
        
                                 Georg Wickram
                                 Der Goldtfaden
   Ein schöne liebliche vnd kurtzweilige Histori von eines arme hir ten son /
Lewfrid genant /welcher aus seinem fleissigen studieren /vnderdienstbarkeit / vnd
Ritterlichen taten eines Grauen Tochter vberkam / allen Jungen knaben sich der
tugendt zubefleissen / fast dienstlich zu lesen /Newlich an tag geben durch Jörg
                               Wickram von Colmar
                                        1.
 Wie hirt Erich seines viehes hüt, und ein grosser lew teglich zu im under sein
vieh kam, dem aber gar keinen schaden tet, allein wie ein ander zammer hund das
                                halff verhüten.
Es ist gewesen vor vilen und langen jaren jaren in dem künigreich Portugal ein
armer man mit nammen Erich, welchen got in seiner armut mit vil kinden, sön und
töchtern, begabet. Dieselbigen kinder aber got mit wunderbarer schöne an die
welt kommen liess, so das gemelten Erichen aller arbeit, angst und armut gar nit
beschweret. Dann sobald er von seiner arbeit des nachtes heim zu Haus kam, legt
er von im sein bickel und hawen, nam zu im seine jungen und schönen kinder,
schimpffet und schertzet mit freuden mit in, als wann er den ganzen tag keiner
arbeit nie gepflegen. Sobald auch seine kinder etwas erwuchsen, begerten sie von
im die reichen kauffleut. Die wurden dann gar fleissig und wohl bei ihn
aufferzogen, und so sie dann zu mannbaren tagen erwachsen, wurden sie gar
ehrlich von denselbigen versorgt und aussgesteurt; niemant aber wolt dem guten
Erich zu hilff und statten kommen. Das weret so lang, biss sein haussfraw
Felicitas (also was ir nam) ires letsten sons genesen tet; dann mit demselben
kind kam ir und irem hausswirt gross Glück und heil auff erdtrich.
    Erich, der gut, fromm und getreuw arbeiter, hatt jetz von der gemein im
dorff, darauff er sass, das viech angenommen zu hüten, darmit er sein narung dest
bass gehaben mocht. In disem seinem hirtenampt begab sich ein seltzam wunder, so
dann zuvor von niemans vormals erhört was. Dann als er einesmals bei seinem vieh
auff dem feld was und im sein haussfraw Felicitas das morgenbrot auff das feld
bracht, sassen sie under einen schattigen baum zusamen, die hitz der sonnen zu
fliehen, assen alda das morgenmal, was sie got berahten hat, mit freuden. Wie
sie also sitzen, so fahend seine hund, der er zwen bei im hat, gar grewlich an
zu bellen, das füch mit grossem schnauden zusammenlauffend. Erich, der güt hirt,
erwischet seinen hirtenstab, laufft schnell und bald zu dem füch. Als er in
mitten under die herdt kompt, so ersicht er ein grausammen grossen leuwen in
mitten under seiner härdt, von welchem anblick er nit wenig schrecken empfing.
Der leuw aber in ganz mit güte ansehen und mit demütiger geberd empfieng,
seinen schwantz auff die erden klopffen gleich einem hund, so sich gegen seinem
herren demütig unnd dienstbar beweiset. Davon Erich in sonder verwunderung kam,
nit wohl gedencken kund, wes er sich halten solt. Also schied der leuw ganz
fridsam von ihm, liess auch das füch ganz unverletzet.
    Erich, der gut hirt, wider zu Felicitas, seiner haussfrawen, keret; die fand
er noch under dem baum mit der speiss seinen warten. Als sie in aber so bleich
und aller menschlichen farb so ganz beraubt sah, erschrack sie on massen seer;
sie stund bald von der erden auff und sagt: O Erich, mein lieber und
freundtlicher hausswirt, was gemeinet das schnell verkeren deiner farb under dem
angesicht? Ach sag mir durch gott, was dich so angstaft gemacht hat! Erich der
hirt trost sein liebste haussfrawen, so best er mocht, sagt ir damit all ding, so
ihm begegnet was mit dem lewen, dess ir die gut frauw nit wenig wunder nam. Also
wider zusammen nidersassen, das mal zu vollen, so gut sie das haben mochten,
vollendten.
    Als es nun umb unnd über den mittentag kommen was, die gut Felicitas wider
heim zu Haus ging, nit gar ferr von irem man kommen was, so begegnet ir der
vilgemelt lew, davon sie gar seer und fast übel erschrecken tet. Der leuw aber
sich gleicherweiss ganz freundtlich unnd fridsam erzeiget, wie er dann vormals
auch getan  hat gegen Erich dem hirten. Sie aber lieff nicht dest weniger zuruck
zu ihrem mann, sagt ihm die geschicht von dem lewen. Also behielt sie Erich der
hirt bei im biss auff den abent, das die sonn zu genaden ging. Dann er sorget
seines weibs, das sie ein schrecken empfahen, so ihr schedlich sein möcht; dann
sie gross schwanger ging.
    Zu abens fur er heim mit seinem füch, sagt die verlauffen geschicht
ettlichen seinen nachbauwren, welche ihm das zu einem schertz und nicht für ein
warheit auffnamen. So wolt der gut mann auch keins wegs nit streitten, liess also
hingohn und schwig hinfurbass zur sach. Sein frauw aber wolt nit mehr zu feld;
dann sie dermassen erschrecket was, so das sie in sorgen stund, es wird ir an
der frucht schaden, so sie underm hertzen trug. Nit minder besorgt sich auch ir
gemahel Erich; dann im unverborgen, das sein haussfraw jetzund nehig was. Darumb
bat er gott teglich mit ganzem fleiss, er solt seinem weib einen frölichen
anblick bescheren.
    Nun was das geschrei von dem leuwen jetzund weit aussgeschollen; dann er kam
teglichs zu Erichen dem hirten, ging under seinem füch so heimlich und nit
anderst, dann die hund zu tun pflegen, so von jungen auff bei dem füch erzogen
werden. Also pfleget gemelter lew des füchs zu huten. So es dann abent ward,
ging er mit gemachsammen dritten sonder schaden wider zu wald. Diss geschrei kam
für den könig; der verbott inn seinem ganzen königreich, das niemans disem
zammen lewen schaden zufügen solt bei verlierung seiner gnaden. Also kamen gar
vil reicher burger unnd kauffleut von allen orten, disen leuwen zu sehen,
welcher teglich bei dem hirten Erichen funden ward. Als man nu gemeinglich die
frombkeit des lewen innen worden was, kam das volck teglich, brachten im fleisch
und ander speiss, so das er ganz wohl gefurt ward. Zuletst, als er semlicher
freundschaft von dem volck empfand, ward er so heimlich, das er alle nacht mit
Erichen dem hirten heim zu Haus zog und lag des nachtes bei seinen hunden vor
dem Haus, als wann er das wolt helffen bewaren. Des morgens zog er wider mit
Erichen und seinem viech zu fäld. Diss weret so lang, das die fraw ganz nach zu
irer geburt hat, die dann jetzund schon dess lewens kein schühens mehr nam.
    Nun was ein kauffman in der statt, der was fast reich und hat nit mer dann
ein einiges kind, so im sein haussfraw newlich geboren, welche zuvor mehr dann
zwelff jar stil gestanden was; dessgleich war ir ein unfal an der geburt
widerfaren, das sie in grossen sorgen stund irs leibs und lebens; so sagt man
ihr auch für gewiss, das sie keines kindes mehr schwanger werden möcht. Derselbig
kauffman kam teglich aus der statt mit andrer seiner Gesellschaft, damit er diss
abentewr gnugsamlichen erkunden möcht; er bracht auch alwegen dem lewen sein
speiss mit im.
    Eines tags begab es sich, das er abermals kam und fand Felicitas bei ihrem
man auff dem feld; sie sass bei dem lewen, der hatte sein haupt in ihrer schoss.
Das nam den kauffman seer wunder, zuvor als er sah, das die fraw mit schwangerem
leib do sass. Der lew erkant den kauffman geschwind; dann er im zu vilmal speiss
bracht hat; darumb er sich dann gar freundtlich gegen im beweisen tet. Hermanus
(also hiess der kauffman) ging zu hirt Erichen, befragt in aller sach, wie lang
es sein möcht, das gemelter lew also Gesellschaft bei im gesucht het, auch wie
lang sein haussfraw kinds schwanger gewesen; des alles in hirt Erich mit kurtzen
einfaltigen worten grüntlich berichtet. Herman der kauffman sagt: Mein lieber
hirt Erich, ich bitt dich, so sichs begeb, das dir gott ein frucht bescheret, du
wöllest mich nit verschmahen und zu einem gefatteren annemen. Dargegen versprich
ich dir, das kind als mein eigen fleisch und blut zu erziehen und neben meinen
natürlichen son in gleicher lieb, fleiss und lernung, desgleichen mit kleidung,
speiss und tranck underhalten. So im dann got sein tag erstrecket, so das er zu
manbaren jaren kompt, will ich in mit einer rühlichen ehsteur begaben, es sei
gleich ein knab oder ein tochter. Ich will auch zu dem allem dich und dein weib
dermassen versehen, das ihr ewer narung mit besserer rhu überkommen und haben
solt dann bisher.
    Dise zusag und trost nam Erich der hirt mit grossen freuden und danck an.
Also gesegnet sie Hermanus der kauffmann, reit wider in die statt, sagt seinem
weib alle sach, dess sie mit grossen freuden bewilliget und mit verlangen der
zeit erwartet.
                                       2.
 Wie Felicitas eines jungen sons genass in beiwesen Lyseta, des kauffmans weib,
           was sich auch weiters mit Lotzman dem lewen begeben hatt.
Nachdem sich nun die zeit verloffen unnd Felicitas, hirt Erichs weib, die
frucht, so ihr von gott beschert, an ihr statt io getragen unnd sie jetzund die
kindtsweh umbgeben, hatt sie bald ihren hausswürt inn die statt nach ihrer
zukünftigen gefetterin geschicket; dann also hat Hermanus die ordnung geben.
Bald ist er sampt seinem weib, auch andren guten freunden auff ein hangenden
wagen gesessen, dem dorff zugefaren, in welchem der hirt Erich sein wonung hatt.
    Als sie aber nit lang da gewesen, ist die gut Felicitas der recht ernst
ankommen, hatt also in beiwesen Lysete, auch ander züchtigen frauwen einen
schönen jungen son an die welt bracht. Sobald diss Lyseta wargenomen, ist sie zu
ihrem gemahel Hermano gelauffen, ein frölichs bottenbrot von ihm begeret; der
sich dann gar grösslichen erfrewet hat, insonderheit als er vernam, das sie eins
jungen sons gelegen was.
    Als sie nun das kind gebadet, hand sie auff seiner lincken brust gegen dem
hertzen ein mutermal funden, einem leuwendatzen oder topen gleich geformiert.
Sobald Hermanus sampt seiner gesellschaft sollichs ersehen, haben sie
gleichformiger red zusamengestimpt unnd gesagt: Gewisslich würdt ein mannlicher
und teurer held aus disem kind werden; dann dise und andere zeichen, so an im
gesehen, geben des gnugsame und gewisse kundschaft. Lyseta als ein gescheftig
und fürsichtig weib hat zuvorderst versehen, das der armen Felicitas mit aller
notdurfft gepflegen ward, damit sie bald wider zu iren krefften kummen möcht.
Demnach hand sie verordnet, das kind zur tauff zu tragen. Felicitas aber ist mit
köstlichem betgewand, decken und goltern gar rychlich versehen worden, als wann
sie eines reichisten burgers weib gewesen wer.
    Als man aber das kind aus dem Haus getragen, ist der lew zugegen gewesen,
hat mit grausamer stimm ganz erschrockenlich angefangen zu prüllen, gleich als
wann man in seiner eignen jungen wölffen hett berauben wöllen. Als nun der
kauffman dise ding all gesehen, ist er mit seinen guten freunden zu raht worden,
dieweil der lew so fridsam und freundtlich jetz lang zeit bei vilgemeltem hirten
gewont, wöllend sie das kind Leüfrid mit seinem namen nennen. Das dann also
geschehen ist; das kindlin ward mit grossen freuden zu und von der tauff
getragen.
    Demnach hat Hermannus ein köstlich malzeit in dem wirtzhauss zuberaiten
lassen und menigklich darzu beruffen, weib und man, so dann in dem dorff
doheimen gewesen sind. Vor den allen hat er dem hirten Erichen ein hoff und
gesess ingeben und in als seinen meier darauff gesetzt. Das kind aber hat er
seiner rechten mutter befolhen in guter pfleg zu halten, biss es zum wenigsten
eines jars alt worden; darzu hatt er allen tag ihr köstlich speis und dranck
zugeschicket. Sobald sie nun vierwöchig worden, hat hirt Erich sein ampt und
hirtenstab von im geben, auff gemelten meierhoff, welcher gar nahend an der
statt gelegen, gezogen, seinen lewen mit im genommen, der dann je lenger je
heimlicher worden ist. Dann so oft er in die statt, seine geschefft
auszurichten, gon tet, liff Lotzman der lew mit im; der ward alsdann von
menigklichen gespeiset.
    Zuletst aber, als dem künig so vil von gemeltem lewen gesagt, nam er den an
den künigklichen hoff. Davon hirt Erich in gross leid kam; dann er sich dermassen
so übel gehub, als wann ihm seiner blutverwandten freund einer mit todt abgangen
wer. Nit weniger trawret auch Felicitas, dessgleich Hermanus. Diss sei genug von
dem leuwen gesagt biss zu seiner zeit.
    Lewfrid, dass kind, ward ganz müterlichen und wohl ernert, so das diss kindlin
inn kurtzen tagen gar schon unnd frechs leibs ward; dann sein muter Felicitas
von Hermanno und seinem weib gar wohl mit aller notdurfft underhalten ward sampt
ihrem man. Sie hielten ihrem herren auch gar wohl unnd heusslich dass sein
zusammen, so das er inn kurtzer zeit einen grossen vorraht auff seinem hof
spüret; dann gott gab inen beiden sonderlich gross Glück, dieweil sie
gotsförchtig, frum und gerecht lebten, begerten auch ihr herrschaft keineswegs
zu veruntreuwen.
    Dergleichen mayer man leider zu unser zeit nit vil findet; deren aber sind
gar vil, welche drei, vier zinss sammenstohn, lassen die güter ungemisst, sugen
die aus auff das bar bein; wann sie dann nit mehr tragen mügen, stellend sie die
ihren lehenherren wider zu handen. Davon sei nunzmol gnug geredt.
 
                                       3.
  Wie Lewfrid von seiner muter genomen ward, inn die statt zu seinem pfettern
                  gefürt und fast zertlichen aufferzogen wirt.
Als nun Hermanus der kauffman wohl gedencken mocht, sein angenommener pfetter und
son hett jetz die muterlich milch gnugsam genossen, weil er mer dann eines jars
alt was, schicket er nach meier Erichen unnd seinem weib, befalch auch, dass sie
das kind mitbringen sollten. Sollichs geschah mit gutem willen. Sie kamen beid
auff einen suntag zu morgen sampt dem kind. Herman hat ein herrlich malzeit
zubereitten lassen, zu dem berüfft er all seine guten freund.
    Als nun jederman zu tisch gesessen, hatt er erstlich vor ihn allen
angefangen zu reden unnd gesagt: Ihr mein allerliebsten angenemesten freund und
gönner, damit man nit sprechen oder zum wenigsten gedencken möcht, mein zusagen
und versprechen wer hinder dem wein und im schlafftrünck beschehen, so ist mein
bitt an euch allsam in gemein, wöllend mich vernemen und meinem zusagen und
versprechen gewisse zeugen sein. Dann ich mich mit meiner gemaheln Lyseta
underret und mit irem guten willen beschlossen hab, das diss kind, so zugegen
statt, uff disen tag und hinfürbass für und nit anderst dann mein eigener son,
welchen ich von meiner liebsten gemahel überkommen, soll gehalten werden. Er
solle aber sich hierumb seiner elteren nicht entschlagen, sonder von allem
meinem gesind dohin gewisen werden, das dise sein natürlich vatter und muter
seiend. Sodann sollend sie beide ihren freien teglichen zugang zu disem ihrem
son haben, welchen ich biss zu seinen mannbaren jaren aufferziehen und mit aller
notdurfft versorgen will, dannoch mit einer ehrlichen tochter versehen unnd
ausssteüren als mein einig und eigener son. Des zu zeugnuss hab ich euch zu disem
malzeit beruffen. Darumb sind frölich mit mir!
    Diss versprechen unnd zusagen gefiel ihn allen fast wohl. Alsbald trug man die
speiss und tranck für, und ward das mal mit grossen freuden vollendet. Also nam
Hermannus der kauffmann das kind, befalh dass Lysete, seinem weib, inn guter
pfleg zu halten. Dass richt sie aus nach befelch ihres mans. Hirt Erich aber unnd
sein weib wiewol sie wussten, das ihr kindt ganz wohl und ehrlich versehen, noch
schieden sie mit grossem trawren aus der statt; dann sich das muterlich hertz
inn ihn erreget. Als sie aber teglichen inn des kauffmans Haus woneten,
vergassen sie ihres trauwrens, dieweil sie ihren son teglichen vor augen sahen.
    Sobald nun Lewfrid unnd des kauffmanns son ein wenig zu verstand kamen, liess
sie Hermannus in die schulen gohn, do sie dann in gar kurtzer zeit fleissig und
gar wohl studierten, so das sich menigklich jung unnd alt, ab ihrem fleiss
verwundren ward, und in sonderheit ab Lewfriden. Derselb so ganz hohen
sinnreichen verstand hat, als wann er zwentzig jar elter gewesen wer. Davon dann
alle andren schuler ein sonder auffsehens auff in hatten, sie wurffend in
gemeinlich auff für ihr konig und regierer. Lewfrid demnach er nun zu künig
erwölet ward, fieng er an die empter zu besetzen, ein jeden, nach dem und er ein
verstand hat. Als er nun seine sach und reich nach dem fleissigsten ordiniert,
hat die ganz menig der schulerlin neben der zeit ihrer lernung ein gar
fleissiges auffsehens auff in gehabt.
    Es was aber noch ein schul in der statt Salamanca, in welche schulen gar vil
mehr knaben, so vom adel waren, giengen dann in Lewfriden schulen. Dieselbigen
rotteten sich zusamen, verachteten die ander schul mitsampt ihrem künig, darumb
das er eines hirten son und nit vom adel geboren. Semlich verachtung verschmahet
die andren jungen fast übel, brachten das für ihren künig. Der meint  auch, im
gesche gar unbillichen, ermanet desshalben seine diener, solchs an seiner
widerpart zu rechen, dess sie ihm dann gemeingklich versprachen zu tun.
    Nun was ein junger edler knab in Lewfriden schulen; sobald derselbig etwas
vernam, füget er sich zu. Lewfridens widerpart, sagt und zeigt ihn an allen
rahtschlag, so wider sie practiciert. Bald wurffen sie auch einen künig und
ihnen auff, der was gar ein junger frecher unnd stoltzer edeller knab. Alsbald
sagten die beiden schulen sonder vorwissens ihrer schulmeister einander ab,
bestimpten ein platz, auff welchem sie auff künftigen sonnentag zusamenkommen
wollten und ein schlacht mit einander volnbringen. Lewfrid was des gar wohl
zufriden, er rüstet sich auff das allerbest, so er mocht, mit seinen gesellen,
damit er seim gegenteil möcht angesigen.
 
                                       4.
Wie sich Leufrid zur schlacht rüstet, seinen gesellen harnasch von rinden ab den
baumen machet; wie er auch hart gegen seinem schulmeister verklagt ward, um das
          er ein knaben so hart straffen und mit ruten schlagen liess.
Lewfrid berufft zusamen all seine undertanen, ermanet sie gemein, das sie
unverzagt die sach angreiffen wollten; damit sie aber bass dann ir widerteil
gerüst und verwart weren, so solt im ein jeder rucken und krebs von rinden, so
sie von beumen abschelen sollten, machen. Des rahtschlags waren sie allesammen
willig; ein jeder schauwet ihm heimlichen umb gemeldte rinden, machten ihn
daraus armzug, rucken unnd krebs, damit sie vor stöss unnd streichen zimlichen
versehen waren. Diss aber nam der gemelt edel knab gar fleissig war; sobald er
platz haben mocht, zeigt er das dem andren könig auch an. Derselbig rüstet sich
auch gleicher gestalt mit harnasch und anderer wer.
    Uff bestimpten sontag kamen sie zusammen an das ort, dohin ir bescheid war.
Lewfrid aber als ein fürsichtiger junger was selber seiner gesellen fürer und
hauptman; er nam bald einen bühel für seinen vorteil ihn, darauff wolt er
seines feinds erwarten. Als sie nun zu beider seiten zu feld kamen, begert
Lewfrid inn ein gespräch zu kommen mit dem andren künig, seinem gegenteil. Dass
bewilliget er im zuhand. Also underredten sie sich mitnander, das sie kein
schadliche wehr, so von eisen oder stahel gemacht, brauchen sollten, kein kolben
noch spitzig stecken, sonder hültzine schwerdter; es solt auch zu beider seiten
kein stein geworffen werden, aber mit leimen oder weicher erden solt einem jeden
erlaubt sein zu werffen. Also griffen sie zu beider seiten einander an. Der
ander knabenkünig understund zum offtern mal Lewfriden aus seinem vorteil zu
treiben; das aber kond er in keinerlei weg volbringen. Dann seine gesellen
hatten die höhe dess bühels ihn, die wurffen mit erdschollen starck zu; dann ihre
gesellen hielten mit ihren hültzin schwerdten unden ihren finden den anlauff
gwaltig vor, so lang das Lewfrids gegenteil so matt und müd wurden, so das sie
weder werffen noch schlagen mehr kondten, wollten also den bühel verlassen unnd
die flucht geben. Das mercket Lewfrid, eilet ihn mit seinen gesellen nach. Die
aber begerten der stangen unnd bekandten sich überwunden. Lewfrid nam den andren
könig gefangen, der must im und seiner gesellschaft friden zusagen. Demnach
ward ihm gesagt von dem jungen, so allweg seine heimlichen anschleg; geöffnet
hatt; den liess er für sich bringen und mit ruten übel schlagen.
    Das verschmahet ihn gar übel, klaget die schmach seiner muter, die bracht
das für den vater. Der erzürnet sich dermassen über Lewfriden, verklagt ihn vor
seinem schulmeister, sagt ihm darbei, wo er ihn nit darumb strieff, so wolt er
ihn selber straffen. Der schulmeister sagt ihm das zu, unnd damit er seinen
fleiss spüren möcht, wolt er nach im senden, damit er in gegenwertigkeit sein
gestrafft würt. Diss vernam einer aus Lewfriden gesellschaft, saumpt sich nit
lang, er kam und zeigt im alle ding an.
    Davon der gut arm könig gar übel erschrack, wisst nit, wess er sich halten
solt; so was er jetzund nit gar zwölff jar alt. Jedoch besan er sich kurtz,
fügte sich heim zu Haus, satzte sich heimlich in ein schreibstuben und schrib
seinem herren einen brieff auff solche form lautend:
    Wiewol mir, allerliebster herr und pfetter, vil gutat von euch widerfaren,
darzu meinem vatter unnd muter noch teglichen widerfaret, so muss ich mich doch
von wegen grosser forcht unnd scham jetzund von euch scheiden. Das macht,
dieweil mich meine mitgesellen und schuler zu einem künig erwölt unnd mir aber
jetz zumal so gar hart getrawen von meinem schulmeister und einem edelman, umb
das ich seinen son hab straffen lassen, müsst ich mich gar hart vor meinem
gegenteil schamen, dieweil ich sie mit meinen gesellen dapffer überwunden hab,
wirde sich mein widerpart grösslichen erfrewen, wan sie vernemen mich, der meiner
gesellen künig gewesen, so übel mit ruten solt abgefertigt und von seinem reich
kommen sein. Darumb, lieber herr und vatter, bitt ich euch, wöllend mir durch
gott vergeben. Hergegen versprich ich euch, dieweil mir got mein leben fristet,
will ich euwer guten und vätterlichen leer nicht in vergess stellen, sunder mich
zu aller zeit darnach richten und all mein sachen schicken; bitt auch, wöllend
euch meinen armen vatter und mutter lassen befolhen sein und sie mein torheit
nit entgelten lassen. Ich armer Lewfrid far dahin. Gott spar euch und die eüwern
in langwiriger gesundteit!
    Als nun der gut Lewfrid seinen brieff geschriben und mit wachs vermacht, ist
er ganz trawrig zu dem nachtmal gangen. Des Herman der kauffman bald
wargenummen; und als er in befragt, was im manglet, hat er mit schwach und gar
trauriger stim seinem hern geantwort, im mangle gar nichts, dann allein er wolt
gern einmol seinen vatter heimsuchen. Das erlaubt ihm sein herr mit guten
willen. Lewfrid hatt nit im sinn, zu seim vatter oder mutter zu kummen, allein
sagt er das, damit er dest minder von seinem herren verarckwont würd. Er besan
sich nit lang, nachdem im sein herr erlaubt hat, legt an seine schlechtisten
kleider, fur sein strass, aber nit des willens widerzukummen. Er stiess sein
brieff in sein schulersack, fur davon.
 
                                       5.
 Wie Lewfrid an eines graffen hoff in die küchen kam und küchenbub ward, wie in
         der meisterkoch fast lieb gewan; weiter von seinem wolsingen.
Lewfrid mit grossem leid von dannen zoch; dann im was unverborgen, sein vatter
und muter wirden in mit grosser kümernus suchen, als dann auch geschah. Seinem
herren, dem kauffmann, ward auch hertzlichen leid umb den knaben; sonderlich als
er seinen schulsack ersucht, fand er den brieff, wellichen Lewfrid geschriben
und hinder im gelassen het; darumb er dann kein hoffnung mer hat, das der knab
widerkommen solt. Nit minder traureten seine schulgesellen umb iren könig. Dis
blib also.
    Lewfrid, der gut jung, zog so lang, biss er sein bargelt, so ihm zu guten
jaren worden, ganz verzeret; er was auch gar weit aus dem land, also das er
guter hoffnung was, in wird niemants mer erfragen noch erfaren. Er kam in ein
schöne statt, darin was ein mechtiges schloss, daruff ein graf hof hielt.
Lewfrid gedacht in im selb: Möcht mir durch das Glück so vil gnad verlihen
werden, das ich auff das schloss an hof kommen möcht, ich wolt mich ganz
muckerlich halten, damit ich mit der zeit ein reisiger knecht werden möcht. In
solchen gedancken ging er für die porten des schloss.
    Nun was kurtz darvor dem meisterkoch ein kuchenbub entlauffen. Sobald
Lewfrid für die porten kam, klopffet er an, fragt den pfortner, ob man keines
jungen knaben inn dem schloss bedorfft. Der portner gab im ein gute partecken,
sagt im, er solt ein weil warten, er wolt in dem koch ansagen. Also kam er bald
sampt dem koch. Sobald er aber von dem koch ersehen ward, sagt der koch: Lieber
son, ich sorg, du seist mir zu jung; sonst wolt ichs mit dir wagen. - Lieber
meister, sagt Lewfrid, ir solt euch mein jugent und kleine person nit irren
lassen. Ich will mein befelch dapffer wissen auszurichten, als wer ich gleichwol
noch so gross. Der koch verwundert sich ab der klugen red des jungen, nam ihn bei
der hand, furt in mit ihm inn die kuchen. Darinn ubt sich Lewfrid gar
dapferlich; dann alles, das im sein meister underhand gab, griff er so
frischlich an, als wann er all sein tag darbei wer gewesen. So er auch etwas
schaffet, sang er gar dapffer und frölich darzu; damit kürtzet er allen denen
die zeit, so umb ihn waren. Sein meister gewan ihn fast lieb und wert, so hielt
er sich gegen allem hoffgesind ganz underdienstbar. Wann sich dann begab
summerszeiten, das er sein geschefft nach dem nachtmal aussgericht, hatt er
gewonheit, hinden am schloss inn einem schönen garten ein liedlin oder zwei von
heller stimmen zu singen, welchem gesang alles hoffgesind allwegen fleissig oren
gab; dann Lewfrid der jüngling ein gar liebliche und süsse stimm hat.
    Der graff hat ein schöne tochter mit namen Angliana. Dieselbig hat ir zimmer
hinden an dem schloss, darin hat sie gar vil schöner junckfrawen, so ir
zugegeben wurden als einer zuchtmeisterin, zucht und höflicheit bei iren zu
lernen, deren sie dann von irer muter seligen fast wohl underricht worden was.
Sie hat den preiss in aller künstlichen arbeit als mit sticken, stricken,
wircken, nähen unnd was von seiden und gold gearbeit werden. Sie über- und
fürtraff die Arachne, welche understund mit Palladi zu wircken; mit gesang und
seitenspil sonder lauten unnd harpffen wer sie zwar Sapho nit gewichen. Sie was
auch mit jederman freundtlich, gegen allem hoffgesind sanftmütig. Das gemach,
inn welchem sie sampt ihren junckfrawen wonet, hat alle liechter und fenster in
gemelten garten; derohalben Angliana sampt ihren hoffjunckfrauwen nit wenig lust
von des jünglings gesang empfiengen. Der graff aber, so er in seinem gemach was,
mocht den jüngling nit hören.
    Diss bestund also den summer fort aus, biss jetzund der herbst vergangen und
der trüb winter mit seinen dicken unnd schwartztrüben wolcken doherfur. Der zeit
ward Lewfrid nit mehr inn dem garten gehört. So sich aber begab unnd das
hoffgesind bei einander inn der hoffstuben winterszeit kurtzweil hatt, brachten
sie allwegen Lewfriden mit guten worten an, das er sein stimm hören liess, davon
im dann sein meister, der koch, ein sondere freüd nam. Also kam Lewfrid in ein
solche übung mit dem hoffgesind, welchs ihm vil und mancherlei schöner
reutterliedlin zustelleten, so das er den winter anfieng von im selb künstliche
text und liedlin zu tichten, hatt auch aussertalb seiner geschefft kein ander
sinnen noch gedencken. Das hoffgesind gewan in so lieb, das ein jeder umb ihn
sein wolt, ward ihm auch von den jungen edelleuten vil guter schencken
zugestellet, also das er sich in kurtzem gar wohl bessert. Wann ihm dann etwas
verehret ward von gold oder geldt, gab er es allwegen seinem meister inn sein
behaltnus. Und wann er sovil zusamen mochte bringen, machte er im schöne
kleider, überkam derhalben neben der hoffkleidung sehr köstliche und schöne
kleider.
    Diss belib jetz also. Fürbass wöllend wir sagen, was sich weiters mit
Lewfriden verloffen hab.
 
                                       6.
 Wie Angliana, des graffen tochter, nach gewonheit allem hoffgesind das newjar
  gab, allein Lewfriden, des kuchenbuben, vergessen tet, davon er hertzlichen
                                 betrübt ward.
Es begab sich gleich im selbigen winter, demnach jetzund das newjar kummen was,
junckfraw Angliana allem hofgesind, demnach sie gewont war, das newjar gab,
einem jeden, demnach er geadelt und mit einem ampt versehen was; und dem
wenigsten under den stalbuben ward ein schönes schnauptüchlin oder fatzennetlin.
Dise lieffen nach empfangner gab zusamen, yeder zeigt, was im die junckfraw
verehrt hatt.
    Von ungeschicht fügt sich, das der gut Lewfrid auch zugegen was; von dem
begerten sie sein newjar auch zu sehen. Er aber hatt leider nichts empfangen,
kond derhalben nichts zeigen. Jedoch wolt er dass in keinem unmut auffnemen; dann
er gedachte: Wer weisst, die junckfrauw mag mich nit kennen. Ich will mich ir
aber zu gesicht fügen; wer weiss, sie möcht mich in gnaden erkennen. Also fügt
sich Lewfrid oft mit fleiss auff weg und strassen, da er gedacht Angliana
herkommen solt; aber alles umbsunst was, dann sie seinen gar kein acht nam. Das
dann den guten jungen hertzlichen betriebet; darzu hat in Cupido mit seinem
geschoss verwundet, also das er in grosser einbrünstiger liebe gegen junckfrauwen
Angliana entzindet ward. So starck ward dass feür in im auffflammen, das er kein
stund noch tag, ja keinen augenblick hingan liess, in dem er nit die schöne der
junckfrawen auffs höchst ermessen unnd bedenken ward.
    Eines tags hat Lewfrid all sein geschefft gar zeitlich nach seines meisters
befelch aussgericht. Alles hofgesind kam zusamen in der grossen hoffstuben; dann
es was auff einen sontag gar grausam kalt. Als sie sich jetzund umbsahn, den
meisterkoch und seinen underkoch in der stuben fanden, aber Lewfrid niergens umb
die weg was, nam es sie alsam wunder. Sie fragten den meisterkoch nach im. Der
sagt: Sicher, ich weiss nicht von im zu sagen. Dann sobald und er sein gescheft
verricht hat, ist er aus der kuchi gangen; wohin, ist mir nit zu wissen, dann
das ich gedenck, er etlicher seiner gescheft halben in die statt gangen sei.
    Es hatt aber gar ein ander gestalt umb Lewfriden: sein gemüt was im hart
beschwert. Er sass in dem garten an einer verborgnen statt, sein jamer und leid
mit im selbs klagende; dann er sunst niemans in dem vertrauwen wolt. Lewfrid
fieng an mit im selb zu reden und über dass unstet wanckelbar Glück zu klagen: O
Glück, sagt er, wie bist du so wanckelmütig gegen mir! Du hast mich in meiner
kindheit aus meines vatters armen, mit stro gedeckten hüttlin genummen, in
welchem mir vil bass gewesen wer, so ich der zarten und siessen tag nit empfunden
hett. So wer ich jetzund meins vatters oder eins andern hirten diener. Der
versehe mich mit speiss und kleidung; die frischen und lauteren quellen weren mir
lustig zu trinken, desgleichen die feiste unnd süsse milch von geissen und
khüen. Jetzund für ich zu mittem tag aus mit dem viech; so dann die son zu
gnaden gon wolt, für ich wider heim, vertrib die zeit biss zum nachtmal in der
warmen stuben oder bei dem fewr. Des morgens wer mir ein kleine müh unnd arbeit,
so ich in den wald ging, des dürren holtz mir zu einer fart zusammenraspelt; so
ich das zu Haus brecht, würt das mal darmit gekochet. Summerszeit aber würdt es
noch ein bessere gestalt mit mir haben; dann in anfang des glentzen mag ich wohl
sprechen, das kein volck under allen begangenschaften mer kurtzweil, freud,
lust und wunn hat dann die hirten im feld. Jetzund sehend sie die wunder gottes,
wie die laublosen beum, die gleichsamm, als wann sie dürr weren, im windter
erscheinen, ihr laub wider herfürbringen mit süssem geschmack und schöner blusst.
Was soll ich sagen von dem lieblichen gesang der vogel, welche mit zitterender
stimm zusammensingen unnd je einer den andren meint zu übersigen! Die
lustbarkeit der vilgeferbten bliemlin mit unausszalbaren gestalten, die geben den
anschawenden auch nit wenig ergetzlicheit, wolust und freud. Diser ding aller
muss ich armseliger Lewfrid beraubt ston. Daran ich aber niemant dann dich, o
Glück, zu schelten weiss, dieweil du mich bei meinem lieben herren unnd ernerer
nit erhalten wöltest. Hei, warumb hast du mich dann aus meines vatters Haus
genommen? Darzu hast du nit ein vernugen gehabt ann dem, das ich von meinem
herren so reülich und wohl erzogen worden bin, sonder hast mich in meiner jugent
under meines gelichen knaben zu einem könig und regierer haben wöllen; welche
regierung ein ursach ist alles meines trübsals, in welchem ich jetzund ganz
hart verstrickt und gefangen bin. Ach mir armen betrübten jungen! Wer ist doch
in aller welt, der mich trösten mag, dieweil ich gegen deren, so mich vor allem
hoffgesind aussgeschlossen und veracht, bin in also grosser lieb entzünd, dieweil
doch nimmer müglich sein mag, das sie mir in all meinem leben ein freundtlichs
wort zusprechen würt! Dann sunst begert ich anderst nicht, dann in irem dienst
zu leben und zu streben. Was bedarff sie aber meines dienstes, ich, der eins
armen hirten son und von dem nidristen stammen geboren! Ir stond doch vil
ritter, graffen, freien und edelleut zu irem dienst, deren sie genug find, so
das mit grossen freuden begeren zu tun.
    Dergleichen klag hat der gut jüngling gar vil, trib das so lang mit im selb,
biss er vor frost nit mehr in dem garten bleiben mocht. Darzu kam jetzund die
zeit, das er sein geschefft in der kuchen versorgen solt. Er ging ganz trostloss
aus dem garten an sein arbeit. So man in fraget, wo er gewesen wer, gab er zu
antwort, er were in der statt spazieren gangen, die lustigen gebew der burger
zu beschawen.
 
                                       7.
   Wie Lewfrid eines tags von dem graffen in dem gartten bei einem rosenstock
funden ward, als er nach seiner alten gewonheit gar lieblichen sang, und wie in
                          der graff aus der kuche nam.
Demnach der winter jetz vergangen, der lieblich und süss mei all felder erfrischt
und mit zierlichen blümlein bekleidt, fing Lewfrid sein alten brauch zu müssigen
zeiten wider an; dann er hat das fewr der liebe zum teil abgekület mit dem, das
er alle ort, weg und steg vermeiden tet, wo er gedencken möcht, das im Angliana
zu gesicht käm.
    Eines tags begab sichs von ungeschicht, das er in dem garten sass under einem
rossenheldt, besorget sich gar nit, das zu solcher zeit jemans mer inn den garten
kommen solt. Er sang von heller stimm so lieblich, das ihm die vögel mit ihrem
gesang antwort geben müssten. Von ungeschicht begab sichs, das der graff mit
ettlichen frembden herren inn gemeldtem garten spazieren giengen. Wenig von dem
jüngling wissens hatt; dann er sein vormals gar kein achtung gehabt, so hat er
auch sein stimm nie gehört. Die frembden herren, so mit dem grafen in den garten
waren kumen, vermeinten, es wer ein sonder anschickung von dem graffen, der tet
in das zu einer kurtzweil. Als aber der graf nit minder verwunderen ab dem
lieblichen singen hatt, nam es sie nit wenig wunder; denn der graff stund auff
im selb ganz stilschwigend und gar nichs redend, biss Lewfrid ein gesetz
aussgesang. Sagt der graff: Fürwar diss ist mir ein seltzammer snmmervogel in
meinem garten, dem gleich ich nie mer keinen darin gespirt hab, Mit disen worten
nähnet er sich der rosenhurst, find also den jüngling Lewfriden drunder sitzen
frölichen singen. Der graff ganz stillschwigend sampt den andern herren hinder
dem rosenhag stilstunden, biss Lewfrid sein lied gar absolviert und aussgesungen
hatt. Demnach sind sie zu im in das rosenheld gangen.
    Lewfrid, als er seinen herrn, den graffen, erblickt, ist gar übel
erschrocken, also das er vor grossem schrecken nit kund auffston. Diss nam der
graff und die andern herren eben war. Der graff sprach in gar tugentlichen an
und sagt: Jüngling, biss eines guten muts! Diser fundt soll dir noch zu grossem
gelück reichen. Dann ich sihe wohl, du bist meines hofgesindes; solchs zeigt mir
dein kleidung an. Bei wem du aber seist, ist mir verborgen. Darumb solt du mir
nicht verbergen und mir dein befelch anzeigen. Ist er zu gering, so verschaff
ich, das er dir gebessert wirt. Also sagt im Lewfrid alle sach. Der graff sagt:
Du solt deiner guten stimm und wolsingens geniessen und an ein andern und
bessern dienst kummen, dann du jetzund bist. Ich will dich in Angliana, meiner
tochter, zimmer zu einem kammerbuben ordnen; da magstu besser tag haben dann in
der kuchen.
    Also nam in der graff von stund an, furt in mit im zu seiner tochter. Sobald
Lewfrid junckfrawen Angliana ansichtig ward, von stund an ist der flammen der
liebe in im von newem entzündt unnd vil mer in liebe gegen ir brinnen worden
dann vormals nie. Doch hatt er das ganz verborgenlich können vertrechen, ist im
aber ein grosse freüd gewesen, das er jetzund ein diener der junckfrawen werden
solt. Der graff sagt: Angliana, liebste tochter, mir ist unverborgen, das du in
deinem zimmer eines züchtigen knaben von nöten bist. Darumb hab ich dir disen
jungen jetzund herbracht, den magstu in deinem dienst brauchen nach deinem
gefallen; dann sunst soll er mit keinen andren geschefften beladen werden. - Diss
hat der graff mit seiner tochter geredt. Lewfrid was ein überaus schöner
jüngling, darbei ganz züchtiger geberd. Das hatt die junckfraw zuhand gar
flisig wargenummen, hat derhalben irem vatter mit züchtigen worten früntlichen
danck gesagt, das er sie in allen dingen so ganz vetterlichen versehen tet.
    Als nu der graff einen abscheit mit seiner tochter machet, ging er wider
von ir, nam mit im Leufriden. Der was in allerhöchsten freuden; er ging zu
seinem meister, dem koch, sagt im, wie sich die sachen zugetragen hetten. Der
koch, wiewol er Lewfriden nit gern in der kuchin mangelt, dannocht günnet er im
wohl, das er also ein gnedigen herren an dem graffen hat; er ermant in auch, das
er seines diensts mit allem fleiss warten solt, damit er hinnach an ein höher und
besser ampt komen möcht. Das versprach im Lewfrid, dancket im auch aller gutat,
so im, dieweil er bei im gewesen was, von im widerfaren, nam damit seinen
abscheid von im und trat mit freuden an sein newes ampt und befelch. Den fieng
er mit solcher geschickligkeit an, sam were er all sein tag in frawenzimmern und
an fürstenböfen gewesen.
    Angliana hat hiezwischen auch erfaren, das Lewfrid eben der jüngling was, so
zu summerszeiten in dem garten gesungen. Deshalb hat sie ein sondere freud,
das Lewfrid ir diener werden solt. Nit weniger freweten sich auch ire
junckfrawen; dann sie verhofften, Lewfrid wird in zu zeiten mit seinem gesang
freud und kurtzweil machen, wie dann auch zu mermolen geschehen tet. Diss belib
also.
 
                                       8.
     Wie Lewfrid von junckfrawen Angliana zu singen angesprochen und er ein
   klagliedlin gemacht, in welchem er sein armut klagt, daneben die junckfraw
                            seüberlich treffen tut.
Als nun Lewfrid an seinem ampt sich so dapffer unnd underdienstlich halten was,
hat in junckfraw Angliana fast lieb gewunnen. Unnd als sie seiner zum teil
gewonet, hatt sie auff ein zeit angefangen mit ihm zu reden: Lewfrid, sagt sie,
ich wird von meinen junckfrawen bericht, wie das du aus der massen wohl singen
kanst. Nun möcht ich semlich gesang gern von dir hören; derhalben wer mein beger
an dich, das du mich dein stimm auch hören liessest.
    Lewfrid ganz schamrot vor der junckfrawen stund, mit zichtigen worten zu ir
sagt: Gnedige wolgeborne junckfraw, wann mir wer ewer gnaden zu gefallen etwas
mehrers und grössers zu volbringen, wolt ich mich mit allem fleiss darzu
schicken. Damit fing er gar lieblichen an zu singen; dann er hat zuvor selbs ein
lied gedicht, in welchem er sein armut gar hertzlichen tet klagen und
insonderheit meldung tut, das im von junckfraw Angliana nichts zum newenjar
worden. Ein sollichs aber keine der andren junckfrawen verstund, allein
Angliana, die dann sich erst erinneren tet, wie sie alles hoffgesind verehrt
hett, sonder allein Lewfriden nit bedacht het. Sie aber nam sich der sach nit
an; doch het sie fast gern gewisst, was Lewfrid damit gemeinet het, darumb sie in
dann zum offtermal bitten ward, von der armut zu singen; dann also was das
liedlin gemacht:
                        Im ton: Gang mir aus den bonen.
                                       1.
O armut, du untreglichs joch,
Wie bist so gar verachtet!
Wer wolt dick gern behaussen doch,
So er aus grundt betrachtet,
Wie ganz unwerdt du bist auff erdt,
Es möcht eim vor dir grausen.
Köntst schon all kunst, so ists umbsonst,
Niemant will dich behausen.
                                       2.
O armut, du untreglich bürd,
Wie hart hast mich beschwäret!
Auff erd niemant erfunden wirt,
So dein zum fründ begeret.
Kumbst eim zu Haus, wilt nimmer drauss,
Versperrest im sein glücke,
Dem sonst zur zeit gut hab und beüt
Möcht werden oft und dicke.
                                       3.
So giengs mir auch im newenjar.
Da must ich dein entgelten,
Ward hindann gstelt und lär gezelt;
Drumb ich dich billich schelten
Muss tag und nacht; dann ich veracht
Wardt vor allem hofgsinde,
Die man sunst all begabt mit schall.
Darumb bin ich dir feinde.
    Angliana die junckfraw diss liedlins mit allem fleiss hat wargenommen, von
stund an gedencken ward, es wer ihrentalb gemachet worden; dannocht wolt sie
nicht fragen, sonder liess die sach dissmal beruhen. Sie fleiss sich auch fürbass,
das Leufrid kein schenckung oder gab von ir empfieng; dann sie ein verborgen
anschlag mit ir selbs gemacht hat, wie ir nachmals wohl solt vernemmen. Aber
nicht dest weniger erzeigt und beweiss sie sich ganz genediglichen gegen
Leufriden, sie begert auch oft an ihnen zu singen; zu zeiten vermanet sie ihn
an gemeltes liedlin. Des war er ganz willig zu singen, unnd in summa so was im
nicht zu vil, darin er wust der junckfrawen zu dienen, er schickt sich darzu mit
allem seinem vermögen; dess name Angliana oft war.
    Also vergieng die zeit mit in. Der herpst mit seinen külen lüfften hatt
jetzunder die dicken bäum ganz laubloss gemachet, der winter kam mit rauchem
gewalt, alle feld unnd acker mit schnee bedecket warent. In dem nehnet sich das
newjar, uff welche zeit ir Angliana fürgenommen hat irem anschlag ein end zu
geben. Sie ristet sich mit vil und mancherlei schöner newer jar, damit sie alles
hoffgesind damit möcht begaben; aber für Leufriden hat sie gar nichts zugericht.
Dis aber tet sie allein der ursach, damit sie mit glimpff an Lewfriden erfaren
möcht, ob er das liedlein von ir oder einer andern gesungen hett.
 
