
        
                                 Georg Wickram
                         Von Guteñ vnd Bösen Nachbaurn
 Wie ein reicher Kauffmann aus Probant in das Künigreich Portugal zohe / wie es
ihm nachmals auff dem Mer mit einem Hispanischen krancken Kauffman ergangen ist.
   Wie er den selbigen mit im zu haus füret / sein inn seiner kranckheit wohl
pflegen lasst / vnnd nachmals sein Tochter gibt. Auch wie sich ein junger gesel
 auff der Wanderschaft halten soll / Fast kurtzweilig zu lesen / Newlich an tag
                              geben / durch Georg
                     Wickram / stattschreiber zu Burckhaim.
Wer zu weg baut der selb nit kann
Sein baw ausfüren yederman /
Das der bleib vngetadlet stohn
Ich wags lass red für ohren gohn.
        Dem ersamen, kunstliebhabenden Caspar Hanschelo, burger und des
      goldtschmidt-handtwercks zu Colmar, meinem lieben gevattern, zuvor.
Lieber gevatter Caspar, die gut früntschaft unnd brüderliche trew, so wir
zusamen gehabt, dieweil wir zu Colmar umb einander gewont haben, ist inn mir
noch gar keins wegs aussgeloschen; binn guter hoffnung, euwer gemüt habe sich
gegen mir auch nit anderst verendert; dann uns die kurtzen meilen, so wir
zusamen haben, kein ynbruch machen sollen. Damit ir aber dannocht mein günstig
und genaigt gemüt gegen euch in meinem abwesen spüren möchten, hab ich mich zu
vil malen bedacht, durch was mittel unnd wäg ich mich gegen euch umb vilfaltige
früntschaft, so mir von euch bewisen, erzeigen wolt, damit ich nit als ein
grober undanckbarer vilfaltige guttaten unvergolten liess hinschleichen.
    Ist mir eben gleich zu gedancken kummen, das ir vil lieber sün haben, so ihr
zu dem loblichen unnd kunstlichen handtwerck des goldtschmidens abrichten; und
dieweil nun diss handtwerck sunderlichen erhaischt, das die, so das anderst nach
rechter art understehn zu lernen, sich gar weit in die land, königreich und
provincien auff die wanderschaft begeben müssen, hab ich, sovil mir müglich,
euch und eweren sünen diss büchlin also zu gefallen zusamengelesen, inn welchem
erstlichen gar kurtz gemelt würt, wie ein hart und beschwerlich ding es ist, ja
ein herb und vil mer bitterer muss zu essen dann karpffengallen oder colloquint,
so einer einen zenckischen ungetrewen nachbaurn umb sich leiden muss. Zum andern
würt angezeigt, wie sich zu vil malen begeben tut, das zwen guter fründ
unbekanter weiss zusamenkumen und früntschaft zusamen suchen, sind doch nit
einer landsart, haben einander nie erkant und werden doch solche fründ mit
einander, das ir fründtschaft nimermer ausgelest werden mag. Zum dritten würt
ein feine gotselige hochzeit hierinn beschriben. Item, wie man die kinder, so
sie anheben zu erwachsen, zur ehr gottes soll aufferziehen, demnach zu
handtwercken anfüren, und so man die wandren schicken will, wie man in ein
underricht geben soll, damit sie sich gegen herren und frawen, kind und gesind
gebürlich wissen zu halten.
    Ihr werdet auch sunderlich hierin vernemen von einem guten und getrewen
nachbauren, wie dapffer und mannlich er sich gegen seines nachbauren feinden
gehalten hat, und wie im auch derselbig sein guttat und früntschaft so dapfer
hinwiderumb vergolten; und das einem jungen zum fürnemlichsten warzunemen ist,
in sunderheit denen, so mit silber und gold, edlen gestainen oder in andren
grossen händlen mit kostlichen wahren umbgond, werden sie gar fein hierinnen
berichtet: erstlich, das sie sich böser Gesellschaft, so dem spiel, schlecken
und den hüpschen frawen anhangen, entschlagen, sollen sie in irer herren heuser,
gewölb oder gäden nit kummen lassen. Dann oft ein solcher böser vogel auff
ungewischten bäncken findet, ehe dann das ander leut verlieren; dardurch dann
oft mancher frumer junger verargwont würt des, so er im all seine tag nie in
sein sinn nam; des ich euch wohl ein frisch exempel sagen wolt. Zum letsten würt
auch den jungen und alten fürgebildet, so einer geschäfft oder gewerb halben an
fremde unerkante nationen zeucht, das im nit nutz ist seinem wirt oder anderen
unbekanten sein handel, geschefft oder gewerb anzuzeigen, er habe dann
dieselbigen gnügsam erfaren und erkennen lernen. Diser und derengleichen
warnungen, so nit all gemeldet, werden in disem kleinen büchlin begriffen,
welchs ich zusamengelesen, sidhar ich von Colmar verruckt und gon Burckhaim
gezogen bin.
    Bit euch hiemit, lieber gevatter, wöllend diss also guter fründtlicher
mainung von mir auffnemen, wie ich das guter Meinung an tag kummen lassen; nit
das wir unser freündtschaft damit erneweren wöllen (dann das soll ganz ferr
von mir sein; dieweil unser freündtschaft noch nie veraltet, darff sie auch
keins ernewrens nit), sunder wöllend die mit disem büchlin bevöstigt haben.
Erbeut mich hiemit in allem dem, so mir müglich ist, euch mein armen dienst
allzeit zu beweisen; will also euch und die euweren got in seinen schirm
befolhen haben.
    Datum Burckhaim den andren januarii, nach unsers herren und säligmachers
geburt tausent fünffhundert fünftzig und sechs jar.
    Ewer allzeit dienstwilliger
        Georg Wickram
                                                    stattschreiber zu Burckhaim.
 
                     Von guter nachbaurschaft, zum leser.
Es habend sich unsere vorälteren, früntlicher lieber leser, vil und fast
beflissen, das sie sich inn den nachbaurschaften fein früntlich zusamengehalten
unnd etlich tag im ar sunderlich darzu bestimpt, an offenen strassen tisch und
bänck auffgericht, ire speisen zusamengetragen und also tugentlich miteinander
gessen, in zucht und ehren bei einander gesessen. Wo dann etwo gemeine brunnen
gewesen, so sie erschöpfft, ists dero geleichen auch zugangen. Es haben auch zu
zeiten die nächsten nachbauren, so mit ihren heuseren an einander gestossen,
solche freuntschaft und liebe zusamen gehabt, als wann sie blutverwante freund
gewesen. Inn aller widerwertigkeit, kranckheitten und trübsal sind sie nimer von
einander gewichen, nit solche musfründ, wie man der leider vil wider und für
findet, gewesen. Dieselbigen sind nimer liebere freund, dann wann man schwein
unnd kälber metzget, da man nit vil krancken warten unnd tröstens darff.
Derselbigen bauchfreund sind yetzunder sehr viel auff erdt; welches dann ist ein
sundere ursach diss meines gedichts, darin ich dann die beiden gattungen, so
viel mir ye müglichen sein mag, abmalen will.
    Zum anderen ursachet mich auch der gros unfleiss der teutschen lehrmeister
und guldinschreiber. Dann ob sie gleich die kinder auff schreiben, rechnen und
lesen wohl abrichten, werdend sie doch gar keiner mores, zucht noch geberdiger
sitten von inen underwisen. Und so sie dann zü handtwercken kumen, wissen sie
weder har noch dar, wie sie ein meister, frawen oder gesellen halten sollen,
künnend oder wissend auch nit, wie sie eim biderman zusprechen, antworten oder
fragen sollen. Alsdann sind ihre meister gleich als hinlessig als die anderen;
wann sie nur waidlich hudlen und sudlen bei inen, mögendt sie sunst leicht zucht
unnd hofligkeit künden. Wann sie dann ausgelert haben lauffen sie dahin wie das
liebe vieh, meinen, sie habend ihre jar der lehr schon überkummen, so müssend
sie erst von newem anheben. Bei keinem rechtgeschaffnen meister mögen sie
bleiheben, ziehen also von einem fretter unnd sudler zu dem anderen unnd kummend
also umb die zerung, so ihn ire älteren, vögt oder vormünder geben haben.
Darnach greiffen sie die büntel an, yetzund ein hembd, darnach ein par strümpff.
Unnd wann wir dann nichs mehr haben, nemmen wir den ausgesognen lären büntelsack
in rockermel, so wir anderst nit umb den rock auch kumen sind, in das vatterland
eilend, ander provision zu holen. Etwan bleiben wir gar daheimen, wissend mehr
und haben mehr erfaren dann alte und gewanderte gesellen, so wohl alters halben
unsere vätter weren.
    Deshalb, lieber leser oder zuhörer, euwer baider ungunst zu vermeiden,
hab ich mich zuforderst entschuldigen wöllen, wo dir villeicht allemal dises
büchlin an das mäntelin würde greiffen oder sagen, das dir vor wissend wer, wie
es dir vor jaren in disem oder jenem land wer gangen, da dann broteischen dein
best handtwerck war, sunst hettest du dich bettlens nit erweren mögen. Hei so
gedenck doch, das dir dises büchlin zu keinem trutz noch nachteil gemacht! Dann
wie dirs gangen ist, so mags iren noch mehr gangen sein. Hiemit, lieber leser,
bewar dich gott.
 
                                       1.
 Wie ein reicher kauffman, so zu Antdorff gesessen, mit einem seinem nachbauren
    zu unfriden ward von wegen irer bayder kind, was grossen unrhats daraus
                                erwachsen tet.
Dieweil ich im ingang meines büchlins verheissen hab, von guten unnd bösen
nachbauren etwas zu schreiben, will ich dannocht hierin gar niemants gemelt
haben. Aber lass dirs gleich gelten, lieber leser! Dise nachbaurn sein gleich in
Holant oder Brabant, Schwaben, Elsas oder Breissgaw dahaim gewesen, so lass
dannocht dise ding geschehen sein. Darumb merck nur eben auff!
    Es hatt vor jaren gewonet ein reicher tugentsamer kauffherr in der statt
Antdorff mit namen Robertus, welcher von mengklich, jung unnd alten, in hohem
wert gehalten was. Nicht weniger hette auch sein hausfraw ein gut lob vonn wegen
ihres tugentlichen unnd holdtsäligen wandels; sie was ein weib der ehren ein
liebhaberin. Den beiden het under anderem zeitlichen gut got der herr auch vil
schöner und lieber kinder bescheret; die wurden von in gar wohl und ehrlich
aufferzogen. Sovil unnd inen beiden sammen müglich war, hielten sie ire kinder
darzu, das sie niemants belaidigten weder in kleinem noch in grossem; desshalben
sie von gemeiner nachbaurschaft gezartet und liebgehalten waren.
    Man sagt aber gemeinlich: Der esel stand so wohl er ymer wölle, muss er
dannocht das kreutz tragen. Also ging es auch disem Roberto, und im warde zu
vilmalen für seine woltaten fast übel gelont. Er het einen zänckischen,
arglistigen und alventzischen nachbauren, der was ein tuchbereiter; der hett vil
knecht aus fremden nationen und landen; wann die also bei einander waren, erzalt
ir yeder, was in seiner haimat landtleuffig unnd breuchig wer. Nun hat der
tuchbereiter einen sun, gar ein argen, verlognen, mutwilligen, eigensinnigen,
bösen lecker. Der nam yeder zeit mit fleis acht uff die reden, so die gesellen
mit einander hetten; wann er von in kam, wusst er vil mer darvon zu sagen dann
keiner under dem hauffen, kam dann also zu herr Roberten kindern, sagt von der
sach, als ob er die selb gesehen und erfaren het.
    Das het der gut Robertus wargenummen, den jungen, der dann yetzund fast die
vierzehen jar uff im het, mit guten worten gestrafft, im dabei anzeigung geben,
wie gar übel diss einen jüngling zieren tüe, so er seiner wort so milt sei;
dann man sprech gemeinlich, wer vil redt, der müss vil erfaren und gelesen haben,
oder aber müss vil darunder liegen; so sei er noch nit der jaren, das er die ding
alle, deren er sich rhüme, erkundiget habe, ob er gleich wohl ein jar, zwei bei
seinem vetteren zu Mecheln gewesen, mög er doch der ding nit sovil erfaren
haben. Mit semlichen und deren gleichen worten vermeint der gut Robertus etwas
guts bei dem jungen anzurichten, aber sein müh und arbeit gar umbsunst was. Als
aber der jung seiner weiss nicht abston wolt, sunder ganz darauff beharret,
verbot Robertus seinen kindern, damit sie nit der lugen bei im gewonten, das sie
gedencken und lugen sollten, kein gemeinschaft mit im zu haben, im seiner lugen
und dant gar nit zu losen, sunder wann er sich also under sie mischen wolt,
sollten sie von im gon und im sein wesen allein lassen.
    Diss stund nit sehr lang an, der tuchbereiter nam sein acht, satzt seinen sun
zu red, was die ursach wer, das des nachbauren kind so abscheulich ab im sich
stalten, dieweil sie doch allwegen seiner Gesellschaft begert hetten. Der jung,
so zu seinem alter gar zu listig was, zaigt seinem vatter einen langen tant an,
so Robertus mit im solt geredt haben, in so hart der lugen gestrafft, so er im
doch sein lebenlang keine nie gesagt hett, demnach seinen kinden verbotten, kein
gemeinschaft mer mit im zu haben; diss allein wer die ursach, so er von ihm
begert zu wissen.
    Der tuchbereiter, so von art ein hochbruntzer was und aber darneben gar
wenig und schier gar kein glauben auff in zu setzen, nam die sach gar schwer
auff, vermaint nit, das man seinen kindern, wie übel die handleten, inreden
solt. Er was ganz und gar über den guten herren Robertum erzürnet, lieff mit
angehencktem schwert für sein türen, fand in von ungeschicht in seinem laden
sitzen, sich in etlichen registeren zu ersehen. Ungewarneter sach fieng der
tuchbereiter an mit greusslichen worten zu reden. Nachbaur, sagt er, sagend an,
was hat mein sun schantlichs oder lästerlichs verwircket, oder binn ich nit so
gut noch der ehren, das ewre kinder Gesellschaft mit den meinen haben mügen? Das
beger ich einmal von euch zu vernemen.
    Der gut herr, dem diss gar ein rauhe sach war, so hett er auch sunder
zweifel der red, so er mit seines nachbaurn sun gehabt, lang in vergess gestelt;
derhalben er von solchem greusslichen anfaren etwas schrecken empfieng; so
schambt er sich auch von wegen der fürgonden weiber und männer, das er also von
seinem nächsten nachbaurn solt überrumplet werden. Er sagt mit sänfter stim:
Lieber nachbaur, ir überfarend mich gar ungewarneter sachen. Ich bit euch von
wegen guter nachbaurschaft, habt ir etwas mit mir zu reden, gond zu mir inn
mein Haus! Es ist euch doch zu yeder zeit offen unnd gar nicht verbotten harin
zu gon. - Das geschicht, so mir sanct Antonius helff, nimmer, sagt der
tuchbereiter; dann welch Haus unnd hoff meinen kinderen verbotten sind, deren
kann und will ich mich auch wohl entalten, das ich nit viel stain an dem pflaster
darinnen zertret. Eh wolt ich, das himlisch fewr verbrant ein sollich Haus und
hoffreitine.
    Robertus sagt: Da wölle got vor sein! Wie mügen ir einen semlichen
freflichen wunsch tun? Nun würd es euwerem Haus gar vil zu nahend sein, so dem
meinen etwas args widerfaren solt. Lieber nachbaur, nit also! Wir wöllend gute
liebe freundt mit einander sein und uns der kinder sachen nichts beladen; dann
sich in ire sachen gar nicht zu legen ist. - Das mag ein anderer ihngon. Mir
aber ist meiner kind eins lieber dann alle nachbauren, so hinder mir und vor mir
sind. Robertus stund auff von seinem sitz, wolt dem unnützen man seiner täding
nit mer zuhören, unnd er ging in das hinderist teil seines hauses, damit er
nit ursach gewün, seinem nachbauren weiter antwurt zu geben.
    Erst kam seines nachbauren weib, ein schaum von einer bösen befftzin; die
fieng erst an das kind mit dem kübel umbzuwerffen und ausszugiessen. Da was aber
niemant, so auff ire red antwurten wolt. Nicht dest weniger bal sie für und für
wie ein jaghündlin, so vorlaut und doch kein wiltbret vorhanden ist. Aus solchem
irem jämerlichen geschrei sich gar viel volcks vor herr Robertus Haus versamlet;
zu dem was diser böse  mutz aller welt ires bösen mauls halben wohl bekant. Als
aber niemants zugegen was, so ir antwurt geben wöllen, hat sie zuletst von ir
selb nachgelassen.
    Es ist aber diss ein anfang gewesen eines unablässlichen hader und zancks, so
da nimmermer hat aussleschen wöllen, bis zuletst der gut Robertus hatt einen
weiten geben müssen. Dann er kund spüren und sehen, das im der tuchbereiter
alles, so er erdencken mocht, das im ein leiden und verdruss was, anfing; und was
er durch eigne person nit kunt oder mocht zuwegen bringen, da richt er seine
knecht und mägt, weib und kind an, damit dem guten herren gar vil trutz bewisen
ward. Es waren des tuchbereiters mägt dahin abgericht, wann sie nur ein
spülwasser aussschutten, geschahe es der mas, das dem guten herren sein laden
damit verunreiniget und besprentzt ward. Des nachtes schutten seine knecht allen
unrhat von oben ab, alles dem guten Roberto für sein Haus, davon dann summers
zeit ein armer geschmack entstund.
    Nun spricht man, wann ein jud einem gar übel wünschen wölle, so wünscht er
im einen bösen nachbauren. Das sei nun oder nit, so ist es fürwar ein böser und
arger wunsch; gott behüt einen yeden frumen menschen darvor. Ich muss bekennen,
dass es ein langwirigs ding ist; dann ichs zum teil auch versuchet hab. So hab
ich auch ein reiche witfraw erkant, deren mocht ein nachbaur leicht ettwas
überzwerchs in weg legen, so ging sie hinach ein jar oder zwei on reden mit im,
wiewol sie sunst ein grosse geisterin was, lag für fewr in der kirchen, und ob
dem Hortulus anime sass sie ganz gedeicht täglich ir siben zeit betten, als
wann sie ein closterfraw gewesen. Ob aber sollichs aus eim guten grundt
geschehen sei oder aus einem spiegelfechten vor der welt, ist mir verborgen. Das
aber wais ich wohl, als sie in ein grosse und langwirige kranckheit gefallen ist,
hat sie nit sunderlichen vil nach gaistlichen dingen geforschet. Dann gar wenig
tag vor ihrem absterben hatt man sie über iren schatz, wie schwach sie gewesen
ist, füren müssen; bald darnach ist ir aller verstand und red empfallen, hat
weder wortzeichen noch nichts geben mügen, das, so man ir zugesprochen, ist
alles umbsunst gewesen; und nachdem sie lang in einem ernstlichen wesen gelegen,
ist sie zuletst on alle vernunft ungeredt aus disem jamertal gefaren. Der
almechtig gott verzeihe ir armen seelen und uns allen, amen. Diss hab ich allein
darumb hier ingeflickt, ob doch vergent solche hartnäckige leut und unfrüntliche
nachbauren dise ware geschicht hören lesen oder selb lesen, sie ir bösen weiss
abstanden, ir red gegen irem nächsten nit also aus neid und hass sparend, damit
in an irem letsten end nit an irer sprach manglen werde. Davon sei zu disem mal
genug gesagt.
    Jetz kum ich wider an den Robertum, der sich seines nachbaurn halben
grösslich bekümmert. Jedoch nam er im mit andren nachbauren gut Gesellschaft,
richt zu vilmalen gute malzeiten zu, berufft sie, damit sie frölichen und guts
muts miteinander weren. Das wolt dann den tuchbereiter schellig und unsinnig
machen; und vermeint, dieweil er dem Roberto feind wer, es solt in yederman von
seinetwegen hassen; wie man dann vil solcher dopleter stocknarren findt; wann
sie eim feindschaft tragen, muss als ir gesind denselbigen hassen, sie ziehen
auch ir kinder darzu, vermeinen auch darneben, ire guten freundt sollend
denjenigen feindschaft tragen, so er in doch all sein tag leids nie getan  hat.
 
                                       2.
   Wie dem Robertus sein weib inn ein grosse kranckheit falt, aber bald wider
   uffkummet; seine kinder aber sterbend im alle biss an sein jüngste tochter.
Man sagt gewonlich und ist auch selten fäl: Wann einen unglück reiten will, so
kumpts hauffenweis. Also giengs auch dem guten Roberto. Er was bekümmert mit
seim bösen nachbauren, dieweil er im allen widerdries, so er erdencken mocht,
zufüget und er im dargegen gern alle freundschaft bewisen hett, im und den
seinen, aber gar umbsunst war. Es was auch die gut Sophia nit wenig bekümmert
ires hausswürts halben, umb das er ihm die sach so schwer auffnam. So sie bests
mocht, understund sie im das ausszureden: Lieber hausswirt, sagt sie, was
gedenckest du doch, das du dich die ding so hart last bekümmern? Nun bedürffend
wir doch, got hab lob, unsers nachbauren gar nichts. Es hatt uns gott der
almechtig mit narung versehen, das wir im nit bald zu gnaden kumen dörffend. Das
du dich also bekümmerst, ist ihm ein grosse ergetzligkeit und hertzliche freud;
ich wolt ihm fürwar nit sovil zu gefallen tun. Nun haben wir doch sunst andre
vil guter nachbaurn, so uns alles guts günnen; mit denselbigen such dir freud
und kurtzweil! Es haben doch gemeinlich all unser nachbaurn schöne und lustige
gärten, darin sie vilmalen spazieren gohn. Mit in wolt ich Gesellschaft haben
und sie zu gast heim zu haus laden. Damit würstu unserm ungünstigen nachbaurn
nit ein solliche freud machen, als wann du also trostmütig daheimen beleibst uff
dir selb sitzen.
    Dise und dergleichen trostung gab Sophia irem hausswirt; des er ir auch
gäntzlich volget und nam im sehr vil freud mit inen. Es mocht aber das
wanckelmutig und unsteht Glück dem guten frumen Roberto die freud nit vergunnen,
sunder vermischt im die mit bitterem trawren und schmertzen Dann erstlichen ward
im Sophia, sein liebste gemahel, mit tödtlicher kranckheit beschwert, also das
ir niemants irs lebens tröstung zusaget. Wiewol sie in kurtzen tagen wider zu
gesunteit und krefften kumen ist, so hatt sich doch ein ander leid dem guten
Roberto zutragen. Dann er hett vier schöner ausserlesener knaben, die im ganz
gehorsam und underdienstbar waren, auch von im zu der ehr gottes in aller forcht
aufferzogen; zu denselbigen hett er sechs wohl erzogner schöner töchteren, die im
und seinem weib fast lieb waren. Die sturben im alle nach einander näher dann in
einem monat, das ihm nur die jüngst tochter under allen kindern belib. Davon im
dann sein hertz möcht zersprungen sein; es mocht ihm sein leid niemandt
aussgereden. So gehub sich Sophia sein weib nicht weniger übel dann er, also das
keines dem anderen einen trost hett geben künden.
    Es hett aber Robertus einen andren guten nachbauren, derselbig und sein weib
in aller angst und nodt nie von im gewichen waren; der redt im die sach aus,
sovil im yemer müglich was. Als er aber mercket, das sein trost und aussreden gar
nichts verfahen wolt, gedacht er im andre mittel für die handt zu nemen. Er hett
ein guten freundt, so vil bei im aus unnd yhngieng; der was ein Holender, ein
über die mass gelerter mann. Mit demselbigen überlegt er die sach der mass und
sagt zu ihm: Mein hertzallerliebster und getrewister frünt, ich hab ein sehr
grosse bit an euch zu gelangen. Wo ir mir in dem zu willen würden, möchtend ir
mir grösser lieb und früntschaft nit beweisen. Der gelert man hatt sich auff
solche wort nit lang genumen zu bedencken, sonder gesagt: Guten freunden, so
anderst die freundtlicheit nit ein angenumne und falsche freundschaft ist,
will sich in keinen weg gezimmen noch gebüren etwas freuntlicher bitt
abzuschlagen, ja wann die schon biss in den tod hinein reichen solt, yedoch das
dieselbig nit ehrberürig sei. Darumb, mein freunt, wöllest mir deine anmutung
eröffnen; will ich dir fast gern, so mir anderst müglich, inn disem und anderem
willfaren.
    Darauff sprach der gut nachbaur Roberti: Mein lieber und guter freundt, dir
ist on allen zweifel wohl küntlich mein freuntlicher lieber nachbaur Robertus der
kauffman, ein mann erbars wandels, der seinem Haus wohl vorstat, seine kinder,
denen got genad, wohl und christenlich erzogen hat, alles sein haussgesind zu der
ehr gottes auffbawet, gotslesterung und andere laster geduldet er an keinem, so
under seinem muss und brot sein wöllend. In summa er ist ein solcher, so yederman
inn seiner widerwertigkeit trösten kann; ihm selb aber ist er in seinem eignen
trübsal ganz trostlos. Es hatt sich in kurtzer zeit zutragen, das im neune
seiner lieben kinder einander nach aus diser welt verscheiden sind und im von
zehen schöner kindern nit mer dann ein einige als die jüngst tochter über
beliben ist. Des sich dann der mann, und nit unbillich, so gar übel geheben
tut, sein klag zu tag mert, also das im niemant die sach aussreden kann. Nun aber
waiss ich dich dermassen in der heiligen und göttlichen schrifft erfaren, so du
dein fleis mit im understast, würst du in bald von seinem fürnemen abwenden und
auff ein christliche ban bringen. Sodann hab ich die sach also angeschantzet,
damit er nit mercken solt, das ich mich mit dir seinetalben bespracht hette. In
meinem Haus will ich ein gut herrlich mal zurichten lassen, den Robertum sampt
seinem weib zu gast darzu berüffen. Dann ich weis, wiewol er yetzund leidig nit
gern ausgat, das er dannocht mein bitt nit abschlagen würt.
    Diss ward also von dem gelerten man angenumen unnd das mal auff den nächst
künftigen tag harnach angeschlagen.
 
                                       3.
Wie Robertus von seinem guten freundt und nachbaurn zu gast geladen und Robertus
                     mit dem gelerten man zu worten kumpt.
Der gut freunt, dem die sach mer angelegen, dann er niemants öffnet, fügte sich
des abents in das haus Roberti. Den fand er noch mit grossem kummer umbgeben; er
tröst in nach seinem vermügen, so best er mocht, zuletst bat er in, er und
Sophia wollten den künftigen tag das morgenmal mit so ihm essen; dann er gar
niemants dann gute freund darzu beruffen hett, so im gar anmütig und nit zuwider
sein würdend. Robertus, wiewol er mit grossem ellend und jamer umbfangen, noch
wolt er seinem guten freunt die bitt nit abschlagen, sagt im also zu, wo im gott
gesunteit verleihen, wolt er unnd sein gemahel zu rechter zeit erscheinen. Des
sich dann sein nachbaur sehr erfrewet.
    Als er nun urlaub von Roberto nam, heim zu haus keret, seinem weib befalh,
allen möglichen fleis anzuwenden und auff den mornigen tag uff den ymbis ein gut
mal anzuschicken; des im sein weib ganz willig was. Also ward auff den
künftigen tag das mal mit grossem lust zugericht. Zu gelegner zeit kamen die
geladnen gäst, wurden von dem wirt und seinem weib frölich empfangen und ein
jeder an die statt, nach dem er wirdig was, gesetzet, die trachten gar kostlich
unnd wohl bereit fürgetragen. Der gelert man, von welchem oben gesagt, fieng an
ein schon Benedicite zu sprechen, gott den allmechtigen bittend, das er ihn dise
zeitliche und fürgesetzte speis durch seine milte güt und genad benedeien und
segnen wolt, in auch die genad verleihen, das sie gedachter speis und dranck nit
zu vil zu inen nemen, damit sein götlicher nam nit dardurch geunehret noch
gelestert würde. Als sie nun alle amen gesprochen hand, haben sie die speis mit
züchten genossen.
    Da ist yederman zimlich frölich gewesen; allein Robertus der hatt einen
seufftzen über den anderen gelassen und sich ganz trawrig erzeiget, das dann
die andren, seine lieben nachbaurn und freundt, auch trostmütig gemacht hat. Der
gelert man, so hart neben Roberto gesessen gewesen ist, hat in mit gar
sanftmütigen worten angeredt: Lieber herr Roberte, was bekümmert euch so
schwerlichen, das ir so gar nit guter dingen sein wöllen?
    Darauff antwort Robertus: O freundt, den grossen kummer und meines hertzen
beschwernus, so ich trag, nit müglich ist zu erzalen. Damit aber ir dannocht zum
teil bericht empfahend, so wissend, das mir gott durch sein milte gnad zehen
schöner kinder beschert, mit welchen ich grosse freud und ergetzligkeit gehabt
hab. Dieselbigen hatt mir gott der herr in gar kurtzer zeit einander nach
genumen bis an mein jüngste tochter, die ist von solcher kranckheit wider
auffgestanden. Nun krenckt mich erst noch mehr ein ungetrewer und gar
unfreündtlicher nachbaur, so ab meinem jamer so gar ein gros wolgefallen hatt.
Das mag er auch, im selb nit allein behalten; dann er sich sonderlichen
beflissen, wann man meiner kinder leichen zu grab getragen, hatt er sein gesind
dahin gericht, das sie von heller stimmen an hand gefangen zu singen, so doch
ein yeder nachbaur billichen ein mitleiden mit dem anderen haben solt.
    Das wer wohl billich und recht, sagt der glert man. Es ist aber im dest
weniger lobs nachzusagen; auch ist seiner ehren nit dester mer, würt im auch
gwisslich solcher hochmut und trutz unvergolten nicht beleiben. Dem allen aber
sei wie im wölle, so wend wir das nodtwendigst an die hand nemen und einen trost
suchen der abgestorbnen kinder halben. Es ist dem menschen und allen tieren
sampt dem geflügel von natur angeboren, das ein yedes seine jungen lieb hat, ir
sterben und verderben nit gern sicht. Der mensch aber soll ein underschaid haben
des orts seiner kinder halben, also das er bedenck, wohar im die kummen, und wer
im die geben hab, das auch derselbig die macht wider zu seinen handen und gwalt
zu nemen, wann das sein götlich wolgevallen sei; wie der gut frum selig Job
spricht in seinem buch am 1. capitel: Als ihm botschaft kam, wie seine kinder
bei einander gewesen in des erstgebornen bruders Haus unnd hetten alda ein gros
fontanium und wolleben gehalten, da sie sich am wenigsten besorgt, wer ein
grosser wind von der wüsten har kummen und das Haus zerrissen, also das es ganz
zu boden wer gefallen und das volck alles im Haus zerschlagen bis an den
eintzigen knecht, so darvon kummen was und dem Job die geschicht erzalt. Das was
je auch ein arms jämerlichs ding und ein erschrockenliche Botschaft (check capitalization) einem
vatter, so seine kind so hertzlichen liebt. Deren het er auch zehen an der zal,
siben sün unnd drei töchteren; wann die bei einander waren, schlemten und
prassten, opfert er und bat got für sie, damit sie got nit straffet umb ir üppigs
leben. Als im nun solche botschaft kumen ist, was hat er getan ? Hat er auch mit
got gezürnet? Nein. Dann er tet als ein vatter; so wusst und verstund er, das
die kinder nit lenger sein waren, dann es war der will des herren, so im die
geben und geliehen hett. Wiewol er dannocht vor leid seine kleider zerriss und
fiel uff das angesicht, raufft sein har aus, bettet unnd sprach: »Nackend binn
ich auff erden von meiner muter leib kummen, nackend würd ich wider von hinnen
faren. Der herr hats geben, der herr hats genumen; der namen des herren sei
gelobt.« - Wir lesen auch ein schön exempel an dem königlichen propheten David
an dem 7. capitel im andren buch der könig: Als das weib Urie, welchen David het
lassen umbbringen, im ein kind an die welt gebar und aber das durch gott mit
kranckheit angegriffen ward, wie dann Natan der prophet dem David zuvor
verkündet, da legt David alle seine feirtagskleider ab, was ganz trawrig, lag
nachts auff der erden, und kund im niemants das trawren aussreden. Da nun das
kind starb, wurden seine knecht angstaft, sagten zusamen: »Wer will dem künig
ansagen, das das kind gestorben, dieweil kein trost an im verfahen wöllen und
dannocht das kindt noch in leben war?« David aber verstund an iren geberden, das
das kindt gestorben was; wie solt er ihm anderst getan  haben? Er fragt: »Ist
das kindt todt?« Und sie bekanten im das. Da stund David auff von der erden, da
er gelegen was; er wusch und salbet sich mit wolschmackendem öl, legt wider
hochzeitliche kleider an und hies im z essen bringen. Da in aber seine knecht
fragten, was er damit gemeinet, sagt er: »Im ist also, wie ir saget. Dann da das
kind noch in der kranckheit lag und lebet, da weinet und fastet ich und lag uff
der erden, zu gott rüffende; dann ich gedacht: Wer waisst, ob mir der herr gnedig
sein möcht! Nun aber ist das kindt tod. Was hilfft mein fasten, schreien und
klagen! Ich mags darumb nit widerbringen. Ich wais aber wohl, das ich zu im faren
werd; es kumpt aber zu mir nit mer.« - Bei disen zweien heiligen mannen sollen
wir billich einen trost fassen, wann uns gott hie in disem zeitlichen jamertal
angreiffet, unsere kinder zu seinen götlichen genaden berüffet, das wir nit zu
lang und vil trawren sollen und uns zu sehr darab krencken, dieweil sterben ein
natürlich ding ist und allem dem, so das leben auff erden bracht hat, muss das
mit dem und durch den tod verwechsslen. Fürwar ich muss hie loben die antwurt, so
Anaxagoras, der weiss haid, dem, so ihm den todt seiner sünen verkündet, geben
hatt. Er gab kein andre antwurt, dann das er sagt: »Das wusst ich wohl, das sie
einmal sterben mussten, dann sie wurden von mir als einem sterblichen menschen
geboren, darumb sie auch sterblich gewesen sind.« Diser philosophus, wiewol er
ein haid gewesen, hatt er doch meines bedunckens wohl und gotselig geantwurt;
dann er sich umb seine beide sün nit weiter, dann billich gewesen, bekümmert
hatt. - Darumb, mein allerliebster Roberte, wöllend euch auch ein mass ewers
klagens setzen unnd, wie oben von David gesagt, das, so nit widerzubringen ist,
auffhören zu klagen!
    Robertus umb den guten und getrewen rhat dem gutten mann fleissigen danck
sagte, in auch darneben bat, auff diss mal nit mer darvon zu sagen, damit der
wirt sampt seinen andren gästen nit ein verdruss ab irer beiden red nemen; so es
ihm aber kein verdruss sein wolt, wer sein bitt an ihn, das er des andren morgens
zu im kem, ein kleins morgensüplin mit im ess; alsdann wollten sie genugsam von
disen dingen reden. Des was der gut mann gar wohl zufriden, versprach im auch
seinen willen und bitt zu volziehen. Also ward die überentzig zeit mit zimlichen
freuden vertriben.
 
                                       4.
 Wie Roberto botschaft von Lisabona kam von seines vattern bruder, der was gar
                          ein alter reicher kauffman.
Dieweil sie noch also an dem tisch sitzen, essen und trincken, so kumpt ein bot
von Lisabona an das Haus und klopffet an. Man schlos im behend uff, fragt in,
was seine geschefft werend; er zeigt an, wie er etlich brieff hett, so Roberto
dem kauffman zustünden. Das ward herr Roberten bald angesagt. Also bat er den
wirt, das er verschaffen wolt, das der bott für ihn kem. Das ward eilends
aussgericht.
    Als nun der bott für ihn kam, empfieng ihn Robertus gar freundtlich, fragt
in, von wannen har sein raiss ging. Herr, sagt der bot, ich kum von Lisabona
ewerem vettern. Gab im damit brieff. Der inhalt was, wie er, sein vetter,
yetzund gar alt und schwach were, so hett er gar kein kind, und were im sein
haussfraw mit tod abgangen; zudem wisst er keinen verwanten mer dann in; wer sein
beger, das er zu Antorff auff brechen wolt und zu im gehn Lisabona ziehen; wolt
er ihm und seinen kindern alles, was er hett, übergeben und er bei im aus und
eingehn und den tisch bei im haben. Sobald Robertus den brieff gelesen, ist im
von stund an sein hertz und gemut gehn Lisabona gestanden, wiewol er nit
dergleichen tet noch sich gegen yemands mercken lies. Er befalh dem botten haim
in sein Haus zu gohn, darin seiner warten.
    Alsbald nun das mal vollendet worden, habend die gäst dem würdt gar
freundtlichen danck gesaget, sind demnach von hoff geschaiden, yeder inn sein
behausung gangen. Robertus hatt auch mit sundrem ernst haim geeilet.
 
                                       5.
    Wie Robertus aus Antorff gehn Lisabona gezogen, allein das er von seinem
      ungetrewen nachbaurn kem unnd seiner kinder dest eh vergessen möcht.
Auff ganzem erdboden ist nichts, so dem menschen sein vatterland mehr unnd ehe
erlaiden kann oder mag, dann so er etwas täglich vor augen sehen mus, so ihm
verdriesslich ist, unnd das aber nit wenden mag. Also ging es auch dem guten
Roberto auch in seinem vatterland; wiewol im an gut gar nicht manglet, so
bekümbret in doch die ungetrew nachbaurschaft, so ihm der tuchbereiter täglich
bewiss. Er berhatschlagt sich kurtz mit seinem weib; der gefiel die sach
dermassen so wohl, das sie irem mann täglich anlag, er solt sein sach nur bald
dahin ordnen. Also saumet sich Robertus nitt lang, verkaufft, vertauscht,
verwechsslet sein hab und gut, wie er mocht; in summa er macht sich in monats
frist gar wegfertig.
    Und als er yetzund gar sein sach zu Antorff auff ein ort gemacht, hat er uff
der freien strassen vor seinem Haus etlich tisch auff das kostlichest bereiten
lassen und gar vil seiner guten freündt und nachbauren darzu beruffen, gar kein
aussgesündert dann den tuchbereiter, dem dann solche freud fast weh im hertzen
tet. Also letzet sich Robertus mit ihn, liess auch einem yeden tischgenossen ein
sundere herrliche letze, sein darbei zu gedencken. Des sie ihm all gar
freundtlich danck sageten; darneben klagten sie sein hinfart gar schwärlichen,
wunschten auch dem vil unglücks, so ihm ursach zu seinem abscheid geben hett.
Als sie nun das morgenmal und auch den nachtimbis mit grossem kosten geendet
hetten, Robertus und sein weib Sophia sie fründtlich gesegnet und darneben
gebetten, ihnen, wo sie yemants erzürnt hetten, zu verzeihen. Also ist yederman
zu Haus gezogen.
    Des andren tags hat Robertus all sein hab und gut zu schiff verordnet; und
als es dem patron des schiffs geschickt gewesen, hatt er alle die erforderen
lassen, so mit im in Portugal hand faren oder schiffen wöllen, und hatt sich die
zeit eben zutragen, das sie auff einen freitag am morgen von land gefaren sind,
fast gut wind und wetter antroffen. Es hatt auch Robertus alles sein haussgesind,
knecht und mägt, mit ihm gefürt; dann sie iren herren und frawen dermassen lieb
und wert gehalten haben, das sie auch mit inen in todt gangen weren.
    Als sie nun gehn Lisabona kumen sind, ist Robertus mit weib, kind und gsind
den nechsten in seines vetteren haus gezogen. Von dem ward er gar früntlich und
mit grossen freuden empfangen; er übergab im all sein hab und gut zusampt dem
gewerb und einem grossen handel, so er mit edlem gestain het, behielt im nichts
anderst vor dann ein sunder gemach, damit er sein rhu haben möcht, wann es im
gelegen was. Robertus pflag sein auch gar wohl mit essen, trincken und aller
wartung, befalh auch allem seinem volck, das sie den alten herren mer vor augen
haben sollten dann in selbs. Sollichs ward alles nach seinem willen erstattet.
    Also lebet der gut alt man noch bis in die zehen jar, da starbe er
säligklichen. Er ward von Roberto und seinem weib trewlich geklaget unnd
beweinet, auch ehrlichen zu der erden bestattet. Und ward Robertus ein besitzer
und herr alles des guts, das dann zu dem seinen, so er mit im aus Brabant bracht
het, einen seer grossen hauffen machet. Er hub auch an seines vettern säligen
handel mit gewalt zu treiben, handlet viel in Engelandt und Brabant, auch gehn
Venedig und andere ort, so lang bis er zuletst seiner tochter Cassandra einen
jungen kauffherren gab. Da machet er sich auch rhüwig, wie ihr nachmals
vernemmen werdt.
 
