
        
                                 Georg Wickram
                           Der Jungen Knaben Spiegel
                        Eiñ schöñ Kurtzwyligs Büchlein /
                 Von zweien Jungen Knaben / Einer eines Ritters
 / Der ander eines bauwren Son / würt in disen beiden fürgebildt / was grossen
nutz das stu- dieren gehorsamkeit gegen Vatter vnd Muter /schul und lermeistern
 bringt / Hergegen auch was grosser geferligkeit aus dem widerspyl erwachsen /
  die Jugent darin zu lernen / vnd zu einer warnung fürzuspieglen. Newlich in
                            Druck verfertiget durch
                                 Jörg Wickram.
                             Im Jar / M. D. LIIII.
 
   Dem fürsichtigen und weisen herren Antoni Kuntzen, diser zeit schulteiss zu
         Rufach, embeut Jörg Wickram sein underdienstbaren gruss zuvor.
Es habend sich, günstiger weiser herr, die alten fast in iren gedichten
beflissen, das dieselbigen nit so gar on nutz und fruchtbarkeit der jugend
fürzuspieglen gewesen, sunder die jugend sunderlich von üblem und laster
abzogen, darneben auch vilmalen zu der forcht unnd scham bewegt und getriben,
welche stück warlich nit die geringsten tugenden an einem jungen mögen geacht
werden. Dann aus forcht und scham erwachsset alle tugend in einem jungen; wa aber
dise zwei liecht erloschen, do blibt wenig guter sitten in alten und jungen, und
ist auch nichts auff der ganzen welt, so die zart jugend mehr von bösen sitten
abzieht, dann eben das, so ein junger des anderen gefährlicheit erwegen und
ermessen tut, nimpt im darbei ab, was aus loser, bösser Gesellschaft
entspringet. Herwider ist auch den jungen angeboren von natur, wo anderst ein
recht fundament ist, das sie gern, so sie recht und wohl geschickt handlen,
gelobt seind; sie nemen auch fleissig war, so man andre jungen ir woltat halben
lobet, befleissen sich demnach des guten desto mehr. Man find aber leider vil, so
weder umb beispil, loben noch schelten gar nichts geben, sunder auff ihrem
gutdunckel also hinaussfaren, geben weder umb vatter, muter, leer und
schulmeister gar nicht; und so die jetzund vatter und muter die gröst und höchst
freud sein sollten, geberen sie in das allerjämmerlichstes klagen und trauren.
    Derselbigen hab ich dreierlei arten beschriben: erstlich die, so guter
sitten und geberden seind, sich selb zu den tugenden und von den lastren
abziehen. Zum andren seind etlich jungen, die das mittel halten; so sie ir
beiwonung bei frummen gehorsamen kinden haben, geratend sie fast wohl; wo man sie
aber und er bösen mutwilligen kinden ir Gesellschaft lasst haben, werden sie
beiwylen in grosse geferlickeit verfürt. Zum dritten fyndt man solch bösse
martialische und saturnische köpff, so am andren jungen nit sehen mögen, das sie
iren älter gehorsammen, weisen sie auff alle büberei, schand und laster, damit
dann manig frumb kind durch bösse gesellschaft verfürt wirt. Was aber deren
jedem aus seinem fleiss erfolget, wirb hie als in einem spiegel fürgemalet und
der weichen jugend nutzlich darin zu lesen, damit sich die ehrlichen gemüter
unnd herrlichen ingenia nit durch bösse Gesellschaft verfüren lassen.
    Dieweil ir nun, weiser herr, von gott dem allmechtigen auch mit lieben und
wolerzognen kinden begabt seind, hab ich euch diss mein sohlechts büchlein, so
dann auch nur für die jungen kinder gemacht, zuschreiben wöllen, damit die
jugend, als euwer liebe kind, sich selb vor arger und bösser gselschaft hüten
mög, den tugenden mehr dann den lastern nachgedencken. Dann ich mich je umb
vilfaltige gutat, so mir von eüwer weissheit widerfaren, nit anders kann oder
weiss zu verdienen dann eben mit dem, so ich mit meinem verstand, der sehr gering
ist, mag aussrichten. Gott wolt, mir grössers müglich wer, wolt ich mich in allem
guten und früntlichen willen erzeigen. Wünsch euch hiemit vil glückseliger
neüwer jor.
                    Datum Colmar den 26. hornungs anno 1554.
Jüngling, wilt du gen Antorff faren,
Liss mich, so magstu dich bewaren
Vor bulschaft, schlam und bösem spyl,
Die all drei bringen schadens vil.
 
                                       1.
 Wie der ritter Gottlieb mit seinem gebätt sampt seinem weib gott fleissiglichen
 umb ein leiblichen erben bitten tunt, und wie in gott einen erben bescheret.
Es ist gewesen vor langen jaren ein frummer alter ritter an dem hoff zu
Preüssen, welcher seine tag in mannlichen und ritterlichen taten hinbracht biss
auff fünftzig jar, so das er keinem ehlichen weib vermehelt ward. Mitler zeit
fügt sich, das ein richer edelmann an des bochmeisters hoff mit tod abging,
welcher des hochmeisters schenck gewesen was; an desselbigen statt kam der
obgenant ritter, genant Gottlieb.
    Zu einer zeit begab sich, das er seines amptes pflegen tet, seinem herren
in kostlichen guldinen geschirren den wein dartrug. Der hochmeister, welcher gar
ein betagter alter mann was, als er den ritter ersehen unnd seiner langen
getrüwen dienst bedencken tet, gedacht er in im selb: Diser dein getrüwer
diener vor lang umb seine gefleissen dienst bas verdient gewesen wer, aber aus
meinem grossen unfleiss nit bedacht worden ist; nun hat sich das Glück jetz
gleich gegen im erblickt, wo im anderst ein semlichs gefellig sein will. Mit
disen gedancken den ritter ernstlich mit unabgewendeten augen ansach. Davon im
der ritter Gottlieb nit wenig schrecken nam, jedoch mit unbeweglichen augen
seinen herren ansach; dann er sich aller straff unschuldig wusst.
    Sein herr fieng in an gütlich anzusprechen also sagende: Gottlieb, edler und
gestrenger ritter, deine langen und getreuwen dienst seind mir unvergessen.
Darumb, so du wilt, magst du ein zimliche bitt an mich wenden. Was mir dann
müglich ist mit land und leuten, hab und gut, solle dir nit versagt sein, damit
du auch einmal diner diensten entladen werdist. Zu dem ist dir unverborgen der
todt meines lieben dieners, welcher das schenckenampt vor dir getragen, der dann
ein schön jung züchtig edel weib verlassen hat mit übergrossem reichtumb und on
alle kinder. Wo dir nu anmütig wer, die zu der heiligen ehe zu haben, wölt ich
die sach dohin triben und fürderen, das sie dich für iren herren und gemahel
nemmen solt; darzu wolt ich dich reichlich begaben und ausssteüren. Darauff
magstu mir wohl dein guten willen zu verston geben. - Gottlieb, wiewol ein
mechtiger strenger ritter, so was er doch an gut nit so gar überflüssig reich;
derhalben nam er im einen kurtzen bedanck und sagt: Allergenädigster fürst und
herr, die sach ist nit gut abzuschlagen; dann die frauw ist schon, jung und
frumb. Darumb bit ich auff das demutigist, so müglich, euwer fürstlich gnad
wölle die sach zu dem zeitlichesten fürderen; will ich mich dannocht zu aller
zeit in eüwer fürstlichen gnaden diensten, auff das undertenigst und gehorsam
finden lassen.
    Alsbald nun das mal vollendet was und die taffel hingenummen, liess der
hochmeister die frawen für in beruffen, iren alle sach erzelende des ritters
halb. Die fraw zustund sich mit aller zucht und scham in des hochmeisters schutz
und schirm ergeben tet und imme irentalben zu handlen allen vollen gewalt
übergabe. Zuhand ward der tag angesetzt, und kurtz darnach beschahe der
hantschlag; dann was gern gaht, bedarff nit vil treibens. Wie aber und mit was
kostlicheit und freud die hochzeit volbracht ward, wöllend wir von kurtze wegen
underlassen, damit wir bald zu der materi greiffen, dovon dann diss ganz
büchlein sagen würdt.
    Diser ritter Gottlieb und sein gemahel also früntlich und fridsam und in
grossen freüden mit einander lebten; allein was ir gröste kummerniss, das sie
keinen erben von gott bekummen möchten, dann sie nun in das drit jar bei
einander gewont hatten. Gottlieb der ritter belib an seinem ampt, pflag des mit
grossem ernst und fleiss, hielte sich mit jedermann tugendtsam und früntlich, so
das in meniglich liebgewan. Der hochmeister in Preüssen versah in auch mit
guten lehen, so das er einen herrlichen und ritterlichen statt füren mocht, nam
fast zu an zeitlichen ehren und gut; allein bekummert in, wie obgemelt, das im
gott kein frucht bescheren wolt. Darumb er dann mit grosser andacht gott den
almechtigen täglichen batt, dem gelich tett auch sein liebste gemahel. Sie aber
baten allein gott den herren umb die frucht, wenig bedencken, das ihn auch die
gnad von gott verluhen wird, damit die frucht, so in von gott bescheret, in
seinem göttlichen willen und wolgefallen aufferzogen wirde, welchs dann, die
notwendigist bitt gewesen sein solt. Wie aber sie gott irer bitt erhöret und
gewert hat, wie auch das kind, so in gott bescheret, aufferzogen, werdend ihr
hernach hören.
 
                                       2.
Wie eines armen bauren weib eines schönen sons genass, und Gottlieb das kind aus
           der tauff hub, auch von seines gemahels und seiner gelübt.
Der edel und teür ritter Gottlieb hat in seinem lehenland einen armen
baursmann, frumm und gerecht, aber eines gar ruhen und groben verstands. Den hat
gott versehen mit einer tugentsamen haussfrauwen, welche ihm gar vil schöner
kinder gebar, die er dann in grosser armut, aber doch in der forcht gottes
aufferziehen tet. Der ritter und sein gemahel gross mitlyden mit ihnen, dem
bauren und seinem weib, hatten, im tägliche hantreichung tetten, seine kinder
mit speiss und kleideren versahn, und wo sie mochten zustatten kummen. Der baur
was genant Rudolff und sein gemahel Patrix.
    Nun begab es sich, das die gut Patrix aber eines kindes schwanger ging.
Sobald und sich nun die zeit irer geburt nehet, nam des ritters weib mit namen
Concordia die Patrix zu ir in ir behausung und befalh, man solt ir wohl und
ehrlich pflegen, glich als wann sie es selb were. Dann sie sprach: Diewyl mich
gott nit erhören will von meiner sünd wegen, so soll mir dise frauw einen trost
geberen, damit ich mein zeitlich freüd haben mag. Es sei gleich ein son oder ein
tochter, soll es in aller gestalt als mein eigen kind aufferzogen werden.
    Diss stund nit seer lang, die gut Patrix gewan grossen wehtagen (dann die
zeit irer geberung sich nehet) und gebar einen gar schönen knaben, so das
meniglich sagt, er sollte eines küniges son billichen erkant werden seiner schöne
und tugent halb. Von disem schönen kind name ir Concordia ein gar grosse freüd
und frolocket nit anderst, dann wann das ir eigen fleisch und blut gewesen were.
Jedoch zu allen zeiten ward sie auch hertzlich bekümmert und gedacht: Ach
almechtiger himmlischer vatter, wie unerforschlich sind deine gericht, wie
unausssprechlich deine milten gaben! Mir hast du verluhen gross gut und zeitliche
narung unnd mich aber diser freuden beraubet, unnd dise an zeitlichen güteren
arme frauw begabst du mit so manigfaltigen freüden, gibst ihr sün und tochteren,
in deren angesicht sie sich mit grossen freüden ersehen mag.
    Mit solchen gedancken die edel Concordia ire zeit verdreib; das kind aber
ward köstlichen unnd zertlichen ingebischlet unnd zu der tauff getragen.
Gottlieb der ritter ward selbs götti oder pfetter. Und als er jetzundt das zart
und schon kind also nacket und bloss auff seinen armen trug, erwag er gar
schwerlich, das er von gott nit möcht erhört werden, und mit bekumberten hertzen
sagt er: O mein gott und mein herr, dieweil mir diss kind als einem geistlichen
vatter bevolhen ist, so will ich auch sein zeitlicher vatter sein, es versorgen
und erziehen, als wann das mein eigen blut und fleisch were. Und ob du mich
schon mitler weil mit einem oder mereren kinden begabtest, will ich dannocht
diser meiner gelübdt nimmermer vergessen.
    Do nu das kind getäufft ward und man das wider zu Haus brocht, empfienge das
Concordia von den frawen, so das trugen, und brocht das zu seiner naturlichen
muter, sagt also: Patrix, mein liebste fründin, nim hin von mir disen schönen
und adelichen knaben, welcher dir von got beschert ist und dein eigen leiblich
kind! Denselbigen befilhe ich dir nun zumol als minen son, das du ihm an keinem
ding solt mangel lassen; und so dir etwas manglen werd, solt du mir das zustund
öffnen; bald soll dir semlicher mangel gewendt werden. Deines mannes und anderer
deiner kind solt du dir kein unmut tragen; dann inen soll guter raht beschehen.
    Wer ward jemals frölicher dann die frumb und einfaltig Patrix, welche
vormalen ire kindbetten in armen strowinnem hütlein hat aussbringen müssen, sich
mit milch, schwartzem rauhen brot und grober speis beholffen, in rauschendem
stro die nacht mit unrüwigem schlaff verzeren! Die aber lag jetz in fürstlichem
bett, ward mit guten pflegerin und vorgengerin versehen; man speiset sie mit
herrlichen kostbarlichen spysen, ir dranck was bei dem kostlichsten. Solche gute
wartung was der guten frauwen ungewon, nams also mit grossem dank an und ward in
kurtzer zeit gar schon und frech. Darbei ward auch ires gemahels Rudolfen nit
vergessen, darzu irer anderen kinder. Der ritter Gottlieb hat ein pfleg oder
vogtei in seinem land, welche jerlich ein schones inkummens hat; auff dieselbig
satzte er den guten und einfaltigen Rudolfen, der ime auch sein korn und frucht
getrüwlichen inziehen ward.
    Das lass ich stahn und kumm wider an des ritters weib, welche grosse freüd
mit dem jungen kind haben tet, jedoch von irern emsigen gebet nit abliess,
sonder got täglichen bitten tet; der sie dann zuletst geweret, und ward sich in
kurtzen befinden eines kindes schwanger gahn. Do ward grosse freüd bei ihr und
irem gemahel gesehen, auch von allen denen, so umb und bei in woneten. Jedoch
gewann sie iren angenummenen son je lenger je lieber; dann sie meint , alles
Glück käme von im; wie dann auch ist. Wer armen leüten guts beweiset,
denselbigen lonet got gewisslich hie im zeitlichen und dort ewig. Patrix, die gut
fraw, hat seer grosse freüd an irem son Fridbrecht; und als der eben eines jars
alt was, gnass Concordia auch eines jungen sons.
    Was aber für freüden und kostlicheit bei diser kindertauff und dem
geburtstag fürgangen, ist nit von nöten zu melden, dieweil bei unseren zeiten
von schlechten und gemeinen burgeren vil gepreng und kostlicheit fürgeht; dann
die tauffdecken und andere kleidung sampt den kintsbettstatten auff das
köstlichest müssen zugericht sein. Das lass ich einen jeden selb ermessen. Wie
auch die kinder in iren kintlichen jaren aufferzogen worden seind, will ich von
kurtze wegen underlassen und anheben zu beschriben von dem an, da der ein knab
sechs, der ander siben jar alt worden ist, wie und in was tugenden, künsten und
anderen mannlichen taten der ein durch gute geflissne lernung und underwisung
zugenummen, und der ander aber von wegen zertlicher, weicher und unstraffbarer
ufferziehung, dergleich von halstarriger böser Gesellschaft underweisen, gar
eines unkündigen, groben und unartigen verstands worden, so das menicklich den
edlen für einen bawren und des bawren son für edel schatzten.
 
                                       3.
Wie die beiden jüngeling zu schulen getan  wurden, und wie Fridbert, des bawren
            son, den Wilbaldum weit an der lernung übertreffen ward.
Als nun die kinder in gross lieb von dem ritter und seinem gemahel aufferzogen
wurden, ganz suber und zertlich mit gleicher kleidung und anderem versehen,
Fridbert der jüngling was jetzund siben jar alt und Wilbald, des ritters son,
sechsjärig, also das Gottfriden dem ritter gefallen tet, die kinder zu der
schulen und andren freien künsten zu ziehen. Des er dann fründtlich mit seinem
weib sich underredt, wurden also glych mit einander beschliessen, im also
nachzukommen. Der ritter sach ihm umb einen frummen züchtigen knaben, welcher
sie zu schulen fürte und fleissige sorg und achtung auff die beiden jungen hett.
Denselbigen iren pedagogen versolt der ritter erlichen und wohl; mit kleidung,
büchern und allem dem, so im von nöten was, ward er auff das rüchlichst
versehen.
    Der gut jung underzog sich der kinder mit ganzem fleiss, damit die kinder
früntlich und nit mit bolderischer weiss zu der lernung gezogen wurden. Diss
verfieng auch an den beiden kinden seer wohl. Dann sie in kurzer zeit dohin
gericht wurden, so, was in fürkam, sie lesen und schriben konden, und insonders
Fridbert, welcher sich dermassen mit so gar grossem fleiss auff die lernung
begab, das sich sein schul- und zuchtmeister des nit genug verwunderen mochten.
Darumb sich dann sein zuchtmeister anam, in etwas darvon abzuziehen, damit der
jung nit blöd wird. Beiweilen so furt er die beiden jungen in die lustigen
grunen wisen, ein andre zeit in die schönen gepfiantzten gärten, etwann in die
grünen wäld, domit sie ir gemüt durch der vogel singen erlustigten. Dann ihm was
unverborgen, das zu vil emsiges anhalten zu der lernung nicht anders geburt dann
melancolia und andere schwere zufell, sonderlich bei den subtilen ingenia.
    Wann sichs dann begab, das Wilbaldus und Fridbert sampt irem zuchtmeister
spatziereten und mit inen andre junge knaben ires alters, so was alweg Fridbert
der freüntlichest, züchtigest und ernstaftigest. Er underzog sich nit vil
kindischer sachen, als mit den kloss, klucker oder anderen zu spylen, sonder
sucht er seinen lust in den schönen naturlichen gewechsen als blumen und anderen
zierlichen kreüteren; deren gestalt und schonheit er alweg mit ganzem fleiss
beschawen und betrachten tet, seinen zuchtmeister, so weit sein kindischer
verstand grieffen mocht, von disen und anderen naturlichen dingen fraget, auch
ein jedes mit seinem eigen nammen nach latinischer sprach begert zu erlernen,
mit rechtem nammen zu nennen. Sobald im dann sollichs von seinem meister gesagt,
bald was er gerüst mit einer schreibtaffel, verzeichnet ein jedes ganz fleissig
uff.
    Wilbaldus aber, sein vermeinter bruder, treib gleich das widerspyl, suchet
sein Gesellschaft; die mit im unzüchtiglichen hin und har umbschwirmeten,
jetzund schlagen, dann rauffen, und nam sich auch der lernung gar wenig und ye
lenger ye minder an. Darvon ward sein zuchtmeister unmutig, straffet in zu
zeiten mit freüntlichen worten, also sprechend: Mein allerliebster Wilbald, wie
magstu deinem bruder so ganz ungelich läben, und sichst doch, wie loblich im
anstat, das er sich nach seiner jugent so zierlich und weisslich haltet. Ach,
ergetz dich mit im und mit dem, darin er freüd und kurtzweil suchet, und folg
nit also den groben unadelichen jungen, die sich keiner tugent, sonder aller
unzucht befleissen! Du sichst, von inen das alter verlachet und verspot wirt;
all zucht, forcht und scham ist bei denen in keinem wert gehalten. Nun schaw,
mein Wilibald, diser, wiewol er von geblüt dir gar nit verwant, sonder von
deinem vatter und muter an eines kindes statt angenummen und dir gleich wirt
aufferzogen, er tritt in die adelichen füssstapffen, glich wer er von adelichen
elteren geboren. Er geselt sich zu denjenen, bei welchen er mag kunst und
wyssheit erfaren, und nicht zu dem unverstendig pöfel, wie du gewont bist. Was
meinst du doch, wo dein herr vatter und dein fraw muter die sach recht erwegen
und bedencken, was ihn semlichs für ein krütz an irem hertzen bring, das du als
ir warhaftiger unnd naturlicher son, von gutem adel geboren, mit disem deinem
angenummenen bruder in gleichem flyss aufferzogen wirst und aber die zucht und
straff so wenig an dir weder an im verfallen will! Dann er dir in allen dingen
weit und starck fürzüht, an vernunft nimpt er zu, so befleisst er sich aller
tugend, kunst und lernung, er ist forchtsam, gehorsamm und doch frölich. Dem
wöllest du auch nachfolgen und andre deine Gesellschaft vermeiden, wellichen
dann dise ding ganz widerwertig seind.
    Dise und deren glichen wort wurden offtmals mit dem jungen Wilbaldo geredt;
es verfieng aber gar wenig an im, und liess im solche warnung und leer alweg zu
einem oren hinein, zu dem anderen wider heraussgon; wie dann zu unser zeiten die
zartgezognen sünlein noch gewonet seind. So im dann sein zuchtmeister zu hart in
den schilt wolt reden, bald lieff er zu seiner muter, klaget ir sein kummernis.
Die kam dann bald zu dem zuchtmeister Felice (dann also hiess er mit namen), bat
in, das er der blödigkeit des knabens verschonet; er wer doch noch gar kindisch,
darzu hett man in nit darumb zu schulen geschickt, das er solt doctor werden,
allein darumb, das er im lust, freüd und kurtzweil mit anderen jungen
seinesgelichen haben möcht; ihm were auch als einem einigen son nit von nöten
vil zu erkunden und zu erfaren; dann er hett wohl in seines vatters Haus zu
bleiben und ser grosses guts warten; darumb solt er in in seinem fürnemen
onbetrübt lassen hinfaren.
    Der gut Felix liess die sach also hingon, wolt nit vil mehr darzu reden,
gleichwie noch geschicht in unseren schulen. So etwann vatter und muter einem
schulmeister ein kind bevelhen und der schulmeister wendet sein möglichen fleiss
an, das kind ist mutwillig ongezogen, fleisst sich aller buberei und mutwillens;
so dann meint der gut mann das kind zu straffen, streichs etwan ein wenig mit
ruten, sobald lauffts hin, sagt das vatter und muter. Die kummen dann mit
grossem grimm und zorn zu dem schulmeister, verweissen im schandtlich, sprechen,
er hab ihn ihr kind gegeisslet wie die juden unseren herren, nemmend beiweilen
die kinder wider aus der schul, sagen, sie können ire kinder noch wohl selbst
straffen. Domit so goht dann das schiff an; dann unser son hat jetz- und schon
den halsstarck. Stat nit lang, er gibt wenig und alsbald gar nichs umb vatter
und muter, und das soll auch also sein. Wolan des genug! Ich kum wider an die
matery.
 
