicht im Unglück hält.
Den / der vorhin betrübt / du weiter nicht betrübe:
Mitleiden Gott gefällt.
Bleib deinem Freund getreu / in gut- und bösen Zeiten.
So weist dir dieses Buch /
Der Tugend nachzugehn / die Laster zu vermeiden.
Wer folget / der ist klug.
 
             Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIE. Zweiten Teils
                                        
                                 Zweites Buch.
                                 Erster Absatz
Polyphilus beratschlaget mit Agapisto / was sie vornehmen sollen: und werden sie
    einig / nach Sophoxenien umzukehren / das Gelübde des Schäferstandes zu
  vollziehen / und solches Vorhaben der Königin mit einer erdichteten Ursache
vorzutragen. Ihr Schertz-Gespräche / über der Abend-Malzeit. Polyphilus erzehlt
seinen schweren Traum / und wird geredwechselt / was von Träumen zu halten sei?
Ein erfahrner Schiffmann / der köstliche Güter über See zu holen gedenket / ob
er gleich den Wind nicht in seiner Gewalt hat / auch gar ungewiss ist / wie
derselbige wehen wird / begibt sich dennoch gar behertzt auf das Wasser /
spannet die Segel auf / und ist bereit / einen solchen Wind anzunehmen / wie er
kommen wird / erwartend / nach dem widrigen / einen bessern: und tut doch
unterdessen allezeit sein bestes / dass er nicht allein mit halben Wind / sondern
auch gar gegen dem Wind / wo nicht geschwind fortfahren / doch / durch hin und
her lenken / dem Port näher kommen möge. Also machte es auch unser Polyphilus:
Er hatte diese Reise angetretten / einen Ort zu finden / der ihn mit seiner so
hochgeliebten Macarie vereinigt aufnehmen sollte. Ob sich nun gleich diese
unglückliche Gefängnus seinem Vorsatz widersetzet / so liess er doch deswegen
sein vorgesetztes Ziel nicht aus den Augen / sondern suchte / auch aus der
Ungelegenheit selber / eine Gelegenheit zu machen / und die Beiwohnung seiner
Macarie / welche er in einem vornehmen Stande nicht finden kunte / in dem
Schäfer-Orden / wo nicht geschwinde / doch mit der Zeit / zu erlangen.
    Er hatte nunmehr seine Freiheit wieder erhalten /und stunden ihm alle
Strassen offen. Derowegen fragte er den Agapistus: welches das beste wäre / ob
sie ihre Reise nach Brunsile fortsetzen / oder wieder zu rück auf Sophoxenien
reiten sollten? Agapistus beliebte das erste / und riehte / er sollte den
Sophoxenischen Boten nach Hause schicken / und der Königin und Melopharmis ihre
Erledigung wisslich machen lassen /auch wie sie ihre Reise / von welcher sie
schon den halben Weg zu rück geleget / fortsetzen wollten. Aber dem Polyphilus
wollte dieser Vorschlag nicht gefallen / teils wegen des Gelübds / mit welchem
er sich /in dem Gefängnus / dem Schäferstande verpflichtet /dessen Verletzung
der Himmel auf viel Wege straffen könnte; teils auch aus Furcht / es möchte
Macarie unter seiner so langen Abwesenheit / ihre Liebe ändern / und durch
allerhand Verleumdung von ihm ab-und zum Eusephilistus gewendet werden. Welche
Sorge auch nicht vergeblich war / wie hernach soll gemeldet werden. Demnach
hielte er vor ratsamer / dass sie auf Sophoxenien reisen / und alsdann / mit der
Königin Hülffe / ihren gelobten Schäfer-Orden antretten sollten. Weil sich nun
Agapistus dem Polyphilus nicht gern widersetzte / auch dem Tycheno sehr nach
seiner Mutter verlangte / als willigten sie beede leichtlich in diese Meinung:
sonderlich / weil Servetus erinnerte / es möchte sie dieser Landherr im Rückweg
wieder anhalten und gefangen setzen / wann er inzwischen die List Melopharmis
erführe. Also ritten sie sämtlich zurücke nach Sophoxenien / und reisete
Polyphilus eine Zeitlang in tieffem Nachsinnen / als indessen Agapistus
nachgesetztes Sonnet / in seine Schreibtafel zeichnete.
Nun sind wir von dem Joch der Dienstbarkeit entbunden /
Das uns so lang gedrückt. Es hat der harte Stand
Die tieffe Traurigkeit / der schweren Fessel Band /
Die strenge Wüterei / die wir bisher empfunden /
Ihr Ende nun erreicht. Die Freiheit ist gefunden /
Mit der sich nichts vergleicht. Die schöne Sonne lacht.
Das angenehme Glück / von neuem uns bewacht /
Und will / mit süssen Trost / verbinden unsre Wunden.
Dein / Himmel! sei der Dank / und deiner grossen Gnad /
Die uns so wunderbar heraus gerissen hat.
Lass deine starke Hut noch ferner uns begleiten.
Wend alles Unglück ab / das uns verletzen will:
Damit Polyphilus das vorgesetzte Ziel /
Das seine Liebe sucht / erlange bald mit Freuden.
Ehe noch Agapistus diese Zeilen ausgeschrieben /wendete sich Polyphilus um / und
sagte: wie so still? Agapistus! wo sind die Gedanken? Das will ich euch alsobald
weisen: antwortete Agapistus / und gab ihm vorgesetztes zu lesen. Da sihet man /
(sprach Polyphilus / nach dem er es übersehen) wie die Kunst ohne unterlass
würket / weil sie auch in dem unmüssigen Reisen nicht feiern kann: Ich bedanke
mich aber / vor den wohlgemeinten Wunsch / welchen ihr meiner Liebe zum Beschluss
angehänget. Ja! ja! (versetzte Agapistus) ihr habt meine Dicht-Kunst / durch
euer Berühmen / hoffärtig gemacht / dass sie sich mit dem blossen Dank nicht
abweisen lässet / sondern eine Eröffnung eurer so eifrigen Gedanken zur
Belohnung fordert. Meiner Gedanken! gab Polyphilus zur Antwort: Was hoffet sie
damit zu erwerben? Doch / ich will sie euch gern eröffnen. Ich habe auf Ursachen
gesonnen / welche unsere Zurück-Reise bei der Königin entschuldigen / und die
Einwilligung zu dem Schäfer-Gelübde auswürken möchten: denn ich fürchte / sie
werde sich über jenes verwundern / und dieses verhintern wollen. Das ist leicht
zu gedenken! antwortete Agapistus. Aber was habt ihr gutes hierzu ausgesonnen?
    Nichts gewisses! begegnete ihm Polyphilus. Doch dünket mich am bequemsten
sein / dass wir diesem Beginnen einen Göttlichen Befehl / welchem sich niemand
widersetzen darff / zum Grunde legen. Wir wollen vorwenden / dass wir / nach
erlangter Freiheit /einen heiligen Einsiedler / welcher sich in einem Wald
hierum aufhalte / wegen unsrer Reise / zu Raht gezogen: der uns dann ernstlich
befohlen / wieder umzukehren / und künftig in dem Hirtenstande zu leben / oder
aber den Zorn des Himmels / und alles Unglück zu erwarten. So sehe ich wohl /
(sagte Agapistus) die Königin soll sich / im Anfang und Ende dieser Reise / mit
erdichteten Ursachen abspeisen lassen? Ihr wisset wohl / (antwortete Polyphilus)
dass sie stets will betrogen sein. Wer die Warheit nicht hören will /muss den
Mährlein glauben. Es wird doch der Betrug /welcher ein gutes Ziel hat / nicht
unter die Laster gezehlet. Das würde noch zu beweisen sein! sagte Agapistus:
aber wird der Bote nicht ein anders zeugen? Ich hielte vor besser / wann wir
diese Begebenheit vor die Gefängnus setzten / und dabei erwähnten / dass wir
diese Erinnerung des Eremiten verlachet / und darüber in diese unglückseelige
Verschliessung gerahten wären: Daher wir uns / nach Erlassung derselben / nicht
fürter zu reisen getrauet / sondern / mehrerm Unglück vorzukommen / wieder
zurücke geritten. So viel ich vernehme / (sagte hierauf Polyphilus /) so werde
ich auch im betrügen von euch übertroffen. Ich lasse mir diesen Vorschlag
gefallen: helffet ihr ihn nur getreulich befördern.
    Unter solchem Gespräch / wurden sie von der Nacht überfallen / welche noch
dazumal mehr Stunden / als der Tag / beherschete. Sie konten also mit grosser
Mühe einen Flecken erreichen / dessen Wirt sie diese Nacht beherbergte. Sie
waren allerseits müde von der Reise / und funden auch eine schlechte Malzeit.
Agapistus konnte seine Schwänke nicht lassen /fieng über Essen an / und sagte:
Wir haben gleichwol eine schlechte Höflichkeit erwiesen / dass wir von dem
Landherrn keinen Abschied genommen / oder ihm vor seine Bewirtung gedanket. Wer
wird uns mehr so herrlich tractiren? Was meint  ihr / Polyphilus! sollten wir
nicht Serveten zu rück schicken / und an unser aller statt einen Dank ablegen
lassen? Freilich / (antwortete Polyphilus) wird es vonnöten sein. Nein! nein!
sagte Servetus: Man darff an so vornehmen Ort nicht schlecht durch einen Diener
danken lassen: Die Herren müssen selber kommen. Ey! (versezte Polyphilus) ihr
dörffet nicht kommen wie ein Diener: sondern in der Würde eines Abgesandten /
sollet ihr den Dank ablegen. Das wird sich noch weniger schicken: sagte
Servetus. Dann ein Abgesandter muss Hirn im Kopf haben / und mit höhern Gaben
versehen sein /als Servetus ist. Das sollte ja wohl so sein: (antwortete
Polyphilus) dann ein Abgesandter ist das Auge seines Herrn / gleich wie hingegen
aller anderer Augen auf ihn gerichtet sind. Aber es trifft sich gleichwol
bissweilen / dass eine Gans mit Adlers-Flügeln pranget: sonderlich wenn man / in
Bestellung solcher Aemter / mehr auf Adel und Gunst / als auf Kunst und
Wissenschaft sihet. Aber Agapistus! weil Servetus /diese Gesandschaft
abschläget / so werden wir vor dissmal unsern Dank zu rück stellen / und das
Bette suchen müssen. Ich bin zu frieden: (sagte Agapistus) doch dass alle die
Unhöflichkeit / welche wir mit diesem Undank begehen / auf Servetus ligen
bleibe. Das mag ich wohl leiden / (antwortete dieser) und hoffe dadurch nicht
gröber zu werden / als ich bin.
    Damit stunden sie auf von der Malzeit / und legten sich zur Ruhe: damit sie
folgenden Morgens desto früher ihre Reise fortsetzen möchten. Wie sie dann auch
/ so bald die muntere Morgenröte ihr Rubinfarbes Auge aufgeschlossen / wieder zu
Pferd sassen /und nachdem sie den Wirt befriedigt / ihre Strasse reiseten.
Polyphilus / als er eine weile geritten / fragte /mit etwas betrübten Geberden /
seine Gefärten / was ihnen diese Nacht geträumet hatte? weil man glaube /dass die
Träume / welche man in einem fremden Bette habe / nicht allemal betrügen.
Agapistus sagte: Er hätte so sanft geschlaffen / dass er nicht wisse / ob ihm
etwas geträumet oder nicht. Aber Tycheno entdeckte / wie ihm von lauter Holtz
und Steinen / über welche er gehen müssen / geträumet: welches er aber glaube /
dass es von dem harten Lager herkommen /damit ihn der Wirt diese Nacht versehen.
    So bin ich dann / (versetzte Polyphilus) dissmal der Unglückseeligste: denn
ich habe einen Traum gehabt /dessen Erfüllung ich nicht wünsche. Was war es
dann? fragte Agapistus. Mir traumte / (war des Polyphilus Antwort) als wäre ich
/ in einem Wald / von vielen Mördern umringet worden / welche mich ausgezogen /
und mit ihren Schwertern so sehr verwundet / dass ich nichts mehr erwartete / als
von ihren Händen zu sterben. In solchen Aengsten / sah ich Macarie auf mich zu
eilen / welche / mich zu erretten /den Mördern in die Schwerter fiel / und sich
mit denselben dermassen verletzte / dass ich voll Furcht und Schrecken aufschrye
/ und die Mörder bate / ihrer zu verschonen. Uber dieser Bitte bin ich erwachet:
weiss also nicht / ob sie errettet / oder ermordet worden. Das kommet her / von
der Erinnerung unserer vorigen unglücklichen Reise: sagte Agapistus. Ich halte
sonsten wenig auf Träume: dann sie sind falsche Propheten / und wird unter
hunderten kaum einer wahr. Ich aber halte viel davon / (sagte Tycheno) dann sie
treffen mir gar zu gewiss zu. Das ist eure Strafe / (antwortete Agapistus) dass
ihr solchen Betrügern glaubt /und hernach alles / was euch begegnet / darauf
deutet / sollte es auch bei den haaren hergezogen werden. Ich spreisse mich des
Morgens an mein Fussbret: so sind alle meine Träume vergessen.
    Man muss unter Träumen einen Unterschied machen (versetzte Polyphilus) deren
etliche natürlich /und nach der Beschaffenheit des Menschen / entweder frölich /
oder traurig sind / welche gemeinlich vor Mitternacht / und so lang die Speise
im Magen kochet / zufallen: etliche aber / sonderlich die gegen Morgen / sind
über die Natur / und kündigen uns unser Glück und Unglück an / entweder zur
Furcht /oder zur Warnung. So wenig nun auf jene / welche uns teils unsre
natürliche Zuneigung / teils auch die Sachen / so sich selbigen Tag über
zugetragen / wiewol ganz verwirret / vorstellen / zu halten / so wenig sind
hingegen diese / die uns unser Zukünftiges offenbaren / zu verachten. Dann es
bezeuget die Erfahrung / / dass uns offtermals die Warnung eines Traums /wann man
derselben vorsichtiglich nachkommet / von grossem Unglück befreit. So weisen
auch die Exempel / wie solche Träume zugetroffen. Der Andromache / Hectors
Gemalin / traumte / wie ihr Herr des folgenden Tages im Streit umkommen:
Deshalb sie ihn mit Trenen bate / dass er selbigen Tages nicht in den Streit
kommen wollte. Weil er ihr aber nicht gehorchet / wurde er vom Achilles
erschlagen. Dem Vespasiano träumte / er werde alsdann Römischer Käyser werden /
wann Nero einen Zahn verlieren würde: Darauf ihm am Morgen / des Nero Leib-Artzt
begegnet / und einen Zahn gewiesen / so er demselben ausreissen müssen. König
Heinrich der dritte in Frankreich / sah / drei Tage vor seinem Tod / dass seine
Kron / Scepter und Königlicher Rock / von einem Mönchen mit Blut besprengt / und
mit Füssen getretten wurde. Als er solchen Traum dem Abt von Senis erzehlte /
bate dieser / der König wollte sich wohl in acht nehmen / und gute Wacht halten
lassen. Es ist ihm aber doch der Traum wahr worden / und hat er seinen Tod /
welcher durch einen Mörderischen Jacobiner erfolget / nicht verhüten können.
Diese und dergleichen mehr erfüllte Träume / derer noch viel anzuführen wären /
erweisen gnugsam / dass sie keineswegs in den Wind geschlagen / sondern vielmehr
vorsichtig sollen beobachtet werden.
    Wieviel hundert aber / (sagte Agapistus) vergehen mit dem Schlaf / und
bleiben unerfüllet / können aber doch einen / der darauf achtet / in Furcht und
Nachteil setzen! Jenem Römischen General Cecina träumte /als er wider die
Teutschen zu Felde lag / er sehe aus dem Morast hervor steigen / den mit Blut
besudelten Varum / (welcher vorher mit den Teutschen gar unglücklich getroffen)
der ihm winkte / und bei der Hand nach sich ziehen wollte / dem er aber die Hand
entzogen. Hätte nun dieser dapfere Feldherr nicht beobachten wollen / dass ein
behertzter Soldat seinen Sieg vielmehr auf gute Wachsamkeit / als betrügliche
Träume / gründen sollte / würde dieses Schatten-Bild ihm bald allen Muht benommen
/ Schrecken und Furchtsamkeit erwecket / und durch Verwirrung seines Verstands /
des ganzen Heeres Untergang verursachet haben. Habe ich doch gesagt /
(antwortete Polyphilus) dass man die Träume vorsichtig beobachten /und ohne
Verachtung zur Warnung brauchen soll: Sie mögen alsdann eintreffen / oder nicht
/ so ist es ohne Schaden. Und wer weiss / ob nicht gedachter Heerführer durch
diesen Traum bewogen worden / viel vorsichtiger und bedachtsamer seiner Schantze
wahr zu nehmen / auch viel behutsamer zu streiten / damit Er die Erfüllung
desselben verhintert? da er vielleicht /ohne die Warnung solches Traums / durch
Sicherheit und Vermessenheit / gar leicht den Sieg hätte verlieren können.
    Ich / meines teils (fuhr er fort) möchte wünschen /dass mein Traum ein
blosser Schatten wäre / der nichts nach sich ziehet. Allein / ich glaube es
schwerlich /sondern fürchte immer / es werde sich entweder zu Sophoxenien / oder
zu Soletten eine neue Widerwertigkeit regen / und meine Vergnügung verletzen.
Wann ihr dieses fürchtet / (sagte Agapistus) so wollen wir Serveten mit dem
Boten voraus schiken / und /was es daselbst vor eine Beschaffenheit habe /
erkundigen lassen / damit wir hiernach unsern Fortzug anstellen können. Wohl!
(sagte Polyphilus) wann ihr es vor gut ansehet / so wollen wir sie alsbald
abfertigen. Damit rufften sie dem Servetus / welchen Polyphilus zur Seite führte
/ dass es Tycheno / nicht alles hören konnte / und ihm befahle / mit dem Boten
nach Sophoxenien zu reiten / der Königin ihre Ankunft zu verkünden / und
daselbst zu erforschen / was indessen vorgelauffen / wie sich Melopharmis
anstelle / und ob nichts neues von Macarie vorhanden? Im fall er nun etwas
erführe / sollte er sich anstellen / als ob er ihnen entgegen ritte / und solches
ihnen zur Nachricht offenbaren. Servetus / versprache solches zu beobachten
/name also fort seinen Abschied / und ritte mit dem Boten davon.
 
                                 Zweiter Absatz
    Des Polyphylus und seiner Reis Gefärten Gespräch /in der Herberge / von
  Gespänstern; nachmals auf dem Weg / von der Liebe und Buhlerei / und von den
            Beer-Wölfen. Sie verreiten sich / in solchem Gespräche.
Polyphilus und seine Gefärten / ritten allmählich hernach / und kürtzten ihren
Weg mit allerhand Gesprächen: biss sie / um den Mittag / ihre Rosse zu füttern
/und selber Speise zu nehmen / in einem Wirtshause abstiegen. Agapistus /
welcher sich auf dieser Reise schertzweis den Hofmeister nennte / gienge bald in
den Stall / zu sehen / ob die Pferde versorget wären /und von dar in die Küchen
/ die Malzeit zu bestellen. Daselbst traffe er eine viel schönere und
freundlichere Wirtin an / als in einem Dorff zu vermuten war. Er machte / nach
seiner Gewonheit / alsobald mit ihr Freundschaft / und liesse ihm ihre Weise
nicht übel gefallen. Polyphilus aber / der sich noch immer mit einer
hertz-nagenden Furcht plagte / die ihme die Verlassung seiner Macarie androhete
/ verfügte sich mit Tycheno in die Stuben: und wie dieser auf und ab gienge /
stellete sich jener ans Fenster / seinen Gedanken so viel füglicher
nachzuhängen.
    Uber eine kleine Weile kam der Wirt / welcher nicht zu Haus gewesen / seine
Gäste zu empfangen. Diesen fragte Polyphilus / was doch dieses / so gegen dem
Wirtshaus über lage / (damit auf ein altes und verwildtes Gebäu zeigend /
welches allem Ansehen nach unbewohnt stunde) für ein Ort wäre / und wem es
zustünde? Der Wirt gab zur Antwort: Es wäre ein Schloss / vornehmen Edelleuten
zuständig / welches vor Jahren gar herrlich und vest gewesen / dieser Zeit aber
/ wegen eines Gespensts / ganz unbewohnt wäre / und wüste er / da er doch ein
alter Mann wäre /sich nicht zu erinnern / dass es jemals bewohnt gewesen. Als nun
Polyphilus darüber wunderte / sagte Agapistus / der nun auch zu ihnen gekommen
war: Er könne sich in dergleichen Gespenster nicht richten /weil es ja gewiss /
dass weder der verblichene Cörper aus der Erden / noch die Seele / von dem Ort /
da sie nach ihrem Abschied lebet / wieder kommen könne; halte er es also vor
lauter Gauckeleien / welche nur die Furchtsame zu schrecken pflegen / und
zweifle er gar sehr / ob sie einem Behertzten / der sie verachtet /schaden
können. Das ist eure Manier / (sprach Tycheno) dass ihr alles widersprechet. Wann
nur einmal ein Gespenst käme / und eurem Zweifel ein Ende machte: Ich möchte
gern sehen / ob ihr euch so behertzt gegen demselben / als gegen uns / anstellen
würdet. Das soltet ihr wohl erfahren: (antwortete Agapistus) wiewohl ich weiss /
dass dergleichen Affenspiel nicht zu mir kommet / sondern nur Furchtsame und
Verzagte zu plagen pfleget.
    Dass gewiss Gespenster sein / und sich sehen lassen / (versetzte Polyphilus)
wird niemand zweiffeln /dann die Exempel weisen es allzuklar. Was es aber mit
denselben eigentlich vor eine Beschaffenheit habe / davon sind die Meinungen so
unterschiedlich /als die Begebenheiten. Denn ob gleich / wie Agapistus will /
weder der entseelte Cörper noch der ausgefahrne Geist von seiner Wohnung / nach
der Natur und Vernunft / zu rücke kommen kann: so ist doch solches der
Verhängnus des Höchsten / und der List und Kunst des Satans nicht unmüglich. Es
bezeugen die Geschichten / dass dieser Tausendkünstler / die Leichname der
Verstorbenen / nicht allein oft sehen lassen / sondern auch gar eine Zeitlang /
als beseelete herum geführt / und alle Geschäffte der Lebendigen verrichten
lassen.
    Ein Edelman in Frankreich hatte sein Weib / wegen Eiffersucht / in der Nacht
erdrosselt. Weil er nun sich dieser Mordtat halben fürchtete / ersuchte er
einen Zauberer um Raht: welcher ihm versprochen / seines Weibs Gestalt / etliche
Tage / im Haus hin und her gehen zu machen; Er aber sollte indessen / allem
Argwahn vorzubauen / auf eine Reise sich begeben / dass also ihr Tod in seinem
Abwesen offenbar würde. Diesen Vorschlag richtete er zu Werk / und fand man den
Leichnam der Frauen / so stinkend und erfault in des Edelmanns Haus / dass viel
wähnten / er hätte ihr /wegen der bösen Ehe / die sie führten / so starken Gift
beigebracht. Er wurde / teils wegen dieses Argwahns / teils auch wegen der
Freundschaft / die er mit dem Zauberer hatte / in Verhaft genommen: Da er von
seinem Gewissen überzeuget / die Tat bekennet / und als ein Mörder gerädert
worden. So wird auch erzehlt / von einer Jungfrauen / (welche gestorben / und
ehrlich von ihren Eltern begraben worden) dass sie / etliche Jahr hernach / einem
jungen Gesellen / der bei ihrem Vatter eingekehrt / bei der Nacht erschienen /
in den Kleidern / darin sie begraben worden / und mit ihm Unzucht getrieben.
Als aber endlich ihre Eltern darzu kommen / und sie ersehen /ist sie als ein
todter Cörper im Bette ligend blieben /nachdem sie vorher über ihrer Eltern
Unbarmhertzigkeit geklaget / welche ihr diese geringe Freude nicht noch ein
wenig gönnen wollen. Wie man ihr Grab eröffnen lassen / ist nichts darin
gefunden worden / als eine silberne Schale / und ein eiserner Ring / so dieser
ihr Liebhaber ihr des Tags zuvor geschenket: Dagegen sie ihm ihr Brusttuch / und
einen güldnen Ring wieder gegeben.
    Mein Herr erinnert mich dessen / (sagte hierauf der Wirt) was mir unlängst
unser Todtengräber erzehlt /wie er nämlich / ungefähr vor einem Jahr / eine
ledige Weibs-Person begraben. Als er aber / etliche Monat hernach / einem andern
ein Grab machen sollen / und wider vermuten auf die vorige Stelle gekommen /habe
er den Sarg / welcher etwas offen geschienen /vollends aufgemacht / und darin
weder Leichnam /noch Grabtuch / sondern ein blosses Holtz gefunden. Vielleicht
ist sie hernach wieder kommen / (sagte Polyphilus) und hat unterdessen eine
andere Verrichtung gehabt. Dergleichen Geschichten / machen die Gewalt des
Satans / die verstorbenen Leiber wieder (wiewol nicht ohne Göttliche Zulassung)
aus der Erden zu bringen / gar glaublich. Dass er aber auch die Seele /oder den
Geist des Menschen / wann er dieses Irdische verlassen / wieder zu rück bringen
könne / ist eine schwere Streit-Frage. Wiewohl etliche unter den alten Lehrern
auch dieses zugeben / so will doch solches sehr hart lauten: sonderlich von den
Seeligen und Gerechten. Dann wan der Teufel allein die jenigen hervor brächte /
welche ihm in ihrem Leben gedienet /wäre sich nicht hoch darüber zu verwundern /
weil sie vorhin in seiner Gewalt sind. Weil er aber auch der heiligen und
Tugendhaften Leute Gestalt zu sehen gibet / wie das Beispiel Samuels darweiset:
als wird viel sicherer und glaubwürdiger davor gehalten / dass in allen / oder
doch in den meinsten / solchen Erscheinungen der höllische Geist / die Gestalt
der Verstorbenen // durch Verblendung an sich nehme / und dadurch die Lebenden
entweder zu verführen / oder zu schrecken suche. Ich will nicht laugnen / dass
solche Gespenster / vielmehr die Leichtglaubigen und Furchtsamen quälen / als
einen Freien und Behertzten / der in seinem Beruf bleibet / und solchen
Teufels-Betrug verachtet.
    Jenem Laconier erschien auf einem Grab ein Gespenst / in weisser Gestalt /
wie man bei uns / die in Sterbläufften heulende Klagmutter beschreibet: dessen
er im geringsten nicht erschracke / sondern seinen Spiess erwischte / und damit
auf das Gespenst (welches er vor irgend einen Geist der Verstorbenen hielte)
zurannte. Als aber die Gestalt darauf verschwande / schrye er: Wo fleuchst du
hin / du verzagter Geist! komm! ich will dich wieder hinunter in den Abgrund
schicken. Das Gespenst aber / liess sich nicht mehr sehen / weil es mehr Trutz
und Muht / als Furcht und Schrecken angetroffen. Diesem / rahte ich aber nicht
einen jeden / nachzufolgen / sonderlich wann er kein gut Gewissen hat / und sich
irgend eines Lasters bewust ist: weil es ihrer vielen sehr misslungen. Künheit
ist keine Hertzhaftigkeit / und Vermessenheit keine Grossmütigkeit.
    Gleichwol (fiele ihm Agapistus in die Rede) müssen sie den unverzagten
ausweichen. Mir hat meiner guten Freunde einer erzählt / dass er einsmals auf
seinen Reisen / in einer vornehmen Stadt / in einem Hause zu wohnen gekommen /
darin es / wie er nachmals erfahren / nicht rein gewesen. Als er nun /eines
Abends an dem Tisch gesessen / und geschrieben / habe sich vor der Stuben / ein
greuliches Gepolter erhoben / welchem er eine Zeitlang / und nicht ohne
Schrecken zugehöret. Als es aber je länger je grösser worden / habe er seinen
Lackeien / (der ein Holländer war / welche Nation gemeinlich nichts von
Gespenstern hält /) befohlen / zu zusehen / was doch dieses Unweisen bedeute?
Dieser habe es etlich mal getan / aber nichts sehen können; Und weil dennoch
das Gepolter nicht nachlassen wollen / habe der Diener endlich das Pistol von
der Wand genommen / sei hinaus gelauffen / und das Gespenst mit diesen Worten
angeredet: Bist du Mensch / so sag! bist du Teufel: hol mich Teufel / ich
schiess!
    Als sie hierüber sämtlich anfiengen zu lachen / kam die Wirtin in die Stuben
/ und brachte die Speise. Agapistus sagte: Wann alle Gespenster so gestalt wären
/ als diese / so wollte er sich nicht fürchten /wann sie ihm gleich in der
dunkelsten Nacht begegneten. Der Wirt antwortet mit Lachen: Dieses sei ein
Haus-Geist / welcher allein ihn zu plagen pflege. Aber (versetzte Agapistus)
euch wird bei solcher Plage mehr wohl / als übel sein / weil ihr / so bald der
Geist erscheinet / eure Freude sehet. Es ist Wunder / / dass ihr bei so grauen
Haaren / kein Bedenken getragen / eine junge Frau zu heiraten? Das Alter (sagte
der Wirt) bedarff Wärme / und die Jugend Unterricht / welches wir beiderseits
erlanget. Und weil ich zuvor eine Alte gehabt / habe ichs nun auch mit der
Jungen versuchen wollen. Was haltet ihr aber davon (fragte Agapistus ferner)
weil ihr alles beides erfahren? Welches sollte wohl das beste sein? Ich mache
keinen Ausschlag / (sagte der Wirt) sondern vergnüge mich / dass ich in der
Jugend von der Alten geliebt / und im Alter von der Jungen gelabet worden. Von
der vorigen / habe ich das Geld bekommen /und von dieser die Kinder / welchen
ich das Geld hinterlasse. Doch behaltet ihr (sagte Polyphilus) das Sprichwort:
das letzte ist das beste.
    Indem / brachte die Frau noch ein Gerüchte. Agapistus trank ihr ein Glas
Wein zu / und sagte: Ihr Diener / schöne Frau Wirtin! Sie aber antwortete gar
bescheiden: Die selbst dienen / wie ich / bedürffen keiner Diener. Und damit
gienge sie zur Tür hinaus. Polyphilus / welcher dieser Antwort heimlich lachte
/fragte den Wirt / wie viel es auf der Uhr sei? und als er vername / dass es
allbereit weit über Mittag wäre /machten sie Ende von der Malzeit / befriedigten
den Wirt / und ritten wieder ihres Wegs. Polyphilus fragte Agapisten unterwegs /
wie ihm der höfliche Korb /den ihm des Wtrts Frau über Tisch verehret / gefallen
habe? Ja! (sagte Tycheno) es ist trefflich artig gekommen / ich habe mich kaum
des Lachens entalten können. Das muss man nicht achten! (antwortet Agapistus)
Ihr wisset aber nicht / wie freundlich sie sich in der Küchen erzeiget / und wie
viel Küsse ich daselbst erhalten: man kann sich vor dem Mann wohl etwas fremd
stellen. Aber truget ihr kein Bedenken / (fragte Polyphilus) dem guten alten
Mann sein Weib zu verführen / und ihr zu bösen Gedanken Anlass zu geben? Ich
begehrte sie nicht zu verführen / (gab Agapistus zur Antwort) was konnte ihr ein
Kuss verletzen: Warum muss der alte Geck / ein so junges Mensch betrüben? Ein
anderer / als der einfältige Agapistus / hätte ihn wohl gar mit einer
Ochsen-Kron beschenket. Ich meine auch / er habe sich mit der Zeche schon
gerechnet / und ihm den Kuss wohl bezahlen lassen. So wohl! (sagte Tycheno) und
wir sollen euch eure Kurzweil bezahlen helffen? Ihr sollet zu frieden sein /
(versetzte Agapistus) dass ich euch einen guten Willen erworben: Dann wann die
Wirtin freundlich ist / so bekommen die Gäste gute Speisen.
    Aber ohne schertz / (sagte Polyphilus) wie ist es müglich / dass ihr allen
Weibsbildern Lieb und Gunst erzeigen könnet? Nicht allen / (antwortete
Agapistus) sondern nur denen / die es verdienen. Ich liebe / was liebens würdig
/ ich treffe dasselbe gleich an / wo ich wolle / und begehre mich nicht so vest
an eine zu verbinden / / wie ihr / dass ich alle andere ihrentwegen verachten
sollte. Das ist recht! begegnete ihm Polyphilus. Eine beständige Liebe / suchet
das Gemüte allein zu beherschen / und kann keine fremde Bewegung neben sich
dulten. Das Gedächtnus meiner Macarie / hat mein Hertz dermassen angefüllet /
dass nicht der geringste Raum mehr vor eine andere übrig / sondern ich sehe sie
an / als gemahlte Bilder / welche mich nicht bewegen können. Gleich wie unser
Gesicht nicht fähig ist / zwei Dinge auf einmal zu betrachten / dann so bald es
das eine fasset / muss es das andere verlieren / ob es gleich durch eine
schlechte Bewegung geschihet: also kann auch das Gemüt nicht zwei Schönheiten
zugleich lieben / sondern wann es die andere erwehlet / so wird die erste
verdunkelt. Aber bei euch / ist keine rechte Liebe / sondern nur ein
äusserliches Wohlwollen: welches / wie ein nasses Holtz /nicht länger brennet /
als so lang eine Fackel dabei liget; wann sie aber weggenommen wird / wieder
erlöschet / biss es von einem andern Brand entzündet wird. So kann sie desto
weniger verzehret werden /(antwortete Agapistus) und ich bin vieler Plage
befreit / welche ihr in Abwesenheit eurer Liebsten empfindet.
    Ich leide es gern / (sagte Polyphilus) in Hoffnung /durch ihre Gegenwart
wieder ergötzet zu werden. Aber sehet / dort kommet uns ein Wolf entgegen:
welcher mich / wann ich allein / und ohne Pferd wäre /wenig erfreuen würde. Ja
fürwar / (täte Tycheno hinzu) und er sihet uns fein behertzt an: vielleicht
ists kein rechter Wolf / weil er also still stehet / und nicht erschrickt? Wer
sollte es dann sein? (fragte Agapistus) vielleicht unser Wirt / der sich / wegen
meines Küssens / zu rächen suchte? Dass wäre nichts unmügliches! (versetzte
Polyphilus. Ihr soltet mich bald überreden / (antwortete Agapistus) wie jenen
mit dem Storch. Was ist das gewesen? fragte Polyphilus. Es reiseten (versetzte
Agapistus) auf eine Zeit etliche junge Kaufleute mit einander / welche einen
leichtglaubigen Menschen unter sich gehabt / den sie zur Kurtzweil betrügen
wollten: Deswegen sie einen voraus schickten / der den Wirt / bei deme sie
selbige Nacht herbergen wollten / unterrichten musste / wie er solches ins Werck
richten sollte. Als nun die Reisende ankamen / gienge der Wirt dem Einfältigen
entgegen /nennte ihn mit Namen / und sagte / wie er grosse Freude über seiner
Gegenwart empfinde. Der Kauffmann verwunderte sich über dieser Gewogenheit / und
fragte den Wirt / woher er ihn kenne? weil er ihn ja /seines Wissens / niemals
gesehen hätte. Ey! (sagte der Wirt) mir ist so viel gutes von euch / und euren
Eltern begegnet / dass ich mich heut billig dankbar erzeige. Dieser entsetzet
sich noch mehr / das jener auch seine Eltern kenne / die doch so weit davon
waren / und begehrte deswegen Bericht. Der Wirt führt ihn in ein besonder Gemach
/ und entdeckte ihm in höchster geheim / wie er alle Jahre ein Storch werde /
und auf seinem / des Fremden / Hause sein Nest mache. Dieser Albere liesse sich
endlich bereden / und glaubt dieses / als ein Wunder: sonderlich / weil der
Wirt kein Geld von ihm nehmen wollte / dann die andern hatten ihn allbereit
bezahlet. Wie er nur nach Hause komt /und bei seiner Hochzeit / über Tisch /
durch das Fenster / eines Storchs ansichtig wird: hält er solchen vor besagten
Wirt / und trinket ihme ein Glas Wein zu. Als die Gäste nach der Ursache fragten
/ liesse er sich vernehmen / wie dass dieser Storch sein Wirt wäre /welcher ihme
auf seiner Reiss alle Ehre erwiesen: Worauf er nicht ohne Ursache / verlachet
wurde / dass er sich also betrügen lassen.
    Polyphilus lachte hierüber / und sagte: nein! vor so einfältig sehe ich
meinen Agapistus nicht an. Gleichwol ist bekant / dass es dergleichen Leute gibt
/ die sich zu Wölffen machen können. Man sagt wohl davon / (antwortete
Agapistus) aber soll es auch gewiss sein? In den Mitternächtigen Ländern /
(widerredte Polyphilus) sollen sich die Leute / in der Christnacht / zu Wölffen
machen / und grossen Schaden tun / andere anfallen / zerreissen / und so gar
der jungen Kinder nicht verschonen. Dem Gross-Fürsten in Reussen ist ein solcher
Mensch vorgebracht worden / / von welchem man vorgeben / dass er / zu gewisser
Zeit des Jahrs / in einen Wolf verwandelt werde /und den Leuten überaus grossen
Schaden tue. Der Fürst fragte ihn / ob es wahr sei / und befahle ihm /als er
solches bejahet / eine Probe zu geben. Hierauf ist er abgetretten / und hat in
einem abgesonderten Ort seine Zauberei gebrauchet / also dass er / wie er wieder
vor den Fürsten kame / mit feurigen Augen / wie ein grausamer Wolf / erschienen:
da ihn dann zween hierzu bestellte Hunde zerreissen mussten / ehe er zu seiner
Vernunft und menschlichen Gestalt wieder kommen können.
    Recht so! (sagte Agapistus) weil er nicht als ein Mensch leben wollen / ist
er billig / als ein wildes Tier / zerrissen worden. Aber auf was Weise mag
solches zugehen? Dass solche Verwandlung (antwortete Polyphilus) wesentlich
geschehen sollte / ist der Göttlichen Natur-Ordnung entgegen / und kann der böse
Geist nicht eines in das andere verkehren. So kann auch eine vernünftige Seele
den Leib eines Tiers nicht wesentlich begeistern noch regiren / weil kein Eben
mass zwischen diesen beiden ist. Wird also am sichersten davor gehalten / dass
diese Verwandelung der menschlichen Cörper in Wölffe oder andere Tiere / anders
nichtes sei / als eine teuflische Verblendung der Augen / sowohl dessen / der
sich in einen Wolf verwandelt achtet / als auch anderer / die ihn sehen.
    Aber / wie wann wir / über diesem Wolffs-Gespräch / unsers Wegs verfehlten /
und eine unrechte Strasse ritten? Das kann leicht geschehen / (sagte Agapistus)
und fürwar / ich glaube selbst nicht / dass wir zuvor diesen Weg gereiset. Es
käme uns wohl übel zu statten / sonderlich weil sich der Abend herzu nahet. Was
war es nötig / (versetzte Tycheno) dass man den Boten weggeschicket? wie leicht
könten wir jetzund in neue Gefahr kommen? Ja / ja! (antwortete Agapistus) ich
fürchte wohl / ihr werdet diese Nacht im Wald schlaffen müssen. Man hat mich
(sagte Tycheno) wohl eher verlachet / und ist darüber in Unglück kommen. Nein /
nein! (begegnete ihm Polyphilus) dort sehe ich ein Schloss / da wollen wir auf zu
reiten: es wird doch ein Dorff dabei sein / darin wir herbergen können.
 
                                 Dritter Absatz
Die Reisende gelangen zu einem Schloss: dessen Adelicher Besitzer sie bewirtet.
 Polyphilus erzählt ihm / auf sein Ansuchen / wie es ihm zu Soletten /und bei
    Erlösung des Schlosses Sophoxenien /ergangen. Ihr Gespräche / von dieser
                                 Verzauberung.
Unsere Reisende ritten eine gute Weile / biss sie nahe zu dem ersehenen Schloss
kamen / und befanden / dass es ganz allein stunde. Die Sonne hatte sich / teils
wegen eines dicken Schnee-Gewölcks / teils auch wegen der verloffnen Tags-Zeit
/ verborgen: Daher sie ihnen / weiter zu reisen / nicht getraueten. Indem sie
also in tieffen Gedanken schwebten / wurde Polyphilus eines Knabens gewar /
welcher / nahe am Schloss /seine Zeit mit Schlittenfahren kürtzte. Auf diesen
ritten sie zu / und fragten um Nachricht / ob nicht dort herum ein Dorff läge?
Nein! (sagte der Jung) unter zweien Stundenkönnet ihr keines erreichen. Dieser
Antwort erschracken sie nicht wenig / und wussten nicht / was sie vornehmen
sollten: Dann sie so weit nicht mehr reisen kunten. Agapistus fragte ferner /wem
dann dieses Schloss zugehörig wäre? der Kn ab antwortete: Meinem Vatter! Indem
sie über dieser Antwort sämtlich lachten / ersah sie des Kindes Vatter / / von
einem Fenster des Schlosses / ein sehr höflicher und kluger vom Adel. Dieser /
weil er leicht mutmassen kunte / dass dieses fremde Leute wären / die sich etwan
verritten hätten / kame selbst herunter /und sagte: Er hätte wargenommen / dass
sie mit seinem Söhnlein Unterredung gehalten / welches ihnen gewiss / nach seinen
Jahren / eine kindische Antwort würde gegeben haben: Demnach käme er / ihnen
bessere Nachricht zu erteilen / dess jenigen / wornach sie fragten.
    Mein Herr! (sagte hierauf Polyphilus) seine unverhoffte Freundlichkeit / ist
kräfftig gnug / unsre Furchtsamkeit / in fernerer Nachfrage / kühn zu machen.
Wir sind fremde Leute / welche / über dem Gespräche / die rechte Strasse vorloren
/ und hier ein Dorff zu erlangen gehoffet: weil wir uns aber betrogen sehen
/haben wir das Söhnlein gefraget / wie weit wir noch nach einem zu reiten
hätten? ist uns aber von ihm ein sehr langes Ziel gestecket worden. Ja! (sagte
der Edelmann) hierinn hat er wohl die Warheit gesagt: sie werden heut schwerlich
mehr ein Dorff ereilen. So sehnet sich auch die Sonne allbereit nach ihrer
Schlafkammer / und beginnet auch sonsten böse  Wetter zu werden. Die Herren lassen
sich gefallen / ihren Diener / diesen Abend / mit ihrer Gesellschaft zu
ergetzen / und in meiner geringen Wohnung zu übernachten. Die Reisende bedankten
sich wegen dieser freundlichen Einladung / und sagten / sie würden es /als
Unbekante / nicht wagen dürffen / eine solche Beschwerung zu verursachen. Das
ist keine Beschwerung / (versetzte der von Adel) worum ich selbst freundlich
bitte: sie belieben nur / herein zu kommen. Damit ging er in den Hof / dem
Knecht zu ruffen /dass er ihre Rosse abzäumte. Als sie nun ihm nachgefolget / und
abgestiegen waren / kam er wieder / sie zu empfahen / und hiesse sie freundlich
willkomm sein.
    Polyphilus entschuldigte sich / dass sie / in diesem kühnen Beginnen / mehr
der Noht / und der Nacht /als der Höflichkeit / gehorchen müsten. Mein Herr!
(begegnete ihm der Edelmann) ich sehe / dass er der Höflichkeit nur allzuviel
nachgibt. Meine wenige Aufwartung verdienet keine so hohe Entschuldigung. Ich
bitte nur / vollends herauf zu spaziren / mit gemeiner Kost und schlechter
Bewirtung vergnügt zu sein / und mehr den geneigten Willen / als das ungültige
Werk anzusehen. Unter solchen Reden / führte er sie den Schnecken hinauf / nach
dem Wohn-Zimmer. Sie fanden alles im Schloss wohl und zierlich gebanet / jedoch
mehr nach Notturfft und Bequemlichkeit /als zum Pracht. Das erste / so ihnen aus
dem Zimmer entgegen kam / und sie bewillkomte / war Julietta /des Mussards (also
hiesse der Edelmann) Tochter: eine Jungfer von mittelmässiger Schönheit / aber
sehr höflich und freundlich. Dieser befahle der Vatter vor dissmal die
Wirtschaft / weil seine Liebste krank zu Bett lage. Er bate indessen seine
Gäste / ihre Gewehr abzulegen / und ihme zu vergeben / dass er nach dem Ort
fragte / wohin ihre Reise gerichtet wäre. Mein Herr wolle (antwortete
Polyphilus) nach Belieben seinen Dienern befehlen! Wir sind / nach einer
strengen und unbilligen Gefängnis / nun ein par Tage geritten /und gedenken auf
das Schloss Sophoxenien.
    So wohl! (sagte Mussard) die Herren werden aber ohne Zweifel wissen / was
sich unlängst mit der Erlösung selbiges Schlosses begeben; oder reisen sie
vielleicht dahin / solchem Wunder eigentlicher nachzufragen? Polyphilus lächelte
über dieser Frage / und antwortete: Mein Herr! ich habe nicht Ursach / mich
deswegen zu erkundigen / weil ich vorhin am nächsten dabei gewesen. Uber dieser
Antwort stutzte der Edelmann / und sagte / nach kurtzem Bedenken: Vielleicht ist
er selbst Polyphilus / der Erretter? Als dieser es mit ja beantwortet / sagte er
ferner: Ey so schätze ich billig diesen Tag glückseelig / weil er mir so
unverhoffte Gelegenheit schenket / nicht allein / die Ehre seiner Erkantnus /
welche ich so lang gewünschet / zu erlangen / sondern auch völligen Bericht /
von der wunderbaren Erlösung gedachtes Schlosses / zu erhalten. Ich bitte aber
um Vergebung / dass ich biss daher /aus Unwissenheit / ihme / hoch-geschätzter
Polyphilus! die schuldige Ehrerbietung entzogen. Ach! mein Herr (fiel ihme
Polyphilus in die Rede) verschone seinen Diener mit so hohen Worten! Ich bin ein
schlechter Schäfer / der / in Errettung dieses Schlosses / vielmehr seine eigne
Errettung gefunden / als einige Beehrung damit verdienet: Wie dann auch das
Glück /welches heute unter uns Freundschaft stifften will /einig auf meiner
Seiten stehet. Was sonsten die Eröffnung erwähnter Wunder-Begebnis betrifft /
welche mein Herr so hoch verlanget / erkenne ich mich zwar schuldig / ihm hierin
zu dienen: fürchte aber / es werde seine Hoffnung ungleich grösser sein / weder
die Erfüllung / und meine Erzehlung ihme mehr Verwunderung und Zweifel / als
gründliche Nachricht /vorstellen. Deme sei / wie ihm wolle / (versetzte Mussard)
Mein Herr mache mich nur seiner Wissenschaft teilhaftig / und versichere sich
/ dass er mich damit hoch verpflichten wird.
    Ich suche keine Verpflichtung / (antwortete Polyphilus) sondern wäre zu
frieden / wann ich mit diesem Bericht / den geringsten Teil seiner
Freundlichkeit und Gunst erwiedern konnte. Und / damit ich den Grund dieser
Seltenheit mit berühre / so wisse mein Herr zuförderst / dass ich / in meinem
Vatterlande Brunsile / einen Teil meiner ersten Jahre / in dem ruhigen
Schäfer-Orden zugebracht; nachmals aber /weiss nicht / soll ich sagen / aus
unvorsichtiger Begierde zur Wissenschaft / oder aus Jugendlichem Ehrgeitz / den
Hirtenstab von mir geworffen / und in fremden Ländern Kunst und Tugend zu
erlernen /mich der zornigen See anvertrauet. Kaum aber hatten meine Augen die
Sicherheit des Landes gesegnet / da begunte das neidische Glück / sein Missfallen
über meinem Vorsatz zu bezeigen / Wind und Wellen wider mich aufzumahnen: welche
das schwache Haus unserer Wonung / mit schröcklichen Stürmen unter ihre Gewalt
brachten / und es / nach eignem Belieben / bald mit sich an die Decke der
schwartzen Wolken / bald wieder in den tobenden Abgrund rissen /biss es endlich
von dem Streit ermüdet / an einem Felsen gescheitert. Ich sah auf einem stück
des zerbrochnen Mastbaums / dem Tod recht unter Augen /wurd aber doch wieder
alles verhoffen / erhalten / und halb-todt / in der Gegend der Insul. Soletten /
ans Land geworffen.
    Hier hätte ich nun billich ruhen / und der Güte des Himmels meine Fehler
abbitten sollen. Aber was ist unruhiger / was ist kühner / als die unbedachtsame
Jugend? Eben das Unglück / welches mich zu Erkentnus meines Irrtums führen sollte
/ hat mich zu weiterer Vermessenheit gereitzet. Dann / da ich mich der Gefahr
entnommen sah / und von dem Philomates /einem berühmten Kunst-Verständigen zu
Soletten /die Beschaffenheit selbiger Insul erkundiget / kunte ich / aus
Begierde / solche selber zu sehen / seiner versprochenen Widerkunft nicht
erwarten / sondern lösste einen Nachen von denen / welche daselbst zu der
Uberfahrenden Dienst angehefftet waren / und vermeinte damit / noch selbigen
Abend / in die Insul zu kommen. Ich musste aber erfahren / dass die Ubereilung nur
verhintere / was die Gedult hätte erlangen können. Dann / weil ich die
Gelegenheit / wie am bequemsten überzufahren / nicht wusste / als begunten mich
die grimmige Wellen aufs neue zu verfolgen /und stürzten den Nachen mit mir zu
grunde / dass ich eine Zeitlang / ohne alle Hoffnung der Errettung / in den
Klauen des Todes zappelte: biss ich endlich / vielleicht auf Anwartung eines
grössern Unglücks / wieder aufs trocken / und nach allerhand Widerwärtigkeit /
welche hier zu erzählen zu lang fallen würde /durch Hülffe Talypsidami / eines
Solettischen Innwohners / in die Insul gekommen.
    Ich fand aber in derselben keine Sicherheit / sondern nur grössere Gefahr /
auf mich warten. Dann weil kurtz vorher der besagte Philomatus / von einem
unbekandten Ritter / ermordet worden / ward ich /wegen allerhand verführischer
Mutmassungen / von den Innwohnern vor selbigen Mörder gehalten / da mich eine
Rotte Soldaten / vor dem Hause Talypsidami / gefänglich annemen wollten. In
solcher Beängstigung / fasste ich den verzweiffelten Schluss / mich lieber dem
Gewalt des Wassers / als so gefährlicher Gefängnus / zu überlassen: der Hoffnung
/ dass der mildgütige Himmel / welcher mich schon zum zweiten mal dem nassen Tod
aus dem Rachen gerissen / mir auch das dritte mal davon helffen würde. In diesen
Gedanken / stürzte ich mich / vor den Augen aller Anwesenden / welche sich
dessen im wenigsten versehen / über die Brücke / bei der Wohnung Talypsidami /
ins Wasser: welches mich zwar dem Gesicht der Nachsehenden augenblicklich
entzoge / aber nicht /wie zuvor / feindlich bekriegte / sondern auf eine ganz
besondere Art / mit seinen Wellen gleichsam lieblich umarmte / und zwischen
denselben / sonder alle Verletzung / mit grosser Geschwindigkeit / durch die
Fluten führte / und wiewohl nicht ohne entsetzliches Brausen / vor der Pforten
des damals versenkten Schlosses Sophoxenien / niderlegte.
    Ob ich / nach dem ich also mich wieder errettet sah / über dieser
Begebenheit in Freude und Bestürzung gerahten / stehet leicht zu ermessen:
sonderlich /da ich durch einen unsichtbaren Gewalt / wider den Willen der
Sophoxenischen Wächter / welche mir den Eingang verwehren wollten / in den Vorhof
des Schlosses geführt wurde. Ich fand darin mehr Lust und Zierlichkeit / als
ich jemals gesehen / vielweniger unter dem Wasser vermutet hätte. Ich war
ungewiss /wohin ich die Augen am ersten wenden sollte / und zweiffelte / ob ich
dieses alles warhaftig sähe / oder ob ich durch den Tod an den Ort gelanget /
wo die tugendhaften Seelen / nach diesem Leben / ihre Belohnung suchen. Bald
aber wurde ich solches Zweiffels befreit / als ich den Tycheno / meinen
gegenwärtigen Gefärten / bei einem Brunnen ersah. Weil ich befürchtete / es
möchten noch mehr Leute bei ihm sein / und mich / wie und warum ich herein
gekommen / befragen: suchte ich / biss ich eine scheinbare Ursache erdenken
möchte / hinter einen Baum mich zu verbergen. Ich gienge aber eben daselbst der
Königin Atychintide in die Hände / welche / Früchte zu suchen / dahin gekommen
war. Hier mussten Furcht und Schrecken weichen / wie häfftig sie auch mich
beherschten / und der Hertzhaftigkeit Raum geben.
    Ich redete die Matron (dann ich wusste damals noch nicht / dass sie eine
Königin wäre /) mit tiefster Demut an / und entschuldigte meinen Zutritt / so
gut ich konnte. Sie aber / von Verwunderung ganz bestürtzet /weil sie / seit
ihrer Verbannung / keinen Menschen /ausser ihren Leuten gesehen / fragte mich
gar freundlich / auf was Weise ich wäre zu ihnen gelanget? Nachdem ich alles /
was ich bisher erzählt / nach der Länge eröffnet / sagte sie / voller Freuden:
So seit ihr gewiss Polyphilus / unser Erretter! Damit rieffe sie /mit einem
grossen Geschrei / ihren Bedienten / und verkündigte ihnen / als sie ungesäumt
erschienen /dass nunmehr die Zeit ihrer Erlösung vorhanden / in dem der versöhnte
Himmel / den jenigen / von welchem die Tafeln in dem Tempel der Liebe zeugten
/mit einer wunderbaren Gewalt / zu unserer Errettung /unversehrt / durch die
Wellen geführet. Sie sagte darneben / dass sie ihrem Befehl ferner gehorchen /
und diese Erlösung / durch unzeitiges Reden / nicht verhintern sollten. Als nun
diese sämtlich / über solcher Zeitung höchst erfreuet / die Königin ihres
Gehorsams versichert / und ich / so erschrocken / als verwunderend / zuhörte /
machte sie eilends die Anstalt /solches Werk ihrer Befreiung vorzunehmen. Sie
ermahnte mich auch / dass ich mit dem Himmel mich versönen sollte.
    Nachdem ich dieses / so gut es die Eile und mein verwirrtes Gemüt zuliessen
/ mit einem demütigen Gebet verrichtet / auch etwas von Speise zu mir genommen /
und noch mit einem alten Mann / welcher mir alle Gelegenheit des Schlosses und
der Verfluchung eröffnete / sprach hielte: kam sie / in einem Königlichen Habit
/ und in prächtiger Begleitung aller ihrer Bedienten / welche ihr in einer
schönen Ordnung folgten / und diesen Tycheno / als die Ursache ihrer Verbannung
/ nachführten. Ich entsetzte mich über diesem herrlichen Aufzug / sonderlich
/weil ich sie bisher nicht wie eine Königin bedienet: weswegen ich auch gegen
den Nachfolgenden mich zu entschuldigen suchte / aber nur mit Winken und Neigen
beantwortet wurde.
    Wie wir nun also vor die Pforte des Tempels der Tugend gekommen / und durch
einen Herold nochmals ein Stillschweigen geboten worden / führte die Königin
mich bei der Hand in den Tempel / welchen ich so zierlich und köstlich erbauet
sah / dass ich zweiffelte / ob es ein Werk menschlicher Hände wäre. Sie zeigte
mir darin allerhand Bilder / und ihre Bedeutung. Als sie aber merkte / dass ich
völligern Bericht verlangte / rieffe sie dem Cosmarite und Chlierarcha / beiden
Vorstehern der Tempel / und befahle jenem / in den Tempel der Tugend / diesem
aber in den Tempel des Glückes / mich zu führen / die darin befindliche
Geheimnisse mir zu eröffnen / und durch gründliche Belehrung mich würdig zu
machen / die Tafeln in dem Tempel der Liebe zu beschauen / und diesen Fluch von
ihnen zu nehmen. Nachdem nun die beide Weisen diesen Befehl mit sonderbarem
Fleiss verrichtet / und mir die Beschaffenheit der Tugend und des Glückes / auch
durch was Mittel man durch jene dieses erlange / mit allerhand Vorstellungen
/viel ausführlicher erkläret / als ich jemals hoffen können / kamen sie wieder
mit mir zurücke. Die Königin befahle sodann ferner einer Jungfer aus ihrem
Frauenzimmer / mir den Tempel der Liebe zu zeigen / und mir / wie in der Liebe
vorsichtig und glückseelig zu verfahren / durch die kluge Sinnbilder daselbst zu
eröffnen.
    Als auch diese ihren Dienst zu meiner höchsten Vergnügung abgelegt / und die
Nacht / welche zu dieser Erlösung notwendig erfordert ward / allmählich herbei
kam / verfügte sich Atychintide selber zu mir /und führte vielerlei. Gespräche /
biss die Stunde der Befreiung herbei gekommen: da sie mir / mitten in dem
Glückes-Tempel / zwischen zweien Seulen /einen / an eisernen Ketten herab
hangenden Kasten zeigte / welcher das Schloss der Gefängnis verwahrte. Auf diesem
opferte sie / mit höchster Andacht / und flehete den Himmel / dass er das
gefährliche Werk ihrer Befreiung beglücken wolle. Nach diesem zeigte sie mir /
hinter einem Gerüste / die beide Tafeln / in welchen die Hoffnung ihrer
Erledigung / mit diesen Worten verzeichnet stunde: Wann das Gelübde der
Einsamkeit / durch Polyphilum aufgehoben ist / so wird das Wasser wieder geben /
was es verschlungen hat: und wann die Mutter ihren Sohn überkomt / wird Macarie
unter einem fremden Joch gefangen ligen. Als ich nun diese Schrifft gelesen /
und noch an der Auslegung dero zweideutigen Verstands arbeitete /ward ein sehr
liebliches Lied / in der Lufft / hinter uns angestimmet: worüber sowohl ich /
als die Königin und beide Weisen / vor Freuden und Wunder bestürtzt blieben /
weil zuvor nie dergleichen gehöret worden.
    Wiewol nun sie daher eine Hoffnung zu glückseeliger Verrichtung schöpfften /
so war doch das Mittel /welches die Erlösung befördern sollte / noch verborgen.
Und als sie bald dieses / bald jenes / so teils gefährlich / teils ungültig
schiene / vorschlugen / und aller Raht erligen wollte: ward ich / durch eine
verborgene Krafft / etwas höher in den Tempel geführet /allwo ich / hinter einer
Seulen / einer schwartzen Tafel / mit etlichen verworffnen Worten / warname. Die
Königin / welche mir mit den zweien Weisen folgte / liefe eilend hinzu / selbige
zu lesen / konten aber nichtes verstehen. Ich aber lase folgendes: Polyphilus!
suche das Schloss zur Linken / und die Schrifft zur Rechten! alsdann wirst du
wissen / was dir verborgen ist. Hierauf wurde ich / zur Rechten einer ehrnen
Pforte / und zur Linken eines Kästleins in der Mauer gewar: darin ich / als ich
es eröffnet / einen Schlüssel fand / und damit durch die Pforte in einen
herrlichen Saal eingieng / woselbst ich / unter einem eröffneten Crystallinen
Fenster / ein sehr künstliches Kästlein ersah. Als ich selbiges mit dem
erlangten Schlüssel eröffnet / erhielte ich den Zettel / von welchem die Tafel
gezeuget / dieses Innhalts: Gib mir mein Kind / Polyphilus! durch das Opfer / so
du mir schuldig bist / und heilige die Stätte / da die Ubeltat begangen ist /
welche zu versöhnen / du von mir durch die Fluten geführet worden.
    Dieser Befehl erregte in mir einen neuen Zweifel /ob ich ihn nach dem
Wort-Verstande / welcher des Knabens Opfferung forderte / verrichten sollte? Doch
wollte ichs versuchen / und gienge hin / den Tycheno zu holen: welcher sich vor
dem Ort seines Unglücks sehr entsetzte. Aber ich stellete ihn zu frieden / und
trate mit ihm an das eröffnete Fenster / rieffe mit heller Stimme / seiner
Mutter Melopharmis / dass sie ihren Sohn erretten / und uns erlösen wollte.
Hierauf ward ich / mit einem grossen Donnerschlag / dieser Worte verständigt:
Opffere auf dem grossen Altar /und eile! Ich / voll Furcht und Schrecken / nam
den Knaben bei der Hand / und fragte nach dem grossen Altar; und als ich solchen
/ in dem Liebes-Tempel /samt aller Zugehör zum Opfer fand / saumte ich nicht
länger das Werk zu vollenden: der Hoffnung /dass der Himmel nichts schädliches /
vielweniger sündliches / befehlen würde. Demnach stellte ich alle Anwesende um
den Altar / sezte den Knaben auf denselben / und als ich / mit nochmaligem
tieffen Seufzen und Gebet / vor die Erhaltung dieses Kinds / und um die Erlösung
der Verbannten / den Himmel angeruffen hatte / fassete ich / mit Zittern und
Entsetzen / das Messer / willens / das Kind damit zu erwürgen. Es wurde mir aber
unter grausamen Donner und Blitzen /der Knabe aus den Armen gerissen / und der
Altar mit Feuer verzehret: also dass wir / vom Schrecken ganz entgeistert / als
todtzur Erden fielen / und eine lange Zeit ohn alle Sinne verblieben.
    Als wir endlich wieder zu uns selbst kamen / sahen wir uns aller Gefahr
entnommen / und mit dem frölichen Sonnen-Liecht wieder beschenket. Wir stunden
behende auf / und giengen / dieser Erlösung gewisser zu werden / wieder in den
vorigen Saal: alda wir den Tycheno / mit seiner Mutter Melopharmis / auf uns
wartend fanden. Diese empffnge uns freundlich /glückwünschte zu der erlaugten
Befreiung / und führte uns zu der Königin: bei deren sie auch noch in
vertraulichster Kundschaft lebet / und biss auf diese Stunde ihrer Gnade
geniesst. Dieses ist nun / mein Herr! der Verlauf der Geschichte / so er von
seinem Diener zu vernehmen begehret: welchen ich gern kürtzer gefasst hätte /
wann es nicht so viel bedenkliche Umstände verhintert. Solte ich ihn damit /
welches doch schwerlich zu hoffen / in seinem Verlangen vergnügt haben / würde
ich mich billich für glückseelig schätzen.
    Gewisslich / mein Herr! (antwortete Mussard) er hat mir / mit Erzehlung
dieser wunderbaren Begebenheit /ein solches Gefallen erwiesen / dass ich mich
willig als seinen Schuldner darstelle. Aber / (fuhr er fort zu fragen) was hält
der Herr davon? sollte dieses Werk /bloss von Göttlicher Rache und Erbarmung
herrühren? oder stecken etwan auch einige zauberische Kräffte darunter
verborgen? Polyphilus zuckte die Achsel /und sagte: hierinnen bekenne ich meine
Unwissenheit / und bin zufrieden / dass ich durch diese Errettung / in welcher
ich mehr Dank schuldig worden / als verdienet / mein Leben erhalten. Indessen
lasse ich einem jeden sein vernünftiges Urteil frei: wie ich dann gleich
anfangs erinnert / dass ich / mit meiner Nachricht / mehr Zweifel als Gewissheit
erregen werde. Der Edelmann merk to wohl / dass dem Polyphilus selber die Sache
verdächtig war / weil er mit der Sprache nicht heraus wollte. Er fragte demnach
den Tycheno / in Hoffnung / dieser würde / wegen seiner noch einfältigen Jahre /
etwas freier heraus gehen: Wie ihme / in solcher Handlung / wäre zu muht gewesen
/ und wem er sie zuschriebe? Mein Herr! (versetzte dieser) es erlaubet mir /
weder meine grüne Jugend / noch die Furcht und Bestürtzung / welche ich damals
empfunden / hierinn ein Urteil zu fällen. So viel ich mich aber selbiger
Verwirrung besinnen kann /bin ich / als in den Armen meiner Mutter / von dem
Altar aufgehoben / und unter grausamen Donner /durch die Lufft / in den Saal /
dessen Polyphilus erwehnt / geführet worden / woselbst ich mich eine gute Zeit
allein befunden / und durch das eröffnete Fenster / den Fall der Wasser /
welcher mit grossem Knallen ergangen / und darauf wieder das helle Sonnen-Liecht
// gesehen. Auf solches / hat sich meine Mutter wieder bei mir eingefunden / und
uns zur Königin geführet:
    Mussard / sah hierauf den Polyphilus nach der seite an / und fragte von
Tycheno ferner / wie es dann eigentlich mit der Versinkung beschaffen gewesen
/und was das Schloss gesündiget / das dieser Fluch betroffen? Meine damals
kindische Jahre / (antwortete Tycheno) werden wohl nicht alles behalten haben:
Doch erinnere ich mich noch gar genau / der vornehmsten Umstände / und dass ich /
der Königin / von meiner Mutter / auf Begehren (weil sie mich / in Ermanglung
eines Erben / als ihren Sohn zu erziehen /versprochen) bin überlassen worden. Es
hatte aber ein altes Weib / Cacogretis genant / welcher die Königin vordessen
hohe Gnade erwiesen / hieran kein Gefallen / und vermeinte dadurch an ihrem
Glück verhintert zu sein. Diese suchte mich derowegen etlich mal zu verderben:
wurde aber allezeit verhintert / nicht durch meine Klugheit / welche blosse
Einfalt war / sondern durch die Vorsehung des Himmels. Endlich aber / als ich in
dem vorgedachten Saal am Fenster stunde / und nach den spielenden Fischen sah /
kam sie hinter mich / und stürtzte mich unversehens hinunter ins Wasser. Als ich
aber / aller Sinne beraubt / auf den Boden gelangte / sah ich die Wasser
zerteilt / und das Schloss mit allen Innwohnern herab fahren: von welchen ich
alsbald erkennet und aufgenommen /auch mit höchster Sorgfalt unterhalten worden.
Das alte Weib aber / welches mich hinabgestürzet / wurde todt aufgehaben / und
auf Befehl der Atychintide begraben.
    Wie haben sie aber / (fragte der vom Adel) indessen gelebet? wie andre
Menschen: (gab Tycheno zur Antwort) ohne / dass wir weder den Himmel /
vielweniger die Sonne / sondern / an dessen statt / ein aufgehängtes Wasser
gesehen: auch vor den Fenstern keine Felder / sondern eine Mauer von Wasser /
welche das ganze Schloss umringet / wargenommen. Unterdessen haben alle
Hofbediente ihre Verrichtungen getrieben. Die Königin aber / hat mit den Weisen
öffters geopffert / und den Himmel um gnädige Abwendung dieser Gefängnis
gebetten. So war auch an Speiss und Trank kein Mangel: dann das Schloss wurde mit
allem Uberfluss versenket / und hatte einen weiten Raum von Gärten und Bäumen in
sich; Wie dann Polyphilus / unter einem solchen Baum / die Atychintide
angetroffen. Solcher gestalt haben wir die Zeit vertrieben / und in der Hoffnung
/ welche uns die Tafeln in dem Tempel der Liebe gezeiget / die Erlösung mit
Verlangen erwartet.
 
                                 Vierter Absatz
 Des Edelmanns und seiner Tochter höfliches Tisch-Gespräche mit seinen Gästen:
   deme / auf sein Begehren / Agapistus von der Macarie Vollkommenheit / und
 Polyphilus von der Atychintida Verstand und Zustand / erzählt. Diesem träumet
selbige Nacht / von seiner Macarie: worüber er / als er aufgestanden / ein Lied
                                   verfasset.
Tycheno wollte weiter reden: aber Julietta / des Edelmanns Tochter / bate den
Vatter / er möchte doch zu Tische kommen / weil die Speisen allbereit vorhanden
wären. Demnach ermahnte Mussard seine Gäste /Wasser zu nehmen / und seine
geringe Kost zu versuchen / nachdem sie ihn mit so vielen Wundern gespeiset. Er
bate benebens / mit einer schlechten Malzeit sich heute zu gedulten / weil er
sich so vornehmer Gäste nicht versehen / auch die Unpässlichkeit seiner Liebsten
einige Hinternus besserer Aufwartung brächte. Mein Herr! (sagte Agapistus) die
Entschuldigung wird dissmal von uns / die Gedult aber von ihm erfordert: und
sollten wir billig unsers Künheit bereuen /welche seiner Liebsten die notwendige
Bedienung entzogen / und der Jungfer Tochter so viel Beschwerung verursachet.
Das ist seine Höflichkeit! begegnete ihm der Edelmann. Diese schlechte Bewirtung
kann mir keine Unruhe erregen / und erfordert mehr einen hungrigen Magen / der
alle Speisen versüsset / als eine weitleufftige Entschuldigung. Die Herrn lassen
sich nur belieben zu sitzen / sie werden über keinen Uberfluss klagen dürffen.
Wie nun eine Höflichkeit die andere reitzet / als wollten diese gleichwok sich
nicht niderlassen / biss Julietta zu ihnen käme. Derowegen befahle Mussard seiner
Tochter / dass sie das übrige den Mägden befehlen / und diesen fremden Herrn / an
statt ihrer kranken Mutter / zusprechen sollte.
    Hierauf setzten sie sich sämtlich zu Tische / und kam Julietta gerad neben
Polyphilus zu sitzen: welcher seine Höflichkeit / in ihrer Bedienung / sehen
liesse / und dadurch bei dem Vatter Ruhm / und bei der Jungfer Gunst erlangte.
Der Edelmann war / mit Vorschneiden und Zutrinken / sehr bemühet / seine Gäste
zu bewirten. So erwiese sich auch Julietta / im Vorlegen und Zusprechen /
sonderlich gegen den Polyphilus / sehr freundlich / und entschuldigte sich /weil
sie ihn nicht zum Essen nötigen könnte / dass ihm diese ungeschmacke. Speisen
keinen Lust zu erwecken vermöchten. Polyphilus / der wohl wusste / dass das
Frauenzimmer ihren Ruhm im Spiegel und in der Schüssel suchte / finge an / die
Kost trefflich zu loben / und sagte: Wie es müglich wäre / dass die Gerichte
nicht köstlich sein sollten / welche so schöne Hände hätten zubereiten helffen?
Er gläube / dass auch die allerbitterste Speise / wann sie von solchen Händen
vorgelegt würde / süsse schmecken sollte. Der Herr sollte / (antwortete Julietta)
mit seiner grossen Höflichkeit / mir bald eine Farbe ausjagen. So ein Ruhm
gehöret nicht vor mich: Er wird vielleicht seine Liebste darunter ehren wollen.
Ach nein! (versetzte Polyphilus) ich glaube nicht / dass ich immermehr so
glückseelig werde / eine Liebste zu überkommen: dann ich sehe / dass meine
Unvollkommenheit mir bei dem Frauenzimmer mehr Feindschaft / als Gunst
erwirbet.
    Julietta wollte antworten / aber der Vatter kame ihr vor / und sagte: Mein
Herr stelle sich nicht so gar fremd! Ich weiss / wann die schöne Macarie zugegen
wäre / sie würde diese Klage vor unnötig erklären. Mein Herr beliebet mit seinem
Diener zu schertzen: (begegnete ihm Polyphilus) die Würdigkeit der
allervollkommensten Macarie / ist viel grösser / als dass sie von meiner
Wenigkeit sollte bedienet werden. Ey doch! (antwortete Mussard) die Tafeln in dem
Tempel / werden nicht vergeblich aufgehänget sein. Selbige Tafeln / (sagte
Polyphilus) sind gar schwer zu versiehen / weil sie einen doppelten Verstand
führen; und halte ich davor / dass durch die Einsamkeit / welche ich aufheben
sollte / die Erlösung des Sch-osses / welches in wehrender Verbannung / mit
seinen Inwohnern / / von aller Gesellschaft der Menschen entfernet gewesen /
verstanden worden. Das fremde Joch aber /darunter Macarie soll gefangen ligen /
scheinet noch unerfüllet zu sein / deren vielleicht ein Unglück damit gedrohet
ist. Nein! (versetzte der Edelman) das ist dass Joch der Liebe / in welcher er
sie / als ein Fremder / bestricket hält. Diese günstige Auslegung /(sprach
Polyphilus) hätte ich zwar zu wünschen / aber nicht zu hoffen: Dann Macarie hält
noch vest über der Einsamkeit / und da sie gleich selbige ändern sollte /fürchte
ich doch / sie würde unter so vielen Liebhabern / die sich ihr in die Arme
wünschen / nicht den geringsten erwählen.
    Davor wird sie ihn auch nicht halten: widerredete Mussard. Aber was hat es
dann gleichwol vor eine Bewandnus mit ihr? Ich habe unterschiedlich ihre hohe
Beschaffenheiten rühmen hören / bin auch oft Willens gewesen / selber hin zu
reisen / und dieser Dame Hoheit zu erkundigen: allein die unruhige Hausshaltung /
die ich führe / so wohl auch das beschwerliche Alter / welches sich bei mir
einfinden will / haben mein Vorhaben verhintert. Nun aber gibet mir das Glück
die Mittel / auch ohne Hinreisen mein unruhiges Verlangen / durch der Herren
warhaftige Nachricht / zu vergnügen. Ich möchte wünschen /(sagte Polyphilus)
dass meine Kräffte zuliessen / die Begierde meines Herrn in dieser Frage zu
sättigen: ich sorge aber / mit meiner unberedten Zunge / der allerwürdigsten
Macarie mehr Lob zu entziehen / als beizulegen. Weil ich auch wenig mit ihrer
Beiwohnung beglückt gewesen / und vorhin in das Geschrei gerahten / als ob ich
ihre Gewogenheit suchte / (welches von mir nicht allein unvernünftig / sondern
auch unfruchtbar würde gehandelt sein /) daher ich meine Erzehlung einiger
Parteilichkeit könnte schuldig machen: als will ich diesen Bericht meinem
getreuen Freund Agapistus befehlen / welcher nicht allein einen zimlichen Weg
ihrentwegen gereiset / sondern auch ihrer Gegenwart öffters genossen. Ob ich
wohl weiss / (setzete Agapistus entgegen) dass Polyphilus / in dieser der Macarie
Belobung / viel glückseliger sein würde /so will ich jedoch nicht unterlassen /
seinem Befehl zu gehorchen: weil vielleicht seine Passion mehr durch das hören /
als durch das reden / will unterhalten sein.
    Ich bekenne demnach meinem Herrn / (fuhre er fort) dass / als ich auf meiner
Reise gehöret / wie die Insul Soletten einen gar seltenen Schatz weiblicher
Vollkommenheit verwahre / habe ich alsobald Verlangen getragen / dieses
Englische Bild zu sehen / und durch ihre kluge Unterredung etwas zu erlernen /
oder doch zum wenigsten den Ruhm / welchem die eitle Jugend allzeit nachtrachtet
/ mit nach Hause zu bringen / dass ich die jenige selbst angesprochen / welche
das Gerücht aller Orten zu erheben suchet. In diesen Gedanken / reisete ich nach
Soletten. Damit ich aber von der wunderbaren Erlösung des Schlosses Sophoxenien
/ davon auch die Welt bereits voll ist / zugleich gewisse Nachricht erhielte /
nahm ich meinen Weg dortin: da ich / so wohl von der Königin / als vom
Polyphilus / und von dem ganzen Hof / gar gnädig und freundlich empfangen / und
wohl bewirtet wurde. Nachdem ich aber alles erkundigt / und der Königin mein
Vorhaben / die Macarie zu besuchen /eröffnet: wurde mir solches von ihr stark
widerrahten / mit Vorwenden / dass es ein nichtiges Geschrei sei / was von
Macarie geredet werde / und ich könnte in ihren Tempeln / mit weit mehrern Nutzen
/ Weissheit und Tugend lernen / als bei einem einfältigen Weibsbilde.
    Dieser Befehl aber / welcher / entweder aus Neid gegen den Ruhm der Macarie
/ oder aus Gewogenheit gegen dem Polyphilus / den sie hierdurch von ihr
abzuwenden suchte / hergeflossen / diente meiner unruhigen Begierde für einen
Blassbalg / selbige nochmehr anzufeuren: wie dann die verbottene Speise allzeit
für süsser gehalten wird. Demnach unterliesse ich nicht /sonderlich weil ich vom
Polyphilus gestärket wurde /meine Reise fortzusetzen. Ich wurde aber / auf
derselben / durch ein unvermutetes Unglück / in einen so verzweiffelten Zustand
gebracht / dass ich lange Zeit ganz verirret / gleich einem unvernünftigen
Wild- / im Wald herum lieffe / und endlich / unverrichteter Sache / wieder nach
Sophoxenien kame. Wiewol mir nun Atychintide dieses / als eine Strafe meiner
Halsstarrigkeit / aufrupfte / so kunte sie doch damit mein Verlangen nicht
dämpffen / sondern ich wagte es noch einmal / und zwar viel glücklicher /weder
zuvor: weil ich nicht allein die Macarie zu sehen bekame / sondern auch ihres
angenehmen Gesprächs gewürdigt worden.
    Da muss ich nun bekennen / dass ich mehr gefunden / als gesuchet; mehr gesehen
/ als vernommen; und mehr erfahren / als geglaubet habe: dass ich also /ihre
Würdigkeit nach gnüge zu beschreiben / meine Unvermögenheit freiwillig bekennen
muss; Ein Römischer Cicero / oder Griechischer Demostenes / sollten hier meine
Stelle vertretten / und ihre Kunst sehen lassen. Weil aber meine stammlende
Zunge reden soll /so sage ich: Macarie / hat / wegen der Güter des Leibs und des
Glücks / (die doch billig / von allen Vernünftigen / vor die geringste Gaben
gehalten werden) einen geneigten Himmel: mehr aber wegen der Güter des Gemüts
und der Tugenden / welche bei ihr jene so weit übertreffen / dass ich gäntzlich
davor halte / es habe allda die Weissheit ihren Tron / die Tugend ihren Tempel /
und die Kunst ihren Helicon aufgeschlagen. Aus ihrer Gestalt / leuchtet
Schönheit und Freundlichkeit; aus ihren Gebärden / Höflichkeit und Demut; aus
ihren Worten / Klugheit und Wissenschaft; und aus ihren Handlungen / Kunst und
Tugend / und zwar mit vollen Stralen. Mit einem Wort: Macarie / die treffliche
Macarie / ist würdig / ein Schatz der Weissheit / ein Spiegel der Tugenden / eine
Zierde des Frauenzimmers / und ein Wunder der Sterblichen / genennet zu werden.
Mehr Lobs / will ich der jenigen nicht zulegen / die sich selber lobet. Ich
gibe / (wie jener Mahler / der / durch Abbildung einer Hand / die grösse des
ganzen Menschen beschreiben wollen) mit diesen wenig Worten / den Ruhm der
unvergleichlichen Macarie / meinem Herrn selber zu besinnen.
    Diss Lob ist herrlich / (versetzte Mussard) und gibet wohl zu erkennen / dass
der Herr bei den Liechtern der Wolredenheit / welcher er zu vorhin erwehnet / in
die Schule gegangen: und glaube ich / dass kaum ein Apelles / oder Protogenes /
eine Weibs-Person so vollkommen mahlen sollte / als der Herr diese lebendig
vorgestellt. Agapistus gabe hierauf zur Antwort: Mein Herr glaube ja nicht /
dass ich hierinn den Affecten Raum gegeben / sondern versichere sich /dass / so
ein Fehler in dieser Beschreibung vorhauden / solcher viel eher von dem Mangel
ihres Lobs / als desselben Uberfluss / herrühren würde.
    So sollten billig (sagte der Edelmann) alle Weibsbilder / ein Exempel der
Nachfolge / von der hochgeschätzten Macarie nehmen / und die Eltern eine Lehre /
dass sie nicht also / ohn Unterscheid / ihre Töchter aller Unterweisung entziehen
/ und mit ihnen in die Küchen und Hausshaltung eilen / sondern die jenigen /
welcher Gemüte von Natur mit Geschicklichkeit begabet / zur Unterrichtung halten
sollten / damit sie nicht / in einer gezwungenen Unwissenheit verderben / und den
Namen der Einfalt ohne Schuld trägen müssen. Ich schätze den Mann glückseelig /
welcher der Liebe Macarie gewürdigt ist: sollte er auch sonst aller Güter beraubt
leben / und von keiner andern Zufriedenheit wissen. Freilich wird er glückseelig
/ (antwortete Agapistus) aber schwerlich zu finden sein: Dann Macarie hält steif
über dem Gelübde der Einsamkeit / und will von keiner Liebe wissen noch hören.
Es wird aber Polyphilus / (sagte Mussard) nach dem Innhalt der Tafeln / solch
Gelübde wohl aufzulösen wissen.
    Hiemit ergriffe er ein Glas / und tranke dem Polyphilus zu / auf Gesundheit
der so hochgerühmten Macarie. Es hatte sich aber derselbe diesem Gespräche mit
Willen entzogen / und indessen mit seiner Beisitzerin Unterredung gehalten;
jedoch zugleich seine Ohren auf die Schildwacht gestellet / und den Ruhm seiner
Macarie so erfreut mit angehöret / dass er dem Agapistus tausendfachen Dank
zuerkennte. Als ihm nun Mussard ihre Gesundheit zugebracht / bedankte er sich
gar höflich / und sagte / er schätze sich seelig /dieses Glas bescheid zu tun /
und wünsche / dass er mit solchem Trunk / nicht allein der Tugend-gezierten
Macarie / sondern auch aller ruhm-würdigen Damen /insonderheit aber seiner
kranken Ehe-Liebstin / Gesundheit befördern sollte. Und dieses redte er der
Jungfer zugefallen / die ihm an der seiten sass / und durch das Lob Macarie in
einen kleinen Widerwillen war gesezt worden.
    Der Herr wird ohne Zweifel (sagte der Edelmann) sich bald wieder mit der
Gesellschaft Macarien ergötzen / weil sie vielleicht öffters bei der Königin zu
Sophoxenien zukehret. Nein zwar! (versetzte Polyphilus) Macarie verharret in der
Einsamkeit / macht also nicht Beruf von Gesellschaft: zumal sie im Witwenstande
begriffen. Wie ist es dann / (fragte der Edelmann ferner) mit dieser Königin
beschaffen? was führet sie vor einen Staat? und welches Land ist ihrer
Botmässigkeit unterworffen? Die wenige Wissenschaft / (antwortete Polyphilus)
die ich hiervon erlanget / und damit meinem Herrn gern dienen will / komt mir
von dem Parrisiastes / einem alten und verständigen Hof-Bedienten / der bei dem
verstorbenen König nicht allein wohl gelitten war / sondern auch in so
vertraulicher Gnade stunde / dass ihm derselbe alle seine Heimlichkeiten
geoffenbaret. Dieser erzehlte mir in geheim / wie Atychintiden verblichener
Gemahl /ein sehr kluger und vorsichtiger Herr / sein grosses und volkreiches
Land / eine geraume Zeit / glückseelig regiret / und mit dieser seiner Gemalin /
etliche Jahre / in einem erwünschten Ehestand gelebet. Weil er aber keinen Erben
erzeugt / und wegen eines Nachfolgers im Reich grosse Sorge truge / sonderlich
weil sein Bruder / durch List und Gewalt / sich einzudringen suchte: ist er / in
höchster Stille / mit ihm verreiset / und hat / unter dem Vorwand eines Gelübdes
/ein Orakel gefragt / ob er noch einen Erben von seiner Gemalin zu hoffen hätte?
Das Orakel hat ihm die Antwort erteilet: Wann du von den Menschen und deinem
Reich abgesondert bist / wird deiner Gemalin ein Sohn geschenket werden.
    Diese geschraubte Weissagung / hat der König dahin gedeutet / er müsse sein
Königreich eine zeitlang verlassen / und in der Einsamkeit leben / in welcher er
einen Erben erzeugen würde. Dieses nun zu befördern / hat er die Regirung seinem
Bruder / mit dieser Bedingung / abgetretten / dass er das Land / so lang er
selbst ohne Kinder bleiben / beherschen: Dafern er aber einen Erben bekommen
würde / solches wieder zu übergeben gehalten sein sollte. Er aber hat sich auf
das Schloss Sophoxenien begeben / welches von einem seiner Vorfahren / zu samt
den Tempeln /mit grossen Unkosten erbauet worden: Vorgebend /dass er der Regirung
müde / seine übrige Jahre in Ruhe verschliessen wollte. Als er aber kaum etliche
Monat / in dieser Hoffnung eines Sohnes / gelebet /hat ihn eine geschwinde
Krankheit ins Grab geleget: Der Königin aber / ist kurtz nach seinem Absterben
/ihre Traurigkeit zu erleichtern / der Tycheno / von seiner Mutter Melopharmis /
zu einem Sohn verehret worden; womit dann / die gedachte Weissagung / weil der
König durch den Tod / von den Menschen und seinem Reich gesondert gewesen / aber
auf nicht vermeinte Art / erfüllet worden.
    Auf diese Weise / ist Atychintide von ihrem Königreich abgekommen / und
lebet nun in dem einsamen Witwenstande; erweiset sich auch / mehr eine
Vorsteherin der Tugend / eine Pflegerin des Glückes / und eine Ernehrerin der
Liebe / als eine regirende Königin: wie sie dann solchen Namen nicht gern dultet
/ da er ihr doch um so viel billiger gegeben wird / je löblicher es ist / sich
seiner Hoheit / wegen der Tugend /selber äussern. Sie ist auch vielmehr bemühet
/ die Wissenschaft / Kunst und Tugend zu erlangen / auch solche / durch
verständige und gelehrte Leute / der Jugend einzupflantzen / als Städte und
Länder zu beherschen. Und ob sie wohl / wie Parrisiastes bezeuget /einen
unglaublichen Schatz von Gold / Edelgesteinen / und allem dem / was die Welt
hoch zu halten pfleget / besitzet / angesehen ihr Herr alle seine Güter mit sich
genommen: so hat sie doch gelernet / solche gegen der Weissheit gering zu
schätzen / und verwendet ihren Reichtum / mehr zur Freigebigkeit gegen Freunde
und Notdürfftige / als zum Pracht und Hochmut: daher sie den Ruhm einer
woltätigen und demütigen Prinzessin mit gutem Recht verdienet. Uber das / ist
sie überaus vernünftig und tugendhaft / und stellet sich zu einem lebendigen
Ebenbilde der Sitten-Lehr / welche ihre Tempel vorstellen: dass also die Missgunst
selber / an dem Leben dieser Königin /nichts wird zu tadeln finden.
    Das ist ein treffliches Lob / (versetzte Mussard) von einer so vornehmen
Dame / und findet wenig ihres gleichen: Dann wer die Freiheit hat / böses zu
tun / und doch in dem guten verharret / ist doppelter Berühmung würdig. Die
Herren haben heute zwei Weibs-Personen von solcher Vollkommenheit auf den
Schauplatz geführet / dass sie billig viele Mannsbilder beröten / und diese von
ihnen lernen sollten / den Tugenden eifriger nachzustreben: damit nicht ihre
Stärke von jener Schwachheit überwunden / und des gewöhnlichen Vorzugs entsetzet
würde. Als Mussard noch also redte / legte die Jungfer dem Polyphilus von einer
Torten etwas vor / und bate / diss Gerichte auch zu versuchen. Dieser bedankte
sich für die Bemühung / und sagte: So viele Höflichkeiten seien ein Verweis
seiner Grobheit / welche er in ihrer Bedienung sehen liesse.
    Agapistus täte hinzu: Es wäre nun auch Zeit / dieser Unruhe ein Ende zu
machen / und sie allerseits der Nacht-Ruhe zu überlassen. Polyphilus bestätigte
solches / und stunden sie damit von der Malzeit auf. Der Edelmann bate sehr
inständig / noch ein wenig zu verharren / und sagte: er wüste gewiss / dass sie
mit hungrigen Mägen zu Bette giengen / weil sie nicht allein wenig Speisen
gehabt / sondern auch / dieselben zu geniessen / durch seine vorwitzige Fragen
wären abgehalten worden. Wer bei vollen Schüsseln (widerredte Agapistus) Hunger
leidet / hat niemand als sich selber anzuklagen. Mein Herr vergebe uns / dass
wir / mit so vieler Ungelegenheit / diesen Abend verlängert. Im geringsten
nicht! (begegnete ihm der Edelmann) ich sage vielmehr schönen Dank / vor ihr
freundliches Gespräch / und bitte meinen unhöflichen Bemühungen zu verzeihen /
und mir hinwieder Gelegenheit zu geben / meine Dankbarkeit in ihrer Bedienung
sehen zu lassen. Damit brachte er ihnen noch eines / zur glückseeligen Nacht /
und sagte: er wollte sie gern länger aufhalten / wann er nicht fürchtete /dass sie
/ als müd von der Reise / die Ruhe verlangen würden.
    Unter diesem Gespräche / schwätzte Polyphilus mit Julietta / dankte vor ihre
Bewirtung / und sagte: er preise seinen glückseeligen Irrtum / der ihn von der
rechten Strasse verleitet / und einen so angenehmen Irrweg geführet / dadurch er
die Ehre ihrer holdseeligen Gegenwart erlanget. Julietta / welche auch nicht
einfältig war / gab zur Antwort: Es scheinet / mein Herr irre heut allerwegen /
nicht allein in seiner Reise / sondern auch in diesen Worten / die viel billiger
vor die Tugend-gezierte Macarie / als vor meine Wenigkeit gehören; massen sie /
so wohl wegen ihrer vortrefflichen Gaben / als wegen der Liebe Polyphili /vor
glückseelig zu schätzen ist. Ach! schöne Jungfer! (versetzte Polyphilus) wer bei
Macarien mehr liebt /als Kunst und Tugend / wird nicht allein eine vergebliche
Arbeit verrichten / sondern auch eitel Undank zu Lohn bekommen: tut sie mir
derowegen zu viel /wann sie meint  / dass ich / ausser Tugend und Wissenschaft /
einige Liebe bei ihr suche. Wer wollte aber nicht / (fuhre Julietta fort) wegen
eines so köstlichen Schatzes / auch den herrlichen Schrein / welcher ihn
verwahret / lieben / der ja nicht weniger / als der Schatz selber gläntzet? Das
würde wohl billig / (sagte Polyphilus) aber ganz vergeblich sein: weil man
leichter etwas von dem Schatz / als von dem Schrein / erlangen könnte.
    Die Jungfer wollte wieder antworten: allein / weil Agapistus und Tycheno bei
dem Vatter allbereit Abschied genommen / musste Polyphilus dergleichen tun / und
dissmal sein Geschpräch einstellen. Nachdem sie nun allerseits einen sanften
Schlaf angewünschet / / wurden sie durch den Diener zu ihrer Schlafkammer
geführet / von Julietten aber einen zimlichen Weg begleitet: da sie nochmal gar
freundlich gute Nacht gaben / und sich in die Kammer verfügten. Polyphilus
dankte daselbst dem Agapistus / wegen des Ruhms / welchen er der Macarie
beigeleget / und sagte: Er wisse / wann sie zu gegen gewesen / sie würde mit
einem Gedichte sich selber bedanken. Das ist unnötig / (sagte Agapistus) weil
ich darin nicht mehr getan / als was ihre Würde und meine Pflicht erfordert.
Ihre Gegenwart aber / wäre heute nicht zu wünschen gewesen: weil sie vielleicht
/ wegen eurer Freundlichkeit gegen Julietta / einen kleinen Eiffer würde
empfunden haben.
    O der kalten Freundlichkeit! (antwortet Polyphilus) die meine Macarie im
geringsten nicht verletzet. Wer weiss / (versetzte Agapistus) ob sie auch so kalt
ist? meines Erachtens / ist Hitze genug dabei gewesen. Ja! (sagte Polyphilus)
wann ich in eurer Haut steckte /und alle Weibsbilder / wie ihr / lieben könnte /
würde mir diese Zunders gnug gewesen sein. Aber ihr wisset / dass ich ganz
anderst gesinnet bin. So werdet ihr auch einen Unterschied machen / unter Liebe
und Höflichkeit: welche letzere man nicht unterlassen kann / auch von Macarie
nicht verbotten ist. Die Entschuldigung ist gut: (begegnete ihm Agapistus) aber
gedenket derselben nur nicht / in Beiwesen der Macarie. Erinnert mich auch ja
nicht der heutigen Wirtin: sonst werde ich auch wunderlich reden. Ach! (sagte
Polyphilus) wären wir nur erst bei Macarien! das übrige würde sich wohl
schicken. Ich will / um dieser Bedrohung willen / nichts unsänfter schlaffen /
und wünsche auch euch eine ruhige Nacht. Agapistus erwiederte den Wunsch / und
begaben sie sich also beide zu Ruhe. Polyphilus / wie er mit dem Gedächtnus
seiner Macarie einschlieffe / also hatte er auch von ihr einen so süssen Traum /
dass er / nachdem er erwachet / eine Verlängerung solches angenehmen Betrugs
wünschte. Er kunte aber über dem Nachdenken / nicht mehr zum Schlaf gelangen /
sondern dichtete / die Zeit zu kürtzen / nachfolgendes Lied / welches er / so
bald er aufgestanden / in seine Schreib-Tafel zeichnete.
                                       1.
Ach! Schönste der Schönen! wann kommet die Stunde /
Wann bricht doch der fröliche Morgen heran /
Der meine Begierde ersättigen kann?
Wann werd ich an deinem holdseeligen Munde /
Mit Küssen / versüssen
Den Willen /
Und freudig erfüllen /
Was meine geängstete Seuffzer kann stillen?
Wann werden die Sinne / nun Schmertzen-verlezt /
Durch Freundlichkeit endlich in Ruhe gesetzt?
                                       2.
Diana hat viermal schon Hörner getragen /
Und rückwarts den silbernen Zügel gewandt /
Seit das ich / von deiner Gesellschaft verbannt /
Must über Gefängnis und Hertzenleid klagen.
Das Leiden / und Streiten
Das Lieben /
Ohn Hoffnung getrieben /
War biss auf die Stunde mein schmertzliches üben:
So / dass mir darüber das Leben entweicht /
Die Farbe mehr einem Verstorbenen gleicht.
                                       3.
Doch sollen nicht alle die Kräffte erligen /
So lang sich Macarie liebend erweist.
Die Hoffnung / ermundert den sinkenden Geist:
Nach Leiden / folgt Freuden; nach Kriegen komt Siegen.
Ich führe / die Ziere /
Die Krone
Der Frauen / zum Lohne /
Die würdig solt sitzen auf herrlichem Trone.
Die Weissheit und Tugend hoch haben gebracht /
Wird letzlich der Liebe doch dienstbar gemacht.
 
                                Fünfter Absatz
Mussard zeigt / am Morgen / seinen Gästen etliche Gemähle / (deren eines / von
  der langsamen / aber beständigen / Liebe redet /) und seine Kunstkammer. Ihr
 Gespräche / beim Früstück / von den Tyrannen; und Mussards vernünftige Rede /
     von Unbeständigkeit des Hofglücks / und Gefärlichkeit der Hof-Dienste.
Polyphilus / nachdem er dieses verfasset / gienge ans Fenster / zu erkundigen /
was sie vor Wetter haben würden: da er dann bald warnahm / dass der silberfarbe
Winter-Regen / nicht allein der Erde ein weisses Hemd angezogen / sondern auch
die ganze Lufft erfüllte / und ihre Reise unbequem machen wollte. Er erschracke
nicht wenig hierüber / weckte den Agapistus aus dem Schlaf / und vermeldete ihm
/ wie ihr Weg allbereit verschneiet sei. Selbiger / noch halb schlummerend /
antwortete: So bleiben wir hier! Es könnte nicht schaden / (erwiederte
Polyphilus) wann wir fremden Leuten so lang auf dem Hals lägen / und wann wollten
wir nach Hause kommen? Wann besser Wetter wird: versetzte Agapistus. Aber
Polyphilus schüttelte den Kopff / weil ihm nach Macarien verlangte / und
gedachte viel anderst. Nachdem nun auch Agapistus / und Tycheno aufgestanden /
und sich angekleidet / auch dem Himmel vor den gnädigen Schutz der Nacht / neben
dem Polyphilus / gedanket /verfügten sie sich sämtlich in das Wohnzimmer / und
wünschten dem Edelmann / und der Jungfer / welche auch allbereit das Bette
verlassen hatten / einen frölichen Morgen. Mussard bedankte sich höflich / und
sagte: Er möchte wünschen / dass sie allerseits wohl geruhet hätten / fürchte
aber / das harte Lager werde solches verhintert haben. Ach nein! (antwortete
Polyphilus) das Lager ist so sanft gewesen / dass wir fast zu lang geschlaffen /
und einen guten Teil von unsrer Reise versäumet haben. Die Reise (versezte der
Edelmann) wird heut müssen aufgeschoben werden: Der Schnee hat ihenn schon den
Arest angekündet. Wir werden uns aber (versetzte Agapistus) nicht also
unverschuldt arestirn lassen / sondern mit gewalt durch die Wacht brechen. Das
ist gar gefährlich! (sagte Mussard) die Herrn gedulten sich nur heute; Morgen
wird gewiss besser Wetter werden.
    Sie entschuldigten sich aber / wie sie so notwendig eilen müsten / weil sie
bereit einen Diener voraus geschickt / und der Königin ihre Ankunft wissen
lassen: welche ihr dann / wann sie lang verzögen / allerhand Gedanken machen /
und ein Unglück besorgen würde. Ey / so verharren sie doch (sagte Mussard) nur
ein par Stunden; es scheint / als wollte es nachlassen zu wittern: alsdann will
ich sie selbst begleiten. Ich hab eine kleine Verrichtung bei einem meiner
Vettern abzulegen / dessen Wohnung auf diesem Weg nach Sophoxenien liget. Die
kann ich dann ablegen / und sie zugleich auf die rechte Strasse führen. Sie
mussten Ehren halben hierein willigen / wie ungern auch Polyphilus daran kame /
und sagte er: Diese Bitte wäre ein Befehl / welchem sie billig gehorchten /
wofern nur ihre Gegenwart nicht mehr Unruhe erregen möchte. Es ist kein Befehl /
(versetzte Mussard) sondern eine freundliche Bitte / welche ihrer angenehmen
Gesellschaft noch etwas zu geniessen verlanget.
    Damit befahle er Julietten / dass sie ein Früstück sollte bereiten lassen: Er
aber führte seine Gäste im Haus herüm / und zeigte ihnen allerhand Gemähle / so
wohl von neuen als alten Künstlern verfertigt. Polyphilus betrachtete vor andern
/ ein Sinnbild / und zwar so lang / dass er endlich vom Mussard gefragt wurde /
was ihme an dieser Tafel gefalle / die Arbeit oder die Erfindung? Ich weiss nicht
/ (versetzte Polyphilus) was ich aus diesem Tier / dass einer Katzen nicht
ungleich sihet / machen soll. Es ist (berichtete der Edelmann) das Americanische
Tierlein Ha oder Haut / welches etliche Faulheit nennen / von wegen seines sehr
langsamen Ganges: Dann es / einen ganzen Tag / kaum fünfzig Schritte / ja / wie
andre wollen / in funfzehn Tagen keinen Steinwurff weit / fortgehen kann; es wird
in gemein / als ein Bild der Faulenzer und Müssiggänger / aufgestellet.
    Ich habe es (fuhr er fort) etlicher Ursachen wegen /hieher setzen lassen /
unter andern auch den Lauf der Liebe vorzubilden / als welche billig langsam und
mit guten Bedacht soll geführet werden / weswegen die Alten den Liebhabern
Schneckenfüsse zugeeignet: und habe ich noch keinen / in seiner Verehlichung
/die Langsamkeit / gar viele aber die Ubereilung / beklagen hören / welche auch
nie schädlicher ist / als in diesem Bande / das nur der Tod aufzulösen vermag.
Und gleich wie dieses Tier so jämmerliche Augen hat / dass so wohl Menschen als
Tiere / so bald sie deren ansichtig werden / zu Mitleiden / und Erbarmung gegen
dasselbe beweget werden: also sind auch die jenige / welche in den Schranken der
Liebe lauffen / so vielem Unglück unterworffen / und führen ein so elendes Leben
/ dass sie billig Mitleiden verdienen.
    Es hat aber dieses Tierlein / in seinen zwar geringen Füsslein / solche
Krafft und Stärke / dass es alle die Sachen oder Tiere / die es ergreiffet /
dermassen vest hält / dass man sie nicht ledig machen kann. Hiemit lehret es /
(welches auch die Uberschrifft / zwar langsam / aber veste / andeutet /) dass ein
Verliebter das jenige / was er mit gutem Vorbedacht erwählet /und mit vieler
Mühe erlanget / hernach desto fäster halten solle. Dann was liederlich erworben
/ ist gemeiniglich auch von liederlichem Wehrt / und wird wieder liederlich
verlassen: Was aber schwer zu erwerben / wird viel fäster gehalten / und ist
auch weit höher zu schätzen.
    Was hätte den Polyphilus mehr vergnügen können /als diese warhafte
Fürbildung seiner arbeitseeligen Liebe: Freilich / Allerschönste Macarie!
(gedachte er bei sich) habe ich langsam eure Gunst erlanget / und noch langsamer
kann ich derselben geniessen. Ach! was Unglück hat meine Liebe allbereit
überstanden! und wie viel billiger verdiene ich Mitleiden / als die traurige
Augen dieses langsamen Tierleins! doch tröstet mich der hohe Wehrt eurer
Trefflichkeit / welcher viel grösser / als meine Arbeit / und der
allerschwersten Bemühung wohl würdig ist. Ich werde / nach der Lehre dieses
Sinnbilds / euch zwar langsam aber vest erhalten / und aller meiner Bemühungen
wieder ergötzet werden.
    Inzwischen Polyphilus mit diesen Gedanken sich unterredte / belustigste sich
Agapistus mit einem andern Gemähl / welches einen verguldten Zepter /Degen und
Schäferstab / auf einem Tisch ligend vorzeigte / mit dieser Obschrifft: Allezeit
schätzbar. Er erkannte alsbald / dass durch das Gold / die Tugend /welche in
allem Unglück / wie dieses edle Metall mitten in der Glut / rein erfunden wird /
müsse verstanden werden; und dass diese güldene Tugend / sowol den schlechten
Hirtenstab / als den Königlichen Zepter und sieghaften Degen ziere / und / nach
der Beischrift / Allezeit schätzbar sei. Wiederum betrachteten sie / einen
geblössten Jüngling / welcher auf einem stück von einem gescheiterten Schiffe
sitzend / mitten in der See (in welcher das zerbrochene Schiff / mit allen
Gütern zu Grund gienge) daher schwamme / und in der linken Hand ein Buch / in
der rechten aber /einen Mercurius Stab hielte / mit dieser Obschrifft:
Wann alles fleucht:
Diss nicht entweicht /
Das Land erreicht.
Diss / (sagte Polyphilus) bedeutet ohne Zweifel die Kunst / welche uns / wann wir
ganz entblösset / auch von Menschen und Glück verlassen scheinen / dannoch
schützet: die kein Strassenrauber abnehmen /kein Schiffbruch versenken / kein
Feuer verzehren /und kein Neider verletzen kann; die so lang / als wir selber /
bleibet / und uns keinen Mangel leiden lässet.
    Sie hätten mehr Gemälde betrachtet: aber Mussard eröffnete seine
Kunst-Kammer / und zeigte ihnen daselbst allerhand seltene Schrifften /
künstliche Uhren /und alte Müntzen / wie auch viel Gewehre / wie sie von
unterschiedlichen Völkern gebraucht werden. Hiermit hielte er sie so lang auf /
biss die Jungfer anzeigte / / dass es Zeit zur Malzeit wäre. Hierüber erschracken
sie / und fragten: ob es dann schon Mittag wäre? Ach nein! (antwortete Julietta)
es ist nur ein schlechtes Früstück / dabei man den Mittag erwarten kann. Also
folgten sie dem Edelmann / der sie die Kost zu versuchen ermahnte. Sie baten um
Vergebung / so vieler gemachten Ungelegenheit / und sagte Polyphilus: Sie wären
wohl vor der Jungfer beschamt / dass sie zu solcher Unruhe Ursach gegeben / und
wüsten sich mit nichts / als ihres Herrn Vatters Befehl zu entschuldigen. Wann
ich / (versetzte der Edelmann) mich eines Befehls anmassen dürffte / so wollte
ich sie auf etliche Tage hier gefangen setzen: damit ich ihrer Gegenwart länger
geniessen könnte. Das würde / (begegnete ihm Agapistus) eine süsse Gefängnus sein
/ und weit erträglicher / als die jenige / aus welcher wir kommen.
    Ich erinnere mich / (sagte Mussard) dass sie gestern derselben erwehnet: und
/ da ich nicht vorhin gnug Unhöflichkeit / mit vielen beschwerlichen Fragen
/begangen / dörffte ich bald auch wegen dieser Gefängnus üm Bericht bitten.
Diese wenige Beschwerung / mein Herr! (antwortete Agapistus) wann anderst eine
schuldige Willfahrung diesen Namen führen soll / ist ungleich geringer / weder
die jenige Unruhe / welche unsre kühne Einkehr verursachet. Wir sind verbunden /
auch hierinn zu dienen. Hierauf erzehlte er alles / was sich / mit ihrer Abreise
/ Gefängnus / und Erledigung / biss daher zugetragen; worüber sich Mussard sehr
verwunderte / und nicht ohne Bewegung sagte: Es ist gut / dass dieser Ungerechte
nicht in einem höhern Gewalt herrschet / sonst dörfften wir einen Römischen Nero
/ oder Moscowitischen Basilowitz / an ihm erleben. Polyphilus sagte: Er habe
viel von dieses Gross-Fürsten grausamen Taten erzählen hören / und müsse
derselbe ein unbarmhertziger Wüterich gewesen sein?
    Freilich / (versetzte Mussard) ist er der allerschrecklichsten Tyrannen
einer gewesen / welche jemals den Erdboden beschweret: also dass er billig der
andere Nero genennet wird. Dann auser dem Mutter-Mord / wiewol dieser auch
seinen eignen Sohn erstochen / werden die Untaten Neronis / fast lauter
Tugenden scheinen / gegen dieses Ertzbösswichts abscheulicher Tyrannei: welche
weit schrecklicher / als dass sie können geglaubet werden. Tacitus verwundert
sich / warum doch die Götter den Nero / nachdem er seine Mutter und seinen
Lehrmeister erwürget / dennoch eine geraume Zeit im Regiment sitzen / und
allerhand Bubenstück verüben lassen? Aber / viel billiger sollte man sich wundern
/ dass der gerechte Himmel / diesem unmenschlichen Tyrannen / so lange Zeit
zugesehen / und ihm nicht ein kaltes Eisen die Brust durchbohren lassen: Wann
wir nicht wüsten / dass solche ungerechte Regenten / Ruhten der Göttlichen Rache
/ über unsere Bosheiten wären / die er / nach verübter Strafe / wieder zerbricht
/ und ins Feuer wirfft. Wie dann auch diese Bestie / zwar keines gewaltsamen /
doch eines verzweiffelten Todes gestorben / und von der Zeit an / dass er seinen
Sohn ermordet / keine fröliche Stunde mehr gehabt / sondern die Henker und
Folterer / die Spiesse und Schwerter / die Stiche und Bisse / eines verwirrten
Gewissens / unaufhörlich empfunden: biss er endlich seinen verfluchten Geist /
dem jenigen / welchem er damit im Leben gedienet / mit Furcht und Zittern wieder
eingehändiget.
    Er soll aber / (sagte Polyphilus) einen geschwinden Verstand / und gute
Gedächtnus gehabt haben: ist also Wunder / dass er / bei solchen Gaben / in so
schändliche Laster gerahten. Wie die Frommen / (begegnete ihm der Edelmann)
ihren Verstand zu Vermehrung und Fortpflantzung der Tugenden anwenden / also
missbrauchen hingegen die Bösen solche edle Gaben / zu Bedeckung oder Vollziehung
der Laster; wie dann dieser Wüterich / seine Gedächtnus /zu Bemerkung der
Gefangenen / seine Vernunft aber / zu Erfindung allerlei Marter / oder zu dem
unnützen Spielen gebrauchet. Hat er hierzu Lust gehabt? fragte Agapistus. Ja
freilich! (versetzte Mussard) Aber gemeinlich hat er das Spielen beschlossen /
wie eine Katze mit den Mäusen. Wie er dann / auf eine Zeit / mit etlichen seiner
Landherren / sehr bedächtlich und scharffsinnig gespielet: als er es aber dessen
genug gehabt / allen denselben / sie hatten gleich gewonnen / oder verloren /
ohne Unterscheid / Ohren /Nasen und Lippen abschneiden / und sie hernach
elendiglich erwürgen lassen. Das ist erschröcklich zu hören! (sagte Polyphilus)
und wer hat dann diesem Unmenschen dienen mögen / da seine Gnade so gefärlich /
und er weder der grossen noch kleinen verschonet?
    Ach! mein Herr (versetzte der Edelmann) nicht allein bei diesem unsinnigen
Gross-fürsten / sondern auch bei klugen / und / dem Ansehen nach / gar gütigen
Fürsten / sind die Hof-Dienste / so gefährlich /dass ich keinem / der sonst ein
ehrliches Auskommen hat / dazu rahten wollte. Ich hab / in meiner Jugend /einem
sehr frommen und freundlichen Fürsten gedienet / bin auch von demselben / über
mein Verdienst /erhaben und begnadet worden. Aber nachdem ich betrachtet / dass
die Sonne / welche mich begläntzte /dem Unbestand unterworffen / und der
prächtige Stul / welcher mich damals truge / auf so gebrechlichen Füssen ruhete:
habe ich denselben gutwillig verlassen / damit ich nicht mit ihm stürtzen möchte
/ die Hof-Gnade / nicht ohne Verwunderung und Missfallen meines so gewognen
Prinzen / gesegnet / und / in Besitzung meiner vätterlich-ererbten Güter / meine
Ruhe und Sicherheit / ob gleich bei geringerm Ansehen /gesuchet: welcher Wechsel
/ mich destoweniger gereuet / je mehr ich täglich erfahre / wie viel vornehme
Ministern / an unterschiedlichen Höfen / unversehens von ihrer Hoheit gestürtzet
/ der Gnade ihrer Fürsten /welche ihnen doch so notwendig ist / als die Lufft
selber / beraubet / elendiglich ersticken müssen / und als eine Leiche des
Glückes / allen Vorbeigehenden zu stinken.
    Ich hätte aber vermeint / (sagte Agapistus) wann ein Hof-Bedienter seinem
Prinzen redlich und vernünftig diente / die Gerechtigkeit beförderte / und sich
sonst in seinen Schranken zu halten wüste / es könnte ihm sein Glück nicht so
bald umgestürtzet werden. Dann es bezeuget die Erfahrung / dass die meinsten
durch ihre Hoffart gefället / und ihr Unfall mehr ihren eignen Lastern / als der
Unbeständigkeit des Glückes / zuzuschreiben. Ich will nicht laugnen / (begegnete
ihm Mussard) das ihrer viele der Gnade der Fürsten / die sie gemeinlich / mehr
durch Heuchelei /als treue Dienste erlanget / bosshaftig missbrauchen /und zu
Beneidung der höhern / Unterdruckung der Untern / Bereicherung ihrer selbst /
und Verderbung des Landes / anwenden: daher ihr Fall eine Bestraffung / und kein
Unglück zu nennen ist. Es kann aber auch einer / der sein Glück auf lauter
Tugenden gründet / auch mit Klugheit und Vorsicht bewachet / vor dem Fall nicht
sicher sein. Dann die Hof-Gunst ist viel unbeständiger / als dass sie ihr von
unserm Wohlverhalten sollte Fessel anlegen / und zu stäter Dienstbarkeit sich
verpflichten lassen: und erweiset sie ihre Freiheit / so bald in Belohnung der
Schmeichelei /als der Warheit und Aufrichtigkeit. So suchet auch die
Ungerechtigkeit alle Welt zu beherschen / und ist nicht vergnüget / wann sie
tyrannische Fürsten regiret / sondern sie bemühet sich auch / bei gerechten und
tugendhaften Prinzen / unter den Mänteln der Staats-Rähte / einzuschleichen /
und ihr schädliches Gift auszusäen. Wer nun obligender Pflicht wegen /dieses
Land-verderbliche Tier anschreiet / und auszujagen suchet / wird von dessen
gifftigen Zähnen /dem Neid / Verleumdung / und allerhand Nachstellungen / an
Ehre und Glück verletzet werden: Dann es geschihet nicht selten / dass ein
frommer und gütiger Herr / durch die Ohrenbläser / zu tyrannischen Taten gegen
Unschuldige verleitet wird.
    Ich gebe gern zu / (sagte Polyphilus /) dass die Grossen bei Hof vieler Gefahr
unterworffen sind / und auf eitel scharffen Spitzen gehen / die sie leicht
verwunden können: angesehen der Neid dem Glük auf dem Fuss nachzufolgen pfleget /
und die allerlöblichste Taten mit seinem Geiffer zu beschmitzen suchet. Demnach
tut der / so zu Hof leben muss / am sichersten / wann er sich den hohen Klippen
/ welche von allen Winden angefochten werden / entziehet / im mittelmässigen
Glück ruhet / und sein Ehrenbild auf den festen Stein eines guten Verdienstes
setzet: damit es nicht so leichtlich beweget / und von allerhand Zufällen
umgerissen werden möge. Wer sich (gabe Mussard zur Antwort /) einmal auf das
unruhige Meer der Hof-Dienste gewaget / und die Segel seines Glücks /nach dem
Winde Fürstlicher Gnade ausspannet / muss nachmals dem begehrten Wind folgen /
wohin er von demselben geleitet wird / und stehet alsdann sein Steigen oder
Ruhen / nicht mehr in seiner / sondern in seines Printzen Gewalt: der / gleich
einem Münzer /Macht hat / einen schlechten Groschen oder schönen Schau-Pfennig
aus ihme zu schlagen. Wie ein Hammer / ein elendes Werckzeug ist / und von der
Hand /die ihn führet / bald erhaben / bald wieder gesenket wird: also wird auch
mancher Hof-Bedienter / durch eben die Gnade / welche ihn unbegehrt erhöhet /
ohne Schuld oft wieder gestürtzet.
    Mein Herr wird etwan einwenden / man sollte sich solcher gefährlicher
Erhöhung selbst äusern / und die angebottene Ehre von sich ableinen. Aber / wer
ist von der selbstliebe so gar befreit / dass er die Gelegenheit / wann sie
dergestalt sich ihme bei den Haaren zeigt / nicht ergreiffe? in Betrachtung /
dass sie im Nacken kahl / und die Potentaten eben so leicht über die Verachtung
ihrer Gnade / als über der ungestümmen Forderung / erzürnet werden. Wer
besteiget nicht das Ross / welches ihme von dem Glück selber vorgeritten wird? Es
ist ja viel ergetzlicher / befehlen / als gehorchen; viel rühmlicher / herschen
/ als beherschet werden; und viel herrlicher / Gnade ausgeben / als üm Gnade
bitten. So wird auch die Gefährlichkeit der hohen Berge / gemeinlich erst nach
dem Fall / und im Tal des Unglücks / erkennet. Oder / da gleich ein gar
vernünftiger die beständige Unbeständigkeit des Glückes / auch mitten im Glücke
/ betrachtet / hat er doch keine Gelegenheit / sich aus demselben zu wickeln /
und kann von dem Gipffel der Hoheit zu kommen / keine Bahn / ohne durch das
gestürtzte Glück / finden.
    Der vortreffliche Seneca / hätte dem Käyserlichen Hof gern gute Nacht
gegeben / und war bereit / nicht allein seine Ehren-Aemter und Ansehen / sondern
auch sein grosses Gut / und Vermögen / dem Käiser einzuhändigen: aber er kunte
es nicht erhalten / und wurde von dem tollen Nero gezwungen / zu sterben; zwar
mit der Gnade / dass er ihm selbst die Art des Todes erwählen mochte. Und ob
gleich nicht alle Fürsten so tyrannisch / wie dieser / so wohnt ihnen doch
mehrernteils hoher Mut und hitzige Begierde bei: welche billig ein jeder / wie
ein brennendes Feuer /fürchtet. Wann ich einen erwachsenen Sohn hätte /wollte ich
ihm lieber rahten / sein Glück im Krieg / als an grosser Herren Höfen zu suchen.
Dann ob gleich auch dieser voll Gefahr ist / so kann man sich doch leichter gegen
einem öffentlichen / als heimlichen Feind verteidigen: und sind die entblöste
Klingen und gezuckte Pistoln bei weitem nicht so gefärlich / als die tieffe
Reverenzen und höfliche Complimenten. Wiewol heut zu Tag / die balsamirte
Dienste mehr /als die blutige / belohnet werden. Würde er dann gezwungen / an
Höfen zu leben / und zu einigem Ansehen erhaben: so möchte er seinen endlichen
Fall vor ganz gewiss halten / und denselben mit einem freien und beherzten Gemüt
erwarten / und seine Sicherheit mehr dem geneigten Glück / als seiner Klugheit
und Vorsichtigkeit / zuschreiben; auch viel mehr bemühet sein / die Gnade des
Himmels / weder seines Fürsten / und den Ruhm eines unverletzten Gewissens /als
der eitlen Ehre und Herrlichkeit zu erhalten.
    Mein Herr hat (sagte hierauf Polyphilus) die gefärliche Hof-Dienste
vernünftig und warhaftig beschrieben. Ich werde auch seine tugend-gegründete
Warnungen fleissig in acht nehmen / und mich nimmermehr nach Hof-Stellen
gelusten lassen. Wir müssen aber die gemachte Unruhe beschliessen / und / weil
sich der Himmel wieder hell machet / unsere Reise fördern. Hiermit wollte er
aufstehen; aber Mussard bate sie / noch eine kleine Weile zu verziehen / und
sagte: Er könne nicht sehen / dass er seinem Raht nachzukommen gedenke / weil er
so sehr wieder nach dem Hof eile. Ach nein! (versetzte Polyphilus) Sophoxenien
ist nicht so wohl ein Hof / als eine Tugend-Schul zu nennen. So bleiben sie dann
nur / (sagte der Edelman) biss ich mich / sie zu begleiten / färtig mache. Ich
habe albereit den Schlitten zu bespannen /angeordnet: und weil es sich mit
meiner Liebsten bässert / will ich ihnen / mit meiner Tochter / eine weile
Gesellschaft leisten. Womit werden wir aber (sagte Agapistus) diese Ehre
erwiedern? Mein Herr bemühet sich gar zu viel. Gantz nicht / mein Herr!
(antwortete Mussard) ich habe vielmehr meine Zeit / die ich sonsten in der
Einsamkeit verschliesse / mit ihrer Gesellschaft gar nützlich zugebracht / und
bin an Wissenschaft viel reicher worden. Wir haben solches mit mehrerm Recht zu
rühmen / (erwiederte Polyphilus) im übrigen aber zu danken / dass mein Herr
unsern Erzehlungen so geneigtes Gehör gönnen wollen.
 
