
        
                               Philipp von Zesen
                              Adriatische Rosemund
                               Auf-trahgs-schrift.
          Denen Hohch- und wohl-ädelen, gesträngen und fästen Herren,
                        Hern Dionisen und Hern Mattias,
         Palbizki, Gebrüdern, auf Nemiz und Warbelow Erbsassen, u.a.m.
     seinen hohch-geehrten Herren, und grohsgünstigen, träu-liben fräunden,
                                  überreichet
Di Adriatische Rosemund, zum stähts-währenden andänken ihres unwürdigen Diners,
                             Ritterhold von Blauen.
                                                                           [*2b]
Meine Herren,
    Wan di aufkeumende fräundschaft träu- und deutsch-gesünneter gemühter zu
früchten gedeien soll, so tuht man nicht bässer, als dass si man mit den kräftigen
stärk- und frucht-wassern einer sonderlichen libes-bezeugung gleich=sam
begühsse, und si solcher gestalt zum fölligen wachstuhme fähig machche. Dan
gleich wi ein lihblicher Rosen-stok, wan der Himmel seiner wahr-nümmet, und ihn
bald mit einem sanften rägen, bald mit einem kühlen taue bei schwulem wetter
befeuchtet, bald widerüm mit einem lihblichen sonnen-blikke begnadiget, ih mehr
und mehr zunümmet, und seine fröliche blumen gleichsam zur dankbahrkeit gen
Himmel erhöbet; so tuht auch [*3a] eine träu-gemeinte brüderliche freundschaft,
welche gleiches falls, ih-mehr si erräget und ermundtert würd, ih-mehr und mehr
zunümmet, und sich in ihren grund-pfälen befästiget.
    Solches nuhn, meine hohch=geehrte, vihl-günstige Herren, hab' ich auch
beobachten wollen, und di hohe fräundschaft (welche ich mich aller dinge
unwürdig schäzze) mit einer sonderlichen dihnst- und libes-bezeugung erwidern;
indähm ich nähmlich gegenwärtiges bühchlein unter ihrem belihbten namen und
fräund=gesünneter verträtung der gelährten und verständigen wält aus-färtige.
Aber indässen, dass ich ihnen einige erwiderung ihrer gunst und freundschaft zu
leisten gedänke, so mus ich si zugleich [*3b] noch mehr bemühen, und mich zu
ihren dihnsten vihl verpflüchtlicher machchen, als ich schohn bin; indähm ich
ihnen ein solches jung-fräulein zu verträten anbefähle, welches noch zur zeit
fremd und unbekant ist, und bei unserem hohch-deutschen Frauen=zimmer gärn in
kundschaft gerahten wollte. Es ist di über-irdische Rosemund, di nicht alein aus
hohem bluht' entsprossen, sondern auch durch ihre angebohrne geschikligkeit und
zihr zu solchem namen gelanget ist, dass man si mehr ein ängel- als mänschen=bild
zu nännen pfläget; Es ist nichts irdisches und vergängliches an ihr als der
hinfällige leib, welcher doch nichts däs zu weniger seiner schöhnheit und
ahrtigen bewägung halben auch fast [*4a] götlich scheinet, und billich
nimmer-mehr vergähen sollte. Dise Schöne nümmet, auf mein guht=befünden und
einrahten, ihre zu=flucht zu ihnen, und flöhet si gleich=sam an, dass si ihre
dihnste däm hohch-deutschen Frauen-zimmer (welches meinen Herren, ihrer hohen
geschikligkeit wägen, sehr geneugt und günstig ist) auf zu tragen geruhen
wollen. Dan si hat das gute vertrauen, dass si ihr eine solche billige bitte
nicht versagen wärden; und ich selbst, fohr mein teil, kann nicht sähen, wahrüm
ich zweifäln sollte, indähm ich wohl weus, dass si einem Frauen-zimmer, welches
nicht so gahr machiavellisch-wältsälig ist, auch nicht di geringsten
ehren-dihnste versagen können. Im-fal si sich aber durch dise schwachchen
wor-[*4b]the ja nicht wollten bewägen lahssen, so würd si doch, allem verhoffen
nahch, di schöhnheit dises götlichen mänschen-kindes verzükken, und in solcher
verzükkung zu ihrem wüllen aufmundtern, wo si nicht gahr steinerne gemühter und
demantine härzen haben.
    Kein mänsch ist ihmahls ein solcher unmänsch' und wüterich gewäsen, dass er
sich fohr einem solchen lihblichen blizze nicht hätte entsäzzen sollen. Kein
mänsch ist ihmahls so hart und eingezogen gewäsen, dass ihn eine solche Schöne
nicht hätte verzükken und zu ihren ehren-dihnsten bewägen können: wan si nuhr
ihren höhflichen und lihblichen räden das gehöhr auf einen augen-blik vergönnen
wärden, so würd sich gewüs ihr gemüht bald gerühret [*5a] befünden, und diser
Schönen nichts versagen können.
    Si dürfen sich auch im übrigen nicht befahren, dass si das hohch-deutsche
Frauen-zimmer übel entfangen würd, wan si eine aus-länderin verträhten und mit
sich in ihre Gesellschaft führen wärden; dann si würd gewüslich ihren fleis, si zu
vergnügen, nimmer-mehr sparen, und sich zu ihrer ergäzzung und lust so zu
bekwähmen wüssen, dass sich auch ihre Landes-fräundinnen selbst gegen si
dankbahrlich erzeugen wärden.
    Was aber meine wenigkeit betrüft, so versichcher' ich meine Herren mit
wahren worten, dass si mich, solche gunst und ehren=bezeugung zu erwidern, zu
ihren dihnsten allezeit bereit und wül-[*5b]färtig befünden wärden; wi ich mich
dann schohn fohrlängst in geheim ihnen so verpflüchtlich gehalten habe, dass ich
anders nichts gewäsen bin, wi auch noch hinführ sein wärde, als
                          Meiner hohch-geehrten Herren
    Rein-wurf, den 30.
tahg des häu-mahndes
    däs 1645. Jahres.
                                                                 träu-ergäbener,
                                                             stähts-wül-färtiger
                                                                           Diner
                                                                          R.D.B.
                                                                           [*6a]
 
                            Dem vernünftigen Läser.
Weil bis anhähr der verschmähete Lihb-reiz fast keinen Deutschen hat ermundtern
können, dass er seinem mund fohr der wält, von Libe zu räden, und der fäder, von
ihrer kraft zu schreiben, verhingen hätte; so hat sich der arme knabe
meisten-teils in Spanien, Wälschland und Frankreich aufhalten müssen. Nuhnmehr
aber befündet er sich auch mit dem krige bei uns so eingenistelt, dass ich aus
unserem Trauer-schau-spihle wohl sagen mahg:
Ja selber di kalten Hohch-deutschen
darf keiner zur lust
mehr schlagen und peutschen;
das liben ist ihnen von selber bewust.
Der hizzige, spizzige, wüzzige knabe,
das ippige, fiprige, kliprige kind,
so gihrig gesünnt,
bringt ändlich di tapfersten Helden zum grabe,
zum grabe, da könige,
da grohsse, da wenige
fohr töhdlichen schmärzen mit röhtlichen härzen,
in libe,
in brännender Libe
stähn traurig und trübe, u.a.m.
Jah der Hohch-deutschen ohren begünnen nuhn-mehr auch hurtig zu wärden, und
hören gärn von der Libe, weil ihnen selbige durch übersäzzung der spanischen und
wälschen Libes-geschichte so gänge gemacht sein, dass si von ihrer gebuhrts-ahrt
und wohl-anständigen ernst-haftigkeit schihr abweichen dürften, wan man also
fortfahren sollte. Drüm, weil allen dingen ein rüchtiges zihl soll gesäzt sein,
und unsere sprache durch solche lihbliche, und den ohren und augen an-nähmliche
sachchen bäster mahssen kann erhoben und ausgearbeitet wärden; so halt' ich [*6b]
daführ, dass es wohl das bäste wäre, wan man was eignes schribe, und der fremden
sprachen bücher nicht so gahr häuffig verdeutschte, sonderlich, weil in den
meisten weder kraft noch saft ist, und nuhr ein weit-schweiffiges,
unabgemässenes geplauder in sich halten. Solches aber müst' auch nicht alzu geil
und alzu weichlich sein, sondern bisweilen, wo es sich leiden wollte, mit einer
lihblichen ernstaftigkeit vermischet, damit wihr nicht so gahr aus der ahrt
schlügen, und den ernstaften wohlstand verlihssen.
    Es ist weder einem Deutschen nahchteilig, noch einem Kristen zur sünde zu
rächnen, wan er sich mit einer keuschen libes-beschreibung belustiget; aber
solches alles zu gewüsser zeit. Das Feuer der blühenden Jugend erräget
ofter-mahls sehr ahrtige gedanken, di zwahr ihr, aber keinem Greisen, dessen
feuer schohn verbloschen ist, wohl-anständig sein. wohrnahch einem Jünglinge
verlanget, daführ träget ein alter grau-bahrt schäu und ekel. es wül ihm auch
nicht gebühren, seine gedanken so weit von den gräbern ab zu länken. Di Lib'
erfortert ein frisch- und lustiges gemühte; drüm kann si in keinem alt- und
erkalteten, in keinem trähg- und verdrossenen härzen haften.
    Wer wül uns dann nuhn verdänken, wan wihr auch (weil wihr noch jung sein, und
das libes-feuer unter der linken brust in follem süden entsünden) ein und das
andere keusche libesgetichte schreiben; sonderlich wan es von uns begähret würd,
und wihr der kluhg-sünnigen Adelmund, welche dise gegenwärtige von uns
erheischet hat, zu wüllen läben. Di Jugend flühet mit der zeit hin; also flühen
auch di gedanken nahch ihrem alter zu, und begünnen sich auf ernstaftere dinge
zu länken. Wihr wärden auch ohne zweifäl hihrmit beschlühssen, und unsern
pfahd-trätern disen hulprich-sanften Lust-wandel eröfnet hinterlahssen.
                               Gehabe dich wohl!
                                                                           [*7a]
 
                            An seinen lihben Bruder,
       Ritterhold von Blauen. als Er di Adriatische Rosemund häraus gab.
                         Wol-ädeler Her, liber Bruder.
Di ehrsten bogen von deiner ädlen Rosemund hab' ich entfangen, und
durch-geläsen. Es wäre wahrlich schade, wan so ein schönes und libes wärk,
däs-gleichen noch kein Deutscher verfasset hat, hätte sollen verschwigen und
ungeläsen in der fünsternüs ligen bleiben. Ich sag' es kurz und rund, dass keiner
ihmahls di gebährden und beschaffenheiten unserer leiber so eigendlich und so
läbhaft hat abbilden können, als du. Dan,
Mein Bruder, deine schrift ist anders nichts als läben,
als geist und sele selbst. was du uns hast gegäben
fohrhin ans tage-lücht, ist alles ruhmes währt,
und würd von ihderman mit gihrigkeit begährt.
Dis aber gäht weit fohr, dis buhch von ROSEMVNDE,
Dis al-soll-komne buhch, das uns zu aller stunde
erfrölicht und ergäzt; das solche räden führt,
dadurch ein höhfling recht und wohl würd aus-gezihrt.
Wi ahrtlich kanstu nuhr den sün der Libe bilden,
das wäsen, gähn und tuhn mit farben schöhn vergülden!
der augen raschen gang, wan si in ihrer gluht
und schön'sten flamme sein; der Libe wankel-muht,
stäht eigendlich alhihr. Di ROSEMVNDE läbet
selb-selbst in disem Buhch', und in däm läsen schwäbet [*7b]
fohr augen, als ein bild, das gähn und räden kann;
dahr-über sich entsäzt und wundert ihderman.
    Ja, mein Bruder, es hat mich dises wunderwürdige Bild so verzükt gemacht,
oder vihlmehr deine geschikligkeit, dass ich mich in deiner schrift nicht sat
genug läsen kann.
    Weil dann nuhn dises ädle wärk so glücklich aus deiner fäder häraus gekwollen
ist, ei liber! so lahs uns, doch das übrige von deinen schriften auch sähen,
damit du dihr di ganze wält verpflüchten mögest; gleich wi du mich schohn ganz
verpflüchtet hältst, dehrgestalt, dass ich ewig bin und verbleibe,
                                  Mein Bruder,
    Grüningen, den 6. tahg
        des Häu-mahndes,
            1645.
                                                            Dein träuer diner so
                                                                lang' ich heisse
                                                                                
                                                                        H.L.v.L.
                                                                                
                                                                    Der Aemsige.
                                                                             [1]
                           Der Adriatischen ROSEMVND
                                 Ehrstes Buhch.
Hat man ihmahls di Sonne betrühbt, und den Nordohst ahtem-lohs gesähen, so ist
es gewüslich damahls gewäsen, als sich Markhold von seiner Rosemund scheiden und
zu schiffe nahch Frank-reich begäben sollte: Dan di Sonne, welche nuhn ehrst aus
ihrem morgen-zimmer härführ brahch, wan si ja dises traute Zwei noch mit einem
blikke besähligen wollte; so täht si es nuhr dahrüm, dass si di trähnen diser
Mänsch-göttin an sich zühen, und ihr güldnes gesicht aus mit-leiden entfärben
möchte.
    Der Nord-ohst wollte zugleich Ihm und Ihr gehorchen: Ihm zu gefallen hätt' er
gärne stärker gewehet, und Ihr zu libe lihss er sich ändlich durch ihre
klähgliche seufzer, fohr denen er sein sausen verschweigen musste, zu rükke
halten. Markhold aber begahb sich nichts däs-zu weniger, nahchdehm er seine
unvergleichliche Rosemund mit einem kusse gesägnet hatte, zu schiffe, dässen
sägel ungefüllet üm den Mast härüm flatterten; so, dass dise un=entfündliche
dinge vihl entfündlicher wahrden, und mehr mit-leidens mit den trähnen seiner
Träuen hatten, als er selber.
    Di arm-sälige Rosemund, welche fohr grohssem wehleiden kaum hauchen konnte,
hatte sich äben unter einen Palmbaum, nicht färn von däm unbarm=härzigen
uhrwäsen, welches si dises liben Schazzes entsäzte, nidergelahssen. Si verlihss
ihm kein auge, so lange si noch das schif erblicken, und fohr [2] trähnen,
welche di augen gemach und gemach benebelten, sähen konnte. Si baht den
Nord-ohst, er sollte sich doch lägen, und das schüf dem Sühd-west, ihr zu
gefallen, über-gäben, damit es wider zu rükke kähren müste.
    Dises ihr flöhen ward zwahr halb und halb erhöret, und dem Markhold durch
eine plözlich-sausende stimme des Nord-ohsts, dehr sich solcher gestalt seiner
stille wägen gleichsam entschuldigen wollte, zu erkännen gegäben: ihdoch must' es
geschiden sein; dann, hatte gleich der Nord-ost ein solches mit-leiden mit Ihr,
so kahm doch ändlich der Nord selber dahrzu, und wahr üm so vihl däs=zu
unbarmhärziger: er blihs mit follem munde di sägel an, und trihb das schüf
innerhalb wenig tagen nahch der Flandrischen gränze, und von dahr nahch
Engel-land und Bulonge zu. Markhold sah sich nuhn-mehr von seiner Rosemund weit
entfärnet, und begunte si algemächlich zu betauren. Er geriht auch hihr-über in
eine solche schwährmühtigkeit, dass er sich, üm etwas frischere Luft und
ergäzligkeit zu schöpfen, auf di höhe däs schüffes begäben musste.
    Es begunte gleich abend zu wärden, und auf der Se wahr eine solche lihbliche
wind-stille, dass si wägen ihrer äbene und der blaulichten farbe däs wassers,
einem flachchen fälde gleich schine. Di sonne lihss sich auch mit etlichen
strahlen, welche, wi=wohl si gleichsam von den an-sich-gezogenen trähnen seiner
Rosemund noch etwas erblasset, doch gleichwohl nicht unanmuhtig an zu schauen
waren, auf däm wasser erblicken. Markhold belustigte sich nicht wenig mit diser
annähmlichen stille, und hatte nuhn seine schwähr-mühtigkeit mehren teiles aus
der acht geschlagen.
    Nahch-dähm er aber also seinem gesichte, sich vergnühglich zu erlustigen,
eine guhte weile verhän-[3-4]get hatte, und gleich widerüm in seine Kammer gähen
wollte; so lihssen sich auf der Se fünf ungeheure Braun-fische sähen, welche üm
ihre schiffe härüm spileten, und seinen leuten, aus furcht eines instähenden
ungewitters, nicht wenig erschröklich führ=kahmen. Es wahr auch über das der
Mahnd am himmel wi feuer an zu sähen, welches ihm nichts guhtes schwahnen lihss.
    Das härz begunte zu zittern, der ganze leib böbete, so erschröklich kahmen
ihm alle dise zeuchen führ. Er gedachte bei sich selbst, ach! wehr nuhn noch auf
der Amstel wäre, so könt' ich noch geruhig in dem schohsse der träuen Rosemund
mein läben fristen; da ich izund in dem schohsse däs wilden Mehres, welches mihr
augen-bliklich den tohd fohr augen stället, in furcht und zittern ligen muss.
Ach! verzeuhe mihr, schöne Rosemund, verzeuhe mihr, du götliches Mänschen-kind,
dass ich dihr so ungehohrsam gewäsen bin, und mich, damit ich nuhr dihr dein
Läben mit däm meinigen verkürzern möchte, auf dises grausame uhrwäsen, begäben
habe. Gärne wolt' ich stärben, wan Du nuhr läben soltest. aber, weil ich weus,
dass mein tohd der deinige ist; und wo ich ja in diser fluht untergähen sollte, du
deinen untergang selbst in der fluht deiner eignen trähnen suchen würdest; so
muss ich billich, Dihr zu libe, bedacht sein, wi ich mein Läben, das deinige zu
fristen, rätten wül.
    Mitten in disen gedanken (als er sich schohn hin=unter in das schüf begäben
hatte) erhuhb sich ein grohsser sturm, dass man nicht anders vermeinte, si würden
alle vergähen müssen. Markhold vergahss über disem uhrplözlichen unwetter fohr
angst und entsäzzen aller seiner gedanken, und kahm fast gahr aus ihm selbst. Er
lahg als im traume, und es wahr fast nichts entfündliches mehr an ihm. Solcher
gestalt bracht' er di ganze nacht zu; bis [5] sich ändlich des morgens dises
ungewitter stillete, und di sonne si widerüm mit anmuhtigen blikken zu grühssen
begunte. Markhold erhohlte sich wider, und wahr gleichsam wi gahr von neuem
geboren; er erblikte den Gnaden- in der nähe, und lühf mit follem sägel zur
Sänen ein.
    Dis ist der lihbliche flus, dehr so manche mänsch=göttin erzilet, bei dessen
strande di hold-säligen Franzinnen di Deutschen gäste mit leut-säligkeit
entfangen. Ich weus, wohl, dass ihnen di ankunft unseres Markhold's, als eines,
dehr auch von träu=deutschem geblüht' entsprossen ist, nicht wenig erfräulich
wahr. Si hatten vernommen, wi ihn di ädlen Deutschinnen, di lihblichen Muld- und
Elbinnen, ja di unvergleichliche Adriatinne selbst, so höhchlich gelibet; drüm
begegneten si ihm mit däs=zu höhflichern und züchtigern gebährden, sich ihm auch
an-nähmlich zu machchen. Aber der träu-beständige Markhold wust' in seinem
härzen von keiner andern, als von der alein-einig-hold-säligen Rosemund. Di er
nuhn-mehr in der fremd', als er si nicht mehr sah, vihl häftiger als zufohren
libete. Dan es ist gewüs, dass eine träu-befästigte Libe di härzen, ih weiter si
dem leibe nahch von einander getrännet sein, ih fäster verbündet.
    Als er nuhn in di prächtige haubt-statt Parihs kahm, da der annoch-blühende
Delfihn, der königliche Fürst, seinen hohf hihlt, und gleich den Königlichen
namen entfüng; so ward er von den färtigen Säninnen mit träflicher anmuht
gewülkommet. Si libelten ihm mit zitternder und halb-lisplender stimme; si
begähreten seiner kundschaft und seines gesprähches; si erzeugten ihm di
höchsten ehren=dihnste: doch konten ihn dise Schönen mit so vihl
tausendkünstlerischen libes-reizungen nicht bewägen. Dan Rosemund wahr sein
einiges Al; Rosemund wahr sein einiger trohst; und ihr gedächt-[6]nüs wahr sein
lahbsahl. Täht' er etwa führ der statt seinen lust-wandel, und sah di Parisinnen
in den heissen Sommer-tagen zum bade fahren, welche sich mit solchen sachchen,
di nicht das härz, sondern den geilen leib, verschönern, geschmünket hatten; so
gedacht' er bei sich selbst, dass di mild-gühtige Zeuge=mutter seiner Rosemund
alle dise schöhnheiten, di er alhihr durch kunst und angestrichene farbe zu wäge
gebracht sah, überflühssig verlihen hätte. Nichts kahm ihm lihblicher führ als
Rosemund, weil er si zum liben so lihblich geboren zu sein schäzte: Nichts kahm
ihm erfräulicher führ, weil si ein krankes härz zu erfräuen, so fräudig wahr
gezeuget; nichts kahm ihm läbendiger führ, weil si eine halb-erstorbene Seele
läbendig zu machchen, so lähbhaft wahr geschaffen: ja Rosemund wahr seine libe,
seine fräud' und sein läben: Nichts wahr ihm an-nähmlicher zuhöhren, als diser
ädle name: Rosemund, Rosemund wahr gleichsam mit demantinen buhchstaben in sein
gedächtnüs eingebildet, dass er ihrer nimmermehr vergässen sollte.
    Er hatte sich nuhn nichts mehr zu getröhsten, als eines brifes, durch
welchen er schriftlich mit ihr räden konnte. Das schreiben, welches er von Ruahn
ab, seiner glücklichen über-kunft wägen, schohn führ etlichen wochchen an si
abgähen lahssen, hatte si durch ein kleines brihflein eilend beantwortet,
welches ihm von einem knaben noch bei spätem abend eingehändiget ward. Si baht
ihn üm einen aus=führlichen berücht wägen des ablaufs seiner reise; si begährete
mit solchem eifer seine gesundheit zu wüssen, und flöhet' ihn gleichsam dahrüm
mit solchen härz-bewähglichen worten an, dass er gezwungen ward si noch selbigen
abänd zu vergnügen. Er schrihb fast di ganze nacht durch, unangesähen, dass er di
vergangene, einer Gesellschaft zu gefallen, auch schlahf-lohs zu-gebracht hatte;
verfasste seine gan-[7]ze reis' in einen gesang, und schikt' ihn straks des
andern morgens, näbenst andern schreiben, fort.
    In dässen lihss seine Rosemund alle post-tage bei dem Antorfischen Bohten
nahch seinen schreiben fragen. Si hatte so ein grohsses verlangen, seine
gegen-antwort zu vernähmen, dass si sich kaum zu friden gäben konnte. Ihr einiger
wundsch wahr seine wohlfahrt zu wüssen. Si begährte nichts mehr auf der ganzen
wält, und baht auch üm nichts mehr, als üm sein wohl-ergähen. wi oft fihl si
nider auf ihre knihe, und flöhete zu Got, dass er ihn gesund erhalten, und in
guhtem fride wider zu rükke bringen wollte.
    Mitten in diser ihrer ungedultigen hofnung warden ihr seine
antworts-schreiben überlüfert; dahrüber si so höhchlich erfräuet ward, dass si
selbige fohr fräuden kaum erbrächchen konnte. Das sigel wahr schohn gelöset, als
si sich ehrst erinnerte, dass si selbige noch nicht geküsset hätte. welches si
dann so häftig verdros, dass si sich führ schahm und un=wüllen entfärbete,
gleichsam als wan es ihmand gesähen hätte, dehr Si dahrüber bestrahffen würde.
ändlich aber, nahch-dähm si ihr versähen vihl=fältig erstattet hatte, so
eröfnete si den ümschlahg, und fand straks obenauf ligen disen
                           Des Markholds Reise-gesang
                              an di über-irdische
                                   Rosemund:
                                 auf di weise,
                         Wi soll der Libes-strük, u.a.m.
                                       i.
Als Markhold sich einmal am blanken Sähnen-strande,
(so weit von Rosemund) in einsamkeit befande; [8]
da sang er bei sich selbst ein solches langes Lihd,
das er ihr zu-gesahgt, indähm er von Ihr schihd.
                                      ii.
Zeit dass ich von euch bin, ihr lihbsten Amstelinnen,
ihr Jungfern bei der Mas', ihr andern hold-göttinnen,
und ihr auch bei der Lech; so sag' ich ohne schäu,
dass eure Rosemund noch kräftig in mihr sei.
                                      iii.
Bin ich entnüchtert nicht, so bin ich doch entärzet,
weil eure Rosemund mit meinem härzen schärzet
nahch ihres härzens lust. Di hälft' ist gahr gewüs,
ja wo nicht ganz, bei Ihr. o welch ein ris ist dis.
                                      iv.
O sühsse zauberung! Si ist mihr zwahr entlägen;
ihr mund ist weit von mihr; doch kann er mich bewägen
durch lauter bilder-wärk, und gihbt mihr solches ein,
dass ich mit wüllen mus ihr leibgeschwohrner sein. [9]
                                       v.
Fünf sünnen hatt' ich fohr; izt sein si mihr gemindert,
ihr mund entzüht den Schmak: mein Rüchen würd gehindert:
ihr aug' entäuget mich; ihr süngen macht mich taub:
mein fühlen nümmt si wäg. o welch ein sühsser raub!
                                      vi.
Kein ässen schmäkket mihr: kein balsam mich erkwikket:
kein garten lacht mich an: kein seiten-spihl entzükket
und macht mein ohr betäubt: Entfündung spühr' ich nicht.
Hand, Mund, Nas', Aug' und Ohr sein ihrer lust verpflücht.
                                      vii.
Ich dänke noch dahran, wi bei däm lätsten küssen
auf ihrer seufzer kraft di meine folgen müssen;
di Amstel weuss es wohl, als welche stille stund,
da ich den Abschihd nahm von meiner Rosemund.
                                     viii.
Di Mase weuss es auch, wi ungärn ich gezogen [10]
und mich ent-färnt von ihr, vertraut däs Mehres wogen,
als welches rund üm mich di blauen wällen schluhg,
und mich nahch Frankreich zu (so färne!) von ihr truhg.
                                      ix.
Es weuss es Röhtelgau, da ich acht folle wochchen
di reise wohl erwohg, eh wihr sein aufgebrochchen.
es weuss es auch der Brihl, wi ich sechs tage lang
im mehres munde lahg (so lange!) stärbe-krank.
                                       x.
Der leib güng zwahr zur Se, doch blihb das härz zu rükke:
di kühne Magd von Dort lös't ihr geschüz und stükke,
und gahb uns einen wink. Wihr lühffen se-wärts ein,
doch kont' ich nirgends nicht als bei der Amstel sein.
                                      xi.
Di schiffe lühffen fort di wätte mit den winden,
wi ein verlihbter schwahn, wan er nicht bald kann sünden [11]
di schwähnin, di er suhcht. Der Nord pfif sägel ein,
so, dass es mihr gedaucht der Lihbsten klage sein.
                                      xii.
Der himmel wust' es wohl. Der Nord-ost blihs ganz sachte,
üm dass er mich alda noch mehr verzühen machte.
zwe tage güngen hin, eh ich von Se-land kahm,
und meine reise fort, nahch dihr, o Flandern, nahm.
                                     xiii.
Tühn-kirchen sah' ich stähn; drauf kährt ich ihm den rükken,
kahm auf Bulonge zu, wo Kales sich lihss blikken,
der Franzen gränze-statt: wo gegen über lahg
der Kant von Engel-land. dis wahr der dritte tahg.
                                      xiv.
Der abend kahm hähr-an! di Se stund still' und äben;
es hatten unser schif fünf Braune fisch um-gäben,
di spihlten auf der fluht; das solt' ein Zeuchen sein [12]
des drauf-erfolgten sturms. Der muht wahr zimlich klein.
                                      xv.
Man sah das nacht-lücht auch ganz feuer-roht aufgähen,
di stärne ganz betrühbt in stiller Stille stähen.
o dacht' ich, Rosemund, dein raht wahr alzu guht;
fohr deinen schohs hab' ich den schohs der wilden fluht.
                                      xvi.
Ihr wind' erbarmt euch doch! und kann ich euch nicht stillen,
dehn man Neptuhn benahmt; so schohnt üm ihret wüllen,
dass ich nicht in der Se aufgäbe meinen geist,
und si in eigner fluht der zähren folge leist'.
                                     xvii.
Ihr himmel kann ich dann nicht eure gunst erwärben;
ist euch so wohl gedihnt mit unsrer beider stärben?
lahsst fahren euren grim; züht euren ein-flus ein,
dass Rosemund und ich euch können dankbahr sein.[13]
                                     xviii.
So tühf erseufzt' ich stähts. Der Nord zohg aus dem grunde
den starken hauch, und blihs mit ausgehohltem munde
das schwachche wasser-haus bald himmel-hohch empohr,
bald auf den abgrund hin, dass ich mich ganz verlohr.
                                      xix.
So güng di nacht fohrbei; an di ich wül gedänken,
so lange sonn' und mahnd an ihrem bogen hänken.
Es wahr nuhn hoher tahg, wir sahen Tipen stähn,
und lihssen unser schif von dahr zur Sähne gähn.
                                      xx.
Als nuhn der fünfte tahg uns guhte zeitung brachte,
dass alles stille sei (di winde blisen sachte)
so lühffen wihr ganz froh zum Gnaden-hafen ein,
nahch Hohn-flöhr immer zu, bei klahrem sonnen-schein.
                                      xxi.
Wihr lihssen uns alda aus frohe Land an-säzzen, [14]
das halb-erstorbne härz mit äpfel-must zu lätsen,
dehr diser Fölker trank. Der Nord-man sazt' uns führ
ein frisches Kirschen-ohbst mit seinem Malvasihr.
                                     xxii.
Was frohe lust wahr da! Das dorf wahr schöhn geziret
mit gassen durch und durch von laub-wärk aufgeführet:
di bäume sah man in gleicher ordnung stähn,
und üm den ganzen Platz vihl schöne gänge gähn.
                                     xxiii.
Wihr kahmen auf das fäld, das ganz fol weizen stunde,
mit gängen auch versähn; da gleich in einem grunde
ein höltsern Ritter kahm, sein libes Lihb entfüng,
und mit dämselben fort ins grühne Grühne güng.
                                     xxiv.
Was dacht' ich armer wohl! wi wahr mihr da zu härzen!
ach! ach! o noch einmal ach! möchte das nicht schmärzen, [15]
wan ich mit troknem mund' und nassen augen hihr
ein solches sähen mus; ach! wo ist meine Zihr?
                                      xxv.
O ädle Rosemund, o schöhnste von den Schönen,
von dehr Lustinne selbst ihr schöhn-sein mus entlähnen:
wo? (ich bö-böbre schohn, di glider zittern mihr,
der kalte schweiss brücht aus) wo bist-du meine Zihr?
                                     xxvi.
Wo bis-wo bist-du-du, ach o du aus-erwählte,
di mich in gegenwart ehmahls ganz näu besehlte,
und nuhn entsehlen kann. weil ich dich sähe nicht,
so nachtet's üm und üm, o du mein Sonnen-licht.
                                     xxvii.
Dis seufzt' ich bei mihr selbst; dis wahr mein heimlich klagen
bis in di dömmerung, ja das mich musste nagen,
bis Föbus wider traht auf seine güldne bahn. [16]
wihr lihssen unser schif, und reiseten fohran.
                                    xxviii.
Dis wahr der sechste tahg. Drauf sein wihr angeländet
des abänds zu Ruahn, so manche schiffe sändet
nahch dihr, o Mase, zu. Zwe tage blihb ich da,
bis ich den elften auch Parihs in Frank-reich sah.
                                     xxix.
Das ädele Parihs, ja das noch ädler wäre
und stölzer, als es ist, wans würdig währ der Ehre,
dich, o du mänsch-göttin, zu sähn in deiner zihr,
das grühsst' ich zwahr erfräut, doch auch betrühbt von Dihr.
                                      xxx.
Hihr läb' ich noch zur zeit inzwüschen leid und fräude:
in leiden, weil ich dich mit widerwüllen meide;
in fräude, weil ich säh', dass dihr sich keine gleicht,
wi schöhn si auch mahg sein, und fast mein zihl erreicht.
                                     xxxi.
Nuhn schlühss' ich meinen mund, dehr deinen ruhm zu süngen [17]
so färtig ist gemacht, dehm alles muss gelüngen,
wan du ihm winkest nuhr, und dehr auf dein gebot
izt sprücht, izt wider schweigt. nuhn läb' in deinem Got!
    Wiwohl si nuhn dises Lihd mit sonderlichem fleiss' und grohsser
bedachtsamkeit durch-geläsen hatte, so lihss si sich doch mit däm einigen mahle
noch nicht begnügen, sondern wolt' es noch eins übersähen, damit si dasjenige,
was si vihlleicht noch nicht rächt eingenommen hätte, foländ begreiffen möchte.
Weil si aber seinen brihf noch nihmahls geläsen hatte, so wollte si gleichwohl
auch gärne zufohr dessen inhalt wüssen; drüm erbrahch si das sigel, entfaltet'
ihn, und las' also dises
                                 Des Markholds
                               Antworts-schreiben
                             an di unvergleichliche
                                   ROSEMVND.
Wohl-ädel-gebohrne, tugend-folkomene,
meine in ehren hohch-währte, treu-geneugte Jungfrau; Nahchdähm es nicht gnug
ist, däm schreiben meiner Schönen gnüge zu tuhn, sondern auch höhchst nöhtig
erachtet würd, mein gewüssen der schwären bürde eines näulich-geleisteten
schwuhres zu [18] entlädigen; so überschikk' ich ihr dasjenige, welches, wan es
Si, seiner gering-schäzzigkeit wägen, nicht vergnügen kann, doch zum wenigsten
mich entbürden würd. Si schau' es nuhr, o leutsälige, wo si es nicht läsen mahg,
mit fräundlichen augen an, und lahss' Ihr auch den blohssen wüllen ihres Träuen
an statt der vergnügung dinen. Ich habe wohl gewust, dass dises lihd nih-mand,
befohraus ihr, als einem so kluhg=sünnigen überirdischen Mänschen-bilde nicht
sonderlich gefallen könnte; dahähr ich dann auch lange zeit zweifäl-schlüssig
gewäsen bin, ob ichs aushändigen sollte, oder unter meinen verworfenen
schreibereien den würmen zur speise ligen lahssen: weil ich aber dagegen auch
widerum wusste, dass Si zur geduld und sanftmuht gleichsam geboren wäre, so
bekahm ich widerüm einen muht; und habe mich also, nahch meiner guhten
zuversicht, einer gnädigen verzeuhung zu getröhsten. Inmittels bin ich ihres
verständigen uhrteils; und wo nicht einer scharfen, doch gelinden strahffe,
gewärtig. Si hat nichts mehr zu tuhn, als ihrem diner zu winken, so würd er sich
ihr zu gehorsamen, entweder zu schweigen, oder zu räden wül-färtig gebrauchen
lahssen. Aber mit was führ dank soll ich meiner [19] Jungfrauen begegnen, dass Si
führ ihren Diner so eine träue führ-sorge träget, und seine gesundheit so
härzlich zu wüssen begähret! mit was führ dank soll ich erkännen, dass si ihr alle
seine verrüchtungen so träulich angelägen sein lässet? nichts mehr weuss ich zu
tuhn, als mich, dehr ich Si, meines erleidlichen zustandes wägen, schohn
anderwärts berüchtet habe, zu beklagen, dass ich mich meiner Schönen und ihrer
Jungfer Schwäster (welcher Si unbeschwäret meinen freundlichen gruhss und
ehren=dihnste vermälden wolle) beraubet sähen muss, und ihnen nahch gebühr nicht
beiwäsend aufwarten mahg; dann ich begähre nichts mehr, als dass ich nuhr von mihr
mit rächt schreiben möchte, wi dass ich sei
                               meiner Jungfrauen
                                                          aller-demühtigster und
                                                      ganz-ergäbener Ehren-diner
                                                                                