                                       9.
  Wie das newjar aber vorhanden was und Lewfrid von junckfrauwen Angliana aber
     aussgeschlossen, darnach in gespött ein guldin faden von ir ramen gab.
Es fuget sich aber auff den newenjarstag, das Angliana ir gewonheit nachgon
tet. Sie befalch Lewfriden, irem kammerknaben, er solt alles hoffgesind auff
ein bestimpte stund zu ihr in das zimmer heissen kommen und das newjar von ihr
empfahen. Des was er, Lewfrid, ganz willig; dann er was guter hoffnung.
Angliana wird ihn nicht mit dem geringsten begaben, dieweil unnd er ihr diener
was unnd stetigs auff ihren befelch warten musst.
    Das ganz hoffgesind versamlet sich eilens. Als sie zusammen waren kommen,
hat Angliana angefangen das newjar ausszuteilen von dem ersten biss auff den
letsten. Als es aber an den guten Lewfriden kam, sagt Angliana: Dein, Lewfrid,
hab ich sicher vergessen. Du aber hab dissmal gedult, auff ein ander jar will ich
dich zwifach begaben. Diss aber tet Angliana allein darumb, das sie versuchen
wolt, wie sich der jung halten würt. Lewfrid wendet sich mit einem grossen und
schweren seüfftzen von der junckfrawen Angliana; dann ir wort nit anders in
durchschnitten, als wann man im ein schneidendes schwerdt durch sein hertz
gestochen hett. Er musst scham halben aus dem zimmer und fing an hertzlichen
weinen sein ellend und jamer zu klagen.
    Den andren tag aber, als er in dem zimmer seines amptes warten solt, stund
er vor der junckfrawen Angliana, welche an einer rammen köstlich gewirck, dess
sie dann ein meisterin was, wircket. Lewfrid, so oft und er die junckfraw
ansah, einen schweren seüfftzen von seinem hertzen gohn liess. Des die junckfraw
warnam, doch gar nicht dergleichen tet, als wann sie es mercket; dann ihre
junckfrawen waren zum teil noch in dem zimmer. Derhalben verzog sie, biss sie
jetzund all hinausskommen waren. Lewfrid aber seines leids noch nit vergessen,
sonder für unnd für mit schweren seufftzen umbfangen, die er dann oft von
hertzen liess. Angliana, als sie jetzund allein bei Lewfriden in dem gezimmer
war, sagt sie mit lachendem mund und mit freundtlichen worten zu im: Mein lieber
Lewfrid, wiss, das ich dich zweier ursachen halb gern etwas fragen wolt! Die ein
ursach, darumb ich fragen wolt, hat sich deinentalben in vergangnem sommer
zutragen, namlich mit dem lied, so du von der armut gesungen, ob du oder jemans
anders semlichs gedicht, oder wen es doch berüren tet. Die ander ursach aber
ist diss, was dich doch heüt und den gestrigen tag zu semlichen tieffen seufftzen
ursachet. Daran wöllest mir, lieber Lewfrid, nichts verhalten.
    Der jüngling nit lang auff der junckfrawen frag schweigen tet; von stund an
gab er ir antwort und sagt: Wolgeborne gnedige junckfraw, ich bin bereit euch
die beiden fragen zu erkleren. Die erst, fürnemlich das liedlin, so ich gemacht,
an dem ewer gnad allein schuld tragen tut; dann vor einem jar vergangen do hat
ewer gnad gleich wie auff den gestrigen tag alles hoffgesind mit einem newenjar
verehret, allein mich armen kuchenbuben dozumal aussgeschlossen. Jetzund aber,
dieweil ich in ewer gnaden dienst kommen, het ich nit gedacht, dass mich euwer
gnad dermassen aussgeschlossen hett, wie mir dann auff das gestrig newjar
widerfaren ist. Dasselb allein ursachet mich zu meinem trauren.
    Angliana, als sie von Lewfriden die ursach vernam, gedocht sie heimlich in
ir selb, wie sie den guten jungen wider wolt verursachen über sie zu klagen,
damit er aber etwan ein liedlin davon machet. Jedoch nam sie ihr für, ihme in
kurtz hernach ein reiche verehrung zu tun. Sie griff also nach einem gezwirnten
güldin faden, so sie an ihr wirckrammen hat hangen, und mit spötlichen worten
gab sie denselbigen dem guten Lewfriden und sagt: Damit du, mein lieber diener,
nit sagen dörffest, du seist jetzund aber von mir so gar aussgeschlossen vor
andrem hoffgesind, so nimb von mir zu danck dise reiche schanckung und gab!
Behalt die wohl, damit du mir das künftig jar mögest zeigen, mit was fleiss du
sie habest auffgehaben!
    Lewfrid empfing disen goldtfaden mit grosser freud, dancket auch der
junckfrawen mit höchstem fleiss: Gnedige junckfraw, sagt er, dise gab will ich
dermassen verwaren und so wohl behalten, das ich nimmer darumb kummen will. - Das
tu, sagt Angliana, damit gibst du mir ursach, dich mit einer andren schanckung
zu verehren. Diss redt Angliana zu dem jüngling; ihren aber was sein unmessliche
lieb gar verborgen; so hat sie auch gar kein gedancken, wohin der jüngling den
goldtfaden behalten wird. Lewfrid nam urlaub von der junckfrawen und ging
eilens in sein gemach.
 
                                      10.
 Wie Lewfrid heimlich in sein gemach sich fuget, mit einem scharpffen messerlin
    sein brust vornen öffnet, den goldtfaden darin vernehet, mit köstlichen
                pflastern und salben sein wund in kürtz heilet.
Als sich Lewfrid jetz ganz einig wusst, nam er ein scharpffes schreibmesser,
tet sich davornen an seiner brust auff und schneid die haut vornen ob seinem
lincken dittlin uff, nam den goldtfaden, legt in zwischen hut und fleisch, und
mit einer nadlen, so er vormal darzu bereit hat, hefftet er sein haut wider nit
on kleinen schmertzen zusammen. Jedoch hat in die liebe mit solchem gewalt gegen
der junckfrawen gefangen, das er keines schmertzens mer achten ward. Er hatt
sich auch bei des graffen wundartzet mit salben und guten heilsamen pflastern
beworben, vor und eh er sich verwundet, also das er in kurtzem die wunden
dermassen zuheilet, das er wenig und gar lützel schmertzens mehr daran befand.
    Als nun Lewfrid sein ampt in dem zimmer ausswarten must, nam sein Angliana
gar eben acht, ob er mehr so schwermütig wie vormalen sein wolt; sie aber kond
in nit anders dann eines frolichen gemuts erkennen. Als aber Lewfrid oft den
junckfrauwen zu gefallen singen musst, gedacht er in ihm selb: Nu mag ich mein
hertz wohl heimlichen gegen der junckfrawen aufftun, so das sein niemans
warnimpt dann junckfraw Angliana. Er nam im für, ein lied von dem goldtfaden zu
tichten und dasselbig in dem frawenzimmer zu singen; dieweil ihn junckfraw
Angliana vormals in dem andren liedlin wohl verstanden, gedacht er, sie würt
disem auch nachsinnen. Als er nun gelegne zeit hat, sass er nider und dicht diss
folgend lied.
                          Im ton: Ach lieb mit leid.
                                       1.
Gross leid und schmertz hat mir mein hertz
Vor einem jar beladen.
Zu disem jar hat mir fürwar
Von rotem gold ein faden
Als leid zerstört und gar verkert
Mein trawren unnd mein schmertzen.
Bin ganz frölich drumb jetzund ich,
Wil singen, springen, schertzen.
                                       2.
Den faden ich ganz fleissiglich
Hab in mein hertz verschlossen.
Niemant in mag bei nacht und tag
Mir nemen in der massen.
In starckem sehrein und hertzen mein
Ist diser faden bhalten;
Der den will han, muss von stund an
Vornen mein brust zerspalten.
                                       3.
Den faden schon der ehren kron
Hatt mir geben mit freuden.
Kein gstein noch goldt noch reicher solt
Sol mich davon nit scheiden
Vom faden reich; und obschon ich
Darumb muss leiden schaden,
Wil ich on leid in ewigkeit
Liebhaben disen faden.
    Mit ganzem fleiss Lewfrid diss lied erlernet; und so in dann junckfraw
Angliana manet zu singen, hat er allwegen erstlich von dem goldtfaden gesungen,
demnach erst andrer gesang sich gebrauchet. Angliana, welche ein gescheide
junckfraw was, nit genug gedencken mocht, wohin doch der jüngling gemelten faden
behalten; dann sie sunst gnugsam verstund, das er diss liedlin selb von
vilgedachtem faden gedicht. Sie aber trachtet teglich, wo sie den jüngling
allein bei ir gehaben möcht, wolt sie alles von im erfaren.
    Es begab sich an einen sontag, das sich Angliana einer kranckheit annam,
schicket ire junckfrawen in die kirchen und belib sie allein in irem gemach,
befalch, das man Lewfriden vor dem gemach solt lassen uff den dienst warten. Als
sie aber jetzund vermeint ganz sicher zu sein, berufft sie Lewfriden für sich;
der was von stund an bereit zu kommen. Angliana sagt: Mein lieber Lewfrid, sag
mir doch, hastu noch in behaltnis den goldtfaden, welchen ich dir von meiner
ramen gegeben hab, so bit ich, wöllest mich denselbigen weisen. Dir soll ein
reiche und gar vil bessere schenck darfür werden. - Gnedige junckfraw, sagt der
jüngling, den schlüssel, damit ich den behalter auffschleuss, in welchem der
faden verborgen ist, hab ich in meinem gemach, und so es ewer gnaden liebt,
soll ich den bald zuwegen bringen. - Das wer mein will und beger, sagt die
junckfrauw, doch muss das bald zugohn.
    Lewfrid mit schnellem lauff zu seinem gemach eilet, nam das scharpff
schreibmesserlin, kam behend wider zu Angliana in ihr gemach, tet sein gewand
auff vornen an seiner brust, und eh dann Angliana sein achtung genommen, schnidt
er behend sein zugeheilte wunden wider auff, zog den goldtfaden ganz
unerschrocken harauss. Do diss Angliana ersehen ward, erschrack sie dermassen gar
sehr, (dann Lewfrid fing gar fast an zu schweissen) sie nam von ihm das messer
und goldtfaden: Eilens, sagt Angliana, gang zu dem artzet, damit dein wund
verbunden werd und dir nit grösser schaden daraus erwachs! - Gnedig junckfrauw,
sagt Lewfrid, ihr solt euch ab meiner wunden nit entsetzen, sonder wissen, das
ich mich erstlich selb geartznyet hab. Gehabend euch wohl! Ich gang hin, mich zu
verbinden. - Also tu ihm, sagt Angliana, und kum dann wider har zu mir!
    Also schied Lewfrid in grossen freuden von der junckfrawen, welche er
innigklichen liebt, also das er des schmertzens seiner wunden gar nit befand.
Er verband sich aber mit allem fleiss, legt demnach ander gewand an, damit das
schweissig gewand von im kam.
    Als aber Lewfrid hinweg was, nam Angliana den goldtfaden unnd weschet den in
einem lautteren wasser; der was noch so unversert, als wann er erst von der
rammen kommen wer. Dess kond sich die junckfraw nit genug verwunderen, und aber
wundert sie sich noch vil mehr an dem jüngling, der sich jetzund zweimal mit
scharpffem messer an seinem leib verseert hatt. Von der stund an ward Angliana
gar hart mit dem pfeil der liebe Cupidinis verwundet. Sie wartet gar mit grossem
verlangen auff den jüngling, damit sie sehen möcht, ob im doch etwas seiner farb
und krafft entgangen wer.
    Bald darnach kam Lewfrid mit guter gestalt und frölichem angesicht, davon
die junckfraw nit wenig freud empfing. Es was aber jetzund an der zeit, das die
junckfrawen gemeinlich aus der kirchen kommen sollten. Derohalb Angliana nit mit
Lewfriden reden kund, was ir umbs hertz was; sie sagt aber: Lewfrid, lass dich
nit belangen der gaben, welche ich dir verheissen! Dann die zeit mags jetzund
nit geben. Uff den mornigen tag aber will ich dir in ansehen aller meiner
junckfrawen ein kleines büntelin oder pecklin geben, dir dabei befelen, wo du
das hintragen solt. Du aber solt dich an keinen meinen befelch keren, sonder den
nechsten weg in dein gemach gon, das pecklin sampt allem dem, so du darin
finden würst, fleissig auffheben. Du wirst auch einen brieff darbei finden,
desselbigen inhalt soltu fleissig warnemen und des befelchs geleben. Jetzund aber
stand wider für mein zimer, wart an der tür! Dann gewiss werden sich meine
junckfrawen nit lang saumen.
    Lewfrid dem befelch der junckfrawen eilens nachkam, gar ein kleine zeit vor
der türen gestanden was, die junckfrawen aus der kirchen kommen tetten.
 
                                      11.
 Wie am andren tag Angliana in irem innersten gemach dem jüngling einen brieff
       schreibt, im den sampt vilen köstlichen kleinoten antworten tet.
Die junckfraw Angliana hat jetzund kein ander sinnen noch gedancken meer dann
allein nach Lewfriden, dem jüngling, so oft sie bedencken ward den grossen
schmertzen, so er von irentwegen gelitten, darzu sie jetzund seinentalben
keiner zeügniss bedorfft, dieweil sie selb von im gesehen, wie er sein brust hat
geöffnet und den goldtfaden heraussgezogen. Derhalben sie den ganzen tag mit
wunderbarlichen gedancken vertreiben tet.
    Des ire junckfrawen an ir warnamen. Sie aber sorgten ein anders, als wann
sie mit grosser kranckheit behaft wer und aber solchs nit sagen dörfft.
Derohalb sie mit einander zu rat heimlich vor der junckfrawen giengen. Eins
ritters tochter under in mit nammen Cordula fieng an vor in allen zu reden: O ir
mein liebsten junckfrawen und gespilen, welche ist doch under uns so
unverstanden, die do nit sicht und warnimpt der manigfalten verenderung der farb
unnd angesichts unser gnedigen junckfrawen! Fürwar es muss ein grosse und
geferliche kranckheit darunder verborgen sin. Dann ich sich und spür, das sie
uns nit angstaft machen will und erzeigt sich frölich gegen uns; geschicht aber
on zweifel mit schwach und bekümmertem hertzen. Darumb wer mein getrewer raht,
dass wir bitlicher weiss an unser gnedig junckfraw langten, damit wir doch ir
anligen und kranckheit erfaren möchten. Dann wo sich die sach anderst dann wohl
zutragen solt, wir wurden das gar schwerlich gegen unserem gütigen herren, ihrem
vatter, verantworten mügen.
    Disen rahtschlag lobten die junckfrawen all gemeinlich, wurden kurtz zu
raht, giengen all zu Angliana der junckfrauwen. Junckfrauw Cordula, welche ein
sunder gross hertz zu ihr junckfrauwen hatt, von wegen der andren allen fründlich
aus ganzen trüwen mit anfieng zu reden: Allergnedigste junckfraw, sagt sie, die
gross treüw unnd liebe, so mir zu euch tragen, zwingt uns, das wir nit
underlassen mögen von euch die ursach ewer schwermütigkeit zu erfaren. Dann
fürwar uns das nit ein kleine beschwernuss bringt, und stond ewers
stillschwigens halb inn grösten sorgen, als wann ihr uns darfür achteten,
gleichsam wer uns nicht zu vertrawen. Darumb, liebste junckfrauw, ist unser
undertänigst bitten unnd begeren an euch, wöllet die ursachen ewer schweren
gedancken anzeigen. Wer weisst, wir möchten veileicht rhat finden, damit euch
geholfen wirdt. - Angliana die junckfraw antwort: Ir mein allergetreüwisten
junckfrawen, ir solt euch gar keinen unmut nemen von wegen meiner blödigkeit;
dann ich hoff zu gott, mein sachen sollen sich bald zu gutem end schicken.
Darumb bitt ich euch freundtlich, wöllend mich dis tags in meinem inneren gemach
allein beliben lassen, damit ich mein rhu gehaben mög. Damit gab sie den
junckfrawen allen urlaub; die giengen in ire gemach, liessen Angliana allein
beleiben.
    Lewfrid als ein embsiger torhüter stund vor dem eusseren gemach vor der
türen, und so oft er die türen vernam uffgon, wartet er mit freuden allzeit
in hoffnung, sein liebste Angliana wird in zu ir berüffen. Sie aber sass in irer
kammer, schrib einen brieff auff solche form lautend:
    Vil Glück und wolfart winsch ich dir aus grundt meines hertzens, du mein
allerliebster jüngling. Mir ist fürbass nit mehr müglich dir lenger zu verhalten
die gross und inbrünstig liebe, so ich in aller zucht und ehren zu dir trag. Dann
du hast mich mit öffnung deiner brust unnd verborgnen goldtfaden ganz gebunden
und gefangen, so das ich mich dir ganz zu eigen geben will, unnd solt ich
darumb auff meines vatters gut verzihen, dieweil ich weiss, das der liebe gelich,
so du zu mir tragen tust, umb meines vatters gut nit möcht erkaufft werden. So
du mir aber volgen wilt, so weiss ich dir fügliche weg anzuzeigen, durch welche
mir beid mit gunst und bewilligung meines vatters noch lang in freuden on alle
forcht beinander wonen mögen. Dann ich weiss dich so eines herrlichen verstands,
das du in aller geschickligkeit dich gegen meinem vatter magst lieben und dir
ein gnedigen herren machen. Jedoch soltu, mein allerliebster jüngling, die ding
ganz verborgenlich treiben, dir niemandt so geheim oder lieb sein lassen, dem
du unser beider lieb öffnest. Dessgleichen solt du auch an mir gewiss sein, und
domit dise unser liebe stet und fest sei, so nim von mir zu einem zeichen disen
ring, welcher mir seer angenem und von meiner lieben fraw muter seligen an irem
todtbet zur letze gelassen. Den soltu dir auch von irentwegen lieb sein lassen,
so ich dir anderst auch lieb bin, des ich dann gar nit zweifel. Die andren
kleinot und gaben, so du in disem pecklin finden wirst, die hab dir anstatt des
goldtfadens zu einem glückseligen jar. Bit, wöllest die von wegen ihrer
unachtbarkeit nit verschmehen; dann du solt noch vil mer von mir gewertig sein.
Mein liebster Lewfrid, so dir etwas gegen mir angelegen, so du mir gern zu
wissen woltest tun, magstu mir das allezeit in geschrifft offenbaren. Hiemit
sei gott befohlen, der pflege dein in steter gesundteit!
    Angliana, nachdem sie disen brieff zugeschlossen und mit irem eigen ring
verbitscht hat, nam sie den und band in in ein pecklin sampt dem ring und einem
schönen hemmet, darzu einem köstlichen piret.
    Als es nun umb den abent ward, kamen die junckfrawen wider zu besehen, wie
es umb die junckfraw Angliana stünd. Sie aber fanden sie ganz wolgemut und
guter farb, darab sie gar gross freud empfingen. Demnach nun das nachtmal ward
volbracht und das gestirn dem sattblawen himmel sich hatte undermischet, ist man
zu bet gangen, die nacht mit gar süssem schlaff verzert worden.
 
                                      12.
  Wie Angliana Lewfriden das büntelin gibt in beiwesen aller irer junckfrawen.
Aurora, die edel morgenröte, jetzund mit freuden den newen tag doherbracht, die
nachtgall und andere vögelin den tag mit freuden verkündten. Angliana uffstund,
sich in gar zierlich gewand antet, an ein fenster sass, dem gesang der vogel
zuzuhören, von dem sie gar eines frischen gemüts ward.
    Nun hatt Lewfrid die vergangen nacht ganz ungeschlaffen hinbracht; dann er
gross verlangen het nach dem künftigen tag, damit er möcht erfaren, mit was
kleinot ihn die junckfraw wolt verehren. Er stund auff, legt seine schönsten
kleider an, so er hat, ging mit grossen freuden in den schönen garten unwissen,
das Angliana, sein liebste junckfrauw, schon auffgestanden und jetzund an dem
fenster sitzen solt. Lewfrid sass an sein gewonliche statt under die rosenhurst,
fing an mit gar frölicher stim zu singen. Des nam Angliana bald war, spitzet die
oren, hort irem lieben jüngling mit freüden zu. Von ungeschicht blicket Lewfrid
durch den hag, ersicht sein liebste junckfrauw under dem fenster, ein gar
schönes artigs hündlin und papagei bei ir habend, mit welichen sie ir kurtzwil
hat, aber nicht dest weniger dem gesang des jünglings mit allem fleiss auffloset.
Lewfrid wohl zu mut was, als er sein junckfraw jetzund zugegen wusst, kein fleiss
in seinem gesang spart; das so lang trib, biss in zeit daucht auff seinen dienst
zu warten, also aus dem garten für der junckfrawen gemach ging.
    In dem kamen ire junckfrawen nach ir gewonheit. Sobald die in das gemach
kummen und Angliana ein seligen tag gewünscht, sie in auch gar früntlich
gedanckt und mit freüden so empfangen, hatt sie gleich gefragt, ob Lewfrid der
jüngling nit vor dem zimmer stünd. Sie sagten, er wer vorhanden. So heissend mir
in bald inherkummen, sagt Angliana, dann er soll mir meinem herren und vatter
etwas nötigs bringen. Diss ward volbracht, der jüngling ward hineinberuffen.
    Er kam in grossen freüden und gleichsam, als so einer aus einem finsteren
gewelb kumpt, urplitzig den klaren schein der sonnen erblickt, also was auch
dem jüngling, do er sein junckfraw ansehen und erblicken ward. Er wünschet der
junckfrawen zuvor, demnach allen iren gespilen einen frölichen und glückseligen
tag, tet in dabei gebürliche reverentz. Angliana, die von seiner zukunft nit
minder freüd empfangen, fieng in an mit schimpflichen worten zu fatzen unnd
sagt: Lieber mein Lewfrid, sag mir doch, was hatt dich disen morgen so frü aus
deinem bett getriben unnd zu solchen frölichen unnd guten gesang verursachet?
Dann die nachtegall unnd trostel sampt andren waltfoglein dir nit lang vorgangen
sind, du hast in mit deiner süssen stimm gefolgt; hast mich auch warlich damit
bezwungen, das ich dir mit allem lust unnd fleiss hab müssen zuhören, wiewol ich
ungezweiffelt bin, das mir dein gesang nit zu dienst beschenen, lass mich aber
das nit kümmern. Die junckfrauw aber, deren du dich in solcher gestalt dienest,
muss dir den danck darfür geben; welches dann ungezweifelt beschehen wirt, sonst
wolt ich sagen, sie ein ganz unverstanden unnd harte junckfrauw sein müsst. Sag
an, mein lieber Lewfrid, welche under disen meinen junckfrawen dich so ganz frü
ermundert unnd wecken tut! Sie soll mir fürwar die angenemest inn meiner
gesellschaft sein.
    Die junckfrauwen sich der schimpfflichen wort Angliane nit genug verwunderen
kundten; je eine die ander ganz schamrot ansehen ward; dann jegkliche meint ,
Angliana hett auff sie geredt. Lewfrid auch nit weniger sich schammet, das im
dann sein schöne zwifachet. Dann er von natur eines weissen angesichts was,
langes gerades und wohl proporzenierten leibs, einer auffrechtigen dapfferen
stirnen; sein har was einem gespunnen gold zu vergleichen, welches ganz schon
und zierlich gekreusst was; er hat ein starcke und volkommene brust, starcker
glider; und in summa so was er der schönest jüngling, so an dem ganzen hoff
was; er fürtraff alle jüngling des landes an geradigkeit, schöne und tugenden.
    Als in nun die junckfraw Angliana lang mit worten angetast schimpfflicher
weiss, gab er ihr solche antwort: Allergnedigste junckfrauw, ich nim euweren
schimpff gern zu gut. Das mich aber ewer gnad fraget, welcher junckfrauwen ich
zu dienst gesungen, so sag ich, das auff erden nur eine lebt und leben würt,
deren ich mein hertz so ganz geöffnet, ja das sie weisst, das ich ir einiger
geflissener unnd stehter diener bin unnd bleiben will biss an mein letstes end.
Ich erkenn aber wohl, das mir nit gebürt einer solchen edlen junckfrawen
holdtschaft zu tragen, wie ihr die an ewer gnaden hoff habend; dann ich armer
jüngling bin im zu schlecht. Jedoch soll mich mein armut unnd nidre geburt von
junckfrauwen- und frauwendienst nimmer abwenden, hoff auch, wie von altem ein
sprüchwort lang geweret hatt: Frawendienst ward nie umbsonst; was eine nit
erkennet, das vergilt die ander. Mit disem sein red endet.
    Die junckfrauwen des jünglings schöne noch nie so wohl achtgenommen hatt als
eben diser zeit; dann der jüngling sich ganz zierlich angetan hatt. Angliana
nam das pecklin, so sie ihm zusammengebunden, gab im das inn beisein aller ihrer
junckfrauwen; sie sagt: Leuwfrid, mein lieber jüngling, nim diss gepeck unnd
bring das meinem herren und vatter! Sag, ich schick ihm darin das, so er an
mich begert hatt! So du ihm das überantwort hast, so füge dich wider her inn
unser gesellschaft, damit mir kurtzweilig gesprech mit dir haben mügen! Des du
dich dann nit solt verdriessen lassen; wer weisst, ich und meine lieben
junckfrawen mügen dir semlichen schimpff in zucht unnd ehren wohl vergelten. -
Gnedige junckfraw, sagt Lewfrid, diser ewer schimpff ist mir ein sonders
wolgefallen unnd kurtzweil.
    Also ging Lewfrid von der junckfrawen in grossen freuden. Er mocht
kümmerlich gewarten, biss er in sein kammer kam, damit er sehen möcht, was in dem
pecklin verborgen wer. Als er inn sein gemach kam, macht er das pecklin auff,
besah aber gar kein kleinot, so lang biss er den brieff, seiner junckfrawen
Meinung, gnugsam gelesen hatt. Er nam den brieff und kusst ihn oft und dick;
demnach ersucht unnd besah er die kleinot unnd den ring; darin was versetzet
ein schöner blawer saphir; dann die junckfrauw mit der blawen farb anzeigen wolt
die stehtigkeit der liebe gegen irem jüngling. Er nam den ring, hangt den
zustund an sein Hals unnd sagt: Nun freuw dich, Lewfrid! Dann zu diser stund hat
dich das Glück hoch erhaben. Wer möcht doch glückseliger sein auff ganzem
erdtrich dann ich glückhafter Lewfrid! O du mein liebster vater, mein liebe
muter und ihr allerliebsten mein ernerer, herr und frauw, wolt got, mein wolfart
were euch zu wissen, damit ir üch auch mit mir möchten erfreuwen unnd ergetzen!
Ach sollten meine gesellen, so mich für ihren könig gehalten haben, dises meines
gelücks wissens tragen, on zweifel sie wirden sich mit mir nit wenig erfrewen.
Wolan, diss mag unnd soll aber noch nit geschehen, dieweil mir mein liebste
junckfrauw das so teür und hoch verbotten hat. So mir aber got und das Glück
gnad verlihen, will ich sie meiner alsampt teilhaftig machen.
    Als ihm nun Leuwfrid vil freud mit dissen reichen schencken unnd gaben
gemacht, hatt er sich ausgezogen, das schön hemmat, so ihm von Angliana geben
worden, angeton unnd also wider zu den junckfrawen gangen, mit welchen er vil
schimpff und kürtzweil anfing. Ward also in kurtzem darnach grösslich von in
alsammen geehret, sie mochten auch kein rechte freid nit gehaben, wo Lewfrid nit
zugegen was.
    Diss weret so lang, das er gar gerad und starck von leib ward. Darumb in der
graff nit lenger in dem zimmer haben wolt, sunder nam in an für seinen
kemmerling. Davon Lewfriden und der junckfrauw Angliana gross leid zustund; dann
er nit mer so mit gutem fug und glimpff umb und bei ir wonen mocht, wiewol er
dannocht mer dann ander diener an dem hoff ursach hat zu der junckfraw zu gon.
Das macht, der graff, was er bei seiner dochter wolt werben oder aussrichten,
schicket er zu aller zeit Lewfriden zu ir. Ihm was aber beider liebe noch ganz
verborgen.
 
                                      13.
       Wie Leufrid des graffen kämerling ward, und wie er von dem graffen
hinweggeschickt in einen wald kam, do fand er einen schönen pracken; was im mit
                   disem pracken begegnet seltzam abentüwer.
Nachdem Lewfrid von seiner junckfrawen dienst kummen und jetzund von dem graffen
für sein kämerling angenummen ward, hielt er sich so wohl, das im sein herr aller
geschefft vertrawt, braucht in zu aller zeit in allen geschefften.
    Eins tags begab sich, das Lewfrid von dem graffen gar ein ferr und weit reiss
zu einem andern graffen geschickt ward, welcher seinen herrn nach verwandt was.
Underwegen fügt sichs, das Lewfrid kam in einen grossen forst oder wald, in dem
er gar verirren tet; reit also einen ganzen tag irrig in dem wald hin unnd
her, wenig wissen mocht, wo er was. So es gegen abend wirt, so erhört er von
verrem ein gefert, dobei er abnam, das man in dem wald jaget. Das nam er im ein
trost, verhoffet, so er zu den jegern kem, sie wirden in wohl aus dem wald füren.
Unlang darnach so kumpt zu im ein schöner weisser prack, derselbig hat seinem
jeger den windstrick zerrissen, den hals aber oder halsband trug er noch an ihm.
Der prack was auff einem hirschengespor gar verschossen; dann im der hirsch
durch ein gross wasser entrunnen was. Solchs macht, dass er das gespor nit mer
haben möcht. Alsbald er Lewfriden ersehen ward, lieff er zu im und sprang vor
freüden an im auff. Lewfrid zartet dem hund gar freüntlich und sagt: Lieber mein
prack, ich wolt, du verstündest mich meiner wort; wolt ich so vil mit dir reden,
du wirdest mich aus disem forst und rauhen walt füren. Der prack begert bei zu
bleiben; dann er nit fürbass auff dem gefert beharren wolt. Do das Lewfrid
mercket, nam er im für, den weg zu reiten, daher der prack kummen was, endtlich
vermeint, er wolt jeger finden. Der prack folget im mit freuden und lieff
seinem pferd stetigs vor. Nit lang verging, in auff ein wolgebanten weg bracht;
derselbig ging an einem wildhag hinauff, auff der andren seiten aber was ein
mechtig gross wasser. Sie kamen an einen underlass, daselb hatten die jeger ein
gross feür gehabt. Lewfrid stund ab von seinem pferd, fand noch hew und futer, so
der jeger pferd über gelassen hatten. Er leget das seinem pferdt für, dass nams
zu gut an. Also blib Lewfrid mit dem pracken die ganz nacht; dann er sorget, so
in die nacht übereilet, er mocht noch ferrer in dem wald verirren.
    Als aber die nacht vergangen und der ander tag an himmel brach, Lewfrid
wider uff zu ross sass, ritt also, biss er dem wald ein end kam. Er reit der
strassen nach und kam an ein brucken, die trug in über das gross wasser. Auff der
ander seiten des wassers ersah er ein kleines heusslin, darvor sah er ein alten
man, der flicket seine netz und fischergarn. Lewfrid reit zu im, grusst in gar
frintlich, dess ihm der alt man danck saget. Lieber vater, sagt Lewfrid, ich bit,
wöllend mich weisen, damit ich zu den leuten kommen mög. Dann ich sidher dem
gestrigen morgen im wald irr geritten bin, weiss gar nit, in welcher landsart, wo
oder in welches herren land ich sein mag. Der gut alt man hat gross mitleiden mit
ihm, fragt, ob er auch so lang nichts gessen hett, dieweil er in dem wald irr
geritten wer. Sicher ja, sagt Lewfrid, mich belanget dest mehr zu leuten zu
kommen, damit ich mich des hungers möcht ersettigen. - So steigendt ab, sagt der
alt, mein weib soll euch zu essen machen. Das nam Lewfrid an zu grossem danck,
stund ab, ging in des fischers heusslin. Sein weib machet im zu essen, was sie
güts gehaben mocht. Lewfrid ass mit grossem lust; dann im der hunger im bauch
was, der machet ihm lust zu essen. Nachdem er nun wohl gekröpfft, letzet er sich
mit des fischers weib, sass wider auff, dancket dem alten man seiner speiss gar
früntlich, fragt in nach der rechten strassen; die zeigt er ihm gar
tugendtlichen.
    Also schied Lewfrid von dannen, reit weiter seinem geschefft nach. Als er
nun die verricht hat, reit er wider heimwertz, und als er wider in die
landtschaft kam, do er den schönen pracken funden. Der herr aber, so den forst
innhatt, was ganz traurig umb den pracken, liess derohalb an allen orten,
stetten und flecken befragen, ob er seinen pracken erfaren möcht. Von
ungeschicht begab sich, das Lewfrid bei einem wirt über nacht bleiben musst,
welcher sondern befelch von dem forsterren empfangen von dess pracken wegen.
Leuwfrid besorget sich keines argen, zoh sein pferdt inn den stall, ging
demnach mit seinem pracken in die stuben. Der wirt empfieng in mit guten worten
und aber mit falschem hertzen; dann er kandt den pracken fast wohl. Er befalch
einem seinem knecht, er solt eilens auff ein gaul sitzen, zu dem forsterren
reitten und im anzeigen, der prack wer vorhanden, das er eilens einen botten
darnach schicken wolt; dann es wer ein frecher jüngling, so den pracken mit im
füret; er treüwt ihm den nit allein abzugewinnen, wie sich dann nachmals wohl
beschein.
 
                                      14.
Wie Lewfrid ob dem nachtimbis überlauffen ward von einem des forsterren diener,
 und wie er sich sein mit grosser not erweren must und zuletst mit dem pracken
                                   davonkam.
Es ist von altem her ein sprüchwort: Ein frommer wirt ist seines gasts herrgott,
bei einem schalck findt man rauh geliger. Also geschah auch dem guten jüngling.
Er versah sich keines argen, sonder meint , er hett einen guten wirt erlangt;
der aber was sein verrähter, wie oben gemelt.
    Der forsterr, sobald er von des wirts knecht vernommen, das der prack
vorhanden wer, hat er von stund an einen under seinen dieneren zu dem wirdt
gesandt; derselbig diener was ein ausserlessner mutwilliger reiter. Lewfrid sass an
dem tisch, hat den pracken bei ihm auff der banck ligen. Der knecht kam hinein,
rufft den pracken mit seinem nammen, der was genant Treuw. Der prack wolt nit
von Lewfriden auffstahn. Das verdross den reiter gar hart. Er ging zu Lewfriden
und sagt ganz hochmütiglich: Du zernichter jüngling, wie darffest du so frevel
sein, das du meinem herren seinen liebsten pracken so gwaltigklich darffest
hinwegfüren! Ich sag dir, es soll dir nimmer gut tun. Darumb so gedenck unnd gib
den hund von dir, so du anders dein haut ganz behalten wilt!
    Guter gesell, sagt Lewfrid, du schuldigest mich einer schmälichen sachen,
die mir nit zu leiden ist. Dann ich disen pracken gar nit aus mutwilliger weiss
hab understanden hinwegzufüren, sonder als ich frembder inn dem wald ganz irr
geritten, ist diser edel prack zu mir kommen, hatt mich auff den rechten weg
beleitet unnd aus dem irrigen forst und wald gefüret. Demnach ist er bei mir
verharret, on alle band oder strick laufft er ganz frei mit mir. - Des muss dich
als übel bestohn, sagt der reütter, ich merck wohl, du brauchst kunst mit disem
pracken; die soll dir zu grossem schaden geraten.
    Als er solichs geredt, zucket er seinen faustamer, meint  Lewfriden damit
zu boden zu schlagen. Er aber was nit faul, sprang von dem tisch auff, zucket
sein gutes schwert, drang fast hart auff den reiter, also das er im aus seinen
streichen weichen musst. Dass ersach der wirt, welcher Lewfriden verraten hat; der
sprang dem reiter zu und wolt in entschütten. Des gewaret Lewfrid, drang auff
den wirt dermassen so mit grossem grimm, schlug in des ersten streichs auff sein
haupt, das er mit einem lauten galff zu der erden nidersanck. Lewfrid eilet dem
reitknecht nach. Der was aber schon auff sein pferdt kummen, machet ein gross
rumor in dem dorff, also das die bauren zusammenlauffen wurden. Da diss Lewfrid
ersach, sagt er zu im selb: Hie ist nit gut lang zu harren. Er fügt sich
geschwind zu seinem pferd, sass darauff und reit schnell und bald von dannen;
dann er sorget, wo er von den bauren gefangen worden wrer, es het im grosser
unraht daraus erwachsen mögen.
    Als nun der reitknecht zu seinem herren kam und aber den pracken nit mit im
bracht, ward er fast zornig über den knecht. Der dorfft aber nit sagen, wie es
im mit dem pracken und mit Lewfriden ergangen was; dann er sorget sich grosses
spots damit zu erholen. Darumb liess er all ding beim nechsten bliben. - Diser
und derglichen ysenbeisser findt man noch zur zeit, welche all welt in eim
streich vermeinen umbzubringen; wann aber sie iren mann überkummen, schlagen sie
gemeinlich mit färsen darin. Also tet diser reiter: dann er braucht seines
pferdts füss für harnasch unnd wher. Das bleib also.
    Lewfrid, der gut jüngling, was also on erlaubung seines wirts
darvongeritten, hat auch niemans gefragt, wo er sein weg den nechsten haben
möcht. Jedoch behalff er sich seines compas, so er bei im hat; daraus verricht
er sich, das was sein wegleitung, dann er wohl abnemen möcht, ob er gegen mittag,
auffgang oder nidergang geritten wer oder nit. Darumb reit er nach seinem compass
so lang, biss er kam zu einem bruderhauss, darinnen wonet ein alter bruder, ein
frommer und guter getrewer man. Lewfrid rüffet mit lautter stimm vor dem
bruderheusslin und sagt: Ist jemans hierinn, der tu so freundtlich an mir und
weiss mich auff die rechte strassen; dann ich des wegs unerfaren bin.
    Der bruder kam behend herfür, empfieng Lewfriden gar früntlich, fragt in,
wohinauss sein reiss ging, des in Lewfrid grüntlich berichtet. Guter freund, sagt
der bruder, ir sind etwas von der strassen geritten. Ich sag euch auch fürwar,
das ir in dreien stunden zu keiner herberg kommen mögen. Darumb bit ich euch,
stond ab. Ich will üch ein bissen brot und gedeien fleisch und gut frisch wasser
bringen, damit ir euch ein wenig mögt erlaben. - Diss nam Lewfrid zu grossem
danck an, stund ab von seinem pferd. Der bruder decket im ein tischlin, so er
vor seinem Haus hat under einem grünen baum, bracht im gar gut und wolgeschmackt
brot und fleisch, so das in bedaucht, er het in langem bass nie gezecht; dann es
was jetzund über den mittentag, und was im der hunger gar in bauch kommen. Der
bruder gab seinem pferdt ein messlin gersten, so ward seines pracken auch wohl
gepflegen. Nachdem er sich nun seines hungers ersettigt hat, fragt den bruder,
was er im zu gelten wer; der wolt gar nichts von im haben, allein bat in für gut
zu nemmen. Also schanckt im Lewfrid etlich gelts, das must er von im wider
seinen willen nemmen. Demnach sass Lewfrid wider uff sein pferdt, reit wider sein
strass, nach dem in der bruder gewisen hat.
    Den wöllend wir also lassen zu vollend heimreiten und jetz ein wenig sagen
von seinem vater und muter, auch von seinem herren, so in erzogen hat, wie es
nach Lewfrids abscheid sich mit in zugetragen hab.
 
                                      15.
 Wie der kauffman Hermann nach dem hirten Erich und seiner haussfrawen, die beim
  viech auffm felde waren, schicket, im rechnung zu tun; darab der hirt seer
erschrack, dann er in vil jaren kein rechnung getan , und wie er von seinem weib
                             Felicitas getröst war.
Ir haben oben gehört, wie Lewfrid on alles urlaub seiner eltern, vatter, muter,
herren und frawen hinweggescheiden was, welche jetz in das achtend jar nichts
von im vernomen hatten, wussten auch nit, ob er lebendig oder todt was. Sein
vater und muter klagten sein hinscheiden teglich mit grossem jamer; dann sie
stunden all jar in sorgen, der kauffman Hermanus wird sie von dem hoff stossen,
dieweil ir son Lewfrid nit mer vorhanden wer; so möcht der kauffman auch
argwönen, sie trügen wissens umb irs sons hinwegscheiden. Dise sorg trugen sie
gar umbsonst; dann Herman an dem brieff, welchen Lewfrid hinder im gelassen, wohl
verstanden hat, das hirt Erich und seim weib des knaben hinscheiden verborgen
gewesen wer.
    Es fügt sich an einem tag, das Hermanus der kauffman zu Erichen, seinem
meier, schicken liess, er solt sich mit seiner haussfrawen underreden, dann er
wolt in kurtzen tagen rechnung von ihm haben. Sobald Erich und Felicitas, sein
haussfrauw, semlichs vernamen, erschracken sie gar seer; dann sie in vil jaren
kein rechnung getan, so hat in ir herr vormals nie kein angemutet.
    Ach gott, sagt Erich, yetz geschicht uns das, vor dem ich mich lange jar
besorgt hab. Warumb bin ich nit noch in meinem alten stat! So sessend wir
jetzund rüwig in unserem armen heüsslin. Wann ich des tags meines viehes gehüt
het, wer ich darnach aller sorgen entladen gewesen, het mich in kein rechnung
noch grose sorg stecken dörffen. Wol dem, der in armut und frei lebet und kein
dienst zu versehen hat! Ist einer an einem ampt, pfleg oder schaffnei und
gebraucht sich jederman der billigkeit, so wirt er von gemeinen unwarhaften
leuten hindergangen. Die bringend ihn mit schmeichenden und listigen worten
dohinder, das er in vertrewt, lihet und borgt. Alsdann schwellend sich die zins
zu hauff, so kumpt der herr, des schaffner oder pflegman er ist, begert rechnung
an seinen schaffner, will bezalt sein, als auch billich. Ach gott, so statt dem
schaffner von den zinssleüten die zins noch aus; der herr erzirnt über in, stosst
in von seinem dinst. So findt man bywilen zinsleut so leichtfertig, dörffend
schweren eid und ehr verpfenden, sie haben ir zins gericht, so sie es nie in sin
genummen haben. Ist dann ein schaffner rauch, streng und ernstlich, begert zu
rechter zeit, was seinen herren von recht geburt, muss er ein tirann, hund und
wüterich von allermenigklich gescholten sein. Also ist einem jeden meier, so
auff eines herren hoff sitzet, dieweil dem herren alle ding nach dem willen
eingaht, der hoff, acker, wisen und das vieh grossen übernutz tregt, alsdann ist
der meier liebgehalten. Bald aber missgewäss in die frücht kummen, unfal under das
vieh, so das man hinder sich büssen muss, alsbald wirt der meier unwert; sein
herr legt alle schuld auff in; dann muss er die acker übel gebawen und on mist
gelassen haben, das vieh on wartung gelassen. Nun bezüg ich mit der warheit, das
ich meinen herren in allen trawen gedient hab, im all sein geschefft nach dem
treüwlichsten aussgericht, sein gut zum genewisten zusammengehalten. Noch ist mir
als einem armen einfaltigen baursman, so mit der schrifft nie umbgangen, nit
müglich rechnung zu geben, dieweil in langen jaren mein herr kein von mir begert
hat. Ach, mein liebe Felicitas, gib hirinnen deinen guten und getrewen raht, wess
wir uns in diser sachen halten wöllend! Dann ich für mich selb nit weiss genug
bin. Wolt gott, unser son Lewfrid vorhanden wer, es solt uns darzu nit kummen
sein. Ich sorg aber, unser gevatter zweiflet uns von unsers sons abscheid
wissens getragen haben.
    Felicitas als ein getrewe rahtgebin irs lieben mans fing an und sagt: Mein
allerliebster gemahel, nit bekümmer dich ab unsers lieben herren und gevattern
botschaft! Dann ich erkenn in dermassen, er wirt uns nichts unmüglichs anmuten,
noch weniger von uns begeren. Dann vergangen marckt, als ich bei im gewesen bin,
nicht anders an im gespürt hab dann alles guten. Er fragt ganz freüntlich nach
dir, wie dirs ging, ob du gesund und frisch werest, und insunderheit, ob mir
noch nits von unserm son Leufrid hörten. Ich im auch mit aller bescheidenheit
uff sein red antwort gab, und under anderm bat ich in früntlich, er wolt uns
unsers ungehorsamen sons nit entgelten lassen, dieweil es uns on wissen gewesen
wer. Auff sollich mein bit sagten sie beide: Solichs ist uns unverborgen; dann
Lewfrid hat einen brieff hinder im gelassen, welcher uns alles seines vorhabens
verstendigt hat. Doch, sagt der herr, bin ich guter und gewisser hoffnung, ich
wöl nit ersterben, Lewfrid soll zuvor wider von mir gesehen werden. Er sagt auch
dabei: Ich bin guter hoffnung, sein sachen standen ganz glücklich und wohl; dann
ich seinentalb in kurtzer zeit manchen frölichen traum gehabt hab.
    Mit disen und derengleichen worten tröst Felicitas iren gemahel, also das er
zuletst gute hoffnung gewan, die sach wird wohl gegen seinem herren ston. Als nun
der bestimpt tag kommen was, Erich und sein weib in die statt kamen zu irem
lieben herren und frawen und gevattern. Sie wurden fast ehrlich und wohl von in
empfangen, darab Erich erst einen trost gewan und nit mer so traurig was.
 