                                       4.
Wie Wilbaldus sich an ein verruchten jungen hencket, welcher in gentzlich gegen
               seinem gesellen Fridbert in feintschaft beweget.
Den halstarck, so Wilbaldo von seiner muter gegeben, hat er bald zu hertzen
gefasset, seines zucht- unnd schulmeisters straff und warnung wenig mer zu
hertzen gefasset, also mit anderen üppigen knaben als mer Gesellschaft gehabt,
davon dann sein gesell in grossen unmüt gefallen und die böse  Gesellschaft
understanden von im abzulernen, insunders einem jungen, genant Lotarius, eines
metzgers son; dann derselbig mer dann andre in aller Bosheit geübt und erfaren
was. So dann Fridbert sehen müsst, das sein bruder oder gesell mit disern
ungezognen vogel gemeinsam hatte, so schwand im sein hertz in seinem leib vor
grossem unmut. Nun was Lottar ein freidiger und freveler junger, friss sich aller
guten stück, als; mit liegen, triegen, schlecken und stelen; und was er dann
also überkommen möcht, was an der stet verspylet.
    Eines tags begab sichs, das Fridbert seinen gesellen, der dann jetzund auff
die zehen jar alters auff im hatt, bei im, dem Lottario, in einer tabern fand
schlecken und spylen. Fridbert, ein jungling oder knab von eilff jaren fast
kluger und vernunftiger sinn, fieng an den Lottarium zu straffen und sagt:
Lotari, deinen namen tust du ganz wohl beweren; dann du mir mein liebsten
bruder und gesellen auch understost zu deinem lotterwerck zu ziehen. Wann hat
dein verwegen- und schalckeit dolest ein end? Wilt du nit gut tun, ach, so lass
mir doch mein lieben bruder onverwent und onverfüret! Wo du aber je dich deiner
Bosheit nit massen wilt, so sag ich dir, das ich diss und alles meinem herr
vatter und meiner frauw muter anzeigen will. Sodann wirst du deinen lon von ihn
empfahen.
    Lottarius, ein verwenter freveler junger, etwas stercker und krefftiger an
glideren dann Fridbert, stund trotzlich gegen im auff und sagt: Ey du verwenter
bawrenson, dessen vatter jederman wohl erkennet, wie gern woltest du dich eines
ritters son vergleichen, und der du umb gottes willen von herren Gottlieben
auffgenummen bist, woltest dich jetzund seinen son nennen und schreiben lassen!
Gang hinaus auff den meierhoff zu deinem vatter! Den wurst du finden mit einem
mistkropffen oder mit einer hewgabell; das seind seine ritterliche wafen, mit
und in denen er sich zu aller zeit befleisst seiner ritterschaft, würt auch kein
anderer adel von im gerümet; und stunde dir auch vil bass an, wann du dich nach
deinem vatter artettest, dann das du also eines ritters son wilt genant sein.
Ich sage dir auch, wo du mich mer mit sollichen trotzlichen worten wirst
anfaren, wie du mir dann jetz getan  hast, dir soll nichts guts von mir
widerfaren. Demnach wiss dich zu halten!
    Fridbert, der gut jungeling, mit grossem kummer umbgeben ward, als er
vernam, das ihm seines vatters schlecht herkummen von dem frevelen Lottario also
schmechlich auffgerupffet ward, und er sich aber seines vatters nie hat
verlougnet, fieng an mit zeherenden augen und demutiger stimm zu reden: Ach mein
lieber Lottary, meiner armut hab ich mich nie beschambt, mich auch zu keiner
zeit lassen edel schelten. Darumb ich aber meinen lieben herren einen vatter und
mein liebe frawen eine muter genant, hab ich aus keiner verachtnüss meiner
elteren getan , hab auch kein hoffart darin gebrauchet, wie mir dann söllichs
von dir zugemessen wirt. Gott wöll mir aber die genad geben, das ich umb alle
die der gutat vergelten müg, so mir widerfert, und sonderlich umb meinen lieben
herren und fraw, die mich so schon und so lieblich erzogen hand. Aber du und
alle die, so mir unverdient diss zumessen, als wann ich mich eines andren
herkummens rümet, dann wie ich von meniglichen geacht und auch wissentlich und
worhaftig gehalten wird, werden sehen und erfaren in kurtzer zeit, das ir mir
dis mit unrecht zumessen.
    Mit semlichen worten ging Fridbert gar betrübt von dannen, gedacht im
mancherlei, wess er sich in solcher sachen halten wolt. Zulest nam er im
gentzlich für, seinen herren und frawen umb ein früntliches urlob anzusprechen
und witer an anderen orten sein heil suchen. Doch so fragt er zuforderist seinen
zuchtmeister, wes er im darin zu rhaten, demselbigen wolt er auff das baldist
nachkummen.
    Als nun Fridbert von seinem gesellen und Lotario gegangen was, fieng der
verrucht und sehalckhaft jung Lotar mit Wilbaldo, des ritters son, an zu reden
und sagt: Mein edler Wilbalde, was gibst du mir zu verehrung, das ich deinen
widerwertigen angenummen bruder also mit meinen dapfferen worten und zornigen
geberden von uns gejagt unnd vertriben hab? Fürwar du solt meinen worten
gelauben: wirst du dich einmal disen bawrenson under sein joch bringen lassen,
du kumst sein in ewigkeit nit mehr ab. Dir ist es nit loblich; dann du noch in
zwei oder dryen jaren ein schöner junger manbarer edelmann erscheinen wirst,
auff welichen menigklich ein auffsehens haben wirt, magst auch deines adels und
geburt halben noch dahin kummen, an welche ort diser bawrenson nit dörfft
gedencken. Deren ding du ungezweifelt gut wissen treist. Darzu so sichstu, das
dein herr vatter und dein fraw muter einen kleinen gefallen an dem haben, das
dein zuchtmeister dir so hart ist, wie ich selb von dir verstanden. Dir mag an
gut, reichtum und ehren nit zerrinnen. Hab nur ein guten mut! Ich will mich
alzeit bei dir lassen finden; der dir leides tut, muss mich zuvor beleidigen. So
mir dann beid zu manbaren jaren kummen, will ich dein diener sein, und was du
mich heisest, gebütest, ermanest, soll zustund von mir erstattet werden. Dann in
dein dienstbarkeit hab ich mich schon jetz ergeben. Gebeüt, heiss mich gleich
jetz, was du von mir haben wirb! Du solt meine willige dienst erfaren. Ich beger
mich dir nit gleich zu schetzen als einen bruder, wie dann diser baurenson
understaht, sunder will dir sein als ein gekauffter knecht. Das vertrauwen solt
du zu mir haben jetz unnd zu allen zeiten.
    Mit disen worten endet der schalck seine red. Der torecht jung edelmann
verstund die sach nit, das ihm die zu solchem grossen nachteil reichen würd. Das
zusagen aber und versprechen des Lottars gefiel im aus der massen wohl; dann er
meint  sich schon ein juncker sein, wie dann gewonlich alle jungen geneigt
seind, wo sie etwas guts und rychtumb hinder in wissen. Darumb so fieng er an
von disem tag sich fast wider Fridberten zu setzen, und wollte im gar nicht
gefallen, was er anfing. Des im dann Fridbertus nit wenig unmut und bekümerniss
nam, also das er nit mehr frölich gesehen ward.
    Des nam sein zuchtmeister, welcher dann ir beider zuchtmeister was, ganz
fleisig war, stalt Fridberten darumb zu red; der im dann all ding zu wissen
tet, was sich zwischen ihm und seinem lieben gesellen verlauffen hett. Felix
der zuchtmeister sagt zu ihm: Mein lieber Fridberte, nicht lass dich semlichen
unverstand deines gesellens krencken, lass dir auch die bossbeit Lottary nit
angelegen sein! Dann ich hab mich vor lang beflissen deinen gesellen auff gute
und rechte ban zu bringen. Die liebe aber, so sein muter zu im treit, hat
semliches fürkummen. Dann als ich in auff ein zeit freüntlich und ganz
tugentlichen straffet, hat er das zustund seiner frauw muter angezeigt; sie als
ein liebe muter iren zart erzogenen son liebhabend, nit hat gestatten wöllen, im
etwas unwürses zuzureden und mich auch mit freüntlichen worten darfür gebetten,
im semlichs zu erlassen. Also hab ich ihr gefolget und mich in solchem fal
gemasset, ihn mit worten oder wereken zu straffen. Das magstu auch tun, mein
lieber Fridbert. Gedenck, was dir nutz sei, und hang nit böser Gesellschaft
nach, biss in deiner lernung geflissen! So magstu noch zu hohem stand kummen
onangsehen deiner nidrigen geburt.
    Auff sölliche wort antwort Fridbert: Wolan, muss ich dann meinen lieben
gesellen also durch böse Gesellschaft sehen undergon, so muss mich immer reüwen,
das ich an seines vatters tisch erzogen worden bin, und nit wie andere
geschwistert in meines vatters armen heüsslein mein jungen tag herbracht hab. So
wisst ich doch nit von sollicher kostlichkeit, sonder meint , ich müsst also arm
sein und bliben. Aber eh dann ich will mein liebsten gesellen in semlichem
verderben sehen, eh will ich von meinem liebsten herren und frawen hinwegziehen,
do man mich nit mehr erfaren soll.
    Also mit weinenden augen endet er sein red. Mit lachendem mund Felix der
zuchtmeister anfieng zu reden und sagt: Mein frummer Fridberte, nit nim die sach
so schwerlich zu hertzen! Setz dir nit für, darumb dein vatter, muter, herren
und frawen zu verlassen; gedenck und betracht mehr, wie du in deinem guten
anfang, so du hast, fürfaren mögest! Du hast zimlich und wohl studiert, so du im
anderst obligst. Darumb wöllest noch ein jar oder zwei gedult haben. Wo ich dann
in läben bin, will ich mit dir ziehen, war dein herz lustet. Wend die sach auch
mit solcher bescheidenheit angreiffen, das wir freündtlich von unserem herren
wöllend abscheiden. Sollichs mir und dir zu mererem lob reichen würt, dann wo du
so heimlich on allen abscheid und urlob hinwegzuhest. So magstu auch an frembden
orten mehr von unserem herren dann von dir selb gefurdert werden. So weiss ich
auch, das er nimmermehr hand von dir wirt abziehen, wo du im anderst volgen
wirst. Jedoch beflyss dich nichs desto weniger alle zeit noch bei inen zu sein,
domit sie dannocht etlicher schalckeit sich massgen! Wo anderst ein kleines
fincklein der erbarkeit bei Wilbaldo glunset, wirt es durch fleissige hut etwann
wider zu einem guten feürlein mügen auffgon. Sodann er auch sehen unnd spüren
wirt, das Lottarius mit so manigfeltigen lastern umbgeben und behangt ist, wirt
im veilicht sein Bosheit zuletst missfallen und sich wider in zucht und scham
begeben; so würt dann gewiss der scham nachfolgen ein ehrlich gemüt. Darumb, mein
Fridberdt, vertrag die sachen noch ein zeitlang mit gedult! Wer weisst, zeit wird
rosen bringen. Frew dich aber zum allermeisten, das dir gar kein schuld an disem
üblen zugemessen werden mag, es gerhat gleich wie das wöll. Mit disen worten
endet er sein red.
    Fridbert nam urlob von seinem zuchtmeister, ging mit bekummerten hertzen in
einen lustgarten, den unfal seines bruders mit schmertzen bedencken. Solang es
jetzund umb den nachtimbis ward, kam er nach seiner gewonheit, bereit die tisch
und wartet also seines amptes mit ganzem fleiss und ernst. Als aber sein herr
und frauw kamen das nachtmal zu volbringen, haben sie beidsamen nach irem son
Wilbaldo geforschet; der aber nit vorhanden gewesen. Fridbert mit einem schweren
seüftzen antwortet, er hette ihn bei Lottario und seiner Gesellschaft
verlassen; dann er in nit vermögt hett von in zu bringen. Deren wort ihm der
ritter nit gross gefallen nam.
 
                                       5.
   Wie Gottlieb ernstlich den Fridberten nach seinem son fragen tet und inen
                     seinem zuchtmeister von neüwem befalh.
Gottlieb der ritter, nachdem und er vernam, das sein son sich einer anderen
gesellschaft underziehen tet, ward er von hertzen seer bekümmert, fragt weiter
und sagt: Fridbert, mein lieber son, wie das mein son Wilbald sich ander
gesellschaff underzücht und dich verlasset? Die sach muss nit recht zugon. Habt
ir euch mitnander gezancket? Das solt du mir sagen. - Ach nein, lieber herr,
sagt Fridbert, dann das er sich zu einem bösen jungen gesellet, welcher gar
schnöder stück pfleget, so einem frummen knaben nit gezimmen.
    Wer ist derselbig? sagt der ritter. Antwurt Fridbert: Er ist eines metzgers
son und heisst mit namen Lottarius. Sein, gröste tuget ist anders nichts, dann
liegen, schlecken und stelen, die knaben von den tilgenden zu den lastern zu
bringen. Den hab ich heüt mit worten gestrafft, er solle mir meinen lieben
bruder unverfürt lassen und seine bubenstuck sunder inen vollbringen. Darauff
hat er mich so gröblich aussgangen, mir mein vatter unnd muter irer armut halben
fürgeworffen, mit treuworten dermassen angefaren, das ich ihm als dem
sterckisten hab müssen platz geben.
    Spricht der ritter: Was sagt mein son Wilbald darzu? - Grar nichts, sagt
Fridbert, dann das er mit lachendem angesicht umbwandt, ein lange gerten in
seiner rechten haltend, mit welcher sie der zeit haller und pfennig aus einem
runden krütz oder ring schussen. Sie gebrauchen sich auch beiweilen der wirffel
und karten; dann diser Lottar nimmer auff der gassen funden wirt, er hat zum
wenigsten karten oder würffel im busam.
    Von solichen worten ward Gottlieb nit ein wenig bekummert, fieng also ganz
mit zorniger stimm an zu Felixen, welcher beider jungen zuchtmeister was, zu
reden, sagt also: Felix, mein vertrauwen und hertz ist anders zu dir gestanden;
het wohl vermeint, du hettest mir meinen son in grösser unnd sörglicher achtung
gehabt, domit er nit mit sollicher bösen jugent in kuntschaft kummen wer. Einem
pedagogen gebürt fleisiger auffsehens auff seine discipel zu haben. Dem allen
aber sei jetz wie im wölle, so gebeüt ich dir, so lieb dir mein früntschaft
sei, wöllest mit allem fleiss und ernst auffmerckung haben, meinen son wider in
die forcht ziehen und kein rut an im sparen, damit er von solcher üppigen und
bösen gsellschaft abstand, wider in sein erste zucht und scham trette. Dann wo
er in der bösen würtzlen erwachset, ist ein sorg, man inocht in nit mehr darvon
abziehen mögen. Derhalben tu als ein getreüwer zucht- und lermeister! Deiner
ruten nit milt sein solt und die nach aller noturfft gebrauchen.
    Als Felix von seinem herren den zorn vernemen ward, sagt er: Allerliebster
und getreuwer herr, mein fleiss, müh und arbeit hab ich alle meine tag an euweren
son nit gespart, wie dann sein anfang wohl erzeigt hatt. Darumb bitt ich, mir
anders nicht vertreüwen wöllend.
    Dieweil sie also mitnander sprachen, kumpt Wilbaldus mit schnauffenden atum
gelauffen unzüchtiger geberden, mit ungewäschen henden zu dem tisch ylende,
gleichwie ein unvernunftiges tier zu den oss lauffet. Der gut Felix in
züchtiglich darumb straffet, des im Wilbaldus einen bösen und schalckhaften
blick geben tet. Der vatter semlicher seines sons geberden, wohl wargenummen
bat, darvon ihm das hertz im leib heimlich weinet; mit einem schweren seüfftzen
gen himmel sehend und mit schmertz gedencken tet: O du mein himmlischer vatter,
wie seind doch deine gaben so wunderbarlich under die menschen aussgeteilt! Denn
diser mein son mir des ein war exempel ist. Ich wolt in gern auff kunst und
tugend aufferziehen lassen, auch all mein fleiss daran wenden, damit er mir an
adelichem gmüt ein nachvolger were. O lieber gott, so nimpt er im anders für;
das macht sein üppig und böse  gsellschaft, die ihn dann zu sollcher büberei
abrichtet. Dargegen aber ist mein ander son, welchen ich an kintsstatt von
meinem meier [überkommen hab], eines andren gemüts. Wiewol von armen groben
leüten erboren, er aber befleisst sich aller kunst unnd tugendt; er ist
forchtsam, warhaft, still und gehorsam seinem schulmeister und pedagogen. Wie
soll ich ihm aber tun, dieweil ich sich, das kein zucht noch straff an meinem
son verfahen tut?
    Als nun Gottlieb lang also gesessen ungeredt in himmel sehend, dem auch zum
teil seine augen mit wasser beschwert, sein weib des vor andren am tisch mit
erst warnam, anhub gar früntlich mit ihm zu reden: Mein liebster herr und
gemahel, was beschwert dir dein gemüt, das du nit essen noch frölich sein wilt?
Sag mir dein anligen; ich will dich, so mir andersst möglich, mit hertzlichem
trost ergetzen.
    Gottlieb sein liebe haussfraw mit einem schweren süftzen ansach, seine hend
zusamen schlahend, unnd mit bekummerten hertzen zu ir sagt: O Concordia, mein
liebe gemahel, mein beschwernüss, so mich so hart bekummert, ist nit klein,
dieweil [ich] all mein hoffnung auff disen unsern son gesetzt, aber sehen muss,
das er so ganz übel gerhaten will, sich böser loser buben und gesellen
underzucht, von welchen er nichs gutz sehen oder lernen mag. Aber all unzucht
und mutwillen in im würzlet, das zu sorgen ist, er werd nimmer davon ablassen.
Das ist mein gross beschwerniss, so ich an meinem hertzen tragen tun, würt mir
auch die gröst fürdernüss zu meinem grab sein.
    Concordia die fraw freüntlicher wort anfieng zu reden: Lieber herr und
gemahel, nit lond euch die torheit und kindischen geberd unsers sons so grösslich
bekummern! Habt ir doch oft selb gesagt, witz kumme nicht vor jaren! Lond sein
jugent ein wenig bass verwüten! Ich getreüw im, er werd unser beider geschlecht
ersetzen, so ihm anders gott sein läben lasst. Juget lasst sich nit verbergen, ja
auch in kein sack verknüpffen. Darumb, allerliebster herr, sollend ir solchen
kummer von hertzen schlagen.
    Gottlieb antwurt: Liebe Concordia, du sichst aber, das er von tag zu tag
unzüchtiger, unforchtsamer wirt. Semlichs ist ein bösy zuversicht, das besserung
an im zu warten sei. Dann erstlich, als er zu schulen gangen, hat er sich, sovil
seiner jugent gebürt, in allen tugenden beflissen, biss er sich von Fridberten,
seinem mitgesellen, gewendet und ander bösen gesellschaft sich underzogen.
Fridbert aber in seinem fürnemen teglich befleisset, je lenger je geschickter zu
werden. Solichs, meint ich, solt unser son auch tun.
    Als nun vatter und muter also mitnander redten, stund Wilbald, hort iren
worten zu gleich wie ein gans der predig, gedacht in im selb: Wer der imbis
volnbracht, ich wolt mich wider zu meinem Lottario fügen; der gibt mir mehr
freüd dann euwer tant. Gottlieb in gegenwertigkeit seines sons befalh dem
pedagogen Felixen, das er mit fleiss witer auffsehens haben solt, seinen son in
der ruten halten und von solcher bösen und unzuchtigen Gesellschaft abziehen, im
aber ander erbar knaben erwölen; die möcht er dann wohl mit im zu Haus bringen,
frölich und guter ding mit denselben sein, in die gärten und grünen feld unnd
wald spazieren.
    Dis geschach; es weret aber nit lang; dann Wilibaldus sein alte Gesellschaft
wider suchen ging, wie volgen würt.
 
                                       6.
Wie Wilibaldus ein kleine zeit in seines zuchtmeisters straff verharret, sonder
   ihn, als er von ihm gestrafft, mit eim messer durch einen schenckel stach.
Wilbald, als er die wort von seinem vatter vernummen, ist er ein klein wenig
erschrocken und heimlich mit ihm selbs zu redt gangen und gesagt: Wilbald, wie
schmackt dir die kost? Du must die nuss krachen und des heuws essen, sing gelich
sauwr oder süss. Hei, was werden aber meine guten gesellen darzu sagen, wann ich
mich iren so ganz und gar entziehen soll? Nun wolan, ich muss raht haben mit
meinem Lottario, sobald ich ymmer heimlich mag zu ihm kummen unnd solchs mein
pedagog nit erfaren kann; dann sunst wirt mein gar übel gewartet. Zufordrist aber
will ich mich zur muter heimlich fügen, mich mit weinen und klagen gegen ir
erzeigen und ir mein zwangsal klagen, das man mich so gar in ein bockshorn
understand zu treiben, will mich auch darbei annemen hinwegzulauffen. Was gilt
es, sye würt mit Felixen, meinem pedagogen, verschaffen, das der sachen guter
raht geschehen wirt und ich meine guten gesellen nit also an kopff schlagen
darff.
    Als Wilbald solche wort mit im selb geredt, ist er zu seiner muter gangen,
welche er gar einig in einem stüblein sitzen fand, hat aber gar nichts mit ir
geredt, sonder ganz feischlich, angefangen zu weinen. Die muter von ires sons
klag nit kleinen unmut empfangen hat, mit linder und senfter stimm zu ihm
gesprochen: Mein son, was ist diss für ein neuws an dir? Was kummert dich? Bist
du kranck, mein son? Zeig mirs bei zeiten an, damit ich raht darzu finden mög
und dir deiner kranckeit zu hülff kummen!
    Wilbaldus anfieng: O muter, sagt er, mir armen knaben! Soll ich, der vom
edlen stammen und einem ritter geboren bin, also von einem schlechten studenten
geplagt und gemeistert sein? Das tut mir so weh, das ich sorg, mein hertz werd
mir darvon zerspalten. Ja, eh dann ich mich also in ein bockshorn zwingen
lassen, will ich eh meines vatters huld und gnad verlieren und hinweglauffen,
einem bauren die ross treiben oder der schwein hüten. Was darff mich mein vatter
also zu der schul zu zwingen, dieweil ich kein doctor noch pfaff beger zu
werden! Wann mich dann mein vatter zu einem ritter machen will, darff ich keines
schulers, mich der ritterschaft zu underwysen. Dann ich bei meines geleichen
unverzagten knaben mehr mannlich dann in der schulen werden mag. Dieselben sich
keines dings schammen, sich vor niemant entsetzen, und ob er gleich älter ist
dann sie, wissend sie einem yeden ein spetzlein anzukleben. Was kann aber mein
gsell Fridbert anders, dann, so man ihn straffet unnd nit gleich tut, was er
will, spricht er: Wolan, ich wils gott befelen! facht zu zeiten an zu weinen, wie
an der kintbetten. Was soll ich dann von im mannlichs leren? Darumb bitt ich
dich, liebe muter, wöllest mit meinem vatter verschaffen, das er mir semlich
band ufflöss. Sunst will ich und weiss auch nit zu bleiben, darnach weiss er sich
zu richten.
    Die muter, als der weiber gewonheit ist, iren son mit ruck anfur, sagt aber
mit sanften worten zu im: Mein lieber son, du must dannocht deinen vatter vor
augen haben. Bedenck doch, wie lieb er dich hat! Dann all sein sinn und
gedancken statt nach dir; das drit wort, so er redt, ist von dir, seinem son.
Soltest ihm dann nit volgen, du müstest gott schwerlich antwurt darumb geben.
Derhalb, mein lieber son, nimm dir nit ein semliche böse Meinung für und bis
getröst! Ich will mit deinem zuchtmeister wohl verschaffen, das er dich nit so
ganz hart halten soll; ich kann ihn mit schencken unnd gaaben wohl dahin bringen,
das er dir ganz lind und milt sein soll.
    Wilbaldus von den worten seiner muter nit wenig halssstarck empfahen tet,
fieng sein altes wesen wider an mit seinem gesellen Lottario; sie vertreiben ir
zeit mit spylen, schlecken, liegen und allem mutwillen. Wann dann Felix, sein
zuchtmeister, von ungeschicht darzu kam, seinen jungen Wilbaldum straffet, bald
lieff er zu seiner muter, beklagt sich des. Bald lieff sie zu Felixen und fur in
schnartz an, er sollte ires lieben sons und seiner jugent verschonen; dann witz
kem nit vor jaren. Wann dann Felix anzeiget den befelch seines herren, sagt, die
fraw: Hei, es muss mein herr und gemahel nit gleich alle ding so gar eigentlich
wissen. Mein Felix, du must zu zeiten ein aug zutun; und wann du weist mein son
bei seiner gselschaft kurtzweil treiben, so gang du einen andren weg und tu
gleich, als wann dir nichts darvon zu wissen wer! Daran tust du mir ein sunder
gross gefallen. Ich will dir auch, so mein herr schon semlichs erfaren würt, wohl
überhelffen; darbei solt du auch guter schencken von mir warten sein.
    Felix, welchen zum teil der frauwen wort nit gefielen, noch gedocht er:
Wolan, der son ist dein. Gerat er wohl, so mag mirs nit sundren nutz schaffen;
würt er dann zu eim unützen lotter, hei so must du in behalten und die schad mit
im dulden. Darzu bewegt in auch die verheisung und schenckung, so im die fraw
angebotten hat, liess also allen fleiss gegen seinem discipel fallen und wendet
den auff Fridberten. So dann schon der ritter die ding beredt, kond im sein weib
allwegen einen affen machen, wie dann solche müterlein gewollt sind. Sodann
sieht man auch wohl, wie beiwylen ire sönlein gerhaten, die beiweilen irer
meister straff und zucht verachten, biss sie zuletz den hencker zu einem
schulmeister müssen annemen; das dann iren eiteren oft zu grossem übelem jamer
und klag erwachssen tut.
    Das bleib also. Wilbaldus, welcher bald an seinem zuchtmeister verstanden
hat, das sein muter mit im geredt hat, ist er erst in grossem mutwillen
ersoffen, hat bald seinen Lottarium seiner freiheit bericht. Des sich dann
Lottarius mit im grösslich erfreut, hat im von neüwem undericht geben, wes er
sich mit und gegen der muter halten soll, sagt also: Mein Wilbalde, yetz magstu
wohl frölich unnd wohl zu mut sein. Dann gewiss wirt dein fraw muter des schnöden
bauren son nit mehr gestatten, also gegen dir zu halstarren. Du must dich aber
auch mit ganzem ernst wider des bawren son streüssen; wann er dich dann
understat zu überrafflen, will ich im warlich sein balg dermass einmal erzausen,
er soll sein tag an mich gedencken. Weiter mustu, mein Wilbaldss, auch anfahen
die muter timb gelt anzusprechen; das will ich gegen meinem vatter auch tun. So
mir aber das nit gelingen will, weiss ich ein andren rhat. Dami ich hab mit fleiss
wargenummen, wann mein vatter von der fleischbanck heimkumpt, setzet er zu allem
mal sein losung in einer schissel in seiner schlaffkammer auff den schafft; do
mag ich allweg mein teil von nemen, damit ich mit dir und andren unsern gesellen
frölich sein mag. Also solt du auch gedencken zu tun. Du sichst, mir fahend an
albeid auffwachsen. Wo mir uns nit zu zeiten in den weinheusern und bierheusern
finden lon, müssen wir von andren jungen gesellen und knaben unsers gleichen
verachtet sein, wie du dann selb sehen und speuren magst. So dann mir zu
mannlichen alter kummen, hand mir weder wein noch bier in gewonheit zu trincken,
und sobald einer in ein glas oder krausen gutzet, ist ihm schon der dürmel im
kopff. Darumb gebürt uns, so wir anderst der jetzigen welt nachvolgen wöllen,
müssend wir uns auch nach deren richten.
    Wilbaldus mit ganzem ernst der guten und getreüwen leer Lottari zuhorchet,
welch im auch zulest grossen nütz bracht; ja hindersich, wie ir dann noch wohl
vernemen werdt. Also fiengen sich gemelte zwen jungen in liegen, triegen,
schlecken und stelen zu üben, treiben das auch gar lang mit sampt andren
verweilten jungen irs gleichen mit wirffel unnd karten, lereten sie auch dapffer
rauschen und tauschen; in summa aller guten stücklein übten sie sich, die dann
all zum galgen fürderen. Also gadt es noch zu, wann wir nit mügen leiden, das
unser lieber son von seinem preceptor gestrafft würt.
 