                                Sechster Absatz
Die Reisende werden von dem Edlen Mussard begleitet. Ihr Gespräche / von Duellen
   und Balgerei; und des Polyphylus / mit Julietten / auf dem Schlitten. Sie
  besuchen den Harpin / einen andern Edelman / auf seinem Schloss. Ihr Schertz
 Gespräche mit demselben. Agapistus und Tycheno spielen auf der Laute / darein
Polyphilus / diesem neu-erbauten Schloss zu Ehren / ein Lied dichtet: welches von
      Julietten gesungen wird. Ihr Tisch-Gespräche vom Geitz / und von der
                                Verschwenderei.
Nach genommenem höflichen Abschied / und dienstlicher Bedankung vor die
erwiesene Ehre und gute Bewirtung / sassen unsere Reisende sämtlich zu Pferde:
da Mussard die Juliette auf den Schlitten name / und /nachdem er seine
Hertzliebste gesegnet / in ihrer Gesellschaft mit fortfuhre. Er hatte aber
nicht lang gefahren / da beklagte er sich gegen Polyphilus / der neben dem
Schlitten her ritte / dass sein Arm / von dem stäten Anhalten der Seile / fast
müde werden wollte / und ihm diss orts gar geringe Dienste leisten könnte.
Polyphilus fragte: ob er sich nicht möchte belieben lassen / mit ihm einen
Tausch zu treffen / und eine zeitlang zu reiten? Mussard name es zu Dank an /
übergabe ihm den Schlitten / und setzte sich auf dessen Pferd: womit er der
Jungfer nicht einen geringen Gefallen erwiese.
    Ehe sie aber fortfuhren / fragte Polyphilus den Edelmann / was ihm an dem
Arme mangele? Ach! (sagte Mussard) das ist noch eine schmerzliche Frucht der
unvorsichtigen Jugend. Ich habe / in einem Duell /einen Schuss im Arm bekommen /
so unglückseelig /dass jederman / auch der Barbirer selbst / vermeint /er würde
erlahmen. Welche Zeitung mich dennoch nicht so sehr erschreckte / als die
Verwundung meines Gegners / der in die Seite geschossen / und für todt hinweg
getragen worden. Er wurde zwar gleich mir /glücklich geheilet: ich aber habe /
wegen der höllischen Angst / in welcher ich vor seiner Genesung geschwebet /
fast keinen Schmertzen empfunden; weiss auch / auser einer wenigen Empfindung bei
unbeständigem Wetter / keinen Unterschied gegen dem andern / als dass er bald
ermüdet. Ich habe (sagte Polyphilus) hier auch dergleichen / wiewol ohne
Ermüdung: damit zeigte er eine grosse Narbe / vornen am Arm. Das muss gefärlich
gewesen sein! (sagte Mussard) und vielleicht ists auch in einem Zwei-Kampf
geschehen? Er wird sich verblutet haben. Freilich! (erwiederte Polyphilus) und
als ich das Blut gesehen /bin ich noch viel erhitzter auf meinen Widerpart (dann
er hatte mich wieder recht verwundet) los gegangen / / biss der Arm mit mir
gesunken / und ich mit dem Tod zu ringen angefangen: da man dann kümmerlich das
Blut gestillet / und mir das Leben errettet.
    Das tut die Jugend! sagte Mussard. Sind wir aber nicht törichte Leute / dass
wir unsre gesunde und gerade Glieder nicht lieber gegen den Feind / oder vor das
Vatterland gebrauchen / sondern / offtmals von unsern besten Freunden / um einer
liederlichen Ursache willen / uns verderben lassen. Ist demnach billig / dass
diese Duelle von gerechter Obrigkeit scharff gestraffet werden. Man kann sich
gleichwol (versetzte Polyphilus) nicht so ungerochen beschimpffen lassen. Diese
Rache ist unnötig / (versetzte Mussard) und sind deswegen Recht und Gerichte
gesetzet. Das ist wohl! (sagte Polyphilus) man hat aber keine Ehre davon Ach der
elenden Ehre / (antwortete Mussard) welche man also / mit Verunehrung Göttlicher
und weltlicher Rechte suchet! und was ist das vor Ehre / wann man deswegen / als
ein Mörder / durch die Hand des Henkers / mit höchster Schmach / stre ben / und
mit einem verletzten Gewissen / vor den Augen des höchsten Richters erscheinen
muss? welches in gemein der verwegenen Balger Ende zu sein pfleget. Ich halte
gänzlich davor / wer die Tugend liebt / und zur Einigkeit Lust hat / werde /
entweder von solcher Versuchung befreit / oder / da er aus Noht und
Unvorsichtigkeit darein gerahten / durch den Himmel beschützet werden. Aber /
wir verweilen uns im Gespräche! der Herr fahre zu: ich will mich zu den andern /
auf den Fusssteig wenden.
    Also kamen sie von einander / und fuhre Polyphilus fort / biss er einen guten
Weg voraus gekommen: da er dann still hielte / und seine Gefärtin fragte / was
sie /bei einem so verdriesslichen Führer / für Gedanken habe? Ihre Antwort war:
Sie bejammere sein Unglück / welches ihn von seiner Liebsten entfernet /und eine
Unwürdige zu führen nötigte. So hat meine schöne Jungfer (sagte Polyphilus) mehr
beklaget / als ich leide / und wir hegen gar ungleiche Gedanken: dann ich habe
hingegen meine Glückseeligkeit gerühmet / welche mich heute mit ihrer
freundlichen Gegenwart beseeliget. Und ob gleich niemand gern in einem
wissentlichen Irrtum verharret / würde ich doch /wann es ohn ihre so hohe
Bemühung sein könnte / gar willig länger geirret haben. Wäre diss nicht seine
Höflichkeit / (versetzte Julietta /) so würde er gewisslich nit so bald einen
Ekel in unserm Hause empfunden /und also hinweg geeilet haben. Mein Eilen /
(sagte Polyphilus) ist nicht einem Ekel / sondern vielmehr der Furcht / die ich
/ als ein Fremder / über der Verursachung so vieler Ungelegenheit fühlte /
zuzuschreiben. Dann / weil ich bekennen musste / dass ich / mit der kühnen Einkehr
/ einen Fehler begangen / hat mich dedünket / je kürzer ich in diesen Fehler
verharrete / / je geringer würde mein Verbrechen sein. Ach nein! (sagte die
Jungfer) dieses ist nicht die rechte Ursach: sondern er hatte daselbst nicht
gefunden /was er gesuchet. Ich wüste (erwiederte Polyphilus) nicht mehr zu
suchen / weder ich albereit vor mir sehe.
    Ja ja! (widerredte Julietta) zu Soletten ist schon ein mehrers zu finden.
Ach! schöne Jungfer / (begegnete ihr Polyphilus /) sie schimpfe doch ihren
Diener nicht mit Soletten / welche Insul ich vielleicht nicht mehr sehen werde.
Ich baue mir keine solche Schlösser in die Lusst / und weiss gar wohl / dass ich
viel zu unglückseelig / als dass ich von einiger Dame Liebe hoffen sollte. Mich
wundert / (sagte hierauf Juliette) dass mein Herr also reden mag. Welche
Weibs-Person könnte so unempfindlich sein / dass sie den schönen und höflichen
Polyphilus / wann er sie liebte / nicht wieder lieben sollte? Fürwar / man müste
sie in die Zahl der allerundankbarsten setzen. Polyphilus / der die Gewogenheit
Julietten / nichr nur aus diesen Worten / sondern auch aus ihren Gebärden / und
aus deme / dass sie seine Höflichkeit / wie Agapistus angehöret / gegen dem
Hausgesinde gerühmet / leichtlich ermessen können / küste ihr die Hände / und
sagte: Wann doch diese Rede so warhaftig wäre / als schön und lieblich sie
lautet / würde ich gewiss einen Trost in meinem Unglück empfinden. Aber die
Erfahrung bezeiget das Gegenteil / und ich bin gewiss /dass sie selber Ursach
hat / mehr Hass als Liebe gegen mir zu tragen. Ich trage gegen niemand keinen Hass
/ sondern suche jederman in Ehren zu lieben /(sagte Julietta) allermeist aber
die jenigen / die es vor andern verdienen. Dieses ist wohl die Art der Tugend /
(gab Polyphilus zur Antwort) dass sie mehr zur Gunst / als Feindschaft geneigt
ist: aber also bleibe ich wieder dahinten / weil ich nichts solches verdiene.
    Eben wollte die Jungfer antworten / als die andern geritten kamen / und
Agapistus ihnen zurieffe: So /so / Polyphilus! ich sehe wohl / das
Schlittenfahren schläget ihm besser zu / weder das Reiten. Das könnet ihr leicht
denken! versetzte Polyphilus. Ihr habt mich lang im Gefängnus mit dem
Schlittenfahren verspottet: aber heute gibt mir das Glück Gelegenheit /euer
wieder zu spotten. Wohl! (sagte Agapistus) aber die Herrlichkeit wird bald ein
Ende nehmen: Wir sehen das Schloss schon von fernen. Das ist schlimm genug! gabe
Polyphilus zur Antwort / sasse damit wieder zu Schlitten / und fuhre vor / biss
nahe an das Schloss / da Mussard seine Einkehr nehmen wollte. Selbiges war eines
jungen Edelmans / welcher / sobald er das Geleut vom Schlitten gehöret / einen
Jungen herab schickte / üm zu sehen / wer vorhanden wäre? Als er vernommen / dass
es Julietta wäre / und Mussard hernach folgte / lief er eilends herunter
/empfinge sie / neben dem Polyphilus / gar höflich /und bate / abzusitzen. Indem
kamen die andern auch hernach / welchen er entgegen ging / und sie sämtlich /
sonderlich den Mussard / willkommen hiess.
    Dieser sagte: Er hätte nun die lang verheissene Besuchung / in Begleitung
dieser Herren / endlich ablegen wollen. Ich erfreue mich hertzlich / (antwortete
der junge von Adel) dass ich das Glück habe / meinem geehrten Herrn Vettern in
meiner Behausung auf zu dienen / und bitte dienstlich / sie wollen sich belieben
lassen / eilends abzusteigen / und herauf zu spaziren. Wir folgen! (erwiderte
Mussard) der Vetter weise uns nur den Weg. Also führte er sie in den Hof / da
Polyphilus mit Julietta schon warteten / und sie eben fragte / wie der von Adel
hiesse? Harpin heist er: (sagte die Jungfer) und ist eines guten Geschlechts /
auch in unserm Hause / unter meines Vatters Pflegschaft / erzogen. Weil er aber
wenig Mittel von seinem Vater gehabt / als ist er dem Krieg nachgezogen / in
welchem er die Stelle eines Rittmeisters erworben. Als aber ihm unlängst ein
alter Vetter gestorben / der ihm / nicht allein dieses Schloss / sondern auch das
dabei-ligende Dorff / und andere Güter / neben einem grossen Geld-Schatz
hinterlassen / hat er den Krieg aufgeben / und mit Hülffe seiner Frau Mutter
allhier eine Hausshaltung angefangen.
    Also möchte ichs mir auch wünschen: sagte Polyphilus / / als eben die andern
ankamen; da er dann seinen Abschied nehmen / und mit seinen Gefärten fortreiten
wollte. Aber Harpin / der allbereit von Mussard seinen Namen und Zustand erfahren
/ bate inständig /dass er doch ihme die Ehre seiner Freundschaft nicht versagen
/ noch die freundliche Gesellschaft zerreissen wollte. Als er sich mit der
eilsamen Reise entschuldigte / sagte Mussard selber: Ey so lasse er sich doch
erbitten! es wird ja ohne das nacht: wie weit werden sie heute noch reisen? Der
Herr beglücke mich / noch diesen Abend / mit seinem Gespräche: Morgen frü will
ich selbst seine Reise befördern. Polyphilus erwiederte: Sie hätten die vorige
Künheit noch nicht genug entschuldiget / und würden nun eine Unhöflichkeit mit
der andern häuffen. Doch wollte er sich seinem Befehl nicht widersetzen / und
sich lieber der Grobheit / als des Ungehorsams schuldig machen. Ich finde keine
Grobheit / (sagte Mussard) in so schönen Worten. Die Herren kommen nur mit
herauf / und helffen mir besehen / was mein Vetter gebauet.
    Also führte sie Harpin / einen sehr zierlichen Schnecken hinauf / erstlich
in das Zimmer / welches er bewohnte. Nachdem sie sich in demselben ein wenig
erholet / auch ihre Gewehr abgeleget / wiese er ihnen alle Gelegenheit des
Hauses / die künstliche (zwar damals stumme) Wasser. Wercke / stattliche Säle /
und prächtige Zimmer / welche er zurichten und mit allerhand schönen Mahlwerk
auszieren lassen. Als nun diese Gäste sich sehr darob verwunderten /und seine
treffliche Angebung rühmten / sagte Mussard: Er müsse gewiss ein grosses
aufgewendet haben / weil zuvor alles sehr haufällig und verwüstet gewesen.
Freilich (antwortete Harpin) hat es viel gekostet / dieses Haus / dass zuvor
einem Raub-Nest änlich gewesen / einem Wonhaus änlich zu machen. Ja /mein
Vetter! (sagte Mussard) wann nun sein alter Vetter widerkommen sollte / wie würde
er sich verwundein über diese Veränderung. Ey! behüte Gott vor seinem
Wiederkommen! (versetzte Harpin) Mein geehrter Herr Vetter sollte mich bald
furchtsam machen! Ich meine ja / er würde mir das bauen gesegnen! habe ich doch
kaum ein schlechtes Kleid / oder einen Ducaten Reise-Geld / von ihm jemals
erhalten können.
    Sie lachten sämtlich hierüber / und Mussard sagte: hätte ich / wie er
einsmals begehrte / ihme meine Tochter verheiratet / so würde der Vetter auch
wenig von ihm ererbet haben. Das will ich wohl glauben /(versetzte Harpin) und
sage ich / wegen des Abschlags / schönen Dank: wiewol es auch Schade gewest /
wann die Jungfer in so ein lebendiges Grab wäre gelegt worden. Weil ihr aber
solchergestalt seine Güter vermeint gewesen / würde mein geehrter Herr Vetter
wohl tun / wann er meine wenige Person mit ihrer Verlobung beglückte / so könnte
sie solche / auch ohne einen alten Mann / besitzen. Wer weiss / was geschicht?
(widerredte Mussard) Schertz muss man mit Schertz beantworten. Es werden wohl
andere Damen sein / welche bei einem so reichen Edelmann Gunst suchen. Ach nein!
(begegnete ihm Harpin) ich gebe gar keinen Frauenzimmer-Aufwarter / und bin
bisher mehr der Feindschaft als Liebe gewohnt gewesen. Liebe und Krieg / (fieng
Polyphilus an) sind nit wider einander: man findet oftmals die Venus in den
Armen Martis / und seine Waffen vor ihren Füssen. So ist auch die Liebe selber
nichts anders / als ein Krieg: nur dass sie nicht so gefährlich ist / und die
Feinde ohne Todes-Gefahr überwunden werden. Weil mein Herr (sagte Harpin)
vielleicht auch mit solchen freundlichen Feinden streitet / und die Art dieses
Kriegs / so wohl beschreiben kann / hätte ich wohl Ursach zu bitten / mich in
dieser Ubung zu unterrichten /und die Waffen glücklich führen zulehren. Wer noch
nie keinen Sieg erhalten / und der Waffen ausschlag von dem Glück erwartet /
(entschuldigte sich Polyphilus) darff sich nicht erkühnen / andere zu
unterweisen. So sind auch die Feinde unterschiedlich / und wollen teils mit
Gewalt überwunden werden: dass ich also vielmehr selbst Unterricht suchen / als
andern erteilen kann. Ich merke wohl / (erwiederte Mussard) der Herr will seine
Kunst verborgen halten / und eine jeden selbst die Sache versuchen lassen /
welches auch das bäste ist.
    Mit diesem Gespräche / gelangten sie wieder in das Zimmer / da sie zu erst
gewesen / und daselbst Julietten / in Gesellschaft des Harpins Mutter / und
einer Haus-Jungfer / hinterlassen. Massard / ersah daselbst eine Laute / und
fragte seinen Vettern / ob er darauf spielte? Ich spiele nicht darauf /
(erwiederte Harpin /) sondern ich lerne / die Zeit zu kürtzen: wiewohl sich die
Finger etwas halsstarrig erzeigen wollen / weil die Säiten viel subtiler sind /
als der Degen. Mussard lachte / und sagte: Ist dann sonst niemand unter uns /der
sie zu zwingen weiss? Ja / (sagte Polyphilus) sie spielen beide / Agapistus und
Tycheno. Geschwind reichte Mussard auf diese Worte / dem Agapistus die Laute /
und bate / ihre Gesellschaft mit seiner Kunst zu beehren. Dieser den Polyphilus
etwas scheel hierüm ansehend / antwortete: Mein Herr! ich sollte billig bedenken
tragen / sein Begehren zu erfüllen / wegen der geringen Wissenschaft / so ich
in dieser Kunst erlanget / und vielleicht / damit verspottet zu werden /vom
Polyphilus bin angemeldet worden. Doch allen Argwahn der Widerspenstigkeit von
mir abzuleinen /will ich / so gut ich es gelernet / seinen Befehl vergnügen.
    Damit griffe er zur Lauten / spielte ein paar Stücke / und überreichte sie
dem Tycheno: welcher sich zwar entschuldigte / doch / auf freundliches Anhalten
/ / auch etliche Stücke hören liesse. Damit aber Agapistus an Polyphilo / der
dieses Handels heimlich lachte / sich rächen möchte / sagte er: Wann ein Lied
darein gesungen würde / sollte es wohl besser lauten /welches Polyphilus bald
verfärtigen könnte. Ach ja! (sagte Mussard) da will ich ihn gar schön um bitten.
Ich / wann ich ein Poet wäre / hätte schon ein Lied gedichtet / von der
Verneurung dieses Schlosses. Was konnte hier Polyphilus anders tun / als dass er
Papier und Feder begehrte / und dem rach-süchtigen Agapistus mit einem Blicke
dankend / den Mussard zu vergnügen / folgende Zeilen setzete.
                                       1.
Ihr alle / die ihr habt geschauet /
Diss Haus / in seinem alten Stand /
Das nun so zierlich ist erbauet /
Durch guten Raht / und kluge Hand!
Bedenket / wie es sei gewesen /
Als noch der Geitz darin gesessen.
                                       2.
Die Wände waren ganz zerrissen;
Die Stein erschwartzet von dem Rauch.
Die Winde durch die Fenster bliessen.
Der Boden war zerbrochen auch.
Es stund die Kunst der Wasser-Spritzen
Verstopfft / und kunte niemand nützen.
                                       3.
Die Küche war ohn Holtz und Feuer;
Der Keller / ohne Fass und Wein.
Wein war dem Alten viel zu teuer /
Er wollte lieber durstig sein;
Sich kärglich speisen / und erfrieren /
Als etwas von dem Schatz verlieren.
                                       4.
Den hat er / mit viel Sorg und Fasten /
Gesamlet eine lange Zeit.
Ihn er stäts in dem Goldes-Kasten
Verwachet hielte / mit dem Neid:
Biss ihn zu letzt der Geitz ersticket /
Und in die schwartze Grufft geschicket.
                                       5.
O tolles Laster! wer beschreibet
Die Torheit / so dir wohnet bei?
Ein Geitziger in Unglück bleibet /
Und karget / biss die spate Reu
Ihn heist mit Weh und Ach verderben;
Da andre seinen Reichtum erben.
                                       6.
Viel herrlicher sind jetzt die Zimmer /
Viel prächtiger diss hohe Haus:
Nachdem man hat die alte Trümmer /
Zusamt dem Herrn / geworffen aus.
Die Fenster gläntzen von Crystallen /
Die Wände von dem schönen Mahlen.
                                       7.
Die Wasserröhren künstlich springen.
Auch Küch' und Keller ist gespickt.
Die Gäste fangen an zu singen /
Wie hoch der Erbe sei beglückt:
Der / was der Alte hat gesparet /
Mit Lust / und nicht mit Geitz / verwahret.
                                       8.
Kein Mangel weiter ist vorhanden /
In diesem schön-gezierten Haus /
Als eine / die mit Liebes-Banden /
Jag auch den letzten Kummer aus /
Und such den Erben zu erfreuen /
Der alles kunte so verneuen.
Als dieses verfärtigt war / überreichte es Polyphilus Julietten / und bate /
diesem schlechten Liede ihre schöne Stimme zu leihen. Wiewol nun dieselbe sich
schr wägerte / musste sie doch auf ihres Vatters Befehl endlich einwilligen. Also
fange sie das Lied / in des Agapistus Laute / mit gar holdseeliger Stimme / und
ergetzte damit ihren Vatter / und den Harpin dermassen / dass sie es nicht genug
hören kunten. Wohl fein /(sagte Mussard zum Polyphilus) hat der Herr den Geitz
beschrieben / in diesen Versen. Ja fürwar! (ersetzte Harpin) ich will es meinem
Vettern zu Ehren /nachschlagen lernen! Inzwischen sage ich meinem Herrn / für
gehabte Mühewaltung / schönen Dank /und bitte dienstlich / nach verrichter
dieser Lust-Arbeit / nun auch meine geringe Mahlzeit zu versuchen. Also führte
er sie allesamt an einen runden Tisch /den Streit der Oberstell zu verhüten /
und tractirte sie so köstlich / dass Mussard mit etwas Widerwillen sagte: Worzu
soll dieser Uberfluss / mein lieber Vetter? Ich bin nicht kommen / eine so
kostbare Gasterei / sondern bloss eine Freundes Kost zu finden. Mein geehrter
Herr Vetter beschäme seinen Diener nicht mit solchen Worten! (war Harpins
Widerrede) Ich möchte wünschen / dass ich etwas bei der Hand hätte / welches so
angenehmen Gästen einigen Lust erwecken könnte: Hoffe aber doch / es werde ihre
Höflichkeit / bei so unvermuteter Einkehr / mit diesem wenigen vergnügt sein.
Ich sehe keinen Mangel / sondern eitel Lust-Uberfluss / (sagte Polyphilus) wie
mein Lied anzeiget: nur das Letzte wird noch zu ersetzen sein. Mit diesen Worten
/ sah er die Jungfer nach der Seite an / als wollte er sagen: sie könnte hier
völliges vergnügen verschaffen. Sie aber stellte sich gar fremd / ob sie es
gleich merckte. Und wiewol Harpin in ihrer Bedienung sehr bemühet war / gefiel
ihr doch des Polyphilus Art viel besser: weswegen er noch immer einen
freundlichen Blick von ihr bekame.
    Mussard sprachete hierauf mit dem Polyphilus /und sagte: Ich ergetze mich
noch mit des Herrn Beschreibung / die er vom Geitz geführet. Freilich ist dieses
ein tolles Laster / dessen Unglück und Torheit nicht auszusprechen / und das
eine böse Plage ist /wie ihn der Klügste unter denen / die jemalen Zepter und
Kron getragen / nennet. Andere Laster führen doch noch den Schein einiger
Freude. Also vermeint ein Wollüstiger / in Vergnügung seiner Begierde und
Verpflegung des lüstrenden Fleisches / grosse Lust zu haben. Ein Zorniger fühlet
/ nach verübter Rache /eine Kühlung in seiner erhitzen Brust. Ein Ehrbegieriger
sihet seine höchste Lust / wann er seinen Wunsch erfüllet / und sich über andre
erhaben weiss. Aber ein Geitziger bleibet / bei alle seinem erworbenem Gut / voll
Sorge und Kummer / ärmer als der geringste Bettler. Er hat nicht die geringste
Ergötzung von seinem Geld zu hoffen / ausser dem blossen Ansehen. Ich weiss in
Warheit nicht / (zwischen redete Harpin) ob mein alter Vetter auch nur die
Freude des Ansehens von seinem Geld gehabt: weil etliches so tieff verborgen
gelegen / dass er es / ohne grosse Mühe und Arbeit / nicht sehen können; anderes
aber / dermassen verrost gewesen / dass es dem Anschauer keine Lust geben können.
Demnach gläube ich / er habe mit der blossen Wissenschaft seines Reichtums /
sich vergnüget.
    Hat aber der Vetter (fragte Mussard lachend) den Rost abwaschen / und des
Gelds geniessen können? O ja! (versetzte Harpin) auf diese Weise habe ich das
Geld säubern gelernet: welches nach solchem Bad so sehr verlanget / dass es mit
Gewalt heraus dringet /und alle Rigel entzwei stossen will. Sie lachten alle
über diesen Schwank; doch sagte Mussard: Der Vetter sehe sich gleichwol vor! die
Verschwendung hat einen weiten Rachen / und hat nicht nur Kisten mit Golde /
sondern auch Schlösser und Dörffer / oft verschlungen / und kann ganze Länder
in ihrem Magen verdeuen. Ich weiss es / geehrter Herr Vetter! (gabe Harpin zur
Antwort) und will deswegen eine Liebste mir erwählen / deren ich die Schlüssel
zu diesem unruhigen Metall vertraue: Dann das Frauenzimmer ist allezeit
glückseeliger / in Erhaltung der Gefangenen /weder die Manns-Personen.
    Mit diesem und dergleichen kurtzweiligem Gespräche / verbrachten sie die
Malzeit: biss die schon halb-verflossne Nacht / den Aufbruch ursachend / einen
jeden / nach allerseits Anwünschung eines sanften Schlaffs / zur Ruhe legte.
Polyphilus fühlte bei sich etwas Ungedult / dass er so lang von seiner Macarie
musste entfernet sein / und bald durch Gewalt und Bosheit / bald durch List und
Freundlichkeit / von ihrer Besuchung abgehalten wurde: deswegen er ihm stark
vornahme / mit frühem Morgen auf zu sein /und sich nichtes mehr hintern zu
lassen / welches er auch so ämsig zu Werck richtete / dass er den Agapistus und
Tycheno / wie ungern sie auch daran kamen /auftriebe / also dass sie sämtlich mit
anbrechendem Tag angekleidet und reissfärtig waren. Wie nun Harpin sehr bate /
nur ein kleines Früstück zu erwarten /wollte sich doch Polyphilus nicht bereden
lassen / sondern erinnerte den Mussard seiner gestrigen Zusage /mit Bitte / ihn
derselben anjetzo geniessen zu lassen. Selbiger zog die Schultern und sagte: Ich
muss bekennen / mein Herr! dass ich seine Reise zu befördern versprochen: wünsche
ihm demnach / zu derselben / erfreulichen Fortgang / und bitte / sie wollen die
angefangne Freundschaft nicht in der Blüte ersticken lassen / sondern durch ein
Gruss-Brieflein zuweilen aufwehen / biss ich mich selber erkühne / meine
schuldige Aufwartung bei der Königin zu Sophoxenien abzulegen. Mein Herr darff
um die Fortsetzung einer Freundschaft nicht bitten / (versetzte Polyphilus) die
ich / als ein grosses Teil meines Glückes / zu erhalten / selbst verlange. Für
dissmal aber danke ich dienstlich / für die bisher genossene hohe Begünstigung:
nichts mehr wünschend / als dass ich einige Gelegenheit erleben möchte / mein
dankbares Gemüt / in ihrer Bedienung / sehen zu lassen. Hierauf wendete er sich
zu Julietta / küste ihr die Hand / und bate / seinem unhöflichem Geschwätze zu
vergeben / auch derer Fehler / die er in seiner Aufwartung begangen /zu
vergessen / und ihme künftig nur die geringste Stelle unter denen zu gönnen /
welche sie ihrer Gedächtnus würdigte. Nachdem diese hinwiederum vor geleistete
Gesellschaft und höfliches Zusprechen sich bedanket / giengen sie sämtlich mit
ihnen hinunter in den Hof des Schlosses: da diese nochmals höflich Abschied
nahmen / zu Pferd sassen / und ihres Wegs ritten.
 
                                Siebender Absatz
Die Reisende reiten mit frühem Tag wieder fort / und erfahren vom Servetus / der
ihnen begegnet / neue Zeitung von Macarie. Diese wird von der Adalgis besucht /
  und vor des Polyphilus Liebe gewarnet: worauf sie sich und ihn entschuldigt.
Ihre Klage / und Entschliessung vor den Polyphilus. Die Königin lässt ihr / durch
die Phormena / dessen Wieder befreiung ankünden: und wird sie / von dieser / in
                     der Liebe zum Polyphilus / gestärket.
Kaum waren unsre Reisende eine Stunde / und zwar /teils wegen des kurtzen
Schlaffs / teils wegen verliebter Gedanken / in der stille geritten / da sahen
sie den Servetus ihnen entgegen kommen; da dann Polyphilus sobald auf ihn zu
eilte / und fragte / wie es zu Sophoxenien stehe? Allgut! (gabe Servetus zur
Antwort) die Königin und Melopharmis / sind über ihrer Erledigung sehr erfreuet
/ und erwarten mit Verlangen ihrer Widerkunft. Was hat man dann vor Zeitung von
Macarie: (fragte Polyphilus ferner) ist nichts Neues vorhanden? Nichts!
(versetzte Servetns) auser dass die Königin / aus Raht der Melopharmis / heute
die Phormenam zu ihr abgesendet. Das ist neues genug! (sagte Polyphilus) aber
was wird ihre Verrichtung sein? Das hab ich nicht erfahren können / (sagte
Servetus) wie sehr ich mich auch darüm bemühet. Was meint  aber ihr / (sagte
Polyphilus zum Agapistus) dass in dieser Sache zu tun sei? Das beste ist /
(begegnete ihm Agapistus) wir senden den Servetus zur Phormena nach Soletten /
und lassen sie wissen / dass wir / auf dem Wege nach Sophoxenien / ihrer warten
wollen: damit sie sich daselbst nicht aufhalte / und wir also /noch vor unsrer
Ankunft / die Ursache ihrer Reise erfahren.
    Der Raht ist gut! (sagte Polyphilus) eilet ihr nur /Servetus! solchem
nachzukommen / vielleicht kommet auch Macarie / in Begleitung der Phormena / uns
entgegen. Freilich (erwiederte Agapistus) wird Polyphilus noch heute die Macarie
sehen: reitet nur zu /Servetus! ehe ihr den Markt versäumet; wir haben doch auch
heut / um ihret willen / das Bette verlassen müssen. Sie verdienet wohl ein
mehrers! (war des Polyphilus Widerrede) verrichtet ihr / was euch befohlen
/Servetus! ich will mit dem Agapistus wohl zu recht kommen. Also nahm Servetus
Abschied / und eilte nach Soletten. Sie aber folgten allmählich nach / und zwar
Polyphilus / in so verirrten Gedanken / dass er so wohl bei der Mittags-Malzeit /
als auf dem Weg /mehr dichtete / als redte: welches Agapistus warnehmend / ihn
nicht verstören wollte. Auch wir wollen ihn in seinen Gedanken dahin reiten / und
dieselben ungeantet lassen / weil sie ohne das / wegen der Menge /nicht wohl zu
beschreiben sind: und unterdessen sehen / was zu Soletten vorlauffet.
    Daselbst entielte sich / eine betagte und vernünftige Matron / welche /
wegen ihrer Jahre und willfährigen Freundlichkeit / von Macarie jederzeit vor
eine Mutter geehret worden. Diese hatte so viel ungleiches von Polyphilus Leben
und Gefängnus (dessen Ruf nun auch dahin gekommen war) vernommen / dass sie / aus
Freundschaft / nicht unterlassen kunte / die Macarie vor ihrem hereinbrechenden
Unglück zu warnen. Demnach verfügte sie sich / mit dem Vorwand einer Besuchung /
zur Macarie: welche / seit dem sie den lezten Brief an den Polyphilus
geschrieben / in stätem Kummer / wegen seiner Gefängnus / lebte /und alle Sunden
einer frölichen Zeitung erwartete. Nach höflichem Empfang / führeten sie
allerhand Gespräche / biss Adalgis (also hiesse die Matron) anfragte: ob dann
Macarie nun bald der Insul Soletten sich entziehen / und eine andere Art zu
leben erwählen würde? Da weiss ich nichts von! (gab Macarie zur Antwort) Ich bin
nunmehr der Einsamkeit gewohnt /und gedenke sie / ohn wichtige Ursache / nit zu
andern.
    Warum stellet sie sich so unwissend? sagte Adalgis. Wäre diese Sache so
ungewiss / als sie vorgibt /so dürffte ich mich noch erkühnen / einen Stein der
Warnung ihr in den Weg zu werffen. Weil sie sich aber der Liebe schon allerdings
ergeben / als werden vielleicht meine Worte / nicht allein vor tanben Ohren
erschallen / sondern auch / wo nicht Zorn und Widerwillen / doch Reu und Furcht
erwecken: Daher ich lieber schweigen / und zu solcher Freundschaft Glück
wünschen will. Macarie! welche diese Worte mit Schrecken angehöret / liesse sich
doch nichts merken /sondern sagte hinwiederum: Meine geehrte Frau Mutter! (dass
ich mich dieses Namens / wegen ihrer Freundlichkeit und Wolmeinung gebrauche)
ihre Rede kommet mir sehr entsetzlich vor / weil ich nicht weiss / wohin sie
damit zielet. Der Himmel wolle mir ja nimmermehr eine solche Torheit gestatten /
dass ich eine unbesonnene Liebe erwählen / und mich weder vernünftigen Raht /
noch wolgemeinte Warnung /davon sollte abwenden lassen: welches ja der nächste
Weg zum Verderben sein würde. Meine geehrte Frau versichere sich / dass ich viel
lieber in der Einsamkeit sterben / als wider Vernunft und Raht lieben will. Man
wolle doch mehr meinem aufrichtigen Bekäntnus / als der müsigen Leute Reden /
gläuben. Sie beraube mich auch nicht ihres verständigen Einredens: ich werde
demselben / in schuldigem Gehorsam /Folge leisten.
    Weil ich diese Rede / (antwortete Adalgis) vor rechte Warheit halte / kluge
Macarie! als gebe ich ihr hierauf zu wissen / wie dass Polyphilus / der sie
liebt / und ihre Gegen-Liebe verlanget / von dem Gerüchte aller Orten / sehr
verhasst herum getragen wird: weil er nicht allein / den Mord Phylomati noch
nicht von sich abgeleinet / und / an statt gerichtlicher Verantwortung / ganz
verzweiffelt (welches nicht ein geringes Merkmahl ist eines verzagten und
überzeugten Gemütes) sich in den Fluss gestürtzet / sondern auch / aufs neue /
wegen einer Mordtat gefangen liget. Uber das / ist sein Geschlecht und
geführter Wandel ganz unbekant / und wird / die Erlösung von Sophoxenien / bei
allen Verständigen / nicht in geringem Argwahn der Zauberei gehalten. Ist
dannenhero sehr gefährlich / sich mit ihm in Freundschaft einzulassen. Ob ich
nun wohl weiss / dass sie selber viel vernünftiger und vorsichtiger ist / als
dass sie wissend- und vorsetzlich / sich einem so verrufften Menschen vertrauen
sollte: Jedoch / weil der Dampff der Liebe gemeiniglich das Liecht des Verstandes
vernebelt / auch nicht jederman so kühn ist / eine so verdriessliche Zeitung vor
ihre Ohren zu bringen: als habe ich / in der Zuversicht ihrer Vertraulichkeit /
solches wagen / und mit dieser Erinnerung einkommen wollen.
    So bedenke sie dann diese Sache wohl / liebste Macarie! dann alles Tun
dieses menschlichen Lebens /ist unbeständig und dem Wechsel unterworffen: aber
der Ehestand bleibet stehen / oder stürzet uns / in seinem Untergang / auch mit
zu Boder. Ist derowegen billig / dass man oft erwäge / was nur einmal kann
beschlossen werden. Und wann sie ja Lust zu heiraten hat / warum erwählet sie
nicht den Eusephilistus: der sie so aufrichtig liebt / und dessen gutes
Geschlecht /Vermögen / und Gemüte ihr allerdings bekant ist? Ein fremder Freier
betreugt / oder wird betrogen: und ist nichts gefärlichers / als in dieser
Handlung / daran unsere ganze zeitliche Wolfart hanget / dem blossen Ansehen
oder Worten glauben. Sie ist ja / schöne Macarie! die Zier der Insul Soletten /
und der Ruhm aller hiesigen Inwohner / wird auch von denselben / ihrem Verdienst
nach / geehret und bedienet: Warum wollte sie dann ihre Ehre mit eines andern
Schande beflecken / ihre so gewogne Freunde verlassen / und in einem unbekanten
Lande Herberg suchen? Ich bitte nochmals / wo es sein kann / mit dem Versprechen
inn zu halten / und meiner treu-gemeinten Warnung statt zu geben.
    Macarie / hatte diese Rede mit nicht geringer Bestürtzung vernommen / und
gabe folgendes zur Antwort: Gewogne Frau Mutter! ich rühme billig die
Aufrichtigkeit ihrer Freundschaft / die mir so unverfälscht entdecket / was mir
gefährlich zu sein scheinet. Ich verspreche auch / solchem schuldige Folge zu
leisten / und mich viel eher mit dem Grab / als mit einem lasterhaften Menschen
zu vermählen. Gleichwol zwinget mich die Billigkeit / dieauchder Feinde Recht
befördert / den Polyphilus / den ich noch zur Zeit weder zu lieben / vielweniger
zu heiraten / entschlossen bin / sowohl wegen Ermordung des Philomati / als
wegen dieser Gefängnus / mit gewisser Nachricht zu entschuldigen. So wird auch
die Erlösung von Sophoxenien / ohne sein wissen und befördern / vor zauberisch
gehalten. Die Tugend stehet fest bei der Warheit / und lässet sich weder Gunst
noch Feindschaft / sie zu beschützen / abhalten. Ich habe /in der wenigen
Kundschaft / die ich mit Polyphilus gehabt / wiewohl sie gar gross ausgegeben
wird /keine Laster / sondern vielmehr / ein Kunst- und Tugend-begieriges Gemüte
wargenommen: halte ihn demnach / der aufgebürdeten Ubeltaten / so lang
unschuldig / biss ich davon ein gewissers Zengnus erhalte / oder genäuer
nachzufragen Ursach bekomme. Ich kehre mich auch nicht an das gemeine Geschrei:
dann meine geehrte Frau weiss selber / wie ungewiss solches sei / und wie der
verstand-lose Pöfel allezeit dem Glück nachäffet / und die jenige / so von ihm
erhaben / noch höher zu setzen / die aber / welche verstossen werden / vollends
in das Verderben zu stürtzen suchet. Doch will ich ihn auch nicht weiter / als
mir wissend / verteidigen / sondern ihn bleiben lassen /wer er ist. Inzwischen
begehre ich weder ihn / noch den Eusephilistus (welchen ich keineswegs verachte
/und nur mich seiner Liebe unwürdig schätze) zu lieben / sondern gedenke in der
sichern Einsamkeit zu verharren. Meiner geehrten Frau Mutter aber / danke ich
nochmals / vor ihre getreue Vermahnung / und werde dieselbe nach Müglichkeit
verschulden.
    Diese Rede / wie sie von Macarie gar bescheiden vorgebracht wurde / also
erweckte sie in Adalgis ganz andere Gedanken / dass sie solche billigte / und
sagte: Ihre sittsame Antwort / Tugend-gezierte Macarie! ist freilich viel
vernünftiger / als die Anklage der gemeinen Menschen / die nur nach dem
äuserlichen Ansehen / welches sehr betrüglich ist / urteilen. Nun zweifle ich
nicht / sie werde in diesem Beginnen /mehr der Klugheit und Tugend / als der
verblendten Liebe folgen; und bitte / mir meine unnötige Vorsorge zu vergeben /
mit dem Versprechen / dass ich hinwiederum ihr Vorhaben nach aller Müglichkeit
befördern wolle.
    Macarie / bedankte sich für den freundlichen Willen / und schiede Adalgis
von dannen / die Macarie in tausenderlei Gedanken hinterlassend / wie doch ihre
Liebe noch ablauffen würde. Was habe ich doch / (gedachte sie) endlich zu hoffen
/ oder zu fürchten? Soll ich den Polyphilus / wider aller Menschen Raht und
Willen / lieben? das ist gefärlich. Soll ich die Insul Soletten / welche mich
eine geraume Zeit glückseelig versorget / verlassen / und in einem fremden Land
Herberge suchen? das ist bedenklich. Soll ich den Eusephilistus / dessen Liebe
ich / mit Frolocken dieser ganzen Insul / geniessen könnte / verwerffen? und den
verhassten Polyphilus / zu meinem Verderben / erwählen? Wer wird dann künftig
mitleiden mit meinem Unglück haben? Adalgis hat freilich recht geredet. Dann was
mangelt dem Eusephilistus: dass ich lieber mit Polyphilus im Elend / als mit ihme
im Wolstand sollte leben wollen? ist er nicht eben so ein wohlgestalter Mensch /
als jener? Liebet er mich nicht eben so beständig als jener? Ist er nicht von
eben so höflichen und zierlichen Gebärden und Worten / als Polyphilus? Wer saget
mir dann / ob Einfalt und Warheit / oder List und Kunst / höher zu schätzen
seien?
    Ach Himmel! (rieffe sie ferner) zeige mir doch einen Weg / dieser
Gefärlichkeit zu entrinnen / und das sicherste zu erwählen. Doch was mache ich?
habe ich nicht einmal versprochen / den Polyphilus vor Eusephilistus zu lieben?
worzu dienet dann dieses vergebliche Wehlen? Ich habe ja gelernet / das Glücke
/wegen der Tugend / zu verachten: Warum wird mir dann die Ubung so schwer? und /
wie darff ich mich auch erkühnen / eine Vergleichung zwischen diesen beeden
anzustellen? oder in welchem stück / setze ich Eusephilisten dem Polyphilus an
die seite? Nein! nein! liebster Polyphilus! Ihr allein seit würdig / des Ruhms
eines vollkommenen Liebhabers. Ihr allein sollet meiner Gunst geniessen / und
sollte ich noch so viel deswegen ausstehen. Darff ich nicht öffentlich lieben /
so liebe ich heimlich. Wer weiss / wie es noch ablauffet? das Spiel ist noch
nicht zu Ende. Das Glück küsset öffters / nach den Schlägen. So ist auch das
Unglück der Unbeständigkeit unterworffen / und wird von der Gedult / ohne Waffen
und Gegenwehr /überwunden.
                                       1.
Ich liebe mit Bestand / und lasse mich kein Leiden /
Wie viel sich dessen find /
Kein Unglück oder Not / von dir / mein liebes Kind!
Und deiner Liebe scheiden.
Die Furcht ist / bei Gefahr / gar übel zwar zu meiden:
Doch ist sie viel zu schwach / die Liebe abzuschneiden.
                                       2.
Es wird / der Funcken Glut / mit Asche zwar bedecket /
Und scheinet ganz vernicht:
Doch / komt ein kleiner Wind / so wird ihr helles Licht /
Von neuem aufgewecket.
Es wird die Liebes-Flam durch Unglück oft verdunkelt /
Die / wann sie Lufft bekomt / mit tausend Stralen funkelt.
                                       3.
Es ist doch gar umsonst / die Sinnen abzuhalten /
Die einmal schon verliebt.
Durch Hass und Hinternus / wird zwar das Herz betrübt:
Doch kann es nicht erkalten.
Dir bleibet es allein / Polyphilus! ergeben /
Und soll die ganze Welt umsonst darwider streben.
Eben hatte sie diese Zeilen zu Papier gesetzet / als ihre Dienerin ihr
ankündigte / wie Phormena sie zu besuchen angekommen: worüber sie in Hoffnung /
einige Nachricht von ihrem Polyphilus zu erhalten /nicht wenig erfreuet wurde.
Sie stunde behend auf /legte das Papier / damit es Phormena nicht warnehmen
möchte / auf eine seite / und wollte ihr entgegen gehen: die aber eben in das
Zimmer eintrate / und einen gnädigen Gruss von der Königin ablegte. Macarie name
solches mit tieffem Dank an / und fragte: durch welche Gelegenheit / sie dissmal
mit ihrer Gegenwart beglückt würde? oder aus was Ursach sie in dieser einsamen
Insul angekommen? Sie zu besuchen / (versetzte Phormena) auch auf Befehl der
Königin und Melopharmis / ihr zu verkünden / dass nunmehr Polyphilus / seiner
unschuldigen Gefängnus befreit / und auf der Heimreise begriffen / auch seine
eheste Ankunft / durch einen Boten / allbereit wissen lassen. Macarie wurde
zwar / über dieser Nachricht /mit unglaublicher Freude umgeben / wollte aber doch
selbige gegen Phormena / aus Misstrauen / nicht entdecken / sondern gab diese
kalte Antwort: Ob ich wohl von dieser Botschaft keinen Vorteil habe / so höre
ich sie doch gern / wegen der Billigkeit / die auch über anderer Wolfart mich
Freude schöpfen heisset. Aber / ist sie bloss deswegen herüber gekommen? Nein!
(begegnete ihr Phormena) sondern es lässet auch Melopharmis fleissig bitten /
dass sie / kluge Macarie! von dem verletzlichen Bericht / welchen sie /wegen des
Polyphilus / auf unwarhafte Zeitungen /und aus übereilter Mütterlicher Liebe
gegen ihren Sohn / jüngstin durch mich anbringen lassen / gegen dem Polyphilus
/ wann er sie zu besuchen kommet /nichts gedenken wolle. Sie erbietet sich
hingegen vor diese Willfarung / so wohl dem Polyphilus / als auch ihr selber /
schönste Macarie! zu ihrer beider bästem / nach allen Kräfften zu dienen.
    Diese Bitte (gab Macarie zur Antwort) kommet ganz unnötig / weil ich
vielleicht den Polyphilus nimmer wieder sehen werde / auch wegen der Gefahr und
Unruhe / darein mich seine Freundschaft gestürtzet /nach seiner Besuchung ganz
kein Verlangen trage. Uber dieser verächtlichen Rede zereifferte sich Phormena
dergestalt / dass sie mit zimlicher Bewegung antwortete: Ich weiss nicht / soll
ich diese Antwort /einem Hass gegen dem Polyphilus / oder einem Argwahn gegen mir
/ zuschreiben? Ist es meinetwegen /so lebe sie versichert / dass ich dem
Polyphilus mit gebürlicher und aufrichtiger Freundschaft zugetan bin / und
seine Liebe gegen ihr nicht allein billige /sondern auch / so viel an mir ist /
befördern will. Und ob ich schon neulich etwas fremd von ihm geredet / so ist
doch solches / vielmehr aus Gehorsam gegen der Königin / und aus Fürwitz /
Macarien Liebe gegen ihm zu prüfen / als aus Feindschaft und Widerwillen
/hergeflossen / wie ich ihm auch selber erzählen will. Hat sie also an meiner
Treue nicht zu zweiffeln /oder deswegen gegen mir behutsam zu reden.
    Solten aber ihre Worte / geehrte Macarie! (sagte sie ferner) aus Verachtung
gegen dem Polyphilus herrühren / so ist sie gewisslich eine Tyrannin / so wohl
gegen ihme / als gegen ihr selber / weil sie ihn vorsetzlich in Verzweiflung
stürtzet / und sich selber damit des allerwürdigsten Liebhabers beraubet. Sie
bedenke doch / Macarie! wie hoch er sie ehret / wie getren er sie liebt / wie
viel er ihrentwegen leidet /und wie wenig sie seines gleichen findet. Kan sie
seine Schönheit und Höflichkeit / seine Geschicklichkeit und Tugend / seine
Liebe und Beständigkeit / und die Gedult / mit welcher er alle ihre Grausamkeit
und Verachtung / eine so lange Zeit / vertragen / nicht zur Gegen-Liebe und
Mitleiden bewegen / so ist sie warhaftig wilder dann ein Tyger / und
unbeweglicher als ein Felse / wird auch solche Unbarmhertzigkeit mit spater Reue
büssen. Sie vergebe mir / schönste Macarie! die Hefftigkeit dieser Worte / und
erwäge mehr die Gerechtigkeit / welche sie führen / als die Künheit / die sie
begleitet. Sie lasse nit / unter den vielen Tugenden / so in ihrem Gemüte wohnen
/ die schändliche Undankbarkeit nicht einschleichen; sondern gebe vielmehr / der
Gewogenheit gegen dem Polyphilus / denselben Platz ein / und erfreue mich mit
einem freundlichen Gruss an ihn / damit ich eine angeneme Botschaft bringen
könne.
    Wer ist nun übler daran / als Macarie? die in einem Tag auf so ungleiche Art
/ gestraffet wird / und sonsten mehr des Ruhms / als der Strafe gewohnt gewesen.
Es ist doch wahr / dass ein verliebtes Gemüte jedermans Spott oder Verachtung
sein / und oft so ungleichen Raht anhören muss / dass es mehr in Verwirrung / als
in Sicherheit geleitet wird. Wäre es auch Wunder gewesen / wann sie sich über
diese unbestellte Hofmeisterin erzürnet / und ihr eine schimpfliche Antwort
erteilet hätte? Aber Macarie ist viel zu gedultig / die Phormena zu beleidigen;
und viel zu verliebt / sich an der Beschützerin ihres Polyphilus zu rächen:
deren Straffe ihr so angenehm war / dass sie auch einen Trost darin fand.
Geehrte Phormena! (gabe sie ihr zur Antwort) Ihre behertzte Rede / ist ein
beglaubter Zeuge / dass sie dem Polyphilus sehr geneigt sei. Und ob ich wohl viel
dagegen sagen könnte /so wäre ich doch willig / ihr zu folgen / wann nur andere
nicht so stark dagegen redten. Sie zwar heisset mich den Polyphilus lieben / und
meint  / dass ich im Gegenteil unbillig und tyrannisch handle. Aber /noch heute
/ ist eine verständige Matron bei mir gewesen / und hat durch allerhand Ursachen
mich bereden wollen / dass ich mit solcher Liebe unvernünftig /gefärlich / und
schädlich verfahren würde. Welchen Weg werde ich dann nun / ohne Laster /
betretten? Bleibe ich nicht viel sicherer in der Einsamkeit stehen / / als dass
ich eine so gefärliche Strasse wandele /und diese zweiffelhafte Liebe erwähle.
    Wann nicht die jenige / (gab Phormena hinwiederum zur Antwort) welche ihr
die Liebe des Polyphilus gefärlich und schädlich vormahlen / mehr aus
Feindschaft / und unwahrem Geschrei / als aus Aufrichtigkeit und Wolwissen
redeten / so würde sie billig in Zweiffel gesetzet. Allein sie weiss / geehrte
Macarie! wie der unschuldige Polyphilus / von den Inwohnern dieser Insul /
jederzeit wider Verdienst / gehasset und verfolget worden. Sie hat auch sein
tugendhaftes Gemüt aus so vielen Umständen erlernet / und wird leichtlich
schliessen / was warhaftig / oder aus Affecten geredt sei. Aber was führen sie
dann vor Ursachen ihrer Verwarnung? Und aus welchem Grunde schätzen sie die
Freundschaft des Polyphilus so gefärlich? Sie geben vor / (sagte Macarie) dass er
ein fremder / dessen Geschlecht und Leben unbekant / der auch schon zum andern
mahl / wegen eines Mords /gefangen lige / und durch die Erlösung des Schlosses
Sophoxenien / viel mehr verdächtig / als berühmt worden. Daher ich viel sicherer
/ den Eusephilistus in einem bekanten Lande / als diesen auf ein Unbekantes /
erwählen sollte. Ich dachte wohl / (versetzte Phormena) diss würde das Ziel sein /
darauf die vorhergehende Pfeile gerichtet waren / nämlich die Verstossung des
Polyphilus / und die Erwählung des Eusephilistus. Die andere Beschuldigungen /
haben keiner Widerlegung vonnöten / weil sie / kluge Macarie! selber weiss /
dass Polyphilus aller solcher Auflagen unschuldig. Demnach wird sie dergleichen
parteiliche Ratgeber verwerffen / und mehr nach ihrer eignen Wissenschaft /
als nach diesen falschen Anklagen verfahren.
 
                                 Achter Absatz
   Talypsidamus komt / mit dem Servetus / der die Melopharmis abfordert / zur
 Macarie; welche jener das Geleit gibet / in Hoffnung / den Polyphilus auf der
Strassen zu finden. Dieser erwartet der Melopharmis im Walde / und bekomt seine
  Macarie nicht zu sehen / die ihm doch so nahe gewesen. Sein Klage hierüber.
         Seine und seiner Reiss-Gefärten Wieder-Ankunft in Sophexenien.
Macarie wollte der Phormena wieder antworten /wurde aber / durch des Servetus und
Talypsidamus Ankunft / verhintert; welche beede / so unverhofft hinein traten /
dass sie etwas erschrocken fragte: Was bedeutet diese geschwinde Besuchung /
geehrter Herr Vetter? Alles guts! gabe Talypsidamus zur Antwort. Ich bin dem
Servetus ungefehr begegnet / und weil ich von ihm erfahren / dass Polyphilus
erledigt / und Phormena bei Macarie sei / habe ich / diese zu erfreuen /und jene
zu bedienen / mit hieher kommen wollen. Daran hat er wohl getan / (sagte
Macarie) und soll von mir schönen Dank haben. Er lasse ihm aber belieben / ein
wenig bei uns zu sitzen / und des Servetus Botschaft zu vernehmen. Sie wird bald
abgeleget sein / (versetzte Servetus) und bestehet bloss in einem freundlichen
Gruss vom Polyphilus / neben der Bitte /dass Phormena mit ihrer Zurükkunft eilen
wolle / weil er / auf dem Wege nach Sophoxenien / ihrer wartet /und / vor seiner
Widerkunft zu der Königin / sie zu sprechen verlanget. Liget es nur an mir /
(sprach Phormena) so will ich nichtes hintern.
    Damit stunde sie auf / und bate die Macarie um Vergebung / wegen ihrer
kühnen Erinnerung: welche sich hingegen vor ihre Aufrichtigkeit bedankte / und
neben einem gehorsamen Befehl und schönen Gruss an die Königin / an Melopharmis /
und den Polyphilus /zu bevorstehender Reise Glück wünschte. Wollen wir dann
nicht (fragte Talypsidamus) bei so schönem Wetter / die Phormena etwas
begleiten? Ich bin es zwar willens gewesen / (sagte Macarie) habe es aber allein
nicht wagen wollen / und werde in seiner Gesellschaft gern mitgehen. Es ist zwar
unnötig / (sagte Phormena) dass sie sich meinetwegen bemühen sollen. Wann es
ihnen aber also gefället / so wollen wir den Servetus voraus schicken / und mein
Pferd / das ich an dem Ufer bei einem Jungen gelassen / biss an den Ort / da sich
der Weg auf Sophoxenien scheidet /bringen lassen. Wol! sagte Macarie / als in
der Hoffnung / ihren Polyphilus zu sehen / über diesen Vorschlag hoch erfreuet)
sie bestelle es / so gut es sein kann.
    Also sandten sie den Servetus / das Pferd vor zu führen / sie aber spazirten
allmählich hernach / und als sie / durch Hülffe des Talypsidamus / übergefahren
/ giengen sie eine zeitlang unter mancherlei Gespräch / und musste Phormena dem
Talypsidamus alles erzählen / was sich biss daher mit des Polyphilus Gefängnus
zugetragen / und wie es zu Sophoxenien aufgenommen worden; dessen er sich dann
sehr verwunderte / und wegen Polyphilus sein Mitleiden bezeigte. Macarie
hingegen / hörte zwar diese Erzehlung mit an / ging aber doch immer in den
Gedanken / ihren Polyphilus zu ersehen: deswegen sie wenig redete /und mehr mit
den Augen / als mit der Zungen arbeitete. Aber ihr Hoffen war umsonst / weil das
Glück noch keine Ohren hatte / ihre Seufzer anzuhören / und sie / als sie bald
einander erreichen wollten / wieder von einander risse. Dann als sie an die
Stelle kamen /wo Servetus mit dem Ross ihrer gewartet / mussten die beide / weil
der Tag abnahme / wieder zurücke kehren. Also nahmen sie von Phormena Abschied /
und liessen sie / mit einem Gruss an den Polyphilus / in des Servetus
Gesellschaft fort reiten.
    Macarie kehrte nun wieder nach Soletten / und gienge / nachdem sie den
Talypsidamus vor seiner Wohnung gesegnet / gar traurig in ihre Behausung /alda
sie ihre betrogne Hoffnung mit diesen Zeilen beklagte.
Wie nichtig ist der Wahn / der meinen Sinn geblendet
Und mich verführet hat / als ich so schnell gewendet /
Dort jenem Walde zu / die Augen voller Lieb:
Weil mein Polyphilus mir ganz verborgen blieb.
Ich habe hin und her / auf alle Weg und Strassen /
Nach dir / mein liebstes Herz! die Stralen schiessen lassen /
Doch leider / gar umsonst. Du bist zu weit davon.
Die Hoffnung hat gefehlt. Ich arbeit' ohne Lohn.
Ich musste / sonder dich und deine süsse Blicke /
Mein herz geliebtes Kind! nach langer Wart / zurücke.
O! allzuharte Tritt! die nur aus Lieb geschehn /
Und ohne Gegen-Lieb nach Hause wieder gehn.
Dergestalt sehnete sich Macarie nach ihrem Polyphilus / welcher / noch bei
früher Tagzeit / mit seinen Gefärten / auf der Solettischen Strassen angekommen
/ und nach seiner Liebsten sich umzusehen / etlichmal hin und her geritten war.
Weil er sie aber nicht ersehen kunte / und gleichwol / wegen allerhand Ursachen
/ ihm nicht näher zu der Insul trauete / banden sie sämtlich ihre Rosse an die
Bäume / und spazirten Agapistus und Tycheno in den Wald / Polyphilus aber legte
sich / teils aus Müdigkeit / dann sie waren stark geritten / teils auch aus
betrübtem Verlangen / auf eine Wiesen nider / allda der Phormena /und vielleicht
auch der Macarie / zu erwarten. Die nun wärmere Sonne hatte den Schnee von den
Feldern hinweg gelecket / und begunte an den blau-gewölbten Bogen / der Welt
aufs neue zu schmeicheln / auch mit ihren Stralen den Polyphilus zu erwärmen.
    Er nahme hiervon Ursach / sich seines Unglücks zu erinnern: Ach! sagte er /
du glückseeliger Erdboden! wie einen grossen Vorteil hast du mir abgelauffen.
Dann ob gleich deine Buhlschaft / die Sonne / ein Zeitlang mit dir gezürnet /
und dir den Rücken gekehret / so kommet sie doch nun selbst wieder / und suchet
sich mit vielen lieblichen Blicken bei dir auszusöhnen. Aber / wann wird der
Winter meines Unglücks geendet / und das kalte Eis des Hasses / und der
Verfolgungen einmal geschmeltzet werden. Ach! dass doch auch meine Sonne dieser
ihrer Vorgeherin folgete / und mich / nach so langer Trübsal / einmal wieder
bescheinete! Dass doch Macarie / durch das Liecht ihrer schönen Augen / die
finstere Nacht meines Verlangens erleuchtete! so würde ich gleiche Zufriedenheit
mit der Erden geniessen / und auf einmal von zweien Sonnen erwärmet werden. Doch
/ wer weiss / ob nicht diese leblose Sonne / vor jener Trefflichkeit /
verbleichen / und von dem lebendigen Glantz der Macarie bezwungen / ihre Stralen
beschämet einziehen würde? Und die Warheit zu sagen / ich möchte es alsdann wohl
geschehen lassen: Dann bei meiner Macarie / habe ich Liecht in der dicksten
Finsternis / und Wärme im kältsten Winter.
    Diss waren damals des Polyphilus Gedanken / biss er endlich die Phormena auf
sich zu reiten sah: weswegen er aufsprange / und ihr eilends entgegen gienge.
Er hatte sie kaum willkomm geheissen / da sagte sie: Was liget ihr hier /
Polyphilus? Also hätte ich /wann ich ihr wäre / dissmal nicht gefanlentzet /
sondern wäre / Macarie zu grüssen / noch einen kleinen Weg gegangen. Polyphilus
über dieser Rede erschrocken / hielte sie aber doch vor schertz / und sagte: Ja
wohl! wie weit hätte ich gehen müssen. Nein fürwahr! (gab Phormena zur Antwort)
sie hat uns / neben dem Talypsidamus / biss an den Scheid-Weg begleitet /und ist
/ kaum einen Büchsenschuss von hier / wieder umgekehret. Ach Himmel! (sagte
hierauf Polyphilus) wie bin ich dann so schändlich geblendet! Ach! du ungetreues
Glück / wilt du dann nimmermehr aufhören / mich zu verfolgen? Wie oft bin ich
schon dieser so hoch-verlangten nahe gewesen / und du hast mich wieder zu rücke
geführet / dass ich selbst vor meiner Freude geflohen. Was meint  ihr / Phormena?
Wie /wann ich alsbald zu Pferd sässe / sollte ich sie nicht mehr ereilen? Gar
schwerlich! (versetzte Phormena) dann sie sind schnell fortgegangen. So haben
wir auch wenig Zeit übrig / wann wir noch mit dem Tag nach Sophoxenien kommen
wollen. Lasset euch vor dissmal mit einem Gruss / den sie mir anbefohlen /
vergnügen /und suchet andere Gelegenheit / sie zu sprechen / welches / wegen
allerhand Ursachen / höchstnötig ist. Wie so? (fragte Polyphilus / ganz
erschrocken) ist vielleicht wieder eine neue Verwirrung vorhanden? Phormena
erzählte ihme hierauf alles / was sie mit ihr geredet / und wie sehr man sich zu
Soletten bemühe /ihn durch schädliche Nachreden verhasst / hingegen den
Eusephilistus beliebt zu machen. Polyphilus kehrte sich zum Agapistus / welcher
mit dem Tycheno inzwischen hernach kommen war / und sagte: Hat mir nicht mein
Traum recht geweissaget? und bin ich nicht unter die mörderische Verleumder
gefallen? Ach! dass ich nicht noch heute mich entschuldigen soll! wie werde ich
diese Nacht mit Sorge und Angst zubringen müssen! Ey / mein Freund! (gab
Agapistus zur Antwort) er gebe sich doch zu frieden! kann er seine Macarie doch
bald besuchen / und ihr den Verdruss benemen: wann wir nur diesen Abend bei der
Königin gewesen / so können wir schon morgen eine Ursach finden / eure
Abwesenheit zu entschuldigen.
    Aber saget mir / geehrte Phormena! weswegen ihr dissmal die Macarie gesehen?
Die eigentliche Ursache / (gab Phormena zur Antwort) wann ich sie offenhertzig
bekennen soll / und von so vertrauten Freunden die Verschwiegenheit hoffen darf
/ ist die Furcht /so wohl der Melopharmis / als der Königin selber. Dann / weil
sie / die erste Zeitung von eurer Gefängnus und von der gezeiheten Mordtat des
Polyphilus /mit etwas hönischen Worten / bei der Macarie / durch mich /
anbringen lassen / (wiewol ich selbiger Botschaft gern befreit sein mögen / wo
nicht der Gehorsam gegen Atychintide / und das Verlangen / der Macarie Liebe zu
prüfen / mich zu der Folge getrieben hätte) als hat Melopharmis / so bald sie
von dem Boten ihre Erledigung und Wiederkunft vernommen /bei der Königin
angehalten / mich wieder nach Soletten zu schichen / und ihre vorige Botschaft
bei Macarie entschuldigen zu lassen: damit sie nicht derselben gegen den
Polyphilus / wann er sie etwan besuchte /erwähnen / und ihme zu Zorn und Rache
Ursache geben möchte.
    Das stehet gar schön / (sagte hier auf Polyphilus) wann man das / was die
bosshaftige Rache / und die übereilte mütterliche Liebe / welche zwar leichter
als jene zu entschuldigen / verbrochen / also widerruffen muss. Aber wie hat sich
Macarie / in dieser Versuchung / erwiesen? Viel klüger / als ich jemals glauben
können: (antwortete Phormena) daher auch die Königin über ihrer Antwort
erstaunet / und gezwungen bekennen müssen / dass der vortrefflichsten Macarien
bei dem weiblichen Geschlecht keine zu vergleichen sei. Sie hat aber hierbei
auch einen Argwahn in meine Aufrichtigkeit gesetzet / also dass ich grosse Mühe
gehabt / mich aus diesem Verdacht zu bringen.
    Hierzu hat sie (sagte Polyphilus / den der Ruhm seiner Macarie sehr
ergetzet) wegen eurer Heuchelei /grosse Ursach gehabt: Aber wir verlieren die
Zeit /über diesem Gespräche. Es ist nun die Frage / wer von uns erstlich /
Phormena oder wir / zu Sophoxenien ankommen soll? Weil wir geschwinder reiten
können / (sagte Agapistus) so wollen wir Phormena ein wenig zu rück lassen / und
voran reisen. Wohl! (versetzte Polyphilus) so lasse sie ihr dann / getreue
Phormena! die Zeit nichtlang werden: wir wollen doch / so der Himmel günstet /
diesen Abend wieder beisammen sein. Es ist gut! (sagte Phormena) nur dass Tycheno
gegen seiner Mutter nichts von meiner Erzehlung gedenke. Ach! dieses ist eine
unnötige Sorge / (sagte Tycheno) weil ich den Polyphilus so sehr als meine
Mutter liebe / und ihn ihrentwegen nicht erzürnen werde.
    Also nahmen sie von der Phormena Abschied / und ritten mit dem Servetus nach
dem Schloss. Unterwegs / bedachte Polyphilus seine Versäumnus / dass er / fast
einer Stunde lang / auf der Wiesen gelegen /und seine Liebste / die sich / ihn
zu sehen / so weit bemühet / ungetröstet zu rück gehen lassen. Was für ein
wunderbares Verhängnus / (sagte er bei sich selber) muss in unserer Liebe / die
doch nichts als Tugend verlanget / regiren? Was vor ein Gestirn / muss doch also
ihren Fortgang verhintern? Oder / da ja alles durch die gerechte Vorsehung des
Himmels getrieben wird / was vor Ursache hat derselbe / uns auf so mancherlei
Art zu quälen? Wie viel tausend leben in vergnügter Liebe / die nicht halb so
viel Unglück /als wir / erlitten: und uns wird keine Ergötzung verstattet. Solte
doch die Gedult selber / in so vielfältiger Widerwärtigkeit / ihrer Natur
vergessen / und zu Widerwillen verleitet werden!
O! Schöpffer / dessen Hand das Sternen Zelt regiret /
Und aller Menschen Tun mit ihrem Zügel führet!
Der mit gerechter Macht und weiser Ordnung ühret /
Was er auf diesem Rund / und in der Höh regiret:
Wie lange wilt du doch / so unerbittlich sein /
So hart und unbewegt / zu wenden meine Pein?
Bald mehrt / des Neides Gift / in mir die Furcht und Pein:
Bald muss ich unbewust / mir selbst zu wider sein.
Es sucht Gewalt und List / zu schaden meinem Lieben:
Und diss nicht ungefähr; es wird von dir getrieben.
Durch dein Verhängnus ward ich vormals weg getrieben /
Ich muss auch biss auf heut noch unvergnüget lieben.
Doch was soll dieser Streit? das beste / ist Gedult.
Der Krieg ist voll Gefahr. Die Demut bringt Huld.
Drum schaffe / was du wilt / und lass mir deine Huld.
Ich weiss / du bist gerecht. Nur bitt ich um Gedult.
Dieses verfärtigte Polyphilus in seinen Gedanken /welche ihm Agapistus mit
Willen frei liesse: biss sie bei dem Schloss so unvermutet ankamen / dass sie
/sonder Warnchmung einiges Menschen / in den Vorhof einritten. Daselbst ersah
sie der Edelman / den die Königin zu ihnen ins Gefängnus geschicket hatte /und
sagte es eilends der Atychintide / welche mit Melopharmis in ihrem Zimmer der
Phormena Wiederkunft erwartete. Melopharmis voll Freuden / stunde alsbald auf /
und lieffe ihrem Sohn entgegen / der indessen mit seinen Gefärten abgestiegen
war. Sie fiele ihm um den Hals / und bezeigte mit tausend Tränen ihre
mütterliche Zuneigung: Worauf sie auch den Polyphilus und Agapistus willkomm
hiesse / von denen sie hinwieder höflich empfangen wurde. Die Königin war
indessen der Melopharmis nachgefolget / und hatte von oben ihrer Bezeigung /
nicht ohne Lachen /zugesehen. Der Ruff / von der Gefangnen Ankunft /erschalle
alsobald im Schloss / und machte auch / dass die beede weise Alten hervor kamen.
Die Königin liess den Polyphilus durch eine aus ihrem Frauenzimmer wissen / wie
dass sie seiner in ihrem Gemach warte: Der sich dann nicht lang säumte / sondern
mit dem Agapistus dieser Jungfer alsbald folgte; Da aber Melopharmis mit ihrem
Sohn ein wenig zu rück bliebe /und ihn viel Dings fragte.
    Polyphilus / nachdem er mit dem Agapistus in der Atychintide Zimmer getreten
/ begunte sie / nach abgelegter Ehrerbietung / also anzureden: Durchleuchtigste
Königin! wann das überstandene Unglück meiner Gefängnus nicht / mehr eine
unbillige Tyrannei /als eine verdiente Strafe wäre / sollte ich mich billich
schämen / mit solchen Lastern vor E. Maj. gerechten Augen zu erscheinen. Allein
meine offenbare Unschuld heisset mich behertzt herzu tretten / in der Hoffnung /
dass der Reichtum ihrer Gnade / durch ein unverschuldtes Leiden nicht erschöpfet
sein / sondern durch die Tugend des Mitleidens vermehret / ihren untertänigen
Diener vorig-genossener gnädiger Gewogenheit würdigen werde. Es wurde bei der
Königin / so wohl durch des Polyphilus Gegenwart / als durch seine Rede / ihre
törichte Liebe von neuem entzündet. Daher sie ihn mit halb-verliebten und
beschämten Augen ansah / und etlichmal die Farb veränderte / endlich aber aufs
freundlichst ihn also beantwortete: Gebet euch zu frieden / Polyphilus! ich bin
eurer Tugend und Unschuld gnugsam versichert / und habe eure unbillige
Verschliessung so verdrüssig empfunden / als frölich ich nun eure Wiederkunft
ersehen. Dem Himmel sei Dank / der euch erledigt und mir wieder geschenket!
Hierauf reichte sie ihme die Hand / und druckte die seine gar verliebt: Worauf
sie auch den Agapistus willkomm hiesse / und wegen erlangter Befreiung Glück
wünschte.
    Als indem auch die Melopharmis mit dem Tycheno ins Zimmer trate / gienge sie
ihm entgegen / und sagte: Seit willkommen / mein Sohn! von der harten Reise.
Kommet ihr mir doch gar lebhaft vor! was meint  ihr / Melopharmis? mich dünket
/ er sei indessen grösser und schöner worden? Was wäre es Wunder / Gnädige Frau!
(antwortet Melopharmis) weil auch ein Zweig nach dem Messer wächset / und / das
Holtz durch den Hobel schöner wird. So müste man /(sagte Atychintide) nach eurer
Meinung / auch vom Unglück zunehmen? Aber ihr selbst zeigt das Gegenteil: weil
ihr / von bissheriger Betrübnus / nicht stärker worden seit. Demnach scheinet es
/ der Landherr müsse sie so herrlich traetirt haben. Ach nein! (sagte Tycheno)
mich verlanget nicht mehr nach seiner Küchen. Die Königin fieng an zu lachen /
und sagte: warum / mein Sohn! hat er euch dann nicht wohl gehalten? Ja /
Gnädigste Königin! (versetzte dieser) nur gar zu wohl / sonst würden wir ihm
längst entronnen sein. Sihe da! (erwiderte Atychintide) seit ihr auf dieser
Reise so klug worden / so ist sie nicht vergeblich gewesen.
    Unter diesen Worten kam ein Edel-Knab / und berichtete die Ankunft der
Phormena: worüber die Königin sich etwas erschrocken anstellte / und die
Melopharmis ihr entgegen sendete / mit stillem Befehl an dieselbe / ihre
Verrichtung geheim zu halten. Aber Polyphilus / der bisher mit Cosmarite und
Clierarcha gesprachet / kunte sich nicht entalten / zu fragen: ob dann Phormena
wäre verreist gewesen / und von wannen sie käme? Atychintide antwortete / halb
errötet: Sie wisse gar nicht / wo sie gewesen / weil sie in ihren eignen
Geschäfften verreiset sei. Polyphilus lachte heimlich hierüber / den Agapistus
ansehend /inzwischen Phormena ins Gemach kame. Wie glückseelig ist dieser Tag /
(sagte die Königin) weil er alle Unsere verlorne und Verreiste wiederbringet. Ja
fürwar (antwortete Phormena) und hätte ich / so angenehme Gäste hier zu finden /
vermutet / wäre ich vielleicht eher angekommen.
    Wer weiss / (begegnete ihr Polyphilus) ob sie nicht eine liebere Gesellschaft
verlassen / als sie hier gefunden? Vor ihn / (sagte Phormena) dürffte sie wohl
lieber gewesen sein / aber vor mich schwerlich. Wie so? (fragte Atychintide sehr
erschrocken und furchtsam /dass sie ihre Botschaft verrahten möchte) was habt ihr
dann für Gesellschaft verlassen / die Polyphilus belieben sollte? Meine Baasen /
(versetzte Phormena) die er / als Jungfern / ohne Zweifel vielmehr / weder ich
/lieben wird. Auf diese Antwort / gab sich die Königin wieder zu frieden.
Polyphilus aber sagte / wie sie das glauben könne / da sie doch wisse / dass er
keine Jungfer / sondern nur die Witwen liebe? Die Königin liebkoste ihr selbst /
mit dieser Erklärung / sagte aber dennoch: Sie könne dieses schwerlich glauben /
es wäre dann / dass er die Macarie durch die Witwe verstünde. Ob nun wohl
Polyphilus dieses mit einem heimlichen Seuffzer bejahet / antwortete er doch /
mit gar fremden Gebärden: Er könnte sich nicht erinnern /wann er diesen Namen
hätte nennen hören / und habe / in diesem Unglück / aller Liebe / und aller
Veranlassung zur Liebe vergessen.
    Weil es Zeit zu speisen war / als gabe die Königin diese kurze Antwort: Was
man vergessen hat / mein Polyphilus! dessen kann man sich bald wieder erinnern.
Damit setzte sie sich zur Tafel / die andern ihr folgen heissend. Unter wärender
Malzeit fielen unterschiedliche Gespräche / und musste insonderheit Agapistus /
die ganze Handlung ihres Gefängnis / und wie wunderbarlich sie erlediget worden
/ erzählen: Da dann die Weisen des Richters Ungerechtigkeit bewunderten. Die
Königin fragte: Wie sie ihre Zeit im Gefängnis zugebracht hätten? Elend genug /
(gab Agapistus zu Antwort) und zwischen Furcht und Hoffnung: Daher ich zu tun
hatte / den Polyphilus zu trösten /und dem Tycheno in Gedult zu erhalten. Seid
dann ihr allein so standhaftig geblieben? Fragte Atychintide ferner. Ich ware
auch / Gnädigste Königin! (versetzte er) im leidlichsten Zustande / und weder
eines Mords beschuldigt / wie Polyphilus / noch des Unglücks so ungewohnt / als
Tycheno. Ich habe auch öffters mehr Hertzhaftigkeit sehen lassen / als ich
empfunden / und aus einem geängstigten Hertzen /mit frölichem Mund geredet. Das
ist schwer / (sagte Atychintide) und muss ich mich in dieser Kunst sehr
ungeschickt bekennen. Doch was lehret die Noht nicht / die von vielen der
sechste Sinn genennet wird? Also sprachten sie von ihren Abenteuren / biss die
Königin aufstunde / und sagte: sie wollte sie / nach so mühsamer Reise / der Ruhe
überlassen. Hierauf sie Abschied name / und sich nach ihrem Zimmer verfügte.
 
                                 Neunter Absatz
 Polyphilus er suchet die Macarie / durch ein Schreiben / ihm eine Besuchung zu
erlauben: die ihm solches durch ein Antwort-Schreiben / bewilliget. Ihre. Klage
/ und Gemüts-Verwirrung. Der Atychintide Gespräche / mit dem Polyphilus: welcher
            sich krank stellet / und heimlich nach Soletten reitet.
Polyphilus und Agapistus verliessen den Tycheno bei seiner Mutter / und giengen
gleichfalls mit einander nach ihrem Schlaf-Gemach. Sie hatten dasselbe kaum
erreichet / da sagte Polyphilus / was mache ich nun /mein Freund! dass ich zu
Macarie komme? mich wegen der Verleumdung zu entschuldigen / und ihr mein
Schäfer-Gelübde zu eröffnen? dann hier werde ich nicht lang dauern / weil ich
sehe / dass die Königin in ihrer vorigen Torheit fortfähret. Ihr habt ja gesehen
/ Agapistus! was sie mir diesen Abend vor Blicke verliehen. Pfuy der Laster! die
ein solches Alter beflecken! Agapistus lachte / und sagte: Er habe solches wohl
wargenommen / und wollte ihm selbst nicht rahten / lang da zu bleiben / weil doch
seine Gegenwart nur ihre Liebe vermehren würde. Was aber die Reise zu Macarie
belanget / (täte er hinzu) wird es gefärlich sein / sie ungefär zu überfallen:
teils wegen ihrer Furcht / teils wegen des Grams der Inwohner. Demnach wäre
mein Raht / man schriebe ein Brieflein / und schickte es ihr morgen / mit dem
Tag /durch Serveten: der alsbald Antwort / und zugleich Erlaubnus dieser
Besuchung zurück bringen könnte. Diesen Vorschlag liesse ihm Polyphilus gefallen /
und schriebe an Macarie folgendes:
                             Aller liebstes Hertz!
Nachdem der versöhnte Himmel / sich meiner wieder erbarmet / und mich nach
unbilliger Verschliessung /nunmehr in die Freiheit und nach Sophoxenien wieder
kehren lassen / befinde ich / dass die gefärliche Nachreden / so ich von Phormena
mir Unmut vernommen / zusamt der daher rührenden Furcht / auch andere wichtige
Angelegenheiten / welche diesem Papier nicht zu vertrauen / unsere
Zusammenkunft notwendig erfordern: die mich in meiner Angst trösten / und sie /
Allerliebste! in ihrem Zweiffel / (vielleicht auch vergeblicher Furcht)
aufrichten möchte. Zwar habe ich gestern die nichtige Hoffnung mich betören /
ja verführen lassen / dass ich der widerkehrenden Phormena entgegen geritten /
vermeinend / euch / mein Kind anzutreffen: allein / die wiedrige Zeit und das
verhasste Unglück / haben meinen verdunkelten Augen den Schein ihres Verlangens
entnommen / und dagegen tausend Betrübnis dem Herzen gegeben. Mein liebstes Kind
kann leicht gedenken / mit was Kummer ich mein Pferd wieder wenden müssen; wie
ich die Zeit und das widrige Glück verflucht / welches mir durch seinen Betrug
den Weg verleget / dass ich nicht zu derselben gelanget / die sich doch etwan
meinetwegen so weit heraus bemühet / und / welches mich am meinsten schmerzet /
sich vergeblich bemühet. Ach schönstes Kind! leget mir die Schuld nicht bei /
die ich nicht ändern können. Gleichwol muss ich sehen / wie die Widerwärtigkeit
des Glückes / unser Lieben / zum Ziel seiner Grausamkeit gesteckt: indem es uns
so nahe zusammen geführet / dass ich dieselbe meiner Gegenwart auch durch einen
Piststol Schuss verstandigen können und dannoch die Zusammenkunft verwehret.
Nun! ich muss leiden / und zu frieden sein mit allem / was der Himmel über mich
beschlossen / und mich damit trösten / dass etwan / zu Verhütung böser Nachreden
/ das Glück es so gefüget habe: als welches mehr eine geheime als öffemliche
Zusammenkunft / und sonderlich denen erteilet / die sich uns gleichen / in
einer solchen Liebe / davon jederman seine müssige Zunge reden / und seinen
verbossten Sinn raten lässet. Welcher Ursache wegen /ich eben ihre Gegenwart
häfftig verlange: die sie mir hoffentlich nicht versagen wird / sondern / ihrem
erleuchten Verstande nach / mir eine Zeit eröffnen / die uns beide heimlich
beseelige. Indessen / allerliebstes Kind! lasse sie sich durch keine falsche
Reden verführen / sondern wäge selbige zuvor ab / mit dem / wessen sie von
meiner Wenigkeit / durch eigne Erfahrung / versichert ist: alsdann wird sie
leicht verstehen / was ein wolgemeintet Raht / oder ein lasterhaftes Zeugnus zu
nennen sei. Alle Kümmernus aber ihr völliger zu benehmen / bitte ich nochmals /
mich mit ihrer erwünschten Gegenwart zu erfreuen / weil ich /doch / sonder sie
zu sehen / nicht länger lieben kann. Sie lebe wohl / meine Allerschönste! und
liebe ihr Eigentum / den biss zu ihrer Gegenwart bekümmerten
                                                                     Polyphilus.
Diesen Brief gabe er dem Servetus / mit Befehl / selbigen des andern Tages der
Macarie zu überbringen /und / so bald es müglich / mit einer Antwort zurücke zu
kommen. Hierauf begabe er sich mit dem Agapistus zu Ruhe. Wiewol er / auch aus
Furcht / Macarie möchte ihme die Besuchung versagen / und dem Verleumden gläuben
/ wenig schlaffen kunte. Daher er /folgenden Morgens / mehr verdüstert / als
munter /wieder aufstunde / und selbigen Tag mit der Atychintide verdriesslicher
Gesellschaft zubringend / auf der Macarie Antwort begierigst wartete.
    Es war aber Servetus sehr früh / und noch im dunkeln / der Morgenröte zuvor
kommend / abgelauffen /also dass er mit früher Tagzeit zu Soletten ankame /und
die Macarie an einem künstlichen Gewirke arbeitend fand. Er grüste sie demütig
/ und überreichte ihr / neben einem schönen Gruss / den Brief seines Herrn:
welchen sie / nach freundlichem Dank / mit Freuden erbrache und ablase / und
über dessen Begehren sich etwas bestürzt erzeigte. So will dann Polyphilus /
(fragte sie den Bringer) zu mir kommen? Wann es die schönste Macarie erlauben
wird: antwortete Servetus. Was werden aber (versetzte Macarie) die hiesige
Inwohner darzu sagen? Müssen sie es dann eben erfahren? (sagte Servetus) Er kann
sich ja /wie das letzte mal / verkleiden / und in einem Gastof herbergen. Diese
Insul ist einsam / (sagte Macarie) und wann er nur auf der Gassen gesehen wird /
so erweckt es einen Argwahn und Nachfrage: was wird dann geschehen / wann er in
meine Wonung kommet? So kann er bei der Nacht kommen / (erwiederte Servetus) und
im Gastof eine andere Angelegenheit vorwenden. Sie lasse ihr nur gefallen /
geehrte Macarie! ihme mit etlichen Zeilen den Zutritt zu erlauben. Wir können
noch diesen Abend herüber kommen / und werde ich mich auf dem Wege nicht säumen.
Wir wollen der Gefahr schon vorbeugen / und sie von aller Sorge befreien. Durch
diesen Vorschlag / wurde die ohndas-liebende und verlangende Macarie vollends
gewonnen / dass sie in diese Besuchung willigte / und an den Polyphilus diese
Antwort verfasste.
                                Mein Polyphilus!
Ob es wohl unnötig scheinet / wegen etlicher ungegründten Reden sich zu betrüben
/ so muss ich doch erfahren / dass euch solche nicht wenig bewegen / so gar / dass
ihr deswegen mir euren Boten sendet: da ich doch ans euren offtmaligen Reden
geschlossen / dass ihr euch keine Nachrede / wie gefärlich sie auch sei /würdet
verdriessen lassen. Sie sind auch nicht wehrt /dass ihr darum wemmert: und habe
ich / sie euch auf solche Art / zu eröffnen / nit erlaubet. Unterdessen verstehe
ich aus eurem Brieflein / dass ihr unsere Zusammenkunft für hochnötig achtet.
Wiewol es nun sehr gefärlich / auch solche geheim zu halten / fast unmüglich ist
/ so muss doch die Not der Furcht weichen. Ich stelle es demnach in sein
Belieben / wie er solche Besuchung anstelle. Will er aber / weil Talypsidamus
allbereit verdächtig / dissmal anderstwo einkehren / und mich alsdann vorsichtig
besuchen /würde es vielleicht der sicherste Weg sein. Indessen bitte ich / einen
frölichen Muht zu fassen. Es lassen sich viel Widerwärtigkeiten mit Gedult
überwinden. Ich kehre mich auch nicht an aller Leute reden / sondern verharre /
so lang ich lebe /
                         Seine ganzergebene Freundin /
                                                                        Macarie.
So bald Servetus dieses Brieffein erhalten / eilete er damit auf Sophoxenien /
die Macarie in zweifelhaften Gedanken und Anschlägen hinterlassend. Dann /wann
sie ihres Liebsten Brief durchlase / und seiner so sehnlichen Bitte nachdachte /
wurde sie von Liebe und Verlangen so eingenommen / dass sie seiner Ankunft kaum
erwarten kunte. Sie klagte die Sonne an /dass sie ihr zu langsam lieffe / und
glaubte / dass dieser Tag länger / als sonst zehen wäre. So bald sie sich aber
wieder erinnerte / in wieviel Betrübnus sie diese Liebe allbereit gestürzet /
wie heftig sie jederman davor warnete / und was Gefahr diese seine Besuchung
mit sich führe / wurde sie wieder so voll Furcht und Sorge / dass sie berenete /
was sie ihm erlaubet /und ihren Brief ungeschrieben wünschete. Wie wird (sagte
sie) diese Besuchung abermals neuen Verdacht und Argwahn erregen / da ich aus
vorigen mich kaum ein wenig entrissen? Was wird Adalgis gedencken /wann sie
horet / dass Polyphilus bei Macarien gewesen? wird sie nicht meine Falschheit
schelten / und meine Laster verdammen? Also stürtzet mich ja diese verblendete
Liebe in Schimpf und Verachtung / und beraubet mich alles erworbenen
Tugend-Ruhmes.
    Ach Liebe! Liebe! (sagte sie ferner) in was vor Unglück hastu mich schon
verleitet? was Hertzenleid habe ich allbereit deinetwegen gefühlet? und wie viel
Schmertzen habe ich von der Stunde an empfunden /da ich den Polyphilus zu meinem
Verderben gesehen? Warum habe ich dich doch so lang geheget / und begehre dich
auch noch jetzt nicht zu verlassen? Ein Kranker suchet doch Artznei / und ein
Verwundter das Heil-Pflaster: Aber ich / fliehe die Abwesenheit /als die beste
Arznei vor die Liebe / und suche / das Eisen aufs neue in die fast-geheilte
Liebes-Wunden zustossen. Ach Macarie! renne doch nicht so mutwillig in dein
Verderben! Diss ist der Tag / da du dich / entweder aller dieser Last / welche
dich drücket / entladen / auch in die vorige Freiheit und ruhige Einsamkeit dich
setzen / oder noch tieffer in die Dienstbarkeit der Liebe versenken kanst.
Derowegen ermuntere dein Gemüte / welches durch die Liebe / zu allen nutzlichen
und notwendigen Geschäfften schläffrig und untüchtig gemacht worden / und lass
mehr die Tugend als die Liebe / mehr die Klugheit als die Begierde / in deinen
Gedanken herschen. Zerbrich das Joch / daran du dich so müde gearbeitet / und
bitte den Polyphilus / deine Einsamkeit durch Liebe nicht ferner zu verstören.
Liebet er dich / so wird er auch deine Wolfart lieben / und sein Verlangen mit
dem Zaum der Tugend anhalten: biss sich etwan das Glück günstiger gegen uns
erweiset / oder er selbst erkennet / dass die Freiheit nützlicher als die Liebe
sei.
    Solche und dergleichen Worte / führte damals Macarie. Aber / ach! wie
nichtig sind die Gedanken der Verliebten / und wie vergeblich ihre Anschläge!
Ein einiger Blick vom Polyphilus / wird kräfftig genug sein / allen diesen
Vorsatz zu Boden zu reissen. Wir werden sehen / wie sie sich in seiner Gegenwart
anstellet / der nun nicht lang mehr aussen bleiben wird. Dann es war inzwischen
Servetus in der Sophoxenischen Gegend angekommen / da eben die Königin /nach der
Malzeit / mit dem Polyphilus sich an ein Fenster gesteuret hatte / und ihm auf
unterschiedliche Art ihre Gewogenheit entdeckte: die er aber alle / sich ganz
einfällig und unwissend stellend / abgeleinet.
    Mein Polyphilus! (sagte sie) wie freudig stehet nun meine Wonung / nachdem
sie den jenigen wieder erlauget / welcher sie vormals aus den Wellen gerissen
/und dem Liecht des Himmels wieder gegeben. Ich selbst / die ich / seit eurer
unglücklichen Gefängnus /fast erstorben war / empfinde in eurer Gegenwart ein
neues Leben. Ach! dass es doch dem Himmel gefallen hätte / mir einen solchen Sohn
zu geben / oder dass Tycheno / welchen ich zum Sohn erwählet / eure
Vollkommenheit hätte! Glaubet mir / dass ich euch mehr gewogen bin / als ich
zeigen kann; und seit versichert /dass ich euch keine Bitte / wie hoch sie auch
sei / versagen könnte.
    Wiewol diese Erbietungen / dem Polyphilus lauter Spiesse und Nägel in seinem
Hertzen waren / so musste er sich doch anderst stellen / und ihrer Torheit etwas
nachgeben. Durchleuchtigste Königin! (sagte er) ich muss freilich bekennen / dass
dero gnädige Vorsorge und Gewogenheit gegen E. M. Diener viel grösser sei / als
mein Verdienst / und dass ich selbige nicht anderst / als mit tiefstem Dank / zu
erwiedern vermöge. Ich verpflichte mich aber auf ewig zu gehorsamsten Diensten /
und wünsche hierzu vermögsam erfunden zu werden. Ach mein Polyphilus! (versetzte
die Königin) ihr habt noch wenig guten Willen empfangen: ich bin aber bereit /
künftig zu ersetzen / was bisher versäumt worden.
    In solchem Gespräche / sah Polyphilus den Servetus gegen dem Schloss daher
kommen: dessen Botschaft er unverlängt zu vernehmen verlangte. Er leitete aber
die Atychintide vom Fenster ab / damit sie dessen nicht warnehmen / oder nach
seiner Verrichtung fragen möchte. Hiernächst bemühete er sich auf
unterschiedliche Weise / von ihr los zu kommen. Als sie aber immer wieder
anfienge zu reden / ward er betrübt und ungedultig / dass er ganz erblassete /
und keine Antwort mehr von sich gabe; wodurch die Königin bewogen wurde / zu
fragen: ob ihm etwas mangele / dass er sich so anbleiche? Polyphilus ergriffe
dieses zu seinem Vorteil / sich abzudrehen / und sagte: Er wisse selber nicht /
wie ihm geschehe / und befinde sich etwas unpässlich. Worauf ihm Atychintide
ganz erschrocken befahle / sich zu Bette zu verfügen: ob es sich ändern möchte.
Diesem Befehl zu gehorsamen / name er alsbald Abschied / und eilete nach seinem
Zimmer: woselbst er den Agapistus und Servetus auf ihn wartend fand. Als er
diesen / wegen seiner Verrichtung / fragte / ward ihme / neben einem Gruss von
Macarien / ihr Brief eingehändigt. Er lase selbigen begierig durch / und hatte
kaum das Ende ersehen / da finge er schon an den Agapistus um Raht zu fragen /
wie er noch heute nach Soletten kommen möchte / weil es Macarie begehrte.
    Indem sich dieser ein wenig bedachte / kame Melopharmis ins Zimmer / und
fragte / auf Befehl der Königin / wie sich Polyphilus befinde? Gar wohl!
(versetzte er mit Lachen) wann ich nur auch Mittel wüste / heute zu Macarie zu
kommen / um welcher willen ich allein mich krank angestellet. Habt ihr dann
Erlaubnus / (fragte Melopharmis) sie zu besuchen? Freilich! antwortete
Polyphilus / ihr zugleich den Brief zeigend: und bate er folgends um aller ihrer
Freundschaft willen / die sie ihm so oft und sonderlich im Gefängnus
versprechen lassen / ihme hierinn hülfliche Hand zu bieten. Hierüm dürffet ihr
nicht bitten / (versetzte Melopharmis) weil ich euch zu viel höhern Dingen
verbunden bin. Lasset nur Serveten das Pferd voraus führen / und folget ihr fein
still hernach / biss ihr zu ihm kommet: so will ich indessen die Atychintide
aufhalten / dass sie euch nicht sihet / und bei ihr vorgeben / ihr hättet Artznei
eingenommen /und würdet nicht zur Tafel kommen. Aber hütet euch /dass ihr nicht
über die Zeit aussenbleibt! Dann / wann sie euch morgen besuchet / und nicht
finden sollte /würdet ihr mich / samt euch / verdächtig machen / und in alle
Ungnade stürtzen. Ach nein! (sagte Polyphilus) ich will gewiss morgen früh wieder
hier sein: helffet mich nur heut entschuldigen! ich werde es mit allem Dank
erkennen.
    Also wünschte ihm Melopharmis Glück zur Reise /mit Bitte / die Macarie zu
grüssen / und verfügte sich hierauf wieder zur Königin. Sie berichtete dieselbe
/wie dass Polyphilus / nach ihrer Meinung / noch etwas von dem Schrecken und Zorn
der Gefängnus empfinde: weswegen sie ihm Artznei eingegeben / die ihn
hoffentlich bald wieder zu recht bringen würde. Atychintide erschrack so sehr
über dieser Zeitung / dass sie weder essen noch schlaffen kunte / und Melopharmis
gnug zu tun hatte / sie wieder aufzurichten und abzuhalten / dass sie nicht /
noch selbigen Abend / ihn zu besuchen gienge. Polyphilus hingegen / hatte
alsbald den Servetus mit dem Ross voran geschicket /sich darauf angekleidet / und
nach genommenem freundlichen Abschied von Agapistus (welcher ihm tausend Glück
bei Macarie wünschte) ganz heimlich sich auf den Weg begeben. Als er wieder zum
Servetus gekommen / sass er gleich zu Pferd / und ritte nach der Insul Soletten /
mit Freude und Verlangen angefüllet. Unterwegs ergetzte er sich mit der Macarie
Brief / den er etlichmal durchlase / und den Servetus öffters fragte / wie sich
Macarie erwiesen / und ob er auch ein angenehmer Gast sein werde? So viel ich
spüren können / (antwortete dieser) wird ihr des Herrn Gegenwart gar lieb sein:
nur fürchtet sie / es werde selbige bei den Inwohnern neue Ungelegenheit
erregen; weswegen ich ihr versprochen / dass alles heimlich geschehen sollte. So
will ich dann (sagte Polyphilus) mich anstellen / als ob ich den Galesio (also
hiesse einer von den Vornemsten zu Soletten) zu besuchen käme / und euch / in
Gegenwart unsers Wirts /befehlen / mich bei demselben anzumelden: ihr aber
müsst zu Macarien gehen / und unter des Galesio Namen / die Antwort zu rück
bringen. Servetus versprache solches in acht zu nehmen. Polyphilus aber dichtete
inzwischen / wie er seiner Macarie zusprechen / seine Gefängnus entschuldigen /
sich aus den verleumderischen Nachreden entwickeln / und um Bewilligung des
Hirtenstandes anhalten wollte.
    Als er nun endlich der Insul genahet / liesse er /damit er nicht erkant würde
/ sein Pferd durch den Servetus im Wirtshause vor dem Ufer einstellen / und
nachmals sich mit ihm übersetzen: da er in einem unbekanten Gastof die Herberg
name. Er hiesse den Wirt eine Malzeit zurichten / und fragte ihn / in welcher
Gegend Galesio wohne / bei dem er eine Besuchung abzulegen hätte. Als nun der
Wirt ihm hiervon Bericht gegeben / befahl er dem Servetus / in dessen Gegenwart
/ dahin zu gehen / und seine Besuchung anzumelden: der dann / abgeredter massen
/ zur Macarie gienge / und des Polyphilus Gegenwart ansagte. Nachdem er zur
Antwort empfangen / dass sie seiner erwarten wolle / und solches den Polyphilus
berichtet / machte der sich alsbald auf / und gienge nach Macarien Wonung / das
jenige zu erlangen / wornach er seiter so manche Stunde und mit so vielen
Seufzern sich gesehnet hatte.
 
                                Zehender Absatz
 Polyphilus! zu Macarien kommend / wird erstlich hart von ihr angelassen / aber
nachmals durch ihre Freundlichkeit ergetzet. Ihr Gespräche. Macarie billigt und
 bewilligt sein Vorhaben / in den Schäferstand zu tretten. Sein Gespräche / von
 ihrer beider Vermälung / mit seinem Wirte. Seine Reimen, über einen Traum von
    ihr. Seine Klage / und Gespräche mit dem Gegenhall / auf der Ruckreise.
Nachdem Polyphilus an die Tür vor Macarien Wonung gelanget / wurde er von ihrer
Dienerin / die auf ihn zu warten bestellet war / gar stille eingelassen /und vor
der Macarie Leib-Zimmer begleitet / aus welchem sie ihm entgegen kam / und ihn
mehr höflich als verliebt empfinge: wiewol ihr Hertz / von dem ersten Ansehen /
eine nicht geringe Bewegung empfande. Er bate um Vergebung / dass er sie zu
ungelegner Zeit /und bei dunkler Nacht / besuchen dörfen. Worauf Macarie
antwortete: Er hat sich nicht zu entschuldigen / geehrter Polyphilus! weil ich
diese Zeit / wegen allerhand gefärlicher Nachreden / selbst erwählet. Die Laster
können durch keinen Tag beschönet / und die Tugend durch keine Nacht beflecket
werden. Er lasse sich nur belieben / in meinem einsamen Zimmer die Ruhe zu
nehmen / und mir zu eröffnen / um welcher Ursach willen er meine Gegenwart so
heftig begehret?
    Wie sie nun sich zusammen gesetzet / begunte er also zu reden. Die Ursach /
Allerschönste Macarie! warum ich diese Besuchung so inständig verlanget /ist
diese / dass ich mich / wegen der überstandenen unglückseligen Gefängnus /
entschuldigen; auch ihr die Furcht wegen der verleumderischen Nachreden / welche
mir Phormena erzählt / benehmen möchte; und dann das Verlangen / so ich bisher
/ in vieler Widerwärtigkeit / mit Gedult und Hoffnung unterhalten /durch ihre
allersüsseste Gegenwart zu befriedigen. Mit diesen Worten schlosse er seinen Arm
um sie / sie zu küssen vermeinend. Als aber Macarie sich ihme mit etwas
verächtlichen Gebärden entzoge / ward Polyphilus von Schrecken und Scham
dermassen eingenommen / dass er sich kaum des Weinens entalten konnte. Er sah
sie mit erbärmlichen Augen an / und vermochte nicht mehr / als diese wenig Worte
hervor zu bringen: Ach! mein Hertz! womit habe ich diese Ungunst verschuldet?
    Macarie wurde zwar / durch seine klägliche Worte und Gebärden zu Mitleiden
beweget; doch verheelte sie solches / und sagte: Mein Polyphilus! es ist noch
nicht das erste beantwortet. Was nutzet ein Trunk Salzwasser / als nur den Durst
zu vermehren? Er sagte / er sei / seine Gefängnus zu entschuldigen / zu mir
gekommen: welches keineswegs vonnöten ist /weil ich seiner Unschuld
albereitversichert bin / und dergleichen Laster von ihme niemals gegläubet.
Warum hat man mir dann (sagte Polyphilus / nun wieder etwas frölicher) einen so
bösen Brief zugeschrieben? Ist er dann so böse gewesen? (begegnete ihm Macarie)
Ich habe dadurch unsrer arbeitseeligen Liebe / und zugleich allem Unglück / ein
Ende machen wollen. Wie ich dann auch dissmal bitte / er wolle seine Gedanken von
meiner unseeligen Liebe befreien / und das Gelübde der Einsamkeit / welches ich
ohne Laster nicht brechen würde / zu seinem und meinem Glück befördern helffen.
Ach! Himmel (fiele ihr Polyphilus in die Rede) was ist das vor ein Begehren? Ich
gedachte / sie hätte den Verleumdern nicht geglaubet: so muss ich vernehmen / dass
dieselbe ihr Gemüte ganz eingenommen / meine Liebe daraus verjaget / und den
Eusephilistus an meine statt gesetzet haben.
    Mein Polyphilus! (widerredte Macarie) hierinn beschuldigt ihr mich mit
Unrecht: Ich liebe den Eusephilistus nicht / und werde ihn auch nicht lieben;
ich will auch deswegen euch alle Versicherung geben /die ihr selbst fordern
werdet. Unbeständigkeit soll man nimmermehr von Macarie erfahren. Allein
bedenket doch / Polyphilus! dass unsere Liebe von allen Menschen / und von dem
Himmel selbst / gehintert wird. Betrachtet / was Gefahr und Unglück ihr schon
deswegen erlitten / und dass ihr / ohn dieselbe / der glückseeligste von der Welt
sein köntet. Derowegen überwindet eure Begierde / und überlasset mich der
sichern und gewohnten Einsamkeit / in welcher ich allezeit eure Gedächtnus ehren
/ und eure Tugenden /durch meine einfältige Gedichte / erheben werde. Schmertzet
euch meine Verlassung: so erinnert euch des Gewinus / der dem Verlust folget /
und euch von aller Widerwärtigkeit befreien wird. Glaubet auch /dass ich eure
Einwilligung dankbar erkennen / die Widersetzung aber widerwillig aufnehmen
werde.
    Wie dem Polyphilus / bei diesem Anbringen / zu Mut gewesen / ist nicht wohl
auszusprechen. Er wusste fast nicht mehr / wer oder wo er wäre / vielweniger /was
er antworten sollte; biss er endlich / vom Eifer und Ungedult ganz entzündet / in
diese Worte heraus brache; Ist das der Schluss / auf welchen ich so lang
gewartet? und der Lohn / den alle meine Arbeit verdienet? Ach! du grausamer
Himmel / warum hast du mich Armseligen lassen geboren werden / auf den alles
Unglück wartet? Und warum hat man mich nicht in der Gefängnis erwürget? so hätte
ich diese harte Worte nicht anhören dürffen? Ach! Macarie! soll ich sie
verlassen? so muss es durch meinen Tod geschehen / welchen sie bald erfahren
soll: weil ich doch keinen andern Dank / vor alle meine Liebe / zu hoffen habe.
Es wird mich ja ihre Härtigkeit nicht auch im Grab verfolgen. Aber der gerechte
Himmel / welcher alle Unbarmherzigkeit hasset / wird diese Unbilligkeit rächen;
und die Sterne / welche mir vielleicht heute das letzte mal geleuchtet / sollen
Richter zwischen uns beiden / und Zeugen meiner getreuen Liebe / bleiben.
    Hiemit wollte er aufstehen / hinweg zu gehen. Aber Macarie / ganz erschrocken
über solcher Bezeigung /zoge ihn zu rück / und fiele ihm um den Hals /
sprechend: Wo hinaus / mein Polyphilus! Lasset ihr eure verzweiffelte Passion
euch so gar verführen? Höret mich nur recht an! Ich wollte viellieber die ganze
Welt / als euch / erzürnen. Hierauf vollbrachte sie selber / was sie erstlich
dem Polyphilus verweigert / und küste ihn so verliebt / dass er / von dieser
Freundlichkeit wieder ermundert / sie vollends auf seinen Schoss hebte / und den
Kuss mit so vielen erwiederte / dass es eine gute Weile schiene / als gedächten
sie von einem Atem zu leben. Also / Macarie! also muss man sich des Polyphilus
Liebe befreien / und die Einsamkeit /wider alles Bitten / fortsetzen? Lerne nun
/ und lehre andere Verliebten / dass die Liebe keinen Befehl /auser ihrem eignen
/ achte / und die jenigen viel strenger zu fasseln pflege / welche sich ihrem
Joch wieder zu entziehen vermeinen. Ach schönste Seele! (sagte endlich
Polyphilus) was hat sie doch vor Lust daran /dieser Süssigkeit solche Bitterkeit
vorlaufen zu lassen? meint sie vielleicht / dass diese Freude nicht ohne Angst
müsse verlanget werden? habe ich dann solche nicht allbereit gnug erdultet?
Muste dann /bevor man das süsse Hönig der Zungen koste / dieselbe mit Wermut
verbittert werden?
    Nein / mein Hertz! (versetzte Macarie) ich habe / in dem Widerwillen / nicht
der Lust / sondern der Vernunft gefolget / welche mich eine so geplagte Liebe
fliehen heisset: Aber in dieser Bezeigung / folge ich der Lust und Liebe /
vielleicht zu meinem Schaden und Verderben. Jene Bitterkeit / hat eine süsse Ruhe
geschaffet / aber diese Süssigkeit wird gewiss mit Reue versäuert werden. Dann
gedenket doch / mein Hertz! was diese Besuchung / wann sie offenbar wird / vor
Grimmigkeit erwecken kann? Ihr heisset mich zwar lieben: aber was soll das Ende
solcher Liebe sein / und wann haben wir die Erlösung zu hoffen? Die Reise
/welche uns hoffen hiesse / ist krebsgängig worden. So haben wir auch / weder
hier / noch zu Sophoxenien /eine nähere Verbündnis zu erwarten / weil es dorten
die Liebe der Königin / und hier Eusephilistus hintert. Es hat euch meine
unseelige Liebe allbereit in die Wellen gestürzet / am Arm verwundet / ins
Gefängnis geworffen / und auf unzehliche Weise gemartert: und dennoch liebt ihr
eure Krankheit / und lauffet selbst eurem Unglücke nach. Ja / wann ich euch
gleich aus solcher Gefärlichkeit zu erretten gedenke / so widersetzet ihr euch
nicht allein meinem Vorhaben / sondern reisst auch mich mit euch in den Abgrund
des Verderbens. Dann wie wäre es müglich / dass ich eure sehnliche Klagen ohne
Bewegung anhören / und des jenigen Seufzer dulten sollte / den ich / wie meine
eigne Seele / liebe?
    Nachdem sie / mit diesen Worten / ihm freundlich die Hand gedrucket /
küssete sie Polyphilus nochmals / und sagte: Ach! süsse Lust meiner Seele! sie
plage sich nicht mit dergleichen Gedanken! der gnädige Himmel / wird für unsere
Tugendliche Liebe / ein fröliches Ende ersehen / und alle Widerwärtigkeit / so
ihre Beständigkeit geprüfet / wird mit Ergötzung belohnet werden. Ich scheue
kein Unglück / so lang sie mich liebt / und schätze einen einigen Kuss von ihrem
schönen Munde viel höher / als alles Leiden /das ich bisher empfunden: wiewol
auch selbiges nicht von ihrer Liebe / wie sie glaubt / sondern von meinem
eignen Verbrechen hergerühret. Und was ist dann diss für ein Verbrechen? fragte
hierauf Macarie. Ach! von der Stunde an / (antwortete er) da ich den Hirtenstab
/ welchen ich in meinem Vatterland geführet /von mir geworffen / und Kunst und
Tugend zu suchen / ausgereiset / habe ich alles Ubel und alle Plage empfunden.
Wesswegen ich mir auch vorgenommen /selbigen wieder zu ergreiffen / und künftig
die Kunst und Tugendlehre mit dem Schäferstande zu vereinigen. Ich bitte sie
auch / mein allerliebstes Hertz! in dieses Beginnen zu willigen / und die
Niedrigkeit dieses Ordens nicht zu verachten. Er wird uns erwünschte Gelegenheit
schenken / in vereinigter Liebe zu leben / der Verfolgung den Zügel aus der Hand
rucken / und mich von der Atychintide Torheit / erlösen /die ich nicht gnugsam
beklagen / und nicht länger erleiden kann.
    Macarie / welche von diesem Vorschlag einige Hoffnung der Errettung schöpfte
/ war gleich damit zu frieden / und sagte: Ich habe den Hirtenstand / wann er
nicht von der blossen Einfalt geführet / sondern mit Tugend und Wissenschaft
begleitet wird / allezeit hoch gehalten / und bitte / in diesem Fürnehmen
fortzufahren / wünsche auch hierzu einen glücklichen Anfang. Allein in dieser
Gegend / wird es sich / wegen der Inwohner Feindschaft / nicht wohl tun lassen.
Ich bin auch hierauf nie bedacht gewesen / (sagte Polyphilus) sondern habe nur
ihre Einstimmung gesuchet. Ich will / so bald ich der Königin Bewilligung
erhalten / eine gelegene Trifft aussehen / die mich und meine Gesellschaft /
samt unsern Heerden / unterhalte / und also mit der allerschönsten Macarie mich
endlich zu Ruhe setze.
    Indem klopffte Servetus an das Zimmer: deme dann Macarie / damit sie nicht
in des Polyphilus Armen gefunden würde / selbst die Tür geöffnet. Er berichtete
/ wie dass die Malzeit zugericht wäre / und der Wirt gern die Widerkunft des
Polyphilus sehen möchte. Diss war dissmal eine schlechte Zeitung vor den
Polyphilus: doch gab er zur Antwort / wie dass er bald folgen wollte. Als aber
Servetus wieder abgetretten / ümfienge er nochmals seine Liebste und sagte: Ach!
meine einige Freude! soll ich sie nun wieder gesegnen / da ich sie kaum
gegrüsset? und verlassen / da ich sie noch nicht recht erhalten? Wie ist es
müglich /dass ich die süssen Früchte / die ich jetzt nur ein wenig gekostet /
schon wieder von mir legen kann? O ich Elender! wann werde ich anfangen allezeit
so ergötzet / und nicht mehr von ihrer Gegenwart getrennet zu werden?
    Vor dissmal (antwortete Macarie) kann es nicht anderst sein / dann ob ich
gleich gern bitten wollte /meine geringe Malzeit zu kosten / so muss ich doch
allerlei Auslegung / und wohl gar ein Unglück davon besorgen. Es ist einer
Ehrliebenden Weibs-Person nicht genug / wann sie des Lasters frei ist / sondern
sie muss sich auch des Argwahns befreien. Wird er mir demnach zu gut halten / dass
ich wider meinen Willen / unhöflich sein muss. Vielleicht wird uns der Himmel
desto eher wieder zusammen helffen. Er bemühe sich nur / behutsam zu verfahren /
und vergnüge sich mit der Versicherung meiner beständigen Gewogenheit. Damit gab
sie ihm noch einen Kuss: welchen Polyphilus mit vielen Seufzen erwiderte. Und /
weil er sich nicht länger aufhalten kunte / bate er gar beweglich / dass sie in
der Liebe und Vereinigung getreu verbleiben / und keinem Verleumder Glauben
geben wollte: in der Hoffnung / mit nächstem eine fröliche Zeitung von ihm zu
empfangen. Endlich bedankte er sich / vor erzeigte Gunst / und nahm also einen
betrübten Abschied: Da er von Macarie freundlich getröstet / und biss an die Tür
begleitet wurde. Servetus wartete daselbst auf ihn: mit dem er / als er sie
nochmals gesegnet / nach der Herberg gienge.
    Unterwegs erzehlte ihm Servecus / wie ihn die Wirtin gefraget / von wannen
sie kämen? und als er geantwortet / von Sophoxenien: hätte sie ferner gefraget:
ob er vielleicht dem Polyphilus zugehörte / welcher ihnen die Macarie entführen
wollte? Als er solches gelaugnet / und gesagt / wie dass sein Herr keine Frau
verlange / sei der Wirt dazu gekommen / und habe sie heissen stillschweigen:
sonst würde sie weiter geredt haben. Polyphilus liesse ihm dieses zur guten
Nachricht dienen. Und als er in dem Gastof angelanget /und sich zum Essen
gesetzet / hiesse er den Wirt bei sich sitzen / und sprachte mit ihm / von
unterschiedlichen Sachen.
    Letzlich sagte er: Er hätte vom Galesio verstanden / / wie dass Eusephilistus
mit der berühmten Macarie soll vertrauet werden; und fragte / ob dem also wäre /
oder nicht? So viel mir wissend / (gab der Wirt zur Antwort) ist es noch
ungewiss: doch hoffen wir /Macarie soll ein solches Glück nicht verachten / auch
die Bitte dieser ganzen Insul etwas gelten lassen. Den Polyphilus verdross diese
Rede heimlich; doch sagte er lächlend: Diss wird eine schlechte Zeitung vor den
Polyphilus sein / wann wir sie nach Sophoxenien bringen. Ja wohl! (versetzte der
Wirt) da wird nichts aus: Eusephilistus läst sich nicht von Polyphilus
verdrängen. So wird auch Polyphilus / (erwiderte dieser) sich vor dem
Eusephilistus nicht fürchten / und eher sterben / als dass er ihm die Macarie
überlassen sollte. Der Degen muss hier den Ausschlag geben / und den Polyphilus
entweder in der Macarie Schoss / oder ins kalte Grab bringen. Dann so lang er
lebet / soll Eusephilistus die Liebe seiner Macarie nicht erlangen. Dieses redte
er mit solchem Eifer / dass der Wirt nicht wenig erschracke / und seine Worte in
Schertz ziehend / antwortete: Mir gilt es gleich viel / welcher die Macarie
erlanget / weil ich selbst hierzu keine Hoffnung habe / auch so wenig nach
Frauen mich sehne /dass ich meiner eignen gern los wäre / und so sie mir jemand
entführete / schwerlich zehen Jahre deswegen streiten würde / wie Menelaus wegen
der Heleng. Hierüber lachte Polyphilus / und bereuete fast / dass er so heftig
geredt hatte: fürchtend / er möchte sich damit verrahten haben. Darum erzehlte
er geschwind etwas anders / biss die Malzeit geendet war / und er /mit sehnlichen
Gedanken von seiner Macarie / sich schlaffen legte. Ihm traumte auch von ihr /
im Schlafe / so annemlich / dass er im Aufwachen noch die Hände ausreckte / und
sie / weil sie entweichen wollte / anzuhalten vermeinte. Als er sich aber
betrogen und ganz allein sah / brach er mit tieffen seufzen in diese Worte
heraus:
Du leeres Schatten-bild / dass mit der Nacht entweichet /
Du Kind des süssen Schlafs! was hast du mir gezeiget?
Wo ist die Schöne hin / die einer Göttin gleichet /
Vor deren Trefflichkeit die Sonne fast verbleichet?
Wo ist sie / die sich erst so freundlich hergeneiget /
Und ihren zarten Mund zu küssen mir gereichet?
Ach! deine süsse Lust / wann sie aufs höchste steiget /
Du falscher Lügen Traum! in einem Nun verschleichet.
Diss Malwerk des Gemüts / uns mit dem Schlaf erschleichet /
Und / als ein wahres Tun / auf unser Lager steiget:
Doch endlich nur Betrug / vor rechte Freude / reichet /
Und den gekränkten Sinn / vielmehr zur Liebe neiget /
Biss unser Angesicht / von Trauren / ganz verbleichet /
Und einem Todten mehr / als Lebendigen / gleichet.
Weh dem! der nichts geniest / als was der Traum ihm zeigt /
Der die Verliebten schertzt / und mit dem Schlaf entweichet.
Also beklagte Polyphilus seinen Irrtum / stunde damit auf / und eilete / weil es
schon Tag ware / mit dem Servetus / wieder nach Sophoxenien / um die Melopharmis
nicht zu erzürnen. Unterwegs erinnerte er sich der Freundlichkeit seiner Macarie
/ und ihres süssen Mundes / den er genossen: wiewol solche wieder-gedächtnus nur
zu Vermehrung seiner Schmertzen / und zur Vergrösserung seines Verlangens /
diente. Freilich (sagte er bei sich selbst) hat die kluge Macarie recht geredt /
dass alle Ergötzung der Liebe /durch die geschwinde Verlassung / wieder
verbittert werde / und einem Saltzwasser zu vergleichen sei /welches mehr Durst
erreget / als stillet. Gleichwie ein erhitzter Kranker / durch starkes Getränke
/ seinem Durst nicht wehret / sondern nur ihn mehret / und die Leber entzündet:
also kann auch ein Verliebter / durch eine kurtze Freundlichkeit / nicht genesen
/ sondern sehnet sich destomehr nach dem Verlornen / und befindet / dass die
Furcht der Verlassung viel unerträglicher sei / als die Hoffnung der Geniessung.
Ich bin ja mit frölichem Gemüt hieher gereiset: mit betrübtem Geist reise ich
nun wieder von hinnen / und möchte wünschen / dass ich diesen Tag wieder in den
vergangenen verwandeln könnte. Aber das ist vergeblich /und ich entferne mich nun
immer weiter von meiner Macarie An statt ihrer angenemen Beiwohnung /werde ich
nun wider die Gesellschaft der unbesonnenen Königin haben / und mich in ihrer
verdriesslichen Bedienung quälen müssen.
    Als er / mit solchen Gedanken / in den Wald kame / und Servetus etwas voraus
war / redte er mit der Gegen-schallenden Echo / wie folget.
Du Edle Nympfe! sag: was hab ich jezt gefunden /
Nachdem ich hab durch Lieb die Liebste überwunden?
Echo: wunden /
Ja wohl! du redest recht / nur Wunden bring ich heim.
Voll Klag und Ungedult / ist / was ich red und reim /
Echo: Träum.
Was? Träume helffen nichts / als mehr uns zu entzünden.
Soll ich sonst keinen Trost / als nur in Träumen / finden.
Echo: Dinten.
Ach! Dinten und Papier / ergötzen kurtze Zeit /
Wer aber schenket mir die wahre Liebes-Freud?
Echo: Weid.
Die Weide soll es sein? wie / dass ich dann verweile /
Zu suchen solchen Ort / der meine Wunden heile?
Echo: Eile.
Ach! Nymfe! habe Dank! jezt weiss ich was ich tu.
Dein rahten macht / dass ich gar frölich reite zu /
Echo: reite zu.
 