                                      16.
  Wie meier Erich von seinem herren fast wohl begabt ward, inen von newem auff
    seinem hoff bestetigt, ihm alle güter zu einem erblehen übergeben tut.
Hermanus der kauffman hat ein gutes mal zubereiten lassen, darzu vil erbar leut
beruffen. Als nun die zeit kam, yederman erscheinen tet. Als man nun das
handwasser genommen und zu tisch gesessen, haben sie gott dem herren lob und
danck gesaget umb die narung, so er inen täglichen bescheret. Alsdann brachten
die diener das essen nach ordnung gar köstlich und wolbereitet; der tranck in
schönen credentzen und trinckgeschirren fürgetragen ward. Erich sampt seinem
weib sassen auch zugegen.
    Als sie aber jetzund inn mitten essens waren, fieng Hermanus der kauffman
vor ihn allen an zu reden unnd sagt zu seinem meier: Mein allerliebster und
allergetrewester diener Erich, mir ist unverborgen deine getrewen unnd
fleisssigen dienst, so du jetzund biss in die zwentzig jar inn meinem dienst
verricht hast, dieweil ich aus teglicher erfarniss abnemen muss, das mein hoff,
auff welchen ich dich gesetzt hab, sampt den zugehörigen güteren grösslich
zunimpt und mir der zeit her grossen nutz bracht hat, darzu an allen meinem vieh
keinen abgang, sonder grossen wucher befunden hab, so das ich desselbigen ein
grosse anzal verkaufft hab. Dieweil ich nun betracht unnd billich bedencken
soll, das gott der herr denjenigen, so gross gut besessen hand, zum offtern mal
durch ire diener solchs gemert und gross gemacht hatt, (dann Laban ward
glückhaft in allem, das er anfing, dieweil im Jacob, sein tochterman, dienet,
also auch Potiphar gross Glück von Josephs dienst überkam) diss alles ursacht mich
zu bedencken, dass mir sollich Glück auch von gott beschert sei, und das er mir
meine güter durch dein getreuwen dienst gemehret hab. So wöllest mir, mein
lieber Erich, anzeigen, wie vil du noch viehes auff dem hoff habest, es sei
gleich gross oder kleines, alsdann mir den halben teil von gemeltem vieh
zustellen, den anderen halben teil für dein eigen gut behalten. Also auch mit
aller frucht, so du inn dem blumen noch auff dem feld hast, auff acker und
wysen, will ich in gleichem mit dir abteilen unnd dir volgens all mein güter
sampt dem hoff umb ein leidlichen zinss zu einem erblehen dir unnd deinen kinden
zustellen. Des will ich mich zugegen diser herren und guten freunden übergeben
unnd versprochen haben.
    Darauff bote Hermanus seinem meier Erichen und seinem weib Felicitass die
recht handt zu einem glaubwirdigen zeichen seiner zusagung. Wer was frölicher
dann Erich und sein gemahel? Die sich vormals einer schweren rechnung versehen
hatten, die bekommen jetzund eigen viech. Ihn tet die freud so nach zu hertzen
gohn, das sie beide hertzlich anhuben zu weinen; sie wussten auch vor grosser
freud weder herren noch frawen zu dancken. Sie aber beflissen sich hernach, als
sie auff den hoff kamen, das sie in allen treuwen hausshielten und gott allzeit
umb sein verlihne gutat danck sageten. Es was alles Glück, so sie anfingen. Das
weret so lang, biss ir son Lewfrid wider zu land kam; do ward ir stand noch vil
gebessert.
    Jetz kommend wir wider an Lewfriden.
 
                                      17.
  Wie Lewfrid wider zu land kam, den schönen pracken mit im bracht, und wie in
 Angliana beschicket, aller sachen, wie es im ergangen sei, befraget, insonders
                     von wannen im der prack herkommen sei.
Lewfrid jetz aller sorgen frei kam mit grossen freuden zu Haus, bracht mit im
seinen schönen pracken. Als er seinem herren alles, so er aussgericht, anzeigt
hat, ging er in sein gemach, legt ander gewand an, damit er nach seiner
gewonheit für sein junckfraw gohn möcht. Die dann seiner zukunft schon gewar
worden was, saumet sich nit lang, schicket nach dem jüngling eine ir
allergeheimmiste junckfraw.
    Der jüngling sich gar nit saumet, kam geschwind zu Angliana in ir gemach.
Sie empfing in freüntlich, fragt in die ursach seines langen aussbleibens; des er
ir alles nach der leng erzalet. Lewfrid, sagt Angliana, woher kumpt dir diser
schon prack? Wo ist er dir vorgestanden? Lewfrid, als ihn die junckfraw so
fleissig nach dem pracken fraget, gedacht er: Sie begert das sunder zweifel nit
umbsunst zu wissen. Vilicht gedenckt sie, ich hab in mit gewalt überkummen oder
jemans wider seinen willen genumen.
    Darumb sagt er: Gnedige junckfraw, mir ist nit müglich euch etwas zu
verhalten, so ir zu wissen begerend. Nemend war! Als ich in meines gnedigen
herrn geschefften geritten bin, hat mich der unval oder das gelück in einen
mechtigen und seer grossen wald und forst gefürt, darin ich gentzlich verirret,
so das ich nit wusst herauszukummen. Als ich mich aber verwegen hat die nacht in
dem waldt zu beliben, kumpt von ungeschicht diser edel prack zu mir, sich ganz
frölich gegen mir erzeigend. Ich nam den hund an und gedacht mir wohl, er wirt
mich aus dem wald füren. Er nam sein weg wider zuruck, doher er kummen was; ich
reit im stracks nach. Bald kamme der prack auff ein guten gebanten und getribnen
weg, der zoch sich an einem schonen wildhag hinauff. Auff der andern siten war
ein ser gross wasser, über das ging weder bruck noch steg, kond auch keiner furt
dardurch gewar werden. Als aber die nacht jetz vorhanden was, kummen wir an ein
underloss, auff welchem die jeger iren geülen futer geben; daselb bran noch ein
seer grosses feür. Do gedacht ich mir die nacht vollen zu beliben. Also fand ich
in einem futertrog noch etlich futer, welchs der jeger pferd über gelassen
hatten. Darüber band ich mein müden gaull, der ass ihm genug; vertriben also die
nacht, wie wir mochten. Sobald es aber tag ward, sass ich wider auff mein pferdt;
der prack lackeiet stets vor mir her, kamen zuletst aus dem wald uff ein genge
stross, die fürt uns zu einer schönen prucken. Jenerseiten der prucken hatt ein
armer fischer sein wonung, dem klagt ich mein hunger; bald macht mir sein
haussfraw zu essen. Und in summa Lewfrid erzalt der junckfrawen nach der lenge
alles das, so im begegnet was mit dem falschen wirt, reitknecht und bruder.
    Angliana kond sich der abenteür mit dem pracken nit gnugsam verwundren und
sagt: Fürwar, Lewfrid, du solt disem edlen pracken seiner freundschaft und
trew nimmer vergessen. Ich will in auch mit einem schönen halssband zieren, des
er dann von wegen seiner trew von mir tragen soll. Du solt ihn auch fürbass allweg
mit seinem nammen nit anderst nennen dann Trew. Also versprach ir Lewfrid in
allem dem zu wilfaren.
 
                                      18.
  Wie Angliana dem pracken ein schön halssband sticket mit perlinen trewen fast
künstlich, und wie er hinfürbass der junckfrawen zugestelt ward und fast zertlich
                                    erzogen.
Angliana und Lewfrid sich mit gesprech ganz wohl ergetzet haben. Als sie nun
zeit daucht zu scheiden, hatt der jüngling ein freundtlich urlaub von ihr
genommen, ist nach seiner gewonheit für seins herren gemach gangen, aldo seins
dienstes gewartet.
    Die junckfraw nach des jünglings abscheid hat sich nit lang bedacht, in ir
gemach gangen, von stund an schöne perlin, samat und seiden zu handen genommen,
dem pracken ein reiches und köstliches halssband angefangen zu sticken, ein
schöne trew auff yeder seiten und mit schönen vergulten spangen gezieret,
desgleichen mit eim vergulten schlossring oder haften zusamengefüget. Als nun
das halssband mit allem fleiss gearbeit worden, hatt sie eine ir liebste
junckfraw, deren sie am basten getrawet, zu ir geruffen in ir innerist gemach
und auff folgende weiss mit ihr angefangen zu reden: Mein vertrewtiste und
liebste Florina, (also was der junckfrawen nam) ich bitte dich in allem
vertrewen, wöllest dich nit anderst gegen mir erzeigen, dann wie ich dir allzeit
hertzlichen vertrewet hab, und dich, so beldest du immer kanst, zu Lewfriden dem
jüngling fügen. Sag im, sobald er seiner geschefft halben zeit haben mög, dass er
mit dir in mein gemach kommen wöll sampt seinem schönen weissen pracken! Dann
ich demselben mit eigner hand diss halsband gewircket hab, das will ich im auch
selb anbinden.
    Florina sich nit lang saumen tet, irer junckfrawen befelch zu volziehen.
Von ungeschicht blicket sie zu einem fenster hinaus, welchs in vilgemelten
lustgarten ein gesicht gab, so ersicht sie Lewfriden mit seinem pracken darin
sein kurtzweil haben. Des sie seer wohl zufriden was, damit sie nit lang nach im
suchen dörfft. Bald sprang sie mit grossen freuden die steg hinab, kam in den
garten. Lewfrid die junckfraw bald erblickt, an irer geberd bald ersehen tet,
das sie in suchet; mit grosen freüden gegen der junckfrawen kam, sein reverentz
tet. Die junckfraw bald dem jüngling zu wissen tet, was ir von Angliana
befolhen was. Die botschaft emfing der jüngling mit grossen freüden, verzog gar
kurtz, nachdem er die botschaft erfaren hat, ging mit Florina in der
junckfrawen gemach.
    Von deren ward er gar fründlich empfangen. Sie nam das halsbandt, legt das
dem pracken umb seinen Hals und sagt: Mein allerliebster Lewfrid, disen deinen
pracken hab ich versprochen diss halssbandt zu machen. Und wiewol das nit sehr
künstlich gearbeit ist, will ich dannocht guter hoffnung sein, du werdest das
von meinetwegen an disen edlen pracken versorgen, darzu dester grösser sorg zu
disem schonen pracken haben; und dieweil du auch nit wissen magst, was namen im
zum ersten geben ward, wollest du den hinfür nit anders heissen dann Traw. An
disem allem wirstu mir ein sonderlich gevallen tun. Lewfrid antwort züchtiglich
mit freüdigem hertzen: Allerliebste junckfraw, diser schanckung und gaben hab
ich mich billich gegen eüwer gnaden zu bedancken, will mich auch allen befelch
nach halten, wie mir eüwer gnad befolen hat. - Also beger ich, sagt Angliana,
dann wo du umb disen edlen pracken kummen soltest, wirt er mich gar fast rewen.
    Der jüngling verstund wohl an der junckfrawen worten, das sie den pracken
gern für eigen gehabt. Er nam in bei seinem halsband und furt in zu Angliana der
junckfrawen und sagt: Genedige liebe junckfraw, so es eüwer gnaden nit
beschwerlich sein wolt, wer mein underteniste bit, disen pracken von mir zu
einer schenckung anzunemen, dieweil er mir nit wohl zu verwaren müglich sein will,
dieweil mich mein gnediger herr zum offternmal mer dann keinen seinen diener
aussschicket. Solt mir dann diser prack sampt dem halsband entwert werden und
solt sich eüwer gnad etwas darumb bekümmeren, müsst mich fürwar grösslich reüwen,
das ich disen pracken mein tag je gesehen het. Derhalben bitt ich, eüwer gnad
will disen schönen pracken von mir nemmen. - Das will ich mit freuden tun, sagt
Angliana, und des schönen edlen pracken fast wohl pflegen. Umb dich aber, mein
liebster Lewfrid, soll dise reiche schenck vergolten werden.
    Also wurden vil freundtlicher wort von Lewfriden, Angliana und den andren
junckfrawen getriben, biss jetz die zeit des nachtimbiss vorhanden was. Bald ward
die glock zu hoff gelitten, welche alles hoffgesind zu dem nachtimbiss ermanet.
Lewfrid urlob von seiner liebsten junckfrawen nam, befliss sich demnach uff den
dienst zu warten. - Diss bleib jetzund ein weil. Nun wend wir wider kommen an
Hermanum den kauffman, wie es im mit seinem liebsten son ergangen sei.
 
                                      19.
  Wie des kauffmans ehelicher son seinem vatter mit grosser bitt anlag, im zu
 erlauben, seinen liebsten bruder Lewfriden zu suchen; des ihme der vatter kaum
                   erlauben wolt, jedoch zuletst bewilliget.
Da oben haben ir verstanden, wie Lewfrid von Herman dem kauffman ehrlich und wohl
aufferzogen ist sampt irem son, welcher ir einiger erb was, der was genant
Walter. Derselbig nach dem abscheid seins angenomen gesellens und bruders inn
langem trawrem stehtigklich verharret, im von der zeit an, das Lewfrid
hinweggescheiden was, fürnam, so im got sein leben erlengert, so das er zu
seinen manbaren jaren käm, wolt er je nit erwinden, seinen liebsten bruder und
gesellen zu suchen, er wer gleich im land, wo er wolt. Nit minder hat Lewfrid
verlangen nach im, nam im auch endtlich für, seinen gesellen und bruder ein fart
in unbekandter weiss heimzusuchen und, so im dann möglich wer, mit im aus dem
land zu füren.
    Des kauffmans son Walter was jetzund schon erwachsen, ein seer schöner und
gerader, dabei wolgelerter jüngling. Eines tags satzt er mit früntlichen worten
an seinen vatter: Mein vatter, sagt er, ich bit dich früntlich, du wöllest mich
einer kleinen bitt, so ich an dich legen will, geweren. Dann ich weder tag noch
nacht rhu haben mag, ich erfar und erkünde dann, wo mein liebster bruder und
erster gesell hinkummen sei; ich mein Lewfriden, welchen du in gleicher liebe
mit und bei mir aufferzogen hast. Darumb langt mein hertzlichste bitt an dich,
wöllest mir ein kleine zerung mitteilen und ein pferdt; so will ich meinen
liebsten bruder unnd freundt suchen. Damit mag ich auch das land ein wentzig
erkündigen unnd erfaren. Du darffest dich, mein lieber vatter, keins üblen an
mir besorgen, noch das ich das mein unnützlich vertun wölle oder mich böser
nichtiger Gesellschaft anhengig machen. Dann ich, gott hab lob, von meinem
schulmeister und preceptor gnugsamlichen bericht empfangen, was böse
Gesellschaft tun mag, derhalb ich mich all meine tag von in entziehen und
absünderen will. Allein erlaub mir, lieber vatter, dise reiss zu volnbringen!
    Hermanus der kauffmann ab den worten seines sons nit wenig unmut empfieng;
dann er im sein bitt nit gern abschlug, so bewilliget er auch nit gern in solche
reiss. Fing derhalben an gar freundtlich mit seinem son zu reden und sagt: O
Walter, mein einiger und allerliebster son, nit wöllest mich, deinen vatter, und
dein liebe muter in solich beschwernuss setzen. Was grossen trübsal wurdest du
uns zufügen, wann du uns so verlassen wirdest! Was gedenckst du Lewfriden zu
suchen! Ich sorg, er sei vor langem zu grundt gangen. Dann ich bin ungezweiflet,
solt er noch in leben sein, er wird uns vor langem embotten haben; dann im die
gross lieb und freundschaft, so mir im getragen hand, unverborgen ist. So er
dann nit mer vorhanden wer, wirdest du alle dein müh und arbeit umbsonst
volbringen. Ist er aber noch in leben und hat uns so gar in vergess gestelt, was
wolt dann dich not angohn, ihn in frembden unerkandten landen zu suchen? Bleib
bei uns, als bei mir deinem vatter und muter, und such dir andre gesellschaft,
mit welchen du dir freud und kurtzweil nemest! Dann fürwar sorg ich, Lewfrid
würt nit mehr vorhanden sein.
    Als Walter seinen liebsten vater reden hort, wiewol er im von jugent auff
alle zeit gehorsam gewesen was, noch wusst noch mocht er im dis orts nit gehorsam
sein, bat in von newem ganz hertzlich, im solcher bitt nit abzuschlagen, sagt
im darbei zu, das er sich keineswegs saumen wolt und, so beldest, er mocht,
widerkommen.
    Als nun der vatter sah, das sein son nit abzuwenden was, bewilligt er
zuletst, in seiner bit zu geweren. Alsbald machet sich der gut jüngling
geschickt zu der reiss. Do aber die muter die sach vernam, gebar sie ganz
kleglich. Hermanus aber redt ir die ding aus, so best er mocht. Er gab seinem
son ein gute zerung, dinget im auch einen frommen und getrewen knecht zu, so mit
im reitten und sorg zu im haben solt. Also reit der gut jung Walter von seinem
vatter und muter mit seinem knecht und begeret jetz nit mehr, dann Lewfriden zu
erfaren.
 
                                      20.
Wie Walter sampt seinem diener kamen zu dryen bösen buben in einem wald, wurden
           von ihn geplündert und ausgezogen, an einen baum gebunden.
Walter, der gut jung, sampt seinem knecht war jetz biss in die viertzehen tag
geritten, allentalben nach Lewfriden fragten, aber bei niemandt kein rechten
bescheid erfaren kondten. Dann sich der jüngling Lewfrid an keinem ort noch hat
recht zu erkennen geben, derhalben niemans seines harkommen wissens tragen
mocht. Er was auch schon ein ansichtiger gerader reitersman worden und dorfft
sein feinden wohl under augen tretten; Walter aber meint , er wer der schulen und
studieren nachgezogen, darumb befragt er sich in allen schulen, wo er in ein
statt kam.
    Es begab sich eines tages, das die zwen jüngling durch ein grossen dicken
wald reiten sollten, davor in gar graussen ward. Vor dem wald stund ein herberg
oder wirtzhauss, in welchem sich die kaufleüt oft samleten, biss ir ein gute zal
zusammenkam, damit sie sicher durch den wald reiten möchten; dann es geschach
gar gross mort und rauberei in demselben waldt. Der wirt in gemelter herberg
warnet die zwen jungen gar treüwlich, sie soltend sich nit einig auff den weg
wagen, sunder der zeit erwarten, das mer kauffleüt zu in kemen.
    Dise warnung höreten drei grosser schelck und mörder, so in dem wirtzhauss
lagen; die namen sich an, als werend sie zollierer und gingen mit gestein umb,
weren des willens gon Lisabona zu reissen, edelgestein daselb zu kauffen,
stalten sich ganz förchtsam. Der wirt hat gross mitleiden mit in, meint , der
sachen wer also, sagt auch zu inen: Lieben fründ, haben gedult! Ich hoff, es
sollend morgen etliche kaufflüt kummen. Mit den mögend ir sicher
hindurchwandlen. Die drei schelck aber, als sie hörten von kauffleüten sagen, so
kummen sollten, sorgten sie, die zwen jungen wirden ihn entgan; machten derhalben
ein anschlag mit einander, der elter under ihn, ein gar durchribener schalck,
solt sich anemmen, als wan er nit lenger harren wolt; er wolt die sach uff Glück
wagen, ihm wer vormals in disem wald nichts widerfaren, darumb hette er gute
hoffnung, ihm sollte aber auff seiner reiss gelücken. Die anderen zwen seine
gesellen sagten: Wolan, so wöllend wirs auch uff Glück mit dir wagen.
    Diss als erhört Walter und sein gesell, glaubten dem schmeichlen dieser
dreier nassen knaben, begerten inn ihr Gesellschaft. Dise aber widerten sich ein
wenig, sagten: Wir mögent eüch nicht gefolgen, dieweil ihr zu ross und wir drei
zu fuss sindt. Walter sagt: Lieben gesellen, wölt ir eüch brüderlich mit uns
halten, so ist der sachen wohl zu tun. Nement ewer kleider und peck, legen die
auff unsere pferdt! So wöllen wir unser stifel abtun und mit euch zu fuss durch
den wald gon. Diss gedings unnd packs wurden sie eins. Und als sie das mal
genomen, den wirt bezalt, gesegneten sie in, zugen den wald an.
    Walter und sein knecht besorgten sich gar nichts, waren guts muts. Als aber
die drei schelck meinten, sie werend ir gelegenheit nach weit genug in dem
wald, griffen sie eilens die guten jüngling ungewarnter sachen zu ruck an, namen
in bald ihr gewehr unnd gewand, bunden sie mit stricken an einen starcken
tannbaum. Der eltest aber under disen schelcken rieht, man solt die beiden
jungen umbringen, damit sie kein geschrei mächten, unnd so sie von jemans
gehört, wirden sie ledig gemachet, und möcht man sie dann ereilen, so müsten sie
ein schweren standt beston, möchten auch mit dem leben nit darvonkommen. Disen
raht aber wollten die zwen jüngsten nit volgen; dann sie etwas bedauerns mit den
beiden jünglingen hatten, sagten: Hei, wir wend uns an diser beut genügen lassen
und in dafür das leben schencken; dann sie gewisslich von disen banden erlösst
werden, so andere kauffleüt die strassen reissen. Ach, was grosser angst unnd not
umbgab den guten Walter! Dann er sorget stetigklich, sie wurden dess eltesten
raht volgen. Zuletst sagt der alt: Wolan, wölt ihr sie lebendig lassen, so lond
uns nit lang allhie verharren, sonder eilens aus dem wald keren! Also furend sie
darvon mit den beiden pferden.
    Walter, der gut jung man, fing kleglichen an zu weinen und gott sein jamer,
leiden und ellend zu klagen: O liebster vatter und muter, solt euch die angst
und not kund sein, in deren ich jetzund stand, ich sorg, es wird euch ewer hertz
zerspringen. Ach gott, hett ich dem raht meines vatters gefolget, der mich so
hertzlichen ermanen tet, ich solt rhüwig bei ihm beleiben, so wer mir diss gross
ellend nit zuhanden gangen. O du mein lieber und getrewer diener, sollen dir für
deine dienst nit bessere belohnung werden, so müss mich ymmer rewen, das du mich
je erkandt hast. Dann ich förcht unser nit mehr vor den mördren, die uns beraubt
hand, sind darvon. Obschon gleich andre kommen unnd nichts von uns gewertig sein
mügen, so land sie uns gefangen unnd gebunden stohn; die wilden tier aber, als
wölff und bären, werden uns mit ihren grimmigen klawen zerteilen.
    Diser klag geliehen furt Walter gar vil. Sein gesell und diener aber tröst
in, so bast er mocht; dann er war guter hoffnung, sie wurden von den leuten
erlösst werden.
 
                                      21.
  Wie Lewfrid gon Lysabona will reitten, kompt auch in die vorgenant herberg,
erfart von dem wirt, wie etlich kauffleüt zu ross und fuss erst newlich durch den
        wald seien. Er eilet bald hinnach, kompt zu den dreien mördern.
Die drei Bösewicht, als sie von den jungen kummen sind, hand sie beiseitz einen
hecken geschlagen, damit man ihn nit nachspüret, unnd sind wider zuruckgezogen.
Nun begab sich gleich der zeit, als Leuwfrid von seinen herren gohn Lysabona
geschickt ward, etlich gelt doselbs zu holen, also er auch durch disen wald
reiten musst. Er kam zu ehegedachtem wirt; der sagt im, es werend kurtz vor dem,
dass er dohin kommen wer, fünff kauffmenner durch den wald mit zweien rossen
gezogen. Lewfrid was des wohl zufriden, gab seinem gaul die sporen, hoffet zu
disen kauffleuten zu kommen, als dann auch geschahe.
    Er was nit gar ein stund geritten, so bekommen im die drei Bösewicht mit den
zweien pferden geladen. Alsbald sie Lewfriden ersahn also eintzig daherreiten,
sagt der elter under inen: Seind munder, lieben brüder, und setzend dapffer
zusamen! Ich hoff, wir wöllend all drei beritten werden.
    In dem kam Lewfrid hart auff sie. Er versan sich keines argen, grusst sie
freundtlich und fragt, ob nit ihren fünff vor im durch den wald zugen mit zweien
ledigen pferden. Der elter Bösewicht sagt ja, sie weren nit weit vor im, ging
damit zu seinem pferdt, erwuschet das bei dem zaum, zucket damit von leder und
sagt: Stand ab schnell und bald, oder du must uns dein leben lassen! Lewfrid,
ein unverzagter reiter, saumet sich nit lang, zucket sein gutes schwerdt und hew
dem eltern mörder die hand an dem zaum ab, eilet demnach streng uff die andren
zwen, schlug gar krefftigklichen zu. Der alt von wegen des schmertzens und
schreckens, so er hat, kond sich gar nit mer wehren, so wollten die zwen die
flucht geben haben. Lewfrid aber eilet in streng nach, hew den einen hinden
durch sein achseln, das er im das schulterbret gar zerspielt. Der dritt wolt im
in ein dicke dornhurst entrunnen sein; Lewfrid eilet im hart nach. Er bestecket
in dem dicken dorn; do stiess Lewfrid sein schwerdt durch in, so weit es hinein
mocht. Der ander lag und blutet gar fast, das im gar onmechtig ward. Lewfrid
stund ab, hiew im den grind ab.
    Der alt Bösewicht begert der stangen und bat Lewfriden umb fristung seines
lebens. Lewfrid sagt: Du schandtlicher mörder und verrähter, du must mir
anzeigen, wo ir die pferd hand überkommen und was ir darauff fürend. Alsbald
sagt im der schalck alle ding, was sich mit den zweien zutragen hett. Also band
ihm Lewfrid den stumpen zu mit einem hembd, so er von den andren gerissen hatt,
sass demnach wider auff sein pferdt, trib die zwei ross vor im her.
    Bald kamen sie an das ort, do Walter und sein knecht an der tannen gebunden
stunden. Die erschracken gar seer, als sie den alten mörder ansichtig wurden;
dann sie meinten, er kem allein darumb, das er in das leben nemen wolt. Alsbald
aber Lewfrid dise zwen erblickt, erbarmbten sie in hart. Er stund ab, löset in
ire band auff, die hatten in gar tieffe schrunden geschnitten. Wer ward
frölicher dann die guten jüngling! Lewfrid nam ir gewand und schwerdter, gab ihn
die wider, fragt sie aller ursach, wie sie dohin komen weren. Als aber sie in
berichten, wie der alt mörder so streng nach ihrem leben getrungen und so gar
kein erbarmung mit in gehabt, ward Lewfrid gar in grimmen zorn gegen im bewegt
und sagt: Dieweil du mit und durch deine verrähterei dise jungen mit liebkosen
dohin bracht, so das sie dir deiner untrew und falschen worten glauben geben
hand, und du aber minder erbermbd mit in gehabt dann deine andren zwen
mitelffer, so soll dir auch dein verdienter lon darumb werden. Lewfrid nam einen
strick, damit die jungen gebunden waren gewesen, und hing den alten Bösewicht an
einen ast. Demnach sassen sie auff zu ross, wurden der sachen eins, sie wollten
wider zuruckreiten, in gemeltem wirtzhauss den tag vollend beliben, ir speiss und
dranck da nemmen. Des was Walter sampt seinem knecht wohl zufriden.
    Als sie nun auff dem weg also riten, sich mitnander ersprachten, fragt
Lewfrid under andrem, was ihr wesen und begangenschaft wer, oder wohin sie
reiten wollten. Walter sagt mit leidiger stimm: Mein lieber herr, ich hett euch
gar lang davon zu sagen; dann ich reit keiner kauffmanschaft noch andren
gewerben nach. Damit ir aber von mir aller sachen gnugsamen bericht empfahet,
will ich euch, so mir in die herberg kommen, nach der lenge die ganz handlung
meines vatterlands, aufferziehens und sonderlich die ursach meiner jetzigen reiss
zu wissen tun. Diss gefiel Lewfriden seer wohl. Sie vertriben die überig zeit
fürbass mit andrem gesprech, ritten so lang, das sie dem wald ein end kamen, die
lustig herberg vor in sahen, des sie gar grosse freud empfahen wurden.
    Sie kamen zu der herberg, stunden ab, wurden von dem wirt schon empfangen.
Der erkennet sie zustund, in wundert fast ires widerkehrens, fragt sie der
ursach. Des berichten sie ihn gentzlich, darab der wirt nit minder freud dann
verwunderung empfahen tet. Als es nun umb den nachtimbiss was, wurden die tisch
bereit. Inn dem kamen noch sechs kauffmenner, die waren aus dem künigreich
Grallitien und hatten auch willens über den wald und unwegsam gebirg zu reiten.
Die wurden auch aller sachen von dem wirt verstendigt, des sie sich gar
grösslichen verwunderten, sonderlich ab der mannlicheit Lewfrids. Sie erfrewten
sich auch grösslich, als sie vernamen, das Lewfrid den andren tag mit in über das
gebürg reiten wolt.
 
                                      22.
Wie das nachtmal genomen ward, Walterus von Lewfriden gefragt ward, und wie sie
        einander erst erkennen wurden, was grosser freuden do furgieng.
Der imbiss ward mit freuden angefangen. Lewfrid aber begirig, von Waltern zu
hören die ursach seiner reiss; derhalben fing er an mit im zu reden: Guter man,
sagt er, ich bit, wöllend uns anzeigen, wie ir mir heüt versprochen haben, was
euch beidsammen har in disen wald bracht hat oder was euwers gewerbs sei.
    Walter fing an und sprach: Ir habend mir und meinem gesellen zu gebieten;
was ihr von uns begeren, so müglich, solt ir gewert werden; dann ir uns heütigs
tags aus grosser angst und not geholffen haben. Nemend war! Ich erzal euch, wer
und von wannen ich geboren bin, wer meine eltern, wo mein vatterland ist und was
mich zu solcher reiss verursachet habe. Meine eltern wonen in der küniglichen
statt Salamanca. Mein vatter, Hermanus genant, ein reicher man, treibt grossen
kauffmanschaft durch den wechsel gon Venedig, in Proband und Hispanien, auch in
vil andre künigreich und nationen. Es begab sich inn meiner jugendt, das mit mir
in meines vatters Haus aufferzogen ward ein junger schöner knab, welchen mein
vatter von der muter nam, als sie ihn noch mit ir milch erneret. Er ward von
meinen eltern in gleicher liebe, narung und kleideren aufferzogen als ich, ir
einiger son.
    Lewfrid verstund, das diser sein liebster bruder and gesell was; noch wolt
er sich im nit eh zu erkennen geben, er het dann zuvor warhafte urkundt, wo doch
Erich, sein vatter, und Felicitas, sein muter, weren und wie es in ergieng.
Darumb fragt er und sagt: Lieber junger man, ich bitt, wöllest mir verzihen, das
ich dir inn din red vall. Sag mir doch, wess kind was der jung, so mit und bei
dir ufferzogen ward, damit ich die materi uss dem grund mög vernemen!
    Das will ich euch warlich sagen, sprach Walter. Nit weit von der statt
Salamanca ligt ein dorff, inn demselbigen wonet zu der zeit ein armer man mit
nammen Erich. Der hat gar ein holdtselige liebe frawen, Felicitas genant, die
gebar im vil knaben und töchtern inn grosser armut. Die aber wurden von den
reichen burgeren inn der statt Salamanca erzogen; niemants aber was, so dem guten
frummen Erichen und seinem weib fürsetzen oder zu statten kummen wollten. Der gut
man must sich dess hirtenampts in dem dorff behelffen. - Dass stund ein zeitlang,
biss in gott seines leids ergetzen wolt. Eines tags hut er seines viechs, so im
under sein hut befolhen was, er versah sich keins üblen. Sehe zu, so kumpt ein
grosser ungeheürer lew under sein viech gon, dess der gut man seer erschrocken
war. Der lew aber ihm noch dem viech keinen schaden zufüget, sondern sich ganz
früntlich gegen ihm liebt; so begerten ihn die hund auch gar nit zu vertreiben.
Diss weret so lang, das geschrei kam in die statt. Bald wurden vil reicher burger
und kaufleüt zu raht, diss wunder zu sehen; under disen was auch mein vatter. Als
sie nu diss wunder erfuren, pflegten sie täglichen hinausszureiten, dem lewen sein
speiss mitfurten. Davon er in kurtzer zeit ganz heimlich ward; dann in die
gutat dass lernet, so man im täglich beweisen tet. - In disen ziten begab sich,
das mein vatter aber zu gemeltem hirten auff das feld kam, fand bei im sein weib
und den lewen. Do ward mein vatter gewar, das Felicitas eins kindes schwanger
ging, bat derhalben den hirten, wann gott der allmechtig im die frucht
bescheret und an die welt kommen liess, wolt er ihn das kind aus der tauff heben
lassen. Diss sagt ihm der hirt zu. Als nun das kind geboren, was mein liebe muter
auch darbei. Der lew stetigs noch bei dem hirten wonet, also fridsam under vieh
und leüten umbgieng. Derhalben so wurden sie zu raht, das kindlin Lewfrid zu
heissen. Diss kind namen meine eltern zu ihnen und erzogen das, wie ich dann
vormals gehört bin. Es erwuchs mit mir auff in gleichem alter. Mein vatter tet
uns zur schulen; do lernet diser Lewfrid so wohl, das er alle andren knaben
seines alters an der leer übertreffen ward. Sie wurffen in auff für ihren könig.
In der schulen waren auch vil edler knaben, die machten under ihn auch ein
könig; dann sie vergünten uns, das wir so gut regiment hielten. Auff ein zeit
erhub sich ein kindischer krieg zwischen beiden künigen. Lewfrid ermanet seine
knaben gar tröstlich zum streit, desgleichen auch der ander könig, ernanten
einander sonder vorwissen ires schulmeisters zum streit ein schönen platz, kamen
daselbst zusamen, griffen zu der wehr. Lewfrid aber nam im und seinen gesellen
einen vorteil in, also das er obligen tet. In dem abzug fingen sie einen
jungen edlen knaben, denselbigen liess Lewfrid mit ruten streichen. Das
verschmahet den jungen edlen gar seer, zeigt das seinem vatter an; der verklagt
Lewfriden gar hart vor seinem schulmeister. Also ward Lewfriden grosser streich
getrauwen; deren wolt er nit warten sein, nam sich nit lang zu bedencken, begert
an meinen vatter, er solt ihm erlauben zu seinem vatter auff den meierhoff, auff
welchen ihn mein vatter gesetzet hatt, als er von dem hirtenampt kommen was.
Mein vatter erlaubt dem jüngling Lewfrid, zu seinem vatter zu gohn. Er aber hat
ein anders vor im; dann er schrib ein brieff heimlichen in seiner kammer,
verliess den hinder ihm in seinem schulsack. In demselbigen verstendiget er
meinen vatter, wie er aus dem land so ferr ziehen wolt, das niemans erfaren
solt, wohin er kommen wer. - Als ich aber die ding vernam, umbgab mich gross
hertzenleid; nam mir für von derselbigen zeit an, sobald ich zu meinen mannbaren
jaren kam, wolt ich nit erwinden meinen liebsten bruder und gesellen zu erfaren;
hab also vor kurtzen tagen an meinen vatter mit grosser bit geworben, mir dise
reiss zu erlauben, das er mit bekümmertem hertzen getan  hatt. Also reit ich der
Meinung aus, bin auch noch des vorhaben, so mir gott gnad verlihen will, meinen
bruder und gesellen zu erfragen, ob er doch todt oder lebendig sei.
    Lewfrid jetzund kundschaft gnug hat; noch hett er gern zuvor gewisst, wie
es der stunden umb sein vatter und muter ein gestalt het. Er fragt weiter:
Lieber mein guter gesell, ist dirs kein beschwerd, sag mir deinen nammen! - Ich
heiss Walter, sagt der jüngling, dann also nennet mich jederman. - Mein lieber
Walter, sagt Lewfrid, wie ist es aber sidher dem armen hirten und seinem weib
gegangen? Sind sie auch noch bei leben? - Sicher ja, sagt Walter, sie faren wohl
mit ihr armut hinaus. Dann mein vatter hatt mit im abgeteilt auff dem hoff, hat
in das halbe viech durch die banck fur eigen geben, darzu alle frucht, so auff
den kästen und in der scheüren gewesen ist, demnach den hoff sampt aller
zugehörd für ein ewig erblehen zu sicheren handen gestelt.
    Als nun Lewfrid diss alles vernam, mocht er die zäher in seinen augen nit
mehr verhalten; und als er im ein wenig wider ein mannlich gemüt schöpffet, bot
er dem jüngling Waltern sein hand und sagt mit lauter stimm: Frew dich, mein
liebster bruder und gesell! Lewfriden, welchen du suchest, der bin ich selb.
Darumb lass fürbass dein trauren faren und biss frölich mit mir! Wiss, nachdem ich
von deinem vatter gezogen, bin ich kommen in ein statt Merida genant zu einem
graffen, bei welchem es mir gar wohl ergeht. Darumb ist mein bitt an dich,
wöllest die reiss mit mir gen Lisabona reiten, demnach wider an meines gnädigen
herren hoff. Dir soll wohl gepflegen werden; ich hoff auch erlaubnuss bei meinem
gnädigen herren zu erlangen, dass er mir erlaubet mit dir heimzureiten unnd mein
vatter und muter heimzusuchen, dessgleich mein liebsten herren und ernerer, dein
vatter unnd muter.
    Walter, als er die wort von Lewfriden verstund, umbgab in so grosse freud,
das er nit wust, ob er lebendig oder tod was; er fieng vor grossen freüden an zu
weinen. Die andern kaufleüt namen gross verwundern ab diser unversehenen sachen.
Also wurden sie von newen dingen frölich schlemmen und freud mit einander haben,
vertriben den mehrern teil der nacht mit freuden. Dess morgens namen sie iren
weg über das rauch gebirg und finsteren wald mit grossen freuden.
    
 
                                      23.
  Wie Lewfrid sampt seiner Gesellschaft gon Lissbona kummen, und wie Walter und
 Lewfrid Lotzman den lewen an dess königs hoff funden; derselb ganz fründtlich
                 mit in schertzet, als wann er sie noch kennet.
Dess abent spat kamen sie gon Lissbona, zugen ein zu einem guten wirt, der
empfieng sie gar schön. Dess anderen tags richtet Lewfrid sein befelch aus;
demnach ging er mit Waltern und seinem knecht spazieren, besahen die statt nach
irem gefallen. Do funden sie vil kostlich kauffmanschaft von allerhand waar, so
man in aller welt sich gebrauchet. Demnach kamend sie an dess königs hoff, do
fand Walter einen lantzman, welcher aus seiner statt bürtig und vor langen jaren
mit Waltern unnd Lewfriden zu schulen gangen was. Sobald er den Walteren ersah,
kennet er ihn gleich; Lewfriden aber mocht er nit mehr erkennen, dann er in vil
lenger nit gesehen hat. Aber Walter kondt in gar wohl berichten, das er den
Lewfriden erkandt; dann er auch in seinem künigreich was gewesen.
    Als sie nun gute kundschaft mitnander gemacht hatten, furt sie ehgedachter
jüngling an alle ort des küniglichen palasts. Do ersahnd sie mancherlei tier,
so aus India und Arabia kommen waren, davon Lewfrid und seine gesellen gross
freud namen. Als sie nun deren ding gesehen hatten, furt er sie inn ein schönen
tiergarten, in dem gingen hirschen und reher und sunst allerlei tier. Under
andrem aber sahnd sie einen grossen lewen ungebunden mit und bei den andren
tierlin gon, dess sich Lewfrid nit gnug verwundern kund. Er fraget, wie doch der
lew so zam und wohar er kummen wer. Also ward er aller ding bericht. Walter,
der dann mer von dem lewen gehört hatt dann Lewfrid, sprach also: Fürwar,
Lewfrid, als mich will beduncken, wird eben diss der lew sein, welchen dein vatter
erzogen hatt. - Sicher, sagt ihr lantzman, solt ir mir gelauben, dass in der
künig aus dem castel, so znechst bei unser statt Salamanca gelegen ist, bracht
hat allein von wegen seiner heimligkeit. Lewfrid sagt: Warlich, so ist diser lew
ein ursach, das ich mit meinem nammen Lewfrid genant und getaufft worden bin.
Gott wolt, mein lieber vatter wissen möcht, das ich im, disem Lotzman so nahend
bin! Mit disen worten nehet sich Lewfrid zu im, sprach in an und sagt: Lotzman,
du mein lieber bruder, wann es müglich wer, das du mich so wohl erkantest, als du
meinen vatter erkant hast, du wirdest mir deinen tatzen geben. Diss geredt bodt
er dem lewen sein rechte hand dar; der ging gar fridlich zu im und gab im ein
tatzen. Des verwunderten sich die andren, so bei im waren. Dann sie dess nit
gewont an disem lewen waren, das er vil mit frembden leuten Gesellschaft machet;
allein mit denen, so stetig umb in waren, pflag er gesellschaft, zu haben.
    Als nun Lewfrid und seine gesellen alle ding nach wünsch und willen ersehen
hand, sind sie wider in ir herberg gangen, mit den kauffleuten, so mit in kummen
waren, ein guten mut gehabt. Dess andren tags ging Lewfrid zu besehen, wo er
etwas finden möcht, das er seiner liebsten junckfrauwen Angliana kramet; dann er
ihr zu keiner zeit vergessen mocht. Er fand sein gattung nach allem wunsch; er
kramet auch allen andren junckfrauwen, so inn dem frauwenzimmer waren. Unnd als
er jetzund wider mit brieffen abgefertiget, seim herren all seine geschefft
aussgericht, hatt er sich nit lenger zu Lyssabona verhinderen wöllen, ist sampt
Walter und seinem diener den nechsten heimwerts geritten, unangefochten biss in
seines herren, des graven, land kommen.
    Angliana täglichen ihr vertrewte junckfrauw fragen tet, wann sie etwas von
Lewfriden vernem, bat sie dabei, sobald se erfür, wie es umb Leuwfriden stünd,
solt sie ihr das nit verbergen. Das versprach ihr junckfrauw Florina zu tun.
 
                                      24.
  Wie Lewfrid mit seinem gesellen an einem sontag under dem ampt heimkam, der
 graff sampt seiner tochter in der kirchen waren; Lewfrid abstund, sampt seinen
gesellen auch in die kirchen kam; der prack sein eh dann niemans anders warnam.
An einem sontag zu morgens, eh dann man aus der predig kam, reit Lewfrid auff
das schloss sampt seinen gesellen. Sie stalten die pferd in ein stall, gingen
mitnander zu der kirchen. Bald Lewfrid inn die kirchen kommen, ist sein der
prack gewar worden, hatt gar feindtlich in dem gestiel, darin Angliana und ihr
junckfrauwen waren, anfangen an der türen kratzen und scharren, also das sie in
hand müssen aus dem gestül lassen. Der prack mit schnellem lauff zu Lewfriden
kam, an im auffsprang und sich seiner zukunft grösslichen freuwet. Angliana hatt
aber mit sondrem fleiss wargenommen auff den pracken; darumb was sie die erst, so
under allen iren junckfrawen Lewfriden ersehen hatt; davon ward sie hertzlichen
erfrewt.
    Nun hat der graff die gewonheit an seinem hoff, das allen sonnentag sein
tochter sampt irem frawenzimmer bei im an seinem tisch essen must. Darauff sich
Angliana seer frewen ward; sie rüffet Florina der junckfrawen zu ir und sagt
heimlich ir in ein or, das es die andren junckfrawen nit hören mochten: O
Florina, sagb sie, du magst mir yetzund kein bottenbrot angewinnen; dann
Lewfriden hab ich schon mit meinen augen ersehen. Damit weisst sie die junckfraw,
wo der jüngling stund. Florina mit freuden zu Angliana sagt: Gnedige junckfraw,
ich frew mich von ewerentwegen der zukunft des jünglings, damit ir auch wider
fröliche geberd erzeigen. Dann ir, der zeit er aussgewesen ist, gar trawrigs
angesichts erschinen sind, gleichsam hette euch ein schwere kranckheit
überfallen.
    Als nun alle sach in der kirchen verrichtet worden sind, hat man zu hoff
geblasen, wie dann alle feirtag gewonheit was; sonst pflag man nur mit einer
tischglocken zu leüten. Der graff mit seinem hoffgesind ging aus der kirchen,
bald ersicht er Lewfriden. Der tut im gebürliche reverentz, antwort im die
schrifften, so er mit im aus des künigs hauptstat bracht hat. Darumb in der
graff seines fleiss und ernstes halben fast lobet; er sagt zu im: Lewfrid, du
solt disen imbiss ob meiner taflen das mal nemen, damit ich newe zeitung, wie
dirs gangen und was du uff der reiss habest erfaren, von dir möge vernemmen. -
Walter ward jetzund auch von dem graffen ersehen. Bald ward Lewfrid von im
gefraget, wer diser schöner jüngling were. Gnediger herr, sagt Lewfrid, diser
ist mein lieber bruder und ist allein aussgeritten mit einem knecht, mich zu
suchen; dann meine ältern gar nichts von mir haben erfaren mögen von der zeit
an, als ich erstmals von in gescheiden bin. - So gedenck, sagt der graff, das du
deinen bruder mitbringst! Dann ich vast gern kuntschaft mit im haben wolt.
    Als sie nun zu hof kommen, hat man wasser auff die hend genommen, ein yeder,
nachdem er verordnet gewesen, sich gesetzt. Angliana, demnach jederman gesessen
ist, gar köstlich geziert mit irem frawenzimmer in den sal getretten kam. Alle
die, so ir ansichtig wurden, sie nit einem menschen, sunder einem engel
verglichen wurden. Sie aber will ich ein wentzig abmalen, damit der leser ir
gestalt vor im gespieglet sihet.
    Sie was einer zimlicher lenge mit einer wolgeschickten proportz, ihr haupt
auffrichtig, ihr har gelb und etwas gekreüsslet, ir stirnlin rund und breit mit
liechtbrawnen, wenig gebogen augprewlin gezieret, ir eüglin nach falckenart klar
und geschwind, das nässlin ein wenig gebogen in zimlicher scherpfe, die wenglin
mit schönen grüblin und mit rosenfarb geziert, das mündlin einem rubin gleich an
der farb allzeit sich ein wenig lachend erzeiget, dem helfenbein gleich weiss
waren ire zänlin, schmal und klein nach rechter ordnung gesetzt, das kinn
doppelt ob einander, an den obern kinn ein wolgeschicktes grüblin, ir helsslin
rund unnd langlecht, weiss als der schnee, ir brust was starck und breit, ihr arm
unnd hendlin ganz wohl formieret, die weich schwanger unnd rhan. In summa, ihr
ganzer leib hett von Appelle nit zierlicher gemalt werden mögen. Sie was auch
mit hertzen und gemüt ganz gleichformig irer schöne, züchtig, berdsittig,
freundtlich mit jederman, getrew und gerecht.
    Nit minder schöne hat an im Lewfrid der jüngling, darbei eines lewen mut,
aber gegen yederman früntlich; die gerechtigkeit fürdert er alzeit, so hasset er
auch die schalckheit; hatt grossen lust zu pferden, zu aller zeit was er geneigt
frawen und junckfrawen zu dienen. Zum fordersten aber forcht er got und halff
den armen nach seinem besten vermögen; dann er vergass nie seines herkommens. -
Diss land wir bleiben unnd sagen fürbass, wie es ob dem ymbiss gangen sei.
 