                                       7.
Wie Wilbaldus von seinem vatter in einer tafern funden ward, seinen knecht nach
    im schicket, aber gar ungehorsam von seines vatters knecht funden ward.
Ir habend genugsam verstanden, mit was guter underwisung der schandlich
Lottarius den edlen jungen Wilbaldum von jugent auff hat angefürt, welchen
Wilibaldus mit gar grossem fleiss nachvolget. Treiben das je so lang, biss zulest
der alt ritter Gottlieb eines tags auf die spaur kam, fand sein son und gute
gesellschaft bei einander in einer tafern, do sie im dann von einem seinem
guten fründ verkuntschaft wurden. Er ward ser von hertzen betrübt, brach im
doch selb ab und schicket seinen reitknecht hinin, liess seinem son zu Haus
verkünden. Der dann nach seiner gewonheit nit gleich gehorsam was, sunder bei
seiner faulen rott beharret, biss ihm wolgefallene zeit kam; dann er wohl wusst,
die muter das best zur sachen reden wird, wie dann vor oft geschehen war.
    Als nun der gut alt ritter zu Haus kam, was er unmütig, seines sons mit
verlangen wartet. Als er aber nit kummen wolt, schickt er nach Felixen, sines
sons zuchtmeister; dann er argwonet in auch bei solcher rott zu sein und seinem
son durch die finger sehen. Sobald nun Felix für den ritter kam sampt
Fridberten, seinem andren jungen, fieng Gottlieb, der alt ritter, aus grossem
zorn an zu reden und sagt: Ich hab dir, Felix, zu vil malen deinen unfleiss gegen
meinem son fürtragen; was aber semlichs an dir verfangen, muss ich jetz leider
von meinen guten freunden bericht werden, welche dann warlich mehr achtung auff
meinen son dann du habend, welche mich, in zu finden, für ein offen taffern
gefürt hand, do ich in sampt anderen jungen bösen buben fand in allem laster und
schanden sein zeit und jugent verzeren. Daran du allein, als dem er befohlen
ist, schuldig bist, des ich dir dann nie vertrawt hett, sunder verhoffet, mein
son solt von dir von allem bösen gezogen sein und zu aller tugent sich gewendt
haben. Das aber alles widersins gerhaten ist; gott müss dess geklagt sein, du aber
von wegen deines unfleisses billich von mir als ein ungetrüwer diener solt
gestrafft werden.
    Felix von des ritters worten nit wenig schrecken empfieng. Dann wiewol des
ritters weib zugegen aber das best darzu redt, mocht sie doch dem ritter seinen
zorn nit aussreden, mocht auch dem guten Felix keinen friden gegen dem ritter
erwerben; so gar was er in seinem hertzen und gmüt entricht und erzürnet, hub an
zum teil sein weib zu beschuldigen, iren auch so heiss ires sons halben
zuzureden, das sie es nimmer hören mocht; wie dann die müterlichen herzen alle
tun, so man iren zarten sünlein so hart zuspricht. Darumb ging sie mit grossem
seüfftzen und weinenden hertzen von dannen, den jamer sie nit mehr hören wolt.
    Des im dann Felix nit kleinen trost nam, dann er sich in abwesen der muter
des bass entschuldigen mocht. Anfieng mit seinem herren auff solche Meinung zu
reden: O strenger ritter, ich bitt, wöllend mich armen eüweren diener in keinem
solchen argen verdacht haben. Dann ich mein hertz und gemüt in trüwe und forcht
von euch nie gewendet hab, mich auch der wolfart euwers sons zu allen zeiten
beflissen, das ich in in gleicher tugend und lernung hett mögen auffbawen, als
ich dann mit Fridberten hie zugegen, euwerm aus erbermbd angenummen son, getan 
hab. Das alles aber umbsunst gewesen, wiewol er sich mit ersten in solchen fleiss
begeben hat, das ich seinentalben in sorgen stund, er möcht im zu vil auff sein
zarte jugent laden. Derenhalben ich ihm dann vilmal lust gelassen, also das mir
uns ettlicher zeit in dem feld mit beschawung der blümlein, ab dem lieblichen
gesang der vögel, von den rauschenden bechlein und kalten quellen erlustierten.
So wir dann wider zu Haus kamen, fügten wir uns wider zu der lernung. Das hat er
ein zeit lang getriben, aber nit gleich wie Fridbertus darauff beharret, welches
mir dann nit wenig kummer gebrocht hat. Weiss aber nit, was bösen geistes in zu
des metzgers son, dem lichtfertigen Lottario, gefürt hat, von dem er nichts
guts, sunder aller Bosheit sehen und lernen tut; dann er in von allem guten
abgewendet hat. Fridberten aber hab ich aus seiner hand gerissen, wiewol im
solcher Lottar mit seinem wasen nie hat wöllen gefallen. Darumb, strenger
ritter, bitt ich, wollend mich nit so schwerlich in dem verdencken, als wann ich
an dem handell schuld trüg.
    Gottlieb, der frum alt ritter, mit bekumberten hertzen sagt also: Felix, du
aber bist an dem allein schuldig, das du meinen son nit mit ernst under der
ruten und forcht gehalten hast, in von semlichen bösen buben und loser
gselschaft abzogen, das ich dann billich zu dir hab zu klagen. Ich hab zu vil
malen mit dir geredt meines sons halben, das du im nit zu weich sein solt;
darumb allein dein schuld daran spüren muss. Felix batt weiter seinen herren, im
zu vergeben, darbei anzeigend das herzlich mitleiden der muter; ob er gleich wohl
im sein son in strenge straff hefolen het, hergegen die muter ihm durch gross
flehen angehalten, irem son nit zu hart zu sein; dardurch het er sich lassen
bewegen, auch der frawen zorn geförcht, das er die sach het zu zeiten lassen
hingon.
    Sobald der ritter semlichs hort, ward er etwas milter gegen Felice, befalh
im aber, er solt sich in die tafern verfügen und in vor menigklich mit guten
ruten strychen, damit er sich dest mer vor menigklichem scham. Felix was der
sach zufriden, macht im ein gute ruten, ging in die tafern, findet seinen
discipel Wilibaldum wohl bezecht bei seinem hauffen sitzen, welcher seines
Schulmeisters oder zuchtmeisters wenig acht nam, furt sampt seinem Lottario sein
bracht für sich. Felix fordert Wilibaldum von dem tisch herfür. Als er sich aber
spötlicher und ganz ungehorsamer geberd gegen im bewis, wolt er in mit dem har
herfürziehen. Die anderen seine gesellen streüssten sich mit macht wider in.
Felix ergrimpt noch mehr, (dann im lage an das schelten seins herren) dringt
hinzu, erwischt Wilibaldum, buckt in über ein banck, reisst im seine hosen ab. Er
aber mocht mit seiner ruten nit so bald fertig sein, Wilibaldus zog heimlich ein
messer aus seiner dolchenscheid und stach Felixen durch ein schenckel.
    Sobald Felix des gewar worden, hat er den übelgerahtnen jungen lassen faren
und mit schmertzen beladen zu dem artzet geeilet, sein wund zu verbinden.
Fridbertus, welcher zugegen was, schnell unnd bald heimlieff, seinem herren all
sach zu wissen tut. Davon er in neüwen zorn gegen seinem son und seiner
Gesellschaft bewegt ward, laufft ganz grimm in dass Haus oder tafern, in welchem
sein son sass, in selb zu straffen; der aber sampt seinen gesellen gewarnt,
hinden zu einem laden in ein öde gassen hinaussfielen. Von dem tag an sah
Gottlieb sein gerahtwol nit mehr, wie ir dann hernach hören solt.
 
                                       8.
Wie Lottarius seinem vatter nit wenig gelt heimlich entrug und mit Wilibaldo aus
 der statt lieff, kamen gen Pressla; von dannen schicket Wilibaldus seiner muter
             einen botten, die im ein grosse summa gelts schicket.
In grossen ängsten waren die beiden jungen Wilibaldus und Lottarius; dann sie in
aller statt schon beschreit waren, sie hatten auch der zerung nit vil, damit sie
sich hetten mögen ereussern. Lottarius sagt zu seinem gesellen: Biss getröst,
Wilbalde; ich soll uns wohl umb ein zerung umbsehen. Morgen ist wochenmarckt, so
blibt mein vatter den ganzen tag in den fleischbencken, dergleich mein muter.
Sodann lug ich, wo weg in das Haus zu kummen funden werd. Gerat mir das, will
ich mit lerer band gewiss nit herausskummen. So mir dann mit wenig zerung versehen
seind, wend wir uns an andre ort verfügen. Hei, sollend wir dienen und also
gespannen ston, will uns bass bei den frembden dann in unsers vatters Haus
gebüren. Mit disen und mehr andren listigen worten bracht er den armen verwenten
Wilibaldum in solchen verzweifleten wohn, das er meint, es wer alles glatt
geschliffen, vergass der kintlichen trüw gegen seinen ältern, schlug zuruck scham
und forcht und underwarff sich willig allen lastern.
    Lottarius fügt sich heimlich in seines vatters Haus, do er dann nach seiner
gewonheit das geld wüsst zu finden. Lottarius nam davon einen guten teil, fügt
sich wider zu seinem gesellen Wilibaldo. Also machten sie nit lange mist, zugen
heimlichen aus der statt Bossna ohn alles urlob. In gar kurtzen tagen kamen sie
in die Schlesi gen Pressla, da dannen schreib Wilibaldus seiner muter umb gelt,
welches sie ihm ein grosse summa zuschicket. Erst fiengend sie an recht
lotterbuben zu werden, treiben alles das, so dem gelt weh und dem lieb woltet,
mit spilen, fressen, sauffen tag und nacht, des sich menigklich irer jugent
verwundren musst, wie sie es doch erzühen möchten. Sie lagen bei einem wirt,
welchem wohl mit solchen gesten was; unnd so dann Wilbald kein gelt mer hat, sass
ihr wirt auff ein klepper, ritt gen Bossna zu dess ritters weib; die macht sich
jederzeit gefasst, domit sie iren lieben son in seinem bubenleben auffbawen und
erhalten mocht. Das weret so lang, das dem guten ritter anfieng an seiner narung
abgon. Dorfft aber zu seinem weib nichs sagen; dann sie ihm under augen schlug,
sie verdet doch nummen das ir.
    Diss leben trieben die zwen guten sön auff drei jar inn der statt Pressla.
Also kam Lottarius hinder des wirts tochter, versprach ir die eh und macht sie
schwanger. Sobald er sie aber schwanger vermarckt, forcht er den zorn irs
vatters; darzu was er nie willes gewesen, ir sein versprechen zu halten. Er
macht sein ordnung mit Wilbaldo, sie wollten iren wirt gen Bossna umb gelt
schicken, demnach andre land und stett auch besehen. Des ihm Wilbaldus
bewilliget. Also ward dem wirt die ordnung geben, gen Bossna zu reiten. Der richt
sein geschefft wohl aus, kam in kurtzen tagen wider, brocht gelts ein guten teil.
Die zwen gerhatwol kauffet jeder ein schonen klepper, rechneten mit irem wirt
ab, bezalten im, was sie schuldig waren, verwönten in, sie wollten nur ein zeit
lang umbriten spazieren und bald widerkummen.
    Der gut schlecht bidermann verlor seine gest nit gern; dann sie waren ihm
nützer gewesen dann drei melckkhu. Noch vil mehr trauret sein tochter; dann sie
sorget, ir wird es gon, wie es dann geschach. Der bub hat sie betrogen, betrog
sie noch weiters mehr. Das alles was vatter und muter verborgen, biss über lang
das die gut tochter kinds gelag. Da hub sich erst der betteltantz; dann niemant
wusst, wohin die zwen hinkummen waren. In kurtz aber starb das kindt, davon die
gut muter nit sunders leid empfieng, dieweil sie keinen vatter niergend erfaren
kondt.
 
                                       9.
 Wie Wilbaldus und Lottarius aus dem Schlesierland geritten seind, iren weg in
       Brabant genummen, aldo erst ir altes wesen recht angefangen haben.
Die guten nassen kinder meinten schon, ihn möcht an gelt und gut nimmer
zerrinnen; dann in das gut müterlein ein grosse summa geschickt hat. Sie waren
leichtsinnig, namen iren weg den nechsten der Laussnitz zu, kamen in ein statt,
heisst Glogaw. Do bliben sie nit lang; dann das land wolt in nit gefallen; so
wolt man in auch nit solch gross reverentz antun als zu Pressla. Darumb wollten
meine juncker nit bleiben, gedachten iren weg den nechsten in Brabant gen
Antorff zu nemen, do dann die rechte bader und balbierer wonen, so den teschen
wohl schrepffen unnd zu der ader lassen künnen, so das sich manche gar verblut,
das sie kein pfennig behalt. Das mussten sie auch erfaren.
    Sie ritten den nechsten auff die Laussnitz, von dannen gen Torgaw, von dannen
gen Hall in Düringen, demnach gen Nortausen, von dannen über den Düringer wald
ins land zu Hessen, bleiben etlich tag zu Cassell, do was der lantgraff zu
Hessen mit allem seim hoffgesind. Sie aber, wiewol sie zierlich bekleidet
giengen, hat man doch klein achtung auff sie; dann sie sich der hoffweiss nit
wussten zu gebrauchen; machet, sie hatten sich mer auff büberei und Bosheit
geübet dann auff reüterspeil. Es wolt in an dem ort auch nit gefallen, namen
iren weg auff Mentz zu. Da sassen sie auff den Rein, verkaufften ire pfert,
schifften also mit freüden den Rein hinab bis gen Deventer. Do stunden sie von
dem Rein, namen iren weg weiters über land zu ross und wagen, wie sie das haben
mochten, bis sie kamen in die gewirblich statt Antorff. Do ward in bald nach
noturfft gezwagen und geschoren, wie dann billich semlichen gesellen geschehen
soll.
    Sie fragten nach einem guten wirt. Sie würden zu einem gewisen, der ein
meister solche schaff zu scheren was. Er empfieng sie mit freüntlichen glatten
worten, machet in gut arbeit, fragt, ob sie kauffleüt oder vorn adel weren. Sie
gaben sich beid für edel dar. Der mocht ihn die junckerschaft wohl gunnen,
dieweil in der beütel noch schwer was; bald er aber anfieng leicht zu werden,
ward es ein anderss mit in. Wie dann gemeinlich in aller weit bei den wirten der
brauch ist: schmackend sie ein schweren seckel bei einem gast, sie gebend im
sammet und damasten wort; würt aber der seckel leer, bringt man sie nit
zwilchinin von in. Das bleibt also.
    Die guten junckern fiengend die sach auff gut brabendisch an. Wo sie ein
pancket hatten, mussten alzeit schöne frawen und seitenspeil bei ihn sein. Nun
hat es die gestalt umb sie: sobald sie der wirt zu gesten auffnam, gaben sie im
ire bulgen mit dem gelt zu behalten; wann ihn dann gelt von nöten was, mussten
sie alzeit den wirt anfordren. Der macht aber sein rechnung alzeit mit im selb,
bis in daucht, des schimpffs wer gnug; fieng er an nit mehr so reulichen
aufftragen, wolt nit mehr gnad juncker sagen, wie ir dann wohl werdend hören.
Domit ich euch aber nit mit unnützen geschwatz bedeüb, wie und mit was üppigen
läben sie ir gut verschwendten, will ichs in kürtz erzalen.
    Sie waren nit gar einen summer zu Antorff, sie hatten fürabent geleüt und
mussten schon in die vesper. Das macht der gut malmasier, lautertranck,
muscateller und die guten schleckerbisslein als phasant, rephüner, wilpret und
hasen. So halffen in die schönen frawen, das sie dest eh feürabent spannen. Doch
beleib ir beider gedechtniss den schalcknarren und speileüten am allermeisten in
den schilten, so sie am hals trugen, die sie ihnen dann geschenckt hatten, wie
noch der brauch ist. Dann welcher ihn ein guten spruch sagen, liedlein gigen
oder pfiffen oder auff der lauten schlagen kond, der must ir beider schilt
haben. Das macht in ein zeitlang ein gut lob, bestund aber nit lang.
    Der wirt kam eines tags, als sie lang nit mit im abgerechnet hatten, sagt
also: Lieben junckern, ich wolt, das ir einmal ein frisch register anfiengen und
das alt abwüschten; dann man sagt: Gut rechnung, gut freünd. So muss ich auch
gelt haben, wein und speiss einzukauffen. Lottarius, so alwegen am frefflichsten
was, sagt: Wirt, meint ir, das wir nit zu zalen haben, oder gedenckt ihr, das
wir kein gelt mehr wissen, wann schon das verton ist, so gond hin, bringt euwer
register und unser bulgen! Wir wend euch abzalen und ein wirt suchen, so uns mer
dann ir vertreüwen würt.
    Der wird gedocht: Ich hab gute gest an in. So wissend sie gewisslich mer
hinder nien, dann ich bei mir hab; sonst weren sie nit so kostfrei gewesen. Ich
muss in das geschwer bass ausslassen; das gelt kann noch nit gar verzecht sein. Sagt
also: Lieben junckeren, ich bitt, wöllet mir mein wort nit so in argem
auffnemen. Allein tu ichs euch zu gut, damit, so die summ zu gross, das ir
gedencken mögt, ich het euch zu vil gerechnet.
    Das habt ir nie an uns gespürt, sagt Lottarius, mir seind doch aller
rechnung gutwillig gewesen, wie ihr uns die gemacht. - Das ist war, sagt der
wirt, kann nit anders dann all miltigkeit von eüch rümen. Damit nam der hader ein
end.
    Wolan, wir wöllen die guten jungen herren volles lassen auffwannen und ein
wenig sagen, wie sich Fridbertus und Felix derzeit gehalten hand, die dann beid
von armen nidrigen elteren geboren waren, auch wie der gut alt ritter sein läben
beschlossen, wenig hinder im verlassen. Dann, wie ihr gehört, alles durch die
verschwenten vögel geflossen ist, darzu dann die muter embsige stür getan  hat.
 
                                      10.
Wie Fridbert und Felix auff die hohe schulen gezogen, dermassen so wohl studiert,
das er in kurtzer zeit magister ward, demnach bald doctoriert und ward obrister
 kantzellarius am hoff zu Preüssen, Felix aber ein weitberümpter doctor in der
                    medicin, kam derhalb zu grossen wirdin.
Schimpflich stund es, sollten die untugenden der zweier jungen also
aussgestreichen werden und aber die guten sitten und fleissigs anhalten zu der
lernung nit auch mit ihrem verdienst an tag brocht werden. Nemend war, nachdem
Wilbaldus sampt dem Lottario in ir schalckeit verharret, also fluchtig mit
einander darvon gelauffen und niemant dann die muter wissen getragen, wo sie
kummen oder an welchem ort sie sich entalten haben, ist der gut alt ritter
Gottlieb schwerlich in seinem hertzen bekummert gewesen. Doch hat er ihm etwas
trostes genummen von seinem angenummen son Fridberto, welcher sich dann in so
fleissiger arbeit täglich in der schul und zu Haus ob seinen büchem halten tet,
das er all ander seins alters und nierers alters weit übertreffen ward, des im
dann sein schulmeister unnd pedagogus gross freüd namen.
    Der schulmeister ward auff ein hochzeitlichen tag von dem alten ritter zu
gast geladen, damit er von im befragt wirde, wie im Fridbertus gefiel, ob er
etwas verhofft aus im zu werden. Des im der schulmeister antwurt: Strenger herr,
von seiner geschickligkeit ist nit zu reden; dann er übertrifft alle andre meine
schuler, so ich hab under meiner rhuten. Schad ist es, das man in nit zur hohen
schulen fürdret. Fürwar so im gott sein läben lasst, er würt ein fürtrenich man
werden, in was facultet man in doch studieren lasst.
    Die wort fasset der gut alt ritter in sein hertz, und mit einem grossen
seüfftzen sagt er: O Fortuna, wie bistu so ein unstantafte göttin! Wer soll
sich an dich lassen! Fürwar niemans. Dann so mehr du einem under augen
anlachest, so mehr soll er sich hinder yhm deines aussgezognen schwerts besorgen.
So mer dein glantz herrlich erscheinet, so grösser ist die dunckelheit, nebel
unnd finsternis under dir verborgen, welche dein glantzenden schein schneller
bedecken dann das trieb gewilck die sunnen. Bin ich nit menicklich ein genugsam
exempel? Disen Fridbertum hab ich aus lauter grosser erbermd aus seines vatters
sewstellen, scholleten ackern und rauher wonung genummen, das er meinem einigen
son, so mir von gott geben was, solt ein gesell sein, damit er sich nit ursach
hett zu beklagen, ich liess ihm kein gesellschaft zu. Zudem hab ich sie beid mit
einem züchtigen pedagogen versehen, welchem ich meines sones halben kein schuld
mehr geben kann; dann er sein möglichsten fleiss angewendt hat. Was ist aber
geschehen? Diser meines meiers son, den hastu, o Glück, mit deinen gnaden
angesehen; den andren meinen son, so von adelichen geblüt erboren, den hastu
schmehlichen under deine füss getreten. Darumb dir dann gar nichs zu getreüwen. O
du untrewes Glück, wie hastu mich armen ritter in so grosses ellend gesetzet;
dann ich all mein hoffnung auff disen son gestelt hab. Dieweil die ding aber
anders nit ergon mögen, so will ichs gott, meinem schöpffer, befelhen und meinen
son ganz aus meinem hertzen schliessen, disen meinen angenummen son Fridbertum
für meinen rechten unnd lieben son haben, dieweil es veilicht also gottes willen
geordnet hat.
    Von disen worten des ritters weib so grossen schmertzen empfieng, das sie
von dem tisch auffston und zu bett niderligen musst, ir zeit mit solchem klagen,
weinen und schmertzen verzeret, das sie in ktirtzen tagen ein hart grimmen in
irem leib überkam, welches sie jar und tag gar schwerlich trenget, zuletz
verzertes fleischs aus diser zeit verscheiden ist. Davon dem guten alten ritter
new leiden zustund; nam im gentzlichen für, sein leben on ein weib zu
verschleissen.
    Fridbert was sein son und hausshalter sampt seinem zuchtmeister Felixen,
welchen Fridbertus schon an dem zeil erreichet hat und im jetz anfieng
fürzulauffen. Sein vatter was jetz mit tod abgangen, hat hinder ihm verlassen
sön tmd töchtern, so all schon erwachsen waren und den ackerbaw für sich selb
füren kundten. Gottlieb, der alt ritter, nam zu ihm Patrix, des Fridberti muter,
was jetzund ein zimlich alt betagt weib. Sie hat aller hausshaltung befelch als
über mägt und andre haussgeschefft. Was aber die knecht betraff, sollichs versah
Fridbertus, der fieng jetz an ganz mannlich zu werden und eines klugen
verstands. Also macht sich Gottlieb aller ding zu rhu, dienet allein gott dem
almechtigen; doch so fürsach er sein ampt an des hochteüschmeisters hoff fürbas
hin. Wiewol er semlichen dienst gern von ihm geschopffet, noch wolt in sein herr
des nit entladen von wegen seiner tuget und frumkeit. Ihn hat von wegen seines
alters alles hoffgeseind in grossen würden unnd ehren; dann er sich mit dem
ringsten als mit dem grösten gar freüntlich halten kond.
 
                                      11.
Wie Gottlieb mit seinem herren zu redt würt von mancherlei sachen, under andrem
in von seinem son fraget; des in der ritter aller sachen berichtet, sagt im auch
                       von der geschickligkeit Fridberti.
Das unstet wankelmütig gelück wolt sich doch zulest eins teils über den guten
alten ritter erbarmen, unnd dis geschach semlicher gestalt. Als er sich seines
sons gentzlich verwegen und kein andren trost noch freud mehr hat dann
Fridbertum, der im dann in allen dingen wilfaret, zu beiderseit gross liebe
zusammen trugen, nim war, so begibt sichs auff einen hochzeitlichen tag, auff
welchem der hoch teütschmeister seinen ganzen hoff beiander hatte, er befalh
seinem hoffmeister, dem alten ritter, nach altem brauch die sach auszurichten,
das er dann mit grossem fleiss versehen ward. Da nun die zeit kam und der ganz
hoff erschein, was alle ding so ganz ordenlich zugericht, das alle, die zu
tisch sassen, wunder darab namen und insonderheit der teütschmeister, dem was es
ein sunder gross gefallen.
    Als nun das mal mit grossen freüden volbrocht ward und all welt von hoff
gangen, hat der hoch teütschmeister Gottlieben den ritter bei seiner band
genummen, in einen schönen lustgarten gefüret. Do sie zusammen in einer
summerlauben gesessen seind, also hat der teütschmeister angefangen mit dem
ritter auff solche Meinung zu reden: Hoffmeister, eüwer geflissen dienst, so ihr
mir nun lange zeit beweisen, erstlichen in dem, als ir mein schenck und
trucksess gewesen, volgends hoffmeister worden, kann ich mich nit geuug
verwundren, das nie mangel gespürt hat mögen werden; wundret mich an euch, wie
ihr des alters halb so ganz fleisig versehen mögt.
    Antwort der ritter: Hochwirdiger durchlüchtiger hochgeborner fürst und herr,
wo ich armer ritter euwer hochheit nit mit allem dem, so meine dienst erfordert,
nach aller gebür gedient hab, ist mir von hertzen leidt. Antwort der
hochmeister: Ritter, daran solt ir keinen zweifel tragen, es ist biss hieher nach
aller noturfft verricht worden.
    Deren gesprech wurden vil gehalten, und under andrem fragt der hochmeister,
ob im nicht zu wissen wer von seinem son. Der ritter antwort mit betrübtem
hertzen, im wer von dem tag an, nachdem er hinwegkummen, nichs von ihm gesagt
wurden, wo er sich hielt oder wie es im ging. Ich hab in auch, sagt er, aus
meinem hertzen gegraben und erkenn ihn für keinen son mehr. Dann sein muter,
mein gemahel, hat ir läben umb seinetwillen auffgeben. Damit ich mir aber einen
andren trost nemen mög, so ist mir mein ander angenummer son dermassen so wohl
gerhaten, das ich mich sein in meinem hertzen grösslich erfreüwen tu. Damit
erzalt er im das ganz läben deren beiden jungen Fridberti und Felixen nach der
leng, dabei meldend, wie sie jetzund tauglich und geschickt weren auff die
hochschulen zu schicken.
    Dem hochmeister geliebt solche rümerich red von disen zweien jungen
dermassen, das er zustund befelhen tet, man solt sie für in bringen. Semlichs
geschach unverzogenlich. Als sie nun für den hochmeister kummen seind, hat er an
ir beider weiss und geberd wohl können abnemen, das alles, so Gottlieb von inen
gesagt hat, war sei. Es hat im auch gleich gefallen, das man sie aus seinem
schatz reüchlich versehen sollte und auff das fürderlichest auff die hochschulen
schicken.
    Das geschah. Sie warden versehen mit gelt, kleidern unnd pferden, in ward
auch zuverordnet eim jeden ein diener, so alweg auff sie warten sollten. Sie
danckten gott umb solche grosse gutat. In kurtzen tagen worden alle sachen
geordnet, das sie ir reiss volzugen. Fridbert nam urlob von seinem herren, befalh
im sein muter in trüwen, die gesegnet er freündtlich; demgleich tet auch Felix.
In freüden ritten sie darvon, kamen in kurtzen tagen auff ein gute schulen, do
sie dann ganz fleissig studierten, also das sie in kurtzen zeiten fast hoch
erfaren wurden.
    Die wend wir lassen studieren unnd wider keren gen Antorff zu unsern
junckern, die dann jetz schier im salve waren und aussgetreschen und auffgewannet
hatten; so was ihr korn und weitzen, so sie in iren bulgen gen Antorff brocht
hatten, in des wirtes kosten.
 