                                       6.
Wie zwen reicher kauffherren eines handels und gewerbs zusamen auff einem schiff
kumen, fründtschaft und Gesellschaft zusammen suchen, der ein fast kranck ward,
 der ander sein gar trewlichen pflegen was und, als sie gehn Lisabona kumen, zu
                             ihm in sein haus nam.
Als auff ein zeit ein mechtig schiff mit kauffmanschaft von Lunden aus Engeland
gohn Lisabona in Portugal ganz wohl gerüst fahren wolt, hand sich gar viel
kaufleut zusamen geschlagen, sich mit einander verbunden, in einer gemeinen
Gesellschaft auff disem schiff in Portugal zu faren; dann viel under inen nie in
dem künigreich gewesen waren. Under diser Gesellschaft was ein Hispanier, gar
ein treflicher feiner mann; derselbig handlet nicht mit scheinlichen wahren,
sunder hett sein gelt in grossen geselschaften ligen. Derselbig herr hett im
auch gon Lisabona zu raisen fürgenumen, kam zu einem andren herren, der
zimliches alters was, auff dem schiff, der dann seine wonung in der statt
Lisabona hett. Zu demselbigen gesellet sich der gemelt jung hispanisch
kauffherr; wurdend der sach so gar früntlichen eins, das der alt den jungen
bitten ward, wann sie gehn Lisabona kemen, er niergent anderstwo dann in seinem
haus herberg suchen solt; dann er wisst im gut gemach zu schaffen. Der jung sagt
im semliches zu; dann er hett nit mer diener bei im dann nur ein knecht unnd ein
jungen, damit er niemant kein sunderen überlast zufügen mocht.
    Nun begabe es sich in einer nacht, das den jungen kauffman ein gar hartes
fieber berüren ward, davon er grossen schrecken empfahen tet. Seine knecht
sagten das dem alten kauffherren, dem Portugaleser. Der entsatzt und erschrack
der botschaft gar übel, ja nit anderst, dann wer er sein sun gewesen. Er fügte
sich zu dem patronen des schiffs, bat in umb ein sunder gemach im schiff, er
wolt ims wohl bezalen damit der gut jung herr sein rhu gehaben möcht. Das warde
ihm zuhandt durch den patronen bewilliget, und ward sein, sovil ymmer müglich
sein mocht, uff dem schiff gepflegen mit speis unnd mit dranck, auch mit anderer
notdurfft. Der jung aber ward dermassen so gar schwach, das im niemant das leben
zusagen wolt. Davon der alt solchen unmut an sich nam, das alle die auff dem
schiff sorgten, er würd auch in ein kranckheit fallen.
    Zuletst aber halffe ihnen gott zu land, das sie ein port erlangten. Bald
liess der alt ein senfti oder ein rossbar machen, damit er den jungen vollend
gen Lisabona bringen möcht, dann da gedacht er im wohl rhat zu schaffen mit
vormittel der hilff gottes; derselb ist auch der gewiss artzet zu leib und zu
seelen. Also habend sie in wenig tagen die statt Lisabona erreichet, des dann der
alt kauffherr fast fro gewesen.
 
                                       7.
Wie die beide kauffherrn gehn Lisabona komen unnd freundtlich empfangen warden,
         auch wie der alt herr befelch gab, des jungen wohl zu pflegen.
So man lang auff dem mör gefaren ist und jetzunder wider zu land kumpt, ist
grosse freud bei allen denen, so uff dem schiff gewesen; insunderheit wann sie
zu haus haus kommen, werden sie von weib, kinden und dem ganzen hausgesind mit
grossen freuden und frolockung empfangen. Also gienge es da auch zu. Der alt
kauffherr ritte mit etlichen seinen dienern erstlich zu haus, die andern liesse
er bei der bor, befalh inen, nur gemach harnach zu kummen; dann er sorgt, wo
jemand aus seinem gesind die bor gesehen, würden sie sich darab entsetzt haben,
ime wer etwas übels widerfaren. Er ward früntlich von den seinen empfangen. Da
was alle freud, das sie iren alten herren wider frisch und gesundt daheimen
hetten.
    In disen dingen kam auch der kranck kauffherr. Der alt aber hett zuvor
seinem weib kunt getan , wie ein krancker kauffman kem, den wolt er also bei ihm
behalten, bis er widerumb zu krefften keme. Also was im schon ein besunder
gemach nach aller notturfft bereit. Der alt befalh allem seinem gesind, das man
sein bei dem allerbesten pflegen solt; das dann auch geschah, also das der gut
jung kauffman in kurtzen tagen fein wider anfieng zu ihm selb zu kummen. Als er
nun anfieng ein wentzig starck zu werden, ass er nit mer inn seinem gemach,
sunder ging allen ymbis an des alten herren taflen essen.
    Nun het der herr ein schöne gerade tochter, die yetzunder schon manbar was.
Die fieng dem krancken kauffherren an zu gefallen; dann es gar leicht mag sein,
das einen krancken ergetzet. Also was disem herren auch; so het er auch nie kein
weib gehabt, was ime auch vatter und muter mit tod vergangen. Darumb nam er im
entlich für, den alten herren umb die tochter anzusprechen. Dann er was guter
hoffnung, sie würde im keins wegs abgeschlagen; er wusst sich auch an gut so
mechtig, als ihr vatter was. Darzu was er auch von person, leib und gestalt ein
schöner gerader jüngling; es het in aber yetzund der last der kranchkeit ettwas
an seiner gestalt und schöne entstellet. Als ihm aber die kranckheit vergangen
was, nam er von tag zu tag wider zu, das er in gar kurtzer zeit zu seiner
vorigen gestalt kumen tet. Cassandra aber (also hies die tochter) lag im
stetigs an, darumb er dann täglichen hinach gedencken ward, wie er doch mitt dem
vater zu red kem, also das es in glimpff möcht zugon.
 
                                       8.
 Robertus, der alt kauffman, unnd Richart mit einander in einen schönen garten
 spazieren gond; Richardus mitt ganz weiten umbschweiffenden worten kumpt an
               den alten, zuletst bit er umb Cassandra zum weib.
Die lustigest zeit, so im jar sein mag, was yetzund vorhanden; dann die
fruchtbaren beum mit irer edlen und wolschmackenden blust fiengend an
harauszuprossen, das erdtrich erzeigt sich auch mit wunsamen und schönen blümlin
von allen farben und mancherlei art gestaltet; so hort man die vögel
allentalben uff den zweigen mit lieblichem gesang zusamenstimmen, gleich als
wann sie umb ein kleinat kempfften und einer über den anderen vermeint zu
steigen und mit gesang obzuligen. Davon es dann sehr lustig in dem feld zu
spazieren was.
    Diss bewegt Robertum, den alten herren, das er zu Richarden, dem jungen
kauffherren, ging und in bat, er wolt mit im hinaus in den garten spazieren
gohn, des dann Richardus ganz willig was. Also zugent sie miteinander hinaus
sunder alle diener und Gesellschaft, retten von manigerhand kauffmanschaft und
gewerbshändlen.
    Zuletst fieng Richardus an und sagt: Mein hertzallerliebster herr Roberte,
ich soll und mus euch billich einen vatter und meinen allerbesten freunt
bekennen. Dann ich nit wissen mag, das mir von meinen fründen allen die wenigst
freundschaft widerfaren sei, so ihr mir bewisen hand. Dann ich zuvorderst gott
die ehr geben will, dieweil ich waiss, sunder sein hilff und ewere vilfaltigen
und bewisenen guttaten wer mir nit wohl müglich gewesen lebendig von dem schiff
zu kummen. Darzu habend ir mich erst, als mir zu land kummen sind, in ewerem
haus mit den allerbesten wartungen zu meinen krefften bracht. Das alles mir nit
müglichen zu vergleichen ist. Ob ich euch schon als mein gut, und was ich
vermag, darfür geben solt und mich darzu für einen leibeigenen knecht willig in
ewer dienst ergeb, möchte es dannocht nimmermer vergolten sein. Darumb, mein
allerliebster herr und vatter, bitt ich euch, ir wöllen mir zu verston geben,
wardurch ich doch solche überschwenckliche guttat vergelten mag, damit ich nit
als ein undanckbarer gast geachtet werden möcht. Dann es sagen die alten, das
kein grösser laster weder undanckbarkeit möge funden werden.
    Darauff antwurt Robertus: Holtseliger lieber Richarde, es ist noch nit an
dem, das wir von einander schaiden noch unsre fründtschaft zertrennen wöllend.
Dieweil du wider zu deiner gesunteit und krefften kummen bist, wend wir erst
ein fröliche zeit mit einander haben, will uns anderst der allmechtig ein
semlichs günnen. So dirs gefalt, magstu dein handel gleich so wohl bei mir füren,
als wann du in Hispanien werest. Ich will dir ein eigen contor und gewelb
ihngeben, darin soll dich niemant nit hinderen; und bleib so lang bei mir, als
dir mein hausshaltung und kost gefallen tut! Mir hat got der herr zu wasser und
land vil glücks verliehen, auch seer gros gut bescheret; das will ich mit lieben
und guten fründen brauchen, so lang ich leb. Dann es soll das gut nit mein,
sunder ich will sein herr sein, niemant hatt mir darein zu reden. Ich hab doch
nit mer dann ein einige tochter, bin auch sunst keiner kinder mer warten; sie
würt dannocht nach meinem absterben guts genug finden.
    Daruff sagt herr Richart: Herr, ir habt fürwar ein schöne tochter. Der ewig
got geb euch genad, das ir sie nach ewerem wolgefallen verheuraten! O wie ein
säliger jüngling ist der, welchem ein semliche schöne braut an seine arm kumen
soll! Ich sag bei meiner selen, wann mir ein solche junckfraw in Portugal zu
einer ehegemaheln zuston möcht, wolt ich all mein hab und gut in Hispanien zu
barem gelt machen und in Portugal ziehen mit allem sam.
    Robertus, der alt kauffherr, het mit ganzem fleiss auff des jungen wort acht
genumen. Er ward ganz kurtz mit im zu rat und sagt: O mein liebster Richarde,
wann ich gedencken möcht, das dir in diser sachen ernst were oder das du ein
ehrliche liebe zu meiner tochter trügest, du soltest in kurtzer zeit ein
freuntliche antwort von mir empfahen.
    Ach herr und vatter, sagt Reichart, wie wolt ich doch ewiglichen ein solchen
bedrug gegen gott verantworten, wann ich dem, der mir so vil guttat erzeigt,
solt ein bedrug unnd die unwarheit anzeigen! Ich sag also, wann ich so gut binn,
das ihr mich für ein tochterman haben wöllend, so stand ich hie und bit euch
durch gottes willen umb ewer dochter. Alles das, so einem ehrenmann zuston mag,
will ich mich allzeit befleissen und darneben ewer dochter schon und ehrlich
halten, wie dann einem ehrlichen mann gebürt. Darzu stet mein hertz und gemüt
gäntzlich, bei euch zu bleiben und zu wonen; dann mir vätterliche trew von euch
bewisen.
    Darauff antwort Robertus: Dieweil es dann, mein allerliebster Richarde, die
Meinung hat, so sei dir auff meinem teil mein dochter zugesagt. Mir aber will
dannocht gebüren, die muter und die dochter darunder anzusuchen, damit harnach
kein verwiss daraus ervolgen tüe. So wolt ich auch sie, die dochter, nit gern
zwingen, das sie wider iren willen einem jüngling oder witwer solt vermehelt
werden, zu welchem sie keinen willen het; wiewol etliche und vil vätter und
mütern der neigung sind, ihre kinder etwan von grosses guts wegen an ein ort
wider unnd über iren willen zu stossen, da sie weder gunst, liebe noch willen
hin haben. Was aber zu zeiten aus solcher vermählung guts erwachset, sicht man
leider zu vil wohl, ja das oft die alten ir händ ob den köpffen zusamenschlagen
müssen. Dann es nit sehr lang und noch in frischer gedechtnus ist, das ein guter
edelman seiner töchteren eine versorgen und einem alten edelman, der ir gar
zuwider was, geben wolt; sie aber erfur die sach, wolt der hochzeit nit warten,
nam ires vatters karchknecht zur ee, und sovil sie mocht raum und blatz haben,
packt sie irer kleider zusamen und fur mit im darvon; habend beid lang mit
einander gehauset, vil schöner und lieber kinder sidhar gezeuget. Darumb, lieber
Richhart, sag ich das, damit mein tochter nit über nacht ursach hett mit mir zu
zürnen, wann ir etwan ein wentzig mit einander stössig würden und sie sagen
möcht, ich het sie gezwungen, einen man zu nemen, so mir und nit ihr gefallen
het.
    Daruff sagt Richart: Von ganzem grund meins hertzen solt mirs leid sein, es
wer gleich ewer tochter oder ein andere, solt ich deren wider iren willen
vermähelt werden. Was lieber stund würden wir doch bei einander haben!
    Als sie nun mit disen und deren gleichen reden ir zeit vertriben, bis das es
umb den ymbis war, da zugen sie mit einander zu haus ganz frölich. Dann sie wohl
vermuten kunden, das die sach einen fürgang haben würd.
 
                                       9.
   Cassandra würdt von irem vatter unnd ihrer muter zu red gesetzt von wegen
     Richarten des jünglings; sie aber gab gleich iren guten willen darzu.
Alsbald die baiden herren zu haus kumen sind, ist das morgenmal gar lustig
zugericht gewesen; das haben sie mit freuden und kurtzweiligem gesprech
volbracht. Nach dem essen hatt Robertus sein weib uff ein ort genumen, auff
solche weis mit ir angefangen zu reden: Mein allerliebste Sophia, du weist, das
wir yetz in die fünffundzwentzig jar in ganzem friden früntlich mit einander
haussgehalten, in welcher zeit uns got in die zehen kinder beschert, welche er
auch nach seinem gütlichen wolgefallen in verstandnem alter durch den
natürlichen tod wider zu seinen gütlichen gnaden berüfft und genummen bis an ein
tochter, welche er uns seines gefallens gelassen, mit der [wir] bisshar nit wenig
freud und ergetzligkeit gehabt haben. Nun sichstu, mein allerliebste Sophia, was
zu diser zeit für arglistiger kupler und kuplerin in der welt sind, so da
schencken und gaben von andren fründtschaften nemen, manchem biderman ein kindt
an ein ort verkuplen, da die älteren weder gunst noch willen hin haben. Nun ist
unser tochter schon erwachsen, das es nit viel umbsehens mer bedörffen will.
Darumb wer mein rhat, wann ein waidlicher gsel kem und iren zu den ehren begert,
wollten wir sie ihm geben.
    Sophia antwurt: Ach mein Roberte, mit was newen unerhörten täding gest du
da umb! Du hast mir fürwar mit deinen worten ein eisskalten stral durch mein
hertz gedrungen. Wehe mir armen weib! Wie solt es mir doch ewigklichen ergohn,
solt ich mein allerliebstes kindt von mir geben! Ich bin des ganz gewiss, das
ich vor meiner uffgesetzten und geordneten stund meinen geist müsste gott dem
herren auffopffern.
    Darauff antwurt Robertus: Du solt dir, mein liebe Sophia, die sach nit so
hart auffnemen, unser tochter zu verheuraten. Dann sie nicht dest weniger bei
uns in unser wonung und behausung bleiben würd in einen weg als in den anderen.
Damit aber du die sach recht verstandest, so wiss, der Richhardus, welcher
jetzund ein zeitlang sein uffentalt bei uns gehabt, der begert ir, hatt sich
auch erbotten, den allernächsten in Hispanien zu schiffen, sein hab und gut, so
er darinnen hett, alles zu verkauffen und haraus zu wonen, so anderst wir im die
tochter zu einer gemahel geben. So habe ich in Engeland und uff dem schiff wohl
von andren kaufleuten vernumen, das der wechsel und handel, mit dem er umbgat,
sehr gros sei. So hat er auch gar ein grosse summa seines eigenen gelts hin und
wider in den geselschaften ligen, so ihm alle jar ein grosses eintreit. Wir
haben auch nun dalest sein wesen und geberd, derzeit er bei uns gewesen ist,
zimlich erlernet. Darumb, mein liebe Sophia, wöllest mir dein entliche Meinung
zu verston geben. Wolt dir dann mein fürschlag gefallen, so wollten wir mit unser
tochter Cassandra auch reden, ob ir die sach anmütig were oder nit. Ich bin
einmal des vorhabens, ir keinen man zu geben, sie habe dann ein lust zu im, und
wann er gleich eines fürsten gut hette und vermöcht.
    Alsbald Sophia dise wort von irem herren verstund, hub ir die sach an zu
gelieben. Jedoch stund sie in sorgen, Richarten möcht mit der zeit das hertz
widerumb in Hispanien ston. Darumb sagt sie: O mein hertzallerliebster Roberte,
wann nit ein sorg darauff stund, sobald Richart die tochter von uns brecht,
möcht er sagen, seiner gelegenhait wer inn Portugal nit zu wonen; er wolt wider
in Spanien.
    Darauff antwort Robertus: Mein Sophia, desselbigen solt du gar kein
gedenckens haben, dieweil er all seine verlassne güter inn Hispanien verkauffen
und zu barem gelt machen, dasselb hie an einem wechsel anlegen würt. So sagt er
auch, das er einen sundren lust bei uns zu wonen hab. - Daruff sagt Sophia:
Wolan, so mag ich leiden, das wir unser tochter Cassandra die sach fürhalten und
ir gutduncken hören, damit wir iren willen und Meinung auch verston mügen.
    Alsobald ward die junckfraw Cassandra beruffen, und ward ir alle Meinung des
heurhats halben fürgehalten, wie es dann oben nach der lenge anzeigt. Und in
summa, das ichs bekürtz, die junckfraw ganz züchtigklichen anfieng zu antworten
und sagt: Ir mein allerliebsten älteren, die ir mich so schon unnd zärtlich in
gar grosser liebe erzogen hand, wie möcht ich anderst gedencken, dann das euch
lieb und ein gefallen ist, ich geschweig zu tun! Darumb so setz ich euch die
ding ganz in eweren willen und gefallen. An herr Richarten, dem jüngling, habe
ich ganz keinen mangel, so ferr und er euch gefallen tut.
    Also was es alles schon richtig, und manglet nicht mer, dann das Richart nit
zugegen was und ein priester, so sie zusamengeben. Robertus, der gut alt herr,
was in grossen freuden, dieweil er sein tochter und gemahel so ganz gutwillig
funden hett. So was fraw Sophia nit minder frölich, das ir tochter dermassen
sich verheuraten solt und dannocht bei ir im haus bleiben. Wie frölich aber
Cassandra gewesen sei, gib ich einem yeden selb zu erachten. Der jüngling was
schön, so het er auch, ein grosses gut; davon Cassandra nit wenig heimlich frewd
an irem hertzen trug. Also ward die sach von den alten gar dapffer getriben,
damit es bald zu einer hochzeit keme. So was Reicharten auch schon alle Meinung
verkündet; deshalben er auch gar frölich was.
 
                                      10.
   Cassandra und Richardus werden zusamen vermähelt, würdt aber aus etlicher
                   ursachen nit ein grosse hochzeit gehalten.
Robertus, der gut alt mann, hett verschaffet, das auff den nächstkünftigen tag
ein herrliche malzeit in seinem haus bereit würd. Er hatt auch in eigner person
seine nechsten freund darzu beruffen, doch das sie zu früer tagzeit erscheinen
sollten, dann er wolt seiner tochter Cassandra einen man geben. Dise verkündung
namen etliche seiner freünd in einem schertz auff, liessens doch eine gute sach
sein; dann in was unverborgen, dieweil Robertus in Engelant gewesen, was ihm ein
liebe schwester mit tod abgangen. Nicht desto minder kamen sie des morgens ganz
gehorsamlichen. Alda erkannten und sahen sie erst den ernst, dieweil sie den
priester im haus funden, auch alle ding auff das zierlichest ausgebutzt und
uffgemutzt.
    Als sie nun zusamenkummen sind, hat man entlich vom heurhat angefangen zu
reden und sunderlich von dem, das Richart in Portugal und namlichen zu Lisabona
sein wonung haben solt und gar nit inn Hispanien ziehen, sein wonung darin zu
haben, es were dann sach, das schwäher und schwiger mit tod vergiengen und
alsdann sein weib noch in leben were, mit gutem willen mit im zu ziehen sich
begeb; sunst solt er sie in keinerlay weg zwingen. Über solche ehberedung wurden
in beiwesen der früntschaft gute versicherungen auffgericht, desgleichen des
guts halben auch alles gar wohl versehen und hinder die fründtschaft gelegt,
damit man über nacht semliche schrifften wüste zu finden.
    Also wurden die zwei nach christlicher ordnung zamen vermähelet. Demnach
ward der ymbis mit grossen freuden volbracht, allein das gar kein seitenspiel da
gebraucht ward allein der ursach, das dem alten herren sein schwester so
kurtzlichen gestorben was, wie dann oben gemelt wirt. Was aber sunst zu einer
kostlichen malzeit gehöret, daran was gar kein mangel, es wer gleich von speis
oder von fremden kostlichen weinen aus allen nationen harbracht.
    Nach der malzeit, als man das wasser umbgeben het, sind sie auffgestanden,
weib und mann mit einander in einen schönen garten spazieren gangen. Darinn
sich dann die jungen männer auff das essen dapffer gebraucht haben, mit ringen
und springen einander dapffer geübt, desgleichen mit dem ballenspiel nit
gefeiret. Die alten aber haben sich mit einander underredt der hochzeit halb, in
was gestalt die anzugreiffen wer; wurden aber all in gemein rhätig, das ein
kleine hochzeit solt gehalten werden unnd auch auff das bäldist, so immer
müglichen sein möchte. Disen rat liess im Robertus gar wohl gefallen, beschlosse
also mit inen, uff den dritten tag müst alle ding zur hochzeit bereit sein, das
sich ein yeder darnach wisste zu richten.
    Under disem begab sich under den guten freunden ein zanck, namlich mit den
steinstössern. Es hetten ir zwen ein ziel erlangt, was aber dem einen im stossen
hinweggesprungen. Darumb im dann der ander gar nit gewunnen geben wolt; so
dorfft sich auch der andren keiner mehr understohn das ziel zu geweren.
Reichart, so dann noch seine kranckheit nit gar verdewt het, gedacht: Wann ich
meiner sterck selb vertrawen dörfft, ich wolt disen krieg bald verrichtet haben.
Er nam den stein, welcher zimlich gros was, und sagt: Ir jungen herren und
vettern, wann ich euch beidsamen überläg, wolt ihr dann zufriden sein? Des waren
sie ganz wohl zufriden; dann sie nit maineten, das Reichart über ir gelegt ziel
solt gestossen haben. Reichart fasset den stein in forteil und sties in ganz
geschwind weit über das ziel hinaus. Da hette schon der zanck diser zweier ein
end, und ward iren genug darzu gespott. Gelt, sagten die anderen, ir habt eweren
mann funden, so euch kann unnd waisst zu entschaiden? Lieber, tund ims nach! Also
hubend sie das ballenspiel an zu spielen; aber keiner under in allen mochts dem
Richardo vortun mit behendigkeit des leibs und allen fortlen, so man brauchen
mag in dem ballenspiel.
    Als es nun umb den nachtymbis worden, sind sie wider in einer Gesellschaft
zu haus gezogen, haben den nachtimbis frölichen volbracht. Demnach die fremden
zu haus gangen, und sich yeder an sein rhu gelegt.
 
                                      11.
    Die hochzeit wird gehalten mit grossen frewden, aber gar kein dantz oder
seitenspiel gebraucht; auch von der morgengab, so Reichart der braut soll geben,
                                   gehandlet.
Als nun die drei tag verschinen sind, haben sie die braut des morgens frü zu der
kirchen gefürt, darbei dann anderst niemands dann die früntschaft gewesen ist,
alles aus oberzalter ursachen. Als es nun umb den ymbiss ward, hat man sich zu
tisch gesetzt, frölich angefangen zu essen und drincken.
    Es het aber der alt Robertus ein tag darvor alle alten hausarme leut, so im
müglich sind gewesen anzukumen, beruffen lassen, das sie uff die hochzeit der
gestalt erscheinen sollten: des morgens frü sollten sie sich in der kirchen
einmütiglichen versamlen und da gott den almechtigen bitten, das das er disen
zweien jungen menschen seinen segen und gnad verleihen wolt, das sie in seinem
götlichen willen leben möchten, gesunde kinder bei einander zeugen, und so
dieselbigen erwüchsend, das sie die in der ehr und forcht gottes auffziehen,
seine gebot underweisen, zu der gehorsamkeit abrichten und sie sunderlich auch
vor der gotslesterung und dem liegen verhüten möchten; das ihn got auch ein
solchen verstand, keusch und gotsförchtig gemüt und hertz geben wolt, wie er dem
jungen Tobia durch Raphaelem den engel eingebildet het. Wann sie dann semlichs
volbracht, sollten sie in gemeiner schar in seine behausung kumen, da würd inen
allensamen ein gut malzeit bereit sein. Dis alles ward durch die armen leut nach
des alten herren willen unnd begeren volzogen.
    Als nun die armen leut in herr Robertus haus kummen sind, ist inen in einem
grossen weiten saal ihr losament fein und ordenlichen zugericht gewesen. Da
waren vil taflen gedeckt mit schönen weissen tüchern. Robertus het ihnen auch
ire sundere und eignen schencken und dischdiener bestellet, so allein auff die
armen leut sollten warten, damit keinerlei mangel noch bresten bei inen gespürt
würde. Als sie nun gar ordenlich zu tisch gesessen, habend sie zum ersten gott
den allmechtigen umb das täglich brot gebetten; darnach hat man inen das essen
dargetragen. Also habend sie ganz züchtigklichen gessen und getruncken
mangerlei guter speis und tranck, das nit ein wunder gewesen were, das sich
etliche übertruncken hetten. Aber deren ist keiner gesehen worden; dann sie
alle, weib und mann, mit züchten unnd grosser dancksagung speis und dranck
genossen haben.
    Disen brauch habend unsere bettler im Teutschen land gar fein und hoflich
gelert. Das kann ich sagen, das ich uff etlichen reichstagen gesehen, wann man
tags das almusen, das dann reuhlich da was, aussteilt, das sie einander häfen
und schüsslen auff den köpffen entzwei geschlagen; müsst auch einer spitz ohren
gehabt haben, der ein vatterunser von einem gehört, aber gut starck
lantzknechtisch schwür, die ein namen hatten. Aber doch waren auch darunder,
denen mit solcher unützen weis nit wohl was, unnd ob sie gleich wohl einen
missfallen darab hetten, mussten sies dannocht ein gute sach lassen sein. Jetz
kumen wir wider uff die materi.
    Als nun die armen leut den ymbis volbracht, hand sie gott dem herren lob und
danck gesagt, demnach auffgestanden. Bald ist der alt herr mit sampt dem
breutigam kumen; denen haben die armen leut tausentveltig Glück gewünscht. Der
breutigam aber hatt einem yeden armen menschen einen groschen geschenckt; damit
sind sie abgefertigt gewesen.
    Ich mus aber ein wort darzu reden. Es ist der brauch gar nit bei uns, wiewol
wir ein andere gewonheit, die auch nit zu verwerffen, bei uns haben. Wann zu
zeiten hochzeiten sind gewesen, habe ich oft gesehen, das die beide müter, der
braut und des breutigams, harumbgangen sind; alsbald man ein essen uffgehaben
und von den tischen getragen, sind sie da gewesen und alles angeschnitten
fleisch, oder was das gewesen, in besunder kessel oder häfen getan ; das hatt
man dann zu einer bestimpten stund under die armen leut ausgeteilt. Jetzund
macht man aus solchen bitzlen, schnitzlen und fragmenta ein kauffmanschatz; dann
es mag das volck nit so bald vom tisch auffston, es sind der kaufleut ein
ganzer hauffen zugegen mit häfen und mit schüsseln, kauffen den blunder allen
gar auff, also das den armen leuten das spülwasser, darin diser kauffmanschatz
gelegen, kaum werden mag. Hüw umb, lauff teufel lauff! Ist dir, als du inkaufft
hast, nie nichts zu teuer gewesen, schauben und röck, guldin gürtel, perlin
porten hatt alles müssen zum kostlichsten da sein, du hast nit rhatgeben gnug
haben mügen, die dir die richten, trachten und schleck angeben, wie du sie
einander nach antragen, und mus alles ganz eben sein, da kann niemant zu vil
fressen unnd sauffen, niemants kann nichts nit verderben; bald aber der arm
dürfftig kumpt, da ist allentalben mangel, da hat man nichts mer auszutailen
dann böse unütze wort, stosst man sie anderst nit gar zu haus und hoff aus,
schleusst tür und tor vor inen zu. Wolan, got sicht und hört alle ding. Er sah
den reichen man wohl in seim pracht und schmuck bei dem goltgezierten tisch; er
sah aber auch den armen Lasarum mit vilen grossen geschweren vor des reichen
türen, da im die hund seine offnen geschwer und schäden leckten. Wie giengs
aber darnach? Rauch genug giengs zu. Der arm Lasarus starb bald harnach, und
ward seine seel von den engelen getragen inn die schoss Abrahe. Da aber der reich
starb, wo kam der hin? Seine engel, die leidigen teuffel, trugen in in die
abgrunt der hellen. Warumb geschahe im das? Darumb das der vol wanst dem guten
Lasaro die brösamlin von seinem tisch abgefallen versagt hat. Darumb biss nur
emsig, so du ein sun oder tochter hingibst, damit dir nichs vergebens
hinweggang! Dann gibstu das den armen, got mag dirs nitt vergelten am jüngsten
tag. Aber so du gelt kanst draus lösen, wirstu von dem teuffel noch mer lons
gewertig sein. Diss sei genug davon geredt.
    Die hochzeit ward also mit kurtzweiligem und früntlichem gesprech biss zum
nachtymbis vols vertriben; dann alles dantzen, wie oft gemelt, da vermitten
blib.
    Richart hette sich hiezwischen heimlich inn sein contor getan  sampt seinen
beiden knechten. Er nam ein gar schönen grossen doppelten übergulten kopff; die
beiden teil legt er voller goldt, den einen voller schiffnobel, den andern
voller rosennobel sampt einer schönen guldenen ketten, befalh seinen beiden
knechten, ganz fleissig wahrzunemen, wann des morgens schweher und schwiger für
sein schlaffkammer gon und die morgengab an in der braut forderen, sollten sie
mit disen beiden köpffen auff der fart sein und auch für die kamer kumen; diss
wolt er der braut zu einer morgengab verehren.
    Nach dem ging Richart zu dem nachtmal. Da das auch volbracht was, furt man
die braut in ein schöne kamer schlaffen. Demnach nam vederman urlop, zogen zu
haus, vertriben die nacht mit süssem schlaff, erwarteten also in der rhu des
anderen morgens. Das gesind aber, so den ganzen tag zu schaffen gehabt, sassen
erst die ganz nacht zusamen und hetten iren guten mut auch.
 
                                      12.
  Reichart begabt sein braut mit einer rheilichen morgengab. Weiter von einem
      zutütler, der die armen leut hasset, was Richart mit im geredt hab.
Es was eben auff disen morgen der lieb und selige mai angegangen. Die morgenröt
mit gar frölichem anblick, in rosienroter farben mit schöner wat angeton, sich
sehen liess; die edlen waltvögel mit gar süsser und lieblicher stimm
zusamenstimmeten. Bald bracht Phebus seinen wagen, daruff fürt er die sonn mit
irem spreissigen kopff, damit der lieblich mai also seinen yngang het.
    Robertus und Sophia stunden auff, legten ire kleider an, giengen eilends für
der braut kameren; auch hetten sich schon etlich der anderen freünd
harzugemacht, sie forderten die morgengab an den breutigam. Er bat, sie sollten
ein klein verziehen, dann sie würd bald vorhanden sein. Indes kamen die zwen
diener mit den vergulten köpffen, klopfften auch an der kammern und gaben irem
herren ein wortzeichen, damit er wusst, das sie vorhanden waren. Also schlos er
von stund an auff und empfieng die köpff von dem jungen und dem andren diener.
Der schweher, schwiger sampt der andren freundschaft giengen auch hinein inn
die kammeren.
    Richart nam erstlich die schöne kettin, hieng die seiner braut an den hals,
demnach stalt er ir auch die zwen übergulten köpff dar. Als aber sie ganz
schamhaftig under sich sehen des schönen und ausserlesenen golds nit wahrnam,
hatt Richart ir den einen kopff mit dem gold in den geeren geschüt und darzu
gesagt: Allerliebste braut, nement hin dise morgengab! Und nach diser gaben
sollend ir täglichen mehr und vil bessers von mir gewarten sein, so uns anders
got ein zeitlang frisch und gesunt bei einander lassen will. Alle, die semlichs
sahen, verwunderten sich ab dem grossen gut; dann Robertus het selb nit
vermeint, das der jüngling ein semliche barschaft und gut bei im gehabt het.
    Nun sollten wir weiter anzeigen, wie der ymbis gehalten und der tag zu end
bracht worden were. So dunckt michs gar nit von nöten, dieweil nichts da
verhandlet worden dann kostlich trachten fürgetragen, schöne credentz von gold
und silber da gesehen, der diener ein gros summa umb die tisch rumbher
gelauffen. Aber eins, so fürgangen, mus ich anzeigen.
    Es was ein nachbaur, ein gewandbereiter, zunechst an Roberten haus gesessen,
ein rechter und grosser dellerschlecker; denselbigen dorfft man zu keinem
wolleben nit beruffen; dann er fand zu aller zeit ursach, damit er sich selb
hienin schraubet. Also hat er auff diser hochzeit auch getan . Er kam ungeladen
unnd machet sich ganz gescheftig. Nun hetten sich etlich arme leut, die den
anderen tag nit bei dem mal gewesen, zusamengeschlagen, sassen vor herr Robertus
haus, ob in doch ein almusen von der hochzeit werden möcht. Als sie nun diser
schmorotzer ersehen tet, hat er sie ganz unwirs angefaren unnd gesagt: Wer hat
euch heut hieher bescheiden? Ihr habt ewer mal gester yngenumen. Darumb ziecht
nur hinweg, ir dürffen uff nichts hoffen.
    Diss erhort einer des herren diener, so dann disem schleckdenlöffel
sunderlichen find war; der ging herzu und sagt zu im: Lieber, lasst euch die
armen nit irren! Dann die beide herren haben sie gesehen und befelch in der
kuchen geben, das man in soll das almusen zusamenhalten unnd demnach austeilen.
Diser suppenfresser wolt gesehen sein, stach mit bösen worten wider hinumb.
Zuletst sagt der diener: Lieber, lasst doch die armen leut beleiben neben euch!
Nun seit ir doch gleich so wenig berufft als sie. Was wölt ir daraus machen?
    Zu disem streit und zanck kam von ungefer der jung herr Richhart. Der fragt,
was sich da für ein zanck zutragen, wolt den bericht der diener aller sach
wissen. Als er nun aller sach bericht, ward er darüber erzürnt und sagt: Ir solt
die armen nit also, hassen; dann iren ist das reich der himel, wie dann Christus
selb spricht Matei 5. So wir nun auch inn das reich gottes begeren, müssen wir
uns mit den armen hinindringen. Wisst ir nit, wie Salomon in seinen sprüchen so
treulich ermanet, das wir den armen alle zeit sollen guts beweisen? Dann er
spricht in seinem 14. capitel: Der sünder verachtet seinen nechsten, aber wohl
dem, der sich des ellenden erbarmet. Item am 19. spricht er: Wer sich des armen
erbarmet, der leihet dem herren, der wirt im wider guts vergelten. Und an dem
21. zeigt er die straff an denen, so den armen gehessig sind; dann er sagt: Wer
seine ohren verstopfft vor den armen, der würt auch rüffen und nit erhört
werden. Und gleich im andren capitel hernach: Ein gut aug wirt gesegnet, dann es
gibt seines brods den armen. So habend wir auch gar ein schön exempel an dem
lieben Tobia. An seinem 4. und 14. capitel da vermanet er seinen lieben sun
Tobiam gar hertzlichen, das er almusen geben soll. Also auch Jesus Sirach am 12.,
das man den ellenden und armen guts tun soll. Item am 14. capitel sagt er:
Vergiss der armen nit; wann du denen guts tust, so wirt dir auch frewd
widerfaren, die du begerest. Darzu haben wir dort ein schönen trost von Christo
selb Matei 25., da Christus sagen wirt zu den seligen und ausserwelten, welche
da werden stehn zu der rechten des herren; zu denen wird der herr sprechen:
Kumpt her, ir gesegneten meines vatters, ererbet das reich, so euch bereit ist
von anbegin der welt! Dann ich binn hungerig gewesen, und ihr hand mich
gespeiset; ich binn durstig gewesen, und ir hand mich gedrenckt; ich binn ein
gast gewesen, und ir hand mich beherbergt; ich binn nackend gewesen, und ir hand
mich bekleit; ich binn kranck gewesen, und ir habend mich besucht; ich bin
gefangen gewesst, und ir sind zu mir kumen. Und wann sie dann sagen werden, sie
habend im keine solche guttat erzeiget, wirt in der künig wider antwurten:
Warlich sag ich euch, was ir getan  habt einem aus disen meinen geringsten, das
habt ir mir getan . Das solt ir, lieber nachbaur, bedencken und die armen
liebhaben; so werdet ir hinwider von dem herren geliebt werden.
    Der schmarotzer verlachet dise wort ganz spötlichen und sagt: Hei breutgam,
ich hab nie anderst gewisst, dann ir seit ein kauffherr; so vernime ich yetzund
wohl, das ihr ein predicant seit.
    Die wort hort der diener, so vor mit ihm gebalget hett. Er sagt: Mein herr,
bekümmert euch nit mit disem fatzman! Dann dise wort sind im nur ein gespött. -
Aber mir nit, sagt herr Reichart, sie sind mir lieber dann gold und silber,
berlin und edelgestein. Ich trag und für sie auch alwegen bei mir. Damit zeigt
er in ein schönes gebundenes büchlin, in welchem die bücher Salomonis und der
Syrach yngebunden was.
    Der diener sagt: Kein buch wirt in nit bekümmern; dann er und sein hund
versehend sich, in ein himelreich zu kumen. Des ich dabei abnim: er hat den hund
dahin abgericht, das kein armer mensch zu seiner haustür kumen darff; so
grausam tut er über die armen. - Das ist ein grosse und schwere sünd, sagt
Reichhart, ir müsst auch gott einen schweren stand darumb tun. Damit ging
Reichart in die kuche, befalh, wann man die letst richt oder essen angetragen
hett, solt man den armen leuten die auffgehabne speis fein und ordenlichen
aussteilen.
    Jetzund wend wir gnug von der hochzeit gesagt haben, dieweil sich doch
keinerlei kurtzweil weder mit tantzen noch andrem zugetragen. Richart aber ganz
stil darzu schweigend nam im gäntzlich für, wann die zeit sich ein wenig
verlieff, (dann das würd eben auff sein widerkunft sein, so er aus Hispanien
keme) alsdann wolt er erst ein frölichs wesen anfangen und alle guten freund
unnd nachbauren darzu laden, ein new hochzeit haben, wie es dann auch geschah.
 