                                      25.
  Wie Lewfrid und Walter mit dem graffen ob seinem tisch essen, und Lewfrid in
  beisein Angliane dem graffen sagt, was im mit den mördern begegnet, darauff
                     Angliana mit ganzem fleiss acht nimpt.
Der graff sampt seiner tochter und ihren junckfrawen zu tisch gesessen sind;
Lewfrid und Walter mit in zu tisch sassen. Der graff, sobald sie der ersten
trachten gessen hand, hat er Lewfriden gefragt und also mit im zu reden
angefangen: Mein lieber diener Leuwfrid, du hast mir heut, als ich dich nach
disem jüngling fraget, wer er were, sagtest du mir, er wer dein lieber bruder,
so ich anderst recht von dir verstanden hab. Ist im also, so bitt ich dich, sag
mir, was in diser zeit har treibet und wo du in funden hast! Der graff fraget
darumb, das er sorget, Walter wird Lewfriden hinwegfüren.
    Lewfrid fing an mit züchtigen worten dem graffen zu antworten: Gnediger
herr, sagt er, diser jüngling mein lieber bruder ist, wie ich gesagt hab. Auff
abenteür ist er aussgeritten, abentewr ist im gnugsam begegnet. Dann es im und
seinem knecht gar nah an ir leben gangen ist; davon, gnediger herr, wohl zu sagen
wer, so ich ewer gnad damit bedeüben dörfft. Der herr sagt zu Lewfriden: Ich
bitt dich, mein Lewfrid, lass dichs nit beschweren und sag mirs nach aller lenge,
wie sich die sach mit inen zugetragen hat!
    Gnediger herr, sagt Lewfrid, diser mein bruder, als er mit grossem verlangen
mich im land umbher gesuchet, hat in zuletst der weg getragen an ein gross
waldechtig gebürg. Darvor ligt ein schöne herberg, in welcher zum offternmalen
vil kauffleüt von frembden landen sich versamlen, damit sie mit grosser
gesellschaft durch gemelten wald reiten, dieweil es gar unsicher über gemelt
gebürg zu reiten und zu wandlen ist von wegen der rauberei und mördery, so
darinnen fürgaht. Inn gedachter herberg fand mein bruder drei arger schelck.
Dieselben sich für kauffleüt dargaben, gleissneten, als wann sie sein unnd seines
dieners gar fro weren, damit sie mit ihn über das gebürg sicher kemen. Also sich
mein bruder begab in ihr gesellschaft zu sein unnd zu fuss mit ihn zu gohn. Also
sass er und sein diener ab von iren pferden, legten ihr gewand, stiffel und
sporen uff die pferd, desgleichen der mörder plünder, die sie auff iren rucken
tragen mussten. Bald sie aber in den wald sind kommen an ihre gelegene statt,
haben die drei Bösewicht meinen bruder und seinen knecht irer wehren beraubet und
als ir gewand ausszogen, mit stricken an einen baum gebunden, lang zu raht
gangen, ob sie in das leben lassen wöllen oder nit, zuletst von in gezogen,
wider zuruckgekeret. - Von ungeschicht bin ich in dieselbig herberg komen, von
dem wirt bericht empfangen, wie kürtzlich fünff kauffmenner durch den wald zu
reisen für sich genomen haben. Als ich das gehört, begirig der gesellschaft bin
ich eilens hinnach geritten, damit ich zu ihnen kommen möcht, wenig gesorgt des,
so mir begegnet. Als ich aber ein gar kleine zeit geritten was, so kommend gegen
mir drei starcker Bösewicht mit zweien geladnen pferden. Ich sprach sie
freundtlich an, meint, sie weren lissbonische kauffleüt, fragt, ob sie niemandt
auff der strassen gesehen hettend. Sie aber gaben wenig bescheid; der eltest
aber fiel meinem pferdt eilens inn den zaum, mit strengen worten mich ermanet
abzustehn und im mein pferdt zu geben, oder er wolt mir das leben nemmen. Als
ich seinen ernst ersehen, saumet ich mich nit lang, zucket mein gutes schwerdt,
heuw ime, dem schalck, des ersten streichs sein hand an dem arm ab, das sie an
dem zaum hangen belib. Die andren zween, so vor hart auff mich trangen, gaben
die flucht; ich aber eilet in nach, zerspielt dem einen sein achseln biss auff
die brust. Der dritt wolt mir entlauffen und sich in einer dicken hurt
verschloffen haben; dem sprenget ich nach, erstach in mit meinem schwerdt. Also
fand ich den andren, dem ich die wunden geschlagen, inn dem grass ligen fast
verblut; ich stund ab von meinem pferdt, schlug ihm sein haupt ab. Der erst mit
der einen hand begeret der stangen; ich verband im sein wunden, zwang ihn, das
er mir sagen musst, von wannen sie die pferd und plünder, so sie furten, bracht
hetten. Also bericht er mich aller handlung, so sie mördischer weiss begangen mit
disem meinen bruder und seinem knecht. Zu inen musst er mich furen, da sie
gebunden an der tannen stunden. Ich lösst in auff ire harten band, gab in wider
ir kleidung, pferd und gewer. Bald aber ich von ihn verstund, das der alt
Bösewicht, so noch bei leben was, so streng nach ihrem leben gestelt, hat ich
kein mitlyden mer mit im, nam der strick einen, damit mein bruder gebunden
gewesen, und hieng den alten schalck an einen baum. - Demnach gedachten wir, das
uns der tag zu kurtz durch den wald unnd über das gebirg zu reiten würt, wurden
zu rhat, wider hinder sich zu reiten in die vilgemelt herberg. Noch erkant unser
keiner den andern, biss wir kummen seind in die herberg. Also fanden wir etlich
kaufleüt, die morgens mit uns über den wald reiten wollten. Aldo erforschet ich
erst von meinem bruder, wer er was und was seine geschefft waren. - Dess andren
tags kamen wir gen Lissbona. Nachdem ich nun eüwer gnaden brieff an die
bestimbten ort geantwort, ging ich mit meiner Gesellschaft spatziren. Wir
funden ein lantzman an dem königklichen hoff; der weisst uns all ding, so im
müglich waren. Under anderem aber zeiget er uns einen schönen unnd freisamen
lewen, der was ganz zam. Wir entsatzten uns ab dem starken tier, dann uns sein
zamheit verborgen was. Der lew aber von stund an zu uns ging und mich vor den
anderen mit seiner geberd tugentlichen empfahen tet und mir seinen rechten
tapen bieten ward, davon die anderen umbstender nit klein verwunderung
empfiengen. Als ich aber meinen lantzman fragt, wie lang gemelter lew an dem
königlichen hoff gewesen, da erfand sich ann aller seiner anzeigung, dass mein
vatter disen lewen lang zeit bei im gehabt, biss er im von dem könig was genommen
worden. Und entlich bin ich nach disem lewen von meines liebsten bruders vatter
Lewfrid genant und mit meinem namen getaufft worden. Diss ist, gnediger herr, der
ganz inhalt, darnach mich ewer gnad gefragt hat.
    Warlich, sagt der graff, Leufrid, du zeigst mir seltzam ding an. Ist im
also, magst wohl von obenteür sagen; und gewisslich wirdt dir diser lew vil guts
bedeüten; du hast auch dein lewisch gemüt gnugsam bewisen an den dreien
mörderen. Eins aber kann ich nit verston, dieweil du sagst, deins lieben bruders
vatter habe dich Lewfrid mit seinem nammen gnent, als ob er nit eüwer vatter
wer. Dess möcht ich wohl von dir bericht werden.
    Also fieng Lewfrid an: Gnediger herr, sagt er, ich muss bekennen, und nit
unbillich, wir sind von geburdt nit rechte brüder. Dann Walter ist eines
mechtigen kauffmans son; derselbig nam mich meinem vatter, demnach ich meiner
muter milich entwönet was. Dann mein rechter vatter was dazumalen ein armer hirt
in einem dorff, welchen jetzund mein liebster herr unnd ernerer mit grossem gut
begabet, also das seine sachen wohl stand. - Diss und anders sagt Lewfrid seinem
herren dem graffen nach der leng, das sich der graff nit gnugsam kundt
verwundern, gedacht in seinem hertzen: Gewiss wirt diser jung ein fürnemer mann
werden und wohl hinankummen. Angliana aber ganz stilschwigent mit fleiss auff
alle red, so Lewfrid getan , eben gemercket hat und insunderheit, als er von den
dreien mörderen und dem lewen meldung getan .
    Also ward diss malzeit mit grossen freüden volbracht. Demnach ging jederman
in sein gemach, oder wo sein gelegenheit was. Leufried nam urlaub von dem
graffen, sagt im, er het etlich schöne zierliche arbeit mit ihm von Lissbona
bracht, die wolt er in dass frawenzimer verehren. Das ward im gütlich von dem
graffen erlaubt. Also füget sich Lewfrid in sein gemach sampt seinem gesellen,
nam zu im die kleinat, so er mitbracht, teilt die aus, nachdem in bedunckt
under den junckfrawen angelegt sein.
 
                                      26.
  Wie Lewfrid seiner liebsten junckfrawen ein krom von Lissbona bringt und dem
  ganzen frawenzimmer jeder ein par hendtschuch, Florina aber sonderlich mit
                    einem silbern mahelschloss begaben tut.
Lewfrid hat wenig rhu, biss er seine kräm ausgeben hat. Er nam die in ein schöne
laden, gab die seines gesellen diener, fügten sich all drei für das
frawenzimmer, liessen sich ansagen. Also wurden sie bald hineingelassen. Sie
wurden von Angliana gar schon empfangen. Lewfrid sagt: Gnedige junckfraw, damit
ewer gnad erkennen mag, das ich auch an die gedacht, darzu an ewer gnaden
junckfrawen, hab ich meinem vermögen nach nit underlassen wollen, einer yeden
insonderheit etwas zu kramen, damit, so ewer gnad und deren frawenzimmer über
kurtz oder lang verritten wirden, meiner auch nit vergessen.
    Mit dem geredt schloss er uff sein laden. Zum ersten gab er Angliana der
junckfrawen iren krom, das was ein schöne und gar köstliche gewirckte hauben,
von gold und perlin geziert auff das schönest. Der junckfrawen Florina, welche
der Angliana ganz geheim und vertrewt was, die hat er für die andren
junckfrawen all bedacht, deren gab er ein köstliche schlappen und par
hendtschuch samt einem silbrinen mahelschlösslin; den andren junckfrawen aber
einander nach gab er nur hendtschuch. Soliches machet sie zum teil in argwon
fallen, und meinten nicht anderst, dann Lewfrid wer in liebe gegen Florina
entzündet; dann sie gar nit gedachten, das er Angliana und sie im holdtschaft
tragen tet. Angliana zuforderst dancket Lewfriden gar frindtlich umb seine
reiche schanckung, desgleich teten auch die andren junckfrawen. Keine aber
under in allen wusst oder kund gedencken, was Lewfrid mit dem mahelschloss meint ;
doch liessen sie es all hingon sonder Angliana und Florina, die gedachten ihm
gar steiff nach.
    Als nun Lewfrid seine gaben aussgeteilt hat, wolt er gescheiden sein.
Angliana aber batt ihn zu beliben; dann sie wusst wohl, das im ir vatter in das
zimmer hat erlaubet. Darumb sagt sie: Lewfrid, mein lieber jüngling, ich bit
euch, wöllend nit so eilens von uns scheiden, sonder mit uns ein wenig sprach
halten. Sagend uns doch, wie gefallen euch die schönen junckfrawen zu Lisabona?
Ir habt sie sicher wohl mügen beschawen, dann ir gute zeit darzu gehabt hand.
    Lewfrid ganz schamrot vor der junckfrawen stund; dann er ir auff solche
wort nit wusst zu antworten. Jedoch sagt er: Gnedige junckfraw, ewer gnad fragt
mich, wie mir die züchtigen schönen frewlin und junckfrewlin gefallen haben zu
Lissbona. So sag ich aus rechtem ernsten hertzen, wo ich mein zeit hingeritten
und gewandret bin, hab ich allwegen schöne züchtige junckfrawen und frawen
funden; jedoch haben sie mir an einem ort mehr dann an dem andren gefallen, bin
auch einer mehr dann allen andren günstig. Got wolt, ich ir mit meinem dienst
gefellig sein möcht! Das wer mein gröste freud, so mich angon möcht in diser
zergengklichen welt!
    Nun stund Florina und Angliana sampt Lewfriden allein bei einander zu obrist
in dem sal. Florina ir mahelschloss noch in den henden umbspiegelt, stetigs
gedencken tet, was doch sollich schloss gemeinen solt. Angliana als ein
gescheide junckfraw zu Florina saget: Wie gefalt dir, Florina, das malschloss?
Was beduncket dich, das unser Lewfrid damit gemeinet hab, als er dich vor andren
meinen junckfrawen damit begabt hat? Antwort Florina: Das befrembd mich nit
wenig, gnedige junckfraw; fürwar es macht mich ganz weitschweifender gedancken.
Lewfrid mit lachendem mund antwort und sprach: Mit erlaubniss zu reden, gnedige
junckfraw, will ich disen zweifel brechen, damit Florina ir gemüt nit weiter
beschweren darff. Diss mahelschloss, edle junckfraw, hab ich euch in aller guten
Meinung verehret, dieweil ich von meiner gnedigen junckfrawen spür und mercken
kann, das sie euch in allen dingen vor andren iren junckfrawen vertrewet. Darumb
hab ich euch diss mahelschloss gekrompt, damit ir solche vertrawte reden gar wohl
in ewer hertz verschliessen sollen.
    Diser red ward die junckfraw Angliana züchtigklichen lachen und sagt:
Fürwar, Florina, du must den schlüssel zu dem schloss in guter hut haben, damit
dir nit etwan ein falscher klaffer darüber kumb und das verborgen aus deinem
behalter neme. Florina wohl verstund, wie der jüngling die sach gemeinet, fasset
die wort zu hertzen, nam ir auch endtlich für, alles das in still und geheim zu
halten, so ir von Angliana vertrewt wird.
 
                                      27.
  Hie reit der graff mit seinem hoffgesind gon Lissbona auff die hochzeit. Was
                wunders sich mit Lotzman dem lewen begeben hat.
Der graff, nachdem er von Lewfriden kommen was, gedacht er gar oft an den lewen
und anders, so sich mit im verlauffen hatt. Er nam im entlichen für, den lewen
selb zu sehen in gegenwertigkeit Lewfridens. In kurtzem hernach als er im das
fürsatzt, begab sich, das der graff auff ein hochzeit geladen ward, die seer
gross was und in der statt Lyssabona gehalten. Er nam sich aber gegen Lewfriden gar
nichts an, das er ein sonder begird het den lewen zu sehen, damit Lewfrid nit
gedencken möcht, er glaubt im seiner erzalten histori nit.
    Als aber die zeit kam, das yederman auff der hochzeit solt erscheinen, liess
der graff alles sein volck in gleiche farb kleiden, reit mit grossem pomp und
bracht gon Lissbona auff die hochzeit; aber under allem seinem hoffgesind was im
Lewfrid zu aller zeit der nechst. Sie kamen in den wald, von dem oben gesagt
ist; do funden sie den alten mörder mit der einen hand noch an dem baum hangen.
dabei der graff wohl erkant, das im Lewfrid die warheit angezeigt hat.
    Als sie gen Lissbona kamen, die hochzeit gar köstlich gehalten ward, fügt es
sich eines tags, das der graff mit seinem hoffgesind in den garten des künigs
spatzieret, darin allerlei tierlin gingen. Dem graffen aber was noch ingedenck,
was im Lewfrid von Lotzman dem lewen gesagt hatt; darumb er fleissig an dem hoff
nach dem lewen fraget. Alsbald ward im von des künigs dieneren angezeiget. Bald
seind sie an das ort gangen; inn einem sonderen hoff funden sie gemelten leuwen.
Der aber hatt von stund an Leuwfriden ergriffen mit seinem rechten datzen unnd
ganz freundtlich zu im begert zu ziehen. Lewfrid mit dem leuwen anfieng zu
schertzen; der lew sich so ganz freundtlich gegen im erzeiget, das sich alle
umbstender darab verwundretten. Des künigs hoffmeister auch zugegen was; der
fraget den graffen, wer diser jüngling wer, dem der lew so ganz fründtlich
nahet. Der graff sagt im alle ding, wie sichs mit Lewfriden seiner geburt halben
zugetragen het und wie diser lew lange zeit bei seinem vatter gewonet het. Dise
red kam auch für den künig; der begert Lewfriden sonderlichen zu sehen. Also
ward er für den künig gefürt; der fraget gar ernstlichen aller sachen nach, wie
sich die mit Lewfriden von seiner jugendt an zugetragen het. Dess alles ward er
von Lewfriden gruntlich berichtet. Der künig sich darab gar grösslich verwundert,
begert derhalben, das Lotzman der lew für in gebracht wird.
    Alsbald ging Lewfrid mit dem tiergartenmeister inn den tiergarten.
Lewfrid locket dem lewen; der lieff zuhandt mit im wie ein zammer hund, kamen
also für den künig, do schimpffet der lew gar tugendtlichen mit Lewfriden. Das
sah der künig sampt allen denen, so zugegen waren, mit grosser verwunderung. Es
gefiel ihm auch Lewfrid mit weiss und geberd fast wohl; derhalben redt er mit dem
graffen, ob er ime nit zu einem diener werden möcht. Der graff sagt zu dem
könig: Allergnedigster herr, ewer küngliche mayestat soll wissen, das diss mein
allerliebster diener ist, so ich under allem meinem hoffgesind haben mag. Durch
in allein handel ich alle meine geschefft, on in weiss ich nichts auszurichten;
alles das, so im von mir befolhen wirt, endet er ganz fleissig. Darumb langt
mein undertenigst bitten an ewer mayestat, mich wölle dieselbig dises meines
liebsten dieners nit berauben. Der künig den graffen fast lieb hat, liess
derhalben die sach also berhuen, begert Lewfridens nit weiter.
    Also bliben sie bei zehen tagen zu Lissbona und hatten vil grosser freud,
kurtzweil und wollust. Lewfrid aber des lewen nit mer kundt ledig werden. Er
ging wohin er wolt, volget im der lew zu aller zeit auff dem fuss nach; und so
man in zu nachtes in gemelten garten sperren wolt, fürt er das allerjemerlichest
geschrei, das davon weder der künig noch jemans anders rhuen mocht. Die ursach
ward dem künig gesagt; also befalh er, man solt den lewen nit mehr inschliessen,
sonder ledig gon lassen mit Lewfriden, wa er wolt. Also lag Lotzman fürbass alle
nacht bei Lewfriden und seinem herren in der kammer.
    Als aber jetz der hof ein end nam, jederman wider zu Haus keren wolt. Der
graff dem tiergartenmeister befalh, den lewen zu verwaren, das er in nit
nachlieff. Diss geschah; aber Lotzman furt ein grausam geschrei, wolt weder
trincken noch essen, so das der tiermeister sorget, er wirt umbkommen; sagt es
derhalben dem künig an, fragt, wes er sich mit Lotzman dem lewen haben solt. Als
der künig das gemüt des lewens verstund, befalh er, man solt in ledig lassen,
und ob er gleich mit Lewfriden darvonlieff, solt man es nicht weren. Alsbald
ward der lew ledig gelassen. Der saumet sich nicht lang, suchet seinen
Lewfriden, bei dem belib er ganz beharrlichen; und so in der tiermeister
nachmals angreiffen wolt, understund er sich zu wehren.
    Also nam der graff urlaub von dem künig und sass auff zu ross mit seinem
gesind. Lotzman tet ganz fröliche sprüng vor ihn allen. Diss alles der künig
sehen tet, sagt derhalben zu dem graffen, er solt Lotzman den lewen mit ihm
lauffen lassen; dann er sorget, wo er wider solt ihngesperret werden, er möcht
von jamer hungers sterben oder von grossem zorn gar wütend werden. Also lieff
Lotzman mit ihn darvon. Lewfrid fast grösslichen erfrewet ward.
 
                                      28.
      Wie Lewfrid, nachdem er von Lissbona kommen, von seiner allerliebsten
 junckfrauwen beschickt würt; was grosser freud sie von der zukunft des lewens
                                    gewann.
In kurtzen tagen kamen sie mit grossen freüden zu land. Angliana, welche ir
kuntschaft seer gut hatt von ihrer vertrawten junckfrawen, bald vernam, das ihr
liebster jüngling zu land kummen was unnd ein lewen mit im bracht, von welchem
sie vormals hat hören sagen. Sie machet bald ir botschaft zu im, damit sie sich
nach irem wolgefallen mit im ersprachen möcht, liess im auch sagen, er solt
seinen liebsten geferten mit im bringen. Lewfrid vernam die botschaft gar bald,
verstund dobei wohl, was geferten die junckfraw gemeint het. Er nam Lotzman den
lewen, fügt sich mit im in den schonen garten, darin in die junckfraw bescheiden
hat. Die empfing in mit grossen freüden; bei ir was niemans dann allein Florina
die junckfraw, deren sie dann jetzund nichs mer verbergen was.
    Als nun Angliana den schonen unnd grossen lewen ersehen, dabei sein gross
liebe, so er zu dem jüngling trug, bedencken ward, fieng sie an zu Florina, der
junckfrawen, zu reden: Hiebei, mein allervertrewtiste freündin und schwester,
muss ich klerlich abnemen, das diser jüngling mit sunder genad von gott begabt
ist, dieweil von dem an, das in sein mutter erstlich empfangen unnd noch under
irem hertzen getragen; diser lew sich zu seinem vatter geselt, ganz getrewlick
auff sein vieh gleich einem hund gewartet hat. Das dann gwisslich zu verwundern
ist, ich geschwig der freündtlicheit, so er im in seiner kindheit erzeiget hat.
Das aber mich zum grösten tut verwundern, ist das, dieweil diser lew den
jüngling in so vil jaren nit gesehen und nicht dest weniger erkant hat; ist ein
gnugsamme anzeigung, das Lewfrid und diser lew ein gleich gemüt haben, das sich
dann mit im an den dreien mördern wohl beschinen hat. Derhalben, o liebe Florina,
solt du nymmermehr anderst von mir vernemmen, dann das diser jüngling einer
königin wohl werdt wer; unnd so er mir zu einem mann vertreuwt wird, wolt ich für
all irdische freud haben. - Damit wendet sie sich zu dem jüngling und sagt:
Lewfrid, mein liebster freünd, dir ist nunmer die gross lieb und gunst, so ich zu
dir trag, unverborgen, bin auch guter hoffnung, dein erste lieb sei noch nit
gegen mir erloschen. Wo im dann also ist, so beger ich, das du mir das
offenbarest, mir auch darbei anzeigen, welcher gestalt dein lieb und hertz gegen
mir gesinnet sei.
    Lewfrid mit grossen freuden der junckfrawen antwort unnd sprach: Wolgeborne
junckfrauw, in welcher gstalt mein liebe gesinnet und geartet sei gegen ewer
gnad, ist mir nit müglich weder durch wort noch geschrifft auszusprechen, es wer
dann sach das ihr in mein hertz hineinsehen möchten. Ich aber muss bekennen, das
ich von geringsten eltern geboren bin. Darumb mir nit gebüren will euch mein
gemüt ganz und gar zu entdecken, dieweil nit müglich ist zu geschehen, des ich
begeren bin.
    Des biss ganz sicher unnd getrost, sagt Angliana, wo du meines leibs zu
ehren begerst, so biss vergwisst, er soll dir werden. Wo aber dein gemüt anderst
gegen mir gesinnet wer, wirdest du ganz aus meinem hertzen geschlossen werden,
kein gunst noch gnad nimmermehr bei mir erlangen. Darauff antwort Leuwfrid:
Allergnedigste junckfrauw, das sei ferr von mir, das ich gedencken solt oder
einichen menschen auff erden wissen, so unordenliche liebe zu euch trüg. Fürwar
er müsst mir sein leben darumb lassen; dann mein hertz unnd gemüt nie anderst zu
euch gestanden ist dann inn allen züchten unnd ehren. Sollichs sond ihr mir
ganz und gar getrewen. Mir mag auch kein grössere freud nit zuhanden gon, dann
so ich euch gedienen kann.
    So nim hin, sagt Angliana, des mein trew zu pfand, das ich dich fürbass für
meinen rechten einigen und stäten ehgemahel haben will; mich soll auch weder
meines vatters gut noch nichts anders daran verhinderen. Des nim hin von mir diss
kleinot zu einem waren und unzerbrochnen zeichen warer lieb, trew und
freundschaft!
    Von disen worten ward Lewfrid so hoch erfrewet, das er auff der junckfrawen
red gar nit antworten kond, stund also in seinem angesicht ganz entferbet, die
junckfraw ansehend; biss er sich zuletz erholen tet, sagt er: O gnedige
junckfraw, diser grosser widergeltung meiner lieb het ich mich nimmermer
versehen; dann ich sein je nit wert bin. Dieweil mich aber das Glück so
gnediglich ansehen, dessgleich mir ewer gnad so wohl will, so versprich ich euch,
von disem tag an allen meinen fleiss dohin zu wenden, damit ich von
allermenigklich in ritterspielen geprisen unnd gelobt werd, hoff auch, ein
semlichs soll mir zu gutem end geraten. - Daran, sagt Angliana, würstu mir,
liebster Lewfrid, ein sonder gross wolgefallen beweisen.
    Als nun die zwei so mancherlei freundtlicher gesprech mitnander hatten und
junckfraw Florina alle ding sah und hort, erschrack sie on massen gar seer,
wunscht auch heimlich in irem hertzen, das sie Lewfriden noch die junckfraw nie
erkant hette, dieweil sie gedacht, wie sie von dem graffen verdocht werden
möcht, als wann sie zu solcher sachen hilff und steür getan  het. Darumb dann
die gut Florina seer betrübt und bekümmert was; hergegen aber was Lewfrid unnd
Angliana inn grossen freuden; biss jetz die zeit kam, das sie scheiden mussten,
namen sie zu beider seit urlaub von einander, unnd ging jedes in sein gemach.
 
                                      29.
 Wie Florina gross sorg trug, die liebe irer junckfrawen wird an tag kommen, sie
                       gar mit züchtigen worten straffet.
Als nu Florina mit Angliana in ir gemach kummen was, fieng sie an je lenger je
mer nach der sachen zu gedencken. Diser verenderung Angliana bald warnam; darumb
fing sie an mit Florina zu reden und sagt: Sag mir, du mein liebe und vertrewte
junckfraw under allen meinen junckfrawen, was ursachet doch dich auff disen tag
zu solichen trawren, dieweil du mich doch nie in grösseren freüden dann auff den
heütigen tag gesehen hast? Weist du nicht, das man spricht: Mit den betrübten
soll man trawren, mit den frölichen aber soll man frölich sein? Warumb hast du
dann nit auch freüd mit mir, dieweil du vernummen hast, das der, welchen ich vor
aller welt lieb hab, mich auch liebt? Dann du bist je selb zugegen gewesen, als
ich ihm und er mir stete und unzerbrochne lieb versprochen. Ich hab dich auch
allein darumb zu mir genummen, damit solicher meiner liebe möchtest erfaren unnd
dich mit mir erfrewen. Du aber warlich machest mich mit deiner bekümmerten
gestalt etwas unmütig, so das ich gedenck, du trawrest umb Lewfriden, welchen
ich mir für meinen allerliebsten amei erwölt hab. Mit disen worten beschlos
Angliana.
    Als nun Florina einen schweren seüfftzen von hertzen hat gan lassen, fieng
sie ir antwort an und sagt: O junckfrauw Angliana, ein semlich missvertrewen, so
ir zu mir haben, hatt mir mein hertz nie berürt. So habt ir des auch gar kein
ursach zu mir; dann ich mich alweg aller trew und verschwigenheit gegen euch
gebraucht, hab aber nit gedacht, das die sach dahin kummen solt, das ir euch mit
Lewfriden on vorwissen eüwers herren und vatters vermehlen solt. Das dann allein
ein ursach ist meines trawrens, dieweil ich bedencke die vilfaltig botschaft,
so ich euch gegen dem jüngling anssgericht hab, und aber die gross lieb eüwer
beider mir gar verborgen gewesen ist, wiewol ich zum teil ein guten willen, so
ir zu dem jüngling getragen, wohl gespürt; hab aber nicht anders gemeint, dann
diss als geschehe von wegen seiner vleissigen dienst, so er vor allen andern
diener euch teglich beweisen hat. Sunst hette ich mich nimermer einniche
botschaft begeben ansszurichten. Gedencket, allerliebste junckfraw, was grossen
übels wirt mir daraus entston, solt eüwer herr vatter der ding von mir innen
werden! Fürwar ich on alle gnad von dem hof wichen müsst. Ach mir armen, wie wolt
ich dann die schand gegen meinen eltern verantworten! Ich bedürfft ihn sicher
nicht mer zu gesicht kummen. Darumb hab ich, liebe junckfraw, nit wenig ursach
zu trawren. Gott wolt, Lewfrid wer von mir nie erkant worden. Das ihr aber mich
in dem verdencken haben, als wann mich der verlust des jünglings zu unmut
bewegen solt, das sei ferr von mir. Dann ich im kein sunder holtschaft nie
getragen hab, bin im auch nie feind gewesen; dieweil er aber mer dann kein ander
jüngling in eüwer frawenzimmer gewonet, uns auch zum offtermal mit seinem gesang
und schimpflichen gesprech die zeit gekürtzet, hab ich ihn fast gern gehört. Bin
derhalben dest williger gewesen, so ir mirs befolhen, den jüngling zu berüffen,
insonderheit so er von frembden landen wider zu hoff kommen ist. Hab auch nit
gedacht, ir anderst dann ich gegen dem jüngling gesinnet weren, weiss auch kein
junckfraw in unserm ganzen zimmer, deren ich anderst dann mir selb des
jünglings halben vertreuwt hab. Darumb, liebste junckfraw, wöllet selb
betrachten, ob ich füglich ursach hab zu trawren oder nit!
    Angliana von disen worten etwas schrecken empfieng, dieweil sie sorget,
Florina würde sich iren entschlagen und ir in irer liebe nit mehr beholffen
sein, dieweil ir unmüglich was irem allerliebsten jüngling etwas zu empieten on
mittel der junckfrawen dienst; so dorfft sie auch keiner andren mer an dem hoff
vertrawen. Derhalben sie dann gar früntlich mit Florina anfieng zu reden und
sagt: Gehab dich wohl und biss aller sorgen quit, du mein allergetreweste Florina!
Dir soll kein übel noch arges nimmer daraus entston, dieweil noch kein mensch
auff erdtrich dann allein du, ich und Lewfrid von semlicher liebe wissen tragen.
So bin ich sonder zweifei, Lewfrid wirt solche liebe und treuwes versprechen, so
ich im getan , keinem menschen offenbaren. Des bin ich an dir vergwisset; unnd
ob sich schon die sachen ymmer dohin tragen wurden, das mein vatter deren ding
inen werden solt, will ichs dannocht dohin spilen, so das du in kein weg darin
must verdocht werden. Allein bit ich, wöllest dein treuw an mir nit brechen unnd
mir zu aller zeit ein getrewe rahtgebin sein. Und biss guter ongezweifleter
hoffnung, das ich mit meiner gescheidigkeit mein vatter dahin vermögen will, das
er mir Lewfriden mit gutem gunst unnd willen zu einem lieben gemahel geben soll.
    Das geb und schick gott, sagt Florina, dann fürwar so ein semlichs geschehen
solt, möcht mir nit grösser freud zu handen gon. Damit aber, liebste junckfraw,
ihr dest mer gesichert seiend vor den falschen klaffern unvermeldet bleiben, so
müsst ir zuforderst niemans mehr vertrewen, er sei gleich auff erden, wer der
wöll, damit wir nit vermeldet noch verdacht werden. Ir müsst auch Lewfriden mit
allem fleiss darzu halten und weisen, so das er sich ewer liebe und gunst nit zu
vil überheb, sonder sich wie allwegen gegen allem hoffgesind freundtlich halten
und beweisen, damit er sich gar nit argwönisch mache. Jedoch soll er sein zugang
und bei, so er allweg in das frawenzimmer gehabt, nit minderen, sonder in altem
brauch behalten; sonst würde er sich bald gegen den listigen klafferen
verdechtig machen. Niemant anders solt ihr vertreuwen, botschaft an in zu
werben, dann allein mir. Sodann solt ir gewiss sein, das ichs all mein tag nymmer
offenbaren will.
    Also machten die zwo junckfrawen einen satten anschlag, wobei es hinfürbass
bestohn solt.
 
                                      30.
Wie Walter eines tags mit Lewfriden in junckfraw Angliana gemach gangen und ein
schochbret auff dem tisch ligen fand, und wie er mit der junckfrauwen im schoch
                          zoh in beisein des graffen.
In grossen freuden lebten die zwei liebhabenden gar lange zeit. So gewann auch
der graff Lewfriden dermassen so lieb, als wann er sein leiblicher son gewesen
wer; dann im der lew noch stetigs beiwonet unnd zu aller zeit, war er ging,
nachfolget. Davon ihm der graff manche seltzame rechnung machet unnd stetigs
gedacht an die wunderbarlich geburt des jünglings Leuwfriden, allweg zu ihm selb
saget: Diss würt fürwar ein gewisse bedeütung sein, das diser jüngling eines
grossen nammens werden würt. Nun hat Leuwfrid den bescheidt von Angliana der
junckfrauwen schon empfangen, so das er sich befleissen solt zu zeiten in das
frawenzimmer zu kommen, damit man sie beid dest weniger in argwon verdencken
solt, wie ir dann die junckfraw Florina gerahten hatt.
    Eines tags begab es sich, das Leuwfrid mit seinem gesellen Waltern in der
junckfrawen gemach und zimmer kommen was. Angliana kurtz darvor mit ihren
junckfrawen im schochzabel gezogen hat, das brett sampt den steinen auff dem
tisch hatt stohn lassen. Walter, welcher des spils ein besonder meister was,
von stund an das bret erblickt und sagt zu Lewfriden: O bruder, jetzund
erquicket sich mein hertz und gemüt, so ich nur diss reich schochspyl! ansehen
tun. Ach das mir doch von dem gelück verluhen werden möcht, das ich einmal
genug diss spiel ziehen unnd mein kurtzweil darin haben solt! Angliana die wort
von Waltern gehöret hatt. Dieweil sie nun meint , das ir in gemeltem spil nit
bald jemans obligen möcht, sagt sie mit freuden: Walter, mein lieber freund,
seidt ihr des spils bericht, so ziehend mir eins oder zwei für die lange weil,
warumb euch liebt. - Gnedige junckfraw sagt Walter, ich bin ein schuler des
spils. Darumb mir nit gar wohl gebüren will umb ein gewinnes zu ziehen; dann ich
sorg, euwer gnad werd mir zu scharpff sein. - Das lasst bleiben, sagt Angliana,
lasst uns ein zeitlang kurtzweilen!
    Also sassen sie zusamen an ein taffel. Angliana brauchet, was sie kondt.
Walter aber, ein ganz listiger jüngling, nam fleissig war, was züg und forteil
die junckfraw sich gebrauchet. Das erst, ander und dritt spiel liess er sie
gewinnen. Gnedige junckfraw, sagt Walter, ich befind bei mir selb, wo mir nit
gwinn oder verlust an disem spil stoht, so wird ichs nimmer recht gelernen.
Darumb soll es hinfürbass etwas gelten. - Dess bin ich seer wohl zufriden, sagt
Angliana, es gelt recht wohl, was ihr wöllend.
    Walter hatt an seinem finger gar ein schönes ringlin; das nam er darab und
sagt: Gnedige junckfrauw, diss fingerlin stand zu gewinn. So ewer gnad das
gewinnet, solt irs on alles widersprechen haben. Gewinn aber ich das spil, solt
ihr diss ringlin selb wirdigen und mir, so vil das werdt ist, für mein gewinn
zustellen. Diss gedings was Angliana seer wohl zu mut; dann sie ihr das ringlin
nit zuvor genomen hett. Sobald sie aber in das spil kamen, gebrauchte sich
Walter aller seiner geschwindigkeit und kunst, so er vormal je geleret hatt;
dann eh die junckfraw Angliana ihr spyl inn ordnung bringen möcht, war sie
schoch und mat, so das sie keinen stein mer anrüren kundt. Des sie dann ganz
schamrot sass.
    In disen dingen kompt der graff in seiner tochter gemach, findet die beiden
jüngling darin und Waltern, des kauffmans son, Lewfridens geschwornen bruder,
mit Angliana, seiner tochter, im schoch ziehend. Die jüngling beide erschracken
aus der massen gar seer. Das der graff bald waargenummen hatt, sagt derhalben
mit lachendem mund zu den beiden jünglingen: Ihr gesellen, die sach gefalt mir
gar übel an euch. Ich sihe wohl, das ir meiner tochter Angliana zu scharpff sind
mit dem schochspyl. Dann sie euch beiden nit geschickt genug sein kann; zwen
wissend allzeit mehr dann einer allein. Dem aber sei, wie ihm wöll, ich sihe,
mein tochter hatt sich in disem spyl gar verzogen; dann ihr spyl staht auff alle
weg schoch und matt. Liebe tochter, sagt der graff, wölst dich diss spils
verzigen haben und ein newes anfahen. Alsdann will ich dir mit meinem raht zu
steur kommen und in gwinn und verlust mit dir ston.
    Bald hatt Angliana ir spil auffgehaben und von newem angefangen mit Waltern
zu ziehen, der sich dann erst geflissen hatt, damit er dem graffen und seiner
tochter angesigen möcht. Also haben sie nit lang gezogen, Walter mit seiner
geschwinden fürtrechtigkeit hatt den graffen sampt seiner tochter schoch
gebotten. Der graff sich ab den geschwinden zugen nit gnug verwunderen kundt,
das ander spil angefangen, mit zwifachem gelt den gewinn gebessert. Walter aber
ganz unerschrocken gewesen, sein kunst und ernst ye mehr gebraucht, dem graffen
alle spil zumal abgewunnen. Als nun der graff gesehen hatt, das er nichts hatt
an Waltern erlangen mögen, sind sie auffgestanden, urlaub von Angliana
genommen, mit freuden zu dem nachtmal gangen. Leuwfrid unnd Walter aber bei dem
graffen zu tisch gesessen seind, in grossen freuden das nachtmal vollbringen
tetten.
    Das aber andere des graffen gesind nit wenig verschmohen tet, dorfft sich
aber keiner under ihn allen mercken lassen. Dann sie alsamen wohl abnemen
mochten, das in der graff sonderlichen liebt; dann sie gemeinlich auff der
lisabonischen reiss auff der hochzeit wohl gesehen und gehört hatten, als der
künig an den graffen begert hatt, ime Lewfriden an seinem hoff zu lassen, des
ihme aber der graff abgeschlagen. Darumb sie wohl sehen und gedencken kundten,
das dem graffen gross an im gelegen was; schwiegen derhalb zur sachen, so lang
dass Lewfrid von dem Glück ganz schäl angesehen ward, als ihr dann nachmals
vernemmen werden.
 
                                      31.
  Wie Angliana in beiwesen einer nerrin, so sie in irem zimmer hatt, Lewfriden
einen schönen ring gab mit einem seer köstlichen stein, und wie ihr beider liebe
                                 offenbar ward.
Die junckfrauw Angliana hatt inn ihrem zimmer ein gar kurtzweilige fatzmännin
unnd geborne nerrin, mit deren sie ir offtmals vil freud und kurtzweil nam; sie
verbarg auch gar nichts vor ihren, dann sie kein args noch übels gegen ihr
gedacht. Als aber das unsteht gelück nit lenger gedulden noch leiden mocht, das
dise zwei liebhabenden ir liebe in so stiller weiss verborgen trügen, hat es sich
ganz von ihnen gewandt, sie mit allem unfal umbgeben. Dann es begab sich auff
ein zeit, das Angliana irem liebsten jüngling ein seer schönen und köstlichen
ring von ihrer hand schanckt in beiwesen irer nerrin, nit gedacht noch sorget,
das ir heimligkeit unnd liebe an tag kommen und offenbar werden solt. Die nerrin
aber aller ding gar eben warnam.
    Darnach in kurtzen tagen begab sichs, das ein edle junckfraw aus Angliana
zimmer verheiratt ward, ein fröliche und köstliche hochzeit gehalten. Auff
derselbigen Angliana unnd Lewfrid auch waren sampt dem ganzen frawenzimmer, die
brachten auch die nerrin mit in dohin. Als man nun zu tisch sass, Lewfrid sampt
andren dess graven diener zu tisch dienet, seiner liebsten junckfrawen gar
fleissig auff den dienst wartet. Die nerrin auch von einem tisch zum andren ging.
Als sie nun Lewfriden ersehen hat seiner liebsten junckfrawen ein guldin becher
fürsetzen, fahet sie an zu lachen und sagt: Wann ist es die zeit, das ir zwei
ein solichs frölichs wesen machen? Nun hast du doch den ring schon empfangen.
Diser wort namen die junckfrawen gemeingklich war; Angliana und Lewfrid ganz
schamrot wurden; yedoch ward nicht weiters gered. Florina aber dise wort mit
grossen sorgen in ihr hertz trucken ward, manigmal gedacht, wie doch semlicher
argwon den andren junckfrawen aussgeredt werden möcht; allen fleiss und ernst
brauchet, damit sie die anderen junckfrawen vermeint abzureden. Aber alles
umbsonst was; dann sie der nerrin wort ganz wohl verstanden hatten.
    Nachdem aber die hochzeit ein end nam, Florina sich zu Leuwfriden heimlichen
füget: O Leuwfrid, sagt sie, wie hand ir ewer liebe so gar offenbar gemacht!
Dann alle junckfrawen, so inn dem zimmer sind, haben ein gross reden daraus. Ach,
was hat doch mein liebste junckfraw gedocht, dass sie sich nit vor der bösen
närrin besorgt hatt! Nun wirt sie von ihrem sagen nicht abston, man bring sie
dann mit sunderen listen darab. - Liebste junckfraw, sagt Lewfrid, ich bitt euch
von wegen der trewen fründtschaft, so ir zu meiner liebsten Angliana tragen,
gebt mir ein getrewen fründsrhat, damit ich die schnöde närrin abreden mög!
    Florina antwurt: Lewfrid, sagt sie, ir sollend euch sunderheit zu der närrin
fügen, einen brieff zusampt dem ring deren überantworten unnd dabei sagen, das
sie junckfrauwen Anglianen den ring und brieff bringen solt; dann ir habt ir bei
dem goldschmit etwass ann dem ring lassen machen, habend ihr auch inn dem brieff
zugeschriben, wievil der macherlon an gelt tun werd. Durch solchen geschwinden
list mag man die bosshaft närrin von irem argwon bringen; wer auch gut, das der
junckfrauwen der ring inn unser aller beiwesen, so dass ganz frawenzimmer bei
einander were, geantwurt wird. Alssdann wolt ich unser gespylen mit listigen
worten wohl abreden, so dass ihr kheine mer der närrin wort gelauben wirdt.
    Diser rhat und anschlag gefiel dem jüngling aus der massen seer wohl,
versprach auch der junckfrauwen Florina, dem alsbald nachzukommen. Er gedacht
aber nicht, das ihn das Glück in irem anschlag so ganz widersins erscheinen
wirdt, wie ihr dann wohl vernemmen werdt.
 