                                      12.
  Wie die guten jungen zu Antorff aussgebadet hand und ihn gar wohl genetzt und
         geschoren ward und in grosser armut von Antorff gezogen seind.
So man oft einen weg faret, würt das gleiss dest weiter: also wann man oft in
seckel greifft, hat das ander gelt des mer raum, vorab so man vil heraussnimpt
und nichs heinin legt. Also geschah es auch den guten jünckerlein. Das gelt was
verdempfft, so was der wirt nymm auff der post, so anders bringen kondt. Darzu
was das müterlein gestorben unnd der weg zu weit. Der wirt zu Antorff mercket
auch wohl an seinen gesten, sie fiengen an an den orten einziehen, waren nit mehr
die ersten an der taffel, brochten kein gest mehr zu Haus, in summa sie fiengen
an ganz trostmütig zu werden. Der wirt gedocht im wohl, die ku wer nit lang mehr
zu melcken. Wann im gest kamen, satzt er seine junckern nymm nach alten brauch,
unnd wann sie obenan sassen, hiess er sie herabrucken; er vergass ir beiweilen
gar, das er sie nit zum tisch berüffet. Das fieng die guten jungen an
schmertzen, insonderheit Wilbaldum; dann der kosten was aus im gangen, Lottarius
hat sein bracht mer unnd vester gefürt dann er.
    Der wirt kam eines tags mit einem grossen register und mit iren bulgen, die
waren schon des kinds genesen; dann der bauch was in klein worden. Der wirt
begert mit in zu rechnen, wolt einmal bezalt sein. Do ging es an ein
kopffkratzen. Domit ichs aber kürtz mach, es kam dohein, als die rechnung
beschlossen und der wirt bezalt was, beleib in ungefor sechs brabendische pfund
zum vorrhat, damit meinten sie aus der statt Antorff zu reisen.
    Do sagt der wirt: Lieben gesellen, es ist bei mir gewesen ewer schneider und
schumacher. Der ein fordert so, der ander sovil, hand mir verbotten, euch nit
volgen zu lassen, sie seiend dann also bar bezalt. Lottarius sagt: Wirt, nempt,
das mir euch zu tun seind! Mir wend uns mit unsern schneidern und schuchmachern
wohl vergleichen. - Das mag ich leiden, sagt der wirt, aber sunder meinen
schaden. Damit sie nit meinen, ich wolt semlich schuld ongefordret an euch
lassen und ir auch nit gedencken, ich tü semlichs von mir selbs, will ich nach
in schicken und selb mit euch reden lassen. Bald schicket er seinen stallknecht
nach in beiden.
    Von ungeschicht was ein schöne frauw in des schneiders Haus, bei welcher die
guten gsellen manchen guten schlafftrunck getan  und nit bezalt hatten. Die
eilet bald in die herberg, tet nit dergleich, als wann ir die sach zu wissen
wer. Sie sah wohl, das ire junckern nit mehr so fleissig auff sie acht hatten als
andre mal; sie sassen ganz trurig mit iren füsen auff die erden klopffen, under
sich sehen, ir gelt, so sie verloren, suchten; es was aber umbsunst. Die schon
frauw hub an mit in schimpflich zu reden, do was aber kein freüd.
    In dem kamen die zwen schumacher und der schneider, grüssten sie, fragten den
wirt der ursach, warumb er nach inen geschickt hat. Sprach der wirt: Ir wisst, ir
habt mir beid verbotten, ich solt meinen beiden gesten zugegen nichs volgen
lassen, so sie hinweg wend, ir seien dann von in vernügt und bezalt. - Also ist
im, sagten die beide. In summa, sie machten die rechnung, das traff sich aber
ein zimlichs, und sunderlich dem schumacher. Lottarius widerfacht: Solten wir in
einer so kürtzen zeit sovil in schuhen zerbrochen [han], was würden dann erst
die hosen kosten? Antwurt der schumacher: Der schönen frawen schu, so ir
bevolhen hand hinzugeben, kommen auch in dise rechnung. Die guten jungen wussten
kein aussred mehr, sie mussten zalen, da was schon kein gelt mehr.
    Erst kam die gut dochter umb den wein und sehlafftrunck. Lottarius sagt:
Gute fraw, das mir bei euch verzert, seind wir zehenfaltig zu kosten kummen.
Wann es rechnen gilt, ir werden uns herausszugelten sein. - Bots, sagt sie,
Den brauch hab ich in meinem Haus:
Wilt hnein, must dapffer geben aus,
Umb dein gelt läben wir im sauss.
Wilt nit, so magst wohl bleiben dauss.
Ir habt mirs gschreiben an die wand.
Habt ihr nit gelt, so gebt mir pfand!
Frawen zu teuschen wer ein schand,
So focht man die füchs in Brabant.
Was soll ich vil von disem tandt schreiben? Da must all ding bezalt sein. Als
aber kein gelt mehr vorhanden was, nam die gut fraw dem Lottario einen schönen
neüwen mantel, mussten all beid on alles gelt aus der herberg. Wilbald hat auch
dem mantel einen gleich; den verkaufften sie umb ein pfundt flemisch, zogen so
aus Antorff wohl aussgeriben, aber übel bekleidt. Da ward in alles, nach dem sie
geworben hatten. Aber ich sorg, sie werden noch vil nachkümling haben, so zu
Antwerpen den brauch noch nicht gelert unnd erst auff solchen hohen schulen
studieren werden, biss das sie in gleicher facultet mit disen zweien doctorieren.
- Do bleibt es, und wend fürbass sagen, wie es Fridberten und Felixen gangen sei.
    Jetzund kumme ich wider an Fridberten und seinen zuchtmeister, wie es inen
auff der hohen schulen gangen. Die haben sich in gar kurtzer zeit dohin
gerichtet, das Fridbert doctor und Felix magister worden seind. Da semlichs dem
hochmeister kundtgeton worden, hat er sich sein grösslich erfreuwet; nit minder
freüdt hat Gottlieb, als er der ding berichtet ward. In der zeit begab es sich
von ungeschicht, das dem hochmeister sein kantzler starb. Er schicket zustundt
nach Fridberten, domit er in zu einem kantzler annem. Alda fing erst sein Glück
an zu grünen. Er nam auch Felixen an zu einem secretarien. Die beide hielten
sich dermassen an ihrem ampt, das sie in kurtzen zeiten von menigklich lieb
gehalten und darbei gepreisen wurden.
    Das bleibt. Weiters wöllen wir hören von Lottario und Wilbalden, wie es inen
sei ergangen, nachdem sie von Antorff abgescheiden seind.
 
                                      13.
Wie Wilbaldus und Lottarius der sachen zu unfriden wurden, von einander kummen.
Lottarius sich zu Prüssel einem metzger verdinget, Wilbaldus aber in dem ellend
    umbzog, zulest sich zu einem bauren verdingen musst und des viehes hüten;
     Lottarius seinem meister über sein schatz brach, darob ergriffen ward.
Wilbaldus, der gut jung, jetzund hindersich gedencken und erst anfieng den
reüwen zu überkummen; es was aber leider zu spot mit im. Sie giengen eines
abents spat aus Antorff, bliben die nacht in einem kleinen dörfflein. Auff dem
weg fieng Wilbaldus an bitterlichen zu weinen und klagen und sagt: O unglück,
wie hast du mich in so ein grosse fortun gefürt! Ach mir armutseligen vogel,
warurnb hab ich meinem lieben vatter nit gefolget, dergleich meinem getrewen
freünd und zuchtmeister Felixen, der mich in allen treüwen gemeinet! Hab ich
doch ein gnugsamme Gesellschaft an im und meinem lieben bruder Fridberten
gehabt, mich aber ir früntschaft und gsellschaft nit settigen lassen. Ach
gott, wo soll ich doch mein zuflucht hin haben! Mein vatter ist gar über mich in
allergrösten zorn gefallen; meiner lieben muter hab ich das ir schantlich und
lasterlich verton, sie würt mir nicht mehr fürsetzen; meinen freünden darff ich
nit mehr under augen kummen. Aller welt wurd ich zu gespott sein, die kinder
auff den gassen werden über mich feisen unnd mupfen. O bösy Gesellschaft, wie
gibst du mir jetz den lon! War wirt mir jetzund alles das, so mir mein vatter
und mein getreüwer schulmeister vorgesagt hand. Ach mir armen verlossnen
jüngling! Wo soll ich aus! Arbeiten hab ich nit gewont, mein schreiben, lesen
ist mir empfallen, kein herr würt mich annemen. In armut und ellend muss ich
meine zeit verzeren; sterben wer mir geheurer dann läben. O Lottari, Lottari,
wie hastu uns beide so gar übel aussgebeützet, uns in armut, angst und trübsal
gesetzet, daraus wir nit mehr kummen mögen! Ach mir armen, das mir dein
gesellschaft ye gefallen hat!
    Lottarius, ein schantlicher bub und verlorner vogel, antwort auff die clag
Wilbaldi: Die schuld, Wilbalde, solt du mir mit nichten geben; dann du an der
sachen allein schuld tragen tust. Meinest du nit, mich bekummer auch
schwerlichen, das ich meines vatterlandes also muss beraubt sein, aus welchen du
mich brocht hast, dieweil du aus forcht nit bleiben dorftest, als du deinen
schulmeister mit einem messer durch seinen schenckell stachest? Sag an, hab ich
dich eines solchen underricht? Nein warlich; dann ich von ausslauffenden blut so
hart erschrack, het man mich erstochen, ich wurde keinen troffen blut geben
haben. Alsdann stund ich in grossen sorgen deinetalben; dann mir der zorn
deines vatters wohl wissen was; weiss gewiss, wo du ihm worden werest, er hette
dich in ewige gefencknüss ingelegt, daraus du zu ewigen zeiten nit kummen werest.
Des du mir dann nit genug gedancken magst; hergegen sagst du jetz das
widerspiel, als wann ich allein daran schuldig wer. Des ich dann gar kein
gefallens het, wann ich wisst, das deine worten ernst gewesen wer. Wolan, tu
ihm, wie du wilt! Ich will mein weg gen Prüssel nemmen, daselb umb einen meister
sehen, meines vatters hantwerck lernen. Versich du dich auch, wa du magst! Dann
ich weiss dir in keinen weg zu rhaten noch helffen; ich hab jetz mit mir selb zu
schaffen, so hab ich als wohl als du kein zerung mer.
    Wilbaldus erst jamerlich über seinen gesellen anfieng zu klagen: O du
schnöder unnd argelistiger Lottari, dein namen an dir ist warlich nit vergeben;
dann lotterwerck, wie den lotteren gebüret, des hastu dich lang geflissen, mich
mit deiner lotterei schantlich von ehren und gut brocht, darzu der guten meiner
lieben freünd beraubet. We mir, das ich in deine gesellschaft ye kummen bin!
    Lottarius fieng jetzo an schamrot zu werden, unnd wie er mocht, understund
er sich heimlich von ihm abzustelen, als er dann tet. Er nam sich eines
unwillens gegen im an, zancketen ein weil mit einander. Lottarius sagt: Ich mag
mich deines zanckes nit erfrewen noch behelffen, ich will dir ein wenig aus den
augen gon. Damit schmeichet sich Lottarius von im aus der herberg in dem dorff,
darin sie lagen, also das Wilbaldus lang nymm erfaren mocht, war er kummen was.
    Lottarius zog den nechsten gen Prüssel; doselbst verdingt er sich zu einem
reichen metzger, was ein gar alter mann, hat seer vil gesindes, knecht unnd
mägt. Der leckersbub hielt sich von anfang gar unstreflich, so das in sein
meister fast lieb gewann. Er vertrauwet ihm zulest mehr dann keinem under all
seinen dieneren, dardurch er dann all sein heimligkeit erfaren ward.
    Eines tages was der gut mann über land auff einen jarmarckt gefaren, liess
den buben in dem Haus, welchen er vormals alweg pflag mit im zu nemmen. Er
befalh im, das Haus zu verwaren, das ander gesind zur arbeit anzurichten. Das er
im alles gütlich zu tun versprechen tet; sobald aber der meister von Haus kam,
wartet er mit fleiss seiner gelegenheit. Da des metzgers weib zur kirchen gangen
was, das ander gesind ir geschefft pflagen auszurichten, hatt er mit ettlichen
instrumenten seines meisters kammer auffgebrochen, demnach über sein barschaft
kummen und ein grosse summa gelts zusammengesackt hat. Als aber das gerümpel von
einer magt gehört ward, hat sie eilens ein geschrei gemachet, davon die andren
knecht und mägt zugelauffen seind, haben den erschrocknen diebischen buben ob
seinem diebstal ergriffen und in gefencklich angenummen, mit guten starcken
stricken gebunden und also auff des meisters zukunft verwaret.
    Als der nun des abens kummen ist, hat er den buben mit ruhen worten
gestrafft und gar übel aussgangen. Als er aber ein barmhertzig man was und
gedocht, das ihm seines gelts noch kein schaden geschehen, hat er in dem richter
nit wöllen überantworten und ihm ein zerung geben, hinweg geweisen.
 
                                      14.
  Wie Lottarius nit weiter ging dann von Prüssel gen Halle, seind drei meilen
  wegs; do schnitt er einem kauffmann sein bulgen auff, stal im sein gelt, kam
     damit darvon biss gen Dengen, ist fünff meil; er würt von dem kauffmann
   verkuntschaft, in der herberg funden, würt entlich gefangen und gehenckt.
Bosheit und büberei muss belond werden, es stand lang oder kurtz. Also ging es
disem Lottario auch. Er mocht nit wercken, hat fauler tag, fressen und sauffens
gewonet; so was niemants mehr vorhanden, so für in zalen wolt. Was solt der arm
schweiss anders anfohen, dann was in sein kunst, auff deren er gewandret was,
lernet! Zu Brüssel hat er nit mehr platz, heim darfft er nit mehr kummen von
wegen guter stücklein, so er in seines vatters Haus gebraucht hat. Was tut er
dann? Er greifft sein sach fein geschickt an, redt mit im selb also: Lottari, du
must ein andren beltz anlegen. Du hast nit lang zu zeren, so magst du auch nit
wercken, als soltestu gehenckt werden. Ich will mich in die sach schicken, mich
zu Halle zu einem wirt für ein haussknecht verdingen; da mag ich gute faule tag
haben bei kleiner arbeit und guter kost. Ich hab wohl gesehen, wo ich bei wirten
gelegen bin, haben die haussknecht alweg die schlüssel zum keller, tragen wein
und brot auff, mag oft einem ein zug aus der kannen gerhaten. So dann einer
klupig umb die tisch ist und sich mit schencken weidlichen braucht, wird ihm von
den gesten manigs guts bisslein, auch mancher drunck dargestossen. Des will ich
mich fürbass underston und metzger lassen den, so es gern tut; ich hab kein
hertz darzu.
    Also kam er gen Hall, fand bald ein guten herren, einen wirt, der meint ,
gott het in berhaten. Dann der schalck kondt mit solchen glatten worten
strychen, das mann meint , es were glatt geschliffen; er was auch von person ein
hüpscher gerader jüngling. Er tummelt sich auch erstlichen so wohl, das ihm sein
herr anfieng gar nach alle seine geschefft zu vertrüwen und befelhen. Den
schalck wusst er zimlich zu verbergen, das einer gar spitzig het müssen
auffmercken, der sein schalck erkennet het. Es stund aber nit lang, er kam so
grob an den tag, das nit gröber het mögen sein.
    Dann nemen war, es kamen eines tages vil kaufleüt gehn Hall, die wollten in
Antorffer mess; und wie dann brauch ist, gaben sie dem wirt ir bulgen mit samt
dem gelt zu behalten, welchs in dann der wirt fleissig verwaret, sass demnach zu
den kauffleüten und was frölich mit inen. Sie sagten von guten schwencken, ein
jeder, was im seid von Haus begegnet wer, guts und böses, wie dann der kaufleüt
gewonheit ist; wann sie in die messen faren, treiben sie all kurtzweil, damit
sie die zeit vertreiben. Also ging es da auch zu.
    Als sie nun im besten essen seind, so kumpt einer irer gesellen geritten,
welcher in nach postiert; dann er sich etwas doheim verhindert hat. Als er sie
an dem nachtmal find, gibt er Lottario sein pferd, befilcht im das anzulegen,
nimpt seine bulgen, zücht zu seinen gesellen und lantsleüten in dem sal,
befilcht dem wirt seine bulgen. Der wirt sagt: Mein herr, seind ihr zu ruhen,
ich will sie versorgen. In kurtz darnach kumpt Lottarius. Der wirt befilcht ihm
die bulgen auffzuheben. Er macht sich ganz küplich, nimpt die bulgen und des
wirts kammerschlissel, als wann er die bulgen darin zu den andren behalten wöll.
Er aber verstosst die under ein stegen in alt gerümpel, kumpt wider mit des wirts
schlisslen, gibt im die wider, als wann al sach ganz wohl wer aussgericht und
versehen. Die kaufleut werden all wohl bezecht, gond zu bet schlaffen, befelhen
dem wirt, auff den kunftigen morgen ein gut früstuck zu bereiten; dann sie
woltend nit frü auffston. Des ist der wirt gar wohl zufriden. Also gond sie all
frölich schlaffen, der wirt und seine gest. Lottarius aber nam im für, die nacht
nit vil zu schlaffen, sunder seinem geschefft ausszuwarten.
    Als nun alles volck im Haus schlaffen was, nam er die bulgen mit gelt und
trug die in sein kammer, da er dann mit einem scharpffen messer gerüst was. Er
saumet sich nit lang, schneit sie auff; do fand er ein gross gelt darin, dann es
was lauter goldt. Der schalck nam davon, sovil im möglich zu tragen was, legt an
seine beste kleider. Sobald es tag ward, macht er sich darvon ganz frü, eh dann
kein mensch im Haus auff was. Er nam sein weg den nechsten auff Dengen, ist
fünff meilen wegs. Do kert er in ein herberg ein, bat den wirt, er wolt in nit
vermelden, gab im sein gelt, so er gestolen hat, eins teils zu behalten. Der
wirt gedocht wohl, die sach ging nit gar schlecht mit im zu; dann er förcht ihm
gar seer, wie diser diebischen buben brauch ist; dann sie gmeinglich keinen
bidermann dörffen ansehen.
    Als aber nun zu Halle wirt und gest auffkamen, fragt jederman nach dem
haussknecht; es kondt aber niemant nichts von im sagen. Dem wirt was nienan
recht, er lieff für sein kammer, klopffet an; niemants wolt im antwort geben. Er
schloss auff die kammer, wie er mocht, schauwet in alle winckel nach seinem
knecht, zulest erblickt er in einem winckel die zerschnitten bulgen. Davon
erschrickt er unmenschlichen seer, lass damit ein lauten schrei: O wee des
grossen bössweichts, sagt der wirt, er hat mich verderbet! Diss geschrei erhorten
die kaufleut, auch das ander gesind im Haus. Sie lieffen mit hauffen hinzu, do
funden sie den guten wirt in grossem jamer und klagen; dann er von schrecken nit
wohl geston mocht. Do die kaufleut von den bulgen klagen horten, erschracken sie
all gemeinlich gar übel; dann ein jeder meint , es were seine. Zulest erfand
sich, das sie des kaufmans waren, so am lesten kummen was. Er laufft hinzu,
befind sein schaden; dann er ein grosse summ seines goldes manglet.
    Was sollten sie tun? Der gut mann sass auff sein pferd, desgleichen der wirt,
ritten mit einander gar schnell auf Dengen zu; dann der Bösewicht was dem wirt
under der porten verkuntschaft worden. Die ander kaufleut hatten gross mitleiden
mit irem gesellen, ritten auch auff all strassen, ob sie etwas von dem bössweicht
erfaren mochten.
    Der wirt und der ander kauffmann kamen gen Dengen, funden und erforschten so
vil, das ihn angezeigt ward, in welcher herberg der bössweicht hat eingekert. Sie
sassen ab von ihren pferden, stelleten auch in der herberg. Derselbig wirt was
ein vernünftiger und geschyder mann; er sach wohl an der beider geberden, das
sie bekümmert waren, er fragt sie die ursach. Sie sagten im den handel. Schwigt,
lieben herren, sagt er, habend nur ein leichten mut! Ich hoff, euch soll
geholffen werden. Sagt in damit von seinem gast, welcher neulich zu im kummen
und nit gar ein stund in seiner herberg gewesen wer, zeigt in darbei an gestalt
und kleidung, darbei der wirt von Hall wohl abnam, dass es eben der bub was,
welchen sie suchten.
    Als sie nun mit einander sprachen, kumpt der schalck daher gon ein stegen
herab. Als er nun den wirt von Halle erblickt, erschrickt er fast übel,
understot die flucht zu geben. Der kauffmann aber laufft im die teür ab und
sagt: Du verzwifleter arger schalck, hie mustu mir dein läben lassen. Lottarius
falt behend auff seine knei, bitt umb gnad, ziehet damit das gold, so er hatt,
aus seinem busam und sagt: Ich hab hievon noch nichts verton; so hat mein wirt
das überig teil. Davon der kauffmann seer erfreuwet ward. Der wirt brocht das
überig gold aus seiner kammer, gabe das dem kauffmann. Der wolt jetz zufriden
gewesen seind. Aber der wirt von Halle sagt: Nein, der Bösewicht muss keinem
frummen mann mehr solchen schrecken abgewinnen. Es ist zu vil mit dem.
    Also ward er dem richter geantwort, unnd dieweil er in so frischer tat
ergriffen, gleich an die folter geschlagen, do er von kleiner marter all sein
Bosheit bekant. Als nun der richter semlich bubenstuck von im vernam, ward er
gleich des tags an den leichten galgen gehenckt. Da ward im sein verdienter lon,
nach welchem er gerungen.
    Hie merckend auff, ir jungen knaben, was gutes daraus erfolget, wann ir
vatter und muter nit volgen, desgleichen euwern schulmeistern und fürmündern!
Seind in widerspennig und volgen nach bösen üppigen buben, von welchen ir nichts
guts lernen, sunder all bösen stück, als mit falschen würflen und karten
umbzugon, dergleich liegen, schlecken, stelen, welchs die rechten haubtstuck
seind, so an galgen gehören, wie ir dann an disem Lottario wohl gesehen!
    Diss bleibt also. Jetzund wend wir wider kummen an Wilbaldum, wie es im
ergangen sei, nachdem der böse  vogel Lottarius von im gelauffen ist; demnach wend
wir auch sagen von Fridberten und Felixen, die iren herren unnd schulmeister
willig und gehorsam gewesen, was nutz in daraus erfolgt.
 
                                      15.
 Wie es Wilbaldo gangen ist, als Lottarius, der böse  vogel, von im geflohen was,
           auch wie sich Felix und Fridbert an irem dienst gehalten.
Jetzund wend wir fürbass anzeigen von dem armseligen Wilbaldo. Er zog in Brabant
umb als ein unbekanter armer frembder jungling, hat weder zu beissen noch zu
brechen; so musst er sich auch fast übel besorgen, wo er von der langen rut
begreiffen wirdt, er möcht gehangen werden; wie dann semlichs der brauch in
Brabant ist. Do reiten etlich reisig im land umb, unnd wo sie semlich verloren
kinder, so nit wercken wend, ergreiffen, hencken sie die gleich als warm. Vor
denselben besorgt sich Wilbaldus fast übel; darumb trachtet er ernstlich, wie er
aus Brabant kummen möcht und sich wider zu seinem vatterland nehen. Er wüsst aber
nit, das sein muter mit todt abgangen, was noch guter hoffnung, wann er ein
botten zu ir möcht haben, sie würd im ein noturfft schicken, domit er nit in
solchem jamer und ellenden läben sein zeit verzeren müsst. Er zog so lang, biss er
weder heller noch pfennig mehr hatt. Niemans wolt im umbsunst nichs geben, und
wann er schon durch gotts willen batt, sagt man, er wer jung und starck, warumb
er nit arbeitet. Also zog er in grossem hunger durch Westphalen, demnoch durch
Saxen und die margraffschaft Brandenburg, biss er kam in Prüssen. Da verdingt er
sich uff einem dorff zu einem bauren, der was fast reich und hat vil viehes. Des
underzog sich Wilbaldus dann in der bitter hunger darzu bezwingen tet.
    Also ward er schon aus einem edelmann zu einem sewhirten. Was aber des
ursach gewesen ist, habend ir oben nach der leng gehört, wie dann auch ein alt
Sprichwort gebraucht würt: Hundert jar machen aus einem hirten ein künig unnd
wider hundert jar aus eim künig ein hirten. Wilbaldus, der von gutem geschlecht
und edlen stammen erboren was, muss jetzund der schwein und anders viehes hüten.
Hette er nach adel und tugenden gestrebt, wer im gleich wie andren gelungen.
Dann wiewol Fridbertus von bewrischen geschlecht und eines hirten son was, kumpt
er doch von wegen seiner gehorsamkeit und tugend zu grossen ehren unnd wirden,
wie ir dann des greüntlichen bericht empfahen werden. Dessgleichen sein
zuchtmeister Felix, welchen sein herr aus der schul vom almusen nam, seinem son
und Fridberto fürzuston, der würt auch ein fürtreflich, reich unnd gelerter
mann. Des soll niemants wunder haben; dann mir sehen dergleichen exempel noch
vil zu unser zeit, das es auff allen universiteten und hohen schulen ein gar
gemeiner brauch ist, die armen studenten, so durch almusen und stipendia
erhalten, werden gwonlich hochglerte menner, doctores und magistri. Die andren
aber, welche man mit herrlichen tischen versehen tut, inen auch zu allen zeiten
gelt zuschicket, was wirt drauss? Ja selten bakellari, ich geschweig, das sie
ander gradum erlangen, werden auch gemeinlich die, so in zugeben seind auff sie
zu warten und ir diener zu sein, vil geschickter dann ire herren selber, welche
dann oft ir patrimonium gar verstudiren, ja ich mein in wirtzheüsern, mit
würffel, karten, wein und beir, auch mit schonen frauwen, die machend keinen
buchfürer reich. Das bleibt.
    Fridbert was jetzund bei zweien jaren kantzler am hoff zu Preüssen gewesen,
hat aber kein weib. Der hochmeister gedocht im umb eine zu trachten, in kurtz
ward er bedencken seines vorigen abgestorben kantzler, welcher hinder im gar
gross gut verlassen, darbei zwo schöner tochtern. Die elter was genant Concordia,
ein fast züchtig, sanftmütig unnd weise junckfrauw, die jünger was genant
Felicitas, ir schwester an schöne etwas übertreffen, ir auch an allen tugenden
gleichen. Der hochmeister befragt Fridbertum den kantzler auff ein zeit, ob er
nit willen het zu der eh zu greiffen. Er antwortet, wo er wusst eine, bei
welchern er in friden und freüden läben mocht, wolt er sich darin begeben; wo er
aber des in sorgen ston solt, wolt er eh von der freiheit, in welchern er
jetzunder wer, nit abtretten und vil lieber einer guten und tugentsammen frawen
manglen dann mit einer wunderlichen zenkischen hausshalten.
    Von solchen worten ward der hochmeister zu gelechter beweget, fraget demnach
Felixen, ob er auch eines semlichen gemüts wer. Antwort Felix: Nein. Dann nit
gut wer, wo alle jüngling eines semlichen fürhabens sein sollten; dann sunst wird
nimmer keiner zu ehlichen stand kummen. Darzu wusst er wohl, das alles menschlich
geschlecht zu leiden erboren; dieweil es dann je gelitten müsst sein, wolt er
sich mit gedult darin begeben; geriet es im dann nach dem besten, so hett er
gott des mehr zu dancken. Batt damit den hochmeister, wo ihm ein tochter oder
wittfraw zuston, mit deren er meint  versorgt zu sein, das er im dann mit guten
rhat, steüwr und hilff wolt furstendig und beholffen sein. Der hochmeister sagt
im semlichs zu; zu stund bedocht er sich nach seines kantzlers tochtem, sagt:
Mein lieben diener, ziehend jetzmals im friden hin! Morgen zu mittag so kummend
wider zu mir! Ich hab mich einer sach, so euch zu gut erschiessen wirt, bedocht.
    Also ging Fridbert der kantzler sampt Felixen zu irem herren Grottlieb, dem
alten ritter, namen das nachtmal in grossen freüden unnd freüntlichen gesprech,
sagten dem alten ritter alles das, so der hochmeister mit in geredt hat. Davon
er seer grosse freüd empfieng; dann er wusst wohl, das in die sach zu gutem Glück
gerhaten würt. Nachdem sie nun gessen hand, gott dem herren lob und danck
gesagt, seind sie auffgestanden unnd in einen schonen lustigen garten spazieren
gangen, die speiss abgedeüwet. Als sich nun die sanften unnd külen
abendtweindlein erhebten, die sternen mit irem zwitzern die nacht daherbrachten,
ist ein jeder zu bett an sein rhu gangen, haben die nacht mit süssen schlaff
vertreiben.
 