                                                                       Markhold.
                                                                            [20]
    Rosemund befand sich, nahch verläsung dises schreibens, fohr verwunderung
und fräuden zu=gleich bestürzt. Di verfassung schihn, dehm ehrsten anblikke
nahch, schihr was fremde zu sein führ Si; so, dass si nicht gewüss wusste, ob es
auch an si geschriben wäre, oder ob es nicht vihlmehr an ihre Jungfer Schwäster
lautete. Si kährt es üm und wider üm, und suhcht' auf allen änden, ob sie einige
kän-zeuchen, zu bekräftigung ihrer Meinung, fünden möchte. Si lase di
überschrift, da fand si ihren namen; doch gleichwohl blihb si auf ihrer
gefassten Meinung, und gedacht', es möchten vihl=leicht di schreiben, aus
über-eilung, verwächselt, und di überschriften unrächt anfgeschriben sein. Di
ansprahche kahm ihr nicht führ, als wan si unter verlihbten geschähe, oder aus
einem solchen härzen hährrührete; gleichwohl wahr es di antwort auf ihr
schreiben. Si wollte muht-mahssen, als wan ein anderer ihr brihflein
auf-gefangen, und es dehrgestalt beantwortet hätte; aber gleich-wohl sah si
ihres Markholds eigne hand: Zu dähm, so bezeugt' es auch das sigel, in welchem
zwei härzen (da aus däm einen ein Rosen-stok, aus däm andern ein Palmbaum mit
der frucht härführ wuchssen) mit kätten zusammen-gefässelt stunden: das sigel,
sag' ich, welches si beide zum zeuchen ihrer ewigen träue zu führen pflägten.
    Di guhte Rosemund befand sich zwischen furcht und hofnung; dann ob si sich
schohn fürchtete, dass sich nicht etwan eine ausländerin in ihre ställe
ein=gedrungen hätte, und Si vihlleicht durch solche entlägenheit, di si
beider-seits däs anschauens beraubete, nicht auch aus seinem härzen vertilget
wäre; so konnte si doch gleichwohl noch einige hofnung schöpfen, wan si erwohg,
dass er sich in seinem schreiben noch ihren Geträuen benännte; wan si behärzte,
wi fräund-sählig er ihr begegnete, und wi [21] di libe, ob er si schohn nicht an
den tahg gäbe, doch gleichwohl unter solchen härz-drüngenden räden verborgen
lähge.
    Diser wahn gefihl ihr abermahl nicht; dann der libeseifer brachte si, nach
seinem alten gebrauch, auf tausendterlei gedanken. Si hihlt es nuhr führ eine
angefärbte scheinlibelung, di er gegen ihder=man, da doch sein härz weit anders
gedächte, wohl zu gebrauchen wüste. In solchen unruhigen gedanken begahb si sich
an den tage-leuchter ihres zimmers, welcher gegen westen güng, und vermeint'
alda was mundterer zu wärden: alein es wahr ümsonst; di Einbildung ställt' ihr
den unschuldigen Markhold in den armen einer fremden führ, und si sah ihn, doch
nuhr mit den gedanken; dann mänschliche augen wahren zu schwach durch so vihl
bärg' und büssche zu sähen; Si sah' ihn, sag' ich, ümarmet, und in
libes-anföchtung: Si sah' ihn fräudig und traurig zugleich. Ja si macht ihr
solche wunder-seltsame gedanken, dass si dahr-über wohl gahr in eine
blöhd-sünnigkeit gerahten wäre, wo es nicht Adelmund, di von disen sachchen noch
ganz nichts wusste, durch ihre dahrzwüschen-kunft verhindert hätte.
    Rosemund bemühte sich, so bald si ihrer Fräundin gewahr ward, ihren
schmärzen zu verbärgen, damit si ihr di uhrsachche nicht sagen dürfte: dann si
wusste wohl, dass Adelmund des Markholds grohsse Gönnerin wahr, und nihmahls
nichts ungebührliches von ihm zu gedänken, ich schweige, zu räden pflägte: drüm
ging si ihr von stunden an entgegen, und entfing si mit solchen fräudigen
gebährden, welches si allezeit so meisterlich tuhn konnte, gleich=sam in
lachchendem muhte, als wan si ganz von keinem anligen wüste, und hatte den
brihf, dehr alle dise unruhe bei ihr veruhrsachte, führ dem tage=leuchter,
dessen flügel si widerum zu-gemacht hatte, [22] aus furcht ligen lahssen: dann si
kont' ihn nicht so bald, dass es ihre Fräundin nicht wäre gewahr worden, hinein
nähmen.
    Adelmund aber, welche sehr kluhg und bedacht=sam in allen ihren sachchen
handelte, unangesähen, dass si noch überaus jung wahr, sah wohl an ihren wangen,
welche gleichsam mit blut-färbigen streiffen über-mahlet wahren, dass si geweinet
hatte, und sich nuhr, ihre traurigkeit zu verbärgen, so fräudig ställte. Si lihs
ihr anfangs nichts märken, dass si einige traurigkeit an ihr verspürete, und fing
straks von andern lustigen sachchen an zu räden. Meine libe Rosemund, sagte si,
ich bin sehr erfräuet, dass ihr Her Vater so glücklich wider nahch hause gelanget
ist: dann er wahr gleich damahls von einer gefährlichen reise, da man sein schif
feindlich bestürmet hatte, wider anheim kommen. Ich bin izund in der statt
gewäsen, fuhr si fort, ihn zu besuchen, da hab' ich gesähen, was er ihr und der
Stilmuht ihrer Jungfer schwäster, fohr köstliche sachchen an ädelgesteine und
seidenen wahren mit-gebracht hat; mihr selbst hat er ein stükke sammt und atlas,
ohne mein verdihnst, und disen über-köstlichen Demant-ring, zur verehrung
gegäben, dass ich nicht weus, wi ichs erwidern soll.
    Als sie nuhn vermärkte, dass Rosemund ihren unmuht in etwas mochte vergässen
haben, so huhb si algemach von dem Markhold an zu räden, dessen schreiben si
äben entfangen hatte. Auch hab' ich mich (fuhr si unter andern weiter fort)
nicht wenig zu erfräuen, dass so ein liber Freund, als Markhold ist, seinem
wündschen und begähren nahch, so glücklich gewäsen ist, und seine reise nuhnmehr
bis nahch Parihs folbracht hat.
    Uber disen namen Parihs erseufzete di guhte Rosemund, schwihg still', und
sah nahch dem tage-leuchter zu, fohr dehm si sein schreiben ligen
gelahs-[23]sen hatte. Adelmund aber, di nuhn leichtlich märken konnte, üm welche
zeit es wäre, und wo si der floh gebissen hätte, erdachte zur stund' einen rank,
oder, damit ichs deutlicher gäbe, eine höfliche Lügen, damit si di Rosemund
befridigen möchte: Ja ich bin noch mehr erfräuet, rädete si weiter, dass er, laut
seines an mich getahnen schreibens, in kurzer zeit wider zu rük kommen würd.
    Was! fing ihr Rosemund das wort auf, und sah si mit flinkernden augen an,
soll er in kurzer zeit widerkommen? ich kann es fast nicht gläuben, doch der
Jungfer und ihm nichts zu nahe gerädet; er würde mihr sonder zweifäl, so er es
nuhr im sünn' hätte, solche hofnung auch gemacht haben. Ja freilich, sagt'
Adelmund, er würd si mit seiner Anwäsenheit bald wider erfräuen; und indähm si
dises rädete, so neugete si sich nahch ihr zu, und sah' ihr unter das gesichte,
di mahl-zeuchen ihrer trähnen wahr zu nähmen, als wan si solches nicht schohn
fohrhin gesähen hätte; wohrüber sich Rosemund entfärbete, und di augen fohr
schahm nider-wärts schluhg. O! fing Adelmund an, meine Jungfer, wahrüm wül si
ihr weh-leid führ mihr verbärgen, und wahrüm hat si ihr, mihr zum führ-schein,
eine so fröhliche gestalt angenommen, da doch di märk=mahl der trähnen ihr
weinen und innerliches härz=leid verrahten.
    Rosemund wolt' es anfangs nicht gestähen; ändlich aber, als si ihr so vihl
zu gemühte führete, wi aus einer blohssen einbildung und irrigen gedanken so ein
grohsses unheil erwachsen, und wi dämselben durch guhten raht einer träuen
Fräundin könnte fohrgebauet wärden; so lihs si sich beräden, und erzählte der
Adelmund ihr ganzes anligen; si wolt' ihr auch sein schreiben selbst läsen
lahssen, aber der wind hatte solches schohn fohr dem tage-leuchter wäg-gewehet.
[24-25].
    Was sagt nuhn unsere Rosemund, di armsälige, dahrzu, welche ehrst rächt
armsälig würd, indähm si ihres geträuen Markholds schreiben so schändlich
verschärzet hat. Da stähet sie verstummet, anfangs führ schahm und unwüllen
erröhtet, nahchmahls verblasset, wi eine rose, di auch im anfang roht, härnach
blas, und ändlich gahr verwälket dahin fället.
    Kom Markhold deiner Schönen zu hülffe; komm und tröhste si; labe si und
stärke si; dann si liget in ohnmacht, si vergähet wi eine rose, di der Nord
bestürmet; wi di Sonne, wan es nachtet. ach! schaue di arme! wi si kaum noch ein
wenig röchchelt! nichts läbet mehr an ihr als das härze, welches un=aufhöhrlich
klopffet und puffet, dässen kraft und würkung auch der Schlahg unter der linken
hand entfündet, dehn es fohr libe mit solcher ungestühmigkeit schlagen machchet.
    Aber Markhold ist alzu weit entfärnet; drüm komm du, lihb-sälige Adelmund;
trit aus mitleiden härzu, und rätte deine Fräundin, eile zu hälfen, Du hast hohe
zeit. Dan wan Du ihr läben rättest, so würstu zugleich deinen Lands-man den
Markhold, dessen läben an däm ihrigen hanget, aus den banden des todes erlösen.
stärke ihren geist mit kraft-wasser, dass er sich wider erhohle; nüm den
schlahg-balsam und bestreiche dijenige, di das läben deines Fräundes fristen
soll.
    Als sich nuhn Rosemund durch hülfe ihrer Fräundin algemach wider zu besünnen
begunte, so kährte si ihr gesicht also ligend nahch dem tage-leuchter gegen
Westen zu (dann auf zu stähen wahr si noch zu macht-lohs) und rädete mit
schwachcher sprache dise halb-zerbrochchene wort: ach! ach! verzeuhe mihr mein
härzlihbster, dass ich solch-ein ädles pfand so unachtsam verwahret habe: ach!
ich habe mich an dihr verbrochchen; du bist gerächter als ich; [26] wi wül ich
das immermehr fohr dihr verantworten? dises ist vihlleicht di strahffe meines
arg-wahnes, und di rachche deiner unschuld! wohl! ich kann nichts mehr tuhn, als
dich üm verzeuhung bitten!
    Hihrmit erhuhb si sich, stund auf, und schauete zum tage-leuchter hinunter,
ob si irgend des brifes im garten könnte ansichtig wärden. Als si nuhn nichts
ersähen konnte, so lühf si selbst hinab und suhchte mit allem fleis, aber da wahr
kein brihf fohrhanden. Si kahm wider hinauf in ihr Zimmer, und huhb bitterlich
an zu weinen, ahs noch trank nichts, und lägte sich also, nahchdähm ihr Adelmund
guhte nacht gegäben hatte, zu bette.
    Da lahg nuhn di arm-sälige in so vihl hunderterlei gedanken, dass si auch di
ganze nacht schlahf=lohs durchbrachte; und des morgens, als der himmel kaum zu
grauen, und der tahg härführ zu blikken begunte, ihr bette verlihs, und sich in
ihr inneres bei-zimmer begahb, in wüllens ihres Markholds fohrige schreiben, und
alle lider, di er an si, und seine Fräunde verfasset hatte, durch zu sähen;
damit si beides seine zuneugung gegen si auf das genaueste beobachten, und dann
auch di verdrühsliche zeit versühssen möchte.
    Nahchdähm si nuhn nahch gewohnheit ihr morgen-gebäht verrüchtet, und etliche
haubt-stükke aus der heiligen schrift (in welcher si sich, wi-wohl es sonst
ihren Glaubensgenossen verboten ist, gleich=wohl auf einrahten der Adelmund
fleissig zu üben pflägte) in hohchdeutscher Sprache mit sonderlicher andacht
geläsen hatte: so nahm si ihr prunk=lädichen, welches von fohren-holz, und gahr
zihrlich mit golde beschlagen war, dahrinnen si ihres Markholds geschribene
sachchen, als ein Heilig=tuhm verwahret hatte. So bald si solches eröfnet, und
das Sünnen-bild, welches si sonst, wi ich schohn erinnert, auf ihren pitschaften
zu führen pflägten, [27] erblickt hatte; da nähmlich zwei härzen mit güldnen
Ketten zu-sammen gefässelt stunden, und aus däm einen ein rosen-stok
härführ-spros, näbenst einer häl-flammenden gluht, di auf der einen seite nahch
däm andern zu, aus welchem ein palmbaum mit der frucht in di höhe wuchss, härführ
schluhg, und di zweige zwahr entstahk, doch nicht versehrete; mit diser losung:
                            Keine Last sonder Lust.
So bald si, sag' ich, solches ihr Sünnen-bild erblikte, so huhb si an zu
seufzen, und sagte mit lauter stimme; jah es ist wohl wahr, dass keine lust ohne
last ist; und wan nuhr auch ändlich diser Sünnen-spruch, Auf last komt lust,
darauf folgete, so könnte sich ein härz noch wohl mit fräuden, wi ein palmbaum,
der aufgelägten bürde wider-säzzen, und seine beiden hügel wider alles unglück
mit gewalt auf-rüchten.
    Als si solches gerädet hatte, so nahm si di brife häraus, und sah straks zu
öberst härführ blikken dises
                                 Des Markholds
                                 Abschihds-lihd
                        An seinen stand-fästen, geträuen
                                  Felsen-sohn,
                          Hern zur Ehren-burg, u.a.m.
                                       i.
Felsen-sohn, mein andres Ich,
sei geruhig meinen Brüdern
zu zu hören wülliglich;
di mich mit belihbten Lidern
heute grühssen; da ich mahg
feiern meinen nahmens-tahg. [28]
                                      ii.
Heute, da des himmels zihr
sich zu kleiden wahr geflissen,
schrihb mein Deutschmuht hähr zu mihr,
ja mein Bornman fühgt zu wüssen,
wi er dise ganze nacht,
und noch izund, lider macht.
                                      iii.
Eines schikt mihr jener zu,
diser kömmt auch an zu paren;
wo doch aber bleibestu?
hält dich etwan bei den hahren
Deine, di Dich von mihr trännt,
und sich deine Fürstin nännt.
                                      iv.
Adelmund ist auch schohn hihr,
jah ihr bruder würd bald kommen;
schau', es fählet nuhr an Dihr;
Du hast mihr di lust benommen,
dahrüm dass du dich entzühst,
und der Fräunde lust nicht sihst.
                                       v.
Aber du hast andre lust,
di Dihr tahg und nacht würd bleiben,
wi Dihr selber ist bewust,
und mihr zeugt des Lihbholds schreiben;
Lihbhold schreibt es kurz und rund,
wohl! so bleibt mihr Rosemund. [29]
                                      vi.
Ich erfräue mich mit Dihr,
und weil wihr uns brüder nännen,
so wird Deine Lihbste mihr,
hoff' ich, gänzlich auch vergönnen,
dass ich selbe disen tahg
meine schwäster nännen mahg.
                                      vii.
dann ich trünk' ihr wohl-ergähn
bei der Amstel in dem reihen;
Lachmund lässt es auch nicht stähn,
mus sich selber mit mir fräuen;
Brunschweig schikt uns ädles bihr,
Zerbst ist selber auch alhihr.
                                     viii.
Rosemund mein einigs Al,
meine Fromme, meine Schöne,
mein Erhöben und mein Fal,
macht mihr izt ein solch getöhne,
jah si würd mihr mund und hand
gäben als ein Libes-pfand.
                                      ix.
Izt gäh' ich zu lätst mit ihr
bei den blanken Amstelinnen,
unter ihrer linden zihr;
dann, (o schmärz!) ich mus von hinnen,
jah von hinnen mus ich zühn,
und mein eignes glück flühn. [30]
                                       x.
Ein verhängnüs träkt mich fort,
o däm ungemänschten Tihre!
dass ich disen ädlen ohrt,
ach! o schmärz! o leid! verlühre:
aber was! es muss so sein,
mein gemüht zwüngt helfenbein.
                                      xi.
Weich- und weiblich-sein gezihmt
einer Jungfer und den Weibern;
aber dehr sich mänlich rühmt,
muss nicht kläben an den leibern,
di nahch ehr und ruhm nicht gähn,
und im schwachchen Volke stähn.
                                      xii.
Sol ich dann so führ und führ
bei der aller-lihbsten ligen,
und nicht kommen führ di tühr,
jah mich gleichsam knächtisch bügen?
ach! das wül mihr gahr nicht ein;
ich kann nicht guht weibisch sein.
                                     xiii.
Bin ich gleich nicht was ich bin,
soll ich gleich di gunst verlühren,
doch behalt' ich meinen sün,
lahsse mich kein schmäuchlen rühren:
schöhnheit hält mich ganz nicht auf,
tugend gäht doch ihren lauf. [31]
                                      xiv.
Ehre bleibt mihr, oder nichts;
reisen mus ich, oder stärben:
doch di kraft däs nahch-gerüchts
lässt ohn dis mich nicht verdärben:
meine starke Tichterei
macht mich fohr dem tode frei.
                                      xv.
Tohd, was unterstähstu dich,
wültu unsre ros' ent-röhten?
wültu, Neid, vergiften mich?
nein. ihr könt uns nimmer töhdten:
wüsst ihr nicht, dass ins gemein
alle Tichter himlisch sein.
                                      xvi.
Dise helden gähn härführ,
führen nichts als Ehren-zeuchen:
dinte, fäder und papihr
wärden eurer macht nicht weichen;
dann ihr himlisches gemüht
schreibet kein vergänglichs lihd.
                                     xvii.
Dis, mein ädler Felsen-sohn
haben wihr zum hohen lohne;
dis tuht unser klahrer tohn,
dass wihr stähn fohr Föbus trohne,
sähn bekränzt den stäten Mei,
wüssen nicht was stärben sei. [32]
                                     xviii.
Dis macht mich der fräuden soll,
dis erräget mein Gemühte;
dass ich sünge, wi ich soll,
wan mein innerlichs geblühte
sich erhitzt mit himmels-kraft,
dass es nichts, was stärblich, schafft.
                                      xix.
Lätslich, weil ich jah mus zühn,
und den wüllen nicht kann zäumen,
ei so soll und wül ich ihn
selbst beförtern ohne säumen.
Drüm befähl' ich dich dem Hern,
und mich Dihr, o Fräunde kern!
                                      xx.
Kern der Fräunde, di mihr sein
ihmahls auf der wält verpflüchtet,
mein vertrauter ohne schein,
dehr mich schwachchen auf gerüchtet,
Dihr befähl ich auch zu lätst,
was ich bei Dihr ein-gesäzt.
                                      xxi.
Meinen schaz befähl ich Dihr,
dehr mihr ehmahls hat gegäben
meinen bästen schmuk und zihr,
jah ein unvergänglichs läben,
dass ich nuhn im klugen Sün
himlisch und nicht irdisch bin.
                                                                            [33]
    Nahch verläsung dises begunte Rosemund wider einen muht zu schöpfen, und
las' auch di andern schriften alle durch; aus welchen si vihl anzeugungen seiner
härzlichen libe gegen si unschwähr erkännen konnte. Unter andern fand sich auch
ein gebundenes schreiben, welches er fohr disem an seine Frau Mutter hatte
abgähen lahssen; Si überlühf es auch, damit si ja sähen möchte, ob er etwan in
seinem Vaterlande an eine andere verbunden wäre, di er sonder zweifäl dahrinnen
seiner Frau Mutter fohr seinem Abreisen anbefählen würde. Sähet, so verdächtig
ist di eifrige Libe, und so argwähnisch ist unsere Rosemund! Es wahr aber
ohn-gefähr auf dise weise verfasset.
                                 Des Markholds
                                Ticht-schreiben
                              an seine Frau Mutter
                                Di Himmelshulde,
                                     u.a.m.
Ein wohl-behärztes härz, ein aufgewäkter Sün,
ein muht, der Feuer fühlt, würfft alles seit-wärts hin,
was blöde-sein uns heisst. Er lässt ihm nicht genügen
in seiner Mutter schohs sein läbelang zu ligen,
wo sich di tugend nicht, wi sonst, vermehren kann;
nümmt seine schanz' in acht; mus ofters ein Tiran [34]
däs mutter-härzens sein. Züht aus, wo lust und tugend
den wakren muht hin-führt im länzen seiner jugend.
Es mus ihm Se und wind kein schräkken jagen ein,
wo anders sein gemüht und härz wül tapfer sein,
nicht weibisch und verzahgt. Drüm lahsst euch dis nicht schmärzen,
Frau mutter, wan es gleich ein wenig gäht zu härzen,
dass ich izt weiter züh. dänkt, dass di tugend nicht
so trög und las kann sein. si waget sich ans licht.
wan gleich der wider-stand, das unglück, si wül schräkken,
wan gleich ein härz-magnet si wül zu-rükke träkken;
so eilt si doch hindurch, bis si gewonnen hat,
vergnüget wider-kömt, und ist der fräuden sat.
Ich zühe zwahr von euch; doch wül ich euch vergnügen,
und mich zu eurer Lust bald widerum verfügen:
würd nicht alsdan di lust und fräude gröhsser sein, [35]
di keinen ekel führt, als di, so stähts gemein?
Ei lähbt in-dässen wohl! di zeit würd bald verflühssen,
und meine widerkunft das leid mit lust versühssen.
                         Euer gehohrsamster träu-liber
                                                                            Sohn
                                                                       Markhold.
    Als si nuhn gahr nichts unter allen seinen Schreibereien fünden konnte, das
ihrer libe nahchteilig sein möchte, so suhchte si noch in den untersten
schaube-kästlein, dahrinnen fand si dises
                              Einsprahch-getichte.
                             der Gold-apfel rädet.
Di Eris truhg mich feil am blanken Amstel-strande,
Das alte Murmel-tihr, bis sich das Glükke fühgt' [36]
und Paris mich bekahm, als er fuhr ab vom Lande,
und länkte sich dahin, wo Lihb' und Weusheit lihgt,
wo Reichtuhm ruht und schlähfft. Di dreie von den Schönen,
di dreie so di wält beherschen üm und üm.
Es ward üm mich ein zank; da teilte, dis zu söhnen,
der Paris mich in drei, und stillte zank und grim.
Aus einem warden drei, und wider eins aus dreien;
ich eines habe nuhn den dreien gnug getahn:
was meint ihr was ich bin? Es mus sich alles fräuen
in diser einigkeit, und frölich stimmen an:
Runde kugeln lauffen färn;
güldne farbe bländet gärn,
glückkes-fügung tuht also,
macht uns unversähens fro.
    Hihr-über stund si, und besan sich eine lange zeit, was dises fohr dreie
sein möchten, di er hihr-innen anrädete. Aendlich erinnerte si sich, dass er kurz
fohr seinem Abreisen einen Gold-apfel von einem Fräunde, dehr ihn bei einer
alten Frauen gekaufft, zur verehrung bekommen, und selbigen nahch=mahls unter si
dreie, nähmlich, unter Rosemund, Stil-muht und Adelmund aus-geteilet hätte. Ja
[37] si kont' überal, wo si nuhr suhchte, nichts fünden, das ihn möchte
verdächtig machchen; doch gleichwohl wollte si däs schreibens, welches si nuhn
noch ein=mahl zu suchen hinunter in den garten ging, nicht vergässen.
    Si suhcht' eine guhte weile dahrnahch, und als si es ändlich im
Wasser-graben ligen sah, so stihg si eilend und ganz erfräuet hinunter, und
trihb es mit einem Indischen Rohrstabe, welchen si äben zu dähm ände mit sich
genommen hatte, nahch dem rande zu, dass si es erreichen konnte. Si trüknet' es
wider bei der Sonnen; aber di dinte wahr durch di angezogene feuchtigkeit so
sehr zerflossen, dass man di schrift kaum läsen konnte: gleichwohl schlos si es
unter di andern mit ein, und verwahrt' es so eigendlich, damit si sich jah nicht
färner verbrächchen möchte.
    Es gingen zwe oder drei tage fohrbei, ehe si sich zur antwort entschlühssen
konnte, und in diser zeit hatte si wohl so vihl tausendterlei einfälle, ja so
vihl als zeitblikke dahrinnen waren, dass es unmühglich wäre, si alle zu
erzählen. Bald wollte si sich, der Wält ganz ab zu stärben, in den heiligen stand
begäben, und in einem Jungfer-zwünger ihr Läben schlühssen; bald wahrd si sünnes
ein gelühbde zu tuhn, dass si sich nimmermehr verehligen wollte; ändlich entschlos
si sich das schähffer-läben zu erwählen, damit si, im fal ihr Markhold durch
seine kurz=künftige wider-kunft seine unschuld bezeugen würde, einen solchen
stand (welches si in den fohrigen beiden nicht tuhn könnte) wider verlahssen, und
ihm durch ihren abfal jah keinen fuhg und uhrsachche zu seinem verdärben gäben
möchte.
    Als si nuhn disen schluss bei ihr befästiget hatte, und nuhnmehr ein leichtes
sommerkleid, von schähl= oder stärbeblauem zerhauenem atlas, mit einem
rose-farben seidenen futter, wi di Schähfferinnen zu [38] tragen pflägen, an zu
lägen gesonnen wahr; so wollte si gleichwohl ihrem Markholde zufohr, in
dehmjenigen stande, dahrinnen er si gelahssen hatte, noch einmal schreiben;
befahl also ihrer kammerdinerin fäder und dinte zu bringen, und begahb sich in
ihr geheimes zimmer ganz aleine, damit si in ihren gedanken nihmand verstöhren
möchte.
    Nuhn wollen wihr unsere Rosemund in ihrer andacht lahssen, und uns
unterdässen nahch Parihs zu ihrem Markhold begäben; da wihr ihn gleich in einer
lustigen Gesellschaft fünden wärden. Er weus nichts von dem unwillen seiner
Rosemund, ist lustig und trünkt auf ihre gesundheit. Di zeit kömt nuhnmehr wider
härbei, da er ihre antworts=schreiben entfangen soll, aber si verweilen sich was
lange; doch gleichwohl hat er keine mis-hofnung.
    Er gerät ohn gefähr, als er mit einem führnähmen Hern soll lust-wandeln
fahren, unter etliche Franzinnen, di ihm dann mit solcher ehr-erbütigkeit
begegnen, dass er sich, unangesähen wi unwüllig er über dis sein verhängnüs ward,
eine guhte weile bei ihnen auf-halten mus. Si machchen ihm aller=hand
kurz-weile, und beweisen sich so lihb-sälig, dass er ändlich gezwungen würd, sich
auch (seine schuldigkeit zu beobachten, ob es gleich nicht aller-dinge von
härzen gähet) lustig zu erzeugen.
    Unter disen befündet sich äben eine gelährte Jungfrau, derer brust-tuhch
ohngefähr auf-gesprungen ist: und als si dässen gewahr würd, so begähret si von
däm andern Frauenzimmer eine stäk=nahtel. Markhold aber, dehr ihr am nähesten
sizt, und sich ändlich, weil es jah nicht anders sein kann, zur lust bekwähmet,
über-reicht ihr eine. Si entfähet selbige mit tühffer dankbahrkeit, und in-dähm
dass si unter-einander kurzweilen, und allerhand lächcherrliche schümpfräden
führbringen, verlätst si sich unversähens an einem fin-[39-40]ger, und macht
sich bluht-rünstig. Hihrüber fähet di eine zu lachchen an, und sagte, dass di
nahtel aus des Lihb-reizzes bogen gemacht sei, dahähr habe si di alte würkung
des Bogens und der pfeile, welche den mänschen solche bitter-sühsse wunden
zu-fügen könten, behalten, und an ihr gleichfals bewisen. Di eine spilet auch
ein geticht' in ihrer mutter-sprache dahr-auf: und Markhold wül sich solchem
gärn mit einem andern wider-säzzen, und das wider=spihl erweisen, wo er nuhr
ihrer sprache so vihl mächtig sein könnte: gleichwohl unterlässt er nicht solches
in lateinischer zunge, doch nahch der hohch=deutschen Tichterahrt, zu tuhn;
dehrgleichen man im lateinischen noch nihmahls gesähen: dann er wens wohl, dass di
eine, und sonderlich di verwundete, der lateinischen sprache kündig ist. Was er
gegen-spilet, ist dises
                               Drei-säzzige Lihd.
                     nach der hohch-deutschen tichter-ahrt.
                                       1.
Hanc acum dicitis, o Nymfæ, me fecisse
ex arcu Gnydii? sed negat hoc submissè
Magnetis spiritus in vestro sanguine,
qui multùm læsus est, cùm traxit hanc ad se.
                                       2.
O dulcis punctio! est talis vis in cute?
sit hoc ex sanguinis magneticâ virtute?
quæ acum deperit & ambit protinus.
ô attractiva vis, quam cuncti sensimus!
                                       3.
Non solùm trahitis hanc acum, o puelloe,
sed trahitis & cor; & animaæ tenellæ
vim vestram sentiunt; imò vos spiritus
attrahitis ad vos. quid, quæso, fortius?
                                                                            [41]
    Solcher gestalt brachte Markhold disen Lust=wandel mit den Parisinnen zu,
und täht nichts im geringsten, das ihn bei seiner Rosemund verkleinern oder
verdächtig machchen könnte.
    Nachdähm nuhn diser lust-wal verrüchtet, und si sämtlich von der Kutschen
abgesässen wahren, so nahm Markhold von diser lustigen Gesellschaft, ohne
sonderliches wort-gepränge, seinen abschihd: und kahm noch selbigen abend zu
seinem träu-liben Wahrmund von der Tannen. Diser hohch-erfahrne und
grund-gelährte Fräund, dehr sich der grohss-mächtigen Deutschinnen, durch
aus-arbeitung ihrer Helden-sprache, so träflich verdihnt gemacht hat, unterhihlt
ihn mit einem zwahr lustigen und doch auch nüzlichem gespräche, eine gute zeit:
bis er ändlich von einem seiner lands-leute, dehr ihm zugleich ein schreiben von
seiner Rosemund über-lüferte, abgefordert wahrd.
    Nihmahls ist kein mänsch wehr erfräuet gewäsen, als Markhold; nihmahls hat
sich ein Fräund dank wülliger erzeuget, als er gegen den lüferer dises ädlen
schazzes, den träuen Härz-währt. Nih-mahls haben brüder einander so vihl
vertrauet, als dise zwei mänschen-bilder; welche beides ihre gebuhrt- und
landes-ahrt, das glückk' und di zuneugung in so ein fästes band der ungefärbeten
fräund=schafft verknüpfet hatte. Markhold nahm abschihd von dem rädlichen
deutschen härzen, dem Wahr=mund von der Tannen, und begahb sich mit seinem liben
Härz-währt nahch hause.
    Als sie nuhn beide in des Markholds zimmer aleine waren, so erbrahch er den
brihf, säzte sich zum tage-leuchter aleine, in dässen dass sich sein Fräund bei
dem tische nidergelahssen hatte, und befand ihn folgender gestalt verfasset.
[42]
                                  Der Rosemund
                                   Schreiben
                                an den Markhold.
Mein Her,
ich weus nicht, ob ich mich bedanken darf, oder ob ich vihl-mehr seinen irtuhm
bestrahffen soll, dass er ihm hat beliben lahssen eine solche verehrung mihr, als
einem dehrselbigen unwürdig-erachteten mänschen-bilde, zu übersänden. Ich hihlte
si hohch und währt, und könnte si nicht tadeln, wan nuhr di an- und namenschrift
nicht verwächselt, und si der wahren besizzerin zu-geschriben wäre. Er hat
seiner dinerin versprochchen di verfassung seiner reise zu überschikkten,
welches er auch getahn: doch gleichwohl ist si nicht vergnüget, sondern, er
verzeuhe meinem fräfäl, vihlmehr beleidiget: indähm er dasjenige, was er
vihlleicht seiner härz-allerlihbsten zu über-schikken entworfen hat, ihr, als
einer solchen hohen libes-bezeugung unwürdigen, gleichsam zu hohn und spot
einhändigen lahssen. Aeben dasjenige würd di seinige selber tuhn, so anders
meine muht-massung wahr ist, dass er ihr dasselbige, was er vihlleicht meiner
wenigkeit zu gefallen [43] verfasset hat, aus einem irtuhm zu-geschriben.
    Bei solcher gestaltnüs nuhn, hab' ich dis inligende reiselihd, damit ich
mich an der Seinigen, durch fohr-behaltung ihres eigen-tuhms, nicht verbrächchen
möchte, wider-üm an seine uhrställe lüfern wollen. Bedanke mich doch auch nichts
däs zu weniger zum höhchsten, dass mein Her gleichwohl den sün gehabt hat, seiner
Dinerin zu wül-fahren, mit dähm erbühten, dass ich solches durch mühglichste
dihnst-leistung, wo mein Her mihr nuhr mit einem winke gebüten würd,
gehohrsamlich erwidern wül: ja, im fal mihr solches aus schwachheit oder andern
hinternüssen zu fol-bringen nicht gestattet würde, so hab' ich doch das
verlangen, und solt' es gleich wider seinen wüllen geschähen, mit taht und namen
zuverbleiben,
        Mein Her,
                            Seine alein-träu-eifrige
                       und härz-verpflüchtete Dinerin, so
                            lang ich bin und heisse
                                                                       Rosemund.
                                                                            [44]
    Markhold erseufzete vihlmahls über disen brihf, und entfärbete sein gesichte
so mannigmahl, nahchdähm er ihm bald vihl, bald wenig verhihsse. Der
libes-verdacht und di furcht, als zwo unfähl=bahre würkungen einer standfästen
libe, welches ihm Rosemund alles beides zu verstähen gahb, veruhrsachten
zugleich fräud' und schmärzen. Er las' es über und wider-über; besah den anfang
und das ände. Wahr der eingang hart, und das mittel untertähnig, so wahr doch
der schlus sehr kläglich und sehr härz-entfündlich. Das ganze schreiben kahm ihm
nicht führ, als wan es von so liber hand geschriben wäre; dann si rädet' ihn fast
nicht anders an, als in furcht, und gleichsam als einen strängen gebüter, dehm
si untertähnig wäre; sonderlich wan er das mittel, nahch dem aus-gange zu,
betrachtete: doch gleichwohl gahb ihm der Schlus noch einige hofnung, und
erinnert' ihn seines fohrigen brifes, dahrinnen er si nicht als seine Lihbste,
sondern nuhr alein, als sonst eine von seinen träuen Fräundinnen angerädet
hätte: welches er dann blohs zu dähm ände getahn, damit nih=mand, so er etwan in
andere hände gerahten würde, ihre heimliche verbündnüs verstähen möchte.
    Das wider-eingehändigte lihd, welches er indässen, dass er den brihf las', in
den tage-leuchter geläget hatte, sah er auf eine seite mit unwüllen an, und
dräuete solches ins feuer zu wärfen. Weil er ihm aber bedünken lihs, dass es fohr
solchem seinen harten anblikke gleichsam wi ein diner (dehr seine bohtschaFt
nicht rächt bestället hat, und unverrüchteter sachchen wider zu seinem Hern
gelanget ist) führ furcht erzitterte, so nahm er aus mit-leiden dises
unschüldige und gleichsam verschmähete lihdlein, und schlos es bei seite, damit
es ihm nicht mehr härze-leid veruhrsachte. [45]
    Also stund der guhte Markhold eine guhte zeit zwischen furcht und hofnung;
und sah wohl, dass er si, wo nicht erzürnet, doch gleichwohl arg-wähnisch und
schähl-sichtig gemacht, üm dass er si in seinem lätsten schreiben nicht
austrüklich seine Lihbste genännet hätte.
    Es kahm ihm sehr befremdet führ, dass äben si, als ein so hohch-verständiges
und wüzziges Frauen=zimmer, ja dehr di lang-mühtigkeit, geduld und höhfligkeit
gleichsam angebohren waren, wider dise ihre gebuhrts-ahrt, ihm solch-einen
heimlichen stück gäben konnte; einen solchen stück, dehr ihn so häftig schmärzte.
Aber er stälte sich gleichwohl bald zu friden, wan er in betrachtung zohg, dass
si hihrdurch ihre eifrige Libe, di si zu ihm trüge, blikken lihsse, und dass
nicht si, sondern di häftigkeit ihrer Libes=anföchtung, ihre fäder geführet
hätte. Er kont' ihr üm so vihl däs zu mehr verzeuhen, weil er un=schwähr
vermärkte, dass di Libe, der grausame Sählen-wühterich, dises angestiftet hätte;
und ihr ein höheres Lohb zu-schreiben, weil dises di unverwärflichen
märk-zeuchen ihrer unverfälschten träue wären.
    Nachdähm er sich also eine guhte zeit mit disen gedanken überworfen hatte,
so ward sein lihbster Härz-währt, dehm di zeit auch was lang fallen wollte,
gezwungen, ihn anzusprächchen. Er fragt' ihn, ob etwan seiner Lihbsten ein
unglück begegnet, und ob si irgend krank wäre, oder ob si sonst etwas geschriben
hätte, welches ihn zu diser angst-mühtigkeit veruhrsachte?
    Der guhte Markhold schwihg eine lange zeit stok-stille; dann er hatte sich in
seinen gedanken so sehr vertühffet, dass er nicht eigendlich hörete, was sein
Fräund sagte; weil ihn aber Härz-währt so inständig an-sah, so besann' er sich
ändlich, und gab doch nichts mehr als einen tühf-gehohlten seufzer zur antwort.
[46]
    Diser seufzer, welcher ohne zweifäl aus däm innern härzen härführ drang,
verändert' ihn in einem augenblikke dehr-mahssen, dass sein ganzer Leib, dehr
fohrmahls, mit allen seinen glihd-mahssen gleichsam erstarret stund, widerüm
räge ward. Er bewägte di adern, di seine star-steiffen augen gleich=sam wi eine
unruhe widerüm treiben machten; und trihb über sich di innerliche wärme, di sein
tohdten=bleiches angesichte widerüm erröhtete.
    In solcher jähligen veränderung kahm er wider zu sich selbst, und fing an
folgender gestalt zu räden: ja freilich, sagt' er und seufzete, es ist wohl ein
rächtes unglück, oder vihlmehr ein solcher unfal, welchen ihr eigner
mis-verstand, und meine guht-gemeinte, alzu gnaue bedachtsamkeit veruhrsachchet
hat. Mein Fräund (fuhr er fort) kann nicht gläuben, wi sehr mich dises schreiben
verunruhiget, jah was es mihr führ angst und schmärzen machchet: und weil ich
weus, dass er mein träuester Fräund ist, so kann ich wohl leiden, dass er alles
dasjenige, welches dise meine schwähr=mühtigkeit veruhrsachchet, wüssen mahg.
Hihr=mit über-reicht' er ihm das schreiben seiner Rosemund, und baht, dass er
solches selbst läsen sollte. Härzwährt aber wolt' es anfangs nicht an-nähmen, mit
führ-wändung, dass ihm solches nuhr al=ein zu läsen gebührete: Ihdoch, weil
Markhold nicht nahchlahssen wollte, so lihs er sich noch ändlich dahrzu bewägen,
und las' es zwei-mahl durch.
    Als er nuhn solches wohl betrachtet hatte, so fing er an das häubt zu
schütteln, und sprahch mit lächlendem munde; Ich läse wi ich wül, so fünd' ich
nichts als libe, ja eine solche inbrünstige eiferige libe, di ich gleichsam in
meiner einbildung führ heiliger furcht (dass ich also räden mahg) zittern sähe.
Ihdoch, weil ich nicht weus, wi es mit ih-[47]rer beiden libe bewandt ist, und
wi nahe si mit einander vereiniget sein, so wül ich mich nicht unter-stähen,
fol-kömlich dahrvon zu uhrteilen. Sonsten, meinem wenigen verstande nahch, fünd'
ich nichts als lauter härzbrächchende räden, di auch einen fremden, dehr si
nicht einmal kännet, zum mit-leiden zwüngen. Anfangs gihbt si ihm zwahr einen
heimlichen verweis, aber ich schwöre, nahch anleitung des schlusses, dass Si
solches mündlich nicht würde tuhn können: und wo si es jah ändlich über ihr
härze bringen könnte, so würden solches gewüslich nuhr halbe worte sein. Si wül
sich wohl was fremde gegen ihn ställen, wan es nuhr di Libe gestatten wollte.
Alles, gahb Markhold zur antwort, wäre noch wohl, wan si nuhr das lihdlein,
welches ich ihr zu ehren verfasset habe, mit dank angenommen und nicht so gahr
verschmähet hätte.
    Das ist eines so kluhg-sünnigen Frauen-zimmers ahrt (fing Härz-währt widerüm
an) dass es dasjenige verwürfet, das es doch höhchlich begähret, und wan man es
bei däm lüchte besähen wül, so befündet man, dass es dahrdurch seinen Lihbsten an
seiner stand-fästigkeit nuhr bewähren wül. Wiwohl ich mich sonsten (fuhr er
fort) üm anderer leute heimligkeiten wenig bekümmere, so bringt mich doch meine
führwüzzigkeit dahin, dass ich gleichwohl gärne wüssen möchte, wi und durch was
führ mittel mein Fräund mit diser himlischen Rosemund in solche vertrauliche
kund=schafft gerahten ist; nahchdähm ich seine eingezogene blödigkeit känne, und
dahrnäben wohl weus, dass das wälsche Frauen-zimmer, es sei auch wo es wolle, sich
mit däm mans-folke, wi das unsrige zu tuhn pfläget, gahr nicht gemeine macht;
jah sich kaum ein mahl auf der strahssen erblicken lässet? [48]
    Ich muss gestähen, mein lihbster Härz-währt, (gahb Markhold zur antwort) dass
solches ohne sonderliches verhängnüs nicht geschähen ist; ihdoch mus ich auch
bekännen, dass es vihlmehr ein an-fang unserer künftigen unglücksähligkeit, als
wohl=eingebildeten glücksähligkeit gewäsen ist. Damit ich aber meinem Fräunde di
ganze begähbnüs mit allen ihren ümständen, und ohn einiges mänschen
dahrzwischen-kunft, in geheim erzählen möge, so wollen wihr zufohr di
förder-tühre verrügeln lahssen.
    Als nuhn solches geschähen wahr, so nähert' er sich zu seinem Härz-währt',
und huhb folgender gestalt an zu räden.
                                 Di Begähbnüsse
                                 des Markholds
                                      und
                                 der Rosemund.
Es würd sich mein Fräund ohne zweifäl noch wohl zu besünnen wüssen, dass
Adel-währt ein tapferer und aufgewäkter Jüngling in dem Erz-schreine der
lihblichen Salahnen eine sonderliche fräundschaft mit mihr gepflogen, und nahch
dehrselben zeit im kriges-wäsen sein heil versuchet hat; da ihm dann das glück
so günstig gewäsen ist, dass er straks Walt-haubt-man worden, und nahch einer
ritterlichen Siges-eroberung auch in einem vihrteil jahre eines Haupt-mans plaz
beträten, bis er ändlich in einem jahre dahrnahch, als er sich in einer Schlacht
so tapfer gehalten hatte, gahr zum Schalt-obersten ist gemacht worden. Diser
Schalt-oberster Adel-währt nuhn ist di haubt=uhrsachche, und seine Lihbste das
mittel, dadurch ich mit der überirdischen Rosemund in kundschaft ge-[49]rahten
bin. Dan es begahb sich, dass er ohn-gefähr fohr dreien jahren (nachdähm sich
eine Schlesische von Adel, di lihb-sählige Adelmund, eine Jungfrau von
vihr-zehen jahren, mit ihm in eh-gelübnüs eingelahssen hatte) zu Strahsburg mit
einem führnähmen Hern von Venedig bekant ward, welcher sich üm gewüsser
uhrsachchen wüllen mit seinem ganzen Hause fohr etlichen jahren aus Wälschland
in das Hohchdeutsche Reich begäben hatte, und äben dazumahl seine zwo töchter
mit der Frau Mutter nahch Holland zu-schikken wollte.
    Als er nuhn solches von dem Sünnebald (also hihs diser Venedische Her)
vernommen hatte, so gahb er ihm zu verstähen, dass er auch gesonnen wäre seine
Lihbste in kurzen nahch Holland zu sänden, so lange, bis der Krihg in
Hohch-deutschland ein wenig nahch-lihsse, oder er nuhr gelägenheit bekommen
möchte, ab zu danken; dann izund (sagt' er) wär' es nicht rahtsam, dass er sich
mit ihr trauen lihsse, da er noch in bestallung, und si auch selber noch ein
wenig zu jung wäre. Weil aber weder er, noch si, ganz keine bekanten daselbst
hätten, so bäht' er ihn, er wolle si doch in Gesellschaft seiner beiden töchter
auf eine zeit zu läben vergönnen, damit si sich unterdäs mit einem und dem
andern Hohch=deutschen, so sich daselber aufhihlten, möchte bekant machchen,
und durch dises mittel führ sich und ihre Jungfer Schwäster, di ihr härnahch
auch folgen würde, einen bekwämen aufentalt bekommen.
    Der Sünnebald wahr solches sehr wohl zu friden, und baht ihn noch dahrzu, er
wolle doch mit seiner Lihbsten nicht lange säumen; dann es wär' ihm sehr lihb,
wan seine töchter, di nuhn-mehr der hohch-deutschen sprache ganz kündig wären,
eine solche ahdliche Jungfrau, di nicht alein von hohch-[50]deutscher ankunft,
sondern auch eines so liben Fräundes härz-lihbste wäre, zur gespihlin haben
könten; und er sollte versichchert sein (fuhr er fort) dass er si nicht als eine
Fräundin, sondern gahr als seine leibliche tochter halten wollte.
    Nahchdähm sich nuhn Adelwährt solches guhten anerbühtens wägen gegen ihn zum
höhflichsten bedanket hatte, so schrihb er alsbald an seine Lihbste, und baht,
si möchte sich zur reise nahch Holland gefast halten; dann er hätte schohn einen
gewündschten Auf-entalt fohr si angetroffen. Aber es verzohg sich noch eine
zimliche zeit, indähm ihnen bald dise, bald jene ungelägenheit auf-stühs;
dehrgestalt, dass si ehrst über ein jahr dahin gelangte.
    Indässen nuhn, dass sich Adelmund bei disen Venedischen Jungfrauen auf-hihlt,
so hatt' ich mich auch in Holland zu begäben, in wüllens, von dahr nahch
Frankreich zu gähen; und es waren kaum drei wochchen verflossen, als ich schohn
nach Engel-land zohg, von dahr ich mich aber bald wider zu rük machte. Meine
gedanken waren noch ganz nicht in Holland zu bleiben, ob es schohn mit meiner
reise nahch Frankreich so bald, als ich wohl gemeinet hätte, nicht glückken
wollte. Ich ward sünnes mich nahch Preussen zu zu wänden, und dahrnach auch das
benachbahrte Polen zu besähen; wi ich dann auch schohn einen schiffer däshalben
besprochchen hatte, und mich in zween tagen auf di fahrt zu begäben gesonnen
wahr. Aber es konnte nicht sein; dann das Verhängnüs zohg mich zurückke, dass ich
noch ein ganzes jahr in Holland verbleiben musste.
    Aber ach! was hat mihr solcher verzug nuhr fohr ein unglück veruhrsachchet!
vihl bässer wär' es gewäsen, dass ich auf der Se mein läben gelahssen, als durch
dasselbige di armsälige Rosemund in weh-leiden, und mich aus mit-leiden in
jammer versäzt hätte. Dan ich hatte mich noch kein hal-[51]bes jahr bei den
Amstelinnen aufgehalten, als mein träuer Adel-währt, zu seiner Lihbsten glück,
und der Meinigen verdärben, in erfahrung kommen wahr, dass ich mich in Holland
begäben hätte. Er fühgte solches seiner Adelmund also-bald zu wüssen, und lihs
dahrnäben ein schreiben an mich ab-gähen, welches mihr auch bald eingehändiget
ward. Er befahl mihr seine Lihbste: Er erinnerte mich der alten
schuhl-fräundschaft, und meiner pflücht, di ich ihm fohr dehr zeit geleistet
hatte; er betauerte sich selbst, dass er mich nicht gegenwärtig dahrüm anlangen
könnte: er verpflüchte sich, mihr widerüm alle mühglichste dihnste zu leisten, wo
ich di jenigen, di ich ihm schuldig wäre, nuhr seiner Lihbsten ab zu zahlen
geruhen würde. Jah sein schreiben wahr so härz-entzükkend und so
durchs-drüngend, dass ich mich beides aus Libe gegen ihn, und aus begihrde, di
ahdliche Braut, di fräundsälige Adelmund, zu sähen, nicht lange säumete seiner
Härz-allerlihbsten auf zu warten.
    Als ich nuhn in ihr haus kahm, so ward ich straks von einer zohffen in ein
zimmer begleitet, da si sich ganz aleine befand. Ich entfing si mit einem
ehr-erbühtigen hand-kusse, und gahb ihr meine fräude wägen ihres glücklichen
wohl-standes zu verstähen, näbenst einer demühtigen pflücht-leistung, dass ich di
ehre haben möchte, ihr, als meines brüderlichen Fräundes, des Adelwährts
Härz=lihbsten, nahch meiner wenigkeit auf zu dinen. Si nahm dises mein erbüten
mit einer sonderlichen höhfligkeit an, und versichcherte mich kräftiglich, dass
ich der erwiderung solcher angebotenen dihnste nuhr also gedänken sollte, gleich
wi si bedacht wäre, sich mihr durch allen ihren mühglichsten fleis ins künftige
annähmlich zu machchen. [52]
    Dise wort-gepränge währeten eine guhte zeit; dann hatt' ich das meinige
eingeworfen, so brachte si straks andere gegen-würfe; wolt' ich dehr lätste
sein, so begährte si äben dasselbige, dehrgestalt dass ich ändlich gezwungen
ward, diser kluhg=sünnigen Jungfrau gewonnen zu gäben.
    Dises nuhn wahr unsere ehrste zu-sammen=kunft, bei welcher, wi auch bei der
andern und dritten, ich noch ein ruhiges härze behihlt; aber di vihrte begunte
mich algemach zu verunruhigen. Dan als ich schohn ein vihrteil jahr mit ihr
ümgegangen wahr, und allezeit das glück gehabt hatte, si ganz aleine zu
sprächen, so, dass ich auch zeit-hähr keines mänschen, als der mägd', in ihrem
hause wahr ansichtig worden: so begahb es sich lätslich, dass ich mich einsmahls
wider meine gewohnheit etwas lange bei ihr verweilet hatte, und zur tafel
gebliben wahr; dehrgestalt, dass wihr uns nahch gehaltener mahlzeit ein wenig in
den Lust-garten hinunter machten.
    Di Adelmund führete mich aus ihrem Zimmer durch einen grohssen Sahl, welcher
mit wälschen blau-weissen vihr-ekkigen steinen gepflastert, und an den wänden
ringst härum mit allerhand überaus künstlichen gemälden geziret wahr; von dannen
kahmen wihr durch einen verborgenen schnäkken-gang, oder wändel-träppe hinunter
auf di hinterste fal-brükke, welche nahch dem grohssen garten zu-ging. Auf
selbiger brükken nuhn hihlt ich mich ein wenig auf, da=mit ich das schöne gebäu
von hinten-zu auch betrachten möchte.
    Indähm ich aber also in meinen gedanken stähe, so erhäbet sich über däm
tohre, auf einem da=mahls mit grühnen tüchern behangenen lust=gange, ein überaus
lihbliches lauten-spihl, welches mich gleichsam gahr entzükte. Ich erhuhb [53]
mein gesicht, und sah mich auf allen ekken dahr=nahch üm, ich wusste nicht ob
ich bezaubert, oder ob ich mein gesicht verloren hätte, weil ich keinen einigen
mänschen ersähen konnte. Aendlich höret' ich auch ein' überaus-lihbliche stimme,
di so klahr, so hälle, so zahrt, so rein und so träflich wahr, dass ich
dehrgleichen alle di tage meines läbens nicht gehöret habe.
    Als ich nuhn disem anmuhtigen Wül-kommen (dann, wi ich här-nahchmahls
erfahren habe, di jüngste Jungfrau, di götliche Rosemund, hatte mihr solches zu
ehren gespilet) eine guhte weile mit verwunderung zu-gehöret hatte, so gahb mihr
Adelmund, welche schohn fohran gegangen wahr, einen wink, und führete mich in
den garten, da wihr zu einem überaus-schönen Lust- und sprüng-brunnen gelangten.
    Ob disem so überaus-künstlichen wärke ward ich abermahl sehr verwundert. Wi
kann es mühglich sein (fing ich an) dass dises rächt zugähet? sein dise
Als-göttinnen läbendig, di sich alhihr spihl=weise baden, oder hab' ich meine
vernunft verloren? si sein steinern, und gleichwohl rägen si di hände, di arme,
di beine, ja fast alle glider! Ich muss auch wahrlich bekännen, dass es ein
rechtes kunststükke wahr.
    Der Brunnen an sich selbst, wahr von gälblichtem Marmel, di Als-göttinnen,
derer dreie oben auf, halb entblöhsset, und halb mit wasser bedäkket, in einem
ringel mit aneinander-haltenden händen stunden, waren von schne-weissem marmel,
so zahrt und so künstlich gehauen, dass man auch alle di kleinesten äderlein
sähen konnte: aus den brüsten und aus dem munde kahmen solche lihbliche
wasser-strahlen härführ gesprungen, di sich im erhöben, von einander gaben, und
in der mitten über dem brunnen schränks-weise über und durch einan-[54]der
schossen; welches ein solches anmuhtiges aus=sähen und ein solches lihbliches
geräusche machte, dass es einem das gehöhr und das gesichte beides zugleich
entzükte.
    Ich vermeinte nicht anders, als wan ich mitten unter disem wasser-spihle di
laute noch schlagen, und di himlische stimme, di ich nuhr näulich über däm tohre
vernommen hatte, süngen hörete. Auf dem obersten rande des brunnens sahssen
sechs Leuen von Korintischem kupfer halb-geschwöllet und halb zohticht, welche
mit den klauen ein-ihder ein bäkken von morgen-ländischem albaster,
durchscheinend wi kristal, und auf das künstlichste mit bluhmwärk geziret, unter
sich hihlten, und dahrmit das wasser, das aus ihrem munde geriselt kahm,
auf-fingen.
    Der stein-wähg üm den brunnen härüm wahr von weiss- und schwarzem marmel; di
lähnen von kupfernem bluhm- und laub-wärke, di den fluhr üm=schlossen. üm dise
gegend ringst härüm wahr eine sehr hoh' und dük-bewachsene Sommer-laube, in
welcher man allentalben auf und abgähen konnte, dass einen nihmand sähen, auch di
sonne nicht zum geringsten bescheinen mochte.
    Auf der andern seite der lust-laube waren aller=hand bluhmen zu sähen. da
stunden so vihl manch=färbige tulpen, dass man si nicht alle zählen konnte:
etliche waren so weis wi der schne; etliche roht, braun und gälbe; etliche mit
tausendterlei schönen farben vermischet, dass es mit lust und verwunderung an zu
sähen wahr.
    Es wahr nuhn schihr eine stunde verlauffen, als wihr alle dise schöne
sachchen, von denen man wohl ein ganzes buhch verfassen könnte, gesähen hatten.
Adelmund boht mir di hand, dass ich si widerüm auf ihr zimmer begleiten sollte,
dehrgestalt, dass wihr disen überaus-künstlichen, und wunderschönen Lust=garten
verlihssen. [55]
    Es kann nuhn wohl sein, wi ich nahch der zeit aus der Rosemund räden selbst
halb und halb vernommen habe, dass ich dises Venedischen Hern Töchtern in solchem
Lustwandel etlicher mahssen belihblich fohrkommen bin, dass si vihlleicht meiner
gesel- und kundschaft auch haben genühssen, oder doch nuhr ohn gefähr di
Adelmund besuchen wollen: Dan als wihr uns widerüm auf ihr zimmer begäben
hatten, und ich gleich meinen abschihd nähmen wollte, so kahm der Jüngsten
kammer-jungfer, und sagte der Adelmund an, dass si di Jungfrauen, so es ihr
gelägen wäre, besuchen wollten.
    Als ich solches hörete, so wolt' ich meinen abschihd mit gewalt nähmen, und
bemühete mich so vihl als ich immer konnte, disem instähenden blizz' aus dem wäge
zu weichen. Alein Adelmund wollte mich nicht gähen lahssen. Mein! sagte si, ist
er nuhn so schüchtern? wül er dann unseres Frauen-zimmer nicht auch sähen?
wahrlich, weil ihm ihr süng- und seiten-spihl so wohl-gefallen hat, so wül ich
ihn versichchern, dass si ihm selbst, teils wägen ihrer anmuhtigen Fräundligkeit
und hold-säligen gebährden, teils auch wägen ihrer über-irdischen schöhnheit
über alle mahssen gefallen wärden: jah ich dörfte schihr sagen, dass er
dehrgleichen sein lähb-tage nicht gesähen hat; sein lähb=tage hat er nicht
gesähen, das weus ich wohl, was es in Wälschland führ schöne weibes-bilder
gibet. Indähm si solches sagte, ward di tühr' eröfnet, und si kahmen alle beide,
mit zwo Dinerinnen begleitet, zu uns hinein geträten.
    Adelmund entfing si mit höhflichen gebährden, und ich gleichesfalls mit
tühffer ehr-erbütigkeit. Es warden uns vihr bänke ringel-weise gesäzt,
dehrgestalt, dass ich gegen der Rosemund (also hihs di jüngste) und Adelmund
gegen der Stilmuht (welche di älteste wahr) über zu sizzen kahmen. [56]
    Ich habe zeitdähm wohl tausendmahl mit verwunderung dahran gedacht, und wan
ich noch izund dahran gedänke, so deuchtet mich, als wan ich fohr dem blizze der
hälflammenden augen meiner Schönen noch erzitterte. Dan, mein Fräund, ich stund
gleich gegen der tühren über, da dise wunder-schöne Bliz-kinder gleichsam härein
geflammet kahmen; gleich hatt' ich di augen auf das fräudige gesichte der
Rosemund gewändet, als si mich im härein träten mit solchen blikken entfing, di
sich mit den meinigen vereinbahrten und si gleichsam widerüm zurückke triben. Ich
weus nicht zu sagen, und solt' ich gleich stärben, wi mihr damahls zu muhte
wahr; es kahm mihr nicht anders führ, als wan di wunder-kräftige strahlen ihrer
häl-funklenden augen di meinigen zerbrochchen, oder mich durch einen solchen
überirdischen schein gahr entäuget hätten. Auch nahchmahls, als wihr uns
sämtlich nider-gesäzt hatten, verlihs si mihr fast kein auge dehrgestalt dass si,
wan meine blikke den ihrigen zu zeiten begegneten, ganz verwürret ward, und ihre
in den meinigen verirrete augen ohn' unterlahs flinkern lihs.
    Ich märkte wohl aus ihren tühffen gedanken, di ihr auch nicht zu-lihssen
nuhr etliche wenig worte zu machchen, dass si sich straks in dem ehrsten anblikke
solcher gestalt vertühffet hätte. Dan ehe si noch här=ein geträten wahr, und ehe
si mihr einen solchen lihblichen blik gegäben hatte, so hatte si ein rächt
fräudiges und lähbhaftes gesichte: so bald si mich aber nuhr ein einiges mahl
angeblikket hatte, so hatte der hoch=deutsche Lihb-reiz mit dem Wälschen schohn
brüder=schafft gemacht, und wahr nuhnmehr meister im felde, dehr-gestalt, dass di
guhte Rosemund durch-aus verändert ward. Di fräudige gestalt wahr in eine tühffe
schwähr-mühtigkeit verwandelt; di gebährden waren nicht mehr so räg' und so
färtig als fohrhin; si vergahs fast ihrer selbst; und sahs in solcher
tühf-[57]sünnigkeit, dass auch Adelmund zu mihr sagte, als si nuhn wider hinaus
waren, dass es si sehr wunder nähme, wahrüm si izund so schwähr-mühtig gewäsen
wäre, da si doch solches ihrer Jungfer schwäster, welche sonst von gebuhrt etwas
blöd' und stil-mühtig, oftmahls verwisen hätte. Dis wahr also meine oder vihl
mehr der über-mänschlichen Rosemund ehrste niderlage; dann, wi ich meinem Fräund'
oft=mahls gesagt habe, ich bin mehr aus mit-leiden, als aus innerlicher begihr,
zu ihrer libe bewogen worden; und ich habe dises schöne Wunder mehrmahls mit
entzükkung und gleichsam mit einer heiligen furcht angeschauet, als in meinem
härzen mit libe verehret, weil ich si zu meiner libe vihl zu hohch schäzte.
    Wan ich wüste, dass ich meinem Fräunde nicht alzu lange verdrühslich wäre, so
hätt' ich wohl im sünn', ihm das zimmer der Adelmund, als das Feld unserer
Niderlage, zu beschreiben. Gahr nicht, mein Fräund (fihl ihm der Härz-währt in
di räde) und solt' es sich gleich bis an den morgen verzühen, so wolt' ich ihm
doch mit lust zuhören; und im fal ich mich jah so lange verspätigen würde, dass
ich nicht könnte nahch hause gelangen, so würd es meinem Fräunde, wi ich
verhoffe, nicht mis-fallen, wan ich ihn üm ein nacht-läger begrühssen müste.
    Was bedarf es solcher räden (huhb Markhold an) ist es nicht wahr, dass
Fräunde, brüder, lihbsten ein algemeines guht unter einander besizzen sollen? ei
warüm hoffet er dann noch vihl, ich wül nicht sagen zweifält, an dähm, was solche
gemeinschaft betrüfft. Er hat guhte macht, sich däs meinigen, nahch seinem
beliben, an zu mahssen, äben also, wi ich mit däm seinigen zu tuhn pfläge.
    Weil es dann nuhn meinem Fräunde belihbt, dass ich ihm unsere wal-statt
entwärfen soll, so hab' ich ihm nichts mehr zu beschreiben, als di überaus-schöne
gemälder, welche in disem zimmer zu sähen wa-[58]ren: dann, das übrige, was an
flader-wärk, schniz=bluhm-und laub-wärk an simsen, tüchern, tage-leuchtern und
balken; jah was an köstlichen prunk=tüchern und däkken zu sähen wahr, halt' ich
führ un=nöhtig zu erzählen, weil es fast überal in andern führnähmen gebäuen
auch zu fünden ist. Ihdoch mus ich noch zufohr eines prunk-leuchters, welcher
unter andern vihr kleinern mitten im zimmer hing, gedänken. Dan er kann nicht
gläuben, was dises führ ein schönes wunder-wärk ist, führnähmlich, wan man ihn
üm und üm mit brännenden lüchtern bestäkket sihet.
    Der leuchter an sich selbst mit alle seinem zu=gehöhr wahr von messing,
stark vergüldet, und überal mit schniz- und bluhm-wärk ausgeziret. Mitten in
disem leuchter stund di Königin der Libe Lustinne, mit einem flämlenden härzen
in der hand, und üm si härüm schwäbeten zwölf Libeskinder, mit rosen-kränzen auf
den häubtern, in der luft, di alle brännende wachs-lüchter in den händen
hihlten, und so ahrtig geordnet wahren, dass si di Libinne ganz ümringeten. In
den augen diser Libes-kinder, und der Lustinnen selbst, wahr ein kleiner
flammender tahcht, welcher durch seine gluht den Libes-reizzerlein di augen
bewähglich machte: in dem halb-eröfneten munde gleichesfalls branten zwei kleine
lüchterlein, deren über-sich-steigender dampf das gesichte der Lust=kinder so
ahrtlich benebelte, und di kleinen gold-hährlein, welche durch den rauch so
lihblich härführ blikten, bewägte, dass es rächt mit lust an zu sähen wahr. Unter
disen zwölfen schwäbete noch ein kleiner gleichsam erzürneter Lihb-reiz, dessen
flügel von güldenen und silbernen schupen, mit einem gespanneten bogen, welchen
er über sich nahch den brännenden lüchtern zu-hihlt, gleichsam [59-60] als wan
er di flammen aus-schühssen wollte; mit diser beigeschribenen Losung: alles
verkährt.
    Oben über disem prunk-leuchter, an der däkke, wahr ein grohsses rundtes
gemälde zu sähen, in welchem Heldreich mit der Libinne auf däm bette, in einem
zahrten güldnen näzze, nakkend gefangen lagen, und von der Sonnen, welche ihre
strahlen mit fleis auf si zu-warf, gleichsam verrahten und angegäben warden. Der
Libinnen Ehman, der besudelte Schmid, Gluht-fang, stund von färne bei seinem
Ambohs, krazte sich mit der linken im kopfe, in Meinung di hörner, di ihm
Held-reich auf-gesäzt hatte, lohs zu wärden, und lihs fohr angst den hammer aus
der hand auf seinen schohn-gelähmeten fuhs fallen. Auf der andern seite stunden
di Als-götter und Als-göttinnen, welche di beiden verstrükten gleichsam aus zu
lachchen schinen.
    Ich kann nicht sagen, wi träflich, wi wäsendlich, wi selblich dises
wunder-gemälde gemacht wahr; dann Gluhtfang lihs seinen unwüllen und verdruss, dass
er der ehrste Heinrich oder Horn-träger sein müste, aus däm gesichte so selblich
härführ blikken, dass man kaum gläuben konnte, dass es nuhr ein blohsses gemälde
wäre.
    Wan man sich von disem prunk-leuchter gegen abend, nahch dem feuer-herde
zu-wändete, so erblikte man oben über dem simse der feuer-mauer zwei schöne
Sünnen-bilder näben einander. Das eine wahr ein häl-flammendes feuer, welches
nahch einem brännenden wachs-lüchte zu-schluhg, welches ein Frauen-zimmer, damit
es nicht gahr verschmälzen sollte, zwahr zu rätten gedachte, aber doch wägen der
grohssen gluht däs feuers nicht dahrzu dorfte; mit diser überschrift, Ardo
d'appresso & da longhi mi struggo. unten stunden dise wort; von innen und
von aussen, mit etlichen des Heinsius Hol=ländischen reimen. [61]
Tvvee vieren krenken my seer svvaerlik myne sinnen;
het een niet verr van my, het ander is van binnen.
Het vier, dat binnen is, daer vvord' ik van verbrandt,
het vier, dat buyten is, dat helpt my ook van kant.
Het vier, dat binnen is, dat moet ik altydt lyden,
het vier, dat buyten is, dat komt my ook bestryden.
de helft is vvel by my, daervan ik gae the niet;
dus lyd' ik in myn hert een vriendelik verdriet.
    In däm gemälde drinnen stunden dise beiden glihdlinge rächt unter der
Jungfrau.
Das Ab-sein macht mein härz von färne fast zerrünnen,
das bei-sein, o wi weh! verzährt es ganz von innen.
    Das andere wahr widerum ein häl-strahlendes windlücht, üm dässen flammen di
mükken härüm flohen, derer etliche di flügel verbrandt hatten, und härab auf den
boden filen; etlich gahr in der flammen verzähret wahrden. Oben stund diser
Sünnen=spruch: Cosi de ben amar porto tormento; unten aber: lust bringt verlust,
mit disen zweien ticht-glidern. [62]
Di mükke fleugt so lang' üm dise gluht,
bis si ihr selbst den bittern tohd antuht.
    Bei dem tische der Adelmund hing eine grohsse tahffel, in welcher auf einer
seiten ein ungestühmer flus di felsen härab geschossen kahm, welcher mit seinem
wasser-schaume so selblich entworfen wahr, dass man wohl hätte schwören mögen,
dass er sich rächt eigendlich härab wälzte. Hihr zeugte sich auch der
wasser-vater, Schwim-ahrt, mit seinem schilfichten haubte, und mit seinem
ungeheuren kruge, aus welchem das wasser hauffen-weise här=aus gebrauset kahm.
Auf der andern seite wahr eine wildnüs und ein-öde, dahrinnen allerhand bäume
stunden, unter welchen ein ganzer hauffen abschäulicher wald-männer, und lauter
reissende tihre, als bähren, leuen, greiffen, lind-würme, un=geheure schlangen,
und unzählich vihl ungezifer zu sähen wahr: über und auf denselben sah man
nichts als schwarze raben, stohs-vogel, geier, eulen, krähen und falken, di sich
mit einander bissen; dehr=gestalt, dass dise abbildung in den gemühtern der
anschauenden gleichsam ein zittern und entsäzzen erwäkte. Es wahr in däm ganzen
gemälde nichts als furcht und schrökken zu sähen, wi wohl es sonst beides in der
nähe und im verschühssen so überaus künstlich gemahlet wahr: ohn alein in der
mitten stund ein dikker dorn-hak, auf welchem eine wunderlihbliche rose,
ungläublicher gröhsse, härführ blikte. Dise wahr auch di einige lust und
lihbligkeit däs ganzen gemäldes: dann si wahr so lihblich, so roht, und so
eigendlich entworfen, dass man schihr lust bekahm, dahrnahch zu greiffen. Oben
auf stunden dise wort; Anche tra le spine nascon le rose. Dornen tragen auch
rosen.
    Näben disem gemälde sah man wider ein anderes, welches ihm an gröhsse
gleich wahr, dahr-in-[63]nen di traurige üm-gestaltnüs des weidmans bei däm bade
der Jahgt-jungfrauen der weidinne entworfen wahr, mit disem spruchche:
Zu führ-wüzzig,
macht zorn-hizzig.
    Gegen disen beiden über hing di gebuhrt der Lustinne oder (wi si dannenhähr
di Grichen nännen) Schauminne, welche aus dem salz-schaume däs Mehres geboren
wahr; mit disem des Sidons sechslinge:
Egressam nuper Venerem de marmoris undis
adspice, præclari nobile Apellis opus.
Exprimit æquoream manibus de crinibus undam,
è longis spumas exprimit illa comis.
Hac visâ, Pallas sic cum Junone locuta est;
de formâ Veneri cedere jure decet.
    Hihr-näben stunden auch dise hohch-deutsche.
                           Di Lustinne rädet selbst.
                                       i.
Aus däm Mehre bin ich kommen,
aus däs bitren salzes kraft
hab' ich dises sein gewonnen;
dässen schaum an meinen lokken
wi gefrohrne wasser-flokken
annoch haft.
                                      ii.
Meinen krum-gekrüllten hahren
hat di wild-erbohste Se
(wi di hohlen wällen waren)
gleiche krümmen eingetrükket,
da des schaumes silber blikket
in di höh. [64]
                                      iii.
Als Kluginn' und Himmelinne
dis mein bildnüs sahen hihr,
sprachen si; es kann Schauminne,
ja Schauminne kann mit rächte
schahm-roht machchen ihr geschlächte
durch di Zihr.
    Dises wahr so träflich-künstlich gemacht, und so anmuhtig, dass man bekännen
musste, dass der Mahler noch den Apelles selbst, von welchem er di erfündung dises
gemäldes entlähnet hatte, weit übertroffen.
    Näben disem zur rächten hing di Deutsche Lustinne, di Freie, Istevons, des
vihrden Königes der Deutschen Ehgemahl, in einem blau-angelauffenen halben
harnisch, mit vergüldeten schupen. In der rächten hand hihlt si den königlichen
Reichs=stahb, und das ritterliche schwärt zugleich: in der linken ein härze,
dahr-aus unauf-höhrlich feuer=flämlein härführ-blizzelten. mit dem rächten
fühsse traht si auf einen Löwen, und mit dem linken auf einen Lindwurm. Aus
ihrem gesichte blikte so ein fräund-sähliger schein, und zugleich ein
durchdrüngendes ernst-haftes wäsen härführ; Fohr ihrem Reichs-stuhle lahg ein
grohsses Volk auf den knihen, das Si als eine irdische Göttin verehrete.
    In einer andern Tafel näben der Lustinne, wahr ein wunder-schönes
Nacht-stükke, dahrinnen bei Mahndes-scheine zwo Als-göttinnen, di Himmelinne mit
der Kluginne, di eine des Himmels, di andere der Künst' und des Kriges sich mit
einander zu beklagen schinen; dise wahr auf Amazonisch gekleidet, hatt' einen
vergüldeten sturm-huht aufgesäzt, und führte einen versilberten Spähr in der
hand, auf welchen si sich gleichsam mit däm haubte [65] gelähnet hatte: Jene
wahr angetahn mit einem güldnen stükke, und hatt' einen Königs-kranz auf däm
häubte, und einen güldnen Reichs-stahb in der hand. Hinter ihr etwas im
verschühssen, stund ihr königlicher Ehren-wagen, führ welchem zwe pfauen
gespannet waren. Auf der einen seite ging von färne in einer sehr grohssen Stat,
di man wägen der entlägenheit nicht wohl erkännen konnte, ein grohsser dampf auf,
durch welchen man hihr und dahr etliche flammen auf-steigen sah. welches wohl
führ das aller-künstlichste in disem ganzen gemälde zu halten wahr.
    Auf den andern beiden seiten, über, näben und gegen der tühre däs Zimmers
über, waren noch vihl über-aus-schöne Landschaften, nacht-stükke und
schif-fahrten entworfen, welche, so ich si alle mit einander erzählen wollte,
unsere übrige zeit al=eine hinnähmen würden.
    Aus disem allen kont' ich unschwähr vermärken, dass der Venedische Her
Sinnebald di Adelmund hohch und währt hihlt; dann es war fast kein Zimmer im
ganzen hause so köstlich ausgeziret, als das ihrige, ausgenommen der Sahl fohr
ihrem zimmer, dahr-auf noch vihl-mehr und köstlichere sachchen zu sähen waren.
    Dis wahr also di walstat unserer niderlage; dis wahr das feld, das si und
mich in solches verdärben gesäzzet hat. Hihr hat si sich ihrer freiheit
guhtwüllig begäben, und hihr hab' ich si solcher, wiwohl un=wüssend und wider
meinen wüllen beraubet, und zu meiner leib-geschwohrnen gemacht.
    Weil ich nuhn dises falles meinen Fräund auch vergnüget habe, und di
gestaltnüs däs zimmers der schönen Adelmund kürzlichst entworfen, so hab' ich
ihm nichts mehr von disem tage zu sagen, als dass ich mich straks, nahchdähm dise
beide Jungfrauen von uns abschihd genommen hatten, wider nahch [66] Amstel-gau
gemacht. Ich mus bekännen, dass ich auf solcher kurzen Reise so vihl
tausendterlei libes=gedanken hatte, dass ich auch fast nicht wusste, wi ich nahch
hause gelangte. Doch gleich-wohl kont' ich mich nicht entschlühssen, solch-ein
wunder=mänsch zu liben, unangesähen, dass ich wohl wusste, und wohl versichchert
wahr, dass ich von ihr gelibet würde.
    Ich hihlt si alzu hohch; mich als einen stärblichen, und Si als eine
gütliche. drüm schäzt' ich mich vihl zu geringe mit solch-einem überirdischen
mänschen-bilde fräundschaft oder Libe zu pflägen. Ich lihbte si nicht, sondern
hihlt si nuhr hohch und währt; und kahmen mihr gleich bisweilen verlihbte
gedanken ein, so geschah' es doch nuhr aus mit-leiden. wi? (sprahch ich bei mihr
selbst) kann es wohl mühglich sein, dass dich das einzige wunder, das kunst-stükke
der zihrligkeit, welches di grohsse Zeuge=mutter der dinge ihmahls härführ
gebracht hat, liben soll? du bist jah nicht würdig, dass si dich ein=mahl
an-blikken, vihl weniger so lihb-sählig entfangen soll.
    Meine Führ-bildung entwarf si mihr mit solchen ihren libes-künstlerischen
und blizlenden augen so lähbhaft, und so folkommen, dass ich ändlich nicht wusste,
ob mihr dises anbähtens-würdige Sünnen-bild durch eine Zauberische beschwärung
führ=gestället würde. Aber nahchdähm ich erkannte, dass es nuhr eine blohsse
würkung meiner sünnen wäre, so gahb ich mich etlicher mahssen zu friden. Ich
besuchete meine bekanten, sprahch den Fräunden zu, und ergäzte mich bei
geselschaften so lange, bis ich diser gedanken gahr lohs ward. Ich kahm auch
nicht wider hinaus di Adelmund zu besuchen, wi=wohl si mich oft dahrzu an-mahnen
lihs; dehr-gestalt, dass si ihrer gespilin schuld mit-entgälten musste. [67]
    Aendlich aber, als äben ein hoher feier-tahg begangen ward, gedacht ich bei
mihr selbst, und sagte: du hast dich gleichwohl verpflüchtet, der Adelmund, äben
als wan es ihr Lihbster selbst wäre, nahch mühgligkeit auf zu warten; wahr-üm
kömstu dann deinem versprächchen nicht nahch? mus es dann äben di guhte Adelmund
entgälten, was dihr etwan ein' andere zugefüget hat? vihl-leicht hat Rosemund
ihren sün geändert, und hat dich damahls nuhr so inständig angesähen, weil es
das ehrste mahl gewäsen ist!
    Indähm ich mich also mit disen gedanken schluge, kahm äben ein kammer-knabe
von der Adel=mund, welcher mich ihret-halben meiner geleisteten pflücht
erinnerte. Ich sagt' ihm alsobald, er sollte straks hin-gähen, und seiner
Jungfrauen, mit vermäldung meiner schuldigkeit, ansagen, dass ich schohn
entschlossen gewäsen wäre, meine dihnste bei ihr gegen-wärtig ab zu lägen; und
schäzte mich sehr glücksälig, dass ich ihr gleich-wohl noch so vihl zeit gäben
können, mich dässen zufohr zu erinnern.
    Ich folgte disem abgefärtigten bald nahch, und trahf di Adelmund äben in
ihrer einigkeit an; aber es verzohg sich nicht lange, dass wihr also in unserer
einsamkeit sprache hihlten. Dan di Jungfern, welche meiner ohne zweifäl schohn
waren gewahr worden, lihssen si fragen, ob si ihrer auf ein vihrtel-stündichen
abwarten könnte?
    Adelmund gahb also-bald zur antwort, dass si allezeit bereit wäre, ihnen auf
zu warten, und hihlt' es ihr führ eine grohsse ehre, wan si ihrer bei-wäsenheit
genühssen könnte: und was mich belangte, so verhofte si, dass mihr ihre
gesel=schafft auch nicht un-annähmlich sein würde; gestaltsam ich kein
sonderlicher Jungfer-feind wäre. Solches sagte si, und lächchelte mich auf eine
seite [68] an; aber was ich führ gedanken hatte, und wi mihr zu muhte wahr, wül
ich wohl ungesagt lahssen.
    Si fragte mich auch, so bald als di Dinerin wihder hinaus wahr, wi mihr
näulich ihr Frauen-zimmer gefallen hätte? ob es nuhn nicht wahr wäre, was si
mihr zufohr gesagt hätte? Jah, gahb ich zur Antwort, ich mus es gestähen, dass
ich sehr wenig solche Jungfrauen gesähen habe; und dass ich zwahr ihres
gleichchen in Engel-land, was di farbe der schöhnheit anbelanget, vihl
angetroffen, aber gleich-wohl keine gefunden habe, di so wohl und so ahrtig
gebährdet wären, als si. Von den tugenden (fuhr ich fort) kann ich noch nicht
sagen, nahch=dähm es gahr gefährlich und gahr schwähr ist, ein Frauen-zimmer
nahch ihrem äusserlichen scheine fohr tugendhaft zu schäzzen.
    Indähm ich dises sagte, so kahm di Stilmuht ganz aleine, in träflicher
pracht härein geträten. Wihr entfingen si, und begaben uns sämtlich zu sizzen.
Ich sah mich etliche mahl nahch der tühren üm, und wahr nicht sichcher bei mihr
selbst; weil ich führ und führ gedachte, dass mich di Rosemund plözlich
überfallen würde. Adelmund vermärkte solches also-bald, und sah mich an mit
lächlendem gesichte, als wollte si sagen; mit diser ist ihm nicht gedinet, er
schauet sich vihlleicht nahch einer andern üm. Aber ich gedachte weit anders,
und wahr froh, dass sich meine unruhe noch so lange verweilete.
    Es wahr nuhn fast eine vihrteil-stunde fohr-über, dass ich also zwischen
hofnung und furcht geschwäbet hatte, als di tühre plözlich ward aufgetahn. Ich
sah mich üm, da fand ich si eröfnet, gleich-wohl kont' ich keinen einigen
mänschen erblicken. es kahm mich ein entsäzzen an, gleichsam als wan ein geist
fohrhanden wäre: ich zitterte fohr angst und erblasste, als wan mihr ein
grohsses un=Glück zu-stünde. Indähm ich also beängstiget wahr, [69] da brahch
dises wunder-lücht an, gleichsam wi das lücht der Sonnen, das sich hinter däm
gewölke eine zeit-lang verborgen hält, und nahch-mahls uhr-plözlich härfür
brücht; wi der bliz, dehr di stärblichen erschräkket, und di augen verlätset. Si
kahm in einem solchen glanz' und solcher hoheit härein geträten, dass sich unter
uns allen ein grohsses stil=schweigen erhuhb. Es kahm mihr nicht anders führ,
als wan izund ein schwäres ungewitter fohrhanden wäre, da auch gemeiniglich eine
solche stille fohr=hähr-gähet: es dauchte mich, als wan sich izund das wetter
kühlete, als wan lauter blizlende strahlen üm mich härüm schwäbeten. Ich stund
im zwei=fäl, und wusste fohr angst nicht, ob ich warten oder flühen sollte: ich
entfing si, aber mit einem solchen härz-klopfen, dass ich führ der äussersten
hizze, di mihr in das gesichte stihg, kaum eines und das andere wort-glihd
machchen konnte. Ja ich gläube, dass ich ändlich gahr zur ärden gesunken wäre, wo
wihr uns nicht straks nider-gelahssen, und ich im sizzen meine kräfte
wihder-erholet hätte.
    Dises schöne Wunder kahm abermahl gleich gegen mich über zu sizzen, und
hatte izund vihl ein frändigers gesichte, als da ich si zum ehrsten mahl sah.
Ihre Jungfer schwäster selber, wi ich un=schwähr vermärken konnte, hihlt si
sehr hohch, und erhuhb gleichsam mit einer stillen verwunderung ihr
über-irdisches, durchdrüngendes wäsen. dann es ist gewüs, dass der Neid selber
an ihr nichts zu tadeln fand.
    Ihre gestalt wahr so lähbhaft, so ahrtig und so schöhn, dass si dahrdurch di
ganze wält hätte mögen beschähmt machchen wi si dann solches auch an ihrer
Jungfer schwäster tähte. Dan, wi ich schohn gesagt habe, si ging über-aus
prächtig, und wiwohl beide ganz und gahr einerlei kleider hatten, so hatte sich
doch di älteste vihl-mehr häraus gebrochchen, [70] als di jüngste. Diser hüng
das hahr zur selben zeit ganz unaufgekünstelt und uneingeflochten bis auf di
schultern, und kahm gleichsam wi gekrümte wällen, von sich selbst, in über-aus
anmuhtigen falten auf den hals härab geflossen, in solcher über=zihrlichen
unachtsamkeit, dass auch jene mit ihrem zu felde geschlagenen hare (welches auf
der stirne und auf den bakken eins teils ringel-weise gekrümmet und angekläbet,
anders teiles nahch der kunst auf-geflammet, und mit graulechtem staube
besträuet wahr) ganz beschähmet ward. Jah Stil=muht hatte sich mit so vihlem
golde, perlen und demanten behänget, dass ich alle das köstliche geschmeide alein
führ einen träflichen schaz hihlt: Rosemund aber hatte dagegen nichts mehr als
einen demant-ring am finger, und an ihdem ohr' ein gehängke von demanten, in
gold gefasset, mit einer grohssen perl, härab hängen: üm di hände truhg si zwei
schwarze seidene bänder, da si härgegen di älteste mit zwo zimlichen güldnen
ketten geziret hatte. Der hals wahr bis auf di brust, di ein wenig erhoben wahr,
ganz entblöhsset, ohn' einigen zihrraht, als dehn ihm di Zeuge-mutter gegäben
hatte. er wahr weis wi der schne, und an etlichen orten mit einer gelinden röhte
vermischt. Das antliz wahr so fräudig, so lihblich und so aufrichtig, und di
augen lihssen einen solchen geist und solche lihbligkeit härführ-blikken, dass es
unmühglich wahr, si ohne verzükkung an zu schauen. Si wahr muhtig und frisch,
und doch dahr-näben sehr schahmhaftig und sehr züchtig: si hatte
hohch-an=sähnliche gebährden, und wahr doch nicht hohfärtig, da härgegen ihre
Jungfer Schwäster unter einem äusserlichen stillen muhte, und nider-geschlagenen
gebährden einen hohch-fahrenden geist, wi ich nahchmahls von der Adelmund
verstanden habe, verborgen hatte. [71]
    Zu allen disen wundern kahm noch eine unaus=sprächliche holdsäligkeit, dass
auch nuhr der einige mund, dehr in ihrem angesichte nicht anders als eine
frisch-aufgeblühete rose mit lihblichem morgen=tau befeuchtet, unter den lilien
und narzissen här=führ leuchtete, den aller-verstoktesten und lihb-losesten
mänschen zur verwunderung, ich will nicht sagen zur libe, bewägte. Si waren alle
beide in viohlbraunen sammet gekleidet, und der unter-rok wahr von silberfarbem
atlas, mit güldnen, und das über-kleid mit silbernen spizzen verbrähmet; welche
kleidung si gleich damahls zum ehrsten mahl angeläget hatten.
    Wiwohl nuhn dise tracht über-aus zihrlich wahr, so musste sich doch Stilmuht
(gegen ihre Jungfer Schwäster zu rächnen) gleichsam zum wohlstande zwüngen, da
er härgegen der Rosemund angebohren zu sein schine.
    Aber was hab' ich mich unterwunden, ein solch-götliches bild mit stärblicher
zungen so unschein=bahr und so unäbenbildlich zu entwärfen! Ach! mein Fräund,
wan ich ihm di klugen räden, di si damahls mit solchen wohlanständigen und
färtigen gebährden so meisterlich verschönern konnte, dass man nicht wusste, ob man
ehrst das gehöhr oder das gesichte gebrauchen sollte, alle mit einander erzählen
würde, so müst' er gestähen, dass ich si noch nihmahls nach würden geprisen habe.
    Wan si zu räden begunte, so ward also-bald ein stil-schweigen unter uns
allen, und ein ihder wahr begihrig zu hören, was dise Schöne führ-bringen würde.
Nihmand wollte sich auch unterstähen ihr in di räde zu fallen, wo si nicht ehrst
eine guhte zeit stille geschwigen hätte. dehrgestalt, dass si meisten teils das
wort führete, wiwohl si solches aus keinem führ-wüzz' oder unbedachtsamkeit
tähte: dann si verzohg oft-mahls eine guhte weile, [72] und wolt' uns auch zeit
lahssen, das unsrige fohr zu bringen, aber nihmand wahr unter uns allen, dehr si
nicht liber gehöret, als selbst gerädet hätte.
    Aendlich, als si di hohch-deutsche junge manschaft allen andern
Völkerschaften führ-zohg, und ihr so ein träfliches lohb gahb, so ward ich
gezwungen, mich mit ihr in einen wort-streit ein zu lahssen. welches ihr dann so
über-aus wohl-gefihl, dass si nahch=mahls ihre ganze räde nuhr einig und alein
auf mich rüchtete.
    Da bekahm si ehrst anlahs, mihr mit so libes=anlokkenden blikken zu
begegnen; wi ahrtig konnte si nuhr ihre worte drähen; wi künstlich wüste si nuhr
selbige auf schrauben zu säzzen, dass ich si auch nihmahls fangen konnte. Mit
diser kurz-weile brachten wihr etliche stunden zu, dehr-gestalt, dass es nuhnmehr
hohe zeit wahr, dass ich von diser lihblichen Gesellschaft meinen abschihd nähmen
sollte.
    Ich wahr also der anfänger, dehr dise lust zerstöhren musste, und wändete
mich zum aller-ehrsten nahch der Rosemund zu, als dehr ich mit meinem unnüzzen
gespräche am meisten ungelägenheit gemacht hatte; ich baht si däswägen üm
verzeuhung, mit anerbütung meiner wül-färtigen dihnste, dahr=führ ich nichts
mehr begährete, als dass ich di ehr' und gelägenheit bekommen möchte, solche
bäster mahssen ins wärk zu rüchten.
    Nahch-mahls baht ich auch di Adelmund und di Stilmuht, dass si gleiches falls
tuhn wollten; und mihr, wan es ihnen beliben würde, fol-mächtig gebüten; damit
ich wüssen möchte, wohrin ich ihren wüllen vergnügen könnte, und was sie von
meiner wenigkeit erforterten. Ihre höhfliche gegen=würfe machten, dass ich noch
lange verzühen musste; jah die wunder-würdige Rosemund gebrauchte sich so vihler
höhflichen aus-fluchts-räden, dadurch si mich meiner dihnst' überhöben wollte,
dass ich ihr [73] ändlich, wo ich anders nicht gahr bei ihnen verbleiben wollte,
das lätste wort lahssen musste.
    Nahchdähm ich nuhn dises ädle Drei verlahssen hatte, so begahb ich mich
wohl-vergnüget nahch hause, und begunte von dähm Nuhn an di Rosemund vihlmehr
ihrer himlischen tugend, als über=irdischen schöhnheit wägen, zu liben;
dehr-gestalt, dass ich mich bei weitem nicht mehr so verunruhiget befand, als
nahch dem ehrsten an-blikke, und nuhn=mehr mich selbst zu ihrer gunst und
Libes-geneugenheit zu beräden begunte.
    Mitler zeit entschlos ich mich gänzlich, di reise nahch Frankreich
schläunigst fort zu säzzen, und machte alle meine sachchen färtig; dehr-gestalt,
dass ich di Adelmund, nahchdähm ich schon bei den Amstelinnen meinen Abschihd
genommen hatte, nuhn auch noch zu guter lätste besuchen wollte.
    Aber wi bestürzt, wi klein-laut ward si, als si hörete, dass mihr solches ein
ernst wäre: und weil si es nicht hintern konnte, so hihlt si inständig bei mihr
an, dass ich doch nuhr noch etliche tage bei ihr verzühen möchte, damit si noch
fohr meinem abreisen einer wüchtigen sachche wägen mit mihr räden könnte.
    Ich wollte mich anfangs gahr nicht dahrzu verstähen; ihdoch, sagt' ich, wan
si mihr izund straks solche wüchtige sachche nuhr mit einem wort' entdäkken
würde, so möcht' ich vihlleicht veruhrsachchet wärden ihretalben noch eine
weile zu verwarten: und es möchte wohl so vihl daran gelägen sein, dass ich wägen
meiner pflücht-schuldigkeit, di ich ihr geschworen habe, gezwungen würde, meine
reise gahr einzuställen: dann si soll sich versichchert halten, dass ich, ihr zu
libe, alles zu tuhn, und auf ihr gebot alles zu unterlahssen, immer-fort wüllig
sein wärde; nahchdähm ich wohl weus, dass si mihr nichts un=billiges auferlägen,
auch nichts, das zu meinem frommen gereichen möchte, verbüten würd. Di [74]
Adelmund bedankte sich zum höhflichsten, dass ich ihr nicht alein meine dihnste
so eifrig zu leisten gesonnen wäre, sondern auch noch so ein guhtes vertrauen zu
ihr trüge.
    Nuhn wohlan (sagte si) weil er ein solches härzliches vertrauen zu mihr
träget, so wül ich mich üm so vihl däs zu mehr bemühen, wi ich mihr dann schohn
führgenommen habe, solches an ihm mit der taht zu bekräftigen, und ihm äben
dasjenige sähen zu lahssen, dahraus er unschwähr errahten würd, wi ich nicht
alein sein wohlmeinendes an-erbüten mit dank zu erkännen, sondern auch würklich
zu erwidern von härzen gesonnen sei. Dan er kann nicht gläuben, was es mihr fohr
eine fräude sein sollte, wan ich nuhr einige gelägenheit, ihm zu dinen, ersünnen
könnte. Wolte Got! und er würd es auch wollen, dass nuhr mein führnähmen zur
gewündschten ändschaft gelangen möchte. Wi froh wolt' ich sein; welche fröhliche
bohtschaft würd' ich meinem Lihbsten zu-schreiben: und wi wohl würd' auch ihm
geholfen wärden.
    Damit ich aber (fuhr si fort) meinen trauten fräund nicht länger im zweifel
vertrühffen lahsse, so gäb' ich ihm zu verstähen, dass ich mihr aus
wohl=meinendem gemühte (nahchdähm mich schohn, auf beiden teilen, etliche
märkzeuchen eines heimlichen ja-wortes versichchert haben, dass mein unterfangen
nicht wärde vergäbens sein) fästiglich führgenommen, ein Eh-verbündnüs zwüschen
ihm und Einer aus unserem Frauen-zimmer zu träffen. Aus disen uhr-sachchen nuhn
geschihet es, dass ich ihn noch etliche tage alhihr auf zu halten gedänke. Dan er
sei versichchert, wan es ihm nuhr selbst belihblich wäre, dass ich keine mühe und
keinen fleis sparen wärde; und ich weus gewüs, dass auf der andern seiten mein
ansuchen schohn heimlich bewülliget ist.
    Dise räden kahmen mihr zimlich fremde führ, und machten mich so verwürret,
dass ich eine guhte zeit [75] stille schwihg, und mich gahr auf keine antwort
entschlühssen konnte. dehrgestalt, dass Adelmund fragte, wi mihr zu muhte wäre?
und was ich zur antwort gäbe? ich sollte mich nuhr nicht schäuen, meine Meinung
frei häraus zu sagen: dann es wäre jah noch eine ungeschähene sachche, und wüste
nihmand unser führnähmen, als wihr beide.
    Ach! meine grohs-geehrte Fräundin (gahb ich ihr zur antwort) wi solt' ich
mich dässen erkühnen? wo sollten mir dise gedanken hähr-kommen, dass ich so
verwägen sein sollte, mich in einer unmühglichen sachche zu bemühen. Was,
unmühglich fihl si mihr in di räde, und brachte mihr so vilerhand einwürfe, und
befästigte ihre Meinung mit so vihlen unverwärflichen gründen, dass ich ändlich
gezwungen ward, ihren fohrschlahg zu billigen.
    Ich mus bekännen, sagt' ich, (nahchdähm ich mich ihrer führ-sorge wägen, di
si führ mich trüge, zum höchsten bedanket hatte) dass si mihr leichtlich keine
abschlägige antwort gäben möchten, indähm ich wohl weus, wi führteilig si gegen
mich gesünnet, und wi wohl si geahrtet sein. Aber eines stähet mihr noch im
wäge, welches mich schihr zweifäln macht, dass si nämlich einer andern Lähre
zu-getahn sein, und dass ich si däswägen, ohne bewülligung meines Vaters, nicht
ehligen darf: dann ihr Vater würd es ihnen ausser allem zweifäl nicht gestatten,
dass si ein anderes Glaubens-bekäntnüs annähmen. Drüm solt' es mir ewig leid
sein, wan ich solch-ein libes mänsch so kränken sollte, und es mit libe gegen
mich entzünden, da ich doch wohl wüste, dass es meiner nimmermehr teilhaftig sein
könnte. Er sei nuhr zu friden (gahb si zur antwort) dis würd sich alles wohl
schikken: der Her Vater ist ein wältsäliger man, und würd hihrinnen wohl zu
beräden sein. Er sage mihr nuhr kurz und rund, welche ihm am bästen gefallen
hat, und welch' er für di seinige schäzzen wollte. Als ich aber hihrauf lange
[76] zeit nichts antworten wollte, so fuhr si fort, und sahgte; ich habe straks
im anfange, da ich und Rosemund den Hern nicht mehr, als aus däm schreiben
meines Lihbsten, kännten (dann wihr hatten ihn beide noch nicht gesähen) aus
ihren worten vermärket, dass si sich nuhr däs blohssen lobes wägen, welches ihm
mein Lihbster so auf-rüchtig gahb, in ihn verlibet hatte. Härnahch ward ich auch
in meiner fohr-gefassten Meinung noch mehr bekräftiget, als ich der veränderung
ihres gesichtes, ihrer gebährden, und ihres ganzen wäsens, bei ihrer ehrsten
zusammenkunft, gewahr ward. Lätslich kont' ich auch in unserer näulichsten, aus
seinen gebährden selbst, indähm er sich mit solchem verlangen so oft-mahls nahch
der tühren, da si sollte härein kommen, ümsah, unschwähr erachten, dass er ihr
auch nicht allerdinge abhold wäre. Jah ihre läfste zu=sammen-sprache, di si mit
einander hihlten, gahb ihrer beiden libe, zufohraus di ihrige, gnugsam an den
tahg.
    So ist es dann nun gewüs, dass Rosemund und Er, einander mit libe heimlich
verpflüchtet sein: heimlich, sag' ich, dann ich weus aus so vilen der Rosemund
verblühmten räden, dass si ihr härz nuhr alein zu seiner Libe gewihdmet hat.
Rosemund soll di-jenige sein, di er wählet (er vergönne mihr, dass ich seine
härzens-gedanken ergründen darf) Rosemund ist di-jenige, di sein härz wündschet,
di seine augen alein zu sähen begähren, und di dehr=mahleins in seinen armen
schlahffen soll.
    Dis rädete si in lachchendem muhte, sah mich an, und schwihg ein wenig
stille; weil ich aber in meinen gedanken sehr vertühffet, und noch nicht zu
antworten entschlossen wahr, so nahm si mich bei der hand: weil er dann nuhn
(sahgte si) mit stil=schweigen sein jah-wort von sich gibet, so wül ich mich
noch disen abänd bemühen, den anfang zu [77] meinem führnähmen zu machchen; und
was verzühen wihr noch lange, dass wihr uns nicht hinunter in das grühne begäben,
indähm uns diser anmuhtige tahg gleichsam dahrzu anlokket.
    Hihrmit nahm si ihren flohr, hing ihn über das hahr, und ein wenig führ das
angesichte: Si fragte mich auch, ob mihr nicht belihbte den mantel und dägen ab
zu lägen; und befahl ihrem kammer=diner, dass er meine sachchen hin-über in das
andere zimmer tragen sollte, da ich etliche tage meinen auf=entalt haben würde.
    Also gingen wihr den wändel-stein hin-ab, und kahmen durch den hinter-hohf
in den garten, da sich di Rosemund mit ihrer lauten ganz aleine befand, und dem
sprüngbrunnen zu-sah. Si hatte sich rächt gegen disem lustbrunnen über auf eine
bank von albaster, mit einem rohtsammten küssen belägt, nidergelahssen, und sahs
in solchen tühffen gedanken, dass si unserer nicht eher gewahr ward, als bis wihr
gahr nahe zu ihr gelangeten.
    Si erschrahk über unserer plözlichen ankunft so sehr, dass si sich ganz
entfärbete, und nicht wusste, ob si uns entfangen, oder sizzen bleiben sollte. Si
erhuhb sich gleichsam mit zitternden glidern, und kahm uns zwe oder drei
schritt' entgegen. Ich neugte mich, dem wälschen gebrauche nahch, führ ihr zur
ärden nider, ihren flügel-rok zu küssen, und baht si üm verzeuhung, dass ich so
verwägen sein dürfte, ihre vihlleicht anmuhtige gedanken zu verstöhren. Adelmund
trat ihr zur rächten, und ich zur linken, also, dass wihr dise Schöne in der
mitten gefasset hatten. Si boht mihr ihre hand, und sah mich auf di seite mit
solchen lihblenden blikken an, dass ich dadurch in wahrheit nicht wenig
verwundert wahrd. Dan dis aus-erläsene libeskind hat solch-ein lihbliches,
solch-ein fräudiges, solch-ein freundliches und holdsähliges gesichte, dass es
[78-79] einen, ich weus nicht wi weit, zu sich lokken sollte: jah man konnte si
nihmahls ohne verzükkung an=schauen, sonderlich wan si di flinkernden augen mit
halb-zitterlichen blikken, auf einen zuwarf: da=hähr ich dann einsmahls dise
reimen in ihren Geträuen Schähffer lägte.
                                   Zwölfling.
Halt, libe Rosemund, di Libes-reizerinnen,
di liben augen wäg, sonst schmachten meine sünnen
fohr ihrer libes-gluht, di Lihb-reiz angezündt,
und di Libinne nährt, du bliz- und stärnen-kind.
Ei liber! so es dihr belihblich ist, mein Läben,
so halt mit lihblen in; ich bin dihr jah ergäben,
Ich bin jah dich alein zu liben auserkohrn,
wi du zu liben nuhr so lihblich bist gebohrn.
Lahs aber dehn nicht nahch zu liben, dehr dich libet,
dehr sich aus libe Dihr, o Lihbste, ganz ergibet;
und lahs mich, trautes Lihb, dein lihbster Lihbling sein
dann dich erhöb' ich, lib' ich; lob' ich nuhr alein.
                                                                            [80]
    Solcher gestalt gingen wihr unter dem vihr-ekkichten Lauber-gange eine
zeitlang hin und wider, und hatten aller-hand lust-gespräche. Aendlich kamen
wihr widerum zum lust-brunnen, unsere gesichter zu ergäzzen, und lihssen uns
alle dreie näben einander nider. Di wasser-strahlen wi mich dauchte, stigen
immer höher und höher, und ih mehr ich si sah, ih stärker si riselten. Rosemund
nahm ändlich di laute, damit si ihren lihblichen klang mit däm stamrenden
gemürmel und lihblichem geräusche däs wassers vermählete.
    In-zwischen schwigen wihr andere ganz stille, und ich hörete mit
verwunderung zu, wi dise Schöne so lihblich spilete; ich sah mit verzükkung di
färtigkeit der finger, di auf den seiten so ahrtig härüm irreten, und solch'
eine lihbliche zusammen-stimmung veruhrsachten.
    Als wihr nuhn diser über-irdischen lust auch ein wenig gepflogen hatten, und
der abänd algemach härzu kahm, so nahmen wir unseren wähg widerum auf das Haus;
da uns di Stilmuht äben begegnete, und ein kleines lust-schiflein hatte lahssen
färtig machchen, damit si nahch däm abänd=mahle mit einander möchten
lust-wandeln fahren.
    Ich wahrd auch mit zu diser lust-fahrt geladen, und kahm äben, ohn einiges
mänschen anordnen, bei der Rosemund zu sizzen: ob si nuhn solches selbst mit
fleis getahn, oder ob es das glück sonst also gefüget hatte, kann ich nicht
wüssen. dann ich habe si im hinein-steigen unter den andern nicht eher erkännet,
als da ich ihr schohn zur seiten sahs. Ich erfräuete mich selbst über disen
glücks-fal, und wahr froh, dass ich eine so libe beisizzerin bekommen hatte.
    Wihr fuhren auf di Amstel, und bliben daselber so lange, bis di
abänd-dömmerung führüber wahr. Mitler zeit spilete di Rosemund mit der Stilmuht
auf der lauten, und der Adelmund kam-[81]merknabe gahb das seinige mit der
pfeiffen dahrzu. bisweilen sungen si alle zugleich, und machten al=so, dass alle
Schähffer und Schähfferinnen, so üm di Amstel härüm wohneten, auf beiden seiten
härzu geeilet kahmen, und ihren lihblichen stimmen mit flöhten und schalmeien
antworteten. wihr hatten damahls eine solche lust unter einander, dass ich meinem
fräunde, so es di zeit leiden wollte, vihl da=von erzählen könnte.
    Als wihr nuhn disen lust-wal verrüchtet hatten, so begahb ich mich,
nahchdähm ich zufohr allen dreien guhte nacht gewündschet, und di Rosemund bis
fohr ihr schlahfzimmer begleitet hatte, zu bette.
    Damit ich aber auch meinen Fräund mit solcher weitläuftigen erzählung nicht
färner verunlustige, so wül ich ihm nuhr kürzlich erwähnen, dass ich mich den
andern und dritten tahg dahrnahch ganz inne gehalten habe, und dass sich Adelmund
straks des andern morgens bei der Rosemund meint =wägen gleichsam zur
frei-wärberin gebrauchen lahssen, welche solches gewärbe mit höhchsten fräuden
(aber ich fürchte zu ihrem unglück) entfangen hat; jah dass si auch solches ihrem
Hern Vater selbst, welcher den dritten tahg si zu besuchen kahm, zu verstähen
gegäben.
    Diser alte aufrüchtige Her, wiwohl er mich noch nihmahls gesähen hatte, so
lihs er ihm doch solches nichts däs-zu weniger, weil mihr der Adelwährt in
seinem schreiben, und di Adelmund selbst mündlich, ein so guhtes zeugnüs gahb,
höhchlich gefallen, und fragte di Rosemund in geheim, damit es di älteste
Tochter nicht erfahren sollte, wässen si sich entschlossen hätte. und ob solches
auch mit ihrem wüllen geschähen könnte?
    Di guhte Rosemund entfärbete sich für schahm, schluhg di augen nider, und
wollte nichts antworten. Adelmund aber, welche schohn fohr diser roh-[82]ten
tühre gewäsen wahr, entschuldigte si, und sagte, dass si ihre bewülligung mit
stil-schweigen von sich gäbe, weil solch-ein alzu lang-wihriges jah=wort nicht
wohl von der zungen wollte. Nahch disen worten schluhg Rosemund di augen auf, und
sah dise ihre Führ-sprächcherin so fräund-sälig an, gleichsam als wan si sich
gegen si bedanken wollte, dass der Vater ihren sün leichtlich errahten konnte. Er
hätte gärn mit mihr selber auch gerädet, aber ich hatte mich unter-dässen, dass
er mit disen beiden Jungfrauen im garten wahr, auf di seite gemacht, damit di
Adelmund däs zu mehr zeit haben möchte, diser sachchen einen guhten grund zu
lägen.
    Nahch-dähm ich nuhn etliche stunden bei einem nahbei-wohnenden Fräunde
verzogen hatte, und der Adelmund anbringen folbracht zu sein schäzte, so begahb
ich mich, widerum auf des Sinnebalds Hern-haus; und fand ihn gleich mit der
Adelmund (welche stähts üm ihn sein musste, wan er hinaus kahm) im tohre stähen.
Diser alte Her entfing mich mit solcher leutsäligkeit und solcher ehr-erbütung,
dass ich mich höhchlich vermunderte: Er nahm mich in den follen arm, und führete
mich also mit der Adelmund in sein inneres Bei-zimmer.