                                      32.
  Wie Lewfrid den brieff schreib unnd der närrin sampt dem ring bringen tut,
  denselbigen Angliana zu bringen, sie aber diss alles letz verstund und in dem
                           graffen zuvor überantwort.
Lewfrid saumet sich nit lang; er ging in sein gemach, satzte sich nider an sein
schreibtischlin, finge an seiner liebsten junckfrawen uff semliche form zu
schreiben:
    Mein ausserwölte und allerliebste junckfraw, was grossen unmut, sorg und
schrecken mir die unbedacht red bracht hat, welche die bosshaftig nerrin getan 
vor dem ganzen frawenzimmer, ist mir nit müglich zu schreiben noch
ausszusprechen. Dann mir zwifacher schmertzen daraus erwachset, dieweil ich in
sorgen stand, wo semliche red an dem hoff erschalle unnd ausskomme, unser liebe
möcht durch die falschen klaffer zertrent und gehindert werden. Dann sobald mein
gnediger herr diser red innen würd, müsste ich in grossen sorgen und gefar meines
leibs und lebens stohn, wiewol mich diss alles nit so hoch beschweret, als wann
ich gedencken solt, das ihr so hart von ewerem vatter gehalten wurden. Semlichs
aber bei rechter zeit zu fürkommen, hab ich mich mit euwer getreuwesten Florina
berahten, also das ich euch bei der widerwertigen nerrin den ring, so ich von
euch empfangen, wider zuschicken soll und die mit listen davon abreden, als wann
ich euch den ring het lassen anderst arbeiten, den macherlon an euch fordre.
Darumb mögt ihr dem unnützen menschen wohl etlichs gälts geben, das sie mir
dasselbig widerbringe. Den ring behalten bei euch, biss das uns der tag eines das
Glück in stiller weiss zusammenbringet! Hiemit wünsch ich euch unnd mir ein
solliche stund, in deren mir on alle forcht und schrecken umb einander wonen
mügen.
    Lewfrid, sobald er semlichen brieff geschriben und mit seinem bittschaft
verschlossen, ist er eilens gangen und gemelte nerrin gesuchet, die dann ihr
gewonheit nach von einem end zum anderen in der statt umbschwirmet. Als er sie
nach seinem willen in eines kauffmans laden bei seinen (des kauffmans) dienern
possieren fand, hat er sie mit lachendem mund angesprochen, als wann er sie zu
hoff berüffen solt. Dem dann die nerrin ganz gehorsam gefolgt biss für den hoff,
do sich der jüngling meint von niemant gesehen noch gemerckt werden.
    Der graff aber, welcher an dem höchsten ort im schloss uff einem turn stund,
auff welchem er die ganz statt übersehen mocht, ersicht Lewfriden bei der
nerrin unnd ihr den brieff sampt dem ring geben. Wenig gedacht, das der brieff
seiner tochter zustünd; er aber zweifelt auff etwan ein andre hoffjunckfraw,
fieng also heimlich mit im selb an zu reden: Gewisslich understot Lewfrid etwan
ein junckfraw aus meiner tochter zimmer zu erwerben, die durch die einfaltig
nerrin zu bekommen. Sicher ich muss das erfaren; dann solt er eine vom adel oder
villeicht eins grössern nammens mit listen hindergon, das möcht mir und meiner
tochter zu grosser nachred gerahten. Wolan, ich wils zuhand erfaren.
    Also fügt sich der graff eilens, damit er der nerrin den weg zum
frawenzimmer fürkam. Lewfrid vermeint all seine sachen nach dem geschicksten
angefangen haben; do ging es im nach dem unglücklichsten aus. Dann sobald er
von der nerrin gangen, ist sie gleich dem graven zu gesicht kommen. Der graff
hatt sie angesprochen und befragt, was ihrs gescheffts wer. Dem hat sie eilens
antwort geben, sie bring einen ring von dem goltschmit, der gehör seiner tochter
sampt einem brief. So gib mir die ding, sagt der graff, dann ich bin auff dem
weg zu meiner tochter zu gahn. Zuhandt gab sie ihm den brieff. Alsbald erkant er
den ring, sah wohl, das er nicht anders gearbeit was dann vorhin. Er schloss den
brieff bald uff, lase den vom anfang biss am end.
    Als er aber ein wenig gelesen hat, ist er in seinem gemüt erzürnt unnd ganz
grimm über Lewfriden worden, also in sein gemach gangen und mit im
berahtschlagt, wie doch die sach anzugreiffen wer, damit er nicht sein tochter
beschreien oder in andre geferlickeit bringen möcht. Dann er fleissigs
nachdencken hat, wie es dem fürsten von Salerno gangen, der Gwissgardum den
jungling von wegen seiner tochter ermörden liess, dem sie ganz williglichen mit
gifft nachfolget. Darneben bedacht er auch die mannlichen taten und das
ritterlich gemüt, so er zu mermalen an Leifriden erfaren. Noch dannocht ward er
mer durch den zorn dann durch vernunft überwunden, nam im gentzlichen für,
Leifriden heimlichen umbzubringen. Aber sein anschlag fehlet im an disem ort
gentzlichen, wie ihr dann vernemmen werdt.
 
                                      33.
 Wie der graff einem verwegenen schalck anrichtet, der solt Lewfriden heimlich
   uff dem gejegd umbracht haben und demnach fürgeben, es het in ein schwein
                                    erhawen.
Wenig rhu hat der graff weder tag noch nacht; dann er ihm stetigs nachdencken
tet, durch was weg er Leifriden möcht umbringen. Zuletst rhiet im ein böser
engel disen gedancken. Er hat an seinem hoff ein überschwencklichen bösen buben;
derselbig was ein jeger, dem kein mutwillen noch schand zu vil war. Eines tags
berufft in der graff heimlich in sein gemach, legt ihm sein bösen anschlag für
unnd sagt: Mein lieber diener, du solt wissen, das ich dir vor allenn andern
meinen dienern wohl getrew, hab auch alle mein hoffnung zu dir gestelt, bin auch
sonder allen zweifel, du werdest mir in meinem fürnemmen ein getrewer helffer
sein. Du solt wissen, das mich einer meiner diener gar grösslich ann meiner
hochheit hat understanden zu schmehen. Denselbigen wolt ich gern hart darumb
straffen; so ist mirs etlicher ursach halben nicht müglich; dann ich müsst mich
eines schweren fals darob besorgen. Damit aber das mit mererem glimpff vonn mir
möcht angericht werden, wolt ich denselbigen mit dir auff ein jagen schicken. So
du ihn dann von den anderen jegeren und Gesellschaft bracht hast, solt du ihn on
alles verziehen umbringen, demnach fürgeben, es hab ihn ein hawend schwein
umbracht. Wo du mir in einem sollichen val dienest, solt du reichlich von mir
begabt werden. Ich will aber, das du keinem menschen davon sagest, wie geheim
dir der sei. So weiss ich dich mannes gnug sein, ein semlichen umbzubringen, so
das du keins hilffen darumb von nöten bist. Darumb, mein lieber diener, magst du
mir wohl dein willen und Meinung zu verstan geben.
    Der schalckhaftig jeger fing an und sagt: Gnediger herr, so ich mich in
ewerem dienst in noch grösser sorg und fahr begeben müsst, solt mir in keinen weg
beschwerlich sein. An einem man ist mir klein gelegen; dann ich mich, so lang
ich ein jeger gewesen bin, ab keinem bären, schwein noch hirschen nie entsessen
hab; dann so freüdiger die ye gewesen seind, so mit mer begirden ich sie
understanden hab zu erlegen. Darumb so mag mir ewer gnad ein oder mehr
derselbigen ewer gnaden widerwertige anzeigen und die mit nammen nennen, ich soll
die sach nach allem lust zu end bringen, so das sein nymmer kein mensch innen
werden soll. - So gelob mir das, sagt der graff, damit ich dir ganz unnd gar
vertrauwen mög! Zuhand gelobt ihm der schalck.
    Demnach fing der graff an und sagt: Du solt wissen, das Lewfrid, welchen ich
vor allen anderen meinen dienern geliebt und gross an meinem hoff gemacht hab,
der aber übernimpt sich des in semlicher mass, das er auch understet mein tochter
zu einem weib zu haben. Sollichs bin ich durch seltzame weg innen worden.
Denselbigen solt du mir unverzogenlich on alle erbermbd umbringen.
    Der looss vogel, wie böse  und frevel er was, noch dannocht entsatzt er sich,
sobald er den jüngling nennen hort; dann im was unverborgen, wie er zum
offternmal so ganz mannlich gehandelt hat. Gnediger herr, sagt er, ich weiss
keinen under allem hoffgesind, ich wolt in lieber understohn umbzubringen. Dann
ich weiss wohl, wo er meiner ein wenig sorg hett, ich möcht im kampffs nit beston.
Darumb muss ich in durch grossen list überwinden. Zu dem würt er nimmer allein
gesehen, das nit Walter, sein lantzman und geschworner bruder, bei ihm sei,
wiewol ich mich Walters in keinen weg entsetzen tu.
    Der graff mercket an dem schalck, das in des schimpffs gerewen wollt; darumb
stercket er in mit vilen zusagungen und sagt: Du solt dich ab Waltern noch
keinem andern entsetzen; sonder wer sich Lewfrids annimpt, den schlahe gleich
wohl zu todt! Daran tust du mir ein sonders wolgefallen. Also ward Lewfrid und
sein getrewer bruder jemerlichen an die axt gegeben, aber durch iren lewen aus
aller angst und not erlöset, der dann von seinem gesellen in keiner not noch far
nie gewichen was.
    Als nun der graff meint , sein anschlag mit dem verrähter beschlossen haben,
hatt er ihn in stiller weiss abgefertiget. Aber sobald der jeger von im kam,
gedacht er inn ihm selbs: Nun ist es ymmer schad umb ein solchen künen helden,
welcher sich seines mannes nie entsessen hatt, und soll von einem solchen schalck
so ganz ungewarnet ermördt und umbracht werden. Was gedenck ich solich übel zu
volnbringen! Nun möcht ich doch den jüngling wohl an des künigs hoff gen Lissbona
verschicken, im darbei zu verstohn geben, wo er mer an meinem hoff sich finden
liess, das ich in sunder alle gnad wolt hencken lassen. Das aber würt auch gar
keinen fug haben; dann so mein tochter sollicher ding innen würd, möcht sich ein
ergers begeben, dieweil mir unverborgen ist, das ein sollich feur nimmer zu
leschen sein würt. Ist auch zu sorgen, das der jüngling zu grossem Glück
erboren, dieweil es sich so wunderbarlich mit seiner geburt und seinem ganzen
leben zugetragen hat. Ist im nun ein solich Glück verordnet und beschert, würt
ich im nit darvor mögen sein, auch nimmermehr gewenden. Nun aber was würt man
sagen, wann mein tochter eines hirten son vermähelt, umb welche so mancher
ritter und graff geworben hat! Fürwar ich wird in aller welt zu grossem spott
und yedermans teding werden. Was ist aber das meer! Ist doch David auch von
schlechtem stammen geboren gewesen, und hat im dannocht künig Saul sein tochter
zum weib geben! Das aber will die welt jetzunder nit mehr bedencken, jo das mir
all gemeinglich von einem vatter und muter kommen. Sind gleichwol jetzund vil
grosser stend auff erden, so kommend sie doch allein von tugend, deren dann
Lewfrid nit wenig an im hat. Aber dem allen sei wie im wöll, so hatt er allein
in dem den todt verschuldet, dass er mir zu ruck understat mein tochter
abzuwerben, so ich im doch nie arges vertrewt hab. Darumb muss es nach meinnem
ersten fürnemmen hinaussgohn, mir gang gleich drob zu handen was es wöll.
    Also redt der graff lang mit im selb, nam im auch endtlich für, sobald der
verrähter den todtschlag getan  het, wolt er ihn selb auch umbringen.
 
                                      34.
 Wie Lewfrid durch einen kammerbuben heimlich gewarnet ward, sich vor dem jeger
                                   zu hütten.
Der graf als er semlichen anschlag mit dem jeger macht, meint  er sich ganz
einich in seinem gemach sein. Es was aber neben seinem gemach ein ander kammer,
in welcher der graff sein harnasch und geweer hangen hat; in deren was von
ungeschicht ein kammerbub, so dem graven seinen harnasch seüfern und butzen
solt. Derselbig hört alle wort, so der graff mit dem jeger und mit ihm selb
reden tet. Der knab aber hielt sich ganz still; dann er sorget sich vor dem
graven, wo er sein innen wird, er möcht ihn auch umbringen, damit sein anschlag
nit offenbar wirde. Sobald aber der graff aus der kammer gangen was, saumet sich
der knab nit lenger in dem andern gemach, sonder mit grosser eil machet er sich
daraus, name ihm auch gentzlichen für, den jungling Leifriden vor seinen
widersechern zu warnen, wo er das anders durch mittel möcht zu wegen bringen. Er
fügt sich heimlich in den marstall zu des junglings pfert, schreib ein zedelin,
band das dem pfert an seinen kamm, damit, wan der jungling das pfert kemmen und
striglen wolt, das er semlichen zeddel fünde. Der zedel aber lautet also: O
jungling, deine heimliche liebe ist aussgebrochen; darumb stelt dir dein herr
hart nach deinem leben. Des biss gewarnet und beware dich mit fleiss vor dem
mörderischen jeger! Mehr will ich nicht schreiben.
    Diser zedel schreib der bub etlich, stiess auch dem jungling einen in sein
kammerschloss. Und als er nachts in sein kammer gan wolt, die auffzuschliessen,
kondt er den schlüssel vor dem brieff nicht in das schloss bringen, fand also den
anderen zedel, den er nit on grossen schrecken lesen ward; fügt sich auch eilens
zu seinem bruder Waltern, im alle sachen offenbaret. Der auch nit wenig
schrecken empfahen tet. O Lewfrid, sagt er, ich bitt, wöllest dich nit saumen,
sunder uns eilens von hinnen keren lassen. Dann hat im der graff semlichen weg
fürgenummen, wirst du im ganz kümmerlichen entrinnen mögen.
    Fürwar, sagt Lewfrid, mein herr ist mir auff den heutigen tag bekommen, hat
mich ganz zornigklichen wider seinen brauch unnd gewonheit angesprochen und
ganz über mich errötet. Sollichs gibt mir warlich gnugsam anzeigung, das ich
nit umbsonst gewarnet würd. Darzu hatt mich meins herren jeger so freundtlich
nie angesprochen; darbei ich auch abnemmen muss, das er mich understaht umb mein
leben zu bringen. Nun wolan, ich bin gnugsam gewarnet. Darumb, lieber Walter,
wöllest gestracks gerüst sein; dann ich will mich an dem schalck versuchen unnd
ihn morgen fru ansprechen, das er mit mir unnd dir reitten wöll inn den wald
spazieren. Alsdann will ich wohl mit listen aus ihm erfaren, ob er mir auff mein
leben oder nit. Befind ich ihn dann zweifelhaft, so soll er einmal von mir
bestanden werden, damit er keinem mer nach seinem leben so mörderischer weiss
stellen tu.
    Also giengen die zwen jüngling in grossen sorgen zu bet. Die nacht was in
seer lang. Lewfrid klagt oft, das er je an dess graffen hoff kommen und Angliana
seiner dienst unnd lieb je wargenommen hett. Walter aber in grossen sorgen was,
sie wirden nit entrinnen mögen, sie mussten ir leben und leib dahinden lassen. O
Lewfrid, sagt er, ich stand jetzunder dein und mein in grössern sorgen, dann do
mich die schandtlichen mörder im wald an dem baum sampt meinem knecht nacket und
bloss stohn liessen. Damalen hatt ich noch gute hoffnung, zu meinem vatter zu
kommen. Dann gewiss würt der graff noch andere practick angericht haben, damit,
so im eine felet, das er doch ein andere an die hand nem.
    Dieweil sie also in grossen engsten ligen, so hörend sie einen ganz still
an irer kamer anklopffen. Lewfrid stund geschwind auff von seinem bett, fraget
ganz still, wer an seiner kammer geklopffet. Doch nam er zuvor sein gut
schwerdt zu seinen handen. Der jung gab ganz leiss antwort und sagt: O ir
jüngling, nit versperrend mich lang Haus! Dann ich komm euch zu grossem trost und
gelück, bin auch eben der, so euch so ganz trewlich mit meinem schreiben
gewarnet hab. Sobald Lewfrid semliche wort vernam, schloss er zustund auff, liess
den knaben hinein. Der fing an und erzalt in von wort zu wort alles, was er von
dem graffen und seinem jeger gehört hatt. Von diser red wurden sie etwas
getröst, dieweil sie sich vor niemandts dann dem jeger sorgen dörfften. Der jung
verband sich auch, mit ihnen darvonzulauffen; dann er sorget, der graff möcht
seiner warnung innen werden. Also beliben sie die nacht bei einander, machten
manchen anschlag, wie sie des morgens ire sachen angreiffen wollten. Doch baten
sie den buben, an dem hoff zu bleiben biss auff eine andre und füglichere zeit.
 
                                      35.
Wie Lewfrid und Walter mit dem jeger in den wald reiten, der lew Lewfriden stäts
 nachlieff, und wie der jeger mit einem spiess nach Lewfriden schoss, aber seiner
                                   verfehlet.
Als nun die morgenröte vorhanden was, Lewfrid sich sampt seinem gesellen rüstet,
alle kleinot, so sie hatten, desgleichen ir barschaft zusammenpackten auff das
aller geschmeidigest, so sie ymmer möchten. Demnach ging Lewfrid zu dem
verrhäterischen mörder, sprach ihn ganz freundtlich an, er solt ihm zu gefallen
sein unnd mit ihm auff das holtz reiten; er wer newlich mit seinem pracken auff
eines hirschen gespor kommen, hett ihm aber nit gefolgen mügen, ursach das er
von der nacht wer überfallen worden. Der jeger was semlicher red gar wohl
zufriden; dann er meint  gentzlich, jetzund wegs genug haben, sein schandtlichen
mordt zu volbringen. Er sagt aus falschem hertzen, wie er ganz willig wer sie
irer bitt zu geweren, wolt aber semlichs zuvor dem herren ansagen, damit er nit
von im gestrafft wird.
    Diss geredt hat sich der schalck eilens zu dem graffen gemacht. Herr, sagt
er, heüt ist der tag, an dem ir an Lewfriden sollen gerochen werden. Sagt damit
dem graffen alle ding, dess er gar wohl zu mut ward, befalh damit dem Bösewicht,
gut sorgen zu haben. Demnach ist er wider zu den beiden jünglingen kommen.
    Also hatt Lewfrid seinem gesellen Waltern befohlen, ein wenig vor im
hinausszureiten, ihm auch gesagt, in welcher rifier des walds er seinen warten
solt. Lotzman der lew nach seiner gewonheit hat sich schnell auffgemachet, mit
seinem gesellen darvongeloffen. Sobald sie nun in den wald kommen sind, hat sich
der jeger stets verhinderen und Lewfriden nachreiten; das aber hat er nicht
gestatten wöllen. Do semlichs der jeger gemercket, hat er ein wenig hinfür
getrabt, demnach sein pferdt schnell umbgewendt, seinen spiess zuhandt mit aller
stercke nach Lewfriden geschossen. Das aber hatt Lewfrid bald wargenommen,
seinem gaul die sporen geben, aus dem schutz gesprengt, den Bösewicht mit
gezucktem schwerdt überrent und mit lauter stimm angeschreien: Jetzund wird ich
gnugsam innen, das du schandtlicher verrähter meinen todt geschworen hast.
Darumb soll dir dein verdienter lohn zustohn; dann heüt mustu von meiner hand
umbracht werden. Damit schlug er mit ganzen krefften zu im. Der schalck aber
weret sich auch, so best er mocht. Sobald aber Lotzman der lew solchen ernst
ersehen, ist er ganz grimm des mörders ross angefallen und mit gewalt zu boden
gerissen, den mörder behend under sich bracht und erwürget.
    Walter, welcher nit weit von dem end gewesen, hatt semliche wort von
Lewfriden bald gehört, ist also dem geschrei zugerennet, hatt von seinem
gesellen alle sach erfaren, auch den lewen noch ob dem todten mörder funden und
mit grossem grimmen sein fleisch von seinen beinen reissen. Also hat sein
boshafter anschlag ein end genommen. Sind also beide eilens durch den wald
geritten, iren weg auf Lissabona zu genommen, demnach in ir vatterlandt geritten.
Walter erstlichen mit seinem knecht in seines vatters Haus kommen ist; aber
Lewfrid hat in einer herberg eingestelt, ein zeit lang in der statt umbgangen,
von niemans erkandt worden dann von seinem liebsten gesellen und bruder Waltern
und seinem diener, so mit im gewesen.
 
                                      36.
Wie der graff grossen rewen überkam, do er vernemmen tet, das im sein anschlag
   misslungen was, und wie er Angliana und Florina mit rauhen worten anfaret.
Nachdem nun der graff vermeint, der verrähter wer seinem befelch gentzlich
nachkommen, hatt er mit freuden auff ihn gewartet. Als es aber jetzunder nacht
worden ist und der mörder nit kommen, ist er ganz angstaftig worden, in
grossen sorgen gestanden, Lewfrid sei noch in leben, wie es dann auch gewesen
ist. Ach, sagt er zu im selbs, wie würd mir jetzund mein sach so ganz weit
felh! Wie wirts gon, wann Lewfrid den jeger überwunden hat und kompt zu dem
künig, begert sein diener zu werden! Dann so werdend meine bösen anschleg
aussfündig. Ich solt zuvor bedacht haben, das dem jüngling niemant angesigen
wird, dieweil er vormals aus so manicher gefehrligkeit kommen ist. Warumb hab
ich in nit mit meiner handt umbbracht oder hab ihm aber mein tochter zu einem
weib geben! Wer weisst, der jüngling möcht sich so wohl unnd ritterlich gehalten
haben, das ich in ganz lieb und wert gehalten het. Jetzund aber kompt mir zu
spater rewen. Auch hab ich noch nit gentzlich an meiner tochter erkündiget, wie
doch die sachen umb sie mit dem jüngling geschaffen sein. Wolan, ich will nach
meiner tochter und irer helfferin schicken und aller sachen an ihnen erfaren,
sie auch mit worten dermassen straffen, das sie mir nichts verschweigen werden.
    Alsbald ist der graff zu seiner tochter in ir zimmer gangen, mit brinnenden
augen und zornigem angesicht und geberden sie und Florina angeredt, davon dann
beide junckfrauwen on massen sehr erschrocken sind. Dann der graff sagt:
Angliana, gedenck, dass du morgens zu primzeit sampt deiner gespylen Florina in
mein gemach kommest! Dann ich hab ettwas nötiges mit euch zu reden. Wer was
angstafter dann beide junckfrawen! Dann Florina gedacht von stund an
heimlichen: Weh uns allen! Der brieff, welchen Lewfrid geschriben, ist durch die
nerrin dem graffen zu handen kommen. Ach, wie wirt es mir armen junckfrawen
gohn! Ich sorg, Lewfrid wirt mich in seinem schreiben vermeldt haben.
    Als der graff wider hinweggegangen was, fing Angliana bitterlichen an zu
weinen, desgleichen auch Florina. Dardurch die anderen junckfrawen all in
mitliden bewegt wurden, fingen alle an mit in zu trawren und zu weinen, wiewol
keine wusst die ursach irer klag und weinens. Angliana vor inen allen, nachdem
sie sich erholt und die trehen von irem angesicht gewischt hat, anfing mit einer
unverzagten stim: O ir meine liebsten und getrewisten gespilen, ir haben sonder
zweifel wohl abgenummen, das mein herr und vatter in grossem zorn mit mir geredt,
desgleichen auch mit dir, meiner liebsten gespielen. Ir aber sollend des keinen
unmut noch forcht haben; dann ich allein bin die, so ein semlichs verschuldet
hat. Ich muss mich sin auch vor euch allen bekennen, ich hab Lewfriden, den edlen
und teüren jüngling, in ganzen treuwen, zucht und ehren geliebt. So ist er
meiner liebe auch wirdig, so von wegen seiner tugend und mannheit wohl wert, das
in eines künigs tochter haben solt. Wer ist doch an meines vatters hoff, so mer
von meinem vater geprisen und gelobt ist worden dann Lewfrid! Wer hat mer
dapfferer und mannlicher stuck begangen dann diser jüngling! Solichs muss im mein
herr und vatter zügniss geben. Got wolt, das ich nur wissen möcht, ob der
jüngling von meinem vatter umbracht oder verschickt wer! Hat er in umbracht von
wegen meiner lieb, so will ich im in leid und schmertzen ein getrewe
nachfolgerin sein. Dann mir, so lang ich erfaren mag, wie es umb meinen liebsten
jüngling ein gestalt hab, keiner speiss auch nymmermer gebrauchen will, sunder
mein leib so lang kastygen, biss mein seel sich nit mer in dem entalten mag. Hat
in aber mein vatter seines hoffs verweisen, ei so hoff ich noch guter stunden zu
erleben, das ich meinen lieben jüngling mit freuden widersehen werd. Darumb, du
mein liebe Florina, biss getröst! Dir soll nichs nachteiligs von wegen mein
widerfaren. Ich will dich gegen meinem vatter wohl versprechen. Du bist allein
die, so mich trewlich vor solicher liebe gewarnet hat; du hast mich mit höchstem
flehenen darfür gebetten, mir auch alle sorg und gefar zu verston geben, so mir
jetzund zuhanden gon. Das aber alles wolt ich gern mit gedult auffnemen unnd
vertragen, so ich allein wissen möcht, wie es umb Lewfriden stiende. Aber ich
besorg, mein vatter werd sich den zorn haben überwinden lassen und ein sach
bestanden, so in nachmals sehr rewen wirt. Ich arme betriebte muss der stund
erwarten, in deren ich eigentlich erfaren mag, wie es umb Lewfriden stand.
    So bald sie semlichs geredt, hat sie urlaub von iren junckfrawen genommen,
in ir kammer gangen und in aller kleidung mit grossem weinen und klagen uff ir
schlaffbet nidergelegen, mit ir selbs jämerlichen angefangen irn liebsten
jüngling zu beweinen und zu beklagen; dann sie nicht anderst meint , dann er wer
von irm vatter umbkummen: O du mein herzallerliebster Leufrid, hast du von wegen
diner trew und liebe eines unversehenen tods sterben müssen, so muss mich deiner
zucht und schöne immer rewen. Worumb hat mein vatter nit semlichs an mir
gerochen und mich für dich lassen ertödten, dwil ich die gröst ursach bin!
Dernglichen klag treib sie die ganze nacht über, stetigs nach dem tag wünschen
tet, ob sie doch von irem vatter vernemmen möcht, wie es umb den jüngling ein
gestalt het. Nit minder Florina ein ganz schwere nacht hat. Dann so oft sie
entnucket, kamb ir ein schwerer traum über den andern für, biss der morgenstern
jetz an dem himmel den tag mit freüden bringen tet.
 
                                      37.
   Wie Lewfrid von seinem vatter und mutter erkant wirt, desgleichen auch von
            Hermano dem kauffman, was grossen freüden do fürgangen.
Hie wend wir ein wenig gschwigen des graffen und seiner tochter und wend
anzeigen, mit was grossen freüden der gut frumb hirt Erich und sein gemahel
Felicitas umbgeben würden, als sie vernummen hand, das ihr son zu land kommen
frisch und gesund, auch ein sollicher schöner und gerader jüngling worden was.
    Es begab sich, demnach des kauffmans son Walter mit grossem frolocken von
seinen eltern empfangen, auch von ihnen gefragt ward, ob sie Lewfriden nit
erfarn hetten. Des alles bericht Walter von anfang biss zum end, namlich wie er
und sein knecht von etlichen reübern gefangen und geplindert, nackend an einen
baum gebunden worden weren, unversehens von Lewfriden erlösst; sagt in auch, was
sich an des künigs hoff mit Lotzman dem lewen verloffen het unnd wie derselbig
noch bei Lewfriden wer. Er sagt aber nicht, das Lewfrid schon inn der statt an
der herberg were; dann ihm Leuwfrid semlichs verbotten hatt. Auff den künftigen
sunnentag liess ihm Leuwfrid seinen wirt ein köstlich malzeit bereiten unnd
überlegt mit Walteren, das er ihm seinen vatter und mutter darzu berüffen,
desgleichen auch seinen schulmeister, von dem er also sunder urlaub
hinweggescheiden wer. Das geschah also.
    Walter kam des sontags zu morgen zu seinem vatter und sagt: Lieber vatter,
wiss, das ich heüt von einem dess künigs diener botschaft von Lewfriden vernummen
hab! Derselbig dess künigs diener lasst dich früntlich bitten, du wöllest sampt
der muter und meinem schulmeister zu im kommen, das morgenmal mit im essen; dann
er hab gar vil mit euch von Lewfrids wegen zu reden. Hermannus der kauffman
sagt: Des bin ich seer wohl zufriden. Wiewol ich seines tuns ein gnugsammen
bericht von dir empfangen, will ich dannocht gern vernemen, was er seinem
schulmeister zu embieten habe. Demnach hat Hermannus sein ordnung mit seinem
weib gemacht, sind also mit grossen freüden zu dem imbiss gangen; auch ist der
schulmeister von Waltern zu dem mal gebracht worden. Under disen dingen hat
Lewfrid ein botten auff den mayerhoff zu seinem vatter und muter geschicket, ihn
auch sagen lassen, wie er ein Botschaft (check capitalization) von ihrem sun an sie zu werben hab.
    Der gut meier, so in langer zeit von seinem sun nichs vernummen, hat sich
sampt seinem weib eilens auff den weg gemacht und der statt zu geeilet, in die
herberg kommen. Lewfrid, so noch von niemandt erkandt, stund bei Hermanno und
seinem schulmeister, unnd trug man jetzund schon die erst richt auff den tisch.
Und als sie kaum nidergesessen waren, kumpt nieier Erich unnd sein haussfraw
Felicitas in den saal gegangen, dem frembden gast nachfragen wurden. Der wardt
ihn zuhandt gezeigett; er aber gleissnet, als ob er sie gar nicht kennet. Sein
gesell Walter sagt zu ihm: Frünt, hie mügendt ihr eüwers gesellen Leuwfriden
vatter unnd muter sehn. Die kommen gekleidt nach ihrer begangenschaft; dann sie
nicht wie Leuwfrid an fürstenhöfen vil zu schaffen gehabt. - Ich sihe sie fast
gern, sagt Lewfrid, nam sie damit beidesamen, satzte sie zu der taffel, und ward
das mal mit grossen freuden volendet, biss man jetz die letst tracht gab. Unnd
ward gar vil von Lewfriden zu allen teilen geredt; niemandt aber gedacht in so
nahend sein. Ach, sagt Felicitas, liess mich gott den tag erleben, das ich meinen
liebsten son einmal sehen solt, mir möcht kein grössere zeitliche freud zuhanden
gohn. Fing damit bitterlichen an zu seufftzen und die zeher aus ihren augen zu
vergiessen.
    Semlichs bewegt Lewfriden der mass, das er von der tafel musst auffston. Nam
sich eines geschefftes an, ging zu seinem pferdt, bei dem lag Lotzman der lew in
der strewin an einer kettin gebunden. Lewfrid sagt zu im: Kum her, mein lieber
gleitsman und getrewer gefert! Jetzund will ich dir deinen ersten meister
zeigen. Lasst in damit von der kettin und furt in mit im in den sal zu seinen
liebsten gesten und sagt: Nun sihe dich wohl unnd eben umb, mein lieber Lotzman!
Ist auch jemans an diser tafeln, so dir bekant ist? Zuhand ist der lew zu
Erichen, seinem alten herren, gegangen, sich mit gar freundtlichen geberden
gegen im erzeiget. Den hat Erich zustund erkennet, in mit grossen freuden
gesehen und angeredt.
    Hermanus der kauffmann sagt überlaut: Warlich, lieben fründ, mich will
schier geduncken, Lewfrid sei nit ferr von uns. Es betriegen mich dann meine
gedancken, so ist er inn disem sal. Leuwfrid wolt sich nit mehr verbergen,
umbfieng seinen vatter unnd sagt: Gegrüsst seist du, mein allerliebster vatter,
biss wohl zu mut! Dann hie ist Leuwfrid, wellichen du begerst zu sehen. Unnd du,
mein hertzliebste muter, gehab dich wohl! Dann jetzund sihest du Leuwfriden,
deinen son. Do ward seer grosse freud inn dem saal.
    Dann, als er sie allsamen freundtlich gegrüsst hat, sind sie wider zusammen
gesessen. Hatt Lyseta, des kauffmans weib, angefangen und gesagt: Ach mein
Lewfrid, wie hast du an deinem hertzen mügen haben, uns so lang auffzuhalten,
das du dich nit zu erkennen gegeben hast! Nun weistu doch, dass du nit minder von
mir unnd meinem herren geliebt bist als von deinen hiezugegen natürlichen vatter
und muter. Drauff sagt Lewfrid: Dess bin ich sonder zweifel. Das ich aber mich so
langsam zu erkennen geben hab, ist allein darumb geschehen, das ich in sorgen
stund, ir alle trügen noch grossen zorn gegen mir von wegen meines heimlichen
hinscheidens. Dieweil ich aber allen gunst und liebe von euch, meinen eltern,
vernim, auch mein schulmeister mir gentzlich vergeben hat, welcher dann nit
kleine ursach hat über mich zu zürnen, bin ich jetzund mit freuden umbgeben.
Also ward die übrig zeit mit grossen freuden verzert, und belib Lewfrid etlich
tag bei seinem herren.
    Die beleiben also bei einander; so wend wir weiter sagen, wie es dem graffen
und seiner tochter gangen ist.
 
                                      38.
Wie Angliana und Florina für den graffen kommen und was er mit inen geredt hab,
und wie des graven diener den jäger im wald sehr verwundt und zerrissen fanden.
Oben habt ir gehört, wie der graff seiner tochter unnd Florina gebot, des
morgens umb primzeit zu im in sein gemach zu kommen. Als aber jetz die stund
kommen, sind sie beide mit erschrocknem hertzen für dess graffen gemach gangen.
Der hatt jetz schon von seinen dienern, welche er inn den waldt den jeger zu
suchen geschickt hat, vernomen, dass der schalck ganz übel verwundt unnd gar
zerrissen in dem wald todt leg; ob ihm diss aber von einem bären oder schwein
geschehen, möchten sie gar nit wissen. So hatten sie auch sein pferdt funden
ganz erschrocken in dem wald mit zerrissnem zaum ganz irrsam lauffen, seinen
spiess ein guten weg von im auffrecht in einer hecken stecken. Von disen zeichen
der graff wohl abnemen kond, wie die sach müsst geschaffen sein; sagt seinen
dienern, sie sollten hinziehen; er het gnugsame kundschaft zu gedencken, wie es
dem jeger gangen wer.
    Als nun die diener von im gangen waren, ist sein tochter sampt irer lieben
Florina hineingangen, dem graffen ein seligen tag gewünschet, der in beiden
keinen danck gesagt, sonder mit schnartzen worten sein tochter Angliana
angefaren. Tochter, sagt er, warumb hastu mich, deinen vatter, so ganz in wind
geschlagen, mich so schandtlich betrogen und übergeben, umb eines armen hirten
son getrachtet, so dir doch wohl deines gelichen ein namhafter und teurer
ritter het werden mögen! Nun aber hast du mir meinen stammen und nammen
verkleinet. Des kanstu nimmer gegen mir geleügnen; dann ich des einen ring und
brieff hab, welichs dir der verschmehet hirtenson bei deiner nerrin hat
zugesandt. Solichen betrognen anschlag hat dein schöne und liebe gespyl do
zugegen dem hirtenson gerahten. Den lohn aber, so du, Florina, mit verdient,
bist du noch gentzlich von mir warten. Das aber ist mein gutat, so ich dir und
Lewfriden bewisen hab. Doch bin ich guter hoffnung, dem ungetreuwen jüngling
sei schon sein verdienter lohn worden.
    Darauff sagt Angliana: O vatter, mich gegen euch zu verantworten ist nit
müglich. Dann ich muss gestohn, das ich mir den jüngling von wegen seiner tugend
und adelichen sitten, auch ritterlichen gemüts halben erwölt hab; bin aber doch
in alle weg so ganz behutsam gefaren, das mir noch euch nymer schand noch
schaden daraus het erfolgen mögen. So hatt mir auch an dem ganzen hoff mein
lieb und gunst, so ich dem jüngling getragen, niemant können abmercken, allein
mein liebste junckfraw Florina. Sobald aber sie meiner liebe wargenommen, hat
sie mich mit grossem ernst understanden davon abzukeren; aber alles gar nichts
an mir verfahen mügen. Darumb, allerliebster herr und vatter, solt ir in dem
niemant die schuld geben dann mir allein. Bitt auch umb aller liebe und trew
willen, so ir mir ye getragen, eh dann ir von solicher liebe gewisst haben, wo ir
dem jüngling pein oder marter angericht oder vileicht gar umbracht haben,
wöllend mir nit mer barmhertzigkeit beweisen dann im und mich in gleicher straff
halten. Dann so ich nit erfaren mag, wo der jüngling hinkommen ist, würt mich
kein mensch nymermer davon bringen, im in steter versprochnen trew unnd
freundschaft nachzufolgen. Dann mich kein natürlich speiss noch tranck mymermer
erquicken noch auffentalten soll, ich erfar dann, wohin doch mein allerliebster
jüngling hinkommen sei. Verflucht sei der tag, an dem die schandtlich nerrin in
mein zimmer kommen! Dann sie ist ein ursach an dem, das Lewfrid so erbermbklich
hat sein leben verlieren müssen. Ich weiss, das der edel jüngling noch durch sein
mannliche hand ritters orden wird überkommen und erlangt haben. Wer wolt mir
darnach unrecht geben haben, so ich ihn für meinen liebsten ehgemahel an euch
begert het! Dann unser vergleichung, zusagen und versprechen hat sich nie
anderst begeben, dann das sich Lewfrid in allen mannlichen und dapffern sachen
hat understanden zu üben, damit er alle zeit von euch, allerliebster herr und
vatter, het mügen geprisen werden. Das dann warlich zu vil malen von euch
geschehen ist, und ich auch selb oft von euch gehört hab, dardurch dann mein
liebe gegen im nit wenig zugenommen.
    Diss alles redt Angliana vor irem vatter mit kleglichem seüfftzen und weinen.
dabei er wohl abnam, das sie nymmer fröliche tag haben noch gewinnen wird, es
were dann sach das sie den jüngling erfaren möcht. Jedoch understund er etwas
mit ir zu versuchen und sagt also: Tochter, züh hin mit deiner junckfrawen und
wiss, das Lewfrid nit umbkommen, sonder noch im leben ist! Wo er aber hinkommen,
dem frag ich nit fast nach. Er aber hut sich bei meiner höchsten ungenad,
nymermehr an meinen hoff zu kommen. Sonst müst er von meiner hand den todt
leiden.
    Also schied Angliana mit grossem jamer unnd windenden henden aus ihres
vatters gemach, ging in ir schlaffkammer, warff von ir all ire köstlichen
kleinot, ketten und ring, legt an schwartze trawrkleider. Sie liess auch kein
andere junckfraw mehr zu ihr dann allein Florina und Cordula. Von denen zweien
ward sie besuchet, welche junckfrawen sie oft understunden von irem fürnemen
abzuwenden, ir auch gar vil und mancherlei guter speiss und tranck zutrugen,
deren aber sie gar nit versuchen noch geleben wolt. Allein sucht sie ir zeit zu
vertreiben mit traurigen gedichten, deren sie etlich von ir selb und irem
Lewfriden dichtet, wiewol sie noch nit mocht wissen, wo er hinkommen was.
Jetzund tichtet sie, als wann er von irem vatter uff das möhr auff ein schiff
verkaufft were; darnach macht sie ein geticht, als wann er inn ein kercker
verschlossen were und sie teglich vor der türen des kerckers sess und im gern
seiner gefencknüss ein gesellin geben wolt. Diss was ir arbeit und kurtzweil,
damit sie ir zeit verzeren tet.
 
                                      39.
     Wie Cordula und Florina von dem graffen befragt, was sein tochter also
verschlossen in der kamer sess, und wie er nach Lewfriden schicken liess, er aber
                           in keinen weg kommen wolt.
Als nun Lewfrid zu hoff nit mer gesehen worden, desgleichen Angliana nit mer
nach ir gewonheit in ir frawenzimmer kam, auch sonst von niemant anderst gesehen
worden, hat erst alles hoffgesind auff der nerrin wort ein gedencken gewonnen;
ist derhalben nit wenig klag umb Lewfriden gewesen; dann er sich gegen allem
hoffgesind so früntlich und tugentsam gehalten, das sie ihm allsamen grossen
gunst getragen haben. Als aber der graff mit fleiss warnam, wess sich Angliana
halten wolt, ist er am anderen tag zu Angliana zimmer gangen und ihre
junckfrawen alle fragen lassen, was Angliana in ihrem gemach aussricht, das sie
nicht mehr aus dem zimmer gang. Alsbald hand sie geantwurt, es sei in davon gar
nicht zu wissen; dann Angliana last sunst niemant zu ihr in ir innerist gemach
dann allein Cordula und Florina.
    Bald hat der graff befolhen die beiden junckfrawen für in zu kummen in
seinen garten. Das alsobald verschafft worden ist. Florina aber noch voller
forcht ist mit erschrockenem hertzen für dem graven auff ire knei nidergefallen,
desgleichen auch die ander junckfraw. Er aber hiess sie bald auffston; dann er
het in keinem argen nach ihn geschickt, allein das er von in erfaren wolt, wie
sich sein tochter halten tet. Cordula, welche mehr hertz hat zu reden, fiele
zuhand nider auff ire knei, desgleichen auch Florina. Cordula die junckfraw
sagt: Allergnedigster herr mein, wo mich eüwer genad verhören und kein zorn auff
mich wollten legen, ich sagt euch die ganze warheit. - Sag an, sagt der graff,
dann ich bin bereit zu hören sunder allen zorn. Cordula sagt: Gnediger herr, so
solt ihr wissen, dass anligen, so mein gnedige und allerliebste junckfraw an irem
hertzen hat, ist nun zumal dem ganzen zimmer offenbar. Dann sie das ohn alles
scheühen von ihr selb bekant und geoffnet hat, und es sei dann sach das sie
entlich erfarn mag, wo Lewfrid hinkummen, wirt sie weder essen noch trincken.
Jetzund fürt sie ein ernstliche zeit mit weinen und klagen; nicht anders redt
sie, nichs anders gedenckt sie dann allein an iren jüngling, welcher ihr hertz
ganz gefangen und besessen hat. Darumb, gnediger herr, so das leben ewer
tochter lieb ist und begeren das zu erhalten, musst ir unser junckfrawen iren
liebsten jüngling anzeigen. Dann aller trost, warnung, straff und leer mag nicht
mer an ir verfahen. Ich und mein gespyl Florina haben so vil mit ihr versucht,
aber alles umbsonst ist.
    Dieweil Cordula also mit dem graffen redt, weinet sie ganz züchtigklichen
darzu, weliches dann den graffen dester mehr behertziget. Nit weniger zeher
vergoss auch die getrew Florina, ihre beiden hend in einander geschlagen hinder
ihrer gespylen knewend. Diss alles der graff warnam, sagt zu den junckfrawen: So
gond hin und sagend meiner tochter, der jüngling sei noch in leben und sampt
seinem gesellen und dem lewen heimlich von meinem hoff entritten, mir auch
meinen liebsten jeger erschlagen. Dess soll sie ganz gewiss sein; darumb mag sie
wohl ir klagen und trauren lassen faren.
    Also sind die beiden junckfrawen mit züchtigem urlob von dem graffen
gescheiden, habend eilens ir junckfrawen solche botschaft von irem vatter
bracht. Und wiewol sie etwas trost davon hat empfangen, hatt es dannocht in ir
geschwancket, hatt sich aber ein wenig stillen lassen; dann beide junckfrawen
haben allen iren fleiss darzu angewendt.
    Als aber nun die junckfrawen von dem graffen kommen sind, ist er in einen
sessel gesessen, dem handel gar tieff nachgesunnen: Will mich dann Glück also
haben, wolan so tröst ich mich dannocht, das mein tochter ir einen solchen
jüngling erwölt hat, der mit tugend und mannheit hoch von gott begabt ist. Ach
wer mir doch nur die sach vor langem zu wissen gewesen, ich wolt wohl bei dem
künig zuwegen bracht haben, das er in zu ritter geschlagen, mit wappen, schilt
und helm begabt het. Alsdann wer mirs nit so gross zu verwiss kommen als in einem
solchen fal. Wisst ich den jüngling zu finden, ich wolt im eilens einen botten
schicken und wider an meinen hoff berüffen lassen.
    Semlichs gedacht stund der graff auff, besandt eilens einen botten, sagt
ihm, das er sich eilens rüsten solt, dann er musst uff der post gon Lyssbona
reiten. Demnach schrib der graff dem jüngling einen brieff und sicher geleit,
gabe das dem botten, befalhe im eilens gohn Lissbona zu postieren, nach Lewfriden
dem jüngling zu fragen an des künigs hoff; dann der graff meint  in gewisslich
bei dem künig zu finden, dieweil er seinen vormals begert hatt. Der bott ward
auch von dem graffen underricht, wie er im mit worten anligen, wo anderst sein
schreiben nit verfahen wolt, das er eilens mit im auff wolt sein; dann er solt
ein ganz gnedigen herren an im haben. Der bott reit hin mit grossen freuden;
dann im von dess jünglings abscheid gar leid geschehen was. Disen botten wöllend
wir lassen reiten und sagen, wie sich Lewfrid der zeit gehalten hat.
 
                                      40.
   Wie Lewfrid zu Salamanca in der statt in grossem trawren was, teglich ein
     zeitlang im feld spazieren ging, sein liebste junckfraw klagen tet.
Lewfrid was jetzund bei zehen tagen zu Salamanca, und wann er umb die leut war,
stalt und erzeiget er sich ganz frölich. Sobald er aber des nachts an sein bet
kam, was er sein liebste junckfraw hertzlichen klagen. Er nam ihm auch teglichen
ein stund oder etlich für, in deren er in das fäld spazieren ging on alle
gesellschaft, satzt sich dann etwan an ein verborgene statt, do er von niemant
mocht gehört werden, fieng alda an sein unglück zu beklagen: O Glück, wie bistu
mir so ganz zuwider! Was ziehestu mich armen jüngling! Du hast mich jetzund gar
oft und dick felschlichen angelachet, mich mit deinem sussen und glantzenden
schein angesehen, und so ich mein dir jetz am angenemsten sein, so überschütest
du mich mit aller bitterkeit. Niemant solt sein getrawen und hoffnung zu dir
unstetigen Glück setzen. Du bist ganz wanckelmütig, unbleiblich, undanckbar;
dann so man dich meint  am allernechsten zu sein, so bistu eim am
allerferristen. Hastu mich armseligen jüngling nit aus niderem staht gleich in
meiner kindteit zu einem guten anfang gebracht, do mein, nachdem ich eines
ärmisten hirten son was, ganz herrlich gepflegen ward, als namlich in meines
herren Haus, darinnen mein nit minder dann seines sons gepflegen ward, mit
essen, trinken und gewand meines herren son gleich gehalten! Hettest du mich
also in solchem anfang beliben lassen und nit mit falschem schein angelachet!
Dann du woltest mich aus einem jungen kind zu einem könig haben. Das aber nit
lang geweret hat; dann ich bald aus meinem reich entlauffen musst, ward also aus
einem künig in kurtzer zeit zu einem kuchenbuben. Noch liessest du mich auch nit
lang in solchem stand; ich musst in dem frawenzimmer ein diener werden. Aldo tet
Cupido auch das sein darzu, verwundt unnd schoss seinen scharpffen strol auff
mich dermassen, das ich inn brinnender liebe hart entzündet ward gegen meiner
liebsten junckfrawen, bei deren du mich dermassen angesehen, so das ich und sie
in hoffnung waren, unser liebe solt unzertrent und unablösslich bleiben. Was
hastu aber mir yetzund durch deine falschen tück angericht! Ja anders nichts,
dann das ich mich von meiner allerliebsten junckfrawen sunder alles urlub hab
scheiden müssen, mag auch gar nicht wissen, wie es ihr gang. Doch bin ich in
gewissesten zweifel, das mein hertzliebste junckfraw von meinetwegen schmehlich
und hart gehalten wirt, von allem hoffgesind wirt auff sie mit fingern gezeigt.
Ach das ich nit an dem hoff beliben bin und meines endes unnd todts von ihrem
vatter gewartet! Was soll ich zu leben ohne mein liebste Angliana! Was wirt sie
doch jetz für vertrauwen zu mir haben, dieweil ich flüchtiger sie im ellend
verlassen hab!
    Diser und derengleichen klagen fürt Lewfrid ohn zal vil, und als ihn jetzund
zeit daucht, nam er sein weg wider der statt zu. Es stund aber ein schone linden
vor der statt auff einen büchsenschutz, under dern stund Lewfrid ein wenig sich
umbsehnd; so sicht er von verrem einen botten eilens daher postieren, und als er
neher zu ihm kamm, erkant er ihn; dann es was seines herren, dess graven, bott.
Lewfrid erschrack zum teil, stund aber dannocht still, damit er von im
vernemmen möcht, wie es seiner liebsten junckfrawen ging.
 