                                      13.
 Wie zwen jung Portugaieser, so einander nahendt verwandt waren, eines abents,
als man schon das liecht auffgezündet het, mit zweien riffienern auff Richarten
                      warten und in umbracht wollten haben.
In allen landen unnd inn der ganzen welt ist der brauch, wann gott der
almechtig einem ein zeitlich Glück zusendet, mus er alwegen vergünstig leut
darzu haben, damit es im dannocht nit so ganz glat hienausgang. Mögen und
künden sie schon die sach nit wenden und hinder sich treiben, werffend sie
dannocht etwann ein dreispitz hienein, damit es dannocht einen hinckend mach,
dem sie das Glück vergünnen. Also ging es dem guten Reicharten zu disem mal
auch.
    Es was in der statt Lisabona ein junger reicher Portugaleser, sehr mutwillig
unnd verwegen. Derselbig hett lang umb die Cassandram geworben, aber von seiner
überschwencklichen frechheit und mutwillen, so er an allen orten beging, hat im
sie ir vatter gar nit geben wöllen und ganz abgeschlagen. Als nun derselbig
jüng[ling] sah, das sie dem Richarten vermählet und zum weib geben was, hat er
es zu grossem verdruss, als ob er dardurch gäntzlichen verachtet wer,
uffgenummen, hat sich zu einem seiner freundt verfüget, welcher auch ein
wolgeratner vogel was gleich wie er.
    Demselben hat er sein anligen geklagt und gesagt: Mein allerliebster und
ausserwelter fründt, dir ist, glaub ich, unverborgen, was grosser schmach und
verachtnüs mir von dem alten herren Roberto zugestanden. Dann er mich für keinen
dochterman hat wöllen erkennen, nimpt disen hargeflognen Spanier auff, des gens
man doch nit erkennet in ganzem Portugal. Ich friss mir selb schier mein
eigenes hertz darumb, binn doch nit so bedacht, das ich waiss, durch was mittel
und weg ich mich an dem alten soll rechen, damit im solche schmach möcht
vergolten werden.
    Auff dise wort antwort sein fründt und sagt: So mich der handel antref, wisst
ich im wohl zu tun. Ich wolt mich früntlich zu dem Hispanier gesellen, mit im
zechen, spielen und alle böse stück mit im versuchen, damit ich seins tuns und
lassens gnugsam erfarnüs überkem. Wann sich dann mein zeit begeb, wolt ich ein
balg mit im anfangen, und ehe dann er wisst, wie der hafen geschaumpt wer, wolt
ich im zum wenigsten ein lammes hendlin gemacht haben; wie ich, nit lang
vergangen, zweien kauffmansdienern abkert hab. Die hetten sich beid noch keiner
streich versehen; denn ich mit lachendem mund zuschmiert, und ehe dann sie zu
streichen kumen mochten, hett ich dem einen die linck hand, dem anderen den
rechten arm lam geschlagen.
    Darauff sagt diser: Da lass ich mich gar nit hienbringen, dieweil ich nun so
manigmal von seiner stercke und geschwindigkeit hab hören sagen. Mit fechten,
meinend sie, mög im in ganzem Lisabona niemant verglichen. Den stein hat er
bisshar allensamen vorgestossen; keiner under allen übertrifft in mit ringen;
das springen gat im ganz wohl von statt; im ballenspiel ist er gar ein rabi.
Darumb mir gar nit zweiflet, er sei im schlagen unnd scharmützlen auch nit faul.
Wann ich dann meint, ich wolt in schlagen, so hett er mich schon getroffen.
    Da sagt sein freundt: Wann dir dann diser weg nit gefallen will, muss man
einen andren für die hand nemen. Tu im also! Der Spanier gat nachts vilmalen
aus mit seinen freunden essen. Alsdann wöllendt wir ein par riffiener gewinnen;
die nemen gelt, bringen dir von im, was du begerst, es sei ein hand, ein fuss,
ein schenckel, arm oder den kopff. Ye dann darnach du inen lonest, darnach
arbeiten sie dir.
    Darauff antwort diser: Der rhatschlag würt mir entlich anzunemen sein. Dann
ich mein gelt lieber will lassen kriegen, dann solt ich darob zu trümmeren gohn.
    Also bedachten sie sich nit lang, machten ir practick und erfuren, das ein
mechtig schiff mit kaufleuten und kostlicher wahr kumen was. Da wussten sie schon
gewiss, das Richart bei inen das nachtmal essen würd. Sie fügten sich zu zweien
schantbuben und riffieneren; mit denselbigen wurden sie eins umb einen lohn, das
sie den Richarten bei derselbigen nacht sollten auff den todt wundt schlagen oder
gar umbringen, wie inen das am basten fügen wolt. Das sie inen dann beiden samen
in die händ geredten. Darnach sind sie eilens gangen, haben ire schwerter
gewetzt, ire bantzerhemder und bucklier zu weg gelegt, damit sie gegen abent
sich nit lang dörfften rüsten.
    Der gut Richardus wusst von solcher verreterei gar nicht. Es war aber sein
alter brauch, das er nachts auff kein gassen ging, er hett sich dann wohl under
seine sichtbare kleider mit bantzer, welches ganz rein was, angeton. Darzu
hett er alle zeit etlich pomerantzen bei im, so mit blei aussgefült waren, dann
er zum teil geböglet worden was. Er nam urlaub von seinem schweher, schwiger
und hausfrawen, ging zu den guten herren in die herberg, deren er dann gar vil
under inen sehr wohl kant.
    Diss alles hetten seine widersecher eben wargenumen, wartetten im gar
fleissig uff den dienst. Als nun die guten herren in der herberg gessen hetten,
belanget sie einmal an gute rhu; dann sie lang uff dem meer gefaren waren unnd
yetzund des wassers ganz müd und matt. Das wussten die andren guten herren;
derhalben sie urlop von ihn namen, und zug ein yetlicher heim in sein behausung.
 
                                      14.
 Ein reicher goldschmit, so sein handel mit berlin und kostlichem edlem gestein
füret, kumpt Reichart zu hilff; dann im die vier gar überlegen waren. Die beiden
                            riffiener bleiben todt.
Auff disen nachtimbis was auch bei gedachter Gesellschaft gewesen ein junger
mann, ein goldschmit, welcher einen schweren unnd grossen handel furt mit edlem
gestein und den allerkostlichsten orientischen berlin; darumb er dann gar wohl
bekant was under den kaufleuten, so aus ferren landen waren. Der sass nit gar
weit von herr Roberten haus; darumb dann beide guten herren, Reichart und der
goldschmidt, eines wegs heimgiengen. Sie hetten beidsamen ire jungen mit zweien
wintliechtern bei ihn; darvor die erbar Gesellschaft nicht zu schwert kumen
kunden. Also schlichen sie so lang hinach, bis der goltschmit urlaub von herr
Reicharten nam und schlos sein haus auff, ging mit seinem jungen hinein.
    Bald waren die schälck all vier mit gewerter hand ob dem guten jungen
herren, das er gar kein flucht wusst. Auff dletst riss er sich mit ganzem gwalt
von in aus, erwischet seiner pomerantzen eine, warff damit den einen riffiener
an sein schlaff, das er tod nider zu der erden sanck. Reichart schre sie an und
sagt: Ihr verzweifleten Bösewicht, was ansprach habt ir an mich unschuldigen? Es
ist mir doch keiner under euch allen bekant. Nun waren sie noch so nahend bei
des goltschmits haus, das er alle wort von Reicharten vernemen mocht; so erkant
er ihn auch an seiner red. Er hiess eilents ein wintliecht oder zwei anzünden,
nam sein gut schwert von der wand, damit zu seinem haus hinaus und sprach herr
Reicharten mannlichen zu und sagt: Lieber herr, sind manlich und unerschrocken!
Ich will uff dise nacht mein leib und leben bei euch lassen. Wir beid wend diser
dreier schälck wohl mechtig sein.
    Von disen trostlichen worten die drei grossen schrecken empfiengen. Richart,
der hett erst noch mer mannesmut überkumen, zucket die ander kugel und fasset
einen solchen starcken wurff, das den andren riffiener sein pantzer gar nit
gehelffen mocht, sunder must den tod an der pomerantzen fressen, wie dann sein
gesel an der anderen getan  het. Da diss die zwen gewar wurden, understunden sie
die flucht zu geben. Der goltschmit aber eilet hinach, und in der flucht wundet
er Richarten find gar hart. Also haben sie die riffiener uff der gassen ligen
lassen, welchen das blut zum mund, ohren und nasen ausslieff.
    Der goldschmit ist mit herr Reicharten zu haus gangen, haben gar manigerlei
von diser sachen, wohar das kumen möcht, berhatschlaget, aber den rechten zweck
nicht treffen künden; also mit einander der sachen eins worden, das sie den
künftigen morgen in alle balbierer- und scherheuser gon wollten und erforschen,
was sie in der nacht für wunder leut verbunden hetten. Zuletst name der
goltschmit urlop und ging mit seinem diener zu haus.
    Es war aber der alt herr und fraw schon zu bet gangen, wussten gar nichts
umb dise sachen, desgleichen auch die jung fraw; dann sie versahnd sich nit,
das Reichart so zeitlich zu haus keme, und was gar niemants mer, so auff in
wartet, vorhanden wann das gesind im haus. Also gieg Reichart auch zu bet,
befahl dem hausgesind, fewr und liecht zu verwaren. Er sagt seiner Cassandra
auch gar nicht von dem lerman, damit er sie nit angstaft machet und
erschreckte.
    Des nachts gedacht er gar manigerlei und sunderlich an den goldschmit, der
im so trostlich zugesprungen was, besan sich oft, womit er im doch semliche
guttat möcht vergelten, und nam im entlich für, dieweil im gott sein leben
günnet, das er in für einen bruder und freundt ansprechen wolt. So waren sie
beide fast in einem alter, zwen frölich jung kerle, mit allerhand sprachen
gefasst. Reichard was lang im land zu Meissen bei einem herren gewesen, da er
dann sein zierlich gut tentsch gelernt het; so het Lasarus der goltschmit
Teutschland allentalben ausgewandert und sein handwerck gearbeit. Es kund auch
Robertus, sein weib und alles gesind im haus gut niderlendisch oder brobendisch
teutsch; dann er von Antdorff dahin gezogen was, alles gesind, knecht und mägt,
mitbracht.
 
                                      15.
               Lasarus und Reichart kumen morgens auff die spur.
Lasarus der goldschmidt alsbald er des morgens auffgestanden unnd sich angeton
hett, ist er den nächsten zu Reicharten gangen. Die zwen riffiener aber sind
noch also in iren pantzeren angeton uff der strassen gelegen. Umb sie ist ein
grosse menge des volcks gestanden, die dann gemeinlich dise bösen und verwegenen
buben gekant haben, auch darneben wohl ermessen künden, das sie auff semliche
abenteur umbgangen sind. Lasarus hat sich auch hinzugestelt, damit er doch von
dem volck eines jeden rhatschlag und Meinung vernemen möcht. Da aber ist nicht
anders gesagt worden, dann das in beiden ir verdienter und bescherter lohn
worden sei.
    Als nun Lasarus zu Richarten kumen ist, hat er im einen guten morgen
gewünscht; haben einander zu beiden teilen früntlich gegrüsst, demnach mit
einander hingezogen von einem scherhaus zu dem andern. Und als sie yetzund in
das fünft scherhaus oder balbierershaus kumen sind, haben sie den jungen,
welcher den riffienern den lohn gegeben, den Richarten umbzubringen, funden. Er
lag dort uff der gautschen gar uff den todt verwundt. Alsbald er nun den
Lasarum, welcher in also verwundet het, ersah, sind im die wunden so heftig
wider angangen bluten, das im der balbierer die in keinen weg mehr hat künden
stellen. Unnd er auch an ihm selb wohl befand, das sein sach nit mehr sein würd,
hat er angefangen Richarten gar früntlich bitten, ihm zu verzeihen, dieweil er
ihm on alle schuld findtschaft getragen und also bei nächtlicher weil auff in
gewartet mit einem anhang, deren dann zwen hindurch weren; so gedecht er wohl
seinen letsten tag auch schon gelebt haben. Richart bat in gar früntlich, das er
ihm doch die ursach seiner feindtschaft anzeigen wolt, dieweil er in doch mit
wissen nie erkant het. Da sagt er: Fürwar so hab ich nie begert, das euch solt
ein har geschworen haben, binn aber ewerem schweher von ganzem meinem hertzen
feindt gewesen und dieselbige feindtschaft, so ich ihm getragen, understanden
an euch zu rechen. Das blat aber hatt sich umbgewendt; dann ich bin, der die
gruben getolben hat, und zu dem ersten hineingefallen. Also fieng er an gar
schwach zu werden, so das er gar nicht mer antwurten noch reden kund; und ehe
dann ein stund vergon tet, ist er gäntzlich verscheiden.
    Die zwen aber sind mit einander rhätig worden, den vierden auch zu erfaren.
Als sie aber lang hinach getast, hand sie erfaren, das er darvon gewesen ist.
Also haben sie solche sach der oberkeit, so darzu verordnet gewesen, angezeiget.
Als aber dieselbig verstanden, das nit mer dann noch einer in leben und aber hin
und weg sei, haben sie die zwen riffiener dem nachrichter bevolhen, das er sie
hinaus an das hochgericht schleiffen solt und vergraben. Reicharten aber und
Lasarum haben sie heissen zu haus gehn und frölichen sein, darbei bevolhen, wann
inen mer semlich sachen begegnen, das sie gleicher gestalt handlen wöllen wie
dissmals.
    Also sind sie mit einander gangen zu dem alten Roberto; dem habend sie alle
verloffnen sachen erzalt, dabei den jungen, so dise practic angericht, zu
erkennen geben. Von stund an hatt der alt gemerckt, wohar der neid erwachsen.
 
                                      16.
Robertus, Richardus und Lasarus essen das morgenmal mit einander; Lasarus kaufft
    herr Roberto ein haus ab, daran ihm Richart heimlich vil zu steur kumpt.
Die drei guten herren bliben also bei einander, bis das es umb den morgenimbis
ward, sind sie zusamengesessen und ein guten mut miteinander gehabt, viel von
irem volbrachten scharmützel zu red worden. Es hat auch Reichart dem Lasaro oft
gedancket des brüderlichen zuspringens, so er im getan  hat.
    Als sie nun im besten essen gewesen, hatt Reichart gesagt: Was wolt ich sein
doch schaden haben, das Lasarus etwas näher bei uns gesessen wer! Wie wollten wir
doch so gut früntschaft mit einander haben! Darauff antwurt Lasarus: Mein
lieber Richarde, wann mich ewer herr schweher wohl gemeint und mir sein nebenhaus
zu kauffen gebe, dieweil er das nit braucht, wir wollten gnug nah zusamenkumen.
Daruff sagt Robertus: Fürwar, Lasare, es wer ein haus für euch und zu ewerem
gewerb ganz ausserwelt. Wo es meinem tochterman gefallen will und ir mir das
nach der billigkeit bezalen, will ichs euch zu kauffen geben. Darzu sagt
Reichardus: Mit mir hats gar nit nodt. Dann so mir die sach allein übergeben,
wir wollten des kauffs bald eins worden sein. Dann ich dörfft im das gar für
eigen schencken; er hatt auch semlichs wohl umb mich verdienet. - Alsbald der alt
solche wort vernam, hatt er mit dem Lasaro zugefaren und ime das haus für ein
gelt angeschlagen und im diss also zu seinen handen gefertiget; des sich dann
Reichart nit wenig frewet.
    Sobald sie das mal volbracht hand, hatt der jung herr Reichart den Lasarum
mit im in sein schreibstuben gefürt, einen wolbeschlagnen kasten
auffgeschlossen, etlich hundert ducaten in einen seckel gezalt unnd die dem
Lasaro geben und gesagt: Dise schenck und gab nim von mir, du mein liebster
bruder! Dann fürtin disen tag und alle tag soltu mein bruder genant werden,
dieweil du mir solche trew erzeigt. Diss gold solt du an disem kauff zu steur
haben. Du solt aber dich, sobald dir immer müglich sein mag, schicken, das du zu
haus ziehest; von diser schencken aber soltu niemants nichts sagen dann deinem
weib. Lasarus sagt Reicharten gar fleissigen danck, erbot sich auch aller
underdienstbarkeit sein leben lang gegen im. Reichart aber wolt im nit mer
gestatten oder zugeben, das er in irtzet, sunder solt ihm nicht anderst
zusprechen dann seinem eigenen bruder. Und wiewol das den Lasarum gar saur
ankam, so must er seinen doch zuletst gewonen.
    Der gut Lasarus was in sehr grossen frewden von wegen der guten beut, so ihm
so ganz unversehenlichen zugestanden was. Er nam urlop von Reicharten, ging
den nächsten zu haus, damit er sein liebe hausfrawen seiner frewden auch
teilhaft machen möcht. Er zeigt ir die sach heimlichen an; sie aber wolt ihm
erstmals keinen glauben geben, sagt: Wie möcht das müglich sein, das dir ein
man, so dir noch mir gar nichts verwandt ist, solt eine semliche schencke tun!
Ich glaub wohl, er hab dirs geliehen, damit du yetzund von den fremden kaufleuten
und zolloriern berlin und edelgestein kauffen mügest. Darauff antwort Lasarus:
Die ding wirstu, mein liebe hausfraw, bald selb erfaren; und so du mir volgen
wilt, wöllen wir in acht tagen mit gottes hilff das new gekaufft haus besitzen.
Aber damit du meinen worten mehr glauben gebest, so wöllen wir gleich jetzund
beidsamen mit einander gon und dem alten herren Roberto das haus bezalen.
    Damit nam er mehr gelt zu im, unnd giengen beid mit einander, bezalten das
haus und fiengen gleich des anderen tags harnach an ynzuziehen. Des Reichart
seer erfrewt ward.
 
                                      17.
  Richart sagt dem Lasaro von seiner fürgenumnen raiss; Lasarus verspricht im
 Gesellschaft zu leisten. Lasarus wirt verraten und von einem riffiener uff ein
        galeen verkaufft, aber durch Reicharten widerumb erlösst worden.
Als nun Lasarus sein altes haus ganz verlassen und yetz sein wonung und wesen
gar in seinem newgekaufften haus hett, ist nit müglich zu schreiben, was
übergrosser frewd dise zwen guten und getrewen nachbauren mit einander hetten.
Sie waren stetigs umb und bei einander, also das sich menigklichen darab
verwundert. Zudem was ir beider handtierung dienstlich zusamen; dann Richart mit
edlem gestain ein mechtigen handel furt, sodann was Lasarus ein seer künstlicher
goldarbeiter. Wann dann kaufleut kamen aus fremden landen und künigreichen, nach
kleinoten, ringen und steinen frag hetten, funden sie bei disen zweien, was sie
nur begerten.
    Auff einen tag begab es sich, als sie yetzund lang zeit umb einander gewonet
hetten, das Reichhart dem Lasaro anzeigt, wie er willens wer, in Hispanien zu
schiffen unnd sein vätterlich erbgut zu reichen. Als diss Lasarus von im vernam,
giengen im alle seine har zu berg, und sagt: Wie lang, mein Reicharde, wirt sich
dein widerkunft verziehen? - Ungevorlich, sagt Reichhart, uff ein monat oder
drei, oder vileicht lenger, ye darnach mir mein raiss glücklich von statt geht. -
Sie verziehe sich so kurtz oder lang sie immer mag, so ist mir nit müglich
deiner Gesellschaft einen monat zu entrhaten. Unnd ob du mich schon nit zu einem
mitgeverten ansprichest, will ich mich selb erbotten haben, mit dir die
schiffart zu volenden. Darumb ernenn mir nur stund und tag, wann du auff sein
wöllest, damit ich mich auch zu solcher fart müge rusten! - Von disem erbieten
ward Richart nit wenig erfreut; dann er zuvor den Lasarum gern darumb
angesprochen hett. Damit ichs bekürtz, sie machten einen satten bescheid, und
rüstet sich ein yeder mit allem, so im uff dem schiff von nöten sein möcht.
    Kurtz darnach liess ein patron aus Hispanien umbschlagen, so yemands uff
seinem schiff mit in Hispanien faren wolt, der möcht sich fertig machen; dann er
entlichen willens wer, in zweien tagen darvon zu säglen. Als Richart und Lasarus
das vernamen, giengend sie zu dem schiffpatronen und verdingten sich auch auff
das schiff. Und als die zeit kam, nam Richart urlop von seiner hausfrawen,
schwäher und schwiger, desgleichen auch Lasarus, der befalh sein weib des
Reicharten gemahel. Die waren zu allen teilen seer leidig; yedoch trösten sie
sich, das die zwen bei einander waren; so was auch Lasarus weib stetigs in
Richarten haus bis zu der widerkunft der beden männer.
    Also furen die zwen guten und getrewen nachbauren mit einander. Sie hetten
guten wind und wetter, kamen in gar kurtzer zeit inn Hispanien, da dann Reichart
daheimen und bürtig her was. Er richtet seine sachen zum nützlichsten an. Was er
von gelt und kleinoter in Hispanien het, packet er alles in beschlagne truchen;
die ligende güter und was von gemeinem hausraht war, vergant und verkaufft er
alles; dann er sein in Portugal einen grossen überfluss hett.
 
                                      18.
 Lasarus wirt von einem riffiener auff ein türckisch schiff verkaufft, hart in
           eisenen banden verwart; auch wie Richhart so traurig was.
In diser zeit wolt danocht das Glück nicht gar für und für mit disen zweien
guten gesellen sein, sunder inen auch etwas überzwerchs under die füss legen. Es
was ein öder schalck, ein riffiener, der het Richarten etlich tag geholffen
haussrhat und anders zu marckt füren umb sein besoldung.
    Der schalck nam mit fleiss war, was Lasarus für ein mann was, auch das er
ein frembdling inn Hispanien was, sich der sprach gar nit verstund; er aber, der
schalck, mer dann einer sprachen kündig was. Als nun Reichart seine sachen gar
zum end gericht und yetz nit mer dann auff ein schiff warten tet, haben sie ir
zeit mit spazieren und ander kurtzweil vertriben. Es ist aber der riffiener
stet umb sie gewesen; dann sie in für einen frummen mann achteten.
    Eines morgens stund der gut Lasarus uff, dann er mocht nit schlaffen, nam im
für hinaus an die schiffporten zu spazieren. Als er nun auff dem weg was,
begegnet im der gedacht riffiener. Des sich dann Lasarus erfrewet; dann er ihm
ein spatziergesellen meint  ersehen haben. Er sagt ihm gleich sein fürnemen.
Bald hett der verreter sein anschlag gemachet und sagt, er wolt ein gesellen
geben und mit an das port spazieren gehn. Des der gut frumb Lasarus wohl
zufriden was. Also zugen sie mit einander hienaus.
    Das port stund allentalben voll nauen unnd galeen, so das es anzusehen was,
als wann ein statt dahin gebawen were. Der verreter, so zuvor mer mit semlichen
bösswichtstucken was umbgangen, fügt sich zu einem türckischen schiffpatronen,
zeigt im an, wie er abermals einen starcken jungen mann vorhanden hett. Also ma
chet er geschwind ein kauff mit dem patronen uff dem schiff umb zwentzig
ducaten; die er im versprach für den Lasarum zu geben, sobald er im den auff das
schiff gelüfert het. Saumet sich der schalck nit lang, ging hinaus zu dem
Lasaro, zeigt ihm an, wie ein kauffman auff dem schiff were, so ein gross gut
von edlem gestein aus der Türckei mitbracht hett, begert die zu verkauffen; so
wer noch kein kauffman ob solchen steinen gewesen; wann er die begert zu sehen,
wolt er im wohl darzu künden beholffen sein. Lasarus als ein begiriger batt den
schalck freundtlich, im auff das schiff zu helffen.
    Also furt er in darauff und macht sein verreterei auff türckisch, das der
gut Lasarus gar nit verston kund. Also furt in der patron unden in das schiff.
Da ward er gleich von den knechten angriffen unnd fast hart in eisen geschlagen.
Des er dann über die mass sehr erschrack, wohl abnemen kund, das er von dem
schantlichen Bösewicht verraten was. Der empfieng sein gelt und macht sich damit
inn die statt.
    Lasarus als er yetz den ernst befand, ward er innigklichen weinen; dann es
was niemandts umb in, so mit im reden kunt. Er klagt gott sein ellend und
trübsal und bat in, das er im aus seinen grossen nöten helffen wolt. O mein
allerliebster bruder Richarde, sagt er, wann du wissen soltest, wie meine sachen
yetzund so geforlich stünden, dir würd gewisslichen kein schlaff mehr zu lieb
sein, du würdest eilends meinem heil nachtrachten und mich von diser ewigen
gefangenschaft erlösen. Ach was grossen jamer und kümmerniss wirt dich
umbgeben, wann du mich erfaren wirst also verloren sein! Was grossen leids
wirstu mit dir zu haus füren, wann du zu meiner lieben gemahel kummen würst und
mich nit mit dir bringest! So kanst du auch gar nit sagen noch anzeigung geben,
war ich kumen sei, ob ich in dem meer ertruncken oder von bösen buben erschlagen
worden. Ach got mir armen Lasaro! In disen banden mus ich meine jungen tag und
starcken leib verzeren mit grosser harten viehischen arbeit. Und so ich zur
arbeit nit mer tauglich binn, wirt mir anders nichts volgen, dann das man mich
also lebendig in das grausam und wüttend meer werffen wirt. O ir trutzigen
riffiener, warumb habt ir mich nicht zu Lisabona bei der nacht erschlagen, als
ich Reicharten von euch erlösen und mit gewaltiger hand erretten must! Jetzund
wer meiner schon vergessen, und bewegt kein ursach mer, umb mich zu trawren.
Meine freundt hettend mich damalen zu der erden bestattet. Wer wirt mich yetz zu
meiner begrebd beleiten! Wehe mir, das ich von den schnöden Türcken also
gefangen sein mus und auch zuletst den tod von in leiden, ich geschweig der
harten streich, so meinem rucken schon bereit sind. Dise und deren gleichen klag
furt Lasarus mit solchen kläglichen geberden, das es einen stein solt erbarmet
haben.
    Reicharten waren dise ding gar verborgen; dann, wie ir oben gehört, so was
Lasarus ganz frü von ihm uffgestanden und hinausgangen. Als nun sein zeit kam,
stund er auch uff, legt sich an; dann im kein böser gedanck nie ynkam. Es meint 
den Lasarum unden in dem sal zu finden, aber er war niendart vorhanden. Das nam
Richharten sehr frembd, dann er sein nit an im gewonet was; sein brauch was
sunst allen morgen auff Reicharten zu warten. Also ging Reichart eilends in die
kirchen und meint , den Lasarum entlich darin zu finden; das aber war auch
umbsunst. Er eilet bald auff den marckt, da sich dann allen morgen die kaufleut
versamletten; von Lasaro aber kund er gar nichts hören noch sehen. Das macht in
also angstaft, das er ganz verdacht stund, nit wusst, wes er sich weiters
halten solt.
    Wie er nun also in einem semlichen trächter stot, kumpt zu im ein kauffman,
dem er seer wohl bekant was. Derselbig sah wohl, das die sach nit nach seinem
willen stund; darumb er in dann fragen ward, was im doch angelegen wer, das er
so ganz schwermütig wer. Ach mein guter herr, sagt Reichart, ich hab ein sehr
schwere sach, so mich bekümmert. Dann ich ein lieben freundt und bruder, so mit
mir aus Portugal har geschiffet ist, heut morgen verloren. Den ich yetz- und an
allen orten gesucht, da er gewon was des morgens am ersten zu gon, kann in aber
weder erkunden noch erfragen. Semlichs mir mein hertz nicht wenig bekümmert.
Dann ich stand in grossen sorgen, die riffiener haben in etwan under ein eis
bracht und ermördet. Wo ein semlichs zugangen und beschehen wer, so sag ich, das
mir nit grösser laid zuhanden möcht gangen sein.
    Der ander kauffman sagt: Fürwar, herr Reichart, mir falt yetzund ein sehr
wunderbarlicher gedancken zu. Als ich mich heut morgen ganz frü auffmundret,
etlicher geschefften halben hinaus an das port ging mit einem meinem diener,
alda sah ich einen feinen geradnen jungen mann, euch mit der kleidung fast
gleich beklaidet, mit einem bösen buben gon, das ich mich schon darob
verwundret. Dann derselbig arg vogel lang im ruff gewesen ist, er hab sein
sunder verreterei uff den türckischen schiffen, also das gar vil durch in
verraten und den Türcken verkaufft werden. Da mügt ir wohl nachgedenckens haben,
was euch hierinn gut bedunckt. Dann ich die beiden mit einander uff einem
türckischen schiff heut morgen sehr früh gesehen hab.
    Reicharten von semlichen worten sein hertz zittern ward. Er sagt zu dem
kauffman: Ach mein allerliebster herr und freundt, ich bit euch umb ein getrewen
rhat, wes ich mich doch in diser sachen halten soll. Dann es saget mir mein
eigen hertz, mein liebster bruder sei also verraten worden.
    Darauff sagt der kauffherr: Wann die sach mich berurt als euch, so fügt ich
mich onverzogenlich zu dem obersten gubernator, so von dem künig über das port
gesetzt ist, zeigt im die sach von anfang an und begert, das er mir etlich
diener zugeben wolt, die mir die türckischen schiff hülffen ersuchen. Ir werdet
einen guten bescheid bei im finden. So es euch dann gefallen, wolt ich nach dem
morgenymbiss mit euch an das port gon und das schiff anzeigen, auff welchem ich
die zwen heut morgen gesehen hab. - Des sind auffs freüntlichst gebetten, sagt
Reichart; wo ichs ewiglichen umb euch vergelten kann, solt ir mich ganz willig
finden.
    Also machten sie iren bescheid, wo sie nach dem morgenymbis zusamenkumen
wollten. Demnach ging Richart eilends zu dem herren des ports, zeigt ihm alle
handlung an. Der im etlich diener zugab, die mit im auff ein bestimpte stund
hinausgon sollten. Also zog Reichart in sein herberg, da er den Lasarum auch
meint zu finden; aber umbsunst was.
 
                                      19.
Wie Reichart auff das schiff kam und Lasarum, seinen gesellen, in eisen gebunden
 und gefangen sitzen fand; von der grossen frewden, so Lasarus von der zukunft
  seines gesellen überkam, und wie in Richart wider löset. Der riffiener ward
                             gefencklich angenumen.
Als nun der ymbis vollendet was, Reichart von dem tisch auffstund, eilends an
das ort kam, da er unnd der ander kauffmann einander hinbescheiden hetten,
welchen er auch gleich an dem ort fand seiner warten. Bald sind sie mit einander
gangen an die schiffporten; da haben sie uff des obristen diener ein klein
verziehen müssen.
    Als sie aber yetzund vorhanden waren, sind sie mit einander auff das schiff,
so der kauffman anzeigt hat, gangen, haben den patron harfür gefordert. Der ist
des obristen dienern bald gehorsam gewesen. Da hat einer under den dienern, so
die türckisch sprach fast wohl reden kund, angefangen und gesagt: Herr patron,
mein gnedigster herr ist grüntlich bericht, wie das ihr auff den heutigen morgen
einem argen falschen verräter einen jungen starcken mann abkaufft haben.
Denselbigen sollend ir uns unverzogenlich sehen lassen; und so ir ihn auff ein
ander schiff verschupfft haben, solt ihr gedencken, das er wider zuhanden kum.
Darumb nam er sich nit lang zu bedencken, sagt und bekant, alle ding, so im
vorgehalten was, war sein, fürt sie damit allesamen unden in das gemach, inn
welchem Lasarus gefangen lag.
    Der erblickt bald Richarten, seinen gesellen. Hie mag ein yeder wohl selb
abnemen, mit was unmässlichen frewden Lasarus sei umbgeben worden, als er seinen
getrewen gesellen, nachbauren und freünd vor ihm in der gefencknis stohn sah,
dieweil er wohl gedencken kund, von wes wegen er kumen was. Richart ward auch gar
hoch erfrewt, als er den Lasarum, welchen er gar verloren geschetzt, wider
funden. Er sagt zu im: O mein Lasare, sag mir, durch was hinderlist und
verräterei kummest du in dise gefencknis? Hab ich dich nit alwegen gewarnet, da
solt dich nit zu weit von mir lassen der bösen buben halben, so in diser statt ir
wonung haben? Dann ir gar ein grosse menge ist, so sich mit semlicher verräterei
erneren tund. Werestu bei mir bliben, dise geferligkeit wer dir nit zuhanden
gestossen.
    Lasarus sagt: Mein lieber Richarde, solt ich dann nit dem meinen leib
vertraut haben, welchen du täglich umb dich hast, darzu im als dein leib und gut
gentzlichen vertraut? - Wer ist dann der gruntschalck? sagt Reichart. Den
wöllest du mir zu erkennen geben, damit ich mich auch vor ime hab zu hüten!
    Lasarus sagt: Es ist der starck und gross böswicht, so uns für und für auff
der gant geholffen, hat auch allen ymbis mit uns gessen. Der hatt mich vor
langem alles meines wesens erfragt; ich hab im auch gar nichs daran verborgen,
dieweil ich in für ein frumen und guten menschen achtet. - Wolan, sagt Richart,
er soll seinen verdienten lon darumb empfahen. Damit richt er dem patron wider
ab, was er umb den Lasarum geben het. Alsbald ward er von den banden ledig
gemachet. Reichart gab auch des obristen dienern iren gebürenden lon, dancket
auch dem kauffman seiner anleitung gar fast, giengen allsammen wider mit frewden
in die statt.
    Des abents schicket Reichart nach dem riffiener. Er aber machet sich kranck;
dann er sorgt, Reichart möcht einen argen won auff in haben. Er wusst aber noch
nit, das Lasarus wider von seiner gefangenschaft erlediget was. Als nun der
schalck nit kumen wolt, fugt sich Richart und Lasarus eilends zu dem
blutrichter, klagten im, was inen von dem verräter begegnet were. Bald ward zu
im gegriffen und in die gefencknis gefurt. Da ward er aller bösen stuck befragt,
so er seine tag ye begangen hett. Deren er dann über die mass vil bekant,
namlich diepstal, mort und verreterei.
                                      20.
    Hie würt der schantlich verreter an den galgen gehangen von wegen seines
                               vilfaltigen übels.
Als nun der bös bub dem richter so manigerlei böser schelmenstuck bekant hatt,
auch darbei bitten ward, so man ettwas sträflichs mit im fürnemen wolt, das mans
nur bald mit im auff ein ort machet, also befalh der richter den schergen und
dem nachrichter, das sie in die nacht verwaren sollten, sobald aber am morgen der
tag anbrech, sie in als einen übelteter hienaus sollten füren unnd an galgen
hencken sunder alle barmhertzigkeit; dann er wohl eines schantlichern unnd
schmälichern todts werdt gewesen wer. Diss ward also am andren morgen volnzogen,
und ward dem schalck gelohnet, nachdem er gearbeittet het.
    Hie mügen alle jungen ein exempel nemen, so die frembden land brauchen, das
sie nit all ort und winckel erschlieffen, sunderlich zu unzeiten und spoter oder
gar früer stunden. Sie sollend auch nit eim yeden, so sie mit glatten und süssen
worten kann ansprechen, glauben geben, ihr geschefft und befelch an keinen andren
orten und enden offenbaren, dann da es in zu tun befolhen ist. O wie vil jungen
kumen also zu grund, das keiner irer freünd nimer erfaren mag, wohin sie kumen
sind! Das machet die schnöd und bös Gesellschaft, mit denen sie sich zu weit
ihnlassen. Ach gott, wie vil werden in Italien unnd an andren orten durch die
schamlosen weiber verfürt unnd yngezogen! Sobald sie nit mehr haben auszugeben,
werden sie von den riffienern erwürgt und umbracht.
    Derhalben einem jungen, so die land und strassen brauchen mus, nichts
fürderlichers noch vorstendigers sein mag, dann das er sich zu frumen wirten
halt, welche ein ehrlichen gast wissen zu halten und nit alles unnütz gesind zu
gesten aufflesen; item das sie auff der strassen sich keiner geleitsleut
annemen, sie haben sie dann zuvor als erbare biderleut erfaren; auch bei guter
zeit umb herberg sehen, damit sich keiner in dem feld verspätigen dürffe.
Gemeinlich spricht man: Die nacht ist niemandts fründt. So sagt auch Christus
selb im evangelio: Es sind zwölff stunden im tag; welcher am tag wandlet, der
stosst sich nit, dann das liecht ist in im; welcher aber bei nacht wandlet, der
würt sich gar bald stossen, das macht, das liecht ist nit in im.
    Hie wend wir weiter sagen von Reicharten und Lasaro, wie sie wider zu land
kumen sind, auch was sich der zeit in Portugall verloffen hab.
 