    Wihr hatten uns kaum nider-gesäzt, als er schohn anfing, und von däm gewärbe
der Adel=mund eine ganze räde hähr-machte: dahr-innen er mihr straks seine
tochter zu-sahgte, doch mit dähm bedünge, dass ich mich zufohr verschreiben
sollte, ehrstlich, dass ich si bei ihrer Lähre lahssen; nahchmahls di töchter, so
von ihr geboren würden, auch dahr=innen erzühen wollte. Lätslich hihlt er mihr
auch fohr, dass es bei ihnen nicht gebräuchlich wäre, di jüngste tochter fohr der
ältesten aus zu statten; und baht, dass ich mich über dise drei bedüngungen
erklähren sollte.
    Nahch-dähm ich mich nuhn meiner höhfligkeit [83] widerüm gebrauchet, und
seiner so rundten zusage wägen aufs bäste bedanket hatte, so gahb ich ihm zur
antwort; dass, weil ich mich auf di ehrsten zwo so bald nicht erklären könnte, so
bäht ich ihn, dass er mihr doch so vihl bedänk-zeit bis auf morgen lahssen wollte,
da ich ihm meine gesonnenheit unfähl=bahr entdäkken würde. was aber das lätst'
anbeträhffe (fuhr ich fort) so währ' ich gänzlich entschlossen, meine
fohr-gefasste Meinung, diweil si von Got und däm verhängnüs, keines wäges aber
von mihr hähr-rührete, nicht zu ändern: und weil es auch bei mihr nicht stünde,
und ich keine andere liben könnte, als di-jenige, welche mich fohr so härzlich
gelibet hätte, so wolt' ich di heiraht-sachchen vihl-liber gahr fahren lahssen,
und unverehligt mein läben schlühssen; als eine andere wider meinen sün und
wüllen erköhren.
    Ach nicht! mein liber Sohn (fihl mihr der guhte alte Her in di räde) er mus
di ehe drüm nicht gahr fahren lahssen, und damit ich an ihrer beider verdärben
mit schuld bin, so sei ihm solches verwülliget.
    Es fihlen noch allerhand räden führ, di ich nicht all' erzählen kann, weil es
nicht weit mehr von mitternacht ist. Ihdoch wül ich noch dises dahrbei fügen,
dass ich nähmlich des andern tages mich zwo solcher bedüngungen wägen solcher
gestalt erklärete; ehrstlich, dass es mein gewüssen nicht gestatten wollte, mich
dässen zu verschreiben: dahrnahch, dass ich aus äben denen uhrsachchen di kinder,
es wären nuhn töchter oder söhne, in keiner andern Lähre, als der meinigen
auf-erzühen könnte: was aber Si, di Rosemund, an-belangte, so wüst' ich selber
wohl, dass der Gewüssenszwang Got im Himmel nicht angenähm wäre: drüm wolt' ich
ihr solches frei=ställen; und wiwohl ich gärn sähe, dass di-jenige, so in meinen
armen ruhen sollte, auch meines glaubens wäre, so wolt' ich si dännoch keines
wäges dahr-zu zwüngen. [84]
    In etlichen tagen dahrnahch nahm ich den lätsten abschihd von der ganzen
Gesellschaft, und truhg der Adelmund di sachche träulich auf, dass si selbige,
weil si den anfang so glücklich gemacht hätte, auch fol-änd zur glücklichen
ändschaft bringen möchte.
    Ich wül nicht sagen, wi di tausend-schöhne Rosemund (von welcher ich noch,
so lang' ich bei den Masinnen verzohg, etliche belihbte schreiben erhalten habe)
bei meinem abzuge so häftig geweinet hat, und wi höhchlich ich si bejammern
müssen: dann di zeit gebütet es, und di beschaffen-heit unserer irdischen leiber
fortert uns zur nacht-ruhe.
    Nahch solcher Erzählung entkleideten sich dise beide vertraueten Fräunde,
und begaben sich, nahchdähm si einander guhte nacht gewündschet hatten, nahch
bette. Aber es wahr ümsonst, dass Markhold zu schlahffen gedachte; es wahr nuhr
vergäbens, dass er an einem solchen orte seine ruhe zu suchen gesünnet wahr, da
er nuhr seinen sünnen verhängen musste, selbige vihlmehr zu verstöhren. Dan er
lahg di ganze nacht in tausendterlei gedanken, und wünschete mit so häftigem
verlangen nahch der fräudigen ankunft des tages. di einbildung wahr di einzige,
di seine sünnen bemeisterte, di, an statt dass si ihm di nacht verkürzern sollte,
si vihlmehr verlängerte, und seine schmärzen von blik zu blik vergröhsserte;
dehr-gestalt, dass er in tausend ängsten lahg, und ihm nichts anders einbildete,
als dass dise verdrühsliche nacht nimmer-mehr ein ände gewünnen würde.
                           Aende däs ehrsten Buhchs.
                                                                            [85]
                           Der Adriatischen ROSEMVND
                                 anderes Buhch.
Der tahg wahr so bald nicht angebrochchen, als sich Markhold schohn aus seinem
lager erhuhb und zum tage=leuchter machte, den brihf seiner Rosemund, dehr ihn
dise nacht über so sehr verunruhiget hatte, noch einmal durch zu läsen. Aber er
hatt' ihn kaum angefangen, da er über seinem zimmer solch-ein plözliches
gerumpel hörete, dahr-auf ein solcher schwärer fal folgte, davon das ganze haus
und er selber führ schrökken und entsäzzen zu zittern begunte. Er ging nahch
seinem Härz-währt zu, welcher von disem erschröklichen falle schohn erwachchet
wahr, und ihn straks frahgte; was dises führ ein gepolter gewäsen wäre, welches
er izund gleichsam als im Traume, gehöret hätte?
    Markhold, welcher seine furcht und angst-mühtigkeit, führ ihm verbarg,
wiwohl er solches führ kein guhtes zeuchen hihlt, gahb ihm zur antwort; dass
vihl-leicht di kazzen etwas härunter geworfen hätten, welches so ein grohsses
gepulter gegäben. Nein, nein! mein lihbster Markhold (fing Härz=währt an) es mus
was anders zu bedeuten haben; es sein nicht kazzen gewäsen, di mihr disen
schweis veruhrsachchet haben; hihr-mit huhb er das bett' ein wenig in di höhe;
Er sähe hihr (sprahch er) wi das hämde so pfüzzen-trühffend nas ist, wi mein
gesicht mit schweis und trähnen über-schwämmet, und der schlahg so ungestühmlich
schläget. Hihr-aus kann er leichtlich schlühssen, in was fohr angst ich
ge-[86]wäsen bin, und was fohr weh-leiden ich ausgestanden habe, eh ich bin
wakker worden. Ich hab' einen traum gehabt, dehr würd mihr wahrlich nichts
guhtes bringen, einen solchen traum, als ich di tage meines läbens nihmahls
bekommen.
                             Des Härz-währts traum
                              oder nacht-gesichte.
Ich sah einen ungeheuren Leuen mit gewalt auf mich zu-lauffen, welchen ich mit
meinem dägen so lang' abhihlt, bis mihr etliche unbekannte mänschen zu hülfe
kahmen. Ich fochte so tapfer und widerstund ihm mit solchen kräften, dass er mihr
ganz nicht zu leibe kommen konnte: ich bekahm auch nicht den geringsten schaden,
als nuhr einen streich, welchen er mihr mit der pfoten über den arm gahb. Aber
dehr-jenige, der sich meiner so träulich an=nahm, und zwüschen mihr und dem
Leuen eindrüngen wollte, ward so unfräundlich entfangen, dass er von einem einigen
streiche, welchen ihm der Leu' in das gesicht versäzte, zu boden fihl. Als ich
nuhn dises sah, so ward ich noch vihl häftiger ergrimmet als zufohr, und ging
mit foller ungestühm auf den Leuen zu, den tohd dises unbekanten Fräundes zu
rächchen. Weil aber di andern alle dahr-zwüschen kahmen, und mich von ihm
abscheideten, so nahm er ändlich, ehe wihr uns dässen versahn, das reis-aus,
und wihr wahren mehr bemühet disem vermundeten hülflich bei zu sprüngen, als dem
Leuen nahch zu säzzen.
    Da lahg der arme mänsch in seinem bluht', und man spürete nichts mehr an
seinem läben, als ein gelindes härz-klopfen. Das gesichte wahr so zerschmettert
und so übel zugerüchtet, dass er keinem mänschen mehr ähnlich sah. Ich fihl über
ihn hähr, und huhb bitterlich an zu weinen, dass so ein härz-[87]träuer Fräund,
indähm er mihr seine ehrsten fräundes-dihnste leisten wollen, sein läben so
schändlich eingebühsset hätte. Ach! sahgt-ich, du wiwohl noch izund unbekanter,
doch aller-träuester Fräund, wi weh tuht mihr's, dass ich dihr nicht fohr dises
hohe fräund-stükke, danken soll, oder doch zum wenigsten di ehre haben, dich bei
läben zu erkännen.
    Gleich als ich in solchen ängsten wahr, so erhuhb sich dises erschrökliche
gepulter, dehrgestalt dass ich plözlich erwachte, und däs ändes dises traumes
nicht fol-änd erwarten konnte. Was meint  nuhn mein Fräund (sagt' er färner) soll
mihr dises nacht=gesicht' auch was guhtes bedeuten? ich habe keinen muht dahrzu;
wahrlich, es schwanet mihr, und ich märk' es dass ein grohsses unglück fohrhanden
ist.
    Markhold, wi-wohl er über disen traum seines Fräundes noch vihl häftiger
erschrokken wahr, so bemühet' er sich doch, ihm solches bäster mahssen aus dem
sünne zu räden. Was! fing er an, wül sich mein Fräund einen traum so einnähmen
lahssen? wül er solchem bilder-wärke seiner sünnen ein wahr=haftiges läben
zu-schreiben? ach nicht! mein Liber. träume bleiben träume, und man kann gahr
nicht dahrauf fühssen. Er hat vihl-leicht gestern ein solches gemälde gesähen,
welches ihm izund im schlahffe wider führkommen ist; oder, wi ich gänzlich
dahrführhalte, es mögen sich seine sünnen von meiner gestrigen langen erzählung
so verunruhiget und verwürret befunden haben, dass si also, weil si nicht ruhen
können, dehrgleichen wunderliche bilder gewürket haben.
    Oh nein! (fihl ihm Härz-währt in di räde) es sein keine blohsse würkungen
meiner sünnen! es ist mihr schohn mehr-mahl widerfahren, dass ich träume gehabt
habe, di mihr sein alzu wahr worden, sonderlich di morgen-träume, di ich keines
wäges verwärffen kann; und solches aus disen erhöhblichen uhrsachchen: [88]
    In-dähm er solcher gestalt fort-räden wollte, so klopft' ihmand mit solcher
geschwündigkeit, dass si beide fohr schrökken erzitterten, an die tühre. Was gült
es, mein Fräund, huhb Härz-währt an, izund wärd' ich mein unglück erfahren. Kaum
hatt' er dises gerädet und di tühr eröfnet, da kahm sein kammer-diner härein,
gahb ihm ein kleines brihflein, und sagte, dass er solches schohn gestern gahr
bei spätem abänd bekommen, und ihn fast di ganze nacht durch gesuhcht hätte: dann
der lüferer dässen, hätt' ihm gesagt, dass gahr vihl dahran gelägen wäre.
Härz-währt erbrahch es mit zitterlichen händen, und lase disen unmänschlichen
                                 Des Eiferichs
                             Aus-forterungs-brihf.
                   Eiferich verkündiget dem Härz-währt seine
                     äuserste feindliche verfolgung zufohr!
Nahch-dähm ich mich nicht alein von dihr an meinen ehren beleidiget, sondern
auch meine härz-allerlihbste schelmischer weise verführet befünde, so wärd' ich
von rächts-wägen gezwungen, einen solchen mäuchel-verführer, aus gerächter
rachche, führ di klünge zu fortern; und dich allezeit führ den
aller-ehr-losesten schelm, dehr unter der Sonnen läben mahg, zu halten, wofärne
du dich morgen üm acht uhr, zwischen hihr und Karanton auf jen-seit der Sähne,
nicht mit gewafneter und bewährter hand, gegen mich zu verantworten sähen
lähssest, und entweder mihr [89] den hals brüchst, oder dich zum wenigsten durch
eine tapfere faust der besizzung dises ädlen schazzes würdig machchest. Dis ist
der ändliche schlus, dehr keine einige entschuldigung an-nähmen kann: darüm sihe
nuhr zu, dass du dich gegen deinen feind, wo du nicht mit dem schelme dahrvon zu
flühen gedänkest, muhtig erzeugest.
                                                                       Eiferich.
    Als er dises schreibens inhalt verstanden hatte, so rädet' er gleichsam mit
frohem gemühte den Markhold an: Mein Bruder! (sahgt er) diser brihf hat mich
meiner unruhe entlädiget, und nuhn wül ich meine unschuld mit höhchsten fräuden
verföchten. Es ist hohe zeit, dass ich mich üm einen guten beistand bemühe; dann
Eiferich würd meiner schohn warten.
    In-mittels (rädet' er seinen Diner an) verschaffe, dass mir eilendes drei
pfärde mit reit-puffern wohl-aus-gerüstet wärden: und Er, mein lihbster Bruder,
(sahgt' er zum Markhold) sei höhchlich gebähten, mich bis an den ort unserer
wahl-statt zu beg'leiten, und mihr beistand zu leisten: dann ich wollte nicht gärn,
dass dise händel weiter unter di Leute gebracht würden, sonst könt' ich hihr-zu
wohl andere vermögen, dass ich meinen Fräund äben izund, da er sich seiner
Lihbsten wägen so verunruhiget befündet, nicht weiter belästigen dürfte. [90]
    Der Markhold wahr nihmahls mit solchem widerwüllen an ein balgen gegangen,
als äben izund; nicht zwahr, dass er sich führ den bei-ständen des Eiferichs
geschäuet hätte, noch dem Härz-währt in solcher wüchtigen sachche nicht
bei-sprüngen wollen; sondern nuhr alein dahrüm, weil ihm das schreiben seiner
Schönen noch so tühf im sünne lahg, dass er sich kaum entschlühssen konnte, aus
der statt zu reiten, oder nuhr zum wenigsten aus der kammer zu gähen. Weil er
sich aber seiner pflücht erinnerte, so wolt' er auch gleich-wohl nicht zu=gäben,
dass man härnahch von ihm sagen möchte, als wan er seinem fräunde nicht hätte
beistähen wollen: dehr-gestalt, dass er sich auch straks rüstete, und zur
entscheidung oder zum streite gefast machte.
    So bald nuhn der Eiferich, welcher mit einem Wälschen und Franzosen schohn
aufwartete, des Härz-währts mit dem Markhold gewahr ward, so wolt er sich mit
seinen zwe bei-ständen zur ärden begäben, in wüllens sich nahch gewohnheit, bis
auf das Hämde zu entkleiden: Aber Härz=währt, dehr dessen als-bald ansichtig
ward, gahb seinem pfärde di sporen, und als er sich ihnen so vihl genähert
hatte, dass sie ihn verstähen konten: so rühf er dem Eiferich zu: Halt, halt!
(schrie er) ein eifriger Lihbhaber mus den preis seiner Lihbsten nicht zu fuhsse
suchen: ich bin anhähr kommen kugeln zu pfärde zu wächsseln, und nicht wi di
Seil-tänzer und gaukler zu fuhsse, mit einem solchen Ritter, wi ich ihn ansähe,
mit der plämpe zu föchten.
    Eiferich ward über dise räden so sehr bestürzt, dass er nicht wüste, was er
sagen sollte. Kugeln zu wächsseln, (rädet' er mit sich selbst) zu pfärde zu
föchten, das ist bei mihr nicht der brauch; zudähm so hab' ich mich auch nicht
[91] dahrauf gefasst gemacht. Härz-währt aber drang auf, ihn zu, zohg seinen
reit-puffer häraus, und tummelte sich damit führ seiner nasen härrum.
    Als er sich nuhn gahr nicht dahrzu entschlühssen wollte, und seine beide
mit-gehülfen fohr furcht zu zittern anfingen, sonderlich der eine, welcher so
tapfer als ein stroh-wüsch, und als wan ihn ein bauer mit der mist-gabel hinauf
geworfen hätte, zu pfärde sahs: so fing Härz-währt noch ein-mahl an, und sagte
mit solchen harten worten, dass si noch vihl mehr erzitterten; wi ist es nuhn?
man hat mich lahssen aus-fortern, meinen ehrlichen namen zu verföchten; man hat
mich unschuldig geschmähet, man hat mich wollen zum schelme machchen! wo sein
nuhn di-jenige, di solches getahn haben? wo ist der grohs-sprächcher, dehr mihr
meinen ehrlichen namen beschmüzzen wollte? Er mahg nuhn zu-sähen, wi er den
seinigen rätte; oder wo nicht, so mus er mit dem schelme das feld räumen.
    Dise räde hatte den Eiserich, welcher sonst solch eine eifer-süchtige
ahrtschaft an sich hatte, dass er nicht vihl dehr-gleichen worte vertragen konnte,
noch vihl hizziger fohr der stirne gemacht, dehr-gestalt, dass er fohr grossem
unwüllen und rach-gihr fast nicht wusste, was er begünnen sollte. Dan däm ansünnen
des Härz-währts kont' er nicht gnüge tuhn, weil er sich nicht gnugsam dahr-nahch
aus=gerüstet hatte.
    Als nuhn dises der Markhold eine guhte weile mit angesähen hatte, so sprahch
er seinem Fräunde zu, und baht ihn, er wolle doch nuhr ab-sizzen, und den
Eiferich nicht länger im zweifäl lahssen, weil er wohl sähe, dass er sich zum
kugel-wächsseln nicht aus-gerüstet hätte. [92]
    Er wägerte sich dässen eine guhte zeit, als er aber so lange bei ihm
anhihlt, so rühf er ändlich dem Eiferich zu (dann er hihlt eine guhte ekke von
uns gahr nahe bei der hehr-strahssen): nuhn wohlan! weil mein Fräund fohr dich
gebähten hat, so wül ich mich ändlich, nicht nach deinem wüllen, sondern auf
sein bitten, dihr einen dägen-streit zu lüfern, bekwähmen: Solcher gestalt stihg
er ab, und nahch=dähm er sein wammes abgeläget hatte, so zohg er von läder und
ging mit entblöhsster klünge nahch dem Eiferich zu.
    So schauet dann nuhn al-hihr den aller-eifrichsten und aller-tapfersten
zwe-streit, dehn man ih=mahls mit augen gesähen hat, und dehn ein tapferer
Deutscher und ein Libes-eifriger Wälscher ein=ander lüfern: jener aus billiger
vertähdigung seiner ehre, und diser aus eingebildetem argwahn und lauterer
schähl-sichtigkeit.
    Si hatten schohn zwe gänge mit einander getahn, und nuhn beider-seits gleich
einen zeit-blik nahch-gelahssen, dehr-gestalt, dass si den dritten auch begünnen
sollten: da kahmen zwe reiter von färne kwähr feld über sporen-streichs auf si
zu=gehauen; dehr-gestalt, dass si anfangs nicht wussten, was si gedänken sollten.
    Markhold befahrte sich, es würde vihl-leicht ein bestallter hinterhalt des
Eiferichs sein: di andern muhtmahsseten äben das-selbige, und warden auch in
ihrer muht-mahssung nicht allerdinge betrogen. Dan es wahr kaum ein augen-blik
vergangen, als sich dise beide schohn solcher mahssen näherten, dass man wohl
erkännen konnte, dass si des Härzwährts Tisch-fräunde wären, welche seinen Diner
mit den dreien aus-gerüsteten pfärden häten reiten sähen, und dahähr
gemuhtmahsset, dass er händel würde bekommen haben.
    Dise zwe Fräunde waren kaum angelanget, als [93-94] sich der eine noch im
lauffen mit solcher geschwündigkeit vom pfärde härab-schwang, dass man nicht
wusste, wi er so jähligen di ärde beträten hatte; und mit entblöhsstem dägen hinzu
lühf, gleichsam als wan er seines fräundes widersachcher straks durch=stohssen
wollte: dehr-gestalt, dass ihm auch seine bei=stände zu-rühffen, er sollte gemach
verfahren, oder es würde kein guhtes ände gewünnen. Nichts däs zu weniger
fol-führt' er sein führnähmen, und drang sich mitten ein, in wüllens si von ein
ander zu bringen; aber der guhte mänsch bekahm von dem Eiferich einen solchen
stüch, rächt schelmischer weise, durch di brust, dass er zusähens tohd zur ärden
fihl.
    Als nuhn Markhold und des ertöhdteten gefährte solches verfahrens gewahr
warden, so bemüheten si sich mit macht si von einander zu bringen, damit nicht
noch einer auf dem plazze bleiben möchte: welches si dann auch alsbald zu wärke
rüchteten, also, dass Härz-währt, welcher seinen lihbsten Tisch=fräund im bluhte,
das er führ seine läbens-erhaltung gelahssen hatte, ligen sah, äben zeit
bekahm, sich zu ihme zu nahen, und seine wunde zu besähen.
    Markhold und Stilfride (also hihs der gefährte) tähten äben dasselbige.
Dehr-gestalt dass Eiferich, welcher schohn frische pfärde bei der hand hatte,
sich mit seinen bei-hälfern ohn' einige hinternüs und verfolgung, auf di flucht
begäben konnte. Härz-währt lihs seinen Lauter-muht (also hihs der ertöhdtete) auf
sein pfärd laden, und foländ nach Karanton bringen, da er auf den andern oder
dritten tahg sollte begraben wärden. Der wirt lihs ihm auf begähren des
Härz-währts das bluht abwaschen, und ein näues hämd' antuhn. Man bekahm auch
alsbald bei dem tischer einen sarg, welchen er schohn im fohr=raht färtig hatte,
und hihs ihn dahr-ein lägen, dehr=gestalt, dass dise Leiche noch selbigen
fohr-mittahg ganz beschikket ward. [95]
    Als si nuhn widerüm nahch Parihs reiten und den Lauter-muht verlahssen
sollten, so brahch dem Härz=währt das härze, das härze begunt' ihm zu kwällen,
und veruhrsachte solch-eine veränderung in seinem gesichte, dass sein innerliches
weh-leiden leichtlich ab=zunähmen wahr. Er fihl dem Leichnam noch zu guhter
lätst' auf das gesichte, küsset' ihn und sprahch; ach mein liber bruder, mein
trauter fräund, ich mus nuhn von dihr, von dihr mus ich, dehr ich deinen tohd
veruhrsachchet habe. ach! wi gärn wolt' ich dein läben mit däm meinigen, so es
mühglich wäre, wider=lösen! was hab' ich, deinen ältern nuhr führ ein härzeleid
veruhrsachchet! was wärden si sagen, wan si den uhrsachcher deines unschuldigen
todes erfahren wärden! si wärden mich verfluchen, ob ich schohn an deinem
verdärben keine schuld habe. Dan ich weus, was ein väterliches härz, wan es
dehr-gleichen fälle seiner kinder erfähret, fohr unwüllen und bangigkeit, zu
tuhn pfläget. Si wärden nicht betrachten (das weus ich wohl) dass ich unschuldig
bin; si wärden mich aus alzu grohsser libe gegen ihren sohn, und alzu häftigem
unwüllen gegen mich, ohn alle gnade verur=teilen. Doch was wül ich tuhn? ich wül
es gahr gärn ertragen, was man mihr auferlägen würd, und solt' es auch der tohd
selber sein. Bin ich strahf-fällig, so wül ich nicht ausreissen, wi jener
bluhtund, dehr dihr so schelmischer weise das läben genommen hat: sondern mich
selber gutwüllig der strahf unterwärfen.
    Ein grimmiger Leue (fuhr er fort) hat dich erwürget, ein solcher Leue, dehr
mihr im schlahff' erschinen ist. Izt fällt mihrs ein, was ich dise vergangne
nacht führ einen schädlichen traum gehabt habe: nuhn befünd' ich mit der
wahrheit, dass träume nicht zu verwärfen sein! ach! dass ich solchem übel, das
mihr doch im schlahffe verkündiget ward, nicht habe können zufohr kommen! o
hartes verhängnüs über mich und dich! o unverhofter, erbarmenswürdiger fal! o
unglück! o unheil! [96]
    Indähm er also rädete, so mochte sich vihl-leicht das bluht aus diser
häftigen bewägung so sehr erhizzet haben, dass es aus der wunde, di er unwüssend
am rächten arme bekommen hatte, häraus gedrungen, und unter dem ärmel härführ
auf di hand geflossen kahm. Markhold ward dässen zum ehrsten ansichtig, und
ermahnt' ihn alsobald, er wolle doch seiner selbst ein wenig schonen, und
vihlmehr gedänken, wi seine wunde möchte verbunden wärden, als si durch dise
un-nöhtige und nuhr vergäbene räden noch mehr verärgern.
    Harz=währt kährte sich anfangs gahr wenig an seine räden; als er aber sah,
dass das bluht immer mehr und mehr unter dem ärmel härführ geflossen kahm, so
lihs er ihm das wammes aus-zühen, damit er erfahren möchte, ob der schaden auch
etwas auf sich hätte. Nachdähm er aber gesähen hatte, dass di haut nuhr ein wenig
aufgerizzet wahr, so lihs er sich mit nichts anders als einem leinen tuche
verbünden, und wollte dann ehrst, wan si wider in di Stat kähmen, den wund-arzt
gebrauchen.
    Mitler-weile hatte sich Eiferich mit seinen Gesellen aus däm Parisischen
Gebüte schohn häraus gemacht, damit man ihn (wan jah das unglück dises entleibten
aus-kähme, und es erfahren würde, dass er der tähter gewäsen wäre) nicht etwan in
haft nähme, und widerüm zum tode verdamte. Dan das gewüssen ist ein nagender
härz-wurm, welcher di verbrächcher un-auf-höhrlich zwakket und plaget,
dehr-gestalt dass ihnen alles wül zu änge wärden, dass ihnen gleichsam alle
uhr-wäsen zur züchtigung dinen, und alle mänschen ihre feinde zu sein scheinen.
    Als nuhn Härz-währt mit seinen beiden gefährten (nahchdähm si zufohr
abgesässen waren, und di pfärde, damit ihre händel nicht kundbahr würden,
zurückke gelahssen hatten) widerüm in seine behausung einkähren wollte, so kahmen
ihm äben seine [97] andern Tisch-fräunde, di im geringsten nicht von diser
sachche wüsten, entgegen, und bahten ihn, wi auch den Markhold, dass si ihnen
nuhr auf eine vihrteil-stunde wollten Gesellschaft leisten, dann si hätten einen
näuen tisch-fräund, welcher ehrst aus Hol=land angelanget wäre, bekommen, und
wollten sich also mit ihm und etlichem Frauen-zimmer, so ihre wirtin dahrzu
geladen hätte, ein wenig erlustigen.
    Harz-währt hatte anfangs keinen muht dahr-zu: gleichwohl, weil er sich
befahrete, dass seine händel nicht däs zu eher kund würden, wan er sich ihrer
Gesellschaft entihlte, so gahb er ändlich seinen wüllen dahr-ein, doch mit dähm
bedünge, so färn es seinem Markhold beliben würde; Dan ohne seinen wüllen
(sahgt' er) darf ich mich dässen nicht unter=fangen.
    Wiwohl nuhn Markhold liber zu haus' alein, als in einer Gesellschaft gewäsen
wäre, so hätt' er doch auch den näuen ankömling aus Holland gärne sähen mögen,
dehrgestalt, dass er sich zwahr an=fangs ein wenig weigerte, und doch ändlich
dahrzu beräden lihs; Man führete si also ohne verzug in ein schönes mit güldnen
prunk-tüchern ganz behängtes zimmer.
    Aber wi häftig entsäzten sich dise beiden, als si solch ein fräudiges Süng-
und seiten-spihl höreten; als si solch einen hauffen schöner Weibes-bilder
sahen: sonderlich Härzwährt, nahchdähm er seiner Lihbsten, der Tugendreich
(welche bis-hähr, in-dähm si nuhr seinet-wägen zu diser Gesellschaft kommen wahr,
seiner abwäsenheit halben zimlich betrühbt gewäsen) so unverhofter weise gewahr
ward. Er entfand so ein ungestühmes härz-klopfen, dass er sich kaum besünnen
konnte, wo er wäre; und si entfärbete sich führ schahm dehr-mahssen, und ward
durch seine plözliche dahrzwüschen-kunst so häftig verunruhiget, dass si kaum
räden konnte. [98]
    Nahch-dähm nuhn di wort-gepräng' auf beiden teilen geschähen waren, so nahm
der Härz-währt seinen Markhold bei der hand, und führet' ihn mit sich zu seiner
Lihbsten, welche äben auf einer bank aleine sahs: dann si wahren nuhr izund von
der tafel auf-gestanden, und das Frauen-zimmer hatte sich auf der seite nahch
der reihe härüm gesäzt. Nuhn (sahgt' er im hingähen) soll mein Fräund auch hören,
ob sich meine Lihbste mit seiner himlischen Rosemund an klugen räden etlicher
mahssen vergleichen könne.
    Si hatten sich kaum bei disem höhflichen Frauen-zimmer nidergelahssen, als
di Tugend-reich schohn etlicher bluhtsfläkken in des Härz-währts stüfel-tüchern
und hand-schleiern gewahr ward; wohrüber si nicht wenig erschrahk; gleichwohl
verbarg si es noch so lange, bis er von seinem diner hin=aus geruhffen ward, und
ihr also selber gelägenheit gahb, sich dässen bei seinem Fräunde, weil er
abwäsend wäre, zu erkundigen. Si baht anfangs den Markhold, er wolle si doch
unbeschwäret berüchten, wo si beide so lange gewäsen wären, dass si di tahffel
versäumet hätten? Markhold gahb zur antwort, dass si einen guhten fräund besuchet
hätten. Oh nein! mein Her (fihl si ihm in di räde) er verzeuhe mihr, dass ich ihm
wider-sprächchen mahg; ich habe schohn einen andern vogel süngen hören, von dehm
ich so vihl verstanden habe, dass der Fräund nicht al-zu-guht gewäsen ist.
    Uber disen räden entsäzte sich Markhold, und entfärbte sein gesichte
dehr-mahssen, dass si nuhn=mehr schohn vergewüssert wahr, dass si ihre
muht=mahssung nicht würde betrogen haben. Was bedeutet dann das bluht (fuhr si
fort) das man auf seinen kleidern sihet, und wahr-üm wül er den rächten arm
nicht rächt gebrauchen? ist es nicht wahr, dass jene in der roht-und blauen
tracht di gleich gegen uns über [99] sizt, dises unglück veruhrsachet hat? GOT
wolle nuhr, dass es wohl abgelauffen sein mahg! dann ich habe gestern erfahren,
dass ihn der Wälsche fohr di klünge zu fortern gedräuet hat, weil er mit seiner
Lihbsten etwan ein-mahl zu fräundlich mahg gerädet haben; dahähr ihm diser
arg-wähnische, schähl=sichtige mänsch straks eingebildet hat, dass er ihm di
seinige abspänstig machchen würde. Ach! mein Her, (sahgte si lätslich mit
tühf-gehohlten seufzen) ich bitt' ihn üm ihrer träuen fräundschaft wüllen, er
wolle mihr jah nichts verschweigen, nahch-dähm mahl seine sachchen mihr so wohl
angähen, als ihm selber: dahr-gegen sei er widerüm versichchert, dass ich mich
durch meine wenige dihnste, bei aller führ-fallenden begähbnüs, meinem Hern
widerüm annähmlich machchen wärde.
    Markhold sah wohl, dass es nuhr ümsonst wäre, dise sachchen weiter zu
vertuschen, drüm baht er di Tugendreich üm verzeuhung, dass er sich hätte bemühen
wollen, si hinter der wahrheit hin zu führen. So-färne mihr aber meine Jungfrau
(sahgt' er) nuhr dise zusage leisten wollte, dass si weder ihrem Lihbsten, noch
einigem mänschen etwas von disem handel, welchen ich ihr izund entdäkken wärde,
wül märken lahssen: so wärd' ich mich nicht weigern, ihr, als dehr so ein
grohsses an ihres Lihbsten wohl=stande gelägen ist, das-jenige zu offenbahren,
welches ich auch fohr meinem bruder selbst wollte verschwigen halten.
    Härz-währt verweilte sich zimlich lange, und lihs seinem fräunde zeit genug,
der näu-gihrigkeit seiner Lihbsten gnüge zu tuhn: und Markhold erzählt' ihr
seinen traum, dehn er di fohrige nacht gehahbt, und alles, was sich dahrauf
begäben hätte; ausgenommen das entleiben des Lauter-muhts wolt' er noch nicht
so-bald entdäkken, damit er durch solche traurige zeitung ihre fräude nicht
foländ zerstöhren möchte. [100]
    Aber es wahr auch ümsonst, dass er solches verbärgen wollte: dann er hatte
seine räde nicht so bald geändiget, als das geschrei schohn unter di
gesel=schafft kahm, dass der Wälsche den Lauter-muht erstochchen hätte, und
selber in der flucht von einer andern rotte, so vihlleicht dem Lauter-muht
hätte wollen zu hülfe kommen, entleibet worden. Dan der Föchtmeister, welcher
den Wälschen und den Lauter-muht wohl kante (weil si sich fohr disem alle-beide
seiner unterweisung gebraucht hatten) wahr ohn gefähr des wäges, da sich dise
schlägerei begäben, nahch Karanton zu, fohrbei gewandert; und hatte solches
nahchmahls bei seiner widerkunft der wirtin des Lauter-muhts angesaget.
    Di ganze Versamlung ward über diser unan=muhtigen zeitung dehrmahssen
bestürzt, und so hästig betrübet, dass sich anfangs ihre lust und fräude in ein
über-mähssiges weh-klagen und unlustige verwürrung veränderte. Seine
tisch-fräunde stunden in solcher angst, als wan si alle mit einander führ di
köpfe geschlagen wären, und wussten nicht was si begähen sollten. Der eine teil
ging zu pfährde, entweder den tähter zu suchen, oder aber den leichnam ihres
Lauter-muhts auf zu höben: dann si wussten nicht, dass Härzwährt dahrbei gewäsen
wahr, und den entleibten schohn hatte beschikken lahssen. Di andern stunden noch
im zwei=fäl fohr der tühren, nahch einer vihlleicht gründlichern zeitung zu
warten, und hatten allen wohl=stand, dehn si däm Frauen-zimmer zu leisten
schuldig waren, aus der acht gelahssen, also, dass ihm nihmand mehr aufwartete,
als unser Markhold, welchen der Härz-währt, als er hinaus gegangen wahr, seiner
Lihbsten auf zu dinen gebähten hatte. Das ganze Frauen-zimmer stund in trähnen;
und weil es meisten-teils des Lauter-muhts kundschaft gehabt hatte, so wahr es
so hastig be-[101]trühbt, dass sich auch etliche fast nicht wollten tröhsten
lahssen. Aber wi sehr dise deutsche Mänsch=göttinnen (dann si waren meistenteils
entweder hohch= oder nider-deutsche) den traurigen zustand des Lauter-muhts
bejammerten, so konten si doch (welches hohch zu verwundern wahr) di Lihbste des
Eiferichs nicht bewägen, dass si nuhr etliche zähren vergossen hätte, da si doch
wohl vernommen hatte, dass nicht alein Lauter-muht, sondern auch ihr Lihbster
selbst das läben eingebühsset. Jah si sahgte frei häraus, (als ihr Markhold
dises fohrhihlt) es wären solcher Leute noch mehr in der wält, und si frahgte
nahch dem Eiferich so vihl nicht, wan nuhr Härz=währt noch läbete. Dises sahgte
si heimlich zu ihm, dass es di Tugendreich nicht hören sollte: aber Markhold gahb
ihr solch-einen harten blik, dass si leichtlich verstähen konnte, was er führ
gedanken hätte.
    Man saget sonst ins gemein, dass di Hohchdeutschen träu-beständig, di
Wälschen Libes-eifrig, oder schählsichtig, und di Franzosen leicht-sünnig sein.
Wehr nuhn solches nicht gläuben wül, dass es wahr sei, dehr verfüge sich nuhr
hihr-hähr, und schaue dise drei mänschen-bilder, den Härz-währt, als einen
Hohchdeutschen, den Eiferich, als einen Wälschen, und dise Franzinne; gleichsam
als einen dreifachchen läbendigen entwurf diser drei Fölkerschaften, mit
bedachtsamkeit an. Wahrlich, er würd nicht läugnen können, dass Härz-währt, als
ein Hohch-deutscher, der aller-träueste, aller-härzhafteste und
aller-beständigste sei; dass Eiferich als ein Wälscher, der
aller-libes-eifrigste, aller-schähl sichtigste und im schändlichen argwahn
vertühfteste wühterich sei; und dass ändlich dise Franzinne, di
allerunbeständigste, di aller-wankel-mühtigste und aller-leicht-sünnigste sei.
    Als si sich nuhn eine guhte zeit in disem traurigen zustande befunden
hatten, so lihs Härz-währt dem [102] Markhold heimlich zu-entbühten, er möchte
sich doch, so vihl als er immer könnte, bemühen, di Tugendreich, dass es di andern
nicht gewahr würden, mit sich in den hinter-hof zu führen, alda er ihrer warten
wollte. Markhold, dehr ihm seines Fräundes sachchen vihl-mehr als di seinigen
selbst angelägen sein lihs, erdachte straks einen rank, und lihs di wirtin
bitten, si möchte doch durch ihre mahgd der Jungfer Tugend-reich ansagen
lahssen, dass man ihr einen bohten geschikt hätte, nahch hause zu kommen.
    Diser fund ging mehr als gewündscht von statten; dann, nahch-dähm di schöne
Tugendreich von der ganzen Gesellschaft abschihd genommen hatte, so begleitete si
der Markhold, und gahb ihr im hin=aus-führen zu verstähen, dass si nicht nahch
hause, sondern zu ihrem härz-aller-lihbsten, dehr ihrer im hinter-hofe wartete,
beruhffen wäre: und baht si mit solchen bewähglichen worten, dass si sich doch
nicht weigern wollte, ihren Härz-währt noch dises einige mahl zu vergnügen; dann
er würd' ihr ohne zweifäl noch fohr seinem abzuge di lätste guhte nacht
wündschen wollen. Di lätste gute nacht (huhb si mit härz-brächchenden seufzen
an) das sei färne! ich hoffe noch zu fohr mehr, und der bästen nächte mit ihm zu
genühssen, eh er mihr di lätste gäben soll.
    Jah (fihl ihr Markhold in di räde) meine Jung=frau hat freilich der bästen
noch zu genühssen, und diser abschihd soll dahrüm nicht der aller-lätste sein,
sondern in kurzen, wan es di zeit und gelägenheit ein wenig leiden würd, durch
eine hohch-erfräuliche widerkunft erstattet wärden.
    Inzwischen näherten si sich dem Härz-währt, welcher mitten im hofe in
solchen tühffen gedanken stund, dass er anfangs ihrer ankunft nicht gewahr ward.
Markhold, nahchdähm er ihm mit seiner Lihbsten eine guhte weile zugesähen hatte,
huhb ändlich an und sahgte; mein bruder! ich bin seinem [103] befähl träulich
nahch-kommen, und habe disen hohch=währten schaz, welchen er mihr anvertrauet
hat, nicht alein wi meinen aug-apfel selbst bewahret, sondern ihm auch hihr
gegenwärtig, seinem begähren nahch, widerüm überlüfern wollen.
    Er überlüfert mihr freilich (gahb er zur antwort, nahch-dähm er sich gegen
ihn bedanket hatte) einen sehr hohch-währten schaz, welchen ich mehr als mein
läben libe, und an dehm mein härz nuhr alein hanget, aber ich wärd' ihn bald
widerüm verlühren müssen: und Si, aller-schöhnste Tugendreich (sahgt' er, und
wändete sich nahch seiner Lihbsten zu) würd mihr höhchlich verzeuhen, dass ich so
un=höhflich gewäsen bin, und ihr anmuhten dürfen, zu mihr zu kommen, da es mihr
doch vihl bässer angestanden wäre, wan ich meiner Schönen, ihr dise tritte zu
ersparen, selbst aufgewartet hätte. Aber, weil es di hohe noht erfortert, und
ich solches, aus uhrsachchen meines izigen unglücksäligen zustandes,
noht-drünglich tuhn müssen, so darf ich auf nichts mehr gedanken, als wi ich
mein unglück beklagen, oder vihlmehr mich aus einem noch instähenden ärgern
rätten soll. Dahr-üm wül ich si meine härz-allerlihbste (mit disen worten fihl er
ihr üm den hals) der götlichen obacht träulich befählen, mich aber ihrer
ungefärbten härzlichen Libe!
    Aber solchen räden kahmen ihr di trähnen mildiglich härab geflossen, und er
konnte führ schmärzen kein wort mehr machchen, als; mein härz, meine Sonne gehabe
sich wohl! si gehabe sich wohl! und meine härz-allerlihbste bleibe beständig,
gleich wi ich beständig bleiben, und der ihrige starben wül.
    Mit disen worten schihd er von ihr, und säzte sich mit seinem Markhold zu
pfärde, damit er sich (ehe dise händel führ di obrigkeit gebracht würden, und
ihm nicht etwa zum schümpfe gereichten) in di Nord-männische gränze begäben
möchte. [104]
    Also machten sich dise beiden Fräunde auf den wähg, und di trühbsälige
Tugend-reich, welche fohr grohssem weh-leiden kein einiges wort-glihd zu wäge
bringen konnte, verfolgte si mit den augen so weit, als si immer konnte. Da reitet
nuhn dehr-jenige hin (gedachte si bei sich selbst) dehr dihr bis-hähr so manche
stunde versühsset hat, und nuhn ins künftige alle mit einander verbittern würd!
wehr würd mich arm-säligen hihr in der fremde tröhsten, nuhn mein einiger trohst
hin ist! doch was bekümmerstu dich, meine Sehle (sprahch si ihr selbst zu) du
hast vihl-mehr zu wündschen, dass es ihm wohl gähe, und dass er glücklich möge
widerüm zurückke gelangen.
    Wi manche seufzer täht si, wi mancher trahn fihl ihr aus den augen, eh ihr
Markhold von ihrem Lihbsten ein schreiben zurück brachte; ein solches schreiben,
welches si seiner träue versichcherte, welches si in ihrer trühbsahl tröhstete,
und ein wahres märk-zeuchen seiner beständigen libe wahr.
    Nuhn wollen wihr den Härz-währt so lange bei den Nordmännischen Sähninnen
und Eptinnen, di Tugendreich aber bei ihren Parisinnen verzühen lahssen, und
unterdässen sähen, wi es mit dem Markhold, dehr nuhn bald zweifachche zeitung
von seiner Rosemund bekommen soll, ablauffen würd. Dan er hatte sich kaum widerüm
nahch hause begäben, als er schohn wider-üm an das schreiben seiner
träugelihbten gedachte, und wahr kaum in di kammer hinein geträten, als er auf
der ärden ein kleines brihflein, welches er den fohrigen abänd aus der Rosemund
schreiben unversähens verschüttet hatte, von färnen erblikte.
    Er huhb es eilend auf und sah, dass es seine Rosemund geschriben hatte; Er
las' es und befand, dass es gleichsam ein aus-läger wäre däs andern schreibens,
welches er schohn geläsen hatte. Er sah si ver-[105]zweifält, arg-wähnisch,
libes-eiferig, und doch auch beständig, dihnst-erböhtig und wider behärzt
zu=gleich. Das eine macht' ihm schmärzen und weh-leiden, das andere gahb ihm
trohst und hofnung. Si berüchtet' ihn mit solchen härz-drüngenden worten, dass si
anfangs wüllens gewäsen wäre, sich in einen Jungfer-zwünger zu begäben; weil si
aber an seiner standhaftigkeit nicht gahr hätte zweifäln wollen, und gedacht,
dass er sich noch wohl wider sünden würde, indähm si gahr kein einiges mis-trauen
zu ihm haben könnte; so hätte si ihr führnähmen nuhr ihm zu libe geändert, damit
si jah an seiner verzweifälung (welche, wan er noch traü verbliben wäre, und
ihre änderung vernommen hätte, sonder zweifäl nicht aussen bleiben würde) keine
schuld haben möchte, und ändlich beschlossen, sich so lange in das feld- und
schähffer-läben zu begäben, dahrinnen si nicht gezwungen wäre, wi in däm andern,
ihre ganze zeit zu verschlühssen.
    Wiwohl nuhn Markhold über dises schreiben nicht wenig betrübet wahr, so
unterlihs er doch nicht, sich widerüm in di behausung seines Härz-währts zu
verfügen, in wüllens den hohch-deutschen von adel, welcher ehrst aus Holland
kommen wahr, zu besuchen. Als er nuhn di träppe zu seinem zimmer hin-auf-steigen
wollte, da kahm ihm der Diner gleich entgegen, welcher ihn auf sein fragen
berüchtete, dass sein Her zu hause wäre. Markhold aber, dehr hihr-mit nicht
vergnüget wahr, frahgt' ihn noch weiter, aus was führ einem Lande däs Deutschen
Reiches sein her bürtig, und aus was führ einem Geschlächt' er entsprossen wäre.
    Der diner, welcher den Markhold noch nicht kännte, gahb ihm zur antwort, dass
er ein Schlesischer von adel wäre, und eine Schwäster in Holland hätte, di
Adelmund hihsse, und in kurzen einem Schalt-obersten sollte vermählet wärden.
Hoh! [106] (sihl er ihm in di räde) so ist er der rädlichen Adel=mund bruder? ei
liber! wi gähet es der lihb-säligen Jungfrauen, und was machchen ihre
gespilinnen, di Venedischen, des Sünnebalds töchter? Alles guhtes, gahb der
diner zur antwort, und sahgte; mein Her ist gewüs der Markhold? dann ob ich ihn
schohn nihmahls gesähen habe, so kann ich ihn doch aus seinem wäsen, und
gebährden, wi mihr solches von der Jungfer Rosemund ist beschriben worden,
leichtlich erkännen?
    Markhold, als er solch-einen belihbten namen nännen hörete, wüste nicht, was
er zur gegen-räde gäben sollte, und wahr so verwürret in seinen sünnen, dass er
ihn nicht beantwortete, sondern nuhr straks frahgte, ob ihm dise Schöhne nichts
vermälden lihsse. Jah freilich, sagte der Diner, si ist gesonnen seine Träue zu
stärben, und lässt ihm nichts mehr als solchen ihren sün näbenst einer
unverblüschlichen libe zu-entbüten. Gleiches-falles verpflüchten sich auch
Jungfer Stil-muht und Adel=mund zu seinen dihnsten. Hihr-mit zohg er ein
schreiben, welches di Adelmund an ihn geschriben hatte, här-aus, und gahb ihm
solches. Weil nuhn Markhold gedachte, dass es nuhr ein überzug eines vihl
ähdleren schazzes sein würde, welchen er von seiner Rosemund zu gewarten hätte,
so frahgt' er nicht weiter nahch; sondern stäkt' es straks zu sich, und
nahch-dähm er dem Diner befohlen hatte, dass er ihm, wan er sich wider nahch
hause machte, folgen sollte, so ging er di träppen hinauf, und fand gleich den
Hülfreich (also hihs diser Her) fohr der tühre stähen.
    Markhold ging straks zu ihm zu, und hihs ihn wülkommen sein; gahb ihm auch
mit seinen räden so vihl zu verstähen, dass er leichtlich abnähmen konnte, dass er
dehrjenige wäre, führ dehn er sich wollte angesähen haben. Hülfreich lihs ihn in
sein zimmer [107] eingähen, und nahch-dähm si sich nider-gelahssen hatten, so
gahb er ihm auch zu erkännen, dass er der Adelmund bruder wäre; und ihn schohn im
ehrsten anblikte fohr den Markhold angesähen hätte. Er berüchtet ihn auch, wi es
üm si und di beiden Jungfern, ihre gespihlen, stünde; wi es im deutschen Reiche
beschaffen wäre, und dass Rosemund, aus was fohr uhrsachchen wüst' er nicht, das
schähffer-läben erwählet hätte; doch gleich-wohl nicht unterlihsse, ihre Jungfer
Schwäster mit der Adelmund noch tähglich zu besuchen.
    Der Markhold aber, welcher an disem seinen berüchte nicht gnug hatte,
sondern seine Lihbste selbst gärne hören wollte, gedachte schohn wider nahch
hause; und nahch-dähm er ihn üm verzeuhung gebähten hatte, dass er ihm izund
einer wüchtigen verrüchtung wägen, di ihm ehrst eingefallen wäre, nicht länger
auf-warten könnte, so nahm er seinen ab=schihd. Hülf-reich begleitet' ihn bis
fohr di tühre; und nahchdähm er sich widerüm auf sein zimmer begäben hatte, so
folgte der Diner dem Markhold nähch; welcher fohr grohssem verlangen kaum so
lange warten konnte, bis er in sein zimmer wahr; da er dann das schreiben der
Adelmund also-bald erbrahch, und nuhn-mehr ehrst innen ward, dass ihn seine
hofnung betrogen hätte. Gleich-wohl wolt' er den Diner nicht eher fragen, er
hätte dann das schreiben der Adel=mund durch-geläsen, welches ihm vihl-leicht
seiner Schönen wägen gründlichen berücht erteilen würde.
    Der Diner märkte wohl, als er das schreiben erbrochchen und fast halb
verläsen hatte, dass er sich zu unterschihdlichen mahlen entfärbete, und gahr
klein-laut dahrüber ward; darüm wolt' er ihn nicht langer verzaplen lahssen,
sondern reicht' ihm das schreiben seiner ädlen Rosemund dahr, und sagte; Mein
Her wolle mihr zum höchsten verzeuhen, dass ich so kühne sein dürfen, disen ädlen
schaz fohr sei-[108]nen augen so lange zu verbärgen; oder vihlmehr seiner
tausendliben Rosemund vergäben, dass si ihm solches nicht eher zu überlüfern
befohlen hat, ich hätte dann gesähen, dass er einige anzeugungen blikken lihsse,
dahr-aus ich schlühssen könnte, dass er dises ihr brihflein nicht verwärfen,
sondern mit gnädigen augen anblikken würde.
    Nihmahls ist ein mänsch mehr erfräuet gewäsen als Markhold; nihmahls hat man
mehr veränderungen unter seinem gesichte zugleich in einem einigen zeit-blikke
gesähen, als in däm seinigen. Di hände zitterten fohr furcht und fräuden: dann er
befürchtete sich, si würd' ihm noch einen härteren verweis zu-schreiben, und
wahr doch auch nichts däs zu weniger froh, dass si sich seiner nicht gahr begäben
hätte, und ihn noch einer solchen ehre würdig schäzte. Er wahr so gerühret, und
so begihrig dises belihbten schreibens, inhalt zu wüssen, dass er solches schihr
im erbrächchen zerrissen hätte: und nahchdähm er selbiges entsigelt hatte, so
bekahm er nahch-folgende wort zu läsen.
                           Der Rosemund abgegangenes
                                   Schreiben
                                an den Markhold.
     Ihrem geträuen Markhold wündschet di Rosemund ein ewiges wohl-ergähen!
Mein Her,
wan er wüssen sollte, wi mihr bei verfassung diser wenigen worte di hand, näbenst
einem häftigen härz-klopfen, so unauf-höhrlich zittert, so würde mein fähler
ohne [109] zweifäl schohn vergäben sein, und mein alzu-hastiges verfahren mehr
verzeuhung erlangen, als ich furcht und bedänken trage, di fäder däswägen an zu
säzzen. Dan ich hätte vihl lihber meinen schähffer-stahb, di schähflein dahrmit
zur gesunden weide zu leiten, führen wollen, als dise fäder, mein verbrächchen
damit aus zu tilgen, zur hand nähmen. Er schaue doch, mein Her, den wüllen einer
armsäligen Schähfferin führ seinen fühssen ligen, und ihr härz in seinen händen,
damit si solches däm seinigen, weil es ihm alein gewihdmet ist, übereignen möge.
    Ich bekänne gahr gärn, dass ich mich, da ich noch hohchmühtig wahr, und in
meinem angebohrnen stande lähbte, an meinem Geträuen verbrochchen habe; Aber
nuhn-mehr, nahchdähm ich solchen hohch-fahrenden stand verlahssen, und nicht
mehr in einem so köstlichen hause wohne, hab' ich auch der frommen schähflein
ahrt und eigenschaft an mich genommen, und mit einem nidrigen schähffer-hütlein
meinen muht genidriget, und meinen unbilligen eifer fahren lahssen.
dehr-gestalt, dass ich nuhn mit demühtigem härzen und nidrigem geiste solches
verbrächchen beräue, und dehr gewüssen hofnung läbe, dass sich mein Geträuer, üm
seiner und meiner libe wüllen, zur günstigen verzeuhung wärde bewägen lahssen.
[110]
    Bin ich gleich mitten im Adriatischen Mehre geboren, und den wällen (welche
bald from, bald stille, bald widerüm ergrimmet und erbohsset, fohr hohch-muht,
entpohr steigen) in etwas nahch-geahrtet; so hab' ich doch izund solche
stürmende wällenahrt verlahssen, und nahch den stillen wässerlein, an deren
unabgespühlten ufern ich meine sünnen gerüchtet. Jah ich bin from, de-mühtig,
stil und sitsam worden; da ich fohr-mahls (ich mus es wüllig bekännen)
argwähnisch, hohch-fahrend, auf-geblasen und unruhig gewäsen bin. Solche laster
hab' ich nuhn gänzlich, vermittelst dises nidrigen läbens, das ich izund führe,
aus meinem härzen vertilget. Wolte nuhn meinem Geträuen beliben, mich auch in
disem stillen stande, in disen hürden, da ich meine izige hohf-haltung habe,
wäsendlich zu besuchen, so würde seiner Schähfferin nicht alein di höchste ehre,
welche si auf der ganzen walt zu gewarten hat, geschähen; sondern ich wollte mich
auch so dankbahrlich dahr-führ zu erzeugen wüssen, dass Er mit der taht und
wahrheit erfahren sollte, dass ich zu stärben gesonnen sei,
                                   Mein Her,
                                               Seine gehohrsame, träu-beständige
                                                                       Rosemund.
                                                                           [111]
    Di-jenigen, so aus der erfahrung di wunderlichen würkungen einer
träu-befästigten Libe wüssen, können unschwähr errahten, was diser so
härz=entzükkende, so durchdrüngende und mit-leidens=würdige brihf in däm härzen
des Markholds führ eine ruhr erwäkket hat. Er wahr froh, dass si sich schohn in
drei oder vihr tagen so über alle mahsse geändert hatte. (dann der fohrige brihf
wahr des mahn-tages, und diser des frei-tages dahr-nahch gegäben) Er verstund
ihre beständigkeit, und härzliche beräuung ihres verbrächchens. Er sah si
gleichsam läbendig und selblich fohr seinen fühssen ligen, und üm verzeuhung
bitten. welches ihn so häftig jammerte, dass er sich, wo es ihm, als einem
mans-bilde, wohl anständig gewäsen wäre, däs weinens nicht entalten hatte.
Hatt' er si fohr disem häftig gelibet, so libet' er si izund noch vihl
tausend=mahl häftiger, und noch vihl inbrünstiger, als er nihmahls getahn. Jah
er begunte si von disem nuhn an solcher gestalt zu liben, dass er sich auf ihre
lätste wort, fast noch selbigen abänd entschlossen hätte, Frankreich zu
verlahssen, und seine Schöne in solcher näuen behausung zu besuchen.
    Als er nuhn, nahch verläsung dises schreibens, seinen gedanken eine guhte
weile den zügel gelahssen hatte, so rädet' er ändlich den Diner des Hülf=reichs
an, und frahgte; ob ihm seine Rosemund noch etwas mehr befohlen hätte?
nahch-dähm er ihm aber nichts weiter in ihrem namen zu sagen hatte, so baht er
den Diner, er möcht' ihm doch erzählen, was sich sonst mit ihr, zeit seines
abwäsens, zu-getragen hätte, und wi si sich in dises Schähffer=läben zu schikken
wüste.
    Der diner wahr dässen sehr wohl zu friden, und, nahchdähm er den Markhold
auf sein begähren noch färnere versichcherung getahn, dass er ihm nicht das
geringste, was er von ihr erfahren hätte, verschweigen wollte, so fing er
folgender mahssen an zu räden: [112]
                                 Di begähbnüsse
                                  Der Rosemund
                        zur zeit ihres schähffer-läbens.
Nahch-dähm mein Her nicht alein selber durch sein eignes schreiben di
uhrsachche gewäsen ist, dass di götliche Rosemund ein solches stilles läben und
nidrigen stand erwählet hat, sondern auch, (wi ich aus seinen räden vernähme)
den anfang ihrer veränderung bässer weus, als ich ihm vihl=leicht erzählen
würde; so wül ich dann nuhn nicht sagen, wi sich dise Schöne, nahch-dähm si sein
schreiben, welches ihr zur selbigen zeit (dann nuhn=mehr hat si es bei ihr
selber bässer erwogen) etwas fremde zu sein schine, entfangen, so überaus
häftig betrübet; und wi si von solcher betrühbnüs, wo ihr nicht di kluge
Adelmund entsaz geleistet hätte, vihlleicht gahr überwältiget wäre, und dem tode
zu teil worden. Ich wül nicht sagen, wi si sich an=fangs aus mishofnung in einen
Jungfer-zwünger begäben wollen: und wi si ihr nahch-mahls fohr das eingezogene
gelohbte läben dises ihr gegenwärtiges, aus bewussten uhrsachchen und eigner
wülkühr ein zu träten beliben lahssen. Damit ich aber meinen Hern däs zu mehr
vergnüge, so wül ich ihm nuhr zufohr di gegend und gelägenheit des=selben ortes,
wo si sich meisten-teils mit ihrer hehrde auf zu halten pfläget, in etwas
entwärfen.
    Unfärn von der Amstel lihgt ein über-aus lustiger ort, dehr von wägen viler
linden und erlen denen ümhährwohnenden schähffern und schähfferinnen, in den
heissen sommer-tagen zu einer angenähmen kühlung dinet. Di schattichten bäume,
di lihblichen wisen, di wasser-reiche gräben, welche so wohl disen lust-plaz
ringst ümhähr bewässern, als auch mitten durch-hin gähen, gäben ihm ein
über-[113]aus schönes aus-sähen. In der mitten lihgt ein bärgichter plahn,
welcher wägen seiner höhe den schahffen eine sehr bekwäme weide härführ-bringt.
Das grahs ist nicht so über-aus fet und saftig, wi an den andern ümligenden
sümpfichten örtern, dehr-gestalt, dass man alhihr, wiwohl man selbiges sonst in
der ganzen gegend nicht tuhn kann, zimlich vihl schahffe zu halten pfläget.
    Am hange dises bärgleins hat di über-irdische Rosemund ihre behausung in
einem kleinen schähffer-hütlein genommen, welches an einem wasser=graben
erbauet, und mit etlichen linden beschlossen ist, dahr-auf ihr di vogel manches
morgen- und abänd-ständlein verehren, und, gleichsam als wan si mein Her dahr-zu
hin-geschikt hätte, mit ihren nacht- und tage-weisen manche stunde, di ihr sonst
vihl zu lang fallen würde, verkürzern.
    An einem solchen orte und in solcher einsamkeit läbet nuhn seine mehr als
mänschliche Rosemund, und hat aldahr in solcher stille und in solchem fride ihre
verwürrete gedanken widerüm entworren, ihren verunruhigten sün wider befridiget,
und mit den winden anstand gemacht: dann der äusserste kummer ist also geahrtet,
dass er alwäge zur einsamkeit seine ehrste zuflucht nähmen wül, weil di Sehle bei
geselschaften das gift ihrer krankheit so frei und ungehintert nicht ausstohssen
darf, auch nicht eher, si sei dann dässen entladen, der gegen-mittel und des
trohstes fähig ist.
    Wihr waren gleich zwe tage fohr diser ihrer ab=wächselung in Holland
ankommen, da wihr dann straks von ihren leuten erfuhren, dass es im wärke wäre. Si
lihs sich von keinem mänschen sähen, lihs auch nihmand fremdes führ sich, und
kahm nicht ein-mahl aus ihrem Zimmer, dehr-gestalt, dass mein Her, wi sehr
verlangen er auch dahr-nahch hatte, di ehre nicht haben konnte, si nuhr einmal
zu sähen. [114] Er ging oft-mahls fohr ihrem Zimmer hin und wider, und vermeinte
dises wunder-bild, wan di tühr' auf-gähen würde, ins gesichte zu bekommen: alein
si hatte sich den tahg über allezeit in ihr inneres bei=zimmer so fäste
verschlossen, dass es nuhr ümsonst wahr, sich däshalben färner zu bemühen.
    Als si nuhn ihre reise des morgens sehr früh, da=mit es nihmand gewahr
würde, nahch disem plazze zugenommen hatte, so täht Jungfer Adelmund ihrem Hern
bruder den fohrschlahg, dass er sich in schähffers-kleider verställen, und si auf
den abänd, als ein abgefärtigter schähffer von meinem Hern, dem Markhold, in
ihrer näuen wohnung besuchen sollte; welches dann auch also-bald geschahe. Dan
wihr verkleideten uns alle beide, bekränzten das hahr mit eingemachten und
wider-angestrichchenen rosen (dann frische konten wihr nicht bekommen) nahmen,
ein ihder, einen schähffer-stahb in di hand, und kahmen also kurz fohr der
Abänd-dömmerung führ di wohnung der Rosemund.
    Dise schöne Schähfferin hatte sich gleich in di tühre, gegen den untergang
der Sonnen, nider-gelahssen, und sah di röhslichten strahlen, welche sich
gleich damahls so lähbhaft und so zihrlich an den wolken ausgebreitet hatten,
und durch ihren zurück-prallenden schein, das wasser gleichsam vergüldeten, mit
verwunderung an. Si hatte den linken arm auf eine krampe gelähgt, und lihs das
haubt dahr-auf ruhen. Jah si sah den himmel so unverwandt und so steif an, und
sahs in solchen tühffen gedanken, dass si unserer anfangs nicht gewahr ward,
dehr-gestalt, dass wihr zeit genug hatten, uns auf ein abänd-spihl gefasst zu
machchen.
    Als sich nuhn mein Her von färn unter einen baum gesäzt hatte, und ein
schähffer-lihd auf seiner pfeiffen zu spihlen begunte, so fuhr si aus ihrer
sühssen verzükkung gleichsam führ schrökken in di [115-116] höhe, und wollte sich
in ihre schähffer-wohnung verbärgen. Aber, nahchdähm si sah, dass wihr so gahr
nahe bei ihr waren, (dann wihr hatten uns von färn unter einen baum
nider-gelahssen) und auch, allem ansähen nahch, nicht wüllens wären, uns zu
nähern, so säzte si sich widerum auf die tühr-schwälle, und hörete meinem Hern
mit sonderlicher aufmärkung zu. Inzwüschen über-las' ich mein
schähffer=lihdlein, welches mein Her in ihres Lihbsten namen äben dehnselbigen
mittahg gemacht hatte, und widerhohlt' es etliche mahl in geheim bei mihr
selbst, damit ich solches, wan es erfortert würde, färtig hähr-süngen könnte.
    Als er si nuhn eine guhte weile mit seiner pfeiffen alein ergäzzet hatte, so
wolt' er ihr auch gärn einen gesang höhren lahssen, und frahgte mich, ob ich
nuhn das schähfferlihd, welches er mihr gegäben hätte, wohl süngen könnte. Ich
gahb ihm zur antwort, dass ich mich alle-zeit, wan es ihm beliben würde, dahrzu
gefasst hihlte, und er dürfte nichts mehr tuhn, als mihr nuhr winken, so wolt'
ich mit meiner stimme straks in seine weise einfallen. Hihr=auf macht' er
widerüm ein kleines fohrspihl, und nahch-dähm er mihr mit den augen einen wink
gegäben hatte, so fing ich an solcher gestalt zu süngen:
                                Schähffer-lihd.
                                       i.
Schöner flus, bei dessen strande
seine libe Lihbste wohnt,
di ihn lähgt in schwäre bande,
und mit harten worten lohnt;
stäh' und hämme deine fluht
ihm zu guht. [117]
                                      ii.
Höhre, wi er sich beklaget
fohr der Aller-lihbsten tühr;
schaue, wi er zitternd zaget,
und darf selber nicht zu ihr:
seiner wangen farb' entweicht
und verbleicht.
                                      iii.
Er würd izt in ohnmacht fallen,
noch flüht seine Schähfferin,
di er lihbt fohr andern allen,
und di ihn von anbegün
selbst so härzlich hat gelihbt,
nuhn betrühbt.
                                      iv.
Ihrer schönen augen stärne,
das beflamte blizzel-zwei,
blikt izund nicht mehr so gärne,
sein erzürnt, und wärden schäu:
ihre fohr-belihbte zihr
weicht von hihr.
                                       v.
Si erkänt und siht ihn klagen,
aber hören wül si nicht,
noch mit ihm ein leiden tragen;
Markhold, Markhold, wi si sprücht,
ist mein feind, drüm heiss' ich ihn
von mihr zühn. [118]
                                      vi.
Nicht so scharf, o Schähfferinne,
Markhold hat kein feindlichs härz:
halt, o harte, halt nuhr inne;
doch, es ist vihl-leicht dein schärz,
und auf sturm folgt ins gemein
sonnen-schein.
    Als ich dise lätsten zwei gesäzze sang, so hatte si sich mit däm häubte fast
gahr auf den schohs geneuget, und sah sich mit solchem ärnste nahch uns üm,
damit si erkännen möchte, wehr wihr wären; aber es wahr schohn alzu dunkel, und
si wollte sich auch nicht erkühnen aus ihrem schähffer-hütlein här-aus zu träten,
dehr-gestalt, dass si disen abänd nichts von uns zu wüssen bekahm.
    Des andern tages sehr früh schikte si zur Adel=mund, und lihs si, näbenst
anerbütung ihrer schuldigkeit, fragen, ob si keine zeitung von dem Markhold
bekommen hätte: dann si hatt' ihr eingebildet, dass er fohrigen abänd mit dahr-bei
gewäsen wäre, als ihr dises lihdlein an zu hören gesungen ward. Nahch-dähm ihr
nuhn di Adelmund widerum hatte zu-entbüten lahssen, dass si ihn zwahr noch nicht
gesähen, aber gleich-wohl von einem seiner bekanten vernommen hätte, dass er zu
Amstelgau gewäsen wäre; so verkleidete si sich auch selber, zohg ein ganz
schlohs-weisses atlassen kleid an, mit isabel=färbigen spizzen verbrähmet, und
gahb uns beiden eine gefährtin.
    Also machten wihr uns widerum selb dreien nahch der Rosemund behausung zu,
welche sich dise nacht (wi si mihr hähr-nahch absonderlich sahgte, da ich sein
schreiben von ihr bekahm) nicht schlahffen gelähgt hatte, sondern allezeit in
den gedanken gestanden wahr, dass er ihr in gestalt eines Him-[119]mels-bohten
erschinen wäre, und si ihres argwahnes halben hätte bestrahffen wollen;
dehr-gestalt, dass si nuhn-mehr ihren eifer-süchtigen muht gänzlich gebrochchen,
und den beleidigten üm verzeuhung anflöhen wollte.
    Mein Her führte seine Jungfer Schwäster ehrstes mahls unter diselbige linde,
da wihr fohrigen abänd unsere kurzweile gehabt hatten, und erzählt' ihr, wi sich
di Rosemund so schüchtern nahch ihnen ümgesähen hätte.
    Weil ihnen nuhn diser baum sehr lustig zu sein schine, so lihssen si sich
auf eine zeit dahr-unter zur ruhe nider, und führeten allerhand gespräche mit
einander. Adelmund erzählt' ihm, wi ihn seine himlische Rosemund straks im
anfange, da si ihn nuhr einmal loben hören, und noch nih-mahls gesähen, schohn
so häftig lihb-gewonnen hätte, dass si ihre libe auch nicht einmal, wi sehr si
sich auch dahrüm bemühet, verbärgen können; und wi si sich in ihrer ehrsten
zu-sammen-kunft über alle mahssen entzükt befunden; dehr-gestalt, dass es ihr
nicht befremdet führkähme, dass si sich bei seinem abwäsen so häftig gegrämet,
und aus alzu eiferiger Libe in eine solche schwährmütigkeit gerahten wäre, di
ihr nicht hätte gestatten wollen, sich mit ihr oder ihrer Jungfer Schwäster zu
erlustigen.
    Indähm 'si solches sahgte, da erblikte si ohn-gefähr etliche Tichtlinge, di
in des baumes ründe geschnidten waren. Sihe hihr, mein bruder (sahgte si) was
soll dises bedeuten? dis ist noch ein frischer schnidt; was gült es, di Rosemund
würd auf dein gestriges lihd geantwortet haben! Als si sich nuhn beide, selbiges
zu läsen, erhoben hatten, so befanden si, dass ihre muht-mahssung nicht falsch
gewäsen wahr.
    Mein Her nahm also-bald seine schreibe-tafel, und schrihb das ganze lihdlein
ab, welches er seiner [120] ahrtigkeit halben, noch alle-zeit als ein heiligtuhm
verwahret, und würd es meinem Hern, so er es begähret, wohl sähen lahssen.
    Von disem baume gingen wihr widerüm zu einem andern, da wihr auch ein
überaus-schönes anspihl auf des Markholds namen fanden, wor=aus ihrer Libe
häftigkeit so sonnen-klahr blikte. Ja si hatte seinen namen mit dem ihrigen fast
in alle bäume geschnidten, damit ja das gedächtnüs ihrer libe mit ihnen zugleich
wachssen und bekleiden möchte.
    Als wihr nuhn eine guhte weile unter disen bäumen härüm gewandelt waren, so
begaben wihr uns auch auf den bärg hinauf, da si gleich unter einem äpfel-baume
sahs, und mit ihren schähflein, di sich fleissig beweideten, ümgäben wahr.
Adel=mund schikte mich also-bald zu ihr, und lihs si üm eine fräundliche
zusammen-sprache begrühssen, welche si ihr auch also-bald zustund, so färn si
alein zu ihr kommen würde.
    Weil sich nuhn di Adelmund mit einem falschen gesichte vermummet hatte, so
konnte man si ganz nicht erkännen, zufohr-aus in diser schähffers=tracht, in
welcher si Rosemund noch nihmahls gesähen: Drüm dorfte man sich nicht
verwundern, dass si fast eine halbe stunde mit einander rädeten, ehe dise schöne
Schähfferin ihrer Fräundin, der Adel-mund, unter disem mum-gesichte gewahr ward:
welche über alle ihre künstlerische verställungen auch di spräche selbst so
meisterlich verändern konnte, dass si Rosemund nicht gekännet hätte, wo si nicht
ihr sonnen-schirm, welchen si in der hand hatte, verrahten.
    Wehr wahr froher als Rosemund; wehr wahr lustiger als dise ädle Schähfferin,
indähm si ihre geträue Fräundin in einer solchen tracht ümfahen sollte? Si
versichcherte sich schohn heimlich bei ihr [121] selbst, dass ihr Markhold
gewüslich müste fohrhanden sein, und sah meinen Hern von färnen an, in wüllens,
ihn an zu räden: weil si aber noch nicht trauen durfte, so frahgte si zu-ehrst
di Adelmund, ob jenes nicht Markhold wäre? Nein, (gahb Adel=mund zur antwort) es
ist mein bruder, welcher ehrst fohr drei oder vihr tagen aus Deutsch-land kommen
ist.
    Auf dise worte fihl ihr der muht dehr-massen, dass si kaum mehr räden konnte,
gleichwohl sahgte si zu ihr: ei! wahrüm lähsst-si dann ihren Hern bruder so von
färnen hinten-aus stähen! wihr wollen ihm, so es ihr belibet, entgegen gähen,
damit ich mich meiner unhöhfligkeit wägen gegen ihn entschuldigen möge.
    Als si dises gesahgt hatte, so nahm si di Adel=mund bei der hand, kahm uns
entgegen, und sahgte zu meinem Hern; Mein Her wird der unhöhfligkeit einer
bäuerischen Schähfferin etwas zu gute halten, di ihm nicht anders zu begegnen
weus, als wi si es in einem solchen läben, da man auf höhfliche gepräng' und
ehr-erbühtigkeit wenig sihet, schohn gewohnet ist. Hihrmit boht si ihm di hand
selber, ehe si noch rächt bei uns wahr, und ehe er sich dässen versah.
    Nihmahls hab' ich so eine schöne schähfferin gesähen, als si; ich habe
nihmahls kein anmuhtigers, kein lihblichers Frauen-zimmer erblickt, als dises
wunder-mänsch. wi färtig waren nuhr ihre glider, wi zahrt und behände di finger,
wi hurtig di fühsse, wi belähbt und fräundlich di gebährden. Das hahr wahr oben
mit einem güldnen ketlein eingefasset, und di lokken flatterten uneingeflochten
üm den hals härüm. Der wind spilete mit ihren förder-lokken, und hatte gleichsam
seine lust dahran, wan er si in ihr angesicht, über di augen, dass er si zu
sähen, und über den mund, dass er si zu räden verhinterte, här-[122]üm wehete.
Jene waren so wunder-lihblich, und diser so roht, wi eine rose, di sich
ehrstlich des morgens auf-getahn, und noch mit tau befeuchtet ist.
    Wan ich noch dahr-an gedänke, wi si ihren schähfferstahb, dehn si oben am
haken mit einem kranze von roht- und weissen rosen, welches ihre leib-farbe
wahr, gezihret hatte, so ahrtig schwängken konnte, so bin ich fast noch halb
verzükket. Di sünnen entgähen mihr, wan ich gedänke, wi si solch' eine
lihbliche, solch' eine reine, und solch' eine klahre aus-sprache hatte. Mein Her
musste selber bekännen, dass er ihres gleichen nihmahls gesähen hätte. Jah, als
si von uns ein wenig abgeträten wahr, da sahgt' er in geheim zu seiner
Schwäster; wan Helene alle dise zihrligkeiten, di er hihr sähen könnte, gehabt
hätte, so verwundert' er sich gahr nicht, dass si Paris entführet, dass so ein
mächtig Folk das läben eingebühsset, und solch'-ein' überausschön' und gewaltige
Stat, als Troja gewäsen, um ihrer Schöhnheit wüllen, eingeäschert, und
verstöhret worden wäre: sondern er müsste sich nuhr verwundern, wi es noch
mühglich sein könnte, dass irdische augen dise über-irdischen (dahr-in Lihb-reiz
seinen Reichs-stuhl hätte, und unter ihren blikken mit solchen scharfen pfeilen
härüm sprühete) noch vertragen könten, und wi dises himlische geschöpfe aus
einem stärblichen leibe hätte können geboren wärden!
    Ich kann meinem Hern nicht sagen, was dises schöne Wunder führ träfliche
nahch-dänkliche räden führete, und wi si sich zum öftern, ihrer unhöhfligkeit
wägen, selbst heimlich durch-zohg, und solches mit so ahrtigen worten bemänteln
konnte, dass sich ihderman höhchlich verwundern musste, und Hülf=reich ändlich
gezwungen ward, solche träfliche höhfligkeit bei ihrer gegenwart selbst zu
erhöben: Welcher schähffer, (sahgt' er) o wunder-schöne, [123] und welcher
mänsch hat ihmahls solch' eine' über=aus-höhfliche schähfferin gesähen! wi
glücksälig ist dise hehrde, di solch' eine schöne und solch' eine verständige
Hühterin hat; diser ort, wi mich dünket, ist gahr stolz, in-dähm er Si zur
beschüzzerin bekommen, und pochchet auf seine kluge beherscherin. Di bäume
stähen gleichsam mit ihren stolzen ästen entbohr, und wan Si sich ihnen nuhr ein
wenig nähert, so (deuchtet mich) neugen sich di zakken aus demuht führ ihrem
herrlichen ansähen.
    Ach mein Her (fihl si ihm in di räde) wan ich ihn diser seiner worte halben
bestrahffen wollte, so würd' ich mich an ihm mehr verbrächchen, als seinen fähler
(so man eine tugend also benännen mahg) verbässern; dann ich weus wohl, dass ihm
seine angebohrne höhfligkeit nichts anders zu räden gestattet, als nuhr ein
solches lob denen-jenigen zu gäben, di doch däs wenigsten nicht würdig sein.
Drüm wül ich meine unwürdigkeit nuhr mit stil-schweigen bekännen, und seine
höhfliche tugend mit verwunderung erhöben.
    Als si nuhn noch eine lange zeit gehöhflet hatten, und dise prunk-räden kein
ände nähmen wollten, in-dähm ein ihder das feld zu behalten gedachte, so brachte
si Adelmund noch ändlich von einander, und sahgte mit lächlen zur Rosemund; Ich
vermeinte, dass ich eine Schähfferin besuchen wollte, aber ich befünde, dass unter
einer schähfferin tracht di aller-sünlichste und gnaueste höhfligkeit, di man
auch am erz-königlichen hofe, unter däm Käserlichen Frauen-zimmer, zu Wihn kaum
anträffen würd, verborgen lihgt. Meinem Bruder hab' ich solches wohl
zu-getrauet, weil er gleich izt vom hofe kömt, und solcher hoht-sitten und
wortgepränge gewohnet ist; aber einer schähfferin, hätt' ich nicht gedacht, dass
es anstähen sollte, oder dass si in dehr=gleichen nuhr etwas erfahren wäre. Dan
hat si [124] nicht gesähen, wi ich fohr schahm erröhtet, und über mich selbst so
unwüllig gewäsen bin, dass ich mich, als di ich eine schähffers-tracht angenommen
habe, auf solche hohf-räden gahr nicht gefasst gemacht, und das-halben
nohtwändig nichtsen müssen? Jah wäre mein bruder nicht bässer mit räden versähen
gewäsen als ich, so würden wihr so zimlich bestanden sein.
    Aeben damit si ihre armuht bekännet (fihl ihr di Rosemund in di räde) gihbt
si ihren reichtuhm überflühssig an den tahg; und wi können doch di leute so gahr
höhnisch sein? Aber was wollen wihr di zeit (fuhr si fort) mit vergähblichen
räden in der hizze verschlühssen! wihr tuhn bässer, dass wihr di schahffe weiden
lahssen, und, so es ihnen belihbet, zu meiner behausung ein-kähren; da wihr im
kühlen bässere lust und ergäzligkeit schöpfen können.
    Also gahb sich dises lustige und in schähffer=tracht verkleidete folk in
ihre wohnung, welche si in=wändig mit, stärbe-blauen prunk-tüchern über-al
ausgeziret hatte; der boden wahr mit stärbe-blauen steinen gepflastert; di däkke
mit äben selbiger farbe gemahlet, und di tische blaulicht angestrichchen mit
stärbe-blauen tüchern behänget, also, dass nichts als lauter blaues zu sähen
wahr. Oben über der haus=tühre hing ein gemälde, dahr-innen auf einem fahlen
boden, mit rosen besträuet, ein Ritter, in einem stärbeblauen harnisch, mit
einem blau-angelauffenen dägen an der seiten, und einem gemahlten spehre mit
äben selbiger färbe in der faust, nahch dem ringel zu-rännte, mit disen
über-geschribenen worten: Es gült ihre Schöhnheit.
    Hinter disem blauen Ritter stund eine Jungfrau zwüschen den prunktüchern,
von welcher man nichts mehr als das angesicht, und etwas von der brust,
erblicken konnte; auf däm einen prunk-tuche, gleich an der ekken, da si härführ
sah, stunden dise [125] worte: Ich säh' und höre mein Blaues wunder.
    Als Markhold dises erzählen hörete, so ward er sehr verwundert, und fräuete
sich höhchlich, dass Rosemund durch disen zihr-raht ihrer Schähffer=wohnung noch
so vihl andeuten wollte, dass si seiner träue nicht vergässen hätte; jah er hatte
solche lust an diser erzählung, dass er si noch einmal hören wollte. Nahch-dähm
ihn nuhn der Diner hihr=innen auch vergnüget hatte, so fuhr er in seiner
erzählung dehr-gestalt fort:
    Als wihr nuhn etwan eine stunde bei diser Schönen zugebracht hatten, so
nahmen wihr widerüm unsern abschihd, und Adelmund ermahnte si noch zu lätst, dass
si zwahr bei diser stärbe-blauen farbe sollte beständig bleiben, aber ihre
beständigkeit di si dem Ritter über ihrer tühren zu leisten schuldig wäre, samt
ihrer guhten hofnung nicht stärben lahssen.
    Des andern tages dahrnahch besucheten wihr si widerüm; da uns dann dise
Schöne ih länger ih höhflicher führkahm. Si begleitet' uns eine guhte ekke von
ihrer wohnung, und als si uns gesägnet hatte, widerüm nahch hause zu kähren, so
must' ich, auf meines Hern befähl, mit ihr gähen; dässen si sich auch nicht vihl
wägerte. Dan, weil si von meinem Hern verstanden hatte, dass er in kurzen nahch
Frankreich zu reisen gedächte, so hätte si gärn, wi ich wohl straks märken
konnte, in geheim mit mihr geradet; dehr-gestalt, dass ihr dises eine
rächt-gewündschte gelägenheit wahr, deren si sich auch wohl zu gebrauchen wusste.
    Wihr hatten also meinem Hern und der Adel=mund kaum den rükken gekähret, als
si mihr schohn solche lihblende und härz-entzükkende worte gahb, dass ich
leichtlich schlühssen konnte, si würde mihr et-[126]was sonderliches auf-tragen
wollen. welches auch also-bald geschahe; dann wihr waren noch nicht gahr bei
ihrer behausung angelanget, als si mich schohn so hohch würdigte, ihr bohte an
meinen Hern zu sein. Si gahb mihr dises ädle pfand, welches ich izund
ausgelüfert habe, und baht mich so eiferig und so fleissig, dass ich solches dem
Ihrigen jah selbst einhändigen möchte, und keinem mänschen etwas dahrvon sagen.
Jah si beschwuhr mich so hart, dass ich in wahrheit ein grohsses bedänken truge,
selbiges an zu nähmen; und ich zweifelte schihr, dass es in meinem vermögen
stünde, solche zu-sage zu halten. Nichts däs-zu weniger aber, weil ich
solch-einem götlichen mänschen-bilde ganz nichts versagen konnte, so nahm ich
selbiges an, und verpflüchtete mich, ihren wüllen, so vihl als nuhr immer
mänsch-und mühglich wäre, bässter mahssen zu vergnügen.
    Dis ist, mein Her, was ich von der götlichen Rosemund selbst erfahren habe,
was ich gesähen und erzählen hören. Mehr weus ich ihm nicht zu sagen, als
unterdihnstlich zu bitten, dass er mit diser un=fühglichen erzählung wolle zu
friden sein, und vihl=mehr den guhten wüllen seines diners fohr di taht selber
erkännen. dafohr ich ihm dann widerüm, wan sich etwas begäben würd, stündlich,
jah augenbliklich auf zu dinen gesonnen bin.
    Also gahb Markhold, welcher aus diser erzählung höhchster mahssen vergnüget
wahr, dem diner seinen abschihd, und brachte das übrige dises tages mit lauter
fräudigen gedanken zu. Er wollte sich säzzen, das brihflein seiner Rosemund zu
beantworten, aber di fräude seines härzens wahr so über=mähssig, dass er von dem
frohen gedanken nicht so vihl ab-brächchen konnte. Jah si ward noch vihl grösser,
als ihm der Diner des Hülfreichs, dehr sonst ein rächter libe-diner wahr, ein
lihdlein, welches Rosemund gemacht, und er straks, so bald er wahr [127] nahch
hause kommen, aus seines Hern schreibe=tahffel abgeschriben hatte, noch selbigen
abänd einhändigte. Dises lihdlein wahr ohn-gefähr folgender gestalt verfasset:
                                  Der Rosemund
                                  Klage-lihd.
                    Etlicher mahssen nahch der palmen-ahrt.
Wo such' ich den Lihbsten, wo soll ich ihn fünden?
ihr bleichen Masinnen, weus keine mein Lücht?
bei welchem Gewässer und lihblichen Gründen
entält sich mein Trauter, wi? saget ihrs nicht?
Ihr belihbten Amstelinnen,
und ihr höhflichen Lechchinnen,
kündet meinem Schöhnsten an,
dass ich nicht mehr läben kann.
Verweilet sich länger mein einiges Läben,
so mus ich führ schmärzen und ängsten vergähn;
ich wolt' es nicht achten bei fremden zu schwäben,
so färn ich nuhr höhrte sein Libes-getöhn.
meine schwästern wül ich müssen,
di bei Pades siben flüssen
üm di schwarzen tannen sein,
und begähr' ihn nuhr alein. [128]
Di blanken Etschinnen verlahss' ich auch gärne,
wan meine begihrde sich nährende stillt;
di liben Ihninnen beseufz' ich von färne,
ihdännoch vergäss' ich ihr lihbliches bild,
wan ich nuhr den Markhold habe,
und mein krankes härze labe,
welches sein belohbtes bild
mit dehm schöhnsten glanz' erfüllt.
    Nach verläsung dises lihdes begahb sich Markhold gleich-wohl noch selbigen
abänd in sein inneres Schreibezimmer, seiner schönen Rosemund auf so vihl
bezeugungen ihrer härzlichen Libe zu antworten. Man sah wohl an allen seinen
gebährden, dass er so kräftig in und bei ihm selbst nicht lähbte, als in däm
härzen seiner trauten Rosemund.
    Weil er nuhn gahr aus ihm selber wahr, so kont' er keine so zihrliche, so
durchdrüngende, so bedeutende worte fünden, di ihm rächt gefallen hätten, und di
seine lust, seine glücksäligkeit, seine Lib' und träue nahch gnügen austrükken
mochten. Lätslich aber, als er gnugsam aus- und wider hin=zu-getahn hatte, so
must' er doch zu friden sein, und ihm einen, nahch so vihlen zer-rissenen
brifen, gefallen lahssen.
    Nahch-dähm er nuhn mit der verfassung dises schreibens und seinen verirreten
libes-gedanken bis in di sünkende nacht bemühet gewäsen wahr, so entkleidet' er
sich, und ging nahch verrüchtetem abänd=gebäht zu bette. Di ganze nacht täht er
kein auge zu, sondern verschlos si mit solchen sühssen verzükkungen, dass auch
der schlahf, wi-wohl er sonst ein sühsser und gewaltiger gast ist, nicht so vihl
macht hatte, seine augen zu über-wältigen. dehr-gestalt, [129] dass er führ
grohssem verlangen kaum so lange warten konnte, bis der tahg angebrochchen wahr;
da er schohn auf das lihd seiner Schönen eine gleich-mähssige antwort
verfärtigen wollte.
    Der tausend-künstlerische Lihb-reiz blihs ihm solche wort ein, und machte
solche sühsse verzukkerungen, dass er nahch verfassung dehrselben kaum selbst
gläuben konnte, dass er ein solches härz-brächchendes lihdlein so geschwünd und in
solcher verwürrung seiner sünnen verfasset hätte. Er überlas' es hinten und
forne, und fand im geringsten nichts, das änderns nöhtig wäre; dehr-gestalt, dass
ihm dises Lihdlein vihl glücklicher zu-geflossen wahr, als der gestrige brihf.
    Als er nuhn sein schreiben zusamt däm lide kaum fortgeschikt hatte, so kahm
einer von seinen Lands=leuten, ihn zu besuchen, mit welchem er allerhand lustige
gespräche von seiner Rosemund hatte, doch gleich-wohl lihs er ihm nichts märken,
dass er solche belihbte schreiben von ihr erhalten hätte.
    Weil nuhn diser sein Landes-fräund ein guhter stimsäzzer wahr, so baht er
ihn, er möchte doch seinem Reiselide, welches er seiner Rosemund zu gefallen
verfasset hätte, eine feine bewähg- und klähgliche weise gäben; welches dann auch
geschahe, und etliche mahl unter ihnen beiden versuchet ward.
    Huldreich (also hihs diser sein Landes-fräund) hatte versprochchen auf den
abänd bei einer gesel=schafft, di einen Stim- und Lauten-streit unter sich halten
wollte, zu erscheinen: drüm baht er den Markhold, dass er ihm doch möchte di ehr'
erzeugen, und ihre lust durch seine gegenwart vermehren hälfen. Markhold
entschuldigte sich anfangs; dann er gedachte, seinen gedanken, di nuhn auf nichts
anders, als seine Rosemund, zihleten, däs zu bässer nahch zu hängen; indähm er
aber so inständig [130] anhihlt, so lihs er sich ändlich bewägen, und gahb ihm
einen gefährten.
    Weil nuhn selbiges haus, dahrinnen der süng- und lauten-streit sollte
gehalten wärden, nicht färne von däm seinigen wahr, so gelangten si bald bei
solcher Gesellschaft an, und warden mit fraüden gewülkommet. Markhold erlustigte
sich sonderlich an einer Jungfern, welche des würts tochter wahr, und solch-eine
lihbliche und härz-bewähgliche ober-stimme sang, dass man dahr-über gahr
verzükket ward. Si spihlt' auch zimlicher mahssen auf dem härz-schlüssel,
welches ihn äben-mähssig erlustigte.
    Nahch-dähm nuhn dise fröhligkeit eine zeit-lang gewähret hatte, so gahb
Markhold der spihl- und süngenden Gesellschaft, sonderlicher diser Jungfer, zu
verstähen, dass, weil es unbillich wäre, dass er diser lust ganz aleine genühssen
sollte, und si vihl=mehr unlust und mühe dahr-aus schöpften, so wolt' er si
gebähten haben, dass si sich auch, wo es ihnen belihblich wäre, ein wenig mit
einer lustigen unterrädung, oder anderer kurzweil', ergäzzen möchten.
    Diser fohrschlahg ward also-bald fohr guht erkännet, und man nahm, an statt
däs süng- und seiten-spiles, das brät- und Jungfer- oder schacht=spihl zur hand,
damit man einen andern kämpf zu begäben anfing. Huldreich wahr der ehrste, dehr
sich mit der Heldinne (also hihs selbige französische Jungfrau) zu felde begahb,
und eine solche schlacht anboht, da er straks im ehrsten anzug' erligen musste.
    Nahch-mahls wahrd solches auch dem Markhold angetragen, dehr sich anfangs
entschuldigte, dass er solcher in disem krige wohl-erfahrnen Heldin nicht di
gegen-wage halten könnte, weil er im Jungfer-spihl-kampfe noch alzu ungeühbt
wäre, [131] und damit wenig gewonnen, auch wenig verloren hätte. ändlich aber,
als man ihm nicht vom halse lahssen wollte, und di Jungfer sich selbst mit ihrem
folke gegen ihn ins offenbare fäld in schlacht=ordnung gestället hatte, so must'
er schande halben den angebotenen streit annähmen, und selbiger Heldin drei
schlachten lüfern, von welchen dreien er mit gnauer noht di ander' erhalten
konnte.
    Wan unsere Rosemund ihrem Kämpfer und diser Heldin zu-gesähen hätte, so
würde si selber bekänt haben, dass zwe harte streiter gegen einander gewäsen
wären, und sich dahrüber nicht alein verwundert, sondern auch höhchlich
belustiget. Dan dise tapfere Heldin wollte dem Markhold im geringsten nicht
nahch-gäben, si benahm ihm alle seine fohrteile, und verhihb ihm den pas, wan er
sich etwan in eine sichchere fästung oder winkelichtes träbs-loch begäben wollte:
und Markhold gleiches-fals verschnidt' ihr, wo er immer konnte, alle ihre
schläuf-wäge, mit solcher bedachtsamkeit, und mit solcher auf-acht, dass sich
auch ein einiger spihl-kampf, eh er ein ände gewünnen konnte, zimlich lange
verzohg.
    Gewan di Heldinne, so gahb si aus höhfligkeit seiner gunst di schuld, dass er
si wüllig hätte gewünnen lahssen; und di zu-schauer schriben es ihrer schöhnheit
zu: dehr eine den augen, di durch ihre strahlende macht obgesiget hätten; der
andere dem munde, dehr durch seine wunder-rohte farbe des Markholds augen
verbländet, oder ihn durch seine wohl-sprächligkeit verwürret und zu rükke
gehalten hätte. Wan aber der Markhold obsigete, welches doch nicht mehr als
ein-mahl geschahe, so sahgte so wohl er als di andern alle zugleich, dass es
nicht aus ihrem versähen, sondern aus einer guht-wülligen übergabe, indähm si
ihm gärn ein=mahl über sich selbst di oberhand hätte gönnen wollen, geschähen
wäre. [132-133]
    Diser schärz währet' eine guhte zeit, und der abänd ward rächt-schaffen
lustig hingebracht; welches dann auch dem Markhold, indähm er das alte Leid nuhn
widerüm ganz und gahr aus der acht geschlagen hatte, sehr lihb wahr, und ihn
auch so weit brachte, dass er auf anhalten des Huld-reichs straks in seiner
gegen-wart auf ihre gehaltene drei schlachten oder Jungfer- dises nahchfolgende
lihd verfassete.
                                 Des Markholds
                                     Gesang
                         an di tapfer-mühtige Heldinne.
Halt, Heldin, halt doch ein! Ich läge fohr dihr nider
den bogen und das schwährt: das Glück ist mihr zu wider;
mihr fällt es ab, dihr zu. ich bin in deiner hand,
und sähe, wi das Glück sich hat zu dihr gewandt.
Drei schlachten haben wihr zusammen izt gehalten:
di ehrste gähb' ich dihr, und mus fohr dihr erkalten,
di dritte noch dahrzu: di andre bleibet mein;
doch lahss' ich alles dihr, und wül dein eigen sein. [134]
Es fällt di frage fohr, ob weusheit oder kräfte
verwalten deinen muht und tapfre krihgs-geschäfte;
ob schöhnheit ab-gewünnt, und gunst es wüllig gihbt.
ob sanftmuht oder grim bei dihr sich spihlend ühbt?
Es ums wohl etwas sein. dein' abgerüchtte gaben,
dein kluger wüz und muht, di mich entzükket haben;
di haben dis getahn, di bünden meinen wüz,
di fangen meinen muht, Du o der Tugend Siz!
    Als Markhold dises lihd verfärtiget hatte, so gahb er solches in einem von
Papihr geschnittenen härz-oder zweifäls-knohdten geschriben, dem Huldreich, dehr
es nahchmahls auch in französische reimen über-brachte, und beides der Heldinne
von des Markholds wägen zu-ställte. Di französischen tichtlinge waren ohn-gefähr
folgender gestalt entworfen:
                                    Chanson.
                                       1.
Charlotte, c'est assez; je quitt' icy les armes,
Estant du tout vaincu par fortun' & par charme: [135]
je suis en ton pouvoir, & tu me tiens captif;
ta delicate main rend' tout l'esprit pensif.
                                       2.
O que je suis hardy! n'ignorant ta vaillance
(ainsi que dit ton nom) acquis' en ta naissance;
ton coeur si genereux se bastit contre moy,
& gaigna deux combats bien plus vaillant que toy!
                                       3.
Il faut qu'un curieux se met en hardiesse
de faire question, si par forc' ou finesse,
par douceur, on faveur, ou par la cruauté
Tu es victorieus', on bien par ta beauté.
                                       4.
O qu'oiiy il est ainsi, c'est elle & ta prudence,
ton bon & grand esprit reçeu par influence, [136]
que tout le monde sçait, qui sont par tout cognus,
qui m'ont ravis mes sens, ô Maison des vertus!
    Dises lihdlein, dahr-innen Markhold der Parisischen Heldinnen Siges-gepränge
selber erhuhb, gefihl ihr über alle mahssen, sonderlich weil es von
träu-deutscher hand hähr-rührete, und von einem solchen mänschen, dehr seine
nider-lage nicht leugnen, sondern, ihr zur ehr' und ruhm, selbige vihl=mehr
aus-breiten wollte. Si wusste sich noch eins so vihl, dass si als eine Franzinne
ein hohch-deutsches Helden-gemühte von innen bezwungen, als wan si ihn nuhr
äusserlich, und auf däm Jungfer=spihle (welches nihmand als däm
wetter-wändischen glückk', und etlicher mahssen ihrem fleisse zu zu schreiben
wäre) durch ihre geschikligkeit überwonnen hätte: und Markhold belustigte sich
solcher gestalt selber; und wahr üm so vihl däs-zu fröhlicher, dass sein
lihdlein solch' eine guhte herbärge bekommen hatte; auch kont' ihn däs-halben
seine Rosemund nicht verdänken, dass er sich in ihrem abwäsen, und bei solcher
zu-fälligen gelägenheit mit einer aus-länderin nuhr schärz- und spihlweise
belustiget hatte; weil er nichts däs zu weniger seiner pflücht, di ihr sein härz
unzerbrüchlich zu halten versprochchen hatte, mit höhchster obacht nahch=kahm,
und nichts im geringsten beging, das ihrer beider libe nahchteilig sein möchte.
    Nuhn wollen wihr uns widerüm zu den Amstelinnen begäben, zu sähen, wi
unserer Rosemund das schreiben ihres lihbsten gefallen würd: wihr wärden si
gleich bei einem brunnen anträffen, da si sich in ihrer einsamkeit über di
mit-buhler des Markholds, welche si tähglich verfolgen, unange-[137]sähen, dass
si ihnen dahr-aus kein gehöhr gäben wül, so erbärmlicher weise beklaget.
    Di arm-sälige stehet in angst, und weus nicht, wo si ändlich noch hinflühen
soll: si weinet von härzen, und betrauret ihren Markhold so schmärzlich, dass si
sich kaum mehr besünnet: Si wül von keinem andern in ewigkeit wüssen; si wül
kein mans-bild ansähen, vihl weniger berühren, als ihren einigen Markhold: dann
(sahgte si bei sich selbst) wan es jah der himmel also füget, und mein hartes
verhängnüs mihr dis-falls so gahr zu wider ist, dass ich seiner nicht teilhaftig
wärden kann, so wül ich doch meinem einig-härz-gelihbten nichts däs-zu weniger
fohr Got und fohr der ganzen wält mit einem kräftigen eid-schwure betäuren, dass
ich keines einigen andern mänschens leib-geschwohrne sein wül, und keinen andern
ihmahls zu sähen, ich schweige zu liben begähre, als den Markhold alein.
Hingegen (fuhr si fort) ob ich mich gleich so fäst und mit einem solchen
unauf-löhselichen bande, ihm aus libe, verbünde; so wül ich doch nicht, dass Er
gebunden sei: und wan es unsere zwei-spältige lähre nicht gestatten kann, dass er
der meinige wärde, so gähb' ich ihn allezeit frei, und wül durchaus nicht, dass
er mihr zu libe di ehliche Libe gahr verlahssen soll. Es wär' un=verantwortlich,
dass er als di einige hofnung seines geschlächts, und di einige spruhsse aus
seinem väterlichen Stamme, seinen namen, dehn Rohm schohn fohr so vilen hundert
jahren gekännet hat, selbst lihsse zu nichte wärden, und dass ich äben den
untergang seines uhr-alten bluhtes veruhrsachchen sollte. o das sei färne!
    Gleich damahls, als si sich mit solchen klähglichen gedanken schluge, kahm
der Adelmund kammer-knabe, und überlüfert' ihr von seiner Jung=frauen wägen des
Markholds schreiben, mit dehm anhange, dass, wo nicht Markhold schohn auf dem
[138] wäge, doch gleich-wohl des sünnes wäre, seine rük=reise wider nahch
Holland zu zu nähmen.
    Dise fröliche zeitung erfräuete si dehr-gestalt, dass si ihres angetahnen
leides und ihrer schmärzen ganz vergahs, sonderlich, als si Markhold dässen mit
eigner hand versicherte. Wehr (sahgte si bei sich selbst) ist nuhn glücksaliger
als ich, weil solch-ein rätter meiner Libe und meiner träüe entsaz zu leisten
gesonnen ist, und mihr zu Libe von einer so gefährlichen reise (dann er wahr
anfangs gewüllet in Sizilien zu zühen) abstähet: weil er mihr solche märkliche
wahr-zeuchen einer ungefärbten Libe blikken lässet, und meinem flöhen solche
geneugte ohren verleihet. Ich habe mich nuhn nichts mehr zu befahren, weil er so
nahe ist; ich läbe nuhn ausser aller furcht, und darf mich üm nichtes mehr
bekümmern, als wi ich ihn mit höchster ehrerbütung entfangen soll.
    Si hatte dises ihres Härz-aller-lihbsten schreiben kaum durch-geläsen, als
si di Adelmund, welche gleich bei ihrem Hern Vater gewäsen wahr, und ihm einen
unter-dihnstlichen gruhs des Markholds wägen vermäldet hatte, von färnen
ankommen sah. Diser anblik erfräuete si noch eins so sehr, dann si gedachte nuhn
noch mehr und vihl gewüssere zeitung von ihres Markholds künftiger ankunft zu
erfahren, dehr-gestalt, dass si ihr mit gahr geschwündem gange, gleichsam als wan
si geflogen hätte, entgegen eilete.
    Dises ähdle zwei entfing sich mit solcher höhfligkeit und libes-bezeugungen,
als ihmahls unter härzens-fräundinnen, und träuen höhflingen fohr-gähen kann.
Aber di fräude der Rosemund währete nicht lange: dann so bald si von ihrer
fräundin vernahm, dass sich ihr Her Vater zu disen des Markholds
führ-geschlagenen bedüngungen ganz und gahr nicht verstähen wollte, so geriht si
in eine [139] tühffe schwähr-mühtigkeit, und ward widerüm so häftig betrühbt,
als si kurz zufohr erfräuet gewäsen wahr, dehrgestalt, dass Adelmund gnug zu tuhn
hatte, ihre Fräundin zu tröhsten, und in ihrer bekümmernüs auf zu rüchten. Ach!
(sahgte si) wan es dann nuhn jah nicht sein kann, und weil mein Vater mich also,
mein Glaubens-bekäntnüs zu behalten, zwüngen wül, unangesähen, dass mein gewüssen
einen solchen unbilligen zwang nicht vertragen mahg, so mus ich mich dann ändlich
zu friden ställen, und mit geduld mein läben in einsamkeit verschlühssen. Mein
Vater soll mich zwahr wohl verhintern, und hat auch macht dahr-zu, (wiwohl er
solches, wan ihm nuhr Markhold seine zwe fohr-schläge pflüchtlich zu halten
versprücht, mit nichten zu tuhn gesonnen ist) dass ich ihn nicht ehlichen wärde;
aber mein Glaubens-bekäntnüs zu ändern, weil mich meine Fräundin eines vihl
bässeren unterrüchtet hat, soll er mihr nimmermehr verbüten; und würd er mich
gleich gahr enterben, und aus seiner fräundschaft und väterlichen libe
ausschlühssen, so schwör' ich ihm, dass ich doch von diser durch den heiligen
Geist eingegäbenen Meinung nicht ab-stähen wül. Ich wül liber alles fahren
lahssen, wan ich nuhr disen schaz erhalte; das zeitliche ist mihr verhasst, und
das ewige macht mich muhtig. Ja wehr wollte mich verdänken, wan ich nuhn alles
das meinige üm eines wahren sählig-machchenden Glaubens-bekäntnüsses wüllen
verlahssen müsste, und mich nahch-mahls mit meinem Lihbsten, dehn ich nähchst
Got über alle schäzze der wält libe, in beständiger träue zu läben, und
nimmermehr von ihm ab zu lahssen verpflüchten würde! Dan so mich mein Vater
enterbet (welches ich liber wündschen wollte, als diser zwe ähdlen schäzz'
entbähren) oder aus seinen augen ewig verstohssen hätte, wehr wollte [140]
nahchmahls uns (wan Markhold anders eine verstohssene zu liben begähret)
verbüten ehlich mit einander zu läben, und das übrige unserer jahre in
vergnügung unserer selbst, und in einem geruhigen zustande zu verschlühssen?
    Als si dises aus-gerädet hatte, so hihlt si eine guhte zeit inne, damit si
ihren trähnen, welche Adel=mund äben so wohl vergos als si selbst, däs zu bässer
verhängen möchte. Si waren alle beide betrübet, und Adelmund, an statt, dass si
ihrer Fräundin trohst zu-sprächchen sollte, beklahgte si, und half ihr den
schmärzen nuhr mehr und mehr vergröhssern. Lätslich huhb Rosemund an sich selbst
zu tröhsten, und sahgte, dass vihl-leicht bei seiner widerkunft noch alles guht
wärden würde, weil si wohl wüste, dass ihr Her Vater ihm sehr gewogen wäre, und
seiner alle-zeit im bästen erwähnete, dehr-gestalt, dass man nicht zweifäln
dürfte, der Sünnebald würde sich lätslich beräden lahssen, und ihn solcher
unbilligen verschreib-und verpflüchtung der beiden bedüngungen zu überhöben.
    Adelmund, wiwohl si gahr klein-laut dahr-über wahr, und aller-dinge keinen
muht hihr-zu hatte, so bekräftigte si doch ihre Meinung mit guht-heissen, und
brachte lätslich ihre Fräundin wider zu rächte: dehr-gestalt dass si dise
traurige räden verlihs, und sich auf ein lustigers gespräche begahb. Si erzählt'
ihr, wi Markhold, si wusste nicht wi, oder durch was mittel, ein lihdlein,
welches si auf eine zeit, als si schon das schähffer-läben angefangen, ihm zu
gefallen gemacht, und an eine linde gehäftet hätte, zu gesichte bekommen, und
ihr ein anderes Getichte dahr=gegen überschikte, welches er (wi in seinem
schreiben mäldung geschahe) an der Sähnen in eine linde geschnidten hätte, und
in solchem dise vihr tichtlinge, di si ihrer sonderlichen ahrt wägen gahr
eigentlich behalten hätte, dahrbei gefüget: [141]
                                Seiner Trauten.
Dass ich verstrükt, erfräut, wund, lüstern, pflüchtig läbe,
das macht dein hahr, di stirn, das auge, brust, und hand:
Dass ich, o Wunder, dihr mein läben ganz ergäbe,
das macht der Libe garn, siz, bliz, schne-bal und band.
    Si erzählt' ihr weiter, wi er si beräden wollte, dass er solches ihr lihdlein
ohn-gefähr zu Parihs in der Königin Lust-gange bei der Sähnen an einer linden
gefunden hätte; und wi er ihr versprochchen, si in kurzen an-wäsendlich zu
erfräuen.
    Als si nuhn noch eine guhte weile von einem und däm andern, wi das
Frauen-zimmer zu tuhn pfläget, sprache gehalten hatten, und der abänd nuhn-mehr
härzu nahete, so nahm Adelmund ihren ab=schihd; und di wunderschöne Rosemund,
nahch=dähm si ihre schahffe versorget, und in di hürten in sichcherheit gebracht
hatte, begahb sich auch in ihre schähffer-wohnung, alda si ihres träuen
Markholds schreiben noch ein-mahl über-sah, und di übrige abänd-zeit mit
allerhand sühssen verzükkungen und anmuhtigen gedanken zu-brachte: bis ändlich
der schlahf ihre schönen augen übermeisterte, und ihr mit mancherlei
annähmlichen träumen auch di nacht-ruhe selber ih mehr und mehr versühssete.
                           Aende däs zweiten Buches.
                                                                           [142]
 