                                      16.
Wie der hochmeister nach der wittfrauwen schicket sampt ihren zweien töchteren,
                        wie sie mitnander geredt haben.
Des andren tags bedocht sich der hochmeister, den sachen einen ausstrag zu tun,
wie er im dann am abent darvon hat fürgenummen. Er schicket nach der wittfrawen,
der kantzlerin, befal dabei, ire beiden töchteren mit ir zu bringen. Die fraw
hiess mit irem namen Charitas; sie was gehorsam und ganz willig irem herren;
dann sie wust wohl, das er in gutem nach ir gesant hatt. Sie schmucket sich in
witweliche kleider ganz seüberlich, ire töchteren aber zierett sie auff das
allerschönest.
    Mit zuchtigen geberden kamen sie für den hochmeister; ir reverentz kunden
sie so adelich und höflich, das sich der hochmeister grösslichen ab ihn
verwunderet. Darzu waren sie so übermesslicher schönen gestalt, das in der augen
nit gnug möchten verluhen werden. Felicitas als die jünger ging zuvor; deren
volget nach ir schwester Concordia, die hat ir goltfarbes har zu rucken
abgeschlagen, von dem glantzet die verhöhung nit anderst, dann wer das ein
gespunnen turckisch gold gewesen. Auff irem haupt trug sie ein schon
perleingebend, auff dem einen schonen krantz. Ir stirn, erhaben glat und
wolgeziert mit gebogen schmalen augbräulein. Die euglein, wie schon und klar die
gewesen, kann ich nit volloben; sie kondt auch deren so lieblich gebrauchen, das
nit zu schreiben ist. Ihr nesslein langlecht und nit gar zu scharpff; ire
wenglein schon mit kleinen grüblein bekleidet, lieblich rosiniert; ir zart unnd
wolgesprecher mund mit einer lustigen rubinfarb von der edlen natur begabet; das
under leftzlein hieng ein wenig für das ober gegen dem zwifachen gespalten
kinlein zu tal; ir helsslein in rechter leng; die brust schon und breit. Sie hat
auch ein ganz rans weichlein, darunder das überig teil gar artlich
proportziniert was. Der gang an ir was ein überzierliche wolgestalt ires leibs.
Die jünger schwester nit mit minder schonheit geziert was dann die elter, allein
das sie ein wenig brauner was an der farb.
    Als nun Charitas mit iren töchtern ein kleine zeit bei dem hochmeister
gewesen, hat er zu stund Fridbertum sampt Felixen und dem alten ritter berüffet
sampt andren seiner räten, die dann gehorsam erscheinen. Der hochmeister sagt
in alles, was er den vorgenden tag mit Fridberten und Felisen geredt hat; dann
ihm wer nit von nöten ir beider fleissigen dienst vor ihn allen zu erzalen,
dieweil alles sein hoffgesind ein semlich täglichen vor augen scheinbarlich
sehen. Darumb wer im in gedancken kummen, wo es in anders beiden gefallen, wolt
er sie mit züchtigen schönen junckfrauwen versehen, dieweil er guter hoffnung
wer, Charitas die muter sampt ihren töchtern würden ihm seiner bitt nit
abschlagen. Als er nun ein semlichs mit seinen rhäten geredt, rufft er zu ihm
die züchtig und wolbertig Charitas und sagt: Mein liebe und getrewe dienerin,
umb das ich nach euch geschicket, beschicht aus allem guten gunst und sundren
gnaden, so ich gegen euch hab, welches dann ewer gemahel seliger gedechtnüss wohl
umb mich beschuldet, mir auch euch sampt euwern beiden töchtern in seinem
todtbett ganz treülichen empfolen. Darumb ich dann nun zumal ewer aller
getrewer vatter sein will. So euch das anders anmütig, will ich beid eüwer
töchter mit züchtigen tugentsamen jünglingen verheiraten, welche von wegen irer
tuget wohl edel genant möchten werden. Darauff, mein liebe Charitas, mögt ir
eüwern willen zu verstan geben.
    Die gut frauw des grossen erbietens so unmessliche freüd empfieng, das sie
vor freüd nit wusst, was sie antworten solt; jedoch kurtz bedocht fiel sie ihm zu
fuss. Der hochmeister nam sie bei der hand, zog sie auff und satzte sich zu ir
auff einen banck, sagt: Mein Charitas, mit unerschrocknem hertzen gebt eüwern
willen zu verston!
    Charitas hub an zu reden und sagt: Hochwürdiger, durchlüchtiger,
hochgeborner fürst, der grossen veilfeltigen gnaden und vätterlichen erbietens
mag ich umb gott noch umb ewer hocheit nümmer verdienen. Was möcht mir
glückseligers auff diser erden zuston, dann so ich meine lieben töchtern also
glückselig in ehlichen staht kämen sehe! Mir armen wittfrawen aber ist semlichs
zu volbringen nit möglich. Dieweil aber eüwer hochheit sich so vätterlichen
erbieten tut, so ergib ich mich mit meinen töchtern in deren schutz und schirm.
Dann ich meine beiden töchtern in solicher gehorsamkeit aufferzogen, das ich
weiss, keine under in beiden wider meinen willen nimmer tun würt. Darumb,
allergnädigster herr, habent ir vollen gewalt. - Das gefalt mir ser wohl, sagt
der hochmeister, ich will auch in disem heirot zu beider seiten vatter sein,
braut und breütigam mit einem herrlichen zugelt versehen.
    Also stund der hochmeister auff, ging mit seinen räten uff ein ort, nam
Fridberten und Felixen zu in, sagt in alle handlung. Wer hat grösser freüd dann
die guten jungen herren! Dann wiewol Fridbert sich vormals gewidert hat, als er
aber der schönen zuchtigen junckfrawen ansichtig ward, darbei iren züchtigen
wandel ersehen, hat im zustund sein hertz ein anders geraten. Als er nun von dem
hochmeister ganz gruntlichen bericht empfangen, hat er in gleich gebetten, wo
möglich wer, das er im die schone und zuchtige junckfrauw Felicitas zu einer
gemahel geben wolt. Dessgleichen begeret auch Felix, im die die ander junckfraw
Concordia zu vermehelen. Das gefiel dem hochmeister fast wohl; berufft von stund
an die muter sampt iren beiden töchteren, gab sie selb zusammen; dann alle ding
waren zuvor abgeredt. Die hochzeit ward bestimpt auff ein gelegnen tag.
    Das wend wir also lassen beleiben und wider kummen an den trübseligen unnd
armen Wilibaldum, wie er sein narung so in grossem jamer, ellend und trübsal hat
suchen müssen.
 
                                      17.
Wie Wilibaldo ein wolff under sein vieh kam und im vil schaden tet, also das er
                        seinem meister entlauffen musst.
Wilibaldus, der armutselig glückvogell, was jetzund schon gewonet, bei dem vieh
auff dem fäld sein zeit zu verzeren. Etwann zu zeiten sass er an der sunnen,
seine schu flicken, darnach bletzet er im selb seine hossen; auch, fiengen im all
seine kleider abgon. Wo im dann ein loch in sein rock kam, büsset er ein andren
bletz daruber, achtet nit der farben, ob sie seinem rock vergleichen oder nit.
Er nam auch für gut;, so im die leuss mit hauffen in seine kleider nistetten.
Rauhes und schwartzes brod was sein speiss; und wann in gott ziblen und knoblauch
bereit, hat er ihm wohl für gut, meint , er het ein guten imbiss gehat. Also muss
man solchen schleckmüleren kochen, so vormals aller guten beisslein gewont waren.
Do giengs nimmer auff brabendisch zu: malmasier und mett was dem guten Wilbaldo
ganz teür worden; dann er musst sich der kalten brunnen und fliesenden bechlein
behelffen. In seines vatters haus mocht er nit läben als ein edelmann mit
schönen kleideren geziert, nach dem für andre jungen in ehren gehalten mit
köstlicher reicher speiss unnd dranck fürsehen. Das aber schmackt ihm vil bass,
liess sich auch mehr in des bawren Haus dann in seines vatters küche benügen.
    Es wolt aber das unstet und wanckelmütig gelück noch nit vernügt sein. Dann
als der arm hirt Wilibaldus eines tags mit seinem vieh zu feld lag, zu allem
unglück keinen hund bei im hat, fur nit weit von einem wald uff guter weid. Als
es nun umb mittentag und die sonn fast heiss scheinnen was, rucket Wilbaldus zu
dem wald, damit das vieh schatten möcht haben. Er legt sich under ein schöne
dicke eichen an den schatten schlaffen und entschlieff gar hart. In dem kummen
aus dem waldt ein hauffen wölff, rissen und zerten im etlich vieh zu boden unnd
erwürgten deren manig stuck. Wilbaldus hart enschlaffen hort noch wusst von
semlichen schaden und unfal gar nichts, erwachet auch nit, biss der schaden
geschehen.
    Als er nun gnug geschlaffen und auffgestanden, was er umb sich sehen nach
seinem vieh; das lieff im feld umb ganz zerstrewet und forchtsam. Er kumpt an
das ort, findt den übrigen aass, so dann die wolff hatten übergelassen, erkand
wohl, das seines bawren vieh gewesen was. Wer erschrack übler dann Wilibaldus! Er
raufft im selb das har aus und klagt jämerlichen: O mort, sagt er, mir armen
betrübten hirten! Wo soll ich nun aus! Zu meinem meister darff ich nit mehr
kummen. Jetzund ist mein verdienter lon dohin, meine kleider seind zerrissen,
und solt mich mein meister auff den winter gekleit haben. Ich aber darff im nit
mehr under augen kummen, und was ich noch in seinem Haus von alten lumpen hab,
muss ich auch hinder mir lassen. Ach, ach mir armen Wilbalde! O du schantlicher
Lottarius, wie wirt mir aber deiner schantlichen Gesellschaft gelonet! O du mein
früntlicher lieber Fridbert, du mein getrewer bruder, wie wirt mir jetzund
deiner getrewen warnung so gar eingedenck! Aber zu spat, zu spat hab ich hinder
mich gesehen. O Felix, du mein lieber zuchtmeister, wie hab ich dir deiner
grossen treüw so gar übel gelonet! Du hast mir brüderlich gerhaten; ich aber hab
die ding nie bedocht. Umb dein vätterliche straff und zuchtigung stach ich dich
durch einen schenckel, das dann auch meiner flucht gröste ursach gewesen ist.
Wolan, mir ist weder zu rhaten noch zu helffen nimmermer.
    Wie der arm Wilbaldus in so grosser klag und jamer was, ersicht er von
ferrem seinen meister herreiten; dann im von seinen nachbauren gesagt was, wie
sein vieh on einen hirten in weitem felt ganz verscheicht unnd irr ging. Er
reit im feld rumher, treib das, so best er mocht, zusammen. Wilbaldus wolt sich
nit lenger saumen, erwuscht sein hirtentasch, stab und riemen, eilet dem dicken
wald zu, schloff unnd kroch in grossen sorgen durch alles gestrip und rauhen
dornhecken, zerriss und zerzert sich fast übel, also das im sein ganzer leib
verseret was. Dann er meint  nit anders, dann sein meister ritt, umb in zu
suchen.
    Der meister kam zuletz auff die walstatt, auff welcher sein zerrissen und
erbissen vieh lag. Do sah er wohl, das der wolff ein michel teil ob in gewesen,
gedocht nit anderst, dann Willibaldus wer von in auch umbkummen. Er saumbt sich
nit lang, reit zu Haus, treib mit ihm sein überbliben vieh; dann er sorget sich
auch vor den wolffen.
    Wilbaldus aber vor grossen sorgen und engsten gedocht der wölff nit mehr,
biss jetzund die finster nacht herinbrach. Do fieng ihm an der hass in bussen
lauffen unnd die katz den rucken auff; er rufft gott und all sein heilgen an,
sie sollten ime aus dem finstern wald helffen. Die nacht aber kam mit solcher
finsternüs, das er keinen sticken mer sehen kondt. Das ganz holtz daucht in
voller bären und wölff sein. Ach gott, gedacht er, wo soll ich aus! Steig ich
auff einen baum, so bin ich wohl sicher vor den wölffen und wilden schweinen. Wer
frist mich aber vor den graussamen bären und lüchssen, deren dann gar vil in
disem wald seind! Nun ist mein leben all mein tag in grössern geforen nie
gestanden. Ach warumb hab ich meines meisters nit gewartet und den todt
williglich von irnme gelitten! So were ich doch nit ein aass der wilden tieren
worden.
    Als er nun in solcher grossen angstbarkeit mancherlei gedenckens ward, stig
er doch zulest auff einen hohen baum, legt sich in ein starcke zwürchgabel, band
sich selb mit seinem gürtel daran, damit, so er entschlieff, nit herabfiel. Im
aber kam dieselbige nacht kein schlaff in seinen augen, sunder was in grossen
engsten und sorgen; die nacht was im so lang, als im all seine tag nacht je
worden war. Sobald nun der bletlein eins von einem baum riss, meint  er, es wer
ein wild tier oder sunst ein ungeheür. Er erschwitzet sich die nacht gar wohl
auff dem baum.
    Sobald es nun tag ward, steig er von dem baum herab, ging so lang, bis er
auff ein guten und getreibnen weg kam. Der furt ihn aus dem wald an ein seer
gross wasser, Wiell genant; daran ligt ein statt, heiset Dobrin. In die kam er
ganz schwach und hüngerig. Er ging für die burgersheüser, bat sie umb brot
durch gottes willen. Von ungeschicht begab sichs, das der sewhirt in der statt
keinen knecht hat; der dinget in umb einen lohn. Dess war er gar fro. Also dienet
er im so wohl, eh dann ein vierteil eines jars hinging, macht er ihm andre
kleider, damit er sich vor dem frost und regen mocht bewaren und erneren. Er gab
ihm auch bass under die zen dann der bawr, bei welchem er vor gewesen was.
    Jetz wend wir Wilbaldum bei seinem hirten bleiben lassen und sagen von der
köstlichen hochzeit, so zu Bossna an dem hoff ward gehalten, als Fridbert und
Felix zu kirchen gangen sein.
 
                                      18.
Von der herrlichen hochzeit, so zu Bossna an des hochmeisters hoff gehalten ward
den beiden junglingen zu gefallen, auch wie sie so reüchlich von dem hochmeister
                              aus wurden gesteürt.
Es was jetzund die zeit vorhanden, das man alle ding, so zur hochzeit von nöten
was, zurichten solt. Der hochmeister liess einen freien hoff aussrüffen in seinem
ganzen land, damit alle ritter und graffen, so ihm underworffen waren,
erschinen und einmal freüd und kurtzweil hetten. Es ward auch ein gross jagen und
beissen auff allerlei wiltpret angestelt; da wolt niemans der bösst sein. Also
kam in kurtzen tagen ein grosse zal wiltprecht von hirschen, rehern, schwine und
beren, das sich menicklich darab verwundren tet. Die kuchen wurden
auffgeschlagen in einem schönen weiten baumgarten. Darinn wurden vil zelten
auffgeschlagen, under wellichen man essen unnd trincken solt.
    Als nun bestimpter tag kam, an welchem die hochzeit solt gehalten werden, do
ist nit zu sagen, was köstlicheit erscheinen tet von frauwen und junckfrawen;
die kamen ganz zierlich bekleidt mit perlein, gold und silber umbgeben. Do hort
man vil trommeten, herbaucken, zincken, harpffen, lauten unnd gigen; in summa
alles seitenspils was da ein überfluss, do hort niemant sein eigen wort. Es kam
jetzund die stund, das man zu der kirchen gon solt. Der hochmeister gyng zu
fordrist, Fridbert ging im zu der rechten seiten unnd Felix zu der lincken, die
furt er bei iren henden. Ihnen volget gleich auff dem fuss nach Gottlieb, der alt
ritter, in grossen freüden; mit im ging der obrist hoffmeister des
hochmeisters; denen volgeten graffen, ritter und knecht an grosser zal. Zulest
kamen die zwo schönen vermelhten junckfrawen auff einem kostlichen vergulten
wagen gefaren. Dem wagen volgeten noch vil ander köstlich und schöne wägen nach,
all mit schönen junckfrawen und frauwen besetzet.
    Do sie nun für die kirch kummen, zuhand ist do gewesen ein ertzpriester, hat
erstlich Fridberten und sein liebste junckfraw mit schönen worten ermanet, was
der ehlich stand, auch wie und wer den ingesetzet, auch wes sie sich in
sollichen heiligen stand halten sollen. Demnach er nun ein gute zeit mit in
geredt, hat er den göttlichen sägen über sie gesprochen und in die kirchen
gefürt, da dann das ampt gar herrlich mit lieblicher music volbracht ward.
    Nach dem ist man zu tisch gangen, jeder nach seiner wirdi gesetzt worden.
Was aber do für kostlicher speisen und trachten fürgetragen worden, bedunckt
mich zu schreiben nit von nöten sein. Es näm ein jeder selb acht, wie es bei
gemeinen hochziten zugaht. Do muss nummen der vollauff sein, man vergisst aller
armut. Wann man zur hochzeit einkaufft, seind alle freünd ganz willig; do find
mann vil vettern und basen, die alle helffen hüner und genss zutragen. Braut und
breütgam müssen schöne schauben, röck, hosen und wammess haben; in ist kein tuch
zu teür, wann nur der kauffmann ein breiten fuss hat und borgen will. Dann seind
wir zwen oder drei tag in fraw Venus berg. Wann dieselbigen rumb seind und es an
ein rechnen und bezalen gaht, so kummen wir in die rechnung, können nit drauss
kummen, müssen vil an der hochzeit nachziehen; der wein und ander ding ist noch
nit bezalt. Da sieht man kein bass noch vetter mehr, so die hüner, genss, kälber
und anders hand helffen kauffen, ja, aber nit bezalen. Wolan, so faren wir dann
aus frauw Venus berg in sant Patricius fegfewr; und eh das jar umb kumpt, so
wollten sie, es wer noch anzufahen. Diss bleib also.
    Als nun der imbiss im besten was, trug man für der beiden braut tisch ein
schönen hohen stul, der was bedecket mit einem roten carmasein; den stalten vier
ritter gegen den beiden breüten, das in mencklich sehen mocht; niemant aber
wusst, was dis bedeüten wolt. Es was aber ein schönes weites gezelt, under
welchen die breüt sassen sampt dem merern teil frawen und junckfrawen. Darumb nam
im der hochmeister für, die zugab, so er beiden brüten geben, wolt er für frawen
und junckfrawen spieglen unnd nit vor den mannen, damit es nit under alles volck
käm; dann er wohl wusst, das die lieben frewlein verschweigen und ein ding bei in
beliben lassen. Und obschon bei weilen [eine] ir lieben gefetterin etwas
offenbart, sagt sie doch zuvor: Lieb gevatter, ich het euch etwas zu sagen, wann
ir reinen mund haben wolt. Sodann sagt die ander: Ach mein liebe gevatter, es
soll bei mir behalten sein als in euwerem eignen hertzen. So sagt dann jene:
Lieb gevatter, in euwerem hertz geredt! Sagt ir damit den handel. Das bleibt
verschweigen, biss sie zu einer andren kumpt. Diss alles wusst der hochmeister wohl,
darumb meint er nit von nöten sein, sein fürnemen vor den mannen zu erzeigen.
    Es kamen jetz die vier ritter oben gemelt; deren jeder trug ein schönen
grossen vergulten kopff, in deren jedem waren tausent stück golds. Vor inen her
ging ein herolt und zwen trummeter. Der herolt rufft vor meniglich die gaben
unnd schencken aus. Demnach satzten die vier ritter die gaben auff gemelten
stul, und mit genummen urlob von junckfrawen und frawen zugen sie wider davon.
Alsbald nun das mal ein end nam, jede frauw zu ihrem gemahel eilet, alles, was
sich verlauffen hat, bass bericht, dann wann er es selb mit augen gesehen het.
    Nachdem nun das wasser auff die hend genummen ward, ist ein schöner tantz
gehalten worden, der hat geweret biss auff das nachtmal. Demnach das auch mit gar
köstlicher speiss unnd dranck volbracht ward, unnd wider ein neüwer dantz bei
vilen wintliechten gehalten worden.
    Da jetzund die stund der rhu kummen, hat man braut unnd breütgam mit grossen
ehren schlaffen gefüret. Darnach ist auch jedermann an sein rhu gangen, habend
die überig nacht mit süssem schlaff vertriben. Das hoffgeseind aber hat, erst,
nachdem herren und frawen schlaffen seind gewesen, weidlich uffgeschepfft; da
ward erst Lorentz keller.
    Die nacht vergieng, und der ander tag erschein jetz mit klarem schein. Da
fieng man an von neüwen dingen die malzeit gar köstlichen zu bereiten. Der
hoffmeister befal an seinem hoff den jungen edelleüten, das sie auff den
kunftigen tag sich rüsten sollten unnd ein gesellengestech anrichten; welcher
dann under inen den preiss behielt, dem solt ein kleinot verert werden zu seinem
danck. Dessgleichen ordnet er den ritknechten ein danck, das was ein kleid von
fuss auff; die sollten mit stumpffen schwerten in einem schrancken zu ross
kempffen; welcher dann sich am baldisten dumlen kondt, dem solt die gab, so bei
sechs ducaten wert was, geben werden. Zum dritten gab ein gemeine ritterschaft
den schildtbuben auch ein kleit auff dreier ducaten wert; die mussten in einem
schrancken mit lidrinen kolben, so ganz hart aussgefüllet waren, kempffen on
alles harnasch und mit blossen heubtern, nichts anders dann hosen und hembder an
und schlaffhauben auffhaben; das dann gar ein kurtzweiliges sehen was. Es warde
auch der edlen und gräffinnen junckfrauwen etlich elen damast aussgaben, darumb
mussten sie lauffen; welche dann mit ersten das zil erreichet, deren ward ein
semlicher damast erteilet.
    Diser und deren gleichen kurtzweil wurden auff diser hochzeit vil getriben,
darvon dann gar vil zu schreiben wer; wils aber underlassen. Wer aber ein
semlichs zu wissen und sehen begert, mag das an eines jeden fürsten hoff nach
seinem gefallen erfaren. Die hochzeit weret bei den acht tagen, das niemant von
hoff schied, biss die acht tag verscheinen. Da nam jedermann urlob von dem
hochmeister und reit wider heim. Fridbert und Felix läbten in grossen freüden
mit iren beiden gemeheln, also das sie in kurtzen tagen ir selb schwanger
empfunden, davon dann erst grosse freüd entstund.
    Diss bleib also, und wend jetz wider an unsern Wilbaldum kummen, wie es im
ergieng.
 