                                      21.
Wie in abwesen des Lasarus sein weib einen jungen sun an die welt bracht unnd in
     Richarten Haus zur kindtbet lag, iren ganz herrlichen gepflegen ward.
Die zwen guter jungen herren waren ganz emsig in der sach, damit sie wider zu
Haus kemen. So het Lasarus auff das unglück, so im zuhanden gangen war, keinen
lust mehr, in Hyspanien zu beleiben; darumb er täglich an Richarten lag zu
manen, damit sie wider heim in Portugall kemend. Dise wend wir ire geschefft
lassen verrichten und wöllen sagen, wie es die zeit in Portugal gangen sei.
    Lasarus, als der von land gefaren, het er sein weib gross schwanger hinder im
gelassen, darumb in dann desto mehr heim belangen tet. Es kam die zeit, das die
gut fraw solt geligen. Da sollichs Cassandra, Richarten weib, an ir wargenummen,
hat sie die Lucia (also hies des Lasarus weib) mit früntlichen worten getröstet
und ir ein schön gemach in ir behausung zurichten lassen. Zudem ging die
Cassandra auch gros schwanger; aber sie gelag nit, bis das ir herr wider zu land
kam. Also kam die stund, das sich die gut Lucia nit mer erweren mocht, das sie
die kindswehe gar hart ankamen. Sie gebar einen jungen sun, der sie gar grosse
freüd überkam. So ward sein auch Cassandra hertzlichen erfrewet; dann sie beid
nit weniger liebe und früntschaft zusamen hetten dann die männer. Das kindlein
ward nach christlichem brauch und ordnung zur tauff getragen. Der alt herr
Robertus hub das kindlin aus der tauff, volbracht auch das mit ganz grossen
frewden. Er begabt auch die kindtbetterin fast reichlichen, befalh auch seiner
tochter, das sie ir wohl pflegen solt, das dann nach seinem befelch volzogen
ward. Cassandra was täglich bei ir, damit sie dester kurtzer zeit haben solt.
    Aber Lucia wolt nit gar volkumenlich sich trösten lassen. Ir sinn, wunsch
und gedancken stunden stetigs nach Lasaro, irem lieben herren, dieweil sie nit
wissen mocht, wie es im ging. Wann sie dann des tags in semlichen gedancken
was, kamen ir des nachtes gar mancherlei treum und fantasien für. Das macht sie
so unrhüwig und blöd, dieweil sie keinen rechten natürlichen schlaff haben
mocht, das sie zuletst in ein harte kranckheit fallen tet. Davon die gut
Cassandra nit wenig schmertzen empfieng; sie lies ir auch die sach dermassen so
hart anligen, das beide, vatter und muter, in grossen sorgen stunden, Cassandra
wird auch von wegen solcher kümernus in ein kranckheit kumen; und was also zu
beiden seiten angst, jamer unnd nodt, es nam auch die kranckheit an der Lucien
von tag zu tag zu. Also namen sie das kindlin von ihr, bestaltend ein gesunde
seuberliche seugam, die das kindlin in pfleg haben solt, so lang bis es genug
gesogen het.
    In disen dingen begab es sich, das ein post aus Hispanien gohn Lisabona kam;
die bracht dem alten herren brieff von seinem tochterman Reicharten, desgleichen
von Lasaro, davon der alt herr grosse frewd empfieng. Er nam bald des Lasarus
brieff, eilet damit zu seiner krancken gefatterin, der kindtbetterin, gab ir den
brieff. Die erkant von stund an ihres herren geschrifft; sie empfieng auch ein
semliche grosse freud darvon, das sie inn einer guten zeit nit wust, was sie
anfahen sollte. Zuletst brach sie den brieff uff; darin fand sie ein kostlichen
ring, welchen ir Lasarus, ir gemahel, aus Hispanien geschicket hett. Sie nam den
ring, kusste den zum offtern mal; darnach lase sie ires herren brieff. Des inhalt
war, sie solt frisch, frölichen und guter dingen sein; die sach stünd wohl umb
sie beidsammen; so weren sie auch mit gutem glückseligen wind in Hispanien
kumen, das sie kein fortun nie bestanden hetten, weren deshalb guter hoffnung,
gott der almechtig würd in auch durch sein götliche hilff mit gnad und Glück
wider in Portugal helffen. Des inhalts was auch des Reicharten brieff.
    Lucia aber nam von ires herren schreiben einen semlichen grossen trost und
frewd, das sie in gar kurtzen tagen wider zu iren verlornen krefften kam und
ward ganz frisch und gesund. Es haben auch Lasarus und Reichart heim
geschriben, das sie jetzund nicht mer auszurichten hetten und allein warten
müsten, wann ein schiff in Portugal säglen wolt, darauff sie ir gut mit in zu
haus möchten bringen. Also habend sie die übrig zeit mit verlangen gewartet.
 
                                      22.
 Wie sich die zwen auff ein schiff satzten und wider in Portugal mit gutem wind
                                  schiffeten.
Richart und Lasarus hetten yetzunder schon alle ire geschefft in Hispanien
ausgericht. Zu allem irem Glück funden sie ein schiff, so in Portugal säglen
wolt mit etlichen güteren und kaufleuten, des sie dann gar wohl zu mut wurden.
Sie kamen zu dem patronen, wurden mit im eins umb ein lon, was er nemen wolt.
Als nun der bestimpt tag kam, blies man zu schiff. Da versamleten sich die
kaufleut, sassen auff das schiff und sägleten mit gutem glücklichem wind und
wetter von land. Sie hatten sehr gute Gesellschaft auff dem schiff, davon inen
dann die zeit auff dem mer sehr kurtz ward, biss das sie yetzund schon das
künigreich Portugal ersehen haben.
    Da erhub sich ein sehr gros ungewitter uff dem mer.
    Also mussten sie wider iren willen in einem hafen anckeren und etliche tag
darin verharren, biss wider wind und wetter kam, welchem sie vertrawen dorfften.
Dieweil sie aber still ligen mussten, fingend sie alle kurtzweil an. Sie hetten
auch nahend bei in einen wald, in dem wonet gar vil gefügels und ander
wiltbrett. Es waren sehr gut schützen under in; die zugen täglich auff das
bürschen, kamen nimmer lär, brachten alzeit wiltbrett und gefügel mit in, davon
ir malzeiten wohl gebessert wurden. Die andren aber bliben bei dem schiff, sutten
und brieten. Etlich sengten das wiltbrett von den geschossenen wilden schweinen,
dise zugen die reher ab, die andren waren emsig, die feissten fasanten und
holtztauben zu rupffen und an die spiss zum feur zu bereiten. So waren auch
etliche, so sich des geköchts gar nichts underzugen, sunder hetten iren eignen
fleiss, gruben feine sitz in die erden, liessen in der mitte einen vierecketten
platz; das waren ire tisch, auff welchen sie die speis namen. Also verging ein
ganze woch, das sie mussten auff wind warten, das dannocht iren keinem die zeit
lang was. Wann dann die jäger des abents mit dem wiltbrett kamen, so was schon
das essen auffs fleissigst bereittet. Alsdann sassen sie zusamen und waren
frölich und guter dingen.
    Es waren etliche under inen, die in nit gehn Lisabona gewünschet hetten.
Habend wir nit gut an disem lustigen ort zu bleiben? sagten sie. Wir finden doch
nach unserm wunsch und begeren fisch nach forteil zu fangen; so hand wir einen
grossen überfluss an wiltbrett, so uns gott allen tag bescheren tut; an gutem
süssen wasser hand wir gar keinen mangel, das mügen wir selb aus den frischen
brunnenquellen empfahen, die mit starckem getös aus den harten felsen lauffen.
Wir geschweigen der edlen und kostlichen früchten, so wir täglich von den baumen
ablesen mügen; deren granaten, pomerantzen und feigenbeim ist ein überfluss in
diser inseln. Schad ist es, das sie nicht von menschen bewonet würt. - Diser
Meinung waren gar vil under inen. Andere aber waren auch eins andren gesinnet,
und insonderheit Lasarus und Richardus, die weren lieber daheim in iren heusern
gewesen, da sie dann auch guten rhat zu finden wussten. Andere belanget an die
ort und end, da sie dann ir gewerb und händel brauchen wollten.
    Also het ein yeder seinen besonderen fürschlag, wie dann das ganz
menschlich geschlecht zu unru geboren und erschaffen ist. Ein yeder mus nach
gottes ordnung sein arbeit und lauff volbringen. Der arm mann aber, wann er
gesund ist, hat er es zu dem besten. Des morgens gat er frü an sein arbeit;
sein speis, wie schlecht und rauch die ist, schmackt sie im doch überaus wohl;
die nacht ist im nit zu lang, er schlafft sie mit freuden und rhüwig durch aus.
Der reich burger, so sich mus seiner zinss und renten behelffen, mus mit andrer
arbeit sein stündlin erlangen. Sein arbeit ist müsam; dann er sitzt ein ganzen
tag zu gedencken, wie er von disem schuldner müg bezalt werden und wie er den
andren mit recht bekümbern wöl. Des nachts ligt er in seinem bet ongeschlaffen,
hat dise und jene sorg, gedenckt stetigs, wie er sein gut zusamenhauff. Wann er
gleich köstlich speis und tranck auff seinem tisch hat stohn, lasst in doch sorg
und angst die nit mit lust niessen; schmackt im nit so wohl, als dem armen mann
ein rauhes stücklin brot bei einem wasserkrug und kraut. Also auch der
kauffmann, der mus durch gross gefärligkeit seine wahren und güter
zusammenbringen. Dann auff dem land sind im die strassenreuber auffsetzig, mus
sich alle zeit seines leibs und guts vor inen besorgen. So er dann auff dem mör
faren tut, machend in die grausamen und erschrockenlichen wällen angstaft, so
das im auch speis unnd tranck nit wohl schmacken tut. Der keiser, künig, fürsten
und herren, wann die schon gleich guten friden haben, müssend sie sich doch
täglichen vor iren heimlichen finden, so in durch gifft nachstellen, besorgen,
also das sie auch keinen eintzigen mundtfoll ohn sorg oder mit freuden essen.
Darumb sag ich wie vormals, das die speis an keinem ort mit grösserem lust und
frölicher genossen werd, dann wo armut und gros arbeit under einem tach wonen.
 
                                      23.
  Wie die guten herren gut wind und wetter überkamen, zu follen gehn Lisabona
                                 geseglet hand.
Als yetzund wider ein guter wind entstund, haben sie das land verlassen, die
schiffart zu follen an die hand genumen und in kurtzer zeit das künigreich
Portugal zu follem erreichet. Da sie nun gar nahend gehn Lisabona kumen sind,
habend sie alles geschütz, so auff dem schiff gewesen, abgohn lassen, ir paner
auffgesteckt, welchs mit des hispanischen künigs wapen und schilt bezeichnet
gewesen. Bald ist das geschrei in aller statt erschollen, wie das ein solch
mechtig schiff mit gütern aus Hispanien kumen. Das ist herren Roberten kuntbar
worden; der hat sich eilends zu seiner lieben tochter verfügt und das bottenbrot
an sie gefordert, desgleichen an sein liebe gefatterin Lucia. Demnach ist er an
das port gegangen und des schiffs sampt deren, so darauff gewesen sind, mit
freuden erwartet.
    Sobald nun das an land kumen ist, sind die Portugaleser, so daruff gewesen,
mit ersten an den land getretten. Richart von seinem schwäher gar früntlichen
empfangen ward. Er fordret auch von Lasaro das bottenbrot umb seinen jungen sun,
davon er hertzlichen erfrewet ward. Sie zugen mit einander zu haus; da wurden
sie erst von iren weiberen und der alten muter mit grossen freuden empfangen. Es
kamen auch Richarts gute günner und fründ, so gros verlangen nach im hetten
gehabt. Sie hiessen in früntlichen wilkum sein, fragten in, wie es im uff
solcher rayss ergangen were, das er inen dann zum teil anzeiget. Under disem
gespräch ward ein herrliches mal zubereittet. Die guten fründ beliben bei in,
damit sie sich gnugsamlichen mit in ersprachten.
    Als sie nun in dem besten imbis waren, fing Richart an und sagt: Ir meine
allerliebsten und getrewisten fründ, wiewol ir von vilen kauffmanschätzen, so
mir aus Hispanien bracht, gehört, so hab ich euch doch von der liebsten
kauffmanschaft noch nichts gesagt. Wiewol die ein geringes kostet, so waiss ich
dannocht, Lucia würt die für die kostlichsten wahren erwelen. Dise red kunten
sie alsamen nit verston; und wiewol sie den Lasarum berurt, so kundt er es
dannocht nit mercken. Sie alsamen in gemein begerten zu wissen, was doch das für
ein kauffmanschatz sein möcht; dann sie alsamen wohl gedachten, es lig ein
fatzman darunder verborgen.
    Also fing Richart an und sagt: Lieben fründ, ich beger von euch zu vernemen,
wann einer under euch einen solchen jungen und starcken mann feil fünd, wie der
Lasarus ist, was wolt er mit gutem willen umb in geben? Disen worten nach
verstund Lasarus erst, wo Richart hinaus wolt. Derhalben er ganz schamrot under
seinem angesicht ward und sagt: Wolan, ich mus mich leiden; dann gemeinlich ist
ein semlicher brauch in der welt, das man einen zu seinem schaden spayet. Damit
saget er zu Richarten: O Richarde, ich will dich fast gern von meinem unfal hören
reden, dieweil mir gott durch dich geholffen hat, das ich selber zugegen sein
kann, und nit also in der schnöden Türcken gefäncknüss hab müssen verderben und
umkumen. Drumb bitt ich, wöllest yetz die histori, wie sie ergangen sei, deinen
lieben und guten fründen erzelen.
    Reichart sagt: Fürwar, Lasare, es wirt keinem bas gezimen dann dir, dwil du
in allen weg darbei gewesen bist. Also fieng Lasarus an zu erzalen die ganz
handlung, wie es ihm erstlichen mit dem verräter ergangen was, als er im aus
vertrauter Meinung all seine heimligkeiten geöffnet; item, wie er des morgens
fru Richarten in seinem bet gelassen und willens gewesen wer an dem port zu
spazieren, als der verräter zu im kumen, in auff ein türckisch schiff gefürt,
daruff verraten und verkaufft; zuletst, wie ihn Reichart umb 20 ducaten von dem
türckischen patronen erkaufft und gelediget; sunst wer er von disem schiff nit
mehr kumen.
    Als Lucia solliche wort vernumen von anfang biss zum end, ward sie dem so
tieff nachgedencken, das ir steinhart hinder dem tisch geschwand; sanck also
onmechtig Richarten in sein schoss. Davon sie all zumal seer erschracken unnd
von dem tisch auffwuschten. Cassandra saumpt sich nit lang bei dem tisch; sie
nam ein glass mit krefftigem wolschmackendem wasser von dem schafft, strich das
der schwachen Lucien an ire schläff. Bald kam ir verschwundener gaist wider. Sie
blicket iren Lasarum an und sagt: O Lasare, wann mir solcher unfal zu wissen
gewesen wer, gewiss würd ich meiner schwären kranckheit zu grund gangen sein.
Ach gott, mein allerliebster Lasare, bistu in solcher grossen gefor und
angstbarkeit gestanden, und haben wir zu Lisabona nichts darvon wissen mögen!
    Die guten herren, so zu tisch gesessen waren, als sie sahen, das Lucia wider
zu ihren krefften kummen was, sassen sie wider zu dem tisch. Lasarus fing an
sein gemahel mit gar fründtlichen worten zu trösten und sagt: Du mein
allerliebste gemahel und getrewe haushälterin, nit wöllest so hart zu hertzen
nemen die unfäl, so schon dahien und verflogen sind! Las uns aber vor allen
dingen gott fleissigen danck sagen, das er mir durch seine hilff wider zu land,
haus und hoff geholffen hat, dir und mir auch einen semlichen frölichen anblick
hat bescheret! Sodann sollend wir auch grossen danck sagen Richarten, unserem
liebsten fründ, der durch sein fürsichtigkeit erfaren hat, uff welchem schiff
ich gefangen gewesen binn, davon er mich wider umb zwentzig ducaten erkaufft und
erlöset hat. Darumb, mein Lucia, las dein trauren faren und las uns mit disen
lieben herren und fründen einen guten mut haben! Dann sie alsamen grosse freud
von unser gesunden zukunft überkumen hand.
    Disen trost gab Lasarus seiner hausfrawen; dergleichen trösteten sie auch
die anderen herren und gäst, so zu tisch sassen. Also follendeten sie die überig
zeit mit grossen freuden. Und als die malzeit volbracht ward, der tisch
auffgehaben, hand sie gott umb seine manigfaltigen gaben fleissig und von
hertzen danck gesagt. Demnach sind sie von hoff gescheiden, ein yeder heim zu
haus gangen.
 
                                      24.
Cassandra genisst einer jungen tochter; die beiden kinder werden von iren älteren
                   gar wohl und in der ehr gottes aufferzogen.
Ir habend vornen gehört, wie das Cassandra sehr gros schwanger gangen. Als sie
nun befand, das die zeit irer geberung gar nahend was, hat sie ir liebe Lucia zu
ir beruffen und gar fründtlichen an sie begert, sie wolt nit von ir weichen, bis
sie der kindsweh genesen were. Lucia sagt: Ach mein allerliebste Cassandra, mich
wundret gar fast, was dich zu solchem flehen unnd bitten verursacht. Nun bist du
doch die, so mir in allen weg zu gebieten hast; darzu wer mir nit müglich von
dir zu beleiben. Sag mir doch, wer hat mich in meiner grossen kranckheit mehr
heimgesucht dann du? Wer hat mich in meiner schwachheit mehr erlabt und in
meinem jamer, trauren und klagen mehr getröst dann eben du, mein liebste
Cassandra? Darumb tröst dich nur unnd vertraw diser Lucien! Die würt dich in
irem leben nit verlassen; und so es auch müglich wer, das wir nach unserem
absterben einander dienst beweisen künden, wolt ich mich gegen dir in keinerlei
weg sparen. Das vertrawen solt du vestiglich zu mir haben. Diss trostes sich
Cassandra nit wenig erfrewen tet.
    Kurtzlich nach diser red gebar Cassandra ein schöne junge tochter, die nant
sie Amelia. Lucia was ir pflegerin. Wiewol sie auch andere vorgengerin het, so
ir warten sollten, so was ir doch nichts anmütigers dann eben, das ir Lucia
bewies, es wer mit dem geköcht oder mit anderer wartung; dann es was zu beiden
teilen ein solch gros vertrawen und lieb umb sie, als wann sie natürliche und
rechte geschwistern gewesen werend. Nit weniger liebe und fründschaft trugen
die beide mann zusamen, wie ir dann oben gehört haben; ir keiner mocht ohn den
anderen bleiben. So was Richart dem Lasaro sunderlichen vorstendig mit gold und
edlem gestein, also das sich Lasarus in kurtzer zeit mit seinem handel so
dapffer hieneinrichtet, das er ein grosser herr ward.
    Die gut Gesellschaft, so sie täglich einander bewisen und leisteten, nem zu
gar lange weil zu beschreiben; darumb wend wir das mit fleiss übergohn und
wöllen sagen, in welcher gestalt die beide kinder aufferzogen sind. In irer
jugendt wurden sie täglich mit ordenlicher wartung underhalten; zu rechter zeit
lies man in iren schlaff, ire leinwat, bet und decke wurden mit fleis ganz
seuberlichen gehalten. Also namen die beide kindlin fast zu; sie waren überaus
schön von gestalt und lidmas, welches iren älteren hertzliche grosse frewd
gebären tet. Sie waren auch täglichen in ernstlichem flehen und gebett zu gott
dem herren, das er die kindlin bei nacht und bei tag in seinem götlichen schirm
erhalten, behüten und bewaren solt und das er in, den älteren, semliche gnad
verleihen wolt, das sie die kinder zu seinem lob möchten aufferziehen; darumb
inen dann gott der almechtig ire kinder behüten ward.
    Also wer es noch ein feiner, gotseliger brauch, so uns got der almechtig
kinder bescheret, das wir wohl bedechten, warzu und warumb uns die gott geben
het, nit das wir sie zu aller Bosheit und üppigkeit aufferziehen sollen, inen
allen mutwillen gestatten, sunder in der forcht gottes, dieweil wir das aus
gottes gebot schuldig sind, aufferziehen. Wie wir haben im 5. buch Mose am 4.
capitel. Dann gott der herr befalhe gar ernstlichen dem volck, das sie ihre
kinder in der forcht gottes aufferziehen, inen auch seine guttaten, gebot und
wunderwerck täglichen vorbilden sollten, damit sie täglichen in dem gesatz geübt
würden. So haben wir auch ein schön und herrlich exempel an dem seligen Tobia;
item an den älteren Susanne, die sie dann in aller gottseligkeit ufferzogen
haben. Matatias vor und ehe er starb, ermanet und underwiss er seine kinder
fast trewlich. Dise lond uns zum beispil und exempel nemen! So würt uns gott
Glück und heil zu unseren kinden geben und uns frewd an denen erleben lassen.
Diejenigen aber, welche ein wolgefallen haben an der Bosheit irer kinder,
dieselbigen würt gott mit grossem jamer umbgeben und ire kinder zu grossen
schanden kumen lassen.
 
                                      25.
   Wie beide kinder zu der lehr ufferzogen wurden, und wie gehorsam sie iren
lehrmeistern waren, auch in gar kurtzer zeit das schreiben und lesen begriffen.
Man sagt gewonlich, und ist ein gmein sprichwort: Was man mit ersten in ein new
geschir schüttet, denselbigen geschmack verleurt es nimmermer. Also ist es auch
ein ding umb die zart und waich jugent. Zeucht und weisst man die auff gute ding,
nement sie das mit willen an und wachsen und wurtzlen also darinnen uff. Wo man
aber das widerspil mit inen fürnimpt, da würt nimer kein guter beltz aus. Dann
wo vatter und mutter mit der straaff zu waich sind, nemend die kinder gar bald
einen halsstarck darvon ab, gebend auch zuletst umb keine gütige und früntliche
straff gar nichts. Also ging es dem priester Eli mit seinen beden sünen. Denen
het er auch den zaum zu lang gelassen; sie waren böser vögel zwen; was sie nur
gelust, das fiengends an. Wann dann das volck zum Eli, dem obersten priester,
kam und im seiner sün faule bossen und böse stuck anzeigten, schickt er nach in,
strieff sie mit sanften worten, sagt: Lieben sün, ir sollten ein semlichs nit
tun; dann ihr erzürnen gott schwerlichen. Wann sie dann von ihm kamen, was in
die straff irs vatters schon vergessen, und fiengends gleich wider an dem ort
ahn, da sie es gelassen hetten. Was ward aber zuletzt draus? Gott liess ein
semliche harte straff über sie gon, das auff einen tag der vatter sampt beiden
sünen umbkam und allsamen eines unzeitigen tods sturben.
    Dis und anders hat Lasarus mit grossem ernst bedacht. Dann als sein sun yetz
fünff jar alt worden ist, hat er in zu schulen getan  und in dem schulmeister
mit allem fleiss befolen, das er in in der forcht und under der ruten halten
wolt, auch kein fleiss mit der lernung an im sparen; solchs wolt er zusampt dem
lohn früntlich umb im verschulden. Dergleichen tet auch Lucia. Sie waren nit
gesinnet, wie yetzund die älteren gemeinlich sind. Die wann sie ein kind in die
schulen verdingen, wissend sie nit, wie sie dem schulmeister genug empfellen
sollen, das er irem sun nit zu hart sei; sunst wissend sie ihn nit in der
schulen zu behalten; henckend auch gewonlich dran, sie forschen nit so vil
darnach, ob er gleichwol nit fast lerne, wann er allein nur in die schul gang,
das er sicher vor den rossen sei und in kein wasser falle. Also mus sich dann
ein yeder schulmeister entziehen, das er meinen sun nit erzürne, wann er schon
die ruten überaus wohl verdient hat.
    Lasarus aber gedacht allein darauff, das er seinen sun bringen unnd behalten
möcht in der forcht des herren, darzu dann sein junger sun von natur geneigt
was. Emsig unnd fast gern ging er zu schulen; er nam auch ganz fleissig war,
was im sein lermeister befelhen und für letzgen fürgab, die lernet er ganz
flissiglichen. Derhalben in sein schulmeister gar lieb gewan, und ward der junge
Lasarus sunder alle streich von seinem schulmeister underwisen, also das er in
kurtzem vil seines alters an der lernung übertreffen ward, das sie dann
offtermals von irem schulmeister hören mussten. Darzu hett er auch den brauch an
im, wie er von seinen älteren täglichen sah, das er keinen morgen aus dem haus
ging, er wunscht zu dem ersten vatter und muter einen glückhaftigen säligen
tag, desgleichen allem hausgesind. Demnach strält oder kempt er sein hor, wusch
seine händ. Wann dann ein suppen vorhanden was, so ass er die nit, er hett dann
zuvor gott dem herren lob und danck gesagt. Darnach nam er sein büchlin und
schreibgezeug und zoh in die schulen, studiert ganz fleissig.
    Dergleich ward auch aufferzogen die tochter Richardi. Sie ward einer
züchtigen erbaren frawen verdinget, bei deren sie auch schreiben und lesen fast
wohl lernet. Und als sie nun schreiben und lesen sampt dem rechnen gnugsamlichen
ergriffen, hatt man sie zu einem seidensticker verdingt. Uff derselbigen arbeit
ist sie fast künstlich worden; sie bessert sich auch von tag zu tag, also das
sie harnach ein berümpte meisterin mit der nadlen ward, das sie auch iren
lermeister weit übertreffen tet. Diss bracht Richarten und seinem gemahel gar
grosse frewd und in sonderheit dem alten Roberto.
    Es was aber das gröst laid, das ihnen got nit mer kinder bescheren wolt.
Also ging es auch dem guten Lasaro; dann ime sein weib auch nit mer kinder
gebar, nachdem sie iren sun Lasarum geboren het. Dise zwei jungen und
wolgezognen kinder wuchsen also mit einander auff, also das sie vil umbeinander
wonten. Von semlicher täglicher beiwonung enzünt Cupido ein züchtige und
freundtliche liebe in inen, das keins rhu haben mocht, wann es nit wusst, wie die
sach umb das ander stunde. Diser freundtligkeit haben zu beiden teilen die
älteren wargenumen, darin sie dann ein sonders gross gefallen gehabt unnd
offtermals schimpflicher weis zusamen gesagt: Da ziehend wir ein par volck mit
einander auff. Wann in got das leben günnet, wie möchten wir ein besser werck
schaffen dann dise zwei in ehlichen stand zusamen vermähelen! Dise wort wurden
oft von den jungen gehört; das namen sie ye lenger ye mer zu hertzen.
    Und als sie nun die zwölff jar auff in hetten, nam der alt Lasarus seinen
sun aus der schulen, fieng in an zu dem hantwerck zu ziehen. Des dann Amelia
(also hies die tochter) sehr wohl zu mut was, damit sie dester mer umb den jungen
Lasarum wonen möcht. So sie dann etwas von künstlicher arbeit zu schicken het,
nam sie ir ramen, ging damit zu dem jungen Lasaro in seins vatters laden und
volbracht da ir arbeit. Darab dann der alt Lasarus und Reichardus gross
gefallens hetten. Noch gedachten sie nit, das dise zwei jungen ein solch liebe
zusamen trügen, bis über lang da brach es aus durch einen ring, so der jung
Lasarus seiner liebsten Amelien geschenckt hett. Aber dannocht denselbigen mit
wissen seines vatters gemacht het, im doch nit anderst zu verston gab, dann das
er den ring selbs behalten wolt, wie ihr harnach vernemen werdend.
 
                                      26.
Lasarus begeret an seinen vatter Lasarum, im gold zu einem ring zuzustellen, im
   selb denen zu machen. Reichardus schencket im ein kostlichen stein darzu,
                       welchen er darein versetzen solt.
Ein sehr unrhüwig ding ist umb ein liebhabenden jüngling; dann er weder tag noch
nacht ruen mag, er sinnet im ganz fleissig nach, was er zu yeder zeit anfahen
und schaffen soll, damit er seiner liebsten junckfrawen zum besten gedienen und
ir zu gefallen möge sein. Sunderlich die, so mit künstlichen handwercken
umbgohn, die befleissen sich irer arbeit, das sie die auffs kunstreichst
herfürbringen, damit sie desto mehr von iren liebgehabten junckfrawen gelobt und
gebrisen werden. Also was auch dem jungen Lasaro zu mut. Er was gar fleissig
auff der goldarbeit; und so er dann ein arbeit, es wer von kleinotten oder
ringen, ausgemacht, zeigt er das seiner junckfrawen Amelien. Die lobt und rümpt
in dann auff das allerhöchst; davon ward er dann dermassen so lustig, das er die
nachvolgend arbeit noch besser macht.
    Eins tags begab es sich, das Reichart inn dem laden was, dem jungen Lasaro
seiner arbeit zusah, in auch fast drob lobet. Der jung Lasarus zu seinem vatter
sagt: Mein lieber vatter, mich lust ein bitt an euch zu keren, wann ich nit in
sorgen stünd, das mir die von euch würd abgeschlagen. Daruff sagt der vatter:
Lieber mein sun, du magst wohl bitten und begeren, was zimlich und ehrlich ist,
und [so] ich dir auch ein semlichs gelaisten mag, es soll dir unversagt sein.
    Darauff sagt der jung: Ich will gar nichts unzimlichs an euch muten noch
begeren, dann allein umb ein wenig goldes; daraus wolt ich mir selb einen ring
machen nach meinem gefallen. - Das sei dir unversagt, mein sun, sprach der
vatter, nim gold, sovil dir zu einem ring von nöten ist, und mach dir ein ring
nach deinem wolgefallen! Richart sagt zu dem jungen: Mein Lasare, dieweil du des
vorhabens bist, das du dich selb probieren wilt, so sei dir zugesagt, das ich
dir einen kostlichen rubin schencken will; derselb dir deinen ring nit wenig
zieren soll.
    Als nun der jung Lasarus das gold und den stein überkumen, hat er gleich von
stund an das ringlin angefangen zu machen und das mit solchem fleis gearbeit,
den stein so sauber versetzt und das ringlin ausbereitet, das sich sein vatter
darab verwundert. Desgleichen Richart nit klein verwunderen darob empfing. Als
nun der jung Lasarus das ringlin ein zeit lang behalten, so das er meint, sein
vatter würde dem nicht mehr nachfragen, hat er das seiner liebsten junckfrawen
Amelien zu einem newen jar geschencket. Die dann semliche gab mit gar grossen
freuden empfangen hat. Sie ist auch dem Lasaro mit anderen schencken begegnet,
als mit schönen gestickten fatzanetlin, schlaffhauben und mit andrer arbeit, so
sie mit iren henden selb gewircket hett. Diss sind die ersten gaben gewesen, so
dise zwei einander verehrt hand.
    Das unstet Glück aber, welches kein bestendige freud haben mag, wolt disen
zweien jungen liebhabenden ir heimliche freud, so sie zu beiden teilen mit iren
gaben hetten, nit lenger vergünnen. Und wie dann der liebhabenden gewonheit ist,
das sie die ding, so von lieber hand kumen, des tags oft beschawen, also pflag
auch Amelia mit irem ringlin umbzugohn. Jetzund, wann sie sich einig wusst, so
stackte sie es von einem finger an den anderen, darnach kusst sie das zu tausent
malen, dann so verwand sie es widerumb in ein schönes seidines tüchlin, trüge
das zu allen zeiten bei ir. Eines tags, als ir heimliche und verborgene lieb
aussbrechen wolt, begab es sich an einem morgen frü, das sie in irem sunderen
gemach sass, und umb des guten lufftes willen hett sie die türen und fenster
auffgespert. Sie versah sich aber nit, das yemand im haus noch auffgestanden
wer, fienge aber an mit irem ringlin zu gefätterlen und nit anderst mit im zu
sprachen, als wann ein mensch bei ir gewesen und ir red und antwort gegeben
hett. Reichardus, der jetz von etlicher geschefft willen auffgestanden was, für
der tochter gemach hingieng. Als er sie also lautt reden hort, auch etliche wort
wohl verstund, das als ir gespäch von dem jungen Lasaro was unnd von dem schönen
ringlin.
    Der vatter ging hinein in das gemach. Bald ward sein Amelia gewar; sie
blicket umb sich und ersah den vatter kumen, darab sie über die mass sehr
erschrack; sie mocht auch nit so vil platz gewinnen, das sie den ring het
verbergen mügen. Der vatter hett in erblickt, aber gar nit dergleichen getan .
Er wunscht ir ein seligen morgen, fragt sie, was das frü uffston meint . Sie
antwort dem vatter mit zittrender und verzagter stimm: Ach mein vatter, sagt
sie, du sichst, was den ganzen tag für unrhu in unserm haus ist beide von
knechten und mägden; das ein laufft auff, das ander nider. Wann ich dann ein
semlich getöbel und getös hören mus, ist mir nit müglich etlich arbeit zu
volbringen, dieweil ich in steten gedancken bin: Jetz wirt man dich zum vatter
berüffen, oder begert vileicht die muter deiner. Zu zeiten gedencke ich, wöl man
mich zum imbis oder nachtmal berüffen. Semlich gedancken benemend mir dann den
fleiss, so ich uff die arbeit legen solt. Derhalben ich mir gäntzlichen
fürgesetzt hab, allen morgen so zeitlichen uffzuston, meine arbeit zu
volbringen. So ursachet mich auch nit wenig das lustig aussehen meines gemachs.
Des morgens durchbrechen die külen windlin dis ganz gemach, so erklinget auch
der vogel gesang in unserm garten gar lieblich. Das hören dann meine beiden
schwetzigen pappagei, die fahend auch an mit einander zu kurtzweilen. Das alles,
mein hertzlieber vatter, sind ursachen meines früen uffwachens.
    Bei diser antwurt lies es der vatter bleiben; er wust aber wohl, was sein
tochter am meisten ursacht so frü auffzuston; dann er auch inn semlichem spittal
kranck und wund gelegen was. Er nam urlaub von seiner tochter, leget sich
vollend an, ging demnach eilents zu sehen, ob Lasarus uffgestanden wer. Er fand
in schon ob seiner arbeit im laden sitzen sampt seinem sun. Er wunscht in
beidsamen einen säligen morgen, des sie im auch früntlich danckten. Als er nun
ein gar kleine zeit bei ihn gestanden, hatt er zu dem alten Lasaro gesagt: Mein
Lasare, ich bitte dich, wöllest mir zu gefallen ein stund oder zwo müssig gehn;
dann mich eben yetzund das spazieren ankumen ist. Darumb so nim deinen mantel!
So gond wir hinaus von einem garten zu dem anderen, empfahen den guten lufft und
süssen geschmack der reichen blust.
 
                                      27.
Wie sich die beiden vätter irer kinder halben under einander underredt haben und
   entlich beschlossen einen heurhat zu machen, aber zuvor und eh den jungen
                Lasarum in fremde land ein zeitlang zu schicken.
Lasarus der bitt seines gesellen zu willfaren gäntzlichen bereit was. Er befalh
seinem sun, was er die zeit solt aussrichten; also giengend sie beid mit
einander. Sobald sie nun für die porten kumen sind, hat Reichardus angefangen
mit seinem gesellen uff solche Meinung zu reden: Mein lieber getrewer bruder und
fründ Lasare, ich hab deine trew, früntschaft und liebe nunmer gnugsam erfaren;
darumb nit viel probierens von nöten. So wais ich zuvor wohl, wann dir müglich
were etwas gross von meinetwegen auszurichten, du würdest dich keinswegs sparen.
Das vertrawen soltu in gleichem fal zu mir haben. Nun waistu, wie wir zum
offternmal unser fatzwerck miteinander getriben haben deines suns und meiner
tochter halben. Solchs will mich schier beduncken, zu einen ernst geraten wölle.
Damit fieng er an und erzalt ihm, was sich erst mit seiner tochter und dem
ringlin zugetragen het, desgleichen was sie für wort getriben, bei denen wohl
abzunemen wer, das sich nit ein kleines fewr in inen beiden enzündet hette. So
were im auch die sach ganz gefellig, allein das wer im beschwerlich, sie hetten
beidsamen das recht alter nit auff inen. Darzu so were Lasarus noch nie
auskumen, künd auch nit mehr dann ein sprach, das im dann zu seiner hantierung
übernacht einen grossen abbruch bringen würd mit kauffen unnd verkauffen. So
were es auch umb einen ungewanderten jungen, der die fremde nit erkundiget het,
wie umb ein ungekochtes gemüs. Derhalben begert er seine (des Lasarus) Meinung
auch zu verstohn, was er doch in der sach meint  am allerfüglichsten zu handlen
sein.
    Lasarus [het] mit erst ab den worten Richardi nit wenig schrecken empfangen,
biss er seinen guten willen gegen seinem sun vermerckt. Er gab im antwort uff
sein begeren: O Richharde, liebster bruder, du hast mich warlichen im anfang
deiner wort grausam erschreckt, dieweil ich inn grossen sorgen stund, mein sun
würd dich durch solchen frevel erzürnet haben. Ich aber spüre erst deinen
gnedigen und guten willen gegen im; des ich mich dann von wegen sein zum
höchsten bedanck, dieweil ich bekennen mus, das mir gar vil guts widerfaren ist,
dieweil ich in deiner Gesellschaft gewesen bin. Du hast mir zu meinem haus
geholffen, den merern teil daran bezalet aus deinem eignen gut. Nit weniger
bist du mir noch allen tag vorstendig mit gold und edlem gestein, ich geschweig
aller anderen guttaten, so mir von dir all stund bewisen werden. Nu aber wiltu
erst meinem sun auch berhaten sein; das mir dann die gröst zeitlich frewd sein
würd, so mir in all mein tagen zu handen gangen oder noch gehn möcht, wo ich
erleben solt dein tochter und meinen sun mit einander ehliche beiwonung zu
haben. Darumb, mein Reichart, gedenck, rhat und tu im, wie es dir selb am
basten gefallen will mit meinem sun! Dann ich im gar nit nachzugedencken waiss.
    Reichart auff die wort Lasari also antwurt: Dieweil du dann meines rhats und
willens pflegen wilt, so vernim meine wort mit ganzem fleis, damit du erachten
magst, ob dir ein solchs zu tun sei oder nit! In mir hab ich beschlossen, das
wir uns gegen beiden jungen gar nichts wöllen mercken lassen, das uns etwas
darvon zu wissen sei. Nicht dest weniger wend wir deinen sun Lasarum kleiden und
zurüsten, was im von nöten sein würt. Sodann bin ich vorhabens, auff
nächstkünftige mess gehn Antdorff zu faren; da wais ich deinem sun ein guten
herren, bei dem er in kurtzer zeit wohl an seiner arbeit gebessert werden mag,
auch darbei die frantzösisch, italianisch und hispanisch sprach ergreiffen. Dann
er aus allen disen landen gar künstreiche goldarbeiter zuwegen bringt; solchs
lasst er an keinem gelt erwinden. Zu im hab ich gar gut kuntschaft und sehr vil
mitt im gehandlet, in auch alle meine tag nie ungerecht an einem wenigsten wort
erfunden. Zu demselbigen, so dirs gefallen will, kann ich deinen sun verschaffen.
Wann er dann ein jar zwei ausgewesen ist, mag man wider nach im schicken.
Alsdann haben sie beid erst ein rechtes alter auff inen, und würt der verstand
auch etwas bei in gescherpfet, wiewol mich noch ein sorg ängstiget. Wo wir den
jüngling also hienweg füren und dergleichen tund, als wann uns von irer liebe
gar nit zu wissen sei, werden sie das auch nit dürffen öffnen; nicht dester
minder würde inen semlichs abscheiden grossen schmertzen geberen, so das iren
eins oder vileicht beide in harte und schwere kranckheit fallen möchten, also
das wir wollten, das wir disen anschlag nie gemacht hetten. Darumb will mich für
gut ansehen, das wir unser weiber darunder besprächen, was ir gutbeduncken
hierinnen wer. Gewiss werdend wir ein geschwinden rhat bei inen finden. Ein ding
aber wais ich fast wohl, das sie einander für sich selb noch gar nichts
versprochen haben. Dann das gröst wünschen und begeren meiner tochter was heut
morgen, das sie ganz fleissiglichen got von himel bat, das er durch sein
eingeben den älteren ein gleichförmig hertz machen wollte, damit wir alle vier
einmütiglich zu rhat würden inen zweien zusamen zu helffen. Dis was gäntzlich ir
begeren. Darumb, mein Lasare, magstu auch sagen, was dir zum basten gefallen
wöl.
    Daruff sagt Lasarus: Richarde, fürwar dein fürschläg beidsamen gut sind.
Jedoch liesse ichs bei dem letsten beleiben, also das wir unser weiber auch
darvon reden horten. - Wolan, sagt Reichart, so gehnd wir im namen des herren
mit einander zu haus, die ire Meinung zu erfaren.
    Dises ward also stracks volendet.
 