                           Der Adriatischen ROSEMVND
                                 drittes Buhch.
Weil es annoch unsere Rosemund in solchen sühssen träumen, di ihr des Markholds
fohr-gebildeter anwäsenheit so scheinbahrlich genühssen lahssen, zu verstöhren,
und solch' eine Schöne gleich zur unzeit wakker zu machchen, alzu früh und
unbillig ist; so wollen wihr si vihl-liber noch eine zeit schlahffen lahssen,
und uns unterdässen zu ihrem lihbsten Markhold begäben: damit wihr ihn von
Parihs nahch Holland begleiten hälfen, und der Rosemund seine fröhliche
widerkunft ankündigen lahssen.
    Der tahg wahr so bald nicht angebrochchen, als sich Markhold schohn zu
Schloss begäben wollte, damit er sich mit seiner Lands-fräundin, der De-muht,
nahch seiner zusage, etlicher sachchen wägen beraht-schlagen möchte: dann si
hatt' ihn noch fohrigen abänd wüssen lahssen, dass di Herzogin, mit welcher er
nuhr fohr dreien wochchen wahr bekant worden, und eine sonderliche gnade von ihr
entfangen hatte, sehr früh auf das königliche schlos (welches ohngefähr eines
halben tages reise von Parihs gelägen ist) mit ihrem Frauen-zimmer verreisen,
und si, nahch-dähm si sich, bewusster geschäfte wägen, krank gestället hätte,
daheime bleiben würde.
    Er ward von diser krank-gestälten Jungfrau, so bald als er angelanget wahr,
mit fräuden entfangen, und in der Fürstin geheimes zimmer geführet, al=da si
unverhindert ihrer sachchen wägen mit einander räden konten. Markhold gahb ihr
unter andern zu verstähen, dass er schreiben aus Hol- und Hohch-[143]deutsch-land
bekommen hätte, di ihn mit ganzer macht zu rükke forterten, und weil er morgen,
wan ihre Fürstliche Durchleuchtigkeit würde widerkommen sein, gesonnen wäre,
seinen abschihd zu nähmen; so wolt' er si (sagt' er) gebähten haben, dass si ihm
doch unbeschwäret guhten raht mit-teilete, wi er sich am bässten von däm
Fürstlichen Fräulein lohs-machchen könnte;nahchdähm-mahl er wohl wüsste, dass si
ihn schwährlich würde zühen lahssen, und ihm solche verheissungen und
fohr-schläge tuhn, wi dann schohn albereit geschähen wäre, dass er vihlleicht
müsste gehorchen, und sich ihrem gnädigsten wüllen noht-drünglich unter-wärfen.
    Hihr-auf gahb ihm di Demuht zur antwort und sagte; mein Her, wi-wohl es mihr
zum höchsten zu wider ist, dass ich ihn, als den einigen Landes=fräund, jah den
einigen bekanten, dehn ich alhihr in der fremde haben mahg, und dehm ich mein
anligen verträulich zu erkännen gäbe, so geschwünde verlühren soll; so säh ich
doch solches, dass er von meinem aller-gnädigsten Fräulein seinen abschihd nähmen
wül, nicht aller dinge fohr guht an: dann ich weus so gewüs, als ich hihr stähe,
und di ehre habe seiner unterrädung zu genühssen, dass das Fräulein ihn nicht
lahssen würd. Drüm, wan er sich jah durch mein so vihl-fältiges flöhen nicht
länger wül halten lahssen, so wül ich ihm noch gleich-wohl träulich rahten, dass
er sich nichts im geringsten gegen ih-mand an unserem hofe seines Abzugs wägen
märken lahsse, auch der Fürstin selbst nichts davon sage, sondern, so er jah
einen abschihd nähmen wül, so kann er nuhr fohrgäben, dass ein guhter Fräund zu
Ruahn ankommen wäre, dehn er besuchen wollte; und härnahch, so es ihm belibet, so
würd er solches schohn auf das bässte schriftlich zu verrüchten wüssen, was er
izund mündlich zu tuhn gedänket. [144]
    Nahch-dähm nuhn diser Fohr-schlahg dem Markhold über alle mahssen
wohl-gefihl, so bedankt' er sich zum höhchsten gegen dise kluhg-sünnige
Jungfrau, und begunte von ihr schohn seinen ab=schihd zu nähmen. Es ist mihr
sehr leid, fing er an, dass ich meine Jungfrau, so gahr bald verlahssen mus,
nahchdähm wihr unserer fräundschaft wohl=befästigten grund-stein kaum geläget,
und ich noch nihmahls gelägenheit haben mögen, mich führ so grohsse wohl-tahten,
und solchen hohch-geneugten wüllen, dehn si mihr ihderzeit so offenhärzig
erzeuget hat, dankbahrlich zu erweisen. Damit ich aber gleichwohl nuhr ein
zeuchen, dass ich mich gärn dankbahrlich erzeugen wollte, blikken lahsse, so
verpflücht' ich mich zum höhchsten, jah solcher gestalt, das ich sonst keinem
einigen mänschen in ganz Frankreich zu tuhn gesünnet bin, dass ich ihr
aller=träuester und unvermüdester Diner mein läbe=lang verbleiben wül: Jah ich
verhoffe, solche meine begihrde, di ich meiner Jungfrauen auf zu dinen trage,
noch ein-mahl zu erfüllen, und vihlleicht auf ein' andere zeit, weil es jah
izund nicht hat sein können, meine schwachheit zweifach zu ersäzzen.
    Ach! mein Her (fihl si ihm in di räde) wahr=üm wül er das-jenige mihr tuhn,
was ich ihm zu leisten schuldig bin! Ich habe mich vihl-mehr zu bedanken, dass er
mihr hat di hohe ehre wider-fahren lahssen, mich unter di zahl seiner
Fräundinnen zu rächnen, als dass er sich so hohch gegen mich verpflüchtet, dass
ich gahr beschähmet bin, solche hohe gunst mit solchem undank an zu nähmen. Ich
versichchere meinen Hern mit kurzen worten, dass es mihr allezeit höhchst
angenähm gewäsen ist, wo ich nuhr so geschikt habe sein können, ihm di
geringsten ehren-dihnste zu leisten; und es soll mihr auch hinführ ganz nicht
schwähr fallen, alles das-jenige zu tuhn, wodurch ich mich einem solchen
Fräunde, wi er ist, verbündlich machchen kann. [145]
    Als si nuhn in däm zimmer eine guhte weile verträulich mit einander gerädet
hatten, so fing Markhold an, und frahgte, ob nicht der grohsse Sahl offen wäre?
dann er wollte gärn hinauf gähen, damit er noch führ seinem abzüge, und izund, da
di Hohf-jung-herrn näbenst däm Frauen-zimmer, mit däm Fräulein verreiset wären,
di gemählder nahch gnügen besähen könnte.
    Jah, wan mihr anderst rächt ist, gahb De-muht zur antwort, so hab' ich ihn
noch izund, eh ich meinen Hern angenommen, eröfnet gesähen; drüm, wan es ihm
belihbt, so wollen wihr hinüber gähen. Hihrauf boht ihr Markhold di hand, und si
gingen also ohn' einiges mänschen entgegen-kunft auf den sahl.
    Das ehrste gemälde, das Markhold auf der rächten hand erblikte, wahr der
Saturn, welcher sich auf seine ungeheure sense gestüzt hatte, mit tühffen
eingefallenen augen, gerunzelter stirne, einer habichts-nas' und
blüht-trühffendem munde, in welchem noch ein stükke von einem zerfleischten
knaben hing. In der hand hihlt' er ein halb-gefrässenes kind, welches der mahler
so künstlich und so erbärmlich fohrgestället hatte, dass man sich nicht gnug
dahrüber verwundern konnte. In der linken seite dises kindes, welche ganz eröfnet
wahr, sah man das härz so eigendlich und selblich ligen, als wan es läbete: es
zitterte gleichsam, und wändete sich entbohr. Des alten gräuser bahrt, hing noch
ganz fol bluhtes, und wahr auch mit etlichen stükken vom gehirne der erbissenen
kinder besprüzt: di dik-beäderten ärme waren so rauch wi ein igel, und di nägel
an den fingern, wi ahdlers klauen; di schenkel waren so ungestalt und so dürre,
dass einem ihden, dehr ihn an=sah, schrökken und grauen ankahm. Fohr seinen
fühssen lahg solch-ein grohsser haussen tohdten-beine, deren etliche bleich,
etliche noch halb mit fleisch [146] bekleidet waren, und andere ehrst anhuben
das fleisch zu verlühren. Auf den seiten üm ihn hähr sah man einen haussen
zerrütteter und verwühsteter schlösser, zerbrochne königs-kränze und
reichs-stäbe; dehrgestalt, dass es ihderman ein gräuliches entsäzzen einjahgte.
    Ein wenig weiter in den sahl sah man den Pirahm bei einem brunnen, im
bluhte, ligen, und di Tisbe, seine Lihbste, säzt' ihr seinen dägen in di brust,
dehr-gestalt, dass das bluht hauffen-weise über den Pirahm hin-sprüzte, und sich
mit däm seinigen vermischte. Der maul-behr-baum, dahr-unter si lagen, schihn
gleichsam mit bluht' über und über besprängt, dehr-gestalt, dass seine früchte
noch halb weis, und halb bluhtig waren. Von färnen stund ein junger leue,
welcher das ober-kleid der Tisbe zerfleischte, und mit bluhte, welches er noch
am rachchen kläben hatte, beschmuzte. Auf der rächten seiten diser ab-bildung
hingen in einem weissen tähflein dise reimen mit gold geschriben:
                                Des Pirams Klage
                        bei däm kleide seiner Lihbsten.
Ach weh! ach immer weh! o Tisbe, meine Schöne,
o Tisbe, wo bist-du? nahch dehr ich mich nuhr söhne!
Ein' ein'ge nacht wül nuhn zwei Lihbsten raffen hin,
davon ich nuhr alein des todes schuldig bin.
Ich habe dich entleibt: ich hihs dich, Lihbste, kommen [147]
an solchen grimmen ort mit schrökken ein-genommen;
Da ich nahch billigkeit der ehrste sollen sein,
und nuhn der lätste bin. kommt, hälft mihr ab der peun,
ihr leuen, di ihr hihr in disen klüften wohnet,
kommt, nahet euch här-zu, zerreisset mich, und lohnet
der unträu nahch gebühr. Mein schwährt soll rächcher sein,
soll rächchen ihren tohd, und änden meine peun.
    Auf der linken seite däs gemäldes waren auf einem rohten tähflein mit
güldnen buhchstaben folgende worte zu läsen:
                                Der Tisben Klage
                         über den tohd ihres lihbsten,
                                  des Pirams.
O trauter Piramus! was führ ein grimmes tihr,
was führ ein böser fal beraubt mich meiner zihr?
Pir piram-Piramus, antworte doch mein läben,
di lihbste Tisbe ruhft; wült-du gehöre gäben? [148]
Rücht' auf der augen lücht, sih' hihr dein libes Lihb;
di Tisbe ruhffet dich, di dich zu liben trihb;
Di Tisbe ruhffet dich. ach! kanstu dich nicht rägen?
wi liget hihr so blohs der bluht-besprüzte dägen?
ach weh! nuhn säh' ichs ehrst; dich hat dein' eigne hand,
jah deine Lib', hat dich versäzt in disen stand.
Drüm soll auch meine faust mich wider-üm nicht sparen;
di lihb' ist stark genug, Dihr, Schöhnster, nahch zu fahren:
di libe stärke mich. Ich habe schuld dahr-ahn,
wül auch gefärtin sein. Hat dis der tohd getahn,
und aus den augen dich, o härzer schaz, gerissen,
dass ich dich missen mus, so soll er dises wüssen,
dass ich mich nimmer-mehr von dihr entfärnen mahg;
ich stärbe gleich wie er, und wärde keinen tahg,
kein sonnen-lücht mehr sähn. Drüm, weil ihr uns im läben, [149]
ihr ältern, solche macht zu liben nicht gegäben,
so gönn't uns doch, dass wihr in einem grabe sein.
und du, o liber baum, dehr du durch deinen schein
hihr einen leib bedäkt, solt beide bald beschatten,
und fohr di weisse frucht (der Himmel würds gestatten
zum zeugnüs unsers bluht's) mit schwarzer führ und führ
befruchtet sein. - - - - - - - - - - - - -
    Straks bei disem hing ein überaus schönes gemälde, dahr-innen der tohd des
schönen Adohns, dehn di Libinne so inbrünstig gelibet hat, entworfen wahr. Der
Adohn ward von einem eber verwundet, welches so eigendlich abgebildet wahr, dass
man fast geschworen hätte, als wän man einen rächten läbendigen jüngling zu
boden fallen, und gleichsam in solchem fallen stärben sähe. Di Libinne kahm von
dem Himmel härab auf einem güldnen wagen mit zwe schwanen gezogen, gleichsam als
wollte si ihrem Lihbsten entsaz leisten, und raufte führ schmärzen das hahr aus.
unter disem gemälde stunden folgende reimen:
                              Der Lustinnen Klage
                          über den tohd ihres Adohns.
Hihr lihgt Adohn verwundt; Lustinne höhrt ihn klagen,
und eilet nahch ihm zu auf ihrem güldnen wagen; [150]
Si schlähgt di zarte brust, reisst aus ihr schönes hahr,
weil fast kein läben mehr an ihm zu spüren wahr.
Ach (sprahch si) mein Adohn! mein aller-lihbstes Läben!
wer hat dihr disen muht und disen raht gegäben?
ich hab' es wohl gesahgt, du soltest solch ein wild,
das nuhr mit grimmigkeit, mit rachch' und zorn erfüllt,
jah nihmahls tasten an. Sol ich dich, Schöhnster, müssen,
wiwohl es häftig schmärzt, so wül ich sein geflissen
ein ewiges gedänk zu stiften deiner ehr,
dass auch, wan du gleich tohd, dein lohb sich selbst vermehr'.
Aus deinem bluhte soll ein anemohn' auf-schühssen,
di ich mit himmels-tan wül lahssen über-gühssen;
di al-zeit, wan der länz in seiner lust würd stähn,
zum dänk-mahl deines bluhts soll purpur-roht aufgähn.
    Widerüm in einem andern, sah man den schönen Jüngling Ganimedes auf einem
ahdler un-[151]gläublicher gröhsse, welcher einen donner-käul im schnabel
führete. Der jüngling wahr nahch ahrt der indischen bärg-leute bekleidet, fräch
und gesund von gesichte: di hahre waren gold-färbig, und hatten sich auf dem
rükken in falten geschlagen: di haut wahr so weis wi schne, und an etlichen
örtern mit einer gelinden röhte vermischet: di blauen äderlein an den armen und
händen waren so lähbhaft entworfen, und gaben dem leibe solch-ein lihbliches
aus-sähen, dass man dahrüber gleichsam gahr verzükt ward. Er sträuchelte mit der
einen hand des ahdlers kopf, und mit der andern wolt' er dem Jupiter, welcher
auf seinem reichs-stuhle straks näben ihm sahs, den donner-käul aus der hand
nähmen. Ein wenig auf der seiten sah man den bächcher, dahraus diser kleine
schänke den Göttern mit Himmels-trank aufdinet, mit einer güldnen schale fol
rohtes weines; auf welchem, als wan er gleichsam nuhr izund eingeschänkt wäre,
ein stärbe-rohter gisch und etliche blähslein stunden.
    Sonsten hingen auf selbiger seiten keine andere gemälder, als lauter fremde
Frauen-trachten, als Hohch-deutsche, meisnische, sächsische und schwäbische;
Persische, türkische, wälsche, änglische, brabandische, indische, ja was man
fohr trachten erdänken konnte, diselbigen waren alhihr zu schauen.
    Lätslich kahmen si gegen der tühren über an eine überaus-köstliche tafel, in
welcher di entführung der Helenen entworfen wahr. Bei disem gemälde nuhn hihlt
sich Markhold eine guhte zeit auf, und erzählte seiner Fräundin di ganze
trojische geschicht. Als er aber sah, dass es fast mittahg wahr, so fing er
schohn widerüm an von seinem ab=schide zu räden, und brauchte solche bewähgliche
worte gegen di Demuht, damit er si zur beständigkeit in ihrem Glaubens-bekäntnüs
ermähnte, dass si bitterlich zu weinen anfing. Er baht si [152] gleichsam, dass si
sich durch eitele und vergängliche ehre nicht möchte bewägen lahssen, di ewige
zu verschärzen, und ihrer hohch-ansähnlichen Fräund=schafft kein färneres
härzeleid über den hals zühen: dann er wusste wohl, dass si das Fräulein üm-sonst
nicht so in ehren hihlt', und dass es ändlich üm si wohl würde gefahr haben.
    Lätslich, weil er sich nuhn widerüm nahch hause begäben musste, so wolt' er
sich gegen si noch ein=mahl beklagen, dass er nuhn so undankbahr von ihr
wäg-zühen sollte, und sich zu ihren dihnsten färner verpflüchten. Alein si baht
ihn mit weinenden augen; er wolle doch (sahgte si) mit solchen worten inne
halten, und meine schmärzen nicht noch mehr verärgen.
    Als si sich nuhn här-üm nahch der andern seite des sahles, wo si noch nicht
gewäsen waren, zu wändeten, und gleich hinaus-gähen wollten, so ersahn si eine
hof-jungfrau der Fürstin, welche daheim gebliben wahr, in einem winkel am
tage-leuchter sizzen, di ihnen di ganze zeit über zu-gehöret hatte; weil si aber
di deutsche sprache nicht verstund, so hatten si sich keines verrahts zu
befahren. Doch gleichwohl erschrahk di Demuht häftig über solchen anblik, als
wan ihr ein grohsser unfal begegnet wäre; sonderlich, weil si noch weinte, und
di augen fol trähnen stunden: dann si befürchtete sich eines arg-wahns. Drüm baht
si den Markhold, dass er mit hin zu ihr gähen wollte, damit si sich ihres weinens
halben entschuldigen möchte.
    So bald si sich nuhn nahch diser hohf-jungfrauen zu wändeten, so erhuhb si
sich, kahm ihnen entgegen, und frahgte straks, wahrüm di Demuht so betrühbt
aus-sähe. wohr-auf si zur antwort gahb, dass ihr der tohd zweier Lihbsten, des
Pirams und der Tisbe, welcher in jener tafel entworfen wäre, so häftig gejammert
hätte, dass si ihren unfal hätte beweinen müssen. Zu-dähm, so wäre di zerstöhrung
[153] der statt Troja, di ihr bei däm hintersten gemälde von dem Markhold
erzählet worden, noch dahr-zu kommen, und hätte solches ihr weh-leiden aufs näue
gehäuffet.
    Mit disen höhflichen schwänken musste sich selbige hohf-jungfrau genügen
lahssen, und kont ihrer trähnen halben keinen andern berückt bekommen. Dan
Markhold, als er zufohr di hohf-jungfrau gegrühsset hatte, boht seiner Fräundin
also-bald di hand, und führete si widerüm in ihr zimmer; da er folgendes seinen
abschihd nahm, und sich, nahch=dähm ihn dise ahdliche jungfrau zum höhchsten
vergnüget hatte, nahch hause begahb.
    Des andern tages besuhcht' er di Herzogin auch, di nuhnmehr ihren
lust-wandel verrüchtet hatte, und gahb ihr untertähnigst zu vernähmen, wi dass er
von einem seiner guhten Landes-fräunde, dehr sich izund zu Ruahn aufhihlte,
schreiben bekommen hätte, und nuhn gesonnen wäre, ihn auf sein einladen zu
besuchen, welches er ihrer fürstlichen Durchleuchtigkeit gleich-wohl zu-fohr
vermälden wollen, damit Si sich, wan Si etwan seiner geringen dihnst' in seinem
abwäsen möchte von nöhten haben, nicht vergähblich bemühen dürfte, ihn suchen zu
lahssen.
    Dise junge Fürstin (dann si wahr äben in einem solchen alter, welches ehrst
rächt zu blühen begunte) gahb ihm eine ganz-gnädige antwort; dass es solcher
anmäldung gahr nicht von nöhten gewäsen wäre; und ihr ansähen würde hihrdurch,
wan si ihn gleich ein-mahl vergäbens hätte beschikken lahssen, nicht sein
geringer worden. Dass er Si nuhr auf solche weise zu seiner gunst und
wohl-gewogenheit noch mehr zu verpflüchten, und ihm wohl zu tuhn, mit solcher
höhflichen ahrtigkeit, gleichsam zu zwüngen wüsste.
    Markhold nahm also seinen abschihd, und wi=wohl ihn das Fräulein nöhtigte,
dass er noch eine [154] weile verharren möchte, so entschuldigt' er sich doch auf
das bäst' als er konnte, und gahb Ihrer fürstl. Gnaden untertähnigst zu
vernähmen, wi vihl noht-wändige sachchen er noch zu beställen hätte, und morgen
mit däm frühesten auf zu brächchen gedächte; dehr-gestalt, dass ihm gewülliget
ward seinen abschihd zu nähmen.
    Als nuhn di Demuht (welche dise Fürstin so über-aus lihb hatte, dass sie
allezeit üm si sein musste, und dehr Si alle ihre heimligkeiten an-vertraute)
gewahr ward, dass Markhold von däm Fräulein seinen abschihd nahm, und di reihe
nuhn an si auch kommen würde, so machte si sich eilend aus der kammer, damit si
der Fürstin durch ihre trähnen (dann si konnte sich derer doch nicht entalten)
keine uhrsachche gäbe, etwas fremdes zu muht-mahssen: dehrgestalt, dass Markhold
dise seine geneugte Raht-gäberin zwahr zu guhter lätste mit seinen augen bis an
das bei=zimmer verfolgen, aber gleich-wohl nicht gesägnen konnte.
    Di Fürstin, welche solche ihre flucht straks an seinem gesichte wahr-nahm,
kährete sich nahch ihrer liben und geträuen Demuht üm, und sah' ihr äbener
mahssen nahch. Gleich-wohl wollte si diser flüchtigen nicht zu-ruhffen, di
uhrsachche ihres geschwünden abtrits zu erforschen: dann si bildet' ihr dasjenige
ganz und gahr nicht ein, das dise Schöne wusste, und wäs-wägen si sich aus däm
zimmer zu stählen, so eilend bemühete. Di zeit aber, als di verrähterin aller
heimligkeiten, lährete si solches nicht lange dahrnahch. Dan es waren kaum fünf
wochchen verflossen, als der Markhold Ihre Fürstl. Durchleuchtigkeit von Ruahn
ab mit schreiben berüchtete, dass er in sein vater-land gefortert würde; weil
aber solches so eilend geschähen müsste, und ihm so vihl [155] zeit nicht übrig
wäre, von Ihrer fürstl. Hoheit mündlichen abschihd zu nähmen, so würde si ihn
aller-gnädigster verzeuhung würdigen, wan er gezwungen würde, solches
schriftlich zu tuhn. In dässen lähbt' er noch der guhten hofnung, dass er sich in
kurzen widerüm zu ihren dihnsten verfügen, und seinem allergnädigsten Fräulein
mehr annähmlich machchen würde.
    In wärender diser zeit nuhn, dass sich Markhold zu Ruahn aufhihlt, ergäzt' er
sich mit aller-hand zeit-verkürzungen. Er hatte sich kaum drei wochchen
daselber aufgehalten, als das feier des Wein-gottes, fohr der Fasten mit
allerhand auf=zügen und ahrtigen mummereien von etlichen führ-nähmen
bürgers-söhnen begangen ward.
    Der ehrste auf-zug wahr der hoffenden, in blauer tracht, mit weissen
mum-gesichtern, und hatte ein ihglicher ein ganzes schif mit allem zugehöhr auf
däm häubte. Der andere wahr der halb-tohdten, ohn-gefähr bei vihrzig pfärden in
fahler tracht, mit schwarz-weissen mum-gesichtern. Der dritte wahr der fischer,
auch in weisser leinen tracht, mit wasser-fahlen mum-gesichtern und
fischer-reisen, in welchen kleine gründlinge hihr und dahr zwischen den weiden
hingen, auf däm häubte. Der vihrte ställte fohr di jägerei, dahrinnen man zwölf
reiter mit hirsch-häuten über=zogen, und zwe mit bähr-häuten sah: der eine bähr
hatt' eine zige unter dem arm', dahrinnen eine sah-pfeiffe verborgen wahr, damit
er unter weilen zu blasen anfing. Der fünfte wahr der wahr-haftigen, welche ganz
schlohs-weisse seidene kleider und mum-gesichter hatten. Der sechste führete di
halbe trauer, üm ihren könig, dehr nuhn-mehr fohr neun mahnden tohdes
verblichchen wahr, ohn gefähr bei dreissig pfärden stark; di kleider waren [156]
von schwarzem seidenem zeuge, mit silbernen spizzen verbrähmet. Jah es wahren
noch vihl andere mehr, welche nicht alein des tages über, sondern auch di ganzen
nächte durch währeten.
    Weil sich nuhn dise kunter-bunten aufzüge drei tage nahch einander sähen
lihssen, so begahb es sich, dass zwe hohchdeutsche von adel, welche äben in
Frankreich kommen waren, den Markhold am dritten tage diser mum-schanzereien
ohngefähr im tage-leuchter ligen sahen, und ihm über die strahsse, da si
stunden, mit dem huht' einen wink gaben.
    Markhold, nahchdähm er diser seiner alten bekanten ansichtig ward, erfräuete
sich über alle mahssen, und lihs si zu sich hinauf in sein zimmer kommen, in
welchem schohn vihl seiner Lands-fräunde teils disen fast-nachts-spilen zusahn,
teils auch di zeit mit allerhand kurzweiligen erzählungen zu=brachten: dann es
wahr von dem Markhold also an=gestället, dass ein ihder eine wunder- oder sonst
kurz=weilige geschicht, di sich bei seinem läben zu-getragen hätte, erzählen
sollte.
    Als nuhn di reihe dise beiden näukömlinge trahf, und si das ihrige auch
dahr-zu gäben sollten, so entschuldigten si sich zwahr eine guhte zeit: aber auf
des Markholds anhalten bekwähmeten si sich ändlich, und weil er, der Markhold,
zu verstähen gahb, dass er den Lust-wandel des Guhts-muhts, dehn er eines mahls
(wi er noch fohr seinem abreisen erfahren) mit der Wohl-ahrt verrüchtet hätte,
gärn hören möchte; so fing der eine dehr-gestalt an zu räden.
                        Der Lust-wandel des Guhts-muhts.
Weil nuhn di ganze Gesellschaft di augen auf mich würft, meine unabgefasste
nichts-würdige erzählung an zu hören, und mein hohch-geehrter Her Markhold den
lustwandel des Guhts-[157]muhts und der Wohl-ahrt so inständig zu wüssen
begähret, so wül ich ihre begihrden, so vihl an mihr ist, und meine schwachheit
zu-lässet, bässter mahssen vergnügen, und zweifle ganz und gahr nicht, es wärde
diser lust-fal (wi ich ihn nännen mahg) welcher sich ohn-gefähr fohr vihr jahren
in meinem Vater-lande zugetragen hat, der ganzen anwäsenden genossenschaft,
nicht verdrühslich fallen.
    Es lihgt in Ober-sachsen eine lustige statt, welche wägen ihrer so
hohch-gelährten läute, damit si ihder-zeit überflühssig versähen gewäsen, durch
di ganze wält berühmet ist. dehr=gestalt, dass auch fohr disen zeiten di Fölker
von morgen und abänd, jah der junge türkische Grohs-könig selbst, ihre hohe
schuhle (welche von den beiden Fridrichen, den Kuhr-fürsten und Herzogen von
Sachsen, kristlicher gedächtnüs, von dem einen im 1502. jahre gestiftet, und von
dem andern gewaltig vermehret worden) mit hauffen besuchet, und sich über
solcher grohssen männer führträflichen weusheit zum höhchsten verwundert haben.
    In diser wält-bekanten kuhr-statt Wittenbärg (ich wül ihren löhblichen namen
nicht verdunkeln) hihlt sich äben damahls der Guhts-muhts auf; da=mit er sich
durch solcher grohssen männer unterrüchtung und nüzliche lähren mit allerlei
künsten bereichern möchte. Weil nuhn di Jugend ins gemein mit den sühssen
anföchtungen der Libe behaftet ist, und dahähr, wo nicht dehrselben
unbeständigkeit, doch zum wenigsten der verfolgerischen mis-gunst unterworfen
ist; so begahb es sich auch, dass diser rädliche Deutsche von allen beiden
angefeindet ward. Auf der einen seiten sah' er di unbeständigkeit seiner
Lihbsten; auf der andern verfolgeten ihn di neidischen feinde seiner wohl-fahrt;
jah zu disen beiden kahm auch ändlich di unbarmhärzigkeit [158] des verfluhchten
kriges, welcher seine anverwandten in das äusserste verdärben gesäzt hatte. Was
raht? diser armsälige mänsch wusste keinen trohst, und es wahr ihm, nahch seinem
bedünken, luft und ärde zu wider: dann di verfolgung diser dreien feinde konnte
durch kein einiges mittel ab=gewändet wärden; er musst' ihr den follen lauf
lahssen, dehr-gestalt, dass er in tausend ängsten, und noch mehr schwähr-mühtige
gedanken, geriht.
    Als ihn nuhn sein wider-wärtiges verhängnüs in solchem elenden zustand' eine
guhte zeit hatte vertrühffen lassen, so begahb es sich lätslich, dass er mit
seiner vihl-vertrauten Fräundin der Wohl=ahrt einen lust-wandel zu tuhn, und ihr
das-jenige, was ihr feindlich wahr abgenommen worden, durch seine waffen (welche
doch damahls mehr fräund- als feindlich gemeinet waren) widerum zu wäge zu
bringen, gebähten ward.
    Dises nuhn wahr ihm eine gewündschte gelägenheit, dadurch er nicht alein der
gewalt seiner feind' entrünnen, und an einen sichcheren ort, seine abgemüdete
gedanken etlicher mahssen widerüm zu erfrischen, gelangen, sondern auch ihre
tükke verlachchen, und sich, an einer ungeträuen statt, nahch einer träueren
üm-sähen konnte: dehr-gestalt, dass er sich nicht lange besan, der Wohl-ahrt dises
falles an einen solchen ort, dahin si zu reiten gedachte, gefährte zu sein.
    Als si nuhn schohn auf dem wäge waren, und über den haubt-flus dässelbigen
Herzogtuhms gelanget, so kahmen si in eine über-aus-lustige gegend, da der
Guhts-muhts nicht alein über den anblik der schön-beblühmten wisen,
ümhähr-ligenden wälder, und lihblichen gesang der vogel, in eine sühsse
verzükkung geriht, sondern auch der last sei-[159]ner schwähr-mühtigen gedanken,
durch das an=muhtige gespräche der Wohl-ahrt ganz und gahr entbürdet ward;
dehr-gestalt, dass er den wähg noch eins so lang wündschte. Aber di pfärde,
welche schohn fohr-hähr märkten, in was fohr einer guhten herbärge si selbiges
abändes sollten entfangen wärden, waren so mundter, und eileten dehr=gestalt
fort, dass si den wähg, dehn andere mit zwei futtern kaum verrüchten mögen, in
einem fol=brachten.
    Weil sich aber mit einer solchen über-mähssigen fräude meisten-teils ein
trauren zu vermischen pfläget, so truhg es sich zu, dass des Guhts=muhts pfährd,
nahch-dähm si in einem kleinen kahne solchen grohssen flus widerüm überfahren
sollten, und di pfährde sehr unbändig und übel zu zäumen waren, mit ihm, an einem
sehr gefährlichen orte, mit follem sprunge ins wasser säzte, dehr-gestalt, dass
es das ansähen gewünnen wollte, als ob er aus dem rägen in di trauffe kommen, und
das läben, welches er sonst auf trukkenem lande noch eine guhte zeit führen
könnte, im nassen auf-säzzen sollte. Aber das Glück wollte solches einer
weitbässeren lust, als er noch sein läbe-tage genossen hatte, aus einer
sonderlichen gunst, fohr-spahren, und verhalf si beiderseits wohl hin-über.
    Als si nuhn an das ufer gelangten, da fanden si straks einen äbenen wähg,
welcher si erstlich durch vihl anmuhtige wisen, und nahch-mahls durch ein
kleines lustgebüsche führte; dahrinnen si, teils durch den laut-schallenden
gesang der nachtigal, teils auch durch das stamrende geräusche eines
fohrbei-flühssenden bächleins, höhchster mahssen erlustiget warden. Di
nähchst-beigelägene uhr=alte fästung Bretihn, welche fohr jahren in dem
spanischen krige nicht hat können erobert wärden, [160-161] wahr ihnen auch
nicht wenig verwunderlich zu betrachten.
    Di rein-steine des ortes, wohin si gedachten, hatten si nuhn-mehr
über-schritten, und fingen al-gemach an sich den häusern zu nähern; da si auf
der einen seiten das bau-feld, auf der andern allerhand schöne lust-gärten ligen
sahen. dehr-gestalt, dass Guhts-muhts weit ein anders befand, als ihm fohr disem
wahr erzählet worden. dann hatte man ihm den ort geringe beschriben, so befand er
ihn izund mehr als führ-träflich: hatte man ihm ein haus, wohrinnen sich nuhr
Bauern-blakker auf-hihlten, fohr-gebildet, so sah' er führ augen ein solches
köstliches schlos, dahrinnen sich ein könig, seinen hohf zu halten, nicht
schähmen dürfte: gedacht' er in ein armes mit stroh und schilf gedäktes dorf zu
kommen, so gelangt' er in einen dehr-massen wohl-aufgebauten wohn-plaz, dass er
ihn mit keinem grohssen und ansähnlichen stein-hauffen irgend einer statt
vertauschen wollte. kurz, er konnte sich über dise, mit lustigen bärgen,
träflichen gärten, schönem wise=wachs' und feld-bau gezihrte, gegend nicht
gnug=sam verwundern.
    Den eingang zu disem wohn-plazze macht' ein ängverzäuntes gäslein,
dahr-innen Guhts-muhts di Wohl-ahrt absteigen, und nahch ihrer herbärge gähen
lihs: auch sich selber, nahch-dähm si ihr pfährd abholen lahssen, in eine
andere begäben wollte. Aber das verhängnüs hatte nicht alein beschlossen ihn an
einen solchen lustigen ort zu führen, sondern es lihs ihm auch das-jenige
wider-fahren, was zur folkommenheit seines glückkes erfortert ward. Dan, als er
also auf seinem pfährde hihlt, und sich über di kunst der Zeuge-mutter
verwunderte, so sah' er ein über-aus schönes Frauen-bild, in weisser
fohr-tracht, üm die ekke här-führ blikken, welches ihm durch seinen prächtigen
schein ein solches ent-[162]säzzen einjahgte, in-dähm er si gänzlich fohr eine
Göttin hihlt, dass er nicht wusste, ob er warten oder weichen sollte.
    Als er sich nuhn in solchen zweifälhaftigen gedanken befande, so kahm ein
kleiner knabe fohr ihr hähr gelauffen, welcher das pfährd von ihm zu nähmen
begährete, und disem bestürzten das Frauenzimmer, welches ihm entgegen kahm, zu
erkännen gahb.
    Ob ihm nuhn seine unhöhfligkeit wohl bewust wahr, und er ihm dannen-hähr
leichtlich einbilden konnte, mit was führ ehr-erbütung er dises frauen=mänsch
anräden würde, so ging er doch nichts däs=zu-weniger auf si zu, mit dehm
führsazze, dass er si nahch seinem bässten vermügen begrühssen wollte.
    Aber dises Frauen-zimmer kahm seiner unmächtigen zungen zu hülf', und gahb
ihm durch ihr hold-und lihbsäliges zu-sprächchen gelägenheit, eines oder das
andere wort mit verzahgtem muhte här-aus zu stohssen, führet' ihn dahr-auf in di
behausung, und erhihlt von ihm dise grobheit (wi er es selber nännte, als ich
di ehre hatte, solches seines lust-wandels erzählung zu-hörer zu sein) dass er
seine herbärge alda zu nähmen versprahch, und sich also dises angebohtenen
glückkes selbige nacht gebrauchte.
    Folgendes morgends, als er sich, in dehr ihm ein=gegäbenen
wohl-aus-gezihrten stuben, kaum angekleidet hatte, so kahm äben ein alter
ernstafter und ehr-erbütiger schähffer (welcher den Guhts=muhts, als er sich
eins-mahls verirret hatte, widerüm zu rächte gewisen) ihn zu besuchen, und
zeugt' ihm ehrstlich alle gelägenheit des ortes von innen und von aussen,
nahch-mahls wolt' er ihm auch etliche Mänsch-göttinnen dises halb-götlichen
Wohn-plazzes sähen lahssen. [163]
    Bruder (sahgt' er) ich habe dihr zwahr alles, was alhihr dänk-würdiges zu
sähen ist, bäster massen gezeuget, aber noch eines hab' ich mihr fohr=behalten,
welches ich fohr das bäste schäzze, und das deine Glück-säligkeit rächt folkommen
machchen kann. Solches sein drei Schähfferinnen, oder wohl gahr halb-göttinnen,
welche wi di Himmelinne, Lust- und Kluginne, den Himmel; also dise di ärde
zihren. Woltestu mihr nuhn di wahrheit zu sagen, welcher di oberställe
gebührete, und ihnen zu ehren, dein uhrteil nahch tichterischer ahrt ab zu
fassen, versprächchen; so sollten si dihr nicht alein unverborgen sein, sondern
ich wollte dihr auch gelägenheit machchen, ihres gespräches zu genühssen.
    Wi (fihl ihm der Guhts-muhts in di räde) soll ich nuhn Paris sein? dise
unersäzliche wohltaht und ehre, so du mihr anbütest, ist zwahr sehr grohs, und
mihr höchst-annähmlich, aber deinem begähren gnüge zu tuhn, ist mihr unmühglich:
dann, zu schweigen, dass derer Schönen berühmtes lohb nicht alein durch mich
unausgebreitet verbleiben, sondern auch vihl-mehr verkleinert würde, so hat mihr
auch di Zeuge-mutter aller dinge di-jenigen gaben, welche zu solchem lohb-
noht-wändig erfortert wärden, gänzlich versagt.
    Ei! (warf der alte Schähffer ein) was du nicht kanst, das kann ein anderer;
oder schäuestu dich anderer hülfe in disem falle zu gebrauchen? wültstu liber
dises Glück verschärzen, als einen deiner guhten fräunde hihr-innen bemühen, und
das-jenige, was ich begähre, durch ihn verrüchten lahssen? Mit nichten (gahb
Guhts-muhts zur antwort) begähr' ich dises Glück hinten-an zu säzzen: wohlahn!
hihr hast-du meine hand.
    Als si nuhn dises handels eins waren, so führet' ihn der alte schähffer aus
seiner wohnung, und stal-[164]let' ihn weit dahrvon hinter einen mit starken
planken wohlverwahrten zaun: Er aber machte sich in ein haus, zu dässen
hinter-tühr' er bald dahr-nahch ein frauen-zimmer här-aus geführet brachte, und
so lange mit ihm in dem lust-garten härüm wandelte, bis er ändlich an den zaun
des gartens, fohr welchem er den Guhts-muhts gelahssen hatte, gelangte; da er
ihn dann also-bald fragte, was er da machte, aber keine andere antwort bekahm,
als dise, dass er ein wenig seinen gedanken nahch-hinge. hihr=auf zohg er einen
pfahl oder staken aus dem zaune (fohr welchem inwändig fuhs-eisen geläget waren,
welche bezeugeten, dass sich der haus-vater fohr fremden gästen befürchtete)
damit er konnte hin-ein kommen.
    Als er nuhn disen lust-garten zu beschauen sehr begihrig wahr, und sich wohl
zu erlustigen gedachte, so kahm ihm, an bluhmen statt, mehr als zu vihl an disem
anwäsenden weibes-bilde zu betrachten führ, welches durch seine über-irdische
schöhnheit di vihl-färbige tulpen und lihbliche narzissen weit über-trahf. wan
er seinen lüchtgrühnen rok betrachtete, so ward er gewahr, dass er das grahs
genugsam unscheinbahr machte; warf er sein gesicht' auf die schürze, so befand
er, dass das wasser, so bei disem garten hin-flos, nichts als eine leim=pfüzze
dahr-gegen wäre. wan er sich di tausend=färbige tulpen zu loben unter-stund, so
währeten ihm solches di purpur-rohten wangen diser Als=göttin: wan er sich über
di schöhnheit der narzissen verwundern wollte, so strahfften ihn öffendlich lügen
di schne-weisse stirn, und blau-geäderte albaster-hände. kurz, was er
fohrhähr-gähendes tages in jenem grohssen lustgarten, dessen besizzerin über
dises ort zu gebüten hatte, gesähen, das befand er auch alles tausend-mahl
schöner an disem fast-götlichen leibe. Sonsten wahr si nicht vihl von
wor-[165]ten; aber aus den schönen libes-blizlenden augen, welche den schalk so
ahrtig zu verbärgen wussten, konnte man leichtlich ab-nähmen, dass zu-gleich di
lihbliche Lustinne und di scharf-sünnige Kluginne ihren wohn-plaz in ihr hätten.
    Nahch-dähm er nuhn dise Schöne wohl betrachtet, und abschihd von ihr
genommen hatte, so gingen si auch nahch einem andern hause zu; und im gähen
fragte Guhts-muhts seinen fräund, wehr dises wunder-bild, das si izund
verlahssen hätten, gewäsen wäre? wohr-auf er zur antwort bekahm, dass es di
führnähme schähfferin Sünreich wäre, di zwahr ihren stähten aufwarter hätte, und
doch nichts däs zu weniger noch fohr kurzer zeit dem Lihbhart, so an Schöhnheit
den wald-männern in etwas ähnlich wäre, nicht abgeneugt gewäsen. So höhr' ich
wohl, sagte Guhts-muhts, dass di drei-zankichten fuhs-eisen nuhr solche fremde
gäste aus däm gehäge zu halten, hinter den zaun geläget sein?
    Als er nuhn an seines alten schähffers haus kommen wahr, und di andern
beiden auch sähen sollte, so ging der alte schähffer, dehm ein teil von ihren
schahffen anvertrauet wahr, (nahch-dähm er wohl wusste, dass si allezeit, wan
ihre schahffe getränket würden, dahrbei zu sein pflägte) zu diser schähfferin
zu, und gahb führ, dass eines von ihren schahffen in den züh-brunnen gefallen
wäre; wohr-auf si zimlich erzürnt aus ihrem hause (welches gleich gegen dem
Guhts-muhts über, unter etlichen dik-belaubten linden, mitten im wasser, stunde)
gelauffen kahm, und über ihr gesinde häftig eiferte.
    Als si aber befand, dass der alte schähffer nuhr geschärzet hatte, so ward si
guhtes muhtes, und ging widerüm, nahch-dähm si ihm däs wägen zimliche stöhsse
gegäben hatte, dahr-von. Weil aber Guhts-muhts noch nicht mit ihr gerädet hatte,
so [166] verfolgte si der alte schähffer, bis in ihre behausung: dehr-gestalt,
dass er ihm gelägenheit machte, ihnen nahch hin-ein zu gähen: da er dann von ihr
ganz fräundlich entfangen, und in allen zimmern ihres hauses här-üm-geführet
ward, also, dass er zeit genug hatte, si zu betrachten.
    Er verwunderte sich zum höhchsten über ihre schöhnheit, dann schöner wahr ihm
am selbigen orte noch keine fohrkommen, und befand dahr-näben, dass si nicht
alein an schöner gestalt der Lustinnen gleich wäre, sondern auch von ihren
bei-männern, äben wi jene, tapfer müste gebraucht sein.
    Als si nuhn auch von diser abschihd genommen hatten, so sahgte der alte
schähffer zu ihm: dise ist di Leicht-träu, welche dein lihbster fräund Träu-fäst
sehr gelibet hat, aber nichts von ihr genühssen können. Nuhn ist noch eine zu
besähen übrig (sahgt' er färner) welche, wan du si auch sähen wültst, so must-du
tuhn, was ich dich heisse.
    Bruder, gahb Guhts-muhts zur antwort, tuhe nuhr was dihr belihbt, du hast
mich in einen dehr=mahssen glücksäligen stand versäzt, dass ich meines leides ganz
vergässen habe, und mehr nichts wündsche, als dass solche sühsse stunden ewig
währen möchten. Nein (gahb der alte schähffer zur gegen-räde) du soltest dihr
dises nicht wündschen; weil du noch vihl eine höhere glücksäligkeit zu erwarten
hast.
    Hihr-mit verband er ihm das gesichte, mit einem schwarzen flohr, welchen er
üm seinen schähffer=küttel gebunden hatte, und führet' ihn so lange här=üm, dass
er nicht märken konnte, wohin er kähme, bis er ändlich eine träppen
hin-auf-gestigen wahr, da ihm der flohr eilend ab-gerissen, und er, gleich=sam
noch verbländet, in ein schönes mit bildern aus-gezihrtes zimmer geführet ward,
in welchem gleich gegen der tühren über ein solches Frauen=mänsch sahs, welches
er anfangs führ etwas göt-[167]lichs hihlt. Als er aber wider-üm zu sich selbst
kommen wahr, so befand er, dass es äben das-jenige Frauen-zimmer wäre, welches
ihn zwe tage zufohr in seine behausung geführet hatte, und bis-hähr von ihm
nicht rächt wahr in acht genommen worden.
    Ja wohl heisst das den bästen bissen bis auf di lätste gespahret; (sprahch
er bei sich selbst) dann, wan er nuhr ihr bräunlicht-gold-gemängtes hahr
betrachtete, so waren di ehrsten beiden nichts gegen dises schöne Wunder zu
achten: sah' er ihre stirne, den siz des Lihb-reizzes, und den reichs-stuhl der
Lihbinnen an, so ward er gahr entzükt: ihre augen, so schwarz als si waren, so
stark spihlten si mit feuer-flammen; ihr mund wahr korallen, ihre wangen
über-trahffen den purpur, ihr hals wahr wi eine schöne, von dem aller-weissesten
marmel, auf-geführte säule; jah von oben an, so weit als der neid der kleider si
beschauen lihs, wahr anders nichts an ihr zu sähen, dann dass di grohsse
künstlerin aller dinge, di algemeine Zeuge-mutter, an ihr zur meisterin worden
wahr.
    Was di gebährden anbelanget, so wahr si ganz sitsam, und mit einem
sonderlichen hohen ansähen begabet, also, dass sich der Guhts-muhts anfangs
schäuete, solche hoheit an zu räden, zu-mahl, weil er ihr, da si doch di
allerfolkomneste wahr, bis an=hähr nicht auf-gewartet hatte. Dahähr er si dann
hohch-betrühbt lahssen musste, und sich ehrstlich in seiner stuben gegen den
alten Schähffer bäster mahssen bedankte, härnahch-mahls zu tische begahb: da ihm
di Wohl-art andeutete, dass si sich morgendes tages wider-üm nahch hause begäben
müssten.
    O wi betrühbt wahr der arme Guhts-muhts, wi bejammert' er solches bei sich
selbst, dass er seines nuhr angegangenen glückkes widerum sollte be-[168]raubet
sein. Nichts däs zu weniger unterlihs er nicht, alle gelägenheit zu suchen, sich
mit diser schönen schähfferin noch fohr seinem abreisen rächtschaffen bekant zu
machchen. welches er dann auch bald und gahr fühglich tuhn konnte'; dann nahch-dähm
si ihn, ihrer gewohnheit nahch, als di tafel gehalten wahr, widerüm zu seiner
stuben begleitete, so eröfnete sich di gewündschte gelägenheit, da er si bitten
konnte, eine weile bei ihm zu verzühen.
    Dise Schöne, welche ihderman gärn zum fräunde haben wollte, schluhg's ihm
auch nicht ab, dehr=gestalt, dass si sich eine guhte zeit bei ihm auf-hihlt. da
er si dann, unter währendem gespräche, wohl betrachten konnte; und ih-mehr er si
ansah, ih schöner und schöner si ihm führ-kahm.
    Ihre worte waren so lihblich, und auf lauter verstand gegründet, si
beklahgte sich gegen ihn mit tühf-gehohlten seufzen, wägen der unträue ihres
Lihbsten, dehr-gestalt, dass er wohl sah, dass si äben mit der krankheit, di ihn
kwählete, behaftet wahr, und es fählete nichts mehr, als dass man dise beide
kranken nicht in ein bette, dahr-innen si ein=ander selbst, ohne zu-tuhn einiges
arztes, heilen konten, zusammen lägen sollte.
    Hatt' er nuhn zufohr di Sünreich gelobet, hatt' er di Leicht-träu erhoben,
so must' er dise Gahr-schöne (also hihs si) ganz führ götlich halten: und diser
sprahch er den preis zu; diser gahb er das einige lohb, welches er den fohrigen
beiden nuhr aus einem blohssen irtuhme zu-geeignet hatte; diser verehret' er
nicht alein den apfäl der schöhnheit, sondern auch das märk-zeuchen der
weusheit, und der hohen ernstaftigkeit. Ja dise hihlt' er führ di schöhnste,
führ di weiseste, und führ di ansähnlichste.
    Nahch-dähm er nuhn diser fraüden etliche tage lang genossen, und das uhrteil
aus-gesprochchen hatte; so begahb er sich widerum mit seiner ehren-[169]fräundin
der Wohlahrt zu pfährde, und kahmen also beider-seits wohl-vergnüget nahch
hause.
    Als nuhn diser lust-wal erzählet wahr, und der Markhold das seinige auch
noch nicht dahr-zu gegäben hatte, so huhb der erzähler diser begähbnüs widerüm
an, und baht ihn, dass er doch nuhn auch etwas auf di bahne bringen, und der
Gesellschaft di verdrossenheit, di er ihr durch seinen lang-weiligen lust-wal
veruhrsachchet hätte, benähmen wollte; damit ihre gemühter zu einer näuen lust
und ergäzligkeit erwäkket würden.
    Markhold befand sich straks wüllig dahrzu, und frahgt' ihn; was und von
welcherlei händeln er wohl am lihbsten hören wollte? Sein landes-fräund gahb ihm
zur antwort, dass er erzählen möchte, was ihm am bästen gefihle, und was er nahch
seinem guht-dünken der Gesellschaft am lustigsten zu sein erachtete. Ih-doch
(fuhr er fort) wan es meinem Hern beliben wollte, di wunderliche Libe des
Wildfangs und der Böhmischen Gräfin, weil er si, als derselben veruhrsachcher,
am bästen weus, ümständlich zu erzählen, so würd' er gewüs der ganzen
Gesellschaft ein grohsses gefallen erweisen.
    Der Markhold wägerte sich dässen eine guhte zeit, und baht, man möcht' ihn
doch nuhr damit verschohnen, weil ihn auch nuhr das andänken solcher händel ganz
zu wider wäre: und wan er der Gesellschaft (sahgt' er) sonst in einem oder däm
andern wülfahren könnte, so wolt' er es nicht aus=schlagen. Als si aber sämtlich
dahr-üm anhihlten, und nicht von ihm ablahssen wollten, so fing er ändlich
folgender gestalt an: [170]
                                  Di Begäbnüs
                             Der Böhmischen Gräfin
                                    und des
                                  Wild-fangs.
Weil ich dann nuhn wider meinen wüllen solche possen, di ich noch in meinen
jüngern jahren angestiftet habe, erzählen soll, und selbige ihrer wunderlichen
verwürrung wägen, nahch der rüchtigen ordnung kaum wärde widerholen können; so
bitt' ich si ingesamt, dass si meine fähler, welche dann vihl=fältig mit
unter-lauffen wärden, nicht so gahr hart bestrahffen wollen, und nuhr ein
gnädiges uhrteil dahr-über fällen. Dan sonsten, wo ich dässen nicht schohn etwas
zufohr durch mein guhtes vertrauen, das ich zu ihnen trage, versichchert wäre,
so würd' ich gewüslich keines wäges auf di beine zu bringen sein.
    Meine Herren wärden ohne zweifäl di mit-unterbegriffene mänschen-bilder
nicht alle kännen, und vihl-leicht zufohr üm mehrer verständnüs wüllen,
derselben stand und verrüchtung zu wüssen begähren: Drüm sollen si anfangs
berüchtet sein, dass sich Wildfang, ein Dribs-trüllischer Freiher, in
Isabellen-burg schohn etliche jahr auf-gehalten hatte, als dises träfliche
Fräulein, davon man so vihl gesahgt hat, und straks nahch ihm der Lihb=währt,
ein Fränkischer von Adel, daselber an=kahm. Ich fohr meinen selb-stand, wahr
auch schohn etliche zeit da gewäsen, und mit dem Wild-sang, (welcher disen namen
wohl mit der taht hatte) bei däm bal-spilen bekant worden.
    Diser ehrliche vogel Wild-fang ris mihr eins=mahls einen solchen possen,
welcher mihr so häftig zu härzen ging, dass ich lange zeit gelägenheit suhchte,
mich an ihm zu rächchen, wo ich nuhr wusste, [171] dass er sein sollte, da
verfühgt' ich mich auch hin, und gahb achtung auf sein ganzes tuhn. Ich ging ihm
des abänds von färne nahch, zu sähen, in was führ häuser er gähen würde: da ward
ich ändlich gewahr, dass er zu diser Böhmischen Gräfin, welche da-mahls noch sehr
jung, und ein über-aus-belihbt- und schönes Fräulein wahr, oft-mahls einkährete.
    Weil ich nuhn im selbigen hause, da si zur tafel ging, mit dem sohne gleich
kundschaft gemacht hatte; so erfuhr ich von ihm, dass di Gräfin sehr vihl von dem
Wild-sang hihlte, und seinen selb-stand über-aus lihbte. Hihr-auf besuhcht' ich
disen näuen Fräund oft-mahls, wan es ässenszeit wahr, damit er mich mit zur
tahffel nähmen möchte: dann ich hatte was sonderlichs damit fohr, welches si bald
erfahren sollen.
    Meine gedanken schlugen auch nihmahls fähl, und ich ward alle-zeit, so oft
ich nuhr zu ihm kahm, zur tahffel behalten. Ich lihs mich dässen, was ich im
sünn' hatte, ganz nichts märken, und bemühete mich nuhr über währender tahffel
(da ich dann alle=zeit bei der Gräfin zu sizzen kahm) mit höhchstem fleis, dass
ich durch stähtiges und frei-wülliges auf=warten ihre gunst und gnädigen wüllen
erlangen möchte.
    Ich hihlt mich anfangs so ein-gezogen in räden und gebährden, und nahm alle
wort, di ich rädete, so g'nau in acht, dass ich dadurch schohn etwas gunst zu
erlangen begunte. Nahch-mahls ward ich schohn kühner, und fing an mit aller-hand
höhflichen prunk-räden zu schärzen; aber ich nahm mich nichts däs zu weniger so
in acht, dass ich di Gräfin nuhr alle-zeit zur Fräundin behalten möchte. Lätslich
kahm ich auch mit den gebährden dahr-zu, und belähbte gleichsam dadurch meine
worte; ich begegnet' ihr alle-zeit mit solcher demühtigkeit, und doch zu-gleich
auch mit solchen libes-reizerischen [172] blikken, dass si gezwungen ward,
selbige nicht alein an zu nähmen, sondern auch mit zweifachcher dank=bahrkeit zu
erwidern. Si baht mich, dass ich ihr doch bis-weilen di ehre beweisen, und auf
ihrem zimmer zu-sprächchen möchte. wohr-auf ich mich also-bald mit der
aller-ersünlichsten höhfligkeit bedankte, und solcher hohen ehre vihl zu
unwürdig schäzte, mit führwändung, dass ich solch-einem hohch-verständigen und
höhflichen Fräulein, mit meiner grobheit und unhöhflichen räden nuhr
verdrühslich fallen würde.
    Nahch-dähm ich mich nuhn etliche mahl hatte nöhtigen lahssen, so kahm ich
ändlich auf eine zeit, da sich der tahg gleich zu kühlen begunte, zu Ihr, meine
schuldigkeit ab zu lägen. Si entfing mich, nahch ihrem gebrauch',
über-aushöhflich, und führete mich auf einen grohssen sahl, näben ihr zimmer, da
wihr uns eine zeit-lang in dem aus-laden nider=lihssen, und in den
an-stohssenden garten hinunter-sahen.
    Als wihr nuhn eine guhte weile von einem und däm andern gerädet hatten, so
kahm si ändlich auf di deutsche Ticht- und reim-kunst, dahr-innen si auch
zimlicher mahssen erfahren wahr, und ein guhtes lihdlein nahch der hand
hin-schribe.
    Ich ställte mich nuhn ehrstlich (üm bewusster uhrsachchen wüllen) als wan
ich nicht vihl dahr=von verstünde, und gahb ihr auf alle fragen mit sonderlicher
bescheidenheit zur antwort, dass es mihr das Glück al-zeit versagt hätte, mich in
solcher götlichen kunst zu üben, dehr-gestalt, dass ich ihr gleich=wohl, ob ich
mich schohn als ein unwüssender ställte, ein hohes lohb zu-schribe, und diselben
alein fohr rächtglücksählig schäzte, di dahr-innen erfahren wären.
    Nahch diser ehrsten zusammen-sprache wartet' ich disem belihbten Fräulein
vihl-mahls auf, und hat-[173]the meine sonderliche lust an ihren kluhg-sünnigen
räden. Nichts mehr aber nahm mich wunder, als dass si den Wildfang so hohch und
währt hihlt, da er doch ein rächter grober und ungeschliffener mänsch wahr. Er
pflähgt' ihr allezeit gegen abänd auf zu warten, und ich nahm selbige stunden so
g'nau in acht, damit er jah nicht märken möchte, dass ich mit däm Fräulein auch
kundschaft pflähgte.
    Als ich si nuhn zum vihrten mahle besuhcht hatte, und gleich von ihr
här-unter nahch der strahssen zu ging, so kahm mihr der Lihb-währt (welcher sich
üm meine fräundschaft so sehr beworben hatte, dass er schohn mein vertrauter
worden wahr) fohr däm tohr' entgegen, und frahgte mich, was ich bei der
Böhmischen Gräfin gemacht hätte? dann er sah wohl, dass si mich bis an das haus
begleitete.
    Mein Her, (gahb ich ihm gleich schärz-weise zur antwort) si hat mich zu
rahte gezogen, wi si doch einen geträuen Lihb-haber erkännen und sünden möchte?
So suhcht si einen geträuen Lihb-haber, fing der Lihb-währt hihr-auf an? Jah
freilich, gahb ich ihm zur antwort; dann es hat sich einer bei Ihr an-gegäben,
dehr Ihr, nahch meinem bedünken, nicht aller-düngen geträu sein würd.
    Ei! mein lihbster bruder, fing er widerüm an, wan er noch einmal dahr-üm
beraht-fraget würd, oder es sonst di gelägenheit gihbt, so sei er doch seines
diners ein-gedänk, und versichchere Si, dass Si an mihr den aller-träuesten
Lihb-haber auf der ganzen wält haben würd.
    Weil ich nuhn nicht gedachte, dass es sein lauterer ernst wäre, so fuhr ich
noch immer mehr und mehr zu schärzen fort, und bracht' ihm aller-hand
kurz-weilige possen auf di bahne. Nein, mein Her (fihl er mihr in di räde) es
ist mein schärz keines-wäges, was ich sage; dann ich habe mich in wahrheit so
häftig in das grähfliche Fräulein verlihbt, [174] dass ich nicht weus, was ich
tuhn, wi ich meine Libe blüschen, oder wi ich Ihr selbige annähmlich machchen
soll. Er kann mihr wahrlich (fuhr er fort) keinen grösseren gefallen tuhn, als wan
er meiner nuhr in allem guhten bei Ihr gedänken, und ihre gunst gegen mich
erwäkken würd.
    Ei mein liber bruder! (sahgt' ich) kann es wohl mühglich sein, dass du
verlihbt bist, und ich solt' es nicht eher gemärket haben, als izund, da du es
selbst bekännest? darf ich solches wohl gläuben, dass di Gräfin einen stachchel
ihrer libes-reizerischen pfeile, welche so lähbhaft aus ihren augen
här-aus-schühssen, in dein härz ein-gesänket habe? Ach! es ist wohl mehr als
alzu wahr und alzu gläublich, gahb er zur antwort, dann ich hab' es wohl
entfunden, ob ichs schohn bis-hähr lange verschwigen gehalten habe. Ich hab' es
zwahr fohr ihderman verhöhlet, aber nuhn-mehr ist es zeit, dass ichs Dihr, als
meinem vertrauesten Fräunde, jah einem solchen fräunde, dehr mihr dahrinnen
räht-und tähtlich bei-sprüngen kann, offenbahre!
    Als er mich nuhn dässen gewüs versichchert hatte, so wahr ich schohn froh,
und gedachte bei mihr selbst, dass ich hihrdurch eine gewündschte gelägenheit
an=träffen könnte, meinem widersachcher, dem Wild=fange, zu schaden, und ihm di
Gräfin zur feindin zu machchen. wohl! sahgt' ich zu ihm, wan mein bruder meinem
rahte folgen wül, und alles tuhn, was ich ihn heisse, so verhoff' ich noch wohl
etwas zu wäge zu bringen. Fohr allen dingen halte dich nuhr ganz eingezogen, und
lahs dich gegen nihmand, auch gegen das Fräulein selbst, nichts märken, dass du
einige libe zu Ihr tragest, bis ich deine sachchen durch einen und den andern
lohb-spruch, welches ich dann schohn wärde zu machchen wüssen, bei ihr in einen
guhten wohlstand gebracht habe. Härnahch, weil si eine grohsse lihbhaberin der
Tichterei ist, und si selber [175] sehr wohl verstähet, so must-du dich
dahr-innen auch üben, wozu ich dihr schohn verhälfen wül; und si mit der zeit,
di ich dihr schohn benamen wärde, mit einem rähtsel-lihdlein, dahrinnen du ihr
deine libe verdäkter weise kanst zu verstähen gäben, verehren.
    Färner, so ist es auch rahtsam, und der bäste hohfgrif, dass du mit dem
Wildfange, welcher sich schohn in ihre fräundschaft zimlicher mahssen
ein=gedrungen hat, dem äusserlichen scheine nahch, di aller-vertraulichste
fräundschaft pflägest; ihn (wi ich dann auch tuhn wül) so es nuhr mühglich sein
kann, alle abände besuchest, und also abhaltest, dass er Ihr nicht so oft
auf-warten könne; dann üm diselbige zeit pflägt er di Gräfin gemeiniglich zu
besuchen: Du must aber auch wohl zu-sähen, dass du dich deiner libe ganz nicht
märken lahssest, und der Gräfin, wan du mit ihm rädest, nicht einmal gedänkest:
dann ein lihbhaber ist alzu-gnau-märkend, und pflägt seinen heimlichen mit-buler
gahr zu leichtlich in verdacht zu zühen, wan er nur etwas verdächtiges an ihm
spüret.
    Aendlich so must du auch üm diselbige zeit (di ich dihr wohl zu wüssen fügen
wül) wan ich ihr auf=warten, und mit Ihr in dem aus-laden nahch der strahssen zu
stähen wärde, fohr ihrem hause fohr=bei-gähen, und si mit grohsser ehr-erbütung
grühssen: dann auf solche weise bekomm' ich uhrsachche von dihr zu räden, und
dein lohb här-aus zu streichen.
    Der Lihb-währt versichcherte mich also-bald, dass er alles tuhn wollte, was
ich ihn hihsse; und ich verfühgte mich straks des andern tages wider zum
Fräulein, und brachte si unvermärkt dahin, dass si von dem Wildfang zu räden
anhuhb. wan si nuhn seine frömmigkeit, di ich billiger eine tölpische ein=falt
nännen könnte, lobete; so billigt' ich solches, und erhuhb auch noch über-das
seine offen-härzigkeit, und unbemänteltes gemühte. dann ein wält-säliger mänsch
mus dahin bedacht sein, dass er seinen [176] feind, wan er ihn bei seiner
gönnerin, di ihn ehret und libet, verächtlich machchen wül, nicht so geschwünde
mis-preise, nicht so straks im anfange verachte, sondern sein lohb noch etlicher
mahssen här-aus streiche, damit er ihn nahch-mahls gemach und gemach, nuhr aus
ertichteter erzählung anderer leute, und ohne verdacht, bei ihr verhasst
machchen könne.
    Ich nahm also disen wält-grif wohl in acht, und lohbt' ihn den ehrsten tahg
nuhr dahr-üm, dass si nicht märken sollte, dass ich ihm gehässig wäre, oder ihn bei
Ihr verhasst machchen wollte, und ich auf den andern tahg sein lohb däs zu
fühglicher aus einem ertichteten nahch-ruhffe (dehn ich Ihr, gleich=sam als wan
ich ihn nicht billigte, an zu hören gäben wollte) al-gemach benebeln, und in
ihrem härzen verdunkeln möchte. Es ging mihr auch alles sehr wohl an, und
in-dähm ich ihn etliche mahl, wan si von ihm zu räden kahm, mit anderer leute
munde verachtet, und mit dem meinigen widerüm zu-gleich und zum scheine gelobet
hatte, so begahb es sich lätslich, dass Wildfang seinen glauben bei ihr al-gemach
zu verlühren begunte, und nicht mehr so angenähm wahr, als fohr-hin.
    So bald ich nuhn solches gewahr ward, so fing ich an den Lihb-währt, wan er,
meinem eingäben nahch, fohr unserem tage-leuchter fohr-über ging, zu loben, und
versichcherte si, wi er so ein träu- und aufrüchtiges gemüht hätte. Ich bracht'
auch zu wäge, dass er eines mahles von einem guhten fräunde, mit an der Gräfin
tafel geführet ward, damit er zu ihr, als einer solchen, di ihm schohn aus
meinem lobe sehr günstig wahr, kundschaft bekommen möchte. Dises schluhg uns
auch in wahrheit nicht fähl; dann er hatte sich straks das ehrste mahl bei ihr so
belihbt gemacht (in-dähm er nähmlich ein über-aus-höhflicher und lustiger mänsch
wahr) dass [177] si ihn bitlich vermochte, dass er si, wan es seine gelägenheit
gäbe, besuchen wollte.
    Lihbwährt wahr hihr-über so erfräuet, kahm straks zu mihr, und erzählete
sein an-gebotenes glück; da ich ihm straks dehn raht gahb, dass er ihr nuhr den
andern tahg nahch däm mittahgs mahl' auf-warten sollte, und sich jah nicht bis
auf den abänd, da der Wildfang ankommen würde, verweilen. Das ehrste mahl solt'
er es nuhr kurz machchen, und sähen, dass er gelägenheit bekäme, von der
Deutschen tichterei mit ihr zu räden; dann ich wusste wohl, dass si ihn straks,
so-bald si nuhr vernommen hätte, dass er etwas dahr-innen tuhn könnte, üm ein
lihdlein anlangen würde; wan si dann nuhn solches tähte, so wolt' er ihm schohn
eines oder das andere machchen hälfen, dass er ihr solches auf den andern tahg
über-reichen könnte.
    Der Lihbwährt täht alles, was ich ihn hihs, und ich kahm in drei oder vihr
tagen nicht wider zum Fräulein, damit er seinen sachchen einen däs zu bässern
grund lägen könnte. Mitler-zeit bekahm er ihre gunst ganz und gahr, dass si auch
straks, als ich Si widerum besuhchte, von ihm zu räden anfing, und nuhr das
verdäkte rähtsel-lihdlein, welches si so här-aus-strich, sähen lihs.
    Ich ställte mich ganz fremde, als wan ich nichts dahrvon wüsste, und lahs
das lihdlein auch mit grohsser verwunderung, da ichs doch selbst gemacht hatte,
etliche mahl durch. Da bekahm ich ehrst rächten anlahs meinen fräund zu loben,
und seinen ahrtigen kopf zu preisen. Si frahgte mich, ob ich wohl solche dunkele
räden, di er dahr-innen gebrauchte, verstünde? ob ich wohl dehr-gleichen mehr
gesähen hätte? Ich habe zwahr dehr-gleichen wohl gesähen (gahb ich zur antwort)
aber si sein so ahrtig nicht gewäsen, als dises ist; di deutung solt' ich auch
schihr errahten können, und wan es [178] mein gnädiges Fräulein im bässten
vermärken wollte, so könt' ich Ihm noch wohl den wahren sün (wi mich heuchtet)
gnugsam eröfnen.
    Als si nuhn begihrig wahr zu wüssen, wohin so vihl in-einander-verwükkelte
und verborgene gleichnüsse zihleten; so gahb ich ihr meine Meinung ein klein
wenig zu verstähen, und lägte gleichsam rähtsel mit rähtseln aus; doch also, dass
es ihr das härz wohl sahgte, und ihr angesichte fohr schahm erröhten machte.
    Der Lihb-währt wahr also der glücksähligste mänsch, dehr auf der wält läben
mahg, und ward nuhn-mehr seinem mit-buhler weit fohr-gezogen. Aber weil ihm noch
unbewust wahr, wi man sich der gühtigkeit und gunstbezeugung eines
Frauen=zimmers rächt gebrauchen sollte, so hätt' er sein Glück bei einem hahre
verschärzt, wo ichs nicht widerüm in den rächten schwang gebracht hätte. Dan di
libes-bolzen, wan man alzu-hastig dahr-mit ümgähen wül, haben den gebrauch an
sich, dass si gemeiniglich aus-gleiten, oder näben däm zile hin-gähen. Der gute
Lihb-währt vermeinte, dass er nuhn der Gräfin härz ganz und gahr an sich gebracht
hätte, weil si ihm schohn so vihl zu guht' hihlt, und wollte sich noch alzu
zeitlich unterstähen, ihr einen kus ab zu stählen. Aber es ward ihm diser bissen
wohl gnug versalzen, und er musste mit schaden kluhg wärden.
    Di Gräfin ward (oder ställte sich nuhr) erzürnet, und geboht ihm, dass er
sich pakken, und nimmer-mehr wider fohr ihre augen kommen sollte. was bildet er
ihm wohl ein, (sahgte si) vermeint er, dass ich ihm dahrüm so vihl freiheit
gegäben habe, dass er sich eines solchen fräfäls unterfangen soll? o nein! ich
begähre solcher kundschaft gahr nicht! Da hat er sein lihd, sahgte si, und warf
es ihm fohr di fühsse: es soll mihr nuhn wohl eine wüzzigung sein, und ich wül
meine gunst hinführ bässer zu rahte halten. [179]
    Als der Lihb-währt solches hörete, so erschrak er so sehr, dass er eine guhte
zeit räde-lohs fohr ihr stund. Si hihs ihn noch einmal gähen, und rädet' ihm so
lange zu, bis er sich ändlich wider ermundterte, und si üm gnädige verzeuhung
baht; Aber weil si sich ganz von ihm wägwändete, und ihn durch-aus nicht hören
wollte, so ward er gezwungen seinen abschihd mit höchster unvergnügligkeit zu
nähmen.
    Er kahm also-bald zu mihr, und klahgte sein un=Glück, erzählte mihr den
ganzen handel, und baht mich, dass ich ihn widerüm versühnen möchte. Ich sahgt'
ihm solches zu, so färn es nuhr immer mühglich sein könnte, und besuhchte di
Gräfin straks des andern tages härnahch.
    So-bald ich nuhn zu ihr hin-ein-kahm, so entfärbte si sich über alle
mahssen, und wahr rächt klein=laut; aber ich lihs mich im geringsten nichts
märken, dass ich etwas von ihrer zwei-spalt wüsste. Ich ställte mich ganz fremde,
und ging ändlich mit ihr an den aus-laden nahch der strahssen zu, da der
Lihb=währt, auf mein anordnen, sollte fohr-bei-gähen. Ich rädete von aller-hand
lustigen sachchen, und erzählete mancherlei begäbnüsse; aber weder des
Lihb=währts, noch des Wildfangs, gedacht' ich mit keinem worte. Ich kahm ändlich
von der unterschihdlichen eigenschaft der Libe zu räden; ich gahb ihr zu
verstähen, dass eines mänschen libe hast- und häftiger wäre, als des andern, und
äben in disem gespräche kahm der Lihb-währt fohr-bei-gegangen, und grühssete di
Gräfin, seinem gebrauche nahch, mit tühffer ehr-er-bütigkeit. Als si sich nuhn
widerüm sehr höhflich geneuget hatte, so fing si an und sagte: was mahg wohl
Lihbwährt for eine Libe haben; ob si auch so häftig oder langsam ist? Mein
gnädiges Fräulein würd solches ohne zweifäl (gahb-ich zur antwort) als ein
Frauen-zimmer, bässer wüssen, dann ich; und weil ich ihn nihmahls bei
Frauen-folke gesähen, vihl weniger selbst bewähret habe, wi soll ich von seiner
[180] libe uhrteilen können? hihr-auf erröhtete sich di Gräfin, und sahgte,
warüm soll er solches nicht so wohl wüssen als ich? weil ich mich (gahb-ich wider
zur antwort) üm meines gleichen nicht bekümmere, und nihmand mehr in acht nähme,
als das Frauen-zimmer; so, vermein' ich, wärde Si auch tuhn. Aber (fuhr-ich
fort) wan si sich etwa durch meine kühnheit verlätset befündet, so bitt' ich üm
gnädige verzeuhung; dann es mus entweder aus unwüllen oder schuldig-wüssen
geschähen, dass si sich über meinen worten so sehr erröhtet.
    Mein Her beschuldiget mich zweier dinge (gahb si zur antwort, und ward noch
röhter) dahrvon ich ganz im geringsten nichts weus; aber ich halte, Lihb=währt
würd ihm seinen fähler vihlleicht schon bekant haben. Was führ einen fähler
(fing ich hihr-auf an, und ställte mich, als wan ich nichts dahr-üm wüsste?) Ach
sähet! sahgte si, wi fremde stället er sich doch, als wan es ihm alles böhmische
dörfer wären!
    Als ich nuhn ganz nichts wüssen wollte, so erzählte si mihr ändlich den
handel, aber mit solchen klähglichen gebährden, dass ich leichtlich märken konnte,
dass es ihr sehr leid wäre, und dass si sein un=Glück, welches si ihm
ver-uhrsachchet hatte, betauerte; dehr-gestalt, dass ich si gahr mit geringer
mühe widerüm zu rächte bringen konnte. Also ward Lihb=währt nicht alein wider-üm
versühnet, sondern auch üm so vihl däs-zu mehr gelibet; der Wildfang musste
här-gegen den plaz räumen, und hatte seine gunst und gnade bei der Gräfin ganz
verloren.
    Di zeit wahr dem Lihb-währt unter-dässen sehr lang worden, und er hatte fast
alle augen-blikke gezählet. Ihm wahr nicht anders zu muhte gewäsen, als dass er
seine gunst gahr müste verloren haben, und dass ich ihn vihl-leicht nicht
versühnen könnte, weil ich so lang' aussen blibe; dehr-gestalt, dass ich ihn in
meinem tage-leuchter, als ich wider nahch hause [181] kahm, in grohsser
schwähr-mühtigkeit ligen fand. Er frahgte mich also-bald; ob nuhn das
änd-uhr-teil seines todes gefället wäre? ich aber fing hihr=über an zu lachchen,
und sahgte; ob er dann däshalben äben stärben müste? und ob dann kein
Frauen=zimmer mehr in der wält wäre, als di einige Grähfin? nein, gahb er zur
antwort, fohr mich ist keine mehr; drüm wan si mihr nicht gnad' erzeuget, so mus
ich stärben; und der tohd würd mihr üm so vihl däs zu unerträhglicher sein, weil
ich in ungnaden von ihr scheiden soll.
    Er sei zu friden (fihl ich ihm in di räde) seine sachchen stähen izund
tausend-mahl-bässer als fohr=hin: dann ich hab' es der Gräfin ab-gemärket, dass si
ihr geschwündes verfahren sehr beräuet. Er mahg nuhn kühnlich wider zu ihr
gähen, und da=mit ihr ansähen und ehre däs zu mehr beobachtet wärde, so kann er
Ihr zu-for durch seinen knaben an=dinen lahssen, dass si ihm vergönnen wolle, Ihr
auf ein vihrteil-stündlein auf zu warten. Wan er nuhn (fuhr ich fort) zu ihr
kömt, und si sich wider verhoffen noch was fremde gegen ihn ställen würde, so
darf er sich nicht entzühen, Ihr einen fuhs-fal zu tuhn, und si mit
fohr-abgefassten bewähglichen und härz-drüngenden worten gleichsam mit gewalt
zur verzeuhung zu zühen: dann si ist ein hohes Fräulein, und solches träflichen
standes, dass er dässen keine schande haben würd.
    Als nuhn der Lihbwährt des andern tages dise vergünstigung von der Gräfin
erlanget hatte, so ging er zu ihr, seinen fähler bässter mahssen zu
entschuldigen. Si entfärbete sich zwahr anfangs, als er hinein traht, und ging
ihm halb-erschrokken entgegen, aber ihre räden, damit si ihn entfing, waren ihm,
seinem bedünken nahch, zimlich hart; dehr-gestalt, dass er also-bald fohr ihr
nider-fihl, und si mit solchen bewähglichen worten anflöhete, dass [182] ihr fohr
mit-leiden di trähnen härab-lühffen.
    Mein lihbster Lihb-währt (sahgte si zu ihm) wahr=üm bittet er doch di-jenige
üm verzeuhung, di sich an ihm verbrochchen hat? wahr-üm wül er meine schuld auf
sich laden, und di verbrächcherin üm vergäbnüs auflöhen? Ich alein habe mich
verbrochchen, und ich alein wül auch mich selbst ihm, zur strahffe, ganz und
gahr zu eigen gäben; ich wül mich zu seiner Leib-eignen machchen, und wärde, wi
ich nicht zweifäle, üm so vihl däs zu eher seiner verzeuhung teilhaftig sein.
    Hihr-mit nahm si ihn bei der Hand, und rüchtet' ihn auf: er aber wusste fohr
fräuden nicht was er sagen sollte, und war fast ganz aus ihm selbst. Si stunden
beider-seits eine guhte zeit, und sahen einander ganz räde-lohs an. Di Gräfin
boht ihm ändlich di hand, und versichchert' ihn, dass er sich hinführ keiner
solchen verfahrung mehr sollte zu versähen haben. Si versprahch ihm ihre libe,
und er versichcherte si widerüm der seinigen: dehrgestalt, dass si sich in disem
zeitblikke so fäste verknüpften, dass si in ewigkeit nicht von einander lahssen
wollten. Dise grohsse veränderung, und dises träfliche Glück, veruhrsachte dehr
einige des Lihb-währts fuhs-fal, und brachte mehr zu wäge, als tausend andere
libes-bezeugungen.
    Mitler-zeit nuhn, dass der Wildfang fohr di Gräfin ganz nicht mehr konnte
gelahssen wärden, und seine gunst bei ihr ganz verloren hatte, so wahr er in
solcher seiner unsünnigen leidenschaft so wunderlich, dass er fohr angst und
weh-leiden nicht wusste, was er begünnen sollte. bald wolt' er sich ersäuffen,
bald erhänken, bald wolt' er in dem krige sein läben einbühssen. Ja er ställte
sich so närrisch an, dass ihn ändlich ihderman führ einen hirn-blöden hihlt.
    Als nuhn dise tol-sünnigkeit ein wenig fohr-bei [183] wahr, und er in
solcher seiner unglücklichen libes=haft vihl-mahls auf das feld lust-wandeln
ging, so begahb es sich eines mahls, dass er an eine bach geriht, und eine junge
bauer-mahgd baden sah.
    Der Wild-fang säzte sich von färn unter das gesträuche, und hatte di ganze
zeit über seine sünnen und augen auf dise fohr-gebildete Schöne gewändet. Als si
nuhn wider-üm wäg-gähen wollte, so kahm er zu ihr, und baht, si möchte sich doch
ein wenig mit ihm in das grühne nider-säzzen, damit er eine zeit lang mit ihr
schwazzen könnte. Weil si aber ganz keine ohren dahr-zu hatte, und ihn, er mocht'
auch fohr-wänden, was er wollte, nuhr mit ungestühmigkeit von sich stühs, so
folgt' er ihr gleich-wohl nahch bis in das dorf. Di bauer=mahgd sahgt' es ihrem
Vater an, dass ihr diser kärl al-zeit nahch-gegangen wäre; welcher auch den
Wild-fang, so-bald er zu ihm kahm, zu'r räde säzte. Der Wild-fang wollte noch
vihl wort-gepränge machchen, gleichsam als wan er bei seines gleichen wäre, und
gahb zur antwort; dass man ihm seine kühnheit wohl verzeuhen würde, wan man nuhr
zufohr seinen sün vernähmen sollte; dann er sei seiner tochter nicht in un-ehren
nahch=gefolget, sondern dass er si zur ehe begähren möchte. Dan si hätt' ihm
unlängst, als si sich in einer bach gebadet, so wohl gefallen, dass er nuhn-mehr
nicht von ihr lahssen könnte.
    Als di mahgd solches von färnen hörete, so huhb si zu ihrer mutter an, und
sahgte; ik mochte mi offer desen kärsch schihr buzig lachchen, dat he so näksch
und so trollich koset: wän mi mine junkers vaken schabbernakken, so wehs ik
noch, wat se menen; aber diser schuft bränget solche schnaken und solche
schwänke fohr den tahg, dat ich dahr=van rehne nischt verstahn kann. [184]
    Der Vater aber, welcher fohr disem eines von adel auf-wärter gewäsen wahr,
wusste sich noch etwas höhflicher zu erzeugen, als seine tochter, und nöhtigte
disen höhflichen freier zur mahlzeit. Da begaben sich noch ehrst di
aller-kurzweiligsten possen; dann der Vater hatte den Wildfang und di Wummel
(also hihs seine tochter) zusammen gesäzt, und ihr in geheim gesahgt, dass si
sich fein ehr=bahr (wi Bastien) über tische halten sollte. Di tochter aber,
welche von den höhflichen sitten ganz nichts wusste, kährt' ihm zu aller-ehrst
den rükken zu, welcher so stark, so kwatschlich und so hübsch untersäzt wahr,
dass er wohl hätte türne feil tragen mögen. Si grünset' ihm bis-weilen über di
aksel äben so fräundlich zu, als eine kuh ihrem kalbe; und huhb mit ihren beinen
unter der tahffel an zu bummeln, welches er führ ein libes-zeuchen hihlt.
    Er rädet' ihr über tische zu, und lohbt' ihre schöhnheit. Das blikken ihrer
augen (sahgt' er) wan si ihn auf di seite anschihlete, wäre gleich wi das
lihbliche blikken der kunst- und krihgs-göttin Kluginne. Di lippen, welche
zimlich hohch auf-geworfen stunden, wären zwe lihbliche lust-wälle, dahr-auf man
di stükken der libe mit einem knallenden getöhne der tühf-gehohlten seufzer
ab-lösen könnte. Di bakken, welche gleichsam in foller gluht wi di röhstenden
braht-würst' in di höhe bausteten, wären di anmuhtigen hügel, dahr-auf man di
erkälteten wangen erwärmen könnte.
    Solcher-gestalt ging er fast durch alle glider ihres ganzen leibes, und gahb
ihr seine fol- und tol=brünstige libe gnugsam zu verstähen, wan si es nuhr hätte
verstähen können. Si aber ställte sich ihres teils so fräundlich gegen ihn, wi
ein halb-jähriges holz-böklin, und schluhg ihm oft-mahls, wan er ihr dem
höhflichen gebrauche nahch vihl fohr-lägen wollte, das mässer aus der hand; dann
si hatte [185] sich straks im anfange so fleissig in acht genommen, dass si auf
di lätste mehr ekel als hunger hatte. Nahch gehaltener mahl-zeit ging Wildfang
mit seiner Wummel, welche sich schohn etwas zu bekwähmen lärnete, in den garten,
da er ihr auch so vihl fohr-schwazte, dass si nicht wusste, wi si mit jhm dahr-an
wahr.
    Dise lächcherrliche libe, da der Wild-fang fohr di Gräfin eine bauer-mahgd
erkohren hat, entspon sich äben acht tage fohr meinem abzuge, dass ich also nicht
wüssen kann, wi es noch dahr-mit abgelauffen ist. Di Gräfin truhg mehr ein
mit-leiden mit ihm, als dass si solches hätte belachchen sollen: sonderlich, als
ihr der Lihb-währt den ganzen handel erzählte, dass ich solches alles angestiftet
hätte; dass ich, aus heimlicher feindschaft, den Wild-fang mit sonderlicher list
aus-gedrungen, und ihn in seine ställe gebracht hätte. O mein Her, mein Her!
(sahgte di Grähfin noch zu mihr, als ich abschihd von ihr nahm) wi ist er so ein
schähdlicher feind und so ein träuer fräund zu-gleich! o wi hat man sich fohr
ihm zu hüten! wan es ihm in andern sachchen äben so ab-läuft, als es in diser
geschähen ist, so wolt' ich ihn nicht gärn erzürnen, oder nuhr zum wenigsten mit
ihm zu tuhn haben.
    Diser wunder-fal wahr gleich zu ände gebracht, als dem Markhold durch einen
schiffer angemäldet ward, dass di fluht den künftigen morgen würde zu sägel
gähen, und di schiffe schohn von der statt ab=gerükket wären. Di ganze versamlung
ward räge, und es wolt' ein ihder seinen abschihd nähmen, da-mit si den Markhold
an seinen verrüchtungen nicht verhintern möchten.
    Er aber hihlt si noch eine guhte zeit auf, und begahb sich widerüm mit der
ganzen Gesellschaft an den tage-leuchter, da si dem beschlusse diser auf=züge mit
höhchster verwunderung zu-sahen. Dan [186] es kahm äben, als si zum
tage-leuchter hin-unter-sahen, eine schahr in weibes-tracht, auf das prächtigste
ausgezihret, ohn-gefähr von dreissig pfärden; welche zwahr zimliche reiter
gaben, aber sich doch durch ihre frächche gebährden verrihten, dass man also
gahr-leichtlich sähen konnte, dass unter solchen Frauen-kleidern mans-bilder
verborgen waren.
    Diser lächcherrliche hauffe machte solcher-gestalt den beschlus diser
fast-nachts-lust, und des Markholds fräunde begaben sich, nahch-dähm si
ab=schihd genommen und ihm vihl Glück auf di reise gewündschet hatten, wider-üm
nach hause.
    Als sich nuhn dise lustige Gesellschaft verloren, und dem Markhold zeit
übrig gelahssen hatte, seinen gedanken nahch zu hängen, so wahr er bald bei der
Amstel, und bildet' ihm ein, wi er di Rosemund am ufer seiner ankunft warten
sah; bald wahr er wider zu Parihs, und gedacht' an seine libe Lands-fräundin,
däs Fürstlichen Fräuleins! härz-vertraute, di er nuhn verlahssen, und
vihl=leicht nimmer-mehr wider sähen würde. wan er sich ihrer trähnen erinnerte,
di si bei seinem abschide so rächt-mähssig vergossen hatte, so ward er gahr
klein-laut, und bejammerte di arme verlahssene; wi=wohl si ihre Fürstin
nimmer-mehr verlahssen würd. wan er aber wider-üm erwohg, wi er di trähnen der
Rosemund, di si bei seinem abwäsen vergossen hatte, abwüschen würde, so vergahs
er seiner schwähr=muht, und ergahb sich der fräude so gahr, dass er an sein
foriges weh-leiden nicht mehr gedachte. Das härz wallte führ fräuden: di lung'
erhuhb sich, und begunte schohn luft von seiner Schönen zu schöpfen: der ganze
leib ward räge: das geblüht in den adern verzweifältigte seinen gang, und das
gesichte gahb seine innerliche härzens-fräude so schein-bahrlich an den tahg. Di
augen, welche di Libe befeuch-[187]tet, und di fräude flammend gemacht hatte,
waren ganz un-stäht, und lühffen wi eine un-ruhe von einem winkel bis zum
andern; bis-weilen kahm auch ein heisser seufzer här-auf-gestigen, und brahch
mit solcher gewalt durch den mund, dass man ihn gahr von färnen vernähmen konnte,
und nicht anders vermeinte, als wan eine blase zersprünge, oder ein südendes
wasser mitten in der gluht einen solchen zischenden knal von sich gähbe. Er ging
in seinem zimmer auf und ab, und hätte sich in disen sühssen verzükkungen noch
länger auf-gehalten, wo nicht sein Lihbster Härzwährt, dehn er nuhn eine lange
zeit nicht gesähen hatte, so un-vermuhtlich dahr=zwüschen kommen wäre.
    Nahch-dähm nuhn eine innerliche grohsse fräude, wan noch eine andere so
plözlich dahr-zu kömt, und sich solcher gestalt überhäuffet, dass si mit gewalt
häraus brücht, eine so jählige verzükk- und vergeisterung veruhrsachchet, dass
man gahr verstummet, und seiner sünnen und gedanken gleich=sam beraubet würd; so
kann man leichtlich erachten, wi dem Markhold bei so vihlen fräudigen
auf=stohssungen mus zu muhte gewäsen sein. Es kahm immer eine fräude über di
ander; immer eine fröhliche zeitung folgte der andern; kein tahg ging fohr=bei,
da ihm nicht eine näue lust auf-stühs.
    Alle dise fröhliche bohtschaften, alle dise lustige zufälle, und solche
ansichtigkeit seines lihbsten und geträuesten Fräundes, machten ihn gleich=sam
gahr verwürret in seinen sünnen, dass er ihm zu-ehrst fast nicht zu-sprächchen
konnte: er stund in tühffen gedanken, und sah ihn an, gleichsam als wär' er
erschrokken, und schäuete sich ihn an zu räden, dehr-gestalt, dass sich der
Härz-währt eine zeit-lang höhchlich verwunderte, und in solcher verwunderung
auch ganz stille schwihg. [188]
    Als nuhn dises entzükken eine guhte weile gewähret hatte, so kahm Markhold
wider zu sich selber, und frahgte seinen Härz-währt; wi es ihm bis-hähr in der
zeit seiner aus-flucht ergangen wäre, und ob er nicht bald widerüm nahch Parihs
gedächte? Ach! (gahb er mit einem tühffen seufzer zur antwort) es ist mihr so
zimlich ergangen; ih=doch, wan ich nuhr zu Parihs wäre, so hätt' ich nichts zu
klagen: dann meine flucht kömt mihr noch nicht so schwähr führ; aber di
entfärnung von meiner Lihbsten, di si ver-uhrsachchet hat, und di ich gahr nicht
vertragen kann, versäzt mich in das höchste weh-leiden.
    Hihr-nahch gahb ihm der Markhold zu vernähmen, dass er auf den andern tahg
wider nahch Hol-land verreisen würde, seine Rosemund zu besuchen. wohr-über
Härz-währt so betrühbt ward, dass er disen so nahen verlust seines trauten
fräundes fast mehr bejammerte, als den verlust seiner Lihbsten. Si bliben dise
nacht bei-ein-ander, damit si noch zu guhter lätste, rächt lustig sein möchten;
und Markhold, nahch-dähm er seine Rosemund mit einem kleinen brihflein seiner
kurz-künftigen ankunft versichchert hatte, begahb sich mit dem Härz-währt,
welcher ihn bis zum Gnaden-hafen vergeselschaften wollte, des künftigen morgens,
zu schiffe.
    Di schöne Ludwichche, mit welcher der Markhold von Parihs kommen wahr, und
in ihrer behausung zeit-hähr gelägen hatte, wündscht' ihm eine glückliche reise,
und betauert' ihre so kurze kundschaft mit lauten trähnen. Der Markhold
gesägnete si, nahch landes gewohnheit, mit einem kusse, und trükt' ihr ein
klein-versigeltes brihflein in di hand, mit begähren, dass si es nicht eher
eröfnen sollte, si wäre dann alein in ihrer kammer.
    Der schiffer lihs nuhn den schif-halter schohn auf-wünden, der Steuer-man
ging an sein ruder, [189] und di sägel begunten üm den mast härüm zu flattern.
Markhold winkte der Luhdwichche noch zu guhter lätste mit dem huhte, und di
betrühbte machte sich straks, so bald si sein schif nicht mehr sähen konnte,
nahch hause; da si sich seinem begähren nahch in ihr schlahf-zimmer begahb, und
das zu-geställte brihflein mit grohssem verlangen und härz-klopfen erbrahch.
Weil si nuhn di hohchdeutsche sprache wohl verstund, so hatt' es der Markhold
äben in dehrselbigen, folgender gestalt, verfasset:
                                 Des Markholds
                                 Abschihds-Lihd
                                  an di schöne
                                  Luhdwichche.
                                       1.
Luhdwichche, weine nicht; mein ähdles Bild, schweig stille,
halt inne! dann dein wülle
ist jah der meine nicht, und kann es auch nicht sein;
dann Rosemund ist mein,
di nuhn zehn mahndes-zeit sich ohne mich befunden
im rauhen Niderland' am blanken Amstel-flus,
bei der ich widerüm di fräud' ernäuren mus
in mehr als tausend stunden.
                                       2.
O Schöne, dänke nicht, dass ich zu euren sitten, [190]
von meinen abgeschritten:
nein, nein! ein deutsches härz ist nih so leichte nicht;
wehr pflücht und träue brücht,
ist euren dinern zwahr, doch Deutschen nicht, zu gleichen.
Du sprüchst selbst wider dich, wan Du di Deutschen preis'st
und ihre fäste träu so sonnen-klahr erweis'st,
ja wüllig bist zu weichen.
                                       3.
Du lobest das, was Du von mihr begährst zu brächchen,
di deutsche träu zu schwächchen.
ich ehre Dich, weil Du so tugend-eifrig bist,
und was es sonsten ist,
o tugendhaftes Bild, wahr-üm ich Dich kann loben;
sonst hätt' ich nicht ein-mahl di fäder an-gesäzt,
und mich mit wächsel-schrift so-oft mit Dihr ergäzt,
ja Dich so hohch erhoben.
                                       4.
Nuhn, weil ich mus von Dihr den bittren abschihd nähmen,
so würst-du dich bekwähmen,
und dich nicht also-gahr in trühbnüs lahssen ein. [191]
ei lahs das weinen sein!
di alte deutsche träu soll un-verrükt bestähen.
Dich küss' ich noch zu-lätst, nach deines landes brauch,
und bleibe Dihr geneugt, so lang' ein wind und hauch
aus meinem munde gähen.
    Nahch verläsung dises lides huhb si noch vihl häftiger an zu weinen, als si
am hafen getahn hatte; prise di Rosemund di aller-glücksäligste auf der ganzen
wält, und nännte sich einen sammel-plaz alles unglückkes. Si wündschte
vihl-mahls, dass si den Markhold nimmer-mehr möchte gesähen haben, und versprahch
ihr bei sich selbst, dass si keinen andern, als einen Deutschen, di si führ di
träuesten schäzte, nimmermehr ehligen wollte. Ach! sagte si bei sich selbst, es
ist mihr nuhn nicht anders, als wan mihr der ganze wält-kräus gram wäre, als wan
alle träue mit dem Markhold von mihr wichchen. Dan hat man wohl ih-mahls einen
solchen mänschen, dehr seiner Lihbsten so träu wäre, gesähen, als Er ist? hat
man ih-mahls gehöret, dass ein solcher auf-gewäkter geist sein Glück und seine
ehre so gahr ausschläget, damit er nuhr seiner Geträuen geträu bleibe? Ich halt'
ihn üm so vihl däs zu höher, ich wärd' ihn mein läbenlang nicht gnug preisen
können; und ob er mihr gleich solche harte worte zu=schreibet, so kann ich ihm
doch däshalben nimmer=mehr abhold wärden. Als si dise klähgliche worte fol-ändet
hatte, so neugte si sich halbkrank auf ihr bette, und lahg in solcher gestaltnüs
gleichsam halb-schlahffend bis auf den abänd. [192]
    Markhold hatt' indässen keinen guhten nahch=wind, und sein schif kahm ehrst
in sechs tagen bei dem Gnaden-hafen an, da si noch ganzer drei wochchen lang,
wägen eines stähts-währenden sturmes, in der wind-stille ligen mussten. Der guhte
Härz-währt blihb näben einem Französischen von adel, di ganze zeit über, bei
ihm, und vertrihb dem Markhold bald mit lust-wandeln an dem offen-baren
Se-munde, bald mit einem annähmlichen gespräche, di zeit, welche ihm sonst ohne
zweifäl sehr verdrühslich würde gefallen sein.
    Mitler-zeit erhuhb sich ein-solcher häftiger haubt-sturm auf der Se, dass
auch in einer nacht ihre vihr kriges-schiffe, di im fohr-hafen auf der höhe fäst
lagen, so zerschmissen warden, dass das schif-seil an allen vihren zersprang, und
das schif in di äusserste gefahr versäzte. Der schif-haken blihb im grunde
stäkken, und di krihges-schiffe machten sich des andern tages auch nahch der
wind-stille zu, da si so lange ligen bliben, bis di ganze fluht, welche
ohn-gefähr in neunzig schiffe bestund, auf-brahch, und den strich teils nahch
Se- teils nahch Nord- und Sühd-holland zu nahm.
    Es war zwahr anfangs solch' eine fluht rächt mit lust an zu sähen,
sonderlich di ehrste nacht, als si mit den vihr kriges-schiffen, dahrauf man
hinten und forne, grohsse wind-lüchter aufgestäkt hatte, auf allen seiten
ümgäben wahr; aber den folgenden tahg, da sich widerüm ein solcher grohsser
sturm erhuhb, dass auch über zehen schiffe, von der fluht unter-gingen, so
schwäbeten si (di schiffer und bohts-gesellen so wohl als unser Markhold) in
höhchster angst. Di ungeheuren wasser-wogen kahmen so ungestühmlich auf ihr
schif zu geschossen, dass man nicht anders gedachte, wan man si von färn,
gleichsam wi grohsse bärge, härzu-wälzen sah, als dass si das schif ganz
bedäkken würden. [193-194]
    Der mast ward von vihlen schiffen fast mit allen segeln über bort geworfen.
Der wind sausete ganz erschröklicher weise üm si här-üm; ihdoch, weil er den
steurman schnuhr-straks entsäzte und ihnen rächt nahch-ging, so trihb er si in
vihr tagen nahch der Mase zu: da des Markholds schif, weil es überaus wohl
besegelt wahr, zu-aller-ehrst mit allen seinen leuten gleich bei wider
auf-geklährtem wetter sehr glücklich einlühf.
    Di bohts-gesellen jauchzeten, und warden von ihren weibern mit fräuden
entfangen. Di stükke warden gelöset, und versühsseten gleichsam widerüm durch
ihren fräudenknal und gewündschtes donnern, das sausen und brausen der winde.
kein mänsch erinnerte sich mehr der gefahr, di si ausgestanden hatten. Markhold
selbst wahr nicht mehr sein eigen; und alle seine sünnen waren schohn
fohr-an-gereiset, nahch seiner trauten Rosemund zu, di sich seiner stündlich,
jah bliklich, versah. Er blihb nicht mehr als eine nacht zu Roterdam, di er
auch meistenteils schlahf-lohs zu=brachte; und machte sich des morgens sehr früh
nach seiner Rosemund zu.
    Dise Wunder-schöne wollte sich gleich aus däm bett' erhöben, als er an dem
tage-leuchter klopfte, und erschrahk nicht wenig dahr-über, sonderlich, als si
sah, nahchdähm si sich angekleidet hatte, dass nihmand draussen wäre; dann er
hatte sich hinter di hürden verborgen, und blihb daselber so lange ligen, bis
si zu ihren schahffen här-aus kahm, und di hürden wider auf-machchen wollte. Si
ging mit zittrendem tritte gleich nahch derselben ekke zu, dahr-hinter sich
Markhold nidergetükt hatte, und ward nicht anders, als wan si von näuem
wider-geboren wäre, da er sich gegen si auf-rüchtete, und nahch ihr zu-ging,
seine Schöne zu ümfahen. [195]
    Si entfärbte sich anfangs, und wusste nicht was si sagen sollte, dass ihr so
ein plözliches Glück auf=stühsse. Di fräude stihg aus ihrem härzen nahch däm
gesichte zu, und bildete sich in ihren augen und in ihren wangen so läbendig ab,
dass man un=schwähr errahten konnte, ob si schohn nicht so bald rädete, dass ihr
solche des Markholds ankunft überaus lihb wäre. Das halb-verkürzte lächlen ihrer
röhslichten wangen ward mit etlichen fräuden-trähnen gleichsam verlihblichet:
der mund ward zu unterschihdlichen mahlen bald roht, bald blas. di augen,
nahchdähm das härz das seinige, dässen es fol wahr, häuffig ausschüttete, waren
bald trübe, bald klahr; und dräheten sich bald rasch, bald langsam, in seinen
höhlen härüm.
    Markhold rädete si also zum ehrsten an, und baht si üm verzeuhung, dass er si
bei so früher zeit überfile, und zohg seine träu-eifrige libe zum schuld-däkkel
an. Hihr hat si nuhn, meine Währte (sagt' er) das-jenige widerüm, was ich ihr
fohr acht mahnden entwändet habe. mein härz ist nihmahls von ihr abgewichchen,
ob es gleich, dem tast-bahren leibe nahch, entfärnet wahr. Markhold ist zwahr in
fremden landen gewäsen, aber seine gedanken alle-zeit zu hause: zu hause, sag'
ich; dann wo haben si sonst ihren siz, als bei der himlischen Rosemund?
    Nahch-dähm nuhn dise schöne Schähfferin ihre härzliche fräude, so wohl mit
den gebährden, als räden, zu verstähen gegäben hatte, so begahb si sich mit
ihrem Trauten in ihre wohnung. Si frahgt' ihn, wi es ihm auf seiner reis'
ergangen wäre? ob er auch alle- wohl-auf und bei guhter gesundheit gewäsen? ob
si kein un-Glück auf däm mehre gehabt hätten? ob er nuhn in Holland zu verbleiben
gedächte? jah si gahb ihm so vihlerhand fragen auf, dass er gnug zu tuhn fand,
wan er si alle beantworten wollte. [196]
    Als si nuhn den halben tahg mit dehrgleichen gesprächen fast zugebracht
hatten, so nahm Markhold von der Rosemund seinen abschihd, und versichcherte si,
dass er ihr auf den andern morgen, wan er seine sachchen zu Amstelgau würde
verrüchtet haben, widerüm aufwarten wollte.
    Di Rosemund lägte mitler zeit ihre Schähffers-tracht ab, und täht ihre
fohrigen kleider wider=üm an. Si kahm also zu ihrer Schwäster der Stil-muht,
welche sich über diser jähligen änderung über alle mahssen verwunderte. Das
ganze haus-gesinde froh-lokte, und wusste doch nicht wahrüm: dann di Rosemund
hatt' es noch keinem mänschen sagen wollen, dass Markhold aus Frank=reich
wider-kommen wäre. Si lihs ihr zimmer auf das aller-zihrlichste mit güldnen
prunk-tüchern behängen, und der Adelmund ihres auch widerüm verschönern, damit
man selbiges dem Markhold, so lang' als er bei ihnen verblibe, eingäben könnte.
Si wahr den ganzen tahg geschäftig bis in di nacht, da si auch nicht vihl ruhen
konnte, in-dähm si nuhr einig und alein verlangte den anbrächchenden tahg, und
mit ihm, ihren trauten Markhold wider zu sähen: welcher ihre gedanken und
vernunft so gahr eingenommen und betäubet hatte, dass si, in gegen=wärtiger
glücksäligkeit, weder an ihr fohriges noch zukünftiges unglück gedachte.
                           Aende däs dritten Buches.
                                                                           [197]
 