                                      19.
Wie Lottarius eines nachtes dem Wilbaldo erschein in ganz jämerlicher gestalt,
 mit gebunden henden und einen strick an seinem hals habend, wie und was er mit
                              Wilbaldo geredt hat.
Wilbaldus in seinem statt also an dem hirtenampt gar wohl und fleissig studiert, so
das er seinem meister nit meer umb gelt veil was. Sein meister was ein grosser
kunstner under den hirten geacht; dann er gar wohl auff der sackpfeiffen rauschen
kondt. Das begert der gut Wilbaldus auch von seinem meister zu leren; das er in
dann mit gutem willen underricht. Er ward auch in kürtzer zeit sein meister mit
dem edlen seitenspeil übertreffen; dann wann er darauff spylet unnd jetzund mit
der sackpfeiffen rühet, sang er gar wohl darin. Er hatte auch noch ein füncklin
und gar kleines stücklin von dem schulsack behalten, also das er oft eigene
liedlein unnd rymen dichtet. Ward zuletst der kunst so frei, das er sich des
hirtenstabs abtet und sich allein seiner sackpfeiffen und singens begieng,
meint, es stund dannocht ein wenig bass dann gar bettlen, wiewol es fast
schwester und brüder mitnander seind. Niemans aber soll sagen, das es gebettlet
sei; sunst müsten sich die geiger und pfeiffer, so mit den silbren schilten
umbziehen, übel schamen. Von einem schloss, statt, wirtzhauss zu dem andren
ziehen, singen, gigen, pfeiffen und sprechen; demnach legen sie ein teller auff
den tisch, schweigen still. Was man git, nemmen sie das; das ist je nit
gebettlet, aber sunst auff die hurst geschlagen. Darumb fieng das der gut
Wilbaldus auch an.
    Auff ein zeit sass er und dicht im des tags ein lied zu seiner sackpfeiffen,
in welchen er allen seinen unfalh anzeiget, und fürbindig beschalt er den
Lottarium fast übel, umb das er ein ursach was all seines leidens. Das gedacht
lied werd ir nachmals hören, wann sichs schicken wirt.
    Als er nun des nachtes mit seinem vieh heimgefaren was unnd nach dem
nachtmal ganz müd nider zu bett ging, nit lang lag, mit disem schlaff gefangen
hart enschlaffen tet. Zuhand daucht in in seinem schlaff, wie er ein
erschreckens menschlichs bild sach vor im stan mit zitterndem leib und
angstaften geberden; das sagt stetz zu im: O Fridberte, Fridberte, deines
Wilbaldi, deines Wilbaldi! Von solchem trurigen ruff ward er sich in seinem
schlaff gar übel förchten; was im stetz, wie er mit krefftiger stimm mort
schrei, kond aber nicht schreien. Zulest aber gerat im ein schrei, und schreigt
mit lauter stimm, so das er darvon erwacht, sicht und greifft umb sich nach dem
bild, do was aber gar nichts. Er lag in enstlichem schweiss ganz forchtsam,
wünscht oft, das es tag würdt, domit er mit seinem vieh zu fäldt für. Zuletst
entschlieff er gar hart widerumb; so kumpt im für noch ein grusammer gesicht,
dann das forder gewesen was. Dann er sah den Lottarium ganz scheinbarlich für
im in dem schlaff; seine beiden hendt waren im auff seinem rucken gebunden, ein
langen strick an seinem Hals tragen, ganz ellender unnd tödtlicher gestalt. Er
sagt mit schwacher heisserer stimm: O Wilibalde, Wilbalde, weh mir armen
Lottario! Wie hat mir mein bössheit so übel gelonet! Erstlich wolt ich meinem
lieben vatter nicht volgen, befliss mich aller bösen stuck, diebstals, liegens
und betriegens; zulest aber ach leider ist mirs dohin geraten, das ich zu miner
grossen ellenden schand dem hencker biss an den leichten galgen hab volgen
müssen, daran mein leib den rappen zu einer speiss worden ist. Dich hab ich
leider von deinem vatter hinweggefürt und in gross armut, in deren du jetzund
bist, brocht, darumb du dich dann nit unbillich über mich zu klagen hast. Ich
bitt dich aber, lieber Wilbalde, wöllest deinen zorn gegen mir ablassen und mir
verzihen, domit mir mein arme seel zu rhuen kumm. Mit dem geredt verschwand das
gesicht.
    Wilbaldus erwachet vor lauter grossem schrecken unnd forcht; er sah ganz
forchtsam umb sich, unnd als er nichts sehen kond, zoh er sein haupt under die
deck, lag also ungeschlaffen, bis der tag anbrach. Da stund er auff, nam sein
zeüg, als teschen, stab und horn, ging auff alle strassen, bliess den mägten,
auff das sie das vieh triben sollten. Als er nun in das feld kam, gedacht er dem
gesicht ganz fleissig nach. Allmechtiger gott, gedacht er, wie mag das immer
zugon? Ist im also, wie ich in meinem schlaff gesehen hab, so hat Lottarius ein
böse  end genummen. Wolan, sein schalckheit hat in verfürt, und er mich armen
ellenden Wilbaldum zu einem verlassenen menschen gemachet. Nun ist mir dannocht
besser und ehrlicher meiner früntschaft, ich neer mich mit dem hirtenstab im
ellend, dann das ich also eines schantlichen und ellendigsten todts sterben solt
oder gestorben wer. Möcht ich allein den tag und stund erläben, in deren ich
mein liebsten herren und vatter, dessgleich mein liebe muter einmal sehen möcht,
ach ich wolt gern ir geringster diener unnd knecht sein, mich keines brachts
noch hoffart nimermer underziehen. Wolan, ich will mein hoffnung und trost zu
gott meinem herren setzen; ich weiss, er würt mich nit verlassen und mich wider
in meines vatters Haus bringen, wie er dann auch dem verlornen son getan , dem
ich mich dann gentzlich vergleichen mag, dieweil ich mein gut und hab mit
schnöder und üppiger Gesellschaft bin on worden. Ach gott, wer doch mein herr
und vatter auch eines semlichen demütigen hertzens, das er mich armen nackenden
verlassenen son mit barmhertzigkeit auffnäm, wie dann gemelter vatter seinen son
auffnam! Er aber, mein vatter, würt mir nit so leichtlich gnaden, dieweil ich on
alles sein wissen und wider seinen willen von im gelauffen, darzu meinen
getreüwen zuchtmeister so übel verwundet. Nun wolan, ich wils einmal wagen.
Nimpt mich mein vatter in gnaden auff, habe ich gott wohl zu dancken; legt er
mich dann in ewige gefenckniss, hab ich grösser übel, verschuldt. Jedoch will ich
lieber bei im in gefengnüss verschlossen mein läben schliessen, damit er mir doch
mein gross misstat vergebe, dann also in einem freien läben im ellend bleiben.
Solt ich also in ungenaden meines vatters beliben wie wolt ichs ewig gegen gott
verantworten, dieweil er in dem vierten gebott haben will unnd gebeüt, vatter
unnd muter in ehren zu haben! Darumb ist besser, ich geb mich gegen meinem
vatter in wohl verdiente straff, dann das ich erst in den zorn gottes fall und
mein arme seel in ewige gefencknüs bring unnd verpfend.
    Sollicher gedancken hat der gut Wilbaldus gar vil und mancherlei, tag und
nacht satzt er ihm für, urlob von seinem meister zu nemmen; er was bei im
gewesen in das zweit jar, hat jetzund etwas lons verdienet, mit dem er meint 
wohl biss in sein vatterland zu zeren.
    Eines tages kam sein meister an in, begert, er wolt sich noch weiter zu ihm
verdingen. Wilbaldus sagt ihm sein entlich fürnemen, das er willens wer
heimzuziehen; er sagt im auch darbei, wie er in das ellend kummen, vil guts
verton, was stammens unnd nammens er wer, und in summa so erzalt er im sein
ganz histori, darab der hirt ein gross und mercklichs verwundern hatt. Wilbaldus
was von art gar ein wohl proportzionierter jüngling, so was er auch ganz
suberlich mit im selbs, dabei der hirt wohl abnemmen mocht, das nit gar nichs an
der sachen sein kond. Er gab im gütlich antwort auff sein begeren unnd sagt:
Mein lieber Wilbalde, dich beger ich an deiner wolfart nit zu hindren. So mir
auch wissen gewesen wer, das du eines solichen geschlechts und herkummen werist,
ich solt dich zu keiner solichen ruhen arbeit haben kommen lassen; dann du in
unser statt noch wohl von adel finden soltest, so deinen vatter seer wohl
kenneten; dieselbigen dich gern auff wurden genummen und zu ehrlichen dienst
dann ich dich gebraucht haben. Wilibaldus sagt: Liebster meister, ir solt mir
glauben, das ich euwer dienst gar über die mass fro gewesen; bin auch von euch
aus grossem triebsal auffgenummen worden, sonst weiss ich nit, wie mirs gangen
wer. Desselben bedanck ich mich grösslich. Gott lass michs verdienen!
    Also bezalt in sein meister, der hirt. Er nam sein sackpfeiff, gesegnet sein
meister unnd frauwen; er zog von Dobrein scheiffet über den flüss Wiel, kam in
ein grosse statt mit nammen Vladisslavia, da was vil herrschaft. Wilbaldus
brauchet sich mit seiner sackpfeiffen, so bests er mocht. Wann er dann in ein
herberg kam, vereret man in bald, damit er nur hinweg mit seinem seitenspil käm;
dann es lautet so ganz jämerlich, das im niemans verstendigs zu mocht hören.
Noch dannocht kam sie im oft gar wohl; so er ungefor den imbiss erreichet, hiess
man ihn zu dem gesind oder reitknechten sitzen; die hatten dann ir fatzwerck mit
im. Wann er sich dann bedencken ward, wer unnd von was ältern er herkummen, tet
es ihm fast weh; dann er gedocht: O lieber gott, het ich meinen vatter und
zuchtmeister gefolget, dörfft ich nit jedermans narr und fatzmänlein sein, ich
sess jetzund bei erlichen herren an ir taffel, het knecht und diener, so auff
mich müssten warten. Jetz aber bin ich der wenigsten schiltbuben fatzman.
    Das ist noch brauch an allen höffen, ja in eines jeden schlechten edelmans
hoff, auch bei andren herren. Hilfft schon gott etwan einem armen frummen
einfeltigen menschen, das er von der herrschaft ongefatzt und ungespeit bleibt,
mag er doch von iren suppenfressern unnd federklübern nit hinkummen. Gedencken
wenig, das man gewont ist zu sprechen: Jung ritter alt bettler, jung köch alt
breter. Es schlecht aber dannocht oft derselben speivögel ein einfeltiger auff
ein schellen, das ihm alle seine schellen klingen werden und eim oft gesagt
würt von einem torechten, das er selb wohl weisst. Das bleib also.
 
                                      20.
Wie ein grosser tag in der statt Vladisslavia ward, Fridbert und Felix werden als
 commissarien von irem herren dohin gesant. Wilibaldus kumpt von ungeschicht in
die herberg, dorin sie liegen, singt vor dem tisch in sein sackpfeiff. Fridbert
 bitt in, das er nit mer pfeiff, allein das liedt noch einmal sing; des würt im
                             Wilibaldus zu willen.
Wan das Glück einen stürtzen will, kann er zu hoch nit sitzen, es wirfft in zu
boden; will es dann einen erheben, mag er so dieff im kot nit ligen, es kann im
harausshelffen. Also wirt es dem guten Wilibaldo jetzundt auch gon, wie ir hören
werdt.
    Dann es fügt sich auff ein zeit, das ein mechtiger landttag zu Vladisslavia
gehalten ward; dahin schicket der hochmeister beide, Fridbertum und Felixen, als
commissarien. Als sie nun ein gute zeit da lagen, begab sich eines tags, das sie
frölich waren bei andren grossen herren und gsanten, zu tisch sassen; kumpt der
gut einfeltig spylmann mit seiner sackpfeiffen unnd singt sein liedlein. Der
Fridberten noch Felixen nit erkant, dergleich sie ihn; sie beid aber mercketen
gar eben auff sein gedicht.
    Als er nun aussgepfiffen, sagt Fridbert: Mein lieber spylmann, sag mir, hast
du diss lied von einem andren gelert, oder ist es von dir selb gemacht? Antwort
Wilbaldus: O mein lieber herr, ir solt mir glauben, was ich in disem lied sing,
semlichs alles ist mir unnd noch vil ergers zuhanden gangen. Dann ich jetzund
mehr dann zehen jar in grossem ellend umbgezogen bin; ich solt, demnach ich von
jugent auff erzogen bin, einem stein erbarmen. Mir gedenckt wohl, das ich ein gar
lieb kind was, kond nimmer unrecht tun; wer mich schalt und strieff, den hasset
mein liebe muter. Das aber hat mir nit grossen nutz brocht, sunder in alles mein
ellend, darin ich gewesen bin, gesetzet.
    Fridbert sagt: Lieber spylmann, von wannen bistu lands her? Antwort im
Wilbaldus: O lieber herr, das zimpt mir nit zu sagen; dann sich meine älter mein
schammen müssten. Spricht Fridbert: Ich bitt, wöllest uns dein liedlein noch
einmal singen. Sodann soll dir von mir und disem guten herren ein verehrung
werden, die du zu grossem danck annemmen wirst. Felix war des auch gar begirig
zu hören.
    Also fieng Wilbaldus an und sang mit lautklingender guter stimm sunder die
sackpfeiffen, damit sie in des bas verstan mochten; und wiewol er sein
tauffnammen verendret hat, damit man in nit erkennen solt, hat er in doch in
disem lied zu fordrist unnd an vil orten heinin geflicket. Darauff sie beid ein
sunder gemerck hatten; dann er an seiner gestalt nümmer het mügen erkant werden;
so bleich, schwartz und mager was er von dem guten läben worden, so er in der
zeit gehabt hat. Er nant sich mit seinem nammen Heintz Ontrost; dabei namen sie
ab, das er sich seines rechten namens verlucknet hat. Ir keiner aber tet
dergleich, als wann er in erkennet; so kam im auch gar nit in seinen gedancken,
das sie beid in so grossen ehren [und] wirdin sollten sein. Dann er zuvor wusst,
das sie von schlechten armen groben ältern geboren waren, gedacht nit: Darnach
man stelt, darnach es felt; nach dem gerungen, nach dem gelungen.
                         Wilbaldus singt sein liedlein:
                                       1.
Will bald hie singen ein gedicht;
Wie mir beschicht,
Mags noch manchem beschehen :,:
So dann in meinen orden trit,
Will volgen nit
Und niemans übersehen :,:
Ob schon das Glück mit falschem blick
Ihm geben tut so grosses gut
Durch sein arglistigs brechen.
                                       2.
Will bald derselb ein juncker sein,
Setzt dapffer nein,
Sein gütlein hat kein dauern :,:
Verzert, verspilt sein hab und gut,
Sucht im ein mut
Bei nassen knaben, lauren :,:
So aller schand kein schühens hand,
Gross speil unnd schwier ist ihr manier,
Fressen, sauffen on trawren.
                                       3.
Will bald ein end das gütlein han,
Fahend sie an
Heimlich rauben und stelen :,:
Etwann feinden sie iren wert,
Strick, hencker, schwert
Kan in gar höflich strelen :,:
Dann wirt zu spat dem guten rhat
Zu volgen nach, den man vor floh;
All ihr anschleg tunt fehlen.
                                       4.
Also giengs auch mir jungen mann;
Ein Lottar han
Ich gfolgt, das tut mich reüwen :,:
Er leidet mir meins vatters leer
Unnd andrer mehr,
So mich meinten mit treüwen :,:
Lieff von ihn weit, hat kurtze zeit
Ein lichten mut; als nun mein gut
Zergieng, tet man mich scheüwen.
                                        5.
Der wirt jaget mich aus behend,
In dem ellend
Musst ich mein zeit verzeren :,:
Leer, kunst, wyssheit hat ich veracht,
Treib nur mein pracht,
Zletz must ich anders leren :,:
Must hirtlein sein der kelber, schwein,
Umb harte speiss brauchen gut fleiss,
Das ich mich möcht erneren.
                                       6.
Im reiffen, rägen, wind unnd schnee
Gschach mir oft wee,
meint oft zu erfrieren :,:
Ein ledersack und hirtenstab
Was all mein hab,
Damit must ich mich zieren :,:
Des nachts ich lag auff eim strosack,
Das wasser klar mein trincken war;
So kond mich Lottar fieren.
                                       7.
Dis leid ich als gern mit gedult,
Wann ich nur huldt
Beim vatter möcht erwerben :,:
Ach solt ich in seir wonung sein
Ein diener sein
Biss an meins endes sterben :,:
Von gott so seer bitt ich nit mehr,
Der helff mir bald semlicher gstalt;
Sonst muss ich gar verderben.
                                       8.
Will bald helffen der sehepffer mein,
So will ich sein
Beim vatter kurtzer stunden :,:
Dem geb gott in sein hertz und gmüt,
Das er in güt
Barmhertzig werd erfunden :,:
Dann so wolt ich gwiss schicken mich
Semlicher gstalt, das den Wilbald
Kein Lottar solt verfieren.
                                     Finis.
    Als nun Fridbert der cantzler und Felix von Wilbaldo das liedlin von anfang
bis zum end vernummen, hatten sie gar keinen zwifel mehr, Wilbaldus wer selb
zugegen, darumb sie sich dann des weinens kummerlich mochten enteben. Sie namen
den guten sackpfeiffer zu in an den tisch, hiessen, in nach allem seinem lust
dapffer essen und trincken. Sollichs nam er zu grossem danck auff; niemant aber
sunst an der tafell wust die ursach, warumb dise zween trefflichen mann sich des
unachtbaren pfeiffers so hoch annamen. Fridbert, so oft er Wilbaldum anschawet,
leiss er alzeit einen schweren seüfzen von seinem hertzen gon. Des namen die
andern herren oft war, jedoch wolt in niemant fragen. Wilbaldus aber achtet
sein nicht; dann er müst den schlemmer singen.
    Als aber nun das maal vollendet was, Fridbert und Felix auffstunden, namen
iren sackpfeiffer, furten in zu einem goltschmit, bestelten im zween schöner
silbriner schilt zu machen und ir beider wapen dorin zu schmeltzen. Sie befalhen
auch Wilibaldo, das er auff sie warten solt, solang sie in der statt Vladisslavia
bliben, sie wollten im kein mangell lassen; so es im dann geliebt wer, das er mit
ihn in ir heimnat ziehen, wollten sie im ein ehrlichen dienst schaffen oder ihm
selb underschleiff geben. Das gefiel Wilibaldo fast wohl; er wusst aber nit, wohin
sie ihn füren wollten. Er hatt täglich sein auffrit bei inen, wartet auch ganz
getreülich uff den dienst; dann sidher er in Brobant gewesen und selb juncker
gesein, was es im nie so wohl umb das maulfuter gestanden. Siner deckelsammen und
geflissnen dienst konden sich Fridbert unnd Felix nit genugsam verwunderen,
sagten oft zusammen: Warlich, Wilibaldus hatt einen besseren zucht- unnd
leermeister gehabt, dieweil er nit zu Bossna gewesen ist, dann dieweil er bei
seinem vatter was. Warlich, die armut ist ein meisterin, verwente mutwillige
kinder zu züchtigen. Hett im sein muter selig den zaum nit so weit gelassen, es
wer ihm dohin nymmermeer kummen.
    Sie hetten beid fast gern gewist, ob Wilibaldus wissen gehabt het, das sein
muter mit todt abgangen was, wüsten aber die sach nit anzugreiffen, dann sie je
nit wollten, das er sie erkennen solt biss zu seiner zeit, wie ir dann hören
werdet.
    Uff ein zeit, als sie beid müssig unnd aller geschefft entladen, furten sie
Wilbaldum zu dem goltschmit, lössten im sine schilt, wollten versuchen, ob er sie
tragen wolt. Ach gott, der gut arm zittell hatt jetzund alles seines adels
vergessen. So man an in ein narrenkappen zu tragen gemutet, er hett die mit
willen getragen; so ganz wohl hatt ihn die armut, angst und not gebutzet. Als er
nun die schilt angehenckt, furten sie in für die stattporten uff einen grünen
anger, fiengend in an mit subtilen griffen anzuzepfen, kondten aber nichts von
im erfaren. Allein erzalt er in, wie es im von anfang ergangen was, als er von
Antorff hat müssen weichen armut und scham halben, dieweil er erstlichen so
grossen pracht triben, auff dletz aber den wirt kummerlich bezalen mocht.
    Als er ihn nach der lenge erzelet sein ellend und trübsall so er erlitten,
hat Fridbert angefangen sagen: Es ist in verscheiner wochen ein edelmann in
unser herberg gelegen, der uns vil langer weil vertreiben und mit seinen guten
schwencken und historien gekurtzt hat; so ich recht behalten hab, ist er in der
statt Bossna an dem hoff. Under anderem erzalt er uns ein histori von eines
ritters son; demselben ist es gleich gangen wie dir armen sackpfeiffer, und
fürwar wann du dich mit nammen hettest genant wie gemelter rittersson, glaub ich
gentzlich, du derselbig werest.
    Wilbaldus einen grossen seüfftzen von seinem hertzen gon liess: Ach mein
herr, sagt er, ich bitt, ir wöllen mir dieselbig histori erzalen, damit ich
vernim, das noch mehr armutseliger vögel seind dann ich. Er aber begert das nit
darumb zu hören, das solche histori von einem andren sagt; dann er an allen
worten wohl abnam, das er eben des ritters wolgeratner son was, von dem Fridbert
gesagt hat; allein begert er heimlich zu erfaren, wie sich sein vatter und muter
nach seinem abscheid gehalten.
    Fridbert hat auch keinen zweifel mehr, dann das er eben der Wilbaldus wer,
von dem er sagen wolt; darumb sprach er: Nim war, mein lieber sackpfeiffer! In
der statt Bossna, nach laut des edelmanns sag, wonet ein ritter mit nammen
Gottlieb, ein fümäm mann an des hochmeisters hoff, der hat in seinem betagten
alter ein schon zuchtig edel reich weib genummen, bei welchern er ein einigen
son geboren und erzucht hat. Denselbigen genant er Wilbaldus, welchen er mit
grösser liebe aufferzogen, einen jungen knaben im zu gefallen und Gesellschaft
von einem bawren genummen, in gleichem fleiss bei einem zuchtmeister erhalten,
bei welchem sie in gleichen tugenden zunamen, biss so lang der jungling Wilbaldus
an ein bösen lockvogel sich henget, seines vatters und zuchtmeisters straff
vernicht und gar in den wind schlug. Zuletz, als der vatter seins sones gross
verderben sehen, ward er ihn seinem zuchtmeister in scherpffere straff bevelhen.
Als ihn nun derselb bei üppiger bösser Gesellschaft fand, understund er in mit
der ruten zu züchtigen. Wilbaldus aber von seiner bösen gselschaft dermass
abgericht, wolt solche straff nit leiden, sunder stach sein zuchtmeister mit
einem messer durch ein sehenckel und wundet in gar hart. Solcher ursach halben
dorfft er für sein vatter nit mehr kummen, lieff also mit einem seinem gesellen,
so ein ausserlessner diebischer schalck was, wiewol von frummen eltern, darvon,
hielt sich ein zeit lang nit weit von der statt Bossna bei einem wirt, dohin im
sein muter gross gelt schicket, biss er zuletst weiter kummen, do er von seiner
muter nit meer mocht erfaren werden. Als aber der vatter die muter oft darumb
schalt, das sie dem son so weich was gewesen und darzu sie iren son nit mehr
erfaren kond, ist sie aus grosser kummernüss in ein tödtliche kranckheit gefallen
und bald darnach gestorben. Der ritter aber soll sich noch in seiner behausung
mit seins gemelten sons gesellen halten, der jetzund ein schon jung reich weib
hat. Wo aber Wilbaldus im land sei, mag sein vatter nit wissen. Diser gemanet
mich an dich; dann wohl möglich ist, es gange im gleich so trübselig als dir.
    Damit beschloss der cantzler Fridbert sein red. Wilbaldus aber manchen
tieffen und schweren seüfftzen von seinem hertzen gon liess, und sunderlich, als
er seiner lieben muter todt vernummen hat, mocht er sich des weinens nit mehr
erhalten. Jedoch was er so ganz geheb, das er nicht schnellen wolt, allein
sagt: Gott verzieh dem son, das er ein ursach ist an dem todt seiner muter! Ich
aber warlich sorg meiner muter gar seer.
    Als aber Fridbert und Felix an im verstunden, das er sich so lenger so
weniger zu erkennen geben wolt, seind sie wider in die statt gangen in ir
herberg und zusammen allein in einen sal gesessen, aldo mitnander sich zu
beraten, durch was mittel sie doch den Wilbaldum möchten gen Bossna bringen.
Fridbert sagt: Es ist ein sorg, wann er sich selb erkennet, das er in seinem
vatterland ist, würt er gewisslich nit dem vatter under augen kummen. Darumb so
wir etwas nahe zu der statt kummen als auff zwo oder drei meil, wend wir uns
annemen, grosse unnd ehafte geschefft treiben uns bei nacht zu reiten. So mir
dann zu der porten kummen, schliesst man uns die bei der nacht auff. So reiten
wir mit im in unserer schwiger behausung; do würt er sich nit erkennen mögen.
Das ward also von in beiden beschlossen.
 
                                      21.
 Wie Fridbert und Felix Wilibaldum den sackpfeiffer bei nacht gen Bossna bringen
   und morndiss etlich freündt, herren, sampt dem alten ritter zü gast laden;
    Wilbald in einem nebengemach sang und pfeiff, wusst aber nit, wo er was.
Es hatten sich jetzund alle geschefft geendet, jedermann rüst sich wider
heimwartz zu riten. Fridbert und Felix fragten iren sackpfeiffer, ob er mit in
wolt. Er was sein gar wohl zufriden, fragt nit weiters, ob er reiten, faren oder
gon must; sie aber machten in beritten. Als sie nun aller ding ferig wurden,
zalten sie iren wirt, ritten den nechsten weg heimwarts zu. Auff der strassen
hatten sie gar vil freüd mit irem sackpfeiffer. Als sie nun auff zwo tagreissen
waren geritten und Wilbaldus sein gastütlein gegen der beiden herren knechten
abgezogen, fieng er sie an fragen, wo doch ire herschaften ir wonung hetten.
Das aber was ihn zuvor von beiden herren verbotten; dorumb sie dann Wilibaldum
mit geschyden und listigen worten abweisen. Der gut stockfisch gelaubett alles,
das man im sagt.
    Sie waren jetzund nicht weit mehr von Bossna. Der ein knecht ward zuvor
geschicket, ihr zukunft zu verkünden, dann sie bei nacht erst kummen würden,
dorumb solt man ir an der porten warten. Wilbaldus in im selb heimlich dencken
wardt: Diss mögen wohl seltzam herren sein, das sie erst nachts in die statt
reiten wend und dess tags wohl zeit genug hetten. Warlich ich sorg, sie haben
nichts guts im sinn. Wie, wa sie ir kuntschaft wüssten und mich etwan einem
kauffmann zustalten, so mich auff ein galleen schmiden liess! Sie sehen, ich bin
jung und starck; solche gesellen, wie ich bin, bezalt man teür. Sie möchtend
auch wohl selb kaufleut sein, die mit solcher war umbgiengen. Wann ihm also wer,
wolt ich, das mich die wölff im holtz hetten fressen oder aber mich mein meister
bei dem zerrissenen vieh funden, het mich an einen baum gehenckt. Dann weger wer
einmal gestorben dann allen tag leiden und nit sterben können. Sollich gedancken
umbgaben in so starck, das er ganz verdocht sass, auff nichts kein acht hat.
    Diss hat Felix bald wargenummen und ihn bei einem arm gezopfft, mit lachenden
mund gesagt: Heintz Ontrost, biss mannlich! Morgen must du erst für recht gestelt
werden. Damit hand sie ir fatzwerck weiter mit im getreiben; unnd als es sie
zeit daucht, seind sie auffgesessen, vollends auff Bossna zugeritten. Nun schein
der mon ein wenig, so das man kein ganz eigentschaft eines dings darbei
erkennen kond. Noch dannocht, als sie gar nahend hinzukamen, beduncket
Wilbaldum, er hett die statt vor mehr gesehen; noch meint er nit, dass es Bossna
wer, fraget Fridbertum, wie die statt hiess. Der nant im die, aber mit einem
andren nammen. Also liess er sich aber settigen.
    Sie kamen in Felixen schweiger Haus; bei deren wonet Felix und sein weib. Es
was aber alle ding dermassen angestifft, das er gar nichts mercken kondt, wo er
was. Sie wurden schon empfangen. Dann Felixen diener, so zuvor geritten, hat sie
aller ding bericht; so erkannten sie auch wohl, das all ir wolfart von disem
Wilibaldo harreichet, wiewol es im nit so wohl als ihnen geraten was.
    Fridbert als er abgesessen und seine stiffel abgezogen, hat er urlob von dem
alten ritter genummen sampt seinem weib, zu seinem schwager Felixen gangen,
damit sie die nacht vollend freüd mit irem sackpfeiffer hetten. In summa es ward
ein köstlich mal zugericht; und als man zu tisch sass, satzt Felix den
sackpfeiffer oben an, neben ihn die beiden jungen frauwen, die dann beid wohl
wussten, wer er was, aber gar nit dergleichen tetten; sie treiben vil guter riss
mit ihm. Allmechtiger gott, gedocht Wilbaldus, was will doch hierauf werden? Dise
herren bieten dir gross zucht unnd ehr; entweder es würt dir gar übel oder gar
wohl gehn. Wolan, soll mirs dann übel gon, will ich mir recht vor einen guten mut
haben.
    Als sie nun wohl gessen und druncken hatten, sagt Felix zu seiner schweiger:
Fraw muter, nimpt euch nit wunder, was ich euch hie für ein gast brocht hab? -
Sicher nein, sagt sie, dann ich sich wohl, er ist ein spylmann; das zeügen seine
schilt. - Ja fürwar, sagt Felix, besser sackpfeiffer habend ir in all eüweren
tagen nie erhört. Damit ihr aber meinen worten glauben, so lond im sein
sackpfeiff bringen! Da werdend ir wunder vernemen. Alsbald brocht man im den
sack; Wilbaldus fieng an von seiner wanderschaft zu pfeiffen und singen. Darab
in die weiber gnug freüd namen, sunderlich freüweten sich auff den kunftigen
tag, wie er sich halten wolt, wann er seines vatters ansichtig würd. Die nacht
was jetzund mehr dann halb hinweg; darumb begert jedermann an sein rhu, damit
sie den morndigen tag in freüden und kurtzweil möchten volnbringen.
    Als es nun tag worden und der alt ritter sampt Fridberten auffgestanden, hat
in der alt ritter erstlich befragt, wie es im auff der reiss gangen sei. Fridbert
antwort mit freudiger stirnen und lachendem mund: Allerliebster herr, ir sond
wissen, das wir ein wunderbare reiss gehabt. Dann von ungeschicht haben wir
meinen lieben bruder, eüweren son Wilbald, funden in einem gar seltzamen stand,
des ir euch dann nit gnug wert mögen verwunderen, so ir ihn sehen wert, das ich
dann hoff in kürtze zu beschehen. Gottlieb, der gut alt mann, wiewol er in
grossem zorn gegen seinem son wütet, noch dannocht erregt sich das vätterlich
hertz in im, als er von Fridberten aller sach bericht ward, das ihm seine augen
übergingen. In gross mitleiden fiel unnd bewilliget also Fridberten an der stett,
das er seinem son Wilbaldo vergeben, doch in der gestalt, das er als ein diener
bei ihm wonen solt, dieweil er sein gut vor langem verton hat.
    Felix in solcher zeit all ding nach notturfft anschicket, etlich gut herren
und freünd zu gast lud; die ganz willich kamen, dann ihn Felix newe zeitung zu
sagen versprochen hat. Es ward auch ein seer schimpflicher imbiss daraus, in
welchem von etlichen seer gelacht, den andren geweinet ward. Dann der alt ritter
sich ganz spat im imbiss sehen liess; so hat Wilbald zuvor niemant erkennet, biss
im sein vatter zu gesicht kam; do erkant er sich erst.
 