                                      28.
  Wie beide vätter ire weiber zusammen beruffen, alle sachen zu wissen tund.
    Amelia heimlich an einer klunsen stund, alle wort höret und dem jüngling
                                  zuschreibet.
Die beiden herren kamen yetzund wider zu haus gon. Lasarus der jung was die zeit
auff dornen gesessen; dann in wolt etwas ahnen. Er nam gar fleissig wahr, was
die beide vätter sagen wollten, wann sie in den laden kumen würden. Als er sie
aber beidsamen so guts muts sah, gewann er auch wider ein frölich hertz.
Reichart aber fieng an den guten Lazarum mit gar verborgnen stichwörtlin zu
vexieren. Zuletst kam er auch mit dem ringlin harfür, davon der gut jung von
newen dingen angstaftig ward; dann er stund in grossen sorgen, der vatter würd
frag nach dem ringlin haben, das aber zu disem mal nit geschehen ist.
    Als sie nun gedacht haben, die weiber seiend uffgestanden, habend sie dem
jungen Lasaro befolen seiner muter zu sagen, das sie eilents zu Reicharten
frawen kumen wöl, sie hab etwas ernstlichs mit ir zu reden. Disen befelch hatt
Lasarus eilents aussgericht; sie zwen aber sind den nächsten zu Reicharten weib
gangen. Indem kam auch Lucia, das weib Lasari. Bald haben sie alles hausgesind
haissen abdretten und aus dem gemach gehn.
    Da diss beschehen, hat Reichardus angefangen reden mit ganz frölichem
angesicht und also gesagt: Ir meine allerliebsten und vertrewtisten fründ und
fründin, ir sollend wissen, das ein sach vorhand ist, welche uns gemeinlich
berüren wirt. Dieselbig habe ich schon dem Lasaro geoffenbaret, sind demnach
beidsamen zu rhat worden, euch dieselbig auch anzuzeigen und ewers rhats hierinn
zu pflegen. Ich aber gedenck dise ding also von gott geordnet sein, damit sich
unser früntschaft des orts mere und zuneme. So wissend, das ich uff gewisse
spur kumen bin mit unser tochter und dem jungen Lasaro, wo wir die ding nit
fürkummen, sie einander selber nemmen werdend. Zeigt in damit alle verloffene
geschichten an, darbei, was sie sich Lasarus halben mit einander entschlossen
hetten.
    Des sich beide weiber grösslichen verwunderten; doch gefiel inen zu beiden
seitten, das sie mit Lasaro sollten fortfaren, wie sie seinetalben beschlossen
hetten. So wollten sich auch die beide weiber der sachen underziehen, die jungen
beidsam zu red setzen, den rechten und satten grund von in erfaren, darneben ir
(der älteren) willen zu verston geben. Ein solcher vorschlag beiden mannen sehr
wohl gefiel.
    Es het sich aber Amelia gar heimlichen vor dem gemach an ein klunsen oder
spalt gestellet, alle wort und anschläg von wort zu wort gar eigentlich
vernummen. Dardurch ir dann ein grosse freud zustund; es ward aber mit dem ein
bitter trawren drunder vermischet, als sie verstund, das der jüngling ein
zeitlang in Brabant bleiben must. So umgab sie auch grosse scham, als sie
verstund, das der vatter des morgens alle wort, so sie in irem gemach geredt,
gehört het. Sie gedacht im ganz fleissig nach, wie sie doch dem jüngling zu
wissen tun möcht, was ihrer beiden älteren fürnemen were, damit, wann die muter
an in kumen würd, das er bedacht wer antwurt zu geben. Sie ging eilents in ir
gemach, nam iren schreibgezeug, sass nieder und schrib dem jüngling alle sachen,
wie sich die verloffen hetten, bericht ihn dabei, was er der muter zu antwurt
geben solt, damit sie beidsamen gegen den mütern gleich zusagten, verbot im auch
gar nichts zu leugnen; doch solt er nit gleich bewilligen in Brabant zu raisen,
bis das er sich nit mer erweren künd. Sie nam den brieff, gab in einem
vertrawten jungen, so dem Lasaro gar angenem und lieb was, befalhe im, wann er
sehen würd, das der alt Lasarus sampt seinem weib zum imbis kumen, (dann sie
beidsamen bei dem vatter essen würden) solt er dem jungen Lasaro den brieff in
den laden bringen. Das alles ward also nach ihrem anschlag vollendet.
 
                                      29.
 Wie Amelia von irer muter zu red gesetzt ward, ir gar ordenlichen erzalet, was
  sich in zeit der haushaltung junger leut, so die jar noch nit uff in haben,
        zutragen tut; auch von der gschwinden antwurt der junckfrawen.
Des andren tags am morgen sehr früh stund die junckfraw Amelia von irem bet
auff. Nun hett ir die muter am abent fürgenummen, wie sie morgens mit ihrer
tochter reden wolt. Amelia was gar eine kleine zeit auffgewesen, so kumpt die
muter, klopffet an der kammertüren an. Davon Amelia erstlich erschrack; dann
sie nit gewon was, das sie yemants so frü überlauffen solt. Sie schlos eilents
uff. Sobald sie aber die muter erblickt, gedacht sie wohl, warumb es zu tun
was. Sie empfieng die muter gar mit früntlichen worten, sie dancket ir mit
züchtigen worten, wunscht ir einen seligen tag.
    Demnach sagt sie: Amelia, mein einige und allerliebste tochter, mein beger
ist an dich, du wöllest dein gemach zuschliessen, damit wir von niemants
überlauffen werden. Dann ich etwas nötigs mit dir zu reden hab, da ich nit gern
wolt, das ander leut wissens darvon tragen sollten. Amelia was ihrer muter
gehorsam, verriglet von stund an die kamertür und sagt: Ach mein
hertzallerliebste muter, was ist dann das für ein heimliche sach? Nu bin ich ye
nit an dir gewonet, das du mir solche heimliche reden fürbringest.
    Die muter sagt: Amelia, mein liebe tochter, es kumpt deinem vatter und mir
desgleichen ganz glaublich für, wie das du und der jung Lasarus euch
miteinander verredt haben sollen; des zu einem haft habe er dir einen
kostlichen ring geben, dergleichen habest du im auch etliches gewircks deiner
arbeit zu einem gegenwurff und widergeltung seiner gaben zuhanden gestellt. Ist
ihm also, so hast du dich warlich hoch gegen deinem vatter und mir, dergleich
gegen dem grossvatter und grossmuter vergriffen, darumb du dann gott schwerlich
antwurt geben must. So wirt dir auch sunst alle welt übel darumb sprechen, das
du ein einige tochter bist und also sunder deiner ältern wissen in hauffen
greiffest und dir deines gefallens einen mann harauslisest, als wann deine
älteren seumig an dir gewesen weren oder du der jaren gar veraltet werest,
wiewol weder dein vatter noch ich mangel oder unwillen an dem Lasaro haben,
allein das er noch zu gar jung ist zu der haushaltung. Zudem so hatt er auch die
fremde nie erkundiget, das dann an einem jungen hausman ein grosser mangel ist;
dann er weder die fremden noch die haimischen nach gebür waisst zu halten. So
sichst du auch täglichen, wo zwei menschen also gar jung züsamen kumen und
kinder mit einander zeugen, was aus semlichen kinderen werden. Sie mügen weder
har nach dar; das macht, das vatter unnd muter ir recht volkumen natürlich alter
noch nit auff in haben. Nim dir zu einem spiegel unsern vierden nachbauren von
disem haus gesessen, welcher von seiner grossmuter ein gross gut in rendten und
gülten ererbet hatt! Als in aber seine vormünd gehn Salamanca getan  haben zu
eim künstlichen schreiber und rechenmeister, ist er noch nit über sein zwölff
jar gewesen, ein junger frecher ungesaltzner junger, hatt sich umb gar nicht
verstanden, was im nutz oder schad gewesen sei; allein sind ihm alle seine
gedancken nach einem weib gestanden, und gedacht, im mög an gut gar nicht
zerrinnen. Was ist beschehen? Sein schulmeister het ein schöne tochter jung und
mutig, die fieng dem jungen löffel an zu gefallen. In summa es kam dahin, das
sie einander die ehe geretten unnd versprachen. Was sollten die vormünd tun? Die
sach hett sich zu weit yhngerissen, man kunds nit mer gewenden. Der kirchgang
beschach, das gut jung par völcklin kam miteinander in die haushaltung, gewannen
kinder mit einander unnd fiengen an haus zu halten, gleich wie das haus ein
gibel hett. Allen tag was sanct Gallentag; es mussten allen imbis gäst vorhanden
sein, da was künig Artus hoff; bald man gass, was wirffel, karten, lauten und
pfeiffen vorhanden. Das bestund aber, gleich wie es ein anfang und fundament
het; dann es in kurtzen jaren dahin kam, das die fraw und kinder befögtet
wurden, tailten mit dem mann ab. Zuletst nam die fraw die kinder, fur mit in
darvon wider gehn Salamanca zu irer früntschaft, da sie, wie ich bericht würd,
auff disen tag umb einen lohn dienen mus. So sagt man, er pfeiff auch schon uff
dem hindristen löchlin. Also, mein liebe tochter, geht es den jungen
unverstanden ehleuten; wann sie yetzund der rhu zum basten bedürfften, habend
sie das, so von ihren älteren erspart was, verton und umb nassen zucker geben;
so müssend sie dann ander leuten in die schüssel sehen. Diss wöllest du, mein
hertzliebe tochter, zu hertzen nemen. Nit verlass dich uff deiner ältern gut! Ob
sein gleich ein grosser teil ist, mag es doch in einem kurtzen augenblick gar
vergon, wie dann alles zeitlich uff der ganzen erdenkreis zergencklich ist und
zu trimmeren gehn mus zu seiner bestimpten und geordneten stund. Darumb uns
gleich so gros und hoch von nöten ist, das wir gott bitten, das er uns das
zeitlich gut bewaren und behüten wölle und uns das nit las zu lieb sein, damit
wir nitt unser hertz und gedancken allein darauff setzen und das zu unser
verdamnüs missbrauchen. Du sihest auch, mein liebe Amelia, was grossen unrhu,
zancks, hader und zwitracht in allen erbfällen gemeinlich entston, namlich wo
der erben vil miteinander zu teilen haben. Des du dann, mein tochter, gar
überhaben bist, dieweil du kein ander geschwistert noch miterben neben dir hast.
Du bist deinem vatter und mir ein angenemes und liebes kind; das magst du wohl
abnemen an den grossen gefärlichen raisen, so er zu wasser und land fürnimpt,
alles darumb das er dir ein gross gut zuwegen bringen mög. Das du in dann
billich geniessen solt und nichts fürnemen, so im zuwider sein mag. Aber dem
allen sei, wie im wölle, so bit ich dich, wöllest mir nicht verhalten, hast du
dem Lasaro die ehe versprochen. Zeig mirs ingeheim an, so will ich mich
fleissen, des vatters zorn zu milteren.
    Darauff saget die junckfraw: O du mein geliebte muter, womitt habe ich doch
in allen meinen tagen semlichs verschuldet, das mein vatter und du mir ein
solchs übel vertrawen, so das ich on ewer wissen und willen mich solt
verheuraten! Ach sag mir doch, mein liebe muter, welchen drit bin ich doch in
allen meinen tagen wider eweren willen für ein tür hinausgangen, das ich euch
nit darumb befragt het? Wo habe ich einiche gespilschaft mit mir harein gefürt
ohn euwer vorwissen, das doch ein geringes gewesen were, und solt mich yetzunder
an einem so grossen übersehen! Ich aber soll und müs geston, das ich dem jüngling
Lasaro aus grund meines hertzen günstig bin, doch anderst nit, dann was zucht
und ehr ertragen mag. So wais ich auch, das ich keiner anderen gestalt von im
lieb gehabt würd. Das ich einen schönen ring von ihm empfangen, müs ich
bekennen. Ich bin aber des gewiss, das er denselbigen weder seinem vatter noch
niemand anders enttragen, sunder hat den selber gemacht aus etlichem gold, so im
sein vatter gern darzu bewilligt hatt. So hat im auch den saphier unser vatter
darzu geschenckt. Das ich in auch mit etlicher meiner arbeit dargegen begabt
hab, leugne ich gar nit, dieweil ich all meine tag gehört hab, das under allen
lasteren kein grössers nit funden werd dann undanckbarkeit. Was möcht ich im
dann für billicheren danck bewisen haben, dieweil er mich mit künstlicher seiner
eignen arbeit begabt, dann das ich im mit meiner arbeit widergolten hett, wie
ich dann auch getan  hab! Das aber bekenn ich zum überflus, wann es got also wolt
fügen, das wir in ehlichen stand zusamenkumen, ich warlichen des künigs sun aus
Engeland nit für in haben noch erkiesen wolt, so es mit ewer aller guten willen
besche. Dem allen ist nit anderst, mein hertzliebe muter, dann wie ich dir hie
bekant hab. Yedoch solt du mir gäntzlichen vertrawen, das ich versprechens
halben sein und aller welt ledig bin. Damit beschlos Amelia ir red.
    Als nun die muter der tochter Meinung und willen verstanden, ist sie nit
wenig davon erfrewet worden und fieng weiter an mit ir zu reden. Amelia, sagt
sie, du solt entlichen von mir vertröst sein, das dir Lasarus zu einem gemahel
erkorn ist von deinem vatter auch mit bewilligung seiner beiden älteren. Das
aber mus zuvor und ehe beschehen, das er ein zeitlang auch andre fremde land und
ort erkundigen mus, damit er wiss, wie man sich mit kind und gesind halten soll.
Also haben schon beide vätter die ding abgerett. Ich gedenck auch, Lasarus wirt
auch schon als wohl als du zu red gesetzt worden sein, damit wir ewer beder
willen und gemüt erkundigen. Wo aber die reden nit gleich zustimmen, werden
beide älteren einen grossen argwon daraus schöpffen. - Des bin ich on sorg, sagt
die tochter, dieweil ich wais, das Lasarus warhaft ist, wirt er nicht anders
künnen anzeigen, dann wie du mich gehört hast. Damit nam die muter urlop von der
tochter.
    In der zeit was auch Lucia an iren sun Lasarum gericht gewesen, der ganz
gleichförmig mit Amelien zusaget, wie er dann geschrifftlichen bericht von ihr
empfangen het. Als er aber vernam, das er wanderen must, was im das mus gar
versaltzen. Jedoch wolt er nit viel mit der muter daraus handelen, erwartet des
vatters Meinung.
 
                                      30.
Wie Lasarus der alt seinem sun die erst lehr gibt, wes er sich gegen menigklich
        halten soll, damit er von yederman lieb und werdt gehalten werde.
Nachdem nun die älteren der zweier gemüt erkundiget, haben sie sich nit lang
gesaumet, ir ordnung gemacht, damit Lasarus bald abgefertigt würd. Es hatt aber
der alt Lasarus seinen sun gar früntlichen und vätterlichen underwisen, wes er
sich alle zeit gegen fremden und haimischen halten solt; auch lernet er in
zuvor, wie er der tugend nachvolgen unnd die laster vermeiden möcht, wie ir dann
semlichs auffs kürtzest vernemen werdend.
    An einem feirtag am morgen sehr frü nam Lasarus seinen sun, mit ihm hinaus
allein in einen garten ging, fieng mit im an uff nachvolgende Meinung zu reden:
O mein allerliebster sun Lasare, du solt wissen, das uns gott durch manigfältige
und vil guttaten begabt hat, so das wir bei Richarten gar schon und wert
gehalten sind. Erstlichen hat er mir, eh dann du uff erdtreich kamest, das haus,
in welchem wir sind, zuwegen bracht und das merer tail daran bezalet aus seinem
eigenen gut. Sodann hatt er mir auch grossen fürsatz mit gold und edlen
gesteinen getan  und mich gäntzlich darmit verlegt. So hatt er mich auch in
Hispanien aus der Türcken schiff und banden entlediget und mit seinem eigenen
gelt erkaufft. Zudem erbeut er sich yetzunder mit gutem früntlichem willen, dir
sein einige tochter Amelia zu rechter ehe zu geben, aber doch mit der condition,
das du ein zeitlang under den fremden etwas versuchen und erfaren solt, damit du
die frantzösisch sprach lernest. Das alles magst du in Brabant in der statt
Antdorff zuwegen bringen; dann daselbst findet man schulen, darin man auff
allen sprachen studieren mag. Er selbst will dich auch in eigner person dahin
begleitten und dir umb einen herren helffen, bei dem du gar wohl versorget sein
wirst.
    Darauff antwurt Lasarus: Ach mein lieber vatter, mich wunderet warlich nit
wenig an dich, das du mich so gäntzlich in wind schlagen wilt. Wie ist doch die
vätterlich liebe, so du mir alwegen getragen hast, so gäntzlichen in dir
verloschen! Was gedenckest du doch, mein lieber vater, das du mich zum erstenmal
so weit von dir schicken und einem solchen kalten land wilt vertrawen! Fürwar
wann du die blödigkeit meines leibs ein wenig bass bedächtest, du würdest mich
nit so gentzlichen in den wind schlagen. Wann dir got sunst mer kinder geben und
beschert hett, alsdann neme mich nit wunder, das du mich also verschatztest.
Wann mich nun got mit grosser kranckheit angreiffen soll, bin ich des tods eigen.
Zudem hab ich oft von dir selbs gehört, was ungetrewen und unbarmhertzigen
volcks in Brabant funden werd, so einem kümmerlich unb sein gelt etwas zu lieb
werden lassen; und aber du wilt mich gleich in meiner ersten ausfart in ein
solche ungetrewe art verschicken. Warumb tüst du mich nit gehn Toleten in die
küniglich statt? Da sind auch kunstreiche goldarbeiter, bei welchen ich meines
bedunckens wohl so vil erfaren und lernen möcht, als wann ich gleich in Brabant
were. Von dannen kündt ich dir alwegen schreiben, was mir anleg. Dessgleichen
möcht ich auch täglichen erfaren, wie es umb dich und mein liebe muter ein
gestalt het, ob ir gesund oder kranck weren. Darumb, mein allerliebster vatter,
biss in deinem fürnemmen nit zu geschwind, bedenck die sach wohl, ehe dann sie
beschiecht, damit du nit etwan mit schmertzen klagen und sagen müssest: Ach
gott, ich het das nit gemeint; ich het mich deren ding nit versehen. Dann
schnelle handlung unbedacht hat mangem mann gross leiden bracht.
    Darauff antwort der vatter: Mein sun, du solt nit gedencken, das dise ding
mit unbedachtem mut und sunder vorbetrachtung gehandlet werden. Ich sage dir,
das der getrew Reichart ein ganz fleissig nachgedenckens hatt, damit deine
wolfart einen glückseligen fürgang gewinn. Den herren, zu dem du kummen solt,
kennet er ausdermassen wohl, hat auch gar vil mit im zu handlen. So kumpt auch
nimer kein monat hin, das sie nit gewisse Botschaft (check capitalization) zusamen haben, einander
kostliche stein, kleinat und anders überschicken, also das dir an meinem
schreiben gar nit manglen wirt, desgleichen mir auch an dem deinen. Das du dir
aber meinst gelegner sein gehn Toleten zu wandren, das mag mit deinem nutz gar
nicht geschehen, dieweil du keiner anderen sprachen dann der portugalesischen
alda bericht würdest, die du zuvor kanst. Zu Antdorff aber hast du die wal under
den schulen als frantzösisch, spanisch, italianisch und ander mehr, darin
magstu alle tag zu gelegner zeit gon; und so du dann aus der schulen kumpst,
magstu in der künstlichen arbeit dich ergetzen und üben. Darumb, mein Lasare,
solt du mir, deinem vatter, inn dem fal nit zumessen, als wann ich dich so gar
gering verschatzte und mich dein also verzeihen wolt. Du solt mir entlich
glauben, das du mir der liebst uff diser erden bist; mag mir auch kein lieberer
nit werden, dann du ye mein einiger sun bist. Darumb solt du dir die sach nit
anderst uffnemen noch gedencken; dann alles, was ich uff dissmal mit dir fürnemen
tu, unb und von wegen deiner wolfart tut geschehen. Eins mustu tun; wiltu
Reicharten einige tochter zu einem gemahel haben, will sich gebüren, das du im
des orts gehorsam seist. Du bedarffest dich gar nit beschweren in Brabant zu
schiffen; dann du zu einem herrlichen und geschickten mann kumen wirst. Du solt
auch des orts getröst sein, wann dich schon got der almechtig angreiffet, das
dein gleich so wohl gepflegen wirt, als wann du schon bei mir und deiner muter
werest.
    Als nun Lasarus der jung die Meinung seins vatters vernumen, hat er zuletst
mit grossem unwillen sich darein ergeben und gesagt: Mein lieber vatter, wiewol
mir die raiss gar zuwider ist, noch dannocht lernet mich kintliche trew und
liebe, dieweil dir die sach also gefallen will, das ich mirs auch gefallen
lassen soll. Darumb ist mein bit, so es anderst nit sein mag, wöllest bald zu den
dingen tun, damit ich nit lang mer uffgehalten werd. - Das soll nach deinem
begeren beschehen, sagt der vatter.
    Als sie sich nun genugsam miteinander underredt haben, sind sie wider zu
haus gangen. Richart, bald er das vernam, schicket er nach dem alten Lasaro,
befragt in ernstlich seines suns halben. Der erzalt ihm alle ding, wie sich die
verloffen hetten. Davon Reichart nit wenig frewd empfieng.
 
                                      31.
Wie Lasarus seinen sun aussrüstet, und wie Lasarus der jung Amelien einen brieff
           schreibt, darinnen er sie uff das freundtlichest genadet.
Lasarus saumbt sich nit lang, er liess sein sun nach notdurfft bekleiden, damit
er mit ehren einem herren zu haus kumen dörfft. Inn der zeit erkundiget sich
Reichardus, wann ein schiff in Brabant faren würd. Als sich nun die zeit nähert,
das Lasarus in vier tagen must uff sein, nam er im für seiner junckfrawen zu
schreiben; dann im derzeit allein mit ir zu reden nicht werden mocht. Er stund
eines morgens gar frü uff, sass in sein kamer und schrib einen ganz kläglichen
brieff auff semliche Meinung:
    Ich schrib dir gern, mein allerliebste junckfraw, ein frölichen brieff; die
anschläg aber deines unnd meines vatters wöllend mir semlichs nit zugeben noch
gestatten. Es aber ist an dem, das ich mich, liebste Amelia, scheiden mus, dann
alles das, so zu meiner hinfart von nöten, ist bereit, und ist nichts mer, so
mein rais hinderet dann dein vatter, so mich dann selb dahin begleiten und zu
einem herren verschaffen wirt. Du solt mich aber, mein Amelia und allerliebste
junckfraw, nit darfür achten, als wann ich mich gleich gegen meinem vatter
bewilligt hette, gehn Antdorff zu ziehen. Ich hab mich im lang zeit mit
früntlichen wordten widersetzt, hat aber an im nicht mögen verfahen. Dieweil ich
nun bedacht hab, das ein jedes kind aus götlichem befelch schuldig ist seinen
vatter und sein muter in ehren zu halten und in allen guten dingen zu
gehorsamen, wie uns dann das fünft gebot underrichtet Exodi am 20., habe ich
mich ye nit lenger widersetzen und aussreden wöllen, damit ich nit gott und
seinem gebot, auch meinem vatter und muter zuwider were. Du aber solt nit
anderst gedencken, dann das mein sterblicher leib allein von hinnen scheiden
werd, mein seel aber, hertz und gemüt wirt on zweifel alle zeit bei dir bleiben.
In süssem traum wird ich bei dir unnd umb dich wonen. In künstlicher arbeit
wirrts mich grösslich fürderen, wann ich dein gedencken wird; dann ich mich dir
zu gefallen in allen künsten befleissen will, dieweil ich dich ein rechte
liebhaberin der kunst erkenne. Zudem hat dich Pallas, die göttin, mit iren
lieblichen brüsten und honigsüsser milch geseugt und ernert; des gibt mir
zeugnis das kunstlich stuckwerck und gewirck, damit du mich begabt und hertzlich
erfreut hast. Das mir auch, indem ichs offtmalen anschawen wird, nicht wenig
frewd und trost geberen soll. Gehab dich wohl, mein Amelia, und biss mein nit
weniger yngedenck in meinem abwesen, dann ich deiner sein will! Hiemit beware
dich got, mein allerliebste junckfraw Amelia! Ich bleib allzeit dein getrewer
Lasarus.
    Disen brieff nam der jüngling täglich zu im, alzeit guter stunden gewertig,
darin er in seiner liebsten junckfrawen selb möchte antwurten. Dann sie nit
ursach grosser zucht und schamm nach irem gefallen statt haben mochten, mit
einander zu sprachen; wiewol in beidensammen von iren ältern züchtige gesprech
nit gewert ward, noch dorfft keins frölich mit dem anderen sprach halten.
    Es füget sich gar kurtzlich, das Amelia von irer muter zu des jünglings
mutter geschicket warde. Von ungeschicht fand sie niemand in dem haus dann
allein den jungen Lasarum, der dann an seiner arbeit ganz geflissen sass.
Amelia kam zu im hinein, und als sie beidsammen so unversehens einander
ansichtig wurden, erschracken sie über die mass gar seer und warden ganz
schamrot under iren angesichtern. Keins under den beiden wolt erstlich anfahen
mit dem andern zu reden; zuletst stund der jüngling auff unnd empfienge die
junckfraw gar früntlich, die im dann auch mit grosser zucht danck sagt. Lasarus
nam den brieff aus seinem busam, gab in Amelien und sagt: Allerliebste
junckfraw, nemet hien dise schrifft! Die wirt euch berichten des, so mir grosser
schamm halben nit müglich ist mit worten anzuzaigen.
    Die junckfraw nam den brieff, gnadet dem jüngling, schicket sich eilents zu
haus. Sobald sie ir muter angezeigt, wie Lucia nit anheimisch were, hat sie sich
in ir gemach gefügt, des jünglings brieff zu tausent malen geküsset, ehe und sie
den gelesen hat. Als aber sie seines inhalts grüntlichen bericht empfieng, hat
sie ganz kläglichen angehaben zu wainen unnd des Lasarus abschaid zu klagen von
ganzem hertzen. Aber sie hat gott andechtiglichen gebetten, das er dem jüngling
auff seiner fart sein götliche gnad und segen verleihen wölle, dem auch den
heiligen Engel Raphaelem, welcher den jüngling Tobiam beleitet, zu einem
geleitsman senden, damit er gesund und frisch wider zu land kumme, sie auch alle
gar in guter gesunteit finden möchte. Als sie nun iren jüngling genug geklagt,
hat sie ire nassen augen mit fleiss gedrücknet, ist demnach zu irer muter
gangen, ihres befelchs fleissig ausgewart, sich auch gar keins traurens
angenumen, dieweil sie wohl abnemen kund, das die sach nit zu wenden was.
 
                                      32.
Richardus ist aller ding wegfertig, so hat Lasarus der alt seinen sun auch nach
  notdurfft ausgebutzt. Ein kostlich malzeit würt gehalten, darzu Amelia auch
beruffen würt. Lasarus der alt gibt seinem sun guten bericht, wess er sich gegen
                             meniglich halten soll.
Gar kurtz nach disen tagen kame ein mechtig schiff mit kauffmanschaft von
Antdorff gehn Lisabona, das dann auch anderer wahren gewertig, darauff der
patron etlich tag warten must. In solcher zeit macht sich Richardus auch
gäntzlich fertig; so hette Lasarus seinen sun mit aller notwendigkeit versorgt,
und was nichts anders mehr vorhanden, dann das man auff gut wetter und wind
warten must. Richardus liess ein gut herrlich fontanium unnd malzeit zurichten,
darzu er seine guten freünd beruffet. Lasarus sampt seinem weib und seinem sun
auch zugegen waren; so sass junckfraw Amelia auch zu tisch. Da warden mit
dancksagung zuvor gegen gott dem allmechtigen die kostlichen trachten angetragen
unnd genossen, vil kurtzweiliger schwenck und reden fürbracht, aber doch in
aller zucht und gotsfurcht getriben.
    Das aber leider yetzund in einen argen bösen und schnöden brauch geraten
will; dann wo yetz gastung und malzeiten gehalten werden, es sei bei reichen
oder bei armen, geistlich oder weltlich, da müssen schantlich wüst grob bossen
zuforderst iren fürgang haben. Da wirt der gnadenreichen gaben gottes, als wein
und brot, auch anderer speisen, in keinen weg verschont, ja auch des milten
gütigen barmhertzigen vatters, so uns die so gnediglichen mitteilet, gar nit
gedacht, es sei dann sach das einer etwa unnütze tantmären von im sagt, als wie
Christus und Petrus mit einander gewandret haben, wie sie sich bei disem und
jenem bauren gehalten und dergleichen narreien, so zu keinem guten, sunder all
ergernus erwegen. Das dann warlich den namen Gottes grösslich misshandlen heisst
und zu gutem teutsch gottes namen entehret und gelesteret. Wolan, es sei genug
von dem geredt.
    Es haben aber die guten unnd schimpflichen reden die junckfraw Amelia zu
keiner frewden oder lachen bewegen mügen. Lasarus der jung auch nit gar wolzumut
was; so oft er Amelia die junckfraw anblicket, einen schweren seufftzen von
seinem hertzen gon liess, desgleichen pflag auch die junckfraw zu tun. Der
imbis aber mit grossen frewden volbracht worden ist; mancherlei reden haben sich
verloffen, so ich von kürtze wegen underlass zu schreiben. Als nun die tisch
auffgehaben wurden, habend sie got dem herren lob und danck gesagt und demnach
von dem tisch auffgestanden, einen abscheid mit einander gemacht.
    Lasarus aber und sein sun sind mit einander hinaus in einen garten gangen;
dann also wolt es der vatter haben, damit er nach seinem willen und gefallen mit
im reden und in underweisen künd. Als sie nun in den garten kumen sind, haben
sie sich zusamen under einen pomerantzenbaum gesetzt, hat der vatter mit seinem
sun uff volgende Meinung angefangen zu reden:
    O Lasare, mein einiger und geliebter sun, ich muss bekennen, das du mir, got
aber zuvorderst ausgedingt, der allerliebst uff erden bist, dieweil du mir
bisshar in allen gebotten gewilfaret hast. Dann von der zeit an, da du
erstlichen angefangen hast zu reden, haben wir, ich und dein muter, dich mit
ernst dahin gezogen, das du niemand beleidigt, weder nachbauren noch ire
dienstboten. Wir haben dir auch nie gestatten noch vertragen wöllen, das du
unserem gesind, gesellen, jungen oder mägten wiederdriess noch einiche schmach
bewisen hettest. Und als du schon zu verstand kamest, hond wir gar nit haben
wöllen, das du von dem gesind etwas märlin bracht oder sie gegen uns
verschwätzt. Darumb bist du alle zeit von dem gesind lieb gehalten gewesen. Zu
dem andren waist du, mein Lasare, wie ich dich von deinen jungen tagen an ye und
alwegen zu der ehr gottes gezogen hab, dich in allen tugenden underwisen. Binn
auch guter hoffnung, du werdest mein getrewe unnd vätterliche underweisung nit
aus deinem hertzen kumen lassen und im ganz fleissig nachgedencken. -
Insunderheit wöllest in grossen ehren haben das vergult schön yngebunden
büchlin, so ich dir vor einem jar zugestelt hab, namlich das büchlin der
geistlichen zucht, Jesus Syrach genant, in dem du alle tugent erlernen magst.
Ich hab dir auch in schrift verfasst das 4. und 14. capitel des gotsförchtigen
Tobie, darin er seinen geliebten sun ganz früntlichen underweiset, wes er sich
gegen got und der welt halten solle. Darbei wirst du auch finden etlich schöne
sprüch aus dem guldenen büchlin der sprüchen Salomonis. Dise ding wöllest du
woll in dein hertz einbilden, so wirstu gewisslich grösslich daraus gebessert
werden. - Wolan, mein sun Lasare, du wirst yetz zumal ein ferren weg von mir
ziehen und dich ein zeit lang under den fremden erhalten müssen. So merck fürbas
auff mich, deinen vatter, und glaub mir meiner red als dem, der es erfaren und
erkundiget hat! Wann du an die fremde kumen wirst und sunderlich gehn Antdorff,
wirt dir mancherlei gesind fürkumen, so dich mit listen hindergon werden, zuvor
wann sie einen schweren seckel bei dir schmacken werden. Vor denselben solt du
dich mit fleis verwaren, ir keinem zu vil vertrawen; sunst wirdest du bald umb
dein gelt kumen. Ich sag dir, mein sun, das du in vil tausent stätten solche
finantzer, riffiener und böser vögel finden möchtest; ich geschweig der
unverschamten gemeinen weiber, vor denen du dich sunderlichen hüten solt. Dann
durch sie manig jung blut arbeitselig umbbracht unnd an seinem leib verderbt
wirt, deren ich selb etliche erkant hab. - So du nun zu deinem herren kumest und
er dich empfahen wirt, soltu in mit frölichem angesicht und uffgerichter stirnen
ansehen und früntlichen danck sagen mit zimlicher reverentz. Dann ich sag dir,
das die herren ein sunder auffschawen haben uff die sitten und geberden der
jünglingen, so sie die am ersten ansichtig werden. Schlecht einer sein gesicht
under sich, halten sie den gemeinlich für untüchtig, messen im auch alle
schalckheit zu. Wann aber ein junger eines freundtlichen gesprächs,
unerschrocknen angesichts dapffer mit in nach notturfft reden darff, denselbigen
hatt man für einen verstendigen warhaften und auffrechten mann. - Du solt auch
mit ganzem fleiss dich bei allen menschen verhüten, das du keinen zanck noch
hader anrichtest; dann vilen menschen von wegen ires zänckischen und
klapperischen munds merckliche unrhu entstanden. Darumb, lieber sun, volge mir,
deinem vatter, und mische dich inn keinen handel, so dich nit andrifft! Mit
willigen ohren biss bereit yederman zuzuhören, aber mit lancksamer zungen und
wolbedachtem mut soltu uff getone frag antwurt geben und ungefragt bei alten
achtbaren leuten gar nichts reden. Deinem herren soltu in allen guten gebotten
ganz willig gehorsamen. So dich yemants lehrnet und underweiset, es sei mit
künstlicher arbeit oder auff gute sitten dich understat zu wenden, denselbigen
solt du nit minder in ehren haben, dann mich, deinen vatter. - Wann dein herr
gesellen oder diener hat, von welchem du etwas lehrnen magst, denselbigen soltu
dich nit schämen in in die händ zu sehen. Dann ich mus bekennen, das ich in
meiner wanderschaft vil mer von gesellen gelernt habe dann von meinen herren
und meisteren. Ich hab mich auch nie beschwärt, inen uff die feirtag ire schuch
zu wischen, ire hemmetter in die wäsch zu tragen, und was ich mit meinem dienst
inen zu gut hab mügen aussrichten, des habend sie nichts begert vor mir zu
verbergen. Du aber solt dich nit zu tieff mit in einlassen in tafernen oder
wirtsheuser. Dann man findt gewonlichen an solchen orten böse knaben, so dem
spiel unnd füllerei anhangen, durch dieselbigen mancher redlicher jüngling gar
übel verfürt und zu schanden kumet. So aber sich zuträgt, das deines herren
gesind mit seinem gunst etwan ein ehrliche zech in seinem haus anschlagen, soltu
dich dein gelt nit dawren lassen, sunder williglich deinen gebürenden tail
darzu geben und frölich mit in sein. - Rhüme dich nit zu vil deines guts! Dann
wo du mer anzeigen wirst, dann desselbigen ist, wirt man dirs für ein grosse
lugen achten, und so du minder sagst, von stund an wirst du von menigklich für
einen toren und fantasten ausgeschrien. Diser meiner lehr, lieber sun, wöllest
du nit vergessen, sunder deren fleissig nachgedencken. - Mit kleidung hab ich
dich nach deinen ehren unnd meinem vermügen nach aller notturfft versehen, damit
du für erbar leut kumen darffst. Dieselbigen kleider wöllest in ehren und sauber
halten; dann wo du die ehrlich haltest, werdend sie dir auch alle ehr beweisen.
Ein zimliche zerung hab ich dir verordnet, so dir Reichardus überantwurten wirt;
dieselbig wöllest wohl und nutzlich anlegen. An disen stucken allen, wo du denen
nachkumen, wirst du meinem gefallen ein genügen tun.
    Lasarus der jung hat die wort seines vatters gar fleissig gemercket; er
versprach im auch, dem also nachzukumen. Damit sind sie wider aus dem garten
gangen, heim zu haus gezogen, des nachtimbis mit grossem lust erwartet.
 
                                      33.
 Reichardus berüffet den patron des schiffs zum nachtmal, leben also in frewden
 bei einander, biss jetz die zeit kumpt, das man zu bet gon solt, jederman an
                             sein rhu gewisen ward.
Reichart, welcher von natur freundtlich, getrew und gutig was, hat yetzund von
dem patron verstanden, das er des nächstkünftigen morgens von land und wider in
Brabant schiffen wolt. Er liess im alle ding zu schiff tragen, befalhe auch
seinem fründ Lasaro, das er seins suns kleider und was er mit im füren wolt, auf
das schiff solt verschaffen. Das ward alles mit ganzem fleiss ausgericht.
Richart bat den patron des schiffs, er wolt in nit verschmahen und das nachtmal
mit im essen, und so er yemands uff dem schiff het, so ihm anmütig were,
denselbigen möcht er mitbringen. Diss bewilliget im der patron, nam also seinen
jungen sun mit im, dem älteren aber befalhe er das schiff zu bewaren. Also zugen
sie miteinander von dem schiff in die statt in das haus Richardi. Da wurden sie
gar schon und ehrlich empfangen von seinem weib, die dann einem yeden, wer der
was, sein gebürend reverentz tun kund. Da was auch ein herrlich malzeit
bereitet. Uff die bestimpte zeit unnd stund kamen alle die, so zu dem nachtimbis
berufft waren, zusamen, damit sie mit dem jungen Lasaro sich letzten. Es war
auch kein person inn diser gastung, so ihm nit ein letzgelt zu einer zerung
verehren ward, des ihm dann Lasarus nit wenig frewd nam. Sie wunschten im auch
alle hertzlichen ein glückselige ausfart, und das sein widerkunft auch mit
grossen frewden geschehen solt.
    Amelia, die junckfraw, was noch nit zugegen, dann sie noch an ires liebsten
jünglings arbeit was. Zuletst kam sie mit einem schönen sammatten paret in den
saal gegangen, das trug sie auff irem haupt. Daruff was ein schöne guldene
schnur mit guten orientischen perlin geziert; es waren auch daran gebunden gar
kunstliche und conterfetische von feiner seiden gewirckte blümlin, so Amelia mit
iren händen gearbeit het; dann sie derselbigen kunst ein meisterin was. Als nun
die junckfraw in mitte des schönen wolgezierten saals kumen ist, hat sie den
sitzenden fründen und gesten die speiss gesegnet, ist damit zu Lasaro, dem
jüngling, mit züchtigen geberden gangen, hat das paret von irem haupt unnd
goltfarben har abgenummen, dem jüngling auff sein blosses haupt gesetzt und
gesagt: Mein allerliebster Lasare, ich vernim, das du morgens frü von hinnen
schiffen würst. Dieweil du nun von allen deinen lieben freunden reilichen
abgeletzet bist, bit ich, wöllest dise meine gab und letze nit verschmahen und
die von meinentwegen von hinnen füren und, so dir müglich sein mag, etwas darvon
harwider bringen; will ich mich hiezwischen, so mir gott mein herr gesundteit
verleihet, umb ein schöneren und besseren wilkum arbeiten; das soltu erfaren.
    Der jüngling vor grosser scham und freuden der junckfrawen nit antwurten
kundt. Zuletst aber erholet er sich, und mit grosser reverentz bedanckt er sich
umb die gab, versprach der junckfrawen darbei, dise gab in grossen sorgen und
ehren zu haben, wie dann solchs von im geschahe. Also stund Richhardus auff, nam
sein tochter Amelia und satzte sie neben Lasarum an den tisch. Da wurden sie von
der freundschaft und den anderen gesten gar züchtiglichen und mit verborgenen
schimpflichen worten gefatzet, davon sie beidsamen zum offternmal ganz schamrot
wurden, davon sie dann gar vil schöner den gesten erschinen.
    Nach langem gespräch und beschehenem ymbiss wurden die tisch auffgehaben,
gott dem herren umb seine vilfaltigen guttaten lob und danck gesagt. Der
schiffpatron nam urlaub von Reicharten, Lasaro und iren beiden weiben. Richart
vermeint in mit früntlicher bitt bei im zu behalten. Er aber wolt nicht von dem
schiff beleiben und sagt: Früntlicher Richarde, du waist, was grossen guts mir
auff disen tag auff mein schiff geantwurt worden ist. Wann ich dann schon gern
bei dir zu herberg beleiben wolt und auff das allerbest gelegt, des ich
ungezweiflet bin, würd ich doch meinen schlaff nit mügen haben, sunder stetigs
auff mein schiff gedencken. Darumb so du mir gern an güte rhu wilt helffen, so
verschaff, das ich zu schiff kume, damit deine und anderer kauffherren wahr
versorgt sei!
    Also beleitet Richardus und Lasarus sampt seinem sun den patronen biss uff
das schiff. Alda was ein herrlicher schlaaffdrunck zubereitet von mancherlei
latwergen und confecten. Der aber ward nit lang gehalten; dann jederman eilet an
die rhu, damit sie des morgens zu rechter zeit möchten ire sachen ordnen. Sie
namen urlop von dem patron mit gewünschter guter nacht, zugen zu haus und
volbrachten die nacht mit rhu.
 