                                 Eilfter Absatz
Atychintide vermisset den Polyphilus: welcher gewarnet / sich wieder einstellet
 / als wann er nur ausgespaziret wäre. Sein Gespräche mit Melopharmis; wie auch
 über der Tafel mit der Atychintide / von seinem Schäfer-Gelübde: welches diese
  widerspricht / er aber stark verteidigt / und das von ihr belobte Hof-Leben
     dargegen ausfilzet. Cosmarite und Chlierarcha / stimmen ihme bei /und
Atychintide wi d folgends durch Melopharmis überredet / dass sie darein williget.
 Abschied der neuen Schäfere von Hof / und Liebes-Gespräche der Königin mit dem
                   Polyphilus. Beschluss dieses Zweiten Buchs.
Eben hatte Polyphilus dieses Echo-Gespräche geendet / und wollte nun voll
Hoffnung / nach Sophoxenien eilen: als er den Servetus / neben einem Lakeien vom
Hof / ihm entgegen kommen sah. Dieser berichtete ihn / wie dass Melopharmis in
grossen ängsten stünde / weil die Königin / ungeacht ihres Abwehrens /ihn
besuchen wollen / und über seiner Abwesenheit allerhand Argwahn geschöpffet.
Agapistus hätte sie glauben gemacht / wie dass er / frische Lufft zu holen /etwas
ins Feld gespaziret: womit sie sich zwar gestillet / / aber / solches gewisser
zu erfahren / stäts am Fenster lige / und seiner Widerkunft erwarte. Um des
willen hätte ihm Melopharmis befohlen / ihm entgegen zu lauffen / und ihn zu
bitten / dass er / Hass und Ungnade zu verhüten / sein Pferd mit dem Servetus
etwas zu rück lassen / und zu Fuss nach dem Schloss gehen sollte: damit Agapistus
nicht eines Betrugs überwiesen / die Königin aber in ihrem Argwahn gestärket
werden möchte.
    Diesem nachzukommen / überreichte Polyphilus /so bald er das Schloss von fern
ersehen / sein Pferd dem Diener / und gienge gar langsam fort / gleich /als wann
er schwach und matt wäre. Er wurde so bald von der Königin ersehen / und weil er
ihr zimlich matt (dann er kunte sich trefflich wohl in den Betrug schicken)
vorkam / sendete sie ihm die Melopharmis entgegen / und hiess fragen / wie es mit
ihm stünde? Diese aber fragte ihn an statt dessen / was er bei Macarie
ausgerichtet? mit Erzehlung des Kummers / in welchen sie seine Abwesenheit / und
der Königin Begierde / ihn wieder zu sehen / gestürtzet. Polyphilus sagte: Es
wäre ihm leid / dass sie seinetwegen einige Widerwertigkeit empfunden / welches
dankbarlich zu erwiedern / er Gelegenheit suchen wollte.
    Hierauf nahme er sie mit sich in sein Zimmer /alwo er ihr und dem Agapistus
(der ihn freundlich willkomm hiesse) alles erzehlte / was sich zwischen ihme und
Macarie verlossen / wie er sie anfangs gar verwirrt und ungünstig gefunden /
doch lezlich wieder freundlich verlassen / auch so weit gebracht / dass sie in
sein Schäfer-Gelübd verwilliget. Weil dann nun nichts mehr fehlet / (beschlosse
er) als der Königin Erlaubnus / so bitte ich euch inständig / wehrte
Melopharmis! dass ihr mir / diese zu erlangen / behülflich sein wollet: weil ich
mir solches / aus erheblichen Ursachen / unwiderrufflich vorgenommen / auch kein
bessers Mittel wüste / von diesem Hof und der Königin ärgerlichen Anmutungen
abzukommen / auch mit meiner Macarie in erwünschte Vereinigung zu treten.
Agapistus stimmete ihm bei / und sagte: Wie dass sie / ohne Gefahr und Furcht der
Strafe / keinen andern Vorsatz fassen dürfften / weil sie im Gefängnus sich
hierzu verlobet; auch die Gütigkeit des Himmels / alsbald nach solchem Gelübde /
ihre Erlösung verfügt hätte. Melopharmis höchst erfreuet / dass Polyphilus bei
Macarie nichts von ihrer verhassten Botschaft vernommen / erbote sich / alles /
was sie verlangten / nach Müglichkeit zu befördern: massen sie nicht allein
ihren Vorsatz billigte / sondern auch ihren Sohn ihnen mitzugeben / sich
erklärte. Ach ja / meine Mutter! (sagte Tycheno) Ich bin auch vorhin mit in dem
Gelübde / und könnte ohne Sünde nicht dahinten bleiben.
    Wohl / mein Kind! (versetzte Melopharmis) ich will es nicht hintern; und wer
weiss / ob ich nicht / in meinem Alter / noch selbst eine Schäferin mit abgebe?
Dann ich sihe / dass die Hof-Gunst sehr ungewiss /und viel leichter zu erwerben /
als zu erhalten sei. Ich habe die Königliche Gnade bisher mit so vielen
gefärlichen und sträflichen Handlungen unterstützet /dass ich fürchte / es möchte
ein so geflicktes Gebäu /dereinst unversehens in einen Hauffen fallen / und
meine Glückseeligkeit zu grund richten; oder das hohe Alter möchte mich endlich
zu Diensten untüchtig machen / sonderlich / wann eine jüngere und geschicktere
mir die Schuhe austreten sollte. Dann ob gleich Atychintide der Königlichen
Hoheit / in äuserlichen Bezeugungen / sich äusert / so träget sie doch in ihrem
Gemüt eine warhafte Königin / und kann deme / der sie erzürnet / ihre hohe Gewalt
mit durchdringenden Worten zu vernehmen geben. Ist also dieses verborgene Feur
eben so sehr / als eine offenbare Flamme / zu fürchten / und der freie
Hirtenstand solcher Gefärlichkeit weit vorzuziehen. Ich will aber mit diesem
Vorsatz inhalten / biss ich sehe / wie die Königin gegen eure Entschliessung sich
anstellet. Polyphilus bedankte sich gegen ihr / für diese freundliche
Einwilligung / mit Versicherung / dass sie solches Vorhaben nicht gereuen sollte.
    Als er noch redte / wurden sie sämtlich zur Tafel beruffen. Melopharmis
erschracke / da sie hörte / dass es schon Zeit zu speisen wäre / und fürchtete /
Atychintide würde wegen ihres Verweilens erzürnet sein. Derowegen gienge sie
geschwind voran / und berichtete die Königin / wie dass Polyphilus sich etwas
besser befinde / und wieder zur Tafel kommen wollte. Uber dieser frölichen
Zeitung vergasse Atychintide des langes Ausenbleibens / und wurde ganz lustig.
Als aber Polyphilus sich eingefunden / und sie merkte /dass er über der Tafel
etwas still war (den er dichtete albereit / wie er sein Begehren anbringen
wollte) finge sie selber an zu reden / und sagte: Wie gehts / Polyphilus: Warum
habt ihr euch ins Feld gewaget? Wisset ihr nicht / dass die Lufft den Kranken
schädlich ist? Ich hoffe nicht / Durchleuchtigste Königin! (gab Polyphilus zur
Antwort) dass meine Krankheit so gefärlich / dass ihr die Lufft schaden sollte /
und habe ich vielmehr dadurch Linderung gefunden / die ich gesuchet. Das ist
gut! (versetzte die Königin) und mag es vielleicht ein Uberrest von der
verdriesslichen Gefängnus gewesen sein. Ich weiss nicht / gnädigste Königin!
(erwiederte Polyphilus) ob ich dieser die Schuld geben soll / oder ob der Himmel
mich hierdurch meines Gelübdes im Gefängnus erinnern wollen. Was ist das vor ein
Gelübde? fragte Atychintide: Dass ich (antwortete Polyphilus) den Hirtenstand /
welchen ich in meinem Vatterlande gefüret / wieder ergreiffen wolle. Hierüber
lächelte die Königin und sagte: Schertzet ihr / Polyphilus? Ihr werdet kaum
wieder ein Schäfer werden. Ich schertze nicht / gnädigste Königin! (begegnete
ihr Polyphilus) sondern ich habe mich hierzu so fest verlobet / dass ich / ohn
sträfliche Sünde / nicht davon weichen kann: hoffe auch / es werde E. Maj.
solches Vorhaben / welches ich nicht so wohl aus Vorwitz / als aus Göttlichem
Zwang gefasset / weder schelten noch verhintern.
    Was hat euch dann (fragte Atychintide ferner) zu solchem Gelübde bewogen?
Der Befehl des Himmels selber: gab Polyphilus zur Antwort. Dann da wir auf der
Reise nach Brunsile begriffen / und schon ein paar Tage geritten waren /
begegneten uns allerhand Leute / so wohl Manns- als Weibs-Personen / welche von
unterschiedlichen Strassen nach einem Ort eileten / und uns / auf Befragen / was
sie suchten? berichteten / wie dass vor etlichen Tagen / ein heiliger Einsiedel
in selbigem Walde angekommen / welcher einem Menschen all sein Glück und Unglück
vorsagen könne. Wir / von der Begierde etwas neues zu hören entzündet / gaben
uns in ihre Gesellschaft /und fragten den Einsiedel: Ob unsere Reise
glückseelig sein würde? Worauf er sich etwas bedachte / und endlich / aus seiner
elenden Hütten diese Worte zu uns redte.
Ihr fraget von der Reis. Ich will die Warheit sagen.
Der Weg ist ganz verkehrt. Es rennen alle Plagen
Und Unglück auf euch zu. Drum weichet bald zu rück /
Und höret diss mein Wort: das Göttliche Geschick /
Will euch / im Hirtenstand / mit Glück und Ruh ergetzen;
Und / wann ihr widerstrebt / mit seinem Grimm verletzen.
Diese Worte / ob sie uns wohl erstlich etwas Nachdenken machten / zogen wir doch
endlich in ein Gelächter / und ritten fort unsre Strassen: musren aber die
Gewissheit derselben / mit unserm Schaden / erfahren /indem wir / noch selbigen
Abend / von der streiffenden Rotte angehalten / und so lang im Gefängnus
geplaget wurden / biss ich mich erinnerte / dass von der Zeit an / da ich den
Schäfer-Orden verlassen / mich das Unglück unaufhörlich verfolget / und auch
diese Verschliessung durch die Schäfer erreget worden. Demnach gelobte ich / so
bald ich der Gefängnus erlassen / wieder in den Hirtenstand zu tretten. Stracks
auf dieses Vornehmen / erkente ich die Göttliche Rettung / die durch wunderbare
Vorbitte der Schäfer selbiger Gegend / unsere Erledigung ausgewircket / und also
die Weissagung des Einsiedels bekräfftiget hat.
    Das ist Einbildung! (sagte die Königin) die euch der Fantastische Einsiedel
(der vielleicht mehr seinen Orden zu stärken / als aus gründlicher Wissenschaft
/geredet) in den Kopf gebracht. Wie schön sollte es doch stehen / wann Polyphilus
/ dessen Ruhm albereit Städte und Länder erfüllet / und noch immer im steigen
ist / den edlen Stand der Kunst- und Tugend-Lehre verlassen / und sich gesellen
wollte / zu der allerseltzamsten Art von Leuten: welche / wider die Natur des
Menschen (der von den Gelehrten ein geselliges Tier genennet wird) die
Einsamkeit erwählen /gleich den wilden Tieren in Wäldern und Feldern herum
wandern / und nicht wenig von der Einfalt der Schafe / welche sie weiden / an
sich haben! Bedenket doch nur / Polyphilus! ob der bäurische Hirtenstand
verdiene / dass ihr um seinet willen / die liebliche Blüte der Weissheit und
Tugend / welche eure Jugend so häuffig hervor bringt / verderbet / und euch
damit selbst / der süssen Früchte des Glückes und der Ehre /so euch die Hoffnung
zusaget / beraubet? Träge und unedle Gemüter / die mehr zu dienen / als zu
herrschen geboren sind / gehören zu den Hirten / und nicht Polyphilus: dessen
Verstand und Verdienst von dem Himmel selber / zu hohen und herrlichen
Verrichtungen gewidmet ist. Derowegen erkennet euren Irrtum / und spielet nicht
einen so armseeligen Feldman / der von aller Frölichkeit der Welt verbannet /im
Felde allein leben muss / und von niemand ohne Verachtung angesehen wird; der /
an statt angenehmer Gesellschaft und ihres freundlichen Gesprächs / das Blöken
der tummen Schafe anhören; an statt höflicher und geschickter Aufwarter / die
unflätigen Hunde um sich leiden / und an statt einer süss klingenden Musie / sich
mit einem einfältigen Bauern-Liedlein ergetzen muss.
    Wer weiss dann / Gnädigste Königin! (fiel ihr Polyphilus / der diese
verächtliche Widerrede nicht länger anhören können / in die Rede) ob nicht die
Schäfer in solchem Zustande viel glückseeliger sind / als die jenige / von
welchen sie verachtet werden. Alles was E. Maj. zu deren Verkleinerung
angeführet / ist viel gültiger / diesen Stand beliebt / als verhasst zu machen.
Dann die Einsamkeit / wann sie nicht eine billige Strafe der Bosshaftigen /
sondern eine Tugendliche Erwählung / ist von den Vernünftigen allezeit hoch
gehalten / auch / in gewisser Mass / hohen Gesellschaften vorgezogen worden:
Weil sie den Lastern wehret /zu welchen uns die Hof- und Städtische Gemeinschaft
der Menschen verleitet. Der jenige ist glückseelig /der in dieser Welt verborgen
lebet / und niemanden als Gott und ihm selber bekant ist. Grosse Gesellschaften
und lange Gespräche / dienen uns mehr zur Ergernus / als zur Besserung: weil im
viel-reden sich auch die Allerweiseste verstossen / und uns selten das Schweigen
/ vielmals aber das Reden / gereuet. Niemand redet sicherer / als der gerne
schweiget.
    Zu dem / so leben die Schäfer in keiner solchen Einsamkeit / die sie von
allen Menschen entfernet: sondern sie wandeln mit ihres gleichen / welches die
schönste Gesellschaft und verträulichste Freundschaft gibet. Und ob sie gleich
bei den Tieren wohnen / so werden sie doch deswegen nicht zu Tieren: und
sollten sie ja etwas von ihrer Hcerde an sich nehmen / so ist es doch löblicher /
einem unschuldigen und gedultigen Schafe / als einem grimmigen Löwen /einem
blutgierigen Beeren / einem unbendigen Hirschen / einem springenten Hengst /
oder einer unflätigen Meerkatzen / (mit welchen Tieren sich grosse Leute
belustigen) gleich werden. Wiewohl auch selbige Tiere ihre Beiwohner nicht so
wohl verwandeln und entmenschen / als die jenige / welche zwar von ausen den
Menschen gleichen / in ihrem Gemüt aber die Unart besagter Tiere warhaftig
fühlen / und damit ihre Gesellschaftere beflecken. Hat also jener Weiser recht
gesagt: So oft ich zu den Menschen gekommen / bin ich allezeit weniger als ein
Mensch wieder hinweg gegangen. So höret demnach ein Schäfer das Blöcken seiner
Heerde / viel sicherer an / als die listige Stimme der verführischen Menschen;
und wird von den Hunden viel getreuer / als von den höfischen Aufwartern
bewachet: wie man dann kein Exempel hat / dass ein Hund (welches doch tausend
ungetreue Diener getan) seinen Herrn ermordet / aber von vielen weiss / die ihre
Herren beschützet.
    Es wolle auch E. Maj. bedenken / ob die jenige glückseelig sein können /
welche auf das Tun der Dienere / die hinter dem Rücken noch viel lieber aber
auf den Kopf tretten / allezeit leise Ohren und ein wachsames Auge haben müssen
/ und dennoch befinden / dass hundert Augen zu wenig wären / allen Nachstellungen
vorzubauen. Viel seeliger ist ein Schäfer / der keinen Feind / auser den Wolf /
fürchtet; der keinem höhern dienet / und keiner Dienste des geringern bedarff;
der Himmel / Erden und alle Elemente / daraus alles / was köstlich in der Welt /
gemacht ist / täglich vor ihm sihet; der / wann er deswegen dem
Himmels-Monarchen mit einem andächtigen Liede danket / ihm viel gefälliger ist /
als ein ander /der mit einem künstlichen Ton seine eigne Ehre suchet. Niemand
ist dem Himmel angenehm / als der sich mit vielen Tugenden gezieret; und alle
Ehre / so man auser dieser suchet / ist vielmehr eine Schande zu nennen. Also
sehen nun E.M. dass der glückseelige Schäfer-Orden / mehr beneidens / als
verachtens würdig sei.
    Ihr könnet den Hirten das Wort trefflich reden /(sagte Atychintide) und habt
euren Vorsatz so stattlich verteidigt / dass ich bald glauben sollte / die Tugend
selbst habe ihren herrlichen Tron verlassen /und wolle hinfüro im Schäferstande
verehret werden. Was meint  ihr / Cosmarite! welches von uns die rechte Meinung
führe? Sie haben beide recht / Gnädigste Königin! (gab Cosmarite zur Antwort)
und können auch beide wohl vereinigt werden. Es ist unzweiflich wahr / dass der
Hirtenstand / ohne die Kunst- und Tugend-Lehre / verächtlich / Weissheit und
Tugend aber / ohne Ruhe und Vergnügung / mühselig und gefärlich sei: Daher ein
Kunst- und Tugend-liebender / ohne die vergnügte Ruhe der Schäfer / und hingegen
ein Schäfer / ohne Kunst und Tugend / mangelhaft bleibet. Wann sie aber beide
vereinigt sind /kann aus solcher glückseeligen Verbündnus / ein vollkommnes Leben
geboren werden.
    Ihr redet die Warheit / (versetzte Chlirarcha) und ich achte einen weisen
und tugendhaften Schäfer billig glückseelig / auch weit höher / als die jenige /
welche über andere herrschen / und doch Knechte ihrer eignen Laster sind. Ist
schon die Tugend / wie E. Maj. zu schertzen beliebet / keine Schäferin / so
lässet sie sich doch öffter und licher in einem Schäfer-Kleid /als im
gläntzenden Purpur / antreffen: weil sie in diesem viel mehr / weder in jenem /
verfolget wird. Ihr Adel und Hoheit / wird durch solchen schlechten Habit nicht
verringert / sondern vielmehr ihr herrlicher Glantz / wie ein Liecht durch die
Finsternus /scheinbarer gemacht. Sie sihet ihr allezeit selbst änlich / sie
trage gleich einen Zepter oder Hirtenstab.
    Aber doch (widerredte die Königin) pfleget das Gold / wann es in die Sonne
geleget wird / weit heller zu gläntzen / und die Tugend erscheinet in einem
güldenen Stück viel prächtiger / als in einem unansehlichen Schäfer-Kleide. Was
unvollkommen ist / Durchlenchtigste Königin! (widerlegte Clierarcha) das bedarff
einen Zusatz. Was hässlich ist / hat einer zierlichen Decke vonnöten. Die
vollkommene Tugend pranget mit ihr selber / und hat nicht Ursach / ihre
Herrlichkeit und Ansehen durch einen fremden Glantz zu verstärken: weil man
sonst vielmehr das Kleid / als sie selbst bewundern würde. Ihre natürliche
Schönheit bedarff keiner Schminke / sondern je blasser sie erscheinet / je
liebwürdiger sie sich machet: Demnach halte ich einen tugendhaften Schäfer
grösserer Ehre würdig / als einen lasterhaften Grossen: und wann er Wissenschaft
und Geschicklichkeit mit einem tugendlichen Leben vereinigt / kann seine
Glückseeligkeit nicht gungsam beschrieben werden.
    Wol! (sagte Polyphilus) so will ich dann diss verschwesterte Paar / der Kunst
und Tugend / in den Schäfer-Orden einführen und sehen / ob / nach eurer
Verheissung / auch die wahre Glückseeligkeit sich ihnen beigesellen möchte:
Wofern Ihr Maj. Befehl nicht meinen Vorsatz und mein Gelübde mich brechen
heisset. Wiewol nun die Königin diss Vorhaben gern gehintert hätte / so musste sie
doch / weil die beide Weisen därzu stimmeten / mit einwilligen. Demnach sagte
sie zwar mit etwas ungedultigen Worten: Ihr habt eure Freiheit / Polyphilus!
auch von mir keine Hinternis zu fürchten. Sehet nur wohl zu / dass ihr das bäste
erwählet / und nicht an statt süsser Glückseeligkeit / bittere Reue kosten
müsst. Ich wills versuchen / Gnädigste Königin! (erwiederte Polyphilus) und
erwarten / ob sich der Himmel alsdann geneigt erweisen will / wie der Einsiedel
verheissen. Kan ich doch allezeit wieder zu rücke kehren / wann ich das jenige
nicht finden sollte / was meine Hoffnung so begierig suchet.
    Ich wünsche Glück dazu! sagte Atychintide / und stunde damit von der Tafel
auf / eher als sonst ihre Gewonheit war: dass also Polyphilus ihren Widerwillen
wohl erkennen kunte. Und ob er wohl bemühet war / sie wieder zu versöhnen / damit
durch ein böses Ende sein guter Anfang nicht verderbet würde: so entzoge sie ihm
doch dissmal alle Gelegenheit / und nötigte ihn gleichsam / ihre Beiwohnung zu
verlassen. Derowegen winkte er der Melopharmis / seine Stelle zu vertretten / er
aber verfügte sich mit Agapistus /nach seinem Zimmer: woselbst sie beide / der
Königin törichten Unwillen und unbesonnenes Lieben / bewunderten und beklagten.
So bald sich hingegen Atychintide mit Melopharmis allein sah / sagte sie: Was
dünket euch / Melopharmis! von des Polyphilus Entschliessung? hat solche eine
warhaftige / oder eine angemasste Ursach? ist ihm etwan mein Hof / oder etwas
darin verdriesslich? Freilich (gedachte Melopharmis) ist ihm etwas darin
verdriesslich! aber sie verheelte es / und gabe zur Antwort: Ich glaube nicht /
Gnädigste Königin! dass einiger Verdruss feines Vorsatzes Ursach sei / sondern
halte gäntzlich dafür / dass bloss die Weissagung des Einsiedels / und sein daher
entsprungenes Gelübde ihn zu den Schäfern führe: Dann er scheinet ein zartes
Gewissen zu haben. Wol wäre das bäste / dass man sein Vorhaben beförderte: weiler
sonst alles widerwertige / so ihme begegnet / der Ungnade des Himmels und der
Brechung seines Gelübdes zuschreiben wird. Vielleicht mag er dieses Lebens bald
müde werden / und ehe wir es vermeinen / wiederkehren.
    Will er dann (fragte die Königin) ganz allein zu Feld wandern? Nein!
(versetzte Melopharmis) Agapistus ist auch mit im Gelübde / und / dasern es E.
Maj. erlauben / will ich meinen Sohn ihrer Gesellschaft nicht entziehen: weil
er den Polyphilus sehr liebt /und ungern wird dahinten bleiben. Ich vermeine
auch / es könne ihm nicht schaden / ob er gleich eine zeitlang unter den Hirten
lebet / und ihre Gedichte mit anhöret. Dieses Schäfer-Leben wird ihm weniger
schaden / als dem Polyphilus / welcher ohne Zweifel hierdurch die Gunst seiner
Macarie verlieren wird: weil ich nimmermehr glauben kann / dass sie einen Schäfer
lieben / vielweniger selbst eine Schäferin abgeben werde. Nichts hätte die
listige Melopharmis vorbringen können / das die Königin mehr bewegt hätte / als
diese scheinbare Hoffnung der Trennung Polyphilus von Macarien: weil ihr solches
noch einige Vergnügung ihrer heimlichen Liebe zusagte. Sie wurde in einem
Augenblick ganz anderst gesinnet /und sagte mit gar feeundlichen Worten: Weil
ihr dann ja vermeint / dass man diss Beginnen nicht hintern solle / so mags drum
sein! Schaffet nur / dass die neuen Schäfer zierlich bekleidet werden / damit ich
sehe / wie ihnen der Schäfer-Habit anstehe / und eilet ihre Reise zu befördern.
    Ich gehe hin / zu verrichten / was E. Maj. befehlen: antwortete Melopharmis
/ und gienge damit von der Königin in des Polyphilus Zimmer; dem sie ihre
glückliche Verrichtung erzählte. Er ward hierüber /mit Agapisto / höchst
erfreuet / dankete der Melopharmis hertzlich und bate / sein Glück ferner zu
suchen / und wo müglich / bald nachzufolgen / weil es ja dissmal nicht sein
könnte. Sie versprache ihnen solches / eilete hierauf / ihre Kleider bestellen zu
helffen / damit sie Abschied nehmen kunten / ehe es die Königin wieder gereuen
möchte. Sie aber rüsteten sich zum Abzug / und fragte Polyphilus den Agapistus /
ob er an Macarie schreiben sollte? welcher vermeinte / / dass es bässer wäre /
wann sie zuvor einen gewissen Ort fünden / und davon zugleich berichten könten:
zumal sie sonst auf des Boten Wiederkehr warten müsten / und dadurch an ihrer
Reise gehintert werden möchten / der Macarie aber eine schlechte Nachricht
erteilen könten. Also liesse Polyphilus das Schreiben anstehen / und bestellte /
was sonst vonnöten war.
    Als nun die Kleider verfärtigt waren / und die dreie solche angezogen hatten
/ giengen sie erstlich zu den beiden Weisen auf ihre Zimmer / gesegneten
dieselben / und empfiengen von ihnen viel gute Lehren /zum Reiss-Geschenke.
Hierauf kamen sie / auch von der Königin Abschied zu nehmen: welche eben mit
Melopharmis im Garten sich befande / und dem Gärtner zusah / wie er das
aufgetaute Feld / zu Hervorbringung der schonen Blumen / zubereitete / als diese
wolgestalte Schäfere / zu ihr hinein traten. Ihre weisse Kleidung / mit rohten
Bändern aufs zierlichste besetzet / neben den gleichfallsbebänderten
Hirtenstäben /dienten nicht wenig / ihre Schönheit zu vermehren: und erschiene
sonderlich Polyphilus in diesem Kleide so prächtig / dass ihr die Königin
einbildete / sie sehe einen Apollo gegen ihr kommen. Sie stunde ein zeitlang
ganz erstaunet / und häfftete ihre Augen unverwandt an ihn: daher sie kaum
vername / was er vorbrachte.
    Durchleuchtigste Königin! (sagte er / nach einer tiefen Reverenz /) Ich
nehme hiemit von E. Maj. meinen untertänigen Abschied / und sage demütigen Dank
/ nicht allein vor so vielfältige bohe Gnad-Woltaten / sondern auch vor die
gnädige Einwilligung /dass wir unser Hirten-Gelübde vollziehen dörfen: mit der
Versicherung / dass wir allezeit dero Vortrefflichkeit bewundern / auch dero
preiss-würdigste Tugenden durch unsre Schäfer-Gedichte schuldigst verehren /und
der Ewigkeit einverleiben wollen: den Himmel bittend / dass er ferner E. Maj.
segnen / Sie und dero Hofsitz vor Gefahr und Unglück mächtig schützen /auch E.
Maj. in höchstem Wolstande unaussetzlich erhalten wolle. Habt dank / ihr schönen
Schäfere! (gab die Königin zur Antwort) so wohl vor eure Zusage / als vor den
Glück-Wunsch. Ich wünsche euch hinwiederum / zu eurem Vorhaben / einen
gesegneten Fortgang. Leistet / was ihr versprochen / und gedenket unser in euren
Hirten-Liedern: Wir wollen gleichfalls eur Gedächtnus hier behalten / dem Himmel
vor eure Wolfart opfern / und euch jederzeit gnädig gewogen verbleiben.
Vielleicht wird künftig ein anderer Vorsatz diesen überwinden / und uns eure
Gegenwart von neuem gönnen. Hierauf gab sie ihrer jedem die Hand / und befahle
sonderlich dem Tycheno / dass er dem Polyphilus gehorchen sollte.
    Inzwischen aber die Melopharmis ihren Sohn auch mit vielen Vermahnungen
gesegnete / führte die Königin den Polyphilus in die nächste Garten-Hütte / ihme
den Tycheno mit mehrern zu befehlen: wiewol sie vielmehr ihre verliebte
Begierden noch etwas zu erquicken suchte. Mein Polyphilus! (sagte sie / ihm die
Hand druckend) ich befehle euch meinen Sohn / weil er eure Gesellschaft nicht
verlassen will: ihr werdet ihn zur Tugend anhalten / und in der Wissenschaft
ferner unterrichten. Die Belvhnung / vor solche Bemühung / habt ihr von mir zu
forden. Was vor Belohnung / Gnädigste Königin! (gab er zur Antwort) kann der
jenige fordern / welcher vorhin alles / was er vermag / und sich selber schuldig
ist. Mein höchstes Glück ist / E. Maj. gnädigsten Befehl untertänigst zu
vollziehen / und dadurch einen Ruhm des Gehorsams / keineswegs aber einen Lohn
der Arbeit / zu suchen.
    Wisset / mein Polyphilus! (fuhr die Königin fort) dass ich euch liebe / und
zwar viel höher / als ihr gläubet / oder ich erzählen darff. Derowegen könnet
ihr kühnlich fordern / von der jenigen / die euch nichts versagen kann. Was E.
Maj. beliebet Liebe zu nennen /(versetzte Polyphilus) ist eine unverdiente Gnade
/ die ich dem Glück / und nicht meiner Würdigkeit / zu danken habe: Demnach
würde ich / durch eine vermessene Anforderung / selbige bosshaftig missbrauchen /
und in einen billigen Hass verwandeln. Meine Untüchtigkeit ist so gross / dass sie
sich so hoher Liebe nicht rühmen darf: deren Feuer nur die Fern-stehende zu
wärmen / die zu nahegehende aber zu brennen pfleget. Die Königin lächelte
hierüber / und sagte: Diesen Brand fliehen allein die Furchtsamen! Ihr wisset
selber / dass die Liebe alle Ungleichheit aufhebet / und auch die Entferntesten
zu vereinigen / die Herren zu Knechten und die Slaven zu Fürsten / die Grossen
leichtsinnig und die Geringen kühn zu machen pfleget; Keinem aber ihre Gnade
versaget / als denen / die sie mutwillig von sich stossen.
    Was sollte nun Polyphilus machen? Wolte er nicht alle Gnade verlieren / und
vor unhöflich oder verzagt gehalten werden / so musste er sich verliebt stellen
/seiner Macarie etwas von ihren Gütern entwenden /und sich damit aus diesem
Gefängnus los kauffen. Demnach ihre Hand ergreifend / näherte er sich ihrem
Munde / gabe ihr etliche Küsse / und sagte: Weil E. Maj. den Gewalt der Liebe
selbst verteidigen / als hoffe ich / es werde auch diese kühne Bezeigung
/welche ich als ein Pfand meines untertänigen Gehorsams am Abzug hinterlasse /
gnädige Vergebung erlangen / und Sie glauben machen / dass ich ihr getreuster
Diener sterbe / auch nicht mehr wünsche / als die Gelegenheit / meinen
schuldigen Gehorsam dero gnädigsten Befehlen zu widmen.
    Kein hungriger Wolf / kann so begierig den Raub ergreiffen / als die
unsinnig-verliebte Atychintide diese des Polyphilus Freundlichkeit annahme / als
durch welche sie eine kleine Abkühlung in ihren unruhigen Begierden empfande:
wiewohl die Furcht / so jederzeit die Laster zu begleiten pfleget / solche
Süssigkeit nicht wenig verbitterte / und ihre Augen /durch eine billige
Schamhaftigkeit / streng an die Erden häfftete / also dass sie den Polyphilus
nicht mehr ansehen dorfte / und kaum noch diese Worte /wiewol ganz verzagt /
hervor bringen konnte: Lebet wohl / Polyphilus! und deutet nicht übel / was wohl
gemeint ist / sondern entschuldigt die Macht der Liebe. Versichert euch aber /
dass meine Gnade gegen euch unveränderlich dauern werde.
    Dieses sagend / gienge sie mit ihm aus der Hütten /und befahle der
Melopharmis / diese Abreisende noch etwas zu begleiten. Sie aber bliebe zurücke
/ und belustigte sich mit Erinnerung des Verbrechens / welches sie billiger
bereuen sollen: biss Melopharmis wieder zu rücke kam / und ihre verliebte
Einbildung /durch des Polyphilus Ruhm / mächtig verstärkte / also dass sie nicht
unterlassen konnte / stäts von ihm zu reden / und dadurch dem ganzen Hof /
sonderlich aber den beiden Weisen / zu argwähnischen Gedanken Ursach gabe. Sie
gienge auch mit diesen täglich in den Tempel des Glückes / und opferte dem
Himmel / vor den Wolstand dieser Schäfer: heimlich aber / besuchte sie öffters
den Tempel der Liebe / mit höchster Andacht bittend / dass Polyphilus von Macarie
abgewendet / und in der Liebe gegen sie gestärket werden möchte. In welcher
vergeblichen Arbeit wir sie eine zeitlang lassen / und damit dieses Buch enden /
hernach aber den reisenden Schäfern nach eilen wollen.
 
                       Schluss-Gedicht des Zweiten Buchs.
Hier folget nun das zweite Buch / so den bekehrten Schäfer zeigt:
Nicht / wie zuvor / am hohen Hof / und in den Stand der Eitelkeit;
Nein! sondern bei der Wollen-Herd / in einem weissen Schäfer-Kleid.
Er lehret / dass der falsche Pracht sich nicht der Hirten-Lust vergleichet.
Dessgleichen weist Macarie / die mit Vernunft und Liebe streitet /
Und ihren Sieg / jezt diesem Teil / und bald dem andern leget bei /
Nachdem der Zufall sie betrifft: wie das Gemüt ein Schauplatz sei /
Ein Reich / da der Gedanken Heer oft feindlich in zwei Hauffen reitet /
Biss einer Herr im Felde bleibt. Die Atychintide lässt sehen /
Die ungeacht der Jahre Zahl / und ihres Standes Herrlichkeit /
Der blinden Wollust setzet nach: dass / wer sich einmal nicht gescheut
Zu treten auf die Laster-Bahn / dass es um solchen sei geschehen.
Bei Melopharmis Hülf und Rat / ist eine Reu des Grims zu schauen /
Mit dem sie vormals wider recht / und aus gekränktem Mutter-schmertz /
Polyphilum so sehr verfolgt: darum ergezt sie nun sein Herz /
Und will auch in den Schäferstand ihm ihren liebsten Sohn vertrauen.
Der recht getreue Agapist gesellt sich gleichfalls zu den Hirten /
Und wählet die vergnüate Ruh / verknüpffet mit dem Freundschaft band.
Was er so lang umsonst gesucht / das findt er jezt im Schäferstand /
Der dieses lieb-vertraute Paar mit Glück und Freude kann bewirten.
Nun lernet / die ihr Tugend liebt / den Irrweg zeitlich zu verlassen.
Beklettert nicht die hohen Berg: es hausen freche Winde da.
Hingegen ligt der Demut-steig / dem schönen Schloss der Tugend nah /
Drum geht auf dieser sichern Bahn / und weichet nicht auf fremde Strassen.
Verknüpfft die Liebe mit Vermmft / im fall sie schon hat überwunden
Das Hertz / die Vestung des Gemüts. So lang sie die Gefärtin hat /
Bleibt ihre Herrschaft ganz gerecht. Verlasst ihr aber klugen Raht /
Und führt die Torheit euren Sinn an ihrem Lasterstrick gebunden:
So fehlet ihr des rechten Wegs. Die Stricke führen zum Verderben /
Die Wollust stürzet in den Tal / da lauter Reu und Schande ligt.
Drum streitet / wolt ihr bleiben frei / biss diese Feindin ist besiegt.
Wer nicht erwürgt die böse Lust / den macht ihr Gift mit Schmertzen sterben.
Wann ihr / aus übereilten Grimm / habt ohne Schuld den Freund verletzet /
Und zu der Ungedult verleitt: so eilet / die erhitzte Rach /
Wit Freundlichkeit / zu wenden ab / und sezt dem Hass die Guttat nach /
Dass alles / durch die Tugend-Wag / werd in gerechten Stand gesetzet.
Und letzlich liebt Beständigkeit / die ein vergnügtes Freuden-Leben /
Nach überstandner Unglücks-Not / getreuen Freunden gibt zu Lohn.
Die Laster stürzen Höllen-ab. Wer Tugend liebt / erlangt die Kron.
So folget treulich ihrem Tritt: wie dieses Buch Bericht gegeben.
 
             Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIE. Zweiten Teils
                                        
                                 Drittes Buch.
                                 Erster Absatz
Die neue Schäfere suchen eine Trifft / und gelangen in die Landschaft Brundois:
     daselbst sie mit dem Schäfer Cumerus Kundschaft machen. Macarie / ihre
    Landwohnung besuchend / findet den Polyphilus unversehens im Felde / und
bescherzet ihn erstlich /aus einem Gebüsche / mit Antwort-Reimen. Ihr Gespräche
 / als sie zusammen gelanget. Sie werden /durch den Abend / wieder voneinander
                                  geschieden.
Unsre neue Schäfere / nachdem sie von Melopharmis Abschied genommen / und ihr
versprochen / so bald sie eine Trifft gefunden / damit sie nach Gelegenheit
ihnen folgen könnte / ihr davon Nachricht zu geben /durchgiengen selbigen Tag
noch etliche Gegenden /und nahmen bei einem Schäfer die Nacht-Ruhe. Weil ihnen
aber Sophoxenien noch zu nahe / auch die Landschaft nicht sonders ergötzlich
war / als trugen sie Bedenken / ihrem Wirte die Ursach ihrer Reise zu entdecken.
Demnach wendeten sie fremde Geschäffte vor / und giengen des andern Morgens /
nachdem sie von dem Schäfer Abschied genommen / und ihm vor die Bewirtung
gedanket / etwas weiter ins Land: von unterschiedlichen Sachen schwätzend /
worbei Macarie das meiste Anteil hatte.
    Endlich kame ihnen eine überaus schöne Gegend zu Gesichte / die mit hohen
Bergen / anmutigen Tälern / lustigen Hügeln / baumreichen Wäldern / grünenden
Matten und lust-rauschenden Bächen / so häufig prangte / dass es schiene / als
hätte die Natur alle ihre Kunst daran wenden / und selbige für ein Meisterstück
ausarbeiten wollen. Was dunket euch /(sagte Polyphilus zum Agapistus) von dieser
lust-reichen Landschaft? Scheinet es doch / als wann hier die Ergötzlichkeit
ihre Wohnung / und die Freude ihren Sitz habe. Ach! möchte uns der Himmel so
günstig sein / und uns allhier ein Räumlein / unsere Heerden zu weiden / und
unsere Lieder anzustimmen / vergönnen! Wer weiss / (gab Agapistus zur Antwort) ob
nicht der Himmel diesen Wunsch allbereit erhöret hat? Dort sehe ich eine Heerde.
Wir wollen uns bei dem Hüter erkundigen / was wir dieser Orten zu hoffen haben.
    Damit giengen sie sämtlich hinzu / und fanden bei den Schafen einen Knaben /
welchen sie fragten: wie diese Landschaft hiesse? Brundois heist sie: antwortete
derselbe. Weme ist dann diese Heerde zuständig? fragte Agapistus ferner. Sie
gehöret (versetzte der Junge) dem Cumerus / der eben hinter euch daher kommet.
Indem sahen sie sich um / und wurden gewar / dass ein ansehlicher und bejährter.
Schäfer auf sie zugienge: welchem sie entgegen eileten / in Hoffnung / durch
seine Freundschaft glückseelig zu werden.
    Polyphilus / nach einem höflichen Gruss / begunte ihn also anzureden:
Geehrter Vatter! Gönnet einem Unbekanten / euch mit diesen Namen zu nennen / und
zürnet nicht / dass wir euch so kühn ansprechen. Wir sind fremde Schäfer / und
haben unser Vatterland aus wichtigen Ursachen verlassen / willens / an andern
Orten Nahrung und Herberge zu suchen. Weil uns nun diese Gegend sehr fruchtbar
und lustreich vorkommet / so bitten wir um Bericht / ob wir nicht Hoffnung haben
/ dieses Landes und seiner Inwohner zu geniessen? Vernünftige und bescheidene
Schäfer! (gab der Alte zur Antwort) das Land / so uns ernehret / und darnach ihr
fraget / hat von einem hohen Ort seinen Schutz / und ist freilich von dem
gütigen Himmel / mit fruchtarn Wachstum / angenehmer Lust und fetter Weide so
überflüssig beschenket / dass es mitrecht ein Lustgarten der Hirten zu nennen
ist. Und ob es wohl viel Heerden nehret / so ist doch vor mehrere noch Weide
übrig. Lasset euch gefallen / in meiner geringen Hütten etliche Tage zu
herbergen / und den Augenschein völliger einzunehmen. Dafern ihr alsdann in
eurem Vorsatz verharret / und unsere Hirten-Gesellschaft mit eurer wehrten
Gegenwart verstärken wollet / bin ich erbötig / euch bei unsrer Obrigkeit Schutz
und Wohnung auszubitten / auch von meinem Uberfluss euch eigne Heerden um
Billigkeit zu überlassen. Ich halte euch / nach eurer Gestalt und Sitten /für
keine gemeine Hirten / und schätze für einen Teil meines Glückes / eurer
Anwesenheit lang zu geniessen.
    Die neue Schäfere / durch diese willfärige Antwort nichtwenig erfreuet /
dankten dem Alten höchlich / für seine freundliche Erbietungen / und baten /
solchem die Tat zu geben / und sie bald ihrer Gesellschaft einzuverleiben: mit
Versprechen / sich jederzeit also zu verhalten / dass ihn dieser ihnen erwiesenen
Woltat nicht reuen sollte. Also giengen sie mit ihm in seine Hütten / und wurden
von seiner Schäferin Amamphe / die in dem Herbst ihrer Jahre noch zimliche
Lieblichkeit sehen liesse / freundlich empfangen und wohl bewirtet. Sie
erkundigten sich / noch selben Abend / aller Beschaffenheit des Landes / und
seine Inwohner: biss die tiefe Nacht sie allerseits hiesse zu Ruhe gehen.
Polyphilus dankte den Himmel hertzlich / mit seinen Gefärten / dass er ihre Reise
so beglücket / und ihrem Schäfer-Orden einen so erwünschten Anfang verliehen
hatte.
    Folgenden Morgens / als sie mit dem Schäfer Cumerus zu der Heerde aufs Feld
spazirten / und noch andere Hirten besuchten / liess Polyphilus den Agapistus und
Tycheno bei den Schäfern / und ging etwas weiter feld-ein / teils die Gegend
eigentlicher zu besehen / teils auch auf Mittel zu gedenken / wie er seiner
Macarie von seiner glücklichen Reise Nachricht ert eilen möchte. In solchen
Gedanken kame er tief ins Land / und sezte sich endlich / als die heissere Sonne
und der Hunger ihm den Mittag ankündeten /bei einem Gesträuch nieder: alda er
sich der Speisen bediente / welche er auf solchen Fall mit sich genommen hatte /
unwissend / dass ihme die jenige so nahe war / deren Gedächtnus ihn so weit
geführet.
    Es hatte inzwischen Macarie / mit sehnlicher Begierde / auf einen Brief von
ihrem Polyphilus gewartet. Und wiewol sie / nach seinem Abschied / als die
Solettische Inwohner seine Besuchung erfahren / auch bei dem Wirt / bei dem er
gespeiset / sich aller seiner geführten Reden erkundiget / viel Unlusts
seinetwegen ausstehen müssen: War sie doch nunmehr in der Liebe so bevestiget /
und in der Widerwärtigkeit so geübet / dass sie solches nicht halb so sehr / als
zu erst / achtete. Doch nahme sie ihr vor / so bald sie von Polyphilus Nachricht
erhalten würde / ihn zu erinnern / dass er eine zeitlang die Insul meiden sollte.
Als sie aber etliche Tage vergeblich auf ein Gruss-Brieflein geharret / wollte ihr
endlich die Zeit zu lang werden / und ihr / zu allerhand widerwärtigen Gedanken
Anlass geben.
    Weil damals ohne das die Zeit vorhanden war / den Garten-Bau zu bestellen /
als machte sie sich auf /und fuhre auf ihr Landgut: alda sie / durch den Gärtner
/ die Blum-Felder bearbeiten / die Bäume beschneiden / neue Gewächse pflantzen /
und alles zu Werk richten liesse / was den lieblichen Früling noch ergötzlicher
machen kann. Ehe sie aber von dannen wieder abreisete / spazirte sie / in
Liebes-Gedanken von ihrem Polyphilus / weil es ein schöner Tag war /auch sie
alda mehr Freiheit als zu Soletten hatte / ins Feld hinaus / ihre unruhige
Sorgen in etwas zu lüften.
    Sehet nun / wie das Glück mit diesen beiden Verliebten gespielet! wie es sie
bald alle seine Grausamkeit empfinden lassen / bald wieder mit unverhoffter
Freude beseeliget. Unlängst war Macarie / ihren Polyphilus zu sehen / einen
langen Weg gegangen: musste aber / ohne seine Begrüssung / wie nahe er auch
gewesen / wieder zurück gehen. Und was soll ich sagen von dem Polyphilus? wie
oft war derselbe / sie zu sprechen ausgereiset / und wie selten hat er seinen
Wunsch erlanget. Jetzt / da keines das andere suchet /führet sie der Himmel
zusammen / dass sie / wider alles ihr Gedenken / erlangen / was sie nimmermehr
hoffen konten. Dann / als Macarie sich etwas fern von ihren Lustause vergangen
/ ersah sie / von weiten /einen wolgestal-Schäfer: dessen Gegenwart zu
entfliehen / sie sich auf die seite hinter einen Busch begabe /durch welchen sie
gleichwol gar eigentlich seine Gestalt sehen konnte.
    Sie befande alsobald / dass dieser Schäfer ihrem Polyphilus änlich war:
worüber sie nicht wenig in Bestürtzung und Nachsinnen geriete. Dann / weil sie
ihn niemals in Schäfer-Kleidern gesehen / auch an diesem Ort nichts weniger /
als ihn zu finden vermutet / kunte sie keine Gewissheit mit ihren Augen ausnehmen
/sondern stunde so lang in ungewisser Freude / biss er selbst ihren Zweifel
aufhebte / mit folgendem Liede /welches er / seinen Kummer zu bezeugen /
anstimte.
Die nun ganz-verjüngte Welt /
Und das vor-begraute Feld /
Bringt herfür neue Zier.
Büsch und Bäume sich belauben.
Und man hört die Turteltauben.
Das Geflügel / um die Hügel /
Sich in vollen Freuden schwingt /
Und von Fried und Freiheit singt.
Auf der Erde / kann die Herde
In den süssen Klee sich weiden.
Nur mein Lied ist ohne Freuden /
Mein Gesang ohne Klang:
Weil Macarie nicht höret /
Wie mein Dichten sie verehret.
So bald Macarie ihren Namen nennen hörte / wurde sie alles Zweifels befreit /
und mit unglaublicher Freude erfüllet: welche zu vermehren / sie sich etwas
tiefer ins Gebüsche begab / und dem Glück / welches sie damals mit Scherzen
ergezte / nachzuahmen / auch ihren Polyphilus / mit diesem Gegensatz bescherzte.
Offt geschicht es in der Welt /
Dass / was auf dem freien Feld /
Suchen wir / komt herfür:
Wie sich zeigen Turteltauben /
Wann die Bäume sich belauben /
Und vom Hügel / das Geflügel
Sich biss an die Wolken schwingt /
Und von süsser Liebe singt.
Wann die Erde läst die Herde
Nächst den schönen Schäfer weiden /
Stimt er billig voller Freuden /
Sein Gesang: weil den Klang
Seine liebste Freundin höret /
Und ihn gegensingend ehret.
Polyphilus / ward erstlich / über der Lieblichkeit dieses Gesangs / ganz
entzücket; hernach aber / als er den Inhalt vernommen / in solche Verwirrung
gebracht / dass er nicht wusste / ob der Himmel ihme eine Göttin / zum Trost
seiner Betrübnus herabgesendet /oder / ob vielleicht eine Nymfe / durch
Verkehrung seiner Liebes-Klage / mit ihm schertzen wollte. Demnach gienge er
etwas näher hinzu / und forderte mit beherzter Stimme / seiner Gegensängerin
Namen / folgender massen:
Wer ist der mich trösten will /
Mit so süss verkehrten Worten?
Worauf Macarie alsbald / und er ihr hinwiederum antwortete / wie hernach stehet:
Es ist deiner liebe Ziel /
Das du suchst im Hirten-Orden.
                                  Polyphilus.
Wohnt dann selber hier das Glück /
Das ich such' in meinen Lieben?
                                    Macarie.
Nein! das himlische Geschick /
Stillt nur also dein Betrüben.
                                  Polyphilus.
Die / so mein Betrüben stillt /
Ist Macarie! mein Leben.
                                    Macarie.
Und die ist auch jezt gewillt /
Sich in deinen Schoss zu geben.
                                  Polyphilus.
Ach! wie schön sind diese Wort /
Wann sie nicht betrüglich scherzen.
                                    Macarie.
Niemand scherzt an diesem Ort:
Ich red aus getreuem Herzen.
                                  Polyphilus.
Wol! so sag dann / was du weist.
Werd ich bald die Liebste sehen?
                                    Macarie.
Wann dein Sinn sich recht befleist /
Kan es auch noch heut geschehen /
                                  Polyphilus:
Himmel! wie bin ich bestrickt /
Ob so wunderbaren Sachen.
                                    Macarie.
Wen die Lieb so hoch beglückt /
Kan wohl der Bestrickung lachen.
                                  Polyphilus.
Soll ich recht beglücket sein /
So lass / grosser Trost! dich schauen.
                                    Macarie.
Wer will schauen meinen Schein /
Muss sich näher mir vertrauen /
                                  Polyphilus.
Was / vertrauen? ich will bloss
Mich Macarien verbinden.
                                    Macarie.
Wol! ich mache dich nicht los:
Suche nur / du wirst sie finden.
Diese lezte Zusage machte den Polyphilus so kühn /dass er alle Gefahr verachtend
/ behertzt nach dem Busch gienge / um zu erfahren / mit wem er bisher Gespräche
gehalten. Er war kaum etliche Schritte gegangen / als er die Macarie / mit
freundlichen Gebärden / ihm sah entgegen kommen: welche unvermutete Antreffung
ihn mit so freudiger Verwunderung anfüllte / dass er nicht wusste / ob er auch bei
sich selbst wäre / oder dieses alles in einem Gesicht geschehe? Als er sie aber
immer näher sah / rieffe er mit gebrochner Stimme: Sehe ich / oder bin ich
geblendet? ist sie es warhaftig / hochwehrte Macarie! oder hat das Glück ihre
angeneme Gestalt / meine Schmerzen zu lindern / an sich genommen? Mein liebster
Polyphilus! (gab Macarie mit lächlendem Munde / zur Antwort) ihr findet hier
kein Glück / wie ich zuvor im Reim-Gespräche gescherzet / sondern eure Macarie
/doch von dem Glück / zu ihrer und eurer Vergnügung geführet.
    Wie ist es dann müglich / schönstes Kind! (sagte Polyphilus) dass wir uns
hier zusammen finden können? bin ich der Insul Soletten so nahe / oder hat sie
dieselbe allerdings verlassen? Keines von beeden! (begegnete ihm Macarie)
sondern der Himmel hat uns heut sonderlich wohl gewolt / und die Augen finden
lassen / was bloss die Gedanken gesuchet. Hier in der nähe liget mein Landgut /
auf welches ich mich dieser Tagen / notwendiger Geschäften halber / begeben /vor
meiner Wieder-Abreise aber / noch einen Spazirgang / in eurer Gedächtnus /
verrichten wollen. Also habe ich nun einen so schönen Schäfer gefunden / den ich
gleich für den Polyphilus hielte / auch darum näher herzu trate / die Gewissheit
meiner Gedanken /aus seinen eingen Munde zu holen. So sei dann der Himmel mit
höchstem Lob gepriesen / (versetzte Polyphilus) der mein Schäfer-Gelübde auf so
unterschiedliche Weise beglücket / und durch solche Beglückung billiget: Alles /
was ich in demselben Beginne / ist gesegnet / so gar / dass auch das Ziel aller
meiner Hoffnungen sich bald im Anfang einfindet. Ach allerliebste Macarie!
lasset euch doch gefallen /ein wenig bei mir zu sitzen / und verachtet nicht die
Schoss eines unwürdigen Schäfers. Ich habe zwar wenig Zeit zu sitzen /
(erwiederte Macarie) weil ich noch heute zu Soletten sein muss: doch will ich
diese erwünschte Gelegenheit nicht versäumen / eurer Gegenwart noch etwas zu
geniessen. Saget her / mein Hertz! und erzählet / wie es nach unsern Abschied
ergangen // und warum ihr allhier auf diesem Felde euch also ganz allein finden
lasset?
    Hierauf liessen sie sich beide auf das grüne Grass nieder / und fieng
Polyphilus an nach der länge zu erzählen / mit was grosser Mühe er sich von der
Königin lossgerissen / und wie ungern sie in seinen Abzug gewilliget; wie
freundlich hingegen der Schäfer Cumerus sie aufgenommen / und ihnen nicht allein
Feld und Heerde / sondern auch Schutz von der Obrigkeit / zugesagt hätte. Dieses
alles ihr durch ein Brieflein zu berichten / hätte er in diesem Spazir-Weg auf
Mittel gesonnen / selbige auch so unverhofft erhalten / dass er nun keiner Feder
mehr vonnöten habe / und dem gütigen Himmel nicht gnugsamer zu danken wisse.
Uber dieser Nachricht ward Macarie höchst erfreuet /und wünschte Polyphilus
tausend Glückseeligkeiten in seinem Hirtenstande: mit Bitte / desselben völlige
Antrettung zu beschleunigen / auch / weil sie dissmal nicht länger bei ihm
bleiben könnte / ihr seinen Zustand durch einen Brief kunt zu machen / welchen
der Gärtner-Junge allezeit nach Soletten tragen / und ihme wieder Antwort von
ihr zurück bringen kunte. Sie erzehlte darneben von dem Gemurre der Solettischen
Inwohner / über seiner lezten Besuchung / und die im Wirtshaus ausgestossenen
Worte: weswegen sie für ratsam hielte / dass er eine Zeitlang die Insul meiden
möchte.
    Als sie hierauf warnahme / dass es Zeit wäre / nach Soletten wieder
abzufahren / stunde sie auf / von Polyphilus Abschied zu nehmen / und wiewol er
sie /noch ein wenig zu verharren / inständig bate / entschuldigte sie sich doch
mit der Unmüglichkeit / und mit der Notwendigkeit ihrer Heimreise. Demnach
schlosse er sie nochmals in die Arme / und bate sie /mit vielen Küssen / auch
tiefen Seufzen / in der Liebe beständig zu verbleiben: welches sie ihm
versprache /und / die Gunst des Glückes nicht zu missbrauchen /nach einen
freundlichen Kuss / von ihm schiede. Sie ward von seinen betrübten Augen / weil
sie ihn selber vor dissmal nicht zum Gefärten dulten dorfte / so lang begleitet /
biss sie ihm aus dem Gesicht kam / und ihme also Ursach gabe / zu seinen Schäfern
wieder zu kehren: inzwischen auch sie / noch selbigen Abend /in verliebten
Gedanken zu Soletten wieder angelanget.
 
                                 Zweiter Absatz
Polyphilus / sein Glück nicht ertragen könnend / läst sich vom Agapistus bereden
/ an Macarien wahrer Liebe zu zweifeln. Er schreibet ihr demnach später /als er
versprochen / und beklaget den Verzug gar kaltsinnig: worauf sie ihme mit einem
 Brief und Lied antwortet. Seine Widerantwort / mit Wiederholung ihres Liedes.
Sein Gespräche mit dem Agapistus / den er erbittet / nach Sofoxonien zu reisen.
Die Liebe und der Reichtum / sind niemals ohne Sorge: und sollte uns gleich der
Himmel Geld und Güter mit Verschwendung zuwerffen / und unsere Geliebte in die
Schoss und Arme legen / so würden wir doch nicht vergnügt sein / und uns zum
wenigsten mit der Sorge plagen / wie solche herrliche Schätze zu erhalten seien.
Den Augenschein dessen sehen wir an unserm Polyphilus / der mitten in der
Glückseeligkeit unseelig / und bei Uberfluss der Liebe immer nach Liebe verlangig
ware. Es ging ihm / wie einem Reisenden / der von fern eines stück Goldes gewar
wird /und mit ängstiger Freude nach demselben eilet / damit ihm keiner von
seinen Gefärten vorkomme; wann er aber solches erlanget / erst anhebt zu
zweiffeln / ob es auch warhaftig Gold / oder nur ein vermischtes Metall sei /
und dannenhero nach dem Feur lauffet / selbiges zu prüfen. Also war auch
Polyphilus erstlich nur bemühet / die Liebe Macarien (deren Tugenden er
bewundert) zu erlangen / ehe ein ander ihr Hertz einnehme: Nun sie ihm aber so
teure Zeichen ihrer Liebe gegeben / dass er über keinen Mangel zu klagen hatte
/fänget er auch an zu zweiffeln / ob er solche vor eine aufrichtige Liebe / oder
für scheinbare Verstellung halten sollte / und suchet ihre Gewogenheit / durch so
gefährliche Flammen zu prüfen / dass ich fürchte / es werden ihn derselben
Funcken einst schweerlich verletzen.
    Der Grund dieses Misstrauens / und das erste Holtz zu diesem Brand / ward vom
Agapistus geleget. Dann als Polyphilus / nach dem freundlichen Abschied von
seiner Macarie / mit frölichen Gemüte wieder zu seinen Schäfern gekommen / und
dem Agapistus in geheim / die glückseelige Findung seiner geliebten Macarie /
und deren freundliche Bezeigungen / eröffnet /konnte sich dieser / eine so
schnelle Veränderung in Macarien Gemüte nicht warhaftig einbilden / und sagte
demnach zum Polyphilus: Ich freue mich zwar sehr / mein Freund / dass ihr endlich
den Zweck ereichet / nach welchem ihr so mühsam gestrebet / und der Gunst eurer
Macarien nun gäntzlich versichert seit. Weil aber ihre eigene Worte gegen mir /
zusamt ihren Briefen gegen euch / so gar das Wiederspiel zeigen / / werdet ihr
mir zu gut halten / wann ich noch einigen Zweiffel von ihrer beständigen
Gewogenheit hege. Ein ungeläutertes Silber / und eine ungeprüfte Liebe / bleiben
allezeit verdächtig. Viele lieben im Glück / die im Unglück hassen. Vielleicht
wird sie /durch eure Liebe / zur Gegenliebe genötiget / nur dass sie die
Undanckbarkeit fliehe? Und vielleicht würde sie / bei eurem Widerwillen / wann
er auch nur gering schiene / alle Liebe fallen lassen?
    Polyphilus / ob er wohl viel höhere Gedanken von seiner Macarie führte /
liesse sich doch durch diesen Einwurff zu einer kleinen Probe verleiten: nicht so
sehr / seine Gewissheit zu stärcken / als dem Agapistus seiner Liebsten
Beständigkeit zu zeigen. Demnach verzoge er das Brieflein / welches er Macarien
versprochen / wohl vierzehen Tage / und ergetzeten sich indessen mit den neuen
Hirtenspielen: bis sein eigen Gewissen ihm seine Schuldigkeit vorhielte / und er
/ von Liebe überwunden / folgendes Brieflein /durch des Gärtners Jungen / an sie
abfertigte.
                                  Mein Hertz!
Wann ich / die Saumseeligkeit dieses Grusses / dem Versprechen / das ich bei
unsern Abschied getan /entgegen halte / solt ich wohl selber meinen Fehler mehr
anklagen / als entschuldigen. Habe ich denn ihrer so lang vergessen / und die
Bitterkeit meines Abwesens / die sich sonderlich der Zeit am meisten häuffet /
wann wir unser Verlangen verlassen müssen / unbeklagt verschweigen können? Oder
hat mich / die schuldige Pflicht / meiner Zusage nicht erinnert / der Jenigen zu
gehorsames / die mir / die angenehme Verstrickung meiner Freiheit / mit
widerwertiger Bitterkeit lösen könnte? Wie hab ich doch meiner vergessen / indem
ich die jenige eine so geraume Zeit nicht begrüsset / ohne deren Erinnerung mein
Hertz nichts ersinnen oder denken kann? Sind die äusserliche Zeichen eine Ursach
der Verhinderung / und der Beweis einer innerlichen Vergessenheit: so wird mich
in Warheit diss langsame Brieflein mehr verdammen / als entschuldigen. Aber
ungerechter Brief! warum hast du auf meinen Verlaub so lang gewartet? du hättest
ohne meinen Befehl abreisen / und meiner Liebsten / den heimlichen Gruss meiner
sie stets-verehrenden Seele / wider mein Wissen / entdecken sollen: gläube mir /
sie würde dein neues Zeugnüs erfreuter angenommen / als die billiche Verdammung
zugelassen haben. Nun soll ich selber mit dir kämpffen. Und gewisslich / weil die
Richterin weiss / wie ich ihrer nie vergessen könne / wird sie / aller Gewonheit
zuwider / das Urteil mehr gegen den Verklagten / als gegen mich den Anklager
fällen / und durch deine Unbilligkeit mich rechtfertigen. Es folget doch nicht
/weil ich sie so lang nicht begrüsset / dass ich auch in der Zeit nicht an sie
gedacht habe. Ach! wie wäre diss müglich? Ihre Gedächtnis / so mir das zarte Bild
ihrer Lieb-flammenden Augen / ohne Entscheidung vorstellet / ist so tieff in mir
verstecket / dass / ob es gleich in gedoppelter Zeit nicht Frucht trüge / dennoch
der Zuckersafft die Wurtzel dermassen durchsüsset / dass die Bitterkeit des
Verlangens bissweilen der vergnügten Ruhe geniesst / und sie nicht suchen
/sondern behalten heisset. Wird sie demnach / allerliebstes Kind! die Ursach
meines Stillschweigens mit der Menge meiner Verhindernüssen abmessen / und kein
Misstrauen wegen Andenkens in ihrem Sinn herrschen lassen / vielweniger mich mit
gleicher Straffe belegen / welches ich wohl vor die Gröste erkennen würde / die
mir ihre erzürnte Hand auflegen könnte /sondern mich / bei dieser Post / mit
einem ihrer schönen Gedichte erfreuen / auch durch eine angenehme Antwort mich
versichern / das sie noch beständig liebe /
                              Ihren ewig getreuen
                                                                     Polyphilus.
Ehe Macarie diss Schreiben erhielte / war sie mit tausend Gedanken umgeben / und
wusste nicht / wem sie die Verhinterung des Gruss-Briefleins / welches ihr
Polyphilus so eiffrig versprochen / zuschreiben sollte. Bei den Gärtner hatte sie
alles wohl bestellet. So kunde sie auch an dem Willen ihres Liebsten / dem sie
allezeit so willfährig befunden / nicht zweiffeln. Demnach quälete sie sich /
mit Besorgung einer Kranckheit / oder eines noch grösseren Unglücks / so dem
Polyphilus möchte zugestossen sein / dadurch er an seinem Versprechen gehindert
würde. Aber allzu sichere Macarie! es ist keines von beiden: sondern Polyphilus
will / bei Gesundheit / nicht an dich schreiben / und im Glücke deiner nicht
achten. Bissher hat er / die Sorge üm Gegenliebe / allein empfunden: Aber nun
will er dich auch zur Qual-genossin haben. Hat er eine Zeitlang um deiner Liebe
willen gelitten /so fürchte ich / du werdest solches Leiden nun eben so häfftig
fühlen müssen. Dann dieses ist nur der Anfang deines künftigen Unglücks / und
auf dissmahl werden nur die Seiten gestimmet / welche dir nachmals einen
traurigen Ton vorspielen sollen. Darum ist es kein Wunder / dass du dich
verwunderst / weil es wider deine Gedanken lauffet. Derowegen du auch so bald
gläubest / wann sich Polyphilus entschuldiget /und nicht merken wilt / dass
dergleichen Proben noch mehr gesponnen werden / biss du mit solchem Garn ganz
verstricket seist.
    Dissmahl wurde die Furcht durch die Freude verjaget / so bald sie des
Polyphilus Brief von dem Jungen empfangen: Wiewohl dessen Inhalt / und die mehr
höffliche / als gültige Entschuldigung seines Stillschweigens / / ihr etwas
Nachdenken verursachte / und sie eine freundliche Straffe / durch nachfolgendes
Brieflein / an ihm absenden machte.
                            Ruhm-würdigster Schäfer.
Sein langes und ganz befremdliches Stillschweigen /hat / wie leicht zu
vermuten / meinen Sedanken allerhand Sachen / und endlich die vergebliche
Hoffnung vorgestellt / es würde meine / so oft wiederholte /wohlmeinende
Erinnerung / dissmahl ihren erwünschten Zweck erreichet / und sein Gemüte / durch
Befreiung von einer ungegründeten Liebe / glückseelig gemacht haben. Aber sein
Brieflein bemühet sich / das Gegenteil zu erweisen / und mit vielerlei
Verrichtungen seine Vergessenheit zu entschuldigen: welche er doch weit sicherer
/ mit meiner Unwürdigkeit hätte verteidigen können Dann wie wäre es müglich /
dass einiges Nachsinnen / die Gedanken so gar fassen könnte / dass sie nicht
zuweilen ausschreiten / und sich ihres freiwilligen Versprechens erinnern
sollten? Oder / wie könten der Geschäffte so viel sein / dass sie zu Ausfertigung
eines kleinen Briefleins / innerhalb vierzehen Tage / nicht ein einiges halbes
Stündlein übrig lassen? In Warheit / mein Polyphilus! seine eigne Vernunft muss
gestehen / dass diese Entschuldigung unkräftig / und gestehet es auch gern / wie
sein Brieflein bezeuget: Welches sich gleichfals heftig beklaget / / dass er ihm
gewaltsamer und unbilliger Weise die Schuld auf zu bürden gedenket / sonder
Betrachtung / wie oft es ihm Feder und Papier vorgeleget /und also ihn
stillschweigend zum schreiben angemahnet / aber gar schläffriges Gehör erhalten
/ und gern eher abgelauffen wäre wann er es eher verfertiget hätte. Also
scheinet die Entschuldigung / grössere Straffe / als das Verbrechen selber /
verdienet zu haben. Und weil er mir das Richter-Amt aufgetragen /so könnte ihm
von mir keine gerechtere Straffe zuerkennet werden / als die jenige / zu welcher
er sich selbst verdammet / nämlich diese / dass ich die Antwort eben so lang
zurück hielte / als er die Begrüssung aufgezogen. Aber wie sollte diese
Versäumnüs /darinnen eine kleine Nachlässigkeit die gröste Sünde ist / meine
Feder zurück halten / ihm seine Bitte zu versagen? Es würde mir weit leichter
sein / ihm alle Beleidigung zu vergeben / als eine einige zu rächen. Die Verse
aber / oder vielmehr die Reimen / (weil unter Poeten und Reimenmachern ein
grosser Unterscheid ist) wird er von meiner Unvermögenheit nicht fordern /
sondern mit kommende Entschuldigung für gültig aufnehmen / als ein Zeugnüs / das
sich jederzeit gehorsam erweiset /
                                 Seine ergebene
                                                                        Macarie.
                                       1.
Was begehrst du meine Lieder /
Die doch ohne Klugheit sind?
Ach! du weist ja / schönes Kind!
Dass nicht lieblich singt ein jeder.
Mein Gedicht /
Kan sich nicht /
Deinem süssen Spiel vergleichen /
Das dich / von des Pöffels Schaar /
An die Wolken machet reichen.
                                       2.
Es ist keine Kunst zu nennen /
Was die Einfalt führet mit.
Welcher wird / ein Bauern Lied /
Für der Musen Stimm erkennen?
Schlechter Ton /
Bringt nur Hon.
Und mein ungeziertes Lallen /
Welches keinen Dank verdient /
Kan auch niemand wohl gefallen.
                                       3.
Demnach / Liebster! nimmt dein Bitten
Allen Zweiffel von mir hin /
Und ermundert meinen Sinn /
Nach zu folgen deinen Schritten.
Ist gering /
Was ich bring /
So ist doch der Will zu preisen:
Der / auch in gar schlechter Tat /
Den Gehorsam kann erweisen.
                                       4.
Nim / an statt der schönen Reimen /
Mein getreues Lieben an /
Das dein nicht vergessen kann.
Lass auch dir stets von mir träumen.
Was der Neid
Uns verbeut /
Lindert doch das Angedenken /
Biss die Tugend / nach dem Streit /
Uns wird stete Ruhe schenken.
Diss Gedicht schlosse Macarie in vorgesetzten Brief /und schickte damit den
Gärtner-Jungen an den Polyphilus. Weil sie aber auch andere Notwendigkeit in
ihrem Lustause zu bestellen hatte / gabe sie ihre Dienerin zur Gefärtin mit.
Als diese beide dahin gekommen / fanden sie den Poliphilus allbereit ihrer
wartend: Dann es hatte ihm sein Gewissen / das Verbrechen seines Stillschweigens
/ so sträfflich vorgemahlet / dass er entweder gar keine / oder doch eine harte
Antwort / von Macarien besorgte / und aus ängstiger Furcht nimmer bei den Hirten
bleiben kunde / biss er von seiner Liebsten Vergebung erhalten. Darum gienge er
nach ihren Handgut / in Hoffnung / eine Antwort bei dem Jungen zu fordern. Als
er nun solche bekommen / ward er so vergnügt / dass er nicht wusste / ob er zu
erst seinen Zweiffel verdammen / oder seiner Macarie Treu erheben sollte. Er
durchlase den Brief /samt dem Gedicht / mit solcher Freude / dass es schiene / ob
würden seine Geister von neuen geboren. Weil er durch ihre Dienerin Gelegenheit
hatte / wieder zu antworten / als wollte er / seine Danckbarkeit sehen zu lassen
/ solche nicht ausschlagen / sondern forderte alsbald Feder und Papier / und
schriebe seiner Macarie folgende Antwort.
                                 Allerliebste!
Wie die Gewalt ihres beredsamen Mundes meine ungelehrte Feder allemahl weit
übersteiget / also geht auch der Reichtum ihrer Tugenden meiner
Unvollkommenheit so weit vor / dass ich in dero heimlichen Bekriegungen meine
Vermessenheit besiegt erkennen / und bei gerechter Entschuldigung mich gleichwol
selber eines Verbrechens beschuldigen muss. Was will sie aber / liebes Kind! vor
eine Bekentnüs annehmen? Als Richterin beschliest sie die Befreiung von einer
ungegründeten Liebe / deren ich aber die geschlossene Fessel / mit welchen mein
Hertz / als der Sitz solcher Freiheit / bestricket ist / entgegen halte. Soll
ich nun / mein Verbrechen mit einer Unwürdigkeit verteidigen / so befihlt mir
ihre Höfligkeit ein anders: Deren zu gehorsamen / ich mich aber viel zu unwürdig
schätze / nämlich in die Hände der Würde selber mich einzuschliessen / da mich
die schreckende Furcht in ein Still-sein verleitet. Wird aber der Schluss ihre
Schönheit und Tugend betreffen / will ich viel sicherer meine Saumseligkeit /
und mit derselben mein Verbrechen / auch die Vermessenheit / so mich /ihrem
Beschuldigung nach / zu einer ungültigen Entschuldigung bereden dürffen / ihrem
beliebenden Urteil zu bestraffen darstellen. Ich sehe aber / dass sie ihr
Richter-Amt also gegen mir verwaltet / dass ich mehr von gnädiger Vergebung sagen
/ als über zorniges Recht klagen muss. Wird mir aber nicht / die Verweigerung der
Straffe / zu fernern Verbrechen Anlass geben: Doch nein / schönes Rind! der
rühmliche Vorgang in einer aufrichtigen Liebe / wird mir vielmehr eine
gleich-rühmliche folge auflegen: Sonderlich da diese der Widerwertigkeit mehr
befreit / und vor jener beglücket ist. Freilich beglücket / mein Hertz! Dann in
jener hab ich nie den herrlichen Namen ihres Liebsten erhalten können / der mir
in den Anfang dieser folge / durch ihr schönes Gedicht / einen ganzen Himmel
voll Süssigkeit erwecket. Was will ich nun mehr begehren / oder verlangen? ich
kann mich ja durch diesen Namen versichern / dass ihre Beständigkeit mit solchen
Ketten an meine Treue gebunden sei / die kein anderer / sollte er auch noch so
viel Gehülffen haben / zerreissen kann: Bevor wann auch mein unausgesetzter Fleiss
/ dieselbe mit bessern Glück fortin bewahren / auch durch mehrere Brieflein /
als bisher geschehen / erweisen wird / dass ich lebe und sterbe / Ihr
                                Ewig beständiger
                                                                     Polyphilus.
Das Gedicht hatte er folgender massen verkehret /welches er dem Brief mit
eingeleget.
                                       1.
Liebste! wären meine Lieder
Auch so klug / wie deine sind:
Wüst ich / zartes schönes Kind!
Dass auch deinen Preis hinwider /
Mein Gedicht /
Meine Pflicht /
An die Wolcken sollte heben;
Dass nicht meiner Verse Spiel
An der Erden bliebe kleben.
                                       2.
Wär es eine Kunst zu nennen /
Was die Einfalt führet mit:
Wolt ich meinem Bauern Lied
Auch noch einen Ton vergönnen /
Dir zur Ehr /
Mir zur Lehr.
Aber weil mein Einfalt-Lallen
Niemals keinen Dank verdient /
Darff mir diss auch nicht gefallen.
                                       3.
Gleichwol / weil die schöne Sitten
Liebste! deiner Gütigkeit /
Herrlich gläntzen allezeit /
Werd' ich dannoch sein gelitten /
Wann ich mich
Lediglich
Mühe / deinen Ruhm zu preisen
Auf der Erden / biss mein Geist
Dich den Sternen gleich kann weisen.
                                       4.
Dieses nimm / an statt der Reimen /
Treues Hertz! hinwider an /
Und weil ich nicht besser kann /
Als von dir mir lassen träumen:
Will ich dich /
Wie du mich /
Stets in meinen Sinnen führen;
Biss wir / von der Neider Mord
Eingeschlaffen / ruhe spüren.
Als nun Polyphilus / der Magd den Brief eingehändigt / mit Bitte / solchen
Macarien / neben einem gehorsamen Gruss / von ihme zu überliefern / verfügte er
sich / mit frölichem Gemüte / wider zu seinen Schäfern. Agapistus ging ihm
entgegen / und sagte: willkomm / Polyphilus! Ihr habt gewiss gute Antwort
bekommen: mich dünckt / ich soll es an eurer Stirn lesen. Freilich / mein
Freund! (gab Polyphilus zur Antwort /) ich weiss nicht / ob ich euren Argwahn
verklagen / oder meine Leichtgläubigkeit verdammen soll / wann ich meiner
Macarie Beständigkeit betrachte. Hier leset / Agapistus! was ihr nicht gläuben
kundet / und zweiffelt hinfüro nicht mehr / an deren Tugend / die keine ihres
gleichen findet. Damit übergab er ihm den Brief Macarie / welchen Agapistus
durchlase / und dem Polyphilus wieder zustellte / sprachend: Warumb wollet ihr
meinen Zweiffel / und die daraus entsprungene Liebes-Probe / verdammen / da sie
euch doch / die süsse Versicherung von eurer Macarie Treu / zurück gebracht?
Wollet ihr eine schöne Blume deswegen verachten / weil sie aus einer schwartzen
Zwiffel hervor gewachsen? Ich verachte nicht die Blum / (versetzte Polyphilus)
sondern verdamme die Unbilligkeit / mit welcher ich ihr / aus einem unnötigen
Verdacht / die schuldige Begrüssung entzogen. Doch ist es wohl abgelauffen / und
nun nichts mehr zu wünschen übrig / als unsre völlige Vereinigung. Diese nun zu
befördern / werden wir die Reise nach Rutuben ehist anzustellen haben.
    Dieses kann bald geschehen! (sagte Agapistus) allein es wird nötig sein / dass
wir zuvor die Melopharmis unsern Zustand wissen lassen: damit nicht die
Mütterliche Liebe gegen ihren Sohn / uns in Ungnade bei der Königin / und in
andere Ungelegenheit stürtze. Das ist wohl erinnert! (sagte Polyphilus) Aber wie
bringen wir einen Brief dahin / weil niemand unter den Hirten den Weg weiss? Mit
Briefen (er wieder Agapistus) ists bedenklich / wegen allerhand Ursachen. Wir
wollen selber eine Reise zu ihnen tun. Polyphilus zukte die Achsel / und sagte:
Nach Sophoxenien komme ich nicht. Ihr wisset / was ich daselbst vor Feinde hab:
Soll ich wider neu Holtz zu den verdriesslichen Feuer legen / welches in meiner
Abwesenheit fast wird erloschen sein? So will ich allein dahin / (sagte
Agapistus) und ihnen von unserm Leben Nachricht erteilen: Wann ihr so gutwillig
sein wollet / (versetzte Polyphilus) hätte ich grosse Ursache zu danken. Ich tue
es gar gern: (antwortete Agapistus) morgen mit dem frühsten will ich mich
aufmachen.
    Unter diesem Gespräche kamen sie wieder zu den Schäfern: Und weil sie sahen
/ dass das Auge der Welt begunte schläfferig zu werden / trieben sie die Herden
nach den Ställen / und begaben sich / nach gehaltener Abendmalzeit / sämtlich zu
Bette. Am folgenden Morgen / machte sich Agapistus auf den Weg / nahm Abschied
vom Cumenus / Tycheno / und den andern /und wendete vor / wie dass er eine kleine
Verrichtung in der Nachbarschaft hätte / und bald wider bei ihnen sein wollte.
Polyphilus und Tycheno gaben ihm / unter einem guten Gespräche / das Geleite.
Und weil Tycheno nicht Lust hatte / mit nach Sophoxenien zu gehen / sondern nur
einen Gruss mit gabe / als bate Polyphilus den Agapistus / er möchte doch seinen
Weg durch Soletten nehmen / und bei der Macarie einen schönen Gruss ablegen:
Welche ihn vielleicht eine Antwort auf den Brief / den er ihrer Dienerin mit
gegeben / hinwiederum zustellen würde. Ihr sollet nicht bitten / (sagte
Agpaistus) sondern befehlen. Ich will diese Verrichtung gern auf mich nehmen:
Der Himmel gebe nur / dass ich ein glückseeligerer Bote /als jenes mal / sein
möge! Das will ich ja hoffen! versetzte Polyphilus / und nahme damit / nach
Anwünschung einer glücklichen Reise / von ihm Abschied /worauf er mit Tycheno
nach den Trifften zurücke gienge.
 
                                 Dritter Absatz
Agapistus / nachdem er unterwegs zu Soletten die Macarie gesprochen / kommt nach
   Sophoxenien /und berichtet von ihrem neuen Schäfer-Leben. Er wird daselbst
aufgehalten / und schreibt an den Polyphilus. Dieser verspaziret seinen Traum /
wörtelt mit dem Gegenhall / stöst auf den Taliypsidawus / und empfihlet ihm ein
   Schreiben an die Macarie. Als er auch den dritten Brief hernach gesendet /
                     erfolget auf alle dreie ihre Antwort.
Agapistus liesse ihm seine Reise so angelegen sein /dass er in etlichen Stunden
nach Soletten kam / und die Macarie ganz allein fand: dann die Magd noch nicht
von dem Garten-Haus / heim gekommen war. Er grüsste sie freundlich / und als er
warname / das sie sich über seiner unvermuteten Ankunft etwas entsetzte / sagte
er: Ich wäre nicht so kühn / hochwehrte Macarie! ihre beliebte Einsamkeit durch
meine verdriessliche Gegenwart zu zerstören / wann ich nicht gläubte / dass des
Polyphilus Befehl / diese Vermessenheit entschuldigen werde. Selbiger lässet
einen schönen Gruss durch mich vermelden / und lebet in der Hoffnung / die
schönste Macarie werde erwünschter Glückseeligkeit geniessen / und seinen
Gedächtnüs einigen Raum in ihren Hertzen gönnen. Ich bedancke mich freundlich /
(gab Macarie / die sich indessen wieder erholet / zur Antwort /) dass er /
Kunst-Edler Schäfer! meine Einsamkeit seiner Besuchung würdigen wollen. Und weil
mich Polyphilus durch ihn begrüsset / bitte ich / er wolle ein kleins den Sitz
nehmen / auch seine Freundlichkeit und meine Schuld grösser zu machen / mich
berichten / wie dem Polyphilus der Schäfer-Orden gefalle / und ob er darin sich
vergnügter / als im Hof-Leben / befinde.
    Freilich / (saget Agapistus) lebet er in erwünschter Zufriedenheit / und
klaget keinen Mangel / als die Abwesenheit seiner Macarie. So muss er fürwahr
recht glückseelig sein / (begegnete ihm Macarie) weil ihm so gar ein geringes
mangelt: Ich habe zwar biss daher immer gehoffet / es werde Polyphilus einst das
Unrecht / so er ihm selbst / durch meine unglückselige Liebe zufüget / erkennen
und ändern: Wie ich deswegen auch ihm / wehrtester Schäfer! bei seiner vorigen
Besuchung inständig gebeten / die Erkäntnüs solches Irrtums / bei seinen
vertrauten Freund / durch vernünftiges Zusprechen / zu befördern; Dann er / als
unpassionirt / hätte einem so verwirrten Gemüt wohl zu Hülffe kommen können. Aber
ich sehe / dass alles mein Wünschen und Bitten bisher unfruchtbar geblieben:
Wiewol ich daran noch nicht verzweiffle / sondern hiemit nochmals bitte / mein
Schäfer wolle ihm doch angelegen sein lassen / seinen Weid-Genossen von solchem
unnützlichen Vorhaben abzuwenden.
    Ich hoffe ja nicht / (antwortete Agapistus) dass dieser harte Befehl im
Hertzen einen Grund haben soll /schönste Macarie! sonsten würde ich gezwungen
/solchen von mir zu schieben. Ich habe zwar ihren vorigen Befehl (wie unbillig
er auch meinen Gedanken vorgekommen) gehorsamet / und dem Polyphilus von ihrer
Liebe abgeraten: Er aber / der die Vollkommenheit ihrer Würde besser betrachtet
/ ward durch meine leichte Beredungen mehr erzürnet / als geändert / und wusste
meinen baufälligen Gründen / mit so daurhaftiger Stärke zu begegnen / dass ich
endlich gewonnen geben / und sein Vorhaben billigen musste. Es ist ja doch schwer
/ wider die Billigkeit streiten; Und sind die Ströme seiner Liebe viel zu gross /
als dass sie durch den geringen Damm meiner Worte sollten aufgehalten werden. Man
hätte aber den Damm wohl höher schütten können: versetzte Macarie mit Lächeln.
Polyphilus mag dann künftig mir keine Ursach seines Unglücks zulegen / wann er
ietzo meinen Warnungen nicht folget: Dann bei eignem Willen / niemanden Unrecht
geschihet.
    Ich bitte aber / (fuhre sie fort /) damit wir auf andere Gespräche kommen /
mich zu verständigen / durch welche Gelegenheit man heute nach Soletten kommen?
Ich reise nach Sophoxenien / (sagte Agapistus) der Königin und Melopharmis
unsern Zustand bewust zu machen: Aber auf des Polyphilus Bitte habe ich diesen
Weg erwehlet / seinem unruhigen Verlangen /von ihren schönen Händen etwan vor
ihn ein Gruss-Brieflein auszubitten / ein Genügen zu tun / worum ich dann hiemit
schönst will gebeten haben. Macarie /welche noch Antwort auf das vorige
erwartete / bewunderte / dass Agapistus um einen Brief ansuchte /truge aber doch
Bedenken / deswegen zu fragen / und sagte: Sie habe dissmahl nichtes zu schreiben
/ würde auch er sich so lang nicht aufzuhalten haben / weil noch ein ziemlicher
Weg nach Sophoxenien wäre. Sie bäte demnach / er möchte dissmahl dem Polyphilus
/neben einem schönen Gruss von ihr / viel gutes sagen: und wollte sie mit nächsten
ein Brieflein folgen lassen. Mit dieser Antwort / musste nun Agapistus sich
abfärtigen lassen: Der darauf / nach genommenem Abschied / sich wieder auf den
Weg begabe / und unter allerhand Gedanken von Macarie und Polyphilus / mit
spätem Abend / nach Saphoxenien kame.
    Sie sassen eben zur Tafel / als er seine Ankunft der Königin ansagen liesse.
Diese Unseelige / hatte / seit ihres Abwesens / alle die Marter gefühlet /
welche eine heimliche und verbottene Liebe kann zu empfinden geben / und wurde
von ihren Lastern schmertzlich gefoltert. Von aussen zwar schiene sie eine
glückseelige Königin / in ihren Gemüt aber / war sie eine gefässelte Sclavin der
Wollust / und vermochte / mit allem dem Uberfluss ihrer Schätze und Reichtümer
/den Mangel und die Dürfftigkeit / welche sie quälte /nicht abzuwenden. Sie
dorfte niemand ihre Wunden eröffnen / weil sie wusste / dass sie von lauter
Schande eiterten / auch dass ihr hoher Stand und herannahendes Alter / durch eine
so sträfliche Liebe / nicht wenig befleckt würde / und dass sie kein Oel /
sondern eitel scharffe Artznei / zu gewarten hätte. Also verheelte sie ihre
Krankheit / und linderte ihren Schmertzen mit der betrüglichen Hoffnung / den
Polyphilus wieder zu sehen. Sie ward aber letzlich in solchem warten ungedultig
/ da sie auch die Melopharmis / in der Sorge vor ihren Sohn / zur Gesellin
bekommen wollte: dass es also Zeit war / diesem Unheil vorzukommen / und Agapistus
gar gewünscht ankame.
    So bald Atychintide / seine Ankunft vernommen /liesse sie ihn ungeseumt vor
sich fordern / da er dann /nach abgelegter Reverentz / sie also anredete:
Durchleuchtigste Königin! das gesetze der Dankbarkeit / zu welchem E. Maj. so
viel erwiesene Gnaden und Woltaten / uns verpflichtet / hat mich angetrieben /
unsere lustige Felderei zu verlassen / und durch diese untertänige Aufwartung /
meinen schuldigen Gehorsam / zu bezeugen. Polyphilus und Tycheno / meine beide
Weid-Genossen / lassen / durch meine Wenigkeit / E. Maj. sich untertänig
befehlen / und berichten / / wie dass wir / in der Gegend Brundois / eine so wohl
gelegene und ergötzliche Weide gefunden / dass wir Ursach haben / den gnädigen
Himmel davor zu danken / und unser Schäfer-Gelübde / bei welchem /wir so vieler
Glückseeligkeit geniessen / fort zu setzen: nicht Zweifflend / es werden E. Maj.
gnädig geruhen / diss Vorhaben / wie sie allbereit angefangen /zu billigen und zu
befördern.
    Die Königin / so noch immer in der Hoffnung gewesen / Polyphilus sollte einen
Eckel über dem Hirten-Orden bekommen / und wider nach Hofe verlangen /wurde
durch diese Nachricht in solchen Schrecken gesetzt / dass sie fast nicht zu
antworten wusste. Doch suchte sie solches zu verbergen / und sprach: Wir hören
gern / Ruhm-würdiger Schäffer! dass ihr euch /mit euren Gesellschaftern / in
erwünschtem Zustande befindet / und uns solches / durch eure Besuchung /habt
eröffnen wollen: Aber wie kommt es / dass sie euch allein abgesendet? Ist dem
Polyphilus das Haus seiner Errettung so verdriesslich / dass er es nicht mehr
sehen und besuchen mag? Agapistus hatte sich schon auf diese Frage gefast
gemacht / und gab zur Antwort: Ach nein! Durchleuchtigste Königin! die Ursach
seines Ausbleibens / ist die Hoffnung der Besuchung Melopharmis / die sie bei
unserer Abreise uns gemacht hat / welche er / durch diese Reise / und wann er
ihren Sohn mit gebracht / würde aufgehoben haben.
    Wolan dann! (versetzte Atychintide / die hiedurch wieder eine Zuversicht
bekommen) so last uns diese Besuchung befördern! rüstet euch / Melopharmis! und
reiset mit Agapistus zu eurem Sohn: wir wollen euch Phormena zur Gefärtin geben.
Dafern es E. Maj. befehlen / (sagte Melopharmis /) habe ich Ursach zu gehorsamen
/ und vor die gnädige Erlaubnüs zu danken. Wir sehen es gar gern / (begegnete
ihr die Königin) wann nur Phormena bald zurücke käme. Doch / es wird Agapistus
nicht von uns eilen. Ich habe zwar (gab dieser zur Antwort) dem Polyphilus
versprochen / morgen wieder bei ihm zu sein / fürchte auch /es möchte ihm / mein
Verzug / sorgliche Gedanken eines zugestandenen Unglücks vorstellen. Doch will
E. Maj. gnädigen Befehl / ich mich keines Wegs entzihen. Was ihr / (sagte
Atychintide) wegen des Polyphilus befürchtet / kann durch ein Brieflein
abgewendet werden: ich will indessen die Phormena durch einen Lackeien abholen
lassen. Mit diesem Vorschlag war Agapistus zu frieden / und weil man eben
frische Speisen auftrug / setzte er sich / auf der Königin Befehl / zur Tafel /
und hatte unter Essens / mit ihr / und den beiden Weissen / allerhand Gespräche.
Er musste auch alles / was sich auf ihrer Reise begeben / und wie sie von den
Schäfern aufgenommen worden / erzählen: Biss die Zeit den Schlaff ankündete / und
sie sich zu Ruhe begaben.
    Am Morgen schriebe Agapistus an den Polyphilus /und befahle dem Servetus /
nachdem er ihm die Gegend ihrer Weide / und den Weg / dahin zu gelangen
/beschrieben / ihm solchen Brief einzuhändigen. Dieser verrichtete solchen
Befehl schleunig / und kame noch selbigen Abend / zu den Schäfern. Polyphilus
/welchen sehr nach Agapistus verlangte / erkannte den Servetus von fern / eilete
ihm entgegen / zu vernehmen / was er brächte / und empfinge von ihm den Brief /
welcher also lautete.
Treugeliebter Freund!
    Weil ich / auf Befehl der Königin / etliche Tage hier verziehen muss / und
leicht mutmasse / dass mein Aussenbleiben euch allerhand Nachdenken machen wird /
als habe ich solchem mit diesem Brieflein begegnen / und zugleich berichten
wollen / dass ich von Macarie zwar einen schönen Gruss / aber keinen Brief (wie
eiffrig ich mich auch darum bemühet) erlanget. Die Ursach ist mir unwissend /
und wird sie es vielleicht euch entdecken. Sie hat sonsten viel von euch geredt
/ und gefraget / welches ich bei unserer Zusammenkunft eröffnen werde. Wohin
ich auch meine hiesige Verrichtung spare / indessen aber bitte / gewogen zu
bleiben / Eurem
                       getreuen Diener und Weid-Genossen
                                                                      Agapistus.
Polyphilus ward über diesen Bericht etwas traurig /behielte den Servetus selbige
Nacht bei sich / und suchte durch dessen Geschwätze seinen Kummer zu lindern.
Dann er musste ihm alles / was sich nach seiner Abreise im Schloss zugetragen /
eröffnen: Das dann teils Nachdenken / teils Lachen verursachte /und sie also
die Zeit mehr mit Reden / als Schlaffen zubrachten.
    So bald der Tag wieder angebrochen / machte sich Servetus auf / zur
Rückreise. Polyphilus kunde ihm /wegen verwirrter Gedancken / keinen Brief mit
geben / sondern befohle / Agapisten zu grüssen / auch ihme getreu zu sein / und
was er von ihm oder Macarien widriges hören würde / ihm kund zu machen. Nach
seiner Abreise / bliebe er in kummerhaften Gedanken / welche zu vertreiben / er
einen Spazirgang wehlte. In solchem fragte er bei sich nach der Ursache / so
Macarien von seiner Begrüssung abgehalten /und könnte doch keine ersinnen. Dann
dass sie seinen Brief nicht erhalten haben sollte / wusste er nicht zu mutmassen.
In diesen Gedanken / gelangte er in einen Wald / und suchte / nach seiner
Gewonheit / bei den Gegenhall / die Endung seines Zweiffels / mit dieser
Ansprache:
Verliebte Nymf! begegne meinen Klagen /
Und gieb Bericht / wovon ich dich will fragen /
E. ich will sagen.
Was ist die Schuld / das man vergangne Nacht /
Von Macaris / kein Schreiben mir gebracht?
E. ihr Verdacht.
Was vor verdacht kann meine Freud betrüben?
Zeigt nicht mein Brief / und mein Gedichte / Lieben?
E. nicht geschrieben.
Ist diss der Zwist / der mir raubt ihre Huld?
Und gibest du nur mir allein die Schuld?
E. dein die Schuld.
Ist dir dann noch der Zweiffel nicht benommen?
Und kann mein Brief der Liebes-List nicht frommen?
E. ist nicht kommen.
Wie! schertzest du? eröffne / was ich such.
Dein' Antwort fehlt / und zeigt fast Betrug.
E. hast genug.
Aus dieser lezten Antwort kunde Polyphilus leicht schliessen / dass er nicht
weiter fragen dürfte. Also ging er verwirrter / aber nicht klüger / wieder
zurück / und wendete sich auf den Weg nach Soletten: zum wenigsten des Luftes zu
geniessen / von welchem die jenige lebte / welche sein Leben unterhielte. Ach!
wie willig wäre ich / (gedachte er bei sich selbst) diesen Weg fort zu setzen /
wann es in meiner Macht stünde! ich wollte nicht müd werden / biss ich die Ruhe /
an der Seiten meiner Macarie / erlangt hätte. Aber nun ists mir verbotten / und
ich würde ein unangenehmer Gast sein.
    In solchen Gedanken / kehrte er voll Traurigkeit wider zurücke / und sah
indem jemanden gegen sich kommen: welchen er bald vor den Talypsidamus erkannte.
Die unverhoffte Freude über dieser Begegnung seines Freundes / durch welche das
Gewölke seiner Traurigkeit / wie die Nacht von der Morgenröte / verjaget wurde /
erfüllte ihn dermassen / dass er mit grosser Begierde auf ihn zu lieffe / ihm um
den Hals fiele /und mit lauter Stimme rieffe: O ich Glückseeliger mitten in der
Widerwertigkeit / nun ich denjenigen vor mir sehe / der den ersten Stein / zu
dem Bau meines Glückes gelegt / auch nicht aufhören wird / zu arbeiten / biss er
/ allen Neidern zu Trutz / die Spitze gesetzet. Talypsidamus / über dieser
befremdlichen Bezeigung ganz erstaunet / sagte: Ich weiss nicht / Leutseliger
Schäfer! womit ein Unbekanter diese Freundlichkeit um euch verdienet. Wie?
unbekant? (fiele ihm Polyphilus in die Rede) kennet Talypsidamus seinen
Polyphilus nimmer? Ist der arme Schäfer den Augen seines Freundes so vergessen
worden?
    So bald Talypsidamus den Namen Polyphilus nennen hörte / ward sein Hertz von
Freuden also überhäuffet / dass er eine gute Zeit nit reden kunde / und sich nur
mit Umhalsen / Küssen / und Trähnen zu antworten bemühete / biss er endlich
sagte: Ach! wie hoch bin ich dem Himmel verbunden / der mich den hat finden
lassen / welchen ich so lang vergeblich gesuchet / Polyphilus! getreuster
Polyphilus! wie führet uns das Glück hier so unverhofft zusammen? Ach vergebet
mir / liebster Freund! den Irrtum / welchen die ungewohnte Kleidung bei mir
verursachet / und erzählt doch / ob hier die glückselige Weide meines Freundes
sei? Nein! (versetzte Polyphilus) sie liget etwas weiter hintan / und haben
meine Gedanken mich auf diesen Weg geführet / welche sich allezeit nach Soletten
wenden. Hierauf erzehlte er / was sich biss daher begeben / und dass er durch
Agapisten keine Antwort von Macarien erhalten können: bate folgends / dass er die
Ursach erforschen / und um ein Brieflein anhalten wollte / weil er sich / auf
ihren Befehl / der Insul äussern musste. Das ist wohl nötig /(sagte Talypsidamus)
wegen der ergrimmten Innwohner. Die Werbung aber bei Macarie / welche ich so
willig / als schuldig auf mich nehme / würde meines Erachtens mehr Nachdruck
haben / wann ich ein Brieflein von euch mit brächte.
    Das wollte ich auch gern abgeben / (antwortete Polyphilus /) aber wo nehme
ich hier / was zum Schreiben gehöret. Und ich zweiffele / ob er etwasaufzuhalten
sei. Hier habe ich Feder und Dinte / (sagte Talypsidamus) hättet ihr nur Pappier
/ so könde ich einen Brief erwarten. Ohne Papier / (gab Polyphilus zur antwort
/) pflege ich nicht zu gehen. Es findet sich auch hier ein Stein / und schicket
sich also alles zu meinen Vorhaben. Setzet euch nur etwas nieder / biss ich
etliche Zeilen verfertiget. Also schriebe er an Macarie /folgendes Brieflein /
so gut es die Eile verstattete.
                              Allerliebstes Hertz!
Wie kann ich doch einige Gelegenheit vorbei lassen /die mich / mein Verlangen
durch dero süssestes Andenken zu befriedigen / beglücket. Zwar sollte meine
Vermessenheit billig scheu tragen / ihre Gedult und gewohnte Ruhe mit solcher
Unhöflichkeit zu verherben: Allein das Verbrechen meiner jüngstes Saumseligkeit
/ will die Verbesserung ihrer Schuld damit desto kräfftiger erweisen / dass es
nicht nur gedoppelte Bezahlung bringt / sondern auch sich gleiches Rechts zu
bedienen suchet / dessen sich ihre Anklage vordessen gegen meiner Vergessenheit
gebrauchet /da man mir die wenige Verweilung des gebührenden Grusses so
verbrechbar ausgeleget. Ich zwar / der ich ihrer lobwürdigsten Güte müglichst zu
folgen mich bemühe / bin zu frieden / weil ich weiss / dass dennoch meine Macarie
von mir reden / und an mich denken wollen Aber Agapistus / der getreue
Botschafter des Polyphilus / befindet sich / durch solche Verweigerung / seines
Amts entsetzet / als welches / nicht mündlich / sondern schrifftlich seiner
Macarie Gedanken / dem Polyphili öffnen soll. Deswegen ich ihm vor dissmal die
Anklag / mir aber die Vergebung zueigne / und mich befriediget bekenne / wann
ich nach diesen / der Anklag Agapisti zu begegnen / einige Antwort erhalte. Mein
Hertz vergebe mir diesen Schertz! weil ich anietzo dem Papier nichts anders oder
wichtigers zu vertrauen habe. Ich erkenne aber dabei den Zwang meiner Liebe /
die mich ohne Rede reden heisset; und beschliesse auch den lautern Ernst /der
ihr ein kleines Verbrechen nicht so wohl aufbürdet / als zu bedenken gibet. Sie
verbessere nach dessen Erkentnüss / was ich hiermit zu befördern wünsche /
bittende / meine Wenigkeit mit einem Gegengruss zu bewürden / den ich mit so
vielen Freuden /als Liebe empfangen / und zum Zeugen beibebalten werde / dass
meine Macarie mir hinwiederum sei / wie ich gegen derselben zu beharren mich
verschreibe /nämlich
                                der ewig-getreue
                                                                     Polyphilus.
Als Talypsidamus diesen Brief erhalten / nam er Abschied vom Polyphilus / weil
er noch selbigen Tag zu Soletten sein musste / und versprache / allen Fleiss
anzuwenden / um die Inwohner zu begütigen / und Macarien zu den Schäfern zu
bringen. Polyphilus bedankte sich höchlich wegen solches anerbietens /wünschte
ihm Glück zur Reise und Verrichtung / und kam hierauf mit etwas frölichern
Gemüte wieder zu ben Hirten: sehnlich wartende / so wohl einen Brief von Macarien
/ als auch die Wiederkunft des Agapistus. Als aber beide verzogen / begunte sich
seine Hoffnung in eine Ungedult zu verwandeln / welche ihn dermassen quälte /
dass er nicht länger bei den Schäfern bleiben kunte / sondern sich / einige
Nachricht zu erlangen / auf das Luft-Haus der Macarie verfügte. Als er auch
daselbst nichts vernommen / triebe ihn der Eifer seiner Liebe / auch den dritten
Brief zu senden / welchen er dieses innhalts verfassete.
                                 Allerliebste!
Ob wohl / die straffbare Verweigerung ihrer so oft begehrten Brieflein / zu
gleichmässigem Verbrechen mich verführen könnte: so widerstrebet doch allemal der
getreue Dienst / womit ich seitero einer aufrichtigen Liebe mich ergeben / dem
unbilligen Vornehmen / und ermahnet mich / ihre Vergessenheit vielmehr mit
meiner oftmahligen Begrüssung zu verbessern / als in ihren Verbrechen zu
stärcken. Ich sehe doch wohl / dass ich den Vorgang in diesem Spiel zum Gewinn
übrig behalte / möchte also wünschen / dass die folge demselben allerdings
gleichte / und ich nicht Ursach bekäme / den erwehlten Dienst mit Widerwillen
aufzugeben / in dem ich erfahre / das keine Bemühung so unangenehm / als die /
so ohn Entgelt verachtet wird. Will sie nun / liebes Hertz! ihre verzuckerte
Worte / von dem Gift der Heuchelei befreien / so wird sie nicht nur das gewisse
Versprechen erfüllen /sondern auch die mündliche Erklärung ihrer Gewogenheit /
mit einer angenehmen Begrüssung aufs erste bezeugen / und mir künftig nicht mehr
die gerechte Klage auf dringen / dass sie den höchsten Grad ihrer Liebe mit dem
Anfang meiner Anwerbung vergleiche / als welche mir noch immer die drei
Brieflein vorleget / darin mehr die Tränen als Buchstaben /über die damahlige
schimpfliche Verachtung Klage führen / dass sie dem Polyphilo unbeantwortet keine
Ruhe beibringen können. Was werden nun diese tun / unter denen sich dieser den
dritten benennen wird: Ich hoffe zwar / dafern sie schlaffen / es werde dieses
Ungestüm sie wohl aufwecken; dder / da sie verdrossen worden / werde er sie
schrecken / dass sie ohne Arbeit hinfort keine Speise haben sollen: weil ja die
Liebe also bewant ist / dass sie nicht gibet / wo sie nicht wieder nehmen kann.
Mein Kind vergebe dieser verliebten Ungedult / und straffe nicht diese kühne
Erinnerung / sondern lasse mit einer freundlichen Antwort / durch diesen Boten
ergetzet werden /
                              Ihren ewig-getreuen
                                                                     Polyphilus.
Mit diesem Schreiben / sendete Polyphilus des Gärtners Jungen an die Macarie.
Selbige hatte / nach des Agapistus Abreise / mit sorglichen Gedanken / warum ihr
doch Polyphilus einen Gruss und keine Antwort auf ihren Brief gesendet / sich
gequälet. Dieser Qual aber wurde sie selbigen Abend / durch ihrer Dienerin
Ankunft / die das Schreiben von Polyphilo mit brachte / befreit. Weil sie aber
/ aus solchem Brief / einen Vorwurf ihrer Gelindigkeit / und eine allzugrosse
Vermessenheit auf ihre Liebe / schlosse: als nahm sie ihr vor / mit der Antwort
etwas zurück zu halten /damit nicht Polyphilus durch den Uberfluss ihrer Gunst /
welche gemeiniglich einen Eckel zu verursachen pfleget / zu fernern verbrechen
verleitet würde. In diesem Vorsatz verharrte sie / biss ihr Talypsidamus den
andern Brief einhändigte / und dabei inständig um Antwort anhielte. Diesen liefe
sie / mit einer freundlichen Antwort und Antwort-Versprechung /wider von sich /
verharrete aber nichts desto weniger in ihrem Vornehmen / und verübte also eine
kleine Rache / an der vorigen Langsamkeit des Polyphilus Als aber der Junge das
dritte Schreiben brachte / sah sie durch sein ungedultiges Bitten / und kühnes
Anfordern sich genötigt / solcher gestalt zu antworten.
                            Ehren-geneigter Schäfer!
Wann ich / in seiner jüngsten Versaumnüe / mein Richter-Amt / durch
heuchlerisches Ubersehen / ungerecht verwaltet / und mit einer unbilligen
Gelindigkeit ihm die Tür zu fernern Verbrechen geöffnet / wie er mir vernünftig
zu erkennen gegeben: Was wäre es wunder / wann ich mit dem Verzug dieses
Briefleins /selbigen Fehler zu verbessern gesuchet / und die Straffe / welche
ihm damals zuerkennt worden / dissmahl vollzogen hätte: Aber weil von einen
passionirten Gemüte kein unparteiisches Urteil zu hoffen / als will ich lieber
mit vielem Vergeben / als mit scharffen Straffen / an der Gerechtigkeit
sündigen. Zwar hat es das Ansehen / dass ich diesen Ruhm der Gelindigkeit /mehr
mit Worten / als mit Werken / verdiene / indem ich nicht allein Agapisten /
sondern auch dem Talypsidamus / eine schrifftliche Antwort geweigert / und also
die Straffe wirklich vollzogen. Allein ich bleibe gleichwol unschuldig / weil
bei Ankunft des Agapistus / sein Brieflein mir noch nicht eingelieffert gewesen
/ welches ich erst selbigen Abend erhalten / und also nicht beantworten können /
was ich noch nit gelesen hatte. Wird er also seinen Freund mit dieser
Entschuldigung besänftigen / und um fernere rühmliche Verwaltung seines Amtes
bittlich ersuchen. Dem Talypsidamus aber / habe ich / weil er nicht wieder
zurücke gereist / keinen Brief erteilen können. Unterdessen bedanke ich mich
freundlich / dass er / wehrter Schäfer! nicht allein meine Wenigkeit seiner
Gedächtnüs würdigen / sondern auch / durch seine unmüssige Feder mir solches
eröffnen wollen: bittende in solcher Gunst zu verharren / und mit seinen
angenehmen Briefen öffters meine Einsamkeit zu ergätzen; Ich werde hingegen
meine Schuldigkeit in deren Beantwortung eiferig erscheinen lassen. Meinen
einfältigen Gedichten aber / welche ihn viel kühner als die ungebundne Worte
besprechen / ist deswegen ein Arrest angekündet worden / damit sie nicht ferner
/durch unvorsichtige Eröffnung meiner Gedanken / den Lauf seiner Liebe verwirren
/ und ihn aus einen Vorgeher zum Nachfolger machen. Dafern er aber mir solchen
Vorzug gönnen will / habe ich zwar Ursach vor solche Ehre zu danken: daneben
aber zu bitten /dass er in seiner Nachfolge meiner Tritte wohl warnehmen / und
wann er sehen wird / dass ich die Liebe besiegen / und mein Gemüt aus ihren
tyrannischen Fesseln reissen werde / alsdann auch behertzt wider sie streiten /
und / durch überwindung einer so listigen Feindin / seiner Freiheit den Sieg
erhalten wolle; dann sonsten würde seine Nachfolge nur in den Banden der
Dienstbarkeit bleiben / und die herrliche Freiheit / wider alle Vernunft / mit
Gewalt von sich jagen. So erwehle er nun / nach seinem Belieben / den Vorgang /
oder die Nachfolge / und lasse mich seinen Schluss wissen / damit ich Gelegenheit
habe / auch meine Pflicht zu beobachten. Er lebe aber indessen frölich / und
gedenke an seine
                                                                        Macarie.
Was wird nun Polyphilus gedenken / wann er diesen Brief liset? wird er sich
erfreuen / oder betrüben? wird er klagen / oder danken? Es ist ja mehr
Höflichkeit /als Liebe / mehr Kunst / als Gunst / darin zu finden. Aber / diss
ist die Gewonheit Macarien: sie zeigt Liebe / nimmet sie aber wider zu sich.
Sie bekennet sich passionirt / will sich aber doch bemühen / wieder frei zu
werden. Also spielet sie mit ihrem Polyphilus /damit er zwischen Furcht und
Hoffnung unterhalten /und weder in Vermessenheit / noch in Verzweiflung geraten
möge. Doch ist er zu frieden / wann er nur die Hand sihet / die sein Leben und
seinen Tod in ihrer gewalt hat. Und ob gleich das Ende ihres Briefes / eine
fremde Vermahnung fasset / so hält er doch solche vor einen höflichen Schertz /
und ist vergnüget / dass sie ein verliebtes Gemüt bekennet / welches seine Briefe
begierig fordert / und selbige willig zu beantworten verspricht. In solchen
gedanken gienge er von dem Lust-Hanse Macarien / daselbst er den Gärtners-Jungen
mit den Brief erwartet / nach den Schäfereien.
 