                                      22.
  Wie Felix und Fridbert ein schimpflich mal zurichten, etlich gut herren und
 freündt darzu laden, dessgleich Gottlieb, den alten ritter, der im halben essen
von dem tisch ging, Wilbald hineingerüffen, zu dem tisch gesetzt ward, Gottlieb
                nach langem in den sal kam; wie es weiter ging.
Die herren und guten freünd, so zu gast geladen waren, kamen sampt iren weiben.
Felix in einen nebensal ein taffel für die diener hat zurichten lassen; bei
denselbigen sass auch der sackpfeiffer. Felix befal in, er solt seinen
mitgesellen gut arbeit machen und sich auch beiweilen mit seiner sackpfeiffen
hören lassen, damit seine herren und gest auch lichtsinnig davon wurden in dem
andren sal. Dess was Wilibaldus gutwillig. So oft man ein richt brocht, sang und
pfeiff er leichtsinnig darzu.
    Als es nun in halben essen was, staht der alt ritter von dem tisch auff;
niemans aber in dem saal wusst von dem anschlag dann der ritter, dessgleich
Fridbert und Felix sampt iren beiden weibern unnd der muter. Sobald der alt
ritter hinwegkam, saget Felix: Lieben herren und frawen, wer es euch nit
verdriesslich, ich wolt euch unsern spylmann herinbringen. Ir sollten gut schwenck
von im erfaren; weiss auch, eh dann diser imbiss zergoht, ihr wert seltzam
obenteür von im hören, darbei erfaren, wer er ist. Das gefiel ihn allen seer
wohl. Felix brocht in bald an den tisch mit seiner pfeiffen. Als er ein kleine
weil gepfeiffen, hat in Felix gemanet, sein lied allein zü singen.
    Wilbaldus in allen dingen gehorsam was, sang von heller luter stimm, versah
sich aber nit, das im sein vatter so nahend was. Welcher wider in den saal
geschlichen, sich zu den weiberen an ir taffel gesetzt hat, seinem son den
rucken wendet, damit er nit von ihm gesehen würd. Von allen denen, so in der
gastung waren, ward genug gelachet; wann Wilbaldus hat jetzund wohl getruncken
unnd seines leids gentzlich vergessen. Er was fast guter schwenck, des ihm dann
der gut alt ritter auch heimlich lachen musst, tet aber nit dergleichen, das im
der sachen wissens were.
    Als nun Fridberten zeit bedaucht, das der gut sackpfeiffer sich einmal selbs
erkennen möcht, sagt er: Heintz Ohntrost, lieber, sag uns doch die warheit, wo
und in wellichem land meinstu, das du und mir all jetzund seiend? Möchtest du
auch in einem solchen dienst beharlich bleiben, auch solcher haussmanskost zu gut
haben? Oder belanget dich wider in deines vatters Haus, so scham dich nit, zeigs
uns an! Wir wend dir alsam beholffen und beraten sein. Doch must du uns zuvor
den nammen deines vatters, land und statt, in deren du erzogen und erboren bist,
anzeigen.
    Wilbald mit einem grossen seüfftzen anfieng und sprach: Allerliebster und
getreüwister herr mein, wie mag ich immermer umb euch verdienen des freüntlichen
erbietens, so ir mir getan , ich geschweig der gutat, so mir schon widerfaren
ist! Das ihr mich fragend, ob mir gefall bei euch zu bleiben, darzu antwurt ich,
wo mir solche gnad von euch widerfaren, kann ich umb gott nimmermehr verdienen.
Das ir aber fragt, ob mir lieber wer bei und umb meinen lieben vatter zu wonen,
so sag ich, wann gott geb, das mir mein lieber vatter verzihen, wusst ich kein
grösser freüd in aller welt, so mir lieber sein möcht; ich wolt mich gern den
ringsten under seinen dieneren achten, mich nit als sein son, sunder als ein
gekauffter eigner knecht halten. Damit aber ir vernempt, wer ich sei, darzu mein
vatterland unnd meines vatters nammen erkennen, so wisst, das in der statt Bossna
mein vatter wonet, ein frummer alter ritter; unnd ich bin eben der Wilbaldus,
ein ungehorsammer son, von welchem euch der edelmann gesagt hat in der statt
Vladisslavia. Das ich aber meinen nammen verendret hab, allein darumb geschehen
ist, das ich besorgt hab, man würd mich erkennen; und so dann mein frummer herr
und vatter erfaren, das ich in solchem ellend umbzogen, er möcht sich des so
hart kümmern und dardurch in kranckheit und unmüt fallen. Dann mir ist
unverborgen, das alten betagten mannen nichts schedlichers dann der zorn sein
mag. Wo ich dann ursach zu seiner kranckheit gebe, wie wolt ichs immer gegen
gott verantwurten? Dann ist im, wie ir von dem edelmann verstanden habt, das
mein liebe muter mit todt abgangen, we mir, wo will ich mit meiner armen seel
hin, dieweil ich schuld an irem jämerlichen sterben getragen!
    Als er semlichs geredt, fieng er an bitterlichen zu weinen, dardurch er sie
allsampt zu weinen bewegt. Als sich nun Fridbert wider erholet, sagt er: Wolan,
mein lieber Wilbalde gehab dich wohl! Dein herr und vatter ist mir nit unbekant.
Du solt in in gar kurtzen stunden mit deinen augen sehen. Gottlieb der ritter
mocht sich auch nit lenger erhalten, stund, auff von dem tisch, an welchem er
sass, ging zu seinem son-und mit ganz bekummerten hertzen sagt er: O du mein
un, ghorsammer son, weh mir, das ich dich ye gezogen hab! Ach, warumb starbest
du nicht in deiner kinteit! So werest du nit ein ursach gewesen an dem todt
deiner muter, so wer ich auch meines grossen guts nit so gar beraubet, welches
du mir gar schantlich und lasterlichen verton. Wilbaldus von grossem schrecken
nit wusst, wo er was, dieweil er seinen liebsten vatter reden hort. Er sass ganz
erstumbt, als wann er ein stein gewesen wer; antworten kond er gar nicht, so
kond er auch nit fliehen. So was dem ritter jetzund vor freüd und leid sein
sprach auch gelegen.
    Fridbert, welcher gar ein weiser verstandener mann was, gedocht im, wie er
sie beid getrösten mocht. Strenger lieber herr und vatter, sagt er, ich bitt,
wöllet semlichen unmut fallen lassen und gedencken, wie man den sachen tun mög.
Was hein ist, mag herwiderbracht nimmer werden. Euwer haussfraw ist in ewigem
läben, hat alles unglück, angst und not überwunden. Hat Wilbaldus das sein
üppigklich verton, so hat er das auch in grosser armut wider gebüsst. Lottarius,
der schantbub, ist auch umb sein vilfalten bösen stück an dem galgen erworgen,
wie dann allen lotteren billich geschehen soll. Darumb, strenger lieber herr,
nemmen zu gnaden mein lieben bruder und gesellen! Dann er mag euch in eüwerem
schwachen alter noch zu grossem statten kummen. Sein armut, angst und not würt
in dermass gewitziget haben, das er arges nimmer gedencken würt.
    Von solchen worten ward Wilbaldus etwas ermundert worden, stund auff von dem
tisch, fiel seinem vatter zu fussen und sagt:
 
                                      23.
Wie Wilibaldus seinem vatter zu fussen falt, gnad an in begeret, und wie ihm der
                       vatter sein misshandlung verzeihet.
O mein hertzallerliebster herr und vatter, verzeihet mir armen ungehorsamen son!
Nempt mich durch gott zu gnaden auff, nit als einen son, sonder als den
geringsten stalbuben! Ich will mich aller arbeit, so niemans tun will,
underziehen, domit ich nur underschleiff in eüwerem Haus haben mag. In keinem
bet beger ich nimmer zu schlaffen, allein vergünnet mir under dem tach bei den
pferden in dem stall zu wonen! Dem wenigisten diener will ich als meinem herren
gehorsamen. Als Wilibaldus semlichs geredt, hat er sich gen den gesten gewendet,
sie auff das hertzlichest gebetten und ermanet, im umb seinem vatter helffen
gnad und verzihung zu erwerben. Das sie dann all mit höchstem fleiss vollbracht
haben.
    Also hat im der alt ritter gentzlichen verzeihen, doch das er nümmer wider
ihn tun solt, sunder Fridberten als seinen herren in allen gebotten gehorsamen.
Des im Wilbaldus gar grosse freüd nam, diewyl er jetzund Fridberten und Felixen
erkennet, die er dann vormals gar nit kennen mocht. Als nun alle sachen in das
beste verwant, sind sie von news zusammen gesessen. Aldo hat Wilbaldus nach der
leng sein aussfart, wanderschaft unnd begangnus erzalen müssen, dess sie inen all
gross kurtzweil namen.
    Zületst sicht er Felixen, seinen schulmeister, mit einem grossen unnd
schweren seüfftzen an und sagt: O Felix, mein getrüwster ratgeb und
schulmeister, wie hab ich die getrüwe warnung, so ir mir getan , so mit
ungleichem bössem lon vergolten! Wie mag ich uch mit frölichen augen ymmer
ansehen! Weh mir, das in die schantlich Gesellschaft dess Lottari je kummen bin!
Dann er mich durch seine arglistigen vilfaltigen bösen anstifftungen zu aller
ungehorsamme gebracht hat. Ich bin durch sein eingeben zu verdserbung und
grossen spott kummen, meiner allerliebsten fraw muter beraubt worden. Ich, der
dem vätterlichen guten getrüwen raht nit volgen wolt, so mir mein liebster herr
und vatter geben tet, müsst zuletst einem armen groben hirten in aller
unsuberkeit volgen, in kaltem wind, regen und schne min zeit vertriben. Edler
richer kostlicher speis wolt ich mich in mins vatters Haus nit settigen lassen,
musst mich aber an minem hirtendienst mit ungeschmaltzen kraut und ruben benügen.
Samat unnd siden was mir zu gering zur kleidung, der zuletst ein zwilchin sack
über meine schultern gespannen zu grosser noturfft für gut nam, domit ich mich
vor dem frost erwören unnd behelffen mocht. Darumb dann billich alle knaben,
edel und unedel, ein bispyl ab mir nemmen werden und solcher bösen gselschaft
abston, sich in kein solche ungehorsamkeit begeben. - O Fridbert, min
allerliebster bruder, nun erkenn ich, weiss auch durch erfarnüss, war sein alle
früntlich und brüderliche warnungen, so mir in meinen jungen tagen von euch
empfangen; do aber was kein volgens nicht. Dess muss ich jetzund knecht und ir
herr sein, das auch recht und billich ist. Grott sei gedancket, der mich zu
Vladisslavia zu uch gefüret und mir wider zu sollichem schwert geholffen, so das
mich [mein] herr und vatter in gnaden auffgenummen und ich euch alsampt in
solchen grossen wirdin und eren funden, das mich dann meines leids nicht wenig
ergetzet.
    Mit solchen worten machet Wilibaldus in allen die augen übergohn. So best es
sie mochten, in trösten würden. Als nun das malzeit ein end hatt, die tisch
auffgehaben wurden, jederman urlob nam, zu Haus giengen. Wilibaldus volget
Fridberten unnd seinem vatter auff dem fuss nach wie ein gehorsammer
underteniger diener. Er was in beiden ganz willig unnd gehorsam, stetigs in
sorgen stund, das er seinen vatter, den ritter, nit erzürnet.
    Bald liess im Fridbert schöne kleider machen. Also ward das verloren kind zu
einem emsigen diener; sein tun und lassen ward aller welt gefellig, nam wider
zu an vernunft unnd weissheit, welche zuvor aus verruchter böser Gesellschaft
ganz an im verlosschen was. Also wirt manches adelichs gemüt, dem es doch von
natur angeboren ist, durch nichtige böse Gesellschaft corrumpiert an gut und
ehren, und kummendt aber deren gar wenig wider zu solcher erkantniss. Dann deren
sind gar vil, so ich erkant hab, welche ihr gut durch bösse gselschaft vertohn,
volgens alle erbarkeit, zucht und straff ganz verlassen, die untugent und
laster angenummen; zuletst haben sie ire zuchtmeister am galgen und köpfbühel
suchen müssen, doselbs jemerlich gezüchtiget werden.
    Das lond wir beliben und wend witer sagen, wie Wilbaldus sein überiges läben
zu end brocht hab, domit danoch die gutertzigen, so etwan sich übersehen hant,
ein bispyl bei im nemmen unnd wider zur tugendt keren.
 
                                      24.
 Wie Wilbaldus dess hochmeisters forstmeister ward, unnd wie er sich so artlich
                  und jegerisch auff dem gejägd gehalten hatt.
Erstlich haben ir das ganz läben, anfang und mittel gehört, wie und welcher
gestalt Wilbaldus sein zeit herbracht hab; jetzund wend wir sein end und aussgang
auch besehen. Er wonet bei seinem vatter und Fridberten in grossen freüden, was
ganz aussrichtig in allen dingen. Diss gerucht von im erschal an dess hochmeisters
hoff, der dann noch von seiner widerkunft nit gehört hatt. Er liess den alten
ritter für sich beruffen, befragt in aller ding seines sones halb; dess ward er
ganz gruntlich von im bericht. Also befalch der hochmeister dem ritter, er solt
im seinen son zu hoff schicken, er wolt in zu einem diener annemen. Dess der gut
alt ritter aber zufriden was; er schicket Wilbaldum gen hoff.
    Als in der hochmeister ersehen ward, fing er ganz gütiglich an zu lachen.
Er befragt in gar eigentlich, wie es in ergangen, seid er von Bossna aussgereisst
wer. Des alles in Wilbaldus gar eigentlich berichtet. Also, sagt der
hochmeister, soll es allen bösen ungehorsammen sönen gelingen; sunst wirdend ir
gar vil von vatter und muter lauffen und denselbigen ganz ungehorsam sein. Nun
wolan, Wilbalde, dieweil du nun weist, was armut und eilend getun mag, wa es
dein gelegenheit sein, wolt ich dich zu einem diener annemen. So mir dann die
deinen dienst angenem sein wöllen, wirst du erfaren, das ich dich je von tag zu
tag mit besseren und hohern diensten begaben und versehen will. Dann ich mit
deinem vatter schon darvon geredt hab, in auch ganz willig funden. Du solt
wyssen, dass mir kurtzlich ein forstmeister abgangen ist. So dir solch ampt
anmütig unnd du lust zur jägerei hettest, solt dir die forstmeisterei zugestelt
werden.
    Wer was frölicher dann Wilbaldus, als er im jetz ein gnädig unnd geneigten
herren wusst! Er nam das ampt zu grossem danck an, versprach dem hochmeister
allen fleiss im forst und andren höltzern auszurichten. Bald darnach stalt im der
herr ein schönen gaul zu; dessgleich ein knecht, so stetig uff in warten und mit
im reiten solt; demselbigen waren alle schlipff, weg und steg im ganzen forst,
wiltnüssen und wälden wohl bewusst, darumb ihn dann Wilbaldus dest lieber annam.
    Als er nun urlob von seinem herren genummen, ist er eilens zu Fridberten
gangen, damit er in seiner freüden auch teilhaftig machet. Er sagt: O mein
lieber bruder, freüd euch mit mir! Dann das Glück meint  es fast gut mit mir;
dann mich mein gnädiger herr zu einem dienstmann und forstmeister auffgenummen
hat, mir auch ein weidlichen diener zugestellet, so alweg uff mich warten [ist].
Sagt ihm dabei alle ding, was sein geschefft unnd befelch sein würd. Darab sich
Fridbert nit wenig erfreüwen tet, dessgleich Gottlieb, der alt ritter,
insunderheit dieweil sie sahen, das sich Wilbaldus an seinem ampt so unstraffbar
halten und ganz geflissen auff das wiltbret was. Nichts mocht sich vor im
verbergen, es ward von ihm erspecht und zum jagen anbrocht, wiewol er manch hart
obenteüwr darauff beston must, als mit fressamen bären, wilden schweinen und
andren grausammen wilden tieren. Also bleib er an solchem dienst lange zeit,
das er manig stück wiltpret an den hoff brocht, so er mit seinem bogen und schuss
fellet. So was sein diener auch sunderlich darauff abgericht; dann wann sie beid
beinander waren, mocht kein bär noch wildschwein so gross sein, so in zu mechtig
was, sie brochtens mit irer geschwinden und behenden geschickligkeit zu grund.
    Einsmals aber begab sichs mit einer grausammen bärin, die hat junge in einem
felsen, dieselbigen jetzund zimlicher gröss und stercke waren. Sie kamen von
ungeschicht zu dem hool und sahen zwen junger bären darvor gan, mit grossen
steinen spilen und an der sonnen hin und her welgeren; sie klammen auch etwann
auf die jungen tannbäum, damit sie ir stercke und geschicklicheit üben und
brauchen lerneten. Wilbaldus und sein diener sahen in mit grossem verwunderen
zu; die bärin aber was jetzund aussgangen nach speiss. Wilbaldus und sein diener,
als sie den jungen bären lang zugesehen, seind sie zu raht worden auff sie
abzuschiessen. Also hand sie sich nit lang gesaumet, ire beiden bogen
auffgezogen und auff die jungen bären abgeschossen. Wilbaldus hat den einen
getroffen, aber sein knecht, als er des andren gefelet, ist er mit grossem
prasslen hinab zu tal gefallen.
    Des ihn die alte bärin bald erhört hat und mit grosser ungestüm den berg
hinauff irem hool zu gelaufen, die beiden jäger ob dem erschossnen bären ston
funden, die sie mit grosser ungestüm angelauffen. Haben kein andre wehr mer,
dann ire scharpfen schwinenspies zu hant genummen und sich zu weer gestellet.
Als aber der diener seinem herren fürgesprungen ist, hat vermeint die bärin zu
erlegen, do hat sie im schnell seinen spies genummen unnd den zu kleinen stücken
zerbrochen, die stang weit hinunder verworffen. Der knecht saumet sich nit lang,
nam sein bogen, warff die bärin damit so hart auff den kopff, das ir davon
getummelt. Wilbaldus ersah das, zücket sein güte spies und stach die bärin auff
stund zu todt.
    Als sie nun die mit grossen sorgen überwunden, hand sie die beid, alt und
jung, zusam geschleifft, mit reiss und laub bedecket, auff ire ross gesessen, aus
dem forst geritten, im nechsten dorff ein bawren bestelt, der in die beiden alt
und jung bären aus dem walt gefürt, hand sie gen Bossna an hoff brocht nit mit
kleinen verwundern aller deren, so sie gesehen hand, dieweil sie die sunder alle
hund, seil unnd garn in dem forst gefangen unnd erlegt hatten.
    Gottlieb, als er das vernam, kam er auch gen hoff, das übergross tier zu
besehen. Als er nun von dem knecht Wilbaldi vernam, wie sich alle sachen auff
dem forst zugetragen, hatt er heimlich in im selb gedocht: Ey du lieber Gott,
wie seind deine urteil so wunderbarlich! Diser mein son muss gewisslich noch
grosse far beston, dieweil du in in so manchen und grossen geferden bewarest.
Ich glaub, das er zu einer seltzammen stund an die welt sei kummen. Wolan, ich
bitt dich, bewar in alzeit vor schand und laster und gib im sunst zu schaffen
genug, damit er sein üppiges voriges wesen nit mehr anfoch!
    Diss lond wir also beston. Dann solt alles gemelt werden, was Wilbaldo und
seinem diener in forsten, welden, wiltnüssen und gebirgen zu handen gangen, es
geb ein eigen buch davon. Darumb wend wir weiter schreiben, wie es im sunst
ergangen, wie er sich in ehlichen stand begeben, auch wie es seinem vatter, dem
alten ritter, weiter gangen sei, desgleichen Fridberten, dem cantzler, und
Felixen, dem secretarien.
 
                                      25.
Wie Wilbaldus an seines vatters statt kam, und wie im der hochmeister ein reich
                                weib geben hat.
Als sich Wilbaldus an seinem dienst jetzt in das drit jar sampt seinem diener in
aller dapfferkeit beflyssen und gar ein geschwinder jäger auff allerhand
wiltpret ward, hat ihn der hochmeister fast leib gewunnen, sein dienstgelt und
besoldung von tag zu tag gemert, also das er in kurtzer zeit wider ein
barschaft zusamenbracht. Dieselbig aber hat er mit grösserem fleiss zusamen
gehalten dann zu Glockaw in der Laussnitz und zu Antorff in Brobant, do er sampt
dem Lottario so gross gut vertohn hat. Als nun der hochmeister seinen ernst unnd
kündigkeit ersehen tet, gedacht er im auch in ehlichen standb zu helffen.
    Eins tags, als Fridbert, der cantzler, unnd Felix, der secretarius, ir
geschefft bei dem hochmeister aussgericht hatten und jetzund urlaub von im namen,
wider zu Haus gon wollten, sagt der hochmeister: Fridbert unnd Felix, ir beid
tragen gut wissen, das ir von Gottlieben dem ritter in eüweren jungen tagen
auffgenummen worden, der euch dann aus liebe, so er zu Wilbaldo seinem son
getragen, im zu auffbawung und underweisung angenummen; er aber, Wilbald, von
böser nichtiger Gesellschaft verfüret, also von der schul unnd seinem vatter
entloffen, gross gut und gelt unnutzlich on worden, demnach lang zeit in ellend
und armut ganz trübselig gelebt hatt. Nun weist ir wohl, das sein ungehorsams
leben euch grösslich gefürdret und beidsammen nach seinem abscheit von dem alten
ritter Gottlieben in grossem fleiss unnd kosten erhalten worden, so lang das ich
uch beid durch flysigs anhalten dess ritters auff die hohen schulen geschicket,
demnach mit zweien ehrlichen töchteren mit grossen heürotgut versehen. So sind
ir auch nit die geringsten an minem hoff worden. Das und anders wöllend zu
hertzen fassen und dem guten Wilbaldo mit gutem raht vorstendig sein! Ir secht,
sein vatter, der frum alt ritter, nimpt gar fast an seinen krefften ab und wirt
je lenger je schwecher; so ist Wilbaldus ein junck stark unverdrossner junger.
Denselbigen meint  ich anstatt seines vatters zu ordnen, damit er in in seinem
alter spaaret. So mocht er auch von seinem vatter dermassen abgericht werden,
dass es ihm all sein läben, solang er hoffmeister bleib, erschiesslichen wer.
Derhalb wer das mein Meinung, das ir beid euch umbsehen wolt umb ein schöne
junckfraw, so im gemess wer. Onangesehen das er in seiner jugent so übel gehuset,
er wirt sich in ein anderen stat schicken, sein armut und ellend, so im
zuhanden gangen, bedencken. Ich hab in dermossen im dritten jar an seinem ampt
probiert, das mir gar nicht an im grawset noch zweifelt. Hierauff so wysst euch
zu bedencken! Damit endet der hochmeister sein redt.
    Fridbert und Felix nach getoner reverentz dancketen sie irem herren von
wegen Wilbaldi, sagten im darbei, das sie nicht erwinden wollten der sachen
nachzutrachten, biss sie ein junckfraw oder witwen funden hetten, so im füglich
und dienstlich sein möcht. Damit namen sie urlob von irem herren unnd freüweten
sich von ganzem hertzen, das die sach umb Wilbaldo jetzund so wohl stund. Sie
befragten sich auch mit ganzem fleiss in aller statt, wo in ein junckfraw möcht
angezeigt werden; do was aber keine, so Wilbaldo dienlich hett sein mögen. Diser
anschlag aber was Wilbaldo und seinem vatter ganz verborgen, dann also wolt es
der hochmeister haben.
    Nu was in der statt Bossna gewesen ein armer edelman, der hatt vil schöner
töchteren gehabt; im aber was von seinen eltern nit sovil verlassen, so hat er
auch klein rent und gülten und wenig dienstgelt, mocht derhalben seine töchtern
nit, nach dem sich gebürt hett, ausssteüren, musst sie also hin und wider in die
frawenklöster tun. Eine aber under disen gemelten töchteren was so fürbindig
schon gewesen, das deren ein reicher kauffmann zu der eh begeret. Der vatter was
willig, gab im sein tochter; die gewan der kauffman fast lieb, derglych sie in.
Er aber ward in dem ersten jar fast kranck an einem tödtlichen feber; das umbgab
in so streng und hart, das er sich zulest gar zu bet leget unnd starb, verliess
sein haussfraw mit schwangerem leib, die sich dann umb den tod ires herren fast
übel gehaben tet. Sie gebar in kurtzer zeit hernach mit grossem kummer beladen,
so das die frucht, so sie bracht, auch gar kurtzlich verscheiden tet. Dess sie
in neüwes leid und schmertzen kam, sich dermassen so übel gehaben ward, das
niemant ir das leben zusaget. Als sie aber durch gottes hilff, raht und mittel
der ärtz wider zu krefften kam, nam sie ir für also in witwenstot zu bliben. Sie
besass also das gross gut, so ir der kauffman hat verlassen, ohn mennicklich
irrung; und wann dann etwo ander jung gesellen kamen, umb die gut fraw worben,
schlug sie es alwegen ab. Dann sie hat sich zu wyt gegen menigklich verredt und
alwegen gesagt, sie wolt in dem witwenstaht beliben. Als ihr aber das leid zum
teil was vergangen, hett sie es gern gewacht, wo sie der nachred nit gesorgt
het.
    Die obgemelt wittfraw kam Fridberten erstlich zu gedancken. Er ging bald zu
seinem schwager Felixen, zeiget im sein Meinung an. Das gefiel ihm auch fast
wohl. Ach gott, sprach Felix, möchten wir den wagen nur einschalten, das die sach
fürgieng! Dann ich sorg, die fraw werd sich nit bereden lassen, dieweil sie ir
nach ires herren todt so entlich fürgenummen hat, in den wittwenstat zu
verharren biss an ir end.
    Antwurt Fridbert: Das aber irret mich gar nichts. So gwiss das ist, das die
weiber lang hor und lang kleider gern haben, so gwiss tragen sie auch ein kurtzen
sinn. Ach gott, wie fro würt sie werden, wann unser herr an sie werben lasst, er
wöl sie wider mit einem gemahel versehen. Alsdann mag sie sich gegen menigklich
entschuldigen, sie hab unsrem gnädigen herren seins ehrlichen begerens nit
können abschlagen. Diss aber wer das best, wann im, dem Wilibaldo, unser gnädiger
herr das hoffmeisterampt zuvor übergeb. Das wirds rösslin traben machen, wann die
gut frauw bedencken wird: Vor was ich eines kauffmans weib, jetzund aber seind
mir fraw hoffmeisterein. Dann dir ist unverborgen, das alle weiber sich der
hohen empter irer mann vil mehr und höher dann die mann selb überheben. Solches
ist in anererbet von unser ersten aller muter; dann als der teüffel im paradeiss
zu der Eva sagt, wo sie von der verbotten speiss essen, würden sie gott am
verstand gleichen und wissen böses unnd gutes, do was kein hindersehen mehr, der
apfell must vom zweig. Sich zu, dohin drang das weib nichts anders, dann das sie
gern erhöcht gewesen. Du sichst und findest auch vil weiber, wann die schon
etwann arm, ich sag schier gar verschmecht gewesen und kummend etwann durch
glückes val zu grossen ehren und gut, so ihn dann derselbig mann abgaht,
gedencken sie ire ersten armut nit mehr; kein gemeiner burger darff nach inen
reden; dann hand sie vor ein raterren gehabt, hetten sie jetzund lieber ein
burgemeister. Das alles must du mir bekennen.
    Felix sagt: Ich kann dir an dem ort nit widersprechen. Damit aber wir der
sach einen anfang geben, so lass uns gen hoff gon! Dann jetzund finden wir unsern
gnedigen herren müssig und aller geschefften entladen. Also gingen sie beid gen
hoff, brochten dem herren die sach für.
 