                                      34.
    Wie morgens frü zu schiff geblasen ward, davon Amelia grossen schmertzen
         empfieng und iren jüngling Lasarum klaget und dabei beschalte.
Die nacht was yetzund durch Auroram, die morgenröte, gar verjaget und hinder die
hohen gipffel der bergen getriben. Phebus hett seine vier schnellen pferd inn
sein wagen gesetzt, kam mit grossen frewden mit glantzender sunnen dahergefaren;
die süssen und kulen windlin mit irem sanften wehen daher bliesen, davon alle
gewechs erquickung namen. Die vögel auff den zweigen mit iren süssklingenden
stimmen den tag mit frölichem gesang empfiengen. Der patron des schiffs erfrewet
sich auch nit wenig ab semlichem guten wind und wetter. Er schicket eilends sein
trometter in die statt umbzublasen; dann er gleich willens was von land zu
säglen.
    Also versamleten sich alle die, so willens hetten zu faren, mit grossen
freuden bei dem schiff. Allein Lasarus der jüngling in grossem trawren stund;
dann im nit weil werden mocht, sein allerliebste Amelia zu gesegnen. Er genadet
seiner muter; dann er nit meint , das sie an das port zu dem schiff gehn würd.
Es hette aber Cassandra und Lucia am abent zuvor ein packt und anschlag mit
einander getroffen, das sie sampt irer tochter Amelien Reicharten und den
jüngling Lasarum zum schiff beleiten wollten. Cassandra kam sampt irer tochter
gegangen in das haus Lasari. Da aber waren Richardus und Lasarus aller ding
schon beraidt.
    Aber es gefiel Richarten sonderlichen, das der jüngling, zuvor und ehe er
von land schied, dem alten Roberto genaden sollte, desgleichen der alten muter,
die sich dann der welt ganz entschlagen hetten ires betagten alters halben. Sie
beliben eintzig in irem gemach, darin wurden sie mit speiss und dranck, auch
ander wartung wohl versorget von Cassandra und Amelia, irer tochter. Also ging
Reichhardus mit dem jüngling zu in. Da warend sie eben erst auffgestanden.
Reichardus zeigt in an, wie er yetzund willens were, sampt dem jüngling Lasaro
in Brabant zu schiffen, weren derhalben kumen, inen beiden zu genaden. Es wussten
auch die alten zuvor allen anschlag, auch von der eheberedung zwischen Amelien
unnd dem jüngling. Der alt Robertus, sovil im müglich und die zeit ertragen
mocht, underwis er den jüngling, gab im ein gute letze, sein darbei und seiner
lehr zu gedencken. Nit weniger hat sich die gut alt muter mit Lasaro früntlich
geletzet und gewünschet, das im vil glücks auff seiner raiss widerfaren und im
got ein selige und fröliche haimfart verleihen wolt, damit sie in mit frewden
widersehen möchten.
    Also giengend sie sambt dem alten Lasaro, den beiden weiben und junckfrawen
zu dem schiff; das was schon aller ding bereit zu faren. Lasarus genadet seinem
vatter und seiner lieben muter. Sein hertz aber was im so gros, das er Amelia,
seine liebste junckfraw, nit gesegnen kund, sunder befalhe das seiner muter, der
junckfrawen ein brieff zu antwurten, darin er sie zum allerfreuntlichsten
gesegnet. Des aber die junckfraw nit kleinen unmut empfieng, ward auch gäntzlich
in heimlichen zorn gegen Lasaro entrüstet, wiewol sie nicht dergleichen tet,
biss sie wider haim in ihr gemach kam. Also fur das schiff mit uffgerichtem
sägel und gutem glückseligem wind darvon. Sie stunden an dem port ein gute zeit,
dem nachsahen, biss das sie es gar aus irem gesicht verloren. Demnach sind sie
wider zu haus gangen.
    Amelia, die junckfraw, ist in ihr gemach gangen, iren jüngling schwerlich
beklagt, umb das er ongnadet von ir weggefaren ist. Sie hub an auff nachvolgende
Meinung mit ir selb zu reden: O Amelia, sagt sie, wo hast du dein hertz und
vertrawen hiengesetzet! Wie hast du dein hertzliche und stete lieb so gar übel
angelegt! Auff einen sand und schmeltzend eiss hastu gebawen. Ey du
unverstandner jüngling, wie hastu an deinem hertzen haben mögen, also von mir
sunder alles urlop hinwegzuschaiden! Binn ich doch die, so dir nachgevolget ist
biss an das port des mers, und hast mir nit mit einem früntlichen wort genaden
mögen. Wolan, ich waiss mich in keinen weg an dir zu rechen, dann das ich dich
aus meinem hertzen setzen unnd ausschliessen will. Dann das zusagen unser baider
älteren mag mich noch gar nichts an disem ort binden, dieweil der handschlag
noch nit geschehen ist. Far nur hin, Lasare, du unbedachter jüngling! Mein stete
trew und lieb will ich einem bekantern und verstendigern jüngling behalten, dann
du bist. Mich aber rewet all mein tag, das ich mich deines abscheids halben so
jämerlich gehebt hab. Wolan, hin ist hin. Ich kann und mags nit widerbringen.
 
                                      35.
  Am anderen tag bringt Lucia der junckfrawen den brieff, dardurch sie in ein
                            newe liebe entzünt wirt.
Des andern tags kam Lucia zu der junckfrawen Amelia. Alsbald nun die junckfraw
ihr ansichtig worden, ist ir das hertz im leib von zorn auffgehupffet; dann sie
von newen dingen an Lasarum gedencken ward, umb das er also von ihr abgescheiden
was. Bald gab ir Lucia den brieff, welchen Lasarus vor seinem abscheid
geschriben und der junckfrawen zu geben empfolhen. Dann Lucia wohl an der
verkerten gestalt Amelien wohl abnam, das sie über den Lasarum erzürnt was; dann
sie erstlich den brieff nicht wolt von der Lucien annemen. Darumb sagt sie: Mein
liebste Amelia, wie hat sich dein gestalt so ganz über mich verkeret! Sag mir,
womit hab ich semlichen zorn gegen dir verschuldet? Nun hab ich doch gute
hoffnung gehabt, du werdest in kurtzer zeit mein allerliebste sunsfraw werden.
    Amelia, bald sie des Lasari gedencken hort, als ir gemüt ein grosser
schrecken und zorn durchdringen ward, und sagt also: Lucia, ich bitt, so ir
meiner hulden nit beraubt sein wend, so gedenckend mir ewers suns mit keinem
wort. Dann gegen im all mein gunst, früntschaft, lieb und trew verloschen ist.
Ich sag auch, ehe dann ich mich im vermähelen lassen will oder mich meinen
vatter darzu zwingen lassen, will ich eh in ein kloster gon und mich meines
vatters gut verzeihen.
    Lucia von solchen worten und teuren gelübt der junckfrawen nit wenig
schrecken empfieng; wie aber solicher zorn auff iren sun erwachsen sein mocht,
was ir verborgen. Darumb fieng sie auff das allerfreundtlichest mit der
junckfrawen an zu reden: Ach mein züchtige liebste junckfraw Amelia, meinen sun
zu vertädingen kann ich nit, dieweil mir nit zu wissen ist, womit er solche
schwere ungnad umb dich verdienet hat. Ich aber bitt dich von wegen deiner
muter, ermane dich auch der grossen liebe, trew und früntschaft, so wir zusamen
tragen, auch ein yede insunderheit iren dienst gar oft gegen der anderen
probiert hatt - von des wegen langt mein früntlichste bit an dich, wöllest mich
verstendigen deren ursach.
    Amelia, wiewol sie nit willens was die ursach zu offenbaren, so bezwang sie
doch die hohe ermanung der Lucien, fieng an auff dise Meinung mit zornwegern
worten zu reden: O Lucia, ihr sollend nit mainen, das mein empfangner und
angenumener zorn on mercklich ursach zugangen sei, dieweil ich bedacht habe,
was günstigen hertzens und grossen liebe ich zu ewerem sun Lasaro getragen, in
auch freuntlicher letze, als er hienwegschiffen wöllen, verehret, darzu in, als
dem ich grosse unsegliche liebe getragen, das geleidt mit schwerem bekümmertem
hertzen gegeben; dann mir sein hinscheiden unmenschlich schmertzen geberen tet.
Dargegen aber [er] als ein stainhertziger und harter jüngling von mir ungnadet
und sunder alles urlop von mir ist hinweggescheiden. Der härtigkeit ich im in
allen meinen tagen nimmermer vergessen will und mein hertz auch in gleichem gegen
im erharten lassen, im auch kein lieb noch früntschaft nimmermer nit beweisen,
sunder im härter sein, dann die junckfraw Daphne dem Phebo ye gewesen ist. Dann
dieselbig Daphne, ehe dann sie wolt im ire liebe mitteilen, batt sie die
götter, sich in einen lorberbaum zu verwandlen, und ward im von semlichen baum
nicht mer dann ein zweig; daraus machet er im ein krantz zu ergetzligkeit seiner
liebe. Also soll ewerem sun auff dissmal auch an dem krantz, so ich ime zu einer
letze in ewer aller beiwesen zugestelt, genügen und fürbas mer nichts anders von
mir warten noch verhoffen.
    Lucia, welche ein gar verstendig weib was, merckt gleich wohl, wo hinaus die
sach dienen wolt. Sie sagt: Mein Amelia, ich kann dir warlichen an disem ort nit
unrecht geben, dieweil sich mein sun eines semlichen unverstands gegen dir
gebraucht hatt. Ich aber bitte dich, wöllest mich derhalben in keinerlei weg
neiden oder feindschaft tragen; dann mir die undanckbarkeit meines suns gar
klein gefallen bringt. Ich bitt dich aber, mein liebste Amelia, von wegen der
liebe, so du zu deinem vatter und deiner muter tregst, wöllest mich meiner
letsten bit geweren und disen brieff [lesen], so mir mein sun an dem port
gegeben und mich mit wainenden geberden gebetten dir den zu überantwurten,
zeigt mir auch darbei an, wie ihm sehr gros daran gelegen were.
    Amelia die junckfraw, wiewol sie vormals gar erzürnt gewesen was, hat sie
doch in ir selb gedencken und erachten künden, das Lasarus sein abscheiden so
hart bekümmert, das er mit ir nit hat reden künden, sunder ir in disem brieff
erst genaden und urlop von ir nemen. Sie nam den brieff von der Lucien, stiess
den eilends in iren busam; dann sie befand, das etwas darinnen verschlossen war;
so sah sie auch an der überschrifft, das Lasarus disen brieff ihr in aller
früntschaft und liebe überschickt het. Lucia verstund wohl an iren weisen und
geberden, das sie disen brieff ungelesen nit lassen würde; darumb nam sie urlop
von Amelien und ging wider zu haus.
 
                                      36.
  Amelia allein in irem gemach sitzet, den brieff lesen ward, in grossen zorn
 gegen ir selbs fallen tet, umb das sie dem jüngling on alle ursach so gehass
                                  gewesen was.
Amelia ginge schnels gangs in ihr gemach unnd schlos den brieff uff, darin
fand sie einen schönen dopleten schiffnobel, lase den mit ganzem fleiss von
wort zu wort. Der lautet also:
    Ich wünsch dir, mein allerschönste und liebste junckfraw, vil guter
frölicher zeit und stund, so das du die frölicher unnd besser haben mügest, dann
sie mir inn meinem abwesen sein werden. Ach mir armen! Was mag mir doch in
ganzem Brabant für einiche frewd zuston, ja nicht allein in Brabant, sunder in
der ganzen weiten welt, dieweil ich deiner schönen züchtigen adelichen gestalt
und frewdenreichen anblicks mus beraubet sein! O mein zarte Amelia, wie wehe mir
mein hinschaiden von dir getan , ist mir nit müglich weder zu sagen noch zu
schreiben. O Amelia, wie gern hette ich ein freundtlichen abscheit mit mund von
dir gemacht! Ist mir aber nit müglich gewesen; dann mich das jämerlich senen und
verlangen nach dir so hart bekümmert, das mir mein red darvon gelegen. Meine
augen hetten auch vor zehern nit zugelassen, ein einiges wort mit dir zu reden.
Wann dann ich also stummlos vor dir gestanden were, würdest du vileicht ein
verdruss ab mir als einem solchen weibischen jüngling genumen haben. Darumb,
mein liebe junckfraw, mir sollich mein hinscheiden nit zu argem auffnemen
wöllest. Dann ich mit meinem hertzen nimmer von dir schaiden wird; ich binn unnd
bleib dein Lasarus, und du mein allerliebste junckfraw. Niemans dann allein der
todt kann oder mag uns schaiden. Ich schick dir hiemit dise kleine gab; wöllest
die nit verschmahen. Dann ich muss bekennen dich einer reichern und bessern
werdt sein, hab dir aber dise allein darumb geschickt, damit du sie zu deinem
schatz legest, und so du dann zu vilmalen darüber gehst, disen schiffnobel zum
wenigsten anblicken wirst, mein darbei zu gedencken. Hiemit wirstu mich
nimmermer in vergess stellen. Des soltu auch von mir ganz gewiss sein, das ich,
so oft mir der zeit werden mag, ich die reichen gaben und kleinat, so du mit
deinem künstlichen händen gewirckt hast, zu besehen und mich darmit zu ergetzen.
Dann diss wirt mein frewd, trost und kurtzweil in Brabant sein. Jetzund, liebe
junckfraw, will ich dich got bevelhen und dich damit auffs hertzlichest gesegnet
haben. Gedenck mein, o liebste Amelia! Nit vergiss mein umb eines kurtzen jars
willen! Setze dein hertz und gemüt zu mir, wie die keusch Penelope getan ,
welliche sich die anzal der reichen und mechtigen werber nit hat lassen
wanckelmütig machen, sunder auff iren liebsten gemahel und fürsten Ulissen
zwentzig jar gewartet hat. Denselbigen mocht nit abwenden die zaubereien Circes
noch die mechtig göttin Calipso, sunder begert stetigs zu haus zu seiner
liebsten gemaheln. Das hertz in mir, das doch dein allein ist, wirt kein stund
anderst gesinnet werden. Got pfleg dein dise und alle stund und zeit in
gesunteit!
    Amelia hat disen brieff yetz zum offteren mal gelesen und gar wohl
verstanden. Bald ist sie in sich selbs gangen, ir grosse schnelle grimigkeit, so
sie zu dem Lasaro getragen, ernstlich bedacht. Zuletst fieng sie an mit ir
selber zu reden und sagt: O Lasare, mein liebster jüngling, solt dir zu wissen
sein, in was grossen zorn ich gegen dir ohn alle schuld heimlich gewütet, (ja,
nit haimlich, dann deiner muter alle sach offenbar ist) du wirdest mir so
früntlich nit geschriben und dich mir so früntlich bevolhen haben. Weh mir
unsteten unbekanten junckfrawen, die ich mich nit mer würdig schätz, einem so
recht liebhabenden jüngling vermähelt zu werden! Was hat mich doch zu solchem
boshaftigen zorn bewegen mügen, das ich in solchen hass gegen einem solchen
kunstreichen und schönen jüngling fallen tet! Wer es nicht genug an dem
schreiben, so er an mich getan , als er seinem vatter und muter in Brabant
bewilliget hatt zu schiffen! Hatt er mir nit dasselbige mal alles sein hertz und
gemüt eröffnet und einen gnugsamen früntlichen abscheid an mich begert! Billich
hab ich mich selb gegen seiner muter der Daphne verglichen, dieweil sie auch ein
solche ungütigkeit gegen dem Phebo erzeigt. Ich mus mich schuldig geben, das ich
noch ungütiger gegen meinem Lasaro gewesen binn, dann die junckfraw Daphne gegen
Phebo, irem liebhaber; darumb ich billich[er] in einen stain dann zum baum solt
verwandlet werden. Ach mir armen Amelien! Möcht mir doch semlich gnad von dem
Glück verlühen werden, das meinem liebsten jüngling diser mein aussgestossener
zorn gegen seiner muter nit fürkäme! Wie möcht aber ein muter irem liebsten
einigen sun solche unbilliche ding verschweigen! Wolan, ich bin dannocht guter
hoffnung, sie werd mich des orts nit vermelden; sunst wird sie mir gewislich
meins lieben jünglings schreiben sampt der gaben, damit ir mich so früntlich
geletzt, [nit] geantwurt haben, sunder ir die selbs behalten. Wie aber dem, wo
sie das uff einen sunderen ranck getan  haben wirt, damit warzunemen, ob ich die
gab uff solchen ausgestossnen zorn behalten wölle? Ach nain, das getrawe ich ir
nimermer. Ich aber will semliche sorg mit geschickligkeit von mir wenden und
ablegen. Sobald und mir müglich sein mag, will ich mich einig zu ir fügen. So
wirt sie mich erstlich under augen ansehen, ob ich noch ein solches brinnendes
gesicht hab, ob sich mein farb also zum offterenmal verwandlen wölle und ob
meine wort so grimm lauten. Ist dann sach, sobald sie mich so ganz eines
anderen hertzens und gemüts befindt und sie aber sich zorniger gestalt erzeiget,
so ist all mein hoffnung umbsunst; dann sie keines guten hertzens mer gegen mir
sein wirt. So sie mich aber irer alten gewonheit nach früntlich empfahen wirt
und eines frölichen angesichts sich gegen mir erzeigt, bin ich gewiss, das ich
gar in keinen ungnaden gegen ir stand. Wolan, jetzund ist eben die recht stund
anzusuchen, yetz find ich sie allein; dann ir magt den nachtimbis zu bereiten
pflegt. Nun will ich meine sach wagen und guter hoffnung warten sein.
 
                                      37.
Amelia kumpt zu der Lucien; sie wirt schon von ir empfangen, die junckfraw legt
grosse bit an sie, ires suns halben ir zu verzeihen. Des Lucia seer wohl zufriden
                         ist und Amelia zu gast ladet.
Amelia, die gut angstaft junckfraw, nam urlop von irer muter, sagt, sie wolt
nur etwas bei der Lucien aussrichten und eilends wider zu haus kummen, des dann
Cassandra wohl zufriden was. Also fügt sich die junckfraw eilends hinumb in das
haus Lucie, die fand sie ganz einig in irem saal ir arbeit mit der nadel
volbringen. Sobald sie nun der junckfrawen gewar worden, hatt sie die mit fleiss
under irem angesicht beschaut, ob sich das nit entstellen noch entferben wolt,
ob ir das nässlin nit spitzig und weis werden und die augen in dem haupt hin und
wider wancken wollten. Amelia aber mer erschrocken dann zornmütig erscheinen
tet, das dann Lucia wohl verston kundt. Darumb fing sie an mit gütiger geberd
gegen Amelien auffzuston und ir entgegenging.
    Die junckfraw aber ganz zaghaft ir augen gegen der erden kerend von einem
winckel in den andren sehen [tet], den jungen kindern geleich, so gebosst und
nit gern für ire älteren kumen. Lucia hat sie ganz früntlich empfangen und
gesagt: Mein liebste junckfraw, was ist die ursach deiner zukunft? Hast du
etwas befelchs von deiner muter an mich, oder kumpst du ander sachen halben zu
mir?
    Von disen freundtlichen worten die junckfraw gut hoffnung gewann, ir für
fürgenumene bit an Lucia zu werben. Mein allerliebste muter und fründin, saget
sie, wiewol ich euch heut morgen mit gar ungezempter red empfangen hab, seit ihr
dannocht so gütig, mich freundtlicher, dann ich euch empfangen habe, empfahend.
Darumb, o liebste Lucia, nit wöllend mir solchen ungeschickten zorn zu argem
ermessen! Dann mich das freundtlich schreiben ewers suns gar eines anderen sins
gemacht hat, dieweil ich darin sein freundtlichs und erbars entschuldigen
gnugsamlich verstanden hab. Nun zumal waiss ich nichts mer, so mich angstaft
machen tut allein zwei ding. Zum ersten, das ich nit wissen mag, wie es meinem
liebsten Lasaro uff dem meer in den sorglichen wällen ergon mag. Zum andern
trenget mich ein andere sorg, das ich förcht, wann im gott wider haim zu land
helffen werde, das im mein unbillich zürnen zu wissen werde. Was wirt dann
anderst draus erfolgen, dann das er würd sprechen: O Amelia, hab ich umb mein
grosse liebe, trew und gunst ein solchen zorn und ungunst bei dir erworben,
wolan so will ich dich auch mit gleicher müntz bezalen.
    Uff dise wort antwurtet Lucia und saget: Für den ersten unmut, o junckfraw,
solt du dir semlichen trost fassen, das im got der allmechtig sein stund und
zeit gesetzt hat zu sterben; wann die hie ist, so gilt es gleich auff dem meer
oder auff der erden. Ich aber hab in gott dem allmechtigen, der mir in geben und
wider alles übel wohl bewaren kann, in seinen schutz und schirm bevolhen, das er
mir in behüten und vor üblem bewaren wölle, damit er frisch und gesund wider zu
uns kumen, uns auch dergestalt finden möge. Die ander sorg und kümmernus, mein
Amelia, deren bedarffst du gar nicht, du habst dann solchen andren dann mir
allein geoffenbaret. Mich solt du nit gedencken also gesinnet zu sein, das ich
das, so ich von dir gehört hab, meinem sun offenbaren wölle; dann mir sicher
leid were, solt semlichs im von andern gesagt werden. Nun waist du, mein
junckfraw, sunder zweifel wohl, was für ein abred ewer beider halben von uns, den
ältern, beschehen ist. Was wolt mich dann frewen, so ich etwas böses samens
zwischen euch baiden seen sollte! Vil mer, so es darzu kumpt, will ich alles guts
anrichten, damit wir alsamen durcheinander, jung und alte, frewd und kurtzweil
bei und umb einander haben mügen. Darumb sorg gar nicht meinentalben, liebe
Amelia! Dann ich dir alles gutes beweisen will, so lang ich und du in leben
sind. Mein tochter solt du von disem tag an sein, mir auch als ein kindt seiner
muter vertrawen solt; des hab dir mein seel zu pfand.
    Amelia von solchen worten hertzlichen trost empfieng. Sie dancket irer
schwiger des guten trosts, so sie ir mitgeteilt. Darneben saget sie auch, das
ir nichts gefelligers wer dann sie für ein muter und schwiger zu haben. Lucia,
als sie lang genug mit der junckfrawen gespracht, batt sie die, bei ir zu
beleiben und das nachtmal mit ir zu essen; doch solt sie zuvor ir muter
Cassandram auch verkündigen, das sie auch zu in kumen solt.
    Des Amelia gar willig was, ging zu irer muter; und wiewol sie hart an sie
satzt, mocht sie sie doch lang nit bereden. Dann sie sagt: O mein tochter, wie
übel es stat einem weib, in abwesen ires mans gastung zu halten, so wenig ziert
ein weib, in irs mans abwesen zu gast aus dem haus zu gon, zuvorab so ihr
gemahel inn sorgen wandren tut. Du waist, meine liebe tochter, das dein vatter
yetzund auf dem wallenden meer in und uff glücks wag und rhat schwebet, allen
augenblick der fortunen und sturmwinden warten mus. Darumb will mir, o liebe
tochter, bass gezimmen dahaim zu bleiben und meines haus zu warten.
    Darauff sagt Amelia: O muter, ich mus dir deiner wort gewunnen geben. Dann
es ist ein gross laster an etlichen weiben, ich schetz auch gar leichtfertig;
sobald die mann über land raysen oder an andere ort schiffen, lauffend sie bald
aus dem haus, ein gevatter zu der andren, richten gut malzeiten zu, leben mit
einander in saus. Und ob schon etwan eine under in ist, so nit recht frölich
sein kann, sagen die andren: »Hei, was trawrt ir umb eweren man so sehr! Er ist
jetzund auch, da im wohl ist, bei guten freunden, herren und gesellen. Lasst uns
nun mit einander auch guten mut haben und gleich unsern männern leichtsinnig und
guter ding sein!« Sie aber betrachten wenig, in was gefar ire männer zu zeiten
leibs und guts halb ston müssen. Es aber, liebe muter, hat ein andre gestalt umb
dich unnd dein liebe und getrewe Lucia, dieweil ir so liebe nachbeurin und von
wegen ewer grossen liebe und trew wohl schwestern genant mügen werden. So ist
mein lieber vatter und Lasarus der jüngling, ir allerliebster sun, yetzund, ob
gott will, auff einer glückseligen und guten schiffart bei einander. Zudem ist
der alt Lasarus auff den heutigen tag auch verritten, einem des künigs obersten
etliche kleinat bringend, und ist Lucia sein in dreien tagen nit warten. So wais
ich auch an inen beiden, das sie nit liebers erfaren werden in irer widerkunft,
dann so sie hören werden, das ir beid so vilmal umbeinander gewesen sind. Es
würd auch on zweifel grossen missfallen bringen, so sie das widerspiel erfaren
sollten. Nun hatt doch mein liebster vatter vor langem fürkumen, das ewer keine
auff die gassen gon darff, so sie zu der andren will; dann ir ein gemeine tür
zusammen haben, damit ir einander ware und freundtliche nachbaurschaft mügt
beweisen. Das mich dann nit kleine und schlechte gab von got sein beduncket, wo
er solche freundtliche nachbaurschaft zusamen verfügt. Du aber, hertzliebe
muter, solt nit tun nach meinem begeren, sunder allein solt du tun, was dir
gefalt; dasselbig mir auch gefallen solle.
    Cassandra, demnach sie ein hochverstendige fraw was, wohl abnemen kund, das
die früntschaft irer tochter schon anhub gegen der Lucia zu grunen; sie gedacht
auch bei ir selb, das ir tochter an dem ort war gesagt hett. Darumb sagt sie:
Liebe tochter, dieweil es dir dann also gefallen will, das wir gehn mit Lucien
zu essen, so wöllend wir unser speis, so ich für uns hab bereiten lassen, mit
uns tragen, unsere mägt mit uns füren, damit sie nit hiezwischen etwan ein rumor
anfangen in unserem abwesen. Dann du sichst und hörst auch von andren unsern
guten freunden, wes das gesind yetzund genaigt ist. Sobald herren und frawen aus
dem haus kumen, so fahend sie gleich an zu rosen: keins will dem andren nichts
zu gut auffnemen, ein yedes will sich der maisterschaft underziehen, schelten
und rupffend einander auff. Alles das einem yeden zu wissen ist. Beiweilen treit
sich zu, das sie einander ins har fallen, einander rauffen und schlagen. Ist
dann sach, das sie gar zufriden mit einander, muss herr und fraw aber iren
schaden leiden. Dann sobald das gsind sich sicher vor inen weisst, tragen sie
auff nach der schwere; alsdann muss Lorentz keller sein, da halten sie Gallen-
unnd Martinsnacht. Darumb, liebe tochter, las dirs yetzund auch gsagt sein; wann
du über nacht hausshalten wirst, tu es selb erfaren! Yetzund gang, befilhe den
mägten, die kost hienumb zu tragen! So wend wir gleich gohn, damit Lucia unser
nit warten dürff.
 
                                      38.
   Cassandra und ihr tochter gond zu Lucien, werden gar schon und freundtlich
    empfangen, treiben ob dem nachtmal gar fründtlich gespräch mit einander.
Frölich und wohl zumut was Amelia, als sie von ir muter so guten bescheidt
empfangen het. Sie versorgt eilens alles, das die muter befolhen het zu
beschehen. Demnach gingend sie beide miteinander. Lucia ward irer zukunft
hertzlichen unnd hoch erfrewet. Bald warden die drei zusamen sitzen an ein
besunderen tisch, demnach die speis mit dancksagung genossen; das gesind zusamen
in ein sunder gemach gesetzt, damit sie drei ir gespräch mit einander haben
möchten.
    Als sie nun im besten imbis waren, sagte Cassandra mit lachendem mund: Sag
mir, liebste Lucia, was ist doch die ursach, das du mich also spat zu disem
nachtimbis berüffet hast? Nun sind wir auff dissmal beidsamen witfrawen; dann du
noch in dreien tagen deins Lasarus nit warten darffst. Darumb uns beiden vil bas
gezimen tet, das ein yede in irem haus belib, sorg und angst für iren gemahel
trüg gleich der edlen Römerin Lucretia, damit wir nit geachtet und
gleichgeschätzt würden des Sextus und andren schlamgirigen weibern. - Du sagst
mir ein ding, sprach Lucia, so mir, mein liebste Cassandra, ganz rhaw und
onbewisst ist. Möcht aber, wo dirs nit vertrüsslich were, gern semliche histori
von gedachten weibern vernemen.
    Daruff antwort Cassandra: Ich sag dir, mein liebste Lucia, dass ich dise
histori nit einmal, sunder zum offternmal gelesen hab. Darzu mich dann nit wenig
geursacht hat der nutz und schaden, so daraus erfolgt ist. Zum ersten gibt sie
uns weibern ein sunderlich gute underweisung und lehr, wes wir uns in abwesen
unserer gemaheln halten sollen. Zum anderen strafft sie die künig und fürsten
irer hoffart und tyrannei; dann durch solche geschicht ist zu grundt gangen der
küniglich gewalt und regiment, also das die Römer harnoch keinen künig mehr
gehabt hand. Damit du aber, mein Lucia, einen rechten verstand daraus nemen
magst, will ich dir solche histori, so vil mir müglich zu behalten gewesen, zum
kürtzisten erzalen. Nim war, als der hoffertig Tarquinius, welcher ist gewesen
der sibend und letzt künig zu Rom, die mechtig statt Ardea genant belägert,
begabe sich in solcher belägerung, das die fürnemsten jungen burger aus Rom, so
bei im zu fäld lagen, ein schlam und malzeit bei einander zu halten angeschlagen
hetten. Under denselbigen was auch des künigs Tarquini sun, Sextus genant. Als
sie nun sich satt getruncken hetten, fingen sie an von einem und anderem zu
reden, wie dann der truncknen leut gewonheit ist. Under andren reden aber, so
sie triben, wurden sie irer weiber gedencken, und meint  ein yeder, seine wer
die fürsichtigste und züchtigste. Zum letsten machten sie einen ausschutz und
santen iren drei aus dem leger, die sollten sich gehn Rom verfügen und aller irer
weiber wesen erkundigen. Under disen dreien was einer des künigs sun mit namen
Sextus, wie oben anzeigt; der ander hies Colatinus, ein gemahel Lucretie; der
drit was genant Tarquinius, ein sun Egerii. Als sie nun gehn Rom kumen sind,
haben sie aller deren heuser, so das gewett bestanden, durchgangen, irer weiber
tun und lassen zu erkundigen. Als sie nun kumen sind in das haus Sexti, funden
sie vil der anderen weiber bei ir in grossen freuden, tantzen, singen und
springen. Und in summa da ward nichts underlassen, so zu freuden dienen mocht;
gedachten wenig irer männer, so vor der statt Ardea in grossen geferligkeiten
lagen. Als sie aber in das haus Colatini kamen, funden sie sein weib, die keusch
Lucretia, ein jung und schön weib, under iren mägten sitzen, wollen zausen und
erlesen, in iren täglichen kleidern angeton als eine, so mitleiden und sorg für
iren gemahel getragen. Darumb ir dann der breis billich vor anderen römischen
weibern zugemessen ward. Diss lob und ehr ward ir von allen Römern, so in der
wettung gewesen waren, wohl gegünnet. Aber der schandtlich verreter Sextus,
welcher vormals kurtz vor diser handlung die statt Gabia, über das sie im so wohl
vertrawet, schentlich verraten und übergeben het, der vergunt ir der ehren,
darumb das [das] lob seiner frawen nit gegeben, welche aber keines lobs wirdig
was; dann sie sich nit einer erbaren frawen gemäss gehalten het. Also begab sich
kurtz harnach, das der schalck Colatinum, den gemahel Lucrecie, aussgespürt het,
also das er sich sein ganz und gar sicher wusst. Da kam er spat gegen der nacht
eintzig geritten in das haus Colatini, als wann es ihm zu spat in sein haus zu
reitten were; er suchet an umb herberg. Lucretia in nit anderst achtet dann iren
liebsten unnd besten fründt, empfieng in gar züchtiglich. Dann ir des schalcks
bosheit gar verborgen was; sie wusste auch, das sie irem gemahel kein undienst
daran tun würd. Sie pflag sein mit essen und trincken auff das reihlichest, wie
im dann wohl gezimpt hette als eines künigs sun, wann er auch ein küniglich gemüt
unnd hertz gehabt. Als nun zeit ward, das man zu bet gon solt, nam sie urlop
von im, ging in ir schlaffgemach, aller sorgen und argwons entlediget. Sextus
aber, der Bösewicht, hett ein magt mit grossen schencken und gaben darzubracht,
das sie ihm den weg anzeiget, wie er haimlich in der frawen Lucretia
schlaffkamer kumen möcht. Als sie im nun solchs wilfaret, schlich er ganz
haimlich in der Lucretie kamer. Er schlich haimlichen zu irem bet, fand sie
hart schlaffen, erwecket sie und gabe sich zu erkennen und verstendigt sie
kürtzlich, wes willens und gemüts er gegen ir were. Bald aber die keusch fraw
semlich sein böse  fürnemen verston ward, verachtet sie alle gaben und geschenck,
so er ir bieten ward. Als er aber vil mit ir versuchet und nichts helffen wolt,
hatt er sie lassen greiffen ein scharff schneident schwerdt, ir das leben damit
zu nemen drawen ward. Sie aber ganz steiffer Meinung belib, ir ehr zu bewaren,
auch das schwerdt und den tod verachten war. Da aber der schalck sich vergeblich
arbeiten vermercket, erdacht er einen andren schalckhaftigen bösen list und
sagt: »Wolan, dieweil du dann mir ye nit zu willen werden wilt, so wiss, das ich
dich mit disem meinem schwert ertötten will, desgleichen deinen haussknecht und
euch beidsamen also blutig in ein bet zusamenlegen und dann fürgeben, wie ich
euch so schamlos bei einander funden hab. Alsdann hastu dannocht das schandtlich
gerücht auff dir ligen.« Mit semlichen trawworten erschrackt er die keusch fraw,
das sie im seines willens wilfaren tet. Als nun der morgen kam, sass der
schalck auff und rit wider in das leger. Lucretia ganz bekümert irer ehren
halben uffstund, sich in klägliche und trawrig gewand bekleiden ward, nach irem
gemahel Colatino und nach irem vatter, der hiess Lucretius, schicket. Die kamen
schnel mit zwayen guten fründen. Da funden sie Lucretiam in semlichem jamer und
klagen, das sie gar bei mit ir verzagt weren. Als sie aber in die schandtlich
tat Sexti erzalen ward, da erkannten sie ir unschuldig hertz, begunden sie
früntlich zu trösten. Sie aber sagt: »O Colatine, mein allerfrüntlichster
gemahel, und du, mein hertzliebster vatter, wann ir gleichwol mein unschuld
erkennen und glaubt, so binn ich dannocht nit entschuldigt bei andren Römern
und Römerin, desgleichen andren völckeren. Damit sich aber niemants an mir
ergere oder sich mit mir beschönen mög, will ich mir selb darumb buss geben.«
Damit zog sie ein scharpffs messer, so sie heimlich under irem gewand verborgen
gehabt, und stiess das in angesicht irs gemahels, vatters und guten fründen in
ir keusches hertz. Davon sie dann, als billich, übel erschracken und hertzlich
bekümert warden. Also wurden sie zu rhat, trugen iren toten leib auff den blatz
für die ganzen gemein. Da ward von menigklich ein gross zulauffen. Aber alle,
so diser erbärmklichen und mörderischen geschicht ansichtig, wurden alle über
den künig Tarquinium und seinen sun Sextum in zorn bewegt. Damalen was einer
under der gmein, Junius Brutus genant, denselbigen vormals alle menigklich für
einen toren gehalten. Derselbig stund in mitten under die ganz gemein, furt
ein schwere und grosse klag wider Sextum, des künigs sun, auch wider den künig.
Semlichs lange weil zu erzalen neme; in summa, seiner klag und erzelung, so er
wider den künig und seinen boshaftigen sun getan , ward yederman zufallen.
Schlussen alle porten an der statt zu, und ward gebotten, das man den künig noch
seinen anhang inn die statt nit mer lassen sollte. Also zergieng das regiment der
künig zu Rom allein von diser ursach und schandtlichen tadt wegen, so der
Bösewicht Sextus an der keuschen frawen Lucretia begangen het. Des billich alle
frawen ein exempel nemen sollen und sich hüten, das sie in abwesen irer ehlichen
männer nit einen yeden gast auffnemen und herbergen sollen, damit sie an ehren
nit befleckt noch bemassget werden.
    Lucia mit fleissigen ohren den worten Cassandra zugehört, hatt auch nit
wenig erbermd mit der lang verstorbnen Lucretia. O, sagt sie, mein liebe
Cassandra, du hast mir diss mein hertz mit erzalter hystorien hart verwundet.
Doch hab ich zu allervorderst an dir verstanden, das du vermeinst, wir
vergreiffen uns an dem, das wir in abwesen unser männer zusammen gangend. Hat
wohl ein mainung, ja wann wir solchermassen haushielten, wie die obgemelten
Römerin getan  haben, so andre gespielschaften und, als zu vermuten ist, junge
gesellen zu in berüfft, so mitgetantzt und gesungen haben. So aber schon zu
diser stund unsere beide mann zu haus kummen sollten, würden sie dannocht sunst
kein Gesellschaft bei uns finden, dann eben wie wir sunst täglich pflegen
zamenzugon. So habend wir auch kein sunderlichen kosten angewendet, dann eben
wie wir sunst ein yede mit dem gesind dahaimen zufriden gewesen were.
    Darauff sagt Cassandra: Ich hab dannocht, mein Lucia, noch nit von dir
verstanden, was doch für ein ursach hab, das du mich und mein tochter zu disem
nachtimbis berufft hast. - Du solt auch nit alle ding wissen, sprach Lucia, aber
dir ist zu rhaten unverbotten.
    Wolan so will ich rhaten, du aber must nit leugnen, so ichs triff. Du hast
gewisslichen ein Botschaft (check capitalization) von deinem sun Lasaro an mein tochter Amelia zu
werben gehabt, ir dieselbig geantwurt, und dieweil es eben umb den nachtimbis
gewesen ist, hast du dannocht dein ehrwort müssen tun. Da ist mein tochter
willig gewesen; das hab ich gar wohl an ir gemerckt. Dann sie mich in allen iren
tagen so hoch umb kein ding ermanen tet.
    Lucia mit lachendem mund die sach versprach; dann sie der junckfrawen
angesicht ganz schamrot vermerckt hatt. Damit sie ir aber stewret, sagt sie: O
Cassandra, mit deiner räterschen unnd raten wirstu wenig gewinnen. Du hast naher
Brabant schiessen wöllen, und ist dein pfeil in Engeland gefaren. Damit du aber
wissest, was unser geschefft gewesen sind, will ich dich des grüntlich
underrichten. Wir sind [von] unsers nachbauren tochter, so newlich aus dem
closter kumen ist, zu red worden, wie sich die newlich in die ehe verpflicht;
dann sie noch nit profes getan , derhalben sie des wohl macht gehabt. Nu aber
meint  dein tochter Amelia, wann dirs und irem vatter so anmütig wer als ir, so
möcht sie wohl in ein closter gon. Auff das hab ich ir ein büchlin fürgelegt,
welches Erasmus von Rotterdam, ein hochgelerter man, hatt lassen aussgon, und ist
desselbigen tittel »Virgo misogamos«, ist sovil als ein junckfraw, so ein
verdruss hatt im ehestand. Nach disem büchlin oder gespräch volget ein anders
»Virgo, poenitens«, in welchem das closterleben uff das gründtlichest anzeigt
wirt. Sobald sie dasselb gelesen, hatt sie dem closterleben ganz abgesagt. Als
sie aber wider von mir hatt schaiden wöllen, bat ich sie, dich zu beruffen und
diss schlecht nachtmälin mit mir zu essen, dieweil ich waiss, das du, mein liebe
Cassandra, nit uff grosse schleck noch kostliche speis achtest, sunder dich an
hausmanskost gern lassest benügen.
    Daruff sagt Cassandra: Lucia, wie du sagst, also ist im entlichen. Du solt
mir auch glauben, das ich nimmer bas tractiert würd, dann wann unsere männer
anhaimisch sind und wir also unser geköcht und häfelin zusamentragen. Dann ich
von jungem auff darzu gewähnt binn worden, als ich noch an meines vatters tisch
gessen hab, das ich mich an der ersten und andren tracht hab sättigen lassen,
auff pasteten und ander ding nie fast achtung gehabt. Das ist auch die recht
Meinung, wann gute nachbaurschaft zusamen gehn wöllen, das keiner den andren zu
kosten bring.
    Diser und dergleichen gespräch hetten beide weiber mit einander, biss das
sie yetz zeit beduncket zu schaiden. Da nam Cassandra und Amelia urlop von
Lucien, giengen zu haus und legten sich zu bet nider, schlieffen die nacht mit
rhuen.
 