                           Der Adriatischen ROSEMVND
                                 vihrtes Buhch.
Rosemund hatte nuhn-mehr mit dem här-führ-brächenden tage das bette verlahssen,
und sich in ihren tage=leuchter gegen der Sonnen aufgang begäben, da si di
lihblichen strahlen dises grohssen wält-lüchtes mit verwunderung betrachtete,
und sich, in solcher betrachtung, ihres läbens einiger Sonnen, des trauten
Markholds, erinnerte. Si stund eine guhte weile in solcher an-muhtigen
verzükkung, und truhg ein solch-häftiges verlangen, ihren härz-gelihbten zu
grühssen, dass si kaum der fräuden erwarten konnte.
    Si schikt' ihre kammer-jungfer hin, und lihs dem einen diner befählen, dass
er den Markhold, mit vermäldung ihrer pflücht-schuldigkeit, zur
mit-tags-mahlzeit laden sollte. Der diner verrüchtet' ihren befähl also-bald, und
Markhold ställte sich auch zwo oder drei stunden dahrnahch bei seiner
Härz=lihbsten ein. welche ihn zur stunde zur Stil-muht führte, di von seiner
widerkunft nicht das geringste gewust hatte, und sich dannenhähr höhchlich
verwunderte.
    Si entfing ihn mit sehr höhflichen und fräudigen gebährden, gahb ihm zu
verstähen, wi es ihr so härzlich lihb wäre, dass ihn das Glück in solchem guhten
wohl-stande wider zurück gebracht hätte, und verwunderte sich über seine so
geschwünde widerkunft.
    Markhold, welcher noch nicht wusste, dass di kluhgsünnige Adelmund wider in
Deutschland [198] gezogen wäre, frahgte seine Gelihbte, wi es ihr ginge? Sehr
wohl, gahb ihm dise Schöne zur antwort; aber er würd si alhihr nicht fünden; dann
das Glück hat si dahin gefortert, da es si besäligen würd: wi? fihl ihr Markhold
in di räde, ist si wider nahch Deutschland, gereiset? Jah freilich ist si hin,
(fing di Rosemund mit seufzen an) si ist hin, di uns so vihl fräundes-dihnste
geleistet hat, und genühsset ihres geneugten glückkes mit überflus.
    O mein GOT! (fing Markhold an, und wahr über solcher zeitung so betrühbt,
dass er sich fast nicht konnte tröhsten lahssen) wi bin ich so unglücksählig! di
einige Adelmund, di ich wohl mit rächt di einige meisterin meines glückkes nännen
könnte, hat mihr äben izund müssen entzogen wärden, da ich ihrer am meisten
bedarf. wehr wül nuhn mein glück beförtern, oder vihl-mehr mein instähendes
un=Glück abwänden! Ist Adelmund hin, so ist mein glück verspilet, und würd mihr
gewüs zu einer solchen harten stihf-mutter wärden, dass ich schohn dahr-fohr
erzittere.
    Mein Her woll' ihr doch das glück nicht mis-gönnen, fihl ihm di Stil-muht
in di räde, und vihl=mehr gärne sähen, dass si ihres einigen wundsches ändlich
ein-mahl gewähret ist. Ich mis-gönn' es ihr auch nicht, gahb der Markhold zur
antwort, sondern ich betaure nuhr das meinige, dass es mihr so gahr zu-gegen ist.
    Als si nuhn eine guhte weile mit-einander sprache gehalten hatten, so ward
ihnen angesagt, dass di tafel schohn gedäkt und di speisen färtig wären. Stilmuht
er-huhb sich zu ehrst, und baht den Markhold, dass er mit ihrer geringen
mahl-zeit wolle fohr-lihb-nähmen, und sich in di tafel=stube verfügen, welche
straks an ihr zimmer stühs. [199]
    Markhold entschuldigte sich anfangs, und wollte nicht bleiben; mit
führwändung, dass er in Amstelgau etwas noht-wändiges zu beställen hätte. Als ihn
aber seine Rosemund selber so inständig nöhtigte, so lihs er sich noch ändlich
halten, und verzehrte mit disen zwo Schönen das mittags=mahl.
    Nahch gehaltener tafel, begaben sich dise dreie zum tage-leuchter, da ihre
gebuhrts-statt Venedig in einer grohssen scheiben entworffen wahr; als der
Markhold selbiger gewahr ward, so sah' er seine Rosemund an, und sahgte: meine
Schöne hat mihr schohn fohr-längst di gelägenheit diser ädlen Stat zu
beschreiben versprochchen; wan ich nuhn izund so bit-sählig sein könnte, dass si
solche mühwaltung auf sich nähmen wollte, so würd' ich mihr selbst vihl zu danken
haben, und ihr auch in wahrheit über-aus-verpflüchtet sein.
    Dise schuld, gahb si zur antwort, wärd' ich ihm gahr gärn abstatten, wan er
sich nuhr zu-ehrst der seinigen, di er mihr zu zahlen gelobet hat, entlädigen
würd. Meine Schöne (fing er ihr das wort auf) wolle mihr solches doch nuhr
klährlicher eröfnen, wofärn si wül, dass ich si vergnügen soll; dann ich kann aus
disen dunkelen worten ihre Meinung nicht rächt vernähmen.
    Solte sich mein Her nicht zu erinnern wüssen, (gahb ihm dise Schöne zur
antwort) dass er mihr schohn fohr langer zeit verheissen habe, einen kurzen abris
der alten und izzigen Deutschen zu tuhn, das müste wunder sein! Genug, genug,
meine Jungfrau, fihl ihr der Markhold in di räde: si spahre di übrigen worte;
dann ich erinnere mich mei-[200]ner zusage schohn mehr als alzu wohl, und wärde
mich auch nicht wägern, meinen worten nahch zu kommen: Aber weil es billiger
ist, dass ich ihr di ehre lahsse den anfang zu machchen, sonderlich, weil wihr
äben izund ihrer wält-bekanten gebuhrts=statt ab-bildung fohr augen sähen, so wül
ich si noch ein-mahl gebähten haben, dass si mich doch meiner bitte, weil ich der
ehrste bin, dehr dahr-üm an-gelanget hat, auch zu-ehrst gewähre. Däm gröhssesten
und ansähnlichsten (fing si widerüm an) gebühret ja al-zeit der fohr-zug; und
mein vater-land kann däm seinigen, weil dises ein ganzes Reich, und jenes nuhr
eine Stat ist, nicht fohr-gezogen wärden.
    Als nuhn di Stilmuht sah, dass sich di zeit mit solchem höhflichen
lust-gezänke nuhr unnüzlich verlühren würde, so rädete si ihrer Schwäster zu,
dass si doch nuhr den anfang machchen wollte; und versichcherte si zu-gleich, dass
si auch ein teil, wo es ihr zu lang fallen würde, auf sich nähmen wollte, damit
der Markhold jah rächt könnte vergnüget wärden.
    Das ist wahrlich ein rächt-guht- und schwästerliches erbühten, fing Markhold
hihr-auf an, welches nicht alein von der schönen Rosemund, sondern auch von
mihr, mit höhchstem danke soll erkännet wärden. und ei liber! sagt' er, und sah
di Rosemund an, meine Schöne wolle sich nuhn nicht färner wägern, in-dähm ihr so
ein guhter entsaz und bei-stand angebohten würd.
    Rosemund ward also gezwungen ihres Markholds bitten, und däm ein-rahten
ihrer Schwäster gnüge zu tuhn; si nahm einen schwanken indischen rohr-stahb,
damit si ihm di gelägenheit der Stat selbst zeugen könnte, in di hand, und fing
folgender gestalt an zu räden. [201-202]
                           Uhrsprung und Beschreibung
                                      der
                                 Stat Venedig,
               aus vihlen bewährten uhr- und geschicht-schreibern
                           kürzlich zusammen gezogen.
Dise grohss' und gewaltige Stat, deren geringsten schatten mein Her auf diser
glahs=scheiben entworfen sihet, hat zur zeit des Hunnischen kriges, wi man
uhrkundet, ihren uhr=sprung genommen; gleich da-zu-mahl, als der1 Wühterich
Attila ganz Wälschland über-zohg, und mit den alten Venedigern (welche zeit däm
300 jahre nahch der gebuhrt unsers heilandes, üm den Adriatischen Mehr-schohs
här-üm in den aller-schön- und lustigsten landschaften wohnten) so übel
handelte, dass sich sehr vihl und di aller-mächtigsten und ähdlesten von ihnen,
mit allen den ihrigen, auf di nähest-gelägene wühst' und öden ein-länder
begaben.
    Dise flüchtige nuhn (unter welchen di von Padue,2 di den hohen flus, dehr
alhihr recht krümlings mitten durch gähet, innen-hatten, di aller=ehrsten waren)
haben diser wält-beruhffenen Stat, im 421 jahre nahch Kristus gebuhrt, zur zeit
des3 Märzens, oder wi di meisten berüchten, des Ostermahndes, gleich damahls,
als Klef, der Longebarder könig, zu wühten anfing, nahch etlicher Meinung, üm
dise gegend, da das Gottes-haus des heiligen Marksen stähet, den grund-stein
geläget; und zu gleichem mahle, zur ehre Gottes, und [203] aus schuldiger
dankbahrkeit, ein Gotteshaus erbauet, und dem h. Jakob geweihet.
    Nahch dehr zeit, üm das 456 jahr, haben sich di übrigen gleiches fals, damit
si dem Hunnischen wühten auch entflühen möchten, alhihr versamlet, und di Stat
so träflich zu erweitern angefangen, dass si auch üm den fohr-ange-zeugten hohen
flus här-üm4 sechszig Inländer einnahmen, und diselbe zusammen zogen,
dehr-gestalt dass ändlich eine solche grohsse Stat dahr-aus worden ist, di man
mehr ein wunder-wärk der unstärblichen Götter, als ein mänschliches
kunst-gemächte nännen mahg.
    Di Stat ligt rächt mitten in dem innersten winkel däs Venedischen Mehres,
welcher von einem selb-wäsenden tamme in gestalt eines halben mahndes ümgäben,
und befästiget ist, und alle sechs stunden den zu-und ab-flus (welches man zu
Hamburg fluht und äbbe nännet) zu haben pfläget. Diser tam hält di wogen däs
ungestühmen mehres, das vom aufgange härzu gewallet kömmt, zurückke, dass es der
Stat keinen schaden tuhn kann, und ist bei fünf und dreissig meilen lang; würd in
etliche inländer geteilet, und hat siben eingänge, dahr-unter doch nicht mehr
als zwei zur ein-und aus-fahrt dinen. auf der seite diser eingänge ligen sehr
starke Fästungen, welche di hafen be-schühssen, und den feind, so sich einer
irgend möchte blikken lahssen, mit geringer mühe zurückke halten können.
    Dise teils von däm fästen lande, teils von den tämmen, ümschlossene Se würd
achtzig wälsche meilen lang geschäzzet; di breite kann man so eigendlich nicht
wüssen, weil si sich, nahch-dähm der ab- und zu-fal stark ist, bald verbreitert,
bald widerüm schmählert. Si ist allend-halben so untühf, [204] dass sich kein
schif der Stat nahen kann, ohn alein durch zwe wohl-verwahrte hafen; und es
wärden gewüsse Leute dahr-zu gehalten, welche den grund, so er irgend zu tühf
wärden wollte, stähts ausfüllen müssen, dehr-gestalt, dass man si weder zu lande
noch zu wasser in der nähe bekrigen kann.
    Di Stat würd in di rundte acht wälsche meilen geschäzzet, und ist weder mit
wällen noch mit mauren versähen, da si doch führ un-überwündlich gehalten würd.
Ihr reichtuhm ist unerschäzlich; ihre schäzze sein nicht zu zählen; jah si ist
so fol von gühtern, dass si auch durch dise unaussprächliche beute manchen feind
von däm ände der wält zu sich lokken möchte. Si hat vihl schöhne Inländer,
Landschaften und Stätte erobert, manche schlachten gehalten und vihl-mahls
ob-gesiget. Si hat so vihl krige geführet, dass si fast nicht zu zählen sein.
    Der ehrste krihg, dehn ihre Herzoge geführet haben, ist wider Ravenne
gewäsen. Si haben sehr vihl-mahl wider di Mehr-räuber gestritten. Si haben
sechs-mahl mit dem Grohs-türken gekriget; neun-mahl mit den Genuern; vihr-mahl
mit den Sarazenen; ein-mahl mit den Langebarden; zwei-mahl mit den Nordmännern;
vihr-mahl mit den Sirern; drei-mahl mit der mächtigen Stat Konstantinopel, di si
auch gewonnen, aber nicht lange behalten haben; vihr-mahl mit Ferrahr; zwei=mahl
mit Friaul, oder dem Julius-markte; zwei=mahl mit Napel; vihr-mahl mit
Oesterreich; drei-mahl, jah mehr, mit Padue; vihr-mahl mit Histrien; ein-mahl
mit dem Rogerius, Könige in Sizilien; jah si hat mit dem Sihgmunde; Fridrichen,
dem zweiten dises namens, und andern Römischen Käsern und Erzkönigen; mit den
Grichischen Käsern, mit dem wütenden Akziolihn, mit den Hunnen, Siliziern,
Liziern, Kretern und andern mächtigen fölkern grohsse krige geführet. [205]
Kurz, si hat so vihl und grohsse feinde gehabt, di ihr nahch dem ehren-kranze
gestanden sein, und ist gleich-wohl (o welch-ein lohb!) nuhn-mehr über di
tausend und etliche hundert jahr, so lang' als si gestanden hat, noch allezeit
jungfrau gebliben, und nih-mahls erobert worden, welches wihr sonst von keiner
einigen Stat geschriben fünden.
    Dise mächtige Stat, wi mein Her sihet, würd hin und wider mit Se-ärmen
zerteilt, und hat fast in allen strahssen ihre wasser-gräben, über welche mehr
als 450 teils steinerne, teils hölzerne brükken gähen. An kleinen lust- und
walschiflein, dahr=innen das Frauen-zimmer, und wehr sonsten nicht so weit
ümgähen wül, zu fahren pfläget, fündet man allend-halben eine grohsse mänge, und
es wärden ihrer mehr als 8000 gezählet. Der grohsse oder (wi si ihn nännen) hohe
Se-arm, ist 1300 schuhe lang, und 40 breit. Er gähet rächt schlangen-weise
mitten durch di Stat, und hat nicht mehr als eine sehr grohsse brükke von
marmel, nuhr mit einem hohen schwib-bogen, 70 schritte lang, und 31 breit; ist
auf beiden seiten mit krahm-laden verbauet, und hat, nahch etlicher Meinung, in
di acht und vihrzig mahl hundert-tausend reichs-tahler gekostet.
                       Entwurf des Marks-plazzes, und däs
                             fürstlichen Schlosses.
Diser breite Platz nahch däm Mehre zu, dahr=auf dise zwo aus frigischem marmel so
künstlich-ausgehauene säulen (di man von Konstantinopel bekommen hat) in der
mitten entbohr stähen, würd der Marks-plaz genännet. Er sähe nuhr, was alhihr
fohr träfliche Schlösser und fürstliche Häuser, mit über-aus-schönen lust-gängen
nahch der reihe härüm stähen, sonderlich nahch däm Gottes=hause des heiligen
Marksen (von dehm diser plaz [206] also genännet würd) und Geminiahns zu. Hihr
auf der linken hand sihet er das über-prächtige Schlos des Herzogs, welches man
im 809 jahr nahch Kristus gebuhrt, als Angelus Patriziahz Herzog wahr, zu bauen
hat angefangen.
    Wiwohl nuhn dises gebäu fünf-mahl abgebrant ist, so hat man es doch allezeit
prächtiger wider-auf- lahssen. Es ist vihr-ekkicht, doch gleich=wohl auch etwas
länger, als es breit ist. Gegen aufgang ist diser bau über-aus-prächtig an zu
sähen; dann es hat sechs und zwanzig gewölbe, und gleich so vihl säulen von
marmel, über welchen ein lustgang ist von vihr und funfzig kleinen bogen, mit
äben so vihl pfeilern. Di tage-leuchter sein alle mit einander auf das
herrlichste und prächtigste mit eingehauenen kränzen, mit bluhm- und laub-wärk
geziret. man sihet auch an disem schönen schlosse zwei über-aus köstliche
fohr-gebäu, welche von aussen mit roht- und weissen marmelsteinern plähtlein
über-schmükket sein; und noch vihr andere, fohr den vihr gröhssesten tühren,
deren di ehrste, welche däm Gottes-hause des heiligen Marksen am nähesten, von
lauter marmel, und mit vihr über=aus-künstlich-gehauenen bildern gezihret ist.
Von der ekken diser ehrsten tühren an, welche sich nahch däm grohssen zeughause
der Stat zu-wändet, bis zur andern bei der Palienser brükke, gegen mittahg,
sihet man sechs und dreissig schwib-bogen, so alle auf ihren wohl- und
zihrlich-ausgehauenen pfeilern ruhen.
    Wan man nuhn in dises Schlos hin-ein kömt, da sihet man ehrst wunder über
wunder, und di augen müssen fohr solchem prächtigen und köstlichem zihr-rahte
fast erstarren. Es kömt einem straks im eingähen eine lange reihe säulen und
pfeiler zu gesichte, da immer eine über der andern stähet, und dahr-unter ringst
üm das schlos här-üm schöne ge-[207]wölbete Lust-gänge sein. Inwändig ist ein
zimlich-weiter hof, in dessen mitte zwe züh-brunnen stähen, welche mit
köstlichen bildern und räben fol trauben, meisten-teils von ärz, gezihret sein.
    Bei der grohssen tühre gegen mitter-nacht schwünget sich ein prächtiger
schnäkken-gang in di höhe, nahch dem Sahl' und Zimmer des Herzogs zu. Zu-unterst
an disem wündel-steine stähen zwo grohsse säulen, da auf der einen di bildnüsse
des Kriges- und Mehr-gottes, auf der andern Adam und Eve, sehr künstlich
aus-gehauen, gesähen wärden.
    Gegen den grohssen oder hohen Se-arm zu, ist ein schöner Lust-gang, zu dehm
man von beiden änden durch zwo wändel-träppen noch auf mehr andere walleien
gähen kann. An diser träppe stähet der name des königes in Frankreich und Polen,
Heinrichs, des Drittens dises namens, mit güldenen buhchstaben angeschriben.
Hihr=an stöhsset ein schöner lust-garten, in welchem des Herzogs Bäht-haus
stähet; auch sihet man daselbst unter dem freien Himmel sehr vihl stühle nahch
der reihe härüm gesäzt.
    Wan man sich vom mittage gegen morgen zu wändet, so kömt man widerüm an drei
schnäkken-gänge, durch welche man in des Herzogs Schlahf-zimmer und auf di
Raht-stube gähen kann. Das Raht-haus stähet an der ohst-seite däs Schlosses über
einem balken-wärke von grohssen bäumen, welches von aussen sehr herrlich an zu
sähen, zwüschen den häubtern vergüldet, und mit schönen entworfenen geschichten
aus=gezihret ist.
    Alda ist der gemeine Siz des Herzogs, und in der mitte sein ehren-stuhl: da
man pflägt raht zu halten in hohch-wüchtigen sachchen; da wärden fremder Herren,
wi auch ihrer untertahnen, gesandten [208] verhöret. In disem Rahtaus' ist ein
weiter sahl, dahr-innen alle der Venediger Länder, Fästungen, In-länder und
Stäte, nahch däm läben entworfen sein. Auch stähen alda eilf käserliche
bilder-säulen, aus gemängtem ärz-wärke, welche wägen ihrer kunst eines grohssen
schazzes währt sein.
    Der Sahl, da der grohsse Raht zusammen kömmt, würd hundert und funfzig
schuhe lang, und 73 breit geschäzzet; und ist im 1309 jahre nahch Kristus
gebuhrt erbauet worden. Dahr-innen sihet man alle schlachten der Venediger, wi
auch di bildnüsse aller ihrer Herzogen, Zehnder- und Rahts-herren, mit vihlen
gelährten und kriges-leuten, auf das aller-künstlichste ab-gebildet.
    Von dannen gähet ein gewölbter gang bis an das grohsse zeug-haus däs
fürstlichen Schlosses, das nuhr allen führnähmen Herren, di zu dähm ände nahch
Venedig kommen, dass si was seltsames und sonderbares sähen wollen, gezeuget
würd. von disem baue sühd-wärts nahch däm mehre zu, kömt man zu den
gerüchts-stuben der Zehender-herren, oder Stat-vögte; da wider-üm aller-hand
lustige fohr-höfe, lustgänge, dahr-innen di bürgerschaft, di etwas fohr gerüchte
zu tuhn hat, auf und ab zu wandeln pfläget, und sonsten vihl wunder-schöne
sachchen zu sähen sein.
                       Beschreibung däs Gottes-hauses des
                               heiligen Marksens.
Wan sich nuhn mein Her hinter das Schlos wändet, nahch mitter-nacht zu, wo di
fünf rundten Dächcher här-führ-blikken, da sihet er das weit-berühmte
Gottes-haus des heiligen Marksens (welches so wunder-schöhn ist, dass man
däs=gleichen in der Kristenheit nicht fündet) auf dem rächt- und vihrten teile
des Marks-plazzes stähen: welcher teil alein 470 schuhe lang, und 120 breit ist.
[209]
    Diser bau ist im 829 jahre nahch Kristus gebuhrt angefangen worden, und man
hat sehr vihl marmel-stein und über-aus-künstlich-gehauene säulen von Atehn und
andern orten aus Grichen-land dahrzu gebracht. Der fuhs oder grund-saz ist
gleichsam als ein kreuz, und es wärden dahr-an so wohl aus- als inwändig
fünf-hundert säulen gezählet. Man gähet von allen seiten durch einen mit
vihl-färbigen marmel-steinen gepflasterten Fohr-hof hinein, dessen güldnes
schnäkken-gewölbe mit aller-hand geschichten des Alten und Näuen Bundes von
aus-gehauener arbeit ge-zihret ist.
    Der Bau an sich selbst ist von lauter marmel=steinen sehr künstlich
auf-geführet; der boden mit topas und porfiren belägt; di gewölbte bogen und
wände mit Ofiht und andern köstlichen steinen über-zogen; da alles von
wunder-schönem bilder=wärke flinkert und blinkert. unter welchen man etliche
verborgene Sünnen-bilder, sehr ahrtig aus=gehauen, sihet, deren ein gutes teil
der Einsidel-meister zum heiligen Floriahn, Jochim Kaliber, aus einem
wahrsager-geiste (indähm er auf di künftigen veränderungen und krige sein
absähen gehabt) angegäben hat. Man sihet al-da unter andern zwe hähne mit langen
schnäbeln, welche einen fuchs beissen, und verwunden. Dadurch sollen di sige
zweer königen in Frankreich, Karls des achten, und Luhdwigs des zwölften, dises
namens, angedeutet wärden; dass si nähmlich den Luhdwig Sforzien aus seinem
Fürstentuhme verjagen würden. Färner sihet man einen sehr magern leuen, welcher
das zeuchen des heiligen Marksens führet, auf der ärden krüchen, und einen
andern, sehr fet und wohl-leibig; damit man der Venediger (welche zum wahl- und
wapen-bildnüss' einen Leuen führen) verhängnüs und glück bedeuten wül; dass si
nähmlich auf däm lande keinen stärn, zu wasser aber das [210] bäste Glück haben
würden. Etliche wollen zwahr dise Sün-bilder anders aus-lägen, di meisten aber
stimmen auf itst-erzählte entknöhdtelung.
    Di wände sein inwändig alle mit den ädlesten marmel-scheiben überzogen, und
so künstlich, dass man im geringsten keine fugen dahr-an märken kann. Auf der
einen seite sihet man zwo schne-weisse tafeln, aus einem stükke gehauen, in
welchen man etliche schwarze züg' und strichche fündet, di eines mänschlichen
glides gestalt so eigendlich ab-bilden, dass es auch ihrer vihle fohr einen
ab-ris eines künstlichen mahlers angesähen haben, da es doch nuhr ein
selb-entsprungenes wärk ist. Dem Al=brecht Magnen haben dise beide tafeln so
wohl gefallen, dass er si mit unter di wunder-wärke der grohssen Zeuge-mutter
aller dinge gerächnet hat.
    Das gewölbe dises grohssen baues, welches über=al mit schönem bild-wärke
geziret ist, ruhet auf sechs und dreissig marmel-steinernen säulen, welche eines
mannes hohch, und zwe schuhe, dem durch=schnitte nahch, dikke sein. Durch vihr
fohr-tühren, da eine ihde vihr pfeiler hat, kann man hinein gähen.
    Di aus-wändige Blöhsse dises baues (dann es lahssen sich drei teile desselben
mit kränzen blohs sähen) ruhet auf 115, teils porführ- teils ofiht- teils
marmel-steinern pfeilern, welche funfzehen fühsse hohch sein; auf disen stähet
noch eine reihe, nicht zwahr äben so grohs als di untersten, ihdoch gleiches
währtes, von 146 säulen; welche oben über dem eingange einen eröfneten lust-gang
machchen, und den bau an sich selbst von aussen üm-ringen. Auf disem gange
pflägen di Geistlichen, in beisein des Rahts und Herzogs, am Palm-sontage,
sonderliche gepränge zu halten.
    Di grohsse türe gegen den Marks-plaz, welche nahch grichischer ahrt erbauet
ist, hat fünf zimliche von ärz gegossene flügel, deren di ehrsten zwe
tähg-[211]lich, di andern zwe nuhr an den hohen feier-tagen, eröfnet wärden, und
di lätste bleibet allezeit geschlossen. Oben auf däm haubt-gerüste diser tühre,
stähen vihr pfährde, der gestalt und gröhsse nahch den türkischen gleich, mit
einem sigeswagen, von korintischem ärze gegossen; welche ehrstlich von Rohm
nahch Konstantinopel geführet; härnahch aber, als di unsrigen izt-ermäldete statt
einsmahls eroberten, widerüm von dannen nahch Venedig gebracht, und über das
tühr-gerüste dises baues sein gesäzzet worden. üm dises ganze gebäue ringst
härüm sihet man nichts als schnits- und dräh-wärk, als kränze von marmel, als
bluhm- laub- und bild=wärk; welches alles von golde, sonderlich bei
auf=fallen-den sonnen-strahlen, so träflich schimmert, dass man fohr grohssem
glanze fast gahr verbländet würd. Jah inwändig in däm gebäue selbst sihet man
nichts als alles von gold, türkissen, albaster, onich- und andern köstlichen
steinen blinkern und flinkern: Es ist über-al so fol bilder-wärk und
prunk=säulen von ärz und marmel-stein, dass man im ehrsten anblikke fast ganz
erstarret; und ob-wohl diser Bau so gahr köstlich und prächtig ist, dass er nuhr
seines inneren zihr-rahtes wägen unter di wunder=wärke der wält könnte gerächnet
wärden, so ist er doch innerhalb 20 jahren angefangen und foländet worden.
    Wan man in disen Gottes-bau hin-ein-kömt, so erblikt man straks das bildnüs
des heiligen Marksens, welcher den einen arm sünken lässet, und den andern
erhöbet. von dannen gähet man durch etliche träppen von ädlen steinen hin-auf,
nahch dem hohen Gottes-tische, dahr-auf man mit grohsser verwunderung einer
köstlichen tafel gewahr würd, welche von Konstantinopel nahch Venedig ist
gebracht worden. Dise tafel ist von lauterem gold' und silber, mit aller-hand
ein=gegrabenen bildern, und so vihlen unerschäzlichen [212] ädlen steinen und
perlen gezihret, dass man solchen schaz ohne bestürzung nicht anschauen mahg. Der
erwähnte hohe Gottes-tisch, würd mit einem kreuz=gewölbe von den schöhnsten
marmel-steinen bedäkt, welches auf vihr künstlich aus-gearbeiteten säulen ruhet.
                       Beschreibung der Schaz-kammer des
                             heiligen Marks-baues.
Straks zur rächten hand mitten in däm gebäue bekömt man eine grohsse mit güldnen
blächchen überzogene tühre zu sähen, dahr-innen man unter anderem bilder-wärke
di bildnüsse des heiligen Dominikus und Franzen sihet, welche fohr-ermäldeter
Jochim vihl jahr zufohr, ehe si sein geboren worden, also angegäben hat. Durch
dise tühre kömt man in di Schaz-kammer, welche von den sechs Fohr-ständen des
heiligen Marksens, di straks nahch dem Herzoge ihren siz haben, verwahret würd.
    Ich habe solche über-träfliche schäzze sehr vihl=mahl gesähen, weil mein Her
Vater einer von den Fohrständen mit-wahr! und weus mich wohl zu erinnern (ob ich
gleich dazumahl nuhr ein kind von acht jahren gewäsen bin) alles dässen, was
mihr ist gezeuget worden.
    Es wärden dahr-inne verwahret allerlei bildnüsse der heiligen, sehr vihl
güldene Reichs-kränze, vihl häubter von arabischem golde, welche mit
über=aus-köstlichen ädlen steinen versäzzet sein. Man fündet aldahr eine grohsse
mänge rubinen, schmaragden, topaser, gold-steine, karfunkeln, perlen, demanten,
hiazinten, und andere, in träflicher gröhsse. wi auch aller-hand köstliche
gefähsse, als muscheln, aus agat, onich und jaspen gemacht. Dominikus Grimman
hat einen grohssen karfunkel dahr-ein verehret, welcher fast unerschäzlich ist.
[213]
    Man sihet ingleichen auch vihl andere ehren-geschänke, welche den Venedigern
von grohssen Herren und Königen sein überschikket worden; als ehrstlich zwei
hörner von einem einhorne, einer mächtigen gröhsse, und noch eines, welches
etwas kleiner ist; dahr-nahch einen kruhg von den aller-köstlichsten ädlen
steinen, welchen Usun-kassan der könig in Persien unserer Stat-herschaft zur
verehrung zugesandt hat; mit vihl-anderen köstlichen geschürren. Lätslich würd
einem auch des Herzogs ehren=huht gezeuget, welcher ihm an dem ehren-tage seiner
wahl und bestätigung aufgesäzt würd. Diser Herzogs-huht ist über und über mit
gold und ädlen steinen bedäkt, dahr-unter ein solcher karfunkel
härführ-leuchtet, dehr seiner gröhsse wägen nicht mahg geschäzzet wärden. Ja es
sein dahr-innen so vihl güld- und silberne bächcher, schüsseln, bäkken, und
andere gefähsse; so vihl rauch-pfannen, leuchter, lücht-näppe, und heilige
prunk-gewänder, dass man dise gühter vihlmehr fohr einen schaz der ganzen wält,
als einer einigen Stat, halten möchte. kurz, es sein alhihr und in däm ganzen
gebäue noch so vihl köstliche sachchen zu sähen, dass man wohl drei tage dahr-zu
haben müste, wän man alles so eigendlich beschreiben wollte.
    Disem baue rächt gegen-über hangen drei tafeln von ärz an sehr hohen
Dannen-bäumen, dahr-auf vihl verstäkte Sünnen-bilder zu sähen sein, welche der
Stat Venedig freiheit zu verstähen gäben. Hinter disem baue ist der dritte teil
des Marks-plazzes, welcher sich bis zu des heiligen Geminiahns Gottes-haus'
ersträkket; da zur rächten hand, wi mein Her alhihr sihet, der mächtige
lust-gang här=führ-blikket, welcher drei reihen pfeiler, von lauter marmel-stein
über ein-ander gesäzzet, sähen lässet.
    Auf der seiten, und gerade gegen däm wasser über, stähet das köstliche tohr,
welches nahch dem [214] markte zu gähet. Das tohr-gerüste ist von lauter marmel
erbauet, und hat in der höhe ein herrliches uhr-wärk stähen, dahr-an der stunden,
der himlischen zeuchen und der sonnen lauf, samt dehr-gleichen künstlichen
sachchen, zu sähen sein.
    Zur seiten dises tohres, ohn-gefähr achtzig schuhe von dem Marks-baue,
steigt ein schöner glokken-tuhrn über sich, welcher von lautern vihr=ekkichten
stükken auf-geführet, und auf allen seiten vihrzig wärk-schuhe breit ist. Seine
höhe von dem grunde bis zum mittelsten Stok-wärke würd auf hundert und vihr und
sechszig schuhe gerächnet, von dannen bis zum vergüldeten himmels-boten hundert
zwei und funfzig. Sein grund soll im 888 jahre sein gelägt worden; und nahch-dähm
er eins-mahls abgebrant ist, so hat man ihn wider=üm gebässert, und an vilen
änden vergüldet. In däm 1517 jahre nahch Kristus gebuhrt ist zu oberst auf di
spizze diser hölzerne Himmels-bohte mit vergüldetem kupfer überzogen, gesäzt
worden, welcher sich von dem winde, wi ein wetter-hahn, härüm-treiben lässet.
Das dach ist von kupfer und vergüldet, welches, wan di sonne dahr-auf scheinet,
einen träflichen glanz von sich gibet, sonderlich wan man von Isterreich und
Dalmazien zu schiffe nahch Venedig fähret. Man gähet in einer schnäkken bis zu
oberst hin-auf, von dannen man di ganze Stat, samt den härümligenden Inländern
über-sähen, und di Se-ärme fohr den strahssen gahr leichtlich erkännen kann. Auf
disem tuhrne sihet man fast alle Gottes-häuser, deren sechs und sechszig, fast
alle Stifte, deren sechs und zwanzig, schihr alle Mans- und Jungfer-zwünger,
deren vihr und funfzig, alle kleine stifts-häuser führ so vihl brüderschaften,
deren achtzehen in der Stat sein, und fast alle Schlösser und Herren-häuser.
    Man sihet auch färner von diser höhe das [215] Kreintische Gebürge, di
Mehr-spizze von Hister=reich, das Appenninische Gebürge, so sich durch ganz
Wälschland er-sträkt; den Auslauf der Etsch und Po, deren jenes aus Deutschland,
dises aus Italien, in das Adriatische Mehr läufft.
    Hinter disem Turne gegen däm tohre däs Schlosses, zeugt sich der
über-aus-prächtige kreuz=gang, von Korinter wärk, mit aller-hand verborgenen
bildnüssen gezihret. Alda kommen di Rächts=verpfläger zusammen, so oft man raht
hält.
    Hihr här-unter-wärts gegen dem Marks-plazz' über, ohn-gefähr fünf-hundert
schritte von der Stat, da diser schlanke turn über sich steiget, ligt des
heiligen Gregoriens Inland, dahr-innen ein prächtiger marmel-steinerner
Gottes-bau ist, in welchem vihl schöne bilder und gemälde gesähen wärden, samt
etlichen begräbnüssen der alten Her=zoge von Venedig. Der Herzog und andere
grohsse Herren in der Stat, pflägen oft-mahls hin-aus lust-wandeln zu fahren,
weil es ein so-gahr lustiger ort ist.
    Al-hihr auf diser seiten däs Fürstlichen Schlosses stähet auch di Schaz- und
Kunst-kammer der Stat von marmel-stein, so ahrtig zusammen-gesäzt, dass man keine
fugen dahr-an sähen kann.
    Dort hinter der Dohm-herren häuser, da solche köstliche gebäue stähen, ligt
unser Schlos, dahr=innen mich, nuhn-mehr fohr sechszehen jahren, den ehrsten
tahg des Rosen-mahndes, meine Frau Mutter, di Oktavie, zur wält geboren hat.
Weiter hihr-hähr, gleich gegen däm Schloss des Her=zogs über ist di
Buhch-kammer der Stat Venedig, welche von des wält-bekanten und zu Rohm
bekränzten Franz-Petrarchens büchern, di er dem Rahte fohr seinem abstärben
vermacht hat, den anfang genommen: dahr-innen noch vihl seiner hand-schriften
[216] fohr-handen sein, und etliche gedichte, di er seiner, teils noch
beleibten, teils schohn ab-gelähbten härz=allerlihbsten Laure zu ehren
geschriben hat. Näben andern zihr-rahten sein auch in disem gebäu fünf und
zwanzig künstlich-gehauene bilder, in rächter mannes-gröhsse, auf di alte
grichische ahrt.
    Gegen den plaz ist es zum aller-prächtigsten, und ersträkket sich bis an des
heiligen Geminiahns Gottes-haus, und fürters bis an den stunden-tuhrn. Jah der
Marks-plaz würd durch dise, und noch vihl andere köstliche gebäue so
verherrlicht, dass ich mit dem ob-ermäldten Petrarchen wohl sagen mahg, dass man
dehr-gleichen in der ganzen Kristenheit nicht fünden könne.
                           Das Schlos des Erz-vaters
                                   von Aglar.
Unter andern dänk- und besähens-würdigen wärken diser Stat, ist auch jenes alte
Gebäu, welches des Erz-vaters von Aglar Schlos genännet würd, nicht das
geringste; in welchem eine grohsse mänge gehauener und geschnizter bilder der
alten römischen Fürsten und Erz-herren, aus marmel zu sähen sein. Etliche sein
auch aus ärz=wärk oder kupfer gegossen. Da sihet man vihl bildnüsse der
heidnischen Ab- und Als-götter, als des wein-Gottes Bachchus, des donner-Gottes
Jupiters, des beschwazten Merkuhrs; der Als-göttin Himmelinnen, der Kluginnen,
der Libinnen: wi auch di abgestaltnüsse däs glücks, däs wohl-läbens, und des
verschalkten lust-kindes Lihbreizes, von korintischem ärz gegossen; welche
Marihn Grimman, ein träflicher lihb-haber der alten seltsamkeiten, alle mit
einander aus Grichenland und Italien gesamlet, und keine kosten gespahret hat,
damit er nuhr dises Schlos rächt aus-zihren möchte. Man sihet [217] alhihr
manches schönes stükke, so nahch zerstöhrung der schönen Stat Aglar (welche der
Hunnen könig Attila nahch einer drei-jährigen belägerung erobert, und in di
siben und dreissig tausend von der bürgerschaft hat entaubten lahssen) gen
Venedig gebracht worden. In den innersten zimmern dises Schlosses zeugt man
etliche kleine bet-laden, welche di alten Heiden in ihren Heilig-tühmern gehabt
haben, dass ihre Abgötter dahr-innen ligen sollten, samt etlichen kleinen
Gottes-tischen, mit ihren zeuchen und schriften, wi man si zu Aglar hat zu
gebrauchen pflägen: wi solches der Juhl Kapitolihn bezeuget. unter andern ist
auch dahr-innen di=jenige tafel mit einer uhr-alten schrift zu fünden, dehren
Herodiahn im achten buche seiner Geschichte gedänket; welche der Erz-vater
Grimman gleiches falles hin-ein-gebracht hat.
    Dort üm jene gegend liget das Deutsche Haus, ein über-aus-grohss- und
prächtiges gebäue, welches 512 schuh in seinem ümkreise hält. von innen ist es
über-aus-schöhn gemahlet, und mit vilen lust-gängen auf das prächtigste
gezihret. Es begreiffet in sich 200 gemächcher, in denen di deutschen Kauf-leute
ligen können, dehren stähts sehr vihl in der Stat sein.
                       Beschreibung däs Zeug-hauses, und
                           Schiff-fahrt der Venediger.
An jenem spizzen und hohen ände der Stat, da di vihr einzele türne nahch jenem
Mehre zu stähen, ligt das Rüst- und Zeug-haus der Stat=herschaft, welches nicht
alein ein grohsser und weit=läuftiger bau ist, sondern auch so über-aus-schöhn,
dass däs gleichen in der wält kaum mahg gefunden wärden. Es ist ringst härüm mit
mauren verwahret, und es ligen dahr-innen allezeit 200 wal-schif-[218]fe, ohne
di vihrzig, di stähts auf däm mehre här=üm kreuzen; unter welchen zwanzig
grohsse zu fünden sein, welche man wohl mit rächt kriges-schiffe nännen könnte;
si sein zwahr so flüchtig nicht als di andern, doch gleich-wohl wan si guten
wind haben, so kann man mit disen 20 Walleien wohl hundert kleinere angreiffen,
und mit sige bestreiten; si wärden auch vihl bässer gehalten, als di schiff'
ohne rimen, weil man damit sonder wind schiffen kann. Man hat alhihr einen
solchen fohr-raht an kriges=rüstung, dass man wohl ein kriges-hehr von vihl
tausend stark aus-rüsten kann; auch eine solche an=zahl von groben stükken und
ge-schüzzen, dass man deren zu land' und zur Se über-flühssig gnug hat. Da fündet
man eine grohsse mänge an eisen, ärz, holz, hanf und flachs, an schif-haken,
ketten, säulen, rudern, segeln, und was mehr fohr gerähte zu den schiffen von
nöhten ist, dässen noch alle-zeit mehr gemacht würd. Dan es arbeiten dahr-innen
tähglich di aller-erfahrnesten wärk-meister, an der zahl vihr hundert, mit
solchem fleisse, dass auch bis=weilen in zehen tagen dreissig wal-schiffe sein
färtig gemacht, und fohr den feind geführet worden: ihre besoldung ist
wöchchendlich zwölf-hundert gold=gülden.
    An ruder-knächten und soldaten zu den walleien ist kein mangel. Di
Schifs-haubt-leute sein meisten-teils Venedische von adel, deren so vihl sein,
dass auf einem ihglichen wal-schiffe zwe zu fahren pflägen.
    Zu erhaltung des Mehr-hafens und versichcherung der Inländer im grichischen
Mehre halten si alle-zeit vihrzig wal-schiffe mit einem Befählichshaber, oder
Stat-halter, wor-auf ihnen jährlich, di zwi-bakken mit-gerächnet,
funfzig-tausend kronen gähen. Durch dise Fluht würd nicht al=ein das Mehr von
den Se-räubern rein gehalten, [219] sondern der Venedische adel hat auch
da-durch mittel sich in den Se-krigen zu üben, wan es di gelägenheit gihbt, dass
si dem feind' eine schlacht lüfern müssen.
    So oft man höret, dass sich der feind zur Se rüstet, so wärden noch eins so
vihl walleien aus-geschikt, und ein Se-held oder Kriges-haubt erwählet, wo-führ
sich di Türken so sehr entsäzzen, dass si sich nicht ein-mahl zum Adriatischen
Se-winkel nahen dürfen, vihl-weniger zur Stat Venedig. Si haben schohn fohr zwei
und drei hundert jahren eine fluht von zwei-hundert schiffen, nahch däm heiligen
lande zu, abfärtigen können, da si, mit hülfe der Franzosen, Konstantinopel
einnahmen; dehr-gestalt, dass man ihm leichtlich einbilden kann, was si izund tuhn
könten, da si noch drei, ja mehr, mahl mächtiger sein, als si damahls waren.
    Ich habe mich zimlich weit verlauffen, und mehr auf der Se, als in däm Rüst-
und Zeug-häusern ümgesähen. Damit ich aber meine räde so vihl als mühglich
verkürzere, so soll er noch wüssen, dass in disem zeug-hause sehr vihl fahnen, so
si dem Türken und Mehr-räubern ab-genommen, samt den reichen beuten, di si im
1571 jahre bei Näupakt bekommen haben, verwahret wärden: wi auch das grohsse
schif, Bucentaurus genant, auf welchem der Herzog mit dem ganzen Raht' und den
führnähmsten aus däm folke, alle jahr ein-mahl auf das Mehr fähret, mit welchem
er sich vermählet, und zu bestähtigung solches gepränges einen güldnen ring
dahr-ein-würfet.
    Di anzahl der bürgerschaft diser gewaltigen Stat ist sehr grohs, und würd
über drei-mahl hundert tausend ge-schäzzet! dehr-gestalt, dass man ein starkes
kriges-heer aus ihnen alein auf-bringen kann, und keine fremde dahrzu bedarf.
Nichts däs zu [220] weniger aber, weil ins gemein alle Wälschen, sonderlich di
Venediger, zum krig' auf däm lande nicht so wohl dinen als di Hohchdeutschen,
oder andere fölkerschaften; so pflägen si gemeiniglich einen aus=ländischen zum
Feld-krihgs-haubte zu machchen, dehm si nahch seinem Stand' und Würden
gebührlich auf-warten, und zwe wohl-verdihnte Rahts-herren zu-gäben, welche si
Ober-aufsäher nännen; ohne deren bewülligung der Feld-her keine schlacht lüfern
darf. Di soldaten auch müssen meisten teils hohch-deutsche sein, weil si in den
feld=schlachten am bästen stand halten: da-hähr haben di Venediger auf eine zeit
15000, meisten-teils Deutsche, zu felde gehabt.
    Solche grohsse krige zu führen, haben si an der steuer, schazzung, und
jährlichem einkommen über-genug. Dan di Stat-herschaft pflägt jährlich aus ihren
Städten und Ländern, wan si im fride läben, zweimahl hundert-tausend
Reichs-tahler zu höben. Als, aus den Ländern und Städten in Wälschland 800000
kronen, dahrzu alein di zu Bres und Bärgam 300000 bezahlen. Aus den Zöllen der
Stat Venedig 700000 kronen; dann der wein-zol alein träget 130000. über dis
bekommen si auch ein grohsses gäld aus den zehenden und auf=lagen, welche
so-wohl auf di vom adel, als das Stat-folk geschlagen wärden. Gleich-so auch vom
salze, welches aus däm wasser gemacht würd, und aus der steuer, so di Se-stät'
erlägen, welches zu=sammen jährlich in di 500000 kronen aus-träget. äben so vihl
hat auch fohr disem das Inland Zipern, welches nuhn in der Türken gewalt ist,
auf=gebracht.
    Wan aber ob-gemäldete gälder zu unterhaltung des kriges nicht reichen
können, so wüssen si, im noht-falle, mit sonderlicher list und verschlagenheit,
gäld genug auf zu bringen, in-dähm si di unter-[221]tahnen, welche überflüssig
reich sein, nicht zwüngen, sondern alles mit glimpf und kluhgheit an zu greiffen
pflägen. Ehrstlich erhöhen si di zölle, und di steuren, nähmen gröhssere
schazzung von den wahren, welche nahchmahls di kauf-leute schohn so zu
verkauffen wüssen, dass si auch keinen schaden dahr=an leiden, und also der
käuffer unvermärkt das-jenige wider erlägen mus, was ihnen di Stat-her=schafft zu
gäben auf-erlägt hat. Dahr-nahch, wan das ob-gedachte nicht gnug ist, so gähen
si noch einen andern wähg, und verkauffen di fohrnähmsten ehren-ämter und
würden, welche sonsten den wohl=verdihnten vom adel ohne gäld gegäben wärden.
Ihdoch gäben si auch selbige nicht dehmselben, dehr am meisten bühtet, sondern
dem würdigsten unter den kauf-leuten, ob si schohn weniger büten als andere. Auf
dise weise sein da-zu-mahl, als sich di gröhssesten Herren der Kristenheit zu
Kammerich wider di Venediger verbunden hatten, in di 500000 krohnen zu wäge
gebracht worden. Si nähmen auch wohl, im falle der noht, gäld, und erklähren der
grohssen Herren und Geschlächter Söhne, ob si schohn noch zu jung sein, führ
tüchtig, dass si zu rahte gähen, und däs zu zeitlicher zu ämtern gelangen mögen;
wi dann meinem Hern Vater, welcher schohn im zwanzigsten jahre di Raht=ställe
beträten hat, auch widerfahren ist. Drittens, so lahssen auch di Obrigkeiten und
Amt-leute ihre besoldung eine zeitlang fallen; und wan dises alles nicht reichen
mahg, und di Stat in höchsten nöhten ist, so greiffen si auch der Bürger gühter
an, im fal si jah mit gühte nicht wollen, vnd verkauffen den dritten teil
dahr-von: doch geschihet solches auch mit keiner unbilligkeit; dann si gäben dem
Gläubiger eine versichcherung, dass ihm solches gäld zu gewüsser zeit wider soll
erstattet wärden, und lahssen ihm auch über das einen zimlichen wucher
genühssen. [222]
    An läbens-mitteln gebrücht es der Stat nih=mahls, weil ihr ein grohsser
überflus an wein, öhl, korn, weizzen und anderem getreide aus der nähe
zugeführet würd. Das ganze jahr durch fündet man auf ihren märkten über 200
ahrten von baum-früchten, ohne di küchchen-kräuter, fisch=wärk, und andere
speisen und zu-gemühse, damit di Reichen ihre tische beladen; wi dann der
fürstlichen und ahdlichen geschlächter in diser Stat eine grohsse zahl ist.
    Mein Her sihet nuhn, was mein vaterland und meine gebuhrts-statt fohr
herligkeit, pracht, gewalt und reichtühmer hat; Ich kann ihm di hälfte der
aller-führnähmsten dinge nicht erzählen, dann di zeit würde vihl zu kurz sein.
Wehr wül di beschaffenheit und pracht aller schlösser beschreiben, derer hundert
und ein und vihrzig, jah noch hundert Herren=häuser, di man auch wohl Schlösser
nännen könnte, gerächnet wärden.
    Es wärden in diser Stat funfzig gerüchts-stühle, zehen Ehren-tohre, siben
und zwanzig gemeine schlahg-uhren, siben und zwanzig öffendliche bedäkte
Lust-gänge, drei und funfzig wandel-pläzze, hundert und vihr-zehen
glokken-türne, zehen grohsse gegossene pfärde, hundert fünf und funfzig gemeine
züh-und wasser-brunnen, hundert fünf und achtzig lust-gärten, und dehr-gleichen
sachchen eine grohsse mänge gefunden. Kurz, Venedig ist di einige zihr des
ganzen Italiänischen namens, si ist di Käserin der Städte, di überwünnerin so
viler mächtigen fölker, und di einige unüberwündliche Jungfrau, di ihr
mahgd-tuhm in so vihl tausend jahren unverrükt behalten hat.
    Als nuhn di Rosemund in ihrer erzählung bis hihr-hähr kommen wahr, so
schwihg si eine guhte zeit stille, und sah den Markhold gleichsam mit
lächlendem gesichte an; dehr-gestalt, dass er auf-[223]stähen, und sich gegen
dise Schöne, wägen gehahbter mühe, bedanken wollte. Aber si kahm ihm zufohr, und
huhb widerüm an; Mein Her (sahgte si) wolle noch ein klein wenig geduld haben,
damit ich nuhr di gebrächchen, welche man unserer fölkerschaft andichtet,
entschuldigen, und das gegen-teil erweisen möge.
    Man wül den Venedigern (fuhr si fort) schuld gäben, dass si stolz und
hohch-mühtig sein, und gärn nahch fremden gütern trachten; dass das Frauen-zimmer
sich nicht in den schranken zu halten pfläge, dass es sich gern nahch fremden,
und sonderlich hohch-deutschen, üm-sähe, und si durch verehrung und
dihnst-färtigkeit zur libe bewäge, dass es in eitelen wohl-lüsten läbe, und keine
andere sorge trage, als seine lüsterne begihrden zu bühssen. Das ehrste kann ich
mit vihlen beweis-tühmern und zeugnüssen widerlägen, sonderlich aber mit dem
Andresen Kontarenen, dem vihrzigsten Herzoge der Stat Venedig, welcher
däs-halben, dass er sich besorgte, di Väter würden ihn zum Fürsten erwählen, gen
Padue entwich, und gleich=wohl solcher würden nicht entgähen konnte: welches jah
wahrlich kein zeuchen eines hohch-muhts ist. Jah diser kluhg-sünnige Her, hat
noch dahrzu, ob er schohn so vihl tapfere tahten getahn, auf seinem sühch-bette
befohlen, dass man seinen grahb=stein, welcher noch izund bei dem Stefahns-baue
zu sähen ist, weder mit des Herzohgs, noch der Stat wapen, zihren sollte; und
da-hähr kömt es, dass auch dem tausendten das grahb dises grohssen und berühmten
Fürstens nicht bekant ist.
    Ich mus zwahr auch gestähen (rädete si weiter) dass ihrer vihl unter uns
gefunden wärden, welche dem hohch-muht gahr sehr nahch-hängen. Aber di meisten,
weus ich wohl, sein also nicht gesünnet, und bemühen sich, sonderlich unter däm
Frauen-zimmer; [224] (dann von däm mans-folke wül ich nicht so äben uhr=teilen,
weil ich dem wälschen gebrauche nahch, wenig mit ihnen ümgangen bin) ihrer sehr
vihl der tugend nahch-zu sträben.
    So hör' ich wohl (fihl ihr di Stilmuht in di rüde) dass du den hohchmuht mit
unter di untugenden rächnen wültst, da er doch, meinem bedünken nahch, eine von
den führ-träflichsten und tapfersten tugenden ist. Ja wohl! (gahb ihr di
Rosemund zur antwort) soll es nuhn eine tugend sein, wan ich hohch-mühtig bin;
und noch dahr-zu eine von den aller-führträflichsten! Oh nein, du würst mich
dässen nimmer-mehr über-räden; Du gedänkst si vihl=leicht däs-halben dahr-unter
zu zählen, weil du auch ein wenig disem laster ergäben bist. ho; laster! (fing
ihr di Stilmuht das wort auf) soll man dise tugend lästern, so darf keiner mehr
gesünnet sein nahch ehren zu sträben; so müssen wihr in der stünkenden faulheit
und trägen un-ehre, wi di säu' in der schwämme, ligen bleiben, und nimmer-mehr
durch tugend erhoben zu wärden gedänken. Hat nicht jener berühmte Feld-her
gesagt; dass, wan er wüsste, dass der geringste unter seinen soldaten nicht
einmal eines Obersten plaz zu beträhten gedächte, so wolt' er ihn straks aus
seinem Hehre verjagen, und hin=sänden, wo-hin er gehörete, und wo di Tugend in
faulheit verschlummert würde. Jah welche tugend, oder was fohr eine sachche,
würket wohl so vihl träfliche tahten, als der hohch-muht? wan di gemühter der
mänschen, üm einer rühmlichen ehre wägen, auch di gefahr selbst nicht achten,
und mit allen kräften den muht, samt der faust, entpohr-höben. unser Statwäsen
wäre nimmer-mehr so träflich gewachssen, wo nicht unsere fohr-fahren, durch den
hohch=muht gerühret, ihre ehre beobachtet, und nahch der höhchsten gewalt
gesträbet hätten. und dass du den Andresen Kontarenen anzühest, dass er nicht
Her-[225]zog habe sein wollen; solches ist däs-halben keines wäges geschähen,
dass er nicht hohch-mühtig gewäsen sei, und nahch ehren gesträbet; sondern er
fürchtete sich fohr den instähen-den unglücklichen krigen, di er zeit seiner
herschaft würde führen müssen: und dises wahr äben di rächte uhrsachche, wahrüm
er nahch Padue geflohen wahr.
    Wan du jah beweisen wültst (huhb di Rosemund an) dass der Hohch-muht eine
tugend sei, so must-du nicht so gahr ins gemein hin-räden, und den Hohch=muht
von dem hohchmuht' in etwas unterscheiden: wi soll man dann den hohch-muht von dem
hohch=muht' unterscheiden? (fing Stilmuht an) und wi soll dises geschähen? ich
kann nicht begreiffen, wi du es meinst.
    Den Hohch-muht (gahb di Rosemund zur antwort) soltest-du in einen ädlen und
unädlen, oder in einen zihmlichen und unzihmlichen geteilet haben. unter dem
ädlen hohch-muht verstäh' ich di grohs=mühtigkeit und wachsamkeit zur
unstärblichen tugend, welche den ädelen wohl anstähet. unter dem unädlen oder
unzihmlichen, verstäh' ich den stolz, (dehn ich auch zugleich mit-anzohg) di
hoh-fahrt, den auf-geblasenen geist, dehr sich inner den schranken der tugend
nicht halten kann, dehr andere näben sich verachtet, und keinen hohch-hält als
sich selbst.
    Si hat über-aus-klühglich geantwortet, (fing Markhold zur Rosemund an) und,
o kluhg-sünniges Fräulein, wehr wül ihre kluge gedanken verbässern? wehr wül
sich auch unter-stähen, solch-einen ädlen hohchmuht an der grohs-mühtigen
Stil=muht zu tadeln? Ich habe, von meiner ehrsten jugend auf, disen ädlen
hohchmuht nicht alein selbst entfunden, sondern auch bei andern über-aus
gelibet. Ja ich hab' ihn auch selbst an meiner Schönen sehr geprisen, und kann
mich nicht gnug wundern, dass si ein solches tugend-rüngendes und grohsses [226]
härze, welches si täht- und würklich märken lässet, unter solchen leutsäligen,
lustigen und zugleich ein=gezogenen gebährden verbürget. Aber hat nicht ihre
Jungfer Schwäster (wo mihr anders rächt ist) versprochchen, dass si auch etwas
von ihrem vater-land' erzählen wollte? und solchem versprächchen könnte si
nahch-kommen, wan si di beschaffenheit der Ordnungen, Gebräuche, wahl- sazz-und
beherschung ihres Stat-wäsens beschribe.
    Mein Her (fing di Stilmuht hihr-auf an) ich wül meinen worten, ob ich si
schohn nicht so eigendlich von mihr gegäben habe, gärne nahch-kommen, wan nuhr
meine Schwäster noch zufohr das einige möchte behaubtet haben, dass sich das
Venedische Frauen-zimmer nicht gärn nahch jungen, und zu=fohr-aus fremden,
mans-bildern üm zu sähen pflägte, und dass ihnen solches zur schande gedeien
könnte.
    Markhold begunte hihr-über zu lachchen, und sah di Rosemund an, welche sich
fohr schahm erröhtete, und di augen nider-wärts schluhg. Als aber di Stilmuht
dässen gewahr ward, so sahgte si in lachchendem muhte; o meine schwäster, hat
dich nuhn dein' eigne zunge so beschähmt und strahfwürdig gemacht! wi wüllst-du
nuhn behaubten, dass du selbst nicht nahch jungen mänschen schauest; und
wültst-du dich dann also zu schanden machchen, wan du solches an andern
mis-preisest?
    Ich mis-preise solches keines wäges, (gahb ihr Rosemund zur antwort) wan es
nuhr mit keuschen sünnen geschihet. Meine Schöne verzeuhe mihr (fihl ihr der
Markhold in di räde) dass ich fragen mahg, was solches fohr keusche sünnen sein?
und ob man auch mit keuschen sünnen lihb-äuglen könne?
    Si kommen mihr alle-beide vihl zu weit in das gehäge, (gahb Rosemund zur
antwort) und ich weus nicht, was ich aus seiner lätsten frage machchen soll.
Sonsten weus ich wohl, dass uns das lihb-[227]äuglen als eine angebohrne
eigenschaft zu-geschriben würd, und dass es zweierlei ist, entweder ein
leut-säliges, oder ein wält-säliges; das leut-sälige lihb-äuglen kömt der
Kluginne zu, das wält-sälige der Libinne; welches lätstere widerüm kann geteilet
wärden in ein keusches, welches einer ehrlichen Jungfrauen und jünglinge oder
jung-manne gezihmet; und dahr-nahch in ein geiles, welches un=keusche gemühter
ver-uhrsachchen; und dises ist es äben, welches mit keuschen sünnen nicht
geschähen kann. Di keusche sünnen nuhn (wan ich seine ehrste frage beantworten
soll) sein di-jenigen, welche mit einem rein- und lauteren härzen gebraucht
wärden. Als, ich kann eines stimme wohl gärn und mit grohsser begihrd' hören, und
dadurch auch zur libe bewogen wärden; ich kann eines lihbliche gebährden und
ahrtige leibes-gestalt, samt der schöhnheit, wohl mit entzükkung anschauen; aber
indähm mein härz keusch ist, so ist auch dässelben würkung untadel=haftig. Ich
kann eines jünglinges lippen und wangen noch wohl an di meinigen kommen lahssen,
und gleich-wohl ein unverrüktes härze behalten.
    Das weus ich nicht (fihl ihr Markhold in di räde) ob das härz nicht ein
wenig wanken sollte, nahch=dähm ein kus (dann disen verstähet si jah durch di
berührung der wangen und lippen) der anglümmende zunder einer inbrünstigen Libe
sein soll. Jah di lippen (wi jener fohr di wahrheit aus-gibet) sein di anfäng'
und di aller-kühnesten wärk-zeuge der Libe, von denen es zu den händen kömt,
welche das sühsse libes-gift, das di lippen dem munde gleich=sam eingeflöhsset
haben, halb-zitternde entfünden, und sich aus däm gehäge nicht leichtlich halten
lahssen. Aber mit was führ gedanken, möcht' ich wohl gärne wüssen, di
Holländischen Jungfrauen einem jünglinge den abschihds-kus gäben, und ob sich
ihr härz auch so schne-rein und so un-verrükt dahr-bei befündet? [228]
    Ich wül zwahr fohr andere nicht streiten, gahb Rosemund zur antwort, damit
ich nicht etwan eine mis-verträhtung tuhe: ihdoch kann ich meinen Hern noch wohl
versichchern, dass ihre gedanken (wo nicht aller, doch der meisten) von der
keuschheit nicht ab-geneuget sein. Jah, wan es alle-zeit Amsterdamische wären
(huhb Markhold an) welchen ihres trüben und fast stähts-gewölkten himmels
schlähfrige würkung aus den augen ab zu nähmen ist; so wül ich's noch wohl in
etwas gläuben. Aber wihr wärden mit unseren wächsel-räden di zeit verschärzen,
dass mihr härnahch di schöne Stilmuht ihre schuld nicht würd können abzahlen;
dann, der abänd würd mich bald widerüm nahch Amstelgau fortern. Mein Her hat
dahrüm nicht so zu eilen, (huhb di Rosemund an) ist er doch alhihr äben so wohl
daheim' als dort; und di Stilmuht würd ihre räde nicht lang machchen.
    Indähm si solcher gestalt mit einander kurz-weileten, so kahm äben ein diner
hinein, welcher ihnen ansahgte, dass der alte Her, der Sünnebald, angelanget
wäre, und izund zu ihnen hin-auf-kommen würde. Markhold erhuhb sich mit disen
zwo Schönen, ihm entgegen zu gähen; aber si waren kaum an di tühre kommen, dass
si hin-aus auf den Sahl trähten wollten, da kahm der Sünnebald schohn hin-ein,
und hihs den Markhold mit grohssen fräuden wül-kommen. Er erkundigte sich, wi es
ihm auf der reise gangen wäre? ob er auch einige unbäsligkeit verspüret hätte?
und nahch vilen dehrgleichen fragen lihs er so wohl seine töchter, als den
Markhold, bei sich nider-sizzen.
    Er frahgte si lätslich, wo von si nahch däm ässen sprache gehalten hätten?
dahr-auf ihm Rosemund zur antwort gahb, dass si dem Markhold di Stat Venedig
nahch ihrem bau' und ansähen beschriben hätte; und ihre schwäster, di Stilmuht,
sollte noch [229] di beschaffenheit ihres Statwäsens erzählen; welches si gleich
izund hätte begünnen wollen, als der Her Vater ankommen wäre.
    Nuhn wohl! (huhb der Sünnebald hihr-auf an, und wändete sich nahch dem
Markhold zu) weil ihm meine tochter di beschaffenheit unserer Stat=herschaft hat
beschreiben wollen; so wül ich izund, damit ich disen wähg gleich-wohl nicht
ümsonst getahn habe, solche lust-waltung auf mich nähmen, und meines Hern
verlangen aufs mühglichst' und kürzeste vergnügen.
    Der Markhold bedankte sich solches seines an=erbühtens wägen, und sahgte,
dass es ihm sehr lihb wäre, di beschaffenheit däs Venedischen Stat=wäsens, von
einem solchen hohch-berühmten manne zu erfahren, dehr selber eines von den
fohr=nähmsten Glidern ihrer Stat-herschaft gewäsen wäre; mit der versichcherung,
dass er ihm widerüm anderwärts, wan er sein geboht, oder nuhr sein blohsses
winken, vernähmen würde, in dehr-gleichen fällen wüllig gehorchen wollte.
    Der Sünnebald gahb hihr-auf zur antwort, dass es nuhr seine höchste lust
wäre, dehr-gleichen sachchen zu erzählen, und fing ohne weiteren üm=schweif
folgender gestalt an.
                                 Kurzer entwurf
                       Der Beschaffenheit däs Venedischen
                                  Stat-wäsens.
Nahch-dähm das Stat-wäsen der alten Venediger anfänglich auf dem stande der
al-gemeinen herschaft däs ganzen folkes eine zeitlang beruhet hatte, und sich
aus vihlen streitigkeiten und spaltungen der gemühter in eine wüterei verändert;
so hat man ändlich, disem übel fohr zu bauen, ohngefähr üm di zeit däs 536
jahres nahch Kristus gebuhrt, den al-herschenden stand verworfen, und [230] den
vihl-herschenden erwählet; da man nähmlich alle jahr einem ihden inlande einen
zunft-meister fohr-gesäzt, welchem di höhchste gewalt über läben und tohd
gegäben ward.
    Als nuhn dise zunft-meisterschaft in di zwei-hundert jahr gewähret hatte,
und di gränzen der Stat=herschaft von den benachbahrten fölkern so hart
an=getastet warden, dass auch di Venediger in ihren Inländern, aus unachtsamkeit
und verwahrlosung der zunft-meister, fast nicht sichcher sein durften; so haben
si widerüm eine näue herschaft auf-gerüchtet. Dan als di Mehr-räuber Grahd und
Heraklee beraubet, und des nachts auf dem hohen Se-arm' etliche last-schiffe
geplündert hatten (da di wachche, welche di zunftmeister zur auf-sicht
bestället, selbige nicht eher abgetriben, als bis si schohn mit einem
unheimlichen geschrei di ganze statt in ruhr gebracht hatten) so lühf das ganze
folk zu, und trihb di Mehr-räuber zwahr zu rükke, aber mit grohssem verlust,
in-dähm vihl von den Venedigern verwundet warden, und etliche gahr toht bliben.
Dise harte nider-lage verdros si so häftig, dass si auch di zunft-meister,
gleichsam als wan der Stat freiheit und ruhe wäre verlätset und gestöret worden,
ab-schafften, und einen Fürsten, unter dem namen eines Herzogs, zum haubte
machten.
    Zu diser zeit huhb sich der ein-häubtige stand ihrer beherschung an, und
hatten di Herzoge, nahch aussage des Janots (welcher den zustand diser
Stat-herschaft vom ehrsten begün an, aus den aller-verborgnesten jahr-büchern,
ganz eigendlich beschriben hat) di folle gewalt bis auf den Sebastiahn Zianus,
welcher ohn-gefähr fohr 300 jahren geherschet hat; dahr-innen sich dann Paul
Manuzius mit dem Kontarehn irret, in-dähm si fohr-gäben, dass di Venediger
nihmahls der ein-häubtigen beherschung wären unter-worfen gewäsen. [231]
    Es ist aber im 697 jahre nahch Kristus gebuhrt, und nahch erbauung der Stat
im 276, Pauluzius Anafestus zum ehrsten Herzoge in Heraklee erwählet worden,
welcher der herschaft 20 jahr und 6 mahnden fohr-gestanden hat. Disem ist
gefolget Marzellus Tegaliahn zu Heraklee. Der dritte wahr Horleus Ursus Hipatus
ein Herakleer, welcher von däm gemeinen manne, dehr seine stränge gewalt nicht
vertragen wollte, in einem aufruhr' erschlagen ward.
    Weil nuhn di Stat-herschaft über solcher verfahrung, sehr bestürzt ward, so
wollte si keinen Her=zog mehr wählen, sondern nuhr einen Ritmeister, dessen
beherschung jährig sein sollte; welches im 737 jahre fohrging. Der ehrste
Ritmeister wahr Dominikus Leo; der andere, Feliks Kornikula; der dritte
Teodatus, des Ursus sohn, welcher verjahgt und wider beruhffen ward. Dise
verwaltung aber währete nicht länger als bis in das sechste jahr, da di
Stat-herschaft, im 742 jahre widerüm einen fol=gewaltigen Herzog er-wählete; dann
di Rit-meister waren alzu hohch-mühtig in disem amte worden.
    Bei solcher ein-häubtigen herschaft des Herzoges ist es verbliben bis auf
den neun und dreissigsten, namentlich Sebastiahn Zianus, welcher der ehrste
gewäsen ist, dehr durch di zehen wahl-Hern erkohren worden. Mit disem nuhn, im
1164 jahre, hat sich widerüm angefangen das vihl-häubtige Stat=wäsen, und ist
auch also verbliben bis auf gegen=wärtige zeit.
    Wahrüm uns aber der Kontarehn, des Meriahns verfasser, Joh. Kotovius und
andere mehr, ein vermischtes von allen dreien ständen, als dem ein=häubtigen,
welcher bei dem Herzoge; dem vihl-häubtigen oder vihl-herschenden, welcher bei
dem Rahte; dem al-herschenden, welcher bei dem folke bestähen soll, zuschreiben
wül, solches kann ich nicht begreiffen. [232] Dan wi mahg des Herzogs gewalt
einhäubtig genännet wärden, in-dähm er nicht ein-mahl so vihl bemächtiget ist,
dass er einen brihf, dehr di Stat=herschaft angähet, auf-brächchen darf, wan der
ganze Raht nicht dahr-bei ist; jah keine stimme mehr hat, als ein anderer
Rahts-her, und nichts fohr sich selbst tuhn und schlühssen kann, wo es nicht mit
des ganzen Rahts bewülligung geschihet, welcher einig und alein, mit einhälligen
stimmen, den schlus machchet.
    Ich mus zwahr gestähen, dass er das äusserliche ansähen eines königes führet,
in-dähm er in königlicher herligkeit, pracht und kleidung von purpur, auf einem
erhobenen ehren-stuhle zu sizzen, und in dem ganzen Rahte di ober-ställe zu
haben pfläget; aber di königliche folle gewalt kann ich ihm ganz nicht
zu-schreiben.
    Wan königliche oder anderer Herren gesandten an di Stat-herschaft
verschikket und verhöhret wärden, so pfläget er ihnen zwahr öffendlich bescheid
und antwort zu gäben; aber nicht nahch seinem wüllen und guht-dünken, sondern
nahch des ganzen Rahtes einhälligem schlusse. Er mahg auch wohl in alle
Rücht-und Raht-häuser gähen, und seine Meinung sagen; aber doch also, dass ihm
ein ihder aus den andern wider-sprächchen darf. Di öffendlichen Aus-schreiben
der Stat-herschaft wärden zwahr in seinem namen ausgegäben und versigelt, aber
gleich-wohl mit des ganzen Rahts fohr-bewust und bewülligung. Dehr-gestalt, dass
der Herzog in der taht nicht mehr ist, (ob er gleich den namen und das
äusserliche ansähen eines königes hat) als ein anderer Rahts-her, und
dannen-hähr dise Herschaft izund nicht anders als eine vihl-häubtige kann
genännet wärden.
    Der Raht, welcher dem Herzoge folget, und izund in unterschihdliche
versamlungen geteilet [233] würd, hat von zeit zu zeit an Rahts-herren
zu-genommen. Zu-ehrst ist der Hohe oder Ober-raht, welcher näben dem Herzoge das
ganze Stat-wäsen verwaltet, und ohn-gefähr auf vihrzig Rahts=herren bestähet,
welche jährlich von den aller-ädlesten der Stat erwählet wärden. Di obersten und
nähesten nahch dem Herzoge, sein di sechs fohrstände des h. Marksens, welche aus
den untersten Rahts-herren meisten-teils, wan si sich wohl verhalten haben, zu
disen Würden erhoben wärden. Disen folgen di sechs Rahts-herren und
Zehender=herren; welche sämtlich folle macht zu veruhrteilen und zu schlühssen
haben, und ihren spruch von keinem wider-ruhffen lahssen.
    Nahch dem Ober-rahte kömt der Grohss'- oder unterraht, dehr auf keiner
gewüssen zahl bestähet, und bisweilen in di 225 häubter, aus der verständigsten
und weisesten bürgerschaft, begreiffet. Dise Rahts- nännet man zu Venedig li
Pregadi, di Erbähtenen (wi fohr alters zu Rohm di Patres Conscripti, di
Verschribenen genännet warden) weil man fohr disem di verständigsten unter den
Bürgern, in dem noht-falle, zum rahte bitten lihs.
    Solche unter-Rahts-herren nuhn, haben nicht mehr als mit der blohssen Stat
sachchen zu tuhn, und dürfen sich üm di Herschaft nicht bekümmern, weil selbige
nuhr alein den ädelen zu-kömt; welche von dem zwanzigsten jahr' ihres alters,
bis in das fünf und zwanzigste, durch das lohs dahrzu gelangen, dass si in den
Raht kommen dürfen: wan si aber dasselbige mündige alter erreichet haben, so
wärden si ohne lohs hin-ein-genommen. Solcher Geschlächter und ädelen, di zu
rahte gähen mögen, sein zusammen 2500. weil aber ein grohsses teil dehrselben,
ausserhalb der Stat, in ämtern ist, [234] oder sonsten in gemeinen geschäften
von hause verreiset; so kommen gahr selten über 1500 zusammen. Man lässet auch
bisweilen di jungen ädel=leute mit in den Raht kommen, damit si teils von den
kindischen dingen ablahssen, und sich zu ernst=haftern, der gemeinen wohl-fahrt
zum bästen, von jugend auf gewöhnen möchten; teils auch ihrer jugend hizzige
raht-schläge durch der Alten sitsamkeit mähssigen lärneten.
    Es ist insonderheit sehr preis-würdig und rühmlich, dass man in austeilung
der ämter (welche son=tähglich, auch alle feiertage, des morgens geschihet)
weder auf reichtuhm noch armuht sihet; dahähr dann das gemeine folk dem Adel sehr
gewogen ist, und mit aller ehr-erbütung begegnet. Di ädelen auch erzeugen sich
widerüm gegen das folk sehr glimpflich, lahssen es bis-weilen zu ehren-ämtern,
welche sonsten den geschlächtern gegäben wärden, kommen, und beschüzzen si mit
sonderlicher sorgfältigkeit; welches si bei ihderman belihbet und belohbet
macht. Dan, wan solches nicht geschähen wäre, wi hätte dise Stat-herschaft so
träflich wachsen und zu-nähmen können; wi hätte si in so vihlen feindlichen
anstöhssen so unbewähglich, eine so lange zeit, bleiben und bestähen mögen! Der
Römer herschaft ist zwahr so hohch gestigen, dass si ihr auch fast den meisten
und gröhssesten teil der wält unterwürfig gemacht hat, aber ihre macht und
freiheit währete kaum 700 jahr; da härgegen di Venediger di ihrige, wi sehr si
auch oft-mahls auf allen änden und seiten sein bedränget worden, nuhn-mehr über
1200 jahr erhalten haben, und däm Ottomannischen wühten vihl-mahls ohn' einige
hülfe widerstand getahn.[235]
                            Di Wahl des Herzoges zu
                                    Venedig.
Zum beschlus diser erzählung wül ich meinem Hern auch di Herzogs-wahl der Stat
Venedig kürzlichst entwärfen; und geschihet selbige auf folgende ahrt. Wan der
kuhr-tahg här-zu genahet ist, so kommen alle geschlächter und ädel-leute der
Stat, welche das dreissigste jahr erreichet haben, an einem orte zusammen; und
wan di tühren verschlossen sein, so würd ein kruhg auf-gesäzt, in welchem so
vihl kugeln zu fünden, als häubter fohr=handen sein; unter disen wärden nicht
mehr als dreissig vergüldete gefunden, und di andern sein alzumahl silbern.
    Aus disem kruge nümmt ein ihder ädel-man eine kugel häraus; und welche
versilberte bekommen, di träten bei seite, di andern aber, so vergüldete höben,
wärden in ein sonderliches zimmer geführet. In selbigem zimmer würd widerüm ein
gefähss' oder kruhg gesäzt, in welchem dreissig kugeln, und dahr=unter neun
vergüldete, sein; di Herren nuhn, welche di neun vergüldete häraus-nähmen,
benännen vihrzig männer, di man di ehrsten Wahl- oder Kuhr-herren zu nännen
pfläget. Dise vihrzig wärfen aber-mahl vihrzig lohs-kugeln in einen kruhg,
dahr-unter zwölf vergüldete sein; und dijenen, so selbige bekommen, nännet man
di zweiten wahl=herren. Dise nuhn benännen widerüm fünf und zwanzig andere,
welche äben so vihl glücks-kugeln aus dem kruge höben, dahr-unter neun vergüldete
sein; und welche selbige bekommen, di heisset man di dritten wahl-herren.
    Dise bestimmte ein und vihrzig männer nuhn kommen auf däm grohssen
Raht-hause zusammen, und erwählen aus ihrem mittel dreie, so fohr andern eines
grohssen ansähens sein, welche si di Ober-herren der Versamlung nännen; näbenst
zween geheim-schreibern. [236] Di andern sechs und dreissig aber, welche noch
übrig sein, gäben ihre wahlstimme auf folgende weise:
    Di drei gedachte Ober-herren sizzen auf drei stühlen, etwas höher als di
andern; und di Geheim-schreiber, oder Schreinhalter, fortern di sechs und
dreissig wahl-herren, immer einen nahch dem andern, dass ein ihder ein brihflein,
dahr-auf er dehn-jenigen, welchen er zum Herzoge wählet, geschriben hat, in den
schrein wärfe. Wan solches geschähen ist, so gähet ein ihder widerüm an seinen
ort.
    Hihr-auf läsen di Schreinhalter ein brihflein nahch däm andern, in gegenwart
der drei Ober=herren; und wan schohn einer vihl brihflein hat, so würft man si
doch alle zusammen gewikkelt in einen huht, dahr-aus si widerüm gezogen, und
ordentlich auf den tisch geläget wärden.
    Wan nuhn dehr-jenige, dessen name zum ehrsten häraus gezogen würd, einer von
den ein und vihrzig wahl-herren ist, so heisst man ihn in ein sonderliches
zimmer gähen, und di Ober-herren fragen di andern, ob ihmand etwas wider ihn zu
sagen habe. Wan nuhn eines und das andere fohr-gebracht würd, so fortert man ihn
zur verantwortung: kann er sich nicht entschuldigen, so würd er von der kuhr
aus-geschlossen, dass er nicht Herzog wärden kann. verantwortet er sich aber, so
heisset man ihn widerüm zu den andern trähten; und also macht man es auch mit
dem folgenden.
    Zum beschlus wärden zwe krüge näben ein-ander auf eine bank gestället; in
dem einen ist das Jah, in dem andern das Nein. Solcher gestalt nuhn loset man so
lange, bis ändlich, durch fünf und zwanzig stimmen, einer zum Herzoge erwählet
wird.
    Als nuhn der alte Her seine räde geändigt hat-[237]the, so bedankte sich der
Markhold gegen ihn, wi auch gegen seine zwo töchter zum höhflichsten, und wollte
nuhn-mehr seinen abschihd nähmen, damit er noch fohr abändes nach Amstelgau
gelangen möchte. Aber der Her Vater wolt' ihn nicht von sich lahssen; was,
sahgt' er, wül er mihr solche lust, dass ich ihn nahch so langem ab-wäsen sähen
möge, nuhr einen augen-blik vergönnen? nein, nein! di geschäfte di er zu
Amstelgau hat, wärden so nöhtig nicht sein; wihr wollen noch so lange (fuhr er
fort) bis es foländ ässens zeit würd, hin-unter in den garten gähen, und uns an
den frisch-auf-geblüheten tulpen erlustigen.
    Markhold lihs sich also bewägen, und ging mit dem alten Hern hin-unter;
Rosemund aber, di dässen sehr froh wahr, blihb noch ein wenig auf ihrer kammer,
damit si sich mit ihrer Jungfer schwäster zufohr verschleiren lihsse. Si hatten
di wenige zeit über, als si in dem garten sein konten, noch aller-hand
kurz-weil' und ergäzligkeit: Sonder-lich belustigte sich der alte Her mit den
lihblichen strahlen der nider-steigenden sonnen, welche da-zu=mahl äben auf di
Lust-höhle stühssen, und durch ihren zu-rük-prallenden schein, di
wasser-strahlen an dem lust-brunnen, welcher straks gegen über stund, so ahrtig
vergüldeten, dass man nicht anders vermeinte, als wan si solcher gestalt aus den
brüsten und munde der Holdinnen geriselt kähmen. Di ahrtigen schnäkken-häuser
und muscheln, welche diser Her aus Ohst- und West-Indien bekommen hatte, und auf
unterschihdliche ahrt, an der Lust=höhlen zu sähen waren, flinkerten und
blinkerten wi lauter gold und perlen, von dem auf-fallenden scheine der sonnen;
und es hatte gleichsam das an=sähen, als wan si di sonne an sich zögen, und
nicht wollten unter-gähen lahssen. In solcher betrachtung hihlten si sich
sämtlich auf, so lange, bis man [238] ihnen andeuten lihs, dass di tafel gedäkt
und di speisen färtig wären.
    Der alte Her nahm den Markhold, seinem gewöhnlichen gebrauche nahch, in den
arm, und führet' ihn mit sich in di tafel-stube. Di Rosemund, welche liber
alle-zeit bei ihrem Trauten gewäsen wäre, ging näben ihm hähr, und wahr immer-zu
di nähste; jah über der tafel selbst, kahm si ihrer schwäster zufohr, und sazte
sich also-bald näben ihn, damit si jah seiner beiwäsenheit rächt genühssen
möchte.
    Dise mahl-zeit ward nicht weniger als der lust=wal mit aller-hand
kurz-weiligen gesprächen fol=bracht, welche sich auch so lange verzogen, dass es
schon mitternacht wahr, als si sich zu bette begaben, und di Rosemund ihren
Lihbsten verlahssen musste: welches ihr in wahrheit über alle mahssen
verdrühslich und so widerwärtig fohr-kahm, dass si fast di ganze nacht
schlahf-lohs und in stähtigen libes-gedanken zu-brachte.
                           Aende däs vihrten Buches.
                                                                           [239]
 