                                      26.
 Wie Wilbaldus für seinen diener bat, das er ihn an sein statt kummen liess und
                          ihn zum forstmeister annem.
Fridbert sampt seinem schwager kamen an den hoff. Der hochmeister nam von stund
an irer gestalt ab, das sie von Wilbaldus wegen kummen waren; er fragt sie
zustund, was ir geschefft weren. Sollich ward im nach der leng angezeigt, wie
oben gehört ist, also das Wilbaldo erstlichen das hoffmeisteramt zugestelt wurd,
demnach verhofften sie an der frauwen zu haben, was sie begerten, so dann zun
ehren gelangen möcht. Diss, sagt der hochmeister, würt dem handel ein rechte
gestalt unnd ansehens machen. Bald ward nach dem alten ritter geschicket,
dessgleich nach Wilbaldo.
    Als sie nun beid zugegen stunden, fieng der hochmeister erstlich an zu
erzalen, was getreüwen dienstes ihm von Gottlieb widerfaren weren, klagt daneben
seinen alter, das im nit wohl müglich sein mocht sein dienst lenger zu verwalten;
dann so er also stumpff davon käm, würd es dem ganzen hoff zu Preüssen hoch
nachteilig sein; so aber gott der almechtig die sach wider dahin het kummen
lassen, das Wilbaldus, der verloren son, wider funden und zu land kummen wer,
dessgleich vil angst und not, müh unnd arbeit erlitten, wer er der hoffhung, er
solt seine kindtschuh zertretten und zerbrochen haben und jetzund in seines
vatters fusstrit stohn; doch solt Gottlieb in allen dingen nicht minder dann vor
geachtet sein, darzu sein besoldung vor als nach behalten, und wer auch das sein
gröst begeren, das Wilbaldus sunder seines vatters rhat unnd wissen nicht
vornemmen solt, sunder zu allen zeiten seines rahts pflegen, damit er den brauch
des ganzen hoffs von tag zu tag underricht würd.
    Do semlich der gut frumb alt ritter vernam, von grossen freüden ging im
sein hertz über, und dancket seinem herren auff das zierlichest, so er immer
mocht, befalh im darnach seinen son an seiner statt mit tröstlicher zusagung, im
in allen seinen geschefften berahtlich zu sein, damit an allen hoffradt nichts
versaumet wird. Also ward der Wilbaldus, welcher vormals all armut, arbeit,
hunger und durst erlitten hat; obrister hoffmeister am hoff zu Preüssen.
Fridbert unnd Felix wünschten im vil Glück zu seinem neüwen ehrlichen ampt.
Wilbaldus gedocht auch ganz treüwlich seines dieners, batt den hochmeister, er
wolt in seiner ersten bitt geweren und seinen diener zu eim forstmeister machen
an seiner statt. Das geschach nach seinem begeren.
    Als nun dis alles beschlossen unnd vollend was, fieng der hochmeister weiter
an zu reden: Wilbalde, sagt er, damit unnd du spüren magst, das ich dein wolfart
von hertzen mein, so solt du wissen, es ist vorhanden ein züchtige, schöne und
reiche witfraw, von edlen stammen geboren. Umb die will ich dir lassen reden, wo
dir anderst die sach anmütig sein will. Damit du aber wissest, wer sie ist, will
[ich] dir iren nammen zu verston geben. Sie heisst mit irem nammen Marina und hat
zuvor einen richen kauffman gehabt, welcher nit gar ein jar bei iren gelebt hat;
sie ist ganz einig und gross reichtumbs gewaltig.
    Sobald Gottlieb und Wilbaldus die wittfrauw horten nennen, hand sie die fast
wohl erkennet und von stund an dem hochmeister die sach ganz übergeben, darin
nach seinem gefallen zu handlen. Sobald hat der hochmeister Fridberten als
seinen geheimisten cantzler und Felixen seinen secretarien mit freüntlichsten
befelch und werbung an die frauwen geschicket, die dann zuvor gern Wilbaldus
werbung getan  hetten, damit sein wolfart grünet unnd wuchs.
 
                                      27.
Wie der heirot beschlossen ward, unnd wie sich die wittfrauw so lang mit listen
                   erweret, ihr aber doch gar nit ernst was.
Die beiden guten jungen herren fügten sich zu der schonen witfrauwen; sie funden
sie in irem laden irer kauffmanschaft ausswarten. Fridbert ging heinin, tet ir
sein reverentz, dessgleich auch Felix. Die frauw stund auff, ging gar
züchtiglich den beiden jungen herren entgegen, empfieng sie mit züchtigen
geberden; dann sie kandt sie beide wohl, wusst aber nit, was geschefftes sie bei
ir wollten aussrichten.
    Fridbert sagt: Edle ersame tugentafte fraw, wir beide unsers
allergnädigsten herren diener haben aus seiner hochheit befelch ein werbung an
euch zu bringen, bitten euch demutig, wöllend uns beid lassen gute botten sein
und tugentlichen verhören. Die frauw von disen worten etwas schrecken empfieng,
ganz schamrot vor beiden herren ston tet. Derhalb ir schein noch mer erschein;
dann sich ihre wengling mit roter farb gar artlich vermischten, wie dann
semlichs die natur mit sunderem fleiss an ihr gewürcket hat. Sie sprach mit
züchtigen worten: Erenwirdigen herren, wo semlichs ein ehrliche und zimliche
werbung ist, will ich sie von meinem allergnädigsten herren gern vernemmen. Wa
es aber meiner ehren einigen mackel bringen solt, bitt ich durch gott, wölt mich
semlicher werbung erlassen.
    Fridbert gütlich anfieng zu lachen unnd sagt: Edle züchtige frauw, das sei
ferr von uns, das wir euch oder andren edlen züchtigen frauwen ein werbung
fürbringen, so nit ehrlichen und recht wer. Die fraw sprach: Ein sollich
vertrauwen hab ich entlichen zu euch. Semlichs geredt fürt sie die beide herren
in einen schönen sal, so gleich neben dem laden was, der was mit köstlicher und
schöner tappitzerei behencket. Sie befalh irem diener, das er ein trunck bringen
solt, sass darnach zu den herrn nider, die werbung von inen zu vernemmen.
    Fridbert von erst an erzalt die langen getrewen dienst, so Gottlieb, der alt
ritter, an des hochmeisters hoff so fleissig volbracht het, also das der
hochmeister sein alter und schwacheit angesehen und sein son an sein statt
gesetzt, das derselbig hinfürbass hoffmeister sein solt, den er dann anstatt
seines vatters alzeit in gnaden erkennen wolt. Nun wer nit on, Wilbaldus het
sich in seiner jugent gar übel gehalten, het aber auch darob die allerschwerest
buss empfangen. Erzalt ihr darbei den anfang, mittel und end, wie er erstlich von
seinem vatter gelauffen, wes er sich im ellend het genietet, auch wie sie ihn in
der statt Vladisslavia funden, was sie für kurtzweil daselbs und auff dem weg
gehabt hetten, item wie fast er sich gegen seinem vatter gedemütigt, nachmals
der obrister forstmeister in dem ganzen land Preüssen worden unnd sich drei
ganz jar an solchem dienst so ehrlich und wohl gehalten, das in der hochmeister
zu einem obristen hoffmeister des ganzen hoffs zu Preüssen gemacht het. Von
desselben edlen Wilbaldi wegen liess ir herr an sie werben, bett sie auch, im
sein erste bit, dieweil die mit ehren wohl geschehen möcht, nit zu versagen; das
wolt er sie zu aller zeiten in höchsten gnaden erkennen.
    Die güt fraw, so jetzund auff vier jar in wittwenstand gewesen unnd noch wohl
eines ehrlichen mans wert was, ging ir auch nit gar nach irem sinn; dann sie
hat niemans, so zu iren sachen lugen wolt, was ir auch nit möglich als zu
versorgen.
    Wie dann die guten lieben frewlin gemeinlich sagen: Ach gott, mir schawt
niemans zu dem meinen. Ja, wer das nit, ich wolt mein lebtag wittfrauw bliben.
Das gerot zum offtermal, zu zeiten aber widersinns. Dann manche gute liebe
witfraw, wann man ir von einem gestanden man sagt, der vormals in der ehe
gewesen, geben sie zu antwort: Ach got, er ist alt, so bin ich nit jung. Wer
wolt uns dann beide müssig gon erziehen! Ich muss ein haben, der arbeiten und
wefern mach und mir und meinen kinden das best tut. Sunst nodt mir nach keinem.
Alsdann nimpt sie ein feinen jungen fratzen, des muter sie joren halben wohl sein
möcht. Derselbig gibt ir gute süsse wort, als werens mit zucker überzogen. Das
wert so lang, bis er als irs guts bericht empfangen, was sie von kleinoten,
barschaft und anders mer hab. Bald sie ims endeckt hatt, werden aus den
hönigsüssen worten versaltzne unnd allerbitterste entzian. Er focht an schlemmen,
spielen und brassen; redt sie ihm drin, sie muss geschlagen sein; er spricht: Ich
heiss Hans im Haus, do hindurch muss oder brechen. Wolan genug darvon! Wir kummen
wider uff die materi.
    Die gut witfraw oben gemelt, Marina genant, het sich gern lang geweret; do
was kein ernst dobei; dann sie hat Wilbaldum zum offternmal gesehen, der was ein
schöner junger gerader kerle. Sie dancket zu allerfordrist dem hochmeister,
demnach den beiden guten herren ir erlichen werbung, demnoch sagt sie:
Erwerdigen lieben herren, ich will eüch mein hertz und gemüt in einer summa
entdecken. Dieweil min allergnedigster herr disem jungen herren sein ganzen
hoff vertreüwet, wie kann ich mich dann seiner ehrlichen werbung widersetzen!
Hatt Wilbaldus sein jungen tag in mutwillen verzert, ist im wohl zu verzeihen,
dieweil er davon gestanden. Ist vil weger, dann solt er jetzund erst das gut
verlassen und das böse  an die handt nemmen. Darumb gebt meinem gnedigsten herren
vollen gewalt, in meinem nammen zu handlen nach seinem gefallen! Ich will mich in
seiner gnaden schutz unnd schirm gar ergeben haben.
    Von disen worten wurden beide jungen herren grösslichen erfreüwet. Sie
bedanckten sich zum höchsten gegen der frawen, namen freuntlich urlaub von ir,
giengen den nechsten wider gen hoff, funden iren herren sampt Gottlieben unnd
seinem son noch beinander. Denen sagten sie, was ir werbung geschafft, darvon
sie zu allen teilen grosse freüd empfiengen. Zuhand schuff der hoch
teütschmeister, das auff den nechstkunftigen tag hantschlag unnd kirchgang
geschehen solt. Söllichs liess er der frawen auch verkünden, dess sie dann gar wohl
zufriden was. Also ward alle ding, so zu einem so schnellen hochzeit von nöten
was, ganz rühlich versehen.
 
                                      28.
 Wie Marina auff einem hangenden wagen gen hoff faret, und sie der hochmeister
                                selb zusamengab.
Den andren tag des morgens frü verordnet der hochmeister, das sein fürnemstes
hoffgesind zu hoff erschinen solt sampt ihren gemaheln. Die jung edel Marina
ward von einer ehrlichen Gesellschaft auff einem wagen gen hoff gefieret, aldo
von dem hochmeister dem Wilbaldo selb vermehelt. Demnach als auch der kirchgang
geschehen was, blies man gar fürstlich zu hoff. Da hort man ein getan  von
heerbaucken, busunnen und trommeten, davon die ganz statt erfüllet ward; aber
wenig volck mocht wissen, was semlich freüd bedeutet. Darumb dann eins zu dem
andren lieff, die ding zu erfaren. Also kam die mär bald aus; das ein redet
guts, das ander böse  darzu; dann niemant lebt, er hat feind und frind.
    Der imbyss ward mit grosser kostlicheit volbracht, nach dem ein schoner tantz
angefangen von den züchtigen frawen. Als aber die dantzens müdt wurden, das doch
selten geschicht, sind sie in ein schönen garten spazieren gangen. Die jungen
herren, so zu hoff waren, fingend an allerhand kurtzweil zu triben, einen
schimpff unnd kurtzweil über den andren. Do spylt man das ballenspyl, dort stiess
man den stein, an einem andren ort sach man gar ritterlichen fechten, ringen und
springen. Die edlen jungen züchtigen frawen sangen ein reien, aldo hört man
manche süsse stimm ertonen. In dem garten stund ein schöner palast, in welchem
vil schöner tisch gar reülich bedecket und mit kostlichem confect unnd
lattwergen besetzet. In dem palast hort man die ganz musick; dann die cantores
je eins umb das ander gon liessen, jetz mit instrumenten, darnach mit gesang.
    Marina die braut ward von dem hochmeister in den reichen palast gefürt. Sie
sah an der wand ein schönes schochbret bret hangen: seine feldungen waren von
edlen steinen aussquartiert; das weiss solt sein, waren schöne durchsichtige
geballierte cristallen, und was von schwartzen fierungen sein solt, das waren
gar schone brune ammatisten. Die stein hiengen darbei in eim schönen ledlin, die
waren mit grosser kunst unnd arbeit gemachet unnd von silber unnd gold
underscheiden. Sobald Marina das spyl ersach, von grossen freüden erstarret sie
daran. Dess nam der hochmeister war, fragt sie, ob ir das spyl kundtbar wer. Sie
antwurt zuchtiglich: Allergnedigster herr, sovil einer armen frawen möglich ist
zu begreiffen. Zuhand nam er das bret und spyl von der wand, begert ein spyl mit
ir zu ziehen, dess sie im mit züchten verwilliget.
    Der hochmeister was in dem schochspyl so gefiert, das er sich den
geschicktisten, so in ganzem Preüssen was, in gemeltem spyl schriben tet;
semlich die holtselig und edel Marina gut wissen trug. Sie fiengen das spyl mit
freüden an. Do ward kunstlich gezogen, die fraw was dess spyls gar sittig. Das
nam der herr war und sagt: Marina, ich verstand an eüwerem ziehen, das ihr
meiner stein unnd spyls verschonet; daran tut ir mir ein kleinen gefallen. Ich
gebüt euch, eüwer kunst, so besser ir kennend, zu brauchen. Dann es stallt gar
übel, wann ein ritter eines fursten auff dem kampff-, renn- oder fechtplatz
verschonet; noch minder ist zu loben, so ein fraw eines fursten ob dem spyl
verschonet.
    Von disen worten ward Marina gar behertzt und gedacht in ir selb: Ich wolt,
es stünd ein gute summa gelts darauff zu verlieren; wer dann am meisten kunst
braucht, der solt sein gniessen. Also fiengen sie das spyl erst recht an zu
ziehen. Der herr zoch sein spyl auff das reübisch aus. Solches mercket die fraw,
behielt ire stein in Ordnung, biss sie zeit bedaucht. Der herr raubt ir ein
fenden. Das gibt sie gutwillig nach, raubt im gleich darauff ein roch mit einem
ritter und macht gleich den selben zug dem herren seinen künig schoch und matt,
des er sich gar nit zu ihr des spils versehen hat. Er sagt: Frauw, ihr habt mir
ein künstlich schoch gebotten. Wolan, es muss diss speil etwas zu gewin ston,
damit ihr eüwer kunst nit umbsunst aussstreüwt. Also satzten sie ein summa gold
zu gewin. Die frauw brauchet allen fleiss, damit sie im obligen möcht, als dann
auch geschah. Dann eh der herr sein stein halb zu feld brocht, ward er von ir
schoch und matt.
    Er bessert das gold mit einer grossen summa, begert das dritt spyl mit der
frauwen zu ziehen. Des was sie willig. Als sie aber das auch gewan, do sagt der
fürst: Fürwar, frauw, dis spils seind ihr ein rechte meisterin. Darumb gebürt
eüch diss bret und stein bass dann mir. Nempt das gentzlich hin in eüwern gewalt!
Ich muss bekennen, wiewol mir in langer zeit niemant obgelegen ist, so bin ich
doch ein schlechter schuler gegen euch.
    Die fraw die riche schenckung zu grossem danck annam. In dem kam die zeit
des nachtmals; das ward in dem schönen garten und palast volbrocht in grossem
freuden und wolust. Als aber das ein end nam und die duncklen wolcken jetzund
aus dem mör steigen, hat sich jederman zu rhu unnd schlaff geschicket, urlub von
dem hochmeister genummen, heim zu Haus gangen, die nacht mit freüden und süssem
schlaff vertriben.
 
                                      29.
  Wie der alt ritter Gottlieb von diser welt schied, und was er seinem son für
                      gute leren vor seinem end geben hab.
Die hochzeit und fäst weret etlich tag, davon nit not ist zu schreiben.
Wilbaldus und sein liebste gemahel lebten in grossen freüden fridlich und
freüntlich mit einander; dann was ein jedes begert, das wolt das ander. Sein
vatter Gottlieb ward von in in grossen züchten und ehren gehalten; so hat in
sein sonsweib Marina über die massen lieb und wert. Das wert so lang, biss Marina
eines schönen jungen sons genass, davon der alt vatter gross freüd empfieng.
    Aber dass unstet glückrad, welches seinen ungewissen lauff nicht verlasst,
mocht dem guten alten man solche freüd nicht lang vergunnen. Dann eh das kind
eines jars alt was worden, legt sich der gut frum alt ritter nider zu bet und
ward fast kranck unnd seer abnemmen. Davon sein son unnd sonsweib grossen kummer
unnd hertzleid empfiengen; sodann auch der hochmeister unnd alles hoffgeseind
seines niderkummens sich hart klagten. Ward davon Wilbaldo sein leid und
kummernüss grösslich gemeret, wann er bedocht, wie lieb unnd wert sein vatter von
menigklich, jung und alten, armen und reichen, gehalten gewesen was; ursach, das
er in seinem ampt den armen mann nie beschwert hat, sunder mit ganzem ernst ein
solchs verhüten tet. Darumb er von reich und armen hart beklagt ward. - Er
underwiss und ermanet auch alweg seinen son, er solt sich vor tyranny und hoffart
wohl verhüten, dieweil hoffart unnd tyranny iren rechten und gewissen ursprung
von dem vermaledeieten teüffel hetten. Er befalh im auch, sein lieben gemahel
schon und ehrlich zu halten, dann sie in in gross reichtumb und ehr gesetzt het.
Er bat in auch ernstlich, so [gott] im die frucht, so er im geben hat, leben
liess, solt er sie in der forcht gottes aufferziehen, damit die kinder in
tugenden auffwuchsen, solt sie auch mit ganzem ernst von böser gesellschaft
abziehen, damit sie nit von inen verfürt vatter und muter verliessen, wie dann
er auch getan  hatt; dann durch sein ungehorsam hett er vatter unnd muter in
jamer, angst unnd not gesetzt, auch sein liebste muter umb ir läben brocht.
Sollichs alles zu vermiden, solt er seine kinder in der forcht aufferziehen, gut
exempel vortragen, sie in der jugent anheben biegen, den zaum nicht zu bald auff
den Hals legen, so lang biss sie zu verstand kämen und zeit [zu] verhyraten were;
so wurd ihm und ihnen von gott Glück und gnad vilfaltig verluhen werden hie
zeitlich und dort ewig.
    Als nun der gut frumm alt ritter meint , seines belibens wer nit mehr,
schicket er sich, wie einem jeden frummen christenmenschen zimpt, schickt nach
Fridberten dem cantzler und nach Felixen, befalhe in seinen son, auch sein
liebste sonsfraw und kinder, batt sie auch, das sie sich in iren diensten nit
minder früntlich gegen jedermann erzeigen sollten, dann wie sie bisher getan 
hetten; dann gott würd des armen zwancksal, so im wider recht gescheh,
nimmermehr ungerochen lassen; darumb sollten sie das kurtz läben in diser welt
bedencken, welchs gegen dem ewigen läben nit eins augenblickleins lang ist zu
schetzen. Er befalh in auch, sie sollten ihm seinen liebsten herren auffs
freüntlichest gesegnen. Und als er nun sein sachen allsammen auff das
fridlichest hat aussgericht, ist er ganz lieblich aus disem jamertal
verscheiden, wie man dann gemeinlich spricht: Welcher wohl läbt, der stürbt auch
wohl.
    Also ward ein gross und jämerliches klagen umb disen teüren und frummen
ritter. Er ward auch ganz wirdigklich und ehrlich, von allem volck zu Bossna zu
grab getragen und jämerlich geklaget, insonders aber von seinem herren, dem
hochmeister, welcher dann nit lenger dann ein jar nach im lebet.
    Wilbaldus aber belib an dem hoff bei andren hochmeistern. Er ward ein fast
fürnemmer werder mann in ganzen Preüssen. Sein haussfrauw gebar im vil schöner
und lieber kinder, knaben unnd töchterlin. Die alle worden gar schon und ehrlich
nach der leer seines vatters; sie liessen keines under ihn allen die zeit müssig
vertriben, sunder must ein jedes, nach dem und es von gott begnadet was,
arbeiten leren. Die töchteren leret ir muter erstlichen spinnen, demnach neben,
wircken, sticken, sticken und weben; dann sie wohl kondt ermessen, das müssiggang
nichts guts geberen tut. Dann als künig David müssig auff seines palastes zinnen
spatzieret unnd ersah Bersabeam müssig in wolustigen wasser baden, was kam
anders daraus, dann sie beid im ehbruch versuncken und ein grosser mort dadurch
gestifftet ward? Die Dina, als sie müssig spazieret, die töchtern der Sichemiten
besehen wolt, ward von Sichem, des Hemors son, übergeweltiget und irer
junckfrawschaft beraubet, daraus nachvolgens ein seer grosse mannschlacht
ervolget hatt. Diss alles kondt die fürsichtig und edel Marina wohl ermessen;
darumb sie dann ire lieben kinder und tochteren zu subtiler kunst unnd
weiblicher arbeit aufferziehen tet. Sie liess auch auff der harpffen,
clavicordium und andren junckfrewlichen sinfonyen gar kunstlich underrichten,
damit sie auch beiweilen ire müden und schläferigen geister erquicken möchten.
    Nit weniger beflyss sich auch Wilbaldus gegen seinen sünen; sobald sie immer
zu verstand kamen, schicket er sie zu schulen. Wann sie dann nach seinem
beduncken erwachsen waren, welcher dann lust und liebe hatt zu studieren, den
liess er bei der schulen bliben. Do er aber erkennen kondt, das sollichs umbsunst
was, nam er sye, nachdem sie wohl lesen und schriben konden, harauss, lernt sie
ritterspyl triben, desgleichen jagen und beitsen und als ander weidwerck, liess
in auch kein ander Gesellschaft zu dann kinder, so seinen gleichformig in tugent
aufferzogen waren.
    Fridbert und Felix lebten gar ehrlich unnd wohl mit iren weibern unnd
kindern. Sie hielten sicli auch die zeit, diewil sie umb einander lebten, gar
brüderlich und freüntlich mit Wilbaldo. So hatten auch ire kinder grosse
freuntschaft zusammen, als wann sie blutverwante freünd mitnander weren
gewesen.
    Als nun Wilbaldus lange zeit mit seiner liebsten gemahel Marina Haus
gehalten und freuntlich gelebt, seind sie zuletst seliglichen gestorben, iren
kinden gross hab und gut verlassen. Also auch die zwen redlichen und gelerten
mann Fridbert und Felix nach langem läben verscheiden seind. Gott der almechtig
verlüh allen gleübigen die ewig freüd unnd seligkeit, in disem zergencklichen
läben frid und einigkeit und am letsten ein seliges end, nach disem läben das
ewig läben! Amen.
 
                                   Beschluss.
Jetzund hand ihr, lieber günstiger weiser herr Antoni, das, so ir langest an
mich begert. Grott wolt, mein verstand, welcher fürwar klein ist, het sich in
dem und andren euch zugefallen werter erstrecken mögen! Es ist aber diss mein
büchlein allein euch und denjenigen gemachet, so mein wolmeinung verston und zu
gut anemmen; den andren aber, so nit erkennen wöllend, warumb oder was ursach
dis büchlein an tag geben, verachten und vernichten das, denselbigen soll diss
büchlein nicht gemacht sein. Gleich als wann einer über landt ziecht und kumpt
an einen guten und wolgebanten pfadt, veracht denselbigen und zücht darfür oder
gaht ein ruhen und bösen karrichweg, demselben ist der gut weg auch nit gemacht,
wiewol er den vor im gesehen hat. Dann gewissz bin ich, das dis mein ringes
büchlein, wiewol das niemant zu nachteil, schand oder schaden reichen wirt, es
doch von etlichen ungetadlet nicht mögen hingon.
    Wenig gedencken, so man das etwann in teütschen schulen braucht und die
jungen daraus lesen leren, das sie dannocht bei etlichen beispilen ein schrecken
empfahen und sich dester mehr in zucht und forcht irer schulmeister geben
werden. Dann so ein gutertziger knab lesen würt, was disem Wilbaldo aus seinem
unfleiss und ungehorsam für armut, trübsal zuhanden gangen, nimpt auch darin ab,
wohin der bübisch Lottarius zuletst seinen gesellen Wilbaldum gefürt, ja
zuletst, als er nichts mehr hat, gar von im verjagt und verstossen und aber er,
der lottersbub, nach vilfeltiger seiner bösen stück an lichten galgen erhenckt
worden; item er bedenckt noch ferner, was grossen ehren, glücks unnd selden den
zweien bauwrensönen, als dem Fridbert unnd Felixen, von fleissigen studieren und
gehorsame irer herren und schulmeister widerfaren ist, so müst es freilich ein
verrucht hertz da sein, wann es nit so bald dem guten und mer dann dem bösen
volget. Darumb ich mich gar nicht irren lassen will. Ein yeder urteil nach
seinem gefallen; dann wort schlagen weder wunden noch bülen. Sagt schon einer,
wo ich die geschicht erfaren hab, würt er mich on antwurt nit finden. Dann ich
würt sagen: Bei unser jugendt sihe ich noch täglich derglichen. So findt man
auch noch vil der ältern, so ir kinder zucht und straff nit sehen noch hören
wöllen, sehen sie schon den hencker all tag solch galgenvögel zum tor
hinaussfüren. Gott geb gnad, das sich die juget besser und in der forcht
auffwachs!
    Hiemit, günstiger herr, befilch ich euch unnd eüwer weib und kinden in den
schirm des almechtigen.
 
    