                                 Vierder Absatz
   Die Schäferin Volinie wirft einen Preis auf / zum Siege-Kampf. Darauf wird
 wett-gesungen / von göttlicher Vorsorge und Trübsal-Verhängnüs / vom Früling /
 von der Liebes-Entsessenheit / von Kunst und Tugend. Ihr Wortgefechte / indem
keiner den Krantz annehmen will. Cumenus erzählt dem Polyphilus / die Geschicht
   von der Verlierung seines Kindes / der kleinen Macarie / und wird von ihm
                                   getröstet.
Wie nun Polyphilus also durch die Wiesen spazirte /ersah er eine schöne
Schäferin / die einen zierlichen Blumen-Krantz wunde / und nahme daher Ursach zu
fragen: wer doch die Ehre haben würde / diesen künstlichen Krantz von ihren
zarten Händen zu erlangen? Ich habe ihn für den gebunden / (gab die Schäferin
zur Antwort) der heut am besten singen wird. Dieser herrliche Preis (versetzte
Polyphilus) sollte mich bald anfeuren / meine einfältige Lieder unter ihre kluge
Gedichte zu mengen / und wo nicht in der Krone zu prangen / doch mich des
Glückes zu rühmen / das ich darum gekämpfet. Es ist kein Zweiffel /gelehrter
Schäfer! (antwortete die Schäferin) das euer Reimen-Spiel einen viel grössern
Dank / als diesen schlechten Krantz / verdienet. Und weil wir diesen schönen Tag
(fnhre sie fort zu ihm und den andern /die eben auch herzu kamen) nicht schöner
/ als mit solcher Ubung zubringen können / bitte ich / sie wollen sich alle
gefallen lassen / mit Liedern um diesen verfertigten Krantz zu streiten /
welchen ich zu diesem Ende allhier aufhänge. Wir sind dessen zu frieden / (sagte
Polyphilus im namen ihrer aller) und wird sie / schönste Schäferin / nur noch
die Mühe nehmen /uns zu befehlen / was der Innhalt unserer Gedicht sein soll.
Das will ich (sagte Volinie /) unserm Vorsteher und Vatter Cumenus auftragen /
dessen alte Erfahrenheit unserer Jugend Belehrerin ist.
    Wann mein bejahrtes Alter / (antwortete Cumenus) noch unter ihren
Hirten-Spielen singen darf / will ich mich deme nicht entziehen. Und weil unser
fünfe sind / möchte es vielleicht nicht übel lauten / wann wir / der erste die
Güte des Himmels / welche uns ernehret und versorget / der andere dessen
betrübendes Verhängnüs / der dritte die Lieb-regende Frülings-Jahrzeit / der
vierte die Liebs-Entsessenheit / und der fünfte Kunst und Tugend vorstellte.
Dieser Vorschlag ward von allen beliebet / und nur noch gestritten / wer den
Anfang machen sollte. Cumenus / dem sie es auftrugen / sagte / wie dass dem
Frauenzimmer die Ehre gebührte. Volinie entschuldigte sich / wie dass dem Alter
der Vorzug zustünde / und also kame es an Amapfe: welche / nach höflicher
Entschuldigung / wie folget / zu singen anfienge.
                                       1.
Himmel! wie soll mein Gemüt /
deine Güt /
In geringe Reimen schliessen?
Weil von deinem Uberfluss
Tausend Ströme sich ergiessen.
Was des Menschen Aug beschauet /
Land und See / Tal und Höh /
Hat des Höchsten Hand gebauet.
                                       2.
Er hat ja das Sonnen-Liecht
zugericht /
Und läst an den Himmels-Gräntzen /
Wann der Tag verschwinden muss /
Sterne voller Flammen gläntzen.
Er befeuchtet mit dem Regen
Wald und Feld / und die Welt
Mehret sich durch seinen Segen.
                                       3.
Alles muss / auf sein Geheiss /
Trank und Seiss /
Lust und Nutz / mit Hauffen tragen.
Alles / nach des Himmels Schluss /
Füllt der Menschen Wohlbehagen.
Alle Tiere / die sich regen /
Was da fleucht / oder kreucht /
Lebet bloss der Menschen wegen.
                                       4.
Seine unbeschränkte Macht
uns bewacht /
Wann wir mit Gefahr umgeben.
Sein bereichter Gnaden-Guss
Uberschütt des Menschen Leben:
Der sich Ruhm-nennt Gottes Stammen /
Und sein Bild noch verhüllt /
Trägt in des Gemütes-Flammen.
                                       5.
Dieser reichen Himmels-Güt /
soll mein Lied /
Mit erhitztem Eiffer danken.
Und ob mein zu niedrer Fuss
Nicht erreicht die hohe Schranken:
Will ich doch den Hirten weisen
Meine Pflicht. Diss Gedicht
Soll des Höchsten Güte preisen.
Nachdem Amapfe diesen Gesang beschlossen / fienge Cumenus an / den vermeinten
Gegensatz mit diesem Lied vorzutragen.
                                       1.
So siht der Himmel aus / so lang sein runder Bogen
Das angenehme Kleid von blauer Seide trägt /
Das / durch der Sonne Glantz / mir güldnen Drat durchzogen /
In so geschmücktem Pracht der Welt zu schmeicheln pflegt.
Wie aber / wann das Dach der schwartzen Wolken weinet?
Wann vor der Nacht die Nacht herkomt /
Und nur mit Blitz das Wetter scheinet?
                                       2.
Der Herrscher über uns / der füllt der Menschen Leben
Zu Zeiten zwar mit Ruh / Lust / und Ergetzung an:
Er setzet aber auch den Unglücks-Stand darneben /
Der / eh man sichs versieht / die Freud verbittern kann.
Er wechselt stets mit uns / ergetzet und verletzet.
Bald stürtzet sein Verhängnüs ab /
Was vor das Glück hat hoch gesetzet.
                                       3.
Sind wir nun eine Zeit in gutem Fried gesessen /
Und bläst ein stiller Wind auf unsre Lebensfart:
So denk / Amapfe! sei der Vor-Zeit unvergessen /
Als unser liebstes Kind dem Wolf zur Speise ward
Als die / so uns zum Trost und Hoffnung war geboren /
Durch wilder Tiere Grausamkeit /
Mit tausend Schmertzen ward verloren.
                                       4.
Ach! Ach! Macarie! du Liebstes mciner Lieben /
Der Tugend erste Blüt / holdselig-schönes Kind!
Wie sollte dein Verlust den Vatter nicht betrüben /
Der ohne Hoffnung lebt / dass er dich wieder find?
Mein Haar das steigt empor / mein Hertze bebt und zittert /
So oft ich denke / wie dein Raub
Mit Schrecken mein Gemüt zersplittert.
                                       5.
Doch / diss ist Gottes Hand; ich darf nichts weiter sagen /
Er schenket Frölichkeit / und schicket Qual und Pein.
Vor den Verhängnüs-Schluss / kein Schreien hilft / noch Klagen.
Was nicht zu ändern ist / das muss erdultet sein.
Der Himmel führt uns oft / auf ungemeine Weisen:
Damit wir seine Wunderwerck
Im Glück und Unglück sollen preisen.
Polyphilus hatte diesen Liedern ein aufmerkendes Gehör verliehen / und als er
aus dem andern / den Namen Macarie / und derselben unglückliche Verlierung
verstanden / ward sein Gemüte von Schrecken und Verwunderung so schnell
überfallen / dass er etlichmahl die Farb verlohre. Und ob er sich gleich
auszuwickeln vermeinte / begunten doch die Sinne allmählich zu weichen / also /
dass er an dem Baum in Onmacht sanke. Volinie / die dieses alsbald wargenommen /
lieffe mit grossem Geschrei auf ihn zu /und machte ihr / damit die andern
folgen: Da man dann mit allerhand Mitteln / ihn wider zu recht brachte. Wie er
nun die Augen wieder aufschlosse / und sich von den andern umringet sah /
begunten seine erblaste Wangen sich mit Purpur-röte zu mahlen /also / dass die
Schamhaftigkeit sein Gesicht zur Erden neigte. Von der Schäferin Volinie gefragt
/ aus welcher Ursach er in diese Schwachheit gerahten? gabe er zur Antwort: Ich
weiss keine andere / als die hohe Verwunderung über ihren schönen Gedichten /
welche / von dem tieffen Mitleiden / über des Cumenus schmertzlichen Zufall /
begleitet / mein Gemüt eingenommen / und alle Lebens-Geister daraus verjaget.
Ich danke aber höchlich vor ihre freundliche Hülffe /und bitte / meiner
Unhöflichkeit zu vergeben / und in ihrem Vorhaben fort zu fahren. So will ich
dann sehen / (sagte Volinie) ob ich die verlohrne Kräffte /durch einen frölichen
Ton / wieder bringen möchte. Also fienge sie an zu singen / wie folget.
                                       1.
Ist nicht iezt die Freuden-Zeit /
Da das Feld von neuem grünet
Und zur Lust den Hirten dienet /
Mit der Schön- und Lieblichkeit?
Da der kahlen Bäume-Schaar
Wieder wächst ihr schönes Haar /
Da die Flora Blumen streut /
Auf des Lentzens Jäger-Kleid.
                                       2.
Da sich alles liebt und paart /
Soll man nichts von Klagen wissen.
Was wir vor erdulten müssen /
Jezt nicht werd im Sinn verwahrt.
Dissmal soll die Traurigkeit /
Weichen von der Schäfer-Weid.
Lust und Liebe sei das Ziel
Unsrer Reim- und Hirten-Spiel.
                                       3.
Was uns jemals hat gequält /
Sei / samt Reif und Eis / vertrieben.
Jeder sage nur von Lieben /
Nun sich alles neu vermählt.
Föbus selbst hie Erde liebt /
Und ihr tausend Küsse gibt.
Was nur lebet / sich verbindt /
Und zu seines gleichen findt.
                                       4.
Was die Lerche tirelirt /
Was die Nachtigall erzwinget /
Was der Chor in Lüften singet /
Was die Turteltaube girrt /
Zeigt der Liebe Süssigkeit /
Und das jezt die Freiens-Zeit.
Alles / was nur fingen kann /
Stimmet Hochzeit-Lieder an.
                                       5.
Das von Banden freie Wild
In den Wäldern und Gesträuchen /
Alle Würmlein / die da schleichen /
Jedes sein Verlangen stillt.
Das begläntzte Schuppen-Heer
Liebet / spielend in dem Meer;
Und was Luft und Flut erhält /
Sich üm diese Zeit gesellt.
                                       6.
Solten dann die Menschen nicht /
Mit den Kreaturen lieben?
Solten diese sich betrüben /
Die noch der Verstand verpflicht?
Nein! was grössern hält die Wag /
Gibt nicht den geringen nach.
Liebt / was sich zur Erden neigt:
Vielmehr / was gen Himmel steigt.
                                       7.
Drum / ihr Hirten! liebt mit /
Und / wann sich die Heerd ergetzet /
Euch zu eurer Hirtin setzet /
Mit dem holden Schäfer-Riet.
Machet / in der Liebsten Schoss /
Euch von allen Sorgen los;
Und an statt der Liebes-Pein /
Müssen lauter Küsse sein.
So bald Volinie dieses Lied geendigt / begunte der Schäfer Filato das seine /
weiches also lautete.
                                       1.
Volinie! sie redet wohl /
Dass keiner von den Hirten soll
In diesem Früling sich betrüben:
Dann weil nun alles liebt und freit /
Erfordert selbst die Billigkeit /
Dass auch die edle Menschen lieben.
                                       2.
Ach aber! wie ist der daran /
Der dieses Liecht nicht sehen kann /
Dass seine Finsternüs erhellet?
Der / was er liebt / fliehen muss /
Und / für Ergötzung / in Verdruss /
Auch bei dem schönsten Wetter / fället.
                                       3.
Zwar Föbus küsset seine Braut /
Mit der er sich aufs neu vertraut /
Labt sich / weil sie ihm stets zugegen.
Die Musicanten in der Lufft /
So bald des Liebsten Stimmlein rufft /
Sich eilend einzufinden pflegen.
                                       4.
So kann das Wild / der Wälder Zier /
Wie auch die schnelle zahme Tier /
In Lieb und Freude / sich verbinden.
Es buhlet alles / auch so gar
Die klein-gebückte Würmer-Schaar /
Kan jedes seines gleichen finden.
                                       5.
Wo aber bleibt des Menschen Lust /
Der in der Jammer-vollen Brust /
Ein abgeschiedne Lieb ernehret?
Der / wann die ganze Welt sich freut /
Doch in betrübter Einsamkeit
Sein Hertz mit tausend Leid verzehret?
                                       6.
Die Echo rufft ihr stätigs Ach /
Dem stoltzen Jüngling immer nach /
Der ihre Lieb hat ausgeschlagen:
Sie höret / wann der Winter schneit /
Und wann die Erde sich verneut /
Nicht auf / ihr Liebes-Weh zu klagen.
                                       7.
Wer ist in seiner Liebsten Gnad /
Und selbe schon in Armen hat /
Der kann mit Erd und Himmel lieben.
Wer aber weit entschieden ist /
Und nur der Hoffnung noch geniest /
Muss auch im Lentzen sich betrüben.
Polyphilus / welcher durch der schönen Volinie süsse Stimme in eine kleine
Verzuckung geraten / und mit dem annehmlichen Inhalt ihres Lieds / sein
Verlangen nach Macarien erwecket hatte / ward nachmals / durch des Schäfers
Filato warhaftige Beschreibung seines Unglücks / ganz aus sich selber gebracht.
Er ware demnach durch solche Verwirrung fast untüchtig gemacht / sein Lied
abzusingen. Doch ermunderte ihm die Furcht / durch solche Bezeugung sich selbst
zu verrahten / dass er endlich anfienge / mit gebrochenen Worten folgendes Lied
zu singen.
                                       1.
Ich habe nun das Spiel /
Das süsse Spiel / gehöret.
Ein jeder hat mich viel /
Mit seinem Ton gelehret.
Ich seh nun / wie der Will
Des Himmels sich verkehret:
Und das / in Leid / und Freud /
Verbleibt der Wechsel. Streit.
Drum setz ich meinem Kiel
Das Kunst- und Tugend-Ziel.
                                       2.
Amapfe schönes Lied /
Hat herrlich wohl beschrieben
Des Himmels reiche Güt;
Cumenus / sein Betrüben
Zeigt in dem Wider-Tritt;
Volinie lehrt lieben /
In dieser Frülings-Zeit;
Ihr Schäfer / weist das Leid.
Drum findet mein Gemüt
In allem keinen Fried.
                                       3.
Ich lenke mich vielmehr /
Mit meines Sinns Gedanken /
Zur Kunst- und Tugend-Lehr /
Die ewig ohne wanken /
Und ohne Wiederkehr /
Bleibt in den festen Schranken /
Die Ungedult vermeidt /
Erhält Beständigkeit:
Und tobte noch so sehr
Das tolle Unglücks-Heer.
                                       4.
Wer Kunst und Tugend liebt /
Kan des Getümmels lachen /
Das Kummer auf ihn schiebt.
Wann selbst die Wolken krachen /
So bleibt er unbetrübt /
Und läst den Himmel machen /
Der / nach der Dunkelheit /
Prangt in dem blauen Kleid;
Der zwar die Straffe übt /
Doch drauf Belohnung gibt.
                                       5.
Wer dieses edle Paar /
Die Kunst und Tugend / heget /
Wird durch der Feinde Schaar
In minsten nicht beweget.
Sein Gut er immerdar
Gantz bloss und offen träget:
Er weiss / dass seine Beut
Der Rauberei befreit /
Und dass die teure Wahr
Werd herrlich durch Gefahr.
                                       6.
Ja / wer einmal den Tron /
Den hohen Tron / erlanget /
Und mit der schönen Kron
Der Kunst und Tugend / pranget /
Ob seine Liebe schon
Im Lentzen ihn bedranget /
Ihn von der Liebsten scheidt:
Zu trutz dem blassen Neid /
Bringt er / zu seinem Lohn /
Das / was er wünscht / davon.
Kaum hatte Polyphilus aufgehöret zu singen / als die Schäferin Volinie ihren
gebundenen Krantz vom Baum wieder nahme / und ihm denselben mit diesen Worten
überreichte: Nehmet hin / Kunst- und Tugend-gelehrter Schäfer! den Lohn /
welcher eurer schönen Bemühung billig zustehet. Unsere Gesellschaft gibet euch
hierdurch den Dank vor eure kluge Unterrichtung / und bittet freundlich / unsere
Hirten-Spiele noch ferner mit euren trefflichen Erfindungen zu ehren. Eurer
Höflichkeit vielmehr / schönste Schäferin / (gab Polyphilus zur Antwort /) als
meine Würdigkeit / macht euch also reden. Es gebühret meinem armen Lied nichts
weniger / als dieser schöne Dank /welchen allein ihr Lieb-erweckendes
Frülings-Lied verdienet. Ich habe (widerredte Volinie) diesen Krantz nicht mir /
sondern für einen Schäfer gebunden / wie ich dann auch / neben meiner Mutter
Amapfe / nicht um den Preis / sondern bloss zur Gesellschaft mitgesungen. Soll
ein Schäfer (versetzte Polyphilus) mit diesem Krantz prangen / so wird er ohne
zweifel die graue Haare unsers Vaters und Lehrers Cumenus zieren müssen. Hiemit
übergab er demselben den Krantz: der aber sich wegerte / solchen anzunehmen /
einwendend / dass nicht dem Alter / sondern der Kunst und Kraft / die Gemüter der
Zuhörer zu bewegen / dissmals der Preis gebühre. Polyphilus überreichte ihn
hierauf dem Schäfer Filato / und sagte: So habet dann ihr / freundlicher
Schäfer! diesen Ehren-Lohn: denn ich bekenne / dass euer klägliches Lied /mein
Gemüt vielmchr / als alle andere / beweget. Filato aber gab ihm solchen wieder
zurück / und sagte: Was sollte die Gemüter mehr bewegen können / als die von euch
so schön beschriebene edle Kunst- und Tugend-Lehre? die nicht allein der Gewalt
der Liebe /sondern auch dem Himmel selber / und seinen Verhängnüsen / obsieget.
Billig erlanget der jenige das Kleinod / der das Ziel erreichet / und uns in den
zerwirrten Schranken zurück lässet. So will ich dann /(erwiederte Polyphilus)
diesem Streit abzuhelffen /das Urteil / mit ihrer aller Erlaubnüs / einer
Fremden // doch der Dicht-Kunst wohlerfahrnen / Weibsperson heimstellen / und
von selbiger / da keine Parteilichkeit zu fürchten / durch ein Brieflein den
Ausschlag erwarten.
    Nachdem sie ihm solches heimgestellet / gienge er mit dem Cumenus auf eine
Seite / und sagte zu ihm: Geehrter Vatter! das Mittleiden / welches uns die
Natur eingepflantzet / hält meine Gedanken noch immer in seinen vorbeklagten
Unglück gefangen / und zwinget mich / eine weitläuftigere Erklärung solcher
traurigen Begebenheit von ihm zu erbitten: der Hoffnung / es werde seine
Leutseligkeit diese Begierde nicht straffen / sondern vielmehr sättigen / und
mich /wie in der Ergetzung / also auch in der Betrübnüs /ihm zum Gesellschafter
machen. Ob wohl (gabe Cumenus zur Antwort) die Erinnerung des überstandenen
Unglücks nur zur Verneuerung der Schmertzen dienet / und das Eisen wieder in die
Wunden stösset /welche von der Zeit / die alles verzehret / etwas geheilet
worden: So will ich doch / kluger Polyphilus! seinem Mitleiden einen Teil
meiner Schmertzen aufbürden / weil er es so eifrig fordert.
    Es sind nun viel Jahre verflossen / als mir / weiss nicht was vor ein
unglückliches Gestirn / einen solchen Zufall gewirket / der mich noch diese
Stunde kränket / und wohl erfahren machet / dass / wie keine Freude grösser / als
die jenige / welche wir an unsern Kindern erleben / also auch / kein Unglück
empfindlicher sei / als das von ihnen herrühret. Mein kleines Töchterlein /
Macarie / ein Kind von grosser Hoffnung / wie seine damahls hervor grünende
Gaben des Leibs und Gemüts gnugsam zuerkennen gaben /gleich wie es mit seiner
Annemlichkeit aller Hertzen an sich zoge / also hatte es auch uns Eltern
dermassen erfüllet / dass wir es ohne unterlass suchten bei uns zu haben / und uns
mit der schönen Blüte ergetzten /welche uns so edle Früchte zusagte. Als aber
einst ihre Mutter / nötiger Geschäffte halber / vom Feld nach Hause ging / und
mich bei der Heerde allein liesse / begab es sich / dass das Kind in meinen Armen
entschlieffe / welches ich / seine Ruhe zu fördern /unter den Schatten eines
Baums legte / und indessen die Zeit mit einem Hirten-Liedlein kürzte. Es begabe
sich aber / dass ein Wolf / aus dem nächsten Walde /streng auf die Heerde zuliefe
/ und mit solcher Behendigkeit ein Schaf von derselben hinweg zuckte / dass ich
kaum geschwind genug war / ihm nachzueilen /und den Raub abzujagen. Ich hatte
viel Arbeit / biss ich das Schaf aus seinem Rachen errettete: Ein schlechter
Gewinn / der mir inzwischen einen weit grössern Verlust verursachet.
    Allhier holte Cumenus einen tieffen Seufzer / fuhr hernach in seiner Rede
solcher massen fort: Dann / als ich mit dem erretteten Schafe / welches ich vor
eine grosse Beute hielte / wieder zurücke kam / sabe ich einen von meinen
benachbarten Schäfern / mit Schreien und Winken auf mich zulauffen / von welchem
ich / als er etwas näher kam / verstunde: Wie dass ein Wolf etwas von meiner
Heerde hinweg getragen hätte / welches er von fernen mehr für ein Kind /als ein
Schaf / halten müssen. Er hatte diss Wort kaum ausgeredet / da benahm mir die
Furcht / mein Töchterlein zu verlierin / alle meine Sinne / und brachte mich
ganz aus mir selber. Ich lieffe eilends nach dem Ort / allwo ich das Kind
schlaffend verlassen: den ich aber (O! des unseeligen Findens!) ganz leer
fand. Kein Donnerschlag kann eine Eiche also zerschmettern / als dieser Anblick
mein Hertz gerührt. Ich stunde eine gute weile halb todt und unempfindlich / biss
ich endlich / mehr unsinnig als erschrocken / mit grossem Geschrei nach den Wald
liefe / dahin der andere Schäfer mir nachfolgte. Wir suchten eine lange Zeit
/zwar ganz vergeblich / nach dem Kinde / biss wir zuletzt einen ertödeten Wolff
von ungewönltcher Grösse fanden / welchen der Schäfer alsobald vor den jenigen
erkannte / der mein Kind hinweg getragen. Er war mit vielen Stichen erleget / und
machte uns Hoffen / dass das Kind möchte bei dem Leben erhalten sein. Dannenhero
wir viel eiffriger / aber nicht glücklicher / als zuvor / suchten: biss uns die
einbrechende Nacht ablassen machte. Ich habe auch nicht gefeirct / so viel Jahr
her / das jenige ängstiglich zu suchen / was ich so ergetzlich besessen / und so
unvorsichtig verloren: habe habe mit aller dieser Arbeit meinen Schmertzen nur
grösser / und die Hoffnung der Wiederfindung geringer gemacht / also dass ich
daran ganz verzweiffelt / und nichts als eine erbärmliche Klage übrig behalten.
O! Himmel! welch ein strenges Verhängnüs hat dein Raht über mich beschlossen?
welches auch mein Leben vorzeitig wird zu Ende fördern.
    Allhier unterbrachen die Tränen die Rede des Cumenus / und gaben Polyphilo
anlass / ihn mit diesen Worten zu trösten: Ich muss zwar bekennen / betrübter
Cumenus! dass sein Unglück gross / und seine Schmertzen billig sind. Aber er wird
sich hierinn /von der Gedult und Hoffnung die Schrancken setzen lassen: in
Betrachtung / dass die göttliche Schickungen allezeit die Weissheit zur Führerin
haben / und ob sie gleich dunkel scheinen / dennoch zu unsern besten dienen. Es
scheinet aus allen Umständen / dass seine Tochter nicht todt / sondern nur
entführet sei; Und wer weiss / wie nahe die Stunde ist / in welcher ihm der
Himmel die jenige lebendig schenken wird / die er anietzo als todt und verloren
beklaget. Dieses habe ich mehr zu wünschen / als zu hoffen; (gab Cumenus zur
betrübten Antwort) danke aber indessen vor seine freundliche Tröstung / und
hoffe / mein liebstes Kind / wo nicht in diesem / doch in dem künftigen Leben /
zu welchem mir diese graue Haare allbereit die Pforte zu eröffnen versprechen /
wieder zu sehen. Hiermit beschlossen sie ihr Gespräche / und wurden folgends /
weil es schon spate war / die Heerden eingetrieben.
 
                                 Fünfter Absatz
Polyphilus trägt Macarien / das Richter-Amt wegen des Reimen-Kampfes / durch ein
   Schreiben auf / und wird hierauf von Melopharmis / Phormena /Agapistus und
  Servetus besuchet. Macarien Antwort-Schreiben / spricht ihme den Krantz und
                     Preis zu / den ihm Volinie aufsetzet.
Polyphilus schlieffe selbige Nacht wenig: dann die Erzehlung des Cumenus /
machte ihm die Einbildung / dass seine Macarie die jenige sein müsse / welche er
beklagte / immer scheinbarer / also / dass er sich nun seelig schätzte / bei
seiner Liebsten Befreundten zu leben / und kaum erwarten kunde / die Gewissheit
von Macarie selber zu vernehmen. Er erinnerte sich auch / dass er ihr eine
Antwort schuldig; und weil er den Streit der Schäfere durch sie zu schlichten
versprochen / suchte er beides zu beschleunigen / und schriebe an sie folgendes.
                                Schöne Macarie!
Billig hätte ich deren Leztes eher beantworten / und die höfliche Frage / ob ich
/ in Widerstrebung der Liebe / meiner erwehlten Vorgängerin zu folgen gedenke:
erwägen sollen: Allein es machten mich dissmahl unsere Hirten-Spiele aufs neue
sündigen. Gleichwol weil die Schuld nicht mein ist / hoffe ich von ihrer
Ruhmwürdigen Güte die Vergebung. Anlangend nun die Erwehlung des Vor- oder
Nachgangs in Besiegung der Liebe / werde ich bei dem ersten Schluss bleiben / und
rühmlicher bei einer standhaften Tugend als wanckelbaren Untugend verharren.
Wann sie aber ein Geding mit mir einzugehen beliebet / bitte ich / mir mein
Recht nicht zu nehmen / sondern mir den Vorgang / ihr aber schönes Kind! die
getreue Folge anzubefehlen: weil ich mich ohne das schuldig bekenne / alle
Unglücks-Wege vor ihr her durch zu wandern / und die Schmertzen-Dornen
auszureumen / dass sie die Ruhe ihrer Zufriedenheit nicht blutritzen Sie
versichere sich auch / dass ich nicht nur die Dornen / sondern auch / so sich
ungefebr ein Stein des Anstossens finden sollte / denselben mit solcher
Wachsamkeit werde beiseit werffen / dass unsere Sinnen in der Liebes-Vergnügung /
nach diesem / desto sicherer schlaffen können. Der klagende Freund / wird sich
leicht besänftigen lassen: doch mit dem Vorbehalt / dass ihm seine sonst
rühmliche Verwaltung nicht mehr verdächtig gemacht werde. Was macht aber der
Arrest ihrer Gedichte: ist er noch nicht aufgehoben: Ach! dass mich doch der
Himmel so angenehm straffen wollte / dass ich / gleich ihren schönen Gedichten
/von den Händen meiner allerwehrtesten Macarie mit einem Arrest sollte beleget
werden! Ich überrede mich / dass ich nie eine erfreulichere Freiheit genossen /
als diese Gefängnüs mir sein würde. Und damit diese Gefangene nicht ohne
Besucher sein / übersende ich ihr hiemit unsre Schäfer-Lieder / und bitte /durch
ihre hohe Erfahrenheit und Kunst / ein Urteil zu sprechen / welchen unter
diesen beikommenden Gedichten der Preis gebühre: die sich / doch ohne Namen /
ihrem geneigten Ausspruch unterwerffen. Ich schliesse mich nochmals in ihre
beharrliche Gewogenheit / verbleibende
                           der getreue und beständige
                                                                     Polyphilus.
Diesen Brief truge er selber / so bald Aurora mit den Rosen-farben Leitseilen
die Sonne hervor führte /nach dem Lustause Macarien / und übergab ihn dem
Garten-Jungen / mit Befehl / solchen zu überlieffern /und / wo möglich / eilende
Antwort zu bringen. Als er aber in unterschiedlichem Nachsinnen / wieder zurück
ging / sah er von weiten eine Gesellschaft von etlichen Manns- und
Weibs-Personen gegen ihm kommen: welcher zu entgehen / er einen andern Weg
starck vor sich nahme. Aber jene / als sie seine Geschwindigkeit warnahmen /
fiengen au zu ruffen: wohin / steltzer Schäfer! mag er keine Gesellschaft um
sich leiden? Polyphilus / der ihm nicht einbilden kunde / wer ihn so kühn
anschreien dorfte / sah mit etwas ernstlichen Gesicht zurück / und wurde gewar
/dass es sein liebster Freund Agapistus war / welcher /in Begleitung Melopharmis
/ Phormena und des Servetus / ihm zu besuchen kame. So viel angenehmer war ihn
diese Begegnung / je weniger er sie vermuhtet. Sie lieffen in gleicher Eile /
einander in die Arme / und bezeigten die Grösse ihrer Vergnügung. Die Umarmung /
bekräfftet von der Bewegung ihrer Aufrichtigkeit / schlosse diese beide so fest
zusammen / dass man wohl erkennen konnte / wie die verbundene Seelen durch den
Dienst des Leibes würkten. Sie hätten sich auch so bald nicht getrennet / wann
nicht die Furcht / die Ehr-geitzige Melopharmis möchte /des Polyphilus
Langsamkeit für einen Schimpf aufnehmend / sich erzürnen / ihre Lust abgekürtzet
und diesen / sie zu bewillkommen / gezwungen hätte.
    Also verliesse er seinen Freund / und empfienge Melopharmis / samt Phormena
so höslich / als freundlich / sprechend: wie seelig ist dieser Tag / geehrte
Freundinnen! ihrem Diener / wegen dero liebsten Besuchung / die ich zwar
sehnlich gehoffet / aber kaum glauben oder erwarten können. Billig stolziret
heut meine Heerde und Weide / weil sie so herrliche Gesellschaft überkommet.
Sie ist nicht herrlich / sondern freundlich / höflicher Schäfer! (gab
Melopharmis zur Antwort) und bringt mit sich einen Königlichen und sehr
gnädigen Gruss. Das ist noch trefflicher /(versetzte Polyphilus /) und gar zu
viel für einen armseligen Schäfer. Man klaget aber sonst selten über Gnade und
Liebe: erwiederte Melopharmts mit Lächeln. Aber wie gehets meinem Sohn / dass ich
euch hier ohne denselben finde? Es geht ihme sehr wohl: sagte Polyphilus. Dass
er aber dissmahl nicht bei mir /kam von einem besondern Geschäffte / welches ich
in der Nähe abgelegt. Sie kommen mit mir / und sehen den artigen Schäfer Tycheno
/ wie wohl er sich in den neuen Orden zu schicken weiss. Also giengen sie mit
einander / und fragte Polyphilus Agapisten: warum er scine Wiederkunft so lang
verzogen? Der gnädige Befehl Atychintiden (gab dieser zur Antwort) muss mein
Aussenbleiben rechtfertigen / welches mich sonst einer Straffe schuldig machen
würde. Wiewohl ich fast mehr über Phormena klagen sollte / die durch ihr Abwesen
solchen Befehl ausgewirket. Warum lassen mich / (sprach Phormena) die schönen
Schäfere ihr Vorhaben nicht wissen / damit ich meine Geschäffte zurück ziehen /
und ihren Begehren abwarten könne? Das soll künftig geschehen. (begegnete ihr
Polyphilus schertzende) Dissmahl aber wollen wir die Straffe vollzichen / und
Phormena so lang in unserer Weide arrestiren / als lang sie die Heimreise des
Agapistus verhintert. Ich will dieses Urteil (sagte Phormena) nicht eher
ungerecht nennen / als wann ich das Werek davon sehen werde / unterdessen aber
das Recht der Widersprechung mir vorbehalten haben. Vielleicht möchte dieses
Gefängnüs mir angenehmer sein / als meine jetzige Freiheit.
    Unter solchen / und dergleichen kurtzweiligen Gesprächen / gelangten sie zu
den Hirten / und wurden von denselben sehr freundlich empfangen: da dann
sonderlich Tycheno / seine kindliche Schuldigkeit gegen Melopharmis so höflich
erwiese / dass sie darob nicht geringe Freude empfunde. Cumenus auch /nachdem er
erfahren / dass diese Gäste von so hoher Betrachtung / unterliesse nichtes / das
zu ihrer Kurtzweil und Ergetzung dienen mochte / also dass Phormena sagte: Sie
habe wohl getan / dass sie sich mit Widersprechung ihrer Verdamnüs nicht
übereilet / weil sie sehe / dass diese Straffe viel eher einer Belohnung zu
gleichen sei. Ich weiss nicht / geehrte Phormena! (versetzte Polyphilus) ob sie
dieses aufrichtig / oder nur mir zu gefallen redet? Es sei aber wie es wolle /so
muss ich bekennen / dass mich dieser Stand / über alle vorige Art meines Lebens
vergnügt. Auf solche Weise / (gab Phormena zur Antwort) dürffen wir zu
Sophoxenien nach Polyphilo uns nicht mehr sehnen. Ausser einer Besuchung
(erwiederte Polyphilus) gar schwerlich: man wird auch / an so hohen Orten / nach
niedrigen Schäfern kein Verlangen tragen. Das stelle ich zu seiner Betrachtung /
(verdoppelte Phormena) die mehr erkennen wird / als ich sagen kann.
    Polyphilus zoge die Schultern / und fürchtete sich /das jenige weiter zu
rühren / was am sichersten in der Vergessenheit schlieffe. Er verliesse Phormena
bei der schönen Schäferin Volinie / und sezte sich zum Agapistus / indem
Melopharmis mit ihrem Sohn Sprache hielte / und begehrte von denselben zu
vernehmen / wie sich Macarie und Atychintide gegen ihm erwiesen? Was soll ich
sagen? (sagte Agapistus) ich werde zu beeden Teilen unrecht reden / und doch
soll ich es reden. Macarie hat sich fremd / und Atychintide verliebt / gegen
euch heraus gelassen. Von dieser / und ihrer beharrlichen Torheit / kann euch
Melopharmis erzählen: Von jener aber werden / wie ich hoffe / ihre Briefe zeigen
/ dass sie mit ihren Befehl /ich sollte euch von ihrer Liebe abraten / gegen mich
gescherzt habe. Das sind seltzame Zeitungen! (sagte Polyphilus) soll ich dann
niemals aus dieser Verwirrung kommen? erzählt doch etwas mitläuffiger / was ihr
iezt in die änge gefast / damit ich sehe / ob diesem Unheil nicht zu begegnen
sei? Nachdem Agapistus hierauf alles erzählt / was er von beiden gehöret /sagte
Polyphilus: So liebt mich dann / die ich hasse /und wegert sich / die ich
liebe? wiewohl dieser ihre Brieflein etwas freundlicher lauten. Doch / ich will
/beides zu ändern / eine Reise nach Rutiden vornehmen / und also bei der
Königin / die Hoffnung meiner Widerkunft auslöschen / auch Macarien im
Vorbeiziehen besuchen / und von ihr selbst eine bessere Antwort holen. Der
Vorsatz ist gut / (sagte Agapistus /) lasset ihn nur bald zu Werke kommen: dann
sonst werdet ihr mit nach Saphoxenien reisen müssen /massen die Königin deswegen
die Melopharmis und Phormena mit geschickt. Gut! dass ihr das saget: (begegnete
ihm Polyphilus) sobald ich nur Antwort von Macarien erhalten / wollen wir uns
auf den Weg machen.
    Also endeten sie dissmal ihr Gespräche / und vertrieben die übrige Zeit mit
der Gesellschaft / biss sie die Finsternüs nach Haus triebe / und sie / nach
Bewirtung ihrer Gäste / sich schlaffen legten. Des andern Tags / kürzten sie die
Zeit mit allerhand Hirten-Spielen / und liess Volinie ihre schertzende
Höflichkeit / zu ihrer aller Ergetzung / zimlich hervor blicken. Mitten aber in
solcher Ubung / kam des Gärtners Jung / und brachte Polyphilo einen Brief von
Macarien / welchen er eilends erbrache / und diese Zeilen lase.
                            Preis-würdiger Schäfer!
Worzu soll doch dienen / die Entschuldigung seiner langsamen Begrüssung: Soll
ich seine Höflichkeit /oder seine Beredsamkeit / daraus erkennen: beedes
scheinet unnötig / weil ich solche Beschaffenheiten an ihme längsten erkennet
und gerühmet. Oder machet ihn meine neuliche kühne Anklage so furchtsam: so weiss
er ja / dass ich damahls seine eigne Zusage / welche mir ein eilfertiges
Brieflein versprochen / zum Grunde gehabt: dissmal aber kein Recht vorzulegen
habe / dadurch ich ihm einigen Gruss abnötigen könnte; ich wollte dann / aus seiner
freiwilligen / und vorhin unverdienten Gewogenheit / mit grosser Unhöflichkeit /
eine Pflicht zu machen bemühet sein. Ich habe demnach also / weder zu vergeben /
noch zu straffen /sondern vielmehr zu danken: nicht allein / dass er seine Zeit /
die er mit viel wichtigern und fruchtbarern Geschäften verschliessen könnte / in
meinem geringen Andenken zubringen wollen / sondern auch / dass er ihre
künstliche Hirten-Gedichte / mir zur Uberlesung /mitteilen wollen. Ein Urteil
davon zu fällen / scheinet von mir e ne Vermessenheit: doch treibet mich sein
Befehl / diese Künheit zu wagen / und dem lezten Kunst- und Tugendprangenden
Lied / nach der Gerechtigkeit / die Oberstelle zu geben. Es erscheinet /aus
Erwehlung des Vorgangs in der Liebe / seine Vorsichtigkeit: als womit er ihm die
Freiheit des Lauffens / des Stillstehens / oder auch des Zurückgehens / allein
zueignet. Mir kommt zwar die Nachfolge gefährlich vor / weil ich befürchte /
durch unbedachtsame Ubereilung / seiner behutsamen Tritte zu verfehlen / und
also aus den Schranken der Nachfolge zu schreiten. Doch fürchte ich nicht / in
solchen Lauf zu ermüden / weil ich sehe / dass er nicht allein einen sehr
langsamen Gang führet / sondern auch zuweiln gar stillstehet: entweder
auszuruhen / oder vielleicht nachzudenken / ob auch das vorgesteckte Ziel /
einen so mühelamen und beschwerlichen Weg verdiene. Der Bote eilet / und zwinget
mich zu schliessen. Ich wünsche ihm grosses Glück: darin er doch nicht
hoffärtig werden / sondern bei müssigen Stunden / sich erinnern wolle / seiner
                                   ergebenen
                                                                        Macarie.
Nachdem Polyphilus diesen Brief durchlesen / überreichte er ihn dem Agapistus /
mit Bitte / ein Urteil davon zu fällen; er aber truge die Gedichte zu den
Schäfern / und übergab sie der Volinie / sprechend: Ich sehe doch wohl / schönste
Schäferin! dass die Ehre /gleich einer leichten Feder / den jenigen nacheilet
/welcher vor ihr fliehet. Ich darf nicht sagen / das dieses Urteil ungerecht /
welches meinem Lied den Vorzug gibet: sonst würde ich die Richterin wegen einer
Parteilichkeit anklagen. Ich muss also schliessen / dass der Innhalt / und nicht
die Kunst-Worte / in meinem Gedichte den Preis verdiene. Ich hab wohl gedacht
/(sagte Volinie) das Polyphilus nur unsern Ruhm durch einen fremden verstärken
würde. Eben iezt /habe ich einen frischen Krantz / weil der vorige welk worden /
zu seinem Sieg gewunden. So nehmet dann /Preis-geehrter Schäfer! was euch / und
eurem klugen Gedichte / aus doppeltem Recht zustehet! unsere ganze Gesellschaft
/ wird euch zu dieser Ehre Glück wünschen.
So pranget in der Kron /
Und last der Künste Lohn /
Die klugen Schläf' umwinden.
Durch diesen Schäfer-Preis /
Last euren schönen Fleiss
Je mehr und mehr entzünden.
Ihr / unsrer Heerde Zier!
Erlaubet / bitt ich / mir
Die schönen Haar zu krönen.
Es will durch meine Hand /
Diss Ruhm- und Sieges-Pfand
Euch die Gesellschaft gönnen.
Mit diesen Worten / sezte sie dem Polyphilus den Krantz auf das Haupt: worbei
Cumenus / Filato und Amapfe / ihme mit gar höflichen Worten / zu dieser Ehre /
Glück wünschten. Agapistus / wie auch Melopharmis / und Phormena / nachdem sie
die Ursach dieser Bekrönung erforschet / unterliessen nicht / ihre
Glückwünschungen mit abzulegen. Polyphilus / mit erröteter Stirn / sagte: Ich
weiss nicht / wehrte Gesellschaftere! wo ich Worte finden soll / ihre hohe
Beehrungen zu erwiedern. Meine Sinne stehen über so unverhoffter Bewürdigung
bestürzt / und wissen sich kaum selber in mein Glücke zu schicken. Ich bitte
demnach / meiner stamlenden Zunge zu vergeben /wann sie mit gebrochnen Worten
danket. Ihr aber /schönste Schäferin! (sagte er / sich gegen Volinie wendende)
opfere ich mich / in der Krone / welche ihre Geberin viel herrlicher und
angenehmer macht /zu einem schuldigen Knecht: nichts mehr wünschend /als
Gelegenheit / mein dankbares Gemüt in ihrem Gehorsam sehen zu lassen. Inzwischen
bitte ich / mir zu erlauben / die schönste Hand / welche sich in meiner
Bekrönung so hoch bemühet / mit einem Ehr-Kuss zu bedienen / als einem Zeugen
meiner ewigen Verpflichtung. Nachdem er ihr hiemit die Hand geküsset /antwortete
Volinie gar freundlich: Der Dank ist zu hoch / gepriessner Schäfer! was die
Gerechtigkeit fordert / verdient keine Belohnung. Eure eigne Geschicklichkeit
hat euch gekrönet / und meiner schwachen Hand nur die angenehme Verrichtung
aufgetragen. Dannenhero ich vielmehr vor solche Ehre zu danken /als Dank zu
fordern habe. Polyphilus begegnete ihr wieder mit dergleichen Reden / und
erzeigten also diese beede einander so viel Höflichkeit / das Phormena anfieng
zu zweifeln / ob sie dieses einer blossen Freundlichkeit oder vermengten Liebe
zurechnen sollte. Sie verhielte aber solche Gedanken / und suchte ihren Argwahn
durch mehrere Zeichen zubekräftigen. Jene hingegen gebrauchten sich ihrer
Freiheit / in gefährlicher Sicherheit / und wussten nicht / dass jemand vorhanden
/ der ein misstrauisches Auge über ihre Handlungen führte.
    Also vertrieben sie die Zeit / biss Melopharmis erinnerte / wie dass sich das
Ziel / welches Atychintide ihrer Wiederkunft gesetzet / nähere / und neben der
Phormena bei Polyphilo anhielte / mit nach Sophoxenien zu reisen. Dieser / als
er ihre Meinung vernommen / gab zur Antwort: Er müste notwendig nach Rutiben
reisen / und hätte es schon zu lang aufgeschoben; bate also / ihn vor
entschuldiget zu halten / dass er dissmal seine Schuldigkeit nicht beobachten
könnte /mit versprechen / dass er nach vollbrachter Reise /seine untertänige
Aufwartung bei der Königin gewiss ablegen wollte. Wollet ihr dann (sagte
Melopharmis) meinen Sohn mit hinauf nach Rutiben nehmen? Dafern es ihr nicht
missfällig: versezte Polyphilus Nein! (sagte Melopharmis) ich unterwerffe ihn
keiner solchen Gefahr mehr. Vergebet mir / Polyphilus! meine Sorgfalt: die
vergangene unglückliche Reise / machet mir alle andere verdächtig. So mag er so
lang bei den Schäfern bleiben / (gab Polyphilus zur Antwort) biss wir wieder
zurücke kommen. Es wird ihn aber gar zu einsam sein: (begegnete ihm Melopharmis)
ich will dann inzwischen hier bleiben / und Phormena mit dem Servetus nach
Sophoxenien schicken / damit Atychintide / biss zu unserer Ankunft / ohne Sorg
lebe / und von unserm Zustande Nachricht habe. Diesen Vorschlag liesse ihm
Polyphilus gefallen. Phormena hingegen / welche ohne das in Neid und Eifer gegen
dem Glück Melopharmis brennete / nahm ihre angemaste Herrschaft / durch die sie
ihr heimzureisen gebieten wollte / so empfindlich auf / dass sie vor Zorn nicht
antworten kunde / und ihr vornahm / solche unbillige Gewalt / vielmehr mit
Hinterlist / als Widersprechung zu rächen.
 
                                Sechster Absatz
 Polyphilus mit Agapisto nach Rutiben reisend /kommt unterwegs nach Soletten /
 zu Macarien. Selbige erzehlt ihme / auf sein Bitten / ihren Lebens-Lauf / wie
sie in ihrer Kindheit verloren / von Firmisco und Elengie erzogen / nachmals an
      Honede verheiratet / aber bald durch seinen Tod zur Witwe geworden.
Polyphilus und Agapistus / rüsteten sich nun zur Reise / nahmen vom Cumenus ein
Beförderung Schreiben an den vornemsten Schäfer zu Rutiben /und zogen folgenden
Morgens / nachdem sie von allen Abschied genommen / in Gesellschaft Phormenen
und des Servetus / von dannen / biss sie die Strasse trennte: da sie Phormena mit
freundlichem Dank vor ihre Besuchung / neben einer untertänigen Befehlung an
die Königin / nach den Schloss Sophoxenien gehen liessen / und sich auf den Weg
nach Soletten wendeten. Agapistus fragte den Polyphilus: ob er noch des Sinnes
sei / Macarien zu besuchen? dann sonsten wollten sie eine nähere Strasse gehen.
Freilich (sagte Polyphilus) muss ich Macarie sehen: sollte ich diese Reise ohne
ihr Wissen vornehmen? Was werden aber die Innwohner sagen? fragte Agapistus
ferner. Vielleicht erregen wir einen neuen Lärmen? Das mag sein / wie es ist /
(versezte Polyphilus) ich muss einmal mit Macarie reden. Hierauf erzehlte er ihm
die Ursache / und wie er / aus dem Liede des Cumenus /(welches er auch noch bei
sich hatte / und den Agapistus lesen liesse) mutmasse / dass Macarie seine
leibliche Tochter sei / auch dieses von ihr völliger zu erfahren suche. Hierüber
ward Agapistus voll Verwunderung und Freude / lobte auch des Polyphilus Vorsatz
/ und versprache ihm / treue Beförderung zu leisten. Er riete benebens / dass sie
bei Talypsidamus zusprechen / und seinen Raht / wegen bevorstehender Gefahr /
vernehmen wollten: welches Polyphilus annahm / und also mit seinem Freund / in
gar vertraulichem Gespräch fort reisete / biss sie nahe an die Insul kamen.
    Sie liessen sich bald überführen / und giengen geschwind nach der Wohnung
des Talypsidamus; wurden auch von demselben / mit aller der Freude empfangen /
die jemals ein aufrichtiger Freund / über des andern Ankunft / fühlen kann. Als
sie nun die Ursach ihrer Reise entdecket / und nun um einen Raht baten /wie
Polyphilus zu Macarien kommen möchte / weil er ohne ihre Besuchung nicht weiker
wollte; gab er zur Antwort: er wollte seinen Jungen zu Macarien schicken / und von
ihr selbst einen Befehl in dieser Gefahr / einholen lassen. Damit waren sie zu
frieden /und wurde der Junge alsbald abgesendet / welcher /als er zu Macarien
kam / sein Gewerb mit diesen Worten vorbrachte: Hochgeehrte Macarie! die beide
Schäfere / Polyphilus und Agpaistus / lassen sie /neben dienstlicher Begrüssung
/ wissen / dass sie / auf der Reise nach Rutiben begriffen / und ihren Weg
hierdurch nehmend / bei meinem Herrn / dem Talypsidamus / ihren Befehl erwarten
/ ob Polyphilus bei ihr zusprechen / oder ohne ihre Besuchung seine Reise
fortsetzen solle?
    Macarie / über diesem unvermuteten Anbringen etwas erschrocken / wusste fast
nicht / was sie antworten sollte? Der Inwohnere Feindschaft / welche in der
Aschen glimmete / und durch einen kleinen Wind konnte angefeuret werden / war ihr
nicht unbekandt. Ihren Polyphilus aber so nahe zu wissen / und doch nicht zu
sehen / fiele ihr ganz unmüglich. Es tröstete sie auch der Schäfer-Habit /
welcher ihn dieser Insul unbekandt machen würde. Demnach liesse sie ihm /durch
den Jungen sagen: Sie wollte des Polyphilus Besuchung / noch vor seiner wieder
Abreise / erwarten. Worauf sich dieser nicht saumte / sondern so bald von den
andern Abschied nahm / und nach den Hause seiner Liebsten / in voller Hoffnung /
sein Verlangen zu sättigen / eilete. Er wurde von derselben sehr freundlich
empfangen / und als er ihr die Ursach seiner Reise / welche allein biss daher
ihre Zusammenkunft verhintert / angezeigt / wünschte sie ihm / zu solcher
/tausend Glücke / und bate ihn / seine Wiederkunft zu beschleunigen; damit sie
einmal von der Widerwertigkeit befreit / und seiner Beiwohnung ohne Furcht der
Solettischen Innwohner / geniessen möchte. Welches er ihr mit einem Kuss
versprache.
    Er nahme aber von dieser ihrer Bitte Gelegenheit /sie zu fragen: warum sie
doch die Insul so sehr scheuete? ob sie da gebohrn / und daher ihre nahe
Verwandten zu fürchten habe? Ich habe ja (versezte Macarie) allhier keine
Freunde von Geblüte: aber die Tugend / welche sich iederzeit vor bösen Nachreden
fürchtet / heist mich derjenigen Hass verhüten / die bisher meinen Ruhm befördert
/ und mich als Freunde geliebt haben. Das will ich nicht tadeln: (sagte
Polyphilus) weil wir aber auf dieses Gespräche kommen /wird sie mir / schönste
Macarie! vergeben / dass ich fragen darff: welches Land sich ihrer glückseeligen
Geburt zu rühmen habe? Das Gesicht Macarien /ward hierüber mit einer Purpur-röte
überzogen; welches Polyphilus warnehmend / mit gar freundlicher Umarmung um die
Antwort anhielte. Sie sagte endlich / mit einem tieffen Seufzer: Ach! mein
Polyphilus! Ihr habt mich zuviel gefraget. Dieses ist eben das Unglück / welches
mir so manche Tränen ausgepresset / aus welchem ich auch / ohn eure Hülffe
(wann anderst der Götter-Antwort zu trauen) nicht zu entkommen weiss. Kan meine
Hülffe / allerliebstes Hertz! (gab Polyphilus zur Antwort) ihre Seufzer stillen
/und ihre Tränen trocknen / so befehle sie mir doch die glückseelige
Verrichtung / und lebe versichert /dass mich keine Arbeit zu schwer / und keine
Gefahr zu gross dünken soll / dafern es ihre Zufriedenheit erfordert. Ich bitte /
nur das Mittel mir zu entdecken /durch welches ich meine Dienstfertigkeit soll
sehen lassen.
    Auch dieses ist mir unbekandt: sagte Macarie. Ich bin schon in der Wiegen /
dem Unglück zum Raube überlassen / und so unseelig / dass ich noch diese Stunde
nicht weiss / welchen Eltern ich mein Leben schuldig bin. Das ist ein Zufall /
(gabe Polyphilus zur Antwort /) der sie vielen vornehmen Leuten gleich machet.
Sie erzehle mir aber / von wem sie erzogen worden / und wie sie in diese Insul
gekommen? Meine Auferziehung / (begegnete ihm Macarie) habe ich dem Firmiscus /
einem vornehmen Herrn des Landes Tessalien / oder vielmehr seiner frommen und
Tugendhaften Gemahlin Elengie / zu danken: dann unter deren Aufsicht / bin ich /
so lang ich des Gedächtnüs (welches gemeinlich der untersten Jahre sich schämet
mich zu rühmen habe / mit ihren Töchtern / so sorgfältig und liebreich erzogen
worden / dass ich eine Zeitlang nicht anderst gewust / als sei sie meine
leibliche Mutter. Mit zuwachsenden Jahren aber / entdeckte sie mir / das ich
nicht ihr / (das sie zwar wünschte) sondern ein fremdes Kind wäre / welches ihr
Herr einst von einer Reise / auf deren er mich / seinem erzählen nach / einem
Wolf abgejagt / mit nach Hause gebracht: in einem solchen Alter / da ich zwar
meinen Namen nennen können / von meinen Eltern aber eine so kindische Antwort
gegeben / die ihnen mehr ein Gelächter erwegt / als einige Nachricht erteilet.
    Wie ich über dieser Zeitung erschrocken / kann ich nicht gnugsam beschreiben.
Ich hielte mich vor die aller unseeligste / so iemals unter der Sonne gelebet
/und unterliess nicht / mein Unglück mit heisen Tränen zu beklagen. Und ob
gleich Elengie mich tröstete / mit versprechen / dass sie nichts desto weniger
mir alle Woltaten erweisen / und mich / gleich ihren eignen Töchtern /
versorgen wollte: so war doch dieses mir eine Linderung / aber keine Heilung
meiner Wunden. Ich suchte zu solcher einen höhern Arzt / und bate das Orakel /
nach vorhergehendem Opfer / üm eine Antwort von meinen Eltern und Vaterlande;
worauf ich diese Antwort erhalten.
Woher du bist; kanst du iezt nicht erfahren.
Wer dich gezeugt / das wird nach wenig Jahren /
Dein zweiter Mann / dir können offenbaren.
Von dieser Nachricht / empfienge ich mehr Kummer /als Hülffe. Dann weil ich
damals noch nicht an den ersten Mann gedachte / und die andere Ehe / (welche mir
noch diese Stunde bedenklich fället) wo nicht einem Laster / doch einen grossen
Fehler gleich hielte: konnte ich keine Errettung hoffen. Also verzweiffelte ich
ganz an Wiederfindung meiner Eltern /und nahme mir vor / die Einsamkeit zu
erwählen /auch weil ich ohne Geschlecht / und als todt unter den Menschen sein
musste / bei den Todten in ihren hinterlassenen Schriften zu leben: damit also
dem Glück / welches schon meine Kindheit scheel angesehen / die fernere
Verfolgung abgeschnitten / und der Flecken / den sie mir in einer ungewissen
Geburt angehenget / durch die Kunst- und Tugend-Ubungen etlicher müssen
ausgelescht würde.
    Aber / was soll ich sagen? der Schluss des Himmels bleibet wohl fest / ob
gleich wir onmächtige Menschen uns dagegen auflehnen / und müssen wir dem Ziel
/welches die ewige Versehung unserm Tun gestecket / wie verdriesslich es uns
auch vorkommet / dannoch mit Willen zulauffen. Ich hatte diesen Vorsatz erst
gefasset / als ich ihn schon wieder verliesse / und kaum einen Fuss aus der
Kindheit in die Jugend gefetzet / als ich desselben gewönliche Krankheit (ich
will sagen die Liebe) empfande. Eine Seuche / welche so viel schwerer zu heilen
ist / je leichter man in dieselbe gerähtet / und ie angenehmer sie denjenigen
ist /die damit behaftet sind. Der Fels / an welchem das Schiff meiner Freiheit
gescheitert / war Honede / ein Jüngling aus Tracien: welcher der Grausamkeit
des Meers / nachdem das schwache Haus seiner Fahrt-Wohnung zerbrochen / auf
einem kleinen Nachen entkommen / und an das Ufer gelangte / eben zu der Zeit /
als Firmisco an demselben spaziren gienge /und diesen Verfolgten / wie er
gewohnt war / mit sich nach seinem Schloss (das der See gar nahe lag) zur
Herberge nahm. Seine gute Gestalt / anständige Sitten / höfliche und geschickte
Gespräche / machten ihm allerwegen Freunde und Liebhaber / bewegten auch den
Firmiscus / ihn zu bitten / dass er ihm so lang seine Gesellschaft gönnen wollte /
biss er seinen Freunden von seinem Zustande hätte Nachricht erteilet. Honede
bedankte sich für das höfliche Anerbieten / und verwilligte so lang zu bleiben /
biss er aus seinem Vatterland Antwort erhalten hätte.
    Also wurde das Garn angesponnen / welches meine Jugend bestricken sollte.
Denn er hatte meiner nicht so bald wargenommen / da fühlte er (wie er mir
nachmals erzählt) eine solche Bewegung gegen mir /deren er ganz ungewohnt war:
weil er biss dahin den Apfel / nämlich sich selbst / vielmehr der Pallas / als
der buhlerischen Venus dargereichet / und nichtes mehrer / als die Liebe
verfluchet. Er wiedersezte sich deswegen ihren Fesseln zum heftigsten / und
nahme die Vernunft (wiewohl vergeblich) zur Gehülffin /wieder diese Feindin.
Doch wurden die Augen zu stummen Verrätern / und zeigten mir / mit ihrem
Nachsehen / wohin seine Gedanken zielten. Und ob ich wohl / bei meiner
unvorsichtigen Jugend / solche Sprache noch nicht verstunde / so war ich doch
nicht ungeschickt / in derselben Erlernung / und wusste seinen Senfzen / mit
solchen Blicken zu begegnen / die ihme mehr als eine gemeine Freundlichkeit zu
erkennen gaben / und ihn nötigten / eine fernere Erklärung bei mir zu suchen. Es
hatte ihm der See-Sturm / von allen den Köstlichkeiten / so er bei sich geführet
/noch ein Stück fremdes Band / welches er / als eine Seltenheit / mit nach Hause
bringen wollte / vielleicht zu seiner eignen Verknüpfung / übrig gelassen: Mit
diesen gedachte er die jenige zu binden / welcher Bande er allbereit fühlte /
und verehrte es mir / mit diesen Reim-Zeilen:
Weil eurer Augen Liecht schon lernet überwinden
Die Hertzen und Vernunft: und die noch schwache Hand
Der frenen Geister Sinn in eure Seele bannt:
So last / diss schlechte Band / euch Händ und Augen binden.
Die mit Blut überloffne Stirn / mit deren ich diese Zeilen lase / und die
leichte Entschuldigung / welche ich seiner Anwerbung gabe / machten ihm nicht
geringe Hoffnung / seinen Zweck zu erreichen / und meine Gegenliebe zu gewinnen.
Daher er sich viel eifriger /als zuvor / darum bemühte. Hingegen war mein noch
unreiffer Verstand viel zu onmächtig / dem Gewalt der Liebe zu widerstreben /
vor welcher auch die allervernünftigsten ihre Waffen niederlegen. Die höfliche
Gespräche / freundliche Bezeigungen / verliebte Gedichte und süss-klingende
Musiken / mit welchen Honede um meine Gewogenheit bate / waren lauter Geschütze
/ die Vestung meines Hertzens zu stürmen / und die Ubergab zu befördern. Also
ging ich springend in die Dienstbarkeit / wider die sich andere so lang
sträuben / und erlangte / mit dieser Willfährigkeit / von der Liebe / eine nicht
geringe Belohnung: dann sie gönnte uns beiden eine solche Freiheit / als jemals
zwei Verliebte wünschen können; weil Firmiscus / wegen seiner Geschäfte / selten
zu Hause war /Elengie aber / entweder unserer Freundschaft nicht warnahm / oder
doch selbige nicht hintern wollte.
    Dergestalt genossen wir eine Zeitlang das Honig der Liebe / und wussten nicht
/ dass der Stachel so nahe war / uns schmertzlich zu verwunden. Unsere Ergötzung
hatte nunmehr den höchsten Grad einer keuschen Liebe erstiegen / und war an dem
Rade des Glückes so hoch gekommen / dass sie notwendig entweder stillstehen /
oder wider zurück gehen musste: Als Honede von seinen Freunden Schreiben erhielte
/die ihn eilends nach Hause berieffen. Mit was Ungedult er diesen Befehl
angenommen / und wie schmertzlich er diese unsre Trennung bewilitgt / will ich
eurem eignen Urteil zu bedenken heimstellen. Doch musste die Reise fortgehen /
und nahm er / mit vielen Bitten / dass ich ihme beständig sein wollte /von mir
einen traurigen Abschied / neben Versprechung / so bald er sich von seinen
Freunden los wirken könde / wieder zukehren. Also zoge er mehr todt /als
lebendig hinweg / und hinterliesse mich in einem solchen Zusiande / dass ich eine
Zeitlang als ohne Seele lebte: weil ich dergleichen Schmertzen noch ungewohnt /
und bisher nur die süsse Früchte der Liebe / nicht aber ihre bittere Wurtzel /
gekostet hatte. Doch machten die angenehme Brieflein / welche billig eine
Artznei der Verliebten zu nennen / dass ich allmählig Gedult lernete: biss eine
neue Widerwertigkeit solche Ruhe zerstörete. Es kame kurtz nach des Honede Abzug
/ ein naher Verwandter des Firmisco / Kilenfre genannt / aus der Fremde auf
unsrem Schloss an / und wurde von Firmisco gar höflich empfangen /und freundlich
bewirtet. Dieser hatte / da er mich kaum ersehen / zu meinen Unglück / in mich
sich verliebet / und suchte alle Gelegenheit zu meiner Bedienung. Ein Gefäss /
das allbereit voll ist / vermag auch das allerköstlichste Oel nicht mehr zu
fassen. Weil mein Hertz schon mit Honede Liebe erfüllet war /konten des Kilenfre
Anwerbungen / dessen Beschaffenheiten sonst liebreich waren / kein Gehör
erhalten /sondern ich flohe seine Gegenwart / so viel ich konnte /und wollte von
seiner Liebe nichts wissen. Er hingegen liebte mich / mit solcher
Halsstarrigkeit / dass er alle abschlägige / unfreundliche und verächtliche
Antworten von mir gedultete: in Hoffnung / dass meine Jugend / welche er der
Liebe noch unfähig achtete /mit der Zeit ihr Unrecht selbst erkennen / und seine
Beständigkeit belohnen würde. Also lebte ich unter seinen verdriesslichen
Aufwartungen / biss Firmisco seines Verlangens gewar und bedacht wurde / uns
beide miteinander zu verehlichen. Er entdeckte solches dem Kilenfre / der es mir
wieder mit Freuden erzehlte. Diss war ein neuer Streich des Unglücks / welcher
mir alle Hoffnung erlähmete. Dem Firmiscus zu widerstreben / von welchem ich so
viel Woltaten empfangen / wäre ein Undank gewesen: einen andern aber / auser
Honede / zu erwchlen / musste ich für lasterhaft achten.
    In dieser aussersten Bedrängnüs / nahme ich meine Zuflucht zu Elengie / und
entdeckte ihr / wie ich mich schon an Honede ergeben / und viel lieber mit dem
Grab / als mit einen andern wollte vermählen lassen. Diese billigte meinen
Vorsatz (dann sie ware dem Kilenfre nicht sonders gewogen) und riehte mir / dass
ich alsobald den Honede durch ein Brieflein beruffen sollte: da sie dann uns
fernere Mittel / unsern Wunsch zu befördern / zeigen wollte. Diesem Befehl kame
ich ungeseumt nach / und liesse ein Brieflein an Honede abgehen / welches meines
behalts also lautete.
Wann ihr mich liebt / mein wehrter Honede! wie ihr mir dessen allezeit Proben
gegeben / so werdet ihr nicht länger aussen bleiben / eine betrübte Secle zu
trösten / welche stirbt aus Verlangen / euch zu sehen. Lasset euch auch die
Gefahr hierzu ermahnen / da ich / ohn eure Hülffe / in kurtzen / eines andern
Armen zu teil werden soll. Ich erwarte euer mit so grosser Ungedult / als es
euer Verdienst und meine Liebe erfordert /
                                eure beständige
                                                                        Macarie.
Dieses Brieflein empfinge Honede als er eben den jenigen begraben liesse /
welcher bisher seine wider-Abreise verhindert hatte. Daher er iezt dieselbe mit
solcher Geschwindigkeit vornahme / wie es der Eifer seiner Liebe erfordert. Die
Winde waren ihm so günstig / das er in wenig Tagen bei uns anlangte / und zwar
eben in einer solchen Zeit / da gleich Firmisco mit Kilenfre auf der Jagt war /
und ihm also gnug Raum gabe / den Anschlag der Elengie zu vernehmen. Diese
erzehlte ihm nicht allein meinen Zustand / und wie ich unter ihre Verpflegung
kommen / sondern auch des Firmisco Vorhaben / mich mit Kilenfre zu verehlichen /
und riehte ihm / er sollte (dafern er mich liebte) gegen ihren Eheherrn vorgeben
/ als hätte er in hiesiger Gegend einen Schäfer (dann dass ich von solchem Stande
geboren / hatten meine Kleider bezeuget) gefunden / welcher über den Verlust
seines Töchterleins geklaget / und von desselben Verlierung so viel erzählt /
dass er aus allen Umständen geschlossen / er müste mein Vatter sein / auch ihme
meinen Zustand entdecket: worüber er sich höchst erfreuet /und ihn / den Honede
/ gebeten hätte / ihm seine Tochter Macarie / die er auf sein Bitten ihm ehlich
versprochen / zuzuführen / und sollte er um Macarien. Abfolgung und Antrauung den
Firmiscas ersuchen /neben vieler Danksagung / vor die Erziehung dieser seiner
Tochter. Diesem Anbringen / gabe sie einen Brief / als wäre er von meinem Vatter
geschrieben /zum Gehülffen / und machte die Sache so scheinbar /das Firmisco
keine Ursach zu zweiffeln fassen konnte.
    Der Betrug gienge lustig von statten / und gabe Firmisco den Worten des
Honede / den er ohne das sehr liebte / so sichern Glauben / dass er die göttliche
Vorschung bewunderte / ihm zu unsrer Verehlichung Glück wünschte / und nun sich
bedachte / wie er Kilenfre / / dem er mich schon halb zugesagt hatte / wieder
begütigen möchte. Und erscheinet hieraus / dass auch die allerklügste Männer /
von der List ihrer Weiber bissweilen geäffet werden. Hierauf wurde die Hochzeit
mit Freuden vollzogen: da auch Kilenfre /wie sehr er sich erstlich widersetzet /
die Schickung des Himmels erkennte / und / an statt meines Liebsten / unser
Freund wurde. Diss waren also die erwünschte Früchte / so unsre Beständigkeit
getragen.
    Aber / wo nun hinaus? unserm Vorgeben gemäss /mussten wir / bald nach der
Hochzeit / fortziehen / und zwar in ein uns-unbekantes Land: weil Honede keine
Liebste in sein Vatterland bringen dorfte / als der daselbst eine andere
heiraten sollen. Ob mir dieses hart angekommen / ist wohl zu erachten / weil ich
biss dahin zart war erzogen worden. Doch machte die Liebe zu meinem Honede / dass
ich alle Noht und Getahr vor nichts achtete / nun ich nur seine Beiwohnung
genosse. Also segelten wir / nach einem von Firmisco und Elengie genommenen
freundlichen und Dank-sprechigen Abschied / mit guten Wind ab / und durchfuhren
etliche Landschaften / deren doch keine meinem Honede anstehen wollte. Endlich
nötigte uns / ein unvermuteter Sturm / wider unsern Willen an dieser Insul
anzuländen: Und weil sie ihm / wegen der Einsamkeit / deren er von Natur ergeben
war / nicht übel gefiele / beschlosse er eine Zeitlang hier zu verziehen. Es
schickte sich aber / dass die Inwohner / als sie seine Gaben erkannten / ihn zu
ihren Vorsteher erkiesten /und sehnlich baten: er möchte doch in ihren Schluss
willigen / und ihnen seine beständige Beiwohnung gönnen. Er verwilligte / auf
mein Begehren / hier zu bleiben / und wurde von den Inwohnern so freundlich
bewirtet / dass es ihn nicht wenig erfreuet. Niemals habe ich das Glück
verliebter / als von selbiger Zeit an / mit mir schertzend befunden. Ich genosse
einer so liebreichen Ehe / dass ich darin nichts dann die Kürtze zubeklagen
hatte / und Honede den Wind rühmete /welcher uns an diese Gegend getrieben. Aber
ach! der betrüglichen Freude der Sterblichen! kaum hatten die Kertzen seiner
Ehre und seines Glücks angefangen zu brennen / als sie / das boshafte Glück / zu
seinen Leich-Fackeln missbrauchte / und mir / durch einen so unversehenen Zufall
/ meinen Honede / aus den Armen risse / dass ich eben so bald seinen erblassten
Cörper vor mir gesehen / als ich seiner Krankheit gewar worden. Bei diesen
Worten / begunten die Tränen / welche schon lang vor den Toren ihrer Augen
einen Ausgang gesuchet / die Rede Macarien zu schliessen / also das Polyphilus /
der eine solche Bewegung seiner Liebe nicht zuträglich achtete / sie anfangen
wollte zu trösten / aber bald sie also fortreden hörte: Es wundere euch nicht /
mein Polyphilus! das ich diss mehr mit Tränen / als Worten erzehle. Ein solcher
Verlust / kann mit trocknen Augen von keinem empfindlichen beklaget worden. Und
dieses ist also / der verdriessliche Lebens-Lauf / eurer unseeligen Macarie:
welcher euch billig bewegen sollte / die jenige zu hassen / die von der Wiegen an
/ eine erbärmliche Schaubühne der Wiederwärtigkeiten sein muss. Mir aber / sollte
es billig eine Warnung sein /keinen andern weiter mit meinem Unglück zu
verwickeln: wie ich dann gäntzlich gesonnen war / nachdem mir der Tod mit meinen
Honede alle Freude ins Grab gelegt / die übrige Zeit meines betrübten Lebens /
der Einsamkeit aufzuopfern. Massen ich auch / meinen ersten Brief an euch / mit
Abmahnungen angefüllet /und nur der Traurigkeit einen Tempel in meinem Gemüte
bauen wollte.
    Das wäre zuviel gewesen (fiel ihr Polyphilus / der dieses nicht anhören
konnte / in die Rede /) man muss /bei Traurigkeit / seiner eignen Wolfart nicht
vergessen. Der Himmel fordert Gedult / aber keine Halsstarrigkeit. Er führet uns
öffters / durch einen bösen Weg / zu einem guten Ziel. Ja er ist so gütig / dass
er /noch vor dem Unglück / schon die Hülffe beschliesset. Vielleicht will er
durch meine Liebe ersetzen /was sie so sehnlich beklaget. Ich hoffe auch / ihrem
Honede / wo nicht in der Würde / doch in beständiger Liebe / zu gleichen. Und
nun ich die Weissagung vernommen / werde ich auch nicht ablassen / biss ich ihre
Eltern gefunden / und also ihr Unglück gewendet habe. Dass sind lauter Gründe /
(gab Macarie zur Antwort) die meinen Begierden schmeicheln. Was soll ich sagen?
Ich muss gehen / wohin mich mein Verhängnüs führet / ich tue es gleich willig /
oder gezwungen. Doch sage ich / das ich der Liebe / und nicht der Vernunft
folge: dann also fordert es mein Geschick / welchem ich mich schon oft / aber
allezeit vergeblich / widersetzet. Es ist auch am sichersten /(sagte Polyphilus)
dem jenigen nachgehen / welchem die Wege bekandt sind. Ein Hertze / das GOtt
nicht folget / geht einen gefährliche Irrweg / und kann gar leichtlich in die
Grube des Verderbens stürtzen. Ihre Tugend / geliebte Macarie! wie sie bisher
alle Versuchungen hertzhaft überwunden / also wird sie sich durch einenoch
geringe wart nicht ungedultig machen lassen. Ich will unsere Verbündnüs nach
allen Kräften befördern / auch nicht ruhen / biss ich ihre Klage in Freude
verwandelt. Hieran sollet ihr nicht zweiffeln /wehrter Polyphilus! antwortete
Macarie. Ich will das Ziel / welches der Himmel unsrer Errettung bestimmet / gar
gern erwarten / und indessen hoffen / er werde / nun ich die göttliche Zusage
eröffnet / ihm angelegen sein lassen / die jenigen zu suchen / welche sonder
zweifel schon lange nach mir gesuchet.
    Dieses versprache Polyphilus / und nahm also /weil es begunte finster zu
werden / dissmal seinen Abschied. Macarie wünschte ihm nochmals Glück zur Reise /
und bate / er möchte ihr doch / sein weisses Hündlein / das er mit sich führte /
und wegen der vielen rohten Bänder / damit es gezieret / wohl behaltens wehrt
war / so lang gönnen / biss er wieder zurück käme. Gar gern (versezte Polyphilus)
wann es nur nicht beschwerlich ist. Aber du viel glückseeligers Tier / als ich
bin (sagte er / sich gegen den Hund wendend) wie gern wollte ich dir jetzo dein
Glück abkauffen. Du hast die Freiheit / bei meiner Liebsten zu bleiben: ich aber
muss sie mit Seufzen verlassen. Nun so bewache dann die jenige sorgfältig / vor
welche ich ohne unterlass wache / und wisse / dass ich dir diese Treue nicht
unvergolten lassen will. Durch diesen Schertz erlangte Polyphilus noch einen Kuss
von seiner Macarie / und verfügte sich damit / halb freudig /wegen der Gewissheit
seiner Mutmassung / und halb traurig / wegen des Scheidens / wieder zu dem
Talypsidamus Dieser wollte sie selbigen Abend nicht erlassen / sondern bate sie /
die Nacht bei ihm zu bleiben /mit Versprechen / dass er ihnen des andern Morgens
seinen Jungen mit geben wollte / ihnen die nächste Strasse zu zeigen. Die Liebe
und vertraulichkeit / mit welcher sie ihm verbunden / liess nicht zu / ihm diese
Vitte zu versagen. Also blieben sie selbige Nacht bei ihm / und ergezten sich /
neben einer köstlichen Malzeit / mit einem gar freundlichen und liebreichen
Gespräche. Am Morgen / wollten sie gar früh Abschied nehmen. Aber Talypsidamus
liesse zuvor ein Frühstück zurichten / und nötigte sie dasselbe einzunehmen:
worauf sie / nach vieler Bedankung / ihre Strasse reiseten.
 
                                Siebender Absatz
 Polyphilus komt / mit Agapisten nach Rutiben / und werden sie von dem Schäfer
 Schireno bewirtet. Ihr Gespräche mit ihm von der Freiheit und Dienstbarkeit /
von Obern und Untern. Schreiben des Polyphilus an Macarien. Schirenen machet sie
     /durch des Cumenus Schreiben / dem Vorsteher Vinellio / wohl-empfohlen.
Polyphilus befahle dem Jungen / voraus zu gehen /und erzehlte dem Agapistus
alles / was er von Macarie gehöret; welcher hierob sich nicht wenig erfreuet und
verwundert / und ihn fragte: ob er dann Macarie nicht eröfnet hätte / dass er
ihre Eltern gefunden? Dieses / (sagte Polyphilus) will ich sparen / biss zu
unsrer Hochzeit / alsdann soll diese Freude viel grösser werden. Agapistus lobte
diesen Vorsatz / und gelangten sie / unter dergleichen Gespräche / in die Gegend
Rutiben. Es muss zimlich spat sein / (fieng Agapistus an) weil man allbereit die
Heerden eintreibet. Talypsidamus hat uns etwas zu lang aufgehalten. Wir wissen
hier keine Gelegenheit / und wird wohl das beste sein / wann wir gar in die
Stadt gehen / und in einem Gastofe herbergen.
    Als sie noch hievon redten / kam ein Schäfer von der nechsten Heerde / und
sagte: Ich sehe / geehrte Freunde! dass sie fremde sind / und bitte / mir zu
vergeben / dass ich frage: wornach sie verlangen tragen /und ob sie mir nicht die
Ehre gönnen wollen / in meiner schlechten Hütte diese Nacht zu herbergen?
Polyphilus wunderte sich dieser Freundlichkeit / und sprach: seine Höflichkeit /
leutseeliger Schäfer! ist /wie ich sehe / viel grösser / als unsre Hoffnung /
und kommet unsrer Bitte zuvor. Wir sind freilich fremde /und haben uns eben
ietzo beratschlaget / wo wir unsre Einkehr nehmen wollen. Weil er sich nun so
freiwillig hierzu erbietet / wird er uns hoffentlich zu gut halten / dass wir ihn
damit / gegen dankbare Bezahlung /beschweren dürffen. Meine Bewirtung (versezte
der Schäfer /) fordert keine andere Bezahlung / als eine geneigte Vermerkung.
Damit führte er sie beide mit sich nach Hause / und erzeigte ihnen so viel Ehre
und Guttaten / dass Polyphilus solche Willfärigkeit nicht genug rühmen kunde /
und den Schäfer bate: er wollte ihm doch seinen Namen entdecken / dumit er wüste
/wessen dank-schuldner er vor diese Ehre sterbe. Mein Name ist Schirenus /
(antwortete der Schäfer) wann er solchen seiner Gedächtnüs würdigen will. Meine
schlechte Bewirtung aber / hat vielmehr der Benügsamkeit / als Danksagung
vonnöten. Dafern aber ja ihre Höflichkeit Zahlung tun will / wird es diese sein
/ wann sie mich verständigen / wie sie sich beide nennen / und wohin ihre Reise
gerichtet?
    Wann sich Wercke mit Worten werden bezahlen lassen / (sagte Agapistus /) so
wisset / guttätiger Schireno! das Polyphilus und Agapistus die Namen sind / mit
welchen sich seine kühne Gäste bekant machen. Unsere Verrichtung betreffend /
sind wir fremde Schäfere / welche eine Weide zu suchen / ausgereist. Und weil
wir / in der Gegend Brundois / eine so wohl gelegene Trift gefunden / dass wir uns
entschlossen /allda zu bleiben / daneben aber verstanden / das selbige Schäfere
/ von hier aus ihren Schutz haben / als sind wir / solchen zu erlangen / hieher
gekommen; haben auch / von dem Schäfer Cumenus / ein Schreiben an den edlen
Vinellius mit gebracht / und ist also nichts übrig / als dass wir Gelegenheit
erlangen / uns bei ihm anzugeben. Worinn wir dann um einen guten Raht / bei ihm
/ geneigter Schäfer / ansuchen. Sie dürffen nicht bitten / (gab Schireno zur
Antwort /) sondern schaffen / weil ich willig bin zu dienen / auch mit unserm
Vorsteher Vinellio in so gutem vernehmen bin / dass ich ihnen ehest die Ansprache
erwerben will.
    Mich wundert aber / (fuhre er fort) dass sie so willig sind / ihre Freiheit
mit der Dienstbarkeit zu verwechseln. Unsere Freiheit / (versezte Polyphilus)
bestehet in den Gemüte / und in der Art zu leben / welche durch eine vernünftige
und gerechte Obrigkeit nicht gehemmet wird. Damit aber auch andere solche nicht
zerstören / suchen wir / durch diese Unterwerffung /Schutz und Hülffe: dann
sonst würden wir eine neue Weise zu leben erwählen / weil ja die ganze Welt in
hohen und niedern / Untern und Obern bestehet. Es ist freilich also / (begegnete
ihm Schireno) dass unter den Menschen die Geringere den Grössern dienen: ich weiss
aber nicht / ob es der Natur gemäss sei / dass die freie und vernünftige Menschen
andern ihres gleichen dienen? Woltet ihr auch daran zweiffeln? fragte
Polyphilus. Dieses Recht der Obern und Untern / ist so gar nicht wider die Natur
/ dass es vielmehr in derselben gegründet ist. Hebet eure Augen auf / Schireno!
und betrachtet die Ordnung des Himmels. Wird nicht der Mond / von der Sonne /
und ein Stern von dem andern übertroffen? Schauet an die Gewächse der Erden /
wie die hohe Ceder über die niedre Buchs-Bäume / und die prächtige Lilie über
die verächtliche Schabab herschet. Nicht nur die leblose / sondern auch die
lebendige Kreaturen / bestätigen diese Ordnung. Dann /was ist der hoch-fliegende
Adler / der unerschrockene Löw / und der grausame Wallfisch? sind sie nicht
Könige / welche in der Luft / in dem Meer / und auf der Erden herschen? Ja der
edle Mensch selber / welcher von den Gelehrten eine kleine Welt genennet wird
/was ist er anders / als ein Reich / darin die Seele /der König / in dem
Hertzen / als seiner Residenz /herschet. Der Verstand ist wie der Regiments-Raht
/der Wille Kriegs-Raht / das Gedächtnüs Geheimschreiber / die äuserliche Sinnen
Amtleute / und die Glieder Untertanen.
    Das ist wohl etwas (redte Schireno darzwischen) aber alles was ihr anführet /
rühret her von dem Unterschied der Geschöpfe / welcher bei uns nicht zu finden.
Dann das die Sonne den Mond und die Sterne verdunkelt / kommet her von dem
herrlichen Glantz /damit sie vor andern gezieret ist. Also weichet der
Buchs-Baum den Cedern / wegen der Grösse / und die Schabab (damit ich bei seinen
Gleichnüssen bleibe) der Lilie / wegen der Zierde. Das der Adler in der Luft /
der Löw in den Wäldern / und der Wallfisch in dem Meer / Könige sind / haben sie
ihrem Schöpfer zu danken / der sie mit mehrerer Grösse und Stärke /als andere
ihrer Art Tiere / versehen. Die Sinne aber / und Gledmassen des Menschen /
dienen ja billig ihrem König / der Seele / weil sie von derselben ihr Leben und
ganzes sein erlangen. Wie kommet aber dieses bei die Menschen / die von einerlei
Ursprung / in einerlei Form / und zu einerlei Ende erschaffen sind? Warum sollen
diese nicht einerlei Freiheit geniessen / sondern einer dem andern zu Gebot
stehen?
    Eben wollte Polyphilus antworten / als ihm Agapistus zuvor kam / und sagte:
Ob gleich die Menschen nach den äuserlichen Sinnen und Gliedern einander gleich
/ so sind sie doch nach den Gaben des Gemütes und des Leibes mehrmals
unterschieden: also / das einer grössere Weissheit / höhere Geschicklichkeit
/mehrere Stärke und Hertzhaftigkeit / als der andere /sehen lässet / und damit
bezeuget / dass er durch die Angeburt über die andere gesezt sei: weil es ja
natürlich / dass das Untere dem Höhern diene / das Schwache das Stärkere fürchte
/ und ein Unverständiger des Verständigen Knecht sei.
    Hierinn stimmet er (sagte Schireno) mit dem scharffsinnigen Aristoteles
überein / der das Recht der Menschen-Jagt mit solchen Gründen behaupten will
/und vermeint / es könne ein Verständiger und geschickter Monarch / mit guten
Fug / ihm andere wilde und barbarische Bölcker unterwürffig machen: womit er
vielleicht seinem Lehrling / den grossen Alexander / schmeichelt / der ein
solcher Jäger war / und durch Eroberung vieler Königreiche einen unsterblichen
Namen zu erjagen gesuchet. Ich sehe ja nicht /wie derjenige sich des Namens
eines Tyrannen entbrechen könne / der ohne Fug und Ursach / andere mit Gewalt um
ihre Freiheit bringt. Meines Erachtens gleichen sie sich den wilden Tieren /
welche / bloss aus natürlicher Stärcke / über die andere herschen /und kein
anderes Recht vorzulegen haben. Wird / die Uberwältigung einer Privat-Person /
als eine Ungerechtigkeit gestraffet: wie vielmehr die Tyrannisirung eines
ganzen Landes! dann / je weiter sich ein Laster ausbreitet / je schädlicher es
ist. Nimrod / der erste Monarch / war ein Tyrann / der die Leute mit Gewalt in
sein Netz gejaget: wie er dann deswegen ein gewaltiger Jäger genennet wird. Auch
das Israelitische Königreich / ward ohne GOttes Befehl / ja wider seinen Willen
/ eingeführet: also dass sich Saul / der erste König / wohl hätte mögen / von
Gottes Verhängnüs /schreiben / wie heut zu Tag etliche Aebte zu tun pflegen.
    Polyphilus lachte hierüber / und gab zur antwort: wenn dieser Satz das die
Natur selber / den einen gleichsam zu Gehorsam / den andern zur Herrschaft
formiret / in seinem rechten Verstande genommen wird / so ist er der Vernunft
und Billigligkeit gemäss: dann es ist nicht zu laugnen / das Könige und Knechte /
das ist / edle und schlechte Gemüter geboren werden. Aber dieses natürliche
Recht der Herrschaft und Dienstbarkeit / hat seine gewisse Schranken / die man
nicht überschreiten darff; und ist es nicht mehr / als eine natürliche Anleitung
und geschenktes Gemerke /dass einer der Regirung oder der Untertänigkeit fähig
sei / keines wegs aber ein solches Recht / dass einer ohne ordentlichen Beruff
herschen möge / wo / wann /wie und über welche er wolle. Zwischen der Fähigkeit
/ und Billigkeit / ist noch ein grosser Unterschied / / und sihet man diese
beide gar selten vereinigt. Es mag wohl viel Holtz zu Königlichen Zeptern tüchtig
sein / daraus doch etwan nur ein Tintenfass oder noch geringerer Werkzeug
gemachet wird: und mancher wird zu einen Fürsten geboren / der doch als ein
Knecht zu Grab kommet. Sonderlich / wann die Regiment-Stellen nach der Geburt
oder Wolneigung und nicht nach Tugend und Weissheit / bestellet werden / da wird
oft ein Schafs-Kopf mit einer Löwen-Mähne / und ein Geier mit Adlers-Federn
prangen: massen jetziger Zeit / die Leiter / darauf man in der Welt zu Ehren
steiget / mehr aus Glück und Gunst /weder aus Tugend und Kunst / gezimmert wird.
Aber seelig ist das Land / dessen Obrigkeit / nicht nur nach dem Erb- oder
Wahl-Recht / sondern auch nach dem Recht der Natur / eine Obrigkeit ist / und
die den Untern an Weissheit / Hertzhaftigkeit und Gerechtigkeit vorleuchtet; oder
wie es die Schrift ausredet / dessen Fürsten Fürstliche Gedanken haben / und
darüber halten.
    Dem sei aber wie es wolle / so bleibet doch das Recht der Obern und Untern /
eine heilsame Ordnung. Aus dem Brunnquell der Natur / und nicht aus dem Notzwang
der Bosheit allein / ist befehlen und gehorchen / Obrigkeit und Untertan
hergeflossen. Und ob gleich der erste Monarch Nimrod diesen Namen mit Gewalt und
Unrecht erlanget / so hat doch mit seiner Regirung / nicht die Herrschaft /
sondern die Tyrannei ihren Anfang genommen / weil schon lang vor ihm / Obere und
Untere gewesen / die Recht und Gesetze / Gebot und Verbot auferlegt. Auch in den
Volk Israel / liesse ihm GOtt / nicht die Regirung / sondern die Art und Weise
solcher Regirung / missfallen: dann er hatte von Anfang / Gebot und Rechte /
Strafe und Belohnung / Richter und Fürsten unter ihnen geordnet. Dass sie nun
solche verworssen / und durch einen König / wie alle andere Heiden / wollten
regiret sein /das missfiele GOTT: doch lässet er es geschehen /also / dass er den
neuen König selber gewehlet und bestätiget; welches er / wann es unrecht wär /
nimmermehr würde getan haben. Ist also / das Gefetze der Obrigkeit und
Untertanen / den natürlichen /weltlichen / und göttlichen Rechten gemäss / und
kann sich niemand / ohne das Laster des Ungehorsams / der Dienstbarkeit gegen die
Obern entziehen.
    Es ist auch dieselbe höchst nötig. In was vor ein wildes und barbarisches
Unwesen sollten wir gerahten / wann wir eine Zeitlang ohne Obrigkeit wären /und
ein jeder seines Gefallens hausen dörfte? Das Volk Gottes / kann uns hierin ein
Muster geben / welches in abscheuliche Laster gerahten / da kein König in Israel
war / und ein jeder täte / was ihm recht dünkte. Wer wollte die Laster straffen
/ die Tugend belohnen / die Frommen schützen / und die Bösen zwingen / / wann
niemand die Macht hätte? würde nicht der Mächtigere den Geringern berauben / der
Stärkere den Schwächern im Sack schieben / und kein Mensch ohne Beckel-Hauben
und Brust-Harnisch zum Fenster aussehen dürffen / wann weder Kläger noch Richter
wäre? Es hat so zu tun / dass man an Leib / Ehre und Gut sicher ist / da man
doch Obrigkeit und Gerichte /Bande und Gefängnüs / Galgen und Schwert vor Augen
sihet: was wollte werden / wann deren keines zu fürchten wäre? Ja / es ist die
Unterworfenheit so nötig / dass sie ganz nicht zuentbähren ist. Dann /durch
Abschaffung der Obern / würde die Zahl der Untern / nicht gemindert / sondern
gemehret werden /und wann keine Knechte wären / müsten wir / aus Mangel
derselben / uns selber aufwarten. Demnach bleibet es wohl dabei / was der
Klügste unter den Königin sagte: Arme und Reiche / auch Hohe und Niedere /
müssen untereinander sein.
    Und warum wollte man sich der Dienstbarkeit weigern / da sie doch ihren
gewünschten Nutzen hat /und / in gewisser Mass / der Herrschaft selber vorzuziehen
ist? Ach! es ist viel sicherer / gehorchen / als befehlen: weil jenem nur das
Verrichten / diesem aber das Verantworten zustehet; und ein Untertan / aller
der Sorge / Mühe und Gefahr befreit ist / welche den Obern auf dem Hals liget.
Wohl recht / sagte jener König: wann Kron und Zepter im Wege lägen / es würde
sie keiner aufheben / wann er wüste / was sie vor eine Last wären. Mancher
Königlicher Purpur /wimmelt von so vielen Würmern der nagenden Sorgen / das ich
meinen schlechten Schäfer-Rock nicht damit vertauschen wollte. Wir schätzen ja
den vor glückseeliger / welcher in seinen Bette sanft schläffet / als den
jenigen / welcher ihn bewachet. Nun sind in Warheit getreue Obern nichts anders
als Wächter /welche vor die Ruhe und Zufriedenheit ihrer Untergebenen; wachen
müssen: Wer wollte ihnen dann / vor solche Beschwerung / nicht mit Ehrerbietung
begegnen / und bedenken / dass sie uns mehr dienen / als von uns bedienet werden?
    Einer gerechten und getreuen Obrigkeit / (begegnete ihm Schireno) ist man
freilich Dienst und Gehorsam schuldig. Wie aber / wann man über das Wiederspiel
klagen muss? Es fället einem freien und vernünftigen Gemüte unerträglich / sich
eines Hoffärtigen und ungerechten Tyrannen Botmässigkeit zu unterwerffen. Cato
konde es so gar nicht vertragen / dass er lieber todt sein / als unter einen
Tyrannen leben / und lieber den freien Geist mit dem Eingeweid ausschütten / als
dem Cäsar zu Fuss fallen wollte. Diese verzweiffelte Tat / (versezte Polyphilus)
scheinet mehr aus Halsstarrigkeit und aus Grimm über den Sieg des Cäfars / als
aus Hertzhaftigkeit und Vernunft hergeflossen zu sein. Hat es der Himmel
geschehen lassen /das Julius zum Regiment gekommen / so hätte es Cato (nachdem
er das seinige getan / und sich vergeblich darwider gelegt) auch wohl leiden
und warten mögen / biss seine Straffe / welche allbereit unterwegs gewesen /
angekommen wäre. Viel klüger handelte Solon / welcher nachdem der Tyrann
Pisistratus die Stadt Aten unter seine Gewalt gebracht / und er / als ein
Weiser / gesehen / dass aller Fleiss / der Stadt Freiheit zu erhalten / vergebens
wäre / sein Gewehr und Schild vor die Tür des Ratauses nieder gelegt / und
gesagt: Biss hieher habe ich dir / mein liebes Vaterland! mit Worten und Werken /
nach allen meinen Kräften / Hülfe geleistet. Worauf er in sein Haus gegangen /
und sich zur Ruhe begeben. Also hätte es Cato auch machen / und wider Gott nicht
streiten sollen. Die Tugend fordert Standhastigkeit / aber keine Verzweiflung.
    So muss man auch / an der Obrigkeit / wo nicht die Person / doch das Amt
ehren und bedienen / und der Regenten Fehler / in ansehung / dass sie auch
Menschen sind / vielmehr zudecken als lästern. Welche Kron ist so köstlich /
daran nicht etwan ein Stäublein hänget? Und welcher Fuss geht so richtig / das
er nicht zuweiln einen Fehltritt tue? Vornehmer Leute Handlungen / sind wie die
Uhr an der Kirche / deren Unrichtigkeit ein jeder Vorbeigehender merket und
tadelt. So muss derowegen / das Joch der Dienstbarkeit / / von Gedult zubereitet
werden / wann es leicht zu tragen sein soll. Es ist auch / den Frommen und
Tugendhaften / keine Obrigkeit vonnöten / ausser der Beschützung / weil sie
ihnen selbst ein Gesetze sind /und hat jener nicht übel gesagt: Wer Gott
fürchtet /der darf keine Obrigkeit fürchten; weil solche / entweder nichts wider
Gott be fihlet / oder doch / in solchen Befehlen / keinen Gehorsam zu erwarten
hat.
    Das ist ein guter Schluss! (fiele ihm Schireno in die Rede) hier ist das
lezte / das beste / und gibet den Tugendhaften ihre Freiheit wider. Aber sie
sollten fast /über diesem Gespräch / bald des Essens vergessen /und in den
Argwahn gerahten / als hätte ich durch meine Frage eine listige Sparsamkeit üben
wollen. Ich bitte / sie lassen ihnen die schlechte Gerichte belieben / und
sättigen nun auch ihren Magen / nachdem sie meine Begierde gesättiget. Wir sind
(sagte Polyphilus /) vorhin schon dabei gewest / und haben keine so übele
Gedanken von ihm gefasset. Also assen sie /und sprachten noch eine Zeitlang /
biss sie der Schlaff voneinander triebe / und sie alle zu Ruhe giengen. Des
andern Tages / bemühete sich Schireno / seine Gäste zu Vinellio zu bringen.
Polyphilus aber /schickte des Talypsidamus Jungen wieder zurück /und weil er
hoffte / dass seine Verrichtung wohl ablauffen würde / gedachte er solches an
seine Macarie zu berichten; weswegen er ihm folgendes Brieflein / an sie /
mitgabe.
                              Allerliebstes Hertz!
Es hat mich der Himmel / wie ich spüre / zu einer guten Stunde hieher geführet:
weil ich den edlen Vinellio angetroffen / und bald ansprechen werde. Nun
hoffeich / ihrer Furcht und meines Zweiffels / ein erfreutes Ende. Der
freundliche Schäfer Schireno / wird mir in allen Verrichtungen beisteben.
Indessen lasse sie mein langes Aussenbleiben / das sich wider verhoffen begeben
möchte / sich nicht betrüben: sondern gedenke / dass der bitterste Same die
süsseste Frucht trage. Sie erfreue auch das Verlangen meiner Liebe /so es ihr
gefället / mit einem / ihrer Gewonheit nach /gezierten Brieflein / welches mir
eine Fürsten-Kost sein wird. Uberbringer dieses / kann es wider mit zurück
nehmen. Indessen lebe sie gesegnet / und vergesse der betrübten Einsamkeit:
damit sie die bald-künftige Gesellschaft desto lieber annehmen / und mich in
ihren Hertzen behalten möge / als
                        Ihren biss in den Tod beständigen
                                                                     Polyphilus.
Inzwischen Polyphilus mit der Abfärtigung des Jungen beschäftiget war / verfügte
sich Schireno zu Vinellio / und erzehlte demselben / wie er verschienene Nacht /
zwei fremde Schäfer beherberget / die sich entschlossen / in der Gegend Brundois
zu weiden. Weil sie aber verstanden / dass selbige Schäfere von ihnen den Schutz
hätten / wären sie / solchen zu erlangen / hergereist / und hätten ihn gebeten /
er möchte ihnen doch Gelegenheit anhändigen / zu ihrem Vorsteher zu kommen. Wie
sie dann / ihr Vorhaben zu bescheinen / einen Brief / von dem Schäfer Cumenus
/mit gebracht / und ihn / selbigen zu überliefern / ersuchet. Hiemit / übergab
er Vinellio das Schreiben des Cumenus / der solches erbrache / und dieses
Innhalts fand.
                        Edler / und Würdiger Beschützer!
Die Ursach / dass ich / seine Würde / mit diesen Zeilen bemühe / ist die Bitte
des Polyphilus und Agapistus / zweier fremder Schäfere / welche unlängst / aus
dem Schloss Sophoxenien / in unsrer Gegend angekommen / und dieselbe so bequem
befunden / dass sie Feld und Heerde / sie zu betreiben / erkauffet. Damit sie nun
des Schutzes / welchen uns seine Vorsorge /grosser Vinellio! gönnet / mit
teilhaftig werden möchten / haben sie / um ein schriftliches Zeugnüs ihres
Vorbringens / bei mir angehalten: welches ich ihnen hiermit eateilet / und
berichte daneben / dass ich sie sehr vernünftig und geschickt / und daher würdig
befunden / ihr Begehren zu erhalten Seine Weissheit /edler Vinellio! wird aus
ihrer Erkentnis es selbst warnehmen / / und also beseeligen die Bitte /
                           Seines dienst-verbundenen
                                                                        Cumenus.
Als Vinellio diesen Brief gelesen / sagte er / gegen dem Schivenus: Soviel ich
aus diesem Schreiben vernehme / so sind seine Gäste von Betrachtung / und wo mir
recht / so ist Polyphilus eben der jenige / welcher das Schloss Sophoxenien von
dem Fluch erlöset; dann mich bedünket / dass ich ihn also nennen hören. Was
haltet ihr von ihnen? Ihre Ankunft und Wesen / (gab Schirenus zur Antwort) ist
mir zwar unbekandt / ihren Verstand und Erfahrenheit aber / habe ich in
gestrigem Gespräche überflüssig erkennet / und bewundert. Es ist mir leid /
(sagte Vinellio) dass ich heute / wegen einer nötigen Verrichtung / nicht Zeit
habe / sie zu sehen / und bitte / deswegen mich zuentschuldigen: Morgen will ich
sie gewiss zu mir ersuchen / und damit ihnen die Zeit nicht lang werde / durch
einen meiner Freunde sie heut begrüssen lassen. Diesen guten Entschluss
hinterbrachte Schireno seinen Gästen / die damit sehr wohl zu frieden waren / und
ihm für seinen guten Willen grossen Dank sagten.
 
                                 Achter Absatz
Gespräche des Polyphilus / Agapistus und Schireno / mit dem Gitildo und Damatus
/ in des Vinellio Garten / von dem Wasser / von der Arbeit /von den Blumen / von
           der genüglichen Zufriedenheit /und wahren Glückseeligkeit.
So bald die Mittags-Malzeit vorbei war / kamen Gitildo und Damatus / zweien
Schäfere des Ortes / und brachten dem Polyphilus und Agapistus einen Gruss vom
Vinellius / mit Bitte / sie möchten ihm zu gut halten / dass er sie diesen Tag
nicht ehren könnte: und wollte er deswegen / wann sie ihn morgen besuchten /sich
selbst entschuldigen. Polyphilus bedankte sich gar höflich / vor so geneigtes
Anbringen / und sagte: dass diese Entschuldigung vor Dienere zu hoch sei /und
wurden sie sich überflüssig vergnügt befinden /wann nur ihnen Vinellius / nach
seiner Weile / eine Aufwartung erlauben würde. Hierauf baten jene / sie möchten
sich gefallen lassen / zu kürtzung der Zeitweile / weil es ein schöner Tag war /
in ihres Vorstehers Vinellio Garten zu spaziren: welches sie bewilligten / und
ihnen nachfolgten. Sie befanden den Garten von solcher Lieblichkeit / dass sie
nicht wussten /wohm sie am ersten die Augen wenden sollten. Die ordentlich-gesezte
Bäume / die ungemeine Schönheit der Blumen / die zierlich-gebaute Gallerien /
und die Menge der Fremden Gewächse / gaben dem Gesichte und Geruch gnug zu
arbeiten. Sonderlich aber ergezten sie sich / weil es etwas heiss / bei einem
künstlichen Spring-Brunnen / dessen Crystalline Feuchtigkeit / sich durch
etliche Röhren in die Höhe hebte /und mit einer Kugel spielte.
    Sie sezten sich / der Kühle des Wassers zu geniessen / und die Kunst des
Brunnes zu betrachten / auf den dabei stehen den / grün-bewachsenen Bühel / und
begunten die Tugend und Nutzbarkeit des Wassers zu loben: als welche viel
grösser / als dass sie zubeschreiben / und so notwendig / dass wir / ohne dasselbe
/kaum einen Tag würden leben können. Freilich /(sagte Polyphilus) würden wir
bald zu grund gehen /wann wir eine Zeitlang des Wassers beraubt wären: welches
doch ihrer wenig erkennen. Dann bei solchem Uberfluss der Bäche und Brunnen / kann
man der Armseligkeit nicht warnehmen / welche von deren Mangel entspringen
würde. Es ist nichts / in und an uns / das nicht des Wassers vonnöten habe. Man
möchte wohl dieses Geschöpfe / wie es das erste und meiste / auch wohl das
vornemste in diesem sichtbaren Welt-Gebäude / nennen. Ja / ich gläube / dass die
göttliche Weissheit und Allmacht in keinen Element / als in diesen / sich
verwunderlicher mache. Ist es nicht verwunderbar / dass das von Wasser gebaute
Wolken-Dach / am Himmel über uns schwebet / und doch nicht herab fället: da doch
nichts weicher ist / als das Wasser / und nichts dünner / dann die Luft / welche
man / nicht allein nicht greiffen / sondern auch nicht sehen kann. Kommen wir auf
die Erde / so ist eben so grosses Wunder / dass derselben übergrosse Last das
Wasser zum grunde hat / auf welchem sie / wider alle ihre Natur / als ein
leichter Balle daher schwimmet /und nicht untersinket: da doch ein kleines
Steinlein /wann es hinein geworffen wird / zu Grund geht.
    Und was sagen wir von dem Meer selber? welches so viel Wunder / als Wellen
mit sich führet. Ist es nicht ein Wunder / dass diese Versamlung der Wasser so
ordentlich ab- und zu fliesset / dass es nicht aus seinen Schranken tritt / und
ob es gleich noch so ungestümm tobet / dennoch die Gräntze / welche ihm die
Ordnung des Schöpfers gesetzet / behält / und die Erde nicht verschwemmet. Ich
geschweige der unzehlichen Menge der Fische / von welchen diese unergründliche
Tieffe wimmelt: deren Grösse und Seltsamkeit nicht kann erforschet / viel weniger
beschrieben werden. So ist auch dieses nicht das geringste Wunder / dass das
saltzig- und bittere Meer-Wasser /durch die Kraft der Erde also geläutert wird /
dass es in süssen und wohl-geschmacken Brunnen wieder hervor quillet: wie wir hier
dergleichen vor uns haben. Hat also der Poet Pindarus recht gesagt: Lobe nur was
dir gefällt! Wasser doch den Preis behält. Ich muss bekennen / (gab Gitildo zur
Antwort /) dass der Himmel / durch die Wasser und Brunnen / herrlich wundert:
Massen / wann wir alle Seltenheiten / die / der unerschöpfliche Brunn der
höchsten Weissheit und Allmacht / in den Wassern und Brunnen zeigt / erzählen
sollten / wir viel Tage darmit zubringen müsten. Wann die Kunst der Natur zu
Hülfe komt / wird die Verwunderung noch grösser und ergetzlicher: wie an diesen
und andern dergleichen / schönen Brunnen zu sehen / die ausser dem Geruch / fast
alle Sinnen erquicken. Das Gesicht / wird durch das Silberhelle fliessen; das
Gehör / durch das anmutige Rauschen; der Geschmack / durch das süsse Trinken;
und die Empfindung / durch die allerlieblichste Kühlung /sonderlich bei warmen
Wetter / treflich gelabet. Nur ist zu betauren / dass die Zubereitung solcher
Brunnen / so viel Mühe kostet / und man diese Lust mit so viel Arbeit und Kosten
zu wege bringen muss.
    Was haben wir (versezte Polyphilus) in dieser Eitelkeit / ohne die Arbeit.
Nicht nur die Lust / sondern auch die Notturft / muss durch die Arbeit erlanget
werden. Dieser Bissen Brod / und dieses Glas Wein / so hier vor uns stehet /
können wir nicht ohne viel Mühe geniessen. Wie manchen sauren Schweiss muss der
Ackermann / der Schnitter / der Drescher / der Müller /der Becker / der
Weinhecker / der Kelterer / der Fuhrman / und viel andere / von der Stirn
wischen / ehe wir das vor uns sehen? Und dieses ist bloss Brod / und Wein. Je
köstlicher die Kost / je mehr Arbeit sie auch erfordert: und muss man manchmal
ganz Indien durchreisen / und mit Gefahr Leibs und Lebens Gewürtze und Zucker
heraus holen / ehe man eine Speise auf die Tafel bringt. Was soll ich sagen /
von den Kleidern? Das Hemd / so wir am Leib tragen / wird durch so viel Mühe
verfertiget / dass das Frauenzimmer etliche zwanzig Arbeiten zehlet / ehe es ein
Hemd kann heissen. Zu geschweigen der andern Kleider / an welchen oftmals so viel
Handwerker und Künstler arbeiten. Dann es ist nicht genug / dass uns die Tiere
ihre Häute / die Schafe ihre Wolle / die Kamele und Biber ihre Haare / und die
Seiden-Würmer ihre gespünst geben: sondern man durchgräbet auch die Erde / und
suchet Gold und Silber; man waget sich in das Meer /und holet die teure Perlen
und die Farbe des Purpurs; man schiffet in die Insuln / und bringt köstliche
Steine: damit ja die Hoffärtigen zu prangen / und die Menschen zu arbeiten
bekommen. So ist auch die Weissheit und Kunst selber / die doch etwas Göttliches
zeigt / nicht ohne Arbeit zuerlangen / sondern wird mit vieler Mühe ergriffen.
Wieviel Schulen muss man durch-lernen / wie viel Schriften muss man durchlesen /
wie viel Papier muss man füllen / und wie viel Fragen muss man beantworten / ehe
man den Namen eines Gelehrten erlanget! Wiewol / durch solchen Titul / die
Arbeit nit gemindert / sondern nur gehäuffet wird.
    Was ist aber die Ursach / (fragte Gitildo) dass man alles so mühsam erwerben
muss? hätte uns nicht der Schöpfer / Speise und Kleider / Wissenschaft und
Klugkeit / ohne so viel Arbeit / verschaffen können? Freilich hätte er es tun
können / (sagte Polyphilus) wann er nicht die Arbeit vor nötig und nützlicher
ersehen hätte: daher er sie allen seinen Geschöpfen auferleget. Dann es wird
nichts ohne Arbeit / weder im Himmel noch auf Erden / gefunden. Auch die Engel
haben ihre Geschäfte / dadurch sie GOtt ehren / und den Menschen dienen. Sonne /
Mond / und Sterne /treibrn ihren Lauf und ihre Wirkung unermüdet. Die Elemente
unter dem Himmel / die so wohl leblose als lebendige Geschöpfe / arbeiten in der
Ordnung / darein sie der Schöpfer gesezt. GOtt will in der Natur nichts müssiges
haben: sondern / wie er selber für und für wirket / also sollen auch seine
Kreaturen / ohne unterlass / ihre Geschäfte haben. Dann der Müssiggang / ist eine
Mutter und Säugamme aller Laster. Wie die stehende Wasser Schlamm und Unflat
geben / also bringt der Müssiggang Schande und Unglück. Ja es hänget der
Diebstal / auf gewisse Mass / an dem Müssiggang: Dann ob gleich ein Müssiggänger
einem andern das Seinige nicht nimmet / so bestilt er doch das gemeine Wesen /
indem er ihm den Dienst und den Nutzen entziehet / welchen er leisten könnte.
GOtt hat uns Leib und Seele gegeben / nicht /dass wir sie feiern und schlaffen
lassen / sondern dass wir damit arbeiten / und unsere Sinne / Vernunft und
Glieder gebrauchen sollen. So sind auch / Weissheit /Verstand / Geschicklichkeit
/ Stärke / Reichtum / und dergleichen Güter / uns nicht nur zu unserm Nutzen
/sondern GOtt zu Ehren / und den Menschen zu dienen / geschenket; welches auch
die Heiden erkennet /und daher gesaget: Niemand sei ihme allein / sondern zu des
Höchsten Ruhm / und des Vaterlaudes Nutzen / in die Welt geboren. So dienet
auch die Arbeit nicht wenig zur Gesundheit: weil dadurch der Verstand
geschärffet / das Gemüt ermuntert / und die Gliedmassen hurtiger gemacht werden.
Die Arbeit /machet die Speise wolgeschmack / die Zeit kurtz und den Schlaff
süsse. Die Arbeit / vermehret die Güter /vergrössert die Ehre / und wehret der
Sünde. Ja sie befördert die Erkentnüs / und das Lob Gottes: dann aus der
künstlichen Arbeit der Menschen / wird die Herrlichkeit dessen / der ihren
Verstand erschaffen /erkennt und gepreiset. Demnach soll niemand / der zu
arbeiten einige Kräfte hat / sich dieser nützlichen und nötigen Ordnung
entziehen.
    Es scheinet wohl / (sagte hierauf Gitildo) aus diesem Lobspruch der Arbeit /
dass Polyphilus derselben fleissig gedient / und nun bald den Lohn erwartet. Aber
/wo wird unsre Gesellschaft bleiben? wir wollen gehen und vernehmen / was auch
sie vor Unterredung haben. Hiermit stunden sie auf / willens sich zu den andern
zu verfügen. Es hatten aber dieselben indessen / mit Beschauung des Blumwerkes /
sich ergetzet / und die vielerlry fremde Gewächse beobachtet. Jezt ist die Zeit
/ (sagte Agapistus) da die Erde ihren Blumen-Pracht treibet / und den Himmel mit
seinen Sternen zu trotzen beginnet. Dem ist also! sagte Damatus. Die Göttin
Flora / machet sich je länger je herrlicher / und bekommet / durch Erzielung so
vieler neuer Gewächse und Blumen / immer mehr Anbetere.
    Wol recht / (versezte Agapistus) nennet er Anbetere / welche die
vergängliche Blumen mehr / als deren Erschaffern / verehren und bedienen. Es ist
zwar die Garten-Lust sehr ergetzlich / und wohl wehrt / dass sie von edlen und
hohen Gemütern beliebet werde. Dann was ist süsser / als wann man / von der
Sorge und Arbeit ermüdet / seine Ruhe in den Freuden-vollen Gärten suchet / und
unter den kühlen Schatten der lieblich-blühendem Bäume / die verwunderliche
Schönheit der Blumen betrachtet / aus derselben unterschiedlichem Geruch / Farbe
und Gestalt / die Weissheit / Allmacht und Güte Gottes erkennet / und den offnen
Himmel / mit dem ganzen Chor der Lust-Sänger / / deswegen lobet? Aber man tritt
hierinn meist aus den schranken / dienet den Geschöpfen mehr als dem Schöpfer /
und machet die Gärten zu abscheulichen Tempeln: indem mancher mehr Geld auf
Blumen und fremde Gewächse / als etwan auf den Gottesdienst und die Armuht
verwendet; auch mehr trauret /wann er einer Blume beraubt wird / als wann er
GOtt erzürnet / oder den Nächsten beleidigt. Es sollte uns billig jede Blume eine
Staffel sein / daran auf zu steigen / und aus so herrlichen Geschöpfen uns den
himmlischen Werkmeister erkennen machen. Sie sollten uns auch ein Spiegel sein /
unsre Gebrechlichkeit / Hinfälligkeit / und Sterblichkeit zu betrachten. Aber
wir tun gerad das Widerspiel / und gebrauchen die Blumen zu Werkzeugen der
Hoffart und Eitelkeit. Viel klüger handeln die jenigen / welche der Gärten und
Blumen zu einer mässigen Lust und Ruhe gebrauchen: darneben aber bedacht sind /
wie sie vielmehr den Garten ihres Gemüts mit den Blumen der Tugenden auszieren
mögen; welche den Samen der Unsterblichkeit tragen / und auch in dem strengsten
Winter herrlich blühen. Wir Schäfere / lassen den Städten ihre stoltze Gärten /
und vergnügen uns mit der Lust / so die Natur ohne Bemühung reichet. Die grüne
Tapezerei des Feldes / samt dem Purpur der Violen / und andere Blumen / ergetzen
uns mehr /weder die teure Gewächse der kostbar-erbauten Gärten.
    