                                      39.
   Wie es Lasaro und Reicharten auff dem meer ergangen ist, auch wie sie gehn
                             Antdorff ankumen sind.
Jetzund wöllend wir ein zeitlang Cassandra und Lucia lassen ir zeit bei einander
vertreiben unnd wöllend sagen, wie es Reicharten und Lasaro dem jungen gangen.
Der gut jung Lasarus was in grossem unmut; so was ihm auch ungewon auff dem
wütenden meer zu faren, das war auch sein erste ausfart. Ihm ward auch die
müterlich kuchen nit nachvolgen. Dise und andere mehr zufallende ursachen
machten den guten jungen dermassen so kranck und schwach, das Reichart
seinetalben in grossen sorgen stund.
    Es war von ungeschicht ein hochgelerter alter man, ein doctor, uff dem
schiff. Zu dem tet sich Reichart und tet in uffs fründtlichst bitten, wo im
müglich wer, das er den knaben zu krefften unnd gesundteit bringen möchte, solt
er kein müh an im sparen; im solt seiner müh und arbeit ehrlich und wohl gelonet
werden. Der doctor was ein geborner Engellender, wonet aber zu Antdorff und was
allein darumb zu Lisabona gewesen, das er materialia einkaufft het; dann er ein
eigne apoteck zu Antdorff hielte. Er was von natur ein früntlicher und gütiger
man, den leuten geneigt zu dienen. Bald füget er sich zu dem jüngling, begriff
im seinen puls und besah im seinen harn; da befand er, das im gar nichts von
sorglicher kranckheit gebrechen tet, dann das er sein hertz mit zu vil
melancolei und unmut beschwären tet. Diss zeigt der gemelt doctor Reicharten
an, sagt im dabei, wo der jüngling nit von solchem unmut abliess, were zu
besorgen, das ein schwerers daraus volgen würd und dörfft semlichs zufals umb
sein leben kumen.
    Als Reichart diser ding bericht empfieng, fügt er sich zu Lasaro, strafft in
mit guten früntlichen worten, bat in sein unmut hinzulegen, dann im wer
fürnemlich zu bedencken, was kummers und unrhu er seinen älteren zufügen und
stifften würd, wo er also an der fremde und sunderlich uff dem meer sterben
solt, dieweil er ein einiger sun seiner ältern were. Er solt im solchen unmut
nemen; wann er über ein [jar] in Brabant nit bleiben möcht, wolt er in wider mit
im in Portugal füren. Durch dise früntliche wort und zusprechen ist Lasarus
gleich als vom todt erquickt worden, hat wider angefangen essen und mit andren
jungen, so auff dem schiff waren, leichtsinnig zu sein.
    In kurtzen tagen aber sind sie zu Antdorff ankumen. Da hat man zuvor und ehe
alle stück büchsen, so auff dem schiff gewesen sind, abgeschossen und vil
zeichen der frölichen ankunft sehen lassen. Nit minder sind sie auch von den
Brabendern empfangen worden mit grossem jubilieren und frolocken. Als sie aber
nun ab dem schiff gangen sind und in die statt Antdorff kumen, Lasarus yetz die
grossen und zierlichen schönen gebew ansichtig worden ist, deren er in Portugal
keinen gesehen, hat er im die statt über die mas wohl gefallen lassen. Des dann
Richardus sunderlich wahrgenumen hat, gedacht in im selb, jetzund würt der
sachen wohl rhat zu finden sein.
    Richart hat gute kuntschaft zu Antdorff gewisst, ist in die best herberg
gangen, den wirt umb die herberg angesprochen. Der aber hat in vor langem erkant
und derhalben früntlich empfangen. Als es nun umb den nachtimbis worden, sind
sehr vil kaufleut von der bursch kumen, so dann alsampt herberg bei gemeltem
wirt gehabt. Under disen was ein junger Portugaleser, dem Lasaro sehr wohl
bekant. Sobald er den Lasarum ersehen, hat es in grösslich erfrewet; dann sie zu
Lisabona schulgesellen mit einander gewesen waren. Sie sprachen einander
früntlich an; der jung hies mit namen Ferdinandus und was eines sehr waidlichen
geschlechts zu Lisabona. Es hett in sein vatter gehn Antdorff getan , das er im
factorieren solt, welchs dann Ferdinandus gar dapffer und wohl ausrichtet. Also
sassen sie zusamen über tisch, wurden herrlichen und wohl tractiert. Lasarus yetz
wider erquickt war; dieweil er einen gesellen gefunden het, lies er im die sach
nit mehr so schwer anligen als vormals.
    Als nun der nachtimbis mit grossen freuden geendet was, begert yederman an
sein rhu, insunderheit diejenigen, so ab dem schiff kumen waren; die ward nach
gutem gemach belangen, dieweil sie nit vil rhu auff dem schiff gehabt hetten.
Sie vertriben die nacht mit süssem schlaff. Das macht, das sie lang auff dem
meer gefaren und wenig rhu gehabt hetten.
 
                                      40.
   Morgens an einem sonnentag Ferdinandus und Lasarus miteinander spazieren
      giengen; Ferdinandus den Lasarum trewlichen warnet vor zweien jungen
             Portugalesern, der ein Lorentz, der ander Veit genant.
Als nun die finster nacht vergangen, der göttin Palladi oder Minerve nachtfogel
sich verschloffen und verborgen het, dargegen die süssingend fraw nachtigal den
liechtscheinenden tag mit süssem gesang verkünden ward, sind die zwen guten
jungen schlemmer, so einander lang nit gesehen hetten, auffgestanden, sich
schnel anton, mit einander spazieren gangen. Ferdinandus aber zuvor von
Richarten underrichtet worden was, in welcher mass er mit Lasaro sein red und
gespräch füren solt, damit er in lustig machet, in Brabant zu bleiben.
Ferdinandus, der yetz lang zeit zu Antdorff gewondt, aller lustigen ort der
statt kündig was, nam Lasarum zu sich, furt den allentalben in der statt umbher
in alle kirchen, auff das wasser, desgleichen an die schiessrain und
zunfteuser, und wo er etwas lustiges wusst, da must er mit im hingon. Davon
Lasarus ein lust und begird gewan, ein zeitlang an dem ort zu wonen.
    Als nun Ferdinandus seinen willen verstund, hatt er warnungsweiss auff
volgende Meinung mit im angefangen zu reden: Mein liebster Lasare, dieweil dein
hertzliebster vatter, der dich sunder allen zweifel ob allem weltlichen schatz
liebt, har inn Brabant geschicket, fremde sprachen und sitten zu lernen, hatt
er dich ungezweifelt mit worten underrichtet, wes du dich gegen menigklich zu
halten habest, damit du von yederman lieb und wert gehalten werdest. Nun kann ich
aber dannocht nit lassen dich vor geferlichem schaden zu verwaren, darein du von
ungefell fallen möchtest. Du solt wissen, das noch andre Portugaleser aus
Lisabona in diser statt Antorff sind und derselbigen nit wenig, aber fürnemlich
zwen verlotterter böser buben, einer Lorentz genant, der ander Veit. Dieselbigen
zwen lecker auff alle bubenstuck gar scharpff abgericht sind. Wann sie erfaren,
das ein junger aus Lisabona har gon Antdorff kumpt, besunder wo sie wissen, das
einer gelt underhanden hat, gesellen sie sich gleich zu im, (dann also ist mir
mit ihn begegnet) gend im gute wort, streichen im den falben hengst auffs
früntlichest, bis sie einem hinder, sein gelt kumen und er das sein mit in ohn
worden ist. Alsdann tund sie, als wer er nie mit in in kuntschaft kumen. Das
wöllest dir ein gute warnung lassen sein, dich ir beider, so vil dir yemer
müglich sein mag, entschlagen. Du wirst yetzund an ein weidlichen dienst kumen,
in welchem vil zu versehen ist, silber, gold und edelgestein täglich um die weg
ligt. So werden sie erstlich, wann sie deine herberg erfaren hand, dich
täglichen überlauffen wöllen, heimsuchen und ansprechen. Daran aber, weis ich,
deine herren und frawen klein gefallens haben werden. Dann ich sag dir, das dise
zwen jungen fast übel beschrait sind in ganzer statt Antdorff. Darzu ir yeder
auff dissmal schon den dritten herren hat, welches einem jungen allhie gar
nachteilig ist, wo einer in einem jar mehr dann einem herrn dienet. Solten sie
dann also Gesellschaft zu dir suchen und in gewonheit kumen in deines herren
haus zu gon, möcht etwas kleins oder grosses von inen entwert werden. Was würd
dir semlichs für nachtail bringen? Ja mer, dann du ymmer erachten und gedencken
magst. Und ob gleichwol dein herr keinen argwon uff dich gedencken, wirt er
dannocht allzeit in sorgen ston, du möchtest durch solche böse buben verfürt
werden, wirt derhalben dester mehr uffsehens gegen dir haben. Das wirt dich dann
schmertzlich bekümmern, wo anderst du, als ich mein, ein erbar uffrecht gemüt
und hertz in dir hast. Du woltest dann deinen lieben älteren ein semlichs gern
für ire ohren kumen lassen, so wirst du disen meinen worten nit wenig
nachgedenckens haben und darbei, wo du fein seuberlich hinach fragen wirst, dise
ding selb erfaren und innen werden.
    Auff dise wort saget Lasarus: O Ferdinande, wie kann ich dir diser deiner
getrewen warnung gnugsam vergelten! Ich mus dir bekennen, das mir mein vatter,
vor und ehe dann ich von im geschaiden bin, einen vätterlichen underricht geben
hat, mir aber nit also mit fingern daruff gedeutet, damit ich aigentlich die
personen, vor denen ich mich zu hüten hab, erkennen mag. Ich sag dir bei meinem
guten glauben, wann sichs begeben het, das mich diser buben einer für ein
lantzman angesprochen, het ich im mein Gesellschaft nit abgeschlagen; dann mir
ir hantierung verborgen gewesen ist.
    Daruff antwurt Ferdinandus: Du solt dich darumb nit, o Lasare, aller guten
gesellen und landsleut entschlagen, dieweil unser noch gar vil sind, die sollich
böse  geschrei nit haben, uns auch keins wegs darnach halten. Zu denselbigen solt
du dich gesellen, so wirst du gewiss nichts unrechts noch übels tun. Du solt on
mangel sein ehrlicher und guter Gesellschaft, so wirst du auch auff ein tag mehr
kurtzweil und fröligkeit sehen, dann zu Lisabona in einem monat.
    Diser und derengleichen reden habend die zwen jüngling vil miteinander
getriben und also nicht destweniger spazieren gangen, die statt, so vil in
müglich gewesen, beschawet.
 
                                      41.
Reichardus ladet den herren zu gast, zu welchem er den jüngling verdingen wolt,
 gibt ihm auch alle schwebende sach zwischen dem jüngling und seiner tochter zu
                                    verston.
Innertalb diser zeit, als die beiden jüngling spazieren gangen waren, hat sich
Reichart zu Francisco, dem reichen goldschmidt, verfüget, in freundtlich
angesprochen; bald habend sie die alt kundschaft ernewert. Reichart hatt in
fleissig gebetten, uff den imbis sein gast in der herberg zu sein. Des ihm
Franciscus gern zu willen worden ist, yedoch mit dem geding das er auff den
abend bei im zu gast in seinem haus sein wolt; er solt auch mit im bringen, wer
im lieb were. Also wurden sie entlich der sachen zufriden, giengend mit einander
zur herberg.
    Underwegen aber fieng Reichardus an mit Francisco zu sprachen von wegen des
jünglings und sagt: Francisce, mein lieber vertrawter fründ, die langwirig und
gut Gesellschaft, so wir lang zusamen gehabt und noch haben wöllen, ist nit von
nöten fast zu melden; dann wir zu baiden teilen deren gnugsam erfaren sind. Nun
hab ich uff das güt verdrawen, so ich zu euch hab, einen schönen unnd
wolerzognen jüngling mit mir herbracht, so zum teil etwas uff der goldarbeit
erfaren ist, zudem ein ganz gehorsamer jüngling, wie du dann selb an im erfaren
solt. Sein vatter ist mir nit anderst, dann wer er mein bruder; so stond unser
heuser zu rhür an einander, also das wir aus unsern heusern türen zusammen
gebrochen haben, damit wir alle stund bei einander sein mögend. Es habend auch
unsere weiber nit minder liebe zusamen dann wir; wo eine kranck würt, so hat die
ander gar wenig rhu, sie sei dann stetigs bei ir. Demselbigen jüngling hab ich
mein liebste unnd einige tochter versprochen zu rechter ehe. Damit er aber in
der hispanischen und italianischen sprach erfaren werd, hat seinem vatter und
mir gefallen, ihn in Brabant ein zeitlang zu erhalten. Dieweil wir aber den
jüngling gern nach dem basten versehen wollten, habe ich im kein besseren herren
in Antdorff wissen zu bekumen dann eben dich, meinen lieben und guten fründ.
Darumb ist mein dienstlich bitt und begeren, wöllest mich alter guter
freundschaft geniessen lassen und mich diser meiner bitt geweren. Forder für
den kosten, was du nur wilt, allein das ich den jüngling waiss versorgt sein!
    Daruff antwurt Franciscus: O Reicharde, mein alter guter bruder und freundt,
die schiffart, so du har getan , wohl erspart hettest; so du dem jüngling nur ein
kleine geschrifft an mich geben, wolt ich dir gleich sowol inn solchem fal zu
willen worden sein, den jüngling als meinen eigenen sun auffgenumen haben.
Fürwar mich belanget den jüngling zu sehen. Reichardus spricht: Jetzund gond wir
inn die herberg, da werden wir in gewisslich finden.
    Also sind sie in die herberg gangen, da hand sie Lasarum und Ferdinandum
funden in früntlichem gesprech bei einander sitzen, von alter kundschaft, so
sie in ihr jugent, als sie noch kinder gewesen, mit einander gehabt, reden.
Alsbald aber sie die beiden herren kumen sahen, sind sie auffgestanden, ire
paret abgezogen und sie mit züchtiger reverentz empfangen. Reichardus sagt:
Lasare, mein lieber sun und fründ, hie magstu sehen den herren, zu welchem ich
dich ein zeitlang verschaffet hat, so es dir anderst wolgelegen sein will in
Brabant zu bleiben. Wo aber dein gefallen wer wider inn Portugal zu schiffen,
wöllend wir aber weg finden, wie der sach zu tun sei.
    Lasarus, wiewol er lieber gewölt hett in Portugal zu faren, zog ihn doch die
scham so fast hinder sich, das er sagt: Ach mein herr und vatter, was würden
meine ältern sagen, wann ich so unverschampt wider haim kumen solt, dieweil ich
mich euch allen gar bewilliget hab nach ewerem gefallen zu leben! Was für ein
spötlich geschrei würd über mich gehn in ganzer statt Lisabona, wann ich also
gesunds leibs on alle erlitne nodt wider zu haus kem! Das soll ferr von mir sein.
Viel ehe wolt ich ein jar lenger hie bleiben, dann mir das ziel erstreckt ist.
Ich hoff einen guten herren zu haben, bei welchem ich etwas erkunden und erfaren
mag. Sodann will ich im auch erlichen und trewen dienst beweisen; darzu soll mir
got, mein schöpffer, hilflich sein. Also geantwurt liess Lasarus sein red
bleiben.
    Was grossen wolgefallens Richart ab der antwurt des jünglings empfieng, nit
gnugsam beschriben werden mag. Franciscus, der reich goldschmidt, nam auch die
antwurt des jünglings mit freuden an unnd gedacht: Diser jüngling hat nit ein
geringen verstandt inn ihm.
    In dem waren jetzund die taflen berait, und sasse yederman und mit grosser
stille und andacht dem allmechtigen gott lob und danck gesagt unnd mit zucht die
speis und dranck genossen. Ob dem essen wurden mancherhand reden getriben von
kauffmanschaft und ander gattung, davon nit von nöten zu schreiben ist. Nachdem
nun der imbis vollendet ward, sind sie mit freuden auffgestanden, ein yeder
seinen geschefften nachgegangen. Franciscus, der reich goldschmidt, als ein
weltweiser mann hett ob dem imbis gar eben wargenumen, das Lasarus mit dem
Ferdinando schon in kundschaft kummen gewesen, hatt sich des ganz hertzlichen
erfrewet, dieweil er wohl abnemen und verston kundt, das Ferdinand ein gar hohen
verstand hette; zudem was er auch von den andren kaufleuten seines tuns bericht
worden, darumb er dann fast wohl sehen mocht, das Lasarus sich zu ihm gesellet.
 
                                      42.
Wie Reichardus mit dem Francisco zu haus gangen, im den Lasarum uffs fleissigest
                                 bevelhen tut.
Als nun menigklich seinem geschefft nachgangen, Ferdinandus nach gewonheit der
factoren auch auff bursch gezogen ist, auff das er seinem herren nichts
versaumet. Franciscus den Reichardum sampt dem jüngling mit im haim zu haus
füret; da wurden sie von newen dingen von des goldschmidts weib fründtlichen
empfangen.
    Reichardus, als er nun vermercket, das Lasarus ein guten willen het zu
bleiben, auch nicht wissen mocht, wann im ein schiff, so in Portugal schiffen
würd, an die hand stiess, hatt er im fürgenumen, ein entlichen abscheidt mit
Lasaro und Francisco zu machen. Derhalben fieng er an uff nachgonde Meinung zu
reden: Lasare, mein lieber eiden, (dann also solt du yetzund von mir genant und
gehalten sein, so lang mir und dir got das leben gunnen tut) du waist, was mein
und deines vatters begeren zu Lisabona an dich gewesen ist, namlich das du ein
zeitlang alhie zu Antdorff dich erhalten solt etlicher sprach halben, als
namlich frantzösisch und spanisch zu lernen. Damit aber du inn solcher zeit
deines handtwercks nit in vergess kummest, hatt uns für gut angesehen, dich zu
einem herren zu verdingen, bei welchem du im brauch und practick bleiben magst.
Denselbigen habend wir nach allem unserem wunsch unnd willen überkumen; binn
auch sunder zweifel, du werdest dich früntlich, wohl und ehrlich bei im erhalten
werden, so du anderst, als mir nit zweiflet, seines willens und guten rhat
volgest. Darumb, mein Lasare, so sichs heut oder morgens zutrüg, das ich von
land schiffen würd, wöllest du diser meiner red, so ich yetzund und vormals mit
dir geredt hab, ingedenck sein, darneben deines liebsten vatters lehr nit
vergessen. So magstu, wo dir gott dein leben erstrecken wirt, noch zu grossen
ehren und reichtum kumen.
    Auff dise wort antwurt Lasarus gar sanftmütigklich und sagt: Mein
hertzlieber vatter, deren red, so ir und mein liebster vatter mit mir getan ,
würd ich in ewigkeit, solang sich dann mein leben erstrecken wirt, nimermer
vergessen noch dieselbigen aus meinem hertzen kumen lassen, in welchs ichs mit
allem fleis verzaichnet hab. Zum andren will ich mich in aller lernung dermassen
fleissen und üben, es sei gleich auff dem handtwerck oder in übung der sprachen,
das mir in jarsfrist gar nichts manglen soll, damit ich in kurtzer zeit wider
gehn Lisabona schiffen mag. Der bösen Gesellschaft halben bedörffend ir gar
keinen mangel noch sorg umb mich haben; ich will mich deren wohl entschlagen
künden. Zudem hoff ich mich gegen herren und frawen, dessgleich gegen dem gesind
so früntlich zu halten, das sie mir alles guten verjehen sollen. Also empfalh
Lasarus dem Reichardo, seinem vatter und muter anzuzeigen, wes willens und
Meinung er were, bat im auch die uffs früntlichest zu grüssen und innsunderheit
sein liebste junckfraw Amelia.
    Reichardus sagt im zu, die sach also auszurichten, wie er im befolhen, in
darbei ernstlich bittende, seinem fürnemen nachzufaren, damit er bald wider in
Portugal kummen möcht. Demnach befalhe er in Francisco, dem goldschmidt, auffs
trewlichest, im das früntlichst und best zu tun und im gar niendert an mangel
zu lassen, so ihm an kleidung, gelt oder ander notdurfft abgienge, widerumb
damit zu versehen.
    Wie er nun also mit dem Francisco red, so kumpt Lasarus, zeigt an, wie ein
schiff vorhanden sei, so den mornigen tag in Portugal faren wölt. Des dann
Reicha dus wohl zu mut was, fügt sich eilends an das port, kam zu dem patronen,
verdinget sich auff das schiff sampt anderer wahr, so er zu Antdorff kaufft
hett. Demnach sind sie wider in Franciscus haus gangen.
    Da was ein gut mal bereit, und hett Franciscus auch andre seine guten fründ
geladen, desgleichen auch den Ferdinandum. Sind also fründtlich zamen gesessen,
den nachtimbis mit freuden und kurtzweiligem gespräch volbracht, demnach vom
tisch auffgestanden, in einen lustigen garten spazieren gangen, darin ein schön
summerhaus gewesen ist. Franciscus weib einen kostlichen schlaffdrunck zurüstet,
vil und mancherlei confect und latwergen dar stalt. Also an dem guten und külen
lufft bei einander sitzen bliben, biss yetzund der himmel von den glantzenden
sternen zwitzert. Der mon auch mit hellem schein die ganz erd durchleuchtet,
und der nachtawer die nacht mit seiner ungehewren stimm verkünden ward.
    Es hette auch schon des schlaffs gott die seltzamen und vermischten trewm
ausgesant, einen yeden an sein sunder end verordnet. Diser gott des schlaffs
ligt in Cimmeria in einem nüblingen und finsteren hol, darin kein tag sunn noch
mon nimmer scheinet. Da hört man die nachtgal nit den tag verkünden; des hanen
flattern mit seinen flüglen wirt auch nit gehört, sein kreien und laut
verkündung des tags ist nie da erhört worden; keines hundes bellen, des stiers
brülen erschal nie in disem hol; für und für ist ganz stille zeit darin, damit
der gott seinen schlaaff mit rhuen haben mag.
    Als sich nun die trewm under die ehrlich Gesellschaft gemischet, fieng sie
an der schlaaff heftig in iren augen zu schmirtzen, also das sie allgemeinlich
der rhu begeren warden. Also ein yeder, nach dem billich was, zu bet gewisen;
bald umbgabe sie ein sanfter schlaff. Vertriben also die nacht in stiller rhu
und mit süssem schlaff.
 
                                      43.
    Wie Morpheus, der fürnemst under den trewmen, dem jüngling inn der nacht
 fürkumpt in aller gestalt und form, als wann es Amelia, die junckfraw gewesen
                                     were.
Es ist einer under vil hundert tausent trewmen, so umb den gott des schlaffs
wonen, der allerlistigest, genant Morpheus, welcher sich inn eines yeden
menschen bild verwandlen kann so ganz gleich und änlich, das kein underscheid
nit mag gemerckt werden. Und obgleich ein mensch vor vil jaren mit tod abgangen,
so kann doch diser Morpheus sein gestalt, so er bei seinem leben gehabt, wider
erzeigen, als wann der noch in leib und leben wer. Diser Morpheus nam an sich
die gestalt der trawrigen Amelien, und als Lasarus der jüngling entschlaffen
was, kam er im also in trawriger gestalt für, gebar ganz kläglichen und sagt: O
Lasare, wie hastu mein so gar vergessen, wie bald hastu mich von hertzen
geschlagen! Du hast mich in grossem trawren bei meinem vatter und muter
verlassen; du aber bedenckst ein solches gar wenig. Dir manglet an keiner
kurtzweil noch freuden; dargegen aber bin ich mit grossem laid umbfangen.
Yetzund wunderet mich gar nicht mehr, das du also von mir hinweggeschaiden bist
sunder alles urlop. Wolan, ich mus dirs nachgeben. Biss frölich! Ich far dahin.
Diss geredt, hat sich Morpheus gleich von dannen gemacht und seine flügel an
seine füs gebunden, wider in Cimmeria geflogen, da er den schlaff mit vil der
umbstenden trewm funden hat.
    Lasarus von disem gesicht und trawm erwachet, umb sich greifen ward,
vermeinend sein Amelia noch zugegen sein. Als er sich aber befand durch einen
trawm betrogen sein, warde er sein ungefell heftig klagen und sagt: O du
unseliger und betrüglicher Morphee, durch was hab ich doch umb dich verschuldet,
das du mir ein solch falsch und unwarhaftig gesicht in meinem schlaaff
fürbringest! Ich sorge, du betrüglicher Morphee, du werdest dich gleicher
gestalt bei meiner liebsten junckfrawen Amelia geübt haben, damit du sie auch
gleich wie mich in angstbarkeit und trawren setzest, mich auch also verdächtlich
gegen ir machest, als ob ich ir schon vergessen hätte. O du mein liebste
junckfraw, möcht es müglich sein, das du aus dem künigreich Portugal in Brabant
sehen, mir auch in mein hertz hinein schawen, sicher würdest du mir keines argen
nimermehr vertrawen und mich ye mehr als einen waren, rechten und getrewen
liebhaber erkennen. Mit disen und derengleichen worten Lasarus die übrig zeit
der nacht on allen schlaff zu end bracht, biss des morgens der pfaw mit seinem
haiseren geschrei den tag verkünden ward.
    Reichhardus von seiner rhu uffstund, damit er sich des schiffs nit
versaumet. Lasarus auch aus seiner schlaffkamer kam; wunschten einander einen
säligen morgen. Reichhardus der trawrigen gestalt des jünglings bald warnam,
mocht aber die ursach gar nit wissen, dieweil Lasarus des abents so guter ding
gewesen was. Reichardus fieng an den jüngling auffs früntlichst zu fragen, was
doch die ursach seines trawrens wer. Der jüngling im aber des kein wort endecken
wolt; damit er aber auff sein frag antwurten möcht, sagt er: O mein
allerliebster vatter, ir solt meines trawrens nit wunder haben, dieweil ir heut
von mir scheiden und uff das wütend meer euch begeben werdt, ich aber nit würd
wissen mügen, wie es umb euch ein gestalt hab, welches allein meines trawrens
die scheinbarst und gröst ursach ist.
    Von diser red ward Richart ganz gesettiget, vermeint auch nit anderst,
dann Lasarus nem im semlichen unmut von wegen seines abscheidts, tröst in
darauff, so best er mocht. Sind demnach mit einander an das port zu dem schiff
gangen und ein entlichen beschaid bei dem schiffmann geholt, auff welche stund
er von land säglen wolt. Also ward im die stund auff mittentag bestimmet, so
würd alle alle wahr sampt den kaufleuten fertig sein und das schiff von land
stossen.
    Bald Reichardus das vernumen, hat er ein gut mal in seiner herberg bereiten
lassen, den Franciscum, sein weib und gesellen sampt dem Ferdinando darzu
beruffen und sich also früntlich mit inen abgeletzet, das mal mit fründtlichem
gespräch bis zum end vertriben, biss die zeit kumen, das man sich zu schiff
schicken solt. Da hat Reichardus urlaub von seinem wirdt genumen, in tugentlich
abbezalet, sich fründtlich mit dem haussgesind geletzet und demnach zu dem schiff
gangen. Sie allsamen habend in fründtlich belaitet biss zu dem schiff. Und als
sie einander auffs früntlichst genadet haben, ist Reichart zu schiff gangen.
Bald hat der patron des schiffs die sägel auffgespant und mit gutem glücklichem
wind von land gefaren, in kurtzen tagen das künigreich Portugal erraichet. Da
ist ein gross jubilieren und frolocken gewesen von denjenigen, so kostliche
wahren auff dem schiff gehabt, auch von denen, so ire fründ wider zu land kumen
sind, wie dann solches wohl zu vermuten ist.
 
                                      44.
     Wie sich Lasarus so underdienstbar bei seinem herren gehalten unnd wie
               freündtlich er sich gegen dem gesind gehalten hab.
Lasarus, von art nnd natur ein verstandener jüngling, übernam sich seiner kunst
noch reichtum gar nichts. Er was gegen menigklich fründtlich, grusbar und ganz
gütiger milter wort; under dem gesind richtet er keinen zanck an, sonder befliss
sich yeder zeit friden zu machen. Er was nit geneigt, wie man yetz der jungen
vil findt, die nur gern har uff har machend, und wo sie etwas von den gesellen
hören, tragen sie das den meistern zu ohren. So dann ein meister oder herr
etwann auch sein pfenwert darzu sagt, mags den gesellen nit verschwigen bleiben;
daraus dann nichts dann grosser hader und zanck erwachset; würt oft aus einem
kleinen fewrlin ein grosse brunst. Dise ding zieren einen jungen gar übel,
wiewol darneben ein yeder junger oder gesell von rechts wegen schuldig ist, wann
er seines herren oder meisters schaden sicht, denselbigen zu wenden, so weit im
müglich ist. Desselbigen dann Lasarus ganz wohl geneigt was. Er übernam sich
auch seiner kunst und arbeit gar nichts gegen den gesellen; wann schon etwann
ein alter gesell minder arbeiten kunt dann er, so was dannocht sein ehrerbietung
gegen demselbigen von wegen seines alters nicht dest weniger.
    An einem yeden feirtag zu morgen was er alwegen der erst auff, seubert und
butzet seinem herren die schuch, demnach auch den gesellen, so im an älte
vorzugen. Darnach schicket er sich zu der kirchen, batt gott den almechtigen umb
seine milte gnad und güte, das er ihm den heiligen geist mitteilen wolt, damit
er sein handwerck und die sprachen, welcher er sich understanden hett,
gnugsamlichen ergreiffen und lernen möcht. Alsbald er sein gebett follendet,
fügte er sich wider in seins herren haus, sich mit andren goltschmidtgesellen,
so sein herr hett, auff künstlichen stucken fleissig übet deren auch keiner
nichts vor im verbergen noch heimlich halten was. Das bracht er alles mit seiner
underdienstbarkeit zuwegen. Auff die wercktag befliss er sich sonderlich, das er
des morgens frü zur schulen ging, so er zuvor gott umb seine milte gnad gebetten
het, das er im seinen heiligen geist mitteilen wolt.
    Sein emsigkeit und grosser fleiss brachten in in gar kurtzer zeit dahin, das
er allen andren jünglingen seines alters weit an dem fleiss und an der lehr
vorgienge. Derhalben er dann von etlichen tollköpffen gehasst, aber von
denjenigen, so auch fleissig und verstanden waren, in allen ehren gehalten; wie
dann semlichs bei aller welt in gemeinem brauch ist, das die eselsköpff keinen
künster umb sich leiden mügen, sie müssen fantasten, schwindelköpff, wintmüller
und derengleichen seltzame namen haben, so doch dieselbige schmerschneider nit
einer moren zwagen künden. Ob sie schon zu zeiten viel gut haben, so ist es
gewisslich von iren älteren erkündiget und erspart, oder aber müssend sich mit
des armen Judas hanttierung behelffen, die armen leut schinden und schaben, das
marck aus den beinen schmeltzen. Sunst, wo sie sich mit ir handarbeit neren
sollten, müsten sie bettlen gon. Kumpt auch wohl zu zeiten darzu, das sie aus dem
gewalt gottes durch fewrsnodt oder kriegsleuff umb hab und gut kumen; alsdann
tet erst wohl, wann sie etwan ein künstlich handwerck gelernt hetten, damit
möchten sie die leibsnarung wohl bekumen.
    Eins mus ich hier zusetzen, wie etwan die künstlichen hantwercker ein
uffentalt unnd fristung irs lebens durch ir kunst bekummen haben. Ich hab selb
von einem waidlichen und fürnemen edelman gehört, welcher durch die Türcken mit
vilen andren Christen gefangen worden. Hatt sich von ungeschicht begeben, das im
ein schreibtäfelin zugestanden, in welchem manches edelmans wappen verzeichnet
gewesen. Als man nun angefangen die Christen zu blündern, auszuziehen und zu
seblen, haben die Türcken obgemelte schreibtafel bei im funden und nit anderst
vermeint, dann er sei seiner handt ein maler, habend in von stund an nebent sich
gefürt und einem grossen herren überantwurt. Die andren Christen alle haben
müssen har lassen und also erbärmklich umb ir leben kumen. Dise schreibtafel ist
disem edelman bass kumen, dann het er einen sack mit talern bei im gehabt.
 