                                      41.
  Wie der bott zu Leuwfriden under der grossen lynden kam, ihm mit freüden den
                 brieff antwurt, so ihm der graff gesant hatt.
Der bott was nit gar zu Lewfriden kommen, do erkant er in. Er sprang eilens von
seinem pfert, zoh seinen brif aus seiner teschen und sagt: Gegrüsset seist du,
mein allerliebster jüngling! Dein anblick bringt mir hertzliche freüd, so bring
ich dir auch gute botschaft von unserm herrn. Got wolt, wir jetzund by im
weren; dann er gross verlangen nach dir hat. Damit antwurt er im den brief von
dem graven. Leifrid, wiewol er den botten nie anderst dann einen redlichen
knecht erkant hat, noch dannocht sorgt er sich, der graff het ihn auch mit
schencken bestochen gleich dem jeger. Darumb empfieng er den brieff von ihm,
empfieng ihn früntlich unnd sagt: Lieber bott, ich bitt, wöllest in die statt
mit deinem pferdt ziehen, in die nechst herberg an der porten stellen. Da will
ich, sobald ich disen brieff gelesen hab, zu dir kommen und gute Gesellschaft
halten. Dess was der bott zufriden, zog also in die statt, versah sein ross mit
gutem futer, hiess demnach den wirt das mal bereiten.
    Dieweil ging Lewfried vor der statt, lase seinen brieff, darin sein herr
der graff ermanet wieder heimzukeren, frid und geleit gnugsamlich verschreiben
hatt. Lewfrid aber sorget allezeit ein betrug darin verborgen sein; er ging in
seines herrn, des kauffmans, Haus, wapnet sich in ein gutes pantzerhemmet, ob
ihn vilicht der bott mit heimlichen listen ungewarnet aus seines herrn geheiss
umbringen wolt, das er sich sein möcht entsetzen. Er nam auch mit ihm Walteren
und seinen diener; dann die bede wussten umb alle verloffnen sachen; sunst aber
sagt er niemans nichts darvon.
    Alsbald er nun in die herberg kam, bat er den wirt, er wolt ihn gut geschirr
machen und ihn sampt seiner Gesellschaft in ein sunder gemach setzen; solche müh
wolt er wohl bezalen und vergelten. Diss alles ward nach seinem willen und begern
volstrecket. Sobald sie über tisch kommen sein, hatt Leuwfrid nit lenger
verziehen künden, von stund an den botten gefragt, wie es doch umb sein
allerliebste junckfraw stündt; dann er in dem brieff wohl verstanden, das sein
liebe allem hoffgesind zu wissen was.
    Der bott sagt: Jüngling, ich bin guter hoffnung, ihr sachen werden nunzumal
bass stan. Dann eh ich von hoff verritten bin, ich von Cordula, ihrer junckfrawen
eine, vernummen hab, sobald und sie gewar worden sei, das du hinweg und in
ungnaden gegen ihrem vatter standest, hab sie sich aller zier und kleidung, auch
alles, so zu lust und freuden dienen möcht, nit mer gebrauchen wöllen, ire
trawrkleider herfürgesucht, keiner speiss noch tranck mehr genossen, so lang biss
ir vatter gemelte ir junckfraw zu ir geschickt sampt Florina, die dann dir seer
wohl bekant ist. Die beide haben der junckfrawen gwisse botschaft von irem
vatter bracht, das du nit umbkommen noch gefangen seist, sonder on urlaub von
hoff hin und weg geritten sampt deinem bruder Waltern und dem lewen, ir auch
darbei versprochen in kurtzem zu erfaren, wo du hinkommen seist. Hatt mich auch
mein herr in derselben zeit mit disem brieff abgefertiget, welchen ich dir
überantwort hab, sodann mir auch mündtlichen befelch geben, auff das
freundtlichst mit dir zu reden, damit du mit mir widerkerest; dann er fürwar in
grossen sorgen seiner tochter gestanden. Nun merck mich! Sobald mir der brieff
und befelch geben, hab ich mich ganz stiller weiss zu Cordula der junckfrawen
verfuget, ir mein reiss und befelch angesagt, domit Angliana desto mer trostes
von ir empfahen mög. Ich wer auch fast gern selb bei ir gewesen, hab aber mit
keiner geschicklichkeit solchs können zuwegen bringen. Diser wort, liebster
Lewfrid, soltu mir alle gelauben und mein trew des zu einem sichern pfand haben,
das im also sei.
    Lewfrid, wie oben gesagt, erkant disen botten als ein frummen, warhaftigen
unnd getrewen gesellen, gab ihm derhalben guten gelauben unnd sagt: Mein
getrewer bott, sag mir doch, wer hatt dir angezeigt, das ich hie zu Salamanca
bin? - Das hab ich, sagt er, zu Lisabonna an dess künigs hoff erfaren. Dann mein
herr meint nit anderst, dann ich würd dich an des künigs hoff gewiss finden.
    Lieber bott, sagt Lewfrid, was gibstu mir aber für ein raht? Mein herr hat
zuvor mir streng nach meinem leben getrachtet, einen falschen mörder darzu
bestelt, so mich mit einem spiess solt durchschossen haben. Nu muss ich sorgen,
dieweil mich das Glück vor solchem unfal bewart, mir möcht ein ander bad
übergehangen sein, mein herr möcht mich durch gute wort wider underston zu ihm
zu bringen und alsdann sein zorn an mir rechen.
    Antwurt der bott: Das wirt meinem herren seer nachteilig sein, dieweil du
sein geleit mit seinem ingesigel vonn ihm hast. Das magstu sampt deinem fründt
Waltern zu Lissabona an des künigs hoff lassen. So dann mein herr über soliches
gewalt mit dir brauchen solt, wird ihm gar schwerlich gegen dem künig zu
verantwurten sein. - Wolann, sagt Leuwfrid, so beschlaffen wir uns hinnacht auff
die sachen. Jedoch solt du morgen frü bereit sein; dann ich will mich auch gerüst
machen. Wil dann mein lieber bruder mit mir reisen, ist mir fast lieb.
    Darauff sagt Walter: Mein lieber bruder, wie möcht ich dich doch von mir
lassen, so das ich nit wissen möcht, wie dirs ging! Ich will solche fahr mit dir
auffnemmen und wagen. Du aber solt meinem vatter nicht darvon sagen, sunst wird
er unser keinem gestatten zu reiten; dann im von diser sachen gar nichts zu
wissen ist.
    Als sie nun nach notdurfft gessen und getruncken hand, sind sie zu bet
nidergangen, des künftigen tags mit verlangen erwartet.
 
                                      42.
Wie Lewfrid sampt seiner Gesellschaft den nechsten auff Lysabona reiten, was er
                     und Walter für einen anschlag machten.
Der new tag jetzund durch frölichen gesang der vögel verkündt wardt. Lewfrid und
sein liebster bruder Walter am abent ir ordnung haben gemacht, urlaub von
vatter und muter genommen und inen Lotzman den lewen trewlich befolhen. Und
sobald dess morgens der tagstern am himmel gestanden, seind sie auff zu ross
gesessen, mit begirigem hertzen den weg auff Lissbona für sich genummen. Leuwfrid
sich auff solicher reiss mancherlei bedocht, wess er sich halten wolt. Zulest
fand er einen raht bei Waltern, das er zu Lissbona bliben solt, dem graffen und
seiner tochter schreiben, wie er noch frisch und gesundt were; sein will und
Meinung aber wer nit eh gen hoff zu kummen, er hette dann zuvor ein ritterliche
tat begangen, rittersorden erlangt; alsdann wolt er mit freüden widerkeren,
verhoffen ein genedigen herren zu finden. Diser rhatschlag gefiel Lewfriden
hertzlichen wohl, so anderst Walter die brieff selb antwurten wolt; dann er noch
in sorgen stund, im möcht ein verdeckt essen fürgetragen werden; alsdann wer
weder im noch seiner liebsten junckfrawen geholffen. Diss alles versprach im
Walter mit allem fleiss und ernst auszurichten; dann er wohl gedacht, der graff
wird kein hand an in legen noch einnichen gewaldt mit ihm brauchen.
    Lewfrid aber machet seine rechnung weit anderst; dann er nam im für, durch
seltzam practick personlich mit dem graven und seiner tochter zu reden oder
grosse gefar darob zu beston. Er aber behielt im semlichen anschlag gar
heimlich, so das er auch seinem vertrewten bruder nichs davon sagt. Dann als sie
gen Lissbona kummen seind, hat Lewfrid seiner liebsten Angliana einen brieff auff
nachvolgende Meinung geschrieben:
    Mein gruss, heil und alle wolfart seind euch zuvor! Mein hertzallerliebste
junckfraw, was grossen betriebniss mir mein hinscheiden von euch, meiner
liebsten, brocht hat, ist mir gar keines wegs müglich zu beschriben. Aber noch
vil mer beschwert mich eüwer hartseliges leben, in welchem ich euch ganz
ellendiglich hab verlassen müssen. Dann so oft ich bedocht, mit wie mancherlei
unfal ir überschüt seind gewesen, hat mir mein hertz in meinem leib geweint;
dann ich bin ungezweifelt euch ein hertzliche beschwerniss gewesen. Ist das der,
zu dem ir alles vertrewen gesetzt haben, so flüchtig von euch sunder alles urlub
gescheiden ist, so ich euch doch zum offtern mol versprochen hab, biss in den
todt nit von euch zu weichen, allen unfal williglichen mit euch zu leiden.
Demnach hab ich auch mit schweren gedancken zu hertzen genummen, was ir, mein
allerliebste junckfraw, zorniger, harter und streflicher wort, derer ir doch
vormolen an eüwern gütigen vater nit gewondt, hand hören müssen. Ach, wie
beschwerlich seind die eüwerem bekumberten hertzen gewesen, ich gschweig der
grossen scham, so ir getragen, so ir bedocht, wie alles hoffgesind jetzund von
euch sagen und sprechen: Secht zu, wie hat sich unser gnedige junckfraw so wohl
verheirat! Jetzund ist sie mit einem verloffnen und hinflüchtigen jüngling, von
schlechten eitern erboren, behaft. Wo wirt mer einer ein hohen stands kummen
iren begerend, dieweil sie vormals vil dapferer werber hat aussgeschlagen! Das
und derglichen geschrei habt ir, allerliebste, gwiss zu hertzen genummen, ob es
gleichwol nit also ergangen ist. Dann so mir der bott, so von eüwerem herren und
vatter zu mir gesant, die rechten worheit bekant, hat worlich alles hofgesind
ein hertzlichen bedauern mit uns beiden gehabt, allein der verreterisch
Bösewicht, so mich understund in dem wald mit seinem spies zu erschiessen, dem
dann auch sein verdienter lon darüber worden ist. Nu wer mir semlichs alles
begegnet, wo ich nit von dem frummen ewers herr vatters schiltbuben gewarnet,
der dann in der harnaschkammer verborgen allen anschlag, so über mich gemacht,
von anfang gehört, mich bei nechtlicher weil vor dem schalckhaftigen mörder
gewarnet. Do möcht mir der zeit nit mer werden, zu euch, meiner liebsten
junckfrawen, zu kummen. Ich muss mich aber gegen euch entschuldigen. Was wird ich
und mir für unrot gestifft haben, so ich auff solche trüwe vermanung nit
gewichen, do eüwer herr vatter noch inn feürigen zorn gegen mir brennen tet!
Wer mir gewiss nit anderst gangen, dann das ich den tod het leiden müssen. Was
wer euch dann, liebste junckfraw, geholffen gewessen, dann das ir eüwer übrige
zeit in senen und klagen hetten verzeret, so anderst ewer liebe gegen mir ist,
als ich euch dann gwisslich vertrew! Darumb, liebste junckfraw, solt ihr mich
noch nit anderst meinen gegen euch gesinnet sein dann alwegen. Sind auch des
gewiss, das ich auff künftigen sonnentag personlich bei euch sein will, ewer
lieblich angesicht anschawen und weiters euch meinen willen zu verston geben. Ir
wert mich aber in verkerter gestalt sehen; dann ich lass mir von grawem hotzen
eines waldtbruders kutten anmachen, ein schön buchlein einbinden einem so
betbuch gleich. In dem werdt ir nach aller leng mein endtliche Meinung
vernemmen; dann euch zu lassen ist mir nit müglich. Got pfleg ewer, mein
allerliebste junckfraw!
    Disen brieff nam Lewfrid, versiglet den mit seinem bitschaftring. Demnach
schrib er dem graffen auch einen brieff, in welchem er in zum höchsten umb
verzeihung bat, demnach zu dem höchsten umb sein geleit danck saget, und dass er
gentzlichen willens wer nit mehr für in zu kommen, er het dann zuvor den orden
der ritterschaft erlanget. Dise zwen brieff gab er Waltern, sagt im aber nichts
von seinem fürnemen, bat in auff das getrewlichest, im sein sachen fleissig
auszurichten, dess dann Walter willig was. Also ritt Walter und sein diener mitt
dess graffen botten den nechsten weg des graffen schloss zu.
 
                                      43.
Wie im Lewfrid einen beghartsrock machen liess und ein künstlichen langen weissen
 bart, demnach den nechsten in den forst, so des graffen was, reit, sein pferdt
                        bei einem waldtbruder ston liess.
Nit lang darnach, als Walter sampt dem botten hinweg was, saumet sich Lewfrid
nit lang, ging zu einem gewandschneider, verdinget ein beghartsrock und kappen
zu machen von einem wüsten groben grawen hotzentuch. Demnach schawet er im umb
einen langen künstlichen venedigischen bart; und als er nun sein bereitschaft
bei einander hat, ist er tag und nacht geritten; dann im der weg wohl bekant was.
Nymmer kam er von seinem pferdt, es were dann sach, das er essen und sein pferdt
füteren wolt; kam also in kurtzer zeit in den grossen forst oder wald, so
zunechst bei seines herren schloss lag. In demselbigen wald wonet ein seliger
klaussner oder waldtbruder oder beghart, wie man den nennen will.
    Derselbig was vor zeiten des graven vatter liebster diener gewesen, ein
freudiger und seer küner held, der in stürmen und schlachten vil umbracht hat.
Denselben ward auff ein zeit sein conscientz dermassen nagen und anklagen, das
er endtlich meint , wo er sich nit von der welt absünderen tet, möcht er nymmer
selig werden. Kam auff einen tag zu seinem herren, sagt unnd klagt ihm mit
weinenden augen sein anligen, wie er ganz beschwerdt wer inn seiner conscientz,
dieweil er bedecht, das er so manigen man beleidet, vil erschlagen, witwen und
weisen gemacht, wisst er seine sünd inn unnd bei der welt nit abzulegen; darumb
wer sein fürnemen endtlich dohin gericht, von der welt zu gon, in der wildtnüss
sich zu erhalten biss an sein end.
    Als nun der graff seinen willen verstund, gefiel es im wohl, und sagt zu ihm:
Mein lieber diener, dieweil du des vorhabens bist, will ich dir fast gern darzu
helffen. Dir ist wohl wissen, dass ich zwo schöner und reicher apteien in meiner
graffschaft hab, deren beide ept mir ganz angenem sind, ligen auch beide in
rauhen und finstern welden. In welche du nun lust hast, magstu mir zu verston
geben, will ich dir mit allem willen beholffen sein, damit du zu einem
leienbruder angenommen würst.
    Der ritter antwort: Gnediger herr, ich bedanck mich zum höchsten ewers
gnedigen erbietens. Aber got bewar mich darvor, dass ich in ein kloster gang;
dann so ich meint  die, welt zu fliehen, wird ich erst in die mitte
hineinkommen. Was ist doch das klosterleben anderst yetzund zu unser zeit, dann
das sie in allem überfluss und wollust leben, wie uns dann der hochgelert Bruno
von Bamberg in seinem buch, das er nent den Renner, darumb das er alle stend der
welt durchrennet, grüntlich zu verston gibt, in welchem buch ich von meinem und
aller reiter und hoffleut stand wohl gelesen, so das mich reüterordens noch
hofflebens nit mer glust. So ich mir aber under zweien eins erwölen solt, wolt
ich das hoffleben für das münchisch leben ahnemen, weiss auch, das ich die
seligkeit alsbald und eh zu hoff dann in einem kloster überkommen wolt. Sovil
unnd ich umb klosterleut gewont, hab ich nichts mehr bei in funden dann
ehrgeitz. Ein yeder wolt gern am brett sein; ist einer procurator oder suprior,
gedenckt er von stund an nach dem priorat oder gar apt zu werden. Neid und hass
wonet mit hauffen bei in. In summa, was ich in der welt fliehen, wird ich im
kloster mit hauffen finden. So mir aber ewer gnad zu meinem fürnemen helffen
will, vergunn mir die, in dem grossen forst ein ort zu erwölen und ein hüttlin
darin zu bawen, wie ich mir dann das mit riss und laub wohl zu machen weiss.
    Wolan, sagt der graff, so erwöl dir in dem forst ein gelegen ort! Do will
ich verschaffen, das dir ein bruderheusslin und kappellen zu deiner notdurfft und
gotsdienst soll gebawen werden. Du solt auch teglich von meinem hoff dein
zimliche narung haben. In summa, diss ward also vollendet.
    Zu disem bruder kam Lewfrid des nachtes geritten bei hellem und vollem mon;
und es was nit weit von mitternacht, als er für die zellen kam. Er klopffet
züchtigklichen an. Der bruder aber mocht in nit gehören; dann er was noch an
seinem gebett in der capellen. Die stund ein wentzig bass in wald hinein; so
stund die zell an einem felsen, daraus sprang ein lustiger brunn. Lewfrid
gedacht: Ich mag den guten bruder nit weiter bemühen; ich will weiter in wald
hineinreiten zu der kolhütten. Villeicht sind die koler in ihr dorff gangen, so
find ich dannocht stallung für mein pferdt und hew, damit es die nacht nit gar
über auff leren bauch stohn dörffe. Also trabt er gemachsam durch den wald.
    Als er aber nit lang geritten was, sicht er ein hellen glast durch die beum
herscheinen, davon er sich nit wenig verwundern ward. Nun bin ich, sagt er, noch
nit bei der kolhütten, was feur oder liecht mir doch hie entgegenschein; so hat
mich auch niemans können verrhaten; dann kein mensch weisst von meinem anschlag.
Sind es aber meines herren diener, so vileicht die nacht auff dem gejäd
verharren, damit sie des morgens desto früer anbinden, wes soll ich mich do
halten? Es möchten villeicht etlich under in sein, so auch ir wartgelt auff mich
hetten, damit sie mich erschlagen sollten. Nun getrew ichs keinem under in allen.
Wolan, es sei im wie es wöll, so muss es doch gewagt sein.
                                      44.
 Wie des jegers geist zu Lewfriden kompt und sich seer übel gehub, im alle sach
 grüntlich zu verston gibt, was für ein anschlag vorhanden gewesen, so über in
                                    gemacht.
Lewfrid nam seinen weg volles für sich, liess seinem gaul vollen gewalt, wo er in
hintragen wolt. Als er nun dem schein und glast neher kam, fing sein ross fast an
zu schnuffen, schnarhen und zittern; es lag im auch der schweiss auff allem
seinem leib. So fing dem jüngling auch an der grausen zu tun; dann die har
stigen im zu berg. Er machet das kreuzt über sich, sagt zu im selb: Nun hab ich
manche far bestanden zu wasser und land, bin aber dermassen nie geengstiget
worden. Es sei was es immer wölle, will ich dannocht in dem namen gots fürfaren.
In dem fing sein pferdt an gar zuruck zaufen, stampffet und stalpret fast mit
seinen füssen. Lewfrid fasset eines mannes mut, sprach seinen gaul dapffer zu,
gab im die sporen, sprenget mit gewalt dem glast und schein zu. Do erhört er gar
ein jemerlichs geschrei und klagende stimm, dabei er abnam, das es ein gespenst
was.
    In dem kam er ganz nahend darzu. Da fieng das gespenst und geist an und
sagt: O wee und ach, du teurer jüngling, wie wird ich umb deinentwillen so hart
gepeinigt! Weh mir, Lewfrid, das ich dir all meine tag ye übels understund
zuzufügen, dieweil dir niemant sunst widerwertig was dann der graff! Warumb liess
ich in nit selb sein heil an dir versuchen! Lewfrid sagt: Du arme creatur, wer
du bist, weiss ich nit; ich möcht dir aber meinetalben wohl günnen, das du zu
rhuen werst. Lewfrid ward von disem gesicht so verstocket, das er nit mer
gedacht des jegers, so in umbracht haben wolt. Darumb fing er ernstlichen an zu
fragen: Sag mir doch, wer du bist, damit ich die ursach deiner hartsamkeit
verstohn und wiss, warumb du von meinentwegen in disen jamer kommen seist!
    Das gespenst antwort und sagt: Ach leider, allerglückseligster jüngling, nit
lang ist, do wolt ich durch schenck und gaben, so mir darumb versprochen wurden,
dich umbracht haben. Das aber mocht mir nit gerahten, ward also von deinem lewen
umbbracht, dieweil ich in einem solich bösen fürnemen was unnd aber mir der weil
nit ward, das ich got den allmechtigen umb verzeihung het gebetten. Darumb muss
ich ewigklich in solchem ellend bleiben, und mag mich niemant darvor gefristen.
Lewfrid, wiewol im unverborgen was, von wem im sollich spil zugericht, noch
dannocht fragt er den geist, von wem er soliche verheissung angenommen. Antwort
das gespenst: Lewfrid, es ist nit not dir solche ding zu erzalen; dann du deren
dingen zuvor ganz sat bericht bist. Ich weiss auch, von wem dir die warnung
geschehen, als namlich von dem schildtbuben. Sonst hettest du dich keines argen
zu mir versehen. Erst verschwand der geist mit grossem und jemerlichem geschrei,
schlug also die feurflammen von im, das Lewfrid nicht anderst meint , der ganz
wald wird sich entzünden.
    In dem sah er den mon wider durch die beum herglasten, reit also in grossem
schrecken für sich. Ach got, dacht Lewfrid, ist im also, das diser jeger ewig
verdampt muss sein, dieweil er in einem solchen bösen fürnemen durch den tod
hingenommen, wie will es dann manchem kriegsman und räuber gon, die keiner
anderen sach halben aussziehen, dann das sie rauben, brennen, todtschlagen,
witwen und weisen machen! Ach, wie mancher stürbt oder würt erschlagen in
solcher schweren sünd, das er weder got noch seiner heiligen gedencken tut. Was
bringt sie anderst darzu dann der verflucht und schandtlich geitz, das dann
disen jeger auch dohin gefürt hat! Was sag ich von denselbigen! Es sterben doch
leider vil in iren heuseren am bet; ist nit genug, das sie ire tag in grossem
wucher, geitz arm leut geschunden und ir ganz leben in solchen lastern
hinbracht haben, sonder wann sie jetz durch kranckheit angegriffen werden,
gedencken sie wenig, wie sie ir seel artzneien wöllen, damit sie die ewig freud
erlangen. Bald aber muss man lauffen nach dem artzet, der braucht alle seine
kunst an dem krancken, damit er den stinckenden körpel mög hie behalten; von
demselbigen went der kranck kein aug ab; wohin der artzet goht, sicht im der
kranck in alle winckel nach. Kompt aber etwan ein seelenartzet, bringt mit im
die recht pflasterbüchs, sagt dem krancken von gedult, von verzeihung, und das
er sich jetzund schick, das creütz zu tragen, so im auffgelegt ist, das mag er
gar nit hören, went sein haupt von im, fragt wider nach weltlichen geschefften,
hebt an zu reden von seinem gut, kinden und gsind. Ach, wie mancher stürbt also
dahin, das er von got nit mag hören reden. Dem verzih got; dann im statt das
urteil zu.
    In solchen gedancken reit Lewfrid lang in dem wald. Zuletst hort er ein
menschliche stim von ferren singen und frölich sein. Lewfrid gedacht: Nach disen
gedön will ich reitten; mag mir mer kurtzweil geberen dann der armutselig jeger.
Er reit ein kleine weil, so kompt er auff ein getribnen platz und weg, er sicht
von weitem die kolhütten. Dess ward er seer fro; dann ihm die nacht fast lang
gewesen was.
 
                                      45.
Wie Lewfrid zu den kolern in dem wald kam in finsterer nacht, wie früntlich sie
 mit im geredt haben, im alles, was in der rifier von im aussgeschollen, sagten.
Lewfrid kam zu den kolern; die waren streng an irer arbeit, sie sungen und waren
leichtsinnig. Er sprach in früntlich zu, grusst und fragt sie, ob er nit die
nacht zu vollem über möcht bei in herberg haben. Sie empfiengen ihn seer
früntlich und sagten, so er für gut mit ihn haben, wollten sie gern ir bestes
tun. Dess bin ich content, sagt Lewfrid. Er sass von seinem pferd ab; dass namen
sie von im, furten das in ein hütten, gaben im gersten unnd hew, machten ihm
auch eine gute strewin. Sie fragten Lewfriden, ob er hunger hett, sie wollten ihm
zu essen bringen. Er antwort, dess wer er wohl zufriden. Also brachten sie ihm gut
gesaltzen fleisch unnd brot und ein frischen krug mit bier. Er sass nider und
zechet, biss er ganz satt ward, stund darnach bei den kolern, sah ihn zu, wie
sie arbeitteten. Einer under in, ein guter fatzman, fragt ihn, von wannen er kem
und wer im solchen guten wirt gewisen hett. Leuwfrid, demnach er ein gütiger
jüngling was, antwort im schimpfflich: Sicher, sagt er, es staht zu des wirts
gefallen, wie er mich halten wöl. Wann ich aber die warheit bekennen soll, so
bin ich in langem keines wirts nie so fro gewesen; so hatt mir auch speiss unnd
tranck seer wohl geschmacket.
    Der, so in also hat angeredt, in zum offternmal ansehen ward, stetigs
gedacht: Diser jüngling ist gwisslichen Lewfrid nach welchem der graff so
ernstlichen fragen lasst. Wisst ich das, ich wolt morgen ein gutes bottenbrot
verdienen und in meinem herren anzeigen. Das mercket Lewfrid mit fleiss, unnd
fiel ihm gleich in seinen sinn: On allen zweifel sihet mich diser schwetzig
vogel nit umbsonst so streng an. Wie wer im, wann er mich morgen
verkundtschaft? Dann so wird mein letster anschlag erger dann der erst. Ich
will mich an im versuchen, ob er mich kenne oder nicht.
    Er fing an und sagt: Lieben koler, ich bitt euch, sagend mir, wie lang habt
ihr jetzund kolen in diser rifier gebrant? Im antwurt einer under ihn: Es ist
yetzund in die zehen wochen, das mir alle zeit tag und nacht gearbeit; keiner
nie an kein ander bet kommen, dann wie mir sie alhie under den beumen von laub
gemacht haben und in unser hütten getragen hand. So ir mit den für gut nemen
wölt, müsst ir die nacht ungeschlaffen sein.
    Dess bin ich wohl gewont, sagt Lewfrid, gut leben zu haben, wie man gemeinlich
sagt, über nacht harvor zu sein. Seind ir so lang in disem wald gewesen, lieber,
so sagend mir, ist nit etwan ein junger reuttersman her zu euch kommen selbander
und hatt mit im einen lewen gefürt? - Sicher nein, sagt der vorig, ich hab dich
warlich darumb angesehen und nit anders gemeint, dann du seist der jüngling
gewesen, so an meines herrn hof alweg mit dem lewen gangen. Ich hab mich sein
zum teil gefrewt und verhofft, morgen ein gute schenck von meinem herren zu
kriegen, so ich im anzeiget, das du noch in leben werest. Dann seer gross
verlangen zu hof nach dem jüngling ist.
    Das weiss ich fast wohl, sagt Lewfrid, dann ich bin auch einer meines gnedigen
herren hoffgesind und reit yetzund manchen tag, umb Lewfriden zu suchen, kann
aber nichts anderst von im vernemmen; dann verschinen dreien nechten bin ich bei
einem glaubwirdigen wirt zu herberg gewesen, derselb hat mir für ganzen glauben
gesagt, meines gnedigen herren post sei drittalben tag vor dem, eh dann ich
darkommen sei, bei im zu herberg gewesen und hab Lewfriden brieff von meinem
gnedigen herren gon Salamanca bracht, do sei er sampt dem lewen; solichs hab der
wirt aus des botten mund für war sagen hören. Ob aber dem also sei, will ich, eh
dann es morgens umb neün uhren wirt, wohl erfaren.
    Wolan, sagt der koler, solt ich mein gut verwet haben, ich hets daran
gesetzt, du werest Lewfrid gewesen. - Das nimpt mich nit wunder, sagt Lewfrid,
dann ich manigmal für in angesprochen worden bin.
    Also liessen sie alle sach gut sein, vertriben die nacht zu vollem mit
andrem geschwetz. Lewfrid halff in holtz scheitern und tragen, damit ihm die
nacht desto kürtzer were. Sobald aber die nacht hinüber und der tag anbrach,
schanckt Lewfrid den kolern ein letze, dess sie im seer grossen danck sagten.
Also sass er uff sein pferdt, nam urlob von den kolern unnd reit wider zu des
waldbruders zellen.
 
                                      46.
   Wie Lewfrid morgens zu dem waldbruder kompt, den fand er vor seiner zellen
              sitzen in dem wald, wie in der bruder empfangen hab.
Gar grosse begird hat Lewfrid, das er zu dem beghart oder waldbruder keme. Er
het auch sein seer gute kundschaft; so wusst er auch, das er nit von im
aussgeschlagen wird. Als er nun zu der zellen kam, fand er den bruder zunechst
darbei an einem lustigen ort bei einem brunnen sitzen. Er grüsst in gar
früntlich, hielt auff seinem pferdt ein wenig still. Der bruder dancket im, sah
in gar ernstlichen an, verwundert sich ab seiner zukunft, dieweil er von
etlichem hoffgesind vernomen hat, wie das er verritten und wisst auch niemant, wo
er zu finden wer.
    Als er in aber ganz wohl erkant, sagt er: Lewfrid, mein lieber fründ, bistu
es, oder betreugt mich mein gesicht? Ich mein nit, das du so verwegen seist,
demnach und ich gehört hab, das du dich in meins gnedigen herren land reitest.
Bistu aber Lewfrid, darfür ich dich dann halt, so bitt ich, wöllest dich eilens
aus dem land machen. Ich sorg, soltest du meinem herren under augen kommen, du
möchtest dein leben nit bewaren, es sei dann sach das mein herr eines anderen
bedacht sei dann vor einem monat. Lewfrid zog sein gleit, so im der graff under
seinem secret zugeschickt hat, harfür und sagt: Reichart, lieber bruder, ich
bit, wöllest diss offen geleit lesen, so mir von meinem herren ist zugeschickt
worden und gon Salamanca bracht worden.
    Reichardus, alsbald er den brieff gelesen, hat er gesagt: Dess freuw ich mich
in grundt meins hertzens; dann mich dein hinscheiden seer bekümmert hat. Nun sag
mir, bistu schon zu hoff gewesen oder bistu erst willens gon hoff zu reiten? -
Des bin ich, lieber bruder Reichart, noch unbedacht, kum auch darumb zu dir, das
ich hierinn deines rahts pflegen will. - So weiss ich dir, sagt der bruder, in
disem fal gar nicht zu rahten. Wann ich aber dess jetzigen herren sinn und gemüt
so wohl erkant als seines vatters, so vor lang mit todt abgangen, wolt ich dir
wohl wissen zu rahten; dann was er mit mund versprach und zusagt, hielt er ganz
getrewlich, wiewol ich von disem auch anderst nie gehört hab. Darzu bistu von
jugent auff umb mein gnedigen herren gewesen, darumb du in billich bass dann ich
kennen soltest.
    Sicher, sagt Lewfrid, hab ich in gegen nieman kein gewalt nie brauchen
sehen, sonder alzeit als ein frummen und milten herren erkant. Ich aber will
mich dannocht nit so gar weit bloss geben, ich habe dann zuvor mit meiner
liebsten junckfrawen in eigener person geredt. Wie ich das underston will
zuwegen zu bringen, solt du wissen, mein lieber bruder. Ich hab mir zu Lissbona
lassen heimlichen machen ein rock, mantel und kappen, auch einen ganz
contrefetischen bart, damit ich mich in gleicher gestalt eins einsidels
verkleiden mag. Sodann hab ich meiner liebsten junckfrawen zugeschriben bei
meinem lieben und vertrewten bruder Waltern von Salamanca, das ich auff
künftigen sonnentag zur kirchen sein wölle; aldo werd sie mich in eines
begharts oder einsidels gestalt vor der kirchen sehen und persönlich mit mir
reden; ich wöll ir auch mit meiner hand ein schönes büchlin presentieren, darin
sie beschriben finden wirt mein geburt und ganzes leben biss auff dise
gegenwertige zeit, auch was ich mir endtlichen fürgenommen hab weiters zu tun
oder mein leben darob zu verlieren, als namlich das ich ein zeit lang an des
künigs hoff dienst suchen, mich dermassen bei dem künig anbringen, also das ich
hoff in kurtzer zeit ritter geschlagen zu werden, damit ir vatter nit teglich an
mein schlecht herkommen, sonder auch an mein leben und mannliche taten
gedencken tu.
    Reichart der bruder sagt: Lewfrid, lieber fründ, bistu dann des vorhabens,
so mustu fleissig mit der sach umbgon, damit dir nit begegne mit dem buch, als
dir mit dem ring und brieff gangen ist, so du meintest, der junckfrawen solt
sollichs werden, das es irem vatter zuhanden kem. Dess ich dann alles gute
erfarnüss hab von einem schildtbuben, so mir teglich mein kost von hoff in disen
wald bringt; dann derselbig sagt mir auch in beichtweiss, wie er deines heils ein
ursach wer, dich vor dem falschen jeger gewarnet het.
    Ach gott, sagt Lewfrid, möcht ich disen buben sehen! Der wirt mir in allem
meinem anschlag der allerfürnembst helffer sein. - Dess biss getröst, sagt
Reichart, es sei dann das er in diser nacht verscheiden, so wirt er, eh dann gar
zwo stund verschinen sind, bei mir in disem wald sein. Darauff magstu dich wohl
bedencken, was du mit ihm zu reden so habest.
    Lewfrid sprach: Mein lieber Reichart, was sagt dir doch der bub in
verschinen zweien tagen? Hat er meinen bruder nit zu hoff gesehen? - Nein, gar
nichts, sagt Reichart, dann mir sind in dreien tagen deinentalben gar nit zu
red worden.
    Nun bin ich ganz gewiss, sagt Lewfrid, das mein gesell auff dissmal zu hoff
ist. Also hatten sie mancherlei gesprech mitnander biss auff die zeit, das
jetzund der knab mit dem brot kommen solt.
 
                                      47.
Wie der schildtbub mit dem essen kam, was grosser freuden der schildtbub gewann,
                         als er Lewfriden ersehen hatt.
Es was in dem wald eins rosslauffs weit von dem ort, do Reichart sein zellen hat,
ein seer hoher stein auff einer glatten seulen. Auff denselbigen ward dem bruder
allen morgen sein genante speiss bracht von dem schildtbüben oder einem andern an
dem hoff. Der stein was oben gemachet wie ein kasten, darüber mocht man einen
anderen dinnen stein decken, damit die vögel und andre gschwinden tier dem
bruder inn seinem abwesen die speiss nit mochten hinwegnemen. Dann also was die
ordnung, so man den bruder bei dem stein nicht fand, legt der das essen darein,
so es dar bracht, ritt demnach widerumb sein strass. Geschahe auch offtermals,
das er das essen auff zwen tag zusammenkommen liess; so dann, der das essen dar
bracht, das alt noch in dem stein fand, nam er dasselbig heraus und stalt das
frisch hinein. Solichs geschah allein darumb, das man den bruder an seiner
andacht unnd gebett nit verhinderen solt.
    Reichart sampt dem jüngling gingen zu dem stein. Lewfrid aber hat auch sein
kappen angeton, damit, so ein anderer dann der bub kem, er nit erkant wird. Sie
aber sind nit lang bei gemeltem stein gesessen, do ist der knab mit der speiss
kommen. Reichart hatt in seiner gewonheit nach freundtlich empfangen unnd
gefragt, was für new geschrei zu hoff sei. Ich hab, sagt der bub, fast gute
Botschaft (check capitalization) gehört. Dann ungefohrlich in vier tagen sind meinem herren brieff
kommen von dem teuren jüngling Lewfrid, der soll yetz zu Lysabona sein an des
künigs hoff. Dann sein geschworner bruder Walter hat mir das alles selb gesagt.
    Ach, sagt Reichart, mein lieber son, dir habs gesagt, wer da wöll, so sag
ich dir für ein ganze warheit, das er zu Lissbona nit ist, weisst auch kein
mensch in Lissbona, war er kommen sei. Des bin ich satt bericht; dann sobald
Walter und der bott von Lissbona hinweggeritten sind, ist Lewfrid an dem hoff
verloren worden. - Ach das erbarm got, sagt der knab, so sorg ich, das er durch
heimliche practick, so mein herr auff ihn gemacht, villeicht gefangen oder aber
gar zu grundt gangen. Fing damit kleglichen an zu weinen.
    Als nun Reichart unnd Lewfrid sein getrew hertz gespürt, hatt der bruder
angefangen unnd gesagt: Die warheit, lieber son, hab ich dir gentzlichen gesagt.
Das im auch also sei, so nim war, hie ist Lewfrid! Damit zog er im die kappen
von seinem haupt. Der jung vor freuden nit mehr auff dem pferdt bleiben mocht,
erbeisset von stund an zu der erden, empfing Lewfriden mit grossen freuden unnd
sagt: O Lewfrid, solt mein gnedige junckfrauwe jetzund wissen dich so nahend
sein, ich glaub, sie von grossen freuden in ein kranckheit fallen wird; dann ihr
verlangen nach dir ist nit ausszusprechen. Aber sich hatt ihr kummer, so sie
gehabt, zum teil in trost verwendet. Dann sobald dein bruder Walter für mein
gnedigen herren kommen und mein herr dein brieff verlesen, hatt er denselbigen
in dem fussstapffen mit Waltern, deinem bruder, seiner tochter zugeschickt,
damit sie on allen argwon glaub dich noch in leben sein. Es hat auch Walter mein
gnedige junckfraw aller sach bericht, wie ich euch beidsamen bei nechtlicher
weil vor dem mörderischen verrähter gewarnet habe, dess mir dann mein junckfraw
von der stund an vil guts bewisen hatt. So ist auch auff den heütigen tag alles
hoffgesind in ser grossen freuden; das ganz frawenzimmer ist jetzund in grossem
jubilieren, dieweil sie dich wissen noch frisch und gesundt sein. Dann wir alle
in gemeiner schar habend von deinentwegen grossen kummer unnd leid gehabt;
jetzund aber wissend sie allsamen dein wolfart.
    Diser red frewt sich Lewfrid gar fast, gab auch erst dem schreiben, so im
von dem graven zukommen, gentzlich gelauben; jedoch beharret er auff seinem
fürhaben, nit eh am hoff zu wonen, er het dann zuvor dem künig etliche zeit an
seinem hoff gedienet. Er bat den knaben mit allem fleiss, er sollte ihn weder
gegen Waltern noch keinem anderen menschen vermelden, damit seinem fürnemen
desto stattlicher möchte nachkommen. Das versprach im der bub, und nachdem es in
zeit bedaucht, sass er wider auff sein pferdt, reit gohn hoff; dann es war eben
umb die zeit, das man zu hoff zu dem tisch leuten solt, wie dann brauch ist.
 
                                      48.
Wie Lewfrid an einem sonnentag vor der kirchen stund, und wie in Angliana zuhand
                erkennen tet, ime ein almusen befalhe zu geben.
Auff nechstkommenden sonnentag vermumbt sich Lewfrid in sein kappen unnd mantel,
macht für sich seinen langen bart, ging durch den wald den nechsten dem hoff zu,
hat ein gross paternoster in einer handt, in der andern hand ein kleines crucifix
auff einem stab. Als er nun an die porten dess vorhoffs kam, ward er on alle
rechtfertigung hineingelassen; dann der portner meint  nit anderst, dann es wer
Reichart der einsidel. Lewfrid stund für die kirchen, wartet, wann man zur
kirchen gon solt; dann die kirch stund in dem vorhoff. Als es nun umb die zeit
ward, kam das hoffgesind nach ordnung einander nach; der graff aber kam dasselb
mal nit zur kirchen, dann er was nit so gar bei im selbs. Es hatt aber Angliana
die stund kaum erwarten mögen; sie hat sich gar köstlich angetan, auch allen
iren junckfrawen befolhen, ire hochzeitlichen kleider anzulegen. Darumb ein
gemeiner argwon under den junckfrawen ward, Lewfrid wird gen hoff kommen; aber
keine under in allen wusst, in welcher gstalt Lewfrid seinen anschlag hat, allein
Florina unnd Cordula, denen hatt Angliana alle sachen zu verston geben.
    Als man nun zu dein ampt laut, kam Angliana mit ihrem frawenzimmer dahergohn
in solicher schönen gestalt, anzusehen was, als wann ein schar der engeln
dahergangen were. Alsbald sie nun für die kirch kummen ist, hatt sie iren
liebsten bruder ersehen, der ir dann mit grosser reverentz entgegengangen.
Alsbald hat im Angliana ein kostlich kleinot geben sampt einem par händschuch,
darinnen auch ein brieff verborgen was. Sie sagt: Bruder, ich bitt, wöllest mein
bei disem almussen ingedenck sein. - Das seind on zweifel, gnedige junckfraw!
Bit auch, eüwer gnad wölle diss betbüchlin von mir in gnaden empfahen und mit
flyss durchlesen; dann ir darin finden werdt, so euch wolgefallen wirt. Also hat
die junckfraw das büch empfangen von dem bruder unnd den nechsten ir junckfrawen
Florina befolhen zu verwaren. Florina aber unnd Cordula habend nit können für
den bruder gen, sie haben ihm durch ir wincken zu verston geben, das sie in
erkennen. Aber die anderen junckfrauwen in gemein haben sich dess bruders
verwundert, wer er doch sein mög oder von wannen er doch käm, das ihr junckfrauw
sich sein sovil angenumen. Jedoch ist gmeinlich die red under dem ganzen
hoffgesind, es sei bruder Reichart aus dem wald einmol zu hoff kummen.
    Demnach nu das ampt aus gewesen ist und man zu tisch gelütet, ist jederman
wider aus der kirchen gangen. Hat sich der vilgemelt schiltbub zu Florina
gefügt: Ach gnedige junckfrauw, sagt er, mag ich nit mit gunst verschaffen, das
disem guten bruder etwas guts aus der küchi werd? Dann er ist mir seer wohl
bekant; ist auch nit lang verschinen, ich ihn in einer anderen gestalt sah. Die
junckfrauw verstund dess knaben wort wohl, darumb sagt sie: Junger, gang hin in
die kuche unnd sag zu dem meisterkoch, das er dir gnugsamme speiss unnd etwass
guts geb für dich unnd den bruder! Für ihn etwann in ein portstuben und biss
frölich mit ihm! Nach dem ihmbiss so kumm zu mir in mein gemach! So will ich dir
ein histori anzeigen und geben, welche du dem bruder bringen solt, damit er sein
zeit in dem wald kürtzen mag. Diss ward alles nach der junckfrawen befelch
aussgericht.
    Als nun Lewfrid das mal genommen, hatt er dem buben befolhen, des morgens
die histori mit ihm zu bringen, ist demnach in grossen freuden wider zu wald
gangen, hatt den brieff, so er von Angliana empfangen hat, gelesen. Darinnen sie
im den schiltbuben zum trewlichsten befehlen tet, dieweil er ihn durch sein
warnung vor dem todt bewart hett, im auch under andren zu wissen getan , wie
Walter in so grossen ehren bei dem graffen gehalten wirt. Sie bat ihn auch, wann
er hinwegscheiden wolt, das er zuvor wider in seiner angenommen kleidung zu hoff
kommen, damit er von ihrem vatter auch gesehen wird; semlichs möcht ihm über
nacht zu grossem statten kommen. Diss alles tet Angliana auff ein sonderen list;
dann sie verhoffet, dardurch Lewfriden an dem hoff zu behalten. Aber es war
umbsonst; dann er einmal dem versprechen unnd zuschreiben, so er dem graffen
getan , nachkommen wolt.
 