    In dm sie dieses redten / kame Gitilto mit dem Polyphilus / und fragte: von
was sie so eifrig sprachten? Wir haben (antw. Schirenus) die Blumen betrachtet:
deren Missbrauch Agapistus tadelt / und hingegen rühmet / dass er / bei seinen
gemeinen Feld-Blumen / in höchster Vergnügung lebe. Solte Agapistus (versezte
Gitildo) bei seiner Hirten-Lust so vergnügt leben /dass ihm ganz nichts fehlet?
das wäre wider die Natur der Menschen / die eine stete Unvergnüglichkeit bei
sich führen / und nimmermehr mit ihren Glücke zu frieden sind / sondern allezeit
etwas finden / das ihnen verdriesslich ist / und etwas wünschen / das ihnen
mangelt. So gar auch die Allerreichsten / die Allermächtigsten / die
Allerglückseeligsten / hören nicht auf zu wünschen / dass sie mögen noch reicher
/ mächtiger und glückseeliger werden: dann die Natur heget eine unersättliche
Begierde. Wann ich schon / (widerredte Agapistus) an einem der jezt benanten
Stücke oder sonst Mangel leide / so kann doch solcher Mangel meine Vergnügung
nicht hintern.
    Was soll dieses für eine Vergnügung sein / (fragte Gitildo) die noch
einigen Mangel empfindet? Weil durch den Uberfluss / (versezte Agapistus) die
Begierde nicht aufgehoben wird / wie mein wehrter Gitildo iezt erwehnet / und
auch die Reichsten / die Herrlichsten und Glückseeligsten / nicht aufhören zu
hoffen /zu wünschen / und zu suchen: so kann hingegen auch /von dem Mangel / die
Vergnügung nicht umgestossen werden / und der Allerärmste / der Allerverachteste
/der Allerunseeligste nichts weiter hoffen / wünschen und suchen. Dann die
Vergnügung / bestehet nicht in Menge der Güter / sondern in der Zufriedenheit
des Gemütes / die man / ohne so viel Gezeugs / erlangen kann. Was nutzet grosser
Reichtum / als / die Sorge zu vermehren? Die Natur fordert Speise und Kleider:
und dieser Notturft kann mich der Reichtum nicht entbinden / noch der Hirtenstand
mir selbige versagen. Hätte ich aller Welt Güter / so könnte ich mich doch nicht
so satt essen / dass mich nicht wieder hungern sollte. Ich könnte auch nicht mehr
essen / als ein Armer: dann die Natur ist mit wenigen vergnügt / und wird durch
den Uberfluss mehr gekränket / als erlustiget. Warum soll ich dann viel begehren
/ wann ich an Wenigen genug habe? Mancher Geitzhals / sitzet über seinen
Registern / und sinnet ängstiglich / wie er seine Güter erhalte und vermehre: da
ich indessen / frei von solcher Plage / ein fröliches Schäfer-Liedlein anstimme.
Und worzu dienen / grosse Ehren-Stellen und Aemter? werde ich vielleicht dadurch
frömmer? gar schwerlich! Ich bleibe wohl / wer ich bin / ich habe gleich Diener
hinter mir / oder bin selbst ein Diener. Die Tugend glänzet / auch ohne den
Purpur. Die Laster aber / lassen sich damit nicht zudecken / sondern werden
dadurch nur scheinbarer. Kurtz: alle Güter der Menschen / haben nur den Namen /
dass sie Güter seien / sind aber in der Warheit eine rechte Last / und können das
Gemüte nicht ersättigen / sondern vielmehr beschweren.
    Was ist dann die Ursach / (sagte Damatus) dass die Menschen diese Güter so
hoch verlangen / und dieselben zu erhalten / so viel Mühe / Arbeit und
Ungelegenheit erdulten / wann sie davon keine Vergnügung zu hoffen / sondern nur
Beschwerung haben sollen? Die Ursach dieses Irrtums / (erwiederte Polyphilus)
fliesset her / aus der Unwissenheit / Blind- und Torheit der Menschen: welche
die wahre Glückseeligkeit (die billig ein jeder verlanget) in solchen Sachen
suchen / da sie am allerwenigsten zu finden ist. Sie fühlen zwar in sich / ein
Verlangen nach derhöchsten Vergnügung: aber sie wählen Irrwege / zu selbiger zu
gelangen. Daher suchen sie die Ruhe / (wie ein unruhiger Kranker / der von einen
Bette ins andere fliehet) bald in Reichtum / bald in Hoheit / bald in Wollüsten.
Aber sie betriegen sich selber / und finden für das Gemüte / in solchen
Verwirrungen / keinen Frieden: weil es ja unmüglich / dass die über irrdische
Seele / von geniessung solcher eitlen Dinge / einen Wolgeschmack empfinden soll.
Dann Reichtum / Ehre / Ansehen /und der ganze übrige Kram des Glückes / ist
nicht mehr / dann ein Schatten der Glückseeligkeit / welcher dem jenigen die
Hand nicht füllet / der nach ihm greiffet; und weil sie ein zerteiltes /
unbeständiges /endliches und sehr unvollkommenes Wesen sind /können sie die
unendliche und unsterbliche Seele nicht sättigen / sondern nur verunruhigen. Die
Seele findet keine Zufriedenheit / sie kehre dann wieder in den Ursprung / davon
sie ausgeflossen / und ergreiffe GOtt / dessen Bildnüs sie ist. Dieser allein /
ist die Quelle / von welcher alle Glückseelikeit herfliesset /und der Punct / in
welchem die untödliche Seele Ruhe findet. Zu diesen Zweck aber zugelangen / ist
keine andere Strasse / als der Weg der Weissheit: auf den uns die edle Tugend
führet. Diese schönste Begleiterin / lehret uns alles Unvollkommene verachten
/Furcht und Hoffnung trotzen / Noht und Unglück besiegen. Diese / machet unsern
Geist die Klugheit / unsern Wandel die Gerechtigkeit / unsere Worte die Warheit
/ unsere Begierden die Mässigkeit / und unser Tun die Beständigkeit ergreiffen.
Ja / sie schenket / den warhaftigen Adel / die beständige Güter / die würdigste
Hoheit / die reinste Wollust /und führet uns / unverfehlt / zum wahren Gut und
zu der höchsten Glückseeligkeit.
    Freilich / (sagte Gitildo) ist Tugend und Weissheit / mit denen sich nichts
vergleichen lässet / der allein-sichere Weg zur Vollkommenheit: wer einmal
darauf gelanget / lässet sich durch keinen Zufall abwenden oder weiter bewegen /
sondern kann mit vergnügter Seelen-Ruhe dieses Weltgetümmel verlachen. Aber wie
wenig kommen zu dieser Vollkommenheit? Die meisten / kleben mit ihren Begierden
an der Erde / verwickeln ihre Flügel / damit sie sich zu den Sternen schwingen
könten / in dem Netz der Wollust /und werden auch mit solchem Garn verstricket
und gefangen.
    Dergestalt spracheten diese Schäfere / biss die Sonne ihre Pferde zur Tränke
zu führen begunte: da sie sämtlich nach Hause giengen / und einander für die
gute Gesellschaft dankten. Polyphilus empfohle sich dienstlich an den edlen
Vinellius / nahme samt dem Agapistus höflichen Abschied / und folgete dem
Schireno nach seiner Behausung. Daselbst war die Abend-Kost schon bereitet / und
der Tisch gedecket: welchen mit ihrem Sitze ferner zu bekleiden / Schireno / wie
er aller Höflichkeit voll war / sie beide so zierlich bate / dass ein weniges
Weigern die gröste Unhöflichkeit gewesen wäre. Polyphilus hatte kaum den ersten
Bissen genossen / als er bereits anfienge zu fragen / und von Schireno zu
forschen / ob er / die Besuchung der beiden Schäfere / für eine blosse Beehrung
/ oder für eine Forschung halten sollte? Ich weiss es wohl nicht! (sagte Schireno)
es könnte vielleicht beides sein / weil Vinellius an seiner Person zweifelt.
Hierauf erzehlte er ihme / was er vorigen Tags mit ihme davon geredt. So muss ich
dann (sagte Polyphilus) mich besser in acht nehmen / weil ich sehe / dass ich
allbereit verrahten / und auch hier bekant bin. Aus dieser Rede schlosse
Schireno / dass des Vinellio Meinung vom Polyphilus wahr sein müsse / und fienge
an / ihn vielmehr / als zuvor / zu ehren. Also wurde auch dieser Abend mit
freundlichen Gesprächen beschlossen: worauf man sich allerseits zu Ruhe begeben.
 
                                 Neunter Absatz
 Polyphilus bekomt ein Glückwunsch-Schreiben von Macarien / und geht / mit dem
 Agapistus zum Vinellio. Ihr Gespräche / von der Sophoxenischen Begebnüs / und
  von der Gottes-Erkentnüs aus dem Buch der Natur. Sie erhalten den Schutz vom
   Vinellio; und Polyphilus / vom Schireno bewirtet /macht Kundschaft mit der
Carminta: die des Damatus Aufwartungen mit beständiger Härte begegnet. Sein ihr
 zu Ehren verfasstes Lied / wird von dem ihrigen erwiedert. Sein Unterricht an
         den Damatus / wie den Schäferinnen eine Gunst zu erlangen sei.
Des folgenden Tags / erwarten beide Schäfere der Beruffung zum Vinellio: welche
etwas langsam erfolgte. Indem sie aber / ihm aufzuwarten / sich färtig machten /
kann des Talypsidamus Junge / und brachte dem Polyphilus ein Schreiben / von
seiner Liebsten; welches er / so nötig auch seine Verrichtung war / erbrache und
so viel daraus vernahme.
                            Freundlicher Polyphilus!
Nicht nur das Gesetz der Nachfolge / welches mir jederzeit meine Schuldigkeit
sorgfältig vorstellet / sondern auch seine höfliche Bitte / zwinget mich / die
Ehre seiner Begrüssung / durch dieses kleine Brieflein dankbarlich zuerwiedern /
auch / weil es die Zierlichkeit / die er fordert / nicht erreichen kann / solchen
Mangel / mit einen getreuen Wunsch zu ersetzen / dass der gnädige Himmel / sein
jetziges Vorhaben zu einem glückseeligen und frölichen Ende bringen / und also
seiner Widerwertigkeit den Beschluss / hingegen seiner Zufriedenheit den Anfang
setzen wolle. Die Zeit wird mir / in Hoffnung seiner Vergnügung / nicht zu lang
fallen / sollte gleich seine Wiederkunft etwas aufgezogen werden: wann ich nur
weiss / dass er sich meiner erinnert. Ob sich aber sein schönes und zierliches
Hündlein meine Einsamkeit gefallen lasse / kann ich nicht wissen. Seine
Bezeugungen zwar / lassen nicht eine geringe Betrübnüs merken: doch wird er
endlich gewohnen müssen. Die Eile des Boten / heisset mich enden. Er wolle
indessen / mit seinem Reis-Gesellen / in der Fremde gesund leben / und gewiss
glauben / dass ich lebenslang verbleibe /
                                Seine beständige
                                                                        Macarie.
Dieses freundliche Brieflein ergezte den Polyphilus dermassen / dass er gedachte
/ es könnte nun seine Verrichtung nicht anderst als wohl ablauffen / weil Macarie
so viel Glücks dazu wünschte. Er fragte den Jungen: wann er wieder ablauffen
wolle? welcher sagte /er hätte von seinem Herrn Befehl / auf ihre wieder
heimreise zu warten / damit sie des Wegs nicht verfehlen möchten. So ist dann
mein Talypsidamus so sorgfältig? sagte Polyphilus / empfohle ihn des Schireno
Leuten / und gienge also fort mit dem Agapistus / dem Vinellio aufzuwarten.
    Sie wurden von demselben gar höflich empfangen /worauf ihn Polyphilus mit
diesen Worten anredte: Seine Leutseeligkeit / edler und berühmter Vinellio!
welche uns diesen Zutritt erlaubet / gibet uns auch die Hoffnung / in diesem
kühnen Beginnen Vergebung /und in unserm fernern Anbringen Begünstigung zu
erhalten. Wir sind Fremde / und kamen in Brundois /mit dem Vorsatze / die übrige
Tage unsers Lebens dem Hirtenstande zu opfern / und also den Wi derwärtigkeiten
/ die uns ohne Aufhören verfolget / einen Damm zu setzen. Wie wir dann allbereit
dazu einen Anfang gemacht / und nur noch den benötigten Schutz / welchen die
Brundoischen Schäfere von dem grossen Vinellio geniessen / zu erlangen suchen.
Wir bitten demnach dienstlich / uns hiermit zu beseligen: versicherend / dass wir
uns jederzeit gegen seinen Befehl gehorsam / und gegen seine Vorsorge dankbar
erweisen werden. Wie wir dann hoffen / er werde / edler Vinellio! aus dem
Schreiben des Schäfers Cumenus /ein Zeugnüs unsers Wandels und Anbringens
verstanden haben.
    Ich schätze mich glückselig / (gab Vinellio zur Antwort) dass ich die Ehre
habe / mit so liebwürdigen Schäfern bekandt zu werden; vielmehr aber / dass sie
gesonnen sind / unter unsern Hirten zu weiden. Dann / wo mich mein Gedächtnis
nicht betrüget / und ich den Namen recht behalten / so ist er / wehrter
Polyphilus! eben derjenige / welcher das Schloss Sophoxenien von den Fluch
erlöset. Ich kann zwar dieses nicht laugnen / (sagte Polyphilus) sehe aber nicht
/wie ich deswegen einigen Vorzug fordern dürfte /weil selbige Handlung / mehr
dem Glück / oder vielmehr der Vorsehung des Himmels / als meinem Verdienst
beizumessen. Ich habe von dieser Erlösung (fuhre Vinellio fort) so
unterschiedliche Meinungen vernommen / dass ich nichts gewisses davon schliessen
kann / und begierig bin / ihn selber hiervon reden zu hören. Was dünket ihn /
mein Polyphilus! sollte dieser Fluch / und dessen Abwendung / ein dloss Göttliches
Wunderwerk sein? oder ist einige zauberische Verblendung mit unter gelauffen?
Polyphilus zoge die Schultern / und sagte: Diese Frage / edler Beschützer! ist
so schwer / dass ich viel lieber mich mit der Unwissenheit entschuldigen / als
eine gefärliche Antwort erteilen will. Die Unwissenheit / (versezte Vinellio)
kann ihm / als die vornemste Person dieser Handlung /nicht entschuldigen: die
Gefahr aber / welche seine aufrichtige Bekentnüs zurück halten könnte / hat er
von mir / als einem vertrauten und verschwiegnen Freund / nicht zubefürchten.
Demnach bitte ich nochmals / mir seine Gedanken hiervon zu eröfnen.
    Weil ich (sagte Polyphilus) seinen Befehlen meinen Gehorsam gewidmet / werde
ich solchen diesem ersten nicht versagen dörffen: zumal seine Zusage mich
versichert / dass ich meine Gedanken ohne Furcht offenbaren werde. Ich gestehe
demnach freiwillig / dass ich alles / was daselbst vorgelauffen / vor eine blosse
Verzauberung halte. Dann Melopharmis ist dieser Kunst überaus erfahren / und hat
/ durch dieses Probstück / sich und ihren Sohn / zu Erben der königlichen Güter
gemacht. So sind auch die Umstände gar zu klar / und kann jeder Vernünftiger
dergleichen hiervon mutmassen. Nachdem er hierauf / dem Vinellio /den ganzen
Verlauf erzählt / sagte derselbe: Solcher gestalt / dörfte ich ihm fast Beifall
geben / dass dieses alles Zauberei gewesen. Aber ist dann niemand an dem Hof /
der den Betrug merke? und sind die beide Weissen / Cossmarites und Chlierarcha
(die ich sonst vor gar gelehrt und verständig rühmen hören) zugleich mit dem
Schloss verzaubert / dass sie der Königin diese Verblendung nicht offenbaren? Die
Weissen / (begegnete ihm Polyphlus) sind mit mir gleicher Meinung / haben auch
solches / bei der ersten Tafel /nachdem uns das Sonnen-Liecht wieder beleuchtet
/der Königin durch allerhand Gespräche / zu vernehmen gegeben / und ihr
Vorbringen mit starken Gründen und Beweisstümern behauptet. Weil sie aber gesehen
/ das Atychintide dem Vorgeben der Melopharmis so verstockt glaubt / und weil
sie befürchtet / dass sie / durch weitläuftigere Erklärung / den Grimm dieser
Zaubererin wieder sich reitzen / auch dadurch in der Königin Ungnade / und aus
ihren hohen Ehrenstellen fallen möchten: als unterlassen sie / vor diese ihre
Meinung ferner zu streiten.
    Dieses lezte / (erwiederte Vinellio) mag wohl die vornehmste Ursach ihres
Stillschweigens sein. Dann es ist jezt nichts gemeiners / als dass die Furcht /
Ehre und Güter zu verlieren / und die Hoffnung / selbige zu überkommen / die
Grrechtigkeit hemmet / die Warheit unterdrucket / auch wohl vernünftigen und
sonst-tugendhaften Leuten den Mund schliesset / dass sie Hals-Geschwür bekommen /
wie Demostenes. Dieser wusste erstlich viel wider den grossen Alexander zu
reden: Nachdem er aber von ihme ein güldnes Poeal verehrt bekommen / verstummete
er / und wiese / auf anfragen üm die Ursache / mit der Hand auf seinen
verbundnen Hals; anzeigend / dass dessen Krankheit ihn am Reden hinterte. Wiewol
ihm dieser Geitz so übel bekommen / dass er darüber eine zeitlang der Stadt
verwiesen worden. Diese Straffe würde heut zu Tag ihrer viele beschimpfen / wann
man sie rügen wollte. Aber / wieder auf unser Schloss zu kommen / so bewundere ich
nicht unbillig / dass die Kraft der Zauberei so mächtig / und unsre Natur in
derselben Erforschung so künstlich ist: da sie doch in andern Dingen so
onmächtig / dass sie / ohn ein besonders Liecht der Erkentnüs / fast keine
Gotteit finden kann.
    Das Wesen und die Eigenschaft der Gotteit / (versezte Polyphilus)
erscheinet freilich in dem Liecht der Natur etwas dunkel: das Sein aber und die
Gewissheit derselben / ist so offenbar / dass die ganze Natur / mit allen ihren
Werken / davon zeuget. Es ist auch kein Land so verwildet / kein Volk so
ungezämt und verblendet / das nicht gestehen muss / es sei etwas über uns / dem
alles Untere dienet. Dann wohin sie die Augen wenden / da finden sie
über-menschliche Wunder. Erde und Himmel / Berge und Gründe / Flüsse und Brunnen
/ Tiere und Menschen / weisen sie auf ihren Schöpfer. Wer führet den Wagen der
güldenen Sonne / auf so richtiger Strasse / dass er niemals austritt / oder seine
Bahn verlieret / sondern jederzeit das vorgesteckte Ziel erreichet / und nicht
müde wird? Wer führet dem hochstehenden Beeren / dass er stehen bleibet / wann
die andere untergehen? Wer lehret den Abend-Stern / das Tages-Liecht
abzufordern? und den Morgenstern / dasselbe wieder hervor zu bringen? Wer leitet
die Demantelle Augen des Himmels / in so beständig schöner Ordnung / dass sie
ihren gewohnten Lauf behalten? Diesen hohen Bewegungen /muss ja eine noch höhere
Hand den Anfang geben /den Zügel führen / und die Schranken setzen.
    Verlassen wir den Himmel / und beschauen die Elemente wie sich Kälte und
Hitze / Nass und Trucken / vereinigen; wie das Feur von Natur in die Höhe eilet /
und die Erde zu Boden sinket / gleichwol jenes nicht zu hoch steiget / und diese
zu tief fallen kann: So müssen wir gestehen / dass eine hohe Gewalt solche
widerwärtige Dinge vereinigen / binden und halten müsse. Kommen wir aus der Luft
/ auf die Erde / und bedenken derselben Gewächse / Bäume / Blumen /Kräuter und
Wurtzeln / ihre Form / Farbe und Wirkung; so haben wir abermal einen Uberweiss
der Göttlichkeit. Betrachten wir dann die Tiere / was lauft und kreucht / was
schwimmt und fleucht / wie deren jedes / sich zu rechter Zeit paaret / seine
Speise und Artznei suchet und geniesst / seine Kleider / als Schuppen / Federn
/ Haar und Haut / mit sich bringt / auch seine notwendige Schutz-Waffen / als
Hörner / Zähne / Klauen und Schnäbel / bei sich träget: So kann niemand sagen /
er habe dann verblendte Sinnen / dass dieses alles ungefehr hervor komme und
vermehret werde. Wann wir dann endlich uns selbst betrachten / und des Menschen
künstlich-gebauten Leib / auch seine mit Vernunft begabte himmlische Seele
beschauen: So muss ja ein jeder / der nur noch ein Fünklein reines Verstands
übrig hat / frei gestehen: dass jener ein rechtes Meisterstück des Schöpfers /
diese aber / ein schöner Spiegel der Göttlichkeit sei. Dergestalt weiset /
dieses grosse Buch der Natur /gar eigentlich / den Finger dessen / der es
geschrieben. Aber sein Wesen / und den Willen der Gotteit vollkömmlich
zubeschreiben / ist unser Verstand allzu unvollkommen.
    Welchem ist aber sicherer zu trauen? (fragte Vinellio) der Natur und
Vernunft / oder der Offenbarung? Jene leget ihren Beweis öffentlich vor die
Augen /diese hingegen heiset uns auf ein unsichtbares und unbegreifliches bauen.
Dieses will den Weltweissen schwer fallen / wie wir an den Aristoteles sehen:
welcher lieber nachgeben walte / dass die Welt von Ewigkeit her gewesen / als
glauben / dass sie aus nichts erschaffen worden. Ein ander beschuldigt den Mose
/dass er viel schreibe und wenig beweise. Solche Unmüglichkeiten finden sich /
(sagte Polyphilus) wann man der Vernunft zuviel raum gibet / oder der
Offenbarung ermangelt. Dann dass jene / ohne diese / mangelhaft sei / bezeuget
das Exempel vor-berührtes und anderer Heiden / die / bei aller ihrer so grossen
Vernunft und Geschicklichkeit / dennoch in so schreckliche Irrtüme gerahten /
dass sie / nicht allein eine grosse Anzahl Götter erdichtet / sondern auch
dieselben mit Lastern beflecket / und sich nicht gescheuet /einem Huren-Jäger /
wie dem Jupiter / einer missgönstigen Zänkerin / wie der Juno / einem listigen
Betrieger / wie dem Mercurio / oder / einer unzüchtigen Bestie / wie der Venus /
Göttliche Ehre zu erweisen. Hilf Himmel! in welche greuliche Blindheit sind die
Menschen gefallen / dass sie verdammte und böse Leute /ja wohl gar unflätige
Tiere / und den abscheulichen Teufel selber / verehren und anbeten. Hieraus nun
sihet man / dass Natur und Vernunft / nicht mehr als einen Schatten der Gotteit
/ und zwar sehr dunkel /zeigen.
    Freilich / (versezte Vinellio) ist die Vernunft ein kleines Fünklein /
welches / ohne das Liecht der Offenbarung / leichtlich gar verlischet / und die
Menschen in schwarze Finsternüs stürzet. So lang wir auf der Erden bleiben /
haben wir an der Vernunft eine sichere Führerin: so bald wir aber höher steigen
/ müssen wir selbige fahren lassen / weil sie / wegen ihres blöden Gesichtes /
auf unbekandten Strassen / leichtlich auf einen Abweg gerätet. Aber wir
entfernen uns zu weit von unserm Zweck / und kommen / durch ein weitläuftiges
Gespräche / aus den Wege / der sie hieher geführet. Ihre Forderung / meine
Freunde! ist der Schutz / vor sie und ihre Heerde: welchen ich ihnen hiemit so
willig erteile / als würdig ich sie dessen erkenne. Dieses einige / bitte ich /
mich noch zu berichten / ob sie Gebrüder seien? Ach nein! (begegnete ihm
Agapistus) das Geblüt bindet uns nicht / sondern die Freundschaft: welche mich /
durch das Glück meiner Reisen / so fest an den Polyphilus gehäftet / dass ich /
üm seiner Gesellschaft zu geniessen / kein Bedenken geeragen / auch den
Schäfer-Stand / (wie ungleich er auch meinen vorigen Leben scheinet) zu
erwählen. Vinellio / der aus dieser Antwort etwas vornehmes an ihm ermessen
konnte / sagte mit freundlichen Worten: diss ist etwas ungemeines / in dieser
unfreundlichen Zeit / und wehrt / dass man solche Tugend der beständigen
Freundschaft / mit Nachfolge verehre und mit Dank kröne. Seine Höflichkeit /
grosser Beschützer! (gab Polyphilus zur Antwort) ist / wie ich sehe / viel
grösser / im erteilen / als unsere Künheit / im Bitten. Wir erkennen uns zwar
unwürdig /solcher hohen Begünstigung. Indessen danken wir unterdienstlich / vor
so geneigte Gewärung unsres Ansuchens: und bitten ferner / unsre Wenigkeit auch
ins künftige seiner vornehmen Gedächtnüs zu würdigen. Sie haben hieran nicht zu
zweifeln / (fiel ihnen Vinello in die Rede) und werde ich solches mit dem Werke
bekräftigen. Dissmal aber / wünsche ich ihnen eine glückliche Reise und fröliche
Ankunft bei ihren Heerden / und bitte / den Cumenus meint  wegen zu grüssen.
    Die Schäfere bedankten sich hievor / und nahmen also ihren Abschied: willens
/ so bald sie nur von Schireno Abschied genommen / nach Soletten fort zu reisen
/ und Macarien ihre glückliche Verrichtung kund zu machen. Weil aber / das
Geschrei von diesen Fremden / allbereit ausgebrochen / als kamen
unterschiedliche Schäfere / sie zu besuchen und anzusprechen. Es fiele auch eben
ein langwüriges Regenwetter ein / und nötigte sie / ihre Reise zu verschieben.
Polyphilus wurde zwar hierüber ungedultig / und beharrte darauf / ungeacht alle
Verhinternüs / seine Reise fortzusetzen; wie aus folgenden Zeilen / welche er
diesen Abend geschrieben / abzumerken ist.
Wie lange soll die Hinternüs noch währen /
Die meine Reiss gedenket zu verstören?
Ich habe nun / dem Himmel sei gedankt!
Was ich gesucht / ja noch vielmehr / erlangt:
Und dieses solt Macarie nicht erfahren?
Und säum ich mich / es ihr zu offenbaren?
Pfuy des Verzugs! wie bin ich doch so träg!
Bald komt mir diss / bald jenes in den Weg.
Kan dieser wohl ein recht-verliebter heissen /
Der / wann er soll zu seiner Sonne reisen /
Noch etwas scheut / das ihm beswerlich fält?
Gefahr und Noht / für Scherz die Liebe hält.
Sie fürchtet nit / durch Glut und Flut zu springen:
Wie soll sie dann / ein blosser Regen zwingen?
Nein! auf und fort! es regne wie es will:
Den bösen Weg belohnt ein gutes Ziel.
Ich lasse mich nicht länger hier verschliessen.
Macarie muss meine Freude wissen.
Diss wehrte Kind verdienet allen Fleiss /
Und machet leicht die sonsten schwere Reis.
Also fest hatte Polyphilus seinen Vorsatz gefasset. Und die warheit zu bekennen
/ es ware auch wohl nötig: weil / wann er etwas leisser gestanden wäre /ihn eine
neue Begebenheit bald hätte umstossen mögen. Dann als er / mit Agapistus / von
Schireno Abschied nehmen wollte / und für die Bewirtung Abtrag zu tun begehrte /
gabe der lachend zur Antwort: Er hätte noch nie keinen Wirt abgegeben / pflege
aber gute Freunde gern nach Vermögen zu bedienen. Dafern sie aber ja seiner
geringen Bewirtung eine Vergeltung tun wollten / so würde es diese sein / wann
sie ihnen gefallen liessen / noch diesen Tag bei ihm zu verziehen / und etlichen
seiner bekanten Schäfern und Schäferinnen / die er zur Malzeit beruffen /
Gesellschaft zu leisten. Wiewol Polyphilus ungern in diss Begehren willigte / so
konnte er es doch / Höflichkeit halber / seinem Guttäter nicht versagen. Ob wohl
(sagte er) sein Begehren / freundlicher Schireno! vielmehr einer neuen Schuld
sich zu unterwerffen / als die alte abzustatten / gelegenheit gibet / so wollen
wir doch / weil er solche Bezahlung selber wehlet /nicht dagegen streiten: nur
/ dass wir alsdann nicht länger aufgehalten werden / weil unsre Heimreise sehr
nötig / und ohne das schon zu lang verschoben worden. Ich will (sagte Schireno)
nur diesen Tag begehren: vielleicht möchte sich auch heute der Regen legen / dass
sie morgen besser Wetter bekommen / wie es sich fast ansehen lässet. Auf diese
Zusage verwilligten sie zu bleiben / und brachten die Zeit mit allerhand
Gesprächen zu / biss die Mittags-Malzeit herzu kame / da dann unterschiedliche
Gäste sich einstellten.
    Unter solchen / fand sich auch Carminta / eine von den vornemsten
Schäferinnen des Landes Rutiben /und des Schireno nahe Anverwandtin: Welcher
ungemeine Schönheit / Höflichkeit / Tugend / Verstand und Geschicklichkeit / den
Polyphilus in nicht geringe Verwunderung brachte; sonderlich / weil diese Gaben
/ in noch früher Jugend hervor blüheten / und durch eine wolständige
Schamhaftigkeit / (die billig ein Schmuck des Frauenzimmers genent wird) grösser
gemacht wurden. Er vergleichte sie in vielen Stücken /seiner Macarie: und suchte
/ weil diese abwesend /mit ihrer Gegenwart / an deren statt / sich zu ergetzen.
Wie nun diese Schöne / von allen Schäfern zu Rutiben bedienet und verehret
wurde / also hatte sich sonderlich in sie verliebet / der Schäfer Damatus:
welcher ehe dessen unsre Reisende / auf des Vinellio Befehl /besuchet. Er hatte
sie lange Zeit mit grosser Höflichkeit und Demut bedienet / konnte aber / ausser
einer gemeinen Freundlichkeit / nicht die geringste Gegengunst erhalten. Dieses
klagte er dem Polyphilus / mit dem er nun etwas bekandter worden / und sagte: Er
könne nicht glauben / was unter diesen flammenden Augen / für eine eiskalte
Brust verborgen / und was dieses Englische Angesicht / für ein Felsen-hartes
Herz bedecke. Polyphilus bewundert solches / und gab zur Antwort: Er könne sich
fast nicht einbilden /dass ein Weibsbild / gegen den Bezeugungen eines Höflichen
und geschickten Liebhabers / allezeit unempfindlich sein möge.
    Als aber Damatus darauf verharrte / und sagte / er hätte mit seiner
Aufwartung / auch die Undankbarkeit selber / zu Mitleiden zu bewegen vermeint /
da aber Carminta ihm noch nicht einen Kuss mit Willen erlaubet: gelüstete den
Polyphilus / sein Glück auch an ihr zu versuchen / in Hoffnung / es würde ihm /
weil er Macarie überwunden / Carminta auch nicht zu starck sein. Ich will dann
sehen / (sagte er zum Damatus) ob diese Schönheit von Marmer / oder von Fleisch
gebildet sei: Arbeite ich umsonst / so ist Carminta die erste / die den Waffen
des Polyphilus obsieget. Wann ich aber merken werde / dass dieser Diamant
beginnet weich zu werden / so will ich den Damatus an meine Stelle beruffen.
Dann ich suche hier keine Liebe / sondern nur die Ehre der liebhabenden Schäfere
zu erhalten. Agapistus lachte dieses Anschlags / und sagte: Ich möchte mich mit
einer Unbeweglichen nicht viel bemühen / und wollte sie immer hin hoffärtig
bleiben lassen / auch meine Bedienung an eine Dankbare verwenden. Das gilt
gleich viel! (versezte Polyphilus) was nicht bemühet / kann auch wenig erfreuen.
Ist nur Damatus damit zu frieden / so will ich diesen Tag versuchen / wie weit
ich diese Stoltze bringen kann: und so bald ich warnehme / dass die Besatzung
ihres Gemütes zu accordiren willens ist / soll er diese eröfnete Vestung
einnehmen / welches ich ihm durch einen Wink zu verflehen geben will. Wann nur /
(antwortet Damatus) der Schertz nicht zum Ernst ausschläget / und ich in
doppelten Spott gerahte. Es ist gar schwer / in der Sonne stehen / und keine
Hitz fühlen. Vielleicht dürfte der Werber selbst wegnehmen /was er dem Liebhaber
zuführen wollen. Ach nein! (begegnete ihm Plyphilus mit Lachen) solcher
Falschheit hat er sich bei mir nicht zu befahren. Mein Gemüt ist schon voll
Flammen / und hat keinen Platz übrig / andere einzulassen.
    Also ward dieser Anschlag beschlossen / und finge Polyphilus allgemach an
seine Person zu spielen. Er bediente Carminta über Tische / da er eben gegen sie
über zu sitzen kam / mit aller der Höflichkeit und Bescheidenheit / die er
jemals gelernet: da sie dann ihm gleicher Weise begegnet. Nachdem sie aber von
der Malzeit aufstunden / und / weil sich der Himmel wieder aufgekläret / zu des
Schäfers Schireno Heerde zu spaziren / beschlossen / nahm Polyphilus die
Gelegenheit in acht / und stellete sich bei Carminta sprechend: Ich weiss nicht /
edle Carminta! ob ein Unbekandter die Künheit wagen darf / ihre schöne Hand zu
berühren? Ist diese Vermessenheit / dass ich ihr meine Begleitung anbiete /
straffbar / so gedenke sie / dass ein Fremder noch Gnade zu hoffen hat / und
lasse ihr nicht verdriesslich sein / diesen Abend der Gesellschaft eines
ungeschickten Schäfers zu gönnen. Einen solchen suchet Carminta nicht an dem
höflichen Polyphilus: gab diese zur Antwort. Ich ehre die Stunde /welche er
verdriesslich nennet / und werde danken vor die Begleitung / um welcher willen er
Vergebung suchet. Er wird selber erdulten müssen / was die Gelegenheit füget /
und meine Beiwohnung vertragen /welche er ihm selber aufbürdet. Wann diese
Bürde /wie sie die kluge Carminta nennet / (sagte Polyphilus) nicht süss wäre /
würde ich nicht so eifrig darum bitten.
    Damit fasste er sie bei der Hand / und folgte den andern Gästen. Unterwegs
sprachte er mit ihr / mehr von ernstaftigen und verständigen Sachen / als von
verliebten Händeln: und bekam auch so scharffsinnige / und vernünftige Antworten
/ dass er sich darüber entsezte; und hätte er nicht allbereit der Macarie seine
Seele verpfändet / würde sie ohne Zweiffel Carminta gewonnen haben. Zwar weiss
ich auch so nicht /ob ich ihn aller Liebe gegen ihr befreien soll: dann ihre
Beschaffenheiten kommen seinem Gemüte gar zu nahe. Doch will ich nicht vor der
Zeit urteilen; dann er will nur Liebe suchen / vor einen andern / und damit er
solche allmälig hervor locke / spielet er /unter den Reden / bissweilen mit einen
süssen Blick gegen ihr / den er doch / als ob es ihm leid wäre / bald wieder
zurück nahme. Er wusste auch / ihrer schönen Hand / mit so subtilem Drucken zu
begegnen / dass Carminta niche warnahm / wie sie gefangen wurde. Als sie nun zu
der Heerde gekommen / und Polyphilus sie bate / den Sitz zu nehmen / wagte er
zugleich die Künheit / im Riederlassen / ihr die Hand zu küssen / welches
Carminta gar schläfferig verwehrt / und also dem Polyphilus gute Hoffnung zu
fernerer Gunst machte. Weil er aber solche durch Liebe zu erhalten ihm nicht
trauete / versuchte er es durch die Beehrung / welche dieses Geschlecht sehr
bewegt / und begunte also zu singen.
                                       1.
Kan dann dieser Himmels-Schein /
Irdisch sein?
Kan / in diesen schönen Auen /
Was die Götter zwingen kann /
Ohne falsch-erdichten Wahn /
Unser sterblichs Aug beschauen?
Macht uns euer Glantz nicht blind /
Treflichs Kind!
                                       2.
Selbst Diana / nimmt die Flucht /
Will der Zucht /
Dieser keuschen Nymfe weichen.
Pallas sihet / ihr zur Schand /
Euren herrlichen Verstand;
Und die Venus muss verbleichen.
Auch die Musen machet stumm /
Euer Ruhm.
                                       3.
Was die andern / nur zerstückt /
Hat beglückt /
Hat Carminta ganz beisammen.
Schönheit / Tugend / und Verstand /
Hoheit / und gelehrte Hand /
Sind die Frucht von diesem Stammen.
Aller Schäferinnen Zier /
Glänzt in ihr.
                                       4.
Und mir schenket mein Geschick
Heut das Glück /
Diese Wehrte zu bedienen.
Wess sich schwerlich untersteht /
Den der Himmel selbst erhöht /
Darf ich Armer mich erkühnen.
Ist nicht / wer so viel begehrt /
Straffens wehrt?
                                       5.
Ach vergebet / Schönste! mir /
Dass ich hier /
Euch zu rühmen / mich vermessen.
Ich bekenne frei und rund /
Dass mein ungeschickter Mund
Hab gefehlet / und vergessen /
Das Carminta steigen kann
Wolken an.
Diss Lied / ob es wohl der Schäferin sehr behagte /wollte sie es doch / Hoffartwahn
zu vermeiden / nicht unbestrafft lassen / sondern beantwortete es / durch diese
Verkehrung.
                                       1.
Solte diss nicht irdisch sein /
Was gemein /
Weidend in den nidren Auen?
Es ist nur ein blosser Wahn /
Dass man eine Hirtin kann /
Anderst / als in Einfalt / schauen.
Was der Himmel nicht entzündt /
Bleibet blind.
                                       2.
Ob / bei Menschen / Tugend-Frucht /
Wird gesucht /
Ist doch solches nicht zu gleichen /
Einem Göttlichen Verstand.
Alles / was uns ist bekandt /
Muss des Himmels Weissheit weichen.
Dann / vor dieser / bleibet stumm /
Unser Ruhm.
                                       3.
Was die Menschen nur zerstückt
Hat beglückt /
Hat der Himmel ganz beisammen.
Hier ist nur ein kleines Pfand /
Und ein Fünklein vom Verstand:
In der Gotteit sind die Flammen.
Was wir Gutes finden hier /
Komm von ihr.
                                       4.
Dennoch rühm ich mein Geschick /
Weil das Glück
Mir so günstig ist erschienen:
Dass derselbe bei mir geht /
Den der Himmel hat erhöht /
Biss an jene Sternen-Bühnen;
Dessen / überhohen Wehrt /
Jeder ehrt.
                                       5.
Schäfer! meine Pflicht-Begier
Zeiget mir /
Euers Ruhms nicht zu vergessen.
Weil mich träget dieses Rund /
Ehr ich die gepriessne Stund /
Da ihr seid bei uns gesessen;
Auch die grüne Schäfer-Bahn /
Denkt hieran.
Nachdem Carminta dieses Lied geendet / fieng Polyphilus an / ihre Englische
Stimme und treffliche Reim-Kunst zu preisen / und sagte: Er hätte wohl Ursach /
ihrer höflichen Entschuldigung zu widersprechen / / und dtn warhaftigen Innhalt
seines Lieds zu behaubten. Er schäme sich aber / gegen eine so Kunstfärtige
Dichterin / ferner seine schwache Zunge zu rühren / und fürchte des Marsias
Spott / der mit dem Föhus wett singen wollen. Ach nein! (versetzte Carminta) er
fürchtet vielleicht / ich möchte / so er weiter singen würde / seine Reim-Kunst
lernen. Aber er hat der Sorge nicht vonnöten / weil mein Gedächtnis solcher
geschwinden Fastung unfähig ist. Ich sehe nichts unfähiges / (sagte Polyphilus)
und hätte nimmermehr geglaubet / dass bei den Schäferinnen solche Klugheit wohnte
/ wie mir Carminta gewiesen: die ich darum billig preisen / und zum Grundriss
ihren Ruhm in alle Bäume unser Wälder schneiden werde.
    Also spielten diese beede mit Höflichkeit / biss endlich Polyphilus seinen
Arm um Carminta schlosse /und / weil sie solches nicht hinterte / ihre Brust /
mit einer gar leisen Berührung an sich drückte: welches bei Carminta so viel
vermochte / dass sie selbst ersezte / worzu seine Hand zu blöd schiene / und so
nahe an ihn rückte / dass er vollends zufuhre / und ihren schönen Wangen einen
freundlichen Kuss beibrachte. Hätte Macarie / die so sehnlich auf ihren
Polyphilus wartete / zugegen sein / und diese also in seinen Armen sehen sollen:
wie würde sie solches aufgenommen haben? Doch Polyphilus entschuldigt ssch
dissmahl / mit einer fremden Verstellung / und wir wollen ihn auch nicht
verrahten: wann er nur selber schweigen kann. Damatus aber / welcher mit dem
Agapistus (der dieses Handels nicht genug lachen kunte) von fern stunde / und
diese Mauer allgemach brechen sah / ward voll Verwunderung / und konnte kaum das
Zeichen erwarten / welches ihm Polyphilus versprochen hatte: fürchtend / er
möchte einen Neben Buhler bekommen / und / vor seine Aufrichtigkeit / mit Spott
von Carminta weichen müssen.
    Als er nun / in diesen ängsten / einen Wink vom Polyphilus bekommen /
verfügte er sich mit Agapisto dahin / und verursachte damit / dass Carminta / so
bald sie ihrer gewar worden / aufstunde. Polyphilus wendete sich zum Agapistus /
und fragte / wovon sie indessen gesprachet hätten? und gabe zugleich dem Damatus
Gelegenheit / seine Stelle bei Carminta /aber gar ungleich / einzunehmen. Dann
sie erzeigte ihm eben so viel / als vorhin / oder wohl noch weniger Liebe und
Freundlichkeit / wie demütig und höflich er auch solche suchte: also dass
Polyphilus gezwungen wurde / seinen vorigen Dienst wieder anzutretten /und diese
Schöne / weil nun die andere heim eilten /auch nach Haus zu begleiten.
    Nachdem er von ihr einen freundlichen Abschied genommen / ging er mit dem
Damatus und Agapistus wieder zu Schireno / da ihn Damatus fragte: was er doch
vor Künste gebraucht hätte / die Carminta zu bewegen? und was doch seine Liebe
derselben verdriesslich machen müste? Meine Künste / (sapte Polyphilus mit
lachen) weiss ich mehr zu üben / als zu beschreiben. Was auch seiner Aufwartung
fehlen sollte /sehe ich nicht / auser der grösse der Liebe / welche der Carminta
beschwerlich fällt / und seine Demut / die ihre Hoffart reitzet: dann das
Frauenzimmer will mehr mit Werken / als mit Worten / überwunden sein. Wer sie um
eine Begünstigung bittet / bekommet nichts als Abschlag: wer sie aber mit
Höflichkeit stihlet / erlanget Vergebung. Von allzugrosser Süssigkeit /
ergiesset sich die Galle: also wird / eine überflüssige Bedienung / den
Weibs-Personen bitter. Diese Art Tiere /wollen mit List / und nicht mit
Verfolgung / gefangen sein. Mit dem Munde rühmen / und mit den Gebärden lieben /
sind die beste Waffen der Liebhaber.
    Ich sehe wohl / (gab Damatus zur Antwort) dass Polyphilus sehr erfahren ist /
in den Staats-Geheimnussen des Frauenzimmers. Ich will seinen Lehren folgen /
und versuchen / wie viel sie vermögen. Gut! (versezte Polyphilus) wann ich
wieder komme / so will ich die Probe an seiner Hochzeit sehen / wozu ich
indessen Glück wünsche. Hierauf nahm er vom Damatus Abschied / und gienge mit
dem Agapistus schlaffen. Des andern Tags / rüsteten sie sich zur Reise /
bedankten sich gegen dem Schireno / für so viel erwiesene Ehre / und versprachen
/ ihre Schuldigkeit gegen seiner Liebsten sehen zu lassen: Damit nahmen sie
Abschied / und giengen ganz wohl zu frieden / nach der Insul Soletten.
 
                                Zehender Absatz
Polyphilus und Agapistus / kommen wieder zurücke nach Soletten zum Talypsidamus
    / von dar zu Macarien in ihr Lustaus / und dann zu ihren Weidgenossen.
    Polyphilus wird in die Volinie verliebt geglaubet / und kommet wieder zu
  Macarien. Sein Gespräche mit ihr / von ihrer beiden ungewisser Ankunft. Sein
Frülings- und ihr Garten-Lied. Er besucht sie daselbst zum dritten mal / mit der
   Melopharmis und Agapisten: und wird sie von ihnen nach Soletten begleitet.
                      Schlussgedicht dieses Dritten Buchs.
Ehe die beide Schäfer in Soletten kamen / fragte Agapistus den Polyphilus: ob er
Macarie erzählen sollte /was mit Carminta vorgelauffen? Polyphilus sah ihn an /
und sor ach: Ihr wäret wohl närrisch gnug darzu. Daran habt ganz keinen Zweiffel:
versezte Agapistus. Nein! (sagte jener /) so übel tut Agapistus nicht an seinem
Freund. Er weiss auch wohl / dass Polyphilus keine auser Macarien liebt / auch
keine ihres gleichen findet / und dass er mit Carminta nur zum Schertz gespielet
habe. Das kann sein / (antwortete Agapistus) wann es nur Macarie dafür aufnimmet.
Aber / wollen wir gleich zu ihr / oder erstlich zum Talypsidamus gehen? Das
lezte ist am sichersten: (sagte Polyphilus) dann man weiss nicht / was indessen
möchte vorgefallen sein.
    Also giengen sie / mit dem Jungen / zum Talypsidamus / der sie / nach
freundlicher Bewillkommung /berichtete: dass Macarie nicht zu Hause / und vorigen
Tags auf ihr Landgut verreiset sei / vor ihrem Abzug aber ihn wissen lassen /
dass sie daselbst des Polyphilus erwarten wollte Dieser verwunderte sich über
solchem Vornehmen / und fragte den Talypsidamus / ob er nicht dessen Ursache
wüste? Nicht eigentlich! (sagte Talypsidamus) so viel ich aber mutmasse /wird es
ein abermaliger Widerwille meiner Landsleute sein: Wie werde ich dann endlich
(fragte Polyphilus ferner) mit diesen Leuten zu recht kommen? Ihr wisset ja /
getreuer Talypsidamus! dass ich des Mords /dessen sie mich anklagen / ganz
unschuldig bin: und dannoch hören sie nicht auf / mich zu verfolgen. Was gibt er
doch vor einen Raht / wie ich Macarie von ihnen bringen möge? So lang
Eusephilistus in seiner Liebe gegen Macarien verharret / dem die ganze Insul
gewogen ist / (versetzte Talypsidamus) sehe ich nichts als gefahrliche Mittel /
zu seiner Hülfe. Wie ist aber seine Verrichtung zu Rutiben abgelauffen? Auf das
allerbeste! gab Polyphilus zur Antwort. Ich habe nicht allein den benötigten
Schutz / sondern auch das Versprechen aller Gunst erhalten.
    So wäre dann mein Raht / (sagte Talypsidamus /) dass er biss dahin verzöge /
und alsdann seine Liebste /unter einen Rutibisschen Geleit / welches die
Soletter fürchten müssen / herrlich abholete. Dann auser diesem Schutz / sorge
ich / es möchten die hiesige Inwohner / bei einer öffentlichen Verlöbnus / ihrer
Rachgier eine kühne Tat grstatten. Und zu einer heimlichen Entführung / wird
sich Macarie / wegen der bösen Nachreden / schwerlich bereden lassen. Wiewol nun
dieser Raht den Polyphilus gar klug dünkte / so konnte er ihm doch / wegen des
Verlangens mit Macarien bald völlig vereinigt zu sein / nicht Beifall geben /
sondern beschlosse / er wollte vernehmen / was Macarie vorschlagen würde / und
bedankte sich indessen für den wolgemeinten Raht. Er wollte damit von
Talypsidamus Abschied nehmen: weil es aber schon zimlich spat war / bate dieser
/ sie möchten doch diesen Abend bei ihm verbleiben / weil sie zumal das Lustaus
Macarien entweder gar nicht /oder so spat erlangen würden / dass sie dieselbe am
Schlafe verhintern möchten. Also willigten sie zu bleiben / und kürzten die Zeit
/ mit Erzehlung / was zu Rutiben vorgelaufen: wiewol Polyphilus etwas betrübt
war / üm dass er sich abermal an seinem Vorsatze gehintert sah / auch deswegen
zu Bette eilete.
    Am Morgen nahmen sie Abschied vom Talypsidamus / mit hohem Dank vor seine
Bewirtung / und giengen / unter einem guten Gespräche / nach Macarien
Garten-Hause. Als sie nun demselben genähert /ersah sie Macarie von einem
Fenster / und ging ihnen entgegen / empfienge sie mit grosser Freude /und bate
sie / mit auf ihr Zimmer zu spaziren: allwo sie / weil es eben Mittag / dem
Tisch bereitet fanden /und von Macarie ersuchet wurden / mit ihr zu speisen.
Wiewol sie sich nun entschuldigten / einwendend /dass sie noch selbigen Tag in
ihren Trifften sein müsten: so liesse sich doch Macarie nicht abweisen /zumal sie
ohndas ihre Verrichtung zu erzählen hatten / mit Versprechen / dass sie nicht
über die Zeit sollten gehalten werden. Die Schäfere liessen sich / an einem so
angenehmen Ort / leicht erbitten / und satzten sich mit ihr zu Tische: da sie
dann von Macarien so höflich und wohl tractirt wurden / dass sich Polyphilus sehr
darob erfreute / Agapistus auch bei sich selbst seines Gesellschafters Glük
rühmte. Polyphilus fienge unter andern an / und sagte: Er hätte nicht gedacht /
dass er durch Soletten reisen / und Macarie nicht daselbst finden sollte. Ich
selbst hätte es nicht vermeint: (begegnete ihm diese) aber was vermag die Furcht
nicht / die auch den schwachen Füssen Flügel machet? Von wem oder woher ist dann
solche Furcht gekommen? fragte Polyphilus.
    Von seinem schönen Hündlein! antwortete Macarie. Dann als dasselbe ongefehr
aus meinen Hause auf die Gassen kam / und von etlichen meinen Nachbauern / die
seine Durchreise vorhin erfahren hatten / ersehen wurde / mutmasten sie alsbald
/ dass er solchen hinterlassen / und ohne Zweifel wieder abholen würde:
beschlossen demnach / auf seine Widerkunft zu lauren / und alsdann ihn
gefänglich anzunehmen. Solches ward mir verkundschaftet: Daher ich alles Unheil
zu verhüten / mit dem Hunde hieher entwichen. So sehe ich gleichwohl / (sagte
Polyphilus) dass Macarie vor den Polyphilus sorget / und sage vor solche
Aufrichtigkeit schuldigen Dunk. Aber wie werden wir endlich die Solettische
Inwohner begütigen? Ich weiss keinen Rat / (begegnete ihm Macarie /) so lang ich
nicht weiss / was sie zu Rutiben ausgerichtet
    Alles guts! gab Polyphilus zur Antwort. Ich habe daselbst mehr Ehre genossen
/ als ich mir eingebildet / und nicht nur den Schutz / sondern auch alle
beförderliche Gunst erlanget. Das höre ich sehr gerne /(versezte Macarie) und
wünsche / weil mein voriger Glückwunsch kräfftig gewesen / noch ferneres Glücke.
Ich bitte aber / indem es solche Beschaffenheit hat / mit unsrer näheren
Verbindung noch so lang zu verziehen / biss die Förderung erfolget: Polyphilus
sah hierauf den Agapistum an / und sagte: das ist eben das Lied / welches mir
gestern Talypsidamus vorgesungen / dessen Ton mir so gar nicht gefallen wollte.
Soll ich dann / schönste Macarie! niemal meines Wunsches teilhaftich werden? Ja
/ zu seiner Zeit! (sagte Macarie /) wann es dem Himmel gefallen wird. Er setze
seiner Gedult noch ein kurzes Ziel / und gedenke: dass dadurch unsre Freude viel
ruhiger werden wird. Sie hat zu befehlen! (erwiederte Polyphilus) und so lang
ich ihrer Gunst versichert bin / will ich wtder ihren Willen nicht streiten.
Also willigte er in ihren Schluss: wiewol er / wann er den langen Verzug dieser
Abholung vorher gewust hätte / gewisslich nicht so gehorsam würde gewesen sein.
    Nach vollendter Malzeit nun / machten sich die Schäfer auf den Weg / und
nahm Polyphilus / weil er doch in des Agapistus Gegenwart / keine verliebte
Freundlichkeit vorkehren dorfte / Macarie auch solche nicht reichen würde / von
ihr einen höflichen und dankbarn Abschied. Doch bate er heimlich / dass er
folgendes Tags seine Aufwartung fortsetzen möchte. Dafern es ihme nicht
beschwerlich / (sagte Macarie) habe ich darum zu bitten. Dissmal aber bedanke ich
mich vor ihre Gesellschaft / und bitte / meine schlechte Bewirtung günstig zu
vermercken. Also schieden sie von dannen / und reiseten nach ihren Triften / die
sie in gutem Wolstande fanden. Ehe sie aber dahin kamen / fragte Polyphilus den
Agapistus: wie ihm der Raht Macarien gefiele? Ich weiss nicht / (gab dieser zur
Antwort) was ich davon halten soll? Vernunft zeigt er genug: ob er aber die
Liebe vergnüge / das ist es / daran ich zweifle. Doch kann er / wo ihn solcher
Raht nicht beliebet / durch die Entdeckung ihres Vatters / sie bald eines andern
bereden. Ich trage aber Bedenken / solches zu tun / weil ich in dieser Gegend
nicht bleiben soll: sagte Polyphilus. Wann ich Macarien ihre Eltern eröffne: wer
weiss ob sie alsdann gesonnen bleibet / mit mir zu reisen / und nicht lieber bei
ihnen sein will? Darum halte ich vor ratsamer /dass ich dieses Geheimnus alsdann
erst offenbare /wann sie schon mit mir abziehen soll. Das ist etwas! (sagte
Agapistus) und wird also wohl das bäste sein /dass er Schreiben von Rutiben
erwarte.
    Unter diesem Gespräche kamen sie zu den Schäfern / und wurden von denselben
gar freundlich empfangen: sonderlich von Melopharmis und ihrem Sohn. Polyphilus
brachte dem Cumenus einen Gruss vom Vinellius: welcher sich davor bedankte / und
fragte /ob sein Brief etwas Nutzen geschafft hätte? Sehr viel! (versetzte
Polyphilus) er hat uns den Schutz / welchen wir gesuchet / und noch viele
Gunst-Versprechen erlanget. Dieses wird nicht mein Schreiben (sagte Cumenus)
sondern ihre gute Gaben / von welchen mein Brief gezeuget / erworben haben. Ich
wünsche aber /zu solcher Beförderung / alles Glücke. Nachdem auch die andern
ihre Glückwünschungen abgeleget / und Volinie wohl wusste / dass Polyphilus ihre
Stimme liebte / fieng an / solcher massen zu singen.
                                       1.
 Solche Ehr /
Folget auf der Künste Lehr.
Wer dieselbe eifrig übt /
Wird geliebt /
Und kann bei den Grossen wohnen /
Die die Wissenschaft belohnen /
                                       2.
Nicht das Glück /
Bringet Lob und Ruhm zurück:
Tugend hat euch aufgeführt /
Kluger Hirt!
Wird euch auch noch höher setzen /
Und mit stäter Ruh ergötzen.
                                       3.
Unsre Herd /
Scheinet heute ganz verklärt:
Weil der Schäfer höchste Zier /
Wieder hie.
Und wir alle / sind voll Freuden /
Weil er sucht / bei uns zu weiden.
Polyphilus / welchen dieses Lied nicht wenig ergetzet / erwiderte der schönen
Volinie einen höflichen Dank / und sagte: dass sie dissmal ihrer Höflichkeit
zuviel erlaubet / und ihn über Verdienst geehret hätte. Hiernächst nahm er sie /
(weil es eben Zeit war / die Heerde einzutreiben) bei der Hand / und begleitete
sie / zum Zeichen seiner Dankbarkeit / unter vielen höflichen Gesprächen / nach
Hause. Die andere Schäfere und Schäferinnen / folgten ihm mit den Herden nach;
und weil Volinie diesen Abend bei ihrem Vater Cumenus speisete / blieben sie
beieinander / biss sie die tiefe Nacht zur Ruhe forderte.
    Als sich aber unsre beide legten / fragte Agapistus den Polyphilus: Ob er
wisse / was man von ihm und Volinie rede? Was dann? fragte dieser hinwieder. Dass
sie einander lieben: versetzte Agapistus. Die Leute werden ja nicht närrisch
sein? (erwiederte Polyphilus) sie wissen ja / dass Volinie einen Mann hat / und
dass ich mich um keine verehlichte bemühe. So viel ist ihm: (erzehlte Agapistus)
heute als ihr / mit ihr / vor uns her gienget / und ich mit Tycheno und den
andern folgte / hörte ich / in dem ich mich stellte / als ob ich heftig mit
Tycheno redte / dass Marinne gegen Amapfe sagte: sie sollte zusehen / die
Freundschaft des Polyphilus mit Volinie / würde in kurzen zur Liebe ausschlagen.
Uber welche Zeitung Amapfe heftig erschrocken / / und hernach fleissig auf eure
Handlungen acht gabe? Polyphilus lachte hierüber / und sagte: da kehre ich mich
nicht an! so lang Volinie Höflichkeit gegen mir brauchet / so lang brauche ich
sie hinwieder gegen ihr / sollten auch Marinne und ihres gleichen Verleumdere
darüber bersten. Volinie verdienet Aufwartung / und ist nicht so ungereimt / dass
sie von mir / als dass das Vieh-Mägdlein Marinne von Agapistus / geliebt wird /
und ihn auch eifrig wieder liebt. Solt sie ihr das wohl einbilden? (begegnete
ihn Agapistus) so müste ich je noch mehr lachen. Es würde doch nicht übel stehen
/ wann Agapistus mit Marinne / und Polyphilus mit Macarie prangte. Und wann ich
anfange zu schertzen / so mache ich die Einbildung dieser Unbesonnenen noch
gewisser. Dergestalt ergezten sich diese beide mit der Leute Argwahn / bis
Agapistus dem Polyphilus gute Nacht wünschte.
    Dieser schliefe aber diese Nacht gar wenig / und qwälte sich mit den
Verlangen nach seiner Macarie /welches er diesen Tag so gar nicht sättigen
können. Also machte er sich früe wieder auf / und / nachdem er den Agapistus /
seine Abwesenheit bei Cumenus und den andern / mit Vorwendung eines nötigen
Geschäftes / zu entschuldigen gebeten hatte / gienge er so fort / nach den
Lust-Hause Macarien: allwo er selbige schon auf ihn warten fand / und
freundlich vom ihm bewillkommet wurde. Sie spazirten eine zeitlang im Garten auf
und nieder / und sagte Macarie: man sollte je den Früling / als das lieblichste
vom Jahr /nur bloss in den Gärten zubringen / und derselben Annemlichkeit
geniessen / auch die neue Geburten / welche er täglich hervor bringt /
betrachten. Sonderlich /(versetzte Polyphilus) wann man darin solche Blamen
findet / wie ich jetzo an der Hand führe / welche billig Königinnen der andern /
und eine Sonne der Gärten genennet werden: und auser dieser / würden mir alle
Blumen ungestalt vorkommen / wie zierlich sie auch sonst prangen. Dann allein
diese Rose machet die Gärten glänzend und wolriechend.
    Ach mein Polyphilus! (versezte Macarie) diese Blume / die eure Höflichkeit
so sehr rühmet / stehet auf einem rauhen Stengel / und diese Rose (damit ich
eure Gleichnus nicht verwerfe) ist mit vielen Dörnern umgeben. Wie ist es doch
müglich / dass ihr mich noch liebt / da ihr ja nicht wisser / von was Eltern ich
geboren bin? Ich liebe Macarien (begegnete ihr Polyphilus) deren Schönheit des
Leibs und Gemütes /meine Liebe überflüssig verdienet: und ob mir gleich
unwissend ist / von was Eltern sie geboren ist / so zeigt sie doch selber / als
eine edle Frucht / dass sie von keinen geringen Stammen entsprossen sei. Wann wir
einen Vogel in die Sonne fliegen sehen / schliessen wir hald / dass er einen Adler
zum Vatter habe: und ein mutiger junger Löw zeigt jederman / von wem er
gezeuget worden. Ja (sagte Macarie) diss ist die Natur der Tiere / welche ihres
gleichen bringen: so aber bei den Menschen nicht folget / da oftmals ein schönes
Gemüte bei ungeachten Eltern kann geboren werden.
    Wann gleich dieses wäre / (erwiderte Polyphilus) kann es doch dem Adel des
Gemüts nichts benchmen. Dann / der jenige / so ein unedles und lasterhaftes
Gemüt heget / hat sich des Adels und der Tugenden seiner Vorfahren nichts zu
rühmen / weil er solche nicht fortsetzet / sondern nur ein Schandflecken seines
Geschlechts / und ein Aas von einem Edlen zu nennen ist / wie der treffliche
Opitz gar warhaftig sagt:
- - - Kan gleich von vielen Zeiten /
Dein Stamm bewiesen sein / und dir / zu beiden Seiten /
Kein Wappen an der Zahl / lein blanker Helm gebricht /
Du aber bist ein Stock: so hilft die Ankunft nicht.
Also kann auch / die Gemüts Hoheit und der Tugend-Adel durch eine niedrige
Ankunft nicht verringert werden; und sollte Macarie / von den
allerverächtlichsten Eltern (welches doch nimmermehr glaublich) erzeuget sein /
so bleibet sie doch / die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie / deren Gaben
Polyphilus billig anbetet / die auch niemand / ohne Verwunderung /Liebe und Ehre
anschauen kann. Ja / damit mein Hertz sehe / dass ich nicht Ursach habe / mich an
ihrer ungewissen Geburt zu stossen / so bekenne ich ihr aufrichtig / dass ich mit
ihr gleiches Unglück trage / und von meinen Eltern gar wenig mehr Nachricht /
als sie / zu geben weiss. Soll ich dieses glauben / (fragte Macarie) oder saget
er solches nur zu meinen Trost? erzählt mir doch ümständlich / wehrter
Polyphilus! wie uns der Himmel auch hierinn verbunden habe.
    Hierauf giengen sie in die bewachsene Sommer-Hütte / und setzten sich
zusammen / da dann Polyphilus also zu reden anfienge: Meine Erzehlung / schönes
Kind! wird kurz sein / weil die Wissenschaft sehr gering ist. Ich habe nicht
mehr Nachricht / als dass ich /in der Landschaft Brunsile / von einen Schäfer
selbiger Gegend / erzogen worden: welcher aber freiwillig gestehet / dass er
nicht mein Vatter sei / solchen auch nicht gesehen habe. Dann als er einst seine
Herde geweidet / ist eine / dem Ansehen nach / vornehme Frau / mit zittern und
ängsten / auf ihn zugelaufen: welche mich / als ein noch unmündiges Knäblein /
an der Hand geführet / und ihn mit vielen Trenen gebeten / er sollte sich doch
ihres Elends annehmen / und dieses Kind schützen und verbergen / dass es nicht
von den Raubern ermordet würde. Sie hat ihm beinebens etliche zwantzig. Kronen /
samt einem Ring von hohem wehrt / welchen er noch zum Gedächtnus aufhebet /
zugestellet / und / nach einem schmerzlichen Abschieds-Kuss / auch mit
versprechen / dass sie ehist wiederkommen wollte / traurig hinweg geeilet. Er hat
sie aber nachmals nicht mehr gesehen / auch nichts weiter erfahren können / als
dass selbigen Tag / etliche Rauber / eine Kutsche geplündert und weg geführt
hätten. Also hat er mich vor sein eigen Kind aufgezogen.
    Dieses ist das wenige / was ich von meiner Ankunft zu sagen weiss: welches
mich / so bald ich es vernommen / angetrieben / den Schäfer-stab zu verlassen
/und in die Welt zu gehen: entweder / etwas von meinen Eltern zu erforschen /
(welches doch noch zur Zeit vergeblich gewesen) oder doch / durch Kunst und
Wissenschaft / etwas mehrers / als einen Schäfer /abzugeben / weil ich
vermeinte höher entsprossen zu sein. Nachdem ich aber durch viel Unglücksfälle
gelernet / dass mich oer Himmel beruffe / ihme in dem Hirtenstande zu dienen /
habe ich meinen Vorsatz auf seinen Willen geworffen / und will nun gern ein
Schäfer sterben / dafern nur die schöne Macarie sich nicht wegert / eine
schlechte Schäferin zu werden. Warum sollte ich mich dessen wegern / gab Macarie
zur Antwort /) da ich aus allen Umständen schliesse / dass ich von solchen Eltern
geboren bin. Glaubet mir / liebster Polyphile! dass ich euch nun noch so frölich
liebe /weil ich weiss / dass ich / auch in der Ankunft-Ungewissheit / euch zum
Gesellschafter habe. Vielleicht gönnet uns der Himmel / mit der Zeit / noch
einige Nachricht von unsern Eltern.
    Polyphilus fienge hierauf an / sein Liebes-Verlangen bei Macarie zu sättigen
/ und genoss von ihr solche Freundlichkeit / dass er fast aus sich selbst gebracht
wurde / und wohl Ursach hatte / diesem Tag /welcher ihn so herrlich vergnügte /
Dank zu sagen. Damit aber ja ihre Liebe in der Unvollkommenheit bliebe / wurden
sie bald zerstöret / indeme mitten in ihren Umarmungen / der Macarie Dienerin
anklopfte / und sie berichtete / dass jemand von Soletten vorhanden / so mit ihr
reden wollte. Nachdem sie den Polyphilus gebeten / ihr zu vergeben / dass sie ihn
etwas allein liesse / gienge sie aus dem Sommerhause nach ihrem Zimer / ihn in
der Einsamkeit hinlassend; da er dann / solche zu kürtzen / weil er Feder und
Papier auf dem Tisch fand / diese Zeilen aufsezte:
                                       1.
Die gepriesne Lenzen-Zeit /
So die ganze Welt erfreut /
Und mit bunten Blumen schmücket /
Will auch meiner Liebe gönnen /
Was ich schwerlich wünschen können /
Und hat heute mich beglücket.
Heut / ist der erwünschte Tag /
Da sich endet alle Klag /
Welche mich bisher bestricket.
                                       2.
Du / des Jahres Kunst Apell /
Schöner Früling! kanft so hell /
Deine Blumen nicht bemahlen /
Als sie mahlet meine Sonne /
Wann ihr Aug mit froher Wonne
Diese Felder will bestralen.
Ja / Macarie / mein Ruhm /
Ist die allerschönste Blum /
Die mit keinem Wehrt zu zahlen.
Er hätte weiter geschrieben / wann nicht Macarie wieder zu rücke gekommen wäre.
Sie gienge behend nach dem Tisch / lase was er geschrieben / und sagte hernach:
Ihr rühmet mich zu hoch / mein Kind! und werdet hinfüro solche überfiüssige
Verehrung einstellen /wann ich nicht glauben soll / dass ihr mehr Höflichkeit /
als Liebe heget. Wie sollte ich aufhören / (sagte Polyphilus /) die jenige zu
ehren / welche ich so sehr liebe? Ihr billiger Ruhm / schöne Seele! wird / so
lang ich schreiben und reden kann / nicht aufhören. Aber ich erinnere mich / bei
diesen Gedichte / dass Macarie einsmals versprochen / diesen Garten im Lenzen /
mit einem Gesang zu verehren / und bitte / dissmahl solcher Zusage nachzukommen /
damit Polyphilus / nach ihrem Abschied / sich mit ihrer schönen Hand trösten
könne. Ich muss bekennen / (versetzte Macarie) dass ich meinem Garten ein Lied
schuldig bin: und weil er vermeint / einen Trost darin zu finden / will ich /
so gut es meine Einfalt gestattet / solches aufsetzen. Also schriebe sie / in
ihres Liebsten Gegenwart / folgends.
                                       1.
Wann ich meine Sinne lenke /
Und bedenke
Dich / du holdes Garten-Zelt /
Wo in jezt-begrüntem Lenzen /
Auf dem Feld /
So viel bunte Blumen glänzen:
So erfordert meine Pflicht /
Ein Gedicht.
                                       2.
Wie ich vormals dich zu preisen /
Hab verheissen /
Wann du würdest wahre Treu /
Mit der Blüte wiederbringen /
Ohne Reu:
Also will ich nun besingen
Dich / du lust-erfüllter Ort!
Fort und fort.
                                       3.
Du hast meinen Wunsch erfüllet /
Und gestillet.
Deiner Güte schreib ichs zu /
Dass ich einen Weg gefunden
Zu der Ruh.
Ob die Liebe mich gebunden:
Gibt doch / ihre Dienstbarkeit /
Lust und Freud.
                                       4.
Einmal dich / mein Hertz! umfangen /
Nach Verlangen /
Ein versüsster Liebes-Kuss /
Uberwieget alle Plagen /
Und Verdruss /
Die ich vormahls hab ertragen.
Alles / was mich vor verwundt /
Heilt dein Mund.
                                       5.
Nehmet Dank / ihr hohen Bäume!
Was ich reime /
Stehet hier zu einer Prob:
Dass ich werde stets erheben
Euer Lob /
Weil mir eure Gunst gegeben
Den / der mein Gemüt verlezt
Und ergezt.
                                       6.
Euch / ihr schöne Felder-sterne /
Und Laterne /
Soll das helle Wolken-Liecht /
Und das füsse Perlen-tauen /
Manglen nicht.
Haltet / was wir euch vertrauen.
Wir erheben eure Zier
Für und für.
Wie sehr den Polyphlus dieses Lied ergötzet / ist nicht zu beschreiben. Er
fragte Macarien / ob auch ihr Herz mit diesen Worten übereinstimte / dass er sich
künftig auf ihre Liebe verlassen / und weiter vor den Anwerbungen des
Eusephilistus sich nicht fürchten dörfte? Ach nein! (versetzte Macarie) so ein
Laster sollet ihr von mir nicht erfahren. Ich habe einmal zugesagt / den
Polyphilus zu lieben / und wo ich denselben nicht jederzeit liebe / so soll mich
der Himmel nimmermehr lieben. Solte sich Eusephilistus weiter etwas unterfangen
/ so will ich / seinen Anwerbungen zu entfliehen / mich alsbald mit euch trauen
lassen. Können wir dann etwas von Rutiben erwarten / so scheinet solches etwas
sicherer. Nun habe ich genug /(sagte Polyphilus) und will mit dieser Zusage
frölich wieder von hinnen gehen: weil es doch auch Zeit sein wird / meine Freude
biss morgen aufzugeben / und ihr / schönes Kind! mit schuldigem Dank vor ihre
Gewogenheit und Zusage / eine süsse Nacht zu wünschen. Ich bedanke mich davor
freundlich / (erwiderte Macarie /) und weil ich morgen wieder nach Soletten
reisen muss / bitte ich / so es ihm nicht beschwerlich /mich neben seinem
Agapistus / auch Melopharmis /und ihrem Sohn / noch vor meinen Abzug zu
besuchen.
    So will sie dann (sagte Polyphilus ganz erschrocken) schon wieder nach
Soletten? Und soll die Glückseeligkeit meiner Liebe / welche sich kaum
angefangen / wieder abgeschnitten werden? Soviel ist es ja /(begegnete ihm
Macarie) und habe ich eben jezt einen Brief von Soletten erhalten / in welchem
mich eine meiner vertrauten Freundinnen berichtet / dass ich /um nötiger Sachen
willen / nach Hause eilen soll? Ich weiss also nicht / was abermals möchte
vorhanden sein / und kann mich nicht länger aufhalten / solches zu erfahren /
damit ich nicht in neue Ungelegenheit gerahte. So soll dann meine Zufriedenheit
(sagte Polyphilus) nur angefangen bleiben? wie kann mich doch mein Unglück
zwingen / dass ich ihre Flucht / aus Furcht der Gefahr / selbst billigen muss. Es
wird vielleicht das lezte mahl sein / (begegnete ihm Macarie) dass wir uns
trennen müssen: Er lasse sich / auch hierinn / / von der Gedult führen; und
erwarte das einige /welches uns noch aufhält. Weil es je unumgänglich ist
(antwortete Polyphilus) so muss ich der Gewalt weichen / und will sie / nach
ihrem Befehl / morgen entweder mit Melopharmis und den Schäfern / oder / wo sich
diese wegerten / ganz allein bedienen. Ich wünsche inzwischen einen glücklichen
Abend / und bitte /meiner Wenigkeit bestens zu gedenken.
    Damit nahm er Abschied / und kame so spat wieder zu den Tieften / dass er die
Heerden nicht mehr im Feld fand. Der Melopharmis und dem Agapistus
hinterbrachte er die Einladung seiner Liebsten / welche sich so bald
entschlossen / sie zu besuchen. Wie sie dann solchen Vorsatz ins Werk stellten /
und des andern Morgens gar früe mit Polyphilus / nach den Landgut der Macarie
giengen / und daselbst von ihr /mit grosser Höflichkeit empfangen wurden. Sie
führte diese ihre Gäste eine Zeitlang im Garten auf und ab /und bate / ihr zu
vergeben / dass sie sich unterstanden / sie an diesen schlechten Ort einzubitten.
Ihre Freundlichkeit / hochgeschätzte Frau! (sagte sie gegen Melopharmis) wird
mir hoffentlich zu gut halten / dass ich in dieser kühnen Einladung / meinen
Begierden den Zaum schiessen lassen. Ich konnte in meinen Gemüte nicht löblich
befinden / die jenige / von welcher ich albereit so viel Woltaten genossen / so
nahe zu wissen / und doch unbesprochen zu lassen. Dann ich muss bekennen / dass
ich bisher ihrer Vorsorge Guttätigkeit und Hülfe / ohne Erkentnus und ohne
Verdienst / genossen. Wie ich dann davor dissmal einen schuldigen Dank ablege /
mit der Bitte / dass sie ihr den Polyphilus ferner befohlen sein lassen / ihm in
seinem Vorhaben beistehen / und alles Widrige / so ihn betrüben könnte / durch
ihren hoch-verständigen Raht hintertreiben wolle: welche Aufrichtigkeit
dankbarlich zu erwiedern / wir beide / bei allen vorfallenden Gelegenheiten /
nach Vermögen / jederzeit uns wollen angelegen sein lassen.
    Melopharmis / deren dieser Dank nicht übel gefiele / gabe zur Antwort: Ihre
Höflichkeit / Tugendgezierte Macarie! ist ungleich grösser weder meine geringe
Hülffe / welche vielmehr der Göttlichen Vorsehung / als meinem Vermögen
beizumessen. Und so ich je etwas / zu ihrer Vergnügung gewirket hätte /wäre
solches doch längster / durch die Unterrichtung meines Sohns / vom Polyphilus
ersetzet worden. Ist also ihr hoher Dank / ganz überflüssig. Ich werde mich aber
hinkünftig bemühen / zu verdienen / was ich von ihrer Freundlichkeit heut
geniesse: damit die Danksagung der schönen Macarie / nicht vergeblich sei.
Macarie führte sie hiernächst mit auf ihr Zimmer / und bate / mit ihr das
Früstück einzunehmen. Ob nun wohl Melopharmis / mit den Schäfern / sich
entschuldigte / und einwendete / dass sie bloss zur Besuchung / / und nicht
Unkosten zu verursachen / angekommen wären / so liesse sich doch Macarie nicht
abweisen / sondern sagte: wie dass sie nicht gewohnt wäre / nüchtern zu reisen /
und hoffen wollte sie würden ihre geringe Kost nicht verschmähen. Also wurden sie
zum sitzen genötigt / und so wohl mit köstlichen Speisen als mit geschickten
Zusprechen / auf das allerhöflichste tractirt. Agapistus rühmte solches / und
sagte: Es sei an solchen Tischen gut sitzen / da man nicht allein herrliche Kost
/ sondern auch ein freundliches Gesicht geniesse.
    Weil jenes / an einen so einsamen und ungelegenen Ort nicht zu hoffen /
(sagte Macarie) so sollte billig dieses den Mangel ersetzen. Allein / ich muss
mich auch darin gar ungeschickt bekennen / und werde bei meiner Einsamkeit /
fast gar die Sprache vergessen. Das kann man nicht spüren / (versetzte Agapistus)
und halte ich vielmehr davor / dass die kluge Macarie /in der Einsamkeit / einen
solchen Uberfluss schöner Worte samle / dass sie sich hernach / bei Gesellschaften
/ damit verwunderlich machen könne. Wann ich nicht wüste / (erwiederte Macarie)
dass Agapistus gern scherze / so wollte ich diese Auflage bestreiten. Allein / ich
fürchte / dadurch nur seiner Beredsamkeit den Damm zu öffnen / und meine
Unvermögenheit käntlicher zu machen. Ich befinde also viel nötiger /zu bitten /
dass sie die geringe Speisen kosten / und den geneigten Willen / mit welchem ich
die leere Schüsseln gefüllet / an statt des gültigen Werks annehmen wollen. Wir
haben vorhin / (sagte Polyphilus) ihre Höflichkeit missbraucht / und wollen nun
die wenige Zeit / welche wir noch übrig haben / in ihrer Begleitung zubringen.
Das wäre zu viel / (begegnete ihm Macarie) ich habe sie schon so weit bemühet:
sollten sie mich auch begleiten? Es ist eine angenehme Bemühung / (versetzte
Polyphilus) und müssen wir auch ohn das den Weg nach Soletten gehen / biss er
sich gegen Brundois wendet. Wann dieses gewiss ist /(sagte Macarie) so will ich
bitten / so lang auf meine Kutsche zu sitzen / als wir einerlei Weg zu reisen
haben / und durch ein freundliches Gespräch mir die Heimreise zu kürtzen.
    Also hiess sie die Kutsche bespannen / und bate ihre Gäste / zu ihr zu
sitzen: welches sie / nach höflicher Danksagung vor erwiesene Ehre /
verrichteten. Polyphilus sass zu Macarien / und samlete / die Kürtze der Zeit
beobachtend / die Früchte seiner Liebe / ehe der Garten verschlossen wurde / mit
solcher Ergötzlichkeit / dass Agapistus / wie er scherzhaft war / solche zu
zerstören suchte / und die Melopharmis bate /etwas von ihrer beider
schmerzhafter Trennung zu singen / welches sie also erfüllete.
Ach! wie wird das süsse Lieben /
Welches diese zwei ergezt /
Sich verwechseln in Betrüben /
Wann sie scheidend sich gelezt.
Eh noch eine Stund dahin /
Wird voll Kummer sein ihr Sinn.
Macarie konnte dieses hönische Mitleiden nicht unbeantwortet lassen / sondern
sange dieses dagegen.
Dannoch hat das süsse Lieben
Uns geraume Zeit ergezt.
Will das Scheiden uns betrüben /
Ist ihm doch ein Ziel gesetzt;
Und es flieht nie gänzlich hin /
Was erfreuet unsern Sinn.
Damit nun Melopharmis nicht alsbald gewonnen gäbe / versuchte sie noch einmal
ihre Künst / mit diesen Zeilen:
Aber / vermag das Scheiden
Zu erdulten / sonder Pein?
Welcher kann das Klagen meiden /
Wann er muss getrennet sein?
Tausend Schmerzen / Weh und Ach /
Folgt der süssen Liebe nach.
Macarie konnte diss nicht langnen / und wollte es doch auch nicht allerdings
gestehen / sondern suchte das Mittel / mit folgender Antwort:
Die / so mit der Hoffnung scheiden /
Können noch gedultig sein.
Was nicht ewig zu vermeiden /
Bringt der Tugend keine Pein.
Nur Gedult! dann Weh und Ach /
Dienet leider! nicht zur Sach.
Wie sehr den Polyphilus diese Erinnerung seines Unglücks bewegte / so musste er
doch solches Scherz-Gespräches lachen. Und weil sie eben damit der Weg auf
Soletten scheidete / sprang er viel herzhafter / als ihm zu muht war / aus der
Kutschen: da ihm die andere folgeten / und allda von Macarien Abschied nahmen.
Polyphilus bate sie / in der Liebe beständig / und in seinem Andenken ämsig zu
sein / versprechend / sie ehest mit einem Brieflein zu besuchen. Sie liessen sie
damit nach Soletten fahren / und kehrten / mit den nun-betrübten Polyphilus /
unter einem scherzhaften Trost-Gespräche / wieder zu ihrem Trieften: machten
damit dieser Kurtzweil / und auch diesem dritten Buch ein Ende.
 
                       Schluss-Gedicht des dritten Buchs.
Wir sind zum dritten Buch der Tugend-Lehre kommen
Und haben nun den Weg bedachtsam wargenommen /
Der zu dem hohen Tron der Ehr und Würde führt.
Polyphilus uns lehrt / wie Kunst und Weissheit ziert /
Und dass der schöne Ruhm / womit ein Schäfer pranget /
Werd durch die Wissenschaft / auf nidrer Bahn / erlanget:
Hingegen weist der Fall / der seine Liebste kränkt /
Dass oft ein schwerer Stein an unsrem Glücke hängt /
Und dass nit leicht ein Mensch / wie selig er auch scheinet /
Werd anzutreffen sein / der nicht zu Zeiten weinet.
Ob gleich von aussen nichts an unserm Glücke fehlt /
So findet sich doch was / das uns von innen quält.
Doch ist dergleichen Noht so hoch nicht zu beklagen /
Als wann man Schmerzen muss / üm Laster willen / tragen:
Wie hier die Königin zu einem Spiegel steht /
Die / bei so hohem Stand / in strengen Fesseln geht.
Der Steine Köstlichkeit / und was sie schönes träget /
Vergnüget leider! nicht / die Liebe / so sie heget
In der entzündten Brust. O! grosse Leidenschaft!
Wann den verborgnen Geist sein eigen Laster strafft /
Und auf die Folter wirft: An Melopharmis Leben
Erscheinet / dass man stets in Sorgen müsse schweben /
Bei hoher Leute Gnad / und dass an einem Haar
Häng über ihrem Haubt / die äusserste Gefahr.
Dann weil sie ihres Sohns / aus grosser Liebe / hütet:
Wird / durch Phormena List / ein böser Raht geschmiedet
Zu ihrem Untergang. Auch zeigt Agapist /
Dass oft im Ende süss / was Anfangs bitter ist.
Es wolt der Hirtenstand ihm erstlich nicht behagen:
Jezt aber siht er ihn viel reiffe Früchte tragen.
Was vor gering und schwarz in seinen Augen war /
Dass rühmt sein eigner Mund anjetzo offenbar.
Die Lehre weiset uns / im Guten auszudauern /
Wie sehr das Unglück auch bestürmet unsre Mauren.
Die Tugend träget doch zu lezt den Sieg davon;
Und / der ihr hat gefolgt / erlangt die Ehren-Kron.
Und ob auch unser Herz geheime Plagen kränken /
So lasset uns dabei an Gottes Vorsorg denken:
Der schon beschlossen hat des Leidens Mass und Ziel /
Und weiss / durch wen / und wie / und wann er helfen will.
Nur dieses lasst uns fliehn / was das Gewissen schrecket /
Und schaffen / dass es nicht mit Lastern werd beflecket.
O seelig / welcher ihm nichts böses ist bewust!
Kein Henker martert so / wie der in unsrer Brust.
Auch trachte keiner / sich in hohe Gunst zu schwingen;
Die / wann sie herrlich scheint / am ersten kann misslingen.
Wer auf der Erden geht / hat einen sichern Pfad:
Das Meer ist wandelbar / und so der Fürsten Gnad.
Zwar will uns / was gering / auch oft verächtlich scheinen
So / dass wir keine Lust darin zu sein vermeinen:
Weil wed Ehr / noch Glük / in schlechten Hütten wohnt:
Doch findt / der es versucht / sich überreich belohnt.
Er kann den stillen Geist mit wenigem vergnügen /
Und lässet der da will / hin in die Lüffte fliegen.
Die Tugend steigt empor / wann sie am Boden klebt;
Und welcher mit ihr sinkt / wird auch mit ihr erhebt.
 
             Der Kunst- und Tugendgezierten MACARIE. Zweiten Teils
                                        
                                 Viertes Buch.
                                 Erster Absatz
   Des Polyphilus Briefwechsel mit Macarien / Ihre Klage / und sein Traum vom
  Eusephilisten. Auf Einrahten des Talypsidamus / kommet sie zum Solettischen
 Fest-Mahl: wobei auch Atychintide sich unversehens einfindet. Ihr Gespräche /
von der Ungerechtigkeit des Männlichen gegen dem Weiblichen Geschlecht / und von
                             dessen Vollkommenheit.
Das Leben der Menschen / sonderlich der Verliebten /ist eine Schau-Bühne / auf
welcher / bald traurige /bald fröliche Begebenheiten vorgestellt werden. Es
gleichet einem fliessenden Bach: welcher seine Crystallen-helle Flut / bald
durch Smaragden-grüne Felder / bald wieder durch sumpfichte Täler / und über
scharffe Steine fort führet. Dieses sehen wir an unsren Verliebten: die wir in
einem sehr ergetzlichen Zustande verlassen. Dass aber solcher nicht lang gewähret
/und das Glück ihnen / durch diese Freude / nur eine Linderung / und kein Ende /
ihrer Widerwärtigkeit geben wollen / werden wir nun erfahren.
    Dann als Macarie / nach ihres Liebsten Abschied /wieder nach Soletten
gekommen / musste sie / nicht allein von den Inwohnern / viel schimpfliche und
bedrohliche Worte wider ihren Polyphilus anhören /sondern sie bekam auch /
gleich des andern Tages /einen Brief durch des Gärtners Jungen / dieses Inhalts:
                                Verlangtes Herz!
Ihre hohe Freundlichkeit / wird mir zu gut halten /dass ich diese Begrüssung /
wegen Kürze der Zeit /nicht zierlicher / wegen der unvermuteten traurigen Post
aber / die mich diese Stunde erschröcket / nicht liebreicher und frölicher
setzen kann. Hat sie dann /ach liebes Kind! die feindselige Insul / so heftig
verlanget / damit sie desto geschwinder in die Strafe der Liebe gerahte: Das ist
aber deren Eigenschaft / dass sie / auf den höchsten Griffel der Süssigkeit /
einen Wermut-Strauch wachen lässet. Wolle sie sich demnach nicht bekümmern / so
lange die Brunst meines Verlangens sie begleitet / welche nicht eher / als mit
ihrer beharrlichen Gegenwart / verleschen wird. Diese / in dem sie je länger je
befeürter glühet / wird sie auch alle Beförderung erwählen / das Gefängnus ihrer
Widerwertigkeit zu öffnen / und ihre mir vertraute Freiheit / von den Fessel /
so ihr der unruhige Eusephilistus anzuknüpfen gedenket / zu entledigen. Aber
schöne Seele! was macht sie ihr selber Plage: Sie vergönne mir doch / durch ein
einig Wort an Eusephilistus / sie von fernerer Bestreitung zu befreien
/sonderlich da ich keine Ursach der Verhinterung /oder der Verschwiegenheit
erkennen kann. Was mein Hertz bisher gefürchtet / dessen allen dürffen wir
nunmehr nicht achten / und können dem Werber mit einem aufrichtigen Nein
kühnlich entgegen geben. Ich erwarte bei dieser Gelegenheit / gewisse Antwort und
völligen Bericht / was sich bisher begeben. In was Kümmernus ich aber lebe / kann
mein Hertz leicht ermessen. Doch tröstet mich ihre Beständigkeit / deren ich
meine Treu zusetze / und so lang ich lebe / sein und bleiben werde
                              Ihr einig Ergebener
                                                                     Polyphilus.
Dass Macarie über diese unvermutete Zeitung heftig erschrocken / ist unschwer zu
ermessen: sonderlich /weil sie nicht wusste / von wem Polyphilus solche erhalten
/ und befürchten musste / dass vielleicht ein listiger und gefährlicher Anschlag /
von Eusephilistus und den Solettischen Inwohnern / zu ihren Verderben /
geschmiedet werde. Welches zu erkundigen / sie bei Polyphilus / den Grund dieser
Klage / mit folgenden Zeilen suchte.
                                Mein Polyphilus!
Ich habe mein Verlangen / so lang mit euren süssen Gedächtnus unterhalten / biss
ich von eurem erwünschten Brieflein bin erfreuet / aber auch zugleich verwirret
worden: weil mir alle die Widerwertigkeit und Unruhe / in welche mich / seinem
Schreiben nach / des Eusephilistus Anwerbung soll gebracht haben / ganz
unbekandt ist. Verständiget mich doch /mein Kind! wer euch mit dieser
ungegründten Zeitung betrübet: und glaubt / ins künftige / keinem Bericht /
als der von mir selber kommet. Versichert euch meiner Aufrichtigkeit / wider
allen Zweifel / und glaubt / dass ich euch nichts verhalte. Solte ich
unverhoffte Gelegenheit überkommen / es sei gleich durch was Mittel es wolle /
mit Eusephilisten zu sprechen / so werde ich ihm mit solchen Worten begegnen /
die ihme unsere Freundschaft glaublich / und doch nicht ganz gewiss machen. Dann
ob gleich etliche Umstände nicht mehr so gefährlich scheinen / wie vorhin / so
ist es doch weit sicherer / dass wir unsere Liebe / noch zur Zeit / hinter dem
Vorhang einer fremden Verstellung verbergen / und die Verschwiegenheit so lang
zur Hüterin stellen / biss dieses Geheimnus die Lufft ertragen kann: sollen
anderst die / in so viel Augen / Ohren / und Zungen / leuchtende Funken unsrer
Liebe / mit der Asche der Vergessenheit bedeckt bleiben / und unsre Ruhe nicht
zerstören. Es ist ja genug / dass wir es wissen / und kann ich gar nicht absehen /
was die Eröffnung nutzen / aber wohl / was sie schaden könnte. Vergnüget euch
demnach / mein Allerliebster! mit der Gewissheit meiner Liebe / welche keiner
Veränderung unterworffen /sondern mir jederzeit den Namen erhalten wird /
                               Eurer beständigen
                                                                        Macarie.
Mit dieser Antwort / schickte Macarie den Jungen wieder zum Polyphilus / mit
Befehl / ihr eilends eine Gegen-Antwort zu bringen. Sie aber blieb indessen
/unter einem Hauffen sorglicher und ungewisser Gedanken / zu Soletten / und
unterliess nicht / heimlich nachzuforschen / von wem doch Polyphilus die
Nachricht / wegen des Eusephilistus / möchte erhalten haben. Sie konnte aber
nichts erfahren. Bin ich nicht /(gedachte sie) eine Stief-Tochter des Glückes /
und eine Wiege der Widerwertigkeit? wie gönnet mir doch mein Verhängnus so gar
keine beständige Freude? Wann die Blume meiner Ergötzung kaum anfähet zu blühen
/ so wird sie durch einen verdriesslichen Wind wieder abgebrochen. Solte ich doch
/ in Ansehung dieser Unbeständigkeit / fast das Unglück vor der Lust erwählen:
weil jenes von Hoffnung der Errettung / / diese aber / von Furcht der Gefahr
begleitet wird? Besser aber werde ich handeln / wann ich keines von beiden achte
/ und die Tür meines Gemüts vor diesen Aufrührern zuschliesse. Dann der Himmel
pfleget ohne unterlass mit uns Sterblichen zu wechseln / und lässet bald einen
linden West in unsre Segel streichen / bald aber wieder einen strengen Nord-Wind
unsern zerschöllten Kahn bestürmen: damit wir lernen / uns auf nichts als ihn
verlassen /und im Unglück nicht verzagen / im Wolstand aber /nicht hoffärtig
werden sollen. Ich werde ja / durch so vielfältige Ubungen allmählich gewohnen /
der Gunst des Glückes nicht mehr / als dem Glantz der Sonne /welchen leicht eine
Wolke wegnehmen kann / zu trauen. Ich will mich auf dieser Lebens-Reise / bloss
auf den Anker der Tugend verlassen / und weder die Stille noch die Ungestümme
der Winde mich bewegen lassen. Du aber / unbewegliches und unveränderliches
Wesen der Gotteit! von welchem doch alle unsere Veränderungen den Ursprung
haben: erhalte mich in diesen Gedanken / und lass mich Glück und Noht ohne Wanken
und mit einerlei Gesicht betrachten: damit ich allen Verwirrungen / durch deine
Hülfe obsiege.
    Diss war der Vorsatz Macarien / welchen sie / zu Uberwindung aller
Widerwärtigkeit / gar vernünftig gefasset. Wir wollen aber fortfahren / und
sehen / wie vest sie darin gegründet sei. Sie bekommet / gleich des andern
Tages / einen Brief vom Talypsidamus /welchen Polyphilus geschrieben / dieses
lauts.
                                  Mein Hertz!
Gleichwie mich billig / das angenehme Zeugnus ihrer getreuen Liebe / in der
schuldigen Gegen-Pflicht verstärken würde / wann nicht meine Entzündung in
solcher Vollkommenheit sich befände / dass sie keine Vermehrung zulässet: Also
besieget / die Tugend ihrer Beständigkeit / mein Herz mit so verliebter
Ergötzung / dass ich nunmehr / aller Furcht entnommen /dem süssen Verlangen mit
einer gleichsam verkürzten Begierde / in dem Vertrauen ihrer Gewogenheit
/nachhänge / und mich mit demselben als vergnüget sättige. Wiewol ich dieses /
Allerliebste! auch ohne ihre Erinnerung getan hätte / so tue ichs doch anjetzo
desto freudiger / auf ihren Befehl / sonderlich /da derselbe mich nicht allein /
mit dem allersüssesten Namen ihrer Allerliebsten / hinwider betitelt / sondern
auch eine getreue Liebe / die keiner Veränderung unterworffen / zum Grunde
setzet / dass die ewig-beständige Macarie diesen Namen erhalten werde / biss an
ihr Ende Ach / liebste Seele! welcher Schatz sollte so unschätzbar sein / als
diese ihre herrliche Reden / die mich zu den seeligsten unter allen in der Welt
lebenden machen: Das einige Wort: Versichert euch meiner Aufrichtigkeit wider
allen Zweifel! erdrucket alle Furcht / und befestet die Hoffnung mit guldenen
Seulen. Ach! dass ich doch / liebes Kind! zugegen wäre /den Dank / wie ich
schuldig bin / mit einen freundlichen Russ zu bezeugen: Ich wollte meine
gleich-getreue Aufrichtigkeit mit dem Werk erweisen. Doch nehme sie / schönes
Herz! meinen demütigen Kuss /wie ich ihn in dieser Schrifft verschlossen
überschicke / und bewürdige denselben mit einem holdseeligen Anblick / wie das
ihre Natur erfordert: bloss darum /weil er ein gewisser Zeug ist / wie ich keinen
Augenblick / ohne ihr Andenken / vorbei lasse. Ich lebe hingegen der Hoffnung /
es werde auch sie / Allerliebste! ihres Polyphilus bei müssigen Stunden nicht
vergessen / sondern wenigst seiner Beständigkeit / und dabei des häftigen
Verlangens gedenken / das ihn /mehr bei seiner Macarie / als bei sich selber
wohnen und leben heisset. Und dieses verrichtet er um so viel frölicher / weil
er vernimmet / dass Eusephilistus nichts bei ihr suchet. Allein / mein Herz! sie
lebe nicht zu sicher / und vollführe ihr Vornehmen / durch einige Entdeckung
unsrer Liebe / so bald sie kann: es möchte sonst mein Traum nur allzuwahr werden.
Indessen lebe sie in guter Ruhe / und glaube / dass ich sterben werde /
                                Ihr ganz eigner
                                                                     Polyphilus.
Nachdem Macarie diesen Brief gelesen / fragte sie den Talypsidamus: ob er etwas
vom Eusephilistus gehört /und wann er diesen Brief vom Polyphilus bekommen?
Gestern (sagte er) bin ich bei seiner Heerde vorbei geritten / eben / als er
ihren Brief / wehtriste Base! von den Gärtner-Jungen erhielte / und deswegen
meiner Ankunft froh wurde / ihr wieder eine Antwort zuzuschicken. Er erzehlte
mir / wie er die Nacht nach ihrer Abreise / einen Traum gehabt / der ihm / die
Werbung des Eusephilistus bei seiner Macarie / so gar deutlich und beweglich
vorgeftellet / dass er ihme wachend Glauben gegeben / und deswegen an seine
Liebste geschrieben. Ich belachte diese Einbildung /sagte aber doch / dass sie
nicht allerdings unwahr wäre: weil ich aus des Eusephilistus eignem Munde
gehöret / dass er gesonnen sei / keine andere / als Macarie zu erwählen. Ist aber
dieses gewiss? fragte Macarie. Freilich! (versezte Talypsidamus) und suchet er
Gelegenheit / mit ihr zu reden: er kann auch ihre gegen Polyphilus tragende Liebe
weder glauben / noch achten. So muss ich (sagte Macarie) ein Mittel ersinnen /mit
ihm zu sprechen / damit ich ihm unsre Freundschaft zu verstehen gebe / ehe er
mit offentlicher Werbung bei mir ankommet. Das ist das sicherste / (begegnete
ihr Talypsidamus) und kann sie keine bequemere Gelegenheit hierzu ergreifen / als
wann sie /morgen bei unsern Fest / der angestellten Malzeit beiwohnet. Ihr
erinnert sehr wohl: (sagte Macarie) und will ich auch diesem Raht folgen. Ich
bedanke mich indessen / vor den wohlgemeinten Einraht / und bitte / auch künftig
meine Wolfart ferner zu befördern.
    Also liesse Macarie den Talypsidamus von sich /und rüstete sich zu
bevorstehendem Fest: welches zu Soletten jährlich dem Himmel / vor die gnädige
Errettung und Beschützung ihrer Insul / mit Gebet und Opffer zu danken gefeiret
/ und nach geendigten Gottesdienst / auf einem dazu bestimmten herrlichen Saal /
mit einer kostbaren Malzeit / von den vornehmsten Inwohnern beschlossen wird. Ob
nun wohl Macarie / wegen ihres Trauerstandes / bisher diesem Gastmal nicht
beigewohnt / sondern nur den Tempel besuchte: so entschlosse sie doch dissmal /
auch bei der Malzeit zu bleiben / und suchte also Gelegenheit /ihres Polyphilus
Bitte zu willfahren / und dem Eusephilistus ihre Liebe / in etwas zu entdecken.
Solches Vorhabens / verfügte sie sich / neben andern / in den Tempel / und
verharrete daselbst / in ihrer Andacht /biss sie / mitten unter dem Opfer / gewar
wurde / dass Atychintide / die Königin von Sophoxenien / mit ihren Bedienten /
hinein kame. Es ist leicht zu gedenken / was die Ankunft dieser Fremden / in
einer so einsamen Insul / für Aufsehen und Verwunderung erreget. Der ganze
Tempel ward voll Unruhe und Getösse / / und Macarie selbst / welche erstlich die
Königin (als die sie noch nie gesehen) nicht erkennet / so bald sie der Phormena
und des Servetus bei ihr gewar worden / fiele darüber in Schrecken und
Bestürtzung: weil ihr die törichte Liebe der Atychintide / gegen ihren
Polyphilus / bekandt / und sie sich dannenhero eines Anschlags wider sie
besorgen musste; sonderlich / weil Melopharmis nicht dabei war / die ihr Unglück
verhüten konnte. Nachdem nun der Gottesdienst zu End gebracht war / stellte sich
Atychintide / als ob sie wieder abziehen wollte: wurde aber von Eusephilisto und
den andern Vorstehern / untertänig ersuchet / dass sie gnädig geruhen wollte /
das Fest ihrer Insul / ferner / bei dero geringen Malzeit / mit ihrer
hoch-ansehlichen Gegenwart zu beseeligen. Und ob wohl sich die Königin
entschuldigte / dass sie bloss die Gebräuche des Festes zu sehen / ankommen wäre
/und weiter kein Beschwernis verursachen wollte: so unterliessen doch selbige
nicht / in ihrer Bitte fortzufahren / biss sie einwilligte / und darauf von ihnen
zu vorgedachtem Saal begleitet wurde / allda man ihr eine besondere Tafel
köstlich zurichten liesse. Weil sie sich aber wegerte / allein zu speisen / und
bald anfangs nach Macarie fragte / als ward selbige zu ihr /hernach Phormena und
Erotemitis / eine Jungfer aus den Frauenzimmer / unten an der Tafel aber
Eusephilistus mit noch zweien von Soletten / gesetzet.
    Die Königin sah die Macarie / unter dem Essen /ohn unterlass an / und führte
allerhand Gespräche: welche von dieser sehr vernünftig und bescheidentlich
beantwortet wurden. Atychintide bewunderte sie nicht wenig / und sagte endlich
zu Eusephilisto / und seinen Beisitzern: Wie komt es doch / dass ihr die schöne
und kluge Macarie / als das Liecht eurer Insul / so lang ohne Liebsten lasset?
Ihre so veste Entschliessung / Durchleuchtigste Königin! (gab Eusephilistus zur
Antwort) hat bisher alle unsere Beredungen unkräftig gemacht. Wir hoffen aber /
es soll nun bald dieser Vorsatz / von einem andern überwunden werden. Gar
schwerlich! (versetzte Macarie / die /in Gegenwart der Königin / keiner Liebe
sich schuldig machen wollte) je länger ich der Einsamkeit geniesse / je mehr ich
mich in sie verliebe.
    Solte ich doch / sagte die Königin / fast selbst der klugen Macarie Beifall
geben / dass die Einsamkeit /weit sicherer und freier sei / weder die
Gesellschaft der Männer? durch welche wir oft Hülffe suchen / und Qual finden;
Beschützere hoffen / und Verfolger erlangen. Dann / wann wir die Warheit
bekennen sollen / so hat das Frauenzimmer keine ärgere Feinde /als eben die
jenigen / welche sie so eifrig lieben / und so heftig verlangen. Man lese nur
ihre Schrifften / und erwäge / wie schimpflich und verächtlich sie ihrer
gedenken. Das Geschlecht voller Mängel / ein notwendiges Ubel / eine Abbildung
der Gebrechlichkeit /eine Grund-Quelle der Bosheit / die Unvollkommenheit selber
/ und dergleichen verächtliche Namen /sind die schöne Titel / mit welchen uns
die jenigen ehren / die uns ihr Leben / ihre Geburt / ihre Nahrung / und
Auferziehung zu danken haben. Kein Laster ist / das sie uns nicht beilegen; kein
Unglück /dessen sie uns nicht die Schuld geben; und keine Schmach / die sie
nicht auf uns schütten. Ja es dörfen sich auch etliche unterstehen / ihnen gar
die Menschheit abzusprechen: womit sie zwar / (weil ja ein jedes seines gleichen
zeuget / und von Menschen Menschen geborn werden) sich selber als Un-Menschen
vorstellen. Dahero sie vielmehr den jungen Nattern / die ihren Müttern für die
Geburt mit den Tode danken /als vernünftigen und dankbaren Menschen zu gleichen
sind.
    Billig sollte eine Weibs-Person erschrecken / wann sie / nach ausgestandenen
Geburt-Schmerzen / sich eines Sohns Mutter sihet / und den jenigen mit so
grosser Mühe und Sorge erziehen soll / der nachmals sie und ihr Geschlecht so
schmählich lästert. Wol und weisslich haben demnach die Amazonen gehandelt /dass
sie ihre männliche Geburten von sich gestossen /und so undankbare ihrer
Auferziehung nicht würdigen wollen. Ich habe mich oft verwundert / wann ich
gesehen und gehöret / dass die Jungfern den Schmeichel- ihrer Anfwarter und
Liebhabere so sichern Glauben zustellen / und alles für wahr halten / wann sie
sich verpflichten / ihre untertänige Dienere zu sterben / und sie jederzeit /
als ihre Engel und Göttinnen / zu verehren. Ach! ihr unschuldige und betrogne
Kinder! Lasset nur etliche Monate nach eurer Verehlichung ins Land laufen / so
werdet ihr die Demut eurer Männer in Hochmut und Tyrannei / eure Liebe hingegen
in Furcht und Schrecken / verwandelt sehen. Die Diener werden zu Herren / die
Bitten zu Befehlen /die Lob-Reden zu Schmäh-Worten / und die Küsse und Umarmungen
/ zu Verdruss und Eckel / wo nicht gar zu Schlägen und Grausamkeiten.
- - - Ach! hass doch keine Frau
Den Männern / nach der Zeit / und ihrem Eyde trau!
Dann wann sie hitzig sind / und was von uns begehren /
So hört man sie sich hoch verbinden und verschwören.
Ist nachmals solche Lust / von uns geschöpft / dahin:
Sind alle glatte Wort und Zusag aus dem Sinn.
Also sagte dorten die Ariadne / als sie der undankbar Teseus schändlich
verlassen hatte. Jenes Weib / welches der zauberische Trank der Circe in eine
Hündin verwandelt / weigerte sich / auf des Vlysses Zusprechen / / wieder ein
Mensch zu werden: einwendende /dass sie solcher Gestalt viel vergnügter lebe /
und die Tiere ihre Gesellinnen ungleich mehr / weder die Menschen / liebten und
versorgten. Wer sollte dann nicht lieber in der Einsamkeit bleiben / als sein
Bette mit solchen Fremden beschweren / die Feindschaft im Herzen halten / und an
uns nie ohne Verachtung gedenken?
    Diese Rede / welche die Königin getan / üm der Macarie einen Eckel vor des
Polyphilus Liebe zu machen / vollführte sie mit solcher Freiheit / wie sie wegen
ihres hohen Stands befugt war / und hatte weder Eusephilistus / noch jemand
anders den Muht /ihrem Vorbringen zu widersprechen. Macarie aber /wollte sie
nicht gar ohne Antwort lassen / sondern sagte: E. Maj. haben die männliche
Gemüter so schwarz abgemahlet / dass sie bald dem Frauenzimmer eine Abscheu davor
machen sollten. Doch kann eine jede hoffen / mit einem bässern beglückt zu werden:
weil doch noch viel verständige / fromme und tugendhafte Mannsbilder leben / die
nicht allein ihre Ehegatten lieben und ehren / sondern auch / unsers ganzen
Geschlechts höf- und rühmlich gedenken. Ist also / an etlicher unfreundlichen /
unverständ- und boshaftigen Manns-Personen Urteil / sich nicht zu kehren. O
schöne Macarie! (begegnete ihr Atychintide) es schimpfen uns nicht nur die
Bosshaftigen und Unverständigen / / sondern auch die Allerklügsten / und zwar
diese vielmehr / als jene / die uns wenig zu lesen geben / Protagoras sagte: Er
habe sich an seinem ärgsten Feind nicht bässer zu rächen gewust / als dass er ihm
seine Tochter zum Weib gegeben / weil er vermeint / dass er ihm nichts üblers
zueignen könne. Vom Democritus schreiben sie / dass er deswegen eine kleine
gefreiet / weil er unter den Ubeln das kleinste erwählen wollen. Der
unfreundliche Diogenes wünschte / als er ein Weib hangen sah: dass alle Bäume
solche Früchte tragen möchten. Wie uns die heutige Geschicht- und
Bücherschreiber ehren / sihet ein jeder / der ihre Schriften liset. Die
allerwenigsten werden unser mit Lob und Ruhm erwähnen.
    Vielleicht sind die andere / (sagte Macarie) durch das Leben ihrer
lasterhaften Ehe-Weiber bewogen worden / einen bösen Schluss auch auf die übrigen
zu machen? Jener nennete / die boshaften Frauen / der Gelehrten Unglück / und
wäre Socrates nicht zu verdenken gewesen / wann er von bösen Weibern geschrieben
hätte / weil er deren lebendiges Ebenbild an seiner Xantippe vorstellen konnte.
So ist auch keineswegs zu langnen / dass unter unserm Geschlecht / viel
unverständige / waschhaftige / zänkische / regirsüchtige / wollüstige /
hoffärtige und geitzige / die ihrer Männer Last / Schande und Plage sind /
anzutreffen seien.
    Gleich als wann dergleichen Laster (fiel ihr die Königin / etwas hitzig /
ein) nicht auch bei den Männern zu finden wären! Ich weiss kein einiges / aus
erzehlten / von welchen sich das Männliche Geschlecht ausschliessen könnte. Nur
dass sie die Freiheit haben / ihre Mängel zu verdecken / und zu entschuldigen /
unsere hingegen ans Liecht zu stellen / und grösser zu machen. Da muss eine Stille
einfältig / eine Gesprächige wäschhaftig / eine Freundliche leichtfärtig / und
eine Ernstafte hoffärtig heisen. Schweigen sie / zu allen Handlungen ihrer
Männer / so sind sie alber; reden sie dawider / so wollen sie regiren; fordern
sie Geld / so sind sie verschwendisch und wollüstig; wollen sie es dann ersparen
/ so sind sie geitzig. In summa / keine Tugend ist an uns / welche sie nicht
tadeln; und kein Laster an ihnen / das sie nicht entschuldigen. Hätten wir aber
die Freiheit / oder vielmehr die Gewonheit /Bücher zu schreiben / als sie: wir
wollten ihnen ihre Fehler ja so deutlich / als sie die unsere / vorstellen. Und
eben darum berauben sie uns aller Unterrichtung / und stossen das weibliche
Geschlecht / von Kindheit an / in die Küchen und Hausshaltung: damit sie ihnen
alle Gelegenheit zur Wissenschaft benehmen / und sie den Ruhm der Weissheit
allein behalten. Gegen einem Stummen / kann ich viel Lästerungen ausstossen / weil
er dieselbe nicht beantworten kann: also haben auch die Männer gut wider uns
schreiben /weil sie wissen / dass sie nicht widerlegt werden.
    Vielleicht sind auch (versetzte Macarie) unsere Gemüter und Beschaffenheiten
unvollkommener / und der Wissenschaft unfähiger / als die Männliche? Man sihet
gleichwol an den meinsten Tieren / dass das Weiblein schwächer und mangelhafter
ist / als das Männlein. So hat auch der Schöpfer selber / dem männlichen
Geschlecht / die Herrschaft / über das Weibliche zuerkennet. Diese Ordnung
(erwiederte Atychintide) ist eine Strafe / welche von des Weibes Verbrechen /
und gar nicht von ihrer Unvollkommenheit herrühret. Wann / ein kluger und
hochgesinnter Minister / seinem König nach der Cron trachtet / auch wegen
solches Verbrechens seiner hohen Würde entsetzet / und einem andern unterworffen
wird: so dienet er demselben / nicht wegen Unvollkommenheit seines Verstandes /
sondern zur Strafe seiner Empörung. Also hat es sich auch / mit der Herrschaft
der Männer. Der Tiere Vorzug / bestehet mehrenteils in der Grösse und Stärcke /
davon ihre Hertzhaftigkeit herrühret: und wird solches / von der Nutzbarkeit des
Weibleins / reichlich ersetzet. Wann die Männer sich solches Vorzugs rühmen /
wollen wir es gern leiden: weil sie uns hingegen die Gedult und Freundlichkeit
lassen müssen. Dass sich aber auch / in dem weiblichen Gemüt und Verstande / so
ein grosser Unterschied finden soll / zweifele ich so lang / als das weibliche
Geschlecht gleicher Unterrichtung ermangelt: welcher Mangel / meines Erachtens /
allein die Ursach ist / unsrer Verachtung und ihres Ruhms. Dann was haben sie
sich sonst zu erheben? Ihre Ankunft ist geringer / dann unsre / weil sie bloss
aus der Erden / wir hingegen / aus dem edelsten Geschöpfe /den Menschen /
erbauet sind. So nun ein jedes Geschöpfe / wann es verändert / auch verbessert
wird /massen auch aus der verächtlichen Erde / der schöne Mensch gebildet
worden: so folget / dass die Frauen den Männern so weit / als der Mensch der Erde
/ vorzuziehen seien.
    Macarie lächelte / mit den andern / hierüber / liess sie aber doch in ihren
Beweis fortfahren / welcher also erfolgte. An Schönheit der Gestalt / gestehen
sie selber / dass wir nie ihnen gleich / wo nicht überlegen sind. So ist auch die
Kindheit und Jugend des mannlichen und weiblichen Geschlechts / nur in diesen
unterschieden / dass das Weibliche gedultiger / gehorsamer und vernünftiger / als
das Männliche / erfunden wird. Dann man muss gestehen / dass von den zehenden biss
in das vierzehende oder sechzehende Jahr /das Frauenzimmer viel verständiger /
höflicher und tugendhafter sich hervor tut / als die Männliche Jugend: welche
gemeinlich in solchen Jahren am ungezogensten erscheinet. Dass sich aber
nachmahls das Blat wendet / und die Manns-Personen uns übertreffen / / komt von
ihrer Beobachtung / und unsrer Versäumnus. Wie sollen wir Verstand lernen / wann
man die Quelle der Weissheit vor uns verstopfet? Aber können die Mannsbilder von
Lastern sich nicht befreien / da ihnen dieselben so hässlich / und hingegen die
Tugenden so wunderschön vorgemahlet werden: Was ist es Wunder / dass auch wir
unsere Fehler behalten / welchen die blosse Natur und Erfahrung von der
Sitten-Lehre predigen muss? dass aber auch die Weibs-Personen der Unterrichtung
fähig seien / bezeuget das Exempel vieler gelehrter Weibsbilder /welche die Welt
gezehlet und noch zehlet.
    Selbige werden auch (erwiederte Macarie) von verständigen nicht geschimpfet
/ sondern vielmehr mit höchstem Ruhm gepriesen. Demnach soll billig keine
vernünftige Weibs-Person über die Verachtung lasterhafter Weibsbilder eifern /
sondern vielmehr deswegen der Ehre klüger und tugendhafter nachstreben lernen.
Kein einiger ist / so das Frauenzimmer tadelt /der nicht hingegen die
Vollkommenen unter ihnen rühmet: und dieses um so viel mehr / je weniger
derselben zu finden sind. Je seltener eine Tugend ist /je grosswürdiger sie sich
machet. Je geringer die Anzahl ist der jenigen / die ihre Männer lieben / ehren
und rühmen: je glückseeliger schätzet sich der Mann /welcher seine Liebste gegen
ihm aufrichtig / Ehrerbietig und liebreich / und sonst gegen jederman verständig
und tugendhaft befindet. Ich sehe wohl / (sagte hierauf Atychintide) dass das
männliche Geschlecht an Macarien eine starcke Beschützerin hat / und erscheinet
hieraus / dass sie demselben sonders gewogen /auch mit einem sich in Vereinigung
einzulassen gewillet sei.
    Eben wollte Macarie / wegen dieser Auflage / sich entschuldigen / als ein
Lackei in den Saal kam / und der Königin ansagte / wie dass Melopharmis vorhanden
sei. Melopharmis! fragte Atychintide / mit Verwunderung: Wie kommet diese jezt
nach Soletten? lass sie doch herein kommen. Also gienge Melopharmis in den Saal /
und küste der Königin den Rock / und grüste Macarien neben den andern / mit
grosser Höflichkeit. Wie komt es / Melopharmis! (fragte die Königin) dass ihr
mich zu Soletten suchet? Weil E. Maj. ich sonst nirgend finden konnte / (gab
diese zur Antwort) und ich auf dem Weg nach Sophoxenien / Bericht erhalten / dass
sie herüber verreist wären. Weil ich auch diese Insul noch niemals gesehen /
habe ich in derselben meine Aufwartung ablegen wollen. Daran habt ihr wohl
getan! versetzte Atychintide. Mir ist die Zeit / in eurer Abwesenheit / lang
worden: welche zu kürtzen / ich diese Insul (weil eben derselben Jahr-Fest
eingefallen) besehen wollen: nicht willens /den Inwohnern meine Besuchung so
schwer zu machen / wie ihr sehet. Solte das jenige schwer sein /(sagte hierauf
Eusephilistus) was Gnade und Ehre schenket? Unsere Insul / und wir in derselben
/ schätzen uns billig heute glückseelig / weil E. Maj. uns Ihrer gnädigen
Gegenwart haben würdigen wollen. Nehmet mir nicht den Dank / höflicher
Eusephilistus! (erwiederte die Königin) zu welchen ich mich verbinde: dann ich
bekenne / dass ich hier viel Ehre geniesse /werde auch bedacht sein / solche nicht
unerwiedert zu lassen.
    Aber sagt mir doch / Melopharmis! (sagte sie gegen selbiger) was machen eure
Schäfere? sind sie von ihrer Reise wieder zu rücke gekommen? Freilich /
gnädigste Königin! (begegnete ihr Melopharmis) sie lassen E. Maj. sich
untertänigst befehlen /und wollen ehest nach Sophoxenien kommen / ihre
untertänige Aufwartung abzulegen. Ihr langes Aussenbleiben / hat seiter meine
Wiederkunft verhintert: üm deren gnädige Vergebung ich bitte. Das hat nichts zu
bedeuten! sagte Atychintide / und blieb hierauf eine gute Weile ganz stille /
der Liebe des Polyphilus in ihren Gedanken Raum gebend. Als aber Melopharmis ihr
etwas ins Ohr gesagt / wurde sie alsbald munderer / und gabe dem Servetus einen
heimlichen Befehl / den er auszurichten abgienge. Macarie hatte diesem allen mit
Fleiss zugesehen / und aus der Melopharmis heimlichem Zureden allerhand Argwahn
geschöpfet.
    Als ihr aber dieselbe durch einen Wink zu verstehen gab / dass Polyphilus
vorhanden wäre / fiele sie auf einmal in Schrecken / Zorn und Furcht. Schrecken
machte ihr / die unverhofte / und gefährliche Besuchung des Polyphilus: Zorn
aber / dass er ihre so sehnliche Bitte / die Insul zu meiden / verachtet: Und
Furcht / dass er durch den Grimm der Inwohner /möchte in Unglück fallen. Diese
Furcht ward noch grösser / als sie sah / dass ein kleiner Junge dem
Eusephilistus ein Brieflein zustellete / über dessen Lesung er bleich und roht
wurde: daher sie leicht schliessen konnte / es würde wegen des Polyphilus
geschehen. Er sah Macarien etliche mahl an: sie aber machte / wie beschwert
auch ihr Gemüte war / eine gar unschuldige Mine / und daurte also diese
Verwirrung aus / biss die Königin von der Tafel aufstunde / und von den Inwohnern
/ auch von Macarien Abschied nahm / welche sie biss auf die Gasse begleiteten: da
sie / nach vielen beiderseits Höflichkeiten / auf ihre Kutsche sass / und davon
fuhre.
 