                                    Fussnoten
1 Archontologia Cosmica Meriani pag. 487. Casp. Contarenus Venet. de Republ.
Vea. p. 82. Veneti dominii chorograph. descript. p. 10.
2 Ven. dom. chor.desc. p. 11. 12. etc.
3 Ioh. Bapt. Verus Rer. Venet. p. 2. etc.
4 Ven. dom. chor. descr. p. 12. Mercator in Atl. p. 450, etc.
 
                    Der Adriatischen ROSEMVND fünftes Buhch.
Rosemund, welche di vihlen libes-gedanken, damit si dise ganze nacht
verschlossen, sehr ermüdet hatten, begunte gleich izund, da der lihbliche morgen
ihr zimmer beschine, und di vogel fohr ihren tage-leuchtern zu zwitschern
anfingen, in einen angenähmen schlahf zu fallen; dehr-gestalt, dass Markhold zeit
genug hatte seine nuhr ehrstlich=verfasste tichtlinge, der Rosemund zu ehren, an
etliche linden hinter ihrem garten an zu häften. Dan er wusste wohl, dass si sich
alle morgen, so bald si auf=gestanden wäre, unter denselbigen mit ihrer lauten
zu ergäzzen pflägte; und solches aus denen uhrsachchen, weil sich rächt gegen
über ein lihblicher wider=schal, welcher ihr lauten-spilen noch mehr
verlihbligte, hören lihs. So macht' er sich dann nuhn also-bald färtig, ging von
seinem schlahf-zimmer sehr früh, da noch nihmand im ganzen hause auf-gestanden
wahr, hin-unter in disen lust-gang, und häftete daselber vihr getichtlein an
vihr gegen einander über-stähende linden: von denen wahr das ehrste diser
                                   Zwelfling
                          Auf den mund seiner Schönen.
Ist das der Rosen-mund! was rosen! welche bleichen,
wan si der wind anhaucht; da diser schöner würd, [240]
wan mein verlihbter hauch den seinen kann erreichen,
und in däm rosen-tahl der liben lippen irrt.
wi ist er dann rubihn? rubihn mus eher weichen;
er ist zu blas, zu bleich, und hat nicht solche kraft.
wi dann koral? oh nein! koral ist ohne saft,
ein ungenähmer stein und unbelihbtes zeuchen,
da weder strahl noch farb' ein frisches härz verwundt,
wi diser pflägt zu tuhn, wan sich mit wider-prallen
mein aug' in ihm verirrt. Drüm ist dein liber mund
vihl währter als rubihn, als rosen und korallen.
    Das andere, welches rächt gegen disem über, und auf ein härz von einer
bürkenen baum-schahle geschnidten, verfasset stund, wahr dises
                                 Klüng-getichte
                          auf das Härz seiner Träuen.
O trautes härts! was härts? vihl härter noch als hart,
o! stahl? mit nichten stahl; es lässt sich bässer zühen.
wi dann magneht? o nein; ihm ist vihl mehr verlihen. [241]
ist's dann ein deamant? auch nicht; dann diser ward
im schäzzen nahch-gesäzt däs härzens wunder-ahrt.
wi! ist es dann kristal? durch dehn di strahlen sprühen,
wan izt di sonne stäht in follem glanz' und glühen.
o nein. wo-durch würd dann sein währt rächt offenbahrt?
indähm es mehr als hart, mehr zühglich ist und zühet
als stahl und libes-stein; mehr währt als deamant,
dehn sonst di blinde wält fohr täuer-währt ansihet;
vihl reiner als kristal, vihl klährer von verstand
als er am blohssen schein. noch hält däs Folkes hal
dein härze gleich magnet, stahl, demant und kristal.
    Näben disem klüng-getichte wahr noch ein anderes in einem länglicht-rundten
brihfe zu sähen, und ohn-gefähr folgender mahssen verfasset.
                              Auf di Augen seiner
                                     Liben.
Ihr augen fol von gluht! was gluht? karfunkel-strahlen: [242]
auch nicht! si sein ein bliz, dehr durch di lüfte sprüht
und sich aus ihrem aug bis in di meinen züht.
nicht blizze; bolzen sein's, damit si pflägt zu prahlen,
damit si pflägt den zol der libe bahr zu zahlen.
nicht bolzen; sonnen sein's, damit si sich bemüht
zu bländen andrer lücht; di keiner ih=mahls siht,
der nicht gestrahft mus sein. nicht sonnen; stärne tahlen
vom himmel ihrer stirn': auch nicht: was säh ich schimmern,
dann gluht ist nicht so feucht, karfunkel strahlt nicht so,
der bliz hat minder kraft, der pfeil macht jah nicht fro,
di sonn' ist nicht so stark, ein stärn kann nicht so glimmern,
wahr-üm dann sihet si däs Folkes aber-wahn
fohr gluht, karfunkel, bliz, pfeil- son- und stärnen ahn?
    Rächt gegen disem über wahr folgendes angehäftet.
                              Auf di hahre seiner
                                    Trauten.
Sein das di güldnen hahr? ach gold! si können zwüngen [243]
und bünden meinen muht mit ihrem glanz' an sich;
nicht bänder; strahlen sein's, damit si bländet mich
di sonne meiner zeit: nicht strahlen; blizze drüngen
mit eingemischt härzu, und in den lüften rüngen:
nicht blizze; sehnen sein's, davon so säuberlich
di güldnen pfeile scheusst der kleine wüterich:
nicht sehnen: was dann sonst so unter vihlen dingen?
dann gülden sein si nicht, weil gold nicht halb so täuer;
auch bänder sein si nicht, weil bänder schwächcher sein;
auch sonnen-strahlen nicht, weil nuhr ein sonnen-schein;
nicht blizze, weil der bliz ein augen-bliklich feuer:
auch sein si sehnen nicht. noch wärden si mit macht
gold, strahlen, bändern, bliz und sehnen gleich geacht.
    Als nuhn Markhold dise vihr getichte mit allem fleis angehäftet hatte, so
verbarg er sich in dem garten, weil er wohl wusste, dass seine Rosemund nicht
lange mehr aussen-bleiben würde, damit er [244] sähen möchte, wi si sich
ställte, und wi si sich zu solchen tichtlingen gebährden würde. Dise Schöne wahr
in-dässen gleich auf-gestanden, und er hatte kaum ein vihrtel-stündlein in dem
garten gesässen, dass si mit ihrer lauten nahch selbigem lust-ohrte zu gegangen
kahm.
    Markhold stund hinter einer läuben, und lauschte, was si begünnen würde; Si
aber lihs sich straks in selbiger gegend, da dise vihr schärz-getichte stunden,
auf eine rasen-bank nider, und spihlte wohl zwei oder drei lider, ehe si solcher
brihfe gewahr ward. Als si aber ohn-gefähr auf-wärts sah, und ehrstlich den
zwelfling erblikte, dann si sahs gleich gegen demselbigen baum' über, da diser
an=gehäftet wahr; so wusste si nicht, ob si fort-spilen oder inne halten sollte.
Si sah sich anfangs auf allen ekken üm, ob si etwan eines mänschen, dehr
solches angeschriben hätte, möchte gewahr wärden; als si aber nihmand vermärken
konnte, so stund si auf und las' es mit halb-zerbrochner stimme; Si überlas' es
noch eins, und als si solches zwei=mahl getahn hatte, so nahm si es zu sich, und
säzte sich wider-üm nider, in wüllens ihre laute zu stimmen: aber si wahr
über-aus-froh, als si im sizzen noch dreier solcher brihflein ansichtig ward. Si
sprung fohr grohsser begihrde nahch däm einen zu, das wi ein härz gestaltet
wahr, und wusste fohr fräuden nicht, ob si es anrühren dürfte. ändlich aber, weil
si leichtlich sähen konnte, dass si Markhold geschriben hatte, so nahm si alle
vihre zu sich und lägte si auf di rasen-bank, da si sahs.
    In-dässen nuhn dass si widerüm auf ihrer lauten spilete, und ein so libes
lihdlein zu süngen begunte, dass sich Markhold hinter seiner läube kaum mehr
entalten konnte, so kahm ein gelinder wind unter ihren erlangten fund, und
zersträuet' ihn, eines hihr- das andere dort-hin. O wi flohe si [245-246] hinter
ihnen hähr, wi geschwünde lühf si, einem hihr, dem andern dort, nahch: gleich wi
ein ahdler, wan er seinen raub ohn-gefähr verlühret, demselben mit fluggem
schosse nahch-eilet; also eilet' auch dise Schöne ihrer entführten beute nahch.
Markhold hatte solcher gestalt seine rächte lust, und hätte nichts libers und
gewündschters sähen können, als disen eifer seiner trauten Rosemund: di er üm so
vihl däs-zu-mehr lihbte, und von blik zu blik alle=zeit lihblicher hihlt.
    In-zwischen machte sich dise Schöne mit ihren zusammen-geläsenen brihflein
wider-üm in ihr zimmer, da si selbige ehrst rächt betrachtete, und ihrem liben
Markhold immer verbündlicher ward. Si säzte sich auch ändlich zur fäder, damit
si etwas in ihrer mutter-sprache dahrauf zur antwort machchen möchte: aber di
Stil-muht kahm dahr-zwüschen, und vermäldet' ihr, dass Markhold schohn
aufgestanden wär', und auf dem sahle härüm lust=wandeln ginge. Damit si ihn nuhn
nicht so lang' alein lahssen möchten, so kleideten si sich fol-änd an, und
gingen zu ihm hin-über.
    Markhold entfüng dise Schönen mit grohsser ehr-erbütigkeit, und si führeten
ihn in das näheste zimmer, da ihn der Her Vater auch straks dahr=nahch
besuchete, und üm verzeuhung baht, dass er ihn izund einer noht-wändigen
verrüchtung wägen verlahssen müsste. Markhold hätt' auch gärn seinen abschihd
von disen Schönen genommen, und den Hern Vater bis nach Amstelgau begleitet, da
er äben auch zu tuhn hatte. Aber wi sehr er auch baht, so kont' er es doch von
dem Sünnebald nicht erhalten; nein, nein, sahgt' er, es wül mihr nicht gezimen,
dass ich meine gäste wäg-führen soll; es ist mehr als alzu vihl, dass ich so
unhöhflich sein mus, und ihn aleine lahssen, meinen geschäften ob zu ligen. Aber
dähm sei auch wi ihm wolle, so können ihm meine [247] töchter di zeit noch wohl
so guht verkürzern, als wan ich selbst zugegen wäre.
    Markhold musste sich also bewägen lahssen, und noch ein stündlein verharren.
welches dann der Rosemund über-aus wohl gefihl, weil si ihn solcher gestalt
seiner zusage, di er ihr foriges tages versprochchen hatte, erinnern konnte.
    Der tahg wahr sehr schöhn, der himmel klahr, und das wetter
über-aus-lihblich; di sonne blikte mit ihren anmuhtigen strahlen, welche rächt
laulicht waren, den frohen wält-kräus so fräundlich an, dass man fast nicht mehr
lust hatte in den häusern zu bleiben. Di Rosemund mahnete den Markhold zu einem
lust-wandel an, und di Stil-muht selbst baht ihn dahr-üm, dass er sich mit ihnen
in das grüne begäben möchte. Si gingen hihr-auf in den garten, da sich di
lihblichen rosen von der wärme der sonnen schohn auf-getahn hatten, und säzten
sich ehrstlich zum brunnen, här-nahch unter di lust-höhle, da sich Markhold an
den zihrlich-gesäzten und über-köstlichen muscheln sonderlich erlustigte. Es
waren ihrer daselber wohl hunderterlei ahrten, immer eine schöner als di
ander, zu sähen, dahrinnen man di wunder der grohssen zeuge-mutter nicht gnugsam
betrachten konnte. unter allen aber wahr sonderlich di purpur=muschel zu erhöben,
dahr-aus di königliche farbe, welche ein schähffers-hund erfunden hat, gesamlet
würd. Di zakken der schwarz- und rohten korallen, di magnetischen stein-rozzen,
durch welche sehr kleine wasser-strahlen geriselt, und aus einer muschel in di
andere gesprungen kahmen, machten das aus-sähen noch lihblicher. Di
schau-gläser, so auf allen seiten und in allen winkeln härführ blikten, gahben
einen sehr lustigen wider-schein. In däm einen stein-wärke wahr ein kleiner
teich, [248] dahrinnen der Se-got mit seinem drei-zank-stabe här-üm-fuhr. Er
sahs in einer länglicht-rundten ofnen muschel als auf seinem königlichen stuhle;
üm ihn härum schwummen allerlei kleine Se-wunder, Mehr-ammen, und wasser-kälber.
Auf der andern seiten wahr noch eine kleine Se, welche fast halb fol gisch wahr,
und di Lustinne, in einer ahrtigen muschel, aus-warf, welches in däm nähsten
schau-glase ein solch ahrtiges aus-sähen gahb, dass auch Markhold sagte; wan
einer nicht begreiffen kann, wi di kunst und selbheit mit einander streiten
können, so darf er nichts mehr als dises wunder=wärk anschauen. Der eingang
diser Lust-höhle wahr ein halber mahnd, der zu beiden seiten zwo ahrtige mit
schild-kröhten überzogene toskanische (wi si di bau-läute zu nännen pflägen)
säulen hatte. Das fuhs-geställe wahr von marmel, und das haubt-gerüste von
kristal und albaster mit korallen vermängt. Der boden wahr mit schwarz- und
weissem marmel gepflastert, dahrauf rächt in der mitten ein härz von rohtem
durchscheinendem steine gehauen, auf etlichen koral-zakken, gleichsam als auf
dornen entpohr stund, und etliche dünne wasser-strahlen über sich sprüzte. üm
dises härze härüm sahssen auf kleinen albasternen bänken neun ahrtige
wasser-fräulein, welche sich gleichsam in den wider-härab-fallenden
wasser-tropfen zu baden schinen. Markhold entfand aus solchen seltsamkeiten
nicht wenig lust, und hätte wohl gewündschet, dass er solcher lust und ergäzzung
tähglich genühssen könnte. Dan es mus ein-ihder bekännen, dass solche und
dehr-gleichen wasser-künste, denen-jenigen, di den büchern obligen, bis-weilen
sehr wohl zu statten kommen, und di abgemärgelten sünnen wider von näuem
erfrischen und beläben.
    Als nuhn dise libe Gesellschaft solchem wasser-[249]spihl' und lust-riseln
lange gnug zu-gesähen hatte, so begahb si sich lätslich unter einen belaubten
lust-gang, da di Rosemund aller-hand lustige räden fohr-brachte, und mit solchen
ümschweiffigen gesprächen den Markhold noch länger bei sich behalten wollte.
Anfangs kahm si auf di vihl-färbigkeit der tulpen, und sagte; dass fast ein maler
mehrerlei farben nicht zurüchten, und schönere bilder fohrställen könnte, als di
tulpen wären. Ach! meine Schöne, was wül si doch sagen, fihl ihr Markhold in di
räde, es ist mihr noch wohl eine malerin bekant, von welcher ich zwei bilder
gesähen habe, di vihl schönere, vihl träflichre und vihl lähbhaftere farben
haben, als dise nichtige bluhmen. Dan ich habe nihmahls an keiner einigen tulpen
solche rein=weisse farbe gesähen, als si ihren stirnen angestrichchen hat; keine
tulpe kann auch nimmer-mehr solche lihbliche röhte haben, als si ihrem munde
gegäben hat: und wehr wül mihr eine so zahrte leib-farbe an disen flüchtigen
bluhmen weisen, als si ihren wangen mit-geteilet hat?
    Ich möchte solche kunst-reiche malerin wohl kännen, gahb di Stil-muht zur
antwort; und in wahrheit, si mus eine sonderliche künstlerin sein, weil si
solches zu wäge bringen kann. Si ist freilich (fing ihr Markhold das wort auf)
eine sonderliche künstlerin, ja eine künstlerin aller künste, und wihr pflägen
si di grohsse Zeuge-mutter aller dinge zu nännen. Ach, fihl si ihm wider in di
räde, ist es di-jenige, so darf ich mich nicht vihl wundern, dass si als di
künstlichste malerin, solche schöne bilder gemalet hat. Darf ich aber (fuhr si
fort) wohl so führ=wüzzig sein, und zu wüssen begähren, was solches fohr zwei
bilder sein, di si gebildet hat, und di ein solches lohb verdinen? Meine Schöne,
gahb ihr Markhold zur antwort, ich wolt' ihr gärne nuhr das eine sähen lahssen,
(dann das andere hat si [250] schohn gesähen) aber, weil ich weus, dass es ihre
augen nicht anders, als durch einen widerschein, er-kännen müssen, so würd si so
lange geduld haben, bis wihr in ihr zimmer kommen. über solchen worten huhb di
Rosemund an zu lachchen, und entfärbete sich; sollen solche nichtige bilder,
fing si an, ein solches lohb verdihnen? es hat meinem Hern nuhr also belihbt,
und wihr sein uns, unserer schwachheit halben, über-gnug bewust. Aber damit ich
ihm, fuhr si fort, das-jenige, was mihr izund eingefallen ist, nicht länger
verhalte, auf dass es här-nahch nicht gahr vergässen wärde, so mus ich ihn
erinnern, dass sich bald eine schuld-forterin bei ihm an=gäben würd, damit er
sich entweder zur zahl- oder verantwortung däs-zu bässer gefasst halten könne.
    Ich hoffe nicht, gahb ihr Markhold zur antwort, dass man izund äben kommen
wärde, meine lust zu verstöhren: und im fal ja selbige einmahnerin, wider
verhoffen, anlangen würde, so lahsse si durch ihre dinerin an däm tohre
befählen, dass man si abweise, mit fohrgäben, dass ich widerüm verreiset wäre.
Hihr-auf huhb di Rosemund an zu lächlen, und schwihg eine gute weile stille.
Ach! nuhn säh' ich, huhb Markhold an, wessen schuldner ich bin, und bitte meine
Schöne zum höchsten üm verzeuhung, dass ich ihr mit einer solchen antwort
begegnen dörfen. Aber, wan si mich einer bitte gewähren wollte, und nicht eine
solche scharfe gläubgerin sein, so wolt' ich si wohl gebähten haben, dass si mihr
nuhr noch einen tahg frist lahsse, damit ich mich zur ab-zahlung gefasst
machchen könne.
    Di Rosemund huhb samt der Stilmuht an zu lachchen, und wi si bishähr,
verdäkter weise, üm di beschreibung der alten und izigen Deutschen an=gehalten
hatte, so täht si es auch nuhn austrüklich, und wollte nicht eher ablahssen, si
hätte dann ihr begähren erlanget. Markhold bekwähmete sich also, [251] seine
Schöne zu vergnügen, und nahchdähm si sich alle dreie in dem lust-gange
nider-gelahssen hatten, so fing er folgender gestalt an.
                                 Kurzer entwurf
                              der alten und izigen
                                   Deutschen.
Ich habe meiner Schönen zwahr versprochchen einen abris und entwurf der alten
und izigen Deutschen zu tuhn, und bin auch gesonnen meinen worten aufs
mühglichste nahch zu kommen: aber, weil di verfasser und auf-sucher ihres
uhrsprunges sich meisten-teils in denen so vihlen und unter=schihdlichen namen,
damit si von anbegün bis auf dise gegenwärtige zeit sein genännet worden,
verirren, dehr-gestalt, dass si di ehrsten mit den lätsten vermischen und fohr
einerlei ansähen: so wül ich zu=fohr den unterschihd solcher namen, damit si
sich däs zu bässer dahr-ein fünden könne, nahch den zeiten ihres uhrsprunges
kürzlichst erklähren und dahr-nahch auch däm begähren meiner Schönen gnüge tuhn.
    Es wärden aber, fohr das ehrste, di Deutschen Twiskonier, das ist,
di-Askanier genännet, von dem Twiskon, oder Tuaskon, ihrem Vater und uhrhöber,
welcher äben der Askenas (wi di Juden und Ebräer einhällig vermeinen, und di
Deutschen noch heutiges tages Askenazim, nännen) sein soll, dessen1 vater Gomer,
und grohs-vater Jafet, gewäsen ist; welcher Jafet von dem Noeh, nahch aus-sage
der heiligen Schrift, nahch dem Sem und Ham ist gezeuget, und gesähgnet worden,
dass er sich ausbrei-[252]ten sollte,2 wi auch dannen-här das eine teil der wält,
welches er und seine nahchkömlinge ein-genommen haben, Europe (das ist, ein
breites aus-sähen, oder eine weite gegend) ist benamet worden.
    Weil nuhn di heidnischen Geschicht-schreiber, und denen zur folge di
unsrigen, dise des Twiskons ankunft und gebuhrt nicht gewust haben, und den
sachchen nicht so weit nahch gedacht, dass Twiskon oder Tuaskon mit däm
geschlächtswort' aus tu-Askenas zusammen gezogen und in etwas verändert sei; so
haben si fohr-gegäben, dass Twiskon der Twiskonen, oder der Deutschen, Vater und
Got gewäsen wäre, welcher seinen uhrsprung und gebuhrt aus der ärden genommen
hätte.
    Es ist aber diser Askenas, oder Twiskon, im 130 jahre nahch der Sünd-fluht
geboren, und von seinem Fohr-grohsvater dem Noeh, nahch des Berosen zeugnüs, in
di länder, welche üm das Euxinische Mehr und den Rein härüm ligen, verteilt
worden. Da er der ehrste könig der Twiskonen gewäsen ist, und sein reich samt
seinem folke, nahch mitternacht zu, gewaltig vermehret hat. Er gahb auch gesäzz'
und rächte, wi das folk sollte beherschet und im zaume gehalten wärden; hihlt di
untertahnen zur Gottes-furcht und guhten sitten; und starb im 1964 jahre, nahch
erschaffung der wält, als Semiramis sechs jahr zu Babilon geherschet hatte.
    Es uhrkunden etliche, dass diser Fölker ehrster siz in klein Asien gewäsen
sei, von dannen si sich mit den Zimbrern (ihren brüdern) durch Krakau, Polen,
Schlesien und andere länder (wi noch etliche namen der Stätt' und des flusses
Asche, oder Aske, aus-weisen) nahch der gegend zu, wo izund däs Deutschlandes
mittel-teil liget, begäben hätten, und in Anhalt nidergelahssen; dässen Fürsten
sich noch heut zu tage von Askanien schreiben; und [253] es bemärkt und bewähret
auch selbige Meinung di Grahf-schafft Askanien selbst, di Grahf-schafft Mans-fäld,
oder des Mannes Fäld, (welcher des Twiskons sohn gewäsen ist) di Stat
Aschersläben, und vihl andere mehr.
    Das wort Askenas aber heisset so vihl als ein fohr-stäher und verwahrer däs
feuers, vom hebreischen asch, d.i. feuer, und ein Gots-beamter: welchen namen di
Askanier oder Twiskonen mit rächt geführet haben, in-dähm si alle-zeit
unverzahgte, tapfere und feurige helden-gemühter gehabt.
    Es walten auch härnahch von dem algemeinen namen diser fölker, dehn si izund
führen, und Deutsche genännet wärden, viler-hand meinungen: Einer ist in dehm
wahne, dass das wort deutsch von däm worte Twiskon3 wi dises von Askenas
hähr-rühre, und sei nuhr in etlichen buhch-staben verändert. Andere tuhn noch
dises dahr-zu, und schreiben, dass man dem Askenas, dehr seinen siz an dem Reine,
gegen Köllen über, wo der Fläkken Deutsch liget, genommen hätte, (welches
ändlich auch wohl kann geschähen sein) den zu-namen Deuter oder Deut gegäben;
weil er nähmlich aus dem fluge der vögel hätte deuten, und zu-künftige dinge
zufohr verkündigen können. Etliche wollen, dass si alle ihre Götter mit dem namen
Deut oder Düd genännet hätten: etliche vermeinen, dass si nuhr einen Got dises
namens an des Merkuhrs statt (welchen di Egipter auch Deut zu nännen pflägen)
verehret, und fohr den vermeinten Verdeutscher, das ist (eigendlich zu
erklähren) Dolmetscher, oder Ausläger, der Götter, und götlichen geheimnüss' und
gesäzze, gehalten hätten. Der lätste teil wül behaubten, dass der neund' oder
zehen-[254]de könig solches folkes disen namen geführet habe; und dahähr sei es
kommen, dass ehrstlich di fölker zwischen der Weiksel und dem Reine, und
dahr=nahch auch alle di andern, Deutsche wären genännet worden; etliche
vermeinen, dass es der Deutschen fünfter König gewäsen sei, dehn man, aus libe
dises namens, also genännet hätte. Dähm sei nuhn wi ihm wolle, so kann man doch
muht-massen, dass di uhr-alten Deutschen unter däm worte deut (wi di Egipter
einen ihden weisen man nännen, und bei den Ebreern das wörtlein dod ein fräund,
oder lihbster, wi di Israeler den Baal ihren lihbsten und bräutgam nännten,
geheissen hat) einen got, oder doch zum wenigsten etwas götliches, verstanden
haben. Es stärket mich auch noch in solcher Meinung der Gotten name (welche ein
teil diser fölker gewäsen sein, und sich ändlich gahr sehr nahch norden zu
gelänket) in-dähm si von däm worte Got, welches so vihl ist als guht, wi es ihre
nahchkömlinge, di Dähnen und Schweden, noch schreiben und aus-sprächchen, also
sein genännet worden. dehr-gestalt, dass beides di Gotten und Deutschen (der
gebräuchlichen bedeutung der wörter, got und deut, nahch) einerlei und
gleich=sam götliche namen führen.
    Zum dritten haben auch di Deutschen den namen Germanier geführet, welchen
man den Lateinern zu-schreiben wül, dass si nähmlich das deutsche folk also
genännet hätten, weil es als lauter leibliche brüder an einander hünge. Man
liset bei allen geschicht-schreibern und schrift-rüchtern so vihlerhand
auslägungen von disem worte, dass es vihl zu lang wärden sollte, wan ich si alle
beibringen wollte. Es ist märk-würdig, wan Kornelius Tazitus schreibet, dass di
Germanier nicht anders wo-hähr in Deutschland kommen wären, sondern dahr-innen
geboren; und man fündet auch dises [255] wort in keinen älteren lateinischen
uhrschreibern, welche an dässen statt allezeit di namen Dwiskoner oder Deutonier,
gleich wi di lätsteren fast allezeit Germanier, gebrauchen. Zu dähm so bekännet
solches auch ob-ermäldter Tazitus austrüklich, dass der Germanier name noch näu
sei: dann ob di Germanischen fölker schohn lange zufohr gewäsen sein, so haben si
doch unterschihdliche namen gehabt; etliche hat man Zimbren, etliche Deutschen,
etliche Gotten, etliche Schwaben, u.s.f. genännet Wan es mihr vergönnet ist
meine auslage von solchem streitigen namen zu sagen, so halt' ich daführ, dass es
entweder von däm alten worte geren, d.i. bezwüngen hähr-rühre, weil si als
zwang-männer und bezwünger gewäsen sein; oder aber von den noch-üblichen wörtern
währe, gewähre, d.i. krihgs=rüstung, oder Gewärre, d.i. krihg: in welcher
bedeutung di Franzosen das ihrige von den alten Deutschen entlähnte wort guerre
noch gebrauchen; da nahch ihrem und der Lateiner gebrauch nuhr das w in währe;
oder aber in den andern, di ehrsten beiden wort-glider zusammen gezogen sein:
dehr-gestalt, dass German eigendlich nicht anders heisset als währman, oder ein
bewährter man; oder wärman, d.i. kriges-man, welches mit dem andern namen
Hehrman (dehn unsere Fohr-ältern auch geführet haben) wohl über-ein-kömmet: und
ich wollte dannen-hähr gedachtes wort in unserer deutschen sprache nicht anders,
als Währman und Währmannien, schreiben. Was schlühslich di Meinung des Junius
anlanget, dehr izt-ermäldeten namen von dem jüngsten bruder des Askenas und des
Gomers sohne, dem To-garma, noch von der Sünd-fluht hähr auf-suchen wül, so mus
ich bekännen, dass mihr selbige fast unter allen den andern am bästen gefallen
hat. [256]
    Nuhn haben wihr noch einen namen der Deutschen zu betrachten, welchen si zu
lätst, als si aus einem verwildeten folke sein zu rächt gebracht worden, und
sich der ahdlichen tugenden und höhflichen sitten beflissen, bekommen haben. Dan
zur selben zeit, als di Deutschen mit den Römischen Käsern, dem Konstantihn, und
dem Juliahn, krihg führeten, di Römer über di Alpen jahgten, und diselbigen
örter, welche di Schwaben heutiges tages noch besizzen, ein-nahmen, so hat man
ehrstlich diselben fölker der Deutschen, so sich zwischen der Donau, dem Rein'
und Mein nider-gelahssen hatten, und der Römer tohd-feinde waren, Almannier
genännet; welcher name von den wörtern adel und man zusammen-gesäzt ist; dann
gleich wi in Adelheit ins gemein das d aussen gelahssen, und Ahlheit
gesprochchen würd, so hat man es auch mit däm worte Adelman gemacht. Di
Franzosen (welche disen ihren namen auch von den Franken oder freien Deutschen,
di sich in Gallien, wi Frankreich ehrstlich genännet ward, eingedrungen, und di
alten einwohner meisten-teils verjaget hatten, noch bis auf dise stunde führen)
nännen di Hohch-deutschen noch izund Alemands, di Grichen Elamags, di Türken
Alaman. Wan es anspihlens gälten sollte, so könnte man alhihr widerüm was
götliches aus disem namen machchen, und würde dähmnahch selbiger mit den Gotten
und Deutschen über-ein-kommen. Di Türken, gleich wi den Sprahch-verständigen
bekant ist, wi auch di meisten morgen=ländischen fölker, haben das wort Al, el,
oder Alla, damit si Got bedeuten wollen: weil nuhn selbige fölker di Deutschen
Alamans oder Allamans nännen, so würde Allaman in ihrer sprache so vihl heissen
als Gottes-man, oder der Got Man, welcher ein sohn oder sohns-sohn des Askenas,
und ein könig der Deutschen, soll gewäsen sein. [257]
    Hihr-aus sihet nuhn meine Schöne, dass man uns Deutsche zu-ehrst Twiskonen
oder Tuaskanier; nahch-mahls, Deutschen; färner Währ-männer oder Germanier, und
Hehrmänner; ändlich aber Adelmänner oder Alemannier, genännet hat. und dise sein
di algemeinen der Deutschen Fölker namen, hähr-nahch hat man auch noch sehr vihl
andere, damit ein' ihde absonderliche fölkerschaft der Deutschen ist zu-benamet
worden; welche wihr, weil es unser zwäk nicht ist, und wihr uns schohn alzu
lange versäumet haben, mit stil-schweigen über-gähen wollen.
    Ich hätte mich in auslägung solcher unserer Fölker namen so lange nicht
auf-gehalten, wan ich nicht gewust hätte, dass meiner Schönen damit gedinet wäre,
und si sich selbst in untersuchungen derer-gleichen sachchen übete; nahch-dähm
ich sehr wohl weus, dass ein anderes Frauen-zimmer sehr wenig, oder bis-weilen
gahr nichts, dahr-von verstähen würde. Im fall' ich ihr aber nichts däs zu
weniger verdrühslich gewäsen bin, so bitt' ich üm verzeuhung, und wül ihr auf
ein anderes mahl di zeit mit einer froheren lust und lustigern gesprächen
versühssen.
    Damit ich aber zu den Deutschen selbst schreite, und dehrselben
Gebuhrts-ahrt, geschikligkeit und gebräuche, ihrem begähren nahch, erzähle, so
wül ich ehrstlich von den alten anfangen, und härnahch von den näuen auch einen
kurzen entwurf gäben.
    Di alten Deutschen (wi di wenige Geschichte mälden, di uns noch übrig
gebliben sein) waren starke, härz-hafte, grohs-mühtige, und gleichsam wild' und
rauhe leute, bei denen ih-dännoch, wi Tazitus bezeuget, di guhten sitten und das
alte hähr-kommen mehr galt, als bei andern di guten gesäzze. Si wussten von den
freien künsten wenig, oder wohl gahr nichts; und da-hähr ist es kommen, [258]
dass kein einiger ihre tahten und verrüchtungen aufgesäzt und däm gedächtnüs
ein-verleibet hat.
    Das gedächtnüs ihrer helden-tahten pflägten si nuhr mit gesängen, welche si
ihre kinder lähreten, zu erhalten, und wan si den feind angreiffen sollten,
(welches dann ihres härzens fräude wahr) so sangen si dem Herkules zu ehren ein
kriges-lihd, mit fohr-gäben, dass dises der streitbahrste man gewäsen wäre. Si
brauchten in disem gesange keine lihbligkeit, di ohren damit zu küzzeln, sondern
bemüheten sich nuhr dadurch ihre gemühter zur tugend zu ermundtern, und den
feinden ein schrökken und entsäzzen ein zu jagen. Däs-wägen brauchten si auch
solche harte, grob' und knallende donner=worte, und hihlten di schilder im
süngen fohr den mund, dass es also mehr gebrummet als gesungen hihs. Ihr gesicht
wahr meisten-teils krigerisch, erschröklich, und grimmig an zu sähen. Si waren
ein=ander geträu, und stunden di nähchsten bluht-verwandten, wan si in der
schlacht waren, alle-zeit bei-einander. Wehm si etwas versprachen, dehm hihlten
si es auch, und warden an ihren worten nimmer-mehr brüchchig; da-hähr man noch
heutiges tages saget, wan einer dem andern etwas fästiglich geloben und
versprächchen wül, ich sage dihr solches zu auf der alten Deutschen träu und
glauben. Si hihlten wi mauren bei ein-ander, und hatten ihre weiber und kinder
alle-zeit nicht weit von sich, damit si sich ihrer erinnerten, und fohr ihre
freiheit ritterlich kämpfeten. Man liset, dass es vihlmahl geschähen sei, wan di
schlacht-ordnung geschwanket, und sich schohn zerschlagen befunden hätte, dass
alein di weiber mit ihrer gegenwart, bitten und flöhen, indähm si ihre fohr
augen schwäbende dihnstbahrkeit angezogen, selbige wider-üm zu rächt gebracht,
und der flucht gewähret hätten.
    Tazitus, welcher unter dem Käser Vespasiahn [259] Stattalter in Niderland
gewäsen ist, bezeuget der Deutschen tapferkeit und helden-muht mit disen worten:
Nihmand (sagt er) hat ihmahls einen krihg wider di Deutschen ungerochchen
geführet; welches fohr zeiten di drei grohss' und erschrökliche Hehr-läger unter
dem August; und nahch-mahls der Karbo, Kassius, Schaurus, Aurelius, Servilius,
Zepio, Manlius, und etliche gewaltige Käser, mit ihrem grohssen schaden gnugsam
sein gewahr worden; in-dähm si von den Deutschen zum teil erschlagen, zum teil
in di flucht sein getriben worden.
    Josef, der Grichische Geschichter, nännet si starke, Dionisius krigerische
und streitbahre, Arrius Soldaten und kriges-leute; und Seneke säzt noch dises
hin-zu, und sahgt; dass auf der wält nichts muhtigers und behärzters sei, als di
Deutschen, wi auch nichts fräudigers zum anlauff', und nihmand, dehr di waffen
mit solcher begihr annähme und gebrauche. Wehr in dem träffen seinen schild
verloren hatte, wurde führ ehr-lohs gehalten, dorfte zu keiner
Rahts=versamlung, auch zu keinem Gottes-dihnste kommen; da-hähr sich ihrer vihl,
aus verzweifälung und unwüllen, erhänket haben.
    Ihre versamlungen pflägten si im wachsen des mahndes zu halten, und zählten
di zeit nicht bei den tagen, sondern bei den nächten. Wan di sachche nicht so
gahr wüchtig wahr, so beraht=schlahgten sich nuhr di fohrnähmsten unter ihnen;
wan es aber eine schwäre sachche wahr, so kahm di ganze gemeine zusammen, und
wan das folk sein guht-dünken gesahgt hatte, so machten di führnähmsten den
schlus. Si kahmen gemeiniglich gewafnet zusammen, und wan ihnen der fohrschlahg
gefihl, so huben si mit ihren spihssen an zu schüttern, welches dehm eine
grohsse [260] ehre wahr, dehr den fohrschlahg getahn hatte. Gefihl ihnen aber
dehrselbige nicht, so murreten si, und schüttelten di köpfe dahr-über.
    In der Königs-wahl sahen si alein auf den adel, und zu Kriges-obersten
nahmen si di-jenigen, so sich am tapfersten gehalten hatten. Di Könige dorften
nicht herschen und handeln, wi si wollten; und di obersten beflissen sich mehr
durch ihre tugend, als scharfe kriges-gebote, däm folke fohr zu stähen, und ein
härze zu machchen.
    Di-jenigen, so einem Könige oder Fürsten auf=warteten, eiferten über
ein-ander, und es wolt' immer ein ihder der nähest und libeste sein. Es wahr
ihrer Fürsten gröhsseste pracht und herligkeit, dass si allezeit zu kriges- und
fridenszeiten eine grohsse anzahl wakkerer und streitbarer Jüngling' üm sich
haben mochten.
    Der jungen manschaft führnähmste übungen und Ritter-spihle bestunden einig
und alein dahr=auf, dass si zwüschen den spihssen und schwährtern
hähr-üm-sprangen, dadurch si kühn-muhtig warden, und der waffen gewohneten. Auf
schöne tummel-pfährde hihlten si nicht vihl, sondern gewöhneten ihre rosse, ob
si schohn ungestalt und mager waren, zur tauerhaftigkeit und zum rännen. wan di
Reiterei eine schlacht täht, so sprangen si oft-mahls von ihren pfärden
här-unter, und fochten zu fuhsse; inmittels warteten ihrer di pfährde, und
verwändeten keinen fuhs. Sättel auf den rossen zu führen wahr ihnen di höchste
schande; und si führeten weder köstliche kleider, noch krihgs-rüstung. Ein
reiter lihs sich mit einem schild' und reisigem spihsse genügen. wenig unter
ihnen hatten panzer an, kaum der zehende einen sturm-huht, und di schwährter
waren bei ihnen sehr seltsam.
    Es wahr dem kriges-mann' eine schande, wan sein Oberster oder Feld-her in
der schlacht üm-komm-[261]men, und er entronnen wahr, es wäre dann, dass man den
sihg erhalten hätte. Also stritten di Hehr=führer üm den sihg, und di Soldaten
führ ihren Feld-hern.
    Si vermeinten, dass es faulen leuten zu-stünde, mit schweiss' und arbeit
dasselbige zu verdinen, was man mit seinem bluht' erwärben könnte; da-hähr konnte
man si so schwährlich dahr-zu bringen, dass si das feld gebauet, und ein ganzes
jahr auf di früchte gewartet hätten: aber ihren feind här-aus zu fortern, und
etliche frische wunden zu hohlen, das wahr ihre lust. Was verrähter und
feldflüchtige waren, di hingen si an di bäume; faule, verdrossene schlüngel, und
di weder krigen noch sonst etwas tuhn wollten, ersäuften si in einem
unbewähglichen pfuhle, warfen eine geflochtene horte dahr-über, und sahgten, si
wären nicht währt, dass si öffendlich stärben sollten.
    Si waren dem trunke sehr ergäben, und achteten solches führ keine schande,
wan si tahg und nacht an-ein-ander härüm-soffen. Si handelten auch in ihren
Gastereien von krihgs- und fridens=händeln, da si dann ihr gemüht, weil si ohne
dis nicht tükkisch noch arglistig waren, bei dem trunke noch mehr eröfneten. und
wan solches also geschähen wahr, so ward di sachche des andern tages wider
führ-genommen, und bei nüchternen gedanken ab=gehandelt.
    Ihr trunk wahr meisten-teils von gersten, oder andern früchten gesotten,
zohg sich in etwas auf den geschmak des weines; di am Rein-strohme pflägten auch
wein-bärge zu bauen. Ihre kost wahr nichts mehr als busch-ohbst, käse,
milch-speis', und bis-weilen ein frischer wild-braten. Das jahr hatten si in
drei zeiten ab-geteilet, in den Windter, Früling und Sommer; dann vom Herbst' und
desselben Gotte wussten si nichts. [262]
    Ihre Götter, di si verehreten, waren Merkuhr, welchem si zu ehren mänschen
schlachteten; dahr=nahch Herkules und Mars, denen man vihe zur schlacht-gabe
dahr-reichte. Dem lätsteren, als ihrem Kriges-gotte, haben si einen busch
geheiliget, welcher nicht weit von däm Sächsischen Halle, gahr nahe bei der statt
(welche von ihm den namen hat) Märse-burg oder Mars-burg, gelägen ist. Di Freie,
Istevons des vihrten Königes der Deutschen Gemahl, ist auch, wi man schreibet,
fohr di Göttin der Libe oder däs freiens, an der Venus statt, geehret, und auch
nahch ihr der vihrde tahg in der wochche, frei-tahg, genännet worden.
    Keine unter allen ihren fölkerschaften wahr der abgötterei mehr ergäben, als
di alten Sachsen, welche di grünen bäume, wan si dik-belaubete zakken hatten, wi
auch di brun-kwälle verehreten. unter andern hatten si einen über-aus-grohssen
stam eines baumes aufgerüchtet, dehm tähten si götliche ehr' an, nännten ihn in
ihrer sprache Irmensaul, oder Ihdermans-säule, damit si Gottes al-macht, di
alles träget und erhält, andeuten und ab-bilden wollten. Disen hat der grohsse
Erz-her Karl ümgeworfen, nahch-dähm er di Sachsen durch einen lang-wihrigen
krihg über-wunnen.
    Es kahm ihnen nichts so ungeräumet fohr, als dass man di götliche Al-macht
und Hoheit in di änge gebäu und hütten ein-schlühssen sollte, oder durch bilder
und götsen führ-bilden; weil di götliche gewalt nicht von mänschen-gedanken,
vihl weniger zwüschen vihr wänden könnte begriffen wärden. Aus disen uhrsachchen
nuhn weiheten si ihren Ab=göttern keine wohnungen und gebäue, sondern dikke
schattigte wälder, und sagten aus-trüklich, man könnte Got wohl ehren, aber nicht
sähen.
    Di Schwaben verehreten auch di Ab-göttin Isis; und heiligten ihren Göttern
wälder, in wel-[263]che nihmand kommen durfte, man hätte dann ihn zufohr
gebunden, zur bezeugung seiner untertähnigkeit: und wan einer un-versähens
strauchelte, dass er zu boden fihl, so dorft' er nicht wider auf=stähen, sondern
man wälzt' ihn auf der ärden hin-aus.
    Di Sachsen pflägten etliche schlohs-weisse pfährde mit gemeinen kosten zu
erzühen, welche man zu keiner arbeit gebrauchte, sondern nuhr künftige dinge
durch si erforschete. Si warden in einen wagen gespannet, näben dehm der König
oder Fürst hähr-ging, und fleissig in acht nahm, wi si sich gebährdeten, und wi
si sich mit schreien anställten. Von disen zeuchen hihlten si über-aus-vihl, und
es vergaften sich dahr-an nicht alein di gemeinen leute, sondern auch di
fohrnähmsten und geistlichen selbst. In schwähren und gefährlichen krigen
lihssen si einen gefangenen von däm folke, damit si krihg führeten, gewafnet
härführ-trähten, welcher mit einem Deutschen oder Sachsen, auf seine weise
gerüstet, kämpfen musste. Wehr nuhn unter disen zweien di ober-hand behihlt,
desselben folke schriben si den sihg zu.
    Dises sei also mit kurzen von der alten Deutschen ahrt, gebräuchen und
sitten: nuhn wül ich meinem Fräulein auch von der heutigen etwas erzählen: derer
stand, wäsen und gebräuche in allen ländern, jah fast in allen Stätten,
unterschihdlich ist. Es wärden aber di Deutschen in zwe stände fohr-nähmlich
ab-geteilet.
    Der ehrste Stand ist der Geistliche, zu welchem teils fürstliche, teils
adliche, teils bürgerliche und gemeine geschlächter beförtert und erhoben
wärden. Es würd ein geistlicher, sonderlicher ein Prädiger und öffendlicher
Beichtvater, an keinem ort' und in keinem lande höher und ansähnlicher [264]
gehalten, als in Deutschland. Fohr allen andern fölkerschaften aber ehren di
Meissner (welche sonsten di aller-ehr-erbütigsten vnd fräund-sähligsten leute in
ganz Deutschland sein, und gleichfalls auch di aller-lihblichst' und reineste
sprache haben) ihre Geistlichen so hohch, dass auch di kinder auf der strahssen,
denen solche furcht gleichsam angebohren ist, fohr ihnen erschrökken, mit den
hühten in den händen stok-stille stähen, wan si etwan fohr=bei-gähen, und sich
schäuen in ihrer gegenwart etwas laute zu ruhffen; jah, wohr-über man sich noch
mehr verwundern mus, di sonst unbändigen kriges-gurgeln und Soldaten selbst, wan
si an einem orte, sonderlich auf hohen schuhlen, in besazzung ligen, wüssen
nicht, wi si di geistlichen genug ehren sollen; dann wan irgend ein gezänk' und
un=frid' unter ihnen ist, und nuhr ein geistlicher in seiner ansähnlichen langen
tracht, wi es an denen örtern gebräuchlich ist, fohr-über gähet, so schweiget
ihderman fohr grohsser ehr-erbütigkeit stille; si teilen sich von ein-ander,
stähen auf, und grühssen ihn mit sehr demühtigen und gleichsam untertähnigen
gebährden. Jah, es haben di geistlichen unter den gelährten di ober-ställe; und
dahähr kömt es, dass di von Adel, ja oft Frei-herren selbst, sich zu Prädigern
gebrauchen lahssen, und in der götlichen weusheit nicht alein üben, sondern auch
öffendlich lähren.
    Der andere stand ist der wältliche, welcher widerüm geteilet würd, ehrstlich
in den herrlichen, unter welchen der Erz-her der ganzen wält, der Römische Käser,
di Kuhr-fürsten, Herzoge, Mark=grafen, Land-grafen, Grafen, Freiherren, u.a.m.
gerächnet wärden; dahr-nahch in den ahdlichen, dahr-unter di Ritter und
ädel-leute begriffen sein; Zum dritten in den stand der gelährten, dahr-unter di
Lährer auf den Hohen-schulen, di Fürstlichen [265] Beamten, und dehr-gleichen,
gezählet wärden. Zum vihrten in den bürgerlichen, dahrunter ehrstlich, di Rahts-
und Bürgermeister, Herren und bedihnten der Stat, dahr-nahch di kauf-leute, und
ändlich di Hand-wärker gehören. Zum lätsten in den stand der feld-läbenden,
unter welchem di Bauern, und tage-löhner begriffen sein.
    In allen disen ständen nuhn würd auf kein ding mehr gehalten, als auf di
freien künste; und di aller-schlächtesten leute, wan si nuhr so vihl kosten
auf-bringen können, schikken ihre kinder nicht alein zur öffendlichen schuhlen,
sondern halten ihnen auch noch über das zu haus' einen absonderlichen
unter-weiser und anführer. Etliche wänden alle güter, und was si in ihrem
vermögen haben, dahr=an, und gedänken, wi es auch di gewüsseste wahrheit ist,
dass ihre kinder dehr-mahl-eins reich genug sein, wan si ihnen vihl reichtühmer
und schäzze der unstärblichen und unvergänglichen weusheit gesamlet, und zu wäge
gebracht haben.
    Di von Adel befleissen sich auch in ihren jüngsten jahren auf nichts anders,
als ehrstlich, auf freie künste, si unter-suchen di geschichte, wärden beläsen
in wält- und Stat-sachchen, üben sich in sprachen; dahr-nahch wan si älter
wärden, so begäben si sich auf Reisen, lärnen aller-hand ahdliche Ritter-spihle,
als föchten, ringel-rännen, pfärde-tummeln, piken schwüngen, fahnen führen,
schühssen, sprüngen, rüngen, und dehr-gleichen; und ändlich, wan di ältesten
brüder di gühter in besiz=tuhm nähmen, so begäben sich di jüngsten entweder in
den krihg, oder ligen weiter den freien künsten ob, dass man si här-nahch am
Käserlichen, an fürst- und grähflichen höfen, zu ehren-dihnsten und bestallungen
beförtern könne: Dan sonst, wo si nichts tüchtiges in den freien künsten getahn
haben, so würd ihnen manches schlächten mannes, ja [266] manches bauren sohn,
dehr seine sachchen so hohch gebracht hat, dass er eines fürstlichen Hohf-rahts
ställe beträten kann, fohr-gezogen.
    Si führen ihren ahdlichen stand meisten-teils auf dörfern, da si ihre
Schlösser und sizze haben, welche bisweilen so schöhn erbauet, und mit
schlos=gräben und mauren befästiget sein, dass sich kein König schähmen dürfte,
dahr-auf zu wohnen. Solches tuhn si meistig aus libe der freiheit, in=dähm si
solcher-gestalt keinem andern dürfen nahch=sähen, und selber meister und
Herren in allen ihren geschäften und verrichtungen sein können. Si halten sich
sehr prächtig, und ist ihnen auch vergönnet einen grohssen stand zu führen.
    Das ahdliche Frauen-zimmer hält sich däm Fürst-und grähflichen in der tracht
und kleidung gleich, ausgenommen, dass eine Jungfrau von adel nicht so vihl gold
und ädle steine tragen darf, als ein fürstliches Fräulein. Si tragen
meisten-teils alle mit-einander flügende lokken und zu felde geschlagene hare,
welches sonst andere Jungfrauen, wo si keine vom adel sein, nicht tuhn dürfen.
Di Töchter der Hohch-gelährten auf Hohen schulen, und der fürstlichen Rähte,
mögen sich zwahr denen von adel gleich halten, ob ihre ältern gleich von
schlächter abkunft, und nuhr durch ihre kunst und geschikligkeit zum adel
gelanget sein; aber man fündet gleich-wohl sehr wenige, di es zu tuhn pflägen.
Güldne ketten, arm-bänder, sammet und seiden-zeug (welches keiner gemeinen
bürgers tochter gestattet würd) tragen ihrer vihl; aber di kleider auf eine
andere ahrt, als di von gebuhrt ahdlich sein, mit kurzen schauben, oder wi es di
Landes-ahrt und tracht mit sich bringt: dann däs Fürst- grähf- und ahdlichen
Frauen-zimmers tracht und kleidung kömt schihr durch das ganze Deutsche Reich in
allen ländern über-ein; da här-gegen di [267] trachten der andern Stände fast in
allen Stätten unterschihdlich sein.
    Unter däm Mansfolk' ist fast kein unterscheid, ausgenommen (ich räd' alhihr
von denen Stätten, di unter eines Fürsten boht-mässigkeit sein) di kaufleute und
gemeinere bürger, welche solche köstliche zeuge zu ihren kleidern nicht tragen
dürfen, als den höheren ständen vergönnet ist. Wan aber ein Kaufman, oder ein
anderer, seinen Sohn auf der Hohen schuhlen in freien künsten unterhält, so ist
ihm, so lang' er den Freien künsten obliget, wohl vergönnet, dass er sich einem
von adel gleich halten mahg; dann ein gelährter Jüngling hat di gröhsseste
freiheit, als ein mänsch immer-mehr haben kann.
    Di-jenigen, so auf Hohen schulen läben, sein keiner läbens-strahf
unter-worfen (ich räde von denen zu Witten-bärg und Leipzig;) und si mögen auch
tuhn was si wollen, so haben si doch solche freiheit, dass ihnen kein Stats-diner
ein hahr krümmen darf, vihl weniger einige gewalt antuhn. Haben si gleich einen
entleibet, oder noch eine gröhssere taht begangen, so darf man si doch nicht
höher strahffen, als mit dem banne: dann das läben würd ihnen nimmer-mehr
genommen, wo man nicht di grohssen freiheiten, di solchen Hohen schulen von den
Römischen Erz-herren gegäben sein, schwächchen und vernichtigen wül.
    Was nuhn di Künstler und Hand-wärker betrüft, so würd den Deutschen von
allen Geschicht=schreibern das lohb gegäben, dass in keinem reich' und lande der
wält so träfliche meister, und deren nicht wenig, sondern in grohsser anzahl
fohr-handen sein, gefunden wärden. Man lahsse di einige und wält-berühmte Stat
Nürnbärg auf-träten, und sähen, was si uns fohr träfliche künstler dahr=ställen
würd, als ih-mahls unter der Sonnen ge-[268]läbet haben. Di von Chine sein
träfliche scharf- und kluhg-sünnige köpfe, dehr-gleichen man sonsten nicht
fündet; aber wan ich dise mit jenen vergleichen sollte, so würden di Deutschen,
wo nicht in allen, doch in den meisten kunst-stükken, di ober=hand behalten. Di
nüzliche Trukkerei, das schähdliche büchsen-schühssen, so vihl schöne kunst-und
uhr-wärke haben alle di Deutschen erfunden, wi=wohl ihnen di Chineer
dehrgleichen auch zuschreiben. Ist unter den Malern und künstlern der ganzen
wält wohl ein solcher über-aus-träflicher man ih- gewäsen, als der weit-bekannte
Albrecht Dürer von Nürnbärg? aber was halt' ich mich noch lang' in solchen weit
und breit bekanten sachchen auf, und erzähle meiner Schönen das-jenige, was si
schohn zu Venedig, da man di meisten lihb=haber aller schönen künste fündet,
mehr als al-zu-wohl, würd vernommen haben.
    Was nuhn schlühslich di Kriges-händel betrüft, so mus ihderman bekännen, dass
di ähdlen Hohch=deutschen von ihrer fohrfahren gebuhrts-ahrt, in disem falle,
nicht einen fuhs-breit ab-gewichchen sein. Dan es haben sich ihrer so vihl
hundert tausend, jah so vihl, dass es fast ungläublich scheinet, so wohl zu
aus-als inländischer fölker krigen, gebrauchen lahssen. Di aus-ländischen und
fremden Fölkerschaften liben si ihrer träue, stand-fästigkeit und helden-muhtes
so sehr, dass si auch Fürsten und Könige zu ihren fohr-nähmsten dihnsten
beställen.
    Der Papst oder Ober-erz-vater zu Rohm, der König von Spanien, der König von
Frankreich, der Grohs-fürst von Florenz, und andere grohsse Herren mehr,
brauchen nicht alein di Hohch-deutschen zu ihren krigen, sondern si tuhn ihnen
auch noch di ehre, dass si zu ihrer ehrsten Leibwachche, di solcher grohssen
Herren leib und läben zu bewah-[269]ren hat, keine andere fölker als
Hohch-deutsche (welches gemeiniglich Schweizer sein) zu nähmen pflägen. Ja si
sein des kriges so begihrig, dass si auch (gleich wi ihre uhr-ältern getahn
haben) den ausheimischen fölkern, als den Nord-türken (un=angesähen dass solche
bluht-gihrige, verfluhcht' und Gottes-vergässne mörder und räuber, ihr
vater=land in den grund verdärben und verwühsten) in der mänge zu-lauffen.
    Es ist auch männiglich bekant, was fohr eine macht di Deutschen Fürsten
auf-bringen können. Als der Grohs-türke di käserliche Haubt-statt Wihn in
Oester-reich belägerte, so zohg ihm Käser Karl, der Fünfte dises namens, mit
90000 zu fuhss' und 30000 Reitern entgegen. Maximiliahn der Andere boht ihm das
häubt mit 100000 zu fuhss' und 35000 reisigen. wan man sich nahch unsern zeiten
zu-wändet, so mus man führ den grohssen hehren erschrökken, di man zeit däs 1619
jahres, da sich diser izige krihg entsponnen, auf dem Deutschen boden gesähen
hat.
    Der Kuhr-fürst von Sachsen hatte fohr 8 jahren alein 50000 auf den beinen,
welche, wi ich mit meinen augen gesähen habe, di aller-bästen und ansähnlichsten
Soldaten waren, di ein Kriges=haubt immer-mehr wündschen mahg; und fast in einem
jahre dahr-nahch alle mit ein-ander in der Marke zerschlagen, verhungert und
vernichtiget worden. Wehr wül des Herzogs von Beiern und anderer Reichs-fürsten
(von däm Käserlichen Folke wül ich nicht sagen) so vihl und grohsse Kriges-läger
hähr-rächnen? wehr wül alles folk, das in den zwo Leipzigschen, in der
Lizischen, Nördlingischen, Wit-stokkischen und andern haubt-schlachten innerhalb
zehen oder zwölf jahren gebliben ist, zählen können?
    Aber, meine Schöne, diser angebohrne muht zu [270] föchten, wi nüzlich und
löblich er fohr disem den Deutschen gewäsen ist, so schähdlich und verdamlich
ist er ihnen wider-üm zu disen zeiten: da sich di Deutschen Fürsten
unter-einander selbst auf-räuben, und das eine teil mit den ausländischen
fölkern wider ihr eigenes vaterland in verbündnüs trit, und dässen untergang
beförtern hülfet. Jah ich kann es mit rächt seinen untergang nännen; in=dähm di
schöhnsten Stätte, di lustigsten und prächtigsten Schlösser und Herrenhäuser
muhtwüllig, nicht alein verwühstet, verbrant und eingeäschert, sondern auch gahr
geschleiffet wärden. Der himmel erzittert dafohr, di wolken wärden bewäget, di
stärne lauffen betrübet, di sonne verhüllet ihr antliz, der mahnd erblasset, und
di irdischen uhrwäsen erböben; wan si schauen und sähen di bluhtigen und
nimmer-mehr-verantwortlichen verwühstungen. Mich deucht als wan ich izund sähen
könnte, wi di allerschöhnste gegend üm Torgau und Dresden här-üm mit ihren
aller-lihbligsten wisen, mit ihren an-nähmligsten lust-wäldern, mit ihren
schönsten weinbärgen, mit ihren befruchtesten feldern und lustigsten gärten,
fohr trauren ihr antliz entzühet, und ihre schöne schlösser, di izund so
un=mänschlicher weise, ganzer sechs meilen üm Leipzig härüm, geschleiffet und
nider-gerissen wärden. O wi wahr hat Filip Melanton fohr hundert jahren zufohr
gesagt, als er dise schöne Gegend, di wohl mit rächt ein irdisches Paradihs, ein
Himmel der irdischen Götter, und schau-plaz aller lust und ergäzligkeit heissen
mahg, mit weinenden augen an=gesähen hat; O wi jammert und kränket es mich, dass
dise schöne gegend noch ein=mahl in der Türken hände kommen soll! Wan izund diser
täure Man noch läben sollte, so würd' er di erfüllung seiner fohr-sage mit augen
[271] ansähen, und ohne zweifäl dafohr erschrökken; sonderlich wan er erfahren
und hören würde, dass es nicht alein Kristen, sondern auch gahr Glaubens-genossen
und geistliche bunds-verwandten wären, di solchen heiligen bund verläzzen, und
wider alles rächt und gewüssen so unmänschlich handeln. Aber was wül ich mein
libes Vater-land, dähm ich an schöhnheit und aller behähgligkeit keinem lande,
so vihl ich ihrer auch gesähen habe, vergleichchen kann, noch lange betauren! es
ist unsers Gottes gerächte strahf-ruhte; sonst könt' es nicht mühglich sein, dass
uns unsere eigne Glaubens-genossen so verfolgeten. Es würd uns der erzürnte
Himmel, wan er seinen zorn gelöschet hat, wohl wider gnädig anblikken.
    Der Rosemund lühffen indässen über solcher erbärmlichen räde di trähnen
mildiglich über di wangen, und dise Schöne betrübete sich aus grohssem mitleiden
so sehr, dass auch Markhold gezwungen ward mit seiner erzählung auf zu höhren.
    In-dähm si nuhn also sahssen, und das arme Deutschland bejammerten, so kahm
ein knabe zur Rosemund, und über-reicht' ihr ein schreiben, welches di Adelmund
geschriben hatte. Weil nuhn dise Schöne in etlichen wochchen keine zeitung von
ihr gehabt hatte, so wahr si nicht wenig erfräuet dahr-über, und konnte kaum so
lange warten, bis es aufgebrochchen wahr. Markhold selbst und di schöne Stilmuht
vergahssen aller ihrer traurigkeit so plözlich, dass si fohr grohssem verlangen
zu wüssen, was dässen inhalt wäre, durch di gebährden ihre fräude gnugsam an den
tahg gaben. Mitler-zeit hatte si solches eröfnet, und verlas' es fohr ihren
ohren folgender gestalt: [272]
                                  Der Adelmund
                                   Schreiben
                                     an di
                                  fräundsälige
                                   Rosemund.
Mein Fräulein,
    Nahch-dähm der kleine wüterich der verlihbten härzen das meinige, nahch so
langem warten, ändlich ein-mahl befridigen, und das feuer, das er in meinen
glidern angezündet hat, mit seiner gewüssen nahrung versorgen müssen; so hab'
ich nicht unter-lahssen können, mein trautes Fräulein mit solcher angenähmen
zeitung zu erfräuen. Dan wi ich mich zum höchsten erfrölichen würde, wan ich
erführe, dass ihr der Lihb-reiz, dehr ihr schohn fohr einer guhten zeit mark und
beine gerühret hat; ein-mahl so hold sein sollte, dass es mit ihr zur ändlichen
würkung gedeien möchte; so weus ich auch gewüs, und bin dässen mehr als alzu
wohl versichchert, dass si sich über das lang-gewündschte Glück ihrer
tohd-fräundin nicht weniger erfräuen würd. Kurz, si soll wüssen, dass uns
bei-[273]de, mich und meinen Lihbsten, das ungewitter der Libe, nuhn-mehr in den
hafen eingeworfen, und in eine solche lihbliche wind-stille versäzzet hat, dass
wihr uns, allem ansähen nahch, keines sturmes mehr, dehr uns scheiden könnte, bis
in den tohd zu befahren haben. Jah wihr sein nuhn-mehr ohne sorgen, und
wündschen nicht weiters, als dass meine Fräundin gleiches glück beträffen
möchte. Mein Lihbster flöhet fohr den Markhold, und ich fohr si, dehr-gestalt,
dass zwo stimmen und zwe wündsche, wi-wohl si unterschihdlich sein, doch auf
einen zwäg zilen. unsere Hochzeit wäre noch vihl lustiger ab-gelauffen, als es
geschähen ist, wan wihr nuhr si und ihren Markhold zugegen gehabt hätten. Aber
er wahr al-zu weit entfärnet, und si däs-wägen in solcher bekümmernüs, dass ihnen
beiden di be-schaffenheit ihres zustandes nicht gestatten wollte, unserem
ehren-feier bei zu wohnen. Solt' er aber mitler-zeit, wi ich verhoffe, widerüm
zu-rük-kommen sein, so versähen wihr uns ihrer beider kurz-künftigen
anhähr-kunft, dahr-üm wihr dann höhchlich bitten. Mein Lihbster lässet ihnen
sämtlich seinen ehren-gruhs und dihnste vermälden, und ich wärde si auch bitten,
dass si ihrem Markhold, dem [274] Hern Vater, und allen den ihrigen meine
un-ermüdete wülfärtigkeit zu verstähen gäbe. In-dässen läbe si wohl, und ich
verbleibe
                        meines hohch-geehrten Fräuleins
                             stähts-dihnst-ergäbene
                                                                       Adelmund.
    Bei verläsung dises brifes veränderte di schöne Rosemund di farb' ihrer
wangen fast augen-bliklich; bald erblasste si fohr angst und hofnung; bald
erröhtete si sich wider, beides fohr schahm und eifriger libe, welche di
verrähter der heimlichen härzens-schlühsse, di augen, als gewüsse zeugen,
gnug=sam zu verstähen gaben. Di seufzer, welche aus ihrem härzen un-aufhöhrlich
über sich stigen, und mit gewalt här-führ-brächchen wollten, hätte si fohr der
schönen Stilmuht gärne verborgen gehalten, und bemühete sich auch mit aller
kraft ihnen den wähg zu verlägen. aber si waren so stark und so häftig, dass si
es nichts däs-zu-weniger an ihrem lispeln und hin-fallender stimme wohl
vermärken konnte, wi ihr zu muhte wahr. Der gaumen ward von ihrer auf=steigenden
hizze fast ganz aus-getruknet, und der mund blihb bisweilen, in-dähm er ohn
unterlahs luft schöpfen musste, und sich fast nihmahls schlühssen konnte, mitten
im worte stähen. [275]
    Markhold sah solches alles mit nicht geringem mitleiden an, und di Stilmuht
selbst wahr ihrent-halben auch nicht wenig betrühbt; dann si kont' ihr unschwähr
ein-bilden, unter welchen rosen, und an welchem glide, di binen mit ihren
achchelnden pfeilen ihre Rosemund verlätset hatten.
    Als si nuhn nahch verläsung solches schreibens noch ein wenig mit-ein-ander
gesprachet hatten, so nahm Markhold seinen abschihd, und begahb sich wider nahch
Amstelgau, da ihm äben ein brihflein von seinem guhten Lands-fräunde, dehr sich
zu Reinwurf auf-hihlt, eingehändiget ward. Diser rähdliche Deutsche fühgt' ihm
zu wüssen, dass er gesonnen wäre sich wider-üm in Frankreich zu begäben, und zu
Parihs eine zeit-lang auf zu halten. Weil es aber un-mühglich wahr, dass er
seinem lihbsten Markhold fohr seinem abreisen zu-sprächchen konnte, so baht er
ihn, dass er doch di müh-waltung auf sich nähmen, und ihn aufs eheste, wo es ihm
nicht un-gelägen kähme, besuchen möchte, dann er hätte sehr noht-wändige sachchen
mit ihm zu räden.
    Markhold wahr nahch verläsung solches schreibens also-bald des schlusses,
dass er sich nächst-künftigen morgens, auf di reise begäben wollte. In-mittels
gedacht' er noch immer an seine libe Rosemund, und wiwohl sich fohr seinem so
kurzen abreisen sehr vihl zu verrüchten fand, so unterlihs er doch nicht, seiner
gelihbten auch einige zeit zu widmen. Mit solchen lihblichen verzükkungen
bracht' er auch seine reise zu, und kahm also fast unvermuhtlicher weise zu
Reinwurf an. Weil ihm nuhn di gelägenheit selbiges ortes über-aus-wohl gefihl,
so entschloss er sich, eine zeit-lang daselber zu verharren, damit er in
solcher stillen lust seiner bücher däs zu bässer abwarten könnte: Dan, so lang'
er zu Amstelgau wahr, so verstöreten ihn [276] teils seine tähglichen fräunde,
teils auch das alzu nahe beisein der härz-entzükkenden Rosemund. Aber er konnte
gleich-wohl nicht lang' in solcher stille läben; di schreiben diser Schönen, und
das stätige anhalten, dass er ihrer beider fohrnähmen zur ändlichen fol-sträkkung
möchte kommen lahssen, verunruhigten ihn dehr-gestalt, dass er bis-weilen aus
grohssem weh-leiden nicht wusste, was er begünnen sollte. Di fohr augen schwäbende
unmühgligkeit machte si beider-seits über-aus-betrübet. Es hatte das ansähen,
als wan si nimmer-mehr ihres wundsches könten gewähret wärden, als wan ihnen
alle himlische kräfte zu-gegen lühffen, und solches verhängnüs schohn von
ewigkeit hähr über si wäre bestimmt worden.
    Di träu-beständige Rosemund, di sich nuhn nicht mehr wollte tröhsten lahssen,
und ihres unerleidlichen zustandes wägen, an ihren leibes-kräften sehr
abgenommen hatte, begunte von tage zu tage unbäslicher zu wärden, und mühete
sich so sehr, dass si ändlich ganz lagerhaftig ward, und in eine schwähre
krankheit geriht.
    Die fohr-belihbten wangen verfihlen; di augen warden gleichsam wi mit einem
blauen gewäb' üm=gäben, und lagen schon sehr tühf in ihren winkeln; die
aller-schönsten lippen, di ein mänsch ih-mahls mit augen gesähen hat,
verblichchen wi eine rose zur zeit des heissen mittags; di rägen glider, der
rasche gang, di über-aus-lustige gebährden, di anmuhtige höhfligkeit, di
härz-entzükkende leibes-gestalt, waren ganz verlasset, und spihleten fast das
gahr-aus; der reine klang ihrer so lihblichen stimme ward heisch und
unverständlich; ja der ganze leib fleischte sich von tage zu tage so sehr ab,
dass si mehr einem schatten als mänschlichem leibe gleich sah.
    Dem Hern Vater, welcher solches alles mit-an-[277]sah, und di uhrsachchen
ihrer lagerhaftigkeit wohl wusste, begunt' es al-gemach zu räuhen, dass er solche
harte bedüngungen fohr-geschlagen hatte. Aber wi bekümmert er auch wahr, so
kont' er sich doch nicht entschlühssen, seine fohrschläge fahren zu lahssen oder
zu lindern. Er kahm si auf eine zeit zu besuchen, und frahgte, was si von ihm
erheischte; er gelohbt ihr alles zu gäben und alles zu bewülligen, was ihr härz
wündschte, und was ihm zu tuhn mühglich wäre, dann er hatte si über-aus-lihb.
Aber es wahr üm-sonst, dass er seiner lihbsten Tochter mit solchen lihblenden
worten auf-hälfen wollte. Dan si wusste wohl, dass ihm seine al-zu-harte
stand=haftigkeit nicht zulahssen würde, dass er ihr nuhr dasselbe, welches si
einig und alein wündschte, gestatten würde. Er wollte si bald mit disem, bald mit
jenem tröhsten; er suhchte vihlerhand aus-flüchte, seinen harten sün zu
entschuldigen: aber ihr wahr nichts tröhstlichers als der tohd, welchen si in
seiner gegenwart oft wündschte.
    Der alte Her wolt' ihr solches aus dem sünne räden, und führt ihr zu
gemühte, dass si doch bedänken sollte, in was fohr bekümmernüs si ihn stürzen, und
was fohr härzeleid si ihm über den hals zühen würde: ja er sprahch ihr so
erbärmlich zu, dass si fohr weh- und mit-leiden weinen musste.
    In-dässen nuhn, da si also rädeten, kahm der abänd här-bei, und di sonne
neugte sich mit sehr betrühbtem ge-sichte zum untergange, nicht anders, als wan
si mit-leiden mit däm gespräche diser beiden gehabt hätte. Der alte Her nahm
abschihd und gesägnete seine libe tochter, di ihm vihl liber wahr als alle
schäzze der wält, und di nuhn-mehr ohn' einige Gesellschaft und zeit-verkürzung
di lange nacht schlahf-lohs verschlühssen musste.
                           Aende däs fünften Buches.
                                                                           [278]
                                    Fussnoten
1 Becman. de Orig. Lat. linguæ. Der Spilende Durchbrächcher in der
Gesprähch-spile vihrtem teile. Der Suchende Schottel in der Sprahch-kunst.
Munster. l. 3. Cosm. Bertius. Mercator, etc.
2 Genes. 9. cap. 27. vers.
3 Hieronymus in Ebr. quæstion. Euseb. in Chronic.
 