                                      49.
Wie Angliana nach Waltern schicken tut, im alle sachen offenbaren, wie Lewfrid
         vorhanden, auch was sie inn eigener person mit im geredt hab.
Lewfrid war jetzund wider bei seinem freund und vertreweten bruder in dem wald.
Angliana hat fleissiges nachgedencken, durch was mittel sie zuwegen bringen
möcht, dass Lewfrid von seinem fürnemen abstünd, als das er nit wider von ir
verreiten solt, sonder an dem hoff bleiben; dann sein hinscheiden was ir ganz
beschwerlich.
    Alsbald sie von dem tisch auffgestanden, hat sie nach Waltern geschickt, das
er unverzogenlichen zu ihr keme. Walter ist der junckfrawen befelch gehorsam
gewesen, eilens zu ir kommen. Angliana hat ihn gar früntlich und mit grossen
freuden empfangen und mit lachendem mund also zu ihm geredt: O Walter, sagt sie,
so du auff den heütigen tag bei mir gewesen werest, du hettest deinen lieben
bruder Lewfriden in eigener person gesehen und mit im reden mögen. Walter sagt:
Gnedige junckfraw, das kann ich gar nicht verston, wie ir es gemeinen. Dann ich
ye nicht mein noch gedenck, das Lewfrid so nahend kommen sei und sich vor mir
verborgen haben; dann wo ein semlichs geschehen wer, wird michs nit wenig an in
verschmohen. Darauff antwort Angliana: Diss solt du, mein lieber Walter, in
keinen weg gedencken aus misstrawen oder aus argem geschehen sein. Das Lewfrid
mit mir geredt, ist in verborgener und verenderter gestalt geschehen. Dann er
mit mir geredt vor allen meinen junckfrauwen, aber keine under allen ihn erkant
hatt; dann er in eines waldbruders kleidung heut zu hoff ist gewesen. Das er
sich aber vor dir verhalten, ist darumb geschehen, das er gesorgt hat, du
wirdest entweders so gar erschrocken oder so gar frölich worden sein, das an
diner geberd abzunemmen wer gewesen, das Lewfrid in diser verborgnen kleidung
stackte. Er aber hat mir ernstlich verschriben, das du auff den mornigen tag mit
dem schiltbuben zu ihm kummen solt. Dann der bub weisst das ort wohl, do sich dein
bruder auff dissmol halten tut, als namlich bei Rycharten, dem waltbruder im
forst.
    Do diss Walter von der junckfrawen vernam, von freüd und angst ging ihm sein
har gen berg, wiewol er kein sorg dess graven halben mer haben dorfft. Dann er
teglich umb den graven was und aber anders nichs von ihm marckte, dann allein
das er ein guten willen und hertz zu Lewfriden trug.
    Er aber sorget, wo der graff innen wird, das Lewfrid in solicher verkleidung
an hoff kummen wer unnd aber ihm auff sein schreiben so gar abgeschlagen het zu
kummen, der graff möcht ihm das zu grossem argen und üblen auffnemen und vilicht
gedencken, Lewfrid het etwas heimlicher practic auff in gemacht. O gnedige
junckfraw, sagt Walter, dieweil Lewfrid willens gewesen ist här zu kummen,
warumb ist er dann nit mit uns geritten, dieweil im mein gnediger herr so
früntlich zugeschriben und sicher geleit zugesagt hat? Ach, was gedenckt er
doch? Mit seiner weiss solt er mich auch gegen meinem herren in argwon bringen,
als wann ich auch in keinem guten härkummen wer.
    Darauff sagt Angliana: Lieber Walter, biss in dem allem zufriden! Dann ich
hab ein weg vorhanden, dardurch wir allesammen wider zu friden und rhuen kummen
wend, wo mir anderst Lewfrid und du volgen wöllend. Aber vor allem dingen mustu
dich zu Lewfriden fügen und ihm sagen, das er gedenck und nicht hinwegscheid, er
habe dann zuvor, wie ich im befohlen, sich meinem vatter in semlicher kleidung
lassen sehen. - Also macht Walter seinen abscheid und versprach der junckfrawen
Angliana eigentlich, uff den mornigen tag Lewfriden in dem wald zu suchen, ging
mit urlob von ir, den schildtbuben suchend, machet auch sein entlichen bescheid
mit im, das er morgens sonder alle Gesellschaft mit im zu Lewfriden reitten
wolt, wie dann des morgens geschah.
 
                                      50.
 Wie der schildtbub und Walter des morgens zu Lewfriden in dem wald kommen, was
                         sie mit einander geredt haben.
Sobald nun der schildtbub von Waltern verstanden, das im Angliana alle sachen
geöffnet hat, ist er sein zufriden gewesen und hat von stund an speiss und tranck
gnugsam zuwegen bracht für Reicharten und Lewfriden, damit sie morgens
ungehindert in wald reitten möchten und dest früer auff sein. Als sie nun iren
bescheidt gemacht, sind sie zu bett nidergangen und die nacht on alle sorg
geschlaffen. Des morgens, alsbald der tag anbrach und die porten geöffnet, sind
sie eilens dem wald zu geritten, Reicharten in seiner zellen an dem gebett
funden, Lewfrid aber in einem hauffen laub und grass, so er im selb
zusammengeraspelt, funden schlaffen. Alsbald ist Walter zu ihm gangen, mit einem
fuss in sein seitten gestossen und gesagt: Einem waldbruder gezimpt nit also lang
zu schlaffen; er solt vor lang an seinem gebett sein.
    Lewfrid erkant zustund die stimm seines gesellen, er wuscht uff in grosser
scham und schrecken, dieweil er nit meint , das Walter seines heimlichen
anschlags wissens trug. Er sagt mit ganz demütiger stimm: O Walter, mein
allerliebster bruder, ich bitt dich, du wöllest mir nit verargen, das ich mich
also vor dir verborgen und heimlich erhalten hab. Dann warlich ist das in keiner
untrew geschehen; dann ich alle freundschaft und brüderlicher trew an dir
gespürt hab. Diss aber ist allein darumb geschehen, das ich gesorgt, wo du mein
fürnemen zuvor soltest gewisst, du wirdest mir nit gestatt haben, dem also
nachzukommen. Weiss auch, so du mich erkant hettest, als du vergangnen sontag mit
dem hoffgesind bist für mich gezogen, du werest in allergrösten sorgen und
engsten gewesen; derhalben ich dich gar nit hab bekümmern wöllen. Ich bitt dich
aber früntlich, sag mir doch, von wem bin ich dir verkundtschaft worden.
    Antwort Walter: Mich hat warlich, Lewfrid, nit wenig bekümmert, das du dich
also heimlich vor mir verstolen hast. Wie ich aber solchs umb dich verschuldet
hab, ist mir nit zu wissen. Mir wer auch dein zukunft noch verborgen, so ich
das nit von Angliana erfaren het, die mir das auff den gestrigen tag geoffnet
hat. Hastu nit gesorgt, dich möcht jemans gegen dem graffen verkundtschaft
haben? Was meinst du, das er daraus gedacht oder genommen haben würt, dann das
du im heimlichen nachstaltest? So müsst ich unschuldiger gwisslichen auch darob
gelitten haben, dieweil ich andere brieff von dir bracht het, die dann deinem
jetzigen wesen gar ungleich lautend, ja gewiss keinem ding so gleich sehen, als
wann wir verrähterstuck hetten treiben wöllen. Derhalben ich mich billich über
dich hab zu beklagen, würst mich auch nimmermer zufriden setzen, es sei dann
sach das du dich dem graffen zu erkennen gebest. Bistu mir noch in alter deiner
trew und fründschaft verwant, so gewer mich des einigen, so ich dich bitten und
an dich begeren will! Das ist namlich das erst, so dann Angliana auch an dich
begeren tut, als das du in deinem einsidelskleid gen hoff kommest, selb mit dem
graffen sprach haltest und dich im gebst zu erkennen. Alsdann wird aller argwon
bei im erlöschen.
    Das will mir nit gebüren, sagt Lewfrid, und ob mich gleich mein herr gar nit
mer hasset und mir laut seins schreibens gar verzigen, so muss ich dannocht
meinem brieff, so ich im zugeschickt hab, statt tun. Darauff sagt Walter: Du
hast im warlich fein statt getan , dieweil du am sontag zu hoff gewesen bist, mit
deiner junckfrawen in eigener person geredt. Wie wiltu das, wo es der graff
erfaren wirt, verantworten? Nun darffest du dich doch glat nit vor im besorgen.
Ich bin von dem tag an, als ich im deine schrifften geantwort hab, teglich umb
in gewesen, alle zeit an seiner tafel sitzen müssen. Do wirt kein imbiss
hinbracht, das er dein nit zum früntlichsten gedencket, ist auch noch in willen
mich nach dir gon Lissbona zu senden. So du aber überein deinem versprechen tun
wilt, magstu dich in deiner kappen und verstelten kleidung zu dem graffen tun,
in erstlich umb verzeihung bitten, darnach im dein fürnemmen müntlich zu verston
geben. Darbei wirt er wohl abnemen, das du im nit mer misstrawest, sunder seinem
schreiben glauben geben habest. Alsdann zeig im an, du habest dise frembde
kleidung allein darumb angezogen, damit du von dem hofgesind nit erkant wirdest
und aber dannocht mit im in eigner person reden. Diss wirt dir gwisslichen grossen
gunst bei im erlangen, und magst auch dester sicherer und mit mer frid und
freuden an des künigs hoff wonen.
    Diser raht gefiel Lewfriden nit übel, nam im auch gentzlich für, dem also
nachzukommen. Jedoch sagt er: Walter, auff dein vertrewen will ich deinem raht
volgen, doch mit dem geding, das du zuvor dem graffen mein zukunft ansagest,
dabei ganz vleissig warnemest, was er hierzu antworten wölle, was er für ein
farb in seinem angesicht überkum, wie im seine augen im haupt schinen, ob er
seine zeen nicht zusamendruck und ein unbleiblichen stand annem. Gibt er dir
antwort aus grossem zornigem hertzen, wirt in seinem angesicht ganz feurrot und
bald darauff wider bleich, ist es ein zeichen verborgens zorns. Oder so er seine
augen in dem haupt hin und wider wendet, mit seinen füssen stalpret unnd mit den
henden zittert, soltu gewiss sein, das er seinen zorn noch harter dann nie gegen
mir tragen tut. Wo du dann dise zeichen an im warnimpst, soltu dich nit lang zu
hoff saumen, sunder bereit auffsein sampt deinem diener und zu mir herkommen;
wend wir uns gleich bei nacht auffmachen und von hinnen reiten. Der mon ist
jetzund in dem durchschein; so weiss ich weg und strass, damit uns niemant
nachspüren mag, und mügen aus dem land kommen on menigklichs irrung.
    Also ward diser anschlag von beiden jünglingen beschlossen. Walter reit
wider gon hoff, und sobald er mocht, füget er sich zu dem graffen, erzalt im
alles, so im Lewfrid befolen hat, nam mit fleiss aller ding war, ob er einich
zeichen des zorns an im spüren möcht. Do aber was kein zorn mer, sonder alle
freud. Dann sobald der graff vernam, das Lewfrid des mornigen tags gen hoff
kommen solt, befalh er ein herrliche malzeit zu bereitten, verkündet das auch
seiner tochter Angliana; dann im was noch nit bewisst, das Lewfrid zu hoff
gewesen was. Als nun Walter solchen guten willen an dem graffen spüret, schicket
er von stund an Lewfriden botschaft beim schiltbuben, das er sich nit saumet
und dess morgens gon hoff kem; dann alle sachen stunden ganz wohl und recht.
    Als Lewfrid diss vernam, ward er wohl zu mut, erwartet mit freuden des
künftigen tags, an dem er sein liebste Angliana widersehen solt.
 
                                      51.
Wie Lewfrid zu dem graffen kam in einsidelsgestalt, und wie in der graff in sein
                             gemach, mit im füret.
Dess morgens frü stund Lewfrid uff, nam urlob von seinem mitbruder, dem einsidel;
der wünschet im vil glücks zu seinem fürnemen, auch das er einen gnedigen herren
haben möcht. Also macht sich Lewfrid eilens uff und kam für die porten, eh dann
sie geöffnet ward. Er sass darvor, biss sie auffgienge. Do zoh er hinein, ging in
die kirchen und wartet, wann sein bruder Walter kommen tet; dann er mit im
dermassen abgeredt hatt, das er sein in der kirchen warten wolt.
    Es verging nit lang, Walter und der schiltbub kamen mitnander. Sie waren
seiner zukunft seer fro. Walter sagt im alles das, so er von dem graffen gehört
hat. Davon gewan Lewfrid nit ein kleinen trost. In solcher weil stund der graff
auch auff, legt sein gewand an, lag demnach an einem laden in seinem gemach,
horte dem gesang der vögel zu, davon er sich dann grösslich erlustiget. Der
schiltbub aber hatt den graffen an dem fenster ersehen, sagt das den beiden
junglingen an. Walter saumet sich nit lang, füget sich für des graffen gemach,
klopffet ganz seüberlichen an. Des graffen kammerbub schloss zuhand das
vordergemach auff, fraget Waltern, was sein geschefft wer. Walter sagt: Ist
mein herr auff, so wöllest mich im ansagen; dann ich hab etwas nötigs bei ir
gnaden auszurichten. Der knab saget es dem graffen.
    Sobald er nun Waltern ersehen hat, gedacht er im von stund an, Lewfrid wer
vorhanden. Walter tet dem graffen sein reverentz, wunscht im ein glückseligen
morgen. Der graff dancket im gar früntlich, fragt in und sagt: Walter, was
bedeutet dein frües anklopffen? Sag, ist etwas newes vorhanden? - Gnediger herr,
sagt Walter, der einsidel, von dem ich ewer gnaden auff den gestrigen tag gesagt
hab, der ist schon vorhanden. - Das hör ich gern, sagt der graff, sag mir,
Walter, wo ist er? - Gnediger herr, sagt Walter, er sitzt in der kirchen und
wartet, was im ewer gnad für ein bescheidt geben wölle. - So gang hin, sagt der
graff, und sag im, das er zu mir hinden an meinem gemach in den garten komme! Da
wend wir uns nach aller notdurfft mitnander ersprachen. - Das soll eilens
geschehen, sagt Walter. Er ging eilens hin zu Lewfriden, sagt im des graffen
befelch.
    Lewfrid fügt sich von stund an in den garten, do fand er seinen herren ganz
einig sonder alle diener. Lewfrid fiel dem graffen zu fuss und sagt: Ach gnediger
lieber herr mein, ich armer diener bit euwer gnad durch gott, mir zu verzihen;
dann ich gar grösslichen wider euch gesündiget hab.
    Der graff sagt: Lewfrid, stand auff und biss getrost! Dir ist alles vergeben,
so du je wider mich getan  hast, wiewol ich dir solchs nie vertrewt hab. Dieweil
aber das gelück dir dermassen so gar günstig ist, kann ich je nit darwider
fechten. Ich sihe, das alle menschlichen ratschleg wider den willen des
allmechtigen nichts vermögen auszurichten. Darumb so lass ich es alles faren, und
wirt jetz nichts nöters sein, dann das wir ratschlagen, wie doch der sachen zu
begegnen sei, damit ich dannocht nit von anderen rittern unnd graven getadlet
werd. So wer mein erster raht unnd entliche Meinung, du zügest an des künigs
hoff und beklagtest dich meiner ungnaden. So weiss ich den künig dir dermassen so
günstig und genedig, das er nit lassen wirt und mir eilens zuschreiben, das ich
dich in gnaden auffneme. Sodann mag ich mich gegen menigklich entschuldigen und
sagen: Der künig hat es also mit mir geschaffet, den hab ich je nit dörffen
erzürnen. So du aber ein geschicktern und füglichen weg weisst, magstu mir
denselbigen anzeigen.
    Lewfrid sagt: Gnediger herr, ich bit, eüwer gnad wöll mir nit verargen und
mir vergünnen zu reden. Ich hab mir gentzlichen fürgenummen, dem künig ein zeit
lang zu dienen, damit ich in ritterlichen taten auch etwas geübt und erfaren
werd. Ich bin bericht worden von etlichen des künigs hoffgesind, wie das der
künig etlich reisiger mustern werd, dieselbigen dem künig aus Castilien zu
schicken; dann er gar gewaltiklich von dem aus Gallitien überzogen wirt. So dann
semliche reiss fürgon solt, wer es gar ein gelegene sach für mich. Ich wolt mich
auch für ein reisigen lassen bestellen unnd mich dermassen underston in den
handel zu schicken, das ich nicht kleine ehr und rhum darvonbringen wolt. Welchs
ist mein entliches vorhaben, will und Meinung, wird auch sunst kein ru haben
weder tag noch nacht, meinem willen sei dann ein genügen geschehen. Damit mag
ich mich vor affterred bewaren, das nit etwann meiner missgünstigen einer sagen
möcht: Was hat doch Lewfrid gesehen, in welichen scharmützel oder schlacht ist
er gewesen, und bricht sich dannocht so hoch harfür! Diss zu fürkummen, weiss ich
mir kein gewisseren weg, dann wie ich eüwer gnaden erzalt.
    Solche Meinung, so Lewfrid vor im hat, gefiel dem graven aus der massen wohl,
sagt auch Lewfriden zu, in auff das best mit ross und mit harnasch zu versehen,
im auch einen buben zu geben, damit im sein bstallung bei dem künig gebessert
würde. Wie sie also in dem garten in die zwo stund bei einander gewesen, fürt
der graff Lewfriden mit im in sein gemach, gab im andere kleidung, hiess in den
kotzen von im legen. Jedoch erfur er zuvor von ihm, was ihn doch in sollich
kleid zu schlieffen verursachet hat, das alles im Lewfrid nach der lenge
erzalet.
 
                                      52.
     Wie Lewfrid mit dem graven zum imbis geht, darab sich alles hoffgesind
                          grösslichen verwundern tut.
Als nun Lewfrid und der graff lang gnug mittnander gespracht hatten und es
jetzund umb den imbiss worden ist, hat mann die hoffglocken angezogen; meniglich
zu hoff kummen, ein jeder an sein verordnete dafel gesessen. Der graff aber
Lewfriden und Waltern mit im inn den grossen saal bracht hatt. Darab sich alles
hoffgesind grösslichen verwundern tet; dann niemans wusst, wie oder wann Lewfrid
zu hoff kummen wer, wiewol ihm niemans under allem hoffgesind des glücks
vergünnet, sonder grosse freud ab seiner zukunft hatten.
    Als man nun das wasser genommen und zu tisch gesessen, hat man das essen
angetragen. Der imbiss ward mit lust unnd freuden volbracht, und was Lewfriden
schon aller sein unmut verschwunden; allein mangelt im, das er sein liebe
Angliana nit bei im an dem tisch haben mocht. Jedoch tet er in keinen weg
desgleichen, sonder erzeigt sich mit weiss und geberd ganz frölichen. Nit minder
freud hat Walter, das er sah seinen liebsten bruder unnd gesellen bei seinem
herren an seinem tisch sitzen, so er doch ein sollichs ganz unmüglich geschetzt
hatt.
    Nun was es jetzund eben in dem halben imbiss, so kompt ein künigische post
eilens reitend, ein brieff in der hand füren. Sobald er nun von seinem pferdt
gestanden, ist er eilens in den grossen saal gangen, dem graffen den brieff von
dem künig geantwort. Des inhalt was, das der graff unverzogenlichen in dreizehen
tagen an des künigs hoff erscheinen solt und sich auch mit aller nodturfft, so
im von nöten were, versehen, als namlich mit harnasch und wehr, so best er
möcht; dann des künigs Meinung was, in (den graffen) zu einem obersten zu machen
über sein reisigen zeug. Auf mein trew, sagt der graff, Lewfrid, mich duncket,
wir haben den krieg schon vor der türen. Darumb lass dich nur nit seer darin
belangen! Ich gedenck, wir sollen sein all genug überkommen. - Das frewet mich
in meinem hertzen, sagt Lewfrid, es sagt mir auch mein eigen hertz, mir werd
gentzlich inn künftigem krieg gelingen.
    Nun was junckfrawen Angliana ganz nichts darvon zu wissen, das der jüngling
vorhanden und mit ihrem vatter zu tisch sess. So het ir semlich der schildtbub
gern zu wissen getan , er kundt aber der zeit nit weichen. Alsbald aber jetzund
das mal vollendet was und die tafeln auffgehaben, der schiltbub mit grösten
freuden zu der junckfrawen kommen ist, dass bottenbrot an sie begeret, ir auch
alles, so sich verloffen hat, zu wissen getan . Davon ir hertz in unmesslichen
freuden sich erhebt, hat dem buben ein reiches bottenbrot gegeben, des er dann
auch wohl zu mut ward. Also hat sich Angliana an ein fenster gestelt, do sie
gewisst, das ir vatter mit dem jüngling fürgon werde, das dann bald geschehen
ist. Bei unnd neben ir sind gestanden ihre junckfrawen und zu allernechst
Florina und Cassandra.
    Als nun der graff sampt seinen dienern aus dem sal gangen unnd Lewfrid
zunechst bei ihm, hatt Angliana gesagt: Liebe Florina, sag mir, wer ist der
schon jüngling, so mit meinem vatter aus dem saal goht? Florina, die sein
vormals nit wargenommen, hat jetzund Leuwfriden erstmals ersehen, von freuden
gentzlich inn ihrem angesicht erröttet unnd gesagt: O junckfraw, jetzund mügend
ir wohl frölicher sein, dann junckfrauw auff erden je ward. Dann ihr seind ganz
sicher, das Lewfrid in allen gnaden bei ewerem herren und vatter ist. Jetzund
bedörffend ihr niemans mehr, der euch tröste, dieweil ewer trost wieder zu
gnaden kommen und on alle sorg an dem hoff wonen darff.
    Nun wisst ich gern, sagt Angliana, wie doch die sach zugangen unnd wer die
ding so bald gehandelt het. Dann ich weiss, das Lewfrid am nechstverschinenen
sontag des noch gar nit gesinnet gewesen ist; sunst het er sich in die
scheützlich kleidung nit verstellen dörffen. Wolan, ich weiss die sach wohl an
Waltern zu erfaren.
 
                                      53.
Wie Angliana mit iren junckfrawen in den garten spazieren ging; der graff sampt
Lewfriden und Waltern auch in den garten kam, seiner tochter den brieff, so ihm
                     von dem künig zukommen, zu lesen gab.
Angliana gedacht in ir selb: Wie magstu doch mit glimpff zu dem jüngling kummen?
Sie nam ire zwo liebsten junckfrawen Florinam und Cassandram, ging hinden zu
irem gemach hinaus in den garten; dann sie wohl wusst, nit lang stan wird, ihr
vatter nach seiner gewonheit wirt auch in den garten kummen, das dann auch
geschah. Sobald nun der graff sein tochter ersehen, hat er sich zu Lewfriden und
seinem gesellen gewendt und mit lachenden mund gesagt: Fürwar, Lewfrid, du hast
ein guten botten, der dir so schnel postiert hat. Lewfrid ganz schamrot dem
graven antwurt und sagt: Gnediger herr, ich weiss sicher von nichts.
    Damit ist der graff zu seiner tochter kummen. Angliana, sagt er, du bist
warlich eines klugen verstands. Dann ich erst wolt Waltern nach dir geschickt
haben, so bistu vor mir in dem garten. Ich kann dir, liebe tochter, nit verhalten
die botschaft, so mir von dem künig kummen ist. Darumb so wöllest disen brieff
selb lesen und mir darnach auff mein frag dein gutbeduncken zu verston geben.
Angliana empfing den brieff von irem vatter, lase den biss zum end, davon sie nit
wenig betrübt ward und fing gar kleglichen an zu weinen, dieweil sie wohl
bedencken kund, das ir vatter ein alt betagt man was, des kriegs nit mer geübt,
sunder guter rhu gewonet. So wusst sie auch wohl, das Lewfrid nit lassen wird mit
irem vatter zu ziehen; derhalben ir zwifach sorg und leid zuhanden ging.
    Liebe tochter, sagt der graff, ich bit, wöllest deinen guten und kintlichen
raht mit mir teilen. Du sihst, wie ich gefasst bin. Mein jungen und frölichen tag
sind dohin, ich wird nit mer stercker, sunder alle zeit schwecher; dann es ist
mit mir weit über mittentag. Noch dannocht will mir gebüren meinem herren, dem
künig, gehorsam zu sein. Ich bin auch ganz vertrewens zu im, er werde mich nit
mit schwereren last beschweren. So vertröste ich mich auff Lewfriden, der ist
jung, frech unnd starck; den will ich mir zu meinem leib vorbehalten, das er
allein auff mich warten soll. Darauff, liebe tochter, wöllest mir dein
gutbeduncken auch zu verston geben.
    Angliana, welche vor jamer nit reden noch irem vatter antwurt geben kund,
zuletst sich aber erholen tet, anfing und sprach: O mein hertzliebster herr und
vatter, mir ist in sollichem fal nit müglich wenig oder vil zu rahten. Dann ich
weiss wohl, wann ich euch schon meines hertzen willen und Meinung zu verston gib,
also das ich euch raht doheim zu beleiben (das mir dann die allergröst freud
auff erden wer), so weiss ich, das ir mir des orts nit volgen. Solt ich euch dann
rahten, in den krieg zu ziehen und des künigs gebotten gehorsam zu sein, will
mir noch vil weniger unnd gar nit gebüren. Darumb, hertzlieber herr und vatter,
will ich gott alles mein anligen empfohlen haben, in aus grund meines hertzens
bitten, euch in alle weg zu bewaren. Gott wolt, mir müglich were disen krieg zu
wenden, damit ir, mein liebster herr und vatter, in ewerem land bleiben möchten,
auch ander vil zu rhu und frid weren, vil witwen und weisen unbeleidet bleiben!
Das wer mein höchste freud auff erden.
    Antwort der graff: O Angliana, mein liebe tochter, mir zweifelt gar nit,
dein hertz unnd mund reden gleich. Jedoch bin ich sonder zweifel, das dich noch
eine sach nit wenig betrübt, wiewol du mir die nit entdecket hast. Ich aber
weiss, das dich nit wenig betrübt der abscheid Lewfrids, dieweil du gehört hast,
das ich in mit mir nemmen und für meinen lieutenant haben will. Das aber soll
dich gar nit beschweren; dann ich bin guter hoffnung, alle sein wolfart stand in
disem krieg. Wo er sich anderst ritterlicher sachen (dess ich nit zweifel)
annemen tut, so mag er jetzund am füglichsten den orden der ritterschaft
erlangen. Alsdann wirt mir dest minder verwisslich sein, das ich dich ime zu
einem weib geben hab. Wer wolt darnach nit sagen, Lewfrid het mit seiner hand
unnd nit durch gunst den orden der ritterschaft erlanget, darvon er dich dann
billich zu weib haben solt.
    Als nun die junckfraw Angliana dise wort von irem vatter vernam, gedacht sie
wohl, das im nit anderst wer, dann wie ihr herr und vatter gesagt hatt, sprach
also: Dieweil es dann, mein allerliebster herr unnd vatter, keinen andren weg
haben mag, wolan so muss ich aus einer solichen not ein tugend machen. Bit euch
aber umb aller liebe willen, ihr wöllend euch auff das allerbest verwaren unnd
dem Glück nit zu vil vertrauwen; dann es sich zu vilmalen seer freüntlich
erzeiget, hat aber hinder im - tausentfeltige far verborgen. Dise und
derengleichen gesprech hat der graff mit seiner tochter.
    Als aber nun Angliana zeit daucht, nam sie urlob von irem herren vattern und
ging sampt iren beiden junckfrawen in ihr gemach zum teil betrübt unnd zum
teil frölich, als sie jetzund ungezweifelt erkant, das ir liebster Lewfrid bei
ihrem vatter in höchsten gnaden was.
 
                                      54.
Wie der graff sein ganzen hoff zusamenrüffen liess, inen sein vorgenomen reiss zu
wissen tut, dabei in allen gar befilcht, sich auffs förderlichst zu rüsten, und
                  wie Angliana dem Lewfriden ein lybery gibt.
Dess andern tags gab der graff befelch, das man alles sein hoffgesind, sie weren
gleich vom adel oder nicht, zusammenberüffen solt. Das ward nach seinem willen
eillens volnzogen. Als sie nun gemeinlich beinander waren, liess er den
küniglichen brieff vor ihn allensammen lesen, sie demnach auff das früntlichest
ermanet, damit sich ein jeder nach dem besten gerüst machet, damit er bei dem
künig nit als ein hinlessiger möcht angesehen werden. Sagt auch darbei, welichen
am ross, harnasch oder anderem zeüg abgangen wer, der solt das dem rüstmeister
anzeigen, damit er nach dem besten möcht versehen werden.
    Dise Botschaft (check capitalization) vernamen sie allzumal mit grossen freuden; dann ir jeder
meint  ehr und gut in disem zug zu bekommen. Der graff liess alles sein
hoffgesind von fuss auff new kleiden mit einer gleichen farben und lyberei.
Angliana aber sticket ihrem vatter, desgleichen Lewfriden einem yeden ein schöne
libery von perlen und gold seer künstlich.
    Als die nun gearbeit was, schicket sie nach Lewfriden, gab im die beiden
libereien und sagt: Nimm hin, mein teurer jüngling, von mir dise liberei, die
eine für dich, die ander für meinen lieben herren und vatter. Du aber wöllest
bei der deinen mein zu aller stund und zeiten eingedenck sein, dich desto
mannlicher und ritterlicher beweisen, darneben auch gewarsamlich handlen, keinen
kleinen feind verachten; dann zu vilmalen geschicht, das ein kleiner einen
grossen und gewaltigen überwindet, wie ich das in vilen alten historien find.
Ich bit dich auch, liebster Lewfrid, wöllest ein getrewes uffsehens auff meinen
herren und vatter haben, damit im nichts args widerfaren tü. Dir ist sein alter
und schwacheit unverborgen, darumb wöllest dir in befolhen lassen sein. Ich
wünsch auch nicht mer, dann das ich meinen vatter in diser libery unnd kleidung
widersehen mög, und das du, mein liebster Lewfrid, den orden der ritterschaft
in der deinen erlangest und mir die als ein strenger ritter wider zu gesicht
bringest. Ach, wie möcht mir inn disem zeitlichen leben mehr freud und glücks
zuhanden gon!
    Allerliebste junckfraw, sagt Lewfrid, mit grossen freuden hab ich dise ewere
gab von euch empfangen, versprich euch auch bei der hertzlichen und grossen
liebe, so ich nun lang zu euch getragen habe, euch nit mehr under augen zu
kommen, so mir anders verreiten, als ich guter hoffnung bin, ich habe dann des
gute unnd warhaftige zeugnüss, das ich eine oder mehr dapfferer unnd
ritterlicher stuck begangen hab. Hoff mich auch bei euwerem vatter dermassen
verdient zu machen, das er mir selb bei dem künig umb den orden der
ritterschaft werben soll. - Das wöll gott, sagt Angliana, dann also was auch
unser erst fürnemen und unser letster abscheidt.
    Nachdem sie nun etlich stund mit seer früntlichem gesprech bei einander
verharret hatten, Leuwfriden zeit daucht, nam er ein früntlich urlob von seiner
liebsten junckfrauwen, damit er sich auch nach notdurfft versehen möcht. Kam
also zu seinem herren, dem graffen, bracht ihm die libery von seiner tochter.
Davon der graff nit wenig freud nam; er schicket auch nach seinem rüstmeister,
befalhe im, Leuwfriden in aller mass mit ross, harnasch und wehr zu versehen, wie
er in eigner person reitten wolt. Diss alles ward nach dess graffen befelch
aussgericht. Also macht sich alles sein volck in wenig tagen gar wohl gerüst, so
das kein fürst sollicher mass mit wolgerüstem unnd bass geordnetem volck an des
künigs hoff erschinen tet. Davon er dann von andren graffen und herren hoch
geprisen ward; sie günneten im auch wohl der ehren, das er ein oberster über die
reisigen sein solt.
 
                                      55.
Wie der graff mit seinem volck hinweg scheid, wie Lewfrid sein liebste Angliana
 in grossem leid hinder im verlasst, dann sie seer krank ward, und wie Walter zu
              hoff bleib, seinem vatter ein Botschaft (check capitalization) zuschickt.
Als nun die zeit verliff und der tag sich nehert, das jederman zu Lissbona solt
erschinen, hat der graff auff einen bestimpten tag in seinem land lassen
umblasen, das meniglich, so in die reiss verordnet was, solt erscheinen an seinem
hoff. Do ist kein hindersehens gewesen, sonder alle gar auff bestimpte zeit auff
einen tag zu hoff geritten kommen. Aldo hat der graff ein fürstlich malzeit
gehalten, alle burger früntlich geladen und sich mit in geletzt, darbei
gebetten, in seinem abwesen sich burgerlich und früntlich mit einander zu
halten; das sie im dann alsammen mit willen zu tun versprachen.
    Als aber Angliana jetzund den ernst ersehen tet, so das kein
hindersichsehens mehr da war, (dann der ganz hoff was erfüllet mit dem ton der
trommeten und hörbeucken, so was in allen ställen ein gross rühelen von pferden,
an allen orten kleppert das harnasch, und lieff je einer umb den andren, darbei
Angliana gentzlichen abnam, das ir liebster herr und vatter sampt Lewfriden
hinscheiden müsten) ist sie in grosses trauren gefallen, hat jetzund nichts
üblers besorget, dann Lewfrid wird vor seinem abscheid nit mehr zu ir kommen.
    Und als sie aber ein kleins nach dem verzogen, ist ir vatter sampt Lewfriden
in ganzem küriss angeton dohergetretten. Der graff sagt: Angliana, mein liebe
tochter, es ist schon alles mein volck vorhanden, haben sich alle gar nach dem
dapffersten aussgebutzet; darumb will mir lenger nit gebüren zu verharren. Ich
bit, du wöllest dir unser hinscheiden nit lassen schwer sein. Dann ich getrew
got dem herren, wir wöllend unser sach bald auff ein ort gemachet haben, damit
wir bald wider zu Haus kommen. Ich will dir den Waltern hie lassen; dem hab ich
befelch an meinen hoff geben, er wirt dir ein getrewer haussfogt sein in meinem
abwesen. Und darbei lass ich dir meinen schildtbuben; derselbig von und zu dem
hauffen reiten soll, damit du jeder zeit erfaren magst, wie alle sachen standen.
Dessgleich solt du mir auch alwegen zuschreiben, wie dirs gang. Fürwar so hab ich
kein grösser kreuzt, dann allein das ich nit allen tag dich vor mir sehen solle.
Hiemit, liebe tochter, befilhe ich dich got dem herren, der wölle deiner pflegen
in langwiriger gesundteit. Gehab dich wohl, mein liebe tochter!
    Semlichs geredt ging der graff von seiner tochter; dann er das zehern nit
mer verhalten mocht.
    Angliana gebar auch seer kläglich, das sie wohl zu erbarmen was. Lewfrid
jamert das fast ser, also das er auch gewölt het, das er von ihr gewesen were.
Er bodt der junckfrawen sein handt und sprach: Ach mein liebste junckfrauw, ich
bit, wölt euch nit so hart bekümmeren. Sunst macht ihr euwern herren vatter sein
reiss gar vil schwerer, dann sie im sunst gewesen wer. Seind getröst, ir sollend
gewiss allen monat zum wenigsten post von uns haben. Gott gesegne euch, mein
liebste junckfraw! Ich hoff, wir wend einander in kurtzer zeit mit grossen
freuden widersehen.
    O Lewfrid, sagt Angliana, wie lasest du mich in so grossem jamer! Ich sorg,
mein hertz werd mir vor leid zerbrechen; dann jetzund sihe ich dich und meinen
lieben vatter hinreiten ewren feind entgegen, der dann mit grossen grimmen und
gewerter hand euch begegnen wirt. Wann unnd so oft ich semlichs gedencken wird,
wie mag ich ymmer frölich werden! - Seind getröst, sagt der jüngling, mein
allerliebste junckfrauw! Wir hoffen, Glück werd auff unser syten sein, domit mir
unsere feind ritterlich erlegen, mit grossen triumph wider zu land kummen. Domit
umbfieng er die junckfrauw, schied in grossem unmut von ir.
    Angliana vor schmertzlichen weinen kein wort mer gesprechen kund, bleib also
bei iren junckfrawen in grossem leid sitzen, biss man jetzund auffbliess, jederman
sich zu ross schicket. Inn dem der graff auffsass, seinem volck allensammen
genadet, zu dem schloss aussreit durch die statt. Ihm reit Lewfrid zunechst auff
dem fuss nach, demnach aller sein adel, so er im land hat, fast wohl geburtzt mit
allem, das in von nöten was. Da geschah ein jemerlichs klagen und weinen von dem
gemeinen volck, als wann man iren herren gleich zu grab tragen wolt.
    Angliana hat sich zu obrist in irem gemach in ein fenster gestelt, domit sie
dem zeüg lang nachsehen mocht. Sie wunscht in vil Glück und ein fröliche
heimfart nach. Unnd als sie aber jetzund niemand mer hat sehen mögen, ist sie in
ihr gemach gangen, den tag gar nicht anders getan  dann seüftzen, klagen und
weinen, gar kein speiss noch dranck gebraucht, biss der ander tag erschinen ist.
    Walter aber ist die erst tagreiss mit Lewfriden geritten, sich gnugsam mit im
underredt, wes er sich derzeit halten solt. Er gab auch Lewfriden einen brieff,
den solt er zu Lissabona verschaffen, damit er gon Salamanca seinem vatter
geantwurt wird, so möcht sein vatter wissen, was seine geschefft weren. Sunst
weiss ich wohl, sagt Walter, wird mein vatter in grossen sorgen meinetalben ston.
Also blieb Walter die nacht bei Lewfriden. Morgens namen sie urlaub von
einander, und reit ein jeder seines wegs. Walter wider gon hoff, und Lewfrid mit
dem graven gon Lissbona reit, do sie dann von dem künig gar herrlichen empfangen
wurden. Dann sie mit einem schönen züg geritten kamen, davon ihm der künig nit
kleine freüd nam.
    Es ward auch in kurtzer zeit alle ordnung gemacht und geben, damit ein jeder
wissen mocht, was sein befelch war. So kam dem künig auch tegliche post von
seinem volck, wie der künig von Castilien täglichen grossen schaden tet; darumb
so begerten sie hilff und entschüttung an ihm, und wann die hilff schon nit seer
gross were, wollten sie dannocht dem find in kurtzer zeit ein abbruch tun und
dermassen abkeren, das in in Portugal nit mer glusten solt; dann sie hatten den
find dermass erfaren, das nichs hinder im were; dannocht aber weren sie gar zu
schwach, so wer kein reisiger züg vorhanden, so sie möcht entschütten. Sobald
der künig dise botschaft vernam, sein volck auch schon bei einander hat, liess
er verordnen, das man des morgens auffblasen solt und den nechsten anziehen. Das
alles geschach nach befelch des künigs.
 
                                      56.
 Wie der könig aus Castilien von des königs volck in der nacht überfallen ward
                            und gar hart geschlagen.
Mit grossen freuden ist des künigs volck ausgezogen, habend auch ir kundschaft
gar gut gehabt, wo sie des feinds wachten möchten uffheben. Sie hatten ire
schiltwachten gestelt in das gebürg, darin aber wussten sie nit sovil gelegenheit
und heimlicher weg als die Portugaler. Als aber der künig von Portugal alle
kundschaft erfaren, hat er sein fussvolck über alle rühe der gebirg gefürt,
sein reisigen zeüg aber hat er vor dem gebürg lassen halten; ist also in ganzer
stille die ganze nacht über gezogen und hinder der feind leger kommen, hat auch
zuvor allem landvolck befelch geben, das sie ein sonderen hauffen gemacht, mit
welchem sie den find auff der lincken seiten haben angreiffen sollen. Sodann hat
er sein hauffen in zwen teil zerteilt, den einen verordnet, mit dem feind
auff der rechten seiten zu treffen. So haben sich auch gar ein grosse menge der
Portugaler bauren inn den welden mit schlenckern und flitschenbögen versteckt
gehabt, des alles der find gar kein wissens gehabt hat.
    Als nun der könig durch losung und heimlich kreid verstendigt worden, das
aller sein fürgenommner anschlag nach seinem willen angangen, hat er in allen
heuffen befolhen, ein grausames geschrei anzuschreien, die hörtrommen und
trommeten starck gon lassen und mit sollchem geschrei den find auff dreien orten
anzugreiffen, das dann auch also volzogen worden ist. Dem reisigen zeug aber hat
er befolhen, gar in stiller hut zu bleiben, so lang sie den feind under augen
sehen über das gebürg kommen. Als nun aber seine anschleg ganz glücklich
aussgangen, hand die Portugalöser mit eim grossen und grausamen geschrei
angegriffen, davon der feind nit kleinen schrecken empfangen hat. Auff welche
seiten er sich wendet, so schlugen als die andren zwen heuffen hinden in in;
must also mit gewalt die flucht geben über das gebürg. Aldo kamen sie erst under
die bauren, so sich versteckt hatten; die wurffen starck mit steinen zu in,
dessgleich schussen sie grausam mit pfeilen auff sie. Do was kein gegenwehr,
allein begert ein jeglicher zu fliehen, so fast er mocht.
    Als sie nun über das gebürg hinüberkamen, understunden sie sich erst wider
zu samlen und ihrem feind widerstand zu tun. Das was aber auch umbsonst; dann
der reisig zeug brach erst mit ganzem gewalt in sie. Davon wurden sie erst so
gar verzagt, das sie nichts anderst dann der gnaden begerten, wurffen ihre
wehren von ihn, gaben sich ganz gutwilligklichen gefangen. Also was von disem
hauffen gar keiner überbliben, so nit erschlagen, verwundt oder gefangen ward.
    Des ihm dann der künig nit ein klein hertz fasset; er versamlet sein volck
eilens zusammen, damit er dem anderen grossen hauffen auch ein abbruch tun
möcht. Als er sein volck zimlich gespeiset het, liess er den ganzen hellen
hauffen zusammen in einen ring beruffen. Als sie nun gemeinlich zusammenkummen
seind, hat in der künig zum fordristen grossen danck umb ir mannlichen und
ritterlichen sig gesagt, demnach ir fürsichtigkeit fast geprisen, sie zuletst
ermant, das sie nit verdrossen sein sollten, sonder dem find noch weiter abrechen
und nachhangen; dieweil der schrecken noch in ihnen wer, möcht man gar gross
aussrichten; dann solt man lang verziehen, wer zu besorgen, das sich der find
wider stercket; alsdann mussten sie gar grosse far beston, dann so sie jetz gleich
den rucken darhinder tetend.
    Also ward mit einheiliger stimm dem raht des künigs gefolget, und eilens dem
find entgegenzogen. Der künig von Castilien aber was in eigener person bei dem
hauffen, furt den auch in gar guter ordnung, also das die Portugaler ein hartere
nuss mit in mussten krachen dann mit dem andren hauffen; und so der Castilier nit
so gar wenig gewesen, die Portugaler hetten grosse far beston müssen. Als nun die
hauffen zusammenkummen seind, haben sie sich nit lang bedocht, einander dapfer
angriffen. Dann sie zu beider seit wussten, das ein jedes heer seinen künig bei
im hat, darumb sie dann dester mannlicher fachten. Der reisig zeug traff zu
beider seit gar wohl. Die Castilier aber, wie oben gemelt, hatten keinen
nachtruck, wurden ganz mat von langem und embsigem streiten, zuletst
understunden sie in ir wagenburg zu weichen. Das nam Lewfrid vor allen andern
war, unnd mit etlichen reisigen fürrant er in die wagenburg, trib die find also
mit gwalt wider zu dem streit.
    Do das der künig von Castilien ersah, wohl abnemmen mocht, das seines folcks
gar zu wenig was, understund er zu fliehen. Den ranck aber kam im der graff für,
eilet mit dem ganzen reisigen hauffen auff ihn. Als nun der künig sah, das ihm
die flucht auch gefelet, eilet er behend der wagenburg zu, vermeint do
hineinzukommen. Lewfrid aber sonder alle Gesellschaft mit ingelegtem sper so
starck auff den künig rant, das er ross und mann zu hauffen rennet.
    Do nun der künig befand, das er überwunden was, begert er der gnaden und gab
sich Lewfriden in sicherheit und gefangen und begert von stund an, das der
friden angeblasen wirt; dann er sorget seines getrewen kriegsvolck. Also ward
friden geblasen und der streit mit grossem schaden der Castilier geendet.
Lewfrid kam mit seinem gefangnen künig für den künig aus Portugal, überantwort
im den in seinen gewalt. Also nam er ihn in gelübdt, desgleichen als sein volck.
Die liess er ganz werloss abziehen, den künig aber, und was sein räht waren, furt
er mit im gon Lissbona und zog also mit kleinem verlust, aber mit grosser beut
wider heim.
 