                                 Zweiter Absatz
 Eusephilistus berichtet die Macarie / dass Polyphilus zu Soletten sich befinde:
welcher neben der Atychintide / Melopharmis / Agapisto und den andern / bei ihr
 einkehret. Polyphilus entschuldigt gegen ihr seine Ankunft / und erzehlt ihr /
wie er der Atychintide / die ihn hieher gebracht / ihrer beider Liebe entdecket.
Der Phormena falscher Bericht / von deme / was seiter mit der Atychintide sich
                   begeben /und ihre heimliche Verrätereien.
So bald die Königin hinweg war / nahm Eusephilistus die Gelegenheit in acht und
wollte Macarien wieder in vorgedachten Saal führen. Als sie sich aber
entschuldigte / dass es Abend / und Zeit wäre / sich nach Hause zu begeben /
sagte er mit etwas hönischen Worten: Es ist wahr / schöne Macarie! weil ihr
Liebster auf sie wartet / kann sie bei einer verdriesslichen Gesellschaft sich
nicht länger aufhalten. Mein Liebster! (versetzte Macarie) wo sollte ich doch
einen Menschen mit diesem Namen finden? Ey / sie stelle sich nicht so unwissend
/ (fuhre Eusephilistus fort) sie weiss ja / dass Polyphilus in unsrer Insel ist.
Ich schwöre / (sagte Macarie / welche ihren Vorsatz /dem Eusephilistus von ihren
Gedanken zu sagen / bei solcher Gefärlichkeit nicht vollführen konnte / sondern
vielmehr sich auszuwickeln suchen musste) dass ich davon nicht die geringste
Wissenschaft habe / sondern es nur vor Scherz halte. Was scherz! (versetzte
Eusephilistus) hier lese sie / was mir einer meiner Freunde geschrieben. Damit
übergab er ihr das Zetelein / welches er über der Tafel bekommen / woraus
Macarie dieses lase.
                         Treu-geliebter Eusephilistus!
Ich mache ihm hiemit zu wissen / dass ich / nachdem ich heut an dem Ufer spaziren
gegangen / den Feind und Mörder Polyphilus / samt seinen Schäfern / hinter einem
Gesträuch ersehen Und weil ich leicht mutmasse / dass er / Macarie zu bedienen /
und euch zu schaden / angekommen / als stelle ich zu eurer Betrachtung / was
hierinn vorzunehmen / und bleibe indessen
                                 Sein getreuer
                                                                         Freund.
Wie Macarie über dieses Brieflein erschrocken / kann man wohl ermessen: dann sie
musste fürchten / es möchte Eusephilistus alle Inwohner wider den Polyphilus in
harnisch bringen. Sie suchte ihn demnach mit Freundlichkeit zu besänftigen / und
sagte: Ich lese hier wunderliche Zeitungen / und bezeuge nochmals /dass ich davon
nicht das wenigste weiss. Ist Polyphilus hier / so wird er vielleicht mit
Melopharmis / die Königin zu bedienen / und gar nicht um meint  willen
/angekommen sein. Unsere Freundschaft ist so gross nicht / als sie der Pöfel
ausgiebet: der die Freiheit behält / zu reden / was ihm beliebet. Ich bedanke
mich jetzund mehr / ob ich einen Liebsten erwählen / als welchen ich erwählen
wolle. Und damit er / geehrter Eusephilistus! sehen möge / dass ich hierinn
unschuldig bin / so will ich wieder mit ihm auf den Saal spaziren. Dieses täte
Macarie / ihn aufzuhalten / dass er keine Verbündnus wider den Polyphilus
anstellen könnte.
    Als sie aber noch mit ihm redte / kam ihre Dienerin / und berichtete: wie
dass die König n von Sophoxenien bei ihr eingekehret / und allda übernachten
wollte. Dieses habe ich mir wohl gedacht / (sagte Eusephilistus) und ohne Zweifel
wird Polyphilus auch dabei sein? Diesen habe ich nicht gesehen: gab die Magd zur
Antwort. Ich weiss mich hierein nicht zu schicken / (versetzte Macarie) und er /
geehrter Eusephilistus! wird mir vergeben / dass ich / einen so hohen Gast zu
bedienen / von ihme Abschied nehmen muss. Ich bitte aber indessen / mehr seiner
Vernunft und meiner Erzehlung / als dem Vorbringen hässiger Leute / Glauben zu
geben. Das ist ein Uberfluss: (sagte Eusephilistus / der diese Freundlichkeit
schon für eine Liebe hielte) ich liebe Macarien viel höher /als dass ich ihr
einige Gefahr aufbürden sollte. Sie lebe / schöne Macarie! ohne alle Sorge / und
glaube /dass ich meine Feinde / auf ihren Befehl / ehren werde.
    Nachdeme Macarie sich dafür bedanket / nahm sie Abschied / und ging mit
ihrer Dienerin nach ihrem Hause. Unterwegs erzehlte ihr selbige / wie dass
Polyphilus / Agapistus und Tycheno auch vorhanden wären. Macarie ward etwas
ungedultig / dass man ihr so viel Sorge verursachte: welche Ungedult sich fast in
einen Zorn verwandelte / als sie sah / dass die Königin in ihrem Hause am
Fenster lage / und Polyphilus bei ihr / welcher seinen Arm um sie schlosse. Muss
ich dieses / (gedachte sie) also gegenwärtig dulten? Ist Atychintide / nur mich
zu schimpfen / und Polyphilus mich zum Eyfer zu reitzen / angekommen? Hierauf
gab sie ihrer Dienerin Befehl / eine Malzeit / so gut es die kürze der Zeit
verstattete / zuzurichten. Sie aber verfügte sich hinauf / und weil die Königin
mit Polyphilo aussen im Saal am Fenster stunde / stellte sie sich / als ob sie
dieselbe wegen der Dunkelheit nicht in acht nähme / und gienge sie vorbei / in
das Gemach: alda sie die Melopharmis / Phormena / Agapisten / Tycheno und die
andern empfienge.
    Hat man die Königin nicht gesehen? (fragte Melopharmis) sie stehet mit
Polyphilo im Saal. Ach nein! sagte Macarie / und gienge so fort mit dem Liecht
hinaus: Da sie dann ihren Fehler entschuldigte / und sehr höflich sich bedankte
/ dass man ihre einsame Wohnung mit dieser gnädigen Besuchung beglücken wallen /
bate auch / solche Gnade noch grösser zu machen / und ihrer geringen Malzeit
beizuwohnen. Ich habe nicht Hunger / (gab die Königin mit einem verdriesslichen
Gesicht zur Antwort) und muss mich vielmehr entschuldigen / dass ich ihre Wohnung
/ wehrte Macarie! so kühn eingenommen. Ich truge bedenken /im Gastofe zu
herhergen / und wollte dem Polyphilus / der ohnedass zu ihr verlanget / mit dieser
Einkehr einen Gefallen erweisen. E. M. haben die Macht / also zu schertzen:
(versetzte Macarie) ich nehme diese hohe Gnade mit demütigem Dank auf / ungeacht
sie mir Polyphilus / oder jemand anders / mag zu wegen gebracht haben. Hierauf
empfieng sie auch denselben / und fuhrte sie in das Zimmer / zugleich erwähnende
/ dass die Tafel bald zugerüstet sein würde.
    Ich habe heut (sagte sie) keinen so hohen Gast vermutet / und bitte
untertänig / meiner ungültigen Bewirtung gnädig zu vergeben. Das ist nur
Höflichkeit /kluge Macarie / (antwortete die Königin) womit ihr unsere Künheit
straffet. Ich bin noch satt von der vorigen Malzeit / und verlange jezt mehr den
Schlaf / als die Speise. Macarie redte hierauf mit Melopharmis /und den andern /
und liesse Atychintide in ihren tiefen Gedanken sitzen. Polyphilus suchte / durch
höfliche Bedienungen / sie zu ermuntern: aber vergebens. Dann sie stunde bald
auf / und eilete zur Ruhe: ihren Bedienten Befehl gebend / sich in etlichen
stunden färtig zu halten / weil sie noch vor Tags auf sein wollte. Sie ward nach
der Schlaf-Kammer von ihnen allen begleitet / da sie niemand / als die Phormena
/bei sich behielte.
    Macarie / gienge mit ihren Gästen wieder zu rück ins Gemach / alda sie eine
kurze Malzeit hielten / und nachmals / indem Agapistus die Erotemitis bediente
/ und Meloph armis mit ihrem Sohn sprachte / Macarie sich zum Polyphilus setzte
/ demselben ihren Verdruss über seiner Ankunft verweisslich zu entdecken. Aber er
kam ihr zuvor / und bate so sehnlich um Vergebung seines Ungehorsams / dass
Macarie allen Zorn musste fallen lassen. Es kann ja (sagte er) Liebe und Noht auch
einen eisernen Vorsatz brechen / und erlanget in den grösten Verbrechen
Vergebung. Ich gestehe gern / dass ich straffwürdig bin: hoffe aber /eine so
barmherzige Richterin zu haben / dass sie die Gnade dem Zorn vorziehen wird.
    Was ist leichter zu versöhnen / als ein verliebtes Gemüte? Kaum hatte
Polyphilus angefangen zu bitten / als Macarie bereit war zu vergeben / und seine
Gegenwart aller der Furcht / welche sie deswegen empfunden / vorzoge. Doch wollte
sie ihn nicht so gar ohn Straffe ausgehen lassen / sondern sagte: Ich weiss nicht
/ Polyphilus! wie ich diese Besuchung / wider die ich so eifrig gebetten /
aufnehmen soll? Er entschuldigt sich mit Liebe / und Noht: welche beide freilich
alle Fehler rechtfärtigen können. Allein / ich sehe gar nicht / wo diese Noht
herrühren sollte? So wird ihn dann die Liebe vielmehr beschuldigen / als
entschuldigen. Dann / so er mich liebt / würde er mich des Schreckens befreit
haben / welchen mir seine Ankunft erreget. Ich weiss nicht / was ich tue /so
voll Verwirrung hat mich diese heutige Begebenheit gemacht: und wer weiss / was
noch zu fürchten ist? weil alle Inwohner auf ihn lauren / und ihn für ihren
ärgsten Feind halten; wie mir Eusephilistus /nicht ohne Einfalt / zu lesen
gegeben. Soll ich nun diss vor Liebe halten / was zu meinem und seinem Schaden
dienet? Zwar wer will glauben / wann er sich mit meiner Liebe entschuldigt?
Vielleicht hat ihn die Liebe der Königin / welche er an meinem Fenster so
freundlich umarmet / hieher getrieben?
    Ach Macarie! (fiele ihr Polyphilus in die Rede) darf sie solche Laster mir
zuschreiben? kann sie glauben /dass ich jemand auser Macarien liebe? Ich habe
freilich einige Freundlichkeit gegen diese Törichte brauchen müssen: wird sie
aber das Gespräche / so ich dabei geführet / vernehmen / so weiss ich / dass sie
mich dieser Auflage befreit. Zwar ist mir hertzlich leid / dass ihr meine
Besuchung einigen Schrecken verursachet. Aber sie vernehme nur die Ursach /
welche mich zu solcher bewogen / und lasse doch alle Furcht der Gefahr fallen:
weil die hiesige Einwohner /wie gram sie mir auch sein mögen / doch in Gegenwart
der Königin / keine Gewalttätigkeit vernehmen dörfen; welches ich wohl
beobachtet / und nicht so blindlings / wie sie vermeint / herein gekommen bin.
Lasset die Liebe / mein Herz! und nicht den Zorn /über mich das Urteil fällen /
und verdammet nicht /ehe sich der Beklagte entschuldiget.
    Macarie / die wohl wusste / dass die Strafe dem Salat gleichen soll / dazu man
so wohl Oel als Essig vonnöten hat / erzeigte sich wieder etwas freundlicher /
und sagte: So erzehlt mir dann / was die Königin und euch in diese Insel
geführet? Jenes / (gab Polyphilus zur Antwort) kann ich auser einer geringen
Mutmassung /nicht wissen: dieses aber will ich ihr / ohn allen Betrug /
entdecken. Gestern / als ich den Talypsidamus mit einem Brief (welchen sie
hoffentlich von ihm wird erhalten haben) an sie abgefärtigt / bliebe ich / weil
ich nun die Anwerbung des Eusephilistus nichtig wusste / etwas freudiger / bei
meiner Herde / und hatte mit meinen Gesellschaftern allerhand Kurzweil. Unter
solcher sah ich den Servetus auf uns zukommen / und vernahme von ihm / wie die
Königin willens wäre / heute nach Soletten zu fahren. Wie wunderlich uns diese
Zeitung vorgekommen / kann ich nicht sagen: sonderlich weil wir / vom Servetus /
die eigentliche Ursach solcher Reise nit vernehmen / viel weniger solche selbst
errahten kunten. Wir fassten allerhand Mutmassungen / und fürchteten uns sehr
vor Verräterei: weil Melopharmis nicht zu hause war /der Königin Liebe aber noch
immer glimmete / und die Aufrichtigkeit der Phormena sehr ungewiss war.
Melopharmis beschlosse / hieher zu reisen / und durch ihre Gegenwart alles
widrige / so die Königin vornehmen würde / abzulehnen.
    Mich aber zwange die Liebe / und meine Weidgenossen die Treue / mitzuziehen:
damit wir wenigst der Furcht / welche uns in ihrem Abwesen kränken könnte /
befreit wären. Als wir nun nahe zur Insel gekommen / sagte Melopharmis: sie
wollte voraus gehen / und sich erkundigen / wie die Königin gesinnt? Wäre sie
freundlich / und wollte unsre Gegenwart leiden / so sollte Servetus uns dessen
berichten /dass wir vollends hinein kämen: würde sie aber sie zornig befinden /
so wollte sie gleichwol den Servetus zu uns schicken / dass wir wieder zurücke
gehen / und ihres schriftlichen Berichts erwarten könten. Also spazirten wir ein
zeitlang am Ufer auf und ab / und wurden von niemand ersehen / als von einem
jungen Inwohner / der uns etlichmal zu gefallen ging.
    Das ist eben der jenige / (sagte Macarie) welcher dem Eusephilistus eure
Gegenwart / durch ein Brieflein / zu wissen getan / und ihn zugleich zur Rache
angemahnet: wie er es mir dann selbst zu lesen gegeben. Dissmal (versetzte
Polyphilus) ist seine Wacht vergeblich / weil ich mit der Königin wieder
abziehen werde. Aber dass ich wieder auf meine Erzehlung komme / so sahen wir
bald hernach den Servetus / der uns die Erlaubnus brachte / herein zu kommen.
Also fuhren wir über / und blieben so lang in der Herberge / biss die Königin von
der Malzeit kam: da wir sie bewillkomten / und alsobald Befehl erhielten / mit
ihr zu Macarien zu kommen; welches dem Polyphilus eine angenehme Post war. Wie?
(fragte Macarie) war dann Atychintide / bei eurer Begrüssung / freundlich? Viel
mehr / als ich hoffen kunte: antwortete Polyphilus. Wie komt es dann / (fragte
Macaris ferner) dass sie sich so verändert / und in meiner Gegenwart so
widerwärtig erschienen?
    Das will ich ihr jezt sagen: versezte Polyphilus. Als die Königin nach ihr
geschicket / und am Fenster mit mir stunde / sah sie / wie sie mit der Dienerin
daher kam / und sagte: Nun sehet ihr / Polyphilus! was ihr verlanget? ergetzet
euch heute mit Macarie Liebe /und verhelet mir eure Freundschaft nicht länger.
Ich wusste fast nicht / was ich auf dieses antworten sollte: dachte aber doch /
weil sie es wissen will / und ich keine Ursach weiss / die mich zurück halten
sollte /will ich mich ihrer verdriesslichen Liebe befreien / und meine Liebe
entdecken. Ich sagte demnach / weil E. Maj. selber mich Macarien lieben heissen /
so liebe ich sie ja billig. Ich habe schon lang auf diesen Befehl gewartet / und
immer gehoffet / es würden E. Maj. wann sie der Macarie Gaben (die niemand ohne
Verwunderung sihet) erkennen / ihre Ungnade gegen sie fahren lassen / und meine
Liebe billigen: welches / weil es heute so glücklich erfolget / als habe ich dem
Himmel vor seine Güte / und E. Maj. vor dero gnädigen Beifall / untertänig zu
danken / und bekenne aufrichtig /dass ich allein der Macarie meine Seele
verpfändet /und viel leichter ohne Leben / als ohne ihre Liebe sein werde.
    Hier war nun die Königin mit ihren eignen Worten geschlagen / und kunte /
wie sehr sie auch meine Worte kränkten / ihren Zorn nicht gegen mich erweisen:
weil ihre Ankunft / schöne Macarie! solches verhinterte. Doch sagte sie: muss man
/ die Bekantnus der so lang verheelten Liebe / also heraus locken? so bin ich
dann nicht vergeblich nach Soletten gereiset. Aber sehet zu / Polyphilus! dass
euch dieser Vorsatz nicht gereue. Ich bin willens gewesen / euch hoch zu setzen.
Weil ihr aber meine Gnade verachtet / so verharret in eurem Vorhaben / und
wisset / dass jeder sein Unglück auf den Amboss seiner eignen Torheit schmidet.
Ich erschrack etwas über dieser hitzigen Antwort / und wollte anfangen mich zu
entschuldigen: Sie aber risse sich von mir / als eben mein Schatz gegen ihr kam
/sie empfienge / und in das Zimmer führte: daher ich nachmals keine Gelegenheit
weiter hatte / ihren Zorn auszusöhnen. Und das ist die Widerwärtigkeit / über
welche sie / mein Herz! sich verwundert hnt. Er hätte auch deren wohl überhaben
sein können / (sagte Macarie) und die Eröffnung unserer Liebe noch länger zu
rück halten sollen. Wer weiss / was diese Bekentnus /vor unserer völligen
Verbindnus / noch für Unruhe erregen kann? Sie muss es doch endlich wissen /
(versezte Polyphilus) und wollte ich / wann ich Lust dazu hätte /sie bald eines
andern bereden / und alles in Scherz ziehen / weil sie leichtlich glaubt / was
sie wünschet. Wir wollen vernehmen / was Melopharmis vor einen Raht gibet.
    Damit riefe er derselben / und fragte: Welchergestalt sie der Königin ihre
Gegenwart kund gemachet hätte? So bald Atychintide (gabe sie zur Antwort) eure
Widerkunft verstanden / bliebe sie eine gute Zeit in tieffem Nachsinnen / (wie
Macarie wohl wird wargenommen haben) ohne zweifel mit verliebten Gedanken
umgeben; welcher ich mich bedienen wollte / und sie heimlich fragte: wann sie
gesonnen wäre wieder abzureisen? Warum fraget ihr? gabe sie zur Antwort.
Polyphilus und Agapistus (sagte ich) haben mich /neben meinem Sohn / biss hieher
begleitet. Weil sie sich aber / wegen der Inwohnere Hasses nicht in die Insel
trauen / sondern an dem Ufer auf E. Maj. warten: als wollte ich / wann sie
befehlen / ihnen dero Ankunft / durch den Servetus / wissen lassen. Polyphilus!
(versetzte die Königin / mit einer frölichen Gebärde) ist der hier? so lasset
ihn nur herein kommen. Er darf der Inwohner Grimm nicht fürchen / weil sie in
meiner Gegenwart sich scheuen / und nichts feindliches wider ihn vornehmen
werden. Also färtigte ich den Servetus an euch ab. Atychintide machte hierauf
den Aufbruch / und fuhre mit Freuden nach den Gastof. Nach diesem aber / hat
sich ihre Zufriedenheit gehemmet / dass sie ganz vedriesslich worden: woher es
komme / kann ich nicht wissen.
    Ach! ich bin Schuld hieran: sagte Polyphilus / und erzehlte hierauf / was er
mit ihr vorgehabt: welches Melopharmis nicht ungestraft lassen kunte. Was habt
ihr dessen für Ursach gehabt? sagte sie wider ihn. Diss ist es eben / was ich so
oft an euch getadelt / dass ihr allzu offenhertzig seit. Wie bald könnte auch ich
hierdurch in Unglück fallen? Und was werde ich jezt vor Zeit zu Sophoxenien
haben? wird nicht die Königin mutmassen / dass ich eure Liebe befördert / und
deswegen alle Ungnade auf mich werffen? Kan ich doch (widerredte Polyphilus)
dieses wieder in Scherz ziehen! Wann es nur die Königin glaubt? begegnete ihn
Melopharmis. Ich will aber sehen / wie ich ein Mittel ersinne sie zu begütigen.
Wann ich nur wüste /warum sie in diese Insul gekommen / und ob wir der Phormena
Erzehlung trauen dürfen.
    Indem sie also redten / kam Phormena ins Gemach / und befahl der Erotemitis
/ zur Königin zu kommen; sie aber gesellte sich zu Macarien und fragte: was sie
vor Gespräche hätten? Wir haben uns berahten / (sagte Macarie) was doch
Atychintide bewegt haben müsse / hieher zu reisen? Ja! (versetzte Phormena) ihr
lasset mich wohl in der Angst stecken / und geniesst indessen der Ruhe. Schicket
mich mehr allein nach Hause / und kommet so lange nichternach! Habe ich doch
nicht gewust / wie ich die Königin endlich mehr stillen sollte? Melopharmis
lachte hierüber / und sagte: Ich bin unschuldig! warum ist Polyphilus so lang
ausgeblieben? Aber erzählt uns doch /was indessen zu Sophoxenien vorgegangen.
    So bald ich (fienge Phormena an) mit dem Servetus nach Sophoxenien kam /
fragte Atychintide / warum ich allein käme? und als ich zur Antwort gabe /
Melopharmis würde mit den Schäfern hernach kommen; fragte sie ferner: warum es
dann jezt nicht geschehen wäre? Polyphilus und Agapistus (sagte ich) haben eine
Reise nach Rutiben / um den Hirten-Schutz zu erlangen / vorgenommen: und weil
Melopharmis ihren Sohn / aus Furcht der Gefahr / nicht mitlassen wollen / ist
sie / biss zu ihrer Widerkunft / bei ihm verblieben / und wird alsdann von allen
hieher begleitet werden. Was! (sagte die Königen) ist Polyphilus nach Rutiben
derreiset / dass er nun allezeit ein Schäfer bleibe? und Melopharmis befördert
solches Vorhaben / welches ich ihr doch zu verhintern befohlen? Ich erschrack
über dieser Frage / die sie mit zornigen Gebärden vorgebracht / und gab zur
Antwort: dass Polyphilus rach Rutiben abgereiset / habe ich zwar gesehen; ob er
aber allezeit ein Schäfer bleiben werde /oder nur auf eine zeitlang den Schutz
suchet / kann ich so eigentlich nicht wissen. Melopharmis wird es E. Maj. bei
ihrer Widerkunft besser berichten können. Hierauf gab sich Atychintide / wiewol
nicht ohne innerlichen Grimm / zu Ruhe / und erwartete eurer Heimkunft. Als ihr
aber mit derselben verzoget /wurde sie ungedultig / und sagte: Was soll dann
endlich aus dieser Handlung werden? will Melopharmis die Schäfere hieher
bringen? oder will sie selbst eine Schäferin werden? Das lezte erscheinet / aus
ihrem Ausenbleiben fast glaublicher / weder das erste: Vielleicht (gab ich zur
Antwort) wird Polyphilus zu Rutiben aufgehalten / und damit auch die Heimreise
der Melopharmis verhintert.
    Wann ich nur wüste / (sagte sie ferner) ob Polyphilus noch gesonnen / sich
mit Macarie zu verehlichen? und ob sich dieselbe nicht wegert / eine Schäferin
abzugeben. Diss war eine Frage / welche vielmehr einer Falle gleichte: daher ich
einen Umweg suchen musste /wollte ich nicht in Schaden kommen. Ich sagte demnach:
Diese Verehelichung wird meines Erachtens /noch viel Mühe kosten. Ich weiss zwar
nicht / wie ihre Freundschaft beschaffen / und ob Macarien der Schäfer-Orden
belieblich. Wann aber schon dieses wäre /so sehe ich doch nicht / wie sie
Polyphilus von Soletten los bringen sollte: weil sie in keine Entführung willigen
wird / er aber / wegen der Inwohner Feindschaft / nichts öffentlichs vornehmen
darff. Das ist etwas / (versetzte die Königin) dass der überklugen Macarie noch
Nachdenken machen wird. Aber ihr kennet ja dieselbe! so entdecket mir doch
aufrichtig /ob sie der Liebe des Polyphilus würdig sei / und dass er / ihr zu
gefallen / den Herrnstand / aus welchen er /allem Ansehen nach / geboren / mit
dem Hirten-Kleide verwechsle? Die wenige Erkentnus / (antwortete ich) so ich von
Macarien habe / heisset mich nichts anders schliessen / als dass sie hohe und
seltene Gaben besitze: ob sie aber so gar bewunderbar / wie sie Polyphilus
schätzet / will ich nicht urteilen. E. Maj. lassen sich gnädig gefallen / einst
selber nach Soletten zu reisen / und wegen der Vorsorge / so sie um den
Polyphilus tragen / Macarien zu besprechen. Ihr erinnert wohl! (sagte die
Königin) und weil künftige Woche das Jahr-Fest der Insul gefeiret wird / will
ich Gelegenheit nehmen / selbiges zu sehen / und zugleich die Würdigkeit
Macarien zu erforschen. Hierbei blieb es nun / biss Atychintide befahle / die
Reise anzutretten.
    Ich hoffte indessen immer / ihr würdet nach Haus kommen / oder / es würde
die Königin / wann sie die Hoheit Macarien beobachtet / anders Sinnes werden
/und in des Polyphilus Liebe willigen: welches auch noch geschehen wäre / wann
nur Polyphilus sein Herze nicht so vorzeitig eröffnet / sondern zuvor um ihre
Einwilligung gebeten hätte. Hat sie denn (fragte Polyphilus) etwas davon
gedacht? Warum nicht? (sagte Phormena) so bald ich mit ihr in die Kammer
gekommen / sagte sie: Nun darff ich nicht weiter fragen / Phormena! Polyphilus
hat mir heut ungescheut bekennet / dass er eher sein Leben / als die Macarie
/lassen wolle. So sind dann (fragte ich) E. Maj. damit zu frieden? Was soll ich
machen? gab sie zur Antwort. Ich hätte wohl Ursach / seine Hartnäckigkeit /mit
welcher er meine Guttaten erkennet / zu straffen /und ihn den ergrimten
Inwohnern / welche vorhin auf ihn lauren / einzuhändigen. Allein / ich betrachte
die Gewalt der Liebe / die blind ist / und blind machet; auch die Gaben der
Macarie / von denen ich bekennen muss / dass sie gross sind. Ich habe vermeint /
ihn /wegen seines schönen Verstandes / mit etwan einer höhern Person zu
verehlichen / und dadurch glückseelig zu machen: Nun er aber lieber ein Schäfer
bleibet /so mags drum sein! ich habe nun das letzte-mahl darwider geredt: dann
bei eignen Willen geschiehet niemand unrecht. Das ist der Königin Schluss: bei
welchem sie nun wohl bleiben wird / weil ich euer Wort stark geredet. Nun muss
Polyphilus sich ehrerbietig und freundlich gegen ihr erweisen / und seine
heutige Künheit wieder auszuwischen suchen. Das werde ich fleissig beobachten!
(sagte Polyphilus) bedanke mich indessen für ihre Bemühung / und verspreche /
deswegen Schuldner zu bleiben.
    Also erzehlte die listige Phormena / die Handlungen der Königin / und machte
es so glaublich / dass Melopharmis selbst betrogen wurde / und dieses alles so
sicher glaubte / dass sie der Phormena alles / was sich bisher mit ihnen begeben
/ und wann Polyphilus die Macarie abzuholen gesonnen wäre / entdeckte. Phormena
hatte eben das gesucht / und stellte darnach ihre Verräterei an / zu deren sie
(damit wir die warhaftige Erzehlung anführen) diesen Anfang gemacht.
    Als Phormena / nach der Melopharmis Befehl / mit dem Servetus nach
Sophoxenien gehen musste / war sie hierüber heimlich erzürnet / und hatte
unterwegen tausenderlei Anschläge / sich an Melopharmis hönischem Wesen zu
rächen. Und solches wusste sie nicht empfindlicher zu tun / als wann sie selbige
bei der Königin in Ungnade brächte / von Hof triebe / und hernach ihre Stelle
überkäme: welches ihr dann /durch die Eröffnung der Freundschaft der Melopharmis
mit Polyphilus und der Hülffe / die sie ihm in der Liebe Macarien erwiesen /
nicht schwer fallen konnte. Dann als die Königin fragte: ob dann Melopharmis des
Polyphilus Reise / und sein Schäfer-gelübde beforderte? gab Phormena zur
Antwort: wie dass sie nicht anderst schliessen könne. Wie? (sagte die Königin)
handelt Melopharmis also mit mir? Ich habe ihr ja einen ganz andern Befehl
gegeben / und sie hat auch allezeit anderst gegen mich geredt. Vielleicht hilfft
sie auch zu der Liebe des Polyphili gegen Macarie: Phormena fienge hierauf an
hönisch zu lächeln /und gab so viel zu verstehen: Es wäre nichts gewissers. So
müsst ihr (sagte Atychintide) etwas Umstände von ihrer Falschheit wissen.
Alsbald erzählt mir /was euch davon bekandt / und versichert euch / dass ich es
nicht unvergolten lassen will.
    Phormena zoge die Schultern / und sagte: E. Maj. befehlen mir dergleichen
gefährliche Dinge nicht. Ihre Forderung zwar ist gerecht / und meine Bekentnus
wäre billig: allein / wie würde ich damit bei Melopharmis ankommen / welche wir
ja so sehr als E. Maj. fürchten müssen. Melopharmis / (versetzte die Königin /
voll Zorn) soll von jezt an erfahren / dass ich / und nicht sie / Königin sei.
Wer die Gnade gibet / hat auch Macht / sie wieder zu entziehen /wann sie
missbraucht wird. Und ihr sollet euch nicht fürchten / ihre Verräterei zu
entdecken / wann ihr euch nicht wollet ihres Verbrechens teilhaftig machen.
Eröffnet mir / Phormena! die Bosheit dieser Untreuen / und zweiffelt nicht / dass
ich eure Aufrichtigkeit gnädig belohnen / auch der Melopharmis davon nicht sagen
/ sondern / ihre Untreu durch andere Wege offenbar zu machen / suchen werde.
Hierauf erzehlte Phormena der Königin alles / was sie von des Polyphilus Liebe
gegen Macarien / und von Melopharmis Beförderung wufte.
    Atychintide hierüber ganz erstaunet / schrye auf: hilf Himmel! was höre ich?
wie übel sind doch die Hohen daran / dass sie ihre Verrichtungen den Bedienten
auftragen müssen / unter welchen die allerwenigsten getreu sind. O du
Ertz-Verräterin Melopharmis! wie viel Guttaten habe ich dir erwiesen / und was
vor Gnade habe ich dir noch erweisen wollen? und du belohnest es mit solchem
Undank / und stärkest das jentge / was ich dir zu brechen befohlen. Ich müste
gewiss nicht Königin sein / wann ich deine freche Tat ungestraft liesse. Aber
stille! wir wollen uns nicht übereilen / damit ihr nicht in Verdacht kommet.
Unsere Rache / soll durch den Aufschub nicht unkräfftig werden: Wir wollen /
gleich den Göttern / auf wüllenen Socken zur Strafe gehen / aber mit eisernen
Händen solche vollziehen. Lasset uns zuvörderst bemüht sein / die List der
Melopharmis vielmehr zu hintertreiben / als zu straffen. Dann ein-vor alle mal
/ich kann und will nicht gestatten / dass diese Liebe ihren Zweck erreiche. Darum
rahtet zu / Phormena! was hiebei zu tun sei. Ich will euch aller Gefahr
befreien / und die Stelle der Melopharmis / deren sie sich durch diese
Falschheit verlustig gemacht / euch einräumen.
    Hier hatte nun Phormena / was sie gesuchet / und gab der Königin zur
Antwort: meine Schuldigkeit /Gnädigste Königin! heist mich dero gnädigsten
Befehl / auch ohne so hohe Belohnung / gehorsamen: wiewol zu dieser schweren
Verrichtung / ein höherer Verstand / als der meinige / vonnöten wäre. Dann
Polyphilus und Macarie sind nicht allein fäst / sondern auch listiglich
verbunden / und haben Melopharmis zur Gehülfin. So brauchet Gegenlist / (fiel
ihr Atychintide in die Rede) damit wir unsern Zweck erreichen. Bei Polyphilo
(versetzte Phormena) ist wenig zu gewinnen / dann er kehret sich an nichts: aber
Macarie / die etwas furchtsam ist / und üble Nachreden als den Tod selber
fliehet / dürffte wohl eher eines andern zu bereden sein. E. Maj. lassen sich
gnädig gefallen / weil eben jezt der Insel Jahr-Fest einfället /selbst eine
Reise nach Soletten zu tun / und Macarien des Polyphilus Liebe verhasst / oder
doch so gefährlich zu machen / dass sie sich noch eine zeitlang wegere: indessen
will ich einen andern Raht ersinnen. Atychintide hierein willigend / liess darauf
die Reise mit allem Fleiss bestellen / und kame also nach Soletten. Weil sie aber
/ durch die Ankunft der Melopharmis / an ihrem Vorhaben verhintert wurde / liesse
sie den Polyphilus / so bald sie seine Gegenwart verstanden / zu sich beruffen /
und suchte ihre Liebe durch seine Gegen-Liebe zu befriedigen / oder doch ihn von
der Macarie Gunst abzuhalten. Aber er begegnete ihr /wie gesagt / mit einer so
freien Bekentnus / dass sie nicht wusste / wo sie sich vor Grimm lassen sollte /
und also voll Unmuts zu Bette ging.
    So bald sie nun in der Kammer war / erzehlte sie der Phormena / die kühne
Antwort des Polyphilus /und fragte sie: was nun zu tun wäre. E. Maj. lassen sich
das nicht anfechten! (gab Phormena zur Antwort) dann ob der erste Streich
verloren / wollen wir den andern desto gewisser führen. Die Reise dienet
wenigst dazu / dass man des Polyphilus Vorsatz erkundiget / und nun bässer weiss /
wie derselbe zu verhintern. So sehen sie auch hieraus / dass ich nichts dann die
Warheit erzählt / und dass alles dem Polyphilus zustimmet / so gar / dass auch
Servetus ihm anhanget: dann von wem sonst / als von ihm / werden sie unsre Reise
erfahren haben / und angekommen sein / unser Vornehmen zu verhintern? darum muss
man sehr behutsam verfahren / wann man etwas ausrichten will. Wer seinen Feind
im harnisch sihet / der wird vorsichtig / und dadurch unüberwindlich: wer ihn
aber schlaffend findet / wird sicher / und dadurch gefället. Das allernötigste
ist / dass wir ihnen allen Verdacht /einiger Nachstellung / aus den Sinne
bringen: damit sie solche nicht zu verhintern trachten. E. Maj. stellen sich nur
morgen ganz anders Sinnes worden / und die Liebe des Polyphilus und Macarien
nicht weiter hintern wollte: dadurch kann ich ihre Heimlichkeit vollends erfahren
/ und meine künftige Anschläge darnach anstellen. Ihr habt es wohl ausgesonnen /
(sagte die Köntgin) und ich habe in dieser Sache / wegen der grossen Verwirrung /
die mir meine Sinne verrucket /wohl Rahts vonnöten. Bei einen guten Führer / kann
auch ein Blinder nicht irre gehen. Schaffet nur / Phormena! dass euer Anschlag zu
Werk komme / und lasset indessen die Erotemitis eure Stelle vertretten.
    Also kam Phoimena / mit ihrer List / zu der Gesellschaft / und betroge
dieselbe mit freundlichen Worten / dass sie ihr alles entdeckten / was sie
verlangte. Und weil Melopharmis / wegen Kürtze der Zeit /nicht zu Bette gehen
wollte / Polyphilus auch / die Gegenwart seiner Liebsten / viel höher als den
Schlaf schätzte / blieben sie alle beisammen / und ergetzten sich mit dem
scherzhaften Agapistus / biss Phormena wieder zur Königin beruffen ward: die
gleich Befehl erteilte / die Kutsche zu bespannen / und sich zur Abreise färtig
zu halten. Hierauf nahm Polyphilus Abschied von seiner Macarie / und versprache
/ ehest ein Brieflein zu senden / auch zu Rutiben seine Abholung zu befördern.
    Indem sie noch redten / kam Atychintide; zu deren /nach abgelegtem
Morgen-Gruss / Macarie sagte: es scheinet wohl / das E. Maj. ein schlechtes Lager
gehabt / weil sie dasselbe so frühe verlassen. Das Lager war gut / (sagte die
Königin) allein die Furcht / dass mich die Innwohner aufhalten möchten / hat mich
gezwungen / selbiges zu verlassen / und noch vor Tags abzureisen. Es werden doch
E.M. (versetzte Macarie) noch ein schlechtes Früstück erwarten. Nein! (begegnete
ihr Atychintide) ich bin nicht gewohnt / so früh zu speisen. Damit schenkte sie
Macarien ein schönes Kleinod / und sagte: sie sollte solches / als ein Zeichen
ihrer Gnade / aufbehalten / und bald Gelegenheit nehmen / nach Sophoxenien zu
ihr zu kommen. Wofür Macarie sich demütigst bedankte. Als Atychintide auch den
Polyphilus gesegnen wollte / bate er üm die Erlaubnis / ihr mit seiner Begleitung
/ biss nach Sophoxenien / aufwarten zu dörfen. So wollte ihr uns begleiten? fragte
die Königin. Dafern es E.M. nicht beschwerlich ist: versetzte Polyphilus. Im
geringsten nicht! (antwortete sie) damit ihr aber vor den Inwohnern allhier
sicher bleibet / so setzet euch zu mir in den Wagen. Diss wäre zu unhöflich?
sagte Polyphilus. Habe ich es doch befohlen! begegnete ihm die Königin / nahm
damit nochmals Abschied von Macarie /sasse auf / und fuhre über die Brücke /
welche auf der Seite nach Sophoxenien stunde / ehe die Inwohner dessen gewar
wurden.
 
                                 Dritter Absatz
    Atychintide / lässt den Polyphilus wieder von sich /und beredet sich mit
      Phormena / wie man ihn von Macarie trennen möchte. Sie wird von der
Apatileucheris besucht und eingeladen. Ihrer beider Gespräche / vom Polyphilus.
   Nach genommener Abrede mit Phormena / schicket sie die Melopharmis und den
 Servetus zum Polyphilus / und fährt zur Apatileucheris: dahin auch die Macarie
    und den Eusephilistus zu bringen / Phormena und ein Diener nach Soletten
    abgefärtigt werden. Des Polyphilus und Macarien Briefwechsel von seiner
                                 Unpässlichkeit.
Polyphilus suchte unterwegs alle Höflichkeit hervor /so er jemals gelernet / und
vermeinte damit die Königin / wegen des gestrigen Verdrusses / auszusöhnen:
wordurch er aber nur ihre Liebe gegen ihm und den Vorsatz mehrte / seine
Wechsel-Liebe mit Macarien zu verhintern. Sie erzeigte sich zwar auf das
allerfreundlichste / und bemühete sich / diese zween Tage / allerhand Kurtzweil
und Freude anzustellen /liesse auch diese Schäfere / weil sie sich nicht länger
wollten aufhalten lassen / mit grossen Geschenken wieder abreisen. So bald aber
Polyphilus hinweg war /und die Künigin die Schmerzen ob seiner Abwesenheit
anfienge zu fühlen / liesse sie / solche zu lindern /die Phormena zu sich in den
Garten fordern / und befahl indessen der Melopharmis ein ander Geschäffte /damit
sie mit ihr allein sein möchte.
    Ihr wisset / getreue Phormena! (sagte sie zu dieser) mit was vor einem
Schluss wir von Soletten abgezogen / und wie ihr mir daselbst zugesagt / des
Polyphilus Liebe gegen Macarien / nach eurer Klugheit / zu verhintern: welches
dann in warheit höchst-nötig ist. Ich habe alles reiflich erwogen / und die
Sache / die Länge und die quär überlegt / befinde aber ganz nicht rahtsam / den
Polyphilus in diesem Irrtum stecken zu lassen. Die Jugend fähret unvorsichtig /
und hält öffters das vor den Weg des Glückes / welches doch die Strasse zum
Verderben ist. Wüste Polyphilus nichts von Macarie / er würde seine Hand / die
zu etwas höhers tüchtig scheinet / nimmermehr an den Schäfer-stab gelegt haben.
Aber Macarie / ist die Pest seines Glückes / und der Tod seiner Ehre: wie er mit
der Zeit selbst / aber allzuspat / beklagen wird. Dann so lang seine Sinne von
der Zauberei der Liebe eingenommen sind / kann er seinen Untergang nicht
warnehmen. Die Vernunft ist dem Gemüt eines Verliebten / wie eine Latern in der
Hand eines Blinden. Wie dem jenigen /der durch ein grünes Glas sihet / alle
Sachen grün vorkommen / ob sie gleich ganz anderer Farbe sind: also dünket auch
den Polyphilus / so lang er durch das Glas seinei Einbildung sihet / alles / was
ihm die Liebe der Macarie befördert / recht und löblich sein. Darum muss man
diesen verblenden Gimütern / die Brille von den Augen tun / welche ihnen die
Liebe aufgesetzt / damit sie nicht in ihrer Blindheit fort fahren / und
verderben:
    E. Maj. (sagte Phormena) haben alles verständig beobachtet / und ich befinde
mich auch schuldig und willig / hierinn nach allen Kräfften zu dienen. Wiewol
mir der Handel viel schwerer vorkommet / als ich zuvor vermeint: sonderlich /
weil er keinen Verzug leidet. Dann so viel ich vernommen / wird Polyphilus mit
nächsten die Macarie abholen: weil er zu Rutiben nit allein den Schutz vor die
Heerde / sondern auch die Hoffnung zur Fördernis erlanget; worauf er seine
Liebste / unter den Geleite von Rutiben / ganz sicher von Soletten hinweg
bringen kann. Hilff Gott! (rieffe Atychintide / mit erschrockenen Gebärden) so
eilet / diese Frucht / mit der Wurtzel / auszurenten /welche so bald zu reiffen
beginnet. O du treulose Melopharmis! welche Strafe wird deine Lasier austilgen?
Ach Phormena! lasset mich in dieser Bestürtzung nicht ohne Raht. Ich will lieber
einen Teil meines Glückes verlieren / als zugeben / dass diese Verehlichung
ihren Fortgang gewinne. Ich will gern / (gab Phormena zur Antwort) das meinige
tun / bin auch bisher nicht müssig gewesen / sondern habe hin und her gedacht /
und allerlei Anschläge gehabt / davon mir doch keiner gefallen will. Ich befinde
List und Gewalt bei diesen Verliebten unkräfftig / so lang sie sich nicht selbst
veruneinigen: welches man dann nicht eher erlangen könnte / als durch die
Eifersucht /die zwar aus der Liebe geboren wird / aber seine Mutter bald nach
der Geburt erwürget. Was weder Noht noch Gefahr / weder Kunst noch Unglück
entzweien kann / das trennet die Eifersucht: welche / gleich einem Rauch / die
Flamme der Liebe erleschen macht. Könten wir dieselbe zwischen diese Verliebte
bringen /wir wollten unser Vorhaben wohl erreichen.
    Ihr redet wohl / Phormena! (versezte die Königin) aber wo finden wrr diese
Drachen-Zähne / aus welchen die Uneinigkeit wachsen soll? Den Polyphilus (sagte
Phormena) wollte ich bei Macarie / durch die Schäferin Volinie / die er
unterweilen bedienet / leicht verdächtig machen: wie wir aber Macarien beikommen
/ das kann ich nicht absehen / weil sie allen Argwahn fliehet. Doch / wann ich
Gelegenheit ersinnen könnte / den Eusephilistus / des Polyphilus Neben-Buhler /
irgend mit ihr zusammen zu bringen / hätte ich noch Hoffnung / ihn eiffern zu
machen. Solte man das nicht tun können? begegnete ihr Atychintide. Ich will sie
beide zu mir herüber laden. Das ist verdächtig / (antwortet Phormena) und wird
ihnen bald einen Argwahn an die Hand geben: sonderlich / weil Melopharmis zugen
ist. Ich will einen andern Ort / zu diesen Vorhaben erdenken.
    Aber sehet / wie die Bosheit allezeit eher / als dir Tugend / befördert
wird. Eben / als diese beide noch ratschlagten / kam Erotemitis / und
berichtete / wiedass Apatileucheris von Montefessen / die Königin zu besuchen /
angekommen wäre. Atychintide wunderte hierüber / aber Phormena führte sie auf
die Seite / und sagte: E. M. seien frölich! diese wird uns Mittel an die Hand
geben / unsern Vorsatz auszuführen. Wann nur Melopharmis uns nicht verhinterlich
ist / hoffe ich jetzo zu erlangen / was sie wünschen. So geht ihr /(sprach die
Königin) mit Erotemitis hervor / sie zu bewillkommen; befehlet aber vorher der
Melopharmis / die Küche zu bestellen / damit wir vor ihr sicher bleiben.
Phormena ging eilends / dieses zu verrichten / und brachte endlich die
Apatileucheris zur Königin / die ihrer im Garten wartete. Diese / nachdem sie
der Atychintide Rock geküsset / sagte: Durchleuchtigste Königin! E. Maj.
bewundere nicht / dass / deroselben untertänigst aufzuwarten / ich mich hieher
verfüget. Die Glückseeligkeit der Solettischen Inwohner /deren Jahr-Fest / E.
Maj. unlängst mit ihrer hohem Gegenwart geehret / heisset mich gleiche
Beseeligung hoffen / und zwinget mich / E. Maj demütig zu ersuchen / dass sie
gnädig geruhen wollen / auch unserm Fest / welches in etlichen Tagen wird
gefeiret werden / / dero hochansehliche Gegenwart zu gönnen. Heroarcha / mein
Liebster / welcher E. Maj. sich untertänig befehlen lässet / führet mit mir
gleiche Bitte /und erwartet einer gnädig-gewürigen Antwort.
    Ich sage Dank / (erwiederte die Königin) für die Einladung / fürchte aber /
damit Unkosten zu verursachen / zumal ich / wegen neulicher Bewirtung / noch in
Schulden stehe. E. Maj. (versetzte Apatileucheris) werden durch eine Fehlbitte /
meine Reise nicht unglücklich machen. Ich will sehen / (sagte Atychintide) was
die Zeit leiden wird. Ihr werdet aber heute bei uns Malzeit halten / wann wir
hinwieder zu euch kommen sollen. Wann es E. Maj. gnädig befehlen /kann ich mich
darwider nicht entschuldigen: sagte Apatileucheris / und verwilligte zu bleiben.
Sie hatte mit der Königin allerhand Gespräche / biss sie zu verstehen gab / was
sie suchte: Dann sie hatte diese Besuchung bloss wegen des Polyphilus vorgenommen
/in welchen sie sich ehedessen häftig verliebet / auch von ihm gleiche Zeichen
der Gegen-Liebe / zusamt der Verheisung / sie bald wieder zu sprechen /
erhalten: worauf sie aber bisher vergeblich gewartet / weil Polyphilus / durch
die Liebe Macarien / ihrer vergessen / auch die Stunde / darin er sie geliebt /
verfluchte / also dass sie nicht das geringste weiter von ihm vernehmen konnte /
auch wegen der Furcht / bei ihrem Eheherrn Heroarcha einigen Zweifel ihrer Treu
zu erregen / / nicht öffentlich nach ihm fragen dörfen / biss ihr diese Einladung
der Atychintide / Gelegenheit gab / zu fragen / wie es doch Polyphilo / dem
Erretter dieses Schlosses / gienge / und wo er sich aufhielte?
    Polyphilus (gab die Königin zur Antwort) ist nun ein Schäfer. Ein Schäfer!
riesse Apatileucheris: dess muss ich mich ja wundern; wie ist er auf diesen
Vorsatz kommen? Das weiss der Himmel! versetzte Atychintide Er wendet eine
Weissagung vor / aber sie dünket mich sehr zweifelhaft. Ich habe mich nach allem
Vermögen bemühet / dieses Vorhaben zu hintertreiben / aber alles umsonst:
Polyphilus würde eher die Welt / als seinen Schäferstand verlassen. Hat er
vielleicht eine Liebste / (fragte Apatileucheris) die ihn zu den Hirten treibet?
So viel ist es! begegnete ihr die Königin. Macarie von Soletten / das
unschätzbare Tugend-Bild / wie sie Polyphilus abmahlet / hat seinen Sinn also
eingenommen / dass er von nichts / als dem Hirtenstande / hören will. Ich habe
(erwiederte Apatileucheris) schon oft diese Macarie rühmen hören / und hoffe nun
/ weil E. Maj. selbst zu Soletten gewesen /ein gerechtes Zeugnus von ihrer Würde
zu vernehmen. Ich bin / die warheit zu bekennen / (versetzte die Königin) eben
deswegen in die Insel gereiset: weiss aber fast eben so wenig / als zuvor / was
ich davon sagen soll. Allen Ruhm begehr ich ihr nicht zu nehmen / dann das wäre
wider die Billigkeit / weil ich befunden / / dass viel Gaben und Tugenden / sich
in ihr vereinigen. Dass sie aber so unvergleichlich sei / wie sie Polyphilus
rühmet / der sie über alle andere erhebt / will mir nicht zu Sinn. Ich spreche
kein Urteil /biss ihr / Edle Apatileucheris! sie selbst gesehen und gesprochen.
So bleibet es wohl ohne Schluss / (gab Apatileucheris zur Antwort) weil ich keine
Gelegenheit zu ihrer Freundschaft oder Besprechung habe.
    Die kann man bald finden! redte Phormena darzwischen. Sie lasse / Edle
Apatileucheris! Macarien zu sich aufs Fest beruffen. Das wollte ich wohl tun
/(gab diese zur Antwort) allein / was wird sie gedenken / weil ich ganz unbekant
bin? Wann ich hinauf zu dem Fest fahre / (sagte die Königin) will ich sie selbst
abholen lassen. Da hätte ich doppelte Ursach zu danken: sagte Apatileucheris.
Gewiss ich will es tun: (versetzte die Königin) aber lasset euch jezt bei der
Tafel nichts von Macarie vernehmen / weil Melopharmis und meine andere Bediente
/ solches dem Polyphilus kund machen / dieser aber Macarien die Reise
widerrahten dörffte: und damit sich auch diese nicht wegere zu erscheinen / kann
sie / Edle Apatileucheris /den Eusephilistus / als den Vornehmsten zu Soletten
/oder jemand andern / dazu beruffen lassen. Wie es E. Maj. befehlen / (gabe
Apatileucheris zur Antwort) nur dass ich Macarien zu sehen bekomme.
    Es hofte aber diese / von derselben die Gewissheit der Liebe des Polyphilus
zu erforschen. Atychintide hingegen gedachte / dass nun ihre Sache halb gewonnen
/ und schätzte dieses Mittel / von dem Glück selber gesendet; nahm die
Apatileucheris mit zur Tafel / und erzeigte sich gar frölich. Weil sich aber
selbige nicht lang aufhalten kunte / als nahme sie bald nach der Tafel Abschied
/ und sagte die Königin / dass sie bei ihrer Entschliessung bleiben wollte / und
liesse sie damit wieder zu Pferd sitzen / dann also war sie angekommen.
    So bald sie nun hinweg / fragte Atychintide die Phormena: wie ihr der Handel
gefiele? Es hätte nicht besser kommen können! antwortete diese. Nun hoffe ich E.
Maj. Furcht abzuwenden. Sie belieben nur meinem Raht / und sehen / wie Macarie
mit Eusephilistus zusammen komme. Das soll schon geschehen! begegnete ihr die
Königin. Wie wollet ihr es aber anstellen / dass sie beide in Eifer gerahten? So
bald Macarie nach Montefassen komt / (erwiederte Phormena) will ich derselben
die Freundschaft des Polyphilus / mit der Schäferin Volinie / so unschuldig und
einfältig /zu wissen machen / dass sie zu eifern wird gezwungen sein. Dem
Polyphilus aber / will ich gleicher gestalt berichten / dass Macarie mit
Eusephilisto ausgereiset: der darüber gewiss ungedultig werden muss / sonderlich
wann ihm Macarie / aus Zorn wider seine vermeinte Untren / keine Freundlichkeit
erweiset. Da dann E. Maj. ihn hieher beruffen / und weil er im Zorn / leichtlich
anderst bereden können. Doch muss Melopharmis und Servetus vom Hof geschafft
werden / ehe wir dieses vornehmen: dann wo auch diss misslingen sollte / würde ich
an allem andern verzweiffeln / das doch / wann Melopharmis davon wissen sollte /
leicht geschehen könnte.
    Ihr habt recht! sagte Atychintide. Aber wo schicken wir die beide hin? Zu
den Schäfern! versetzte Phormena. E. Maj. lassen Polyphilo das Geschenk /
welches Apatileucheris mitbracht / überbringen / das Melopharmis gern tun wird.
Es war aber selbiges ein herrliches Schau-Gericht / von Zuckerwerck künstlich
zubereitet / welches die Geschicht des Narzissus / der die Liebe der Nymfe Echo
verachtend / sich in seine eigene Schönheit verliebet / und dadurch zur Blumen
worden / vorstellte: solches hatte Apatileucheris mitgebracht / dass Polyphilus /
welchen sie alda zu finden verhoffte / die Strafe der Verachtung gegen einer
Damen Liebe erkennen sollte. Die Königin war damit zu frieden / (dann sie hätte
wohl all ihres Reichtums hierin nicht verschonet) und sagte / dass sie solches
morgen anstellen wollte.
    Dieses zu vollziehen / sprach sie des andern Tages / über Essen: Was werde
ich mit meinem künstlichen Schau Gericht machen? Ich wollte / dass es Polyphilus
hätte: dann ich weiss doch wohl / dass es Apatileucheris / deren er wohl ehemals
günstig gewest / seinetwegen machen lassen. Wann ihr so gutwillig wäret /
Melopharmis! ihm solches / und zugleich einen schönen Gruss / von Apatileucheris
zu überbringen: ohne zweifel / wird er darüber lachen. Ich will euch Serveten
mitgeben / der es tragen soll. Eilet nur damit: dann wo es länger stehet /
möchts verderben. Wann es E. M. befehlen / (sagte Melopharmis) will ich es gern
einhändigen. Ach ja! (versetzte Atychintide) nehmet die Mühe auf euch. Ich wollte
zwar gern auch Phormena mitgeben: allein die Zeit wird mir / in eurer beiden
Abwesen / gar zu lang: so weiss ich auch nicht / ob nicht Heroarcha weiter
anhalten möchte / uns aufs Fest zu bitten / so hätte ich niemand bei mir: also
muss sie hier bleiben / und kann ein andermahl die Schäfer besuchen. Ihr aber
dörffet desto weniger mit der Widerkunft eilen / und könnet vielleicht die
Schäfer / auf einer spazir. Reise / mitbringen. Ich will es versuchen! sprach
Melopharmis /und seumte hierauf nicht lang / mit dem Servetus und dem
Schau-Gericht abzureisen. Also wurde die sonst listige Melopharmis hinweg
betrogen.
    Die Königin hingegen liesse / so bald sie hinweg /die Reise nach Montefessen
bestellen / und fuhre mit Phormena und Erotemitis / von nur zwei Lackeien
begleitet / einen Tag vor dem Fest / dahin: wurde auch von Heroarcha / der diese
Gnade gar hoch schätzte / herrlich empfangen / und bewirtet. Als sie über Tafel
/ unter andern / von Macarie zu reden kamen / sagte Heroarcha: wiedass er sie wohl
kenne /und etlich mal um sie gewest wäre; fienge hernach an sie rühmen. So
möchte ich dann (sprach Apatileucheris) diese vollkommene Macarie wohl kennen.
Ich will sie hieher bitten lassen: sagte die Königin. Wann es E. Maj. nicht
beschwerlich / (versetzte Apatileucheris) hätte ichs vor eine sonderbare Gnade
zu rühmen / und könnte meine Begierde in ihrer Erkentnus sättigen. Wohl! (gab die
Königin zur Antwort) man lasse sich nur gefallen / jemand von Soletten zugleich
mit zu erbitten: so soll Phormena morgen hinab fahren / und sie abholen; dann
ganz allein möchte sie Bedenken tragen / zu uns zukommen. So wollen wir /(sagte
Apatileucheris) den Eusephilistus mit einladen lassen. Ich will (sprach
Heroarcha) einen Diener mitgeben / der den Eusephilistus und Kalferte / mit
welchem ich auch etwas bekandt / zum Fest einladen soll: damit ich Gelegenheit
mache / die schöne Macarie in unsre Gesellschaft zu bringen. Er wusste aber nicht
/wie betrüglich die beide listige und verliebte Frauen mit ihm umgiengen / und
dass dieses alles schon vorher abgeredt gewesen.
    Also ward der Raht beschlossen / und Phormena /des andern Morgens / samt
einem Diener vom Heroarcha / in der Königin Carosse / nach Soletten geschickt:
und empfing sie von Atychintide keinen andern Befehl / als dass sie dieses
Geschäffte wohl ablegen / und ja nicht ohn Macarien zurück kommen sollte. So bald
Melopharmis an das Ufer gekommen /liesse sie die Kutsche einstellen / und sich
mit dem Diener übersetzen: dem sie befahle / keine abschlägige Antwort von
Eusephilistus anzunehmen / sondern /so er sich wegern wollte / ihn zu berichten /
dass auch Macarie mit hinauf fahren würde. Nachdem sie diss bestellet / verfügte
sie sich zur Macarie.
    Selbige hatte nach dem Abzug der Königin und des Polyphilus / nicht in
geringer Sorge gestanden / dass die Inwohner / wegen dieser Besuchung / einen Hass
auf sie werffen möchten / oder sie wohl gar / dass sie ihren Feind beherberget /
anklagen dürfften. Als sie kaum dieses überwunden / bekame sie / durch das
Gärtners Jungen / einen Brief vom Polyphilus / dieses lauts.
                                  Mein Hertz!
Weil ich mich selbst überredte / dass sie Verlangen tragen werde / meinen Zustand
zu wissen / als habe ich ihr denselben mit diesen Zeilen kund machen /und
berichten wollen / dass ich nicht allein die erzürnte Königin wieder ausgesöhnet
/ sondern auch so gnädig verlassen / dass sie mich mit grossen Geschenken begabet
/ und ich also glücklich bei meinen Trifften angelanget. Wiewohl der Widerwillen
/ welchen ich in ihrer Aufwartung empfunden / mich nicht wenig gequälet: Wozu
das Verlangen / nach ihrer Liebsten Beiwohnung / mein Kind! und der Schmerze /
den ich wegen ihrer Verlassung gefühlet / so häuffig kommen / dass ich von unsrem
Abschied an / biss in diese Stunde / mich unpässlich klagen muss / und diese Nächte
her / einen wenigen / ja oft wohl gar keinen Schlaf / annehmen können / und
daher ganz erblast worden (wie das Gedicht / welches ich eben jetzt in den
Garten verfertiget / zeuget) da dann der schertzende Agapistus sein Mütlein
genug an mir gekühlet. Wird sie demnach / schönes Kind! mit einen paar Zeilen /
mich dieser schmerzhaften Belegung entnehmen: dann allein ihre zarte Hand ist
mächtig / meine erkrankte Sinne wieder zu erfrischen / und aufzuwecken / die
erstorbene Seele /
                                 Ihres getreuen
                                                                     Polyphilus.
Das Gedicht / welches Polyphilus (als er in ihrem Garten den Jungen seinen Brief
eingehändiget) verfärtiget / schlosse er mit in den Brief / folgenden Innhalts:
Ach du lieb-gepriesner Ort! soll ich dich beraubet sehen /
Meiner schönen Schäferin / und in dir verlassen stehen /
Ohne die / so mich erhält? wie doch kränkt es meinen Sinn /
Wann ich weiner Augen-Liecht in dich leeren wende hin.
Dort in dem verborgnen Zelt / das kein Auge kont beschauen /
Wegen der verschlossnen Tür / pflegte sie die Gunst zu trauen
Meinen Wunsch und Bitt begehr; dort an jener obern Stell
Dorfft ich / Ach der süssen Lust! küssen ihres Mundes schwell.
Dort auf jenem Sitz Geräht / pflegte sie den Sitz zu nehmen /
Ach! die liebe / neben mir; aber meine Brunst zu zähmen /
Liess sie sich in meinen Schoss. Dorten / ach! da fasst ich an
Hertz und Hände / und was mehr ein verliebtes Herze kann.
Aber nun ist alles aus! hier ist niemand / den ich liebe /
Ich allein / ohn Hertz und Hand. Jezt ich meinen Sinn betrübe /
Der vorhin erfreuet stund / da ich meine Schöne sah /
Wann ich durch die Pfortrn kam: aber jezt ist nichtes da.
Was nun Trost? ich weiss es nicht. Könte / was ich wünsch / geschehen /
Wäre diss der gröste Trost / dass ich sie solt wieder sehen.
Alsdann würd ich ganz gesund / wie ich jezt erkranket steh /
Nun ich / was mir helffen könt / nicht zu meiner Hülffe seh.
Ihr / ihr Veilchen / spottet mein / ihr bewundert meine Bleiche /
Und mein todten-farbes Blass / wie ich mir gar nimmer gleiche!
Wundert nicht! der Silber-Mond / bleichet ohn der Sonne Gold:
Gleich so kann ich scheinen nicht / ob ich noch so gerne wolt.
Ihre Stralen / meine Sonn! Ihr Beglänzen / meine Schöne!
Ihre Sternen sind mein Liecht: nur nach diesem ich mich sehne /
In so Schatten-trüber Nacht. Bei ihr bin ich schön und reich /
Auser ihr verarmet arm / ja gar tödlich krank und bleich.
Aber gleichwohl muss ich mich / ohne Trost zu frieden geben /
Biss des Himmels Gnaden-Schluss uns vergönn ein bessers Leben /
Dass sie leb in meinem Schloss / ich in ihrem Arm-Beschluss.
Bald wird / hoff ich / solcher Art sein versüsset mein Verdruss.
Macarie ward über diesem Brief sehr traurig / und entsetzte sich so gar über der
Krankheit ihres Liebsten / dass sie nicht wusste / was sie vornehmen sollte. Doch
zwange sie die Eile / eine Antwort zu schreiben / wie folget.
                                   Mein Kind!
Die betrübte Zeitung eurer Unpässlichkeit hat mich ganz bestürzt gemacht / und
gezwungen / mit diesem wenigen nach eurer Gesundheit zu fragen. Tröstet mich
demnach / Mein Allerliebster! so eilend / als müglich / mit der Versicherung
einer erwünschten Besserung: damit nicht der billige Schmertz / welchen ich
wegen eurer Krankheit empfinde / mich auch hierinn euch zur Nachfolgerin mache.
Ist es müglich / dass meine beständige Liebe euch einige Linderung geben kann / so
habt ihr dieselbe im höchsten Grad zu hoffen: wie ihr sie dann überflüssig
verdienet / auch mit solchem Verlangen gesuchet / dass ihr dadurch auch die
Undankbarkeit selber soltet bewegt haben / wider ihre Natur zu leben / und die
Liebe mit Gegen-Liebe zu belohnen. Der gütige Himmel wird / wie ich hoffe /alle
Unruhe besiegen helffen / unh nach überwundenem Streit / beständige Ruhe geben.
Lebet dann gesund / mein Herz! und liebt /
                                      Eure
                                                                        Macarie.
Dieses Brieflein übergab Macarie ihrer Dienerin / und schikte sie / samt
etlichen Arzneien / zum Polyphilus: mit Befehl / ihr / so bald es müglich / eine
gute Antwort zu bringen. Sie blieb indessen voll Kummer und Traurigkeit / in
ihren Zimmer / mit Verlangen eines Berichts erwartend: welchen sie auch / des
andern Tages / nicht ohne Vergnügung / durch diese Antwort erhielte.
                             Allerwehrtste Macarie!
Die sorgfältige Forschung nach meiner Gesundheit /ist mir billig ein gewisser
Zeuge ihrer aufrichtigen Liebe; aber auch eine Aufforderung zu gleicher
Verharrung / in dem ich / auch erkranket / gesund leben muss. Ach! liebstes
Herz! dass es dem Himmel gefallen wollte / die Schmerzen / so ich durch mein
verliebtes Verlangen klagen muss / mit gleich frölicher Entbindung von mir zu
nehmen / als er über die Verhinterung der Leibes-Wolfahrt beschlossen! so würden
wir beide in Ruhe leben. Doch suche ich meine Liebe (welche ich ihrer /
nun-bewährten Gunst ganz gleich schätze / das ist / im höchsten Grad zu stehen
versichere) durch den Trost ihres gezierten Briefleins zu erquicken / und glaube
/ dass der Himmel / nach überwundenem Streit / werde beständige Ruhe geben.
Anlangend meine Unpässlichkeit / glaube ich / dass dieselbe mehrverliebt / als
gefährlich gewesen: Dessgen ich ja nun nicht anderst kann / als gesund sein / nach
dem ich so viel Erfrischung von ihren lieben Händen überkommen. Versichere sie
dannenhero / dass ich je gesunder / je mehr nach ihren liebreichen Brieflein
werde begierig werden. Darum heile sie ferner / mit ihrer allerangenehmsten Hand
/ die Schwachheit
                             Ihres Ewig-beständigen
                                                                     Polyphilus.
 
                                 Vierter Absatz
  Macarie / auf der Photmena betrügliche Einladung /fähret mit ihr / auch mit
   Eusephilisto und Kalferte /nach Montefessen. Gespräche daselbst / von der
vermeinten Mordtat des Polyphilus: von welchem Phormena vorbringet / dass er die
  Volinie liebe. Macarien Kummer und Klage hierüber / als sie wieder nach Haus
                                   gekehret.
Eben hatte Macarie dieses Brieflein durchlesen / und von ihrer Dienerin / die
wiedererlangte Gesundheit ihres Polyphilus freudig verstanden / als sie Phormena
in ihr Zimmer kommen sah / und darüber einigen Schrecken empfande / fürchtend /
dass vielleicht eine neue Unruhe möchte vorhanden sein. Phormena nahme solches
alsobald wahr / und sagte / nach abgelegter Begrüssung: Sie entsetze sich nicht /
hochgeehrte Macarie! über meine Ankunft / weil ich dissmal keine unglückseelige
Bötin abgebe. Die Königin Atychintide lässet ihr / durch mich / einen gnädigen
Gruss vermelden / und bitten / dass sie sich wolle gefallen lassen / mit mir nach
Montfessen zu fahren / und ihr /bei dem daselbst angestellten Jahr-Fest /
Gesellschaft zu leisten. Heroarcha und Apatilencheris / welche gleichfalls einen
schönen Gruss befohlen / lassen sie hierzu freundlich einladen / und hoffen /
durch die Bitte der Königin / die Ihrige kräfftig zu machen / und dissmal die
Ehre ihrer Gegenwart und Erkentnus /nach welcher sie sich schon lange gesehnet /
zu erhalten. Ich bedanke mich / untertänig und freundlich /(gab Macarie zur
Antwort) so wohl vor Ihr. Maj. als der edlen Apatileucheris / gnädige und
höfliche Einladung / und befinde mich schuldig / diesem hohen Befehl zu
gehorsamen. Ich fürchte aber / dass die wenige Kundschaft / welche ich von
Apatileucheris habe /solche Folge einer Vermessenheit gleichen und beschuldigen
dürffte. Im geringsten nicht! (versetzte Phormena) Heroarcha und seine Liebste /
tragen nicht weniger nach ihrer Gegenwart Verlangen / als die Königin selber;
welche mir bei meinem Abzug streng anbefohlen / mein Gewerb wohl abzulegen / und
ja nicht leer wieder zu kommen.
    Macarie / wiewohl sie nicht wusste / ob sie diese Forderung / einer
Freundschaft oder Hinterlist gleichen sollte / truge doch Bedenken / solche
auszuschlagen / fürchtend / die Königliche Gnade / welche Polyphilus so mühsam
erworben / durch diese Weigerung zu verschertzen. Phoimena hingegen / hielte an
mit bitten / sich färtig zu machen / weil sie noch zu dem Opfer kommen sollten /
und sagte: Sie wegere sich nicht / wehrte Macarie! dem Begehren der Königin zu
willfahren / und mich hierin bitt-seelig zu machen. Sie hat zu befehlen /
geehrte Phormena! antwortete Macarie Aber werden wir auch auf dieser Reise
allein sein? Heroarcha (erwiederte Phormena) hat einen Diener mitgeschicket /
und Kalferte einladen lassen: sonsten weiss ich nicht / ob noch jemand anders
mitkommen werde. Also bekleidete sich Macarie / und verfügte sich / mit Phormena
/ nach dem Ufer: da sie sich übersetzen liessen.
    So bald sie aber die Kutsche ersehen / wurde Macarie auch des Eusephilistus
gewar / worüber sie heftig erschracke / und sagte: Was ist das / Phormena: ist
auch Eusephilistus zugegen? Wie ich sehe: versetzte Phormena / mit bestürzten
Gebärden. Ach! hätte ich das wissen sollen / (sprach Macarie) ich würde mich
dieser Reise entzogen haben. Es ist mir selber leid /(antwortete Phormena) dass
sie hiemit beschweret wird / und habe ich gewisslich davon kein Wissen gehabt /
auch so genau nicht nachgeforschet. Aber weil es nun geschehen / wird sie ihr /
kluge Macarie! seine Gesellschaft nicht vedriesslich sein lassen. Sind wir doch
alle zugegen: er wird / in unserm beisein / seiner Liebe nicht gedenken dürfen.
    Macarie wollte antworten; aber Eusephilistus kame schon daher / sie zu
bewillkommen / und sagte: Wie führet uns das Glück / schöne Macarie! so
unverhofft zusammen? Ich wundere mich selbst hierüber: (begegnete ihn Macarie)
es scheinet / als ob die Königin Atychintide uns Gelegenheit erteilen wollen /
das Gespräch zu vollführen / welches ihre neuliche Besuchung zu Soletten
abgekürtzet. So ist die Vergeltung ungleich grösser / (antwortete Eusephilistus)
weder die Versäumnus: weil selbige Verhinterung nur etliche Stunden gewähret /
diese Ersetzung aber einen längern Termin zu hoffen gibet. Drum sind es auch
Königliche Geschenke / (sprach Macarie mit lächlen) die über Verdienst belohnen.
Sie hat recht / kluge Macarie! versetzte Eusephilistus / und geleitete sie damit
zur Carrette / da sie auch Kalferte empfinge / und sie also aufsassen.
Eusephilistus war / die ganze Reise / in Macarien Bedienung / sehr bemühet / und
gab ihr sein Verlangen / durch so viel verliebte Blicke und sehnliche Seufzer /
(dann viel Worte kunte er / wegen der Anwesenden / nicht führen) zu verstehen /
dass sie selbst Mitleiden mit seinem Unglück haben musste /und wünschte / dass er
seine Gunst / die doch bei ihr vergeblich / weil sie schon an einen andern
verbunden / gegen eine Freiere lenken möchte.
    Als sie nun endlich nach Montefessen kamen / wurden sie / von der Königin
und dem Heroarcha sehr freundlich empfangen: und bedankte sich sonderlich
Atychintide gegen Macarien / dass sie ihrer Bitte statt geben / und so willfärig
erscheinen wollen. Selbige hingegen bate / ihrer Künheit zu vergeben. Ich habe
/(sagte sie) wegen der geringen Erkentnus bei Heroarcha und Apatileucheris /
nicht gewust / wie ich ohne Verbrechen handeln sollte / weil diese Besuchung all
zu vermessen schiene. Doch war der Befehl zu hoch /und wollte ich lieber mit
Unhöflichkeit / als mit Ungehorsam sündigen. Das ist ein Uberfluss der
Höflichkeit; (sprach die Königin) Ich will aber die Künheit /deren sie sich
schuldig machet / selber aussöhnen. Das jenige hat keiner Aussöhnung vonnöten /
(gab Apatileucheris zur Antwort) was man selbst begierig verlanget. Mein
Liebster und ich / sind ihr / schöne Macarie! vielmehr Dank / als Vergebung
schuldig /dass sie uns mit ihrer Gegenwart beglücken wollen. Wir wollen uns auch
bemühen / unsre Schuldigkeit zu beobachten.
    Weil es aber nun Zeit war zum Opfer / und nach den Tempel zu spaziren /
nahme die Königin Macarien bei der Hand / denen die andere folgten. Nachdem sie
also dem Gottesdienst und Opfer beigewohnt / wurden sie vom Heroarcha / in
einem herrlichen Zimmer seiner Wohnung / prächtig bewirtet. Macarie / musste
neben der Königin / Apatileucheris aber kam bei Eusephilistus zu sitzen; welches
Macarie in acht nehmend / bei sich selbst gedachte: da sitzen die
unglücklich-verliebte / die so oft unsre Liebe verstöret / und uns zu eifern
gereitzet haben / indem Apatileucheris meinen Polyphilus verführet /
Eusephilistus hingegen meine Gunst gesuchet. Ach! dass doch nun Polyphiluszu
gegen wäre / und die seltsame Begebenheit / da unsre beide Feinde beisammen /
mit ansähe.
    Diss waren Macarien Gedanken / biss sie hörte / dass Apatileucheris den
Eusephilistus fragte: wie es doch mit Macarie beschaffen / und ob sie noch an
den Polyphilus würde vermählet werden? Ich weiss es nicht: (gab Eusephilistus /
mit betrübten Gebärden / zur Antwort) Macarie will noch nichts davon gestehen.
Macarie lachte dieser Frage heimlich / stellte sich aber / als ob sie nicht auf
sie merkte / sondern sprachte mit Atychintide / biss Heroarcha anfienge die
Königin zu fragen: Wie es komme / dass sie auf dieser Reise / weder von
Melopharmis / noch von Polyphilus bedient würde? Polyphilus (sagte Atychintide)
ist nun ein Schäfer / und hat unsre Bedienung mit dem Hirtenstab verwechselt;
Melopharmis aber / ist / selbigen zu besuchen / weil er ihren Sohn mit sich
führet / ausgereiset: bin ich also vor dissmal beider beraubet. So ist es dann
gewiss / (versetzte Heroarcha) dass Polyphilus unter den Hirten sich befindet? ich
habe es meiner Liebsten kaum glauben können / so gar verwunderlich ist mir diss
Beginnen vorgekommen: ich zweifle auch noch / ob er in solchem Vorhaben
verharren werde? Das wird die Zeit geben: (gab die Königin zur Antwort) jezt ist
er noch nicht willens zu ändern / wie schwach mir auch seine Ursachen vorkommen.
    Vielleicht will er / in solchem Stande / die Ermordung des Philomatus
abbüssen? sagte Kalferte. Ey! (sprach Atychintide) mit dieser Beschuldigung
geschihet dem Polyphilus ungütlich: er ist dieses Lasters unschuldig / und würde
den Philomatus lieber errettet /als ermordet haben. Kalferte / den der Hass
wider den Polyphilus / und der wenige Verstand solchen einzuhalten / wider die
Königin zu streiten / antriebe / gab zur Antwort: E. M. angeborne Gütigkeit /
welche viel geneigter ist zu entschuldigen / als zu verdammen /hält ihn vor
unschuldig: aber hätten sie so starke Mutmassungen dieses Mords / als wir zu
Soletten / sie würden vielleicht auf andere Gedanken kommen. Welche sind es
dann? fragte die Königin. Erstlich (begegnete ihr Kalferte) hat er den
Philomatus zu sich beruffen / und doch seiner Ankunft / ohne zweifel aus Zorn
über seine vorige Bestraffung / nicht erwartet. Wiederum so hat der Mörder in
den Gostofe /mit fast eben denen Umständen / nach dem Philomatus gefragt /
welche dieser / des vorigen Tages / dem Polyphilus erzählt. Ferner so hat er /
die Strafe fürchtend / sich verzweiffelt in den Fluss gestürtzet. Letzlich so
schauet und meidet er noch unsre Insel / und darf / ohne fremde Kleidung / oder
ohn E. Maj. Schutz / wie es ihm jüngst gelungen / nicht hinein kommen.
    Habt ihr sonst keinen Grund / als diese / (erwiederte Atychintide / mit
etwas hönischen Worten) so nicht den geringsten Beweis geben? Dass Polyphilus den
Philomatus nicht erwartet / ist nicht aus Zorn / wie ihr schliesset / sondern aus
Begierde / ihn eher zu erlangen / geschehen / welche ihn angetrieben / einen
Kahn zu ergreiffen / und selbst nach der Insel zu fahren: aber als ein Fremder /
dem die Gelegenheit des Flusses unbekant / verfehlete er der Furt / und geriehte
in einen Wirbel / da er / den Kahn verlierend / zwischen Wind und Wellen / in
eine ganz andere Gegend geworffen wurde / und nach etlichen Tagen mit
Talypsidamo in die Insel wieder kam; welches er nicht würde gewaget haben / wann
er sich des Mords schuldig gewust hätte. Dass er aber sich ins Wasser gestürtzt
/komt von eurer Grausamkeit / da ihr ihn / ungeacht aller seiner und des
Talypsidamus Entschuldigung /dennoch / als einen Mörder / gefangen führen
woltet: welche ihn angetrieben / sich viel lieber den tobenden Wellen / als so
tyrannischen Richtern / zu vertrauen. Und dieses ist noch die Ursach / dass er
eure Insel fliehet / die in Hass gegen ihm brennet. Werdet ihr ihn aber vor einem
solchen Gericht anklagen / da er Sicherheit hat in der Verantwortung: so zweifle
ich nicht / dass er erscheinen / und / euren Anklagen zu begegnen / auch seine
Unschuld zu retten / Antwort geben wird.
    Aber (fuhre sie fort) was bemühe ich mich viel /Entschuldigung vorzubringen
/ mich denen gleichend / die von weiten Wasser holen / da sie den Brunn im Hause
haben? Macarie / um welcher willen Polyphilus / (wie er mir selbst erzählt) in
eure Insel kommen / soll unsern Worten den Ausschlag geben /und zeigen / worinn
ich irren mag. Uber dieser Rede /welche die Königin dem Polyphilus bei den
Solettischen Inwohnern verhasster / und Macarien seine Liebe schwerer zu machen
/ vorgebracht / wurde Macarie in solchen Schrecken gesetzet / dass ihr die Farbe
zur Stirn ausschluge / und wusste sie nicht / wie sie klug genug antworten sollte
/ auf diese unvermntete und spitzige Frage. E. Maj. (sagte sie) befehlen mir
nicht den Ausschlag in diesem gefährlichen Streit /welchen sie selbst weit
glückseeliger und kräfftiger geben können. Solte ich / dero hoch-vernünftige
Rede / einiges Irrtums beschuldigen / so müste es gewisslich nur dieser sein /
dass sie meiner Wenigkeit das Richter-Amt aufgetragen. Die wenige Wissenschaft /
welche ich von dieser Begebenheit habe /heisset mich vielmehr Nachricht fordern
/ als austeilen. Doch will ich auch / so viel ich hiervon weiss /mehr E. Maj.
gnädigen Befehl zu gehorsamen / als einiges Urteil zu fällen / gern entdecken.
    Ich will nicht bestreiten / ob Polyphilus wegen meiner / wie E. Maj.
beglauben / (das vielleicht von einer unverdienten Berühmung des Philomatus
möchte hergerühret sein) oder aber den verblichenen Philomatus selber zu suchen
/ wie er gegen mich erwehnet / in die Insel gekommen. Dieses aber weiss ich /dass
er mit meinem Vetter Talypsidamo übergefahren /und in dessen Begleitung / mich /
mit dem Vorwand /Kunst und Tugend zu üben / besuchet: Da er / unter andern
Gesprächen / den Tod des Philomatus / so schmerzlich beklagt / dass ich
nimmermehr ihm dessen einige Schuld geben kann. Soll Macarie den Richterstul
besitzen / (sprach Kalferte mit lächeln) was werde ich anders / als ein
parteiisches Urteil / erwarten? angesehen die Liebe zum Polyphilus / gewiss die
Wage der Gerechtigkeit neigen / und meine Anklage vor ungültig ausrussen wird.
    Das soltet ihr / geehrter Kalferte! einer andern / als der Macarie / Schuld
geben: gab diese zur Antwort. Weder die Liebe zum Polyphilus / noch die Furcht
eurer Feindschaft / machet mich wider die Gerechtigkeit sündigen. Die Warheit
sihet ihr allezeit selbst ähnlich / sie werde gleich von Feinden oder Freunden
vorgebracht: Der Argwahn aber / als eine verdammliche Höllen-Brut / läslet auch
die Tugend selber nicht ungetadelt / und erdichtet allentalben Laster / da er
doch selbst das gröste Laster ist / und / als ein Ertz-Mörder / des Menschen
Ehre / die höher ist als sein Leben / frefentlich abschneidet. Durch diesen
machet ihr euch der Parteilichkeit schuldig / die ihr mir aufzubürden gedenket
/ in dem ihr den Polyphilus / sonder genugsamen Beweis / wegen Ermordung des
Philomatus anklaget / selbige auch an ihm / nicht durch ordentlichen
Gerichts-Weg / sondern durch eigentätige Gewalt zu straffen suchet.
    Sie hat recht / kluge Macarie! sagte hierauf Eusephilistus / als er sah /
dass sie sich etwas bewegte. Die Gerechtigkeit sihet stracks vor sich / und
lässet ihr weder durch den Argwahn / noch durch die selbst-Liebe / die Augen
blenden. Ich halte selber den Polyphilus dieses Mords unschuldig / so lang es
mir an mehrerm Beweis fehlet / und habe ihn gegen meinen Lands-Leuten / wiewohl
ohne Erkentnus / schon oft verteidigt. Es ist nichts verführischer / als der
Argwahn / sonderlich / wann er sich mit so scheinbaren Umständen hervor tut. In
einer zweifelhaftigen Sache / soll man sich nicht mit dem Urteil übereilen
/sondern warten / biss die Zeit ihr Kind / die Warheit /mit welchem sie oft lang
schwanger geht / hervor bringe. Mein Herr redet sehr vernünftig hievon:
versezte Heroarcha. Die Zeit hat freilich vielen die Unschuld wieder gegeben /
welche der Argwahn angeklaget. Und wann dieser sollte einen Beweis geben /würden
die allerredlichste Gemüter strafbar werden /und die Tugend selber / wie Macarie
recht erinnert /ihren Namen verlieren. Ich habe in der wenigen Erkentnus mit
Polyphilus / so viel Tugenden / Verstand und Höflichkeit wargenommen / dass ich
ihn in meinen Gedanken / dieses Lasters unschuldig schätze.
    Indem ergriffe er ein Glas / und brachte es Macarien auf Gesundheit des
gerechtfertigten Polyphilus. Ich trinke aller Gesundheit mit / (begegnete ihm
Macarie) und begehre den Polyphilus / weder zu rechtfertigen / noch zu verdammen
/ sondern nur meine Erzehlung / der Parteilichkeit zu befreien. Daran tut sie
löblich / (antwortet Heroarcha) und an der Liebe gegen Polyphilo nicht übler:
dann ich bekenne / dass er liebens würdig / und könnte ich mich / so ich eine
Weibs-Person wäre / selbst seiner Bande nicht verwehren.
    Macarie wollte antworten / aber Phormena kam ihr zuvor / und sagte: Ich muss
mich doch auch der schönen Macarie annehmen / und sie wegen dieser Auflage
verteidigen. Man beschuldigt sie ohn unterlass /dass sie vom Polyphilus geliebt
sei / da ich doch /wann ich meinen Augen trauen / und meine Gedanken eröffnen
darff / viel eher sagen wollte / dass die schöne Schäferin Volinie sein Herz
eingenommen. Dann die vielfältige Bedienungen / so er derselben / in meinen
Beisein erwiesen / lassen mir keinen andern Schluss /als dass Macarie den Namen /
Volinie aber den Geniess / von der Liebe des Polyphilus habe. Da haben wir
(sprach Macarie) einen Beweis unsrer vorigen Rede / nun sich die Warheit von dem
Argwahn scheidet / / und meine Unschuld wunderbar hervor bringt. Wir wollen
beedes der Zeit anbefehlen / (redte die Königin darzwischen) und warten / biss
dieselbe nicht nur den Polyphilus los zehlet / sondern auch die Gewissheit
entdecket / ob Macarie oder Volinie den Sieg über ihn erhalte: indessen aber muss
seine Gesundheit nicht verstehen / sondern auch andern zugebracht werden.
    Macarie nahm hierauf das Glas / und brachte es der Apatileucheris: die über
solcher Gesundheit nicht geringe Freude verspüren liesse. Macarie aber / dachte
der Rede Phormenen etwas nach: und ob sie wohl in den Gedanken war / sie hätte
selbige / nur bloss zu ihrer Entschuldigung / erdichtet / so wollte ihr doch der
Name Volinie / nicht aus den Sinn / und stellete ihr immer eine halbe Warheit
vor. Eusephilistus hingegen / der dieses alles sicher glaubte / wurde dadurch in
unglaubliche Freude versenket / und vermeinte /Macarie nun schon in den Armen zu
haben / weil er diesen Neben-Buhler nicht mehr fürchten durfte: massen er auch
sie nun viel eifriger zu bedienen anfienge.
    Also vertrieben sie die Zeit / unter mancherlei Gesprächen / biss die Königin
von der Tafel aufbrache. Macarie / der Gelegenheit sich bedienend / weil die
andern redeten / führte die Phormena zur Seiten / und fragte sie / wie die
Erzehlung von Volinie und Polyphilo zu verstehen / und ob es scherz oder ernst
wäre? Ich weiss es nicht! gab Phormena lächlend zur Antwort / die nun vermeinte /
dass es Zeit wäre / ihre List anzubringen. Wie? (versetzte Macarie) ist es wahr
/dass Polyphilus die Volinie liebt? Nein / nein! (antwortete Phormena) ich habe
nur also gescherzet. Macarie / die aus diesen verdeckten Nein vielmehr ein Ja
schlosse / wurde voll Bestürtzung / und bate die Phormena / um aller ihrer
Freundschaft willen / ihr die rechte Warheit zu eröffnen. Ach schöne Macarie!
(erwiederte diese mit gezogenen Schuldern) sie befehle mir nicht eine so
gefährliche Erzehlung / mich reuet /dass ich jemals etwas davon gedacht. Das
verfaulte Geheimnus im Munde / gibet einen lieblichen Geruch von sich: Die
unzeitige Eröffnung aber / kann leicht einen hässlichen Gestank der Uneinigkeit
erwecken. Und wie würde ich bei Polyphilo ankommen / wann er erführe / dass ich
dergleichen von ihm ausgebe? Die Warheit (fuhr Macarie fort) geht gerad zu /
und fürchtet keinen Streit / kann auch nicht anderst als lieblich riechen / weil
sie an dem Strauch der Tugend blühet. Eröffnet mir nur / Phormena / worum ich
bitte! Polyphilus soll davon entweder ganz nichts / oder doch das nicht
erfahren / dass es von euch herkomme.
    Was soll ich sagen? (begegnete ihr Phormena) es sind meine Gedanken / und
kann sein / dass ich mich verführe. Doch / was die Augen fassen / dringet
allzusehr ins Hertz. Ich habe gleichwol gesehen / das ihm Volinie einen Kranz
gewunden / und selbst mit vielen Lob-Reden aufgesetzt / auch ein schönes Lied
ihm zu ehren gesungen. Er hingegen / hat ihr davor höflich gedanket / die Hand
geküst / und sich auf ewig zu ihren Diener verpflichtet. Er bedienet sie auch
noch täglich nach allen Vermögen / begleitet sie nach Hause / und unterlässt
nichts / das ein warhaftig-Verliebter üben kann. Ich habe vor Wunder und Eifer
/wegen der schönen Macarie nicht länger zusehen können / sondern nach Hause
geeilet / und bin in Zweifel geblieben / ob ich davon etwas gegen ihr gedenken
sollte oder nicht? Ich wünschte auch / dass ich noch still geschwiegen hätte /
weil ich schon sehe / dass sie sich darüber bewegt. Solte es auch Wunder sein
/(gab Macarie zur Antwort) wann ich über dieser Untreu erstaune? Ich hätte mich
ehe des Himmel-falls /als dergleichen Zeitungen versehen. Jetzt sehet ihr
/Phormena! wie vergeblich ihr den Polyphilus / wegen seiner Beständigkeit gegen
mir / gerühmet / und wie schändlich ich in seiner Liebe betrogen worden. Es ist
mir leid: (sagte Phormena) doch wer hätte das denken sollen / von einem solchen
/ als Polyphilus ist?
    Zu diesem Gespräche kam Apatileucheris / und zerstörte solches. Aber Macarie
/ von dieser Erzehlung ganz betrübt und ungedultig / suchte die Einsamkeit /
und eilete nach Haus / dieser Gesellschaft los zu kommen / und ihren Gedanken
raum zu geben. Heroarcha und seine Liebste baten gar sehr / diese Nacht zu
verharren: so brauchte auch die Königin (ob sie wohl aus der Veränderung
Macarien schliessen kunte / was mit Phomena vorgelauffen) viel Höflichkeit / und
wollte die Bitte der andern bestättigen. Aber Macarie entschuldigte sich / mit
vielerlei Verrichtungen / und bate / ihr dissmal die Heim-Reise zu erlauben; mit
Versprechen / dass sie mit nechstem Gelegenheit suchen wollte / sie wieder zu
besuchen. Also liess Heroarcha / weil er nichts erhalten kunte / die Kutsche
bespannen: auf welcher Macarie samt Eusephilisto und Kalferte / nachdem sie
sämtlich einen höflichen und dankbaren Abschied genommen / davon fuhren.
    Unterwegs erneuerte Eusephilistus seine verliebte Anwerbungen / und suchte
alle seine Kunst hervor /einiges Versprechen von Macarien heraus zu locken:
bekam aber keine andere Antwort / als dass sie die Einsamkeit liebe / und sich
nicht überwinden könne /selbige zu verlassen / oder mit der beschwerlichen Liebe
zu verwechseln. Heimlich aber gedachte sie: was wäre jetzt billiger / als dass
ich des Polyphilus Untreu mit des Eusephilistus Liebe rächete / und ihn mit
gleicher Münze bezahlte? Doch nein! meine Tugend soll durch seine Laster nicht
abnehmen: Ich will / durch meine Beständigkeit / seine Falschheit noch
schändlicher machen / und der ganzen Welt seine Bosheit vor Augen stellen. Unter
dergleichen Reden / und Gedanken / erreichten sie das Ufer: da sie die Kutsche
zurück schickten / und sich überführen liessen. Eusephilistus wollte Macarien nach
Haus führen: sie aber bedankte sich / nahm einen geschwinden Abschied von ihm
und Kalferte / und eilete / mit beider Verwunderung / nach ihrer Wohnung.
    So bald sie in ihr Zimmer eingetretten / warff sie die Kleider von sich /
legte den Kopf in die Hand /und liesse alle die Seufzer / welche sie bisher mit
höchster Beschwerung / im Herzen gefangen gehalten / ausbrechen. Ihre Dienerin
Nabisa / über solcher Bezeugung heftig erschrocken / fragte: ob vielleicht ein
Unglück vorhanden wäre? Keines! (sagte Macarie) aber Polyphilus liebt eine
andere / und vergilt meine Treue / mit Falschheit und Betrug. Das ist nimmermehr
müglich! (sagte Nabisa) wer mag mit so ungegründeten Zeitungen unsere Ruhe
zerstören? wollte ich doch selbst vor seine Treue schwören. Ach! still
/(versetzte Macarie) ich habe allzugewisse Nachricht /dass er die Schäferin
Volinie liebt und bedienet. Hierauf befahle sie ihr eine Verrichtung / damit
sie nur nicht hören dürffte / wie sie den Polyphilus verteidigte.
    Wie sie nun sich allein befande / fienge sie an / ihr Unglück zu beklagen /
und des Polyphilus Untreu zu schelten. Ist dann nun dieses / (sagte sie) du
ungerechte Liebe! die Vergeltung aller der Mühe / Sorge und Gefahr / die ich in
deinen Diensten erdultet / dass du mich zum Spiegel deiner Grausamkeit
vorstellest? Ist dieses die Freude / welche du mir durch die Hoffnung zugesagt /
die sich nun in Betrug verwandelt? Pflegest du gegen deine Freunde also zu
handeln? Ach! ich empfinde nun den Stachel / an statt des Hönigs; die Dornen /
an statt der Rosen; und eitel Hertzenleid /vor verhoffte Ergötzung. Ist diss
nicht ein Frevel / den Polyphilus an mir verübet? Wie oft habe ich diesen
Untreuen vermahnet / erinnert und gebetten / mich mit seiner Liebe zu verschonen
/ und seinen Gedanken ein anders Ziel zu setzen / und er hat sich allezeit mit
der Unmüglichkeit entschuldiget? Ist es dir nun müglich /du Grausamer! dass du
eine andere liebest / nachdem du meiner Liebe überdrüssig worden? Wie vielmals
habe ich ihn gewarnet vor Falschheit / und vorgesagt /dass er mich allein / und
sonst keine lieben müsse /weil ich mit keiner andern teilen könne? Ist auch ein
Versprechen / damit er sich nicht gegen mir verpflichtet? oder ein Eyd / der ihm
nicht zu seinen Betrug dienen müssen? hat er mir nicht tausendmahl geschworen /
keine andere ausser mir in Ewigkeit zu lieben? und dennoch liebt er nun die
Volinie. Ach! ist dann keine Gerechtigkeit / welche die Laster straffet? sind
keine Donnerkeile im Himmel / die den Mein-Eyd rächen? Warum bleibet Polyphilus
in seiner Bosheit sicher / und empfindet nicht noch heute / die Rache des
Himmels? Ist es vielleicht gewiss / dass die Götter der Buhler Eyd nicht straffen
/ wie die boshafte Menschen glauben / und deswegen ohne scheu freveln? Nein /
nein! der Himmel bleibet gerecht / und seine Strafe wird durch die Langsamkeit
nur gedoppelt. Ergetze dich demnach / Lasterhafter Polyphilus! in der Liebe
Volinien / und schaue wohl zu / dass du sie länger / als mich / behaltest / weil
dir dort keine Abwechselung wird gestattet werden. Deine Untreu soll mir eine
ewige Warnung vor der Liebe / dir aber eine immerwehrende Qual des Gewissens
sein. Keiner soll hinfüro seine Freude an diesen ermatteten Augen suchen; keiner
soll sich berühmen / dass er von Macarien geliebt werde. Ich will nun wieder /
aus der Furcht /zur Sicherheit der Einsamkeit lauffen / und viel vester bewahren
/ was ich einmal durch Unvorsichtigkeit verloren. Polyphilus habe die Ehre /
dass ihm Macarie geliebt: aber auch die Schande / dass er solche Liebe verachtet.
Ich habe geliebt / aber mit keinem andern Nutzen / als dass ich / betrogen und
verführet /zu lieben aufhöre / mein Unglück verfluche / und den Himmel um Rache
anschreie.
    Mit solchen und dergleichen Gedanken und Worten / plagte sich Macarie /
etliche Tage. Sie wollte die Liebe verbannen / und behielte sie doch im Hertzen.
Sie wollte den Polyphilus hassen / und kunte sein doch nicht vergessen. So lang
sie sich seiner Freundlichkeit erinnerte / begunte die Liebe zu wachsen: so bald
sie aber an Volinie gedachte / wurde sie auf einmal ausgereutet / so gar / dass
sie nicht leiden kunte / wann ihr Nabisa zuredete / nicht alles zu glauben /
sondern der Sache gewisser zu werden. Sie wurde auch in diesem Glauben immer
mehr gestärket / weil ihr Polyphilus keinen Brief zuschickte / dass sie sonst
nicht gewohnt war: Deswegen sie schlosse / dass er ihrer ganz vergessen / und nur
auf die Schäferin Volinie gedächte.
 