                   Der Adriatischen ROSEMVND sechstes Buhch.
Der lang-gewündschte tahg wahr kaum angebrochchen, als Markhold seine libe
Rosemund zu besuchen anlangte. Di tohr-wärterin kahm eilend gelauffen, solche
erfräuliche zeitung unserer kranken an zu kündigen, welche dahr-über so fro
ward, dass si ihr eine zimliche verehrung dahr zu reichen befahl. Es ist
unmühglich zu beschreiben, wi fro, wi lustig und belähbt sich unsere Schöne bei
ihres trauten ankunft erzeugte. Gleich wi ein kohl-garten, der seine stauden bei
al=zu-hizzigen sommer-tagen ohn' einig' entältnüs hinfallen lässet, durch einen
lihblichen rägen wider-üm erkwikket würd, und seine verwälkte blätter
auf-rüchtet; so ward auch unsere Rosemund durch den anblik ihres Gelihbten so
erkwikket, und so erfräuet, dass an ihr keine krankheit, als an dem blohssen
auswändigen leibe, zu spühren wahr. di gebährden, wi mat vnd hinlässig si auch
zufohr gewäsen waren, warden so lustig, und das angesicht, wi blas es gewäsen
wahr, erröhtete sich bei seiner ankunft so sehr, dass man wohl verspühren konnte,
dass si ihren rächten leib-arzt noch nicht bei sich gehabt hatte, und dass nuhr
ein fräundlicher anblik ihres geträuen mehr kraft hätte, als bezoar, gold=trank,
und alle köstlichste stärk-mittel aus der arznei-kammer: Si begunte nuhn auch
widerüm so zu räden, wi si fohr-hähr gepflogen hatte, und befand sich fast in
gänzlicher gesundheit. Ja, [279] nahch-dähm si nuhn in drei tagen fast nicht
einen bissen gegässen hatte, so lihs si auch izund allerhand speisen auf-tragen,
und täht mit ihrem Markhold, welcher sich bei dem tische, dehr fohr ihrem bette
stund, nider-gelahssen hatte, eine guhte mahl-zeit. Das ganze haus-gesinde sah
mit grohsser verwunderung zu, und wahr zum höhchsten erfräuet, dass sich fohr
ihre krank-heit so ein guhtes mittel gefunden hätte. Markhold selbst wahr
verwundert dahr-über, und suchete noch mehr mittel seine Schöne zu erlustigen.
Er bracht' ihr aller-hand kurz-weilige räden fohr, und ergäzte si so vihl, als
ihm mühglich wahr. Lätslich erzählt' er auch, auf ihr anhalten,
                                      Eine
                           Nider-ländische geschicht
                    von einer ahdlichen Jungfrauen und einem
                                  Rit-meister.
Dise geschicht, sagt' er, di ich meiner Schönen schohn fohr-längst hab' erzählen
wollen, ist in wahrheit noch wohl so vihl währt, dass si mein Fräulein wüssen
mahg; dann si bildet ehrstlich eine träue Libe zweier lihbsten, dahr-nahch auch
di verfluhchte kargheit und eh-zwang der ältern ab.
    Es ligt nicht färn von hihr ein Hern-hohf, auf welchem ein fohrnähmer von
adel wohnete, dehr ein' einige tochter hatte, und diselbe in ahdlichen tugenden
sehr wohl auf-erzühen lahssen. Dise Tochter hatte von jugend auf grohsse
fräundschaft mit einem andern von adel gepflogen, welcher si auch nahch-mahls,
als er Rit-meister worden wahr, von ihrem Vater zur ehe begährete, und weder
eine abschlägige noch gewüs-zusähgliche antwort bekommen hat. Mitler zeit aber,
da di sach-[280]chen schohn zimlich lang' in solcher ungewüsheit gestanden
hatten, so begahb es sich, dass, ohne den fohr-bewust diser Jungfrauen ein
geldrischer von adel, welcher schohn ein alter, aber sehr reicher man wahr, bei
ihren ältern üm si anhihlt, und von beiden das jah-wort und di zusage bekahm. Di
Tochter aber, als si gefraget ward, ob si ihn begährete? gahb alsobald zur
antwort, dass si in alle ewigkeit seiner nicht teilhaftig wärden wollte. Dan, fuhr
si fort, wi kann sich ein mänsch zu eines libe zwüngen? und wi soll ich einen
solchen lihb-gewünnen, fohr dehm ich abschäu trage? Wan er sich zu ihr nahen
wollte, nahch verlihbter leute gebrauch, mit ihr zu schärzen, so stühs si ihn von
sich, und wolt' ihm ganz keine gnad' erzeugen. Als si aber sah, dass si di
ältern mit gewalt dahrzu zwingen wollten, so färtigte si ihre dinerin in geheim
zu gedachtem Ritmeister ab, fühgt' ihm durch ein kleines brihflein zu wüssen, in
was fohr noht si wäre, und baht ihn, dass er doch der alten kundschaft, di er mit
ihr gepflogen hätte, eingedänk sein möchte, und si aus solcher angst erlösen.
    Der Ritmeister, der sich beides durch lihb' und barmherzigkeit bewogen
befand, sagt' ihr seinen mühglichsten beistand also-bald zu; und si lihs ihm
alle tage durch ihre kammer-dinerin heimlich brife zu-bringen. Weil aber di
Tochter so hart gehalten wurde, dass si nicht ein-mahl von dem hofe hinunter
gähen durfte, so schwomm' er in der abänd=dömmerung durch den schlos-graben
nahch dem garten zu, dahr-in sich dise armsälige befand, und seiner wartete.
Aber si konten in solcher stille nicht lange mit einander sprache halten; dann di
hunde, welche seiner alsobald gewahr warden, huben so häftig an zu bällen, dass
der alte Vater veruhrsachchet ward in den garten zu gähen, da er nimandes als
seiner tochter ansichtig ward. [281]
    Dise arm-sälige huhb also-bald an zu zittern, und gahb sich ihres
verbrächchens (wan es anders disen namen verdinet) selbst schuldig,
dehr-gestalt, dass der Vater unschwähr vermärken konnte, dass si ihmand würde bei
sich gehabt haben. Er sah zwahr keinen einigen mänschen, als si alein, dann ihr
Lihbster und erlöser hatte sich schohn so wohl verborgen, dass man ihn weder
fünden noch sähen konnte, gleichwohl lihs er nahch dehr zeit dise arme verfolgte
in ihr zimmer verschlühssen, dass si ja mit nimand unterschläuf pflägen möchte.
Weil si sich aber noch nicht in seinen wüllen bekwähmen wollte, und man kein
antwort, als ein un-nahch-lässliches weinen, von ihr bekahm, so gahb er ihrem
alten freier den raht, dass er ihr etliche schaz-stükke von gold und ädlen
steinen verehren sollte, damit er si vihl-leicht durch solche köstliche gaben zu
seinem wundsch er-weichen möchte.
    Diser alte wahr gewüs nicht faul: er lihs di aller-schöhnsten ketten, di
aller-köstlichsten arm-bänder, di präch-tigsten ringe und anderen weiber=schmuk
machchen, und besuhchte si mit solchen über-täuren und grohssen schäzzen, in
einem zimmer alein; er gedacht' ihr selbige zu über-reichen, und durch den glanz
dises täuren ärz-wärkes di augen zu verbländen; aber er hätte eher gedänken
sollen, dass ein solcher auf-gewäkter, frischer und ahdlicher geist, auf solche
weise nuhr mehr zum zorn' und unwüllen, als zur gunst und libe, könnte gereizet
wärden. Dan si wollte seine geschänke durch-aus nicht annähmen, und wägerte sich
so lange, bis ändlich Vater und Mutter dahrzu-kahmen, und si mit solchen harten
dräu-worten, dass si nimmer-mehr fohr ihr kind sollte gehalten wärden, gewaltsamer
weise zwangen, selbige an zu nähmen. Aber ach! [282] wan man ein jungfräuliches
härze mit solchem zwang' und drang' erweichen soll, so gäht es wohl rächt den
kräbs-gang! es ist doch alle mühe verloren, alle unkosten sein ümsonst, und es
heisset, gezwungen eid ist Got im himmel leid.
    Wi bitterlich huhb dise bedrängte an zu weinen, als si mit solchen
geschänken in ihr zimmer kahm! Si schmis alles über den boden hähr, und traht es
mit fühssen; ach! sahgte si und schrie über-laut, wan nuhn der tohd kommen
möchte, mihr beistand zu leisten, wi würd' er mihr so ein angenähmer gast sein.
aber er flühet führ mihr, damit ich mit disem alten noch länger soll gekwählet
wärden: o angst! o kwahl! o jammer! ich gläube nicht, dass ein mänsch ihmahls so
armsälig gewäsen ist als ich, und dass di höllen-kwahl häftiger sei, als di
meinige. Jah wohl rächt mahg man von unsern landes-läuten sagen, dass si sich
al-zu-sehr durch das gäld bezaubern lahssen; der verfluchte Reichtuhm verbländet
ihnen in wahrheit di augen so sehr, dass si weder auf libe, noch geschikligkeit,
noch tugend achten. Aber meine ältern mögen wüten, wi si wollen, so sag' ich
doch kurz und rund, dass ich kein gäld, oder keinen alten eh-kröpel, däs gäldes
halben liben kann! ei liber! was müssen dijenigen jungfrauen (derer hihr zu
lande, leider! sehr vihl gefunden wärden) [283] fohr eine libe tragen, di nuhr
blohs aus lib' und gihrigkeit zum gälde, zur ehe schreiten? der reichtuhm ist
ihr Lihbster, oder damit ichs deutlicher sage, der verfluchte gäld-teufel, dehr
mich izund auch zu bestrikken gedänket: aber ich schwöre bei meinem GOT, dass er
nimmer=mehr teil an mihr haben soll; meine sehle ist vihl zu ädel und vihl zu
lauter dahr=zu, dass si sich mit solchen wältlichen un=reinigkeiten beschmüzzen
soll.
    Als si äben dise worte här-aus-stühs, so kahm ihre kammer-dinerin, si zur
abänd-mahlzeit zu ruhffen, hinein, aber si wolt' ihr kein gehöhr gäben, wolt'
auch von keinem ässen noch trünken in dreien tagen hören, sondern lägte sich auf
ihr lager und weinete von härzen; si seufzete, si klagte, si wimmerleichte so
sehr, dass ihr alter freier ändlich gezwungen ward von ihr ab zu lahssen, und
sich mit höchstem unwüllen nahch hause zu begäben.
    Der Vater sah solches noch eine lange zeit mit an, und wusste nicht was er
begünnen sollte. Er hatte zwahr ein wenig mit-leiden mit den trähnen seiner
tochter (dann welcher mänsch wollte wohl so hart sein, dass er sich über sein
einiges kind nicht erbarmen sollte:) aber sein gäld-geiz gahb ihm fast
augen-bliklich di sporen, und strängt' ihn solcher gestalt an, dass er sich
ändlich entschlos, dise arm-sälige foländ arm-säliger zu machchen. Er nahm
ab-räde mit seiner Frauen, dass si auf den andern morgen sehr früe mit ihrer
tochter nahch Geldern zu-fahren sollte, und si ihrem alten Lihb-haber
einhändigen. Damit si [284] aber solches nicht märken möchte, so gaben si fohr,
dass si aus lust-wandeln fahren würden. aber di kammer-dinerin, welche von färnen
verstanden hatte, dass es nahch Geldern zu gälten sollte, brachte solches bei
ihrer Jungfrauen an, di ihr also bald schwanen lihs, dass man si zum trauen
zwüngen wollte; dehr-gestalt, dass si noch selbigen abänd dem Rit-meister
zu-entbüten lihs, dass er sich des andern morgens auf dem geldrischen wäge möchte
fünden lahssen, und si aus ihrer noht erlösen.
    Der Ritmeister nahm auf den andern morgen fünf reiter von seiner schahr zu
sich, und machte sich mit ihnen auf di geldrische hehr-strahsse, da er dann den
himmel-wagen, dahr-auf seine Lihbste mit ihrer Frau Mutter sahs, also-bald
erblikte. Er machte sich ganz aleine hin-zu, und lihs di reiter von färnen
nahch-folgen; Er boht ihnen einen guhten morgen, und frahgte di Mutter, wo si so
früh hin-aus gedächten? aber si gahb ihm keinen andern bescheid, als disen, dass
er sich dahr-üm nicht zu bekümmern hätte. gemach, gemach! meine Frau, fuhr er
fort, es stähet ja noch wohl einem bekanten fräund' eine frage frei; und wi
hätt' ich unterlahssen können, si im führ-über-reiten an zu sprächchen, in-dähm
es mihr sonderlich un-gewöhnlich führ-kömt, dass ich si bei so früher zeit
aus-fahren sähe? Als si ihm aber keinen rüchtigen bescheid gäben wollte, so fing
er ändlich zu ihr an und sahgte, dass si doch ihrer Jungfer Tochter vergönnen
möchte, zu ihm här-aus zu träten, dann er hätte ihr etwas in geheim zu sagen. was
si wüssen soll (gahb di mutter zur antwort) das mahg ich auch wohl wüssen; er
sag' es nuhr laut, damit ichs auch höre.
    Als er aber noch färner dahr-üm angehalten hatte, und si sich ganz nicht
dahr-zu verstähen [285] wollen, dass ihre tochter aus dem Himmel-wagen geträten
wäre, so gahb er ändlich seinen reitern einen wink, dehr-gestalt, dass der eine
sporen-streichs auf si zu-kahm, und dem kutscher stil-zu halten befahl. Di
ädel-fraue huhb an zu ruhffen, und hihs den kutscher fort-rännen: weil ihm aber
der reiter den reit-puffer fohr di brust säzte, so ward er gezwungen di pfärde
auf zu halten.
    Mitler zeit frahgte der Ritmeister di Jung=fraue, ob si ihm nuhn das-jenige,
was si ihm bei träu und glauben so fäst versprochchen hätte, halten wollte? und
wan si solches zu tuhn gedächte (sahgt' er) so sollte si zu ihm här-aus-kommen.
Di arm-sälige boht ihm also-bald di hand, und der eine reiter öfnete den
schlahg, damit si häraus träten könnte. Als nuhn di mutter solches sah, so fihl
si der tochter üm den leib, und hihlt si so fäste, dass ihr auch di übrigen
reiter, di zu dem andern schlage hin-ein-kahmen, im abträkken den daumen
zerbrachen.
    Also ward si mit gewalt aus den armen ihrer mutter här-aus-gerissen, welche
ihr ganz erbärmlicher weise nahch-rühf, ach! meine tochter, meine tochter,
wült-du mich nuhn so betrüben! wült-du nuhn deine ältern so gahr verlahssen!
Dise worte veruhrsachten, dass sich di Jungfrau mit weinenden augen nahch ihrer
mutter ümsah, und gärn widerüm bei ihr gewäsen wäre; aber der Ritmeister
sprahch ihr einen muht zu, und sahgte; weil si ehrst so ein härz gehabt hätte,
solches an zu fangen, so sollte si es nuhn nicht sünken lahssen; jah dass ihr von
Got und von den rächten wohl zu-gelahssen wäre, vater und mutter zu verlahssen,
und ihrem lihbsten an zu hangen. [286]
    Mitler-zeit ward si auf ein pfärd gesäzt, und nahch däm Hern-hause, dahr-auf
seine mutter wohnete, zu-gebracht; da si sich dann eine zimliche zeit, in
hofnung, dass der vater seinen gefassten zorn und unwüllen würde fahren lahssen,
auf-hihlt. Aber es wahr ümsonst, dass man solcher änderung von einem alten
geiz-halse wollte gewärtig sein. Es konnte nichts bei ihm verfangen, und es wahr
äben so vihl, als wan ihn eine gans anpfiffe, wan ihm etwan ein vernünftiger
mänsch einräden wollte.
    Di geistlichen kahmen ändlich auch dahr-zu, und gedachten di sachche mit
gelindigkeit zu schlichten, aber es half nichts; der alte bildet' ihm doch ein,
dass seine tochter schuldig wäre, einen solchen zu liben und zu ehligen, dehn er
wollte. Er begährte si nicht mehr fohr sein kind zu erkännen; er enterbete si, er
wollte si nicht mehr sähen.
    Bei so gestalten sachchen nuhn wollte si sich gleich=wohl, wider ihres vaters
wüllen, nicht trauen lahssen, und begahb sich, ihm zu gehorchen, nahch Reinwurf
in ein haus von des Ritmeisters fräunden; da si der Vater durch einen
geistlichen oft=mahls ermahnen lihs, dass si von dem Ritmeister ablahssen, und
seinem wüllen gehorsamen möchte; aber es wahr nuhn-mehr vihl schwärer, ihr ein
solches ein zu räden, das ihr unmühglich zu tuhn wahr: dann der Ritmeister hatte
si ihm durch solche seine träue dihnste so verpflüchtlich gemacht, dass si
nimmermehr von ihm lahssen konnte. Jah si lihs dem vater, als er noch immer mehr
und mehr anhihlt, zu-läzt zu-entbüten, dass si sich schohn fleischlich
zu=sammen-gefunden hätten: dann si gedachte durch solche noht-lügen den handel
däs zu eher zum aus=schlage zu bringen; wi es dann auch also geschahe.
    Der Vater bewülligte lätslich, dass si einander trauen möchten; aber er wollte
si nicht mehr fohr [287] sein kind noch erbin erkännen. Er vergahb ihr zwahr
solchen ungehohrsam, durch vermittelung ihres kindes, das si von dem Ritmeister
bekommen hatte; aber aus der erbschaft schlohs er si in seinem stiftungs-brife
gänzlich aus; ihdoch lihs er auf bitten und ansuchen ihrer mutter und fräunde,
noch fohr seinem tohd' eine nahch-stiftung schreiben, dahr-innen er si wider-üm
einsäzte. Dehr-gestalt, dass si, nahch seinem abstärben, und noch itsiger zeit,
di väterlichen gühter besizzet, und das hern-haus mit ihrem eh-manne selbst
bewohnet.
    Dises, mein gelihbtes Fräulein, ist di wunder=begäbnüs, di ich ihm
ohn-gefähr fohr zwe mahnden zu erzählen versprochchen; und ich aus dem mund'
eines fohrnähmen Frauen-zimmers, welches selbst mit dahr-bei gewäsen ist, als
sich solches begäben hat, vernommen habe.
    Ich mus in wahrheit bekännen, huhb di Rosemund hihr-auf an, dass es eine
rächt-wunderliche geschicht ist, und ich hätte nicht vermeint, dass es alhihr in
disen Niderlanden solche hart' und unbarmhärzige ältern gäbe. Ach! mein
Fräulein, fihl ihr Markhold in di räde, man fündet si noch vihl unbarmhärziger;
ich habe nuhr näulich eine freierei von einem von adel und einer fohrnähmen
bürgers-jungfrauen erzählen hören, da der Vater seine einige tochter, damit er
ihr das mutter=teil, so sich auf ein zimliches belühf, nicht häraus gäben
dürfte, an ketten hat schlühssen lahssen, als er vernommen hatte, dass si sich
verehligen wollte. Dan der geiz hat alhihr so sehr über-hand-genommen, dass auch
ofter-mahls di alten buklichten läute noch bis in ihre gruben hin-ein däm gälde
tahg' und nacht nahch-trachten, und nicht aufhören, si fahren dann dahrmit ganz
und gahr zur höllen hin-unter. [288]
    Man pfläget ins gemein von den hohch-deutschen zu sagen, dass si ehr-gihrig,
hohch-mühtig sein, und führ und führ nahch ehren zu sträben pflägen, wi es dann
di lautere wahrheit ist; aber hin-gegen das gäld liber hinten-an-säzzen, und
sich des wohl-standes befleissigen; von den Niderdeutschen wül fast das
wider-spihl erfolgen, weil si an ihrem reichtuhme so hart und fäste kläben, dass
si fast mit keiner gewalt dahr-von zu bringen sein, und sich vihl liber in dem
stünkenden schlamme der nidrigkeit und unehren härüm wälzen, wan si nuhr den
weiss- und gälben koht besizzen können, als nahch ruhm und ehren sträben. Dahähr
kömt es oft-mahls, dass manche zahrte jungfrau von ihren ältern, in-dähm si nicht
auf tugend und geschikligkeit, sondern auf den blohssen verfluhchten reichtuhm
sähen, so übel verehliget würd, dass si in ihrer ehe keine fröliche stunde, wan
si nähmlich bei einem solchen büffel und äsels-kopfe das junge, lustige läben
verschlühssen mus, zu gewarten hat. Vihl-mahls geschihet es, dass solche
eh-gatten, nicht alein das ihrige, sondern auch dasselbige, was si mit ihrer
frauen bekommen haben, verprassen und verschwänden, oder doch sonst
unfohrsichtiger weise durchbringen; dehr-gestalt, dass si beider-seits, da si
doch kurz zufohr sehr reich wahren, in di schmählichste armuht gerahten.
Vihl-mahls trägt es sich zu, dass ein solches junges weib, wan si von ihrem
tummen, filzigen manne nicht rächt [289] kann bedinet wärden, einen andern
suchet, und den ihrigen tapfer behörnet: ich kann si nicht verdänken, sondern will
vihl=mehr ihren ältern di schuld gäben, di si bässer hätten verheurrahten
sollen.
    Mein her dörfte däm nider-deutschen frauen=zimmer wohl eine guhte lähre
gäben (huhb di Rosemund mit lächlen an) und ich weus gewüs, di männer wärden ihm
höchlich dahr-führ danken. Aber ich möchte wohl wüssen, wi sich das
Frauen=zimmer von seinen unbedachtsamen ältern so un=billiger weise kann zwüngen
lahssen? ich sollte einen solchen mänschen, zu dehm ich keine libe, noch
fräundschaft, noch gunst trüge, nimmer-mehr ehligen können: wan ich gleich alle
meine gühter, und mein ganzes erbe verlühren sollte; ich wollte liber durch das
feuer gähen, und den tohd erkühren, als einen eh-gatten, wider meinen sün und
wüllen nähmen. Ach! was mus das fohr ein eländes jämmerliches läben sein! ach
behühte mich mein Got dahr=führ! Ich kann mihr fast nicht einbilden, dass ältern
können gefunden wärden, di solcher Zitischen und wilden ahrt sein, dass si ihre
leiblichen kinder, nuhr däs blohssen guhtes wägen so zwüngen, und ändlich wohl
gahr zur höllen hin-unter bringen dürfen.
    Man hat dehr-gleichen begäbnüsse gnug fohr augen, gahb Markhold zur antwort,
und man erfähret es noch tähglich, wi der rasende geld-teufel in den gemühtern
der betahgten herschet und wütet. ja er machchet si so blind, dass si fohr däm
schimmern däs goldes, und flinkern däs silbers nicht sähen können, was [290]
guht oder böse, was gleich oder krum ist. di finger an den händen erstarren, und
stähen zum gäld-scharren und raffen stähts gekrümmet. Ich kann in wahrheit
nimmer-mehr gläuben, dass ein solcher tol-sünniger, gäld-geiziger und karger
filz, nuhr so vihl ruhe hat, dass er einmal mit an=dacht bähten möge.
    Ich kann es auch äben so wenig glauben (fihl ihm Rosemund in di räde) dann wi
soll es mühglich sein, dass ein solcher mänsch, dehr auf seinen reichtuhm so gahr
erpicht ist, dass er weder tahg noch nacht ruhen kann, seine gedanken zu Got im
himmel länken könne. Der gold-klumpen zühet di härzen der mänschen an sich,
gleich wi der libes-stein oder magneht das stahl; und man darf sich nicht
muht-wüllig solchem laster unterwärfen, es fündet sich ohne dis mehr als
al-zu-vihl.
    So dürfte sich kein einig mänsch der kaufman=schafft befleissigen, fihl ihr
Markhold in di räde, weil man sich solcher gestalt muhtwüllig dem gäld-wucher
unterwürft. Jah freilich (gahb Rosemund zur antwort) dann, damit ich mit der h.
schrift räde, wi ein nagel zwischen der wand; so stäkt di sünde zwüschen dem
käuffer und verkäuffer. und man läse nuhr di ganze h. schrift durch, und suche,
ob ein einig ding so sehr verdammet würd, als der überflüssige reichtuhm: unser
heiland und sälig-machcher wül di reichen fast ganz aus seinem erbe-teil
aus-schlühssen. di lanz-knächte, di doch sonst von der izigen wält fast
verdammet wärden, haben noch ihre verheissung, und wärden in der schrift selbst
mit allerlei lohb-gesängen geprisen; [291] di gelährten, wi Daniel sagt, sollen
im ewigen läben leuchten wi des himmels glanz, und di rächts-beförderer wi di
stärnen immer und ewiglich: aber di reichen kauf=leute zu Tihr' und Sidon warden
dagegen wenig geprisen, und auf nihmand eifert di schrift und der mund der
wahrheit so sehr, als auf si. Der reichtuhm ist der sprüng- und brun=kwäl alles
bösen und aller laster, di nahrung der füllerei, der hurerei, der pracht und
anderer üppigkeit.
    So wül mein Fräulein (fing Markhold hihr=auf an) den reichtuhm so gahr
verdammen? Reichtuhm und reichtuhm ist zweierlei, gahb si ihm wider zur antwort,
es mahg ein mänsch wohl reich sein, und kann doch sein gewüssen unbefläkt
bewahren; der reichtuhm, dehn uns GOT im schlahffe gibet, dehr ist der rächte;
wan wihr nicht sorgen, noch mit angst und bekümmernüs dahr=nahch sträben. Aber
wihr vertühffen uns in disem gespräche zu sehr, da wihr doch di zeit zu
lustigern räden anwänden sollten.
    Gleich bei fol-ändung diser wächsel-räden kahm der Her Vater in das zimmer
hin-ein, seine libe tochter zu besuchen, und wahr über alle mahssen erfräuet,
als er si so lustig und so mundter antrahf. Er entfing auch den Markhold, als
den einigen heiland und artst seiner tochter, mit nicht geringen fräuden. di
lust und fröhligkeit sah man in seinem gesichte so scheinbahrlich entworfen,
dass si kein maler künstlicher fohr- und ab-bilden kann. Er wusste nicht, wi er
sich gegen den Markhold gnugsam bedanken sollte, dass er di müh-waltung auf sich
genommen hätte, seine unbäs-[292]liche tochter nicht alein zu besuchen, sondern
auch zu solcher märklichen bässerung zu verhälfen. Dan er konnte leichtlich
sähen, dass ihr nuhr alein durch ihn wahr geholfen und gerahten worden, und dass
er der einige mitler und wänder ihrer krankheit wäre.
    Das älteste Fräulein, Stil-muht, kahm ändlich auch dahrzu, und wahr äben so
sehr bestürzet, als der alte Her, da si ihre Schwäster in solchem verbässertem
zustande sah. Si unter-hihlten einander etliche stunden mit aller-hand
gesprächen, und es hätte sich noch länger verzogen, wo si nicht der
här-zu-nahende abänd gezwungen hätte, von ein=ander zu scheiden. Markhold must'
also seine Lihbste gesägnen, und sich mit dem alten Hern wider nahch Amstelgau
begäben, da er sich kaum drei oder vihr tag' auf-gehalten hatte, als di Rosemund
schohn zu einer solchen fol-ständigen gesundheit gelanget wahr, dass si ihn noch
fohr seinem abreisen selbst besuhchte.
    Es ist unmühglich zu beschreiben, wi das haus=folk über solcher jähligen
änderung so höhchlich erfräuet ward; und was der Her Vater noch selbigen abänd
fohr lust-spihle beställen lihs. Es ward in der dömmerung ein solches lihbliches
stirn- und seiten-spihl gehalten, dass der ganze garten da-von fol ward. ja es
wahr über-al in däm ganzen hause solche fräude fohr-handen, weil sich di
götliche Rosemund wider wohl auf befand, dass das gesinde lange zeit so frölich
nicht gewäsen wahr. Aber wi frölich, wi lustig auch dise Gesellschaft immer-mehr
sein mochte, so ward doch Markhold ändlich gezwungen, si zu verlahssen, und
seinen wähg des andern tages widerüm nahch Reinwurf zu zu nähmen.
    Di Rosemund wahr mit solchem geschwünden ab-reisen nicht wohl zu friden;
aber der wohl-stand [293] und ihre angebohrne zucht und höhfliche schahm wollten
ihr nicht so vihl gestatten, dass si sich däs=wägen gegen den Markhold beklaget
hätte. Di augen gaben zwahr mit stummen räden an den tahg, was si in ihrem
härzen wündschte; aber si hatte nicht so vihl macht über ihre zunge, dass si
solches ihr anligen här-aus gesprochchen hätte. Di matten blikke ihrer
betrühbten augen kahmen mit den hin=fallenden gebährden und ihrer schwachchen
stimme dem wohlstande so ahrtig zu hülfe, dass man dises götliche bild nihmahls
so lihblich, so ahrtig und so libes-entzükkend gesähen hatte, als da si sich in
solchem zustande befand. Wan ein mahler di trühb=säligkeit und das weh-leiden
ab-bilden wollte, so könt' er in wahrheit kein bässeres gleichnüs und äbenbild
dahr-zu fünden, als wan man si in solcher gestaltnüs entworfen hätte.
    So bald si in ihr zimmer aleine kahm, so säzte si sich auf das bette; ach!
sagte si, zu was fohr einem grohssen unglückke hat mich nuhr der ungeneugte
himmel erzihlet, und was würd mihr noch ändlich fohr ein ungestümes verhängnüs
über den kopf kommen! ich kann di vihlheit meines unglückkes nicht zählen, es
träkt immer eines das andere, dehr-gestalt, dass ich seinem wüten unaufhöhrlich
unterworfen bin. wan sich nuhr di stunde meines tohdes härzu nahen möchte, so
wolt' ich zur ewigen vergnügung von hinnen fahren, weil ich doch di zeitliche
nicht fünden kann. o eländes, o erbärmliches läben! andere suchen ihre vergnügung
in den irdischen schäzzen und [294] reichtühmern; ich aber, ob ich dise gleich
habe, so kann ich doch jene nicht fünden. alle schäzze der wält, alle reichtühmer
und alle herligkeit halt' ich vergänglicher und vihl geringer als rauch. was ich
begähre, das hab' ich; was ich wündsche, das säh' ich fohr meinen augen: aber
dehr einige schaz, dehr mihr so manche trähnen und so manchen kummer
veruhrsachchet, dehn kann ich nicht erlangen, wi sehr ich mich auch dahr-üm
bemühe. Ich darf nuhn nicht mehr hoffen, dass sich mein verhängnüs ändern wärde:
es ist aus; aus ist es, und ich wärde das ände bald sähen.
    In-dähm si solche worte mit seufzen här-aus gestohssen hatte, so lahg si
eine guhte weile stok=stille, nicht anders, als wan si in ohnmacht gefallen
wäre. Di augen waren halb eröfnet, der mund verblasset, di zunge verstummet, di
wangen verblichchen, di hände verwälket und unbewähglich; ja der ganze leib lahg
eine guhte zeit gleichsam ganz geist- und sehlen-lohs. ändlich erhuhb si sich
widerüm, und sahgte mit sehr klähglicher stimme; Jah mein unglück ist noch vihl
gröhsser, als ich mihr einbilde, indähm es auch zugleich noch ein anderes
erwäkket. ich bin armsälig, und verarmsälige dehnjenen, dehm ich alle libe, alle
fräundschaft und träue zu leisten geschworen habe. wan ich noch alein
unglücksälig wäre, so sollte mich mein unglück nicht so sehr betrüben; aber weil
[295] ich weus, dass ich meinen Gelihbten auch dahr-ein stürze, so kann ich mich
der häftigsten betrühbnüs nicht entäussern, und wärde mich nimmer-mehr zu friden
ställen.
    Als si solches gesahgt hatte, so ging si hin-unter in den garten, da si noch
eine guhte weile ganz alein här-ümwandelte, und sich in solchen tühffen gedanken
befand, dass si der einfallenden nacht kaum gewahr ward. Di Sonne wahr nuhn-mehr
ganz unter-gegangen, der mahnd stund mit seiner hälfte zwüschen den stärnen, und
schauete diser trühbsäligen mit traurigem gesichte zu: der himmel selbst wahr
aus mit-leiden entställt, und di wolken wussten nicht (so als es schine) ob si
eilen oder gahr verzühen sollten.
    Rosemund lihs sich lätslich entkleiden, und begahb sich in solcher
trühbsäligkeit zu bette. Aber es wahr nuhr ümsonst, dass si ihren kummer durch
den schlahf zu verjagen gedachte. Dan er hatte sich in ihr härz schohn solcher
gestalt eingesänket, dass er so bald nicht zu vertilgen wahr. Si brachte fast di
ganze nacht schlahf-lohs durch, und wahr auf den morgen so unlustig, dass si sich
schohn widerüm etlicher mahssen unbas befand. Der Her Vater besuhchte si sehr
fleissig, und bemühete sich mit aller macht, seine libe tochter widerüm zur
fol-komnen gesundheit zu bringen. Aber es konnte si nihmand tröhsten, als ihr
einiger trohst, der nuhn-mehr schohn wider entfärnet wahr. Si ward von tage zu
tage schwächcher, und hatte von däm nuhn an fast keine gesunde stunde. Der Her
Vater wollte si auch nicht widerüm von sich hin-aus auf das land lahssen, sondern
lihs ihr ein sonderliches zimmer zu=richten, dahrinnen ihr nahch mühgligkeit
könnte gedinet wärden. [296]
    Mitler-zeit ersuhchte si Markhold sehr oft mit schreiben, und erhihlt auch
alle-zeit antwort; aber waren di seinigen fol trohstes und hofnung, so waren di
ihrigen fol trühbnüs und verzweifelung. Si konnte sich ganz nicht beräden
lahssen, dass noch einige hofnung fohr-handen wäre: di unmühgligkeit schwäbet'
ihr einig und alein fohr augen, und machte si über-aus klein-laut. Gedachte si
an den anfang ihrer libe, so räuet' es si, dass si sich eines solchen
unter-wunden hätte, das si nuhn nicht fol-bringen könnte: Erwohg si den
fort=gang, so ward si betrühbt; betrachtete si das ände, so erzitterte si, und
es wahr ihr leid, dass si es nicht ändern konnte. Nichts aber kahm ihr
schmärzlicher fohr, als dass si keinen einigen mänschen hatte, dehm si ihr
anligen und weh-leiden klagen dorfte; dann Markhold wahr nicht zugegen;
Adel=mund, dehr si sonst alle ihre heimligkeiten, di si unter ihrem härzen
verborgen truhg, entdäkket hatte, wahr al-zu-weit entfärnet; dem Hern Vater
konnte si nichts dahrvon sagen; und ihre Schwäster wollte si es auch nicht wüssen
lahssen; dehr-gestalt, dass si nihmand hatte, dehm si ein teil ihrer bekümmernüs
auf-bürden könnte.
    Solcher-gestalt ward di wunder-schöne Rosemund ihres jungen läbens weder
sat, noch fro, und verschlos ihre zeit in lauter betrühbnüs. Was aber mehr von
ihr zu beschreiben ist, und wi es ändlich mit ihrer krankheit hin-aus-gelauffen,
das würd eine von ihren guhten Fräundinnen selbst auf-säzzen, und der
träu-libenden wält vihl-leicht öffendlich zu läsen gäben. Mihr wül dannenhähr
nichts mehr gebühren, als dass ich das-jenige unberühret fohr-bei-lahsse, was ihr
eine vihl-geschiktere hand schohn zu beschreiben fohr-genommen hat. und es ist
ohne dis mehr [297] als alzu vihl, dass ich mich hab' erkühnen dürfen, ihre
heimligkeiten zu offenbahren. ih-doch weil es solchem götlichen mänschen-bilde
zu nichts, als zu einem unstärblichen namen, gereichen soll; so würd es ein
ruhm-und tugend-libendes Frauen-zimmer in allem bästen vermärken, und mit mihr
zu allen zeiten erhöben das rühmliche gedächtnüs der über-mänschlichen
Adriatischen ROSEMVND.
                                     AENDE.
                                                                           [298]
 
[299]
                           Filip Zesens von Fürstenau
                        Lustinne, der un-vergleichlichen
                 ROSEMUND zu ehren und gefallen verfasset, und
                                 DEM SUCHENDEN
  über-eignet. mit noch etlichen lustigen äben selbiges verfassers getichten.
                                                                           [300]
 
                                     Auf di
                                   ROSEMVND.
                                       i.
Der blumen schahr, mit grohsser zihr bekränzet,
Des länzen lust, der bihnen aufentalt,
Wovon der plahn der ärden jährlich glänzet,
Ist zwahr fol schmuks; doch stürbet si gahr bald.
                                      ii.
Der Echo brunst, di blühte des narzissen;
Di Tulipahn, der Lilien keusche pracht
Vergäht und schwündt: jah wovon wihr nuhr wüssen,
Würd durch das recht däs stärbens hingeschlacht.
                                      iii.
Wan es nuhn wahr, dass alles mus verbleichen,
Was nicht bestäht durch schrift und klugen geist;
So kann kein tohd, di Rose-mund erreichen,
Di dise Schrift däm stärblich-sein ent-reisst.
                                                                   Der Mundtere.
                                                                           [301]
 