                                      57.
    Wie Lewfrid zu ritter geschlagen ward in gegenwertigkeit des künigs aus
Castilien, und wie der schiltbub der junckfrawen Angliana die botschaft bringt.
Mit grossem triumph und frolockung reit der künig von Portugal ein; dann er
seinen feind sampt allen seinen rähten mit im gefangen bracht, davon das ganz
künigreich zu rhu und friden kommen was. Der künig, sobald er in seinen palast
kam, liess er Lewfriden für sich bringen, desgleichen den könig von Castilien
sampt allen seinen gefangnen rähten. Als sie nun alsamen zuwegen stunden, fieng
der künig an und erzalt vor ihnen allen Lewfridens ganzes wesen, wie er so
wunderbarlich in muterleib von Lotzman dem lewen erkant worden wer, auch was er
biss zu der zeit für dapfferer und küner taten begangen, disen streit auch durch
sein mannlich und fürsichtig gemüt zu end bracht, darumb er dann billich den
orden der ritterschaft tragen solt; schlug ihn alsbald vor inen allen zu
ritter, darab im Lewfrid und sein schweher, der graff, nit wenig freud nam. Es
gab im auch der könig wapen und schilt mit schöner und lobwirdiger blasimierung.
Also ward Lewfrid auff einen tag geadelt und zu ritter geschlagen.
    Alsbald der schildtbub semlichs erfaren, ist er eilens zu seinem herren
gangen, in auff das früntlichest gebetten, er wolt in einmal heimreiten lassen,
damit er junckfrawen Angliana alle verloffnen eschichten zu wissen tet. Des der
graff gar wohl zufriden was, liess zuhand ein brieff an sein tochter schreiben und
schickt ir den bei dem buben. Der saumet sich nit lang auff der strassen; dann
er sorget stetigs, es möcht im ein andrer den taw abschlagen und das bottenbrot
bei der junckfrawen erwerben, dieweil er wohl wusst, das sie mit grossem seüfftzen
und verlangen geüffet, wann ir doch einmal von irem vatter und Lewfriden
Botschaft (check capitalization) keme. Er kam in kurtzen tagen an dess graffen hoff. Sobald er von
seinem pferdt abgestanden was, hat er eilens nach Angliana der junckfrawen
geforschet.
    Deren ist der bub angesagt worden durch iren kemerling. Ach, sagt die
junckfraw, wo der bott anderst dann gute Botschaft (check capitalization) bringt, sollet ir in für
mich nicht kommen lassen. Antwort der kemerling: Warlich, gnedige junckfraw, ich
kann nichts anderst an in spüren, dann das er seer frölich unnd wohl zu mut ist. -
So bringend ihn on verziehen für mich, damit ich mög erfaren, wie es umb meinen
lieben herr vatter ein gestalt habe, desgleichen umb sein volck!
    Zuhand ist der jung mit grossen freuden für die junckfraw bracht worden, die
in gar mit frölichem angesicht und früntlichen worten empfangen hat. Der bub
aber, sobald er ir sein reverentz getan , hat er zustund angefangen und gesagt:
Gnedige junckfraw, ir sind mir von rechts wegen ein reiches bottenbrot schuldig;
dann ich verkünd euch frölicher Botschaft (check capitalization), dann euch man auff erden jemals
verkünd hat. Nemend war, ewer herr und vatter ist ganz frisch und gesundt. So
ist der krieg gentzlich vollendet; dann ewer allerliebster Lewfrid den künig aus
Castilien selbs gefangen und unserm herren dem künig überantwort, der in zu
grossen ehren gefürdert. Dann er hatt ihn auff einen tag geadelt unnd zu ritter
geschlagen zu Lissbona auff dem küniglichen palast. Des werdt ir in disem brieff
gar grüntlichen bericht empfangen.
    Als Angliana dise Botschaft (check capitalization) von dem jungen vernommen hat, darff niemans
fragen, ob sie auch frölich worden sei. Das aber mag ein yeder bei im selbs
warnemmen; so einer seines guten freunds wolfart sehen tut, ist es im ein
hertzliche freud. Ich geschweig der freuden, so die junckfraw do empfacht;
erstlich vernimpt sie, das ir herr unnd vatter noch in leben sind, auch das
ganz land zu friden und rhuen bracht ist; und dass noch mehr ist, so erfart sie,
das der, welchen sie für alle reichtumb der welt liebt, sich so ritterlich hat
gehalten, den orden der ritterschaft erlangt unnd zu solchen grossen ehren
kommen ist. Sie nam den brieff, schloss den auff und fand darin alles das war
sein, wie ihr der bub das angezeigt hatt. Sie schloss auff einen schönen kasten,
nam daraus zehen ducaten, verehret die dem knaben, so ir das bottenbrot unnd
botschaft bracht hat.
 
                                      58.
 Wie Angliana nach Waltern sendet, im den brieff zu lesen gab, so der knab von
         irem vatter bracht hat, was grosser freuden er davon empfing.
In grossen unseglichen freuden was Angliana; mit ir erfrewten sich auch alle ire
junckfrawen, in sonderheit Florina und Cassandra. Sie schicket auch nach
Waltern. Der kam eilens; dann er meint, der junckfrawen were etwas übels
widerfaren. Sobald er nun in ir gemach kam, ging sie im mit grossen freuden
entgegen, empfing in gar früntlich weder andere mal. O Walter, sagt sie, ich muss
dich der grossen freuden auch teilhaftig machen; dann uns gar gute botschaft
von meinem vatter kommen ist. Damit gab sie im den brieff. Den lass Walter von
anfang biss zum end; davon im sein hertz in grossen freuden schwebet. O Angliana,
ich sag euch sicherlich, sprach Walter, diser brieff erfrewt mich mehr, dann
mich der fordren nächt ein traum erfrewen tet. - Wie was der? sagt Angliana.
    Mir traumet, sagt Walter, wie ich meinen liebsten bruder und gesellen
Lewfriden in einem grossen gedreng unnd scharmützen inmitten under seinen
feinden ersehen tet. Die alsamen mit krefften zu im schlugen und schussen seer
vil tödtlicher vergiffter pfeil auff ihnen. Er aber mit grosser macht und
geschwinden streichen sich under seinen finden arbeitet, zuletst aber verschwand
mir Lewfrid vor meinen augen, unnd was der streit schon geendet. Bald syhe ich
einen jüngling, dem was sein haupt entblösst, hat nichts darauff dann einen
schönen krantz von lorberzweigen gemacht; in seiner lincken hand furt ein
gebunden und gefangen, derselb was mit gar köstlichem vergultem küriss bekleidet,
sein haupt mit einem gleisenden helmlin bedecket, das fysier fürgeschlagen, also
das in niemans erkennet. Der jüngling in dem lorberkrantz furt in seiner rechten
hand ein bloss schwerdt allentalben mit menschlichem blut besprenget. Ich sah
in mit ganzen ernsten under sein angesicht, was mir gentzlich, wie ich in solt
kennen, het in auch fast gern angesprochen. Sein angesicht aber was seer
erschrockenlich anzusehen, deshalb ich underliess mit im zu reden. Also ging er
fürüber mit dem gefangnen und überantwort in dem künig. Als mich aber solich
gesicht gar angstaft inn meinem schlaff machet, tet ich zuletz gentzlich
erwachen, lag die übrig nacht in schweren gedancken, stetig bedencken tet, wie
mir Lewfrid also aus meinem gesicht verschwunden were. Nun aber bin ich wohl
zufriden; dann mir ist schon des traums deutung durch disen brieff auffgelöset.
Dann das ich Lewfriden aus meinem gesicht verloren, ist anders nichts, dann das
er mir vormals nie anderst erkandt gewesen ist dann ein schlechter reutersman,
und aber jetzund durch sein schwert und mannliche hand den orden der
ritterschaft erlanget hat. Semlichs gibt mir anzeigung der lorberkrantz, so er
auff seinem haupt trug. Darumb, liebste junckfraw, mich dise Botschaft (check capitalization) billich
erfrewet.
    Als sie nu ir zeit mit mancherlei gesprech kürtzten, dieweil lieff der
schiltbub allentalben an dem ganzem hoff umb, Waltern zu suchen, damit er auch
ein bottenbrot von ihm belonen möcht. Letst ward im gesagt, wie er in dem
frawenzimmer bei junckfrawen Angliana wer. So ist mein anschlag umbsunst, sagt
der knab. Erst fing er an dem andren hoffgesind die botschaft zu verkündigen.
Das geschrei kam auch in die statt under die burger, die wurden mit grossen
überschwencklichen freuden umbgeben. Als sie vernamen, das ir liebster herr noch
frisch und gesund was, warden allentalben in der statt freudenfewr gemachet;
auch kleideten sich alle burger in ein gleiche farb, damit sie irem herren mit
freuden und zierlich möchten entgegenreiten und zu fuss ein feinen hauffen ins
feld fieren.
    Als nun der künig einen steten und ewigen pundt mit dem künig von Castilien
auffrichtet, hat er auch allen kriegskosten aussrichten und bezalen müssen.
Alsdann hat ihn der könig widerumb in sein land ziehen lassen, und ist auch
alles kriegsvolck wider geurlobt worden, der graff mit seinem volck auch wider
heimzogen.
 
                                      59.
 Wie der graff mit allem seinem adel wider zu land kompt, mit grossem frolocken
       empfangen ward von seinen burgern, desgleichen von seiner tochter.
Ir hand oben gehört, was grosser freuden des graffen volck gehabt, als sie
vernommen haben, das ir herr noch frisch und gesundt was. Sie haben sich fast
köstlichen aussgebutzt und mit einem auffrechten fenlin irem herren
entgegengezogen. Es haben aber die überentzigen, so pferdt gehabt haben, ein
schon geschwader von reisigen pferden auch allsam in einer kleidung geritten,
sind irem herren entgegen. Darab ime der graff nit wenig lust und freud
genommen, dann er die liebe seines volcks darbei gespürt; sind also mit freuden
und frolocken in die statt kommen.
    Als nun Angliana vernam, das ir lieber vatter sampt irem allerliebsten
ritter kommen ist, hatt sie sich mit ihrem ganzen frauwenzimmer auff das
allerzierlichest geschmucket; ihrem vatter entgegengestanden, als er zu hoff ist
eingeritten, den sie gar freundtlich und mit seer grossen freuden empfangen
hatt. Ritter Lewfrid ist ihme zunechst auff dem fuss nochgeritten fast frölicher
geberd. Als er sein liebste junckfraw hat erblickt, ist er von grossen freüden
ganz in seinem angesicht errötet; nit minder ist Angliana von seinem anblick
erfreuwet worden.
    Alsbald seind sie von iren pferden abgestanden, in den grossen saal gangen,
darin haben sie ir harnasch von in gelegt und sich ganz entwapnet. Bald sein
ein grosse zal der taflen gedeckt, yeder nach seiner wirde zu tisch gesetzt
worden. Da ist ein fürstlich malzeit bereit gewesen; dann Angliana hat alles
nach dem köstlichsten und scheinbarlich angeschicket, darab der graff ein gross
wolgefallens gehabt hat. Es ist auch nit minder auff allen trinckstuben in der
ganzen statt grosse freud gewesen. Dann alle burger sampt iren weibern haben ir
essen zusammengetragen, so früntlich und frölich mitnander gelebt, das der graff
ein gross wolgefallen darab gehabt; hat auch mit allerhand gaben und schencken
die gemein burgerschaft verehret, damit sie dest lichtsinniger hand mögen in
freuden leben.
    Zu hoff ist etlich tag ein gross jubiliren gewesen und groser hoff gehalten
worden; dann der graff alle seine ritterschaft ein zeit lang beinander behalten
hat. Und als aber die wohl anssgerhuwet hand, seind sie mit urlub des graffen ein
jeder wider zu Haus geritten. Doch so hat der graff die nechsten umbsassen
gebetten, das sie ungeforlich in acht tagen wider zu hoff erschinen wollten; dann
er ein gar nötigs geschefft zu verrichten het. Das ward im von in allen
versprochen.
    Also ritten sie von hoff. In der zeit aber schicket sich der graf mit allem,
das zu einer solichen hochzeit von nöten was, als mit kleidung, speiss und
gedranck, wiewol niemans wissen mocht, was er sinns were, allein Angliana und
Lewfrid der ritter.
    Nu was ein freiherr nit weit von dem graven in einer andern statt gesessen,
derselbig was auch in der reiss gewesen und was ein wittwer, fast reich an gut,
land und leuten, so das er den graven an reichtumb übertraff; darneben aber was
er ein ungetrewer und zornweher man. Als nun menigklich von hoff gescheiden was,
belib er noch lenger in der statt in einer herberg; auff den nechstkünftigen tag
liess er ein werbung an den graffen langen umb sein tochter Angliana. Das im der
graff gentzlich abschlagen tet, im darbei zu verston gab, wie er sein tochter
einem ritter versprochen het, demselbigen wolt er sein zusagen leisten; darumb
liess er im seiner ehrlichen werbung grossen danck sagen. Als semlichs dem
freiherren gesagt ward, erzirnet er sich onmassen hart, nam sich aber gar keines
zorns an, damit er sich an dem graffen möcht gerechen.
    Als er nun erfaren hat durch ander practick, wer der ritter was, welchem
Angliana versprochen war, hat er mit ernst dem ritter nach seinem leben
getracht, heimliche halten auff ihn gemachet, damit er in möcht in sein
gefenckniss bringen. Diss aber ist Lewfriden durch ein guten und getrewen fründt
anzeigt worden, domit er sich möcht vor im verwaren. Lewfrid der ritter hat
semlichs zu oren gefasst, nit mer für die statt geritten, er hab dann sein gut
harnasch an; hat sich auch ab solichem auffsatz gar nit besorget, wo er nicht
mit hinderlisten angerandt und ungewarnetter sachen überfallen wird.
 
                                      60.
  Wie der graff sampt dem Walter und anderen seiner diener von dem freiherren
angerandt ward, zwen des groffen diener erstochen, Walter gefangen und der graff
        an einen baum gebunden, aber von dem Lewfrid wider erlösst ward.
Lewfrid der ritter liess semlicher warnung gar nit mercken, domit im das nit für
ein verzagnüss zugemessen wird. Eines tags begab sichs, das der graff mit
ettlichen seinen dieneren auff ein schloss reiten tet, auff welchem er lang nit
gewesen was. Er aber ward durch einen denmarckischen rossteuscher dem andren
freiherren verkundtschaft, welcher vormals umb sein tochter Angliana geworben
hat; demselbigen ward auch für ganz gewiss angesagt, wie Lewfrid der ritter auch
mit seim schweher, dem graffen, reitten wird. Der freiherr versamlet bald ein
geschwader reütter; denen befalch er, sich eilens wohl beritten zu machen,
desgleichen sich mit harnasch und wehr wohl zu verwaren; dann sie mussten ein
mannlich reuterstuck begohn. Diss alles ward nach seinem befelch aussgericht,
bracht inn einer eil auff zehen pferd zusamen.
    Der graff, Lewfriden schweher, versah sich gar nit; dann ihm von keinem
feind gar nicht zu wissen was, dieweil er mit allen seinen umbsassen inn gutem
friden war. Er nam zu ihm vier seiner diener, desgleichen Leuwfriden unnd
Waltern, also das er nur selbsibend aus seiner gewarsame reitten tet. Nun wolt
sich unglück machen; dann als sie auff ein halbe meil geritten waren, fiele dem
graffen ihn, wie er etlich brieff, an welchen ihm vil gelegen was, daheimen
vergessen hett. Er wolt semliche brieff keinem diener befelhen zu reichen; dann
er sorget, die sach möcht nit nach seinem willen aussgericht werden. Darumb befal
er dem ritter Lewfriden, die sach zu versehen. Nun was keiner under in allen in
sein harnasch angeton dann der ritter Lewfrid. Der reit schnel und behend wider
zuruck.
    Er aber was nit gar ein halbe meil von seinem schweher, dem graffen, kommen,
do hat sie der freiherr in einem wald auff einer wegscheiden angefallen, und ehe
dann sie gewarnet worden, hat er im zwen seiner diener erstochen und mit lauter
stimm geruffen: Es sei dann sach das ir euch allsampt gefangen geben, sonst musst
ir heut den todt von uns leiden.
    Der graff, welcher sich ab einem so schnellen überfal grösslichen entsetzet,
dann er den schnellen todt seiner diener vor augen gesehen, so was niemans mer
bei im dann zwen seiner diener und Walter, die waren auch ganz erschrocken; so
was sich auch do nit lang zu bedencken, dann sie waren mit gewapneten reisigen
ganz umbringet. Derhalben begereten sie der stangen. Der freiherr eilet allein
auff den Walter; dann er in gleicher form was wie Lewfrid der ritter, darumb
meint  in entlichen Lewfriden sein. Er nam allein den Walter und beide des
graven diener, furt die mit im. Den graffen aber befalhe er an einen baum zu
binden und sagt: Dieweil ihr disen baurenson mir haben fürgesetzt und im ewer
tochter vor mir geben, will ich euch zu einer schmach also ston lassen. Die
andren seine diener furen mit den gefangnen darvon.
    In disem schimpff kompt der ritter Lewfrid geritten und ersicht in dem
ersten anblick seinen herren an dem baum gebunden ston und den freiherren noch
bei im halten. Ritter Lewfrid sah an der gestalt seines herren wohl, das seine
sach nit recht geschaffen was; so hat im auch der freiherr zuvor getrawen.
Darumb macht er wenig umbstend, sunder zucket von stund an sein gutes schwert
und sagt: Gnediger herr, wer hat euch soliche schmach bewisen? Das zeigend mir
an! Ich will das mit meinem ritterlichen schwert rechen oder mein leib und leben
darob verlieren.
    Der freiherr, welcher ein stoltz und gar neidiger man was, den ritter
zustund an seiner sprach erkandt und sah wohl, das er nit den rechtschuldigen
angriffen und gefangen hat. Er sagt aus grossem hochmut zu Lewfrid: Du
beürischer ritter, dir solle auff disen tag kein anders noch bessers widerfaren.
Darumb so saum dich nur nit lang! Der ritter zucket behend sein scharpffes und
gutes schwert, hewe damit ganz krefftiglich nach dem freiherrn. Der zucket sein
haupt aus dem streich, also das Lewfrid sein verfelen tet und hiewe seinem ross
ein grossen teil von seinem haupt hinweg. Darvon das pfert ganz ergrimmet und
in grossen schmertzen und zorn hin durch den walt ganz schnell lauffen tet.
    Lewfrid eilet im mit verhengtem zaum auff dem fuss nach, so lang das dem gaul
anfing schwach zu werden und under im niderfallen tet. Ritter Lewfrid sagt aus
grossem zorn: Herr, ir müssend euch auff disen tag gefangen geben, und nur bald.
Sunst musst ir mir eüver leben in disem waldt lassen; davor wirt euch niemant
gefristen. Der freiherr understund sich mit gewalt zu weren, schrei domit seinen
dienern zu; die aber waren zu weit von im. Ritter Lewfrid ergrimmet so gar über
in, das er in nit mer begert gefangen zu nemmen, sunder schlug mit ganzer
seiner krefft zu; damit macht er den herren so ganz matt, das er sich nit mer
wehren mocht. Alsobald begert er der stangen.
    Also nam in Lewfrid gefangen; doch so musst er im zuvor sein schwert
überantwurten und von hand geben. Also furt er in behend wider zu seinem herren.
Da ward er erst aller sachen bericht, wie es mit den zweien dienern gangen was;
do lieff im erst sein hertz von zorn über. Also musst im der freiherr eilens
geloben und schweren, ihnen beiden nachzufolgen. Also furten sie in auff das
schloss, das dann nit gar ein fierteil einer meilen von disem ort was.
    Doselbs vermeint Lewfrid seinen gesellen und andren zwen diener zu finden;
dann er gedacht, sein herr het die von im gesandt und wer erst darnach mit den
andern zweien knechten angriffen worden. Als aber er vernemmen ward, das Walter
gefangen was, schwur er bei seinem ritterlichen orden, das er nimmer ruwen noch
rasten wolt, sein gesell wer dann seiner gefencknüss ledig und los, und wo ein
semlichs nit auff dieselbig nacht geschehe, so wolt er den landterren mit
seiner eignen hand umbbringen. Dises alles sagt er dem freiherren under augen,
davon er sich nicht wenig entsatzte. Er begert zuhand, das man im papeir und ein
schreibzüg geben solt, so wolt er eilens einen brieff schreiben und denselbigen
seinem burgfogt zuschicken, damit die gefangnen nit in harte gefencknus gelegt
wirden. Diss ward ganz eilens volstrecket, wie er begert hat.
 
                                      61.
Wie Walter wider ledig worden und Lewfrid gross gut an den freiherren fordert von
                    wegen der erschlagnen des graven diener.
Als nun der freiherr den brieff geschriben, hat in Lewfrid nit wöllen lassen
zuschliessen, er habe in dann zuvor gelesen; dann er besorget sich, der landherr
möcht ein andre geschwinde practick anrichten, sein folck heimlich zusammen
manen und in underston mit gewalt zu entledigen. Als aber der brieff nach seinem
gefallen geschriben, gab er ihn dem landherren. Der verschloss in zuhand,
überschicket denselbigen bei Lewfriden seinem burgfogt.
    Als aber Lewfrid yetzund nit gar ein meil in den wald geritten was, findt er
des freiherren diener. Die waren von seiner zukunft fro; dann sie meinten, ir
herr keme durch den dicken wald hertraben. Bald aber sehend sie, das er es nit
ist, erschracken sie gar seer; dann sie waren eines teils von ihren pferden
abgestanden und hatten Waltern unnd die beiden diener an die beum gebunden, ihr
fatzwerck und gespei mit in getriben. Sie hattend auch ihr hauptarnasch von ihn
gelegt.
    Lewfrid der ritter nam sein gar eben war; dann er seinen liebsten bruder
Walter schon erblickt hat. Er aber bedacht sich nit lang, sprenget mit
verhengtem zaum under sie, strenget sie mit rauhen worten an und sagt aus
ganzem zorn: Ihr ungetrewen und trewlosen strassreuber, sagen an, wie dörffen
ihr einen sollichen frummen herren auff seinen grund und boden also mit gewalt
und wider alles recht also mit grosser schmach fahen und anbinden, ihm auch
seine diener, welche sich alles guten zu euch versehen, so jemerlichen ermörden
und umbringen? Ir müssend mir euch wie ewer herr disen tag gefangen geben oder
alsampt von meiner ritterlichen hand sterben. Damit zucket er sein schwerdt und
schlug mit ganzen krefften nach einem, welcher zu seinem hauptarnasch eilen
wolt, und zerspielt im sein haupt biss auff sein halbes angesicht. Derselbig
geschwind todt zur erden fallen tet. Bald eilet ritter Lewfrid auff zween
andere; dem einen schlug er des ersten streichs sein haupt von der achslen
hinweg, dem andren stiess er sein schwerdt oben bei seinem Hals zwischen dem
harnasch hinin, das er auch gleich todt zu der erden sanck.
    Als nun die anderen die streng und mannlich tat an dem ritter sehen teten,
erschracken sie dermassen so seer, das sie nit auff ihren beinen ston kundten,
sunder fielen auff ire knye umb gnad bittend. Under disen sibnen was auch der
burgfogt, wöllichem ritter Lewfrid den brieff von seinem herren bracht haben
solt. Als der vernam, das sein herr auch gefangen was, erschrack er on massen
gar seer, gab sich von stund an sampt den andren gefangen. Also nam Lewfrid
sicherheit von ihnen und liess die andren diener reitten; den landfogt aber furt
er gefangen mit ihm.
    Walter und seine beiden mitgefangenen wurden beidsammen ledig gemacht. Sie
sassen auff ire pferd, wurden grösslich widerumb erfreuwet. O mein liebster
Lewfrid, sagt Walter, wie hastu uns so aus grossen engsten und nöten erlöset!
Dann sunst wirden wir in schwere und harte gefencknüss kommen sein; dann uns
diser burgfogt darauff hart getrawen hat. Der ritter Lewfrid antwort: Also soll
man den gesten rechnen, weliche die ürtin vor dem wirt machen. Disem burgfogt
solt wohl beschehen als einem, so feindtliche tieffe gruben gedolben hat und aber
selb darein fallen tut. Hat er ein semlichen hochmut an euch, den unschuldigen,
wöllen und understanden zu begon, solle im auch grössere barmhertzigkeit nicht
widerfaren. Dann ich soll in in ein hartere gefencknuss verschaffen; dann er ein
semlichs an euch wohl verschuldet hatt. Von disen worten dem burgfogt fast angst
ward, entschuldiget sich, so best er mocht.
    Mit disen worten sind sie kommen auff das schloss, darauff der gefangen
freiherr was; zu welchem Lewfrid sagen tet: Herr, ir habend meinen gnedigen
herren wider alle recht und landfriden sonder alles absagen in seinem eigenen
land gefangen, ime auch zwen seiner diener, eh dann sie zu wehr kommen sind,
erstochen. Dasselbig euch als einem landsherren nit wohl angestanden, werden auch
wenig rhums davon erlangen, wo das ymmermer von euch gesagt. Es hatt aber gott
semlichs nit mügen vertragen; dann er je kein übels ungestraffet lasst. Dann er
mich darzu hat lassen kommen, das ich mein liebsten herren ledig gemacht, euch
hergegen an seiner statt gefangen hab. So ist mir auch mein liebster gesell von
euch gefangen gewesen. Denselbigen sampt meines herren dieneren hab ich wider
ledig gemachet, nit durch eweren geschribnen brieff, sonder durch mein
ritterliche faust und gutes schwert. Semlichs haben drei ewerer diener wohl
erfaren, die gleich so wohl als meins herren diener in dem wald todt ligen. Die
übrigen sind alle uff disen tag meine gefangnen, müssend sich auch nach gegebner
irer sicherung auff ein gelegen tag stellen. Den burgfogt aber als den obersten
hab ich in meiner gewalt und gefencknüss behalten wöllen, damit ich euch nach
meinem gefallen rantzonen mög. Ir habend mich gehasset, umb das mich das Glück
vor euch beschert hat. Das solle euch von mir vergolten werden, will mich auch
des vor küniglicher majestat hoch beklagen; der soll mich an euch rechen.
    Von disen worten erschrack der freiherr gar seer, dieweil im unverborgen was
die ritterliche tat, so er in dem vergangenen krieg volnbracht hat, begab sich
derhalben ganz willigklichen inn des ritters rantzon, was er ihm aufflegen
tet, wolt er gern tragen und leiden, allein solt er in nit vor dem künig
verklagen und zu schanden machen.
 
                                      62.
   Wie der guaff den freiherrn mit ihm heimfurt sampt seinem burgfogt, ritter
  Lewfrid sie beidsamen seiner liebsten junckfrawen übergeben tet, nach irem
                           gefallen mit ihn zu leben.
Als nun Lewfrid und der graff bedachten, das schloss, darauff sie waren, nit so
gar fest sein, sorgten sie, die knecht, so wider zu land kommen weren, möchten
sie verkundtschaften und das landfolck gemeinlich in ein tumult bewegen, das
sie understunden iren herren mit gewalt zu ledigen. Darumb habend sie sich nit
lang gesaumbt, haben die zween gefangnen ganz gewarsamlichen gefieret und wider
heim geritten. Sobald sie nun zu hoff kommen sind, hat sich meniglich der
gefangnen verwundert; dann sich niemans keines unfridens oder lermans hat
versehen. Diss geschrei ist bald für Angliana kommen. Die hat sich nit lang
gesaumet, ist sampt irem frawenzimmer zu irem vatter gangen. Sobald hat ritter
Lewfrid seine beiden gefangnen seiner liebsten junckfrawen übergeben, ir dabei
alle ursach irer gefencknuss zu wissen getan . Darvon sich die junckfraw grösslich
verwunderet, hat damit die beiden gefangnen befohlen auffs sicherst zu verwaren,
biss sie sich mit irem vatter und dem ritter gnugsam underreden möcht. Also hat
man sie in einer sonderen stuben mit gewapneten mannen verhuten lassen. Demnach
in zweien tagen sind auch die andren knecht kommen und sich gestelt, wie sie
dann dem ritter in dem wald zugesagt; die sind gleicher gestalt mit iren herren
in gemelter stuben verhütet worden.
    Als nun Angliana mit irem vatter und dem ritter zu raht gangen, habend sie
die anderen diener für ledig erkant, dieweil sie alles, so sie gehandelt haben,
aus befelch ires herren haben tun müssen. Den burgfogt aber von wegen seiner
trawworten haben sie bei seinem herren bleiben lassen und ihm, dem herren, ein
rantzon auffgelegt, als namlich tausent ducaten. Dessgleich so hatt er sich
müssen gegen dem graffen gar hoch verschreiben, ewigen bund und friden mit im zu
haben, in gar kein weg wider in noch die seinen zu handlen dann gütlich und
warzu er fug und recht hab. Den burgfogt haben sie umb fünftzig ducaten
gerantzonet. Kurtzlich ist die rantzon erlegt worden; unnd hatt sich der
landterr inn keinen weg gesperret, damit er vor dem künig nit verklaget wurde,
hat sich auch demnach so ganz früntlich gegen und an dem graffen gehalten,
desgleichen an ritter Leuwfriden, das sich dess nit gnug zu verwunderen gewesen
ist. Und als alles aussgericht gewesen, ist er sampt seinem burgfogt wider zu
Haus geritten, hatt im erst nachgedacht, wie unbillichen er dem ritter
auffsetzig gewesen ist. Also ist diser unwillen auch zergangen.
 
                                      63.
   Wie die hochzeit mit Angliana gehalten worden ist, was grossen freuden do
                   fürgangen sei mit turnieren und dantzen.
Als nun diser span ist verricht worden, hat im der graff mit fleiss nachgedacht,
wann er lenger mit seiner tochter hochzeit verziehen solt, möcht im etwan ein
andrer herr auffsetzig und nach seinem leben stellen, hat also, sobald im
müglich gewesen, alle ding, so darzu von nöten, zugerüst. Er hat in allen seinen
wälden unnd forsten befolhen zu jagen, das dann auch beschehen ist. Seine
undertanen, und was vom adel gewesen, haben sich mit ganzem fleiss darzu
geschicket, so das in wenig tagen seer vil wiltprecht zusammenkummen ist an des
graffen hoff. Auch haben sie seer vil gefügel von fasanten, haselhünern,
feltienern, pfawen, urhanen und andren wiltpret dem graffen überschickt.
    Als der tag der hochzeit kummen, seind die, so darzu geladen gewesen, mit
hauffen und ganz kostlichen erschinen sampt frawen und junckfrawen. Da ward
jeder nach seiner wirde und adel empfangen, und ward die hochzeit mit grosser
herlickeit angefangen. Davon ich aber von kürtze wegen nicht schriben will; dann
hie ward anders nicht sunders gehandlet, das hie von nöten zu schreiben sei,
allein ward kein kosten hie gespart. Der spieleüt und schalcksnarren was ein
grosse summen, so sich zu diser hochzeit versamlet und zugeschlagen hatten. Da
wurden auch mancherlei schawessen und hoffessen fürgetragen, von fleisch und
fischen gar onzalbar richten. Nachdem aber zu jeder zeit der imbiss volbracht,
wurden köstliche und zeirliche dentz gehalten. Darzu wurden vilerlei ander
kurtzweilen angerichtet, als mit turniren, rennen und stechen. Ringen, springen
und ander vilerlei ritterspil wurden getriben den schonen frawen und junckfrawen
zu gefallen. Dise hochzeit weret etlich tag, das an keiner kurtzweil noch
freüden mangel gespirt ward. Das wöllend wir also genugsam beschreiben unnd
gesagt haben, ein jeder mag selb errichten, was für freüd und kurtzweil
fürgangen sei.
    Als sich nun die hochzeit geendet, für jederman wider zu Haus. Angliana und
Lewfrid aber lebten gar freündtlich mit einander. Dann Angliana sich in kurtz
hernach schwanger befand; davon gar grosse freud an dem ganzen hoff entstund,
insonders bei Leuwfriden unnd dem alten graffen.
    Als sich nun ein gute zeit verloffen und Angliana gar nach das halbe zeil
erreicht hatt, ist Lewfrid in gar grossen freuden gewesen und gar oft an seinen
lieben vatter und muter gedacht, was grossen freuden sie haben wirden, wo in
sein wolfart zu wissen kem. Derhalben trachtet er tag und nacht, wie er zuwegen
bringen kundt, das er seinen eltern semlichs entbieten möcht, ist also mit
seinem liebsten gesellen zu raht gangen. Do hatt im Walter bewilliget, eigner
person heim zu reiten, damit im alles nach seinem willen möcht aussgericht
werden.
    Also hatt sich Walter auffgemacht, den nechsten heimwartz geritten, inn
wenig tagen sein vorgehaben reiss volnbracht. Do darff niemans fragen, was
grossen freuden Erichen dem meier und seinem weib zugestanden sind, als sie
vernomen hand, das ir son mit so grossem Glück umbgeben gewesen ist. Nit minder
hatt auch der kauffman, des Walters vatter, unnd sein weib freud gehabt, hatt
ihm auch entlichen fürgenomen, Leuwfriden selb zu suchen und zu besehen, wie
dann auch gar kurtz hernach geschehen ist, wie ir nachmalens vernemmen werdet.
 
                                      64.
Wie Lewfrid im vil kurtzweil nam mit seinem pracken und dem lewen Lotzman, unnd
wie er einem hirschen mit dem lewen nacheilet, von welchem er in einem schenckel
                                verwundet ward.
Als nun Lewfrid mit seiner liebsten Angliana inn grossen freuden lebet, darneben
in aller gotsforcht sich beflissen, nam im Lewfrid oft zu müssiger zeit für, mit
seinem pracken und Lotzman dem lewen freud unnd kurtzweil zu suchen in den
lustigen grünen welden, darin er manig stuck hochwild mit seinem lewen und
pracken aussspüret und erlegen tet.
    Eines tags begab sich, das Lewfrid im wohl gedacht, Angliana wird jetzund ir
ziel schon erreicht haben. Darumb befliss er sich täglich mit seinem pracken und
lewen, das hochwild in dem wald zu suchen. Einsmals kam sein prack einen
mechtigen hauptirschen an, dem satzt Lotzman der lew dapffer zu. Lewfrid sprang
von seinem pferdt, zucket sein schwein-schwerdt, damit er den lewen möcht
entsetzen; dann er sorgt, der hirsch möcht im schaden fügen. Der hirsch aber,
sobald er das glantzend schwerdt ersehen, hatt er sich eilens zu Lewfriden und
gentzlich von dem lewen gewendet, Lewfriden mit den fordersten enden seines
scharpffen gehürns dermassen inn seinen rechten schenckel gewundet, das er ganz
heftig an hat gefangen zu bluten. Er ist behend von seinem lewen gerochen
worden; der ergriff den hirschen ganz grimmig in einer seitten und riss im die
gar weit auff, dass ihm sein geweid zur erden fallen und eilens todt was. Lewfrid
aber von dem grausammen blut, so von im lieff, gar schwach ward, wider auff zu
ross sass, wie er mocht, zu einem külen brunnen reit, sich ein wenig mit dem
frischen wasser zu erquicken. Ab von seinem pferdt stundt, des wassers schöpffet
und ein frischen trunck tet, ein wentzig wider zu im selb kam, seine wunden mit
guten heilsamen kreuteren verband und verstopffet.
 
                                      65.
  Wie Lewfrid von seinem herren, dem kauffman, und Waltern bei einem brunnen
                              ligend funden ward.
In dem begab es sich, das sein herr, der kauffman, sampt seinem son geritten kam
und eben die strass durch den wald nam, do der verwundet Lewfrid bei dem brunnen
lag, der jetzund schmertzens halb nit mer ston, reiten noch gon kundt. Walter
erkandt von stund an seinen gsellen, wusst aber nit, das es im so trübselig
gangen was, biss das im Lewfrid alle sachen öffnet, was im mit dem hirschen
begegnet wer. Er empfing seinen herren gar freundtlich, er kond aber vor grossem
schmertzen nit mit im reiten, sonder bat Waltern, sie beid sollten bald zu hoff
reiten und verschaffen, das im ein rossbar bracht wird. Sie saumpten sich nit
lang, ritten eilens zu hoff.
 
                                      66.
  Wie Angliana von dem kauffman und seinem son Walter vernam, das Lewfrid von
einem hirschen tödtlich verwundt, und sie von stund an in den wald zu ihm lieff.
Das geschrei kam eilens für Angliana, wie das ihr liebster gemahel Lewfrid
heftig von einem hirschen verwundet were und in dem wald vor grossem schmertzen
gar onmechtig lege, darab die Angliana grossen schrecken empfieng. Die nam vil
guter und krefftiger latwergen; sie wolt niemans erwarten, sonder eilet zu fuss
hinaus auff die strassen zu dem brunnen. Aldo fand sie Lewfriden in grosser
onmacht ligen; dann er sich gar hart verblut hat. Angliana was mit grossem
hertzenleid umbfangen; dann sie ires liebsten herren in grossen sorgen stund.
Wie fast sie im ruffet, so wolt er ir gar kein antwurt geben; zulest kam im von
irem steten riefen sein verschwundener gaist harwider. Er blicket sein liebste
fraw mit einem grossen süffzen an und sagt: O du mein liebste gemahel, wie
schwach und kraftlos bin ich an meinem hertzen! Angliana, so fast sie mocht,
ihnen trösten ward; sie erquickt in auch mit guten krefftigen confecten, so sie
mit ir genummen.
    In dem kam auch sein herr sampt Waltern mit einer rossbaren und brachten ein
wundartzt mit in, so im erstlichen das blut verstellet, darnach sein wunden
verband. Darnach huben sie in uff die rossbar. Angliana sass zu im hinauff, sein
haupt in irer schoss ligen hat.
    Bald sie nun zu hoff kummen seind, ist der alt graff der geschicht innen
worden. Und als er eilens aus grossem schrecken ein steg hinablauffen wolt,
seind im beide füss aussgangen, und als er von leib ein gross und schwer man was,
ist er gar hart die stegen hinabgesturtzt, also das man in für todt dannen trug.
Davon ein newes leid zu hoff entstünd. Der graff ward von seinen dienern in ein
sal getragen und auff sein schlaffbet gelegt. Alles, so müglich was, ward mit im
versucht, aber gar umbsunst war. Da nun der graff befand, das sein end sich gar
fast harzunehet, schicket er sich ganz christlich zu sterben, ordnet seine
sachen zum besten, so er in solcher zeit zuwegen bringen mocht. Am dritten tag
aber verschied er ganz seligklichen und ward mit grossen trauren und klagen von
den seinen zur erden bestattet und hertzlichen beweinet. Es wurden aber solche
geschichten Leuwfriden gar verhalten, biss er wider seiner wunden genesen tet,
wie ir vernemen wert.
 
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 Wie Lewfrid gross leid umb seinen schwäher trug, und wie er nach seinem vatter
 und muter, auch etlichen geschwisteren schicket; der kauffman sampt seinem son
                           wider heim zu Haus ritten.
Die gut pfleg und wartung, so Lewfriden täglich bewisen wurden, haben in in
kurtzen tagen wider zu seinen verlornen krefften gebracht, so ist er auch seiner
empfangnen wunden ganz genesen. Noch was im der todt seines schwehers ganz
verborgen, biss auff einen tag ward er sein haussfraw zu red setzen, was ursach
doch semlichs hindert, das der alt herr in so gar nit in seiner kranckheit
besucht het. Von disen worten Angliana gar hart betrübt ward, fing an kleglichen
und bitterlichen zu weinen, erzalt damit Lewfriden alles, das sich der zeit
verloffen hat. Da Lewfrid solichs vernam, gehub er sich dermassen so übel, das
meinigklich in sorgen stund, er wird sein in ein schwärere und grössere
kranckeit vallen, dann die vor gewesen were. Derhalben in der kauffman und sein
son, desglichen Angliana, so sie best mochten, trösten wurden. Lewfrid aber
klagt nicht meer darumb, das er in vor seinem end nicht noch einmal het sehen
mögen.
    Zulest nam er im für, nach seinem allerliebsten vatter zu schicken,
desglichen nach seiner muter, so noch mit etlichen seinen geschwisterten uff
vilgedachtem meierhoff in grosser arbeit ir narung gewinnen mussten. Daruff
machet Lewfrid sein ordnung geschwind, schicket zwen seiner vertrewtisten diener
nach ihnen. Die kamen in kurtzen tagen dahin, wurden ir Botschaft (check capitalization) ganz
fleisig aussrichten, davon die zwei alten menschen hertzlich erfrewt wurden. Sie
verkaufften eilens, was sie hatten, viech, acker und wisen, Haus und hoff,
machten das alles zu parem gelt. Da befand der gut Erich erst, wie reich er was;
dann er eine zimliche narung oder parschaft zusammenbracht. Nam urlaub von
seinen guten fründen und nachbauren und reit mit grossen freüden mit seines suns
dienern darvon. Als sie nun zu Lewfriden kummen, seind sie gar früntlich von im
und seiner gemahel empfangen worden, desglichen von allem seinem hofgesind.
    Gar kurtz darnach haben sich gemeine räht zusammengeton und Lewfriden
undersagt, dieweil der gut alt herr also durch unvellichen zuval umbkummen were,
hoch von nöten, das er im jetzund hulden und schweren liess, dieweil im die ganz
graffschaft von wegen seiner gemaheln zugevallen were. Bald darnach liess
Lewfrid sein ordnung geben in allen flecken und stetten, satzt eim yeden sein
tag an, auff welchen er kummen wolt, den eid von inen empfahen; das dann in
kurtzen tagen also volnzogen ward. Demnach ordnet Lewfrid zu hoff alle sachen
auff das allerbest, gebodt auch allem hoffgesind, das sie all in gemein seinem
vatter und seiner mutter zucht und eer beweisen sollten, sie in keinem weg dest
geringer achten, darumb das sie einfeltige arme baursleüt weren; dann er hette
dannocht fleisch und blut von in empfangen; das im aber got zu solchem hohen
stand geholffen, het er im grösslich umb zu dancken; dann er het sunst auch in
den ackern seine narung suchen müssen: Aber gott hat mich aus seiner gnedigen
fürsehung dahin kummen lassen, so das ich meinem vatter und meiner mutter auch zu
statten kummen mag. Des ich und ein jeder nach dem götlichen gesatz schuldig
seind zu tun, so mir anders lang leben wend in dem land, so uns der herr geben
wirt, wie er selb in den zehen gebotten verheissen. Diss und anders ward dem
hofgesind fürgehalten. Sie kammen auch solchem befelch ganz geflissen nach. Es
ward auch hirt Erich und sein weib von irer sunsfrawen Angliana in hohen ehren
gehalten, dessglichen von irem sun Lewfriden; dann er in grossen freüden mit
ihnen lebet.
    Als nun der kauffman auff ein fierteil eines jars bei inen gewesen, nam er
sampt seinem sun urlub von Lewfriden. Walter aber sagt im zu, in kurtzer zeit
wider bei im zu sein. Dann es hat Angliana ein schöne junckfraw an dem hoff, so
von gutem adel geborn, sie aber war fast arm; derselbigen ward Walter fast
günstig. Semlichs zeigt er seinem gesellen Lewfriden an. Davon gewan er ein
sundere grosse freüd; darzu sagt er Waltern, wann er wider zu land kem, wollte er
im die zu einer gemahel geben und in demnach zu seinem hofmeister annemen. Des
Walter seer wohl zufriden was. Er reit mit seinem vatter heim, saumpte sich aber
nicht lang, machet seine ordnung, damit er bald wider zu Lewfriden mögt kommen,
seinem lieben bruder.
    Da semlichs sein vatter und muter mercken wurden, gedachten sie wohl, Walter
wird nit mehr von Lewfriden kommen. Derhalben namen sie in gentzlichen für,
alles ir gut, so sie hatten, zu barem gelt zu machen und in Lewfriden
graffschaft zu ziehen, wiewol sie irem son Waltern gar nicht darvon sagten.
Aber Lewfriden schriben sie von disem anschlag, davon er nit minder erfrewt ist
worden, als da ihm sein liebster vatter und muter zu Haus kommen waren.
 
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Wie der kauffman sampt seinem weib zu Lewfriden kommen sind, und wie Walter die
                        schön junckfraw zu eim weib nam.
Der kauffman besann sich nicht lang, machet seine sachen auff ein ort, und was
er von schulden nit einziehen kund, das befalh er einem seinem guten vertrewten
freund, dem er ein vollen gewalt zustellet. Als er sich ganz wegvertig gemacht,
nam er sein weib und fur mit freuden darvon. Sie saumpten sich gar nit auff der
strassen, kamen in gar kurtzen tagen zu ihrem liebsten son und zu Lewfriden. Ir
zukunft bracht ihn allen gar grosse freud, unnd ward ein zeitlang gar grosse
freud und kurtzweil zu hoff volnbracht mit allerlei kurtzweil.
    Bald darnach bracht Lewfrid die sach dahin, das Walter der schönen
junckfrauwen vermehelt ward, yedoch mit willen ihrer beiden elteren. Dann der
junckfrauwen vatter was fast arm und aber von gutem adel; so was Walter nit so
ein geltnarr, wie man deren vil findt; allein begert er einer frommen unnd
züchtigen tochter, die was ihm nach seinem wunsch und willen von gott bescheret.
Dann semliche wirt niemandt zu teil, sie werd ihm dann von gott dem herren
bescheret, wie Salomon klerlich davon schreibet. Also was Waltern ein bescheret.
    Die hochzeit ward mit grossem kosten gehalten; das alles aber richtet
Leuwfrid aus. Als aber die hochzeit auch zerging, wie dann alle weltliche freud
ein end nimpt, satzt Lewfrid den Walter auff ein schönes schloss, so gar ein
grosses einkommens hatt; das gabe er im zu einem lehen. Sein herren aber, des
Walters vatter, behielt er an seinem hoff für seinen hoffmeister unnd
geheimesten rhat; dann er ein seer weiser man was, darbei ganz gutig und ein
vatter der armen. Darumb er Lewfriden alle zeit dahin weisen tet, das er seine
undertanen nit hart beschweret. Darauss erfolget, das er von allem seinen
landvolck gar in grossen ehren, lieb und werdt gehalten ward.
    Gott wolt, man fund solcher räht vil an den fürsten-und herrenhöffen, welche
dem armen völcklin so geneigt und günstig werend! Aber man findt leider der
suppenfresser und federklauber vil mehr, so die herren ihre armen schefflin
underston zu schären, sind sie hie, stifften, schiren und schalten, damit man
den armen die haut gar über die ohren abzieh. Aber semlichen rhatgeben wirt auch
zu zeiten der lohn darumb, gleichwie dem Achitoffel worden ist. Dann als dem
sein schandtlichen rhat nit gefolgt ward, hat er sich aus grossem neid selbs
erhencket. Also ging es auch dem künig Roboam mit seinen tyrannischen rähten;
die riehten ihm, das er sein volck mit dornen unnd scorpionen züchtigen, so sein
vatter Salomon mit ruten gezüchtiget hat. Was geschah ihm aber? Es kam dahin,
das er umb den merern teil seines reichs kommen tet und ward mit seinem jungen
raht zu spot und schanden. Also müss es allen tyrannischen rhatsgeben gelingen.
    Ir hand gehört, in was gestalt und mass Lewfrid sein regiment anfing, auch
das er sonder weisen and guten rhat gar nichts handelt; derhalben ihm all seine
handlungen glücklichen und wohl hinaussgiengen. Sein vatter und muter hat er, wie
obgemelt, in grossen ehren. Den armen leüten bewiss er vil guts und teilt gross
almusen aus, wo er sah, das es die notdurfft erhiesch. Was er in der gütigkeit
abschaffen kondt, do vermitt er mit allem fleiss zanck und hader. Zum weidwerck
hat er sonderen grossen lust und begird, darzu im dann sein lew und prack wohl
dienet. Fridsam und ganz früntlich lebt Angliana und Lewfrid mit einander; die
kinder, so in gott beschert, zugen sie in grosser gotsforcht auff.
    Darumb inen zu beiden seiten, jungen und alten, gross Glück und sald zuhanden
ging, biss sie gott aus disem jamertal zu der ewigen freud und seligkeit
berufft; zu deren alle die kommen werden, so in dem willen gottes leben; den will
er die ewig glory geben. Darzu helff uns got der vatter, gott der son und gott
der heilig geist. Amen.
 
    