                                 Fünfter Absatz
 Macarie begibt sich nach ihrem Lustaus / hört daselbst einen Gärtner ein Lied
     singen / und darin über Untreu klagen. Sie erkennet denselben für den
Polyphilus. Sie verheben einander ihre vermeinte Untreu. Er will sich erstechen:
  Sie verwehrt ihm solches. Sie finden der Phormena Verräterei / und erneuren
 ihre Wechsel-Liebe. Polyphilus / zu den Triften wiederkehrend / erzehlt diesen
 Handel der Melopharmis: die verhebt solches der Phormena /durch ein Schreiben.
 Atychintide / hierüber erzürnet /schaffet den Servetus und die Melopharmis von
                                     Hofe.
Weil Macarien nun die Zeit in solcher Verwirrung lang wurde / reisete sie auf
ihr Landgut: fand aber auch daselbst so gar keine Ruhe / dass sie vielmehr
doppelte Plage fühlte. Dann wo sie sich hinwendete /hatte sie Erinnerung ihrer
Liebe / und schiene ihr alles zuwider / alles finster und trübselig: wie aus
diesem Sonnet / welches sie daselbst verfasste / zu ersehen ist.
Du Anfang meiner Lieb / und Ursprung meiner Pein /
Betrübtes Garten-Zelt! kann ich dich auch noch kennen?
Bist du es / oder nicht? das ich vor pflag zu nennen /
Die Stette meiner Ruh: hie seh ich zwar die Stein /
Die Fenster / und was mehr / den äusserlichen Schein:
Das ander ist dahin / und hat sich müssen trennen.
Geschwinder / als ein Pfeil / kann fahren von der Sennen
Ist alle Lust von mir. Hier leb ich ganz allein.
Wie bist du mir so schwarz / so dunkel und geschändet /
Nun meiner Seele Tag sich hat von dir gewendet /
Und einer Fremden leucht. Doch weg mit diesen Liecht!
Es flammte von Betrug / und hat mich schon geblendet.
Ich hasse ein Gemüt / das End und Glauben bricht;
Und habe nun den Sinn zur Einsamkeit gericht.
Als sie diss geschrieben / steurete sie sich an ein Fenster / und sah den
Gärtnern in ihrer Arbeit zu / unter tausenderlei Gedanken. Endlich hörete sie
den einen von ihnen ein Lied singen / dieses Inhalts.
                                       1.
Tödliches Leben / ängstiges Hertz /
Schädliches Lieben! ende den Schmerz.
Felsichte Seele! lasse mich wissen /
Was mich aus deiner Gnade gerissen.
Zeige mir an /
Was ich getan.
                                       2.
Hab ich nicht deinen himmlischen Pracht /
Grausame schöne! mühsam bewacht?
Hat dich dann jener höher gelieb et /
Dass sich dein Herz so leichtlich ergiebet /
Wider die Pflicht /
Welche dich richt?
                                       3.
Hasse nicht / Liebste! Tugend und Treu.
Sträfliche Taten / schenken nur Reu /
Alle die Trenen liebender Seelen /
Endlich das Herz der Wankenden quälen.
Göttliche Rach /
Folget der Klag.
                                       4.
Billich verfluch ich Herde und Stab /
Hasse das Leben / eile zum Grab.
Zorniger Himmel! schlage mich nieder!
Alle Geschöpfe sind mir zuwider.
Komme nur / Tod!
Ende die Noht.
                                       5.
Führet / ihr Winde / was ich jetzt singe /
Eilend von dannen / dass es erklinge /
Dieser in Ohren / die nicht errötet /
Fremde zu lieben / dass sie mich tödtet.
Ruffet und sagt /
Was ich geklagt.
Macarie hatte diesem Gesang mit solcher Empfindlichkeit zugehöret / dass sie die
Trenen nicht halten kunte: dann es kam ihrem Unglück so nahe / dass sie alle
Worte als ihre eigne schätzte. Bist du dann / (gedachte sie) arbeitseliger
Gärtner! mit mir in gleicher unseeligen Liebe? so trage ich billig Mitleiden mit
deinem Schmertzen. Ich empfinde aber auch Trost in meinen Elend / weil ich dich
zum Gefärten habe. Aber / soll ich glauben / dass ein schlechter Gärtner dieses
Gedicht verfasset? ist / ein so grobes Gemüte /subtiler Bewegung fähig? Ich muss
sehen / dass ich diesen verliebten Gärtuer zu Gesicht bringe. Hierauf bemühete
sie sich / denselben unter Augen zu sehen. Weil er ihr aber stäts den Rücken
kehrete / russte sie ihrem Gärtner / und fragte: Was er vor einen Gehülffen
habe? Es ist ein Fremder / (gab dieser zur Antwort /) und hat vor etlichen Tagen
Arbeit bei mir begehret: welche er auch so ämsig und geschickt verrichtet / dass
ich ihn etliche Zeit zu behalten / willens bin. Das ist gut! versetzte Macarie /
liess damit den Gärtner wieder von ihr / und verfügte sich kurz hernach selbst
hinunter / den fremden Gärtner zu sehen; kunte ihn aber nie recht beobachten.
    Sie ging endlich näher hinzu / und sagte / weil es nun fast Mittag war: Ist
die Sonne nicht zu heiss / zum arbeiten? Es will freilich allmählich zu heiss
werden /(gab der Gärtner zur Antwort) der Morgen ist am bequemsten zur
Garten-Arbeit. Sonderlich (begegnete ihm Macarie) einem Verliebten / den der
Eifer von innen plaget / (wie ich heut einen klagen und singen gehöret) kann der
Sonne Hitz / wann sie von aussen dazu komt / leicht gar zu warm machen. Ach!
(sagte der Gärtner) das heutige Lied / hat weder meine Gedanken noch meine
Verfassung vorgestellt / (denn arbeiten und lieben / graben und dichten /
finden sich selten zusammen) sondern ich habe es von einem verliebten Schäfer
entlehnet. Wie kommet ihr und der Schäfer zusammen? fragte Macarie ferner. Als
ich jüngstin (versetzte der Gärtner) aus der Fremde in dieser Gegend ankommen /
und unfern von diesem Lustause / unter einem Baum die Ruhe genommen /ersah ich
/ nicht weit davon / einen Schäfer / der sich / auf seinen Stab lehnend / alle
die Klagen ausschüttete / welche ein betrogner Liebhaber ersinnen kann. Ich kunte
zwar wenig davon vernehmen / noch weniger aber behalten / ausser dass er von der
Untreu seiner Liebsten / die ihm verlassen / und einen andern erwehlet / (der
ohne Zweifel Eusephilistus heisset /denn diesen Namen hörete ich etlichmal
nennen) viel zu klagen wusste. Endlich fieng er an zu singen / und machte / dass
ich näher hinzu ging: da ich dann dieses wenige / was ich heut nachgesungen
(dann alles kunte ich nicht fassen) im Gedächtnis behielte.
    Macarie tratte hierauf zurücke / und dachte der Erzehlung dieses Gärtners
weiter nach: kunte auch /wegen des Namens Eusephilistus / nicht anderst
schliessen / als dass es der klagende Schäfer Polyphilus sein müsse. Was soll ich
doch / (sagte sie) von diesem Bericht halten? Ist Polyphilus warhaftig in die
Volinie verliebt / wie mir Phormena vorgesagt? oder lebt er ingleichen Argwahn
gegen mir? Ich sollte es fast / aus dieser Erzehlung / glauben. Vielleicht ist
das Gift der Verleumdung / in die Süssigkeit unserer Liebe gefallen / und hat
uns beide vergiftet? Ich muss sehen / dass ich gewissere Nachricht vom Polyphilus
bekomme. Indem wendete sie sich / und wollte ferner mit dem Gärtner reden: wurde
aber unversehens gewar / dass es Polyphilus selber war / der sich unter diesen
Kleidern verborgen / ihre Gedanken zu erkundigen; wie er dann ihre Gebärden gar
genau beobachtet / und eben im Nachsehen von Macarie erkennet wurde. Sie /
hierüber erzürnet / und bestürtzet / sagte: Darfst du Leichtfärtiger dich noch
unterstehen / mit deiner Untreu vor meine Augen zu kommen? mit was vor einer
Stirn kanst du mich anreden? hast du nicht genug / dass du biss daher meine
Unschuld und Leichtglaubigkeit missbraucht: must du nun auch den Spott zu der
Falschheit legen / damit ja das Mass der Laster voll werde.
    Sie tut wohl / schöne Macarie! (gab Polyphilus zur Antwort) dass sie ihre
Falschheit zu beschönen /mich dergleichen beschuldiget. meint sie vielleicht
/wann sie ihre Klag am ersten führe / so wolle sie dadurch die Meinige aufheben?
Ach nein! Polyphilus soll wohl die Treue erhalten / ob gleich Macarie selbige
gebrochen. Nimmermehr hätte ich geglaubet / dass unter dem Glanz ihrer Schönheit
solche Finsternus /und unter dem Ruhm ihrer Tugenden / solche Laster verborgen
lägen. Stille mit unbilligen Auflagen! (versetzte Macarie) wollet ihr Macarie
der Tugend berauben / so beraubet sie zuvor des Lebens: Dieses wird euch viel
leichter werden / als jenes. Ihr müst euch zuvor der Liebe gegen Volinie
befreien / ehe ihr mich der Untreu beschuldiget. Damit wollte sie weggehen; aber
Polyphilus hielte sie auf / und sagte: Wo will sie hin / schöne Macarie! Sie
überzeuge mich zuvor /wessen sie mich beschuldiget / oder höre meine
Entschuldigung an. Ich bin nicht gewohnt / dergleichen Scheltworte ohne Schuld /
anzuhören / (erwiederte Macarie) und habe mich schon zu lang bei einem kühnen
Betrüger aufgehalten. Habe ich gesündiget /(gab Polyphilus zur Antwort) so setze
sie / erzürnte Macarie! die Strafe: oder sie schaue doch an / wie ich mit diesem
Eisen bezeuge / dass ich ihr ewig-getreuer Liebhaber sterbe / und viel lieber
todt sein / als sie in einen andern verliebt wissen will.
    Mit diesen Worten / zoge er einen Dolch / welchen er zu diesem Ende mit sich
genommen / unter dem Kleid hervor / und wollte ihm selber damit die Brust öffnen.
Macarie aber / solches ersehend / lief eilend hinzu / risse ihm den Dolchen aus
der Hand / warff ihn in den Busch / und sagte: Was machet ihr / verzweifelter
Schäfer! wollet ihr euer beflecktes Gewissen mit Blut abwaschen? oder hat
vielleicht eine Verräterei unter uns eingewurzelt / und euch dieses
Gärtner-Kleid angezogen? Mein Gewissen (versetzte Polyphilus) bedarff keiner
Reinigung / weil es ohne Mackel / und sich mit fremder Liebe nicht beflecket. So
kann ich auch nicht glauben / dass eine Verräterei zwischen uns walte: weil ja
Macarie nicht laugnen kann / dass sie mit Eusephilisto / ihrem Liebsten / nach
Montefessen gefahren / demselben alle Freundlichkeit erwiesen / und den
armseeligen Schäfer Polyphilus /bei seiner Heerde / nicht eines Grusses
gewürdigt. Macarie / über dieser Rede erschrocken / sagte: So kränket euch eine
solche Handlung / Polyphilus! darein ich / durch eine unverhofte Begebenheit /
wider meinen Willen gerahten / und darinnen nicht das geringste wider meine
Pflicht gehandelt? Wie sollte mich hingegen nicht kränken / dass ihr die Schäferin
Volinie / täglich und stündlich / aus eigner Bewegung liebt und bedienet? Wäret
ihr so unschuldig in der Liebe gegen Volinie / als ich gegen Eusephilisto / so
dürffte weder ich eure Unbeständigkeit anklagen /noch ihr dieselbe
entschuldigen.
    Hilf Gott! Macarie! (sprach Polyphilus) wer bringt solche ungegründte
Zeitungen vor ihre Ohren? kann sie dann glauben / dass Polyphilus / aller Tugend
vergessend / sein eignes Gut verachten / und einem andern das Seinige rauben
werde? Volinie ist eine Ehe-Frau / und hat den Schäfer Filato zum Liebsten. Er
hätte gern gesagt: sie ist ihre Schwester! aber es war noch nicht Zeit / ihr
solches zu entdecken. Was war dann Apatileucheris: fragte Macarie ferner.
Polyphilus hierüber etwas errötend / gab zur Antwort: Vergebene Sünde / pfleget
man einem Bekehrten nicht wieder aufzurucken: Polyphilus war dazumahl noch sein
eigen / und hatte / wegen seiner ungeübten Jugend /noch nicht die Kräffte /
einer verführischen Schönheit zu widerstehen: Nachdem er aber der Liebe Macarien
versichert worden / hat er niemals mit Unbeständigkeit gesündiget. Ach! sollte
sie / schönste Macarie! dieses Hertze spalten: sie würde in warheit / nichts
anders / als ihr eignes Bildnus darin finden. Hat sich meine Liebe jemals gegen
ihr verändert: so soll der Himmel nimmermehr seinen Grimm gegen mir ändern.
Allein Macarie ist es / die ich verehre: alle die andere / sehe ich an / als
gemahlte Bilder / denen das Leben mangelt / und die deswegen keine Bewegung in
mir wirken können. Auch die Schäferin Volinie /habe ich nie / ausser mit einer
notwendigen und gemeinen Höflichkeit / bedienet.
    So winden euch dann alle Schäferinnen Kränze /(sagte Macarie) setzen euch
selbige auf und singen euch herrliche Lob-Lieder? Und pfleget ihr auch allen
Hirtinnen die Hände zu küssen / sie allentalben zu begleiten / und euch als ihr
ewiger Diener zu verpflichten? oder hat allein Volinie die Ehre dieses Vorzugs?
Sie hat alles fleissig behalten / (versetzte Polyphilus voll Verwunderung) und
muss ich einen gar gemerksamen Aufseher gehabt haben. Aber ich will ihr bald aus
dem Traum helffen. Niemand als Macarie ist die Ursächerin / dass Polyphilus von
Volinie bekränzet und besungen worden / dafür er ja / von Höflichkeit wegen /
einen freundlichen Dank ablegen müssen. Ihr Urteil / meine Schönste! in welchem
sie mir die Oberstelle unter den Hirten-Gedichten zuerkennet / hat mir dieses
Glück / oder vielmehr Unglück /zu wegen gebracht. Volinie hat den Kranz den
jenigen gewunden / welcher am besten fingen würde: Weil mir nun Macarie / die
ich / mit ihrer aller Belieben /zur Richterin erwehlet / den Vorzug gegeben /
was ist es Wunder / dass ich solchen Preis von ihren Händen erlanget? habe ich
hierinnen gesündiget / so wird sie /gerechte Macarie! einen Teil der Schuld auf
sich nehmen: Dann allein ihr Urteil / ist der Ursprung der Beehrung Volinie /
und meines Dankes. Aber mein Herz! sie gönne mir doch / zu wissen / wer mich
also gegen ihr verleumdet?
    Das ist keine Verleumdung / (sagte Macarie) was ihr selbst gestehet.
Entdecket ihr mir zuvor / woher ihr die Reise nach Montefessen erfahren?
Phormena (gab Polyphilus zur Antwort) hat uns solches / durch einen Brief /
eröffnet. Phormena! (begegnete ihme Macarie) darff diese eröffnen / was sie
selbst befördert / und vielleicht auch angestellet? So sollte ich nochmals wehnen
/ dass wir / verrahten und verkaufft /in ihren verleumderischen Stricken herum
lauffen. Erzehlet mir doch / Polyphilus! was sie geschrieben hat: so will ich
weiter kein Bedenken tragen / euch auch eine von ihren Heimlichkeiten / weil sie
nur Betrug wirken / zu entdecken.
    Ich habe zwar den Brief nicht bei mir / (sprach Polyphilus) von dem Inhalt
aber / und wie ich dazu gelanget / scheue ich mich nicht zu berichten. Als ich
meiner schönsten Macarie den lezten Brief durch ihre Dienerin geschicket / und
nun bei meiner Heerde einer frölichen Antwort erwartete / sah ich Melopharmis /
voll Zorn und Entsetzung / auf mich zu laufen / welche / vor Keichen / kaum
diese Worte hervor bringen kunte: Ach! Polyphilus! was bringe ich vor Zeitung?
Wie schändlich seit ihr in der Liebe Macarien betrogen? Hier leset / was ich so
lang gefürchtet /und vor Grimm nicht erzählen kann. Ich nahm den Brief mit
zittern aus ihrer Hand / und lase mit Bestürtzung / erstlich / dass wir sämtlich
/ auf der Königin Befehl / nach Sophoxenien kommen sollten; hernach aber / als
etwas neues / diese Worte / welche mir gar eigentlich in dem Sinn geblieben:
Gestern sind wir / in Ihr. M. Bedienung / auf dem Fest zu Montefessen gewesen /
und haben daselbst die Macarie / mit Eusephilisto (wie man sagt) ihrem Liebsten
/ angetroffen. Sie ist (welches mich wundert) mit ihme hin /und wieder zurück
gefahren / hat ihm auch alle Freundlichkeit erwiesen. So bald ich diese Worte
gelesen / warff ich den Brief von mir / und zugleich alle Sinne / und geriet in
eine solche Onmacht / dass Melopharmis nicht wusste / wie sie mich ermundern sollte
/ und ganz erschrocken nach Agapisten liefe /selbigen zu mir zu holen.
    Als dieser herzu kame / hatten sich meine zerstreute Sinne wieder etwas
gesamlet / aber zu meinem noch grössern Schmerzen: Dann ich fieng mit solcher
Hefftigkeit an / mein Elend zu beklagen / dass Agapistus nicht wusste / wie er
mich befriedigen sollte. Er war sehr bemühet / ihre Beständigkeit zu verteidigen
/ und wollte diesen Brief / als eine Verleumdung anziehen. Melopharmis aber redte
dagegen / und sagte: Dass sie diese Falschheit längst gemutmasset /und nicht
gewust / warum doch Macarie die völlige Verbindung aufschobe / und nicht leiden
wolle / dass des Polyphilus Liebe in der Insel Soletten kund würde. Ich hörete
ihren Streit mit Verdruss an / und wufte keinem den Sieg zu geben. Ich stellte
mir aber der Phormena Worte ohn unterlass vor: dann sie waren gar zu klar / und
benahmen mir allen Zweifel. Agapistus bote sich an / selbst nach Soletten zu
reisen /und alles zu erkundigen. Melopharmis aber wollte /ich sollte nach mir
fragen lassen / und alsdann meine Klage führen: Dann / (sagte sie) ein Weibsbild
/ (welches ich euch als ein Geheimnus entdecke) lässet ihr keinen unter ihren
Liebhabern entwerden / und wann sie sihet / dass der / den sie sonst verachtet /
anfängt sie wieder zu verachten / so wird sie ihm wieder etwas freundlicher /
damit er nur nicht ablasse / sie zu verehren. So lang ihr Macarien so göttlich
verehret / ists nicht Wunder / wann sie euch als einen Slaven tractiret. Lasset
ihr aber ab / sie zu suchen / so wird sie anfangen / euch zu suchen: und alsdann
habt ihr Gelegenheit / ihr Gemüte zu erkundigen / und ihre Untreu zu straffen.
Nimmermehr wollte ich etwas von Polyphilus halten / wann er Macarien ohne die
Tugend /die er allezeit von ihr gerühmet / lieben wollte. Lasset die jenige
fahren / welche euch mit betrüglichen Verheissungen und falschem Liebkosen
aufhält / indessen aber einem andern ihre Gunst erteilet. Ach! Macarie ist
keine solche: (versetzte Agapistus) sie liebt mit Tugend und Beständigkeit. Dass
sie aber solches /noch zur Zeit / verhelet / das komt von dem Hass der
Solettischen Inwohner. Und wer weiss / was sie zu dieser Reise nach Montefessen
bewogen hat?
    Also redeten diese gegen einander / und ich hatte davon keine Hülfe / und
wurde auch in meinem Eifer immer gestärket / weil ich keinen Buchstaben von ihr
sah / und deswegen die Liebe gegen Eusephilisto vor gewiss hielte. Ich lebte
etliche Tage in einem so verzweiffelten Zustande / dass ich mir vielmals das
Leben würde genommen haben / wo es Agapistus nicht verwehret hätte. Endlich
riete er mir / ich sollte selber zu ihr kommen / und wo nicht offentlich / doch
unbekandt / die Gewissheit dieser Zeitung einholen. Er gienge auch selbst mit mir
hieher / zum Gärtner / und fragte: ob nicht Macarie bald erwartet würde? Und als
dieser antwortete / dass sie albereit vorhanden / baten wir ihn / um dieses
Kleid: welches ich anzoge / und entweder eine aufrichtige Liebe / oder einen
kurzen Tod darin erhalten wollte; massen ich auch diesen erlanget / wo sie es
nicht verhintert hätte. Solte ich nun auch jenes nicht finden / so hätte ich
doppelte Ursach / über sie mich zu beklagen.
    Was soll ich sagen / Polyphilus! (gab Macarie zur Antwort) Ich erstaune über
der Verhängnus des Himmels / und über der Bosheit der Menschen. Ich will /wegen
der Liebe des Eusephilistus / mich nicht entschuldigen / sondern nur erzählen /
wie ich in seine Gesellschaft gerahten / und dass Phormena mich nach Montefessen
geführet / auch / was sie daselbst mir eröfnet. Hierauf erzehlte sie alles
weitläufig / was auf selbiger Reise vorgegangen / worüber Polyphilus ergrimmend
/ der Phormena tausend Unglück anwünschte: Hilf Himmel! (sagte er) was ist über
den Betrug der Weiber? O du verfluchte Königin! was suchest du deinen Lastern
vor schändliche Wege? Und du betrügerische Phormena! was hättest du listiger
ersinnen können? Ach allerliebste Macarie! sie vergebe meinen unhöflichen
Anklagen / und schätze sie / als Zeugen meiner aufrichtigen Liebe / die ohne
Eifer nicht sein kann. Sie sihet ja / wie das Unglück wider uns wütet und alle
List und Gewalt zu unsrer Trennung anwendet / so gar / dass auch die jenigen /
welche wir vor die besten Freunde hielten / uns zuwider sind. Aber sie betrachte
auch dabei / die himmlische Rettung / die der Torheit Atychintiden / und der
List Phormenen / den Zügel angelegt / und uns unverletzt aus ihren betrüglichen
Netzen gerissen. Fortin wollen wir ihrer Fallen behutsamer warnehmen / und das
Band viel fester machen / welches sie zu zerreissen gedachten. Ein Schenkel /
welcher gebrochen / und durch einen geschickten Wund-Arzt wieder geheilet worden
/ hält hernach viel fäster / als der noch nie-verletzte: Also soll nun unsre
Liebe / die von den Verleumdungen beederseits gekrachet / viel beständiger als
vorhin bestehen.
    Solcher gestalt / suchte Polyphilus seine harte Besprechung auszusöhnen.
Aber Macarie wollte so gar von keiner Abbitte hören / dass sie vielmehr selbst um
Vergebung ihres Eifers bate. Wir wollen uns (sagte sie) liebster Polyphilus!
nicht bemühen / das jenige zu entschuldigen / was eine fremde und nicht unsre
Bosheit verwirket. Wir wollen vielmehr den Himmel danken / dass er die
betrügliche Stricke zerrissen / ehe sie uns gänzlich gefället; und uns die Augen
eröfnet / ehe wir in gefährlicher Blindheit / schädliche Fälle getan haben.
Fortin glaube er keiner Nachricht mehr / sie werde dann durch meinen Befehl
bekräftiget: dergleichen soll er auch von mir zu hoffen haben. An diesem Anker
hoffe ich unsere verfolgte Liebe zu erhalten /biss sich das Ungewitter gänzlich
geleget / und unser Schiff den Hafen erreichet. Polyphilus bedankte sich für
diesen guten Raht / und gelobte demselben nachzukommen. Hierauf fienge er an /
seine Liebe / die bisher unter den Verleumdungen fast erstorben geschienen /
wieder zu verneuren. Gleichwie eine Flamme / welche durch den Dampf gehintert
worden / so bald sie etwas Luft empfindet / mit viel stärkerer Macht hervor
bricht: Also eine Liebe / die vom Zorn /ein zeitlang gehemmet gewesen / erzeiget
sich / nach der Aussöhnung / viel brünstiger. Also waren auch diese Verliebte /
nun sie ihren Eifer nichtig / und ihre Standhaftigkeit hingegen siegend befunden
/ voll Freude / und ergötzten sich mit den süssen Früchten /die eine so bittere
Wurzel getragen. Endlich kündete ihnen die Zeit ihre Lust auf / indem sie
Macarien nach Soletten / den Polyphilus aber zu seinen Triften abforderte. Dann
ob wohl dieser nicht unterliesse zu bitten /dass Macarie diesen Abend verbleiben
sollte / so entschuldigte sich doch selbige mit vielen Wichtigkeiten / und bate
ihn / dass er seine Sachen zu Rutiben befördern wollte: nahm hernach einen
freundlichen Abschied / und fuhr sehr freudig nach ihrer Insel.
    Polyphilus aber / nachdem er sie gesegnet / und ehest ein Brieflein zu
schicken / versprochen / gienge wieder zu seinen Hirten / und erzehlte denselben
die List der Phormena / durch welche sie alle beide in Eifer / und durch
denselben in Widerwillen verleitet worden: worüber sich Agapistus sehr
verwunderte /Melopharmis aber sich heftig erzürnte / und tausend Scheltworte
wider die Phormena und ihre Untreu ausstiesse. Sie begehrte / Polyphilus sollte
mit ihr nach Sophoxenien reisen / und die Phormena / wegen dieser Verräterei /
zu Rede setzen: Als er sich aber dessen wegerte / einwendende / dass es gar
gefährlich /das jenige strafen / was ohne zweifel aus Königlichem Befehl
geschehen / sagte Melopharmis: Was soll ich dann allein auf dem Schloss machen?
ich werde / ohn eure Gesellschaft / kein angenehmer Gast sein; und wer weiss was
sie noch anspinnen / wann ich länger hier verziehe. Das stelle ich dahin / (gab
Polyphilus zur Antwort) sie mögen tun / was sie nicht lassen können. Ich habe
nunmehr diesem Schloss / (welches mir zwar ehemals mein Leben erhalten / anjetzo
aber leichtlich wieder geraubet hätte) gute Nacht gegeben /und bleibe bei meiner
Herde. Ihre List wird mir nicht mehr schaden / weil wir uns schon dawider
gewaffnet. So habe ich auch keine Strafe von der Königin zu fürchten / weil ich
von ihrer Botmässigkeit frei / und unter einem andern Schutz lebe. Höfe und
Felder /Zepter und Hirtenstäbe / Königinnen und Schäfere /reimen sich nicht
zusammen: ein jeder suche seines gleichen.
    Weil Melopharmis aus dieser Antwort abnahm /dass Polyphilus nicht zu bereden
wäre / schickte sie den Servetus nach Sophoxenien / mit Befehl / die
Beschaffenheit daselbst zu erkundigen / und die Königin zu berichten / dass sie /
wegen Krankheit nicht wieder zurücke kommen können. Sie gabe ihm auch an
Phormena diss Brieflein mit / ihre Bosheit nicht unbestrafft zu lassen.
                               Untreue Phormena!
Wer hätte glauben können / dass solche Laster in euch wobneten / die unserer
Vertraulichkeit missbrauchen /und / an statt der versprochenen Hülffe /
Verfolgung wünschen sollten? Wisset ihr nicht / wie vest und heilig die jenige
verbunden sind / welche ihr durch eure List zu trennen suchet? Gedenket ihr /
die Torheit der Atychintide / durch eure Falschheit zu befördern / und wollet
eine leichte Hof Gnade dem Ruhm der Aufrichtigkeit vorziehen? So wisset / dass
ihr dieses verlieren / und jenes nicht finden werdet. Dann was hat nun eure
Verräterei für Nutzen / als dass sie entdecket /der Königin Hohn und Gelächter /
und euch selber Hass und Verachtung / zu wegen gebracht / den Polyphilus und
die Macarie aber / viel vester als vorhin verbunden: Dieses ist der Lohn eurer
Klugheit / und die Frucht eurer Heuchelei. Verzeihet mir / Phormena! dass ich so
offenherzig schreibe / wie es mein billiger Eifer der Feder dictiret / und
erkennet / in was Torheit ihr gerahten / die / wann sie der Himmel nicht
zeitlich entdecket / gewiss dem Polyphilus das Leben geraubet hätte. Berichtet
mich doch / was es vor einen Zustand im Schloss habe / damit ich meine Widerkunft
darnach anstellen könne. Ich verbleibe indessen
                                                                  Eure Freundin.
Mit diesem Brief und Befehl / verfügte sich Servetus /aber zu seinem Unglück /
nach Sophoxenien. Atychintide / als sie noch selbigen Abend / da Macarie zu
Montefessen Abschied genommen / wieder nach Hause fuhre / liesse ihr von Phormena
erzählen / wie Macarie in Eifer entbrennet / und nachmals an Melopharmis
schreiben / was sie vermeint / dass ihr Vorhaben befördern konnte. Weil sie aber
hierauf lang keine Post empfienge / und weder den Polyphilus noch die
Melopharmis / wie sie gehoffet / ankommen sah / fienge sie an zu zweifeln / ob
ihr Anschlag seinen Zweck möchte erreichet haben. Sie lage eben mit Phormena am
Fenster / selbige befragend / wie ihr dieser Handel gefiele / als sie den
Servetus ankommen sahen. Sie liesse ihn alsbald vor-fordern / da er / nach
abgelegter Reverenz / also anfienge: Durchleuchtigste Königin! Gnädigste Frau!
Melopharmis und Tycheno / neben den beiden Schäfern Polyphilo und Agapisto /
lassen sich E. M. untertänig befehlen / und tragen Verlangen / deroselben hohes
Wohlergehen zu vernehmen. Melopharmis aber bittet untertänig um Vergebung / dass
sie ihre Widerlunft biss daher verzogen / welches einige Unpässlichkeit
verursachet / dadurch sie gezwungen worden / ihre schuldige Aufwartung zu
versaumen. Sie erbietet sich / so bald sie ihre Gesundheit wieder erlanget / bei
E. Maj. als ihrer gnädigsten Gebieterin / sich in untertänige Dienst zu
stellen.
    Ist Melopharmis krank / (fragte die Königin) und hat dieses ihre Heimreise
verhintert? so wundert mich / dass sie es nicht eher berichtet / damit wir ihr
Arznei verschaffet hätten: Aber hat es sich noch nicht wieder gebässert? Es ist
ja etwas leidlicher mit ihr /(versetzte Servetus) allein die Schenkel wollen sie
noch nicht in die ferne tragen. So soll sie Phormena morgen mit der Kutsche
holen / (sprach Atychintide) da sie vielleicht auch die Schäfere mit bringt.
Was machet Polyphilus: ist er frölich bei seiner Heerde? Ich weiss es nicht /
gnädigste Königin! antwortete Servetus: Dieser Tagen ist er sehr betrübt gewesen
/ und hat / wider seine Gewonheit / ganz keine Tröstung annehmen wollen / wiewol
mir die Ursach unbekannt ist. Die Königin sah hierauf die Phormena an / und
hoffte noch gute Würkung ihrer Anschläge; befahle hierauf / den Servetus speisen
zu lassen. Als nun Phormena mit ihm nach der Küchen gehen wollte /überreichte er
ihr der Melopharmis Brief / und ging darauf / ohne Sorge / zu den andern
Bedienten.
    Phormena lase den Brief / und ereiferte sich dermassen darüber / dass sie vor
Zorn brennte: dann sie sah / dass nicht allein ihre Falschheit eröffnet /
sondern auch die Wirkung derselben gehintert wurde /und die Gnade / die sie
dadurch zu erlangen verhoffet / in den Brunn fiele. Damit sie nun nicht allen
Gewinn in diesem Spiel verlieren / und das Gespötte zum Schaden haben müste /
liefe sie voll Grimmes /mit dem offenen Schreiben / nach der Königin Zimmer /
und sagte / mit erblassten Lippen: Nun habe ich den Lohn für meine Arbeit. Ich
wusste wohl / dass ich nichts anders erwerben würde / wann ich E. Maj. gnädigen
Befehl nachkäme / und meine Pflicht beobachtete. Hier lesen sie / was
Melopharmis schreiben dörffen / und wie viel sie bei ihr gelten. Ich kann es
leiden / wann es E. M. vertragen können. Aber jetzt sehen sie / wie wahr ich
geredet / und wie vergeblich wir uns bemühen / diese Liebe zu trennen / welche
von Melopharmis befördert wird. Die Königin / voll Schrecken über dieser
Bezeugung / nahme den Brief und lase denselben: ward aber / wegen der
Melopharmis verächtlichen Worte / so voll Zornes / dass sie nicht zum Ende lesen
kunte / sondern das Papier in stücke zerrisse / und mit Füssen trate.
    Hat dann (sagte sie) der lebendige Teufel diese unverschämte Bestie aus der
Hölle herauf geschikt /mein Gemüte und Glück zu beunruhigen? War es nicht genug
/ dass diese leichtfärtige Alte vorhin den Grund meines Unglücks geleget / und
die Rache des Himmels wider mich gereitzet? muss sie nun auch alles mein Vorhaben
verhintern / und meine Gnade mit Schimpf und Untreu belohnen? Doch / ich will
ihr das Gelächter teuer gnug machen / und mit der Strafe sie lehren / wie sie
von Königinnen schreiben soll. Nimmermehr soll mir diese Verrähterin mehr unter
das Gesicht kommen; nimmermehr soll sie diese Schwelle betretten. Gebet euch nur
zu frieden / Phormena! und achtet unsre Gnade höher / als die Scheltworte dieser
Treulosen. Ich bin nunmehr eurer Aufrichtigkeit versichert / und will dieselbe /
auch misslungen / belohnen. Habe ich jemals die verfluchte Melopharmis geliebt
und beschenket / so will ichs euch vielmehr tun. Aber lasst den Servetus / den
lieben Getreuen dieser Schäferspursch / wieder vorkommen: Er ist zweifelsfrei
mit in ihrem Raht / darum soll er auch bei ihnen bleiben / und meinen Hof nicht
länger betriegen.
    Also musste Servetus / ehe er vollends gespeiset /vor die Königin kommen /
welche ihn also anredte: Höre / du Verrähter! der du bisher / deinen Unterhalt
allhier / mich zu betrügen / angewendet. Ich hätte Ursach / deinen Frevel mit
deinem Blut abzuwaschen /und dir die Strafe zu erteilen / die deines gleichen
Bösswichtern gebühret. Aber ich achte dich nicht würdig meiner Rache / und will
dich deiner eignen Strafe überlassen. Gehe hin / und sage deiner Erz-Betrügerin
Melopharmis / dass ich alle ihre Bosheit erfahren /alle ihre Verräterei nun
kenne / und deswegen alle die Gnade / welche ich ihr bisher erwiesen / und noch
ferner zu erweisen versprochen / wieder zu rück nehmen. Sie mag mit ihrem Sohn /
(dem ich wohl das Königliche Erbgut zugedacht hatte) bei ihren unedlen und
nichtswürdigen Schäfern / welchen sie bisher / zu meinem Nachteil / mit ihrer
Falschheit / gedienet /verbleiben / und sich ja hüten / dass sie nicht weiter vor
meine Augen komme / wo sie nicht den Lohn ihrer Untreu empfinden / und ihre
Laster gestraffet wissen will. Hiemit habt ihr alle / was ihr gesuchet /und ich
/ was meinen Zorn stillet. Damit wandte sich die Königin von ihme: und er warf
sich zwar / mit Zittern / zur Erden / und wollte sich verantworten /wurde aber
nicht angehöret. Atychin ide hiesse ihn fortgehen / und würde ihm wohl nicht
lebendig haben gehen lassen / wo sie die beide Weisen nicht gescheuet hätte: so
gar ergrimmet war ihr Gemüte / als sie ihre Liebe unfruchtbar / und ihren
Anschlag umgeworffen sah. Wie dann nichts so grimmig ist / als ein verschmähtes
Weibsbild / das ihre Liebe in Hass verwandelt.
 
                                Sechster Absatz
   Melopharmis / über ihrer Abschaffung beängstigt /verkleidet sich / mit dem
Servetus / in Einsidler /warsaget im Wald bei Sophoxenien / zweien Hof-Bedienten
/ und folgends auch der Atychintide /mit scharfer Vermahnung / ihre Verstossene
wieder aufzunehmen / endlich auch dem Eusephilistus. Agapistus bringt Macarien
   des Polyphilus Schreiben / darin er ihr der Königin Ungnad entdecket: und
                  kommet mit ihren Antwort-Schreiben zu rucke.
Also musste der armseelige Servetus / mit noch hungrigem Magen / aus dem Schloss
/ und / weil er wegen einbrechender Nacht nicht mehr zu den Schäfern kommen
kunte / in dem nächsten Dorffe bleiben. Er beweinte daselbst / an statt des
Schlafes / sein Unglück. Des folgenden Morgens aber / hinterbrachte er der
Melopharmis diese böse Botschaft: die darüber des Todes hätte sein mögen. Sie
wande die Hände / risse in den Haaren / und weinete über ihre Unbedachtsamkeit
und der Phormena Betrug. Polyphilus und Agapistus lachten dieser Bezeugung / und
sagten: Sie sollte die Königin zürnen lassen / und mit ihnen die Herde weiden.
Aber das war kein Raht vor Melopharmis /die den Stachel des Geitzes fühlte / und
das Königliche Erbe nicht verlieren wollte. Daher sie bald dieses /bald jenes /
vorschluge / die Gnade der Atychintide wieder zu erwerben / und sich in vorige
Hoffnung zu schwingen. Nichts war ihr verdriesslicher / als dass sich Polyphilus
ihrer Noht so wenig annahme / da sie doch seinetwegen darein gerahten. Als sie
sich nun so gar übel gehube / sagte Polyphilus: Wollet ihr dann ja /Melopharmis!
unsern Raht nicht folgen / und vermeint / ihr müsst zu Hof leben / so brauchet
List. Der das Schloss aus den Wellen gezogen / kann euch auchwieder in der Königin
Gnade bringen. Ich meines teils kann / auch ohne diese Gnade / frölich sein.
    Melopharmis erschrack über dieser Rede / und merkte wohl / dass Polyphilus
auf Zauberei zielte /davon sie doch nichts hören wollte: Dann ob es ihn gleich
nicht schwer fallen mögen / durch verbottene Künste ihr Hülffe zu schaffen / so
wusste sie doch /dass sie albereit bei den Weissen / wegen der wunderlichen
Errettung des Schlosses / verdächtig / und durch die Verleumdung der Phormena /
in ihrer Abwesenheit / leichtlich gar angegeben / und in verhaft kunte gebracht
werden. Darum suchte sie mehr mit List und Betrug / als zauberischer Kraft /
ihren Zweck zu erreichen. Sie blieb in unterschiedlichen Nachdenken / selbige
Nacht / ohne Schlaf / kunte auch keine fröliche Stunde haben / biss sie etwas
ausgedacht hatte / dass ihr Hoffnung zu ihrer vorigen Glückseeligkeit gabe. So
bald sie aber einen / ihrer Meinung nach / richtigen Raht erfunden / wurde sie
munderer / und hiesse den Servetus getrost sein / weil sie ihm nun bald mit ihr
wieder nach Hofe bringen wollte. Das möchte ich sehen! (sagte Agapistus)
verheisset nur nicht zu viel /Melopharmis! es gehen uns / das Jahr über / um
etlich tausend Gulden Anschläge zurücke. Dieser aber gar schwerlich: (versetzte
Melopharmis) Ihr sollet erfahren / dass man uns nicht allein wieder nach Hof zu
kommen erlaubet / sondern auch darzu bittet. Da wünsch ich Glück zu! sprach
Agapistus. Helffet ihr uns dann auch wieder zur Königlichen Gnade? fragte
Polyphilus? Wie ihr mir dazu geholfen: gab Melopharmis lachend zur Antwort. Aber
spottet nur immerhin / ich will schon eurer wieder spotten / wann ich mein Geweb
zu End gewürket.
    Melopharmis unterliess hierauf nicht / ihren Anschlag zu vollführen. Was tut
aber diese Listige? sie machet ihr / auf eine besondere Art / priesterliche oder
Eremiten-Kleider / und verstellet das Gesicht mit einem grauen Bart / versihet
auch den Servetus mit dergleichen. In solchem Habit / dessen die Schäfer /und
ihr Sohn / nicht gnug lachen kunten / gienge sie mit dem Servetus in den Wald /
der nächst dem Schloss Sophoxenien lage / liesse ihr daselbst ein kleines Hüttlein
von etlichen Brettern aufschlagen /machte ein Tischlein darein / gleich einem
Altar / und setzte darauf ein Rauchfass / eine Kertze / und was sie sonsten / zur
Hülfe ihres Betrugs / dem Servetus aufgeladen. Sie hatte kaum ihren Kram
ausgelegt / da sah sie einen jungen von Adel daher kommen / der ein Rohr über
der Achsel truge / und Vögel zu schiessen willens war. Sie befahle sobald dem
Servetus /sich zu verbergen / zündete hierauf ihre Kerzen an /legte Weihrauch
auf die Glut / und knihete / mit vielem Murmeln / vor dem Altar. Indessen war
der Edelknab begierig / die Hütte / welche er sonst daselbst nie gesehen / zu
beschauen / und ging gerades Fusses dahin: da er den Alten in seiner Andacht so
lang zusah / biss der sich umkehrt / und mit ernstlicher Stimme / Orakels-weise
/ also zu reden anfienge:
Wer ist / der mir zerstört die heiligen Gedanken /
Und mit gemeinem Fuss / in die geweihte Schranken
Der Hütten tretten darff? die diesem nur erbaut /
Durch welchen jederman sein Glük und Unglück schaut.
Du kühner Jüngling! du / hast freilich Straf verdienet.
Doch / weil ich gleich jetzund den Himmel ausgesühnet
Durch Opfer und Gebet: so steh / und fürcht dich nicht.
Hör aber fleissig zu / was dir mein Mund verspricht.
Du bist / zu guter Stund / in diese Gegend kommen.
Nimm nur genau in acht / was dient zu deinem Frommen.
Eh dieses Jahr vorbei / und jenes komt heran /
Ist dir ein grosses Tor zur Wohlfart aufgetan.
Du bist nun eine Zeit / in harten Dienst gestanden:
So mache dich jetzt los / von so beschwerten Banden.
Dein Glücke grünt hervor / und steiget in die höh.
Dir gönnt des Himmels-Gunst / viel Reichtum durch die Eh.
Mehr ist mir nicht erlaubt / von Künftigen zu sagen;
Drum sei damit vergnügt / und tu nicht weiter fragen.
Nim deiner selber war / und sei nicht unbeherzt:
Dann / wo es fehlen solt / hast du es selbst verscherzt.
Uber dieser unverhoften Weissagung / wurde der junge Edelmann ganz erstarret:
freuete sich aber doch der guten Zusage / einer glücklichen Heuraht / und wollte
dem fremden Propheten eine Verehrung geben. Er aber schüttelte den Kopf / und
wollte nichts annehmen / sondern winkte / er sollte seines Wegs gehen. Also ging
dieser Betrogne / voll Schrecken und Verwunderung / wieder zurück / und liesse
vor dissmal die Vögel ungeschossen. So bald er aber hinweg war /riefe Melopharmis
dem Servetus / und fragte: wie ihm dieser Anfang gefiele? Sehr wohl! sagte
dieser / mit grossem Gelächter. Der gute Kerl schätzet sich nun schon
glückseelig. Wann es die Königin höret / so komt sie selbst heraus. Darauf ists
auch angesehen! versetzte Melopharmis Reichet mir nur jetzund zu essen: ich will
ihnen noch Lugen genug verkauffen. Also hielten sie Malzeit von der
mitgebrachten Speise / unter vielen Gesprächen.
    Sie hatten kaum gespeiset / als sie den Edelknaben wieder daher kommen sahen
/ und Erotemitis / eine aus den Frauenzimmer / mit ihme. Was will diese? sprach
Melopharmis: soll ich ihr vielleicht auch einen Mann verschaffen? ich such nicht
ihre / sondern ihrer Königin Ankunft. Doch haltet euch versteckt / Servetus / so
will ich ihr auch etwas daher dichten / und sehen / dass ich diese beide zusammen
koppele. Hierauf verbarge sich Servetus / Melopharmis aber setzte sich bei ihr
Buch / und erzeigte sich gar tiefsinnig /biss diese beide hinzu kamen.
Erotemitis kam allein hinein / (dann der Jüngling wollte nicht gar mitgehen) und
sagte / voller Schrecken: Verzeiht mir / andächtiger Vatter! dass ich eure
Andacht verhintere. Ich vernehme / dass ihr aller Menschen Zustand kennet / und
bitte / ihr wollet auch mir / wie andern / mein Glück oder Unglück offenbaren.
Mehr kunte sie / vor Furcht / nicht heraus bringen. Melopharmis aber neigte das
Haubt / und gab so viel zu verstehen / sie wollte ihrer Bitte willfahren. Hierauf
zündete sie ihre Liechter an / legte etliche Kräuter-Wurzeln / und was mehr zu
Erforschung zukünftiger Dinge gehöret / in einen Kreis / und fieng an viel
undeutliches zu murmeln /und sah darauf die Erotemitis an / die in tausend
Aengsten stunde / und sagte:
So rühmt sich meine Kunst / wann Jung fern sie befragen.
Was soll ich diesem Volk / als nur von Liebsten sagen?
Die Jugend hat die Lieb nur bloss zu ihren Ziel:
Drum Jungfer! höre zu / was ich dir sagen will.
Dich hat vor kurtzer Zeit! ein Alter wollen freien:
So trug dein frischer Sinn ob seinen Haaren scheuen /
Die eben so beschneit / als meine / sahen aus /
Und zeugten / was vor Hitz in seinem kalten Haus.
Drum woltest du das Geld / nicht vor die Lust erwählen.
Doch Schöne! handle klug: es könt dir leichtlich fehlen.
Noch einer steht dir vor: und schlägst du da nicht ein /
So wehr dich / oder nicht / du must des Alten sein.
Es wird / eh du vermeinst / dich noch ein Junger lieben:
Und dem ergib dich bald / wie ich dir vorgeschrieben;
Sonst führt dich jener heim. Diss fordert dein geschik.
Erotemitis! hör / und folge deinem Glück.
Die Jungfer hatte diesem allen / mit grossem Eifer zugehöret / und wollte nun
auch ihre Dankbarkeit gegen Melopharmis erweisen: allein sie nahme nichts / wie
sehr auch Erotemitis bate. Derowegen dankte sie mit Worten / und verfügte sich
mit dem jungen Edelmann wieder nach dem Schloss. Melopharmis und Servetus
hingegen warteten auf die Königin / biss an den Abend: worüber sie sehr
wunderten. Doch hatten sie die Hoffnung auf den andern Morgen: blieben also diese
Nacht in der elenden Hütten beisammen. Melopharmis schlief wenig / und sorgte /
es möchte ihr Anschlag misslingen / und Atychitide so erzürnet sein /dass sie
nichts mehr von ihnen horen wollte; oder sie möchte wohl gar diesen neuen Warsager
suchen und einziehen lassen / da man dann seltsam mit ihr umspringen würde.
    Diese Angst aber nahme bald ein Ende: Dann als sie des Morgens in der Hütten
beisammen sassen /und an ihrer Hoffnung fast verzweifelten / sahen sie Phormena
daher gehen / mit einer andern unbekandten Weibs-Person. Melopharmis erschrake
erstlich über dieser Ankunft / und bildete ihr ein / es werde sie Atychintide
zur Kundschafferin ausgesandt haben. Als sie aber etwas näher kamen / wurde sie
gewar / dass die Königin selbst / in einem fremden Habit dabei war. Sie schaffte
demnach den Servetus hintan / und lase /nach ihrer Gewonheit / in einem alten
Buch. Atychintide trat in die Hütten / und sprach: Höre / du künstlicher Alter!
der du jederman seinen Zustand entdeckest / und dich rühmest / ihr Künftiges zu
wissen. Ist etwas in deinen Kräften / dadurch du mein Verhängnus sehen / und von
meinem Glück zeugen kanst / so eröffne mir unerschrocken / was ich in meinen
verwirrten Anschlägen zu fürchten oder zu hoffen habe. Melopharmis fieng hierauf
an / ihre Gauckelei hervor zu suchen / und machte so viel abenteurliche Gebärden
und Handlungen / dass die Königin recht furchtsam wurde / und der Phormena winkte
/ zu ihr zu sehen. Melopharmis sah unter ihrem Gebet die Königin etlichmal an /
schüttelte den Kopf / stellete sich voll Wunders / und fienge endlich also an zu
reden.
Eh ich die Antwort sag / so muss ich warlich lachen /
Dass eine Königin sich will verborgen machen /
Durch ein entlehntes Kleid. Soll / der des Himmels Raht
Und den Verhängnis-Schluss / vor seinen Augen hat /
Der durch die Tiefe kann der Parcen Anschlag hören /
Der Glück und Zufäll weiss / sich lassen jetzt betören
Durch einen fremden Rock? Ach nein! ich sehe weit /
Und kenn des Purpurs Glanz auch unter schlechtem Kleid.
Drum / Königin! vernim / was ich dir werde zeugen.
Die Warheit lässet sich durch keine Hoheit beugen.
Ich öffne / deiner Bitt / den Göttlich-hohen Schluss /
Vor dem die ganze Welt / in Demut zittern muss.
Im fall nun dein Gemüt vor solcher Macht erbebet /
So wisse / dass dein Glück jetzt auf der Spitze schwebet /
Dass dein verlassnes Schiff geräht im Wirbel-wind /
Und dein verirrter Lauf nun bald die Grube find.
Du hast der schweren Straf des Himmels schon vergessen
Und dass dein schönes Schloss / mit dir versenkt gewesen.
Was deine Rettung war / hast du von dir verbannt /
Und hegst an solcher Stell / die fördern deine Schand.
Man siht der Tugend Pest / die Wollust in dir brennen.
Was reine Liebe bindt / das suchest du zu trennen
Durch List und Tyrannei. Drum höre / was ich sag.
Der Himmel rüstet sich schon wider dich zur Rach.
Und wo du länger wirst in solchem Laster Leben /
Und deinen schnöden Sinn der tollen Lieb ergeben;
Wann du die / so zuvor gedienet deinem Glück /
Durch Gnad und Freundlichkeit nit ruffest bald zurück:
So wisse nur gewiss / dass / was du vor ertragen /
Nicht zu vergleichen sei den allzuharten Plagen /
Die dir bereitet sind / und schon im Warten stehn /
Biss dein Verhängnus sie wird heissen an dich gehn.
O Tochter! denke nach / es gilt hier kein verweilen:
So schnell die Sonne fährt / wird auch dein Unglück eilen.
So eile du mit Raht / und stoss aus deiner Brust /
Die blind entbrannte Lieb / die Laster-volle Lust.
Lass / was der Himmel selbst durch Tugend hat verbunden
Dir nicht entgegen sein. Und welche wieder funden /
Was dir verborgen war / das helle Sonnen Liecht /
Die lasse länger ja aus deinem Hause nicht:
Sonst wirst aufs neue du / und ewig / dich versenken /
Und dörftest nimmermehr auf keine Rettung denken /
Weil die so schlechten Dank / bei dir gewürcket hat.
Atychintide! wach! diss ist der Sternen Raht.
Die Königin wurde durch diese Weissagung / als vom Blitz gerühret / und so
beschämet / dass sie die Augen zur Erden schlug / und sich ganz onmächtig auf
Phormena steurte: Sie war so voll Schrecken und Ungedult / dass sie wünschte /
den Propheten nie gesehen zu haben: Dann sie wusste sich / in ihrem Gewissen
/aller der Laster schuldig / welche ihr der Warsager aufgebürdet / und kunte
deswegen auch an der angedrohten Strafe nicht zweifeln. Also stunde sie in
äussersten Aengsten. Ihre Heimlichkeit war entdecket /ihre List war umgeschlagen
/ und ihre Hoffnung lag darnieder. Solte sie von ihrem Vorsatz weichen / und die
Verstossene wieder beruffen / das wäre schwer und schimpflich: sollte sie dann
darin verharren / so wäre es gefährlich und schädlich. Schon einmal hatte sie
die Rache des Himmels empfunden / und das andere mal musste sie dieselbe
fürchten. Demnach wusste sie ihr nicht zu helffen / und hatte kaum die Kräffte
/der Phormena zu befehlen / sie sollte dem Warsager ein Geschenke geben: welches
er aber nicht annahme. Also giengen sie / weil sie nichts mehr zu suchen wussten
/ wieder zurücke / und nach ihrem Schloss.
    Melopharmis / so bald sie die beide aus dem Gesicht verloren / riefe dem
Servetus / und sagte: Nun haben wir unsern Zweck erreichet / und der Königin
angekündet / was zu unsrer Widerberuffung vonnöten ist. Nun ist übrig / dass wir
uns bald von hinnen machen / / ehe unser Betrug entdecket / und unser Anschlag
verderbet werde. Geschwinde / Servetus! brecht die Hütten ab / und lasst uns
fortziehen. Also eilete dieser / dem Befehl der Melopharmis nachzukommen / und
brache alles zu stücken / damit sie nicht gehintert würden. Eben aber / als sie
fortgehen wollten / sah Melopharmis den Eusephilistus daher reiten / welcher /
wie sie mutmassete / nach Sophoxenien wollte. Sie besanne sich bald einer List /
und sagte zum Serverus / er sollte mit den Sachen fortgehen. Sie aber blieb in
tiefen Gedanken stehen / biss Eusephilistus näher kam / und diesen ungewöhnlichen
Aufzug mit Verwunderung ansah / aber ohne Besprächung vorbei reiten wollte.
    Als dieses Melopharmis warnahm / fienge sie an mit lauter Stimme zu ruffen:
Verliebter Jüngling! halt! du darffst so sehr nicht eilen.
Die Wunde / die du denkst an jenem Ort zu heilen /
Findt Kraut und Pflaster hier. Ich weiss / wohin du rennst /
Und kenne dein Gemüt / ob gleich du mich nicht kennst.
Ich will / eh das ich wuss aus dieser Gegend reisen /
Dir / noch den rechten Weg / in deiner Liebe weisen:
Du reitst auf jenes Schloss / zu forschen eine Sach /
Die ich viel besser weiss. Drum hör / und folg mir nach.
Die du bisher geliebt / und noch nicht wilst verlassen /
Um welcher wegen du auch reisest diese Strassen /
Wird dir nicht zuerkannt durch Gott und d. in Geschik.
Ein andre gönnet dir in kurtzen süsse Blick:
Die nim gewogen auf / so kanst du frölich leben /
Da jene Liebe dich nur heist in Unglück schweben.
Diss nim in acht / mein Sohn! der Mensch ist ganz betört /
Der etwas wider Gott / zu seinem Fall begehrt.
Was der uns nicht erlaubt / soll unser Herze fliehen /
Weil wider seine Macht wir uns umsonst bemühen.
So gib den Schäfer hin / was ihn der Himmel gibt /
Und lieb hingegen die / so dich schon heimlich liebt:
Alsdann wird Glück und Freud aus deiner Heurat sprossen.
Diss find / im grossen Raht ich jetzt also beschlossen.
Vollbringst du / was ich sag: so hast du klug getan.
Wo nicht: so bleib gestürtzt / und klag dich selber an.
Ob Eusephilistus / über dieser unverhofften Weissagung erschrocken / ist leicht
zu vermuhten: Dann er war vorhin in höchster Ungedult / und hatte zu Soletten
verstanden / dass Macarie abermal mit dem Polyphilus zusammen gewesen / da er
doch zuvor aus der Erzehlung Phormenen / viel ein anders geschlossen. Er reisete
dennoch zu der Königin / die Gewissheit der Liebe des Polyphilus zu erforschen /
und einen endlichen Schluss zu vernehmen / was er in seinen Verlangen zu fürchten
oder zu hoffen habe. Dieses erfähret er nun auf dem Weg ungefehr / wiewol nicht
nach seinem Willen: weswegen er darüber sehr bestürtzt wurde. Er sah den
seltsamen Warsager mit unverwandten Augen an / und wusste nicht / ob er ihm
danken / oder ihn schelten sollte. Melopharmis aber eilete mit ihrem Knecht von
dannen / aus Furcht / erkennet zu werden / und wollte ihr nicht lang unter das
Gesicht sehen lassen: den Eusephilistus im Zweifel verlassend / ob er weiter
reiten / oder wieder umkehren sollte / weil er albereit mehr gehöret / als er
gewünschet. Doch entschlosse er sich letzlich / gar nach dem Schloss zu reisen /
und des Warsagers Worten nachzuforschen / damit / wann sie mit der Warheit
einträffen / er seine Handlungen darnach richten / und / weil er ohndas
unbeständiges Sinnes war / eine andere erwählen könnte.
    Die Schäfere hatten inzwischen / nach ihrem Abzug / sich berahten / der
Macarie die Ungnade der Königin zu eröffnen / weil sie es doch sonst erfahren
/und dadurch in neuen Kummer gerahten möchte. Demnach schickte Polyphilus
Agapisten nach Soletten / und liess seiner Liebsten die ganze Handlung erzählen /
gab ihm auch ein Brieflein an sie / dieses lauts.
                                 Liebstes Herz!
Weil ich nicht zweifle / es werde das Geschrei / dass sich mehr auszubreiten /
als zu verbergen pfleget / die Handlung der Königin zu Sophoxenien / wider uns
/derselben / und zwar / seiner gewohnten Art nach /mit meinen Schimpfe / für
Ohren gebracht haben: als habe ich / durch unsern Agapistus / ihr davon
mündlichen Bericht zu geben / nicht verabsaumen wohl en. Er wird von allem / was
geschehen / und künftig geschehen möchte / Bericht erteilen. Weil aber des
Agapistus Herz / hierinn fast der schönen Macarie ihrem gleichet / dass es etwas
furchsam / und ohne Ursach erschrocken ist / wolle sie / mein Kind! keine
unnötige Sorge in ihr herrschen lassen / sondern vielmehr der beherzten Künheit
ihres Polyphilus nachfolgen /und gewiss glauben: dass / dafern Witz und Bedacht
noch etwas vermögen / ich diesem Ubel bald Rat schaffen / und anjetzo eine süsse
Rache / an der bisher von der Königin erlittenen Bosheit / mit nächsten verüben
werde. Sie lebe nur ohne Furcht / mein Herz! und in der Liebe
                        Ihres biss in den Tod beständigen
                                                                     Polyphilus.
Als Agapistus diesen Brief Macarien eingehändiget /fragte sie / nach dessen
Ablesung: was dann mit der Atychintide vorgelaufen wäre? und als ihr Agapistus
solches nach der Länge erzählt / wunderte sie heftig darüber / und bate
Agapisten / dass er Polyphilo zureden / und ihn vermahnen sollte / der Königin
nachzugeben / und sich mit ihr in keine öffentliche Feindschaft einzulassen /
weil sich dergleichen Handlungen im Lande auszubreiten / und in allerhand
schimpfliche Nachreden auszuschlagen pflegen. Dem ist also! (sagte Agapistus)
Ich habe den Polyphilus dessen allbereit erinnert / und will es / auf ihren
Befehl / schöne Macarie! noch ferner tun. Damit es aber nachdrüklich geschehe /
so bitte ich um etliche Zeilen / die meinem Zusprechen mögen Glauben erwerben.
Wann ich ihn damit beschweren darff / (versetzte Macarie) so soll es an meiner
Feder nicht mangeln. Hierauf setzte sie sich über / und schriebe folgendes.
                                   Mein Herz!
Bleichwie die Tugend / wan sie nicht auf einem Diamantenen Fuss der Beständigkeit
ruhet / vor keine Tugend zu halten / sondern vielmehr / ein löblicher Anfang / /
eines sträflichen Endes zu nennen ist: also will hingegen solcher Ruhm der
Beständigkeit / nicht auf weichen Polstern / sondern in den Stürmen der
Widerwärtigkeit erlanget werden / weil ohne Streit kein Sieg zu boffen ist. So
lasse er sich den Hass der Königin /mit welchem sie seine Ruhe bekrieget / nicht
anfechten / sondern lebe versichert / dass alle unschuldige Verfolgungen ihm / an
statt eines Schatzes / dienen werden / sein Glück vor der Fäulung zu bewahren.
Damit man aber doch vorsichtig handele / möchte ich wünschen / er liesse ihm
meine Bitte und seines Apagistus Raht gefallen / und begegnete dieser Erzürnten
mit Demut: Ich bin gelliss / dass dieser hochmütige Löw durch die Anbetung
besänftiget / und wo nicht ein Lams-Fell / doch einen Fuchs-Beltz anziehen
würde. Weiss ich doch / dass er von dem Himmel / mit einer so ungemeinen
Freundlichkeit beschenket ist /dass er dadurch auch die wildste Gemüter zahm
machen könnte. Und diese lasse er vor dissmal / an statt der Rache / gelten / und
folge der Bitte /
                                     Seiner
                                                                        Macarie.
Nachdem Apapistus dieses Brieflein von Macarien erhalten / nahme er einen
höflichen Abschied / und kehrte damit wieder zum Polyphilus / erzehlte denselben
seine Verrichtung / und überreichte ihm das Schreiben seiner Liebsten / welches
er lese / und dadurch in Zweifel gesetzt wurde / was er tun sollte? Der Königin
nachzugeben / und um ihre Gnade zu bitten / wie Macarie und Agapistus riehten /
war wider seine Natur und Gedanken: seiner Liebsten Bitte aber zu verachten /
war wider das Gesetz der Höflichkeit / und Liebe. Also schwebte er in
Ungewissheit / und hatte mit Agapisten viel Streitens hierüber. Endlich kam
Melopharmis dazwischen / welche den beiden Schäfern ihre verübte Warsagerei mit
solchen Umständen erzählt / dass sie darüber sich nicht satt lachen kunten.
 
                                Siebender Absatz
Atychintide berufft die Verstossenen wieder nach Hof. Der Bot erzählt / was sich
   mit dem Warsager im Wald begeben / wie die beide Alten / mit Begehr ihrer
     Dienst-Erlassung / die Königin von ihren unverantwortlichen Handlungen
    abgemahlet / und sie solches wohl aufgenommen; wie ihm Eusephilistus die
  Erotemitis vermählet. Sie reisen miteinander nach Sophoxenien / und werden
                                gnädig bewirtet.
Indem sie nun also bei ihrer Heerde sassen / und sich mit den Vorbringen dieser
Prophetin ergezten / ihre List bewunderten / und zu wissen verlangten / was
selbige würcken würde / sahen sie den Edel-Knaben /welchen Melopharmis am ersten
betrogen / daher kommen. Ha! ha! (sagte Melopharmis) dieser bringt gewiss eine
Frucht von meinem Samen; Gott gebe sie nur nach meiner Hoffnung! Mit diesem kam
der von Adel herbei / und wünschte der Gesellschaft alle Glückseeligkeit. Wo
sollten wir Glück hernehmen /(sagte Melopharmis) da wir von Sophoxenien
verstossen sind. Verstossen! (erwiderte der Edelman) ich habe hier viel einen
andern Brief. Das wäre was neues! sprach Melopharmis! nahme damit den Brief von
ihm / und / weil die Uberschrifft an sie stunde /erbrach sie denselben / und
fand darinnen von der Königin eigner Hand / diese Worte.
                                  Melopharmis.
Wann euch die Botschaft / welche wir durch Serveten anbringen lassen / fremd
und unsrer vorigen Gnade zuwider vorkommet / so wisset / dass sie aus Zorn
hergeflossen / und dass eure unbedachtsame Feder denselben erreget. Soltet ihr
also alle unsere Guttaten mit Hinterlist belohnen / Unsern wohlgemeinten Raht
in ein Gelächter ziehen / und von eurer Königin so verächtlich zu schreiben
nicht erröten: Bedenket / Melopharmis! wie sehr ihr uns verletzet / und wie
billig wir darwider geeifert / auch noch ferner eifern würden / wann nicht der
Befehl des Himmels (den auch die Könige unterworffen) uns ein anders auflegte:
welchem zu gehorchen / wir euch nicht nur alles Verbrechen schenken / sondern
auch vorige Gnade und Hoffnung aufs neue zusagen. Kommet / mit eurem Sohn / der
seiner Mutter Schuld büssen sollen / wieder zu uns / und bringt die beide
Schäfer / den Polyphilus und Agapistus / auf eine Besuchung mit / berichtet auch
jenen / dass wir zwar die Liebe / so er gegen Macarien heget / aus einer gnädigen
Meinung / bisher gehintert / anjetzo aber / ihm solche nicht nur erlauben /
sondern sie auch befördern / und also dem Göttlichen Willen gehorsamen / euch
auch alle Gnade erweisen werden.
                                                                    Atychintide.
Ich weiss nicht / (sagte Melopharmis / als sie diesen Brief gelesen) was ich
hievon halten soll. War die Königin so gar wieder uns erzürnet / wie Servetus
erzählt / warum heisset sie uns dann nun wiederkommen? oder wer hat sie auf
einen andern Sinn gelenket? oder meint  sie vielleicht / uns mit guten Worten
nach Sophoxenien zu bringen / und daselbst erst ihren Grimm sehen zu lassen? Ach
nein! (versetzte der Edelknab) es sind viel andere Ursachen dieser Veränderung /
als ihr vermuten krünet. Es geht zu Sophoxemen seltsam zu / und wann ich alles
neue erzählen sollte / würdet ihr euch sämtlich darob verwundern. Damit ich aber
nur des letzten gedenke / so wisset / dass der Eusephilistus von Soletten die
Erotemitis gefreiet. Ihr schertzet! riefe Polyphilus / voll Entsetzung. Ich
schertze nicht / (sagte der junge von Adel) in wenig Wochen wird die Hochzeit
angestellet werden. So sagt mir doch / (fragte Polyphilus) woher diese Heirat
ihren Ursprung genommen? Der diesen Brief zu wegen gebracht / hat auch diese Ehe
gestifftet: gab der Edelmann zur Antwort. Aber / wer ist derselbige? (fragte
Melopharmis) haltet uns doch nicht auf / die Wunder zu eröffnen / die sich in
unsern Absein begeben. Das will ich wohl tun / (sagte der Edelknab) dafern ich
keine Ausschwatzung / die mich in alles Unglück setzen könnte / zu fürchten habe.
Melopharmis und die Schäfere schwören ihme / nichts davon zu gedenken / er sollte
nur ohne falsch entdecken / was er wüste.
    Nachdem Servetus (fienge er hierauf an) von Hof geschaffet war / bliebe die
Königin etliche Tage gar verwirrt und ungedultig / und kam entweder gar nicht
zur Tafel / oder sasse über derselben ganz stumme. Phormena bemühete sich zwar /
sie zu erfrölichen /aber vergebens: Dann sie lebte in solchen Kummer und Zorn /
dass nicht nur die beide Weissen / sondern auch der ganze Hof / darüber wunderte.
Wie aber die Hofbediente über diese Weise der Königin sich entsetzten / also
wurden hingegen die Weissen darüber zornig / und suchten Gelegenheit / der
Königin solchen Ubelstand zu verweisen / weil jederman erriehte / wo ihr Kummer
herrührte.
    Aber mitten in dieser Verdriesslichkeit / begabe sich eine wunderliche
Abenteur. Dann / als ich eines Tags / in das nächste Wäldlein / Vogel zu
schiessen /ausgienge / fand ich daselbst einen seltsamen Kefig /und darin
einen noch seltsamern Vogel. Ich sah ein kleines elendes Hüttlein / und in
selbigem / einen alten / wunderlich-bekleidten Mann / der vor einem Altärlein /
mit vielem Murmeln kniete / und angebrandte Kerzen / Rauchwerk / und dergleichen
Sachen vor sich hatte. Ich entsetzte mich über dieser Begebenheit / noch mehr
aber / als der Alte sich gegen mir wandte / meine Künheit schalte / und in
gebundener Rede / so wohl meinen Zustand mir erzehlte / als mein zukünftiges
Glück eröffnete. Was eröffnete er aber? fragte Melopharmis. Er verhiesse mir /
(sagte der junge Edelman) in kurtzen eine reiche und glückseelige Heurat / und
machte mir soviel gute Hoffnung /dass ich einen Lohn suchen wollte / vor so
freudige Zusage / da er aber nichts von mir nahme.
    Also ging ich halb erschrocken / und halb freudig / wieder zurück / und
erzehlte den andern Bedienten / was mir begegnet. Erotemitis liefe eilends zur
Königin / dieses zu berichten: welche mich vorfordern liess / und alles
umständlich erforschete / was sich mit dem Warsager begeben / auch der
Erotemitis erlaubete / mit mir zu gehen / und von dem neuen Propheten ihr Glück
zu vernehmen. Diese / wie sie vorhin aller Seltsamkeit begierig / wollte dieses
nicht versäumen / sondern ging mit mir nach den Ort / wo ich den Alten gefunden
/ und fragte denselben: was sie künftig zu hoffen hätte? Was sagte er von
dieser? fragte Polyphilus. Er erzehlte ihr / (gab der junge von Adel zur
Antwort) dass sie einen alten Freier / von wegen seiner grauen Haare / verachtet
/ aber noch nicht von ihm frei sei. Dann wo sie dem Jungen /welcher mit nechsten
um sie werben würde / nicht zuschlüge / / müste sie gewiss des Alten sein. Wer
war aber der Junge? (fragte Melopharmis) wäre ich an eurer Stelle gewesen / so
hätte ich diese Weissagung mit der Meinigen vereiniget / und um Erotemitis
angeschlagen.
    Der Edelman stutzte etwas hierüber / und sagte: Ihr soltet mir bald die
Gedanken in Sinn bringen / dass der Warsager auf sie gedeutet / weil er
sonderlich angehängt: ich sollte behertzt sein / dann wo es fehlte /würde ichs
selbst versehen haben. Doch / dem sei wie ihm wolle / Eusephilistus hat sie
hinweg. Wiewol /wann schon mein Glück auf Erotemitis bestehen sollen / ich es
bei ihr nicht würde gesuchet haben / weil mir ihre Sitten niemals gefallen. Aber
dass ich weiter sage / wir giengen / auf Anhörung der Prophezei /wider nach dem
Schloss / allwo Erotemitis der Königin das beschehene erzehlte: welche darüber
lüstrend wurde / auch eine Künheit zu wagen / und es mit Phormena heimlich
abredte / dass sie des andern Morgens verkleidet mit ihm zum Warsager gehen / und
von ihm den Ausgang ihres Vorhabens vernehmen wollten. Solches wurde vollzogen /
aber vor sie gar unglücklich: weil es die beide Weissen alsbald erfuhren / und
deswegen ihren Abschied begehret. Dann als die Königin / ohne zweifel mit einer
harten Weissagung / wieder nach Hause gekommen / und mit Phormena im Garten
ging / war ich eben in demselb en / und versteckte mich / als ich sie beide
daher kommen sah / hinter einen Teppich des Sommerhauses / um ihr Gespräche zu
vernehmen.
    Sie waren kaum in den Saal eingetretten / da finge die Königin an / und
sagte: Was nun vor Raht / Phormena: der alte Gauckler hat mich ganz aus mir
selbst gebracht. Soll ich von meinem Vorsatz weichen / und die / welche sich so
hoch an mir vergriffen / wieder zurück holen lassen / wie sein Raht lautet: so
haben wir doppelten Schimpf davon. Soll ich dann in meinem Vorsatze verharren /
so scheinet Gefahr und Unglück auf mich zu warten. Ich weiss nicht / gnädigste
Königin! (gab Phormena zur Antwort) was von diesem Spiel zu halten sei. Ich gebe
dem abenteurlichen Alten keinen Glauben. Woher sollen die Sterblichen üm
Göttliche Rahtschläge wissen? E. Maj. haben Ursach / wider ihre Beleidiger zu
eifern / und sehe ich ganz nicht / wie die Gotteit durch gerechte Strafe der
Verbrecher sollte erzürnet werden: angesehen sie selber die Laster straffet / und
nicht will / dass sich Untertanen wider ihre Oberkeit auflehnen. Das ist wohl
etwas! (sagte die Königin) aber ihr wisset / in was vor Unglück ich allbereit
gewesen / und wie ein schweres Verhängnus der Himmel über mich geführet. Was
sollte ich machen / wann mich dergleichen wieder träffe.
    Indem die Königin also redte / klopffte jemand an der Tür des Saals: darum
sie der Phormena befahle /zu sehen wer vorhanden wäre? Als diese berichtet /dass
Cosmarites und Clierarcha geheime Verhör begehrten / sagte die Königin voll
Schrecken: Hilf Gott! was werden diese wollen? ist ja unterdessen nichts
vorgelauffen? heisset sie herein kommen / Phormena! und lasset uns etwas allein
/ dass ich sie anhören könne. Also kamen die beide Weissen in den Saal /und hatten
sie kaum ihre Ehrerbietung gegen die Königin abgelegt / als sie anfienge: Seit
willkommen /meine Freunde! Was habt ihr mir gutes zu sagen! Durchleuchtigste
Königin! (gabe Cosmarites zur Antwort) E. Maj. bisher gehorsamste Diener kommen
vor dissmal / eine untertänige Bitte vorzubringen. Was bittet ihr dann? fragte
Atychintide. Um einen gnädigen Abschied / und um Erlassung unserer Dienste:
versetzte Cosmarites. Was ist das vor ein Anbringen? sagte die Königin / mit
höchster Bestürzung. Ist euch etwas an meinem Hof zuwider / oder habt ihr sonst
über einigen Mangel zu klagen / dass ihr uns zu verlassen gedenket. Keines von
beiden! (erwiederte Cosmarites) aber wir gedenken unsere noch wenige Tage /in
sicherer Ruhe / mit unverletztem Gewissen zuzubringen. Kan dann dieses nicht
auch bei mir geschehen? fragte Atychintide ferner. Ihr erinnert euch ja /dass ihr
meinem seeligen Gemahl / vor seinem Abschied versprochen / meinem Wittib-stande
/ durch euren verständigen Raht Hülffe zu leisten. Was ist dann die Ursach / das
ihr solche Zusage zurück nehmet? bekennet aufrichtig / was euch an mir oder in
meinem Tun zuwider ist / und verlasset mich nicht /in so einsamen Zustande /
sondern glaubt für gewiss /dass ich euren Erinnerungen / nicht nur gnädiges Gehör
/ sondern auch willige Folge leisten werde.
    E. Maj. gnädiges Erbieten (versetzte Cosmarites) giebet unserm Amt den Muht
/ und unsern Anbringen eine gute Hoffnung. Zwar treffen sonst unerschrockene
Zungen nicht leicht günstige Ohren an / und findet man gar selten die
glückseelige Vereinigung eines Hof-Bedienten / der die Warheit ungescheut saget
/und eines Potentaten / der sie gnädig anhöret. Dann die edle Warheit ist so
verhasst / als berühmt / und wer heutiges Tags zu steigen gedenket / muss eine
andere Leiter / als die Aufrichtigkeit anlehnen. Daher komt es auch / dass alle
Höfe von dem Gift der Heuchelei eingenommen / und kein Purpur von dieser Schabe
unbenaget / kein Zepter von diesen Wurm undurchbort bleibet: weil niemand gern
einen Ton hören lässet / der den Ohren des Fürsten unannemlich klinget /
sondern ein jeder die Saiten mit allem Fleiss /nach seines Fürsten Gedanken
stimmet / damit ja /zwischen dessen Willen und seinem Raht / eine liebliche
Harmonie bleibe / sollte es auch schon wider sein Gewissen lauffen / und die
Gerechtigkeit verletzen. Aber wüsten die Potentaten / wie schädlich solche
höfliche und freundliche Rähte / ihnen und ihren Ländern wären / sie würden sie
vielmehr abstraffen als belohnen: weil mehr Länder durch Heuchelcy als durch das
Schwerd zu Grund gegangen.
    Wann wir an einer gefährlichen Wunden erkranket / so suchen wir einen
bewährten Arzt / und geben ihm frei / wo es die Noht erfordert / in die Haut zu
schneiden / Eisen und Feuer zu brauchen: Wir würden es ihm auch wenig Dank
wissen / wann er / aus törichtem Mitleiden / unsern Schmerzen scheuen / und
dadurch dem Brand / und der Faulung Raum geben wollte. Warum fordert man dann von
denen / welche einen Staat zu curiren befehligt sind / eine so grausame
Gelindigkeit / die der Wolfart des ganzen Landes den Tod bringt? Warum gedenket
man seinen Willen Göttlichem Befehl vorzuziehen? Warum ich dieses rede / können
E. M. unschwer ermessen. Ihre bisher geführte Handlungen / zeigen von einer
gefährlichen Wunden des Gemüts / die mit verborgenem Eiter hervor schwüret. Wann
ich bedenke / auf wie vielerlei Wege sie / die Liebe des Polyphilus gegen
Macarien /zu hintern getrachtet / und zu wie vielen ärgerlichen und ihrem hohen
Stande unanständigen Taten / sie schon dadurch verleitet worden / und noch
werden: so kann ich nicht anderst mutmassen / als dass eine wollüstige /
unbedachtsame / und schädliche Liebe / die gifftige Wurzel sei / aus welcher
diese verderbliche Früchte hervor wachsen. Ich scheue mich nicht / dieses
Verfahren zu tadeln / weil sich E. M nicht scheuen / dasselbe zu begehen: dann
kein Laster soll unbestraffet bleiben.
    E. Maj. bedenken / wie sie / auf der Reise nach Soletten und Montefessen ihr
hohes Ansehen vergeringert und verletzet / indem sie also mit Privat-Personen
gespeiset / und geherberget / und sich also ihnen Dankschuldig gemacht / wie sie
/ der Witiblichen Einsamkeit entgegen / den Uppigkeiten nachgezogen /und
hintangesetzt aller Tugenden / ihren Vorsatz befördern wollen. Was werden die
Inwohner dieser Orten gedenken / dass eine verwittibte Königin / Eitelkeiten zu
sehen / im Lande herum fähret / und sich allerwegen gemein machet? In warheit /
gnädigste Königin! ihre Sinne / die jetzo mit der Eitelkeit benebelt / werden /
so bald sie das Liecht eines gesunden Verstandes wieder erlanget / vor solchen
Handlungen einen Eckel empfinden / und ihre jetzige Lebens-Art verfluchen. Dann
es ist nicht genug / dass sie sich auf diese Weise verächtlich machen / sondern
sie suchen auch ihren gänzlichen Untergang / indem sie Melopharmis und ihren
Sohn (weil sie ihren Anschlag verhintert) von Hof jagen / und sich also in
äuserste Gefahr eines neuen Unglücks stürzen. Erinnern sich E. M. nicht mehr des
erbärmlichen Zustandes / in welchen uns der Himmel / durch seinen Willen / oder
durch seine Verhängnus / gerahten lassen / und wie wir / eben wegen Melopharmis
oder ihres Sohns /unter den Wellen nach dem Glanz der Sonnen geseufzet? wollen
sie dann noch einmal / und vielleicht ewig (weil keine so wundersame Errettung
mehr zu hoffen) die Rache des Himmels wider sich und die ihrige reitzen? oder
hat vielleicht der zauberische Warsager /welchen sie heimlich zu Raht gezogen /
ihnen was bässers verheissen?
    Mit Schrecken haben wir verstanden / dass E. Maj. sich nicht entblödet /
dergleichen verdächtige Leute /vor welchen sie ihre Bediente warnen sollten /
selbst zu befragen. Aber also pfleget man immer tiefer in den Schlamm der Laster
zu sinken / biss man darinnen den Grund und zugleich den Tod findet. Und dieses
ist die Ursach / dass wir beide / unser Gewissen zu reinigen / und den Befehl
unsers hochseeligsten Königs zu erfüllen / E. M. gefährliches Verfahren zu
unterbrechen / und unser aller Untergang zu verhüten /hieher gekommen: der
Hoffnung / dieselbe entweder aus diesem Irrgarten zu führen / oder aber unsrer
Pflicht los zu werden. Wir bitten auch nochmals untertänigst und demütig /
unsre Erinnerung gnädig aufzunehmen / und die Melopharmis samt ihrem Sohn wieder
zu beruffen / üm damit das Unglück abzuwenden / weiches hierdurch E. M. und uns
allen gedrohet wird. Solten wir aber E.M. durch diese Besprechung erzürnet haben
/ so lassen sie uns das Leben nehmen /das wir ohne das am längsten genossen
haben: Dann wir wollen viel lieber todt sein / als ohne Tugend /und in steter
Unglückseeligkeit in der Welt leben.
    Diss ware in Warheit eine kühne und tugendhafte Rede! (sagte Agapistus) aber
wie hat die Königin solche aufgenommen? sind die Weissen nicht mit ihrer
Red-Freiheit übel angelaufen? Ganz nit! versetzte der Edelmann. Die Königin gab
zur Antwort: Euer Vorbringen / ihr liebe Getreue! ist freilich kühn genug /vor
hohe und arte Gemüter: dürfte auch wohl / bei andern meines Standes / ungedultige
Ohren gefunden haben. Aber ich erkenne / dass sie aus den Brunnen der Wolmeinung
hergeflossen / und / durch eure Treu und Aufrichtigkeit / erreget worden: darum
ich vielmehr euch danke / als darüber zürne. Es ist wahr /Cosmarite! dass ich nun
eine zeiter in verwirrtem Zustande gelebet / und des Polyphilus Liebe / nach
allen Kräfften / durch zulässige und verbottene Mittel gehintert. Solches aber
ist geschehen / nicht aus einer wollüstigen Liebe gegen ihm / wie ihr mir ohne
Grund aufbürdet / sondern in der Meinung / den Polyphilus höher zu setzen / und
/ weil ihn der Himmel durch unsre Erlösung erhaben / mit etwan einer vornehmern
Dame zu verehelichen: angesehen seine Beschaffenheiten eine höhere Geburt zeigen
/ als er eröffnen darff. Nun ich aber sehe / dass ihm die Göttliche Vorsehung
Macarien zuerkennt / gedenke ich nicht länger wider die Macht zu streiten /
welche mich leicht zerschmettern könnte. Irren ist menschlich / und können die
Könige so wenig / als gemeine Leute / von den Fehlern frei sein / sonderlich in
einer zweifelhaften Sache / deren Grund ungewiss ist. Darum seit zu frieden /
und glaubt / dass ich eure Tugend rühmen /eurem Raht folgen / und Melopharmis
gleich wieder zu mir beruffen / auch eure wolgemeinte Erinnerung gnädig zu
belohnen nicht vergessen werde. Bleibet ferner in eurem Tun getren / und
befördert / durch euren klugen Raht meine Wolfahrt: biss ich diese jrrsame
Erden-Bahn gesegne / und dieses Schloss / wie ich gesonnen / durch meinem Tod /
zu einer Wohnung der Kunst und Tugend-suchenden Jugend / werde gemacht haben.
    Dieses war der Königin Antwort: auf welche die beide Weissen wieder Abschied
nahmen / und vor die gnädige Anhörung untertänigen Dank ablegten. Wie mir aber
diese Zeit über / unter den Tapeten zu muht gewesen / darf ich nicht erzählen /
weil es ein jeder selbst muhtmassen kann: dann ich hatte mich dergleichen
Heimlichkeit nicht versehen / und musste immerdar fürchten / dass ich ertappet /
und wegen solcher Vermessenheit / gestrafft werden möchte. Aber es traf sich
viel besser: dann die Königin / ging mit den Weissen / etwas über den Saal / in
den Garten.
    Gleich aber / als diese hinweg waren / kam Eusephilistus von Soletten / der
Königin aufzuwarten: mit welchem sie auf die Tafel-Stuben (weil es albereit Zeit
zu speisen war) sich begabe / und mir also Gelegenheit machte / wieder hervor zu
kommen. So bliebe Eusephilistus bei der Tafel? fragte Polyphilus. Freilich /
(erwiederte der vom Adel) und über derselben ward auch die Heuraht mit der
Erotemitis beschlossen. Dann als Eusephilistus die Königin fragte: Wie es doch
mit der Liebe des Polyphili und Macarien beschaffen / und was er endlich davon
glauben sollte? sagte Atychintide: Diese beide sind nicht mehr zu trennen! Wir
haben uns eine zeitlang darwider gesträubet / befinden aber / dass nicht kann
aufgelöset werden / was der Himmel zusammen gebunden. Darum suche ich nun selbst
ihre Vereinigung / und will den Polyphilus förderlichst in der Macarie Armen
wissen. So hast du nochmals recht / verdriesslicher Warsager! sagte hierauf
Eusephilistus Was ist dieses? (fragte die Königin) Man hat vielleicht den
seltsamen Propheten auch angetroffen.
    Ach ja / gnädigste Königin! (versetzte Eusephilistus) er hat mir auf dem Weg
/ ungebetten eröffnet /was ich hier zu erforschen gesuchet: und darneben
gerahten / dass ich / die jenige / welche mich in kurzem lieben würde / an statt
Macarien erwählen sollte / wo ich anderst eine glückliche Ehe verlangte. Und
vielleicht ist dieses unsre Erotemitis: (sagte Atychintide) deren er
gleichfalls / in wenig Tagen / einen jungen glückseeligen Freier zugesagt?
Eusephilistus lächelte hierauf / und sagte: Es würde ihm hierzu an Würde
manglen. Er fienge aber gleich darauf an / die Erotemitis zu bedienen: und weil
sie ihm / vielleicht auf des Weissagers Befehl / freundliche Augen gönnte /wird
die Höflichkeit endlich zu Liebe / und noch gestern Abends / die Verlöbnus / mit
der Königin grossem Vergnügen / zwischen diesen beiden aufgerichtet / welche
auch in kurzem wird vollzogen werden. Hiernächst aber übergabe mir die Königin
diesen Brief / mit Befehl / die Melopharmis und Tycheno /auch / wo es müglich /
beide Schäfere / mit nach Sophoxenien zu bringen. Sie hat den Brief / welches
mich wundert / selbst geschrieben / und ist es billig /dass ihr / geliebte
Freunde! ihrer Bitte statt gebet / und mit mir nach dem Schloss reiset.
    Dieses war die Erzählung des jungen Edelmanns /welche den Schäfern grosse
Freude brachte / so wohl wegen der Königin Gnade / als wegen der Verehlichung des
Eusephilistus. Und weil Polyphilus vorhin den Befehl von Macarien hatte / die
Königin zu versöhnen / entschlosse er sich neben den andern / mit dem Edelmann
zu gehen / und die neue Braut zu besuchen. Sie nahmen demnach / von Cumenus /
und ihren andern Gesellschaftern / auf etliche Tage Abschied / und giengen
zugleich nach Sophoxenien. Auf dem Weg ergetzten sie sich / mit Bewunderung des
seltzamen Warsagers / und fragte Polyphilus den Edelman: wo er denselben
gefunden? weil er selbst nach dem Ort gehen / und wegen seines Glücks Bericht
holen wollte. Als aber dieser sagte: dass er allbereit hinweg / und Eusephilistus
ihn schon abreisend gefunden hätte / giengen sie vollends / mit heimlichen
Gelächter / nach dem Schloss: aus welchem sie den Eusephilistus reitend gegen
ihnen kommen sahen / der sie gar Ehrerbietig grüste. Polyphilus fragte die
Melopharmis: wer dieser wäre? die zur Antwort gab: ob er seinen Feind nicht
kenne? Ist diss Eusephilistus: (versetzte Polyphilus) so ist er in warheit viel
ansehlicher / als ich vermeint / und glaube ich wohl / dass Macarie noch etwas
Liebe gegen ihm gehabt.
    Endlich kamen sie in das Schloss / und wurden von den Hof-Bedienten frölich
empfangen / auch gleich zur Königin beruffen: die sie zwar gnädig / aber nicht
sonders freundlich empfienge: dann der Melopharmis Beleidigung steckte ihr noch
im Gehirn / und war sie zu dieser Widerholung / durch die Weissagung des Alten /
und durch die Strafe ihrer Rähte / gezwungen worden. Doch dankte sie den
Schäfern / dass sie ihr einsames Haus besuchen wollen / und fragte: Wie es ihnen
bei der Heerde gienge / und warum Polyphilus so lang verziehe / seine Macarie
heim zu holen? Als dieser zur Antwort gabe / wie dass er noch eine Reise nach
Rutiben tun müsse / wünschte sie Glück dazu / erzählte folgends / die
unverhoffte Verlöbnis der Erotemitis mit Eusephilisto / und hiesse sie zur
Hochzeit kommen.
    Unterdessen war die Tafel bereitet / an welche sie sich auf der Königin
Befehl sezten / und ungewöhnlich stattlich tractirt wurden. Dann Atychintide
erwiese sich dissmal als eine Königin / und wusste ihre Hoheit so wohl in acht zu
nehmen / dass sich Polyphilus nicht wenig verwunderte. Dann biss daher war er nur
einer verdriesslichen Freundlichkeit von ihr gewohnet /die nichts dann Verachtung
würket: wie dann die Liebe kein Ansehen gestattet / und verliebt und prächtig
sein / sich gar nicht reimet. Darum kame es ihme nun fremd vor / als er sah /
dass sie sich alles gemeinen Gesprächs und Gelächters entielte / wenig und
vernünftig redte / und sich in allen Stücken ernstaft anstellte / so gar / dass
sie dadurch bei ihnen allen eine furchtsame Ehrerbietung erweckte.
    Als sie endlich von der Tafel aufstunde / und nach ihrem Zimmer zur Ruhe
sich begleiten lassen / hinterliesse sie unsere Schäfer und die Melopharmis in
grosser Verwunderung. Dann so bald sie hinweg war /sagte diese gar traurig / zum
Polyphilus: wie ihm der Königin Bezeugung gefiele? sehr wohl! (gab Polyphilus
zur Antwort) sie agiret jetzt erst eine rechte Königin. Ich aber (versetzte
Melopharmis) werde lang zu tun haben / ehe ich meine vorige Würde bei ihr
wieder erhalte. Ach! Phormena hat sich wohl an mir gerochen: Nimmermehr will ich
ihr so viel Raum zu ihrer List lassen / sondern fein mit meinem Sohn hier
bleiben. Das möget ihr tun / (erwiederte Polyphilus) wir aber wollen uns nicht
lang aufhalten / sondern morgen / mit dem frühsten / wieder zu unsrer Heerde
abreisen. Gedenket ihr indessen unser im besten / und berichtet zuweilen / was
sich mit Eusephilisto zuträget / damit wir etwas zu lachen haben. Auf dieses
wünschten ihr die Schäfer eine ruhige Nacht / und legten sich schlaffen.
    Des andern Morgens / giengen sie / so bald sich die Königin angekleidet /
Abschied zu nehmen; da dann Atyd intide sich wieder etwas freundlicher erwiese
/und den Polyphilus fragte: Warum er also von ihr eile? sie sollten noch ein paar
Tage verziehen. Als sie sich aber mit der Reise nach Rutiben entschuldigten /
wünschte ihnen die Königin Glück auf den Weg / und befahl dem Polyphilus /
Macarien von ihr einen gnädigen Gruss zu bringen / und bald mit ihr Hochzeit zu
machen. Polyphilus merkte / dass die vorige Liebe albereit wieder über die Hoheit
siegen wollte / und es also Zeit war / sich aus dem Staub zu machen. Also
schieden beide Schäfer von der Königin / / und nahmen hierauf auch Abschied von
den Weissen / von Melopharmis und Tycheno / und den andern Hof-Bedienten: Da dann
Phormena sich noch entschuldigte / wie sie alles / was vorgegangen / auf der
Königin Befehl getan hätte; welches die Schäfer / als ungehört / vorbei liessen
/ und sich auf den Weg begaben.
 
                                 Achter Absatz
    Agapistus / mit Polyphilo zurück reisend / errettet seinen Bruder / den
 Pistimorus / von den Raubern: welcher sich für des Philomatus Mörder bekennet.
 Des Polyphilus Bericht-Schreiben hiervon / an Macarien. Eine Abenteur liefert
 ihm die Garine in die Hände / welche er / nachdem sie ihm vom Rondal / seinem
                 Vatter / erzählet / für seine Mutter erkennet.
Polyphilus und Agapistus mussten durch einen Wald gehen / in dessen Mitten sie
zwei Rauber ersahn /die einen armseeligen Menschen / mit geblössten Klingen /
überfielen / auszogen / und alles des Seinigen zu berauben gedachten. Agapistus
/ dieser Gewalttätigkeit zu wehren / lief eilend hinzu / und risse dem einen
unversehens das Gewehr aus der Hand: deme Polyphilus folgte / und dem andern /
mit seinem Schäfer-stock / eines auf den Kopf gab / dass er zur Erden sanke.
Jener / als er sich unbewehrt / und seinen Gesellen auf der Erde sah / gab
geschwind Versengeld /und liefe behend in den Wald hinein. Dieser hingegen /
nachdem er sich erholet / bate mit aufgehobnen Händen um sein Leben / und schwur
/ sie hätten nicht sein Leben / sondern nur seine Kleider zu rauben gesuchet.
Polyphilus fragte den Beraubten: ob sie ihn verwundet? und als er mit nein
geantwortet / färtigte er diesen noch mit einem paar Stösse zu dem andern ab /
wendete sich hernach zu dem Erlösten / und fragte: Warum er sich gegen diesen
Mördern nicht gewehret / da er doch den Degen an der Seiten hätte.
    Warum sollte ich das verwehren / (gab der verbleichte Mensch / mit
gebrochener Stimme / zur Antwort) was ich viel lieber befördern wollte? Ich weiss
nicht / mitleidige Schäfer! ob ich euch danken oder anklagen soll / dass ihr
dissmal meinen Tod verhintert /und mein unglückseeliges Leben verlängert. Meine
verzweifelte Seele hatte sich schon auf den Ausgang gefreuet / und mit Freuden
gewartet / biss die Schwerdter dieser Mörder / ihr / durch eine Wunden /die Tür
ihres Gefängnusses eröffneten: Nun aber findet sie sich aufs neue mit tausend
Aengsten gefässelt. Ein Leben / ohne Ruhe und Freude / ist viel unleidlicher /
als der Tod selber. Derowegen geliebte Freunde! wer ihr auch sein möget:
vollbringet selbst / was eure Gewogenheit dissmal verhintert / und nehmet diesem
Mörder das Leben / welches er vorhin andern genommen; oder / übergebet mich den
Innwohnern der Insel Soletten / auf dass selbige den Tod des Philomatus an mir
rächen mögen.
    Wie? (fienge Polyphilus hierauf an) so hast dann du den Philomatus / meinen
getreuen Freund / ermordet? Niemand anders / als ich / (sagte der Beraubte) hat
ihm den Odem geraubet / und seine Seele mit dem Blut ausgeschüttet. Hilf Himmel!
was höre ich? (sprach Polyphilus) Ach Philomatus! allergetreuster Philomatus!
soll ich deinen Mörder vor mir sehen /und faul sein / deinen Tod zu rächen? Ich
wollte / dich Ehrvergessnen Schandbuben / diesen Augenblick erwürgen / wo ich
nicht hoffte / durch deine eigne Bekäntnus / die Solettische Innwohner zu
stillen / und den Argwahn / welchen sie wegen dieses Mords in mich gesetzet /
auszutilgen. Aber / sage doch / du Erz-Bösswicht! was dich bewogen hat / einen
unschuldigen Mann vorsetzlich zu ermorden?
    Die Ursach / (gab der halb-todte Mensch zur Antwort) ist viel heiliger und
gerechter / als die Tat selber; ein Irrtum / und keine Bosheit / hat mich in
dieses Laster verleitet / und indem ich gedachte / eine gerechte Rache zu üben /
bin ich in diesen Frevel gefallen. Ich bin kein Mörder / sondern ein junger
Ritter /von vornehmen Adelichen Eltern geboren / und habe /nachdem ich fremde
Länder zu sehen ausgereiset / an dem Fluss Peneus / einen mit den Wellen
streitenden und ertrinkenden Ritter / so kläglich über den Philomatus schreien
hören / dass ich nicht anderst mutmassen konnte / als dass selbiger an seinem Tod
Ursach wäre. Weil ich mich dann / durch die ritterliche Pflicht / verbunden
hielte / diesem Sterbenden Hülffe zu leisten / und wann ich seinen Tod nicht
hintern könnte / doch wenigst denselben zu rächen / begab ich mich vollends in
die Insul / und fragte im Gastof nach des Philomatus Stand und Zustande. Ich
bekame von dem Wirt die Antwort: wie dass er / wegen eines verlornen Fremden / in
dem Verdacht eines Mords wäre. Dieses nun vermehrte meine Einbildung / und
erhitzte meine Rachgier / welche mit vollen Flammen ausschluge / als ich des
Nachts / in meinem Bette / (welches / zu grossem Unglück / nächst an des
Philomatus Kammer stunde) diesen eine heftige Klage über den Tod des
Polyphilus (also hiesse der Ertrunkene) führen hörte / in derer er sich selbst
den Urfächer seines Todes nennte. Ich ward so eifrig hierüber / dass ich die
baufällige Wand durchborte /mit meinem unseeligen Dolchen ihm die Brust
durchrennete / und nach so-vermeinter heilig-schöner Tat /wieder aus der Insel
eilete.
    Nach der Zeit aber / habe ich von einem Innwohner verstanden / dass dieser
Philomatus / des Polyphilus bäster Freund gewesen / und hatte er seinen Tod
/weil er dadurch seiner beraubt worden / beklaget. Auf diesen Bericht / fühlte
ich solche Qual in meinem Gewissen / dass ich Farb und Gestalt verlohre / und /
wie ihr mich sehet / als ein Schatten herum gewandert. Ich war auch willens /
mich den Solottischen Inwohnern selbst vorzustellen: aber meine verwirrte Sinne
haben mir die Strasse unbekandt gemacht / dass ich so lang in der Irre gelauffen /
biss mich diese Rauber angesprenget / und vielleicht ermordet / wo es euer
Mitleiden nicht verhintert hätte.
    Polyphilus / welcher kaum das Ende dieser Erzählung erwarten können / fiel
dem Ritter um den Hals /und sagte: Ach! vergebet mir / geliebter Freund / dass
ich euch so unhöflich besprochen / da ich euch vielmehr danken sollen. Ich bin
Polyphilus / den ihr in den Wellen gesehen / und dessen Tod zu rächen / ihr in
dieses Unglück gerahten. Darum begehre ich nun auch Anteil an euren Schmerzen
zu haben / wie ihr an den Meinen / und so lang ich diese Seele habe /will ich
nicht aufhören / eurer Treue zu verehren. Lasset nur keine solche Verzweiflung
in euren Gedanken herrschen / sondern glaubt / dass der Himmel dieses Mords
schon vergessen / welcher die Tugend zum Grunde gehabt. Ein heiliger Vorsatz /
kann durch keinen Irrtum in Laster verkehret werden / und die Göttliche
Gerechtigkeit richtet alle unsre Werke nach dem Herzen.
    Also tröstet mich eure Freundlichkeit / leutseeliger Polyphilus! (gab der
Ritter zur Antwort) und wann meine beklemmte Brust noch einiger Freude fähig
/sollte sie billig aus eurer Findung eine Bewegung empfinden. Aber ich bin todt /
ehe ich sterbe. Und was nutzet dem Poilomatus meine Erhaltung / der durch
meinen Grimm ermordet ist / und dessen Blut wider mich Rache schreiet. Gebet
euch zu frieden /wehrter Freund! (versetzte Polyphilus) Philomatus lebet in der
Ewigkeit / und hat nicht Ursach / den jenigen zu verfolgen / der ihm dieses
jrrdische Elend verkürtzet / und ihn vor der Zeit zum Frieden gebracht hat.
Nehmet an den lebenden Polyphilus / vor den verblichenen Philomatus / und
versichert euch / dass derselbe mein Leben / durch seinen Tod / gern würde
erkaufft haben. Kommet mit mir / und meinem Gesellschafter / Agapistus / zu
unsrer Heerde / und sehet / wie euch unser Schäfer-Leben gefalle.
    So bald der Ritter den Namen Agapistus nennen hörte / wendete er sich gegen
denselben / und sagte: Verzeihet mir / günstiger Erretter! dass ich frage / ob
ihr den Namen Agapistus führet? Ich weiss nicht anderst: antwortete Agapistus.
Seit ihr dann (fragte der Ritter ferner) allezeit unter den Schäfern gewesen?
ach nein! (versetzte Agapistus) der Schäferstock grünet noch nicht lang an
meinen Händen / sondern ich habe solchen vor kurzem / meines liebsten Polyphilus
länger zu geniessen / angefasset / und bin sonst in Ritterlichem Stande geboren.
Kennet ihr dann auch (erwiederte der Ritter) den Pistimorus: Ich weiss nicht /ob
mich das Glück / durch euren Namen bescherzet /oder warhaftig erfreuet? Solte
ich diesen nicht kennen? (sagte Agapistus) welchen ich so lang / auf meiner
Eltern Befehl / gesuchet? Er ist mein Bruder / geliebter Ritter! und wann ihr
mir von ihm einige Nachricht geben könnet / werdet ihr mich hoch verbinden.
    Ihr begehret Nachricht / von dem jenigen / (sagte der Ritter) welchen ihr
selbst / aber gar unglücklich /vor euch sehet. Wie? (versetzte Agapistus) seid
ihr Pistimorus / mein Bruder? Ach! allerliebster Bruder! soll ich euch in so
jämmerlichem Zustande vor mir sehen! Mit diesen Worten / fiel er ihm um den
Hals: Dann die aufwallende Trenen liessen ihn nicht fortreden. Polyphilus kunte
/ über dieser Begebenheit / sich gleichsfalls des Weinens nicht entalten: Dann
er sah da Seufzen und Lachen / Schmerzen und Ergötzung / Traurigkeit und Freude
/ in des Agapistus Herzen / wettstreiten. Dann / wann der die unverhofte Findung
seines liebsten Bruders betrachtete / so regte sich sein Herze: so bald er aber
dessen erbärmlichen Zustand ansah / wurde es wider nidergeschlagen. Doch
behielte letzlich / auf des Polyphilus Zusprechen / die Freude den Sieg über die
Betrübnus / und bemüheten sich die beeden Schäfer / den Ritter Pistimorus zu
trösten.
    Sie fasten ihn in die Mitte / und suchten alle die Gründe hervor / welche
sein bekümmertes Herz befriedigen / und die Entleibung des Philomatus
entschuldigen kunten. Agapistus erinnerte ihn / wie sehnlich ihrer beider Eltern
nach ihnen seufzen würden /weil sie ihn / seinen Bruder zu suchen /
ausgeschicket / und er auch ohne denselben nicht wieder kommen wollen: dass sie
also beeder beraubet wären / und mit unbeschreiblichen Freuden ihre Widerkunft
sehen würden. Es erzählte auch Polyphilus / dass er sich /wegen der Solettischen
Innwohner / nicht zu fürchten habe / weil aller Argwahn dieses Mords auf ihm
beruhe / er aber ihren Grimm nicht mehr achte. Hierauf eröffnete er ihm alles /
was er schon deswegen erlitten /biss sie / unter diesem Gespräche zu ihren
Schäfern kamen. Sie verkündigten ihnen des Agapistus Freude / über seinem
gefundenen Bruder: Die dann ihre Freude hinzu setzten / und ihm deswegen Glück
wünschten.
    Dieser bate nun den Polyphilus / ihm zu erlauben /seinen Bruder nach Haus zu
führen / ehe seine Eltern vor Kummer ihr Leben enden möchten. Polyphilus führet
ihn zur Seite / und sagte: Wollet ihr mich dann verlassen / ehe ich völlig mit
Macarien vereinigt bin? Gedultet euch doch nur so lang / biss ich von Rutiben
wieder zurück komme / und meine Liebste ihren Eltern vorgestellt habe. Ich tue
wie ihr befehlet: (versetzte Agapistus) aber eilet doch mit selbiger Reise
/damit nicht / wegen eurer Freude / die meine verdunkelt werde. Ich will jetzt
gleich (sprach Polyphilus) an Macarie schreiben / und derselben / unsre
Verrichtung zu Sophoxenien / auch zugleich diese Reise / kund machen. So bitte
ich aber / (begegnete ihm Agapistus) nichts von meinem Bruder und seiner
Mordtat zu gedenken / damit er nicht von den Inwohnern möchte angehalten
werden. Ach! was darffs dieser Bitte? (antwortete Polyphilus) ich wollte lieber
selbst sterben /als den bekümmerten und getreuen Pistimorus in Unglück bringen.
    Also giengen sie wieder zu den Schäfern / und mit denselben / weil es nun
Abend / nach Hause / da Polyphilus an Macarie / dieses Schreiben verfasste.
                                 Allerliebste!
Bleichwie ich die Zierlichkeit ihres Liebsten Briefleine bewundert / also muss
ich auch desselben Klugheit rühmen. Es ist freilich also / schönes Kind! dass die
Tugend durch die Widerwärtigkeit sieget / und die Ehre durch die Demut steiget.
Jenes erweiset / die Uberwindung des verfolgenden Eusephilistus / dessen
lächerliche Verehlichung sie allbereit wird vernommen haben. Dieses hingegen
bekräfftiget die Gnade der Königin zu Sophoxenien / welche ich durch ihren
vernünftigen Raht erhalten. Sie hat uns nicht allein gnädig empfangen / und
prächtig bewirtet / sondern auch mit solcher Freundlichkeit uns abgefärtigt /
dass sie zu unser Verlöbnus Glück gewünschet. Diese Ehre nun / wie sie von ihrer
Weissheit herrühret / also lege ich sie billig zu ihren Füssen / und sage
schuldigen Dank vor ihren glückseeligen Raht: mit Versicherung / demselben
künftig allezeit willig zu gehorsamen. Damit ich aber dessen völlig geniesse /
will ich die Reise nach Rutiben / so bald ich ihre Verlaubnus erhalten /
antretten / und daselbst verhoffentlich so viel erhalten / dass Eusephilistus
nicht allein sein soll / der seines Wunsches geniesst / sondern auch Macarie
endlich Ruhe erhalte / in den Armen
                              Ihres Ewigliebenden
                                                                     Polyphilus.
Diesen Brief / schickte Polyphilus / durch einen Schäfer-Knaben / auf das
Lustaus Macarien / und liess dem Gärtner befehlen / solchen alsbald auf Soletten
zu senden: er aber bemühete sich / mit Agapisten /den noch immer betrübten
Pistimorus frölich zu machen / und giengen sie mit dem Cumenus und Filato
spaziren / üm / bei so heiteren Tag / auch das Gemüte dieses Ritters aufzuklären
/ und ihm die Gegend des Landes zu zeigen. Als sie aber / an dem Fluss Peneus
/etlicher Fischer gewar wurden / setzten sie sich auf einen Hügel / und
betrachteten die anmutige Landschaft / und sahen den Fischern zu / wie sie ihre
Nahrung sucheten.
    Indem komt ein grosses Schiff / in vollen Flammen / daher gefahren / in
welchem sich die Leute heftig bemüheten / entweder den Brand zu leschen / oder
an Land zu kommen. Es war wunderlich anzusehen /wie sich / die sonst
widerwärtige zwei Elemente / zu Verderbung der Sterblichen vereiniget / und das
Feur wider seine Natur im Wasser brannte / und dadurch fast mehr entzündet / als
geleschet wurde. Die Schäfer erschracken sämtlich über diesem Anblick / noch
mehr aber / als sie eine (dem Ansehen nach) vornehme Weibs-Person aus dem Schiff
springen sahen /die / dem Feur zu entfliehen / sich ins Wasser wagte /und ihr
Leben einem geringen Bret vertrauete. Sie hatten gross Mitleiden mit dieser
Unglückseeligen /und erbaten die Fischer / dass sie mit ihrem Nachen hinzu fuhren
/ und sie erretteten. Also ward dieses halb-todte Weibs-bild / mit grosser Mühe /
in das Schiff / und durch dasselbe ans Land gebracht. Als sie ihre
halb-gebrochene Augen wieder eröffnet / und ihre Geister aus den Todes-Aengsten
gerissen hatte / sah sie sich um / und sagte mit schwacher Stimme. Ach
Philomatus! wo bist du? soll ich ohne deine Hülffe leben / so wäre mir der Tod
viel erträglicher. Damit sanke sie / aus Tod-Schwachheit wieder zur Erden.
    Die Schäfer hingegen / welche / an dem Ufer / auf diese Armseelige gewartet
/ so bald sie den Namen Philomatus gehöret / wurden nicht wenig bestürzt /und
glaubte sonderlich Pistimorus / diese müste mit ihren Sinnen / allbereit unter
den Todten gewandelt /und den Geist Philomati erkennet haben: Polyphilus fragte
die Onmächtige / nach wem sie verlange? Nach dem Philomatus von Soletten / (gab
sie etwas munderer zur Antwort) ach! helffet / geliebte Freunde! so ihr jemals
die Bitte einer bedrangten Weibs-Person beachtet / dass dieser Elende / welcher /
gleich mir / in dem brennenden Schiff gefangen ligt / erlöset werde. Wie die
Schäfer über dieser Rede erstaunet / ist nicht zu beschreiben. Sie wussten / dass
Philomatus todt war / und hatten dessen Ermorder bei sich. Sie hielten endlich
dafür / diss müste Charons Nache / oder sonst ein höllisches Schiff sein / in
welchem die abgeleibte Seelen herum irreten. Sie stunden so erschrocken / als
verwundert / vor dem Weibsbilde / welche auf ihre Kniehe fiele / und nicht
abliesse / um die Errettung des Philomatus zu bitten. Letzlich beschlosse
Pistimorus / diese Abenteur zu wagen / und sagte / er wollte diesen Philomatus
sehen und retten / oder mit ihm verderben. Also gaben sie den Fischern Geld /
sie dem Flanden Schiff nachzuführen / und sassen in einen Nachen / Agapistus /
Pistimorus und Filato mit denen Waffen / so sie bei der Hand hatten.
    Polyphilus / der / aus einer heimlichen Natur-Regung / das errettete Weib
nicht verlassen kunte / hiesse sie vorsichtig fahren und verfahren / satzte sich
mit dem Cumenus zu dieser Frauen / und fragte / als er den Kahn aus den Augen
verloren: was es vor ein Schiff / aus welchem sie gesprungen / und wie sie
darein gerahten wäre? Diss heisset mit wenig Worten /viel gefragt! (gab die Frau
zur Antwort) doch das erste zu beantworten / so wisset / geneigte Schäfer! dass
dieses ein Raub-Schiff ist / welches viel Gefangne führet / und nun / durch
Unachtsamkeit der Ruder-Knechte / oder vielmehr durch Göttliches Straf
Verhängnis / in Brand gerahten / elendiglich verderben muss. Wie ich aber in
dasselbe kommen sei / solches bedarf einer langen Erzählung / und will ich eure
Ohren / mit Eröffnung meiner Unglücks-fälle / nicht belüstigen. Genug ist / dass
ihr sehet / wie ich / von Menschen und dem Glück verlassen / nichts als ein
trauriges Ende meines kümmerlichen Lebens zu hoffen habe. Polyphilus / welcher
mit dieser Nachricht nicht vergnügt war / sondern eine mehrere Erklärung wegen
des Philomatus verlangte / bate die Frau gar bewegl ch / sie wollte ihr doch
nicht beschwerlich fallen lassen / den Anfang dieser ihrer Gefängnus / weil sie
doch auf ihre Gesellschaft warten müsten / zu eröffnen. Könten sie ihr mit
keinem Raht an die Hand gehen / so wollten sie doch wenigst Mitleiden mit ihren
Schmertzen haben.
    Eure willfährige Rettung / freundliche Schäfer! (gab die Verlassne zur
Antwort) erfordert eine höhere Vergeltung / als diese / und das Gesetz der
Dankbarkeit erlaubet mir ferner keine Entschuldigung / weil der Freunde Bitten
ein Befehl ist. Wisset demnach /geneigte Freunde! dass der Anfang meines Lebens
viel glückseeliger / als dessen Fortgang gewesen: weil ich nicht allein von
edlen und vermögenden Eltern erzeuget und erzogen / sondern auch / nach
erwachsenen Jahren / mit einem Ritter / meines gleichen / verehlichet worden /
auch mit demselben in so vergnügter Liebe gelebet / dass ich nichts als die
Beharrlichkeit wünschen kunte. Aber das Glück handelt öffters mit uns / wie die
Adler mit den Schild-Kröten / und führet uns nur deswegen in die höhe / damit es
uns hernach desto tiefer stürtzen möge. Also fiele auch ich in einer Stunde /
von der höchsten Staffel der Glückseeligkeit / in die tiefste Gruben des
Elendes. Dann als wir auf einer Reise / welche mein Liebster zu einem seiner
Freunde tun wollte / begriffen / und mit allem dem / was unserm Stande nötig /
versehen waren /begab sichs / dass wir / wider alles Vermuten / von einer
feindlichen Partei Reuter angesprenget und bestritten wurden.
    Rondal / (also hiesse mein Liebster) so bald er sich übermannt sah / bate
mich / um aller Liebe willen /mit unsern einigen fünfjährigen Söhnlein / welches
wir mitführten / zu entfliehen: er wollte versuchen / ob er / von diesen Soldaten
/ mit Freundlichkeit und Geld sich los kauffen könnte. Ich sprange / seiner Bitte
zu gehorchen / aus der Kutschen / und liefe mit dem Kinde / indem sich die
Reuter meines Mannes und der Knechte bemächtigten / in tausend Aengsten / durch
den Wald: und als ich / zu Ende desselben / einen Schäffer weiden fand /
übergab ich ihm das Knäblein / samt einem Ring und einer Hand voll Kronen /mit
Bitte / dasselbe / biss zu meiner Widerkunft / zu verwahren. Als ich hierauf
wieder zurücke kehrte /fand ich meinen Liebsten / allbereit überwältigt /(dann
ein Schwerd vermochte nicht wieder so viele zu siegen) und mit seinen eignen
Pferden gefangen davon führen. Er winkte / so bald er meiner ansichtig worden /
ich sollte zu rück bleiben. Aber die Soldaten waren nicht auch mich zu fangen /
und ich begehrte auch nicht zu fliehen / weil ich viel lieber mit meinem Rondal
gefangen / als ohne ihn frei sein wollte.
    Also wurden wir etliche Tage durchs Land geführet / und endlich auf eine
Vestung / dem Konig in Tesallien zuständig / in Verhaft gebracht. Dieses
Schloss bewahrete ein mehr hoffärtig- als behertzter Ritter: Der liesse uns
vorfordern / und befragte uns wegen unsers Standes und Landes. Rondal / der es
vor Unedel hielte / sein Geschlecht und Vatterland zu verlaugnen / bekandte
aufrichtig / wer und woher er wäre / und bote benebens eine ansehliche summa
Gelds an / sich damit los zukauffen: Aber dieser stoltze Befehlshaber / wollte
von nichts als Gefängnus hören / und als Rondal alle die Höflichkeit / und Demut
/ welche er jemals gelernet / hervor suchte /und gar inständig um seine Freiheit
bate / wurde dieser aufgeblasene Ritter dadurch nur stutziger / wie jener Esel /
der das Bild der Göttin Isis tragend /ihm / die dem Bildnus getane Ehre
fälschlich zugeeignet: also bildete ihm auch dieser dölpische Beampte ein / dass
alle die Ehrerbietung / welche Rondal seinem Amt und Kleid erwiese / sein eigen
wäre / und erzeigte sich so hochmütig / dass wir nichts dann hönische / und
verächtliche Antwort von ihm erhielten. Also vergasse Rondal endlich aller Gedult
/ und warff ihm etliche spitzige Worte in die Haut / sagte auch ungescheut: dass
er lieber sterben / als einem solchen Feugen-Mämmen / der hinter der Mauer
trotzete / länger zu Fuss fallen wollte. Da hat er meine Natur gehabt / (gedachte
Polyphilus) und scheinet aus allen Umständen / dass er mein Vatter gewesen.
    Hier ware nun (sagte sie ferner) alle Hoffnung unsrer Erlösung in den Staub
geleget / und liess der erzürnte Ritter / seine Rache über diese Ungedult / so
empfindlich sehen / dass er uns lange Zeit gefangen hielte / ehe er seinen König
hiervon berichtete; und täte er solches endlich mit so viel Verleumdungen /dass
er Befehl erhielte / uns streng zu verwahren. Wie elend wir diese Zeit über
gelebet / bedarf keines Erzehlens / weil es ein jeder selbst ermessen kann. Das
bäste war / dass wir einander liebten / und aus Liebe eins das andere trösteten.
Rondal bekümmerte sich meist um seinen Sohn: ich aber gabe ihm immer die Hoffnung
/ er würde wohl versorgt sein. In solchen Aengsten / haben wir lange Zeit
vergeblich auf Hülffe gewartet / und wurde Rondal so verzweifelt / dass er sich
vielmals ermordet / wann ihn nicht meine Liebe davon verhintert hätte. Letzlich
aber traf es sich / dass der König diese Vestung besuchte: bei welchem wir /durch
unsern Hüter / der gleichfalls der Tyranuei seines Obersten müde war / und mit
unserm Elend Mitleiden hatte / heimlich so viel zu Weg brachten / dass er uns
vorfordern / und nach Anhörung unsrer Unschuld / auch des Ritters Bestraffung /
los liesse.
    Es schiene nun / als ob das Glück ausgewütet / und uns nun der vorigen Gunst
wollte geniessen lassen. Aber es war nur ein betrüglicher Blick / mit welchem uns
diese Bosshaftige aufs neue in ihre Stricke brachte. Nach diesem letzten Glantz /
gienge das Liecht meiner Freuden ganz aus / und hinterliesse mich in dicker
Finsternus. Dann als wir auf der Heimreise begriffen waren / verirrten wir uns /
als der Strassen unwissend / in einem Wald / da wir unversehens / von einem
grimmigen Tiger-Tier angefallen wurden: wider welches mein Rondal mit seinem
Degen so lang stritte / biss er es todt zur Erden legte. Es hat ihn aber diese
Bestie / durch einen Sprung / so gefärlich in die Seite verwundet / dass das Blut
häufig heraus drange /und er ganz kraftloss zur Erden sanke. Ich bemühete mich /
mit allem / was ich bei mir hatte / das Blut zu stillen / und sprache ihm nach
allem Vermögen tröstlich zu: er aber ward je länger je onmächtiger / und gab
endlich / als er mir seinen Sohn anbefohlen / und einen kläglichen Abschied
genommen / in meinen unseeligen Armen / seinen Geist auf.
    Bei dieser Erzehlung / wurden die Augen dieser bekümmerten Frauen zu Bächen
/ und bewegten gleichfalls die beide Schäfer / sonderlich den Polyphilus / zum
Weinen. Wie mir (fuhre sie endlich fort) ihr mitleidige Schäfer! bei solchem
jämmerlichen Zufall /zu Muht gewesen / kann ich nicht anderst als durch diese
Trenen / welche mir vor die Zunge dienen / erzählen: Ich liefe ganz
verzweiffelt im Wald hin und her / beklagte mein Verhängnus / fluchte meinem
Unglück / und gedachte mit meinem Schreien ein wildes Tier herzu zu locken /
dass es mich / gleich meinem Rondal / zerrisse. Aber der Tod fliehet die / so ihm
nachlauffen / und eilet denen nach / welche vor ihm fliehen. Ich sprange bald
mit Füssen in das ertödtete Tiger / und wollte meine Rachgier an demselben
sättigen; aber es lag ohne Empfindlichkeit. Bald fiele ich wieder onmächtig auf
meinen erkalteten Liebsten /und vermeinte die ausgefahrne Seele wieder zurück zu
ruffen: aber er blieb ohne Bewegung. Endlich ergriffe ich / voll Unsinnigkeit /
den noch blutigen Degen /und suchte damit mein Schmerzen zu enden / würde mich
auch ohne Zweifel / in solcher Raserei ermordet haben / wann nicht / durch die
Vorsehung des Himmels / ein bescheidener Wandersmann solches verhintert hätte:
welcher / als er die Ursach meiner Verzweiflung hörte / mich / mit vielen
Tröstungen / zur Gedult und dem Göttlichen Willen still zu halten /vermahnete.
Er brachte auch den blutigen Cörper /meines ewig-geliebten Rondals / zur Erden /
und fragte / wohin ich meinen Weg nehmen wollte? Als ich zur Antwort gab / dass
ich in der Gegend Brunsile noch einen Sohn hätte / geleitete er mich auf selbige
Strasse / und nahm hernach von mir / mit noch gar beweglichem Zusprechen / seinen
Abschied.
    Ich vermeinte / in selbiger Landschaft meinen Sohn zu finden / und meinen
verblichenen Rondal /durch denselben / etlicher massen wieder zu beleben. Aber
das Unglück / welches mir alle Strassen zu meiner Vergnügung verhauet / hatte
mir auch diesen Trost geraubet: Dann als ich meinen Sohn / von dem Schäfer / dem
ich ihn vertrauet / wieder abforderte /berichtete mich selbiger / wie dass mein
Sohn / vor kurzer Zeit / den Schäferstok von sich geworffen / und Kunst und
Tugend in der Welt zu erlernen / sich in die Welt begeben. Also fand ich wieder
Ursach /mein Elend zu beweinen: und wird es mir auch in warheit eher an Trenen
/ als deren Ursach / ermangeln. Dann so oft ich an die grösse meines Leides
denke / so überlaufen mir meine Augen mit Wasser /und kann ich fast nicht
aufhören / mein Verhängnus zu beklagen.
    Hier fieng die gute Garine (also nennte sich diese Edle) abermal an / ihre
Trenen-Brunnen zu öffnen /und bewegte dem Polyphilus dermassen / dass er sie
nicht länger ohne Trost lassen kunte / sondern zu ihren Füssen fiele / und mit
weinender Stimme sagte: Stellet das Klagen ein / meine Mutter! und trucknet eure
Wangen: Hier habt ihr den Polyphilus / euren Sohn / welchen ihr bei dem
Brunsilischen Schäfer gelassen / und dessen Verlierung ihr jetzt beweinet.
Vergebet mir / dass ich / durch meine Abreise / unwissend euren Schmertzen
gehäuffet / und erwartet von mir künftig alle Dienste und Gehorsam. Vergesset
den Tod Rondals / meines seeligen Vatters / weil ihr nun wieder von ihm seinen
Sohn habet.
    Polyphilus küssete der weinenden Garine hiermit die Hand / welche hierob so
freud-bestürtzt wurde /dass sie nicht zu antworten wusste. Sie sah den Polyphilus
unverwandt an: Dann die Zeit und der Wachstum hatte ihr denselben fast
unkäntlich gemacht. So bald sie sich aber seiner erinnerte / fiele sie ihm um
den Hals / und hiesse ihn mit vielen Küssen willkomm sein. Sie dankte hiernechst
dem Himmel / vor diese glückliche Stunde / deren Ergetzung aller überstandenen
Widerwertigkeit vorziehend. Cumenus / welcher dieser Begebenheit / nicht ohne
Entsetzung / zugesehen / bewunderte die Göttliche Vorsehung / und wünschte
diesen beeder tausend Glückseeligkeit. Er sagte auch zu Polyphilo / dass er den
Himmel unaufhörlich anflchen wolle / ihn dergleichen Glück / in Findung seiner
Tochter Macarie / vor seinem Tod sehen zu lassen. Ichzweifle ganz nicht /
(erwiederte Polyphilus) dass ich die Macarie bald in den Armen des Cumenus finden
werde. Uber diesen Wunsch /liesse Cumenus einen tieffen Seufzer / und vergassen
sie bei solcher Freude / der Garine fernern Erzehlung Raum zu lassen.
 