                                     An di
                                 über-irdische
                                   ROSEMVND.
Kom, ädle Rosemund, komt hähr ihr Amstelinnen,
ihr töchter bei der Lech, ihr lihblichen Lindinnen;
der kühle mäi komt auch, der jahr-markt aller lust,
und zeugt der frohen wält di wider-junge brust.
Kom schöne Rosemund, komm unter dise linden,
lahs mit der windters-zeit den schwären unmuht schwünden,
und gihb mihr günstig zu, dass ich auf disen tahg
fohr deiner Amstel-burg von libe süngen mahg.
Des Himmels keusche braut, di ärd', ist schwanger worden,
der weisse west vertreibt den sauren wind von norden.
der wider-grüne wald krihgt ohren und gesicht;
der frechche wider-ruhf schweigt auch sein klagen nicht. [302]
Bluhminne stükt ihr kleid mit tulpen und narzissen;
di hiazinten-blüht schühsst auf bei klahren flüssen,
wor-in das klähglich' ach annoch geschriben stäht:
der lor-behr-baum grühnt auch, auf dehn kein donner gäht.
Der Bluhmen-käserin, di rose, so fohr zeiten
auf keinem dornen stund, begünnet aus zu breiten
der blätter blasses roht, da noch der feuchte kus
(durch dehn di morgen-röht ihr purpur leihen mus)
di fahlen furchen zeugt. Di vogel höhrt man süngen,
und ihr- und unsrem Gott' ein morgen-ständlein bringen;
es zwitschert jah so schöhn di sühsse nachtigal,
bald brummet si den grund, und züht den mittel-schal
bald hohch, bald über-hohch. man höhrt di buhlen-lider,
das lust-folk gattet sich mit schnäbeln hin und wider;
da sich das hürten-folk ins kühle grühne säzt, [303]
und eine schähfferin mit ihrem buhlen läzt.
Das stumme schupen-hehr sprüngt, klitschert, sträucht und leichet
in seiner warmen fluht: der reh-bok über-schleichet
di hindin unvermärkt; er hökkert, hüpft und sprüngt,
und ist in seiner brunst. jah alles, alles bringt
dis jahr mit liben zu. Di kräuter sein verlibet,
Forst, wisen, tahl und fels zur libe sich begibet.
Lustinne schlägt nuhn auf ihr frohes libes-zelt,
wo Lihbreiz, als ihr sohn, zum Zeltner ist beställt.
Es tanzen üm si rüm di fräundlichen Holdinnen,
di ihre zohffen sein, di Hold-sün-räuberinnen.
ihr wagen stäht alhihr, ihr wagen fol rubihn,
dehn durch di graue luft zwe weisse schwäne zühn.
Den reichs-stuhl säh' ich auch, dahr-auf Lustinne sizzet,
di Libes-königin, und durch di lüfte blizzet, [304]
fohr dehr ein grohsses folk demühtig nider-kniht,
da Lihb-reiz üm und üm mit güldnen pfeilen sprüht.
der weih-rauch steigt entpohr. man sihet auf den höhen
di gaben angeflammt in follem rauche stähen.
Ganz Deutsch-land stället nuhn der Freien feier ahn,
und süngt, auch in der angst, so, als es nih getahn.
Ich wül nicht lätster sein. Lustinne lahs mich sprächchen
von dihr und deinem sohn; lahs aus dem munde brächchen
das sühsse zukker-wort; komm, schärfe meinen sün,
komm, wezze meinen geist, du sünnen-gäberin.
Di fäder rührt sich schohn, di mihr der kleine schüzze
aus seinen flügeln gahb, verzukkert an der spizze,
di nuhn so lihblich knarrt, dass manches jungfer-bild
di zahmen ohren neugt, di fohr-mahls mehr als wild.
Das auge, das sonst star, siht man fohr libe glimmern,
wan auf däm weissen blat di schwarzen dinten schimmern, [305]
di mit dem Azidahl, der blau-belihbten fluht,
Libinne selbst vermischt, das tuht den augen guht.
Wohlan! weil ich fohr-längst zu süngen dich erläsen,
so süng' ich, Freie, dich, doch nicht dein ganzes wäsen;
es ist zu hohch fohr mich: mein geist verfleugt sich nuhr,
und kömmt durch so vihl wäg' aus seiner rächten spuhr.
Der Grich' ist zweifälhaft; der Römer hats verloren,
und weus nicht rächt, wi, wan und wo du bist geboren.
der Deutsche gläubt gewüs und schreibet einerlei,
dass seine Freie blohs von Deutschem bluhte sei,
Istevons Eh-gemahl, dehr von dem Man und Sonne
sein ehrstes wäsen hat, der Deutschen lust und wonne;
ja dehr im deutschen reich der vihrde könig wahr,
und nahch ihm hat genännt der Istevoner schahr.
Was machst-du, Griche, nuhn? mein! sage, wo Schauminne [306]
(wi du di deine nännst) ihr ehrstes sein gewünne?
der name zeugt es an, wi dehr von Sulmo sprücht,
dass si des himmels bluht und salz-schaum bracht' ans lücht.
Di perlen-muschel auch ist mutter, amm' und wagen,
als di si durch das mehr nahch Zipern zu getragen,
al-da das Lust-kind ihr als-bald entgegen ging,
und seine meisterin zum ehrsten mahl entfing.
Vihl Röhmer sagens auch; di ihre Venus ehren,
und durch di Tichterei ihr hohes lohb vermehren.
doch sein si nimmer eins; was einer izund sprücht,
das hat er oft-mahls selbst schohn anders üm-geticht't.
O Venus, was sahgst-du? wo bistu hähr geboren?
hast-du dein Vaterland und ältern dann verloren?
ist keine mutter da? wi? ist's Dione nicht,
di dich von Jupitern gebracht ans tage-lücht? [307]
O jah, si ist es auch: drüm heist-du Dioninne,
du feuchte Venus du, du himlische Lustinne.
Was aber höhr' ich noch? was schreibt uns Plato führ,
was sahgt Pausanias und Zizero von dihr?
Bestähet dann dein reich auf dreierlei personen,
di alle sein gezihrt mit unterschihdnen kronen?
da eine götlich ist, und wohnt in got al-ein;
di ander himmelisch, und nümmt den himmel ein;
di dritte von der wält, di irdisch ist und heisset,
und di beleibte fehl' zu zähmen sich befleisset.
di lätste, di bist-du, du Sehlen-herscherin,
di dises ganze rund beherscht von anbegün.
Du bist es, di Ovihd und Saffo so geprisen,
du bist es, dehr di wält ganz-götlich' ehr erwisen,
du bist es, di ich süng, du bist es nuhr alein, [308]
dehr so vihl bärge, büsch' und brunnen heilig sein.
Dehr so vihl länder, bäum' und stätte sein geweihet;
du bist es, dehr man nichts als schöne bluhmen sträuet.
di mirte kömt dihr zu; di ros' ist deine lust,
di manche jungfer trägt inzwischen ihrer brust;
mit welcher si gemach der buhler augen beizet,
und manche geile hand zum falschen griffe reizet:
da dann der kleine schalk, dehr nuhr auf list bedacht,
so dein und Hermes sohn, in seinen köchcher lacht.
wan sich di röhtin pflägt aus ihrer burg zu machchen,
züht fohr der sonnen auf in purpur und scharlachen,
und durch ihr gold vergüldt das silber auf der se,
dann gäht dein schöner stärn und flinkert in der höh
fohr ihren strahlen hähr. jah wan si se-wärts steiget
und üm das schlahf-gemach der schönen sonnen fleuget, [309]
di schohn in sühsser rast, so siht ihr auch von färn
mit fahlem munde nahch dein schöner abänd-stärn.
So ehrt dich Jupiter. Du kanst di Götter zwüngen,
und an das saure Jogh der sühssen libe bringen.
du bist es, di aus krihg den ädlen friden macht,
weil dich der kriges-her fohr seine Göttin acht't.
Des tichters stränger geist, di sühssen wütereien,
di eifer-folle brunst, di ihn der wält entfreien,
(wan er so klühglich ras't, entmuhtet seinen muht,
entärzt sein irdisch härz, und nichts als götlichs tuht)
bestähn auf vihrerlei; auf libe, kunst und deuten
was künftig soll geschähn, und tühffen heimligkeiten.
das ehrste würkest-du, du wez-stein der vernunft,
drüm ehret dich so hohch der tichter grohsse zunft.
Mein! schaue Deutschland an, wi seine Boberinnen [310]
so fräundlich lachchen zu den lihblichen Muldinnen,
di fohr-mahls eingeschlähft, und nuhn durch dich erwäkt,
auf ihrem Helikon ihr zeuchen auf-gestäkt,
das mit der kriges-fahn' auch üm di wette flüget,
und mitten in der angst däm andern folk' obsiget.
Ein hohes lohb führ si; ein höhers noch führ dich,
du deutsche Freie, du. Dein Folk erhöbet sich,
stürbt ab der stärbligkeit, steigt wi di palme pfläget
im prässen mehr entpohr. Schau an wi sich bewäget
der deutsche Helikon, wi unser Mars auf-klümmt,
der Held von Boberfeld di sühsse laute stimmt,
dadurch ein stählern härz mit-leidendlich mus wärden,
des muhtes unmuht schwündt, und reisst sich von der ärden
zu dähm, was himlisch ist. Kom, schaue, wi dich ehrt,
das ganze deutsche reich, und andre süngen lehrt; [311]
wi Hübner ehrst begünnt; der währte Held im krigen
und süngen meister würd; wi dich nahch wohl-begnügen
der grohsse Buchner ehrt, der durch-erleuchtte Man,
dehm sich kein Zizero noch Maro gleichen kann.
Der grund-gelährte Bahrt hat auch auf deutsch gesungen,
und Flämming aus-getrükt, was manchem auf der zungen
zwahr ist, doch kläben bleibt. Der Wäkkerlein süngt mit,
so vihl als ihm vergönnt. Venator, Köhler, Schmid,
Mein Rumpler und mein Weinz; di mit den beiden Böhmen
di fäder eingetaucht in Aganippe ströhmen:
Hahrsdörfer, Oleahr, mein Rist, mein Petersohn,
mein Schottel, Finkeltaus, dehr seine lorbehr-krohn
mit mirten hat vermischt: Lund, Tzepko, Schneider, Grummer,
Freinzheimer, Hartman, Tihz vergraben ihren kummer
in unsre tichterei. Mein Brähm' und Hahneman, [312]
Jah Schweiniz, Heinsius und Plav süngt was er kann.
Mihl, Herman, Tscherning, Dach und Golau spilen alle:
Mein Schlüter, Bachman, Weiss' und Rinkart gähn mit schalle
den wähg der ewigkeit. Des Buhchholz kluger geist
ümschreibt das schöne buhch, mit dähm sich Vogel reisst
aus seiner stärbligkeit. Woaus! mein geist, halt innen,
halt in, und mäld' auch an di ädlen tichterinnen,
da-durch das Deutsche Reich und seine Freie blüht,
di Lachmund süngen lährt, und Fräudiginn' erzüht.
Schau' auf, Lustinne, schau, wi dich di Schwarzin ehret,
tanzt üm den mirten-stok, und deinen ruhm vermehret;
wi di von Rosentahl, di ädle Parnassin;
wi di von Hohendorf; Sofie Vismarin;
jah wi dich Hildegond von Westohn so besünget,
auf hohch- und nider-deutsch di libes-seiten zwünget;
wi dich di Duhm-waldin so rühmlich macht bekant, [313]
dass auch von Braunschweig ab ins reiche Niderland
ihr klahrer tohn erschallt. Schau, was di Schöne tichtet,
und wi si dihr ein lob bei aller wält anrüchtet;
wi jenes Adel-bild dort von der Guhten an
dich ehrt und andre mehr, di zwahr von deinem tau
entnüchtert, doch vihlmehr im dunkeln spilen wollen,
und lahssens keinen sähn, wan si der libe zollen:
drüm bin ich wüllens stum, verwundre mich nuhr sehr,
als ich mich wundern mahg, und nänne keine mehr.
Noch eins. ei liber schau! wi alle deine sachchen,
di ädle Magdalehn von Beverfurt kann machchen,
und graben nahch der kunst dein bild in kupfer ein,
dass auch Pirgoteles ihr lährling selbst wül sein.
dis alles kömmt von dihr, und würd durch dich getriben,
dis alles würkest-du, du starke kraft im liben, [314]
du himmels-fürstin du, du macht- und eifer-kind,
di allen mänschen ab- (ja göttern selbst) gewünnt.
Däs lobes alp, der neid, vermahg dich nicht zu trükken,
di götter müssen sich fohr dihr, Lustinne, bükken:
wihr arme ligen gahr und fühlen deine macht,
wihr sein, wan du begünnst, bei läben tohd geacht.
Der glider kraft verschwündt, der leib fäht an zu zittern,
wihr seufzen ach und weh, wan Lihbreiz pflägt zu kittern:
wihr lauffen, wan er kömmt; wihr weinen, wan er lacht,
di zunge stummet sich; so bald sein boge kracht.
di hare stähn bärg-an. Di röhte streicht den wangen
ihr feuer-zeuchen auf, wan du uns hältst gefangen:
das auge zeuget Ihr mit stummen räden ahn,
den innerlichen sün, und lässet manche trahn.
Wan du uns bildest fohr di schöhn-vermeinte Schöne, [315]
so schwizzen wihr fohr angst, das ohr ist fol getöhne,
di lüchter sein halb blind: der Antioch würd krank,
das feuer-folle bluht verdoppelt seinen gang,
steigt aus der läber auf, wo du, Libinne, sizzest,
du härzens-herscherin, das ganze bluht erhizzest;
kömmt dann Stratonize, so häuffet sich der kwäl,
der schlahg würd ungestühm, und schläget mehr als schnäl.
Dein Naso lihs't den brihf mit zitterlichen händen,
dehn ihm Zipasse bringt, kann nichts zurückke fänden
als nuhr ein blohsses ach! du reizest Alkmans geist,
dass er zu allerehrst sich aus den schranken reisst,
und schreibt ein buhlen-lihd. Alzeste stürbt aus libe,
dass nuhr Atmetus lähb'. auch was Petrarche schribe
der schönen Laure zu; dass Orfeus sein gemahl
aus Plutohns schwarzer burg mit seiner harfe stahl, [316]
das ist der libe schuld. Als Brutus ward erstochchen
hat seine Porzie sich an ihr selbst gerochchen,
und kohlen eingeschlukt. Gunilde stahch sich tohd
bei Asimundus grab. Pantee kahm in noht
als Abradat verblich. Laodamie wollte,
dass si nuhr noch ein-mahl den schatten küssen sollte
des tohdten eh-gemahls; so eifrig wahr di lib',
dass si auch bei däm grahb' im küssen tohd verblib'.
Achilles lidte vihl üm seiner Briseis wüllen,
und konnte seine Lihb an keiner andern stillen.
Viktorie gläubt noch, dass si ihr Ferdinand
nach seinem tode lihbt, so sehr ist si entbrant.
Zu-vihl ist ungesund. Halt nuhr ein wenig inne.
und wüte nicht zu sehr, du starke Lihbs=lustinne,
di fülle macht zu sat, und satsamkeit verdrus, [317]
und diser töhdtet gahr durch satten über-flus.
doch du hast keine schuld. Dass wihr mit weinen lachchen,
das kann ein frechches weib mit geilem leibe machchen;
dass wihr im läben tohd, bei kummer lustig sein,
ist unser wül und wundsch. wihr selbst sein unsre pein
und eigener verdärb. Den ganz verkährten wüllen
mus ihm ein frommer mänsch durch keusches läben stillen,
nicht sähn auf eitle lust, auf äusserlichen schein,
noch selbst in solcher sucht zu sehr vertühffet sein:
sonst möchten ihn vihl-leicht franzosen überschleichen,
das Neapohlsche weh, di fürstin aller seuchen.
Nizete läbet noch, di reiche Rodope,
di Tais von Atehn, di geil' Aspasie.
ja Frine macht auch selbst den raht sinopissiren,
Zirehn' hat ausgelärnt di jugend zu verführen [318]
in zwölferlei gestalt. wi manche Metra rafft,
guht, bluht und ehre fort mit ihrer falschen haft!
Drüm wäg du geile wält, ihr buhlerischen frauen,
di uns ins angesicht mit frechchen augen schauen,
di unsrer sehlen nichts als nuhr ein ir-wisch sein,
und führen in den sumpf der lästerlichen pein.
wehr kann gesichchert sein, wan sich Franzinne schminket,
und mit verbuhlter stirn' und geilen augen winket;
di auf französisch' ahrt gleich wi ein affe tuht,
di fremde näurung lihbt, und zeugt den wankel-muht,
in-dähm si nicht so oft ein weisses hemd' anläget,
als si das ober-kleid des tahgs verändert träget.
di frommen mein' ich nicht. ich sähe nuhr auf di,
di jenen buhlern nahch mit follem munde schri:
komt, lahsst uns lustig sein, das bett' ist schohn geziret, [319]
di walstat ist bereit, das bol-wärk auf-geführet:
di mein' ich, di nichts tuht. ein wohl-gebildtes weib,
das uns nuhr lüstern macht, entblöhsst den geilen leib,
ist ein gemeiner bal, den buhlern ein verlangen,
den ältern eine schmahch, dem mann' ein köstlichs prangen,
der andern frauen has: di sich den ganzen tahg
mit fremden sachchen schmihrt, auf dass si blinken mahg:
di sich mit ötter salbt, das aus dem nabel schwöret,
aus bisem-kazzen fleusst, und ihre schöhnheit mehret;
di fohr ihr angesicht des luchses pisse nüzt,
di er aus neid vergrähbt; di küh-drek-wasser sprüzt
auf beide wangen hin, sich schöhn und glat zu machchen;
di seiden-würmer-koht und vihl dehr-gleichen sachchen,
mit hauffen samlet ein, schlähfft kaum di vihrteil nacht,
mit schwarzen schwedichen ihr antliz weisser macht,
und wäschet sich mit milch. Dis wüssen jene weisen, [320]
drüm wül Diogenes gahr keine fraue preisen,
und als er sah ein weib am feigen-baum' erhänkt,
sprach er; säht disen an, was er fohr früchte schänkt!
o möcht' ein ihder baum dehr-gleichen früchte tragen,
so könt' ein man noch wohl von guhtem glück sagen!
Pitagoras, dehr auch dem feinde schlimmers nicht
als seine tochter gönnt, weus auch von ihrer gücht.
Kurz. si sein stähts bemüht der männer härz zu zwüngen,
und samt däm ihrigen in noht und tohd zu bringen,
weil ihre geile gluht nahch keinem andern dürst't,
dass fast fohr grohsser hizz' ihr flammend härz zerbürst.
Lustinne, so du kanst, sprüng bei den armen fehlen,
di sich in ihrer gluht so ängstigen und kwählen.
weust-du kein mittel nicht? soll wohl zu solcher pein,
zu kühlen ihre gluht laktuke dihnstlich sein? [321]
damit du den Adohn, dein libes Lihb bedäkket,
und unter ihrem kraut' und stauden hast verstäkket?
soll's wohl der Kamfer tuhn, den sonst di Nonne braucht,
des Nikots scharfes kraut, das aus dem munde raucht,
und trüknet das gehirn? soll kümmel da=fohr dinen,
ein trank von kaltem schneh mit blaulichten rosinen?
es mahg wohl etwas sein: ich halte ganz daführ,
dass nichts als mähssigkeit zerstöhrt di Lihbs-begihr.
Doch lahsst uns nicht so gahr di libes-lust vertreiben;
das mittel ist das bäst', und würd das bäste bleiben.
wehr ganz nicht liben wül, dehr läbet ohne lücht,
wehr al-zu-eifrig lihbt, hat sähend kein gesicht.
Man mus nicht al-zu-vihl das bluhmen-beht besprühen,
im fal di bunte tulp' und nälke wohl soll blühen.
zu wenig, oder nichts, kann auch nicht dihnlich sein; [322]
das mittel-mahs schänkt uns das satte gnügen ein.
Der himmel, wan er izt in trähnen ganz zerflühsset,
und auf den räben-stok di kalten ströhme gühsset,
würkt keinen sühssen trunk: jah, wan der sonnen-strahl
zu hizzig brännt und flammt, und rägnet nicht ein-mahl
wi soll di traube dann mit most geschwängert wärden,
di annoch zahrt und klein? so wan das rund der ärden
di ganze weite wält ganz lihb- und eh-lohs stäht,
wehr ists, dehr zweifeln wül, dass si nicht gahr vergäht?
Drüm, Lachmund, sei gegrühsst, Lustinne, sei wül-kommen,
der Amstelinnen schahr kömmt an den strand geschwommen,
der Nord-stärn blizt uns an. Trit Rosemund härführ,
du götlichs mänschen-kind, dein Markhold ist alhihr.
komm ädle Rosemund, neug' ihm di zahrten ohren,
dehm du zu liben nuhr so lihblich bist geboren, [323]
dehr ist es, dessen sün dein trauter Pilgram ist,
und des gedanken du di stähte walfahrt bist.
komm, nüm den rosen-kranz, du rose diser zeiten.
der libes-knaben hehr verfühgt sich dihr zur seiten.
Brüch an, du ädles lücht, und zihre disen tanz,
bestrahle dise zunft, du aller strahlen glanz.
Dich hält Venedig zwahr, der stätte Käserinne,
als tochter lihb und währt; doch wüsse, dass Deutschinne,
dich, über-mänschlichs bild, noch währt- und höher hält,
und dihr zu lihb' ihr sohn dis lust-spihl angeställt.
                                    Oedipus,
                                      oder
                      Entwükkelung etlicher fremden namen
                              und ahrten zu räden.
Ich zweifle nicht, es wärde der Läser straks im ehrsten anblikke dises
getichtes, teils fohr verwunderung erstarren, teils aus grohssem verlangen
begirig sein zu wüssen, was das spannäue wort Lustinne bedeute. Dahr-üm sei er
berüchtet, [324] dass wihr di königin der libe (sintemahl unser augen-märk ist,
guht deutsch zu räden, auch di ertichteten Götter und mänschen, wo immer
mühglich, in angebohrner sprache zu benamen, ih und alwäge gewäsen) nicht mit
dem lateinischen namen Venus, oder Grichischen Afrodite, sondern vihl-liber mit
unserer eignen zungen Lustinne, oder (wi er uns von den alten deutschen ist
hinterlahssen worden) Freie benamen wollen: auch dass ihr sohn der Grichen Eros,
und Römer Cupido oder Amor, den namen Lihb-reiz oder Lust-kind, üm dass er von
ihderman däszu bässer könne verstanden wärden, über-kommen. Mehr dehr-gleichen
wärden uns in der folge zu entknöhtelen aufstohssen; als:
    In der 13. zeile, Bluhminne. Dise ward von den Römern unter dem namen Flora,
oder Chloris, als eine göttin der bluhmen verehret. wihr könten si auch von
ihrem gemahl dem West, Westinne; wi si di heidnischen tichter vom Zefihr,
Zefiritis, nännen.
    14, und 15. Di hiazinten blüht, u.w.f. Hiacyntus war ein schöner jüngling,
welchem Föbus eine spihl-scheibe zuspilete, dadurch er im al-zu-geschwünden
auf-fangen verläzzet, stürbt, und vom Föbus aus mit-leiden in eine
purpur-färbige lilie, dahr-ein er seine seufzen und des jünglings namen
schreibt, verwandelt würd. Ovihd im 10. seiner üm-gestaltnüsse.
Ipse suos gemitus foliis inscribit: & AI, AI
Flos habet inscriptum: funestaq; litera ducta est.
und etliche zeilen fohr-hähr:
Tempus & illud erit, quo se fortissimus Heros
addet in hunc florem; folioque legetur eodem. [325]
Teokrit: Nyn yakinpe lalei ta sa grammata kai pleos Ai Ai.
lambane tois petaloisi - - - -
dahähr gibet Virgihl zu rahten auf:
Dic; quibus in terris inscripti nomina regum
nascantur flores? - - - - - - -
    Also wärden nuhn dise bluhmen hiazinten (gleich-sam als ia cynti
Föbus-violen, oder lilien) genännet, in welchen noch, fohraus in den
purpur-rohten, di buhch-staben Ai, Ai, oder ach, gahr eigendlich zu sähen sein.
    16. Dioskorides und Avizenna sagen, dass der lor-behr-baum (in welchen Dafne,
wi Ovihd im ehrsten buhche bezeuget, ist verwandelt worden) von keinem
donner-schlage berühret wärde. da-hähr der mehr als mänschliche,
himmels-flammende Flämming, an Herzog Fridrichen zu Schleswig und Holstein,
solcher mahssen:
wi wan das wetter blizzet,
und auf den dikken wald di donner-keile sprüzzet,
di steinern eiche spällt, der füchten kraft zerbrücht,
blohs an den lohr-behr-baum wahgt sich kein donner nicht.
    17. Di bluhmen-Käserin, di Rose,] Achilles Tahz erzählet im andern buhche
aus der Tichterin Saffo gesängen in ungebundener räde, dises: wan Jupiter den
bluhmen einen könig hätte gegäben, so herschete unter ihnen di rose. dann si ist
der ärden zihrraht, der pflanzen schmuk, der wisen röhte, eine schimmernde
schöhnheit. Si ist lihb-reizend, der Lustinne versöhnerin, mit schönen blättern
geziret, mit ädlen zweigen belustiget: des west-windes angenähmer kälch. Basihl
im buhche von der Schöpfung sagt: dass di rose sonder dornen gewachsen sei; dann
si wären ehrst nach des mänschen fall', ihm zur strahffe, den rosen-stökken
angewach-[326]sen. fast auf disen schlahg schreibet Augustihn im 1. buche von
der schöpfung, wider di Manichäer, in der 13. abhandlung. Besihe auch des
Kononhehrs Fohrwüzzigen unter-rücht, am 219. blate.
    37. Di Holdinnen] also nännen wihr di drei Grazien, Charites, oder
Charitinnen, des Jupiters und Eurimones; oder, wi etlichen belihbt, der Venus
töchter: welche als göttinnen der huld' und dankbahrkeit, und fohr der Venus
kammer-jungfrauen gehalten wärden. Ravisius Textor im Schau-plazze am 847.
widerüm am 1. und 67. blate Horahz:
Iunctæque nymfis Gratiæ ducentes
alterno terram quatiunt pede.
    40. Der Lustinnen oder Venus wagen soll von zwe schwanen gezogen wärden.
Stahz im 1. buche:
- - talamique ingressa superbum
Limen Amyclæos ad frena citavit olores.
    Di Tichterin Saffo im gesang an di Lustinne eignet ihrem wagen di unkeuschen
sperlinge zu: andere, zwo weisse tauben.
    59. Azidahl ist ein brunnen bei der statt Orkomehn in Beozien, der Libinnen
geheiliget.
    69. Istevons eh-gemahl:] Istevon, wi Scheräus am 215. bl. bezeugt, ist der
vihrte könig der Deutschen gewäsen, und hat di Freie zum gemahl gehabt, welche
fohr di deutsche Venus gehalten und geehret ward. Dahähr das wort freier,
freien, das ist, ehlichen oder trauen, wi auch der frei-tahg, als dehr ihr
geheiligt ist, entsprungen. Er ist vihl-leicht des Mans, welcher einer von den
uhr-fort-pflanzern däs deutschen bluhtes sein soll, und der Sonnen sohn gewäsen.
Tazitus gedänket in seinem büchlein von der alten Deutschen gebräuchen und
hähr-kommen, dass von ihm di Istevonier ihren uhrsprung genommen hätten. [327]
    73. Schauminne, oder Afrodite, das ist, schaumigte: also nännen di Grichen
ihre Lustinne, oder Venus; weil si, wi Pausanias sagt, in einer Perlen-mutter
vom salzichten mehr-schaum' und bluhte des himmels entfangen und geboren sei,
darinnen si härnahch in der Stat Pafos, im in-lande Zipern angelanget, und den
Lihb-reiz oder Kupido, dehr si daselbst ehrst-mahls wül-kommen geheissen, zum
ädel- und ehren-knaben bekommen habe. Lilius Girald und Fest sagen, dass si
zu-ehrst in der muschel am Inlande Ziteren angeschwommen sei: Homerus schreibt,
der West oder Zefir habe si ohne muschel in Zipern angeführet. Museus im
Leandern. Horahz im 4. b. 11. lide. Tibul b. 1. Klahgl. 2. Ovihd und di meisten
tichten, dass si ohne mutter aus dem salzichten schaume geboren sei. Apelles hat
si auch, wi Plinius b. 35. abt. 10. mäldet, also ab-gemahlet; dahr-auf Sidon
Antipater dise schöne bild-schrift gemacht hat:
Egressam nuper Venerem de marmoris undis
aspice, præclari nobile Apellis opus.
Exprimit æquoream manibus de crinibus undam,
è longis spumas exprimit illa comis.
Hac visâ, Pallas sic cum Iunone locuta est;
De formâ Veneri cedere jure decet.
Hihr-von mahg geläsen wärden Natahl Komes, und Bernhard Zesius in seiner
Schaz-kammer von natührlichen untersuchungen, bl. 294. B. 3. abt. 2. Vallesius
in der heiligen ahrtforschung, abt. 34.
    Zizero im 3. b. von der selbheit und eigenschaft der götter, gedänket
unterschihdlicher; als, di ehrste Venus (sahgt' er) sei eine tochter des himmels
und des tages: di zweite aus dem schaume der se geboren, welche Kupido, den
andern dises namens, von dem Merkuhr entfangen und zur wält gebracht: di dritte,
Jupiters und Junonen tochter, [328] welche Jupiter dem Vulkahn vermählet, und
von dem Mars den Anteros, das ist, di gegen-libe, geboren hätte. Di vihrte,
gezeugt von Sirus und Sirie, oder Astarte, welche den schönen Adohn geehliget.
hihrvon besihe weit-läuftiger den Nihf; Marks Ekwikolen; Plotinen, welche
ausführlich von der libe geschriben: wi auch Karl von Mandern über di Ovidischen
Verwandlungs-bücher.
    75. Dehr von Sulmo] In diser Stat ist Ovihd Naso, der libes-tichter fürst,
41 jahr fohr Kristus gebuhrt, nahch erschaffung der wält, 3923 geboren, bei
welchem Lustinne von ihr selbst im 4 der Verwandlungs-bücher also rädet:
- in medio quondam concreta profundo
spuma fui, Grajumque manet mihi nomen ab illâ.
    87. Vihl schreiben, unter welchen Plato, Zizero, u.a.m. dass di Venus von
Jupitern und der Dionen geboren sei; welche sonst auch fohr di mutter des
Ozeans und der Tetis gehalten würd. Augustihn Nihf bl. 53. Abt. 22. Kurz; di
heidnischen geticht-schreiber und ahrt-kündiger haben di libe, ein-ihder, wi es
ihm am bästen gedaucht hat, aus däm geheimnüs der grohssen zeuge-mutter, durch
so vilerhand Venusen und Kupidonen wollen ab-bilden: dahähr sein so vihl
unterschihdliche meinungen entstanden.
    93. Des Plato nahchfolger machchen drei göttinnen der libe. Di ehrste, sagen
si, sei götlich, di in got ist; di ander himlisch, di im himmel ist; di dritte
mänschlich, welche in der mänschlichen sehle kräftig ist. etliche säzzen auch di
vihrte dahr-zu, di in der wält sehle würke. Nihf. bl. 49.
    107. Lustinne bei dem Stahz, im 1. buche seiner wälder:
Maluit & nostrâ laurum subtexere myrto.
                                                                           [329]
    111. Da dann der kleine schalk] Exetlie pai dolomhdes Aprodita ton Arei
dolomaxano tekein, sagt Simonides. Hermes ist Merkuhr, der götter
grohs-gesandte.
    123. Lukrehz vom wäsen der dinge straks im an-fange däs 1. Buches, da er di
Libinne anrädet;
Effice, ut interea fera moenera militiaï
per maria, ac terras omneis sopita quiescant.
nam tu sola potes tranquillâ pace juvare
mortaleis: quoniam belli fera moenera Mavors
Armipotens regit, in gremium qui sæpe tuum se
rejicit, æterno devinctus vulnere amoris, etc.
    129. Kornehl Agrippa von der eitelkeit aller wüssenschaften, abt. 43.
Aristotehl Konach. bl. 14.
    192. Pirgoteles ein perlen-stächcher, welchem alein vergönnet wahr des
grohssen Alexanders bild in perlen zu graben.
    211. Der junge fürst Antioch, dessen libe (da-durch er gegen di Stratonize,
seines Vaters Seleuks beischlähfferin, entbrant wahr, und dannen-hähr gahr
töhdlich danider lahg) von seinem leib-arzte, dem Erasistratus, aus der
ungewöhnlichen bewägung der schlahg-ader bei ihrer ankunft errahten ward, u.a.m.
Dionisius in des Demetrius läben. Georg Horst von der eigenschaft der libe.
    213. Di läber, als aller adern anfang und uhr-sprung, würd von den gelährten
fohr den siz der libe gehalten: dahähr tichten di götlichen tichter vom Titius,
dehr sich Latonen zu noht-züchtigen [330] unterstähen wollen, dass er in der
höllen an der läber (aus welcher seine unzüchtige libe, di ihn zu sündigen
gereizet, entsprungen) strahffe leiden müssen. Klaudiahn im 4. b. Virgihl im 6.
seines Eneas:
Nec non & Tityon terræ omniparentis alumnum
cernere erat, per tota novem cui jugera corpus
porrigitur, rostroque immanis vultur adunco,
immortale jecur tundens, foecundaque poenis
viscera. - - - - - -
    221. Juvenahl im sechsten schümpf-getichte:
- - spectant subeuntem fata mariti
Alcestim. - - - -
    225. Pamfihl:
Vixisset Brutus, tunc non tam clara fuisset
Portia. etc.
    233. Properz b. 2.
Omnia formosam propter Briseida passus, etc.
Horahz: - - Prius insolentem
serva Briseis niveo colore
motiv Achillem.
    235. Viktorie Kolumne, der Piskarier Mark-gräfin, hihlt gänzlich daführ, dass
si von dem ritterlichen Fürsten Ferdinanden Avalen, nahch seinem abstärben, mehr
gelibet würd', als zufohr. Nihf. bl. 274.
    241. Archias:
Nullum amor offendit, pravis occasio, sed fit
mentibus ille hominis, quas mala multa juvant.
    249. Dise huren-seuche ist im 1495. jahr', oder wi etliche schreiben, im
1492. als König Karl, der achte dises namens, herschete, zum ehrsten unter das
französische läger fohr Napel kommen: dahähr si von den Wälschen und
hohch-deutschen Franzosen; vom Franzman aber, das Neapolische weh ist [331]
genännet worden. Di Holländer heissen si di spanische bokken. Kononh bl. 422.
Joh. Fernel. 426. Andreas Zesalpihn b. 4. bl. 345. abt. 2.
    253. sinopissiren] sinopissare, heisset bei dem Erasmus so vihl als
wohl-lust pflägen; und ist von der geilen huhre Sinope entsprungen.
    265. Dises sagt der Her von Bartas im andern tage der ehrsten wochche von
seinen landes-leuten selbst:
Telle que le François, qui guenon affeté
des estrangeres moeurs, se paist de nouveauté:
& ne mue inconstant, si souvent de chemise,
que de ses vains habits la façon il deguise: etc.
    277. besihe den Plinien, b. 8. abt. 38. Eliahn, b. 4. abt. 16. Kononher,
310. bl.
    331. Dessen sün dein trauter pilgram ist] Der geneugte läser würd es nicht
im argen vermärken, dass wihr noch bisweilen di fremden wörter, so sich in unsere
sprache fohr-längst ein-geschlichchen, behalten haben. Dises lätste pilgram,
gäben wihr fohr kein deutsches aus, wi etlichen zu behaubten belihbt; indähm uns
wohl bewust ist, dass es so vihl heisset als fremdling, oder wanders-man, und aus
däm wälschen pelegrino, wi auch dises widerüm aus däm lateinischen peregrinus,
hährfleusst. Sondern wihr haben es doch sonst aus sonderlichen uhrsachchen gärne
brauchen wollen. [332]
                                       i.
                                 Klüng-getichte
                                     an das
                            Hohch- und wohl-gebohrne
                                   Fräulein,
                              Fräulein ROSELINDE,
                                     u.a.m.
O Fräulein, soll ich nuhr den rosen anvertrauen,
und sonsten keinem mehr, di über-grohsse kunst,
di si in sich verbürgt! soll dann gahr nihmand schauen
noch wüssen ihren ruhm? mein! kann ich dise gunst
nicht haben, dass ich ihr mahg lorbehr-zweige strauen
und rühmen ihren ruhm? komm Suhd, und nüm di dunst
der nächte von uns hin: lahsst schönen nektar tauen,
ihr himmel auf uns hähr. Si wägert sich üm-sonst.
Der kunst-reich süngt si schohn, di musen stimmen ein;
Di Hold-göttinnen auch, di ruhffen in dem reihen
di vihrde Schwäster an, und pflägen sich zu fräuen,
üm dass si nuhn vermehrt und nicht mehr dreie sein.
das weus si selber wohl. und weil wihr solches wüssen,
so soll stähts auf ihr lohb di fäder sein beflissen.
                                                               im jahr 1638. den
                                                                    3. Mei-tahg.
                                                                           [333]
                                      ii.
                                   Wül-kommen
                                     an di
                                 ädle Tichterin
                            Jungfer Sofien Vismarin,
                               als si zu Hamburg
                                   anlangte.
Wülkommen, o Sofi, o schmuk der Tichterinnen,
du andere Klugin, verzeuhe meinen sünnen.
du mein- und deiner zeit geehrtes Sonnen-lücht,
verzeuhe mihr, dass ich dich eh begrühsset nicht,
wi du wohl würdig bist. Es ward mihr izt geprisen
dein ahrtiges geticht, und selber auch gewisen;
und hätt' ich eh gehöhrt, dass du dich hähr-gemacht,
und unsrer währten Stat ein näues lücht gebracht,
so hätt' ich auch noch eh, o schöne, dich entfangen,
wi unlängst ich entfing der Schlesier verlangen,
Dorteh Eleonohr von Rosentahl genännt,
Di ich in ihrer kunst, und si mich wider kännt.
wi sählig bist du doch, o Hamburg, komm, und schaue
dich izt in deiner zihr, weil ich mihr kaum getraue,
dass etwas libers sei ihmahls in dihr gesähn,
ich gläube nicht, dass dis fohr disem ist geschähn.
Di dritte fählte dihr, da dich di Rosentahlin,
di zehnde Pierin, di Föbus-selbst-gemahlin,
mit Dehr von Hohendorf, gewürdigt ihrer zihr;
nuhn aber komm härbei, und schaue si alhihr,
di dritte Hold-göttin. du bist nuhn foller ehren,
fol schmuk, weil deinen schmuk di Holdinnen vermehren. [334]
mehr bist-du als Atehn, ja mehr als Grichen-land,
das manch-gelährtes weib fohr disem hat gekant.
Erinn' aus Delos schweigt; ja alle drei Korinnen,
von deren einen sich fünfmahl lihss abgewünnen
Pindahr, der Sänger fürst. Di Saffo, Telesil,
di Kornifizie, Praxille schweigen stil.
di Deutschen gähn izt fohr; du zirest ihren reihen,
Sofie Vismarin, dass sich di andern fräuen;
Kristihn von Gutenau stäht auch mit oben-ahn;
auch weus man, was alhihr di Schwarzin hat getahn,
di ädle Schwarzin di, di nuhn, (ach leid!) verblichchen
und mit der ädlen kunst, (ach! gahr zu früh!) entwichchen.
es ist mihr leid üm si; noch mehr üm ihre schrift,
dass si der untergang, das lose feuer, trüft.
Du aber, o Sofi, vertrit di ställe wider,
di si verlahssen hat, und sünge fräuden-lider,
ergänze widerüm, was dort di gluht verzehrt;
so würstu führ und führ von ihderman geehrt.
                                                                Hamburg, im jahr
                                                                           1642.
                                      iii.
                          Auf das äben-bildnüs Jungfer
                                    M.E.v.H.
                                     u.a.m.
Was soll ich, tapfres bild, doch halten nuhr von dihr?
Aufrüchtigkeit und ernst zeugt dein gesichte mihr; [335]
es mischt sich heimlich auch mit ein
das wohl-bedachte fräundlich-sein.
Poetisch ist di zihr der schwärzlich-braunen augen,
di wohl zum ernst und wohl zur libe mögen taugen,
und wan du läbend stündest hihr,
so soltstu lider schreiben mihr.
                                                                   Londen, 1643.
                                                                       6. Häu-m.
                                       iv
                                     An di
                       hohch-ädle und gelährte Jungfrau,
                               Jungfrau Hildegond
                                  von Westohn.
                                       i.
Wehr schreibt dise schöne schrift,
Wessen hand und wessen sünnen
können solch ein lihd begünnen,
das so nah zum härzen trüft?
Hildegond, könt ihr so süngen,
dass di linden wider-klüngen?
                                      ii.
Mihr zwahr seit ihr unbekant,
von gestalt und von gesichte;
aber euer lob-getichte,
das mihr ward von eurer hand,
ohne mein verdihnst, geschriben,
pfläg' ich mehr als mich zu liben.
                                      iii.
meine sünnen sein erblasst,
müssen ungezwungen schweigen, [336]
wan sich eure lider zeugen;
und sein ihnen selbst verhasst,
wan ihr hohch-deutsch opiziret,
und di sühssen seiten rühret.
                                      iv.
Frihs- und Hol-land wunderts sehr,
dass ein weibes-bild so sünget,
und di deutschen seiten zwünget;
ja ich wundre mich vihlmehr,
dass izt unter fremden zungen
unser hohch-deutsch würd gesungen.
                                       v.
Aber, Schöne, saget an,
was ich widerüm soll schänken,
dass ihr meiner könt gedänken?
was ich würdigs gäben kann?
meine lider müssen schweigen,
weil di euren auf-wärts steigen.
                                      vi.
Eure kunst und zihrligkeit
macht mich ganz und gahr verzükket,
eure hand ist so beglückket,
schwüngt sich höher als der neid.
Euer ruhm würd ewig läben,
und der stärnen-schahr gleich schwäben.
                                                      Gräfenhahg. 26. Häu-mahnd,
                                                                           1643.
                                                                           [337]
                                       v.
                           Zu einem ahrtigen gemälde
                                    von der
                            Kluhg-sünnigen Rosemund
                                   angegäben.
Als einst Libinne komt gestigen aus däm bade,
so siht si den Adohn, und eilt auf frischem pfade,
dem liben lihbsten nahch, dehr durch di dornen flüht,
dahr-auf di weisse ros' in foller blühte blüht.
Libinne ward gerizt, der zahrte fuhs geschrammet,
di weisse rose roht, di noch zum zeuchen flammet
und zeugt das ädle bluht, das aus der schramme floss,
und sich in einem nuhn so mildiglich ergoss.
Als dis di schöne sah, rühf si; ich bin gestochchen;
und Lihbreiz (dehm annoch der binen hehr nahch-fleugt,
weil er ihr reich beraubt, und manche stachchel zeugt,)
schrih seiner mutter zu; der näscher ist gerochchen.
                                                                Amsteltam, 1644.
                                                                       1. Mei-m.
                                      vi.
                                  Auf di Augen
                       der wohl-ädlen und schönen Jungfr.
                             Klugemunde von Wilane.
                                       1.
Ihr schönen augen ihr, ihr lüchterlein der schwachchen,
di an der hohen burg der glatten stirne wachchen, [338]
dadurch mein trautes Lihb di härtsten härtsen zwüngt,
und durch den schwarzen kwal bis in di sehle drüngt.
                                       2.
Euch bäht' ich knihend an, und flöhe zu den flammen,
dass si doch ihre macht und kraft nicht alzusammen
auf meinen schwachchen geist und sehle lahssen gähn,
sonst bin ich tohd, und kann fohr ihnen nicht bestähn.
                                       3.
Der kleine libes-schalk hat schohn genug geblizzet,
ich seufze nahch der luft, der ganze gaumen hizzet;
der mund brännt lüchter-loh; drüm haltet doch zurück,
ihr liben augen ihr, den wunder-starken blik.
                                       4.
Kluginne kühle mich mit ihrem frischen taue,
der auf den lippen stäht, und dehn ich liber schaue,
noch liber trünken mahg als mäht und reinschen wein;
dehr ist mein ädler trunk, und gähet lihblich ein.
                                       5.
So fürcht' ich keine gluht, so fühl' ich keine schmärzen,
di oftmahls nuhr ein blik entzündt in meinem härtsen,
wan Klugemunde mich mit einem kusse kühlt,
so acht' ich ihrer nicht, wan si mit blikken spihlt.
                                                         Uträcht, den 3. Osterm.
                                                                           1645.
                                                                           [339]
                                      vii.
                               In ein stam-buhch.
                                     Träue,
                         Durch buhchstaben-versäzzung,
                                     räuet.
Träue räuet alsobald,
wan undank sich ein wül mischen,
würd durch unträu star und kalt,
mus auch ändlich gahr verblischen.
                                     viii.
                                   Lohb-lihd
                           Auf drei schöne Jungfrauen
                                  zu Uträcht.
                                 auf di weise,
                      wohl dem, der weit von hohen dingen.
                                       i.
Wi manchen stärn der himmel führet,
so manche jungfrau läbt in dihr,
O schönes Uträcht, di dich zihret,
und brücht, wi stärnen, hohch härführ.
hihrunter kann nichts schöners sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      ii.
Di schöne sein von farb' und glidern,
sein oft sehr häslich von gemüht,
und manche wül sich nicht ernidern,
trozt blohs alein auf ihr geblüht.
Drüm kann und mahg nichts libers sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      iii.
Vihl sein sehr ahrtig von gebährden,
dagegen schwarz und ungestalt;
ist si di aller-klühgst' auf ärden, [340]
so ist si mehr als alzu alt.
drüm kann nichts angenähmers sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      iv.
Ist manche gleich sehr wohl gebildet,
so ist si tum und ungeschikt;
ein' andre hat das blei vergüldet,
di manches härze ganz verzükt,
drüm kann ja nichts belihbters sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                       v.
Dem Awelein ist weis und weuse,
und hat di aller-lihbste zihr.
Von-Kobed kröhnt den wein mit speise,
und Ledar bringt di lust härführ.
drüm kann und mahg nichts höhers sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      vj.
Von-Awelein ist schön und züchtig,
und über alles wohl gestalt;
von-Kobed from und tugend-rüchtig,
und Ledar ist ein rosen-wald.
drum kann und mahg nichts feiners sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      vij.
Von-Awelein ist kluhg von sünnen,
sehr höhflich zahrt und wohl-gebildt.
von-Kobed schöhn von aus- und innen,
und Ledar ist der schöhnheit schild.
drüm kann und mahg nichts schöners sein,
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                     viij.
Von-Kobeds Lob ist aus-gesprochchen,
dass si keusch, from und schöne sei;
Von-Awelein ist ausgebrochchen
gleich wi der wunder-schöne mei. [341]
drüm kann ja nihmand hübscher sein
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      ix.
Von-Awelein bleibt schöhn in allen,
und Ledar fräundlich, roht und weis.
Ja Awelein mus selbst gefallen
Der mis-gunst, di ihr gihbt den preis.
drüm kann und mahg nichts libers sein
als Kobed, Ledar, Awelein.
                                      ix.
                             An di schöne Jungfrau
                                   von Elard,
                    als er si auf der lauten spilen hörete:
                                  Lob-gesang.
                                       i.
Schöne, wi mahg dises kommen,
dass mich ihrer lauten klang,
di si kaum zur hand genommen,
macht so balde libe-krank.
dass di sünnen schwächcher wärden,
und sich neugen hin zur ärden?
dass mich ihrer augen blik,
zühet aus mihr selbst zurück. [342]
                                      ii.
Mit den fingern mahg si spilen,
aber mit den augen nicht;
Dan di kraft macht schmärzen fühlen,
di aus ihren blikken brücht:
ja, was mehr ist, ihre Zunge
räget mihr auch härz und lunge,
wan si so beängelt süngt,
und mich fast zum stärben bringt.
                                      iii.
Izund kann ich leichtlich gläuben,
dass Orfeus durch seinen klang,
wi di weisen tichter schreiben,
das vertuzte wild bezwang,
weil izund ihr sühsses spilen
di vernunft mus selber fühlen,
und, o ängel-mänschen-bild,
nichts fohr ihren künsten gült.
                                      iv.
Ihre laute, di si führet,
ist mit bändern schöhn bestrükt,
di aus lib' und gunst gerühret:
könt' ich auch so sein beglückt,
dass ein lihd aus gunst geschriben,
meine Schöne möchte liben;
und der-jene, dehr es schreibt,
ihrer gunst sei einverleibt.
                                       v.
Si ist ja zur gunst geboren
denen, di ihr günstig sein,
und zum liben aus-erkohren,
drüm wärd' ich ja nicht alein, [343]
so unglücklich bleiben müssen:
bin ich doch auf nichts beflissen
als auf ihren hohen preis,
dehr von keinem weichen weus.
                                                                 Reinwurf, 1645.
                                       x.
                                    An eine
                                junge Jungfrau,
                            als si ihren namens-tahg
                                    beging.
O Kind,1 o währtes kind, von2 perlen auserkohren,
von perlen zu der wält gezeuget und geboren,
auf! folge mit bedacht, du perlen-tochter du,
der perlen-mutter nahch, so izt in frihd und ruh
wi eine reine perl in Jesus schohsse schimmert,
und glänzet, wi bei nacht ein lüchtes stärnlein glimmert,
o kind, o trautes kind! o mehr als perlen währt,
es soll erfüllet sein, was du von Got begährt.
Ei folg' ihr träulich nahch in sitten und gebährden,
du perlen-währtes kind:3 sei färtig from zu wärden
und libe keuscheit, zucht und reine frömmigkeit;
so würstu folgen nahch dehrselben, so bereit [344]
in Gottes fride ruht: und diser auch,4 der Reinen,
so annoch siht alhihr den5 Gottes-friden scheinen.
so würd dihr Gottes frihd' und sägen günstig sein,
und leuchten dehrmahleins in stub' und bett' hin-ein.
Ei! wasche dich fein rein mit Seiffe des verstandes,
so würstu weus' und weis, und eine zihr däs Landes,
di reine seiffen-ahrt6 würd machchen, dass du seist,
an grohs- und mutter statt, und dass du seist und heist
ein rächtes perlen-kind. Di färtigkeit der glider
verzährtele ja nicht, damit von dihr ein ihder
kann sagen, dass du seist der perlen-mutter ehr,
und dass es sei, als wan si nicht gestorben wär',
weil du ihr gleichst an zucht. wohl-an! der himmel gäbe
dihr seine gunst dahrzu. o läb'! o läb'! o läbe,
du perlen-tochter du, o währte Barbara!
Es soll, was du begährst, bei Gott sein lauter ja.
                                                            Halle, im jahr 1638.
                                                                           [345]
                                      xi.
                                    Auf das
                                  namens-feier
                              einer jungen Witwen,
                                     M.V.S.
Jvnge frau, dehr ich zu ehren
auf zu warten wüllig bin,
welcher einen wundsch lässt hören
mein fast ganz verlihbter sün
in den sühssen zukker-lidern
ihre guht-taht zu erwidern;
Si geruhe doch zu hören,
was wihr ihrer zihr verehren.
                                     * * *
O Zihr, o währte zihr, o bildnüs aller tugend,
di si so föllig macht in ihrer zahrten jugend;
o spigel aller zucht, o auszug aller schahm,
damit si aller wält den fohrschub längst benahm.
O demant aller zihr, der fräundligkeit karfunkel,
o irdisches gestirn, so strahlet, wan es dunkel
und dühstrer abänd ist: di träue, huld und gunst
di wachchen stähts in ihr in foller libes-brunst.
Aus ihrem munde sähn mit lihblichem gelächter
di fräundligkeiten selbst, der keuschen libe wächter.
Si schauet an mit lust, wi sich der Rosen-mund,
der morgen-röhte zeugt, und macht den mänschen kund,
dass izt di sonne wärd' aus ihrem zimmer gähen,
wi eine libe braut in gold und perlen stähen,
so schohn ihr hahr geflammt, dadurch das mündlein ihr
mit tausend-schöhn geschmükt soll lächlen führ und führ. [346]
Ja, ja! di lerche süngt, höhrt wi si tireliret.
das dacht ich wohl, dass sich nicht hätt' üm-sonst geziret,
di flächten aufgeflammt, di güldne himmels-braut,
di sonne, da das grahs noch gänzlich wahr betaut.
Marien-lücht-mess' ist; höhrt, höhrt, was höhr ich klüngen.
wi fröhlich ist das härz, es wül fohr fräuden sprüngen.
wehr heisst Marie nuhr? sprach mein verlihbter sün;
da sagt' ein kleines kind: ei deine gönnerin,
so dihr nicht abhold ist; auf dehr die fräundligkeiten
sich pflägen alzumahl wi fast mit lust zu breiten,
di dihr so vihl getahn, dass du in ewigkeit
nicht gnug verschulden kanst; drüm schik dich in di zeit.
Ei nuhn so wolle Si zu bünden sich vergönnen,
wan wihr ja einen wundsch zum bünden brauchen können.
Das band kömt auch dahrzu, das band von seid' und gold,
das so vihl farben führt, so vihl als si mihr hold,
geneugt und günstig ist. Der Himmel woll' ihr gäben,
was ihr und mein begähr: Er gäb' ihr langes läben,
und (wi es ihr belihbt) ein keusches libes pfand,
das an sich halten würd das härze, sün und hand.
Ei mein! das dacht ich wohl, si würde drüber lachchen!
will si sich dann so gahr zum turtel-täublein machchen,
und wählen, was ihr schahdt? es ist nicht raht dahrbei, [347]
was Got befühlt, ist guht: es ist zwahr ihre träu
und eh-pflücht lobens währt, so si gedänkt zu halten,
bis in den bittren tohd. soll aber so veralten
das götliche geschöpf, und andern dinen nicht?
das ist selbst wider Got und wider mänschen-pflücht.
Got gäb' ihr widerum, was sie zufohr erlanget,
ihr würds geräuen nicht, wan si mit kindern pranget.
ei! lacht si widerum? ja dises folgt darauf,
solch gäld gibt auf di hand der keuschen libe kauf.
Si kann mit Kindern ja gahr fein und lihblich schärzen,
das wär' ein spihl führ si; si könnte dann ja härzen,
und trükken an den mund' ihr eignes libes kind:
was gülts, ihr stiller sün ist anders schohn gesünnt!
Ich bin geflissen stähts ein hohchzeit-lihd zu schreiben,
(o wäre dis der tahg) ich wollte noch verbleiben
ein wenig dises orts, zu sähen an di lust,
di mihr schohn (wi mich deucht) almählich ist bewust;
und übers jahr wolt' ich nahch näuer zeitung fragen,
wan ich zu Leipzig währ' (ein ihder würd' es sagen)
ob schihr ein junges spihl im fohrhang würde sein;
so wolt ich süngen drauf ein libes lidelein,
zu wünschen Glück dahrzu: di lerche würde schwüngen
vihl lustiger sich auf, und susanninne süngen,
o sause, sause, saus', o libes kindelein,
das würd' o jungefrau ihr libes lihdlein sein. [348]
Der Himmel lahss' es gähn, und gönn' ihr sein gelükke
dass si sich widerüm mit keuscher lib' erkwikke;
dass errenst mit der zeit aus schärzen wärden mahg.
dahrüm ich das gestirn anflöhe nacht und tahg.
                                                              Osterburg, im Jahr
                                                                           1637.
                                      xii.
                                 Hochzeit-lihd.
                                       1.
Avf, libes pahr, auf, auf! ihr wohl-getrauten beide,
Komt, komt, di tafel räumt, fangt an ein' andre fräude,
dann Weinreich ist genug und Fruchtinn' auch geehrt,
dehr euch den wein, und di euch bihr und kost beschehrt.
                                       2.
Auf, auf, ihr jungfern, auf! man bläset euch zum tanze,
di lihb' ist schohn bekränzt mit einem mirten-kranze:
ihr söhnlein zündet auch di güldnen fakkeln ahn,
so lange bis di braut würd gähn di libes-bahn.
                                       3.
Es ist ein schönes zelt' von Lachmund auf-erbauet,
bei dähm man üm und üm di libes-geister schauet,
darin di Libe jagt, und da ihr söhnlein häzt,
da manche jungferschaft mit pfeilen ligt verlätst.
                                       4.
Das zelt, das schöne zelt würd izund aufgespannet,
di Juno stäht dafohr, di Eris ist verbannet, [349]
ihr güldner apfel kömt der braut aleine zu;
hihr ist's, wo keusche lihb' und lust sich lägt zur ruh.
                                       5.
Gäht, schöne Braut, gäht, gäht, der tanz ist nuhn verrüchtet,
dem Bräutigam verlangt; das bett' ist ausgeschlüchtet;
di sühsse fäder-burg, di wül euch nähmen ein,
dass ihr zusammen mögt von härzen lustig sein.
                                       6.
Wihr stähen schohn geschikt euch beide zu begleiten,
und euer libes-zelt mit rosen zu bespreiten.
Der Himmel gäbe Glück, damit ihr so schlahft ein,
Dass nahch neun mahnden-zeit wohl drei erstanden sein.
                                                          Parihs, den 26. Häu-m.
                                                                           1643.
                                     xiii.
                                   Ein anders
                        Auf eine Hohchzeit zu Lüneburg.
Es gelangte di Als-göttin der Libe, Lustinne, fohr kurzer zeit bei der berühmten
statt (di von des mahndes bilde, welches ihre uhr-ältern fohr jahren auf dem
Kalk-bärge götlich verehret haben, genännet ist) in dem kleinen flusse, dehr
sich in den grohssen Elb-strohm zu ergühssen pfläget, mit herrlicher pracht an.
Si sahs in einem kleinen schiflein, welches wi eine semuschel aus-sah, und von
zwe schwanen gezogen ward, auf einem erhobenen königlichem reichs-stuhle. Ihr
sohn der kleine Lihb-reiz wahr der fuhr-man, welcher di schwäne so ahr-[350]tig
zu länken wusste, dass es ihderman mit grohsser lust ansah. Er führt' einen
köchcher an der seite, hihlt' einen gespannten bogen in der hand, und sah sich
mit einem listigen und verschalktem lachchen nahch ihderman üm. Das Frauen-folk,
welches seine königin entfangen wollte, stund schohn auf allen seiten üm den flus
här-üm, und hihs di Libinne mit einem fräuden-geschrei wül-kommen. In-dähm nuhn
solches alles fohr-lühf, so gahb diser der Libinnen trozzige fuhrman einer
jungfrauen, namend-lich Hart-ahrt (welche mitten unter dem hauffen stund, und üm
di ankunft der Libinne nicht vihl bekümmert zu sein schine) einen solchen harten
schus, dass si also-bald in ohnmacht zur ärden zu sünken begunte.
    Indähm sich nuhn dise armsälige in solcher tohdten-angst und verschwündung
ganz verblasset und hauch-lohs befand, so kahm Hülfmuht, ein aufgewäkter
hurtiger jüngling, diser schönen Jungfrau entsaz zu leisten, mitten aus dem
hauffen här-aus gesprungen. Er nahm di arme verblasste in seinen arm, und
brachte si mit gesunden arznei-mitteln so färn, dass si wider zu fuhssen und di
lähbhafte farbe wi von näuem zu bekommen begunte. Di fohr-erblasste lippen
fingen widerüm an röselicht zu wärden, di tohdten-bleichen wangen bekahmen eine
mit röhtlicher vermischte lilien-farbe, di augen funkelten wider-üm in ihrer
belähbten feuchtigkeit. Aber das härz, dahr-innen di wunde wahr, konnte durch
solche schlächte mittel noch nicht rächt geheilet wärden. Hülf-muht entschlos
sich also-bald, doch auf ihre stumme bewülligung, (dann si durfte fohr schahm
weder ihre krankheit entdäkken, noch einige hülf-mittel dahr-zu begähren) dass er
einen sonderlichen tahg bestimmen wollte, da si seiner rähtlichen hand in
gegenwart einer folk-reichen versamlung gänzlich über-gäben würde. und solchem
[351] entschlühssen nahch ward der heutige tahg zu solcher arznei-wahl, und di
künftige nacht zum versuhch derselbigen, erkohren: Di nacht, sag' ich, da di
bitter-sühssen arzneien, welche der himmel gesägnen wolle, der schönen Hart-ahrt
sollten eingeflöhsset wärden. Di andern Jungfrauen, welche sich auch äben an
einer solchen seuche, wo nicht ganz lagerhaft, doch gleich-wohl behaftet
befünden, sein nuhn-mehr fro über das Glück ihrer schwäster, weil si verhoffen,
dass sich ihre erlösung auch bald nahen würd, und süngen folgendes
                                      Lihd
                                an di Lustinne.
                                       1.
Ein steinern härz' und läre sehle,
ein ungemeinter libes-blik,
ein auge, das in seiner höhle
zwahr rollt und schmollet ohne schrük,
ihdoch nicht aus däm härzen rührt;
ist nichts als rauch, dehr uns verführt.
                                       2.
wehr darf so hart fohr dihr erscheinen,
und wül noch ungestrahffet sein?
mahg ihmand deinen sohn, den kleinen,
und dessen bogen flühn? ach nein.
di pfeile gähen alzu rächt,
di Hart-ahrt ist durch si geschwächt.
                                       3.
Di Hart-ahrt böbet nuhn und zittert,
si hält üm schönes wetter ahn.
der kleine schüzze stäht und kittert,
weil si ihm auch ist untertahn,
weil ihre jungferschaft sich fügt,
und in den lätsten zügen ligt. [352]
                                       4.
Di jungfer würd bald schlahffen gähen
nahch ihrem lätsten bette zu,
auf dass si Fraue mahg auf-stähen.
der himmel gäb' ihr rast und ruh,
und du, o Libes-königin,
beglückke si nach ihrem sün!
                                       5.
Zeuch auf den fohrhang, dehr ihr bette,
den tummel-plaz der libe, däkt,
und schleus üm si di güldne kette,
di härz und härz zusammen träkt,
damit si sich verjüngen mahg
wi Fönix auf den andern tahg.
                                       6.
Der mahnd mus ihr zu bette leuchten,
di stärne bringen si zur ruh,
di tropfen, so das fäld befeuchten,
di steigen nahch den bärgen zu.
Es ist di aller-lihbste nacht!
drüm härzet, schärzet, schlahfft und wacht.
                                    Geschriben in Leiden, den 1. Mei-tahg, 1645.
                                      xiv.
                               Hohch-zeit-schärz
                                     an di
                    Hohch- und wohl-ädel-gebohrne Jungfraue,
                         Jungfrau Adelmund von Libegau,
                       als si ihrem Lihbsten ehlich sollte
                              bei-geläget wärden.
Meine Jungfrau, währte Gönnerin,
    Wan ich mich izund derer räden erinnere, di ohn-[353]gefähr fohr einem jahre
von däm lihb-äugeln unter uns fohrfihlen, so mus ich bekännen, dass si nicht ohn'
uhrsachche fohrgegäben habe, dass di augen der entsässenen verlihbten und
abwäsender vertrauten äben so stark in ihren härzen spihlten, als wan si
zu-gegen wären. Dan si hat nuhn-mehr ihren schlus mit der taht und wahrheit
bewähret. Indähm si nähmlich durch di wunder-kraft ihrer libes-strahlenden augen
in däm härzen ihres abwäsenden Lihbsten solcher gestalt hat würken können, dass
er auf ihr einiges wündschen und begähren den krihg verlahssen, und ihr sein
ganzes sein aus-händigen müssen. Si hat ihm nicht alein durch ihrer augen
magnetische libes-kraft das wilde kriges-stahl aus der hand gezogen, si hat ihn
nicht alein, an sich gelokket, sondern auch gahr zu ihrem leib-eignen gemacht.
Sein härz hat si erweichet, seinen helden-muht gebändiget, dehr-gestalt, dass er
gleichsam gahr auf seinen knihen liget, und seine mächtige feindin üm schönes
wetter anflöhet. Mich deuchtet, und es schwäbet mihr nicht anders fohr meinem
gesichte, als wan izund vihl tausend libes-reizerlein aus ihren augen här-aus
geflogen kähmen, und ihr eine herrliche und träfliche siges-pracht zubereiteten.
Das zelt ihres siges ist auf-geschlagen, dahr-unter si ihrem Lihbsten di wunden,
di si ihm veruhrsachchet hat, verbünden und heilen soll.
    Wi aber gähet es zu, meine Schöne, dass sich der bliz ihrer häl-funklenden
augen so weit ersträkket, und seine kraft nicht nuhr in der nähe, sondern auch
in der färne spüren lässet? Es ist kein wunder, dass si mit ihren blikken di
zu-gegen-schwäbende selen verzükket, aber wunder ist es, dass si durch ihre
künste in den gemühtern der abwäsenden würket.
    Es haben di-jenigen nicht unrächt, welche den mänschen di kleine wält
nännen, und di andern, so den augen däs Frauen-zimmers di himlischen
wür-[354]kungen däs gestirnes zu-schreiben wollen, wärd' ich auch nuhn nicht
mehr so gahr tadeln können. Dan gleich wi di stärne in den aller-üntersten
geschöpfen von weiten zu würken pflägen, so würken auch ihre augen, o ihr
schähdlichen jungfrauen, in den innersten glidern unserer leiber. Ihdoch mus ich
auch bekännen, dass solches auf unterschihdliche weise geschähe, und dass sich
ihre kraft auf den einen häuffiger ergühsse, als auf den andern. Dan sonst hätte
mich meine Jungfrau äben so wohl verlihbt machchen können als ihren Lihbsten,
sonderlich dazumahl, da ich ihr näher wahr als er, und tähglich ihres lihblichen
anblikkes genühssen konnte. Es ist eine verborgene wunder-kraft in ihren
strahlen, di kein mänsch ergründen kann, und dehn-jenigen am meisten verlätset,
dehn si zu verlätsen gedänket. Aber, was unterstäh' ich mich von solchen
gefährlichen dingen zu uhrteilen! mein verstand ist vihl zu schwach, und meine
vernunft kann ja nicht das geringste dahrvon begreiffen. Meine Jungfrau wolle
meiner verwägenheit günstig verzeuhen, und gedänken, dass ein unerfahrner
klühgling zwahr begirig sei alles zu wüssen und zu erforschen, aber sich auch in
den geringsten dingen verstohsse.
    Im übrigen, so liget mihr auch am allermeisten ob, meiner schönen Jungfrauen
zu ihrem erlangten sige vihl Glück zu wündschen, und den Himmel (welches ich auch
tuhe) an zuflöhen, dass er si mit ihrem trauten Lihbsten günstig begnadigen
wolle. Ihr pfahd müsse sanft, und ihre tritte gerade sein. rosen und lilien
müssen aus-gesträuet ligen, wo si ihre ruhe wählen. Der sühsse suhd müsse si mit
einem lihblichen hauchen anwehen, damit di angenähmen früchte ihrer Ehe zur
gewündschten ärnte gelangen mögen. Inmittels wärd' ich mich noch allezeit
bemühen, meiner Jungfrauen, zusamt ihrem Lihbsten, fohr so vihl mihr erwisene
hohe fräund-[355]schafft, dankbahr zu erscheinen, dehr ich schohn fohr-längst
bin, und, bis an meinen lätsten hauch, zu verbleiben gedänke
                       Meiner höchst-geehrten Jungfrauen,
                            so-wohl auch des Ihrigen
    Noter-tam, den
    13 Häum. 1644.
                                                                  träu-ergäbener
                                                                 alzeit-färtiger
                                                                          Diner.
                                      xv.
                           An seinen gnädigen Herren,
                         als er Ihm ein härz von Rosen
                                  überschikte.
                                 Schränk-reime.
Hihr schikk' ich ihm, mein Her, dis Härze mit däm meinen,
das ihm gewihdmet ist schohn längst im ernst' und lust,
und nuhn in träuer träu und demuht wül erscheinen,
dann anders ist ihm nichts von anbegün bewust.
Di farb' ist weis und roht, di Seine Schöne führet;
di ein' ist ohne falsch, di ander schämet sich.
wan lauterkeit und schahm ein Frauen-zimmer zihret,
so ist kein tadel da. Ich (wan ich anders mich
so vihl erkühnen darf) hab' auch di beid' erläsen
gäb' ihm den weissen dank in rohter nidrigkeit,
und bleib' ihm untertahn mit allem tuhn und wäsen,
so, dass mein Herre mihr gebütet ihder-zeit.
                          Uträcht, den 6. Häu-m. 1645.
                                                                           [356]
                                      xvi.
                        Uhrteil von den prunk-schweden,
                             An eine unbeständige.
Meine Jungfrau,
    Es nümmet mich nuhn nicht mehr wunder, dass etliche von däm
machiavellisch-wältsäligen Frauen-zimmer unter ihrem gesichte di schwarzen
schwehdlein, in gestalt eines halben mahndes tragen. Dan di erfahrung, als di
kundschafferin der dinge, hat mich solches über-genug gelähret. Es sein zeuchen,
wi ich vermeine, ihrer wankelmühtigen unbeständigkeit, und gäben di bewandtnüs
ihres gemühtes gnugsam an den tahg. Jah so vihl schweden, als auf ihrem gesichte
kläben, so vihlerhand libes-anföchtungen, und so vihlerhand libes-bolzen
entfünden si auch. Di örter, da si von so vihlen und unterschihdlichen pfeilen
verwundet sein, offenbahret ihnen nihmand, als di blohsse entfündung; dann di
wunden sein unsichtbahr, di ihnen der kleine Libes-schalk veruhrsachchet, und di
si mit solchen wunder-wärklichen schweden bekläben. Di scharfe spizzen sein di
spanischen reiter, oder geschränkte stachchel-währen, damit si di-jenigen
abhalten wollen, di sich in ihre sünnen so-bald nicht bekwähmen können. Di
rundten scheiben deuten an den wankel-muht däs glückkes, dehm sich der ihrige
über-aus-wohl gleichet.
                                    * * * *
                                                                           [357]
                                    Antwort.
Mein Her,
    Der halbe mahnd, dehn wihr bisweilen unter unseren augen tragen, bedeutet
vihl-mehr eine veränderung der lust, als eine unbeständigkeit däs gemühtes; dann
wihr sein geflissen unsere aufwärter allezeit mit einer näuen und veränderten
lust zu erfrischen, weil der ekel anders nichts als eine würkung der
tauerhaftigkeit ist. Mit der rundigkeit wollen wihr di beschaffenheit unseres
glückkes zu verstähen gäben; mit den spizzen di müh-säligkeit unserer tage; dann,
wän wihr am gewüssesten zu fuhssen gedänken, so fallen wihr zu boden, oder
gerahten in di stachlichten dornen, di uns unser läben wohl rächt müh-sälig
machchen; u.a.m.
                               Antworts-schreiben
                                     an ein
                        Frauen-zimmer von hohem stande.
                                  auf den saz;
            Dass auf der unteren wält keine schöhnheit zu fünden sei.
Mein gnädigstes Fräulein,
    Man hat sich in warheit nicht wenig zu verwundern, dass Ihre Gnaden nicht
alein di schöhnheit den irdischen geschöpfen ganz berauben wül, und aus der
unteren wält gahr aus-tilgen; sondern sich [358] auch selbst so sehr mähssigen
und vergeringern kann, dass si ihr im geringsten keine einige schöhnheit zu zu
schreiben gestattet. Ich märke wohl, dass si den Luziahn (welcher in seinen
gesprächen behaubtet, dass kein frauen-zimmer läbe, auch keines ihmahls geläbet
habe, welches nicht verlangen trage, schöne zu sein, und sich nicht auch
dahrfohr ehren lahsse) teils beschähmen und lügen strahffen, teils auch in der
andern Meinung, dass eine folkomne schöne nirgend zu fünden, auch nirgend sei
gefunden worden, bekräftigen wül.
    Aber ei liber! wan di schöhnheit in den untersten geschöpfen nirgend an zu
träffen ist, so würd auch gewüs (so wihr des Aristotels lähr-säzzen gläuben, dass
ein widerwärtiges ohne das andere in däm wäsen der dinge nihmahls zu fünden sei)
folgen müssen, dass kein abschäuliches und häsliches unter ihnen sei. und mein
gnädiges Fräulein gibet ja gärne zu, dass di libe, so wohl als der has, unter den
irdischen geschöpfen herschet, wahrüm wül Si nuhn verneinen, dass nicht so wohl
das lihbliche als das häsliche zu gegen sei? Das lihbliche ist ja in wahrheit
nichts anders, als das-jenige, was wihr schöne nännen; gleich wi auch das
häsliche ein solches ist, welches wihr hassen, dahrfohr wihr abschäu haben, und
di augen, dasselbe zu beschauen, seit-wärts ab zu wänden pflägen. und di libe,
wi si Plato beschreibet, ist ja auch nichts anders als ein verlangen däs schönen
zu genühssen; wahr-üm wül Si dann nuhn verneinen, dass das eine, als di uhrsachche
däs andern, in der unteren wält nicht zu fünden sei?
    Der kluhg-sünnige Nihf, wan er noch läben sollte, so würd' er mein gnädiges
Fräulein nuhr mit der blohssen Tagliakozischen Fürstin Johanna widerlägen, di er
beides an gemüht- und leibes-gaben aller dinge schöne zu sein schreibet: dann,
sagt' er, [359] dise heldin hat solche lihbliche und führträfliche gebährden an
sich (welches äben di rächte schöhnheit däs gemühtes ist) dass man si mehr aus
götlichem als mänschlichem sahmen entsprossen zu sein, uhr-teilen mus. Ihre
gestalt, sagt er färner, welche des leibes schöhnheit ist, pfläget so
führträflich zu sein, dass auch der berühmte Zeuxes, als er der einigen Helene
bildnüs entwärfen sollte, ihre schöhnheit unter so vihlen und den
aller-schönesten Krotonischen jungfrauen so lange nicht hätte zusammen suchen
dürfen, wan er nuhr diser schönen Fürstin führ-träfligkeit sähen sollen: dann si
ist mittel-mässig von länge, auf-rächt und über-aus-annähmlich; ihre glider sein
so zihrlich gebildet, dass si ihderman mit verwunderung anschauen mus: si ist
nicht zu fet, und nicht zu dürre, sondern so ahrtig geschaffen, dass si in allen
das mittel behält: si ist nicht blas, sondern einer rächten lähbhaften
röhtlich-weissen farbe: si hat ein langes und gold-gemängtes hahr; rundt' und
kurze ohren; schwarz-braune halb-gekrümte aug-brähmen, welche kurz und nicht zu
dükke von hahren sein: si hat himmel-blau-blizlende augen, welche häller sein
als alle stärne, und mit ihren lihblichen und fräudigen blikken di ganze wält
entzükken; di augen-lider sein schwärzlich, nicht zu breit auch nicht zu kurz;
di nase, welche sich rächt zwüschen den augbrähmen anfänget, ist so ahrtlich
gebildet, dass man ihres gleichen kaum fünden würd. der kleine wal, welcher
zwüschen der nas' und dem munde stähet, ist gleichsam auf eine götliche weise
gestaltet; der mund selbst ist etwas länglich-rund, und zühet di anstürmenden
küsse mit einem über-aus-lihblichen lächlen vihl begihriger an sich, als der
libes-stein oder magneht das eisen; seine härtliche lippen sein so schöhn als
korallen, und so sühsse als honig und honigsäum: di zähne sein sehr klein und
zahrt, so glat als elfenbein, und stä-[360]hen in einer rächt-lihblichen ordnung
an einander: ihr hauchen bläset einen anmuhtigen geruch von sich: ihre stimme
ist mehr als mänschlich; das kin ist auch rächt ahrtlich gebildet; di bakken
sein schne-weis, und mit einer zahrten röhte verschönert; das angesicht ist mehr
rund als länglicht, und zeuget einen helden-muht an; der hals ist lang und
gerade, weis wi di lilien, und stähet zwüschen den schultern in seiner
rächt-mähssigen gröhsse. Di brust ist so föllig, so kwaplicht und so glat, dass
man keine knochchen dahr-an sihet; die brüste sein so lihblich und so rund, und
gleichen den pfirsken nicht übel. Ja er gähet solcher gestalt fast durch alle
glider ihres leibes, di folkommenheit ihrer schöne zu beweisen.
    Wan nuhn mein gnädiges Fräulein noch nicht gestähen wül, dass di schöhnheit
an den irdischen geschöpfen zu fünden sei, so wärd' ich ihr färner nichts zu
antworten wüssen; nahchdähmmahl so vihl grohsse läute, ja ihr verwandter
Pompejus Kolumna selbst gedachte Fürstin ihrer folkomnen schöhnheit wägen so
hohch erhöben, und si so schöne halten, dass auch di tohdten selbst zur libe
gereitzet und zur betrachtung einer so fölligen schöhnheit angelokket würden.
    Dass aber die mild-gühtige zeugmutter aller dinge meinem gnädigsten Fräulein
auch so vihl und mancherlei schöhnheiten rächt überflühssig verlihen habe, könt'
ich auch leichtlich erweisen, wan ich mich dässen nuhr erkühnen dürfte. dann,
damit ich einem andern di über-träfliche leibes-gestalt zu beschreiben
überlahsse, so sag' ich nichts mehr, als dass si der reiche überflus ihrer
belihbten Tugenden fast ganz vergötlichet, und unter däm andern frauen-zimmer,
als nichtigen geschöpfen, gegen Si zu achten, sehr unkäntlich und erhöblich
machchet. Ja, in-dähm Si sich so gahr zu ernidrigen und zu verge-[361]ringern
gedänket, so lässet Si di häl-blizzende schöhnheit ihrer träflichen Tugenden
noch immer mehr und mehr leuchten, und man würd nicht aufhöhren ein solches
tugend-folkommenes Fräulein fohr di schönste zu disen zeiten aus zu ruhffen; ja
ih mehr si sich solches ruhmes entäussern würd, ih-mehr würd sich er unter däm
Folke häuffen, und durch di ganze wält erschallen.
    Wan ich färner wüssen sollte, dass meinem gnädigsten Fräulein kein
mis-gefallen geschähen würde, so wär' ich wohl willens, ihre schöhnheit unter
den läuten lautbahr und berühmt zu machchen, äben auf solche weise, wi der
berühmte Nihf der durch-leuchtigen Tagliakozischen Fürstin Johanna getahn hat:
Dan ich bin versichchert, dass si selbige wo nicht an äusserlicher, doch zum
wenigsten an der innerlichen schöhnheit, weit übertrüffet. Si ist ja sehr wohl
erzogen und aufgeführet; hat sich in aller-hand lustigen übungen und künsten, di
einem solchen hohen Fräulein sehr wohl anstähen, von kindheit auf unterweisen
lahssen; Si weus so ahrtlich zu mahlen, zu reissen und auf der lauten zu
spihlen, dass ihr auch manche meister dahr-innen weichen müssen; Si verstähet di
Sünge-kunst, mit der Tichterei, und, was di färtigkeit ihrer glider anbelanget,
so kann man aus ihren flüchtigen tänzen gnugsam abnähmen, dass si selbige nicht
hat verzährtelen, erstarren oder verlassen lahssen.
    Sol ich nuhn dises alles nicht schöhnheit nännen? und worinnen kann ich si
anders suchen, als ehrstlich in tugenden und gebährden, dahrnahch auch in
geschikligkeit und ahrtiger leibes-gestalt? wan man auch di schöhnheit alzu
hohch zwüngen wül, und nuhr alein bei den himlischen suchen, so müssen wihr
ändlich ihren namen unter uns gahr austilgen, und den göttern, welchen di
unvergängliche billich zukömmet, aleine zu-schreiben. [362]
    Mein gnädigstes Fräulein woll' es nicht im argen vermärken, dass ich mich
hab' erkühnen dürfen ihren kluhg-sünnigen räden zu widersprächchen; sondern
vihlmehr gedänken, dass ich solches zu ihrem fohrteil und zu ihren ehren getahn
habe, in-dähm ich erweisen wollen, dass man Ihr eine solche föllige schöhnheit,
so folkommen als man si in diser stärbligkeit immermehr haben kann, billich und
von rächts-wägen zuerkännen müsse. wan ich Si aber, wider verhoffen, ja möchte
beleidiget haben; so bitt' ich üm gnädigste verzeuhung, welch' ich dann gahr
leichtlich erlangen wärde, weil ich weus, dass si mihr allezeit vergönnet hat,
und noch gnädig vergönnen würd, dass ich mich nicht alein halten, sondern auch
öffendlich schreiben und nännen mahg
                          meines gnädigsten Fräuleins
                                               aller-untertähnigster, färtigster
                                                               Knächt und Diner.
                                     xvii.
                         An seinen brüderlichen Fräund
                           Hern Träulihb von Nageln,
             als er seiner Klugemunde mit der lauten ein wülkommen
                                    brachte.
Avf! währter bruder, auf! verlahs den süchen stand;
was hülft es, wan wihr gleich betauren unser land, [363]
das sich in sich verschlüngt? auf! nüm zur frohen stunde
mit deiner lauten an di ädle Klugemunde,
di izt nuhr widerkömt, und diser frohen statt,
di ihren glanz alein von ihrer schöhnheit hat,
ihr fräuden-feier mehrt. Zehn wochchen sein verwichchen,
als diser lüchte stärn in Uträcht wahr verblichchen,
und bei der Amstel schihn. o welche lange zeit!
di auch entfande selbst di unentfündligkeit.
di tühren hingen lahm, di lüchter bei der strahssen,
fohr denen sonst mit ihr so manche Schönen sahssen,
di stunden ganz betrühbt, weil ihre meisterin
nicht mehr zur ställe wahr. Di bluhmen, di fohr-hin
fohr ihrer linken brust sich ganz verschönert zeugten,
di hingen straks den kopf. di rosen, di sich neugten
zur ärden nider-wärts, weil si nicht mehr beschihn
ihr rächtes sonnen-lücht, di sah man traurig blühn.
doch traurig dise nuhr! di andern ihres gleichen,
di ihr an aller zihr und hohen gaben weichen,
di waren froh aus neid, und sähn nuhn wider schähl,
dass dise Sonne scheint in Uträcht ohne fähl.
Wihr aber, trauter fräund, sein lustig und erfräuet,
weil unsrer aller fräud' ein solches lücht ernäuet,
das keinen fähler kännt, von keinem ände weus,
und beides tahg und nacht behält den höchsten preis.
Lahsst uns das währte bild mit schönen lidern ehren,
und ihren hohen ruhm mit aller kraft vermehren. [364]
Dein schöner lauten-klang, dehr bis zur sehlen drüngt,
di schwachchen sünnen rührt, und auch ein nu-mänsch zwüngt,
gefällt ihr mehr als wohl. Drüm auf und lahs uns gähen,
was wollen wihr alhihr noch länger stille stähen?
Di schöne nacht brücht an, di tausend-libe nacht,
da deiner lauten schal di mänschen fröhlich macht.
Der rauhe büchsen-klang hat durch den tahg geklungen,
des starken Peters salz luft, ohr und sün durch-drungen,
nuhn soll auch durch di nacht dein angenähmer klang
geist, sehl und härz durchgähn, das schohn fohr fräuden krank.
der lohn ist auch schohn da, di gunst, so dise Schöne
fohr dein' und meine schänkt. der dank fohr dein getöhne,
der tausend-träue dank, dehn dises wunder-bild
in ihrem härzen gihbt, dehr aus der sehle kwült,
und deine mühe kännt, dehr ist mit tausend lidern,
und tausend noch dahr-zu, nicht gnugsam zu erwidern.
                                     xviii.
                              An di reise-färtige
                                   Rosemund.
Trit härführ, schöne Rosemund, du beängeltes mänschen-kind; das träu-gesünnete
lihb-sälige frauen-zimmer der hohch-deutschen fölkerschaft stähet schohn üm
seinen stolzen Rein, und wartet deiner ankunft mit fräudigem verlangen; di
wällen, dahrauf du zu den götlichen Deutschinnen anlan-[365]gen solt, gäben ein
rächtes fräuden-geräusche von sich, und wollen dise angenähme last auf ihrem
krausen rükken nahch däm lang-gewündschten lande zu tragen; di winde sein auch
schohn gefasst den steuer-man vergnüglich zu entsäzzen;
Si zühn den sanften hauch
aus ihrem tühffen schlunde
mit hohl-gemachtem munde
und füllen ihren schlauch;
si können kaum so lange
verzühn in ihrer kluft:
di stolze segel-stange
stäht schohn in ofner luft,
und zeucht di frohen flügel
dihr, wunder-schönes Bild.
Drüm auf, o ädele, und begib dich zu schiffe, di lihblichen Amstelinnen und
Lechchinnen wärden dich begleiten, und den frohen nahch-winden mit einhälligem
Glück-wündschen übergäben; es ist izund di lihblichste zeit; das jahr wül dich
mit seinen reiffen und überflühssigen früchten entfangen; der wein auf den
anmuhtigen bärgen würd sich deiner zahrten hand auch bald zu läsen dahrbüten und
deinen kummer versühssen. Drüm eile, meine Schöne, ehe der windter einbrücht und
den reisenden alle lust benümt: wihr wündschen dihr sämtlich Glück, und bei der
grohs-mächtigsten Deutschinnen gnädiges verhöhr.
                                   G.K.O.V.Z.
                                    A.D.D.S.
                                                                           [366]
 
                                 An den Läser.
    Wan der geneugte Läser eines und das andere wort, welches wihr rächt deutsch
haben gäben wollen, nicht so bald verstähen könnte; so wollen wihr, ihm zum
nahch-rücht, folgende wörter mit ihren ehrst-gebräuchlichen namen anhähr-säzzen,
als:
    Pallas, Kluginne, Blauinne (cæsia virgo).
    Diana, Weidinne, Jagtinne.
    Mars, Heldreich.
    Vulcanus, Gluhtfang.
    Venus, Lustinne, Libinne, Lach-mund oder Schauminne.
    Cupido, Lihb-reiz, oder Lust-kind.
    Juno, Himmelinne.
    Neptunus, Schwümmahrt, oder Wasser-reich.
    Flora, Bluhminne, oder Westinne.
    Pomana, Bauminne.
    Echo, Schallinne, wider-ruhf.
    Papst, Grohs-erz-vater.
    Actæon, weidman.
    Status monarchicus, der einhäubtige stand, oder beherschung.
    Status oligarchicus, seu aristocraticus, der vihl-häubtige stand.
    Status democraticus, der al-häubtige stand, oder beherschung.
    recommendiren, den fohr-spruch tuhn, fohr einen sprächchen, ein guht wort
        verleihen, anbefählen.
    minute, zeit-blik.
    Natura, zeuge-mutter, ahrt, eigenschaft, u.a.m.
    Teppiche, prunk-tücher.
    Lieutenant, walt-haupt-man.
    Oberster-Lieutenant, Schalt- oder Walt-oberster.
    Masque, mum-gesichte.
    pistohl, reit-puffer.
    Grotte, lust-höhle. [367]
    Galere, wal-schif, oder walleie.
    Jalousie, schähl-sichtigkeit, libes-eifer.
    Spaziren gähen, lust-wandeln, einen lust-wandel oder lust- wal tuhn.
    Cabinet, bei-zimmer.
    fänster, tage-leuchter.
    Monarcha, Erz-könig, oder Römischer Erz-her. wan es aber sonst ein grohsser
        fürst sein soll, so heisset er nuhr Grohs-her, oder grohs-könig.
    politisch, wält-sälig.
    complementen, prunk-räden, wort-gepränge.
    nonnen-kloster; Jungfer-zwünger.
    bleau-mourant, stärbe-blau, schähl-blau.
    pomeranze, gold-apfel.
    Opfer, Schlacht-gabe.
    Tempel, Gottes-haus, oder bau. Altar, Gottes-tisch, und so fortan.
Bisweilen ist auch eines und das andere wort teils versäzt, teils zu vihl gesäzt
worden.
                           [Druckfehler-Verzeichnis]
    [368] Mehr hab' ich in der eil in den ehrsten vihr bogen nicht fünden
können, das übrige würd der geneugte Läser in den folgenden bogen, unbeschwäret,
selbst zu verbässern wüssen, und mich solcher gestalt noch mehr zu seinen
dihnsten verpflüchten.
                                  Got mit uns!
                                     ENDE.
 
                                    Fussnoten
1 M. Barbara heisst in der sirischen sprache so vihl als eine kindes-tochter,
oder kindes-kind.
2 Margareta (also hihs ihre Frau Mutter) bedeutet in grichischer sprache so vihl
als eine perl.
3 si wahr aus der Seifarter geschlächte geboren.
4 di Stihf-mutter hihs Catarina, das ist, reine.
5 der Her Vater Gotfride.
6 di stihf-mutter, Katarina Seifartin.
 
    