                                      45.
    Wie Lasarus bei seinem herren verdacht ward und aber sein unschuld durch
                            Ferdinandum an tag kam.
Ir habend oben gehört, wie Ferdinandus, auch ein portugalesischer jüngling, den
Lasarum in allen trewen warnet vor den beiden beiden yssvöglen, als namlich dem
Lorentzen und Veiten, also das er sich ir beider, so weit im müglich wer,
entschlagen solt. Des im dann Lasarus auch gern het gefolgt, kam solcher guten
getrewen warnung lang zeit nach. Es haben sich aber gedachte zwen lottersbuben
an sein abscheuhen gar nit keren wöllen, sunder im als ye mehr nachgeeilet, wie
sie in in ir Gesellschaft bringen möchten, dieweil sie wohl bedaucht, das in
seins herren haus gut mausen und vogel aussnemen wer. Sie kamen auch offtermal
unverschampt in seines herrn haus, nach im zu fragen. Sein herr, der umb ire
bubenstuck kein wissen trug, mocht sie fast wohl leiden. Wann sich dann Lasarus
so unfrüntlich gegen in stalt, ward es den guten herren verdriessen, strafft den
Lasarum mit fründtlichen worten und sagt: Mein Lasare, wie magstu doch in deinem
hertzen haben, dise zwen deine landtsleut also unfründtlich anzusprechen? Ich
vermeint, es solt dir ein sundre freud sein, wann sie dich haimsuchten und
deiner Gesellschaft begerten. Zudem beger ich dir auch nit abzustricken, das du
gute ehrliche jungen mit dir zu haus bringest, freud und kurtzweil mit in
habest.
    Lasarus hett seinen herren wohl verstanden, kundt an seinen worten wohl
abnemmen, das er diser buben begangenschaft nit wusst. So wolt er ihn auch kein
böse  geschray machen gegen seinem herren, dieweil er von ir keinem nichts args
wusst dann eben das, so er von Ferdinando gehört het; darumb liess er die sach
recht also hingon. Wann nach derselbigen zeit oder tag deren jauffkinder eins
kam, was er leichtsinnig mit inen, yedoch bedacht er zu aller zeit und stund die
wort Ferdinandi, sah in dester fleissiger auff die händ.
    Sein fleissigs unnd emsiges auffsehen mocht aber dannocht nit die
schalckheit beider schälck hinderstellig machen; dann sie der buben- und
schelmenstuck durchtriben und ganz abgericht waren. Sie sahen und spürten das
fleissig auffsehen des Lasari; darumb machtend sie in kuntschaft mit den andren
gesellen, so in der werckstat waren. Wann dann zu zeiten Lasarus inn der schulen
war, wussten sie sich gar fein zu schicken, brachten des morgens geschleck, etwan
grünen ingwer, ein andren morgen ein käntlin malfasier. Disen schleck begunten
die guten gsellen zu gewonen, namen auch die zu grossem danck an. Wann dise zwen
setzling kamen, liessend sie die nit mehr aussertalb am laden ston, sie mussten
hinein. Inen ward auch von den gesellen zugelassen, alle arbeit, so uff dem
werckbret lag, nach irem willen zu besichtigen.
    Auff einmal begab sich in abwesen Lasari, das ein reicher zollerier ein
kostlichen stein bracht; der was in einem guldinen kleinat versetzt, nit sehr
gros, aber hoch gewirdiget. Das kleinat gab er in den laden sampt andren ringen;
under welchen stainen die folien verdorben, begert er im andre darunder zu
legen. Dise ding alle bliben auff dem werckbret ligen. Darnach bald kam Lorentz,
der guten knaben einer, besah die ding. Und als im blatz werden mocht,
vergaucklet er das kleinat, davon oben gesagt, das sein der gesellen keiner
wahrgenumen. Zudem misstrawten im die gesellen gar nicht; so war Lasarus derzeit
mit seinen fleissigen und gewarnten augen nit zugegen.
    Diss stund also an bis auff den abent. Lasarus nach seiner gewonheit das
gold gearbeit und ungearbeit ynraumet, die fremden ring und kleinat in einem
sunderen lädlin fand, denen nachfragt, von wannenhar die kemen. Des er auffs
kürtzest von den gesellen bericht ward; er fragt der sach nicht weiter nach.
    Diss bestund also biss uff den vierden tag, das yetzund der kauffman kam zu
besehen, ob ihm sein arbeit gefertiget were, besah seine kleinat unnd ring, ob
die noch all vorhanden weren. Alsbald manglet er seines liebsten und besten
kleinats, so er under in allensamen gehabt hett. Er fragt im geschwind nach;
aber es wusst im niemand antwurt darumb zu geben. Der gut kauffman kundt nit
lenger zur sach schweigen. Der herr ward berüfft und die ding angezeigt. Die
gesellen all gemein mussten dem kauffman geston, das er in gedacht kleinat
überantwurt hett; wie aber das von den andren kumen, were in gar nicht zu
wissen.
    Wer was mehr geengstiget dann der gut herr, das im ein solcher böser ruff in
seinem laden kumen solt! Haimlich het er gern das kleinat bezalt, das niemands
der sachen innen worden wer. Im fiel auch von stund an das böst ein, wie dann
gewonlich in solchen dingen beschicht, das der argwon der gröste schalck ist und
gemeinlich das los uff den unschuldigen fallet. Also geschache dissmal auch. Der
herr gedacht in im selb: Es wirdt sich gewisslich Lasarus an disem kleinat
vergriffen haben und vermeint das seiner junckfrawen in Portugal zu schicken. Er
gedacht der sachen auffs allergeschwindist nach, so er immer mocht. Bald nam er
den kauffman uff ein ort und sagt: Lieber herr und fründt, lasst euch den verlust
des kleinats nur nit hart anligen! Es soll euch zu dem teuristen bezalt werden,
so es anderst nicht funden wirdt. Mir aber ist zu sinn, ich wölle das in gar
kurtzen stunden wider zur handt bringen. Also satzt der kauffman sein hertz zur
rhuen.
    Franciscus befalh seinem gesind, sie sollten dem kauffman die andren kleinat
und ring auff das allerseuberst und fleissigest aussbereiten, wie ihn der
kauffman anzeigt hette. Er saumbt sich nit lang, fügt sich zu Ferdinando; dann
er im gar wohl vertrawet. Er nam in heimlich auff ein ort, zeigt im alle sach an,
was sich des kleinats halben verloffen het. Von diser red Ferdinandus nit wenig
schrecken empfing, wiewol er Lasaro der ding gar nicht verdrawet. Er sagt:
Francisce, lieber herr, ewer wort habend mir mein hertz durchschnitten, wiewol
ich dem Lasaro deren dingen gar keins wegs vertraw, hoff auch, er werd ganz
unschuldig des orts erfunden werden. Aber ich sorg der bösen gesellen, so im
täglich nachgehangen sind, die werden im ein letz gelassen haben.
    Franciscus fragt den Ferdinandum und sagt: Mein Ferdinande, wer sind
dieselbigen gesellen? Bericht mich des! - Es sind, sprach Ferdinandus, zwen jung
Portugaleser, gar zwen bös abgeschaumpt lecker. Der ein heisst mit namen Lorentz,
der ander Veit. - Acha, sagt der gut herr, fürwar ich binn ein ursach daran.
Dann sich Lasarus ir gar nicht beladen wöllen; als ich das an im gemerckt, binn
ich mit rauhen worten in angefaren. Er aber mir die ursach gar nit endecket,
allein befand ich in harnach Gesellschaft zu beiden jungen zu haben. Darauff
sagt Ferdinandus: Francisce, lieber herr mein, ich bitt, wöllend allen argwon
fallen lassen gegen dem unschuldigen Lasaro und setzend ewer vertrawen ganz in
mich. Ich soll die sach, ehe dann die sunn iren lauff volbringt, dahin gericht
haben, das ir eigentlich erkundigen sollend, wo das kleinat hinkumen sei.
    Mit disen worten ist Franciscus gesettiget gewesen und hatt also den
Ferdinandum gebetten, geflissen in der sachen zu sein; sind damit von einander
geschaiden. Ferdinandus mit allem fleiss der sach nachgedencken ward, wie und
durch was weg er die an die handt nemmen wollte.
 
                                      46.
    Wie Ferdinandus das kleinat mit geschwinder practic wider überkumpt unnd
                    Lorentz, der jung schalck, darvonlaufft.
Ferdinandus, der gut jüngling, war ganz angstaftig; er kundt auch gar kein
rhu nit haben, er hette dann zuvor das kleinat erfraget. Er fügt sich zu einem
seinem lantzman, welchen er wusst vil gemeinschaft mit Lorentzen haben, fieng an
von vilerlei sachen mit im zu reden, und aber gar zuletst sagt er: Lieber
Heinrice, wann bist du bei unserm lantzman, dem Lorentzen, gewesen? Mich
beduncket, er fahe sich an gar wohl zu halten. Aber warlich sein wesen hat mir
erstlich nit wöllen gefallen; dann sehr vil klag ab im kumen von einem und
anderem. Ich aber, gott hab lob, hör gar nichts mehr.
    Heinrich, ein guter einfaltiger junger, verstund die red nit, wohienaus sie
langen oder raichen wolt oder was Ferdinandus darmit gemeinet. Warlich, sagt
Heinrich, es gefalt mir Lorentz auch vil bass, dann da er bei seinem anderen
herren gewesen ist. Er hat sich meines bedunckens sidhar gar umbgekert. - Das
hör ich fast gern, sprach Ferdinandus. Du siehest, mein Heinrich, wann sich ein
Portugaleser ungeschickt haltet, müssen wir alle die, so aus Portugal sind,
desselbigen ungeschickligkeit uns stätigs umb die ohren gohn haben. Lieber, wann
bistu bei dem Lorentzen gewesen, das du mit im gespracht hast?
    Darauff antwort Heinrich: Fürwar es ist noch nit sechs stund, da haben wir
in eines bastetenbeckers haus ein gute basteten gessen. Ferdinandus sprach: War
sunst niemants mehr bei euch? - Ja, sagt Heinrich, ein zollerier von Lisabona,
welcher dir sehr wohl bekant ist; derselbig bezalt die zech für uns alle. - Wie
möcht ich zu demselbigen kumen? sagt Ferdinandus, Ich het ein nötig geschefft
bei im auszurichten.
    So tu im also, sagt Heinrich. Es haben Lorentz und Simon der zollerier
einander uff morgen umb sechs uren in des malfasierschencken haus, zunechst bei
seinem herren wonend, vertagt. Da wöllend wir ein trunck malfasier tun, darbei
einen weinkauff beschliessen, so Lorentz und Simon mit einander abgeredt. -
Lieber, sagt Ferdinandus, was weinkauffs würt aber das werden?
    Antwort Heinrich: Ich hab wohl verstanden, das Lorentz einen kostlichen stein
hat in einem kleinot versetzet, den hat er dem Simon feil gebotten. Bald
Ferdinandus die red vernam und das kleinat melden hort, gedacht er: Die sach will
sich recht zutragen; das ist gewisslichen das kleinot, nach dem ich verlangen
hab. - Ich möcht leiden, sagt Ferdinandus, wann mir morgen sovil zeit und weil
werden möcht, das ich auch bei euch sein künd; dann ich dem Simon gern ein
Botschaft (check capitalization), so er mir ausrichten solt, anhencken wolt. Damit schieden sie von
einander.
    Ferdinandus wusst zuvor wohl, wo Simon zu herberg lag. Er fügt sich eilends zu
ihm, bericht ihn aller sachen, wie es sich mit dem kleinat zugetragen. Des ihm
Simon grossen danck saget; dann er gedacht, wo er dis kleinat also ungewarnetter
sachen kaufft und etwann an einem andren ort wider fail solt getan  haben, im
möcht ein gros nachtail daraus erfolget sein. Wurden also der sach eins, das
Ferdinandus sampt dem goldschmidt und dem kauffman, so das kleinat verloren
hett, in des malfasierschencken haus kumen solt, sobald die glock sibne schlüg,
wolt er die sach dahin spilen, das eben derzeit das kleinat under augen ligen
müsst. Diss ward also kurtz bei in beiden beschlossen.
    Ferdinandus saumpt sich nit, ging zu dem goltschmidt Francisco, sagt im
alle verloffnen sachen. Davon Franciscus grösslichen erfrewet ward. Des morgens
frü ging er zu dem kauffman. Der ward auch nit weniger erfrewet, als er
verstund, das er wider zu seinem kleinat kumen solt. Alsbald es umb siben uhren
was, kam Ferdinandus auch zu in. Alsbald sind sie miteinander gangen in das
malfasierhaus, haben alle sach nach irem willen geschaffen. Simon der zollerier,
Heinrich und das gut sünlin Lorentz sassen schon im stich, fiengen an von dem
weinkauff zu handlen.
    Sobald Lorentz den goltschmidt Franciscum sampt dem kauffman und Ferdinandum
ersehen ward, erschrack er aus der massen so sehr, das er ein einigs wort nit
gereden kunt. Franciscus und der kauffman namend sich an, als wann sie an einen
andren tisch sitzen wollten. Simon aber verstund die sach wohl, wie sie das
gemeinten. Er sagt: Lieben herren, kumend zu uns in unser Gesellschaft! Wir
haben euch gern; dann wir einen weinkauff zu vertrincken haben, da mügt ir auch
wohl das best in helffen handlen. - Lieben herren, sagt der kauffman, wo ir unser
Gesellschaft kein verdruss haben, wöllend wir fast gern bei euch unsern pfenning
verzeren.
    Alsbald sind sie an die tafel gesessen, mit in gessen und getruncken. Und
als yetz Simon die recht zeit maint vorhanden sein, hatt er zu dem jungen
gesagt: Nun wolan, Lorentz, wir müssen zu der sachen greiffen. Der malfasier ist
gut; ich möcht sein zu vil zu mir nemen und alsdann nit wissen, was ich handlet.
- Hei, sagt der leckersbub, die sach hat doch nit eil. Was heut nit geschiecht,
geschehe auff einen andren tag.
    Simon sagt: Ich binn willens, auff morgen zu verreiten. Darumb was auff
dissmal nit geschiecht, würdt nit bald mehr geschehen. Franciscus der goldschmidt
sagt: Der gut jüngling hat vileicht ein abscheuhen ab uns. So wir im zuwider
sind, soll uns nit beschweren uffzuston.
    Nein, gar nicht, sagt Simon, es ist kein häling. Der gut jung hat ein
kleinat; das wolt ich im abkauffen, so wir anderst der sachen uns vergleichen
künnen. Damit zeigt Simon an, wie das kleinat geschaffen wer. Der kauffman, des
das kleinat was, begert das auch zu sehen, sagt, er wolt dargegen auch etlich
kleinat und ring sehen lassen. Lorentz aber wolt nit haraus mit, sunder sagt, er
wollte im (dem Simon) zu kauffen geben, im wer nit gelegen anderen das kleinat zu
zeigen. Da diss Ferdinandus hort, sagt er: So mustu sollich kleinat nit mit
rechten sachen zuwegen bracht haben, oder mus sunst ein falsch darunder
verborgen sein. Es sei dann, das dus uns sehen lassest, so wirst du mich in
argwon bringen, du habest das etwan funden, ehe dann sein herr das verloren
hatt.
    Lorentz wusst nit, womit er sich aussreden solt. Er nam sich eines zorns und
unwillens an, stund auff von dem tisch und wolt hinweggangen sein. Der kauffman
aber und der goltschmidt erwuschten in bei seinem rock und sagten: Nit also,
Lorentz! Wir werden dich von handen nit lassen, es sei dann sach, das du uns das
kleinat, davon geredt worden ist, sehen lassest. Ich sag dir, sagt der kauffman,
ich kenn ein guten fründ, dem gemelt kleinat billicher dann dir gehört. Wie du
auch das überkumen hast, ist mir gar wohl zu wissen. So du das mit gutem willen
von dir geben wirst, das sei mit hail. Wo aber nit, so hab dir des mein trew zu
einem pfand, du must das an einem ort von dir geben, da es dich dein hals kosten
mus.
    Der schalck sah yetzunder den ernst wohl; so gedacht er auch an andre
bossen, so er auff der hauben hett; wann dann dis und das vergangen
zusamenriechen solt, möcht es im so gut nit werden, er müst am galgen sein end
nemen. Er besann sich kurtz, zoh sein säckel aus dem busam, nam das kleinat
haraus und warffs auff den tisch, kundt aber gar kein wort vor schand und
schrecken reden. Ferdinandus aber, als er diss gesehen, hat sich alles in im
umbgekert, und mit rauhen worten hat er den dieb angefaren und gesagt: Ey du
schantlicher verzweifleter diebischer böswicht, ich wolt, das ich dich solt an
einem galgen erwürgen, wann allein dein frummer vatter und dein frumme muter nit
werend. Sag mir, was grosser freuden werden sie haben, wann Simon in die ehrlich
Botschaft (check capitalization) von dir bringen wirt! Wie wirt dein herr, bei dem du yetzund bist,
eins solchen ehrlichen knechts so ein grosses wolgefallen haben! Ja, ich will
dir das hoch und teuer behalten haben, wo du mich mer für einen lantzman
ansprichst, ich soll dir vor allermenigklich alle deine bösen stuck anzeigen und
endecken und dich einen lantzman verrüffen.
    Als der bub nun wohl aussgefegt was, ging er ganz schamrot von in allensamen
hinweg on alles urlop, sein kopf under sich schlug, wie dann alle dieb tun, die
keinen biderman frölich dörffen ansehen. Franciscus, der kauffman unnd auch
Simon der zollerier waren der sachen gar wohl zufriden; Franciscus, umb das er
aus einem grossen argwon kumen war, der kauffman darumb, das er seins kleinats
wider zukumen was, Simon, umb das er mit disem gestolnen kleinat nichts zu
schaffen het gewunnen. Sie bliben also noch ein gute zeit bei einander sitzen.
Dem Ferdinando sagten sie auch gar fleissigen und grossen danck, umb das er sie
alle drei vor schaden verhütet het. Also wurden dem guten kauffman seine ring
und kleinat nach allem seinem gefallen aussbereit. Aber Lorentz der schalck kam
Ferdinando nit mehr under augen; er suchet auch nit weiter Gesellschaft bei
Lasaro.
 
                                      47.
 Wie Lasarus nach dem jar aus gehaiss seiner ältern gehn Venedig schiffet, und
                       wie es im mit seinem wirt ergieng.
Von disem argwon, so Franciscus auff den guten jüngling Lasarum gehabt, da was
im gar nichts umb zu wissen. Dann er sich alles guten gegen seinem herren und
allem haussgesind versehen tet; er vermeint auch, man solt im anderst nit
vertrawen, dann wie er gesinnet were. Franciscus aber, damit dem jüngling die
ding nit fürkemen, bat den Ferdinandum gar fleissiglichen, er wolt dem Lasaro
gar nichts darvon sagen, damit er im keinen unmut daraus neme; des dann
Ferdinandus gar vorhin gesinnet was. Also hatt Lasarus vor als naher seinen
fleiss gebraucht die zeit aus, biss etlich monat verschinen.
    In denen dingen hatt im Reichhardus und sein vatter ein botschaft bei einem
Venetianer zugeschriben, ihm auch viel kostlicher stain zugeschickt, die er mit
im gehn Venedig solt füren und verhandlen; darzwischen und er zu Venedig wer,
wollten sie in Portugal versehen, das alle ding zu der hochzeit recht und wohl
verordnet würd, dann es stünden sunst alle sachen gar wohl. Das aber war nit;
dann Amelia was mit einem harten und sorglichen feber umbgeben, und sorgten die
beiden älteren, wann der jüngling zu land kummen solt, in möcht vor unmut
gleichergestalt ein kranckheit überfallen.
    Als nun dem jüngling die Botschaft (check capitalization) angesagt und er die auch selb gelesen,
wiewol er fast gern haim in Portugal gefaren wer, noch kitzlet in der fürwitz,
das er Venedig und ir monier gern gesehen; so was ihm auch gar nit verborgen,
das er täglich von Venedig wider auff Lissabona schiffen möcht. Darumb undernam
er sich der schiffart mit freuden. Er macht sein rechnung mit seinem herren,
zalt in tugentlich und früntlichen ab, letzet sich auch mit allem haussgesind.
Demnach gnadet er seinem herren und frawen, bedancket sich alles guten, so im,
der zeit bei in gewesen, widerfaren. Also gab im sein herr das gelait biss zu
dem schiff, desgleichen Ferdinandus.
    Also furend sie mit gutem wetter darvon, und in gar kurtzer zeit erreichten
sie das port zu Venedig. Lasarus fragt den kauffman, so mit im von Antdorff
ausgefaren was, wo er gut herberg haben möcht. Der kauffman hett gern gesehen,
das er mit im zu haus gangen und herberg bei im gehabt het; das aber Lasarus gar
nicht tun wolt. Also wise er in zu einem wirt, den hett alle welt für ein
frumen und weidlichen man; er het auch gar vil gastung von allen landsarten; das
macht, er kundt gar mancherlei sprachen; von wannen der mann kam, kundt er mit
im reden. Lasarus kart bei demselbigen wirt yn; der hett einen einigen sun und
ein tochter. Dieselb was gar gerad und schön von leib und gestalt, aber darneben
eines unverschampten ungeberdigen wandels, welches einer junckfrawen sehr übel
anstot, ir auch alle zier und schonhait irs leibs hinnimpt.
    Lasarus sobald er in die herberg kam, gab er dem wirt sein felles und bulgen
zu verwaren, sagt im auch darneben, er solt im gut sorg darzu haben; dann er
hett darin, so im fast lieb wer, wie er dann mit der zeit selb sehen würd. Der
wirt was gar geflissen in der sach; dann er gedacht: Diser jüngling wirt
gewisslich etlich tag herberg bei dir nemen. Da nun Lasarus etlich zeit zu
Venedig gewont und auch zum teil kuntschaft gemacht, kamen täglich kaufleut zu
im, so mit edlen gestainen umbgiengen, die gabend im ein gar gross gelt zu
lösen. Des nam der wirt ye lenger ye mer war, gedacht heimlich bei im selb:
Möchtest du dein tochter dem jüngling anhencken, wie möchtest du sie immer bass
versorgen! Dise seine gedancken offenbart er seinem weib; die lies ir auch des
mans Meinung nit übel gefallen, wann es also zugehn und geschehen möcht. Also
wurden sie zu rhat, mit der tochter zu reden, das sie sich früntlich zu dem
jüngling tun solt, ob sie sein lieb und gunst erlangen möcht. Die tochter, so
zuvor frevel unnd mutwillig was, hub sich an ye fester zu dem jüngling zu
gesellen, tet sich im auch zuletst gar fail. Lasarus liess also guter Meinung
hingon, achtet ir nit sehr vil; jedoch was er guter schimpfiger wort mit ir,
vermeint aber nit, das die sach sich dahin erstrecken solt, darauff dann vatter
und muter, bruder und schwester sie gespielt hetten.
    Nun es begab sich, das der vatter und muter die tochter zu red satzten, ob
sie der hoffnung were etwas bei Lasaro zu erlangen. Die tochter sagt ja, sie
spürt einen guten willen an im. Damit verursachet sie vatter und muter, das sie
mit dem jüngling retten von wegen irer tochter, sagten im zu ein gros zusteur zu
geben. Lasarus sich ab diser red nicht wenig verwundret, yedoch gedacht er in im
selbs: Dir will dannocht gebüren, deinem wirt umb sein ehrlichs erbieten
fleissigen danck zu sagen.
    Und als nun der wirt und sein weib ir red geendet, fing Lasarus gar
züchtiglichen an zu antworten und sagt: Lieber herr und getrewer würt, deren
früntschaft und guttat, so mir täglichen von euch widerfart, dergleichen auch
von den eweren, kann ich mich sicher nit gnugsam bedancken, ich geschweig des,
das ir mich so gut achten, das ir mir auch ewer einige tochter zum weib geben
wollten. Ich sag euch, wo ich mein selb gewaltig were, wolt ich ein sollich
erbieten nit gern abschlagen, sunder das mit grossem danck annemen. Ir aber solt
wissen, das ich meinen vatter und muter noch beidesamen inn leib und leben hab,
on deren vorwissen mir das nit zu tun gebüren würd, ob ich gleichwol sunst nit
verbunden were, wie ich dann bin. Dann als ich aus Portugal geschifft binn, hatt
man mich kurtz darvor einer schönen züchtigen junckfrawen vertrewet. Vor deren
absterben, das gott lang wenden wöl, würt mir kein andre mein hertz besitzen,
vil weniger mich einer andren vermäheln lassen. Darumb, lieber herr wirt, wölt
ewer tochter nach ehren versorgen, wo es euch am gefelligsten ist; dann mit mir
ist es gar umbsunst.
    Mit disen worten macht Lasarus dem wirt sein hertz so gar erbittert, das im
das aus grossem zorn in seinem leib uffhupffet, wiewol er sich gegen Lasaro gar
nicht mercken lies. Nit weniger was muter, tochter und bruder über in ergrimbt.
Es bekümert sie aber nichts mehr, dann das sie im die tochter selb angebotten
hetten. Der vatter aber für sich selb heimlichen nachgedenckens het, durch
welchen weg er den jüngling hinrichten und umb sein leben bringen möchte, damit
im dannocht sein gut belib. Aber die sach ging im widersins aus.
 
                                      48.
Wie der falsch wirt gleich in derselbigen nacht understunde Lasarum umbzubringen
           und aber seinen eignen sun erstach und in das meer warff.
Es begab sich gleich an demselbigen tag, das Lasarus von einem kauffman zu gast
geladen ward, das er das morgenmal bei im essen solt, dessgleich den nachtimbis;
dann er het sunst gar vil ehrlicher kaufleut zu gast geladen, so aus fremden
landen zu Venedig waren.
    Diss hett der wirt eben wargenumen. Und als er yetzund vermeint, er und sein
weib werend allein bei einander in der kamern, hatt er mit ir angefangen zu
reden und gesagt: O hausfraw, was grossen schmertzen und betrübnus mir bringt,
das ich dem ungetrewen und stoltzen Portugaleser unser tochter zum weib
angebotten hab, kann ich dir nit gnugsam erzalen; dann so oft und ich in
anblick, sich mein hertz in meinem leib umbwendet. Daruff sagt die fraw: Hast du
doch macht, das du ihm dein herberg abstricken magst!
    Ach, sagt er, alsdann würd ich uns alle gar erst in ein gros geschrei
bringen. Dann alsbald er aus dem haus kem, würd er allentalben ausschreien, im
wer die herberg darumb verbotten, das er unser tochter nit zum weib hett haben
wöllen, wie dann auch war ist. Dann ich wais sunder allen zweifel, das er noch
in langer zeit hie nit hienwegfaren wirt. Daruff sagt die fraw: So müsst man ein
andren weg für die hand nemen, damit wir sein abkumen möchten. Da sagt der
wirdt: Hausfraw, merck, was ich mich kurtz besunnen hab! Es wirt noch hinacht
der Portugaleser zu gast aussgon zu morgen und zu nacht. So wais ich, wann er
haimkumpt, wirt er wolbedruncken und bezecht sein. Wann er dann in dem ersten
schlaff ist, will ich in mit seinem eignen wehr umbbringen und demnach in das
wasser werffen; alsdann mag uns alles sein gut, so er bei im hat, beleiben.
Diser rhat wolt der frawen gar nit gefallen, und widerriet dem mann semlichen
mordt. Er aber gedacht in im selb: Meinem fürnemen mus ein gnnügen geschehen, es
geraht gleich wie es wölle. Schwig damit und ging aus der kamern.
    Es hett der wirdt ein magt, die was ein geborne Teutschin, die was in der
andren kamern gestanden und alle wort von dem wirdt und seinem weib vernumen. Es
erbarmet sie der jüngling gar sehr. Sie verzog, biss der jüngling von dem
morgenmal zu haus kam; da fügt sie sich allein zu im, warnet in ganz trewlich,
er solt gedencken und die künftig nacht nit in dem haus ligen, dann im wer ein
grausam bad zugericht. Der jüngling dancket der magt irer guten warnung gar
fleissig, jedoch meint er nit, das im der wirt also mörderisch nach seinem leben
stellen solt.
    Als er nun des abents wider zu dem kauffman kam, so in geladen het, zeigt er
ihm insgehaim alle sachen an, so sich der tochter halben und auch mit der magt
zutragen hett. Sobald das der kauffman vernam, der dann auch nit ein geborner
Venediger was, sagt er: Mein lieber Lasare, ich sag dir warlich, die Venediger
haben seltzame dück hinder in. Wiewol ich ein ynwoner zu Venedig bin, so setz
ich doch nit gross vertrawen auff sie. Zuvor wann sie über ein ergrimbt sind,
achten und trachten sie mit allem ernst, wie er hingericht werd. Mag einer das
in eigner person nit zuwegen bringen, findt er bald ein riffiener, so etlich
ducaten zu einer belonung nimpt, wartet uff den zu gelegner zeit, sticht ihm den
hals ab. Sie sind auch gar geschwind mit iren süplin, wie dann im Teutschland
nit ein vergebenlich sprichwort entstanden ist; wann einer aus Italien kumpt
unnd kranck ist, bald spricht man: Er hat ein Venediger süplin gegessen.
Derselbigen dir auch auff dise nacht eine möcht übergehenckt und bereit sein.
Darumb du dann die gut und getrew warnung der magd nit verachten solt. Beleib
hinacht bei mir in meinem haus! Biss morgen wöllend wir zu deinem wirt gon und
im sagen, das deiner gelegenheit bei im zu bleiben nicht mehr sein wölle;
derhalb begerest du mit im abzurechnen und in zu bezalen, was du bei im verzert
habest. Ich hab dich aus gottes gnaden, so lang und du zu Venedig bleibest, wohl
zu erhalten. So ich dann gehn Lisabona kum, kann diss dein vatter und schweher
wohl umb mich vergleichen. Dise Meinung gefiel dem jüngling sehr wohl.
    Der wirt aber het noch alle zeit ein nachgedenckens, wie er doch die sach
auffs haimlichst möcht an ein ort bringen. Es was aber Lasarus und sein sun all
nacht in einer kameren gelegen, ein yeder an einem besunderen bet; so waren sie
auch eines fast gleichen alters. Der wirt, damit sein sun die nacht nit im haus
were, auch von dem mordtgeschrei nit einen schrecken nem und er auch an seinem
bösen fürnemen desto minder verhindert würd, nam er seinen sun uff ein ort, sagt
zu im: Mein sun, ich möcht leiden, wo du auff dise nacht etwan ein gute
Gesellschaft wisstest, du hettest dich zu inen verfügt. Dann ich uff dise nacht
ein gastung haben würd, so dir gar zuwider sein, und kann sie doch mit keinen
fugen ausschlagen.
    Dem jungen gefiel die red gar wohl; dann er sunst mehr lust zu fremder
Gesellschaft het dann zu den, so täglich in seines vatters haus zechten. Er fur
sein strass, fand im bald ein gelegne bursch, bei denselbigen sass er biss
schier umb mitternacht. Und als sie yetzund wohl gezecht hetten, ist er
uffgestanden, haimwertz zugangen mit etlichen guten gesellen, so im das geleit
biss für seins vatters tür geben haben. Demnach ye einer dem andren genadet und
seins wegs gangen. Der sun hat das haus nach im verschlossen und ist zu bet
nidergangen.
    Diss alles hat der wirt gehört, nit anderst vermeint, dann Lasarus kam yetz
von dem kauffman, der hab in haimbelaiten lassen. Und als er nun vermeint, der
jüngling wer entschlaffen, ist er auffgestanden, die kamer seines suns heimlich
geöffnet und stillerweiss hineingeschlichen. Als er aber niemands an Lasarus bet
gewar worden, ist im zu sinn kummen, der jüngling hab sich voller wein
getruncken und seines bets verfält, hab sich an seines suns bet gelegt. Der
ist yetzund inn seinem besten schlaaff gewesen. Da diss der wirt wargenumen, hat
er von stund an sein schwert durch in gestossen, im sein hertz dermassen gerürt,
das er kaum einmal ein trenser gelassen, verschaiden ist. Der wirt hat eilends
den doten körpel also nackend gefasst und hinden zu seinem haus hinausgetragen,
da er das meer allernächst hatt haben mügen, hineingeworffen, nit anderst
gemeint, dann es sei Lasarus der jüngling gewesen. Hatt aber des morgens der
rechten mähr innen worden.
 
                                      49.
   Wie Lasarus mit sampt dem kauffman in das wirtshaus kumen, mit dem wirt zu
      rechnen begertend; wie der wirt ab irer zukunft gar übel erschrack.
Der wirt, so die nacht seinem fürnemen fleissig nachgesunnen und gar wenig
geschlaffen het, lag des morgens über seinen brauch in dem bet. Lasarus sampt
dem kauffman kamen mit noch zweien guten herren der mainung, mit dem wirt
abzurechnen und in zu bezalen. Der wirt aber, wie oben gehört, noch nit
auffgestanden was. Die wirtin befalh der magt, sie solt im sagen, es werend
fremde herren da, so sein begerten, ihn auch eilends haben müsten.
    Bald stund er uff, zoh sein gewand an und kam zu in in den saal und
erblickt den Lasarum vor den andren allen, ob welchem anblick er dermassen
einen schrecken empfieng, das er nider zur erden sanck und im hart geschwinden
tet. Davon sie alle gar übel erschracken. Der wirtin die ding wurden angezeigt;
die kam auffs geschwindest gelauffen, erschrack auch gar hart ab disem zufal.
Alsbald wurden kostliche und krefftige wasser darbracht, damit ward der Bösewicht
wider erquicket. Er was nit recht zu im selb kumen, schrie er mit einem lauten
gall: O wehe und ach meines einigen und allerliebsten suns! Weh mir armen
verlassenen man!
    Bald die wirtin ein solche klag von dem wirt erhort, gedacht sie an die
wort, so sie den vorigen tag von im gehört hett. Sie lieff eilends in ires suns
kammern; da fand sie alle seine kleider, so er angetragen des anderen tags; es
was auch sein betstat mit schwaiss übergossen. Da ward erst ein jämerlichs und
grausames mordtgeschrei erhört. Die fraw aus grossem unmut und zorn kundt ir gar
nit abbrechen; sie kam in den saal lauffen, und mit grossem geschrei sagt sie: O
du mörder, du Bösewicht, du hast dein eigen blut unnd fleisch umbbracht. Sag, wo
hastu mir meinen liebsten sun hingeworffen? Sein gewand und blut hab ich funden,
aber seinen leib hab ich niergend gesehen. O Lasare, sagt sie, diss solt dir
begegnet sein. Ich aber hab im den mordt deinentalben widerrhaten, bin auch
guter hoffnung gewesen, er sollte meinem guten und getrewen rhat volgen. Aber
leider mein sun hat die schnur darob nemen müssen.
    Von disen worten sind alle die, so zugegen gewesen, grausam und hart
erschrocken. Der wirt aber, als er yetzund an gott und an im selb verzweiflet
gewesen, ist geschwind an das ort gelauffen, da er sein sun ins meer geworfen,
hat sich selb hineingesprengt, ist also jämerlich versuncken und ertruncken. In
kurtzen tagen darnach hat Lasarus seine sachen dahin gericht, das er sein
barschaft und anders, so er bei der wirtin hett, zuwegen bracht, bezalt sie
auch ganz tugentlichen ab und trachtet im eilends nach einem schiff, so in in
Portugal füret. Dann zu Venedig zu bleiben war gar seines sins nit mehr, dieweil
im die sach so nahend missraten were.
 
                                      50.
  Wie Lasarus wider gehn Lisabona kam, mit Amelien hochzeit hielt, mit seinem
          vatter und schwäher gemeinschaft het in gwinn und verlust.
Bald Lasarus dem unglück entgangen, lust in nit mehr zu Venedig zu bleiben. Er
fand ein schiff nach seiner gelegenheit, kam in kurtzer zeit gehn Lisabona
gesund und frisch; und wiewol seine älteren sein nit warten waren, empfiengend
sie in doch mit gar grossen freuden. Amelia was auch in solcher zeit wider zu
iren verlornen krefften kumen. Lasarus erzalt auch allen seinen fründen von
anfang biss zu dem end, was im in Brabant guts widerfaren wer; desgleichen zeigt
er auch an, inn was grossen gefahr er gestanden was zu Venedig bei seinem wirt,
und allein durch die getrew warnung des wirtes magd bei seinem leben bliben
were, des sie dann der kauffman, so in aus Brabant gon Venedig gefürt het, wohl
berichten würd, so er einmal in Portugal kummen würd. Diser red verwunderten sie
sich alle gar fast, danckten und lobten got aus grundt ires hertzens, das er
irem sun also gesunds leibs wider in sein vatterland geholffen het.
    Demnach ward zu beiden seiten die hochzeit angeschlagen, alle ding zimlich
und ehrlich bestelt und gar kein grosser bracht alda getriben. Wiewol an gut und
gelt an dem ort gar nichts manglet, so waren doch alt und jung dermassen zu der
mässigkeit genaigt, das sie got umb den grossen ungebürlichen kosten forchten.
Nicht destweniger ward under der früntschaft ein fröliche hochzeit gehalten,
die aber nit lenger dann zwen tag weren tet.
    Alsbald nun die vergangen unnd hingericht was, habend sich beide vätter und
mütern mit einander underredt, was sich nün fürbashin der haushaltung zu
beradtschlagen were. Sie kunden zu allen teilen wohl erachten, das die zwei
junge der haushaltung noch nit gewont und erfaren waren. So hetten sie, die
beide älteren, ein yedes für sich selb ein weite behausung mit vilen gemachen
underschiden. Darumb sollten deren teil eins das jung par volck zu inen nemen,
welchem teil es am allerfüglichsten unnd gelegensten were; diss was ir aller
Meinung. Als nun die jungen befragt wurden, gefiel in die sach auch gar wohl, und
ward die wahl zu inen gesetzt, bei welchem teil sie am liebsten sein wollten.
Sie aber wollten gar kein wahl erkiesen, sunder satzten das den alten heim;
welche sie gern haben wollten, bei denselbigen wollten sie auch gern ir wonung
haben und Lasarus als ein knecht, Amelia als ein magt ir tag bei in verzeren.
Zuletst ward die wahl den zweien mütern heimgestelt. Also wolt ir yede die zwei
jungen bei ir haben, und wurden also der sachen schier zu unfriden.
    Da diss Richardus ersah, stund er auff und sagt: Gebt mir zu allen teilen
die sach von hand, also wie ich das mach, das es also bei demselbigen soll
bleiben! Ich hoff, ich wöls dermassen aussprechen, es soll euch allen
wolgesprochen sein. Diss liessen sie ihn allen wolgefallen, begerten auch
gemeinlich darbei zu bleiben.
    Da fieng Richardus an und sagt: Ir meine liebe kind und fründ, wir haben von
der unaussprechlichen milten gnaden und gaben gottes ein reühliche und gar gute
narung zusamenbracht. Darumb wir im dann auch billichen danckbar sein sollen,
den armen, von deren wegen uns dise gaben beschert sind, nit vergessen. So würt
uns gott gewisslich auch nimer mangel lassen; des sollen wir uns gäntzlichen zu
im versehen, dieweil von im alles guts kumpt und fleusst als von dem waren und
rechten brunnen alles guten. Nun wissend ir alle gar wohl, was grosser trew,
liebe und früntschaft wir yetz gar lange zeit zusamen getragen haben, auch so
früntlich, tugentlich und lieplich umb einander gewont, das keins under uns
allen das ander mit einem eintzigen wort erzürnet hat, haben uns auch inn dem
brauch die zeit her gehalten, das keins on des anderen beiwesen keinen bissen
gessen hat, und ist ein gar schlechter underscheid hierinn zu vermercken, ob wir
ein oder zwo haushaltung haben. Dieweil nun aus sunder ordnung gottes die sach
dahin gericht ist, das wir zu beiden teilen nit mehr dann zwei kinder haben,
dieselbigen zusamen vermähelt sind alles mit unser aller guten vorwissen und
willen, haben uns auch inn alle weg gevolget, so wer das mein gut beduncken,
rhat und Meinung, das wir erstlichen ein gemeinen unzerteilten handel anfiengen,
ein gemeinen kosten und haushaltung anrichteten, also bei einander ob einem
tisch und taflen sessen, einen gemeinen koch und einkauffer sampt knecht und
mägten aus gemeinem gwinn und vorrhat erhielten. Amelia die solt hinfürbas die
müter inn der haushaltung sparen. Demgleich soll Lasarus auch gegen seinem
vatter handlen mit der arbeit. So wir die sach also nach meinem rhatschlag
angreiffen, würt uns gewisslichen heil und Glück bei und mit einander angon.
Doch müssend wir ein haupt under uns haben, uff welchen wir alle sehen sollen
und wider dasselb gar nicht handlen, in auch lieben ob allem reichtum, silber,
gold, berlin und edelgestain.
    Lasarus der alt und auch der jung liessen ihn die mainung gar wohl gefallen,
dergleichen auch die weiber, und was also ir entlich mainung, Reichardus solt
der sein, auff welchen sie alle gar ein auffsehen und gemerck haben sollten,
seinen gebotten und verbotten gehorsam sein.
    Da diss Richardus von inen verstund, fing er an ganz gütlich zu lachen und
sagt: O ir mein lieben fründ, kennend ir den obman noch nit? Nun hat er dannocht
jetz ein lange zeit umb und bei uns gewonet. Es hatt in auch Christus, unser
lieber herr und erlöser, seinen ausserwelten und allerliebsten jungeren zu einer
säligen letze gelassen, nit allein seinen jüngeren, sunder allen Christgleubigen
menschen. Damit ir aber verstehn, wer diser obman sei, was er für einen namen
hab, so wisst, er heisst Frid. Wo derselbig in ehren und in einem dapfferen
ansehen gehalten wirt, da gehts recht zu, da ist Glück und hail, mag auch nichts
überzwerchs under die weg kummen. Wo der sälig frid in einer statt nit zu
alleroberst in gericht und raht gesetzt wirt und ein ganzer raht und gemein
uffsehens auff in haben, da würts nimmer oder gar selten recht zugon. Wo man in
in eim haus nicht dulden will und in hinaushetzet, wirt im bald alles Glück, so
in demselbigen haus ist, nachfolgen. Des wir ein gut beispiel haben an vilen
grossen und namhaftigen stetten, als da ist gewesen Hierusalem, Rom, Cartago.
Sobald sich zwitracht under sie gemischet und sie denselbigen zu burger
auffgenumen, den säligen friden ausgeschlossen, zuhandt ist ir regiment und
ganzer gewalt zergangen. Darumb wöllend wir den säligen friden nit aus unser
haushaltung kumen lassen, darneben auch als unser gesind, knecht und mägt darzu
halten, damit frid und einigkeit bei uns bleib und sein wonung bei uns beger zu
halten.
    Also ward ein gemeine fridliche und früntliche haushaltung under disem
völckle angericht, die sie auch mit der gnad und hilff gott des almechtigen bei
einander erhielten, so lang biss der almechtig got ein yedes nach seinem beruff
aus disem zeitlichen jamertal erforderet unnd sie satzt inn die himlischen
tabernackel, die da bereit sind allen fridsamen und rechtgleubigen. Dahin uns
auch nach disem armen zergencklichen leben helffe gott der vatter, gott der sun
und gott der heilig geist.
                                     AMEN.
 
    