                                 Neunter Absatz
 Agapistus und Pistimorus / erretten eine Person von den See-Raubern: die sich
 für den Philomatus zu erkennen gibet / und dem Polyphilus nachmals erzählt /
    wie ein anderer für ihn erstochen worden. Nachdem Garine in ihres Sohns
  Schäfer-stand gewilliget / poetisirt er von seinem Glück / und bekomt einen
                              Brief von Macarien.
Polyphilus wollte gleich wieder anfangen / seine Frau Mutter zu fragen: wie sie
in das Schiff gerahten / und was er von dem Philomatus halten sollte? als er
seine Gefärten / in ihrem Schiff / wieder daher fahren sah /die er zu empfangen
aufstunde. Es hatten dieselbe /als sie dem brennenden Schiff nachgefahren /
solches schon gescheitert / und einen Teil von den Raubern /an der andern Seite
des Flusses gefunden / auch von denselben den Philomatus begehret. Selbige
hatten sichzwar dessen erstlich gewegert / als man ihnen aber mit der Obrigkeit
gedrohet / aus Furcht ihnen diesen Gefangenen abfolgen lassen: welchen die
Schäfere / nicht ohne Bestürtzung / ihn lebendig zu sehen / in ihren Nachen
genommen / und also mit ihm davon gefahren.
    Philomatus / so bald er sich aus der Rauber Händen / / und in Sicherheit
sah / fieng an / den Schäfern vor ihre willfärige Errettung hertzlich zu
dancken /und fragte: Was sie bewogen hätte / einem Unbekanten so gefährliche
Hülffe zu leisten / und wer ihnen seinen Namen eröffnet? und als Agapistus ihm
erzählt / wie die Frau / so aus seinem Schiff gesprungen /und durch sie ans
Land gebracht worden / inständig um des Philomatus Errettung gebeten / sagte
er: Ach! so lebet auch Garine noch / und ist / gleich mir /durch euch erhalten
worden? so habe ich ja doppelten Dank abzulegen. Aber saget mir doch /
leutseelige Schäfere! in welcher Gegend ich mich befinde? In der Landschaft
Brundois: gab Agapistus zur Antwort. Hilf Gott! (versetzte Philomatus) sind wir
der Insel Soletten so nahe? wie soll ich dem Himmel / vor seine Vorsehung /
gnugsam danken? Nun hoffe ich / der betrübten Garine / ihren Polyphilus bald zu
zeigen. Uber dieser Rede / wurde Agapistus und Pistimorus ganz verwirret / und
wiewol schier keiner so kühn /ihn ferner zu fragen / so kunte doch Agapistus
sich dessen endlich nicht entalten.
    Vergebet mir / mein Herr! (sagte er) dass ich frage /wer dieser Polyphilus
sei / von welchem er saget /und wo er sich aufhalte? Ich habe denselben /
(erwiederte Philomatus) als einen Schäfer / gekennet / und verlassen / wiewol
er nicht also geboren ist. Was er aber jetzt sei / kann ich so eigentlich nicht
wissen /ohne / dass ich gehöret / er befinde sich bei der verwittibten Königin zu
Sophoxenien. Er ist aber der betrübten Garine / welche ihr aus den Wellen
gerissen /ihr einiger Sohn / den sie zu suchen ausgereiset. Ist Polyphilus ihr
Sohn? (gab Agapistus zur Antwort) so wird sie ihn bereit erkandt und gefunden
haben: denn er ist nicht mehr zu Sophoxenien / sondern weidet unter uns Hirten.
Ach! was höre ich? (begegnete ihm Philomatus) hat Garine ihren Sohn schon
bekommen? so habet tausend Dank vor eure Hülffe. Ach Himmel! soll Philomatus
noch heute seinen Polyphilus sehen? so hast du dann wohl vor uns gewachet. Sind
dann (fragte Agapistus) zween Philomaten in der Insel Soletten? Ich weiss sonst
keinen / (versetzte Philomatus) der meinen Namen führet. Wie hat dann (fragte
Agapistus ferner) Polyphilus mir erzählt / dass Philomatus von einem
Unbekandten ermordet worden / und dass er noch diese Stunde / den Solettischen
Inwohnern / wegen dieser Entleibung / wiewol unschuldig / im Verdacht sei? Diese
Meinung / (antwortet Philomatus) ist aus einem Irrtum hergeflossen / indem ein
anderer vor mich ermordet worden /wie ich dem Polyphilus weitläuffig erzählen
will.
    Indem Agapistus ferner fragen wollte / waren sie eben am Ufer / allwo
Polyphilus / mit seiner Mutter Garine / und dem Schäfer Cumenus / ihrer wartete.
So bald Philomatus ausgestiegen / wollte er den Polyphilus umarmen: der aber
erschrocken zurück wiche. Erschrecket nicht / mein Polyphilus! (ruffte
Agapistus) dieser ist kein Gespenst / sondern der warhafte Philomatus. Hierauf
fiel er ihm gleichfalls um den Hals /und sagte: Ach allergetreuester
Philomatus! darf ich euch noch lebendig sehen / den ich längst / als todt
/beklaget? Haltet mich doch nicht auf / mir das Wunder zu erzählen / welches
euch aus dem Grab genommen / und meinen Armen wieder gegeben hat. Philomatus
lachte / und sagte: Ich bin niemals im Grab gelegen / geliebter Polyphilus! wie
ihr aus der gemeinen Erzehlung glaubt / sondern der Himmel hat mich wunderlich
erhalten. Lasst uns nur zusammen sitzen /dass ich euch diese Begebnis erzehle.
Polyphilus führte den Philomatus zur Seite / und bate / nichts von Macarie zu
gedenken / weil ihr Vatter / der sie verloren / zugegen wäre / deme er / mit
ihrer wunderbaren Findung / grosse Freude zu machen gedächte.
    Als sie hierauf an dem Ufer sich niedergelassen /fienge Philomatus also an
zu reden. Wann ihr euch wundert / wehrte Freunde und Erlösere! wie ich ermordet
/ und doch lebendig; begraben / und doch zugegen sein könne? so wisset / dass ein
einiger Irrtum /diese ganze Verwirrung würke. Dann als ich euch /geliebter
Polyphilus! an den Peneus-strande vergeblich gesuchet / und glauben musste / dass
ihr / entweder von einem wilden Tier wäret zerrissen / oder von den Wellen
ersäufft worden / geriehte ich in solche Traurigkeit / dass ich nicht wusste / wo
ich mich lassen sollte: zumal bei der Einbildung / dass meine Nachlässigkeit /
indem ich euch allein gelassen / (welches aus Furcht der Inwohner geschehen) die
Ursach eures Verderbens wäre. In solchem Kummer / gelangte ich nach Hause / und
gedachte / durch den Schlaf / meinen Gedanken zu entfliehen. Aber ich fand auch
in der Ruhe so gar keine Ruhe / dass ich vielmehr ängstiger wurde / und mich ohne
unterlass / als euren Mörder anklagte. Ich stunde dennoch wieder auf / und
vermeinte / bei meinen Büchern Trost zu holen / hielte mich auch in meinem
Cabinet so lang auf / biss ich merckte / dass mir der Verzager der Sorgen seine
Dienste anbieten wollte.
    Wie ich mit dem Liecht in die Kammer gienge /fand ich daselbst / mit
unbeschreiblichem Schrecken / einen blutigen Cörper in meinem Bette liegen /und
vermeinte nicht anderst / als dass dieses der ertödete Geist des Polyphilus wäre
/ der seinen Tod zu rächen / käme. Ich wiche deswegen erstaunet zurücke /trate
aber nach kurzer Besinnung wieder hinzu / und erkannte / dass dieses kein
Gespenst / sondern ein menschlicher Leib ware / welcher / mit einer Wunden in
der Brust / in seinem Blut geweltzet / starr todt lage. Wie sehr ich erschrocken
/ könnet ihr selbst mutmassen / weil ich vorhin in der höchsten Betrübnus war.
Ich wusste nicht / ob ich diesen Mord offenbaren / oder verschweigen sollte / weil
beides gefährlich schiene. Ich bemühete mich / den Ermordeten zu erkennen / und
fand einen Dolch bei ihm ligend /und neben dem Bette in einer Ecken seine
Kleider /derer Armseeligkeit von seinem geringen Zustand zeigte. Ich suchte
weiter / und fand in denselben einen Brief / aus dessen Innhalt ich verstunde /
dass der ertödtete einer von denen Meuchel-Mördern und Waghälsen ware / die einen
andern / um Gelds wegen / zu ermorden / kein Bedenken tragen. Dann es hatte ihm
/ einer von meinen ärgsten Feinden / auser der Insel / geschrieben / und darin
diesen Schelmen gebetten / mich heimlich hinzurichten / mit Versprechung einer
grossen Belohnung. Ich wusste nun nichts anders zu schliessen / als dass dieser in
meine Kammer geschliechen / und nachdem ich aufgestanden / meine Stelle
eingenommen / willens / so bald ich wieder käme / mit dem bei sich habenden
Dolche / meines Feindes Befehl zu vollziehen. Nur dieses kunte ich nicht
errahten / wer ihn erstochen hätte. Dann ob ich wohl erstlich gedachte / er würde
aus Verzweiflung /sein eigner Mörder worden sein / so musste ich daran zweiflen /
weil ich an dem Dolche nicht das geringste Blut sah.
    Was sollte ich nun machen? Alles zu eröffnen / hielte ich wohl für das
aufrichtigste: aber weil mir der Inwohner Eigensinnigkeit und scharffes Recht
bekannt war / musste ich besorgen / dass ich / weil ich den Mörder nicht stellen
kunte / als selbst für denselben hätte mögen gehalten und angehalten werden. So
wäre auch der Brief ja so bald zu meiner Beschuldigung / als Entschuldigung /
anzuziehen gewesen. Den Cörper heimlich zu begraben / ware auch bedenklich / in
dem ich hierdurch / wann es nach langer Zeit wäre offenbar worden / abermals
hätte in Verdacht kommen können: Also erwählte ich das sicherste / und gedachte
/ so lang die Insel zu fliehen / biss ich erführe / wie es mit diesem Handel
abgelauffen. Zu diesem Ende verstellte ich mich mit des Ermördeten Kleidern:
verbarge den Brief / und Dolch in einem heimlichen Winkel des Hauses / und
begabe mich mit frühsten aus der Insel. Als ich mich nun an einem sichern Ort
sah / liesse ich mich wieder kleiden / (dann ich hatte die Notturft an Gelde zu
mir genommen) und fieng an / etliche Städte und Länder zu durchreisen / damit
ich die Zeit nicht unnützlich zubrächte.
    Aber in solcher Wanderschaft / kam ich mit einem Solettischen Inwohner zu
reden / und fragte denselben / was er neues von Haus mitbrächte? Dieser erzählte
mir wie daselbst einer / Namens Philomatus /vor kurzer Zeit ermordet / und
begraben / und Polyphilus / ein fremder Schäfer / vor den Täter angehalten
worden / welcher / der Verhaftung zu entfliehen /sich in den Fluss gestürtzet /
aber nicht ohne Wunder /in demselben erhalten / und mit dem versenkten Schloss
Sophoxenien wieder hervorgekommen wäre. So bald ich nun hörte / dass der
erstochene Mörder an meiner statt begraben / und Polyphilus noch bei Leben wäre
/ nahme ich mir vor / zu ihm zu reisen /und alsdann auch den Solettischen
Inwohnern unsern Zustand zu entdecken. Zu diesem Ende / begab ich mich in ein
Schiff / welches nach der Gegend Tempe segelte. Wir wurden aber / von dem
widerwärtigen Wind / so sehr verfolget / dass wir an der Landschaft Brunsile
Anker werffen und aussteigen mussten / biss sich der Sturm geleget. Wir funden
daselbst / die damals betrübte / jetzt aber erfreute Garine / welche bate / sie
auf das Schiff zu nehmen / so auch geschehen. Unterwegs / als wir wieder
abgefahren / merkte ich aus ihren Gebärden / und Seufzen / dass sie ein grosses
Anligen hätte / und fragte: wohin sie gedächte?
    Das weiss Gott! (gab sie traurig zur Antwort) Ich habe einen Sohn bei den
Schäfern verlassen / der meiner Widerkunft nicht erwartet / sondern / Kunst und
Tugend in der Fremde zu erlernen / abgeschiffet ist. Diesen / wie er das einige
ist / das mein Leben noch unterhält / gedenke ich durch alle Länder zu suchen /
und entweder seine Beiwohnung / oder den Tod zu finden. Ich hatte Mitleiden mit
der betrübten Frauen / und fiel mir gleich eure Erzehlung ein / geliebter
Polyphilus! welche mit dieser gar genaue zutraffe. Darum fragte ich ferner / wie
ihr Sohn hiesse? und als sie geantwortet / Polyphilus: fieng ich an / sie mit der
Zeitung zu trösten / dass er noch bei Leben /und dass ich eben jetzt zu ihm
reisete / auch ihn bald in ihre Arme liefern wollte. Hierüber wurde Garine höchst
erfreuet / und sagte mir tausend Dank / hoffte auch nun ihren Sohn bald zu
sehen. Aber das Unglück wollte ihr noch einen Tuck beweisen / und sie das letzte
von ihrer Grausamkeit sehen lassen. Dann wir wurden bald hernach von einem
Raub-Schiff angefallen /und / nach vergeblichen Widerstand / gefangen genommen.
Garine / als sie nun zum andernmal sich gefangen sah / stellte sich so
verzweifelt an / dass ich nit Worte genug finden kunte / sie aufzurichten. Und ob
mich wohl / der Verlust meiner Freiheit / selber über alles kränkte / so vergass
ich doch fast meines eignen Elends / und war nur bemühet / der armen Gärine
Trost beizubringen. Die Rauber hingegen / lachten unsrer Trenen / und baueten /
aus unserm umgeworffnen Glück / die Stuffen ihrer Ergötzung: wussten aber nicht /
dass ihr Verderben so nahe / und dass der Himmel / durch ihren Untergang / unsere
Errettung würcken würde. Dann ihr Schiff geriehte / durch sonderbare Strafe
Gottes / kurz hernach in Brand / mit welchem sie nun / nicht nur die Gefangene /
sondern auch das Nest ihrer Rauberischen Beute / verloren.
    Als Philomatus ausgeredet / fiele ihm Pistimorus zu den Füssen / und bate
demütig um Vergebung seines Verbrechens. Philomatus / der nichts hierum wusste /
hube ihn auf / und sagte: Ich weiss nicht /Edler Ritter! was ich dem jenigen
verzeihen soll / der sich nie an mir versündiget? Ich hab Hülfe / und keine
Beleidigung / von euch empfangen / und deswegen mehr Ursach / zu danken / als zu
vergeben. Polyphilus legte sich zwischen die beide / und erzählte Philomatus /
was sich mit dem Pistimorus begeben / und wie derselbe / aus übereiltem Eifer /
seinen Tod zu rächen / den jenigen ermordet / welcher von jederman für den
Philomatus gehalten worden. So hat er dann / wie ich vernehme / (sagte
Philomatus) mich zweimal beim Leben erhalten / und mich also zu doppelten Dank
verpflichtet. Was ist es dann / dass er abbittet / da er Lohn fordern sollte? Der
gnädige Himmel / hat / durch diesen Irrtum / mir die Sicherheit /dem
Meuchel-Mörder die Strafe seiner Laster / euch aber / Edler Ritter! die Tugend
der Vorsichtigkeit / erteilen wollen. Dapferkeit ist keine Vermessenheit /und
unser Mitleiden soll sich durch Gerechtigkeit /nicht durch die Selbst-Rache
erweisen. Doch es ist alles wohl abgelauffen / und wird nun das bäste sein /dass
wir sämtlich nach Soletten reisen / und selbigen Inwohnern das Wunder meiner
Erhaltung / und den billigen Tod meines Mörders / so wohl durch Vorlegung des
Briefes und Dolches / als durch dieses Ritters eigne Bekenntnus / vorlegen /
damit Polyphilus hinkünftig ihres Argwohns befreit / Pistimorus aber an seiner
Heimreise nicht gehintert werde / und ich selbst meine einsame Ruhe wieder
erlange.
    Polyphilus bate / sie mögten diese Reise so lang aufziehen / biss er von
Rutiben / da er eine nötige Verrichtung hätte / wieder zurücke käme / er wollte
sie über etliche Tage nicht aufhalten. Indem sie alle ihm dieses zusagten /
fragte Garine: Was er zu Rutiben suche? und als er zur Antwort gab: Eine
Beförderung / und vielleicht zu einer Vorstehers Stelle unter den Schäfern:
fragte sie ferner: ob er dann ein Schäfer bleiben / und nicht mit ihr in sein
Vatterland ziehen wollte? Ach! meine Mutter! (gab Polyphilus zur Antwort) ich
habe so viel Ungemach im Ritterlichen Stand erlitten / dass ich dem Himmel
gelobet / nimmermehr aus diesem Orden zu tretten. Ich bitte demnach / dass sie
dieses Gelübde durch ihren Beifall billigen wolle. Ich geniesse in demselben so
viel Vergnügung / dass ich Ursach habe / dessen Beharrlichkeit zu verlangen. Ich
weiss / wann sie eine zeitlang bei uns verbleibet / dass sie nicht mehr das
unruhige Getümmel der Städte verlangen / noch die Gefahr des Adelsstande achten
/ sondern der Welt ihr betrügliches Glück lassen / und auch ihre Vergnügung
unter den Schäfern suchen wird. Garine stutzte etwas über dieser Rede / und
vermeinte / es wäre ihrem Stande verkleinerlich / wann sie ihren Sohn unter den
Schäfern lassen sollte.
    Aber Cumenus (der durch einen Wink von Polyphilus verstanden / dass er sich
seiner annehmen sollte) sagte: sie sollte ihrem Sohn diese Bitte nicht verwegern /
sondern gedenken / dass der Schäferstand vielhöher sei / als er von hoffärtigen
Hofleuten geachtet würde; massen viele von denen / welche zum Regiment geboren
worden / den Zepter von sich geworfen / und dagegen den Hirtenstab genommen
hätten. Er selbst / ob er gleich nicht von den Höchsten / wäre doch nicht in
diesem Orden / sondern unter den Edlen geboren / hätte aber die Vergnügung vor
den Titel /und die Ruhe vor das Wappen erwählet / wüste auch /dass sie selbst
noch dieses Sinnes werden / und unter den Schäfern weiden würde. Das will ich
weder bejahen noch widersprechen / (versetzte Garine) indessen aber meinem Sohn
seine Freiheit lassen / und sehen /wie man unter den Hirten lebet.
    Polyphilus erfreute sich über diese Antwort / noch mehr aber / als er hörte
/ dass auch Cumenus einer von den Edlen / und also seine Mutter destoweniger
Ursach haben würde / seine Verehelichung mit Macarie zu hintern. Weil er dieser
seiner Hirtin Antwort sehr verlangte / als ohne welche er nicht abreisen wollte
/verliess er die Gesellschaft beisammen / und gienge /unter dem Vorwand / seine
Reise anzuordnen / nach Macarien Lustause / in Hoffnung / ihren Brief zu
erhalten. Unterwegs dachte er dieser angenehmen Begebenheit mit Verwunderung
nach / dankte der Vorsehung des Himmels / und schnitte in die Rinde eines Baums
folgendes Sonnet.
Beherrscher dieser Welt / Fürst über alle Götter!
Durch dessen weise Macht sich ordnen alle Ding?
Ach! höre gnädig an / wie ich dir dankend sing /
Vor deine Wunder-Hülf / du mächtiger Erretter!
Du hast nun ganz gestillt das ungestümme Wetter /
So / dass ich meinem Kahn vergnügt ans Ufer bring.
Ja / HErr! du bist zu gross / und ich bin zu gering.
Hätt ich so manche Zung / als diese Baume Blätter /
Sie würden deinem Ruhm doch viel zu wenig sein.
Drum raum ich dir mein Herz / voll deines Lobes / ein.
Ach! lass dasselbe dir / ein süsses Opfer heissen.
Vollende / was bisher geführet deine Hand:
Damit Macarie / wer / wie sie heist / erkandt /
Und ich / mit ihr vereint / dich ewig möge preisen.
Eben war er in dem Schneiden des letzten Wortes begriffen / als er den
Gärtner-Jungen gegen ihm kommen sah / und von demselben den Brief seiner
Liebsten erhielte / der also gelautet.
                                   Mein Herz!
Wie mich / die unbillige Verfolgung / der Königin zu Sophoxenien / in nicht
geringen Kummer gesetzt; also erwecket nun / ihre wieder-erlangte Gnade / bei
mir desto grössere Freude. Den allzu grossen Dank aber /welchen seine
Höflichkeit meinem einfältigen Raht beileget / wollen wir / mit viel besserm
Recht / dem gnädigen Himmel aufopfern / als dessen Gütigkeit allein unsre
Anschläge zum verlangten Ziel bringt: demütig bittende / dass er ferner seine
Verrichtungen segnen / und die vorgenommene Reise glücklich wolle vollführen
helffen. Damit also seine Liebe / der Vergnügung des Eusephilistus / nichts
bevor lasse /und ich Gelegenheit erlange / seine beständige Gewogenheit mit
dankbarer Gegen-Gunst zu erwiedern / die ich indessen mit stätigem Andenken
verehre / biss ich mit recht heissen kann
                                Seine vergnügte
                                                                        Macarie.
So bald Polyphilus diesen Brief erhalten / verfügte er sich wieder zu seinen
Hirten / sprachte mit ihnen von unterschiedlichen Sachen / und ergetzte sich mit
ihrer Gegenwart / biss der Abend herbei kam / und sie sämtlich zu ihren Hütten
eilten. Polyphilus bate den Cumenus / seine Gäste wohl zu tractiren / nahm
hernach von ihnen sämtlich Abschied / und versprache /mit nächsten wieder bei
der Herde zu sein. Selbige Nacht aber / schliefe er bei seinem Agapistus /
welcher zu ihm sagte: Nun möchte ich wissen / was Macarie tun würde / wann sich
Polyphilus anstellete /als wann er sie verlassen / und eine andere lieben wollte.
Jetzt könnte man ihre Treu ohne Gefahr prüfen da Eusephilistus schon eine andere
anbetet: und würde sie / wann sie darüber sich erzürnte / durch die Vorstellung
ihrer Eltern / leicht wieder zu begütigen sein. Polyphilus lachte dieser Rede /
und gab zur Antwort: Er wäre der Treue seiner Macarie vorhin versichert / und
hätte keiner Prüfung vonnöten. Gleichwol dachte er diesem Raht nach / und nahm
ihm vor / eine Künheit zu wagen. Nachdem er nun Agapisten gesegnet / gienge er
mit dem Hirten-Knaben in die Gegend Rutiben / und besanne sich unterwegs / wie
er diese Liebes-Probe am füglichsten zu Werk richten möchte. Zu Rutiben ward er
von den Schäfern wohl empfangen / und alsbald zu einem Vorsteher in selbiger
Gegend bestättiget.
 
                                Zehender Absatz
  Macarie wird von einem Traum erschreckt / und vom Polyphilus / auf die Probe
 gesetzet. Sie beantwortet sein Schreiben / klaget / und fraget den Gegenhall.
Sein zweites Schreiben / und erdichteter Bericht / wie er gezwungen werde / sie
zu verlassen. Ihre Unlust /und Antwort. Er kommet zu ihr auf ihr Lustaus / und
begütiget sie wieder mit der Erzehlung / dass er ihre Eltern und den Philomatus
                                   gefunden.
Inzwischen nun Macarie der Wiederkunft ihres Liebsten begierig erwartete / hatte
sie in der Nächte einer einen Traum / welcher ihr nicht wenig Nachdenken machte.
Sie sah den Polyphilus mit grossem Gelächter zu ihr kommen / und einen Kranz
von Perlen in Händen halten / als sie solchen / (ihrem schlaffenden Bedünken
nach) in die Hand fassete / wurde sie gewar / dass die Perlen ganz verkehrt und
sich in Rosen verwandleten / worüber sie erwachet. Diesen Traum erzählte sie
ihrer Dienerin Nabisa / und als selbige sagte: dass die Perlen allezeit Trenen
bedeuteten / fieng sie an sich zu betrüben / fürchtend / es möchte ihrem
Polyphilo / auf seiner Reise / ein Unglück begegnen. Sie fühlte auch eine
ungewönliche Bangigkeit des Hertzens / deren sie / durch die Seufzer / / Luft
machte / und keine Tröstung kräftig fand /wie aus diesen Zeilen / welche ihr
die Verwirrung ausgepresset / abzumercken ist.
Man sagt zwar sonst: Wer viel von Träumen hält /
Verwickelt sich mit Lügen /
Und muss sich selbst betrügen.
Doch / warnt auch oft ein Traum /
Eh uns das Unglück trifft. Nicht alle Träum verführen.
Ach Himmel! ich besinn mich kaum /
So fängt sichs an / in mir zu rühren.
Mein Herz sagt mir was vor / es ist zu hart gequält.
Es scheint / als ob mein blöder Geist /
Vor dem Verhängnus wollte fliehen /
Das mich / so grausamlich / gedenkt zu überziehen /
Ach wie beschwert ist diese Brust!
Und weiss doch nit / warum? die Seele muss es sehen /
Die reiner ist / als ich / und zeigt Qual und Lust /
Die sich gedenken uns zu nähen.
In diesen unruhigen und bestürzten Gedanken / erhielte Macarie einen Brief vom
Polyphilus / welchen er durch den Schäfer-Knaben überschickte / dieses Inhalts.
                                 Allerliebste!
Ich vermag nicht zu beschreiben / wie sehr mich nach ihren liebsten Brieflein
verlanget / weil ich in denselben all meinen Tröst suche. Dann was meint  mein
Herz / wie ich / auf diesem Gebürge / herum geführet werde / da ich fürchten muss
/ dass mich ungefehr ein Sturmwind / so ohne das den hohen Klippen gefährlich /
in eine Unglücks-Grube herunter stürze / oder auch ein leiser West-Wind fremder
Höflichkeit /durch sein anmutiges Rauschen / dergestalt verleite /dass ich / an
statt eines kühlen Lüfftleins / vergifftete Bitterkeit schöpffen müsse. Hätte ich
nun den schönen Buchstaben / als den versicherten Zeugen ihres Andenkens / zu
meinem Gefärten / könnte ich solchen /vielleicht nicht vergebens / den stürmenden
Winden zum Widerstand / der sanftwehenden Luft der liebsuchen den Höflichkeit
aber / zum Betrug / und mir selber zur Behutsamkeit setzen: welche meine Augen
in ihren Worten / mein Gedächtnus aber bei ihr allein / von allen andern
abgewendet / bleiben hiesse. Sonsten ists nicht ohn / dass man auf hohen Bergen /
die Reiche der Welt sehen kann / und stehet ein fester Grund / wo die Felsen den
Bau erhalten. Auch liebt man den Pracht der hohen Spitzen / weil sie der Sonne
näher steben. Die Finsternus wohnet in den Wäldern: aber das Liecht beglänzet /
was erhaben stehet. Zwar es trohet dem / der die Felsen ersteiget /ein
gefährlicher Fall: allein / weil die besteinte Felder auch Blumen tragen /
findet man in ihrem Begriff /eben wohl einen Augentrost / oder das Blümlein je
länger je lieber / welches uns der Beständigkeit versichert. Das ists /
schönstes Herz! was mich auf diesem felsichten Gebürge bissweilen tröstet / oder
vielmehr aber betrübet. Sie aber erhalte den Ruhm ihrer Treue /und gebe mir
durch ein Brieflein zu wissen / wie ich einer besiegenden Gewalt / ohne Verlust
der Freiheit / ja wohl gar des Glückes und der Ehre / widerstreben / und die
fast geschlossene Fessel zerreissen könne. Mein Schatz lehre mich auch / ob die
Liebe dem Glück / oder dieses jener / am nützlichsten vorgezogen werde: Und ob
die Ehre / ohne die Beständigkeit / auch eine Ehre zu nennen sei / Ich verbleibe
inzwischen
                                 Der beständige
                                                                     Polyphilus.
Hier hatte nun Macarie die Auslegung ihres Traums /und kunte ihr keine andre
Gedanken machen / als dass Polyphilus / mit ihrer Verspottung / eine andere
lieben / ihr aber damit die Ursach der Trenen überlassen würde. Liebe und Eifer
/ Zorn und Verlangen /fiengen an ihr Gemüte zu bestreiten und brachten sie
dergestalt aus ihr selbst / dass sie nicht wusste / was /oder wie sie antworten
sollte? Weil aber der Junge um einen Brief stark anhielte / und sich nicht wollte
aufhalten lassen. Also fasste sie endlich ihre zerstreute Sinne wieder zusammen
/ und schriebe (damit sie Polyphilo alle Entschuldigung seiner Untreu benehmen
möchte) folgendes.
                                   Mein Herz!
Wann meine Zeilen so glückseelig wären / ihm einige Ergätzung zu bringen / wie
feine Höflichkeit rühmet /so würde ich sie mit viel grösserer Freude empfangen /
als ich jetzt tue / da ich fast nicht weiss / wie ich sein Brieflein beantworten
soll / teils aus Bestürzung / teils auch aus Verwunderung / dass die
ewigsteiffe Sinnen / in sowenig Tagen / sollen wankend gemacht worden sein. Er
darf nicht entdeckter reden /weil ich zuvor schon mehr verstehe / als ich
beliebe /so kann ich ihm auch keinen Raht erteilen / der nicht entweder vor
lasterhaft / oder parteilich sollte angesehen werden. Ich empfehle ihm demnach /
an meiner statt / zur Rabtgeberin / die Edle Tugend selber: Diese lasse er seine
Entschliessung begleiten und regieren. Mich soll niemand / auch nicht eines
andern Laster / von ihrem Dienst verleiten: und wie ich / aus Begierde zur
Tugend / und aus Furcht wider dieselbe zu handeln / bisher so manches Glück
ausgeschlagen / und so manches Unglück besieget / also bleibe ich ewig
                                 Die beständige
                                                                        Macarie.
Mit dieser Antwort liesse sie den Jungen wieder ablaufen / sie aber bliebe in so
unruhigen / und bestürzten Gedanken / dass kein anders Gemüte / als der
Tugend-befesteten Macarie / solche ohne Verzweiflung würde erdultet haben. Soll
ich dann glauben / (gedachte sie) dass Polyphilus so vermessen sei / eine andere
/ als Macarie / zu lieben? ist es auch müglich / dass er /aller Tugend vergessend
/ seine Seele mit so abscheulicher Untreu beflecke? Nimmermehr kann ich mir
einbilden / dass dergleichen Bosheit in dem Tugend-liebenden Herzen des
Polyphilus herrschen soll. Doch /was ist beweglicher / als die unvorsichtige und
wollüstige Jugend? Was können grosse Verheissungen und prächtige Ehren-Stellen
bei hochgesinnten und stolzen Gemütern nicht ausrichten? Der Rauch der Hoheit /
vermag auch die aller-verständigste Augen trüb zu machen / dass sie das Liecht
der Tugend nicht erkennen. Was ist es dann Wunder / dass die noch wachsende davon
erblinden? Zwar der Atychintide Liebe hat er meinetwegen ausgeschlagen: aber wer
weiss /wann es eine junge und schöne Prinzessin gewesen /ob er sich so beständig
rühmen könnte? Dieser Königin Holdschaft war mehr eine Arzuei wider die Liebe /
als Entzündung derselben zu nennen. Zu Rutiben hingegen wird er von dem
Blümlein je länger je lieber / mehrere Befeurung haben. Ach / Himmel! wie habe
ich mich betrogen / dass ich Polyphilo getrauet / der schon so vielmals mit
fremder Liebe angefochten worden. Doch habe ich auch seine Beständigkeit / durch
viel Widerwärtigkeit geprüfet / und ohne falsch gefunden. Was muss doch für eine
Vollkommenheit seine Sinne verblenden / dass er nun zu wanken gedenket? Ich weiss
nicht / was ich davon halten und glauben soll. Ist seine Bekantnus warhaftig /
so hätte er / in warheit / seine Bosheit nicht empfindlicher ausüben können /
als eben zu der Zeit / da Eusephilistus mit einer andern sich verlobet / und
mich /wegen dieses untreuen Liebhabers / gnug verlachen wird. Ich werde sehen /
(sagte sie endlich) wie seine Antwort lautet / und habe Ursach / solche häftig
zu verlangen.
    Dieses waren der Macarien Gedanken: in derer Verwirrung sie einen
Spazir-gang erwählte / sie desto freier zu unterhalten. Als sie / vor ihrer
Insel / gegen einem Felsen kam / und in ihrem Gemüte so gar keinen Raht wider
diese Begegnis zu finden wusste / fieng sie an / bei dem Gegenschall Hülfe zu
suchen / und also mit ihm zu reden:
Echo! gönn mir deine Lehre /
Und verschaff / dass ich dich höre /
Echo. Ich höre.
Will Polyphilus / im hassen /
Nun / auf ewig mich verlassen?
Echo. dich verlassen?
Fragst du noch / und wilt nicht sehen /
Was am hellen Liecht geschehen?
Echo. nicht geschehen.
Sagst du du dieses von dem Lieben /
Das sein falsches Herz getrieben?
Eche. Scherz geschrieben.
Was? Er scherzt / im fremden Schosse /
Du vertritst ihn nur / du Lose!
Echo. Du Lose!
Nimfe / schweig! ich bin betrübet.
Zeig davor / was jener übet?
Echo. Er liebt.
Ja! das will ich nicht bestreiten:
Aber nicht zu meinen Freuden:
Echo. Deinen Freuden.
Hierauf wusste Macarie eben so wenig als zuvor /ging derhalben ungedultig wieder
hinweg / und schluge sich noch eine zeitlang mit ihren Gedanken. Als sie / am
Abend / nach Hause kam / fand sie daselbst / wider Verhoffen / den
Hirten-Knaben / der einen Brief von Polyphilus brachte / welchen sie erbrache /
und darin dieses lase.
                            Tugend-gezierte Macarie!
Dieselbe wolle sich nicht wundern / dass ich / wider meine Gewonheit / dieses
befremdlichen Tituls mich gebrauche / oder vielmehr zu gebrauchen genötiget
werde. Dann der zweifelhafte Zustand / darin mein unglückseeliges Lieben
anjetzt bestehet / leidet nicht mehr / die jenige mit verliebten Worten zu
grüssen /die ich zu lieben aller Orten / auch von dem Himmel selber / (wie es
scheinet) abgehalten werde. Es ist mir zwar ihr schönes Brieflein / aber zu
unseeligen Händen / eingeliefert worden: weil ich / über dem Schatz ihrer
getreuen Liebe / in viel grössere Bestürzung gerahten / als ich jemals über
derselben Erlangung mich ergötzet. Ach Himmel! hast du mir dann eine Freude
gegeben / zur Betrübnus? also sehe ich / wann ich die felsichte Spitzen / von
denen keine Bahn / ohne durch das gestürzte Glück / herab führet / betrachte.
Warum bin ich nicht auf ebnem Feld geblieben / da ich keinen Fall zu fürchten
hatte? Ich kann leicht besinnen / dass sie sich / allerwürdigste Macarie! hierüber
entsetzen wird / darum ich auch fürchte / entdeckter zu reden. Doch was fürchte
ich? schreib nur / unglückseelige Feder! dass nie einem Sterblichen ein
verwirrteres Glück / als mir / begegnet. Ach! dass der Kiel nie geschnitten wäre
/ der die Worte ausgiessen muss / dass Polyphilus / seine Schöne / und so herzlich
geliebte Macarie verlassen soll. Vergebet mir / Tugend-Edle Macarie! diese
Untreu / und entschuldiget den Zwang mit meinem Widerwillen. Ich Unseeliger! es
sollte mich ja die vielfache Widerwärtigkeit / so unsrer Liebe allezeit
verhinterlich / oder zum wenigsten beschwerlich gewesen / gnugsam unterrichtet
haben /dass der Himmel ein Missfallen trage an unserer Verbündnus. Aber ich wollte
auch wider die Unsterblichkeit streiten / darum trage ich nun den verdienten
Lohn davon. Ich bekenne gern / dass ich unwürdig sei / neben ihrer Hoheit zu
stehen / weil ich nicht so beständig die Tugenden verehre / und in die Zahl der
jenigen komme / die das Glück und die Ehre / durch Laster bauen. Weil ich nun
diesen verzweifelten Schluss erwählen muss / wird sie sich / schöne Macarie! desto
leichter befriedigen / und meiner vergessen können / weil sie weiss / dass ich
nicht mehr sei / der ich vor dem gewesen. Auch wolle sie dabei gedenken / wie
vielen und schweren Sorgen sie entnommen werde / wann ich mich ihrer äusern muss:
es fället damit die Furcht / es zerrinnt die Ungewissheit meiner Jugendlichen
Liebe / und bleibet dagegen die Freiheit / einen andern aus so vieln zu erwählen
/ der die Stelle ersetze / die ich bisher durch ein blindes Glück und unwürdig
besessen. Wird sie auch an den bösen Namen / und an die Feindseeligkeit gedenken
/ welcher ich in ihrer Insel unterworffen bin / wird sie Ursach genug haben /
sich hierüber mehr zu erfreuen /als zu beklagen / und mich desto weniger
verdenken /dass ich mein Glück und Ehre bei denen suche / da ich angenehm
gehalten werde. Aber / was werde ich vor einen Ruhm bei ihr hinterlassen? Untreu
verdammet doch / und Falschheit verdienet den Nachklang einer geschändeten Ehre
Doch tröstet mich die erkannte Gedult / die ich so oft an ihr gerühmet. Auch
versichere ich sie / treffliche Mcarie! dass ich sie dennoch lieben will / weil
ich nimmermehr glauben kann / dass der Zwang die Herzen binde / und der Erwählung
vorgehen könne. Ja / meine Beständigkeit zu erweisen / erbiete ich mich noch mit
ihr alles zu dulten / von dem Tron der Ehren freiwillig abzutretten / und ihr
verpflicht zu bleiben. Aber mit was Nutzen? Soll ich ihrentwegen verachtet /
verstossen / und von meinen Feinden verspottet werden? Wie viel erträglicher ists
/einen Dank vor alle erwiesene Freundschaft und Liebe geben / und deren zu
vergessen / die ich ohne mein Verderben nicht lieben; hingegen diese annehmen
/die mich auf ben Sitz der Ehren heben kann / und nun schon gehoben hat. Ich
bitte sie demnach / tugendliche Macarie! sie wolle meiner / aber ohne
Feindschaft / vergessen / und an meine statt einen andern erwählen / der
würdiger sei / in ihren Armen zu ruhen. Wo nicht / so berichte sie mich eiligst
/ was ihre Meinung sei / ob sie mich lieber glücklich verlassen / oder
unglücklich lieben wolle? Ich will ihr Folge leisten. Kan es aber sein / dass sie
mich lasse /so bitte ich nochmals / mir alle Unhöflichkeiten / so ich jemals
gegen ihr begangen / zu vergeben / und mir zu erlauben / eine höfliche / schöne
/ und mit allen weiblichen Tugenden gezierte Dame / die mich so hoch und
herzlich liebt / dass ihr die Gegen-Liebe zu versagen unmüglich / zu lieben. Sie
wolle auch /schöne Macarie! des jenigen im besten gedenken / der gern / wan ns
ihm der Himmel nur gönnte / biss ins Sterben verharren wollte / wie er nun einer
andern sein muss /
                          Ihr gehorsamer und getreuer
                                                                     Polyphilus.
Hat sich jemals das Gemüt Macarien von den Bewegungen unruhig befunden / so ist
es in warheit dissmal gewesen. Wer auch die Liebe des Polyphilus biss daher
betrachtet / und seine vorige Briefe neben diesen leget / wird bekennen müssen /
dass sie sich billig vor dieser Untreu entsetze / welche wenig ihres gleichen
findet. Sie kunte den vermessenen Brief / vor Schrecken und Bestürtzung / nicht
zu Ende lesen /und wurde von Zorn / Eifer / und Ungedult dermassen bestritten /
dass sie sich kaum besinnen kunte. Doch scheuete sie den Hirten-Jungen / und
wollte in seiner Gegenwart keine Klage hören lassen / sonderlich weil sie sah /
dass er ihre Gebärden sehr genau beobachtete / / und davon ohne Zweifel dem
Polyphilus Bericht geben sollte. So kunte sie auch noch nicht glauben /dass
Polyphilus eine andere lieben / und sie verlassen werde / ob gleich sein Brief
solches aufrichtig gestunde / sondern sie haftete in der Mutmassung / er werde
sie mit diesem Vorgeben nötigen wollen / ihn um seine Liebe zu bitten / das sie
nicht willens war. Dann / (gedachte sie) wer wollte den Polyphilus zwingen / eine
Fremde zu ehelichen / wann es nicht seine eigne Erwählung täte? sollte es aber
diese sein /warum könnte er nicht andere Entschuldigungen vorwenden / als einen
so unglaublichen Zwang? Und was dörfte er so einen verächtlichen Abschied von
mir nehmen? In warheit / wäre Polyphilus in eine andere verliebt / er würde
gewiss andere Ursachen ersinnen /ohne Verletzung seiner Aufrichtigkeit / von mir
los zu werden. Vermeinet er vielleicht mich auf diese Weise zu erzürnen / und zu
bewegen / dass ich auf seine Handlungen schelte / und ihn in meiner Verbindnus zu
bleiben nötige? das soll er wohl nicht erleben. Ist aber seine Untreu gewiss / so
behüte mich der Himmel vor einem so lasterhaften Liebhaber. Ist sie aber / wie
ich gänzlich glaube / wegen einiger Ursachen / erdichtet / so schwöre ich /
diese Künheit nicht ungerochen zu lassen. Polyphilus soll erfahren / dass Macarie
nicht gewohnt sei / dergleichen Beschimpfungen zu dulten / und dass sie die
Einsamkeit / welche sie bisher geliebt / noch ferner lieben könne. Von
überflüssiger Süssigkeit wird gemeiniglich die Galle erreget: Und aus
allzugrosser Freundlichkeit fliesset vielmals die Verachtung. Ich will künftig
meine Liebe zurück nehmen / welche Polyphilus also verschwendet / und dörfte ihm
schier gar keine Antwort zu schicken.
    Damit legte sie den Brief von sich / und befahl dem Jungen / er sollte den
Polyphilus ihrentwegen grüssen. Als aber selbiger nicht abliesse / um eine Antwort
zu bitten / weil er ohne dieselbe nicht ablaufen dürfte /fasste sie letzlich die
Entschliessung / ihm etliche Zeilen mitzugeben / und schriebe folgendes.
                               Edler Polyphilus!
Ob ich wohl ein günstigers Ende meiner Liebe gehoffet / und einen solchen Brief
nicht vermutet hätte / so muss ich dennoch rühmen / (wann anderst der Ruhm bei
den Lastern stehen kann) dass er das kalte Eyss des Hasses / nicht mit erdichten
Flammen einer Passion zu bedecken suchet / sondern seine Untreu öffentlich
bekennet. Nun ist einmal die gleissnerische Glut ausgeloschen / und der Betrug
geoffenbaret. Ich stelle es dahin / mit was vor einer Ehre er diese Ehre von
deren / die er rühmet / besitze / und wünsche / dass er glückseelig fahren / und
aller der Zufriedenheit / welche von solchen Taten zu hoffen / geniessen möge.
Eine jede Tugend / belohnet sich selber. Ich aber will / nun ich durch den Fall
klüger worden / die Seulen der ewigen Einsamkeit viel vester setzen / und
gelährter Leute Bücher zu meinen Liebsten erwählen /welche viel getreuer sind
als die Menschen selber /und mich auch im Tod nicht verlassen werden. Ihr aber
ruhet sanft in dem Schoss eurer neuen Liebsten /und bleibet mit ihrer Erlaubnus
ingedenk
                                 Der betrognen
                                                                        Macarie.
Wie nun Macarie dieses Brieflein gesiegelt / und dem Jungen eingehändiget /
sagte selbiger: Es liesse Polyphilus bitten / sie möchte ihm erlauben / nur
etliche Worte mit ihr zu reden / er wollte entweder auf ihr Landgut / oder gar in
die Insel kommen / nachdem sie ihm befehlen würde. Ist dann Polyphilus nicht zu
Rutiben? fragte Macarie. Nein / (versetzte der Junge) er ist heute wieder zu
den Hirten / in die Landschaft Brundois / abgereiset / und erwartet daselbst
ihren Bericht. Warum hast du mir dann dieses nicht zuvor gesagt? fragte Macarie
ferner. Als der Junge antwortete / es hätte ihm Polyphilus solches zu tun
verboten /biss er ihren Brief würde erhalten haben: merkte sie /dass dieses eitel
Betrug gewesen / und wurde noch ungedultiger / dass Polyphilus sie so freventlich
quälte. Ich habe (sagte sie zu dem Jungen) seine Meinung in dem Brief schon
gelesen / und beantwortet / und habe mehrers nicht mit ihm zu reden. Schöne
Macarie! (begegnete ihr der Junge) er bittet nur um etliche Worte /und wird /
dafern sie ihm keinen Ort zur Unterredung durch mich benennen lässet / gewiss
morgen hier sein. Macarie dieses vernehmend / fürchtete / es möchte seine
Gegenwart wieder neue Händel zu Soletten anrichten / gabe demnach dem Jungen /
mit etwas erhitzen Worten / zur Antwort: Sie würde ohne das auf ihr Landgut
reisen / und / wann er ja etwas notwendiges mit ihr zu reden hätte / daselbst
sich finden lassen.
    Damit nahm der Junge seinen Abschied / und brachte das Schreiben dem
Polyphilus: der eben von Cumenns und den Schäfern / auch von seiner Mutter
Garine / und den andern Freunden / empfangen und beglückwünschet wurde. Selbiger
entsetzte sich über dessen Inhalt / und bewunderte die Tugend und Treu seiner
Macarie / nunmehr sorgfältig / wie er diese seine Vermessenheit wieder aussöhnen
möchte. Wie hat dann Macarie / (fragte er den Jungen) bei Lesung meines Briefs /
sich angestellet? Sie hat solchen (sagte dieser) etwas ungedultig auf die Seite
geleget /und mir gar keine Antwort geben wollen / doch endlich / auf mein
inständiges Anhalten / Gegenwärtiges erteilet. Soll ich dann (fragte Polyphilus
ferner) nach Soletten kommen / mit ihr zu sprächen? Nein! (versetzte der Junge)
sie wird in ihrem Gartenhause zu finden sein: Wie bald aber / das kann ich nicht
wissen. Hiermit musste sich Polyphilus befriedigen lassen /und quälte ihn diese
seine gebrauchte Vermessenheit dermassen / dass er nicht ruhen kunte / und darum
/gleich des andern Tages / nach ihrem Gartenhaus gienge. Weil er sie daselbst
nicht fand / verharrete er eine zeitlang / und bereute seine Torheit / gedachte
aber doch alles in ein Gelächter zu ziehen / und seine Liebste bald wieder zu
stillen.
    Macarie hatte sich des andern Tags / nachdem der Junge von ihr gegangen /
auch aufgemacht / und fuhr nach ihrem Lustause / willens / dem Polyphilus ihre
letzte Gesellschaft zu gönnen / und sich / mit Verweisung seiner Untreu / von
seiner Liebe los zu wircken. Aber der gütige Himmel hatte es viel bässer
versehen / und wollte sie / durch diese Zusammenkunft /aller Unruhe entnehmen /
auch zu beständiger Glückseeligkeit bringen. Dann als sie kaum abgestiegen /und
in den Garten spazirte / sah sie ihren Polyphilus auf sich zugehen / und ihr
einen höflichen reichen Willkomm ablegen Der billige Zorn / welchen sie über
seiner sch mpflichen Zuschrift fühlte / liesse ihr kaum so viel zu / ihm etwas
höflich zudanken. Er aber begunte sie also anzureden: Wann ich die feste Gründe
ihrer unerschätzbarn Treu / einig- und ewig-geliebte Macarie! gegen dem
Verbrechen meiner unnötigen Furcht / und bisher-geführten ungerechten Zweifels /
halte / so weiss ich nicht / ob ich mehr Anlass zu einer Entschuldigung / als zur
Abbitte habe? Wie ists müglich / mein liebstes Kind! dass die Tugend / wider alle
Anfälle / so unbeweglich stehen kann? Oder / ist sie leicht selbst / O meine
ausserwählte Seele! die Beständigkeit / welche alle / auch die grösten
Versuchungen überwinden / und den Sieg erhalten kann? Wie seelig ist doch der
unwürdige Polyphilus / nun er in der Gewissheit unverfälschter Liebe leben kann!
Sie aber / schönste Macarie! die ich hinfüro billig ein Bild aller tugendlichen
Schönheit nenne / indem ich die lebendige Farben um ihre Treu und Aufrichtigkeit
führen muss / vergebe dem allzukühnen Beginnen ihres furchtsamen Polyphilus / und
gedenke / dass er / das reine Gold ihrer hochgeschätzten Gunst / nicht anderst /
als durch diesen siebenden und lezten Probir-Ofen überkommen können. Sie
versichere sich auch / wann anderst das jenige hoch zu achten / was bewehrt
erfunden ist / dass ich ihre ruhmwürdige Liebe / als den köstlichsten Schatz
meiner Vergnügung / mit solcher Vereirung hinwieder lieben und bedienen werde /
dass sie den wenigen Unlust /den sie über einer angestrichenen Verführung
eingenommen / mit viel grösserer Freude und Ergötzung vernichten könne. Ich setze
diese Liebes-Probe zum Pfand unsrer ewigen getreuen Liebe / dass hinfüro keine
Furcht noch Zweifel unser beider Hertz besitzen / sondern das Band / einer
frölichen und vergnügten Verehelichung / den trüben Nebel alles Misstrauens
vertilgen / und hingegen die ewige / im Tod und Leben vest-versiegelte Liebe
offenbaren solle.
    Wie höflich aber und freundlich Polyphilus seine Rede gesetzet / so kunte er
doch damit die beleidigte Macarie nicht besänftigen / sondern / bei ihren gar
fremden Gebärden / diese Antwort / anhören: Was habt ihr nötig / das jenige zu
entschuldigen / warum ich euch / vor dieser Zeit / selbst gebetten? Ich habe
vielmals euch gerahten / eine würdigere Liebste / als Macarie ist / zu erwählen
/ und würde ich solches /wann es zeitlicher geschehen wäre / für ein Zeichen
eurer Gewogenheit erkennet haben / da ich es jezt /nach so vielen Verschwörungen
/ vor nichts bessers /als ein schändliches Laster / halten kann. Bleibet /
Polyphilus! wie ihr euch bekennet / und haltet / was ihr geschrieben: Macarie
soll dieses Vorhaben / weder verbieten / noch hintern / weil sie nun einmal fäst
beschlossen / die ruhige Einsamkeit / vor die betrügliche Liebe / zu erwählen /
und dissmal zum letzten eure Beiwohnung dultet. Vergesset hin künftig der
verächtlichen Macarie / wie ihr angefangen / und liebt die jenige / deren Gaben
euer Brieflein so hoch erhebet. Der gerechte Himmel wird einem jeden nach seinen
Werken lohnen. Ich aber gönne euch alle Glückseeligkeit / / und nehme damit
meinen Abschied. Lebet wohl / Polyphilus! und geniesst so vieler Freude / als
wenig ihr mir derselben hinterlasset.
    Mit diesen Worten wollte sie hinweg gehen / aber Polyphilus hielte sie bei
der Hand / und sagte: Sie fliehe nicht / schönste Macarie! ehe ich meine Torheit
völlig abgebetten. Habe ich in dieser Liebes-Probe gesündigt / so strafe sie
mein Verbrechen: aber ja nicht mit ihrer Verlassung / welche mich noch heut in
den Tod legen würde. Ach Agapistus! Agapistus! welch einen bösen Raht hast du
mir dissmal erteilet /und wie töricht habe ich demselben gefolget: Ach!
allerliebste Macarie! lasset doch euren billigen Zorn fallen / und versichert
euch / dass ich niemals keine andre / als Macarien geliebt / oder auch in
Ewigkeit lieben werde. Ich zürne nicht mit euch / (versetzte Macarie) sondern
suche nur / durch meine Einsamkeit / aller bisshererdulteten Widerwärtigkeit /
allem Zweifel und Misstrauen ein Ende zu machen / und uns beede zu Ruhe zu
bringen. Ach der elenden Ruhe /(sprach Polyphilus) die ich / ohne Macarien
geniessen soll. Ach schöne Seele! gedenket sie den jenigen zu verlassen / welcher
von dem Himmel selbst / und von der Göttlichen Antwort zu ihren Liebsten
erwählet und erkläret ist: zumal ich auch nunmehr ihr Vatterland / ihre Eltern
und Freunde gefunden / und selbige ehest vorzustellen willens bin. Erkennet /
Macarie! die Vorsehung des gütigen Himmels / und streitet nicht wider dessen
weisse Verordnung.
    Wie? (versetzte Macarie) habt ihr meine Eltern gefunden? oder wollet ihr
mich aufs neue anführen? Ach nein / mein Herz! (sagte Polyphilus) ich habe
einmal unglücklich mit ihr gescherzet / und werde mich künftig gar sorgfältig
davor hüten. Zweifelt sie aber an meinen Worten / so folge sie mir zu meinen
Triften /woselbst ich ihr / nicht allein ihren Vatter / Mutter /Schwester / und
Schwager / sondern auch den (ihren Gedanken nach / längst verfaulten)
Philomatus lebendig zeigen will. Was sagt ihr (sprach die schon halb begütigte
Macarie) von Philomatus: Ihr werdet ja kaum Todten auferwecken / oder den Stanb
lebendig machen? Dieses vermag ich zwar nicht / (versetzte Polyphilus) aber
diesen ertödt-vermeinten will ich gewiss widerbringen. So erkläret mir doch
dieses etwas deutlicher / (erwiederte Macarie) und nehmet über euch diese
Bemühung zur Strafe eurer unnötigen Liebes-Probe. Wann ich damit meine Schuld
abbüssen kann / (gab Polyphilus zur Antwort /) so soll meine barmherzige Richterin
nicht nur einen gehorsamen /sondern auch einen dankbarn Vollzieher ihres
Urteils / an mir finden. Damit aber diese Erzehlung uns an Erlangung unsers
Wunsches nicht hintere /wolle sie / schönes Kind! ihr gefallen lassen / mit mir
zu meiner Herde zu spaziren / und auf dem Wege die Nachricht / bei den Schäfern
aber die Gegenwart /von den jenigen / welche sie so lang zu sehen gewünschet /
annehmen.
    Soll ich dann (sagte Macarie) mit euch allein über Feld gehen? was wird man
von mir gedenken? Ach liebstes Herz! (antwortete Polyphilus) fürchtet sie dann
ferner eine Nachrede? Wir haben ja nicht mehr Ursach / einigen Menschen zu
scheuen / und sind so weit gekommen / dass wir wohl öffentlich lieben dürfen.
Hiermit ergriffe er ihre Hand / sie / nachdem sie bei dem Gärtner etliche
Notwendigkeiten bestellet /zu seinen Schäfern zu führen. Auf dem Weg erzehlte er
ihr / wie wunderbar er ihre Eltern gefunden / und zu dem Philomatus wieder
gelanget. Dieses erweckte bei Macarien eine unbeschreibliche Freude / also dass
sie dem Himmel vor seine Güte / dem Polyphilus aber vor seine Hülfe herzlich
dankte / und aller der Beleidigung / über die sie sich zuvor so heftig
beschweret /gänzlich vergass: welches dann Polyphilus wohl in acht nahme / und
seine Liebe desto begieriger / mit Küssen und Umarmungen / sättigte / biss sie /
unter solchen verliebten Bezeugungen / bei den Triften angelanget.
 
                                 Eilfter Absatz
 Polyphilus / mit der Macarie zu den Triften ankommend / überreicht dem Cumenus
 diese seine Tochter: welcher / auf des Philamatus Ansuchen /neben der Garine
 und Anamfe / in ihre Liebe williget. Volinie singet ein Glückwunsch-Lied. Der
Gärtner /als er die Macarie nicht wiederkehren sihet / lauft nach Soletten / und
macht ein Geschrei / Polyphilus habe sie entführet. Die Soletter eilen zu Feld /
   und bringen die Macarie / samt dem Polyphilus /Agapistus und Pistimorus /
      gefangen zurücke: die werden daselbst auf Leib und Leben angeklaget.
Es war eben ein lieblicher Herbst-Tag / der die Hirten mit ihren Gästen auf das
Felde gelocket: unter denen Agapistus / mit welchem Polyphilus schon alles
abgeredt hatte / diese beide Verliebte daher kamen sah /und zu seinen
Gesellschaftern anfienge. Sehet / dort komt Polyphilus / mit seiner Liebsten.
Wie? (sagte Volinie) hat er dann eine Liebste: Wie sie sihet /holdseelige
Schäferin! (begegnete ihr Agapistus) und werden sie bald näher kommen. Hiemit
stünden sie alle auf / giengen den beiden entgegen / und empfingen sie mit
grosser Höflichkeit. Polyphilus kehrte sich alsbald gegen den Cumenus / und
sagte: Ich erinnere mich / Edler Hirt und woltätiger Vatter! wie er unlängst /
bei Widerfindung meiner Mutter / dergleichen Glückseeligkeit an seiner Tochter
Macarie zu erleben gewünschet: und dieses Seufzen hat der gütige Himmel erhöret
/ auch heute beglücken wollen. Hier ist Macarie / die verlohrne und so
herzlich-geliebte Tochter des bekümmerten Cumenus / die / mit eben so viel
Trenen / ihre liebe Eltern gesuchet / als sie von denselben ist gesuchet
worden. Es wollte die Vorsehung des Höchsten die Ehre dieser Findung meiner
Wenigkeit gönnen: und weil ich auch / durch göttlichen Schluss / zu ihren
Liebsten erwählet / wird er /Edler Cumenus! hoffentlich sich nicht wägern / den
Polyphilus mit der Macarie zu vereinigen. Unsre Liebe hat nun alle Versuchungen
überwunden / und erwartet von ihm den Lohn / welchen unsere Beständigkeit
erworben.
    Ich weiss nicht / (versetzte der Freud-bestürtzte Cumenus) ob ich dieses
träumend / oder warhaftig anhöre? Ist dieses die Macarie / welche mir von dem
Rachen eines grimmigen Wolffes geraubet worden? so hat in warheit die Vorsorge
des Himmels / alle meine Hoffnung überstiegen / und machet mich so voll
Verwunderung / dass ich schwerlich jemand anderem / als ihrem eignen Munde / in
völliger Eröffnung dieses Zufalls / glauben kann. Ich kann leicht mutmassen
/liebwehrtster Vatter! wann mir so zu reden erlaubt ist / (sagte Macarie) dass
meine unverhoffte Gegenwart ihme jetzt mehr Verwunderung als Freude verursachet
/ und sein Gemüte im Zweifel aufhält.
    Aber seit versichert / dass ich warhaftig die Macarie sei / die von einem
Wolf hinweg gezuckt / aber /durch einen Edlen des Landes wieder erledigt und
auferzogen worden. Hierauf fieng sie an / nach der Länge zu erzählen / wie sie
biss dahin gelebet / und durch was Gelegenheit sie in dieses Land / folgends auch
in des Polyphilus Liebe / welchen ihr das Orakel zugesprochen / gerahten wäre.
    Dieses erweckte bei Cumenus so grosse Freude /dass er sich nicht mehr bergen
kunte / sondern seiner so lang-verlangten Tochter um den Hals fiele / und mit
nassen Augen seine Vergnügung über ihre Gegenwart bezeugte. Anamfe / welche
dieser Begebenheit mit Bestürzung zugesehen / so bald sie sich versichert wusste
/ dass dieses ihre verlorne Tochter wäre / konnte ihre Frölichkeit nicht gnugsam
an Tag geben / und als Macarie ihr entgegen kam / sie zu bewillkommen /und vor
ihre mütterliche Woltaten zu danken / kunte sie ihr nicht anderst / als mit
Trenen / antworten. Sie fuhre fort / und grüste auch ihre Schwester Volinie
/und ihren Schwager Filato / endlich auch den wieder-lebenden Philomachus / dem
sie wegen seiner Errettung Glück wünschte. Dieser nahme so bald ihre Hand / und
führte sie / neben dem Polyphilus / zum Cumenus / und zur Garine / erzählte /
wie wunderlich sich die Liebe dieser beider angefangen / und wie unglückseelig
dieselbe eine zeitlang gewesen / nunmehr aber / durch die Hülfe des Himmels /
alle Versuchungen überwunden / und sich der völligen Vereinigung würdig gemacht
hätte: bate benebens / solche / durch ihren Beifall / zu bekräftigen / und also
diese zwei Tugendlich-Verliebte gänzlich zur Ruhe zu bringen. Sie liessen hierzu
sich willig und freudig finden / und gaben diesen Liebhabenden beiderseits ihren
Segen /dem gnädigen Himmel aber demütigen Dank / vor so gnädige Schickung.
Volinie sange / den Neu-Verlobten eu Ehren / nach ihrer gewohnten Lieblichkeit
/nachfolgendes Liedlein:
                                       1.
Wer will nun die Lieb verklagen /
Und von ihrem Wüten sagen?
Weil sie ihre Freund zu letzt
In erwünschte Ruhe setzt.
Hätten diese nicht geliebt /
In so viel verwirrten Stunden /
Wer hätt sie so süss verbunden?
Ihnen blieben unbekant /
Ihre Freund' / ihr Geschlecht und Vatterland.
                                       2.
Zwar / beschwerlich ist das Lieben /
Welches furchtsam wird getrieben /
Und nur Hoffnung mit Verdruss
Unvergnüget nehren muss:
Dennoch bricht der Morgen an /
Wann die schwarze Nacht entwichen /
Und die Sterne sind verblichen.
Offt des Donners Blitzen stralt:
Bald hernach Föbus Glanz die Erde mahlt.
                                       3.
Dieser vor-erduldtes Leiden
Endet sich mit tausend Freuden.
Allem dem / was sie bekriegt /
Hat ihr Lieben obgesiegt.
So geniesst nur der Lust /
Edle / treue / Tugend-Seelen!
Nichts soll eure Liebe quälen /
Unsre ganze Hirten-Schaar
Wünschet Glück diesem neu-verlobten Paar.
Polyphilus und Macarie / bedankten sich sehr höflich gegen Volinie / und sagte
Polyphilus heimlich zur Macarie: Ob sie nun glaube / dass er in der Liebe gegen
Volinien unschuldig sei? welche solches mit einem freundlichen Lachen
beantwortete: aber zum Agapistus sagte sie / sie hätte noch eine Klage wider ihn
zu führen / dieser / die Ursach bald merkend /gabe zur Antwort: wie dass er nur
Gnade / und kein Recht / verlange. Nach diesem verfügten sich die Schäfer / weil
die Nacht einbrache / nach ihren Hütten / und beratschlagten / wo sie die
völlige Verbündnus beider Verliebten anstellen wollten: da dann die meinste
Stimmen auf Soletten giengen / weil daselbst der Ort ihrer Betrübnus gewesen /
und jetzt billig auch die Stelle ihrer Freude sein sollte. Also waren sie
sämtlich gewillet / dahin zu reisen. Aber Anamfe bate / noch einen einigen Tag
zu verziehen / damit sie Zeit hätte / ihre Haushaltung vor der Abreise zu
bestellen / und andere zur Hochzeit notwendige Sachen zur Hand zu schaffen:
welches man ihr auch gern bewilligte.
    Wir blinde Sterbliche / sind so unwissend unsers Zukünftigen / dass wir
mehrmals sorgen / wo keiner Sorge vonnöten ist / und alsdann am frölichsten sind
/wann die gröste Gefahr auf uns wartet. Also ergienge es auch der Macarie. Sie
liesse ihr gefallen / die Gegend des Landes / welches sie nun bewohnen sollte /zu
beschauen / und wählte (indem ihre Eltern und Freunde zur Reise Anstalt machten
/ Philomatus und Garine aber dieser Begebenheit nachdachten) in Gesellschaft
des Polyphilus / Agapisius und Pistimorus /einen Spazirgang: da es doch viel
nötiger gewesen /einen Boten auf Soletten zu schicken / und zum wenigsten ihrer
Dienerin ihren Zustand berichten zu lassen. Diese Sicherheit wird sie in kurzem
dem grösten Elend überliefern. Dann sehet / was das gehässige Unglück / als ob es
ihm wehe täte / diese Liebende zu verlassen / zum Abschied gewürcket!
    Es hatte der Gärtner auf dem Lustause Macarien /als er dieselbe erstlich
mit Polyphilo streiten / hernach aber also hinweg eilen sah / so bald einen
Argwahn geschöpfet. Und weil er nicht gewohnt war / die Macarie allein mit einem
Mannsbilde reisen zu sehen /mutmasste er / Polyphilus müste sie entführet haben.
Doch schwiege er / biss gegen Abend / und gedachte /es möchte ein Spazirgang
sein. Als es aber dunkeln wollte / und Macarie sich nicht einfunde / entdeckte er
seinem Weibe / voller Schrecken / seine Gedanken /und liefe mit derselben /
heulend und schreiend / um die Felder des Lustauses / Macarien zu suchen / so
lang herum / biss ihn die schwarze Nacht wieder heim jagete: die er dann / ohne
Schlaf / mit eitel Weinen und Wcheklagen zubrachte. Das ärgste war / dass der
Junge / welcher sonsten die Briefe zu tragen pflegte /und allein den Weg zu den
Schäfern wusste / nicht zu Hause / sondern von Macarien in die nechste Stadt
/Speise zu kauffen / verschicket war: welcher Macarie bei den Hirten suchen /
und den albern Gartner hätte befriedigen können.
    Dieser nun liefe / so bald es ein wenig zu tagen begunte / mit Ach und Wehe
nach der Insel Soletten /und fragte einen jeden / der ihn begegnete: ob er die
Macarie nicht gesehen hätte? Nachdem er sich überführen lassen / erzählte er
daselbst / wie Macarie mit Polyphilo hinweg gangen / und / wann sie nicht in der
Insel / gewiss würde entführet sein. Unter solchem Winseln kame er zur Wohnung
Macarien / und fragte / so bald er die Tür eröffnet / die Nabisa / ob Macarie
nicht zu Hause wäre? wie sollte sie hier sein /(gab die Magd zur Antwort) da sie
zu euch gereiset? O Gott! (schrye der Gärtner) so ist meine Sorge nur allzuwahr:
Polyphilus / der arglistige Betrüger / hat sie gestern mit sich hinweg geführet.
Ich habe wohl gedacht / das viele Brief-schreiben / und hin und her reisen /
werde letzlich so ein Ende gewinnen. Man sollte diesem Unglück längst begegnet
sein. Wo finden wir nun unsere Frau wieder? Ach! ich habe gesehen / wie sie sich
gewehret / und wider ihn gestritten: aber er hat sie doch endlich beredet / und
entführet. Ey! stellet euch nur nicht so ungebärdig! (sagte Nabisa) Macarie ist
nicht entführet / sondern nur bei den Schäfern. Polyphilus ist viel zu
tugendhaft / dass er sie betriegen sollte. Ja! ja! (versetzte der Gärtner) rühmet
nur seine Tugend / welche lauter falsch und Heuchelei ist. Ihr habt immer zu
seinen Händeln geholsfen /biss unser Frau und wir in diss Unglück gekommen.
    Also stritten diese beide / biss die Inwohner / die schon hiervon etwas
verstanden / dessen völlig gewar wurden / und mit einem solchen Lermen zusammen
liefen / dass die ganze Insel reg wurde. Etliche schalten auf die Macarie / dass
sie in so lasterhafte Entführung gewilliget / da sie doch bisher / als ein Bild
der Tugend / gerühmet worden. Andere verteidigten sie /und schmäheten allein auf
den Polyphilus / dass er sie mit Betrug und List dahin verleitet / die meisten
legten die Schuld auf ihre Obern / dass sie so lang mit dieser Sache geheuchelt /
den Polyphilus / den Mörder des Philomatus / so oft in der Insel gewust / und
doch allemal wieder abziehen lassen. Ihr Schluss war /dass sie sämtlich diesem
Ranber nachziehen / ihm die Beute abnehmen / und ihn zu gebührender Strafe
bringen wollten. Also liessen sich ihrer eine grosse Menge überführen / und liefen
/ sonder Ordnung und Führer /von der blossen Unsinnigkeit getrieben / ins Land
/unwissend / welche Strasse sie vor sich nehmen sollten. Doch führte sie das
Unglück / weil es der Macarie zuwider / am ersten in die Gegend Brundois.
Eusephilistus war eben zu Sophoxenien / und hielte Hochzeit mit der Erotemitis
/ als dieser Auflauf entstunde: sonst hätte er vielleicht diese Unsinnige
begütigt. So ward auch ihr oberster Vorsteher dessen nicht eher verständiget /
biss sie allerdings aus der Insel hinweg waren.
    Die arme Nabisa aber / stunde in solchen Aengsten / dass sie keinen Raht zu
finden wusste. Weil sie auch fürchtete / wegen dieser Handlung / selbst in
Verhaft zu kommen / da sie alle Heimlichkeit entdecken müste; als bate sie det.
Gärtner / sie mit sich auf das Lustaus zu nehmen: da sie / mit dem Jungen /nach
den Schäfern zu laufen / und die Macarie gewiss zu finden gedachte / ehe sie
etwan diesem tollen Hauffen in die Hände fiele. Aber die gute Nabisa vermochte
diss nicht zu hintern: Dann indem sie nach dem Lustaus eilete / waren die
Soletter schon in der Landschaft Brundois.
    Macarie hatte sich gleich mit ihrer Gesellschaft auf den Hügel gesetzet /
der nechst an dem Strom lag /und hörte des Polyphilus seine Mutter / von des
Philomatus wunderbarer Errettung reden / als sie von fern diesen rasenden Pöfel
ankommen sahen. Die Furcht schluge ihr so bald an das Herz / als die Augen ihrer
gewar wurden. Ach Polyphilus! (sagte sie) lasset uns fliehen / ehe uns diese den
Weg verhauen. Wohin sollen wir fliehen? (gab Polyphilus erschrocken zur Antwort)
sie sind uns schon zu nahe auf dem Halse /und wann mir recht / so sind es
Inwohner von Soletten. O Himmel! (rufte Macarie) diese nehmen uns gewiss gefangen
/ und zerstören alles unser Vorhaben. Ach! ich Unseelige! Warum habe ich nicht
bei Zeiten diesem Ubel vorgebauet? Warum bin ich bei der gewissen Gefahr so
sicher gewesen? Jetzt werden die Vergnügungen / an welchen wir so lange Jahre
aufgebauet / in einem Augenblicke zu Boden gerissen. Sie gebe sich zu frieden /
schöne Macarie! (sagte Agapistus) mit Klagen ist hier wenig zu erhalten. Lasset
uns nur getrost ihrer erwarten / dass nicht unsre Furcht einen Argwahn des
Lasters mache. Wir haben ja eine gerechte Sache / und sie würden ungerecht /
wann sie selbige nicht gelten liessen.
    Indem kame diese tobende Rotte daselbst an / und umbringte sie mit grossem
Geschrei. Finden wir da die saubere Gesellschaft / (sprach einer von ihren
Vorgängern) welche nun zum andernmal unsere Insel betrogen / den Philomatus
ermordet / auch die Macarie geraubt und entführet haben? Macarie ist weder
geraubet oder entführet / (widerredte Polyphilus) sondern sie wird morgen nach
Soletten kommen. So sind wir auch des Mords unschuldig: Höret nur an das Wunder
/ so sich mit diesem begeben / und ihn uns wieder gegeben / auch eben die Ursach
ist / dass sich Macarie so lang aufgehalten hat. Was Wunder! (sagte einer von den
Führern) wir wissen von keinem Wunder / als dass Macarie / die als eine Göttin
der Tugend bisher geehret worden / mit einem leichtfertigen Schäfer / /
Ehrvergessner Weise davon gezogen. Diese schmähliche Worte / gleich wie sie der
schamhaften und Tugendliebenden Macarie die Farb in das Angesicht / und die
Trenen in die Augen trieben; also bewegten sie auch den Polyphilus zu so
heftigen Eifer /dass er / ohne einige Gegen-Antwort / seinen Schäferstock
erfasste / und diesen Verleumder seiner Macarie über den Kopf schmeissen wollte?
    Aber Agapistus fiele ihm in den Arm / und sagte: Gemach! mein Freund!
gemach! Wir sind übermannet / und können uns hier mit Gewalt nicht verteidigen;
Die Herrn Soletter aber sind so höflich und gerecht / dass sie unsere billige
Entschuldigung anhören / und uns von dergleichen Laster freisprechen werden.
Höret nur / meine Herrn! durch was vor Gelegenheit wir in diesen Zustand
gerahten / und glaubt vor gewiss / dass wir nie Willens gewesen / Macarien zu
entführen: wie ihr dann sehet / dass weder sie /noch wir / zur Reise gerüstet /
auch auf keiner Landstrassen / sondern bloss auf einem Spazir-Wege sind. Derowegen
übereilet euch nicht mit dem Urteil /damit ihr euch nicht der Ungerechtigkeit
teilhaftig machet. Es ist ein geringers Verbrechen / zehen Bosshaftigen vergeben
/ als einen einigen Unschuldigen verdammen. Der Ausgang dieser Handlung wird
erweisen / dass wir eure Insel vielmehr zu erfreuen / als zu berauben getrachtet
haben.
    Diese freundliche und bescheidene Rede legte bei nahe den Grimm der
Solettischen Inwohner / also /dass sie etwas stille wurden / und aufzumerken
begunten. Kaum aber hatte Agapistus angefangen zu reden /da ersah der Wirt /
welcher nächst dem Hause des Philomatus wohnet / den Pistimorus / der ganz
furchtsam hinter Polyphilo stunde / liefe demnach eilends auf ihn zu / und riefe
mit grossem Geschrei: Hilf Gott! was finde ich hier? ist dieses nicht der Mörder
/welchen wir so lang gesuchet. Gewisslich / ihr meine Brüder! diss ist der jenige
/ der ehemals bei mir geherberget / und den Philomatus ermordet hat. Nun möget
ihr schliessen / was diss vor eine schöne Gesellschaft sei / und wie nichtig ihre
Verantwortung sein werde?
    Hier hätte man sehen sollen / mit was Ungestümm diese wieder-erhitzte Leute
zugefahren / und den Pistimorus samt Macarien und den beiden Schäfern umringt.
Hier halfe ferner keine Entschuldigung / noch Bitte / sondern sie droheten / so
bald nur jemand von ihnen den Mund öffnen würde / mit Spiessen und Schwertern /
und führten sie alle mit vielen Schmäh-Worten gefangen nach ihrer Insel. Wie der
unseligen und fast verzweifelten Macarie bei diesem Zustande zu Muht gewesen /
weiss ich kaum zu beschreiben. Sie sah sich beraubet alles Glücks / und aller
Ehre. Sie sah sich gefangen führen von den jenigen / welche sie vormals mit
grosser Ehrerbietung bedienet hatten. Der Tod selbst wäre ihr viel erträglicher
gewesen / als diese schändliche Art zu leben. Sie schlug ihre Augen zur Erden /
als ob sie in so schmählichen Zustande nicht wehrt wäre / das Liecht der Sonne
anzusehen /und solche ihr zu nichts als Trenen übrig wären. Sie wande ihre
Hände / weil sie sehen musste / dass dieselbe von den Banden der Gefängnus
gefässelt waren. Aus ihrem Munde gienge nichts als Klagen und Seufzen.
    Polyphilus unterstunde sich sie zu trösten: aber die Worte starben / ehe sie
geboren wurden / und kunte die geklemmte Zunge kaum ein elendes Ach hervor
bringen. Pistimorus gienge nicht anderst / als ein zum Tod verurteilter / der
zum Richt-Platz geführet wird. Aber Agapistus / wie er jederzeit der
Herzhafteste gewesen / also bote er auch dissmal dem Unglück die Spitze / und
sagte: Seit getrost / ihr meine Gefärten! und nehmet das Zeugnus unserer
Unschuld zu hülffe /wider diese gewaltsame Gefängnus. Ist noch eine gerechte
Obrigkeit zu Soletten / so wird sie unsre Verantwortung anhören / und diesen
Frefel zu straffen wissen.
    Was sollten sie strafen? fragte einer von der Rotte /müsst ihr dann nicht
bekennen / dass euer einer unsern Vorsteher / den Philomatus / ermordet hat? Wie
kann man ihn ermordet haben / da er noch lebet? antwortet Agapistus. Kommet ihr
nur mit zu unsern Triften / wir wollen euch den Philomatus bald zeugen. Ja /
das gebe ich gern zu / (versetzte der Soletter) dass ihr uns / mit Hülffe eurer
Schäfere / zu dem Philomatus bringen würdet: aber es ist uns ungelegen. Wir
wollen euch lieber selbst / durch unsere Obern / in das Land verhelffen / wo
Philomatus lebet. Agapistus sah / dass bei diesen tummen Leuten wenig zu
gewinnen / mochte sie also keiner Widerrede würdigen /sondern folgte mit seinen
Gefärten / in höchster Gedult / biss nach Soletten.
    Es war eben der Tag zum Ende / als sie bei gedachter Insel ankamen. Ihre
Führer schickten einen aus ihrem Mittel zu ihrem Obersten / und liessen demselben
ihre Widerkunft und glückliche Verrichtung andeuten: der sie zwar / wegen ihres
unbefohlenen Ausfalls / heftig strafte / jedoch / die Gefangenen wohl zu
verwahren / befahle / weil er sie morgen vor Gericht fordern wollte. Also wurden
sie sämtlich übergesetzt / und unter der Wacht vieler Soldaten in ein Gefängnus
geführet. Die ganze Insel liefe zusammen /und wollte die Gefangene sehen:
sonderlich / da sie hörten / dass des Philomatus Mörder dabei war / auf welchen
sie heftig schmähten.
    Wie sehr es nun die armseelige Macarie gekränket /dass sie eben an dem Ort /
da sie zuvor in höchster Ehrachtung gelebet / sollte als eine Ubeltäterin
geführet / / und schändlich gefangen gelegt werden / ist leichter zu besinnen /
als zu beschreiben: sonderlich /weil sie nirgend keinen Trost funde. Sie fragte
nach ihrer Dienerin Nabisa / musste aber hören / dass sie allbereit davon geflohen
war: welches sie in neues Herzenleid stürzte / sie bate den Talypsidamus zu ihr
zu holen: musste aber vernehmen / dass er nicht anheimig wäre. Also sah sie sich
aller Hülfe entblösset / und kunte / nach dem scharffen Recht des Landes / und
ihrer bei Handen habenden geringen Entschuldigung /nichts als ein grausames
Urteil des Todes erwarten. Doch quälete sie die Gewissheit des Todes nicht halb
so sehr / als dass sie von dem jenigen sollte verurteilt werwerden / den sie
ehedessen nicht einer Unterredung gewürdiget: Dann sie wusste nicht / dass
Eusephilistus zu Sophoxenien war / sondern meinte / er würde / wie sonsten / dem
Gericht beiwohnen / und ihre Verachtung gegen ihme / nun mit Schimpfe rächen.
    Ach du unbarmherziger Himmel! (gedachte sie bei sich selbst) mit welchem
Verbrechen habe ich diese Strafe verdienet? hast du so sehr über meine Liebe
gezürnet / warum hast du dann nicht dieselbe gehintert /wie ich oft inständig
gebetten? Ach des erbärmlichen Elends! soll Macarie / die als ein Exempel der
Tugend gelebet / nun als ein Schauspiel der Laster sterben? Doch habe ich ja
kein Laster begangen / und mein Gewissen ist frei von aller Befleckung; Aber
nein /Macarie! es ist nicht gnug / des Lasters frei sein /sondern man muss auch
den Schein desselben meiden. Du hast deiner Liebe zu viel nachgegeben / und mehr
ihrem Befehl / als dem Gesetze der Vorsichtigkeit und Wolständigkeit
nachgelebet. Leide nun auch die Strafe der Liebe / weil du ihrer Süssigkeit
genossen. Und dieses ist auch mein einiger Trost / dass ich leide um der Liebe
willen meines liebsten Polyphilus.
    In diesen Gedanken fasste sie des Polyphilus Hand / der sich als halb tod
auf sie gesteuret / und sagte: Entsetzet euch nicht so sehr / mein Herz! über
unserm Unglück / sondern danket vielmehr dem Himmel / dass wir zugleich leiden
sollen. Unser grausames Verhängnus wird doch nun zu wüten aufhören müssen / weil
es den letzten Sprung vornimt / und den Tod zum Gefärten hat. Haben wir im Leben
nicht sollen vereiniget werden / so wird doch unsere Aschen verbunden bleiben /
und was uns das Brautbett nicht vergönnet / das wird uns doch das Grab erlauben
müssen. Ich meines teils sterbe vergnügt / weil ich mit euch sterbe / und
gedenke die Ruhe / welche ich lebend nie finden können / im Tode anzutreffen.
    Ach getreueste Macarie! (versetzte Polyphilus mit einem starcken Seufzer) wo
nehme ich Worte / in dieser Verwirrung / die eure Tugenden rühmen / und eurer
Beständigkeit danken können? In warheit / diss unversehene und
allerschrecklichste Unglück / hat mich ganz aus mir selbst gebracht / also dass
ich zu nichts übrig bin / als die Schmerzen des Todes zu empfinden. Zwar habe
ich dasselbe / als die Letze von meinen Plagen / vielmehr zu wünschen / als zu
fürchten. Allein / dass Macarie sterben soll / die mehr verdienet / gekrönet /
als verdammet zu werden / diss befördert meine Verzweiflung. Könte ich / durch
meinen Tod / der Macarie das Leben kauffen / ach schöne Seele! wie willig wollte
ich meinen Hals darstrecken /und in ihren liebsten Armen meinen Geist aufgeben.
    Ach Polyphilus! sagte der schon halbsterbende Pistimorus / warum wolt ihr
sterben / da ihr doch keinen Tod verschuldet? Ich allein bin die Ursach eurer
Gefängnus! Es soll niemand an meiner Strafe Teil haben / weil auch niemand mit
mir gesündiget. Es ist genug / dass ich sterbe / der ich den Mord in dieser Insel
begangen. Worzu dienet diese verzweifelte Klage? (gegenredte Agapistus) und wer
wird uns /bei offenbarem Beweis der Unschuld / den Tod anlegen? Allzu verzagt
sein / bei gerechter Sache / stehet keinem Vernünftigen wohl an. Lasset uns
unsre Verkläger hören / und beantworten; Es gehöret mehr / als eine blosse
Anklage / zu einem Urteil des Todes.
    Ach Agapistus! (versetzte Macarie) wären euch die strenge Gesetze dieser
Insel so wohl als mir wissend /ihr würdet gewiss diese Freudigkeit verlieren. Sind
es Gesetze / (gab Agapistus zur Antwort) so müssen sie gerecht sein / oder es
bleiben Tyranneien. Kein solch Gesetze ist in allen Landen zu finden / dass man
einen / ohne Uberzeugung der Ubeltat / zum Tode verdammet. Die Furcht ist bei
euch viel grösser / als die Gefahr. Uberlasset mir die Verantwortung / und
vergesset die allzuängstigen Klagen. Sie müssen den Beweis herzu bringen / oder
aller Gerechtigkeit gute Nacht geben. Dergestalt tröstete Agapistus seine
Gesellschaft / und machte sich über sein Vermögen behertzt / biss sie diese
elende Nacht zum Ende brachten.
    Des andern Morgens wurde bei früher Tagzeit das Gericht / an einem
öffentlichen Ort / angestellet / und die Gefangene durch einen Diener des
Gerichts abgeholet / ihre Ankläger zu vernehmen und zu beantworten / sie waren
sämtlich zornig und bekümmert / über diese Verfahrung und öffentliche
Beschimpfung: Daher Macarie / vor Scham und Aengsten / nicht warname / die Menge
des zulauffenden Volks / und die schmähliche Reden / welche teils derselben
wider sie führten / sondern als entgeistert fast dem Todes-Urteil vor sturbe /
und vor den Augen des Richters in eine Onmacht sanke. Polyphilus diss ersehend /
liefe eilends zu ihr / sie zu erquicken. Nachdem sie sich etwas wieder ermundert
/ konnte er vor Grimm und Eifer / nicht länger verziehen / sondern fieng
ungescheut an / also zu reden: Vergebet mir / hochgeehrter Richter! dass ich rede
/ ehe man es von mir begehret. Die Unbilligkeit / welche an Macarie / dem
Spiegel der Tugenden / und dem Liecht dieser Insel / verübet wird / lässet mich
der Ankläger nicht erwarten. Ich bitte / erinnert euch doch ihrer Würde / und
gedenket /dass es Macarie sei / die also öffentlich beschimpfet wird. Könnet ihr
uns einiger Missetat überführen /so sind wir billig vor dieselbe zu büssen.
Allein dieser Unschuldigen gönnet die Freiheit / wann ihr nicht die Tugend
selbst beleidigen / und an der Gerechtigkeit sündigen wollet.
    Haltet inn / Polyphilus! (begegnete ihm der Richter) mit dieser freflen
Erinnerung! Wir kennen den Weg des Rechtens / und haben nicht Ursach / von einem
hoffärtigen Schäfer Unterricht anzunemen. Hätte Macarie nichts verbrochen / so
würde sie diesen Ort nicht haben betretten müssen. Wir betrachten sie heute
nicht / als die Macarie / deren sich ehmals unsere Insel berühmet / sondern als
die jenige / welche durch euch verführet / unserer Insel zur Schande worden ist.
Die Gerechtigkeit sihet stracks vor sich / und betrachtet nicht die Person /
sondern das Verbrechen des Beklagten. Trettet hervor / die ihr etwas wider diese
Gesellschaft zu klagen habet / damit Polyphilus sehe / dass wir nicht ohne Ursach
die Macarie hieher bringen lassen.
    Auf dieses trate her der Wirt / welcher am ersten den Pistimorus erkennet /
und redte nach abgelegter Reverenz / im Namen der ganzen Gemein / folgender
massen: Edler / hochverständiger Richter / und gerechter Beschützer dieser Insel
/ und deren Inwohner! Demselben mache ich / an statt dieser Gemeine /
untertänig zu wissen / dass gegenwärtige Schäfer / welche ehemals unserer Insel
nicht geringe Widerwärtigkeit zugezogen / und wegen der seltsamen Erlösung des
Schlosses Sophoxenien / der Zauberkunst sehr verdächtig worden / nun auch / die
Macarie / die wir /wegen ihrer ungemeinen Beschaffenheiten / als einen Schatz
unserer Insel / bisher mit grosser Sorgfalt und Ehrerbietung unterhalten /
vermessener Weise zu rauben / sich unterstanden: wie sie dann selbige allbereit
zu ihren Triften gebracht / und ohne Zweifel würden entführet haben / wann wir
nicht / diesem Frefel zu begegnen / hinaus gefallen wären / sie ereilet / und
ihr Vorhaben unterbrochen hätten. Daselbst funden wir auch bei ihnen / wider
alles Vermuten / den boshaftigen Zerstörer und Beleidiger unsrer Insel / welcher
das Liecht derselben ausgeleschet / und uns in eine finstere Verwirrung
gestürzet. Dann ich bezeuge hiemit öffentlich / gedenke es auch / auf
Erforderung /mit einem heiligen Eydschwur zu bekräftigen / dass dieser (damit
zeigte er auf den Pistimorus) eben der jenige ist / welcher vor ungefähr zwei
Jahren / bei mir geherberget / und den Philomatus / unsern getreuen Vatter /
und weisslich-gerechten Vorsteher / unschuldiger und lasterhafter Weise ermordet
hat. Wie nun seine Weissheit / hoch-verständiger Richter! leichtlich urteilen
wird / was von denen zu halten sei / welche sich / Menschen zu rauben /
unterfangen / und in der Mörder Gesellschaft leben. So wird demnach seine
Rechtfärtigkeit wissen / solche Laster zu strafen: Wie wir dann hiemit sämtlich
untertänig bitten / diesen frefelhaften Ubeltätern das Recht ihrer Verdienste
zu zeigen / und den Tod des Philomatus /unsers getreuen Philomatus zu rächen.
    Auf diesen Schluss seiner Rede / schrye das ganze Volk: Ja / der Tod des
Philomatus muss gerochen /und mit dem Blute dieser Mörder abgewaschen werden!
Aber der Richter hiesse sie stille sein / und fragte die Beklagten / ob sie etwas
wider diese Klage einzuwenden hätten? Polyphilus wollte geschwind antworten /
aber Agapistus winkte ihme zu schweigen / weil er fürchtet / dass er / nach
seiner Art / hart antworten /und ihre Sache verderben möchte / nahme damit
selber das Wort / und sagte mit einer höflichen Reverenz: Ich bin sehr freudig /
unsere Ankläger zu beantworten / weil ich sehe / dass wir einen gerechten Richter
haben. Die Gerechtigkeit ziert die Gericht-Stüle /und tröstet die
Unschuldig-Beklagten. Seine Höflichkeit / hochverständiger Richter! wird unsere
billige Entschuldigung gedultig anhören / und durch einen gerechten Ausspruch
uns von den schändlichen Auflagen unserer Ankläger frei sprechen. Ich will die
blosse Warheit zum Beistande wählen und hoffen / man werde dieser Tugend ein
offnes Ohr / und eine willige Hülfe geben.
    Wir werden erstlich angeklaget / dass wir dieser Insel viel Widerwärtigkeit
zugezogen / und wegen des Schlosses Sophoxenien der Zauberei verdächtig sein. In
beiden Stucken geschiehet uns das gröste Unrecht /weil ja ich allhier niemals
einigen Tumult / ausser dem jetzigen / gesehen; Polyphilus hingegen vielmehr alle
Widerwärtigkeit von hiesigen Inwohnern erdultet / als dass er ihnen sollte erreget
haben. Er wurde wegen des Philomatus Ermordung angehalten und gefangen gelegt /
da er doch dessen unschuldig gewesen / wie man nun damit gestehet / indeme man
den Pistimorus vor den Täter anklaget. Und wie können wir Sophoxenien durch
Zauberei errettet haben / da ich / erst nach der Erlösung / selbiges Schloss
gesehen / Polyphilus aber / wie jederman wissend / wider seinen Willen / und
Gedanken / da er sich verzweifelt in den Fluss gestürzet / daselbst angelanget /
auch samt der Königin und allen Inwohnern auf eine ungewönliche Art ist wieder
aus Liecht gebracht worden. Soll Sophoxenien durch Zauber-Kunst errettet worden
sein /welches wir weder gestehen noch läugnen wollen / so hat Polyphilus mehr
Anteil nicht dabei / als dass er sein Leben / ohne seine Hoffnung / erhalten:
Dann Zauberei hat in seinem Tugendhaften Gemüte niemals Herberge gehabt / und
wer ihm dieselbe zuschreibet / wird nicht wenig wider die Warheit sündigen.
    Was dann anlangt die Entführung der Macarie /welches das andere ist / das
uns unsre Verkläger aufbürden: so gestehen wir zwar gern / dass sie Polyphilus /
wegen ihrer überweiblichen Wissenschaft und vollkommenen Tugend / schon eine
geraume Zeit geliebt / und bedienet / auch / sich mit ihr / durch das heilige
Eheband / völlig zu vereinigen / nach allen Kräften gesuchet. Aber eine
gewaltsame Raubung /oder leichtfärtige Entführung ist / weder seinem
Ehrbegierigen Herzen / noch ihrer keuschen Seele / nimmermehr zu Sinn gekommen.
Als aber Polyphilus von dem Edlen Schäfer Cumeno und seiner Schäferin Anamfe
verstanden / dass Macarie ihre Tochter sei /welche ihnen in der Kindheit durch
einen Wolf geraubet worden / hat er solches seiner geliebten Macarie eröffnet /
und dieselbe (wie das Orakel längsten geweissaget) ihren bisher unbekandten
Eltern zugeführet. Dieses ist die Ursache / Hochgeehrter Richter! dass Macarie /
wider ihre Gewonheit / mit uns zu den Schäfern gekommen / und könnet ihr daraus
leichtlich urteilen / mit was schmertzlicher Empfindung / ihr tugendhaft Gemüt
diese schimpfliche Gefängnus und schändliche Verklärung aufnehme / und wie
unbillig und vermessen die jenige gehandelt / welche / ohn genugsame Nachricht /
eine so gefärliche Handlung wider sie angestelltt.
    Der Macarie tratten / über diesen Worten / die Trenen in die Augen / und
bewegten die Anwesende dermassen zum Mitleiden gegen sie / die sie zuvor
höchlich geliebt / dass die meisten mit ihr zu weinen anfiengen / Agapistus aber
fuhre in seiner Rede fort /und sagte: Das Letzte / dessen uns unsre Verkläger
beschuldigen / ist die Ermordung des Philomatus. An dieser haben wir nicht mehr
Teil / als dass wir seinen Mörder in unserer Gesellschaft leiden: wie es aber
mit derselben beschaffen / will ich / mit wenig Worten eröffnen. Nachdem dieser
Pistimorus / mein so lang verlohrner Bruder / ungefähr hiesigen Fluss vorbei
gereiset / und in demselben den Polyphilus zu grund gehen sah / auch über den
Philomatus klagen hörte / vermeinte er / dass seine Ritter-Pflicht hierzu
erforderte / diesen Unseelig-sterbenden entweder zu erretten oder zu rächen. Und
weil er jenes nicht vermochte / versuchte er dieses zu erhalten / und begabe
sich in hiesige Insel / zu gegenwärtigem Wirt / unserem jetzigen Ankläger /
begehrte Nachricht von des Philomatus Zustand / und erfuhr so viel / dass er
/wegen der Ermordung eines Fremden sehr verdächtig sei. Dieses nun vermehrte
seinen Irrtum. Als er aber selbige Nacht in einer Kammer schliefe / in welcher
er den Philomatus den Tod des Polyphilus beklagen /und sich dessen Mörder
bekennen hörte / ward er dermassen erhitzet / dass er die baufällige Wand
durchborte / und den vermeinten Mörder des Polyphilus wieder ermordete. Es hat
aber / die gütige Vorsehung des Himmels / diesen gerechten Vorsatz zu einem
löblichen Ende führen wollen / indem er gefüget / das nicht Philomatus / wie
Pistimorus vermeinte / sondern ein warhafter Mörder / der den Philomatus / aus
Befehl seines Feindes / heimlich erwürgen wollte / diesen Stoss bekommen / und
also den verdienten Lohn seiner Bosheit empfangen / Philomatus aber bei Leben
geblieben.
    Allhier fiele ihm das Volck in die Rede / und schrye: man sollte diesem
Betrüger nicht länger Gehör geben / weil sie den Tod des Philomatus allzu gewiss
wüsten / und ihn begraben hätten. Es fieng auch der Richter selbst an zornig zu
werden / und sagte: Ich hätte eurer vorigen Entschuldigung / vermessener
Schäfer! fast beigefallen / aber diese letzte und falsche Erzählung machet / dass
wir auch an der ersten zweiffeln. Dann / wer einmal die Warheit verletzet /kann
schwerlich vor derselben Freund erkannt werden. Der Tod des Philomatus ist viel
gewisser / als eure leichte Beredung / massen ja derselbe bei uns beerdigt
worden.
 
                                Zwölfter Absatz
 Unter währendem Gerichte / kommen Philomatus /Cumenus und Filato / mit Garine
  und Anamfe / nach Soletten. Philomatus / von denen zu Soletten mit Freuden
empfangen / entschuldiget und errettet die Gefangenen. Macarie und Polyphilus /
halten daselbst ihre Hochzeit-Schluss-Gedichte dieses vierten und letzten Buches.
Agapistus wollte eben wieder antworten / als sie den Philomatus / Cumenus und
Filato / mit Garine /Anamfe und Volinie / neben der Nabisa daher kommen sahen.
Dann diese letzere / so bald der Tumult in der Insel entstanden / war mit dem
Gärtner nach dem Lustaus gegangen / und hatte daselbst des Gärtners Jungen noch
bei Nacht / nach der Hütten des Cumenus / ihr den Weg zeigen lassen: deme sie
die Gefahr der Macarie / zu ihrer allerhöchsten Betrübung eröffnet. Sie säumten
sich demnach nicht lang / solchem Unheil zu begegnen / und giengen alsobald aus
/ die Macarie mit den Schäfern zu suchen. Als sie nun nichts von ihnen gefunden
/ und von etlichen Leuten berichtet wurden / dass sie allbereit nach Soletten
wären geführet worden / eileten sie ingesamt nach der Insel / und kamen eben zu
der Zeit / als die Gefangene in der höchsten Gefahr waren.
    Es ist nicht zu glauben / mit was Bestürzung /Schrecken und Verwunderung die
Solettischen Inwohner den Philomatum (den sie gewiss vor tod gehalten) kommen
sahen: sonderlich als er beherzt und fast erhitzt dem Gericht zueilete. Er
fienge / mit etwas häfftigen Worten / also an zu reden: Vergebet mir / geliebte
Freunde und Nachbaren! dass ich euer Vorhaben verhintere. Ich sehe euch in einer
so ganz unbilligen Handlung begriffen / und muss der Gerechtigkeit zu steur /
euch hiemit die Notturft eröffnen. Ihr werdet nicht zweifeln / dass ich
Philomatus / euer ehmaliger Vorsteher sei / der von euch als todt beklaget /
durch diese tugendhafte Schäfere aber beim Leben erhalten worden. Die Warzeichen
/ welche in meinem Hause verborgen / werden gnugsamen Beweis ihrer Unschuld
vorzeigen. Darum haltet ein mit dieser Verfahrung / und glaubt / dass ich euch
die lautere Warheit von dieser Verwirrung eröffnen werde.
    Auf diese Rede / erhub sich der Richter von seinem Stul / fiel dem
Philomatus um den Hals / und sagte mit frohem Gesichte: Seit uns zu tausendmal
willkommen / allerteurester Philomatus! Die Freude /welche bei uns eure
unverhoffte Widerkunft erwecket / ist viel grösser / als das Leid / so uns euren
Abschied zu empfinden gegeben. Zürnet ja nicht / wehrtester Freund! dass wir
euren Tod an diesen Schäfern zu röchen gesuchet / sondern erkennet vielmehr
daraus unsre Liebe / damit wir eure Aschen noch zu ehren gedachten / und
bedenket / dass uns das Gesetz der Gerechtigkeit keinen andern Weg führen können.
Eröffnet uns aber auch die allerseltsamste Begebenheit / welche sich jemals
unter der Sonne zugetragen /die uns auch auf solchen Irrweg geleitet / dass uns
niemand anderst / als ihr selbst / davon zurück ziehen kunte.
    Ich muss bekennen / (versetzte Philomatus) dass meine Widerkunft sehr
entsetzlich und kräfftig gnug sei / allerhand Zweifel / Misstrauen und Irrtum
einzuführen. Allein man muss die Vernunft der Göttlichen Vorsehung unterwerffen
/ und das / was man nicht begreifen kann / vielmehr bewundern / als lästern oder
laugnen. Meine Gegenwart zeigt gnugsam / dass der Wahn von meiner Ermordung
nichtig sei. So bin ich auch willig / die Umstände dieses himmlischen Geschickes
weitläuffig zu erzählen. Nur bitte ich / dass zuvor diesen tugendliebenden und
ganz unschuldigen Schäfern / meinen wehrtesten Freunden / und sonderlich der
unvergleichlichen Macarie / die Freiheit wieder erteilet werde. Dann ihr solt
wissen / geliebte Freunde / Nachbaren und Kinder! dass ihr / mit dieser Gefängnus
/ das gröste Unrecht an ihr begangen / und Ursach habet / dieselbe durch Abbitte
und Guttaten wieder auszusöhnen: Und damit ihr an meiner Rede nicht zweifelt /
will ich sie völliger erläutern.
    Sehet da / den Edlen Vatter dieser Edlen Tochter! Cumenus / der von Geburt
und Tugend edle und kluge Schäfer / samt seiner teuren Anamfe / sind leibliche
Eltern der hochbegabten Macarie / welche ihnen / in der Kindheit / durch einen
grimmigen Wolf geraubet /aber von dem Edlen Firmisco aus Sicilien wieder
errettet worden: der sie so lang vätterlich erzogen / biss sie mit eurem
gerühmten Vorsteher / dem Honede / ist verehlicht / und durch widrigen Wind in
diese Insel getrieben worden: da sie / als deren Ehre / mit / und ohne ihren
Liebsten / biss auf diese Stunde / keusch und tugendlich gelebet / wie solches
eure eigne Bekentnus (so ihr der Warheit nicht widerstrebet) wird bezeugen
müssen.
    Es hat sich aber begeben / dass Polyphilus / der von Edlen Eltern entsprossen
(wie seine Mutter / die Garine / hier zugegen / die mit mir mancher Gefahr
obgesieget / und von ihm wunderbarer Weise wieder gefunden und erkennet worden /
beglaubet) und durch einen erbärmlichen Schiffbruch an das Ufer dieser Insel
geworfen / von mir die Kunst und Tugend dieser Macarie vernommen / und alsbald
Verlangen bekam /sie zu sehen: welches er auch / nach vieler Gefahr /durch Hülfe
des Talypsidamus / unsers Mit-Bürgers / erlanget. Damals wurde nun / aus seinem
Verlangen eine Liebe / und erkühnte sich / die schöne Macarie um Gegen-Liebe zu
ersuchen. Er bekame aber die harte Antwort / dass sie der Einsamkeit ihre Tage
geschworen hätte / biss ihr / nach der Weissagung des Orakels / jemand ihre
unbekandte Eltern offenbaren würde. Dieses nun triebe den Polyphilus in das
äuserste Elend / und bewegte ihn / aller Gesellschaft zu vergessen / und seinen
verlassenen Schäferstab wieder zu ergreifen.
    Selbiger war aber kaum in seiner Hand erwarmet /als er erfuhre / dass Cumenus
und Anamfe der Macarie Eltern wären. Wie hoch er sich darüber ergötzte / kann nur
der jenige ermessen / der aus einer verzweifelten Liebe in völlige Hoffnung
gesetzet worden. Dann er gedachte nun dem erwünschten Ziel seines mühsamen
Lauffes gar nahe zu sein / nit wissend / dass die übereilte Rache dieser Inwohner
/ seine gerechte Tritte hintern / oder garzurück halten würde. Er verfügte sich
nach dem Lustause seiner Macarie / weil er verstanden / dass sie sich daselbst
entielte: und eröffnete er Ihr daselbst freudigst / dass er nunmehr ihre Eltern
gefunden / und also selbst durch den himmlischen Schluss zu ihren Liebsten
erwählet wäre.
    Macarie aber / die in dieser Erzählung / vor bestürzter Verwunderung /
niemand als ihren eigen Augen trauen kunte / gienge / wider ihre vorige
Gewonheit / mit dem Polyphilus zu den Schäfern: da sie von ihren Eltern und
Freunden / auch von uns allen /mit Frolocken bewillkommet / und dem Polyphilus
/als durch Göttliche Versehung und seine aufrichtige Dienste / ihrem würdigsten
Liebhaber zugeführet worden. Wir beschlossen sämtlich / hieher zu reisen /und den
gesamten Inwohnern diese verwunderliche Begebenheit / sonderlich aber meine
unglaubliche Errettung / kund zu machen: damit sie neben uns ergetzet / und
Macarie ihre Hochzeitliche Freude / mit ihrer aller Zufriedenheit / begehen
möchte: nur wollte Anamfe zuvor / die zur Reise und Hochzeit notwendige Dinge
befördern. Macarie gienge indessen mit diesen Schäfern / die Gegend des Landes
zu sehen: da sie / von einem Hauffen hiesiger Inwohner / überfallen / und / mit
höchstem Unrecht / schimpflicher Weise / gefangen vor dieses Gericht gebracht
worden.
    In warheit / geliebte Freunde! ich bin erstaunet / als ich diese Göttin der
Tugend / (wie ich sie oft betittelt) als lasterhaft / vor eurem Gerichte stehen
sehen. Sind dann eure Augen so verdunkelt / dass ihr das Liecht ihrer Würde nicht
erkennet? Ich fürchte / eure Gewalttätigkeit bei ihr zu entschuldigen / und
weiss nicht /wie ich diesen Schimpf abbitten soll. Doch ist ja ihre Sanftmut so
gross / dass sie aller Beleidigung bald vergessen / und diese übereilte
Beschimpffung / weil sie aus Irrtum / und nicht aus Bosheit hergeflossen /nicht
zu anten suchen wird. Ach ja! Vergebet doch /allergedultigste Macarie! was eine
erhitzte Gäheit verschuldet / / und nehmet den Schatz eurer Freiheit / und das
offenbare Zeugnus eurer beständigen Tugend / vor das überstandene Unrecht an.
Versöhnet auch den so sehr beleidigten und Tugendhaften Polyphilus / und lebet
versichert / dass hiesige Insel das Unrecht mit Guttaten ersetzen / und die
fröliche Verehlichung /welche sie beide so lang verlanget / eben so hülffreich
befördern werden / als sie solche bisher / aus einem falschen Verdacht /
gehintert haben.
    Hiemit fasste er die Hand der Macarie / überreichte sie dem Polyphilus / und
führte sie also beide / unter Zuruffung und Glückwünschung des ganzen Volkes /zu
Cumenus und Anamfe / gienge folgends wieder vor den Richter / und fuhre in
seiner Rede also fort: Nun ist noch übrig / dass ich auch der Unschuld dieses
andern Schäfers ein Zeugnus gebe / und offenbar mache / dass er mein Leben durch
Ertödung meines Mörders erhalten habe. Dann als ich / liebste Freunde! eben die
Nacht / als ich den Edlen Polyphilus /nach kurzer Erkantnus / unglücklich
verlierend / meiner Meinung nach in den Wellen zu Grund gehen gesehen / und nun
/ als ich wieder nach Haus gelanget /bejammerte ich den Tod dieses gelehrten
Schäfers /mit vielem Wehklagen. Wie ich nun / aus grosser Betrübnus / weil ich
ihn allein verlassen hatte / mich silbst als seinen Mörder anklagte / begab es
sich / dass ich vor Kummer mein Bette verliess / und bei meinen Büchern Trost
suchte.
    Nachdem ich aber auch daselbst wenig Ruhe gefunden / kehrte ich wieder
zurück / und wurde gewar /dass mein Bette von jemand anderem war eingenommen
worden. Ich hielte es erstlich vor des Polyphilus Geist. Als ich aber ein Liecht
gefordert / erkannte ich /dass ein todter und mit blut-besudelter Eörper meine
Stelle bekleidet: den ich aber / nach heftigem Schrecken und eigentlicher
Beschauung / nicht erkennen kunte. Er hatte an seiner Seiten einen blossen
Dolchen ligend / doch ohne einiges Blut-Zeichen. Diese Begebenheit machte mich
lang in Verwirrung stehen / biss ich seine Kleider / und in selben einen Brief
dieses Inhalts fand:
Deinen Brief habe ich erhalten / und mich über deine willige Dienstfärtigkeit
sehr erfreuet / werde auch nicht unterlassen / dieselbe reichlich zu belohnen:
wie ich dann hiemir 40. Kronen übersende / damit du desto eiliger meinen Wunsch
erfüllest. Sei nur beherzt / meine Rache auszuüben / und den Philomatus /
meinen Erz-Feind / zu ermorden / wie du versprochen hast. Siehe aber zu / dass du
vorsichtig handelst / dass meine Ehre und dein Leben nicht in Gefahr komme. Die
Nacht wird wohl hierzu am füglichsten sein. Ich verlasse mich auf deine Klugheit
/ und erwarte mit Verlangen deiner Widerkunft und der glücklichen Verrichtung:
alsdann werde ich die andere Hälffte des Geldes erlegen / und lebenlang
verbleiben dein
                      Danckbarer Guttäter und Beförderer
                                                                      Gilbertus.
Als ich diesen schelmischen Brief meines unbilligen Feindes zu lesen bekam /
dankte ich dem Himmel vor seinen gnädigen Schutz / und war willens / diesen
Verlauf zu offenbaren. Weil ich aber nicht wusste /wer diesen Mörder getödet /
geriet ich in neuen Zweifel / und fürchtete / man möchte mich vor den Täter
anhalten / zumal mir die scharffen Gesetze dieser Insel bekandt waren. Darüm
nahme ich mir vor / den sichersten Weg zu gehen / und entwiche / nachdem ich den
Dolchen und Brief im Hause verborgen / mit etwas Geld / noch selbige Nacht / aus
der Insel / und durchreisete etliche Städte und Länder / biss ich erfahren möchte
/ wie die Sache abgelaufen.
    Nach zimlich langer Zeit / vername ich von einem hiesigen Inwohner / dass der
ertödzte Mörder / an statt meiner begraben / ich aber / als ermordet / beklaget
/und Polyphilus / ein fremder Schäfer / vor meinen Mörder gehalten und verfolget
würde. So bald ich vernommen / dass Polyphilus / mein getreuer Freund /noch lebte
/ begab ich mich / diesen Unschuldigen zu befreien / auf die Heimreise / fand
und erkannte unterwegs die edle Garina / die diesen ihren Sohn zu suchen / umher
zoge / und setzte mich mit derselben auf ein Schiff / willens / nach dieser
Insel zu segeln. Wir wurden aber / teils durch widrigen Wind / teils durch
boshafte See-Rauber / so lang an unserm Vorhaben gehintert / biss wir in eine
gefährliche Brunst /und dadurch in erbärmlichen Schiffbruch gerieten: daraus
wir / durch diese hertzhafte und mitleidige Freunde errettet / und zu dem
Polyphilus / welchen wir beide so heftig verlangten / geführet wurden.
    Dieser / nachdem er meine unverhoffte Gegenwart bewundert / und sich über
seiner Mutter Erkentnis erfreuet / erzählte mir die Handlung des Pistimorus
/welchen sie unlangst in einer Wildnis angetroffen / da er sich selbst / als
meinen Mörder / bekennet und angeklaget. Damals erkennte ich die Vorsorge des
gütigen Himmels / und eröffnete der gesamten Gesellschaft / was ich jezt hier
erzählet / versprache auch /diesen irrenden Ritter bei den Solettischen
Inwohnern zu entschuldigen. Ich würde auch solches zeitlich geleistet haben /
wann nicht dieser Aufstand meiner Hieher-Reise vorgekommen wäre. Dieses ist also
/ geliebte Freunde und Brüder! der warhafte Verlauf alles dessen / was sich seit
meines Abseins begeben / und daraus so viel Irrtum / Argwohn und gefährliches
Beginnen hergeflossen. Darum erlasset nun diese Unschuldige ihrer schimpflichen
Gefängnus / die mich zum andernmal beim Leben erhalten / und lasset sie ihren
betrübten Eltern nicht länger traurige Nächte machen. Preiset auch mit mir und
ihnen die Weissheit des gerechten Himmels / der den löblichen Vorsatz dieses
edlen Ritters vom Lastern abgewendet / und in eine billige Strafe ausschlagen
lassen.
    Hierauf begunte der Richter Philomatus also zu antworten: Verständiger und
tugendlicher Freund! Wir haben seine weitläufftige Erzählung / mit
Freud-Verwunderung / angehöret / und setzen hierbei nicht den geringsten Zweifel
/ sondern sind vergnüget / dass wir den Philomatus lebendig sehen / den wir
vorlängst als todt beweinet. Wir weigern uns auch keineswegs / diese Gefangene
los zu geben / weil sie eure eigne Bekantnus frei machet. Der Edle Polyphilus
und seine tugendvolle Macarie mag nun bei uns Hochzeit machen / damit sie in
dieser Insel noch einiger Ergötzlichkeit geniessen / da sie so viel Schrecken
empfunden / und dass wir Gelegenheit überkommen /die begangene Fehler unsers
Irrtums / mit Ehre und Freude zu ersetzen. Hierauf führte er den Agapistus und
Pistimorus / zu Macarie und den Schäfern /wünschte denselben allerseits Glück
zur Ehe und Freundschaft / und begleitete sie / mit einen grossen Haufen des
Volkes / (die / nach Art des Verstandlosen Pöfels / eben so viel Glückwünsche
nachschreien /als sie zuvor Lästerung ausgestossen) nach der Macarie Wonung.
    Indem sie also fortgiengen / sahen sie den Eusephilistus mit seiner Liebsten
Erotemitis / von Melopharmis und ihrem Sohn / auch etlichen Hofbedienten /
begleitet / daher kommen. Diese kamen von der Hochzeit zu Sophoxenien / und
wussten von allem dem / was sich begeben / nicht das geringste: weswegen sie über
diese Gesellschaft sich zum heftigsten verwunderten. Sonderlich entsetzte sich
Eusephilistus / als er den Philomatus / den er / gleich wie die andern Inwohner
/ vor fast verweset hielte / lebendig sah. Als er aber von demselben aller
Umstände berichtet worden / empfingen sie allerseits grosse Freude / schickten
auch alsobald einen von ihren Begleitern nach Sophoxenien / und liessen der
Königin dieses Wunder eröffnen / auch sie zugleich zur Hochzeit des Polyphilus
einladen. Sie erschiene ungesäumt /und wurde also das Freuden-Fest dieser beiden
Tugend-Verliebten / welches / so viel die Eile verstattet /mit aller
Köstlichkeit und Ergötzung versehen war /vollbracht: welches sie nicht nur mit
ihrer hohen Gegenwart / sondern auch mit Geschenken / beehrte. Es wusste auch die
freudige und kurtzweilige Volinie ihre Person bei dieser Frölichkeit zu spielen
/ indem sie den Polyphilus auffoderte / mit ihr zu Wechsel-singen / wie folget:
Wie komt es / wehrter Freund! dass eure Lieder schweigen /
Und uns nicht / wie vorhin / von eurer Liebe zeugen?
                                  Polyphilus.
Die irren / forschen stäts / wo sichre Strassen sind:
Wer schon im Hafen ist / fragt nit mehr nach dem Wind.
                                    Volinie.
Doch denkt man in dem Port / wie hart der Sturm gewesen.
Von Krankheit pflegt man nicht auf einmal zu genesen.
                                  Polyphilus.
Wer plagt auf festem Land / sich mit dem strengen Nord?
Ein recht-bewährter Arzt treibt alle Krankheit fort.
                                    Volinie.
Sonst heilen nach und nach die tiefgeschlagne Wunden:
Bei euch ist alle Seuch in einem Nun verschwunden.
                                  Polyphilus.
Diss ist der Liebe Art / dass sie geschwind verlezt /
Doch dem / der treulich liebt / im Ende bald ergetzt.
Volinie kehrte sich hierauf zu Macarie / und begunte auch mit ihr zu
Reim-wechseln:
Wie / Schwester! bist du eins mit deines Liebsten Sinnen /
Und glaubest / dass es nun könn keine Noht gewinnen?
                                    Macarie.
Die Tugend lässet mich nie gäntz lich sicher sein:
Es bricht / nach Klarheit / oft des Donners Blitz herein.
                                    Volinie.
Doch / wer den Sieg erlangt / ist künftig frei vom streiten
Manbraucht sich recht der Lust / nach überwundnen Leiden.
                                    Macarie.
Der Krieger ist nicht frei / der einmal obgesiegt:
Weil / wer zu erst gewinnt / oft letzlich unten ligt.
                                    Volinie.
So könnte man / aus Furcht / fast keiner Freud geniessen /
Wer wird / um Unbestand / sich recht zu halten wissen?
                                    Macarie.
Wer an der Tugend hält / im Glück und Noht nit wankt /
Im Crentz dem Himmel fleht / und in der Wolfart dankt.
Hierauf name Atychintide das Wort / und machte den Schluss mit diesen Zeilen:
Diss ist der rechte Schluss. Macarie erreichet /
Der Tugend edles Ziel / das keinen Pfeilen weichet.
Wer recht vergnüget liebt / heist billig hoch beglückt:
Verständig aber ist / der sich in beides schickt.
Offt hindert Gottes Raht / was wir zu fördern denken:
Damit wir unser Herz nicht von der Tugend lenken.
Drum sei / des Himmels Will / der Führer unsrer Freud.
So sind wir gleich gesinnt / in böse - und guter Zeit.
Mit solchen und andern lustigen und nützlichen Gesprächen / vertrieben sie die
Tage der Hochzeit / und ergetzten sich / nach so vielem Ungemach / mit der
vergnügten Ruhe und lang-gewünschten Freude: biss die verlauffene Zeit sie
allesamt zum Abzug vermahnte. Die Königin ward von unsern Schäfern nach
Sophoxenien begleitet / woselbst sie herrlich bewürtet /und zwei Tage aufgehalten
wurden / und endlich nach untertänigen Bedankung wieder nach Soletten
abreiseten.
    Agapistus und sein Bruder Pistimorus / begaben sich nun auch auf ihre
Heimreise / welche Polyphilus / mit grosser Danksagung vor alle erwiesene Liebe
und Treue / nicht ohne Trenen und Weheklagen /von sich ziehen liesse. Nachdem
hierauf seine Macarie zu Soletten sich ledig gemacht / und vom Philomatus /
auch sonst von allen Solettischen Inwohnern /einen freundlichen Abschied
genommen / zoge sie mit ihrem so saur-erworbenen Polyphilus und lang-gesuchten
Eltern / in die Gegend Brundois zu seinen Herden: von daraus sie zuweilen auf
ihrem Lustause ergetzung suchten und erwiesen / dass / auf trübselige jedoch
standhafte Tugend-Liebe / ein fröliches Ende noch zu folgen pflege.
 
                       Schluss-Gedicht des Vierten Buchs.
Nun komt das End / von dem bedrangten Lieben /
Von dem Gewirr / dass wir bisher beschrieben.
Es ist nunmehr gelangt zu seinem Ziel /
Was so voll Müh gezeuget hat der Kiel.
Polyphilus hat / was er suchte / funden.
Es hören auf zu bluten seine Wunden.
Der vor verletzt / ist jetzo gänzlich heil /
Und süss verknüpft / mit seinem Seelen-Teil.
Macarie / als sie zu zürnen meint  /
Trifft freudig an / was sie so oft beweinet /
Es findt sich / Ihr und ihres Liebsten Stamm /
Durch Gottes Raht / hier wunderbar zusamm.
Nun können sie sich voller Lust vermählen /
Und dürffen nicht ihr Lieben mehr verhehlen.
Philomatus macht sie des Mordes los /
Eusephilist / sucht einer fremden Schoss.
So hat sich auch die Königin entschüttet /
Der tollen Lust / die sie zuvor zerrüttet /
Die so viel List so lang gewürket hat /
Und gibet Raum der weissen Alten Rat.
Doch heimlich will sie Melopharmis hassen:
Die diesen Hof / aus Geitz / nicht kann verlassen /
Die lieber wählt Verachtung / Schmach und Pein /
Als freien Muht / ohn Hoffnung / reich zu sein.
So mag sie dann an dieser Ketten hangen /
Und / mit dem Gut / auf ewig sein gefangen.
Wir sehen jetzt des Agapistus Glück /
Der / höchst vergnügt / den Bruder führt zurück.
Zwar ängstig gnug er diesen hat gefunden:
Doch ist er jetzt von aller Last entbunden.
Diss ist der Lohn / den beider Treu verdient.
Des Himmels Gunst bei wahrer Freundschaft grünt.
Wer nun bisher die Augen hat gegönnet
Dem Liebes-Paar / das so viel Angst berennet /
Der schaue jetzt den Freuden-vollen Schluss /
Mit welchem sich geendet ihr Verdruss.
Polyphilus hat allen / die da lieben /
In diesem Streit die Waffen vorgeschrieben.
Beständigkeit / Gedult / und Hoffnung siegt /
Ob tausend Not ein liebends Herz bekriegt.
Macarie / die oft im Zweifel schwebte /
Und die ser Lieb mit Sorgen widerstrebte /
Siht wundrend an / wie Gottes weise Macht /
In diesem Tun so wohl vor sie gewacht.
Sie gibt die Lehr / dass in verwirdtem Quälen /
Man alles soll GOtt und der Zeit befehlen:
Die schaffen oft durch solche Mittel Raht /
Auf die man nie vorher gesonnen hat.
Der Königin bekehrter Wandel zeigt /
Wie unser Sinn zum falschen Wahn geneiget:
Die nie zuvor der Tugend zugehört /
Ward noch durch List und Gaukelei bekehrt.
Doch ist sie ja in diesem zu erheben /
Dass sie nicht will der Warheit widerstreben /
Noch so verhärtt behaupten ihren Schluss /
Dass ihrem Tun die Strafe folgen muss.
Es lebt kein Mensch / der jederzeit erwählet /
Was löblich ist / und nicht zuweilen fehlet:
Wann er nur nicht der Besserung vergisst /
Und stehet auf / wann er gefallen ist.
Noch sehen wir / an Melopharmis Plagen /
Wie Geitz und Ruh / so selten sich vertragen:
Sie hat viel List an dieses Erb gewandt /
Und kommt doch nicht in ihren alten Stand.
Ja / letzlich bricht / was lang zuvor gewancket.
Die Fürsten-Gnad / die einmal ist erkrancket /
Steht schwerlich frisch vom Bette wieder auf /
An Höfen ist nur Wanckelmut zu Kauf.
Die letzte Lehr / kann Agapistus geben:
Der / bloss nach Lieb und Freundschaft / sucht zu leben:
Er gibet nach / was sonst bedenklich scheint /
Damit er nur vergnüge seinen Freund.
So wenig nun dergleichen Treu zu finden /
So eifrig soll sie unser Herz entzünden.
Wer ohne falsch dem Freund geholffen hat /
Der findet auch in seinen Nöten Raht.
Diss ist das Recht / das die Natur uns lehret:
Wer Böses tut / dem Böses wiederfähret;
Wer aber sein Gemüt zur Tugend wend /
Auf dessen Tun / folgt ein erfreutes
 
                                    Fussnoten
1 [Das Gedicht »Gegen-Satz« ist in der Originalausgabe parallel zum Gedicht
»Nach-Wunsch« gedruckt.]